Frühe Bibelübersetzungen – Bibel-Lexikon

In der Kirchengeschichte ist es sehr schön zu sehen, dass, als das Evangelium verbreitet wurde und Seelen errettet wurden, vielerorts das natürliche Bedürfnis nach der Heiligen Schrift entstand, und dass dieses dann durch Gottes Vorsehung gestillt wurde. Dieser Segen wäre mit Sicherheit auch überall ununterbrochen weiterhin gewährt worden, wenn das abtrünnige Rom seinen Einfluss nicht ausgeweitet und die Kenntnis der Heiligen Schriften absichtlich unterdrückt hätte, um seinen eigenen Vorstellungen die Vorherrschaft zu verschaffen.

Im Artikel Verschiedene Lesarten wird gezeigt, dass frühe Übersetzungen des N.T. als Hinweis darauf verwendet werden, was im ursprünglichen griechischen Text enthalten war, und hier sollen nun die wichtigsten dieser Übersetzungen angegeben werden. Sie sind deshalb wichtig, da einige von ihnen aus früheren Zeiten stammen, als alle bekannten griechischen Handschriften.

1. Die äthiopische Übersetzung.

Das Datum dieser Übersetzung ist unbekannt: Einige datieren sie auf das vierte Jahrhundert, aber sie ist wohl jüngeren Datums. Die Einführung des Christentums in diesen Teil Afrikas ist bemerkenswert. Meropius, ein Philosoph aus Tyrus, wollte dieses Gebiet besuchen, das kirchliche Historiker als „Indien" bezeichneten. Als er uns seine Begleiter im Hafen landeten, wurde die ganze Gruppe angegriffen, da der Frieden zwischen diesen „Indern" und Rom bereits vorher zerstört worden war. Alle außer zwei jungen Verwandten Meropius', Frumentius und Aedesius, die zum König gebracht wurden, wurden getötet. Dieser befreite sie und stellte sie an. Nach seinem Tod wurden sie zu Ministern des jungen Königs ernannt. Sie fingen an den Abessinern das Wort Gottes zu predigen, was dazu führte, dass ein Ort zur Anbetung des wahren Gottes bereitgestellt wurde. Später wurde Frumentius von Athanasius zum Bischof dieses Gebiets ernannt. Es wird angenommen, dass die Übersetzung aus dem Griechischen angefertigt wurde, aber von jemanden, der von der Sprache nicht viel Kenntnis hatte.

Das äthiopische N.T. wurde in den Jahren 1548-1549 in Rom gedruckt, war aber, da die Sprache den Druckern absolut fremd war, fehlerhaft. In Waltons Polyglotte wurde es erneut abgedruckt, enthielt aber (laut Ludolf) dieselben und zusätzliche Fehler. Jedoch gab es jetzt eine lateinische Übersetzung desselben, was es den Herausgebern des griechischen Testaments ermöglichte das äthiopische als Beweis für bzw. gegen bestimmte Lesarten zu verwenden. Der Wert dieses Zeugnisses wurde durch C. A. Bode erhöht, der einen korrekteren Text und eine bessere lateinische Übersetzung herausgab (Brunswick, 1753). Die Tatsache, dass die Handschriften von verschiedenen Autoren stammen, verringern ihren kritischen Wert jedoch.

2. Arabische Übersetzungen.

Es gab fünf gedruckte Ausgaben des arabischen N.T.: Die Evangelien, die 1590-1591 in Rom herausgegeben wurden, eine von Leyden aus dem Jahr 1616, die als Erpnisches Arabisch bezeichnet wird, die arabische im Pariser Polyglotte von 1645, die auch in Waltons Polyglotte von 1657 enthalten wird, und eine römische aus dem Jahre 1703, die als Karshuni bezeichnet wird. Es ist bekannt, dass Johannes, der Bischof von Sevilla, die Heilige Schrift im achten Jahrhundert ins Arabische übersetzte, aber es ist unbekannt, ob er aus dem Griechischen oder dem Lateinischen übersetzte, noch welche anderen Übersetzungen angefertigt wurden. Die arabischen Übersetzungen werden von den Herausgebern selten angeführt, da ihr Beweiswert als gering eingeschätzt wird.

3. Die armenische Übersetzung.

Im fünften Jahrhundert entstand das Verlangen, ein armenisches Alphabet zu besitzen, da bis dahin das syrische verwendet wurde. Miesrob entwickelte ein Alphabet für sein Volk, das er offenbar als Geschenk des Himmels auffasste. Er bemühte sich, die Armenier zu lehren und wurde dabei durch den Patriarchen Isaak stark unterstützt. Dann kam bei den Armeniern der Wunsch auf, die Schriften in ihrer eigenen Sprache zu besitzen, sodass man sich bemühte, eine Übersetzung aus dem Syrischen anzufertigen. Dies wurde jedoch eingestellt und Miesrob ging zusammen mit zwei oder drei anderen nach Alexandria, um die griechische Sprache besser zu erlernen. Das A.T. wurde unter Verwendung der Septuaginta, das N.T. aus dem Griechischen übersetzt.

Da es sehr wenige Exemplare der armenischen Bibel gab, wurde im 17. Jahrhundert ein Bischof namens Oskan nach Europa gesandt, um sie drucken zu lassen. Nachdem er dies vergeblich in Rom versucht hatte, hatte er in Amsterdam Erfolg, wo die Bibel 1666 gedruckt wurde. Da aber keine lateinische Erläuterung derselben existierte, war sie den Herausgebern des griechischen N.T. zunächst nicht zugänglich, obwohl Mill, Griesbach und Scholz einige ihrer Lesarten zur Verfügung standen. Dr. Tregelles gelang es später mit der Hilfe Dr. C. Rieus, ihre Lesarten auf breiterer Basis zu ermitteln.

4. Ägyptische Übersetzungen.

Hiervon existieren zwei, die vermutlich beide Dialekte der alten ägyptischen Sprache darstellen.

4.1 Als nur eine von ihnen bekannt war, wurde sie koptisch genannt, aber seitdem eine andere Ausgabe entdeckt wurde, wird sie als memphitisch oder bohairisch bezeichnet. Diese Übersetzung wird im Allgemeinen dem zweiten Jahrhundert zugeordnet, obwohl es keine Handschriften so frühen Datums gibt.

Die erste gedruckte Ausgabe erschien zusammen mit einer lateinischen Erläuterung 1716 in Oxford, aber sie war von Wilkins unter Verwendung von verschiedenen Handschriften schlecht zusammengetragen worden. Eine bessere Ausgabe der vier Evangelien wurde 1846-1848 von Schwartze herausgegeben. Die Apostelgeschichte und die Briefe wurden später durch Boetticher aus Halle hinzugefügt. So stand die memphitische Ausgabe den Herausgebern des griechischen Testaments zur Verfügung, und wurde von ihnen häufig zitiert.

4.2 Die thebaische Ausgabe. Diese wurde auch als die sahidisch bezeichnet. Sie wird ebenfalls dem zweiten Jahrhundert zugeordnet, wobei man bei einigen Handschriften davon ausgeht, dass sie aus dem fünften bzw. aus dem sechsten Jahrhundert stammen. Teile dieser Ausgabe wurden immer wieder publiziert, und Ford bemühte sich, diese Teile in einer Ausgabe, als Anhang zum Codex Alexandrinus von 1799, zu sammeln. Griesbach und nachfolgende Herausgeber zitierten aus dieser Ausgabe.

Heute geht man davon aus, dass es drei weitere frühe ägyptische Dialekte gibt, von denen Teile des N.T. gefunden wurden. Sie werden 1. fayoumisch oder baschmurisch, 2. mittel-ägyptisch, koptisch oder unter-sahidisch, 3. akhmimisch genannt.

5. Die gotische Übersetzung.

Diese wurde um das Jahr 348 n. Chr. von Wulfila angefertigt. Die Goten waren aus Skandinavien in römisches Gebiet eingedrungen und hatten eine Anzahl Gefangener weggeführt. Diese brachten, durch ihren Umgang mit den Barbaren einige von ihnen dazu, zumindest dem Bekenntnis nach den wahren Glauben zu ergreifen. Theophilus war ihr erster Bischof: Er war beim Konzil von Nicäa anwesend und unterschrieb das nicäische Glaubensbekenntnis. Wulfila, ein Kappadozier und Nachkomme einiger der Gefangenen, wurde sein Nachfolger, aber der arianische Irrtum1 war zu jener Zeit bereits sehr weit im Reich verbreitet, sodass er das arianische Glaubenbekenntnis unterschrieb, welches die Goten danach beibehielten. Von einer Stelle (Phil 2,6) abgesehen ist der Einfluss des arianischen Gedankens auf die Übersetzung Wulfilas aber nicht offensichtlich. Die Arianer hielten ihr Glaubensbekenntnis eher durch die Auslegung aufrecht. Das A.T. wurde auch übersetzt, aber interessanterweise wurden die beiden Bücher Samuel und die beiden Bücher der Könige (auch die vier Bücher der Königreiche genannt) ausgelassen. Laut Gibbon geschah dies, weil man befürchtete, dass sie dazu dienen könnten, den ungestümen und grausamen Geist der Barbaren anzustacheln.

5.1 Eine ausgesprochen schöne Ausgabe der gotischen Evangelien wird Codex Argenteus genannt. Er ist in Silber auf purpurfarbenes Velin2 geschrieben, wobei die ersten Worte in Gold sind. Er wird auf das fünfte oder frühe sechste Jahrhundert datiert. Königin Christina von Schweden vermachte ihn bei ihrer Abdankung ihrem Bibliothekar Isaak Vossius, der ihn um 1662 an das schwedische Volk verkaufte. Seitdem wird der Codex in der Bibliothek der Universität Uppsala aufbewahrt. Die Evangelien befinden sich in westlicher bzw. lateinischer Anordnung: Matthäus, Johannes, Lukas und Markus. Von den ursprünglich 336 Blättern im Quartformat3 sind noch 188 verblieben (einschließlich des 1970 im Dom zu Speyer gefundenen Blattes).

5.2 Die Codices Ambrosiani sind fünf Handschriften, die sich nun in der Ambrosiana in Mailand befinden. Sie enthalten die Briefe an die Römer, die Korinther, die Epheser und an Timotheus weitgehend vollständig und Teile der Briefe an die Philipper, die Kolosser, Titus und Philemon. Sie wurden auf Palimpsesten4 gefunden und konnten gerettet werden. Sie besitzen eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Codex Carolinus.

5.3 Der Codex Carolinus enthält etwa vierzig Verse aus dem Brief an die Römer. Auch er ist ein Palimpsest4, und ihm ist eine lateinische Übersetzung beigefügt. Auf der Suche nach der Herkunft dieses Codex führen Spuren nach Mainz und Prag. Im Jahr 1689 wurde er von einem Herzog von Brunswick gekauft. Heute lagert er in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel. Der Codex erhielt seinen Namen auf Grund der Widmung des Abtes Franz Anton Knittel an Herzog Carl I. von Braunschweig-Lüneburg.

6. Lateinische Übersetzungen.

Siehe hierzu Vulgata.

7. Die slawische Übersetzung.

Ein Teil der slawischen Rasse ließ sich in einem durch die Donau begrenzten Gebiet und in Groß-Mähren nieder. Die Anfertigung der Übersetzung, die diesen Namen trägt ist interessant. Ein Missionar aus Thessalonich, Kyrill, besuchte diese slawischen Stämme, lernte ihre Sprache und entwickelte dann ein Alphabet, um das Wort Gottes in ihre Mundart zu übersetzen. Dort begann er seine Arbeit zusammen mit seinem Bruder Methodius 862 n. Chr. Die Übersetzung wird dem neunten Jahrhundert zugeordnet, obwohl die älteste bekannte Handschrift aus dem Jahr 1056 stammt. Die vier Evangelien wurden 1512 publiziert und 1581 folgte die ganze Bibel. Sie wurde u. a. von Wetstein und Griesbach zitiert.

8. Syrische Übersetzungen.

Es ist allgemein anerkannt, dass bereits im zweiten Jahrhundert ein syrisches N.T. existierte. Eusebius spricht von Zitaten aus dem Syrischen, aber der Ursprung dieser Übersetzung ist unbekannt. Klar ist, dass die Schriften bereits im fünften Jahrhundert von den syrischen Christen verwendet wurden. Unglücklicherweise gab es bereits früh eine Trennung unter ihnen, die nie geheilt wurde, aber die Nestorianer, Miaphysiten (solche, die glauben, dass es nur eine Natur in Christus, dem Wort, gäbe) und jene, die sich als orthodox bezeichnen, verwenden alle dieselbe Ausgabe der Heiligen Schrift.

8.1 Diese Übersetzung wurde bekannt, als sie 1552 nach Europa gebracht wurde, um dort gedruckt zu werden. Der Druck wurde 1555 fertiggestellt. Die Übersetzung enthielt weder die katholischen Briefe, noch die Offenbarung. Auch Johannes 8,1-11 fehlte. (Diese Abschnitte wurden in anderen syrischen Übersetzungen gefunden.) Sie fand ihren Platz in einigen Polyglotten und wird als getreue Wiedergabe des griechischen Textes hoch geschätzt. Sie wird allgemein Peschito (syrisch für „einfach") genannt.

8.2 Die curetonische syrische Übersetzung. Diese hat ihren Namen von Dr. Wm. Cureton, der in anderen syrischen Handschriften im Britischen Museum einige Blätter fand, die große Teile der vier Evangelien enthielten und einer anderen Ausgabe als dem Peschito entstammten. Ihr frühes Datum wird nicht angezweifelt und ihr Wert wird hoch geschätzt. Sie wurde zusammen mit einer englischen Übersetzung veröffentlicht.

8.3 Die philoxenische syrische Übersetzung. Diese beinhaltet das ganze N.T. außer der Offenbarung. Sie wurde erklärtermaßen durch Polykarp, einen „Land-Bischof", im Jahr 508 n. Chr. für Xenajas von Mabbug, der auch Philoxenus genannt wurde (daher der Name der Übersetzung), angefertigt. Sie wurde von Thomas von Harkel im Jahr 616 überarbeitet und verändert, sodass außer einer Kopie in Rom nur sehr wenig von der ursprünglichen Übersetzung erhalten blieb. Sie wird nach Thomas von Harkel auch Harkelisch genannt.

8.4 Die palästinensische bzw. Jerusalemer syrische Übersetzung, die nur aus Fragmenten besteht.

8.5 Außerdem gibt es noch die karkaphensische syrische Übersetzung, die wesentlich jüngeren Datums ist und auf die deshalb hier nicht eingegangen werden muss.

Alle diese Übersetzungen wurden, sofern sie verfügbar waren, von verschiedenen Herausgebern des griechischen N.T. herangezogen, wobei einige Herausgeber bestimmten Ausgaben mehr Gewicht beimaßen als andere.

Einige dieser Übersetzungen enthielten auch das A.T. oder Teile davon.

Diese vielen verschiedenen Übersetzungen in unterschiedliche Sprachen stehen in bemerkenswertem Gegensatz zur Politik Roms bezüglich der Heiligen Schrift. Das Mittelalter folgte, und besonders dort, wo Rom Einfluss hatte, gingen Licht und Gelehrtheit zurück. Dennoch kam Gottes zuvor bestimmte Zeit. Die Dunkelheit und die Unwissenheit wurden bedauert, sodass hier und dort Menschen von Gott fähig gemacht wurden, danach zu streben, das Licht der Heiligen Schrift unter denen, die sich zum Christentum bekannten, zu verbreiten, sodass nach und nach modernere Übersetzungen des Wortes Gottes angefertigt und gedruckt wurden. Diese wurden von all denen, die den einzigen Weg zum Heil, den Gott selbst geoffenbart hatte, sowie seinen Willen in Bezug auf sie wissen wollten, mit Freude und Lob aufgenommen.

Seit jener Zeit hat die Zahl der Übersetzungen enorm zugenommen. In der ganzen Welt haben Missionare, nachdem sie Fuß gefasst und die Sprache erlernt hatten, eine Grammatik entwickelt und begonnen, Teile der Schrift für jene zu übersetzen, um deren Errettung sie bemüht waren. „Das Wort Gottes ist nicht gebunden" (2. Tim 2,9).

 

Fußnoten

  • 1 Arianismus: Eine Lehre, benannt nach dem alexandrinischen Presbyter Arius, die im Wesentlichen die Lehre der Trinität bestreitet, indem sie behauptet, das Jesus Christus nicht Gott ist, sondern von Gott erschaffen wurde, um durch ihn die Welt zu schaffen.
  • 2 Sehr feines Pergament, heute pergamentartiges Papier; der Begriff wurde von Vellum abgeleitet, welches früher aus der Haut eines totgeborenen Kalbes gewonnen wurde.
  • 3 Kurz 4to oder quarto genannt, ein zweifach gefalteteter Papierbogen, sodass vier Blätter (8 Seiten) der Länge 28-30cm entstehen.
  • 4 Palimpsest: Eine antike oder mittelalterliche Manuskriptseite oder -rolle, welche beschrieben, durch Schaben oder Waschen gereinigt und danach neu beschrieben wurde.

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