Betrachtung über Philemon (Synopsis)

Betrachtung über Philemon (Synopsis)

Der überaus schöne und interessante Brief an Philemon erfordert nicht viele Erklärungen. Er ist der Ausdruck der Liebe, die durch den Geist innerhalb der Versammlung in allen Umständen des persönlichen Lebens wirkt. Da er zu dem Zweck geschrieben wurde, Gefühle in dem Herzen Philemons zu wecken, die durch die Umstände leicht hätten erstickt werden können, so ist er eher ein geeignetes Mittel, solche Gefühle in dem Leser wachzurufen, als der Gegenstand einer Erklärung zu sein.

Der Brief ist ein schönes Gemälde von der Art, wie die Zartheit und Kraft der in dem Herzen wirkenden Liebe Gottes sich mit jeder Einzelheit beschäftigt, durch die diese Liebe verletzt werden oder die eine Gelegenheit sein könnte, die Liebe zu vermehren und in Tätigkeit zu setzen. In dieser Hinsicht ist er ebenso wichtig wie schön; denn die Entfaltung solch zarter und lieblicher Rücksichtnahme inmitten der riesenhaften Arbeiten des Apostels und der Predigt der unermesslichen Wahrheiten, welche die Grundlage der Beziehungen aller Geschöpfe zu Gott in Christus bilden, gibt dem Christentum einen ganz besonderen Charakter und zeigt seine göttliche Natur. Man sieht, dass Der, der die tiefsten Wahrheiten offenbart und sie in dem Kreis der göttlichen Gedanken an ihren richtigen Platz stellt, von ihnen als von einer bekannten Sache spricht und sie als seine eigenen Gedanken mitteilt; und Er kann (da Er der Geist des Gottes der Liebe ist) das Herz mit den zarten Rücksichten erfüllen, welche die Liebe allein eingeben kann, mit einer Würde, die ihre Quelle verrät, und mit einer Zartheit der Anwendung, die zeigt, dass, was auch immer die Größe seiner Gedanken sein mag, Er frei ist, an alles zu denken.

Wenn der menschliche Geist mit erhabenen Gegenständen beschäftigt ist, so fühlt er deren Gewicht, und die Last drückt ihn nieder; der Geist ist davon eingenommen und muss sich von allem anderen frei machen, um ihnen seine ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Gott offenbart seine eigenen Gedanken, und sie fließen, so unergründlich sie auch für den menschlichen Geist sein mögen, mit der ihnen natürlichen Klarheit und gegenseitigem Verbindung hervor, wenn Er sie durch seine dazu erwählten Werkzeuge mitteilt. Diese letzteren sind frei, Liebe zu offenbaren; denn der Gott, der sich ihrer bedient und sie inspiriert, ist Liebe. Ihn so darzustellen ist sogar ein viel wesentlicherer Teil ihrer Aufgabe, als von tiefen Dingen zu reden. Wenn daher die Diener Gottes durch jene Liebe getrieben werden, so offenbart sich in ihnen der Charakter Dessen, der sie gesandt hat, als der Charakter des Gottes, der die Quelle der Liebe ist, und zwar durch eine vollkommene Rücksichtnahme auf andere und durch die zarteste Aufmerksamkeit für das, was ihre Herzen fühlen mögen. Zudem entfaltet sich diese Liebe in den durch den Heiligen Geist selbst gebildeten Beziehungen zwischen den Gliedern des Leibes Christi, d. h. zwischen Menschen. Die christlichen Gefühle nehmen, indem sie einer göttlichen Quelle entspringen und stets durch diese genährt werden, die Form von menschlicher Rücksichtnahme an, die in der Erweisung der Liebe und des Gegenteils von Selbstsucht das Gepräge ihres Ursprungs tragen. Die selbstlose Liebe kann denken und denkt an alles, was andere betrifft, und versteht, was jene bewegt.

Onesimus, ein seinem Herrn entlaufener Sklave, war durch Paulus während dessen Gefangenschaft zu Rom bekehrt worden. Philemon, ein reicher oder doch wohlhabender Mann, hatte, da seie Frau ebenfalls bekehrt war, die Versammlung in seinem Haus aufgenommen und arbeitete selbst nach seinem Maß im Werk des Herrn. Archippus war ein Arbeiter des Herrn, der in der Versammlung vielleicht als Evangelist diente; jedenfalls nahm er teil an den Kämpfen des Evangeliums und war so mit Philemon und der Versammlung verbunden.

Der Apostel richtet sich, indem er Onesimus zurücksendet, an die ganze Versammlung; und aus diesem Grund sagt er in seinem Gruß: „Gnade und Friede“, ohne hinzuzufügen: „Barmherzigkeit“, wie dies die Apostel in ihren nur an einzelne Personen gerichteten Briefen sonst tun. Obwohl er sich in seiner Fürsprache für Onesimus an Philemon wendet, will er doch, dass die ganze Versammlung an diesem geliebten Sklaven, der ein Kind Gottes geworden war, Anteil nehme. Die Herzen der anderen Christen in der Versammlung waren gewissermaßen eine Stütze und eine Bürgschaft für das Verhalten des Philemons, wiewohl der Apostel von der Liebe des letzteren selbst, als eines Dieners Gottes, die Vergebung für Onesimus und dessen Freilassung erwartet.

Paulus erkennt (nach seiner Gewohnheit) all das Gute an, das in Philemon war, und benutzt es als einen Beweggrund für ihn, den Gefühlen der Gnade freien Lauf zu lassen, trotz allem, was durch die Rückkehr des Onesimus in seinem Fleisch rege werden mochte, oder trotz des Unwillens, den Satan vielleicht in ihm wachzurufen versuchen würde. Der Apostel wünscht, dass das, was er für Onesimus begehrt, aus eigenem Antrieb bei Philemon hervorgehen möchte. Denn die Freilassung des ehemaligen Sklaven, ja, schon seine freundliche Aufnahme als Bruder, musste in diesem Fall eine ganz andere Tragweite haben, als wenn sie aus einem Gebot des Apostels hervorgegangen wäre. Es handelte sich eben um christliche Zuneigung und die Bande der Liebe. Mit gebührendem Nachdruck hebt der Apostel sein Recht hervor, dem Philemon zu gebieten, jedoch nur zu dem Zweck, um auf dasselbe zu verzichten und so seiner Bitte umso mehr Kraft zu verleihen. Zugleich gibt er zu verstehen, dass die Gemeinschaft des Glaubens Philemons mit der ganzen Versammlung Gottes und mit dem Apostel – nämlich die Art und Weise, in der sein Glaube ihn in der Tätigkeit der christlichen Liebe mit der Versammlung Gottes und mit solchen, die von Gott als Arbeiter in ihr bestellt waren, sowie mit dem Herrn selbst verband (welche Gemeinschaft sich schon so rühmlich in Philemon gezeigt hatte), ihre völlige Wirksamkeit entfalten möge in der Anerkennung all der Rechte des Apostels über sein Herz (V. 6).

Es ist schön zu sehen, wie bei Paulus sich einerseits die Liebe zu Onesimus in einer Besorgnis kundgibt, die ihn jeden Beweggrund geltend machen lässt, der auf das Herz Philemons einwirken konnte, und wie andererseits die christlichen Gefühle ihm ebenso ein völliges Vertrauen in die Liebe dieses treuen und vortrefflichen Bruders einflößen, an den er schrieb. Was diesen betrifft, so konnte die Rückkehr seines entlaufenen Sklaven in der Tat zu unangenehmen Gefühlen in seinem natürlichen Herzen Anlass geben, weshalb der Apostel durch seinen Brief zu Gunsten seines geliebten, während der Zeit seiner Gefangenschaft geborenen Kindes ins Mittel tritt. Gott selbst hatte schon durch das Werk seiner Gnade eine Vermittlung angebahnt, die auf Philemons Herz wirken sollte, indem Er ganz neue Beziehungen zwischen ihm und Onesimus geschaffen hatte. Der Apostel bittet ihn, seinen ehemaligen Sklaven als einen Bruder aufzunehmen; doch ist es nach Vers 21 augenscheinlich, dass er die Freilassung des letzteren erwartet, obgleich er wünscht, dass dies geschehen möge aus eigenem Antrieb des Herrn, gegen den Onesimus gefehlt hatte. Doch wie es auch sein möge, Paulus nimmt alles auf sich für seinen geliebten Sohn. Nach der ihm widerfahrenen Gnade war Onesimus jetzt sowohl für Philemon als auch für Paulus nützlicher als ehemals, wo das Fleisch ihn zu einem untreuen und unnützen Knecht gemacht hatte; und darüber sollte Philemon sich freuen. Der Apostel macht hier eine Anspielung auf den Namen „Onesimus“, welcher „nützlich“ bedeutet. Schließlich erinnert er Philemon daran, dass er selbst ihm sein eigenes Heil, sein Leben als Christ, schulde.

Paulus war zu jener Zeit in Rom als Gefangener; und Gott hatte Onesimus in diese Stadt geführt (wo alles zusammenströmte), um ihn zum Heil und zur Erkenntnis des Herrn zu bringen, damit wir dadurch belehrt würden und Onesimus eine neue Stellung in der Versammlung der Christen erhielte. (Es scheint aus der Art, wie der Apostel sich ausdrückt, hervorzugehen, dass er daran dachte, Onesimus möchte wohl noch ein Werkzeug Gottes in der Versammlung und nützlich für den Dienst des Herrn werden. Er würde ihn bei sich behalten haben, damit er ihm in den Banden des Evangeliums diene; aber er erkannte völlig die Verbindlichkeiten an, die Onesimus Philemon gegenüber hatte. Auch war es weit besser für die Seele des Onesimus, sich da zu unterwerfen, wo er unrecht getan hatte und, wenn die Freiheit geschenkt wurde, sie durch die Liebe Philemons zu erhalten.)

Wie es scheint, schrieb Paulus diesen Brief gegen das Ende seiner Gefangenschaft; wenigstens hoffte er, bald frei gelassen zu werden und beauftragte Philemon, ihm eine Herberge zu bereiten. Die Namen, denen wir hier begegnen, finden wir auch im Kolosserbrief. In Kol 4, 9 sagt der Apostel: „Onesimus ... der von euch ist“, woraus hervorgeht, dass Onesimus, wenn es derselbe ist, dessentwegen Paulus an Philemon schrieb, aus Kolossä war. Das wird noch wahrscheinlicher durch die Erwähnung des Archippus, der ermahnt wird, Acht zu haben auf seinen Dienst (Kol 4, 17). Wenn unsere Annahme richtig ist, dann ist die Tatsache, dass Paulus in dem Brief an die Kolosser so freundlich von Onesimus spricht, ein weiterer Beweis von seiner liebevollen Fürsorge für diesen Neubekehrten; er legt ihn jener Versammlung ans Herz, indem er ihr durch ihn und Tychikus seinen Brief sendet. Dieser Tychikus war auch der Überbringer des Briefes an die Epheser; letzterer enthält jedoch keine Grüße. Die Namen „Paulus und Timotheus“ finden sich in den an die Kolosser und an Philemon gerichteten Briefen vereinigt, ebenso in dem Brief an die Philipper (zu denen der Apostel den Timotheus bald zu senden hoffte), aber nicht in dem Brief an die Epheser. Ich will keine Schlüsse aus den letzterwähnten Einzelheiten ziehen; indes sind sie wichtig genug, um darauf hinzuweisen. Die eben genannten vier Briefe wurden während der Gefangenschaft des Apostels zu Rom geschrieben, zu einer Zeit, als er seine Befreiung aus derselben erwartete.

Was wir also in dem Brief an Philemon besonders zu beachten haben, ist die Liebe, die in diesem vertraulichen Kreis (ringsum gesichert durch eine unvergleichliche Darstellung der Lehre) herrschte und Frucht brachte – eine Liebe, welche die Glieder Christi miteinander verband und den Wohlgeruch der Gnade über alle Beziehungen verbreitete, in denen Menschen zueinander stehen mögen, indem sie sich mit allen Einzelheiten des Lebens beschäftigte, unter vollkommener Wahrung des Schicklichen und unter Anerkennung aller Rechte, die einer dem anderen gegenüber haben mag, ja, alles dessen, was das menschliche Herz fühlen kann.

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