Ist eine Ehe zwischen einer Bekehrten und einer unbekehrten Person irgendwie zu rechtfertigen?

Bibelstelle(n): 1. Korinther 7; 2. Korinther 6,14

Die Beantwortung dieser Frage ist für ein Herz, das den wohlgefälligen Willen des Herrn tun will und sich vor der Autorität des Wortes beugt, nicht schwierig. Einem solchen genügt es zu wissen, dass die Ehe eines Christen „nur im Herrn“ geschlossen werden sollte (1. Kor 7). Ein solcher wird auch die Behauptung, dass die Ehe eine rein menschliche Sache, eine Angelegenheit der Natur sei, und deshalb nicht mit dem Christentum in Verbindung gebracht, oder von dem Bekehrtsein beider Teile abhängig gemacht werden könne, mit aller Entschiedenheit zurückweisen. Denn wenn wir alles, was wir tun, selbst essen und trinken, zur Ehre Gottes tun sollen, so ist es offenbar, dass eine der wichtigsten Angelegenheiten dieses Lebens, einer der entscheidendsten Schritte, die ein Mensch je tun kann, nicht ohne Rücksicht auf den Willen und das Wohlgefallen Gottes geordnet und getan werden sollte.

Nun ist unser Herz ja von Natur aus ein betrügerisches Ding. Wenn der Gläubige nicht in der Gemeinschaft seines Herrn ist und in Aufrichtigkeit mit ihm wandelt, so gewinnen allmählich die Begierden der Natur und die Lüste des Fleisches Herrschaft über ihn; und obwohl er den Willen des Herrn in jener Sache kennt, so sucht er doch nach allerlei Scheingründen, um die Stimme seines Gewissens zum Schweigen zu bringen und die Sache selbst in ein möglichst günstiges Licht zu stellen. Naturgemäß sind besonders jüngere Christen dieser Gefahr ausgesetzt, und ihnen eine Warnung zu zurufen, ist der Zweck dieser Zeilen.

Wie gesagt wird in einem Herzen, dass nahe bei dem Herrn ist, der Gedanke an das Eingehen einer Ehe mit einer unbekehrten Person keine Wurzel fassen, noch weniger eine ernste Erwägung vor dem Herrn nötig machen. Denn wie wäre es möglich, mit jemandem in eine so inniger Verbindung zu treten, dessen Neigungen, Wünsche und Interessen in unmittelbarem Gegensatz zu den unsrigen stehen? Wenn es uns ohne Verleugnung unseres Christentums unmöglich ist, wiederum zu reden, zu denken und zu handeln wie vor unserer Bekehrung, so ist es doch wohl ebenso unmöglich, uns ohne jene Verleugnung mit jemandem völlig eins zu machen, der eben deshalb, weil er den Herrn nicht kennt, nur wie ein Unbekehrter denken, reden und handeln kann.

Aber könnte ich nicht, so fragt man, dem anderen Teil zum Segen werden, und sollte nicht gerade unser tägliches, inniges Zusammenleben ein geeignetes Mittel sein, ihn auch zu den Füßen des Herrn zu führen, und ihn so zu ewigen Heil führen? Ach! Es ist erstaunlich, wie es dem Feind gelingt, gerade in dieser Sache die Augen manches jungen Gläubigen zu verblenden. Jener Einwurf gründet sich auf eine schreckliche, beklagenswerte Täuschung. Wie ist es nur möglich, von einer Handlung des offenbaren Ungehorsams göttlichen Segen zu erwarten? Ist es nicht dasselbe, als wenn ich sagen würde: „Lasst uns das Böse tun, auf dass Gutes darauf hervor kommen“? Wie kann ich die geringste Hoffnung haben, einen Anderen auf den rechten Weg zu führen, wenn ich selbst einen verkehrten einschlage? Muss nicht gerade das Gegenteil eintreten? Die Erfahrung lehrt, dass in den meisten Fällen dieses Gegenteil wirklich eintritt, dass nicht der bekehrte Teil den unbekehrten zu Jesus führt, sondern das der unbekehrte den bekehrten nach und nach auf seinen Boden herab zieht und der Welt und ihrem Treiben wieder zuführt. Und selbst wenn der bekehrte Teil durch die Gnade Gottes erhalten bleibt, welch ein trauriges Verhältnis! Kann in einer solchen Ehe wahre Herzensgemeinschaft bestehen? Werden nicht die Neigungen und Wünsche der beiden Ehegatten sich stets durchkreuzen? Kann da von einer wahrhaft christlichen Ehe die Rede sein? Können die Gatten in gemeinschaftlichem Gebet ihre Herzen vor ihrem Gott und Vater ausschütten und Seinen Segen auf ihr ganzes Haus herabflehen? Unmöglich! Alle ihre Neigungen, ihre Ziele, ihre Wege laufen einander schnurstracks entgegen.

Aber gibt es denn gar keine Fälle, in welchen der unbekehrte Teil durch den bekehrten gleichsam überwunden und zu Jesus geführt wird? Gewiss, es gibt solche Fälle; aber sie sind äußerst selten und beweisen nur das überströmende Erbarmen unseres Gottes, der in Gnaden auf Sein irrendes Kind herabsieht und aus dem Bösen Gutes hervorkommen lässt.

Aber wie ist es denn, wird man fragen, wenn jemand bekehrt wird, der bereits ein Verlöbnis mit einer unbekehrten Person eingegangen ist? Ist ein solcher nicht an sein Versprechen gebunden? Hat er nicht Verpflichtungen dem anderen Teil gegenüber? Ohne alle Frage! Aber was folgt daraus? Soll er dem Gebot des Herrn entgegen handeln und eine Ehe eingehen, die nicht „im Herrn“ geschlossen werden kann? Der Leser wird mit mir einverstanden sein, dass ein solcher Schritt dem Herrn kaum wohlgefällig sein würde. Aber was soll er denn tun? Nach unserer Meinung sollte er die Sache dem Herrn in einfältigem Vertrauen übergeben. Er vermag sie schon zu ordnen, und er wird sie ordnen zu seinem Besten. Zu gleicher Zeit sollte er den unbekehrten Teil von dem Heil, das er erhalten hat, in Kenntnis setzen und ihm mitteilen, dass er sich an sein Versprechen für gebunden halte, aber nicht eher imstande sei, es einzulösen, bis es „im Herrn“ geschehen könne. Sicher wird es dabei nicht an tiefen Seelenübungen fehlen; der Feind wird alles aufbieten, um die natürlichen Gefühle zu erregen und dem, der da treu und aufrichtig den Willen des Herrn zu tun wünscht, diesen Entschluss zu erschweren. Aber auch der Herr wird da sein mit Seinem mächtigen Beistand und Trost, und Er wird selbst dann, wenn die Treue des Bekehrten zu einem Bruch des Verhältnis führen sollte, die nötige Kraft geben, auch das zu ertragen. Ja, Er wird das Herz mit Seinem Frieden und Seiner Ruhe erfüllen. Auch wissen wir von mehr als einem Fall, wo der unbekehrte Teil durch das treue Zeugnis des anderen zum Nachdenken gebracht und zum Herrn geführt wurde. Eins ist gewiss, dass der Herr stets die Treue der Seinen belohnen wird. Die Art der Belohnung ist nicht immer die gleiche, aber niemals wird sie ausbleiben. Und ist nicht schon ein glückliches Herz und ein ruhiges, vorwurfsfreies Gewissen eine Belohnung, deren Wert unschätzbar ist?

Doch wir müssen hier noch auf einen anderen Punkt aufmerksam machen. Es geschieht nicht selten, dass Brüder oder Schwestern, welche eine Neigung zu einer unbekehrten Person fühlen, sich einzureden versuchen, dass jene Person doch bekehrt sei. Sie suchen nach allerlei Anhaltspunkten für das, was sie so gerne glauben möchten, und geben sich endlich mit Beweisen von Bekehrung zufrieden, welche sie unter anderen Umständen niemals als befriedigend anerkennen würden. Ihr Wille ist in Tätigkeit. Sie sind entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen, und erst wenn es zu spät ist, erkennen sie ihren schrecklichen Fehler. Sie müssen dann erfahren, wie unerträglich schwer ein „ungleiches Joch“ ist (2. Kor 6,14).

Über die Frage, wie man mit Personen handeln sollte, welche in dieser Sache falsch handeln, finden wir keine unmittelbare Belehrung in den Schriften des Neuen Testaments. Ernste Ermahnungen und liebevolle Vorstellungen betreffs des verkehrten Weges, den sie einschlagen wollen, sind jedenfalls am Platz. Aber wir glauben nicht, dass die Versammlung als solche dabei in Tätigkeit treten sollte. Vielmehr ist es eine Sache des Hirtendienstes und der persönlichen, brüderlichen Zucht.


Online seit dem 15.10.2006.


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