Römer, Der Brief an die – Bibel-Lexikon

Mit Recht kann man diesen Brief als den fundamentalen Brief für die christliche Lehre bezeichnen. Sein Wert und seine Wichtigkeit sind darin zu erkennen, dass seine Lehre eine moralische Grundlage in der Seele legt. Das geschieht dadurch, dass Gott gerade in den Eigenschaften dargestellt wird, die von der Welt und den in ihr existierenden Dingen in Frage gestellt werden. Somit wird Gott gerechtfertigt in den Augen des Gläubigen und die Absichten seiner Liebe werden erkennbar.

In der Welt um uns her scheint alles aus der Ordnung gekommen zu sein: Das Vorhandensein und das Herrschen der Sünde, das gebrochene Gesetz und der verdorbene Wille im Menschen - alles stellt die Gerechtigkeit Gottes in Frage; außerdem lässt die Zerstreuung des Volkes Israel die Frage nach der Treue zu seinen Verheißungen aufkommen.

Nun findet das alles in Christus seine völlige und vollständige Antwort. Der Sohn Gottes, durch den alle geschaffen wurden, ist selber in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde gekommen und, indem er sich selbst als Opfer für die Sünde gegeben hat, hat er Gottes Gerechtigkeit vollständig ans Licht gebracht und auch die Liebe Gottes offenbart. Gleichzeitig muss der Mensch, der gegen Gott gesündigt hat, durch Christus’ Tod vor dem Auge Gottes nicht mehr das Gericht des Todes erwarten, da Gott ihm in Gnade begegnen kann.

Die moralische Vollkommenheit des sich Opfernden brachte nötigerweise die Auferstehung mit sich, in der das ganze Wohlgefallen der Gnade Gottes in Bezug auf den Menschen in Gerechtigkeit zum Ausdruck gebracht wird. Der auferstandene Christus ist der Erretter, der aus Zion kommen sollte, um die Gottlosigkeiten von Jakob abzuwenden (Rö 11,26). So ist Gottes Treue zu seinem Bund in Jerusalem befestigt worden; Gottes Treue und Gerechtigkeit ist bewiesen - der Beginn der Erkenntnis Gottes.

Im Folgenden soll der Brief etwas im Detail besehen werden. Nach der Einführung, in der die Tatsache bemerkt wird, dass die Frohe Botschaft den Sohn Gottes als Mittelpunkt hat, wird uns ein Bild von der moralischen Verfassung des Menschen in der Welt gegeben, sei es Heide, Grieche (Philosoph) oder Jude. In dem Heiden sehen wir die ungehemmte Entwicklung der Sünde (Kap.1). In dem Philosophen sehen wir die Tatsache, dass Licht an sich das Böse nicht kontrollieren kann (Kap.2); und in dem Juden sehen wir schließlich, dass das Gesetz bewiesenermaßen kraftlos ist, Unterwerfung Gott gegenüber zu bewirken oder für den Menschen Gerechtigkeit sicherzustellen. Die Schlussfolgerung ist, dass alle gesündigt haben und die Herrlichkeit Gottes nicht erreichen - alle haben bewiesen, dass sie mit Recht unter der Strafe und dem Gericht des Todes sind, das Gott von Anfang an verhängt hatte (Kap.3).

In dem letzten Teil von Kapitel 3 haben wir die Verkündigung von Gottes Gerechtigkeit im Blick auf den Zustand des Menschen - Gerechtigkeit in dem Blut des Christus, der am Kreuz stellvertretend den Platz des Menschen einnahm und erlitt, was für den Menschen bestimmt war. Gottes Gerechtigkeit wird sowohl unter Beachtung der vergangenen Langmut als auch der gegenwärtigen Gnade bezeugt und seine konsequente Haltung gegenüber allen Menschen - ohne Unterschied - ist sichtbar.

Kapitel 4 zeigt, dass das Prinzip der Rechtfertigung des Menschen oder der Zurechnung von Gerechtigkeit ohne Werke unübersehbar gewesen war. Als Beispiele für Männer, denen Gott in der vergangenen Zeit Verheißungen gegeben hatte, werden Abraham und David genannt. Das war und ist das Wohlgefallen Gottes, wie es nun in unserem Herrn Jesus sichtbar ist, der unserer Übertretungen wegen dahingegeben und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt worden ist (Rö 4,25). Während Gott selbst in Christus’ Tod verherrlicht wurde, drückt die Auferweckung des Christus sein Wohlgefallen in Bezug auf den Menschen aus.

Kapitel 5 stellt die volle Bedeutung der in unserem Herrn Jesus Christus begründeten Gnade vor. Nun wird im Detail entfaltet, wie Gott mit denen umgeht, die durch Gnade gerechtfertigt sind: Sie haben Frieden, weiterhin sind sie mit Gott versöhnt, und die Liebe Gottes ist ausgegossen in ihre Herzen durch den Heiligen Geist. Am Ende des Kapitels schließt die Behandlung dieses Themas mit der Stellung des Christus als dem letzten Adam. Außerdem werden die Auswirkungen seiner moralischen Vollkommenheit gezeigt, die nicht nur alles das weg tut, was durch die Sünde des ersten Menschen gekommen war, sondern die auch die Rechtfertigung mit sich bringt. Für Gott besteht nur ein Menschentyp, und alles, was ihn kennzeichnet, kennzeichnet auch die, die moralisch aus seiner Linie oder Ordnung sind. Dieses Prinzip war wahr in Adam, und ist nun wahr in Christus. In Christus ist die Frage nach gut und böse gelöst; der Tod ist zunichte gemacht worden und die Segnungen des ewigen Lebens sind hervorgebracht worden.

Nachdem die Gerechtigkeit Gottes bezeugt und die Wahrheit bezüglich seiner Gedanken gegenüber den Glaubenden deutlich gemacht worden ist, behandeln die drei folgenden Kapitel (Kap. 6-8) den Zustand des Gläubigen und entwickeln den göttlich eingerichteten Weg der Errettung von der Knechtschaft, in der sich die Seele des Menschen natürlicherweise befindet. Als Folge davon wird der Gläubige empfänglich für die Liebe, in der es Gott gefiel, sich selbst kundzutun, und er erkennt, dass er Gegenstand der Absichten Gottes ist! Es gibt drei Dinge, denen der Mensch in Knechtschaft unterworfen ist: Die Sünde, das Gesetz und das Fleisch. Doch es ist ein Weg geöffnet worden, durch den der Gläubige frei werden kann von der Herrschaft aller drei. Was die Sünde angeht, das dominierende Prinzip in der Welt (Kap.6), wird der Weg der Errettung in der Taufe gezeigt, in dem Einsmachen mit dem Tod des Herrn Jesus. Freiheit wird gefunden in dem Erkennen der Wahrheit der Taufe, die besagt, dass wir uns der Sünde für tot halten, Gott aber lebend in Christus Jesus (Rö 6,11). Dieses Wissen von Gott erworben zu haben, ermöglicht es der Seele in Gnade, diesen Boden einzunehmen. Was das Gesetz angeht (Kap.7): Die Bindung, wo sie existierte, ist aufgelöst worden in dem Tod Christi, so dass Christus, der auferstanden ist von den Toten, Gesetz für den Gläubigen sein sollte; er lebt durch den Glauben an den Sohn Gottes, der ihn geliebt und sich selbst für ihn hingegeben hat.

Was das Fleisch angeht, das hoffnungslos verdorben ist, ist die Errettung in dem Geist des Lebens in Christus Jesus (Rö 8,1). Das ist die in dem Gläubigen wirkende Kraft, und die Folgen davon sind bedeutsam. Es beinhaltet für den Gläubigen den Wechsel von einem Lager in ein anderes. Er ist nicht nur verpflanzt worden, sondern eingepfropft worden in Christus, indem er Ernährung und Energie findet. Somit ist er geführt worden in das Bewusstsein von allem, das mit dem in ihm wohnenden Geist in Verbindung steht. Er ist jetzt in der Lage, die Stellung des Todes gegenüber der Sünde anzunehmen und die Wahrheit wertzuschätzen, dass Christus „Gesetz" für ihn ist. In dem Genuss der Errettung bekommt er durch den Geist das Bewusstsein von dem, wozu Gott ihn berufen hat: In das Bild seines Sohnes verwandelt zu werden. Weiterhin bewirkt die Erlösung in ihm die Überzeugung, dass nichts ihn scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn (Rö 8,38+39).

Wir kommen nun zu einem weiteren Teil des Briefes, dessen Thema in den Kapiteln 9, 10 und 11 ist: die Treue Gottes in Bezug auf seine Verheißungen zu den Vätern zu rechtfertigen, angesichts der Tatsache, dass Israel beiseite gesetzt wurde, um den Weg für die Kirche zu bereiten. Es wird gezeigt, dass das Prinzip der Souveränität hinter jedem Handeln Gottes in Bezug auf Israel stand. Es drückt sich sowohl in dem Weg der Erwählung aus, als auch in der Verwerfung an kritischen Punkten in ihrer Geschichte. Israel hat sich an dem Stein des Anstoßes gestoßen (Rö 9,32) und, während er gleichzeitig einen Überrest aufbewahrt, tätigt Gott in seiner Souveränität ebenfalls eine Erwählung unter den Nichtjuden, die sich der Gerechtigkeit Gottes unterworfen hatten - die Israel abgelehnt hatte. In diesem Zusammenhang rechtfertigt der Apostel sein weltweites Evangelium.

Schließlich hatte Gott aber noch nicht seine Gedanken im Blick auf Israel aufgegeben, denn selbst im Evangelium an die Nichtjuden hatte er letztlich sie im Blick. Die Nationen hatten nun durch das Evangelium ihre Gelegenheit, und wenn sie nicht in der Güte Gottes blieben, würde ihr Abfall den Weg bereiten für die Wiederaufnahme der göttlichen Wegen mit Israel; sowohl Nichtjuden und Juden kommen offenkundig auf den Boden der Gnade. Damit ist Gott alles, und der Mensch nichts. Dieses Ergebnis ruft die Lobpreisung am Schluss des Kapitels 11 hervor.

Somit haben wir in dem Brief eine volle Rechtfertigung Gottes, sowohl in Bezug auf seine Gerechtigkeit als auch seine Treue.

Der ermahnende Teil des Briefes folgt in den Kapiteln 12 - 15. Die Erbarmungen Gottes sollen den Gläubigen motivieren, hier für den Willen Gottes zu leben. Verwandelt durch die Erneuerung seines Sinnes soll er hier leben in der Erwartung eines anderen Zeitalters. Das soll gesehen werden sowohl in seinem Dienst als auch moralisch in seinem Charakter. Dann wird gezeigt, dass er verpflichtet ist, die von Gott zugelassenen obrigkeitlichen Gewalten und die Menschen allgemein zu achten; außerdem das Reich Gottes, durch dessen Einfluss er sich in seinem Verhalten bestimmen lassen soll gegenüber den Schwachen im Glauben.

Der Apostel schließt mit einem Verweis auf die Unverwechselbarkeit seines eigenen Dienstes (seine spezielle Mission unter den Nichtjuden), und dem Ausdrücken seiner Absicht, Rom fristgemäß zu erreichen.

Es ist bemerkenswert, wie viele mit Namen erwähnte Personen am Ende des Briefes in Kapitel 16 in den Grüßen aufgeführt werden, und wie jede Person individuell und auf persönliche Weise charakterisiert wird.

Paulus schrieb den Brief an die Römer ungefähr 58n.Chr in Korinth (Apg 20,1-3). Er ist von großer Ausführlichkeit und bekundet das Bemühen und die Weisheit des Geistes Gottes in jedem der diskutierten Punkte. Es ist passend, dass ein solcher Brief an die Heiligen in der damaligen Metropole der zivilisierten Welt adressiert war; das heißt jedoch nicht, dass diese Metropole in irgendeiner Weise das Zentrum der Kirche Gottes sein sollte. Paulus hatte das Evangelium dort nicht eingeführt, und es gibt keinen Hinweis, dass Petrus es getan hätte. Es mag in die Stadt getragen worden sein von einigen, die sich an Pfingsten in Jerusalem bekehrt hatten.

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