Was ist Gethsemane?

„Vater, wenn du diesen Kelch von mir wegnehmen willst – doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!“ (Lk 22,42).

Nur die drei ersten Evangelisten berichten den heißen Kampf unseres Herrn in der Nacht vor Seinem öffentlichen Leiden und seinem Tode. Johannes schweigt völlig darüber, in Übereinstimmung mit dem Charakter seines Evangeliums. Die Schilderung der menschlichen Schwachheit unseres hochgelobten Herrn wäre in dem Buche, das Ihn vornehmlich als den Sohn Gottes darstellt, nicht am Platze gewesen. Dort musste Seine göttliche Macht, wie sie sich den Häschern gegenüber zeigt, ans Licht treten, und damit auch Seine Erhabenheit über Schwachheit und Leiden, wie sie sich z. B. nachher am Kreuze in Seiner Unterredung mit Maria und Johannes kundgibt.

Aber auch unter den Berichten von Matthäus, Markus und Lukas ist ein Unterschied zu bemerken. Während die beiden ersten den ganzen Vorgang, das dreimalige Beten des Heilandes, Sein Hin- und Hergehen zwischen der Stätte Seines Ringens und den schlafenden Jüngern usw. ausführlich erzählen, verweilt Lukas eigentlich nur bei dem Ende der Stunde der Versuchung, dem Höhepunkt des furchtbaren Seelenkampfes Jesu. Aber eben deshalb ist sein Bericht, obwohl kürzer, doch vollständiger, tiefer in das Wesen der Sache eingehend. Auch schildert Lukas – denn es ist der Sohn des Menschen, den er unter der Leitung des Heiligen Geistes vor unsere Blicke stellt – mehr als die anderen Evangelisten die tiefe menschliche Schwachheit und vollkommene Abhängigkeit des Herrn: Er ist in ringendem Kampfe 1, sein Schweiß fällt wie große Blutstropfen zur Erde, und ein Engel vom Himmel kommt und stärkt ihn.

Doch was ist Gethsemane? Was bedeutet jener ergreifende Vorgang, dieses einsame Ringen und Kämpfen des Heilandes in stiller Nacht, dies sich bis zu heftigem, inbrünstigem Flehen und starkem Geschrei steigernde Beten des Sohnes Gottes? Was rief diese tiefe Angst und Not in Seiner heiligen Seele hervor? Es war einerseits die Feindschaft des Menschen wider Gott, und andererseits die Macht Satans im Tode – jene schreckliche, finstere Macht, die Satan besaß infolge der Sünde, welche den Tod als gerechten Sold von Seiten Gottes eingeführt hat und Gottes Zorn über den Sündenträger bringen musste. Die Stunde des Menschen war gekommen, und die Macht der Finsternis offenbarte sich mit allen ihren Schrecken. Satan, der im Beginn des Weges Jesu „für eine Zeit“ von Ihm gewichen war, kehrte an Seinem Ende zurück, um Ihn auf eine andere, noch weit ernstere Weise zu versuchen als damals. Wir erblicken in Gethsemane den Mann der Schmerzen, der das, was ihm bevorstand, in seiner ganzen Tiefe fühlte, all die Leiden und Schrecken, die das Ende Seines Weges umgaben, betrachtete und ausmaß, aber mit Gott, Seinem Vater, durch die Stunde der Versuchung ging und keinen Augenblick wankte; dessen Gehorsam bis aufs Äußerste erprobt wurde, der aber selbst in dieser schrecklichen Stunde bewies, dass es sein einziges Begehren war, den Willen des Vaters zu tun.

Die Leiden des Herrn Jesus in den letzten Tagen Seines Lebens lassen sich von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachten. Er litt 1. durch die Anstrengungen Satans, indem Er als Mensch mit ihm, der die Macht des Todes hatte, in den Kampf treten musste, dies aber tat in Gemeinschaft mit dem Vater – das ist Gethsemane. Er litt 2. von Seiten Gottes, indem er für uns in den Riss trat, das Sühnungswerk vollbrachte und als unser Stellvertreter den Kelch des Zornes Gottes trank, den der Vater Ihm gegeben hatte, – das ist das Kreuz, oder genauer das Verlassensein von Gott, die Stunden der Finsternis, am Kreuze.

Jesus war gekommen, um sich in Gnaden zu uns zu gesellen und an allen unseren Mühsalen teilzunehmen. Durch den Geist geleitet, ließ er sich deshalb auch versuchen. Anfänglich (in der Wüste) versuchte Satan Ihn durch Dinge, die dem Menschen angenehm sind und ihn verleiten können, seinem eigenen Willen zu folgen und, indem er das tut, zu sündigen. Diese Dinge waren: das Bedürfnis zu essen, dann die Welt und ihre Herrlichkeit, und endlich die Erlangung der göttlichen Verheißungen außerhalb des Weges des Gehorsams und im Misstrauen Gott und Seiner Treue gegenüber. Der erste Mensch war der Versuchung erlegen, aber Jesus, der zweite Mensch, bewahrte Seine Vollkommenheit, und es gelang Satan nicht, Ihn von dem Pfade, der dem Menschen Gottes geziemt, abzubringen. „Der Starke“ wurde vielmehr gebunden, und Jesus kehrte in der Kraft des Geistes aus der Wüste zurück, um dem Starken „seinen Hausrat zu rauben“. „Er ging umher, wohltuend und heilend alle, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit Ihm“ (Apg 10,38). Er war der siegreiche Mensch. Da wo der erste Mensch zusammengebrochen war, hatte er einen vollständigen Sieg errungen. Vor ihm verschwanden alle Wirkungen der Macht Satans: Die unreinen Geister gehorchten seinem Worte, und selbst der Tod war Ihm untertan.

Aber ach! Alles das veränderte das Herz des Menschen nicht. Er war und blieb in der Gesinnung seines Fleisches in Feindschaft gegen Gott. Sollte er erlöst werden, so musste der Tod eintreten. Der Mensch musste in einen ganz neuen Zustand eingeführt, mit Gott versöhnt werden. Der Gerechtigkeit Gottes musste Genüge geschehen. Die Rechte, die Satan an den Menschen besaß infolge der Sünde, durch die auf Grund des göttlichen Gerichts der Tod gekommen war, mussten vernichtet werden. Gottes gerechtes Gericht über alles, was feindlich gegen Ihn stand, musste in Ausübung kommen. So musste denn die ganze Feindschaft des Menschen wider Gott, ferner die Angst des Todes, betrachtet als Satans Macht und als das Gericht Gottes, die ganze Machtentfaltung Satans, um die Ratschlüsse Gottes zu durchkreuzen, und endlich der Zorn Gottes (in dessen Ertragen, wie schon bemerkt, das Sühnungswerk vollendet wurde) sich auf Jesum vereinigen, und sie haben sich auf Ihn vereinigt. Aber das Lamm Gottes hat sich willig allem unterzogen und Seinen Mund nicht aufgetan vor Seinen Feinden. Welch ein schreckliches Zeugnis dafür, dass die Stunde des Menschen und der Erfüllung seines Willens tatsächlich nichts anderes ist als die Macht der Finsternis! Gottes Stunde in Gerechtigkeit gegenüber dem Menschen dagegen ist der gerechte Zorn, der über Jesum das Verlassensein bringt und am Ende alle die von Gottes Gegenwart ausschließen wird, die in Feindschaft wider ihn stehen.

O, welch ein bewunderungswürdiger Beweis des unendlichen göttlichen Erbarmens, dass Christus in Gnaden solches für uns geschmeckt, dass Gott ihn dahingegeben hat, damit wir dem Gericht entrinnen möchten, ja, dass Christus all die genannten Dinge geschmeckt hat, indem er sich eben zu diesem Zweck ohne Flecken Gott opferte! Äußerlich betrachtet, führten die Macht Satans und die Bosheit des Menschen Christum zum Tode und zum Trinken des Kelches des Zornes Gottes. (Tatsächlich ruht ja auch auf dem Menschen die Schuld der Ermordung des Sohnes Gottes, wenngleich niemand imstande war, Ihm das Leben zu nehmen, wie Petrus zu den Juden sagt: „ihr habt Ihn umgebracht“, und Stephanus: „dessen Verräter und Mörder ihr geworden seid“). Aber Christus in seiner Vollkommenheit wusste diese beiden Teile des Leidens völlig voneinander zu trennen und das schreckliche Leiden seitens der Macht Satans im Tode in eine Offenbarung Seines vollkommenen Gehorsams gegen Gott, Seinen Vater, umzuwandeln, weil er mit Gott durch jene ernste Stunde der Versuchung ging und keinen Augenblick in sie hineinkam als in eine Versuchung, die das Aufwachen eines eigenen Willens zum Ergebnis hätte haben können.

Das also ist Gethsemane. Es ist nicht der Kelch selbst, diesen trank Jesus auf dem Kreuze, sondern die Offenbarung der ganzen Macht Satans im Tode und der Feindschaft des Menschen, der sich sozusagen an Gott rächen wollte – „die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen“; und zwar wird beides vollkommen von Jesu gefühlt, aber zugleich in völliger Abhängigkeit, in gänzlicher Beugung unter den Willen Gottes, zum Vater gebracht. Es ist Christus, wachend, betend, ja, in heißem Kampfe ringend, indem die ganze Macht und das Gewicht des Todes durch Satan auf seine Seele gelegt werden. Diese Macht und dieses Gewicht wurden unendlich vermehrt durch das Gefühl, das Jesus, diese heilige, göttliche Person, von ihnen hatte, denn er wusste, er ermaß vollkommen, was sie vor dem Gott waren, dessen Angesicht Ihm damals noch nicht verhüllt war. Aber er stellte seinen Vater unverrückt vor sich, indem Er alles mit des Vaters Willen in Verbindung brachte, auf diesen sich bezog, ohne einen Augenblick wankend zu werden oder jenem Willen dadurch zu entrinnen zu suchen, dass er einem eigenen Willen nachgegeben hätte. So nahm er nichts aus der Hand Satans an, sondern alles aus der Hand Gottes. Sobald er völlig versichert ist, dass es der Wille des Vaters für ihn war, den Kelch zu trinken, ist alles für ihn entschieden. „Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ (Joh 18,11). Es war jetzt alles eine Sache zwischen ihm und seinem Vater. Sein Gehorsam ist ruhig und vollkommen. Welch ein unaussprechlicher Sieg! In erhabener Ruhe kann Jesus unmittelbar darauf Seinen Feinden entgegengehen und sich ruhig von ihnen binden lassen. Er hat die Kosten in der Gegenwart Gottes völlig überschlagen. Der Kampf ist vorüber, und er nimmt alles aus der Hand seines Vaters. Die Hohenpriester, Pilatus, Herodes, das Volk, die Kriegsknechte – sie alle müssen dieses wunderbare, ergreifende Bild des Lammes Gottes sehen, das still und geduldig in göttlicher Ruhe, in Gemeinschaft mit dem Vater, der Schlachtbank zuschreitet.

Satan war jetzt ein besiegter, ohnmächtiger Feind. Und die Menschen? Entweder waren sie für den Herrn nur Werkzeuge zur Ausführung des Willens Gottes, oder durch Seine Gnade Erlöste. Sehen wir nur, was sich ereignet, wenn die Häscher kommen. Jesus tritt ihnen entgegen, und wenn er ihnen sagt, wer er ist, fallen sie zu Boden. Er hätte jetzt, wie so oft bei früheren Gelegenheiten, als „seine Stunde noch nicht gekommen war“, ruhig weggehen können. Wer hätte die Hand an Ihn zu legen vermocht? Aber er bietet sich seinen Feinden freiwillig dar, um so sein Werk zu vollbringen, und dann erlaubt er denen, die keine Kraft hatten, sich selbst zu schützen, in Sicherheit wegzugehen. Ach! sie waren nicht fähig, in jenem schrecklichen Augenblick standzuhalten, als es sich entscheiden musste, ob das Gute oder das Böse triumphieren solle, und als die Gerechtigkeit Gottes wider die Sünde der Macht des Todes ihre ganze Kraft lieh und das schreckliche Tun der Menschen, der freiwilligen Sklaven dessen, der die Macht des Todes besaß, dem Geliebten Gottes umso schmerzlicher fühlbar machte. Doch die vollkommene Liebe errang den Sieg, indem Christus als Mensch sich dem Gericht über die Sünde unterwarf, wodurch nunmehr die Gerechtigkeit im Ausschütten der reichsten, jener Liebe entsprechenden Segnungen triumphieren kann. Für alle, die durch Jesum Gott nahen, ist die Sühnung der Sünde jetzt geschehen und die Macht Satans und des Todes für immer vernichtet.

Welch ein gewaltiger Wechsel trat also mit Gethsemane in der Lage unseres Herrn und Heilandes ein! Bis dahin hatte Er durch Seine göttliche Macht für alle Bedürfnisse Seiner Jünger gesorgt, obwohl er selbst für seinen täglichen Lebensunterhalt anscheinend abhängig gewesen war von einigen Frauen oder von anderen Personen, deren besonderes Vorrecht es war, ihm mit ihrer Habe zu dienen (vgl. Lk 8,3). Aber jetzt sollte er verworfen werden, und zwar von dem Volke, das Er so unaussprechlich liebte, zu dessen Heil er gekommen war. Alle Bemühungen seiner Liebe und Gnade schienen vergeblich gewesen zu sein. „Umsonst habe ich mich abgemüht“, so hören wir ihn klagen, „vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt“ (Jes 49,4). Die Entscheidungsstunde nahte heran. Die Dinge, die ihn betrafen, sollten ihre Vollendung finden nach der Tiefe der Ratschlüsse Gottes. Er sollte der ganzen Wut und Bosheit derer ausgesetzt werden, die sagten: „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Er ist Israels König; so steige er jetzt vom Kreuze herab, und wir wollen an ihn glauben“ (Mt 27,42).

Es war noch nicht, wie schon weiter oben gesagt wurde, das eigentliche Trinken des Kelches. Das geschah erst auf dem Kreuze. Denn der Kelch, um dessen Vorübergehen er bittet, war nicht das Leiden in Gethsemane, so schrecklich dies war, waren nicht bange Zweifel und Ungewissheit bezüglich des Ausganges, 2  aber noch viel weniger „der Eintritt des wirklichen Todes, das Sterben dort unter den Bäumen Gethsemanes, das Fortschreiten des Todeskampfes bis zum Aushauchen der Seele“. Wie völlig unmöglich, ja, wie böse und schriftwidrig diese letzte Annahme ist, haben wir in dem ersten Teil unserer Betrachtung gesehen. Nein, der Kelch, vor dem dem Herrn so bangte, vor dem er so zitterte und bebte, war der Kelch des Zornes Gottes wider die Sünde. Dieser Kelch war es, der dem vor ihm stehenden Leiden und Sterben einen solch furchtbaren, erschreckenden Charakter verlieh. Neben dem Ertragen der Feindschaft und Ungerechtigkeit der Menschen und der Bosheit Satans galt es, den Kelch des Zornes Gottes zu trinken.

Auf seinem ganzen Erdenwege hatte der Herr inmitten der Leiden, die ihm von Seiten der Menschen bereitet wurden, Seine Freude daran gefunden, den Willen seines Vaters zu tun. Er hatte für Gott gelitten, und das war süß, köstlich für ihn gewesen. Aber in dem Kelch, der jetzt vor seiner Seele stand, gab es nur tiefe, unvermischte Bitterkeit. Er war gefüllt mit dem Zorne Gottes. Darum bittet er: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“. Darum schüttet er seine heilige Seele „mit starkem Geschrei und Tränen“ vor Gott aus. Wie wäre es möglich gewesen, dass der reine, heilige Mensch, dessen Seele in unausgesetzter, ungetrübter Verbindung und Gemeinschaft mit Gott gestanden hatte und stand, der die Liebe Gottes vollkommen kannte und ungehindert genoss, der sie allein wahrhaft zu schätzen wusste, der zugleich auch die Heiligkeit Gottes und deren Anforderungen in ihrer ganzen Größe und Ausdehnung ermessen konnte, der die Sünde hasste mit vollkommenem Hasse, dessen Wonne es war, in dem Lichte des heiligen Antlitzes Gottes zu stehen und zu wandeln, der deshalb auch allein fähig war, die ganze Schrecklichkeit der Sünde und des Zornes Gottes wider die Sünde zu verstehen – wie wäre es möglich gewesen, dass ein solcher Mensch den Willen hätte haben können, von Gott verlassen zu werden? Im Gegenteil, seine vollkommene Menschheit zeigte sich gerade darin, dass er bittet und immer heftiger und dringender bittet, der Vater möge diesen Kelch an ihm vorübergehen lassen. Alles was in ihm war, bebte vor diesem Kelche, vor den schrecklichen Stunden des Verlassenseins von Gott zurück.

Der Gedanke an die vor ihm liegende Begegnung mit dem heiligen Gott, als Träger unserer Sünden, ja als das zur Sünde gemachte Opfer auf dem Altar Gottes, erfüllte seine Seele mit einer Betrübnis „bis zum Tode“ und ließ ihn „sehr bestürzt und beängstigt werden“. Die Gewissheit, dass die Wogen und Wellen des göttlichen Zornes über seinem Haupte zusammenschlagen mussten, presste ihm jenen Angstschweiß aus, der wie große Blutstropfen zur Erde fiel.

Satan, der die Macht des Todes besaß, war es, der dem Heiland in jener Stunde alles das vor die Seele stellte. Gerade durch das Bewusstsein, dass er, der Fürst des Lebens, in den Staub des Todes gelegt, dass er, der die Heiligkeit selbst war, am Kreuze zur Sünde gemacht werden müsse, suchte Satan Angst und Schrecken in seiner Seele wachzurufen und ihn auf dem Wege des Gehorsams und der Erfüllung der Ratschlüsse Gottes zum Stillstehen und Wanken zu bringen. Es war die Stunde der Versuchung, in welcher der Feind den Herrn zu überwältigen trachtete durch den Hinweis auf all die Umstände, vor denen die menschliche Natur als solche zurückbeben musste. Jesus befand sich in einer ähnlichen Lage wie ein Mensch angesichts des Todes, wenn Satan seine ganze Macht darin entfaltet. Nur war er dort in Seiner Vollkommenheit, auf das Äußerste erprobt, aber vollkommen. Er ging durch diese schreckliche Stunde, aber er kam nicht in die Versuchung hinein, in dem Sinne, als habe sie auch nur für einen Augenblick Gewalt über ihn gewonnen. Er wachte und betete, er wandte sich mit Tränen und heißem Flehen zu Dem, der ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, und nahm dann alles im Gehorsam aus der Hand des Vaters. Im Blick auf die Umstände und alles das, was die heilige Seele unseres geliebten Herrn niederbeugte, waren Satan und die unter seiner Leitung stehenden Menschen alles. Hinsichtlich des Zustandes seiner Seele waren sie nichts. Da war der Vater alles. Aus Gehorsam gegen ihn nimmt er den Kelch in Frieden. In dem Trinken desselben gab sich jetzt, anstatt der Macht des Feindes, nur vollkommener Gehorsam kund.

Doch wie ist das Gebet des Herrn: „Nicht mein Wille, sondern der Deine geschehe“, mit der Tatsache in Einklang zu bringen, dass es von jeher der Wille des Herrn war, das Werk der Erlösung zu vollbringen? Liegt darin nicht ein unlöslicher Widerspruch? Nur scheinbar, und nur dann, wenn man das Geheimnis der Person Christi aus dem Auge verliert, wenn man vergisst, dass das Menschliche in ihm wirklich menschlich und das Göttliche wirklich göttlich war. In dem vorhergehenden Abschnitt findet sich ja eigentlich schon die Antwort auf diese Frage. Indes mag es gut sein, noch einen Augenblick dabei zu verweilen.

Christus war sich dessen völlig bewusst, was geschehen sollte, was vor ihm lag. Er wusste sehr wohl, dass es keine andere Möglichkeit gab, das Werk, das er zu tun gekommen war, zu vollbringen, als nur dadurch, dass er den Kelch des Zornes Gottes trank. Aber vor diesem Kelche, vor dem Leiden und Sterben um der Sünde willen, graute ihm, bebte er zurück. Eine Art Vorspiel dieses Kampfes erblicken wir schon in Joh 12. Dort wird der Herr durch das Kommen der Griechen daran erinnert, dass die Verherrlichung des Sohnes des Menschen nur stattfinden konnte auf Grund seines Todes. Das Weizenkorn musste in die Erde fallen und sterben. Der Ausblick auf diesen Tod, die finsteren Schatten, die das Kreuz schon auf Seinen Weg vorauswarf, veranlassen ihn zu dem Rufe: „Vater, rette mich aus dieser Stunde!“ Seine Seele war bestürzt, und diese Bestürzung machte sich in jenen Worten unwillkürlich Luft. Aber unmittelbar darauf folgt der Ausdruck Seiner Bereitwilligkeit, alles für die Verherrlichung des Vaters zu erdulden: „Doch darum bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!“

Dasselbe, nur in unendlich verstärktem Maße, finden wir in Gethsemane. Die „Stunde“ war jetzt ganz nahe gekommen, und die Frage galt: Wird der Sohn des Menschen in die Versuchung hineingehen, das will sagen, wird er einem eigenen Willen Raum geben und folgen, indem er wünscht, dem Tode und dem Kelch des Zornes Gottes, des Gerichts über die Sünde, zu entrinnen? Oder wird er, anstatt sich selbst zu schonen, in dieser Stunde nur einen Anlass zum Gehorsam finden? Für ihn war ja Gehorchen, so schrecklich die Leiden sein mochten, die Freude, der Odem seiner Seele. Das Gericht Gottes nicht fürchten, wäre Gefühllosigkeit gewesen. Ihm entrinnen wollen, hätte geheißen, dem Willen des Vaters ausweichen, diesen Willen nicht tun und somit auch das Werk der Erlösung, in welchem Gott sich völlig als Licht und Liebe offenbaren sollte, unerfüllt lassen. Christus geht durch diesen Kampf in völliger Unterwürfigkeit unter den Willen Gottes. Was wir in diesem Augenblick bei ihm, als Mensch betrachtet, sehen, ist Schwachheit, vollkommene menschliche Schwachheit, aber gerade in dieser Schwachheit besteht die wahre Kraft. Er betet, und zwar mit dem Ausdruck der tiefsten Abhängigkeit: Er fällt auf Sein Angesicht. Dann erscheint, nach dem Bericht des Evangelisten Lukas, ein Engel aus dem Himmel und stärkt Ihn. Worin diese Stärkung bestand, welcher Natur sie war, steht uns nicht zu, zu erörtern. Gott sagt es uns nicht, und wir haben deshalb kein Recht, Behauptungen darüber aufzustellen. Der Vorgang selbst ist so einfach und natürlich wie möglich. Jesus war ein Mensch, voll und ganz ein Mensch, der in schwerem Kampfe der Stärkung von oben bedurfte, und diese wird Ihm zuteil. Lasst uns dabei stehen bleiben und nicht über die Grenze hinausgehen wollen, die Gott uns gesteckt hat. Wäre Jesus nicht vollkommen, wahrhaftig Mensch gewesen, ein Mensch, der in allem versucht worden ist wie wir, ausgenommen die Sünde, so hätte die Befreiung des Menschen aus Satans Macht und aus den Banden des Todes und der Sünde nicht zur Wirklichkeit werden können.

Je mehr das Böse, mit dem der Herr zu tun haben sollte, in seiner ganzen Schrecklichkeit vor seine Seele tritt, je näher und eindringlicher er den Kelch betrachtet, den er trinken sollte, desto größer wird der Druck, desto tiefer die Angst. Aber dieser ringende Kampf, dieses überwältigende Ergriffensein, diese unsagbare Not des Herzens, deren höchste Steigerung sich in dem Schweiß kundgibt, der wie große Blutstropfen zur Erde fällt, drückt sich nur in einem umso heftigeren Beten und Flehen aus. Seine Seele klammert sich umso fester an Gott, und nachdem er durch das Tal des Todesschattens völlig hindurchgegangen ist und den Ansturm der Macht Satans überstanden hat, erhebt er sich siegreich und völlig bereit, den Kelch zu trinken, den Sein Vater Ihm geben will. „Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht an mir vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille“. Fortan hören wir nichts mehr von Kämpfen, Wachen und Beten. Alles ist ruhige, willige, ergebene Unterwerfung unter den Willen Gottes. Eine vollkommene Stille kennzeichnet das Kreuz, eine Stille der Finsternis zwar, in die das Auge des Menschen nicht einzudringen vermag, aber eine Stille zugleich, die zeigt, dass die Unterwerfung vollkommen ist.

Es ist bemerkenswert, dass die Verse 43 und 44 in Lk 22 in mehreren alten Handschriften fehlen. Die Ursache liegt auf der Hand. Die Abschreiber haben gemeint, die Stelle gehe zu weit, sie mache Christum zu sehr zu einem Menschen. Aber gerade dieser Umstand verleiht den Versen ihren wahren Wert. Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, dass Christus in dem Evangelium des Lukas vornehmlich in Seinem Charakter als Mensch betrachtet wird. In keinem anderen Evangelium finden wir den Herrn so oft im Gebet wie hier. So wurde ihm, nach Seiner Taufe durch Johannes, der Himmel aufgetan, als Er betete (Kap. 3, 21). Gelegentlich bei seiner Verklärung auf dem heiligen Berge lesen wir: „Und indem er betete, wurde das Aussehen seines Angesichts anders usw.“ (Kap. 9, 29; vgl. auch V. 18). Auch vor der Erwählung Seiner zwölf Jünger verharrte er eine ganze Nacht im Gebet (Kap. 6, 12). So tritt denn auch in dem Bericht des Lukas über Gethsemane dieser Charakter des Herrn ganz besonders hervor. Es ist Christus, geoffenbart in der ganzen Schwachheit der menschlichen Natur, dem Ansturm des Feindes und allen Schrecken jener Stunde ausgesetzt, aber zugleich jene wunderbare, göttliche Person, in sich selbst völlig rein und heilig, an die der Tod keine Ansprüche hatte, über die er keinerlei Gewalt besaß. Es ist Christus, der „in den Tagen Seines Fleisches sowohl Bitten als auch Flehen zu dem, der ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen geopfert hat“, und der zugleich Sein Leben freiwillig ließ, indem keine Macht der Welt oder der Hölle imstande war, es ihm zu nehmen. – Das klingt vielleicht wunderlich und widerspruchsvoll für ein unbeschnittenes Ohr, unannehmbar für den Verstand der Menschen, aber für den Glauben ist es das herrliche, wunderbare Geheimnis von der Person unseres hochgelobten Herrn. Er erfreut sich darin, er schaut's und betet an.

An dieser Stelle mögen noch einige kurze Bemerkungen eines anderen Schreibers über die Vorgänge in Gethsemane einen Platz finden. Er sagt: „Im Evangelium Matthäus sehen wir Christum vor allem als das Opfer. Überall tritt uns in wunderbarer Weise Seine völlige Unterwürfigkeit entgegen, aber gleichzeitig, und das ist bemerkenswert, die Tiefe Seiner Leiden. Wenn er an den Kelch denkt, so ruft Er aus: „Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“. Lukas berichtet uns, dass Sein Schweiß wie große Blutstropfen zur Erde fiel. Er war ein Mensch, aber Sein Gefühl von der Schrecklichkeit des Zornes Gottes war vollkommen. In demselben Maße wie Er wusste, was es ist, heilig zu sein, fühlte er auch, was es hieß, vor Gott zur Sünde gemacht zu werden. In demselben Maße wie er die Liebe Gottes kannte und genoss, fühlte er auch, was es war, von Gott verlassen zu sein. In diesem Sinne war Sein Leiden ohne Grenzen, und indem er in Gemeinschaft mit Seinem Vater den Kelch betrachtete, rief er aus: „Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“. Seine Seele durchmaß diese gewaltigen Tiefen, und indem sie es tat, wurde sein Schweiß wie große Blutstropfen, die zur Erde fielen. Wenn Er aber nachher zu den Jüngern zurückkommt, finden wir keine Spur mehr von diesem schrecklichen Kampfe. Er redet so liebevoll mit ihnen, indem er auf ihre Gedanken eingeht, als ob der Kelch überhaupt nicht da wäre. „Also nicht eine Stunde vermochtet ihr mit mir zu wachen?“ fragt er sie. Wie wunderbar ist das! In dem ganzen Leben des Herrn suchen wir vergebens nach einem Falle, wo die Umstände Ihn beherrscht hätten. Er blieb stets er selbst und war allezeit (ausgenommen in jenen drei schrecklichen Stunden, als er von Gott verlassen war) voll von Mitgefühl und Teilnahme für andere. Was seine eigenen Leiden betrifft, so wurde er wie ein Schaf zur Schlachtung geführt. Wie ein Lamm stumm ist vor seinem Scherer, also tat er Seinen Mund nicht auf. Selbst vor Pontius Pilatus sagte er nichts. Ja, Er war stumm, außer wenn es galt, jemand Gnade und Liebe zu erzeigen. Dann offenbarte er, als wäre nichts vorgefallen, vollkommene Güte und vollkommenes Mitgefühl für alle. Obwohl er die Schrecknisse, die vor Ihm lagen, in ihrer ganzen Größe kannte und fühlte, sehen wir ihn doch völlig unterwürfig. Er fühlte sie in Gemeinschaft mit dem Vater, und darum konnte er sich auch mit völliger Ruhe und Teilnahme den Jüngern zuwenden.

Andererseits wünschte Er ihr Mitgefühl: „Bleibet hier und wachet mit mir“. Er war „Gott über alles“, und doch voll und ganz ein Mensch, mit menschlichen Gefühlen und Bedürfnissen, aber niemals forderte er Seine Jünger auf, für Ihn zu beten. Das wäre nicht in Übereinstimmung gewesen mit dem, was er war. Es ist ein sehr köstlicher Gedanke, dass er, der bei Gott war und Gott, geoffenbart im Fleische, in allem fühlte, wie ein Mensch fühlt. Als er Seinen Jüngern sagte: „Wachet mit mir“, fühlte er, dass die Welt wider ihn war, und wünschte, dass die, welche Ihn stets begleitet hatten, bei Ihm sein möchten. Aber ach, sie schliefen! Er wartete auf Mitleid, und da war keines, auf Tröster, und er fand sie nicht. Nichts wurde Ihm hienieden zuteil. Er wurde geübt und geprüft bis zu dem höchsten Grade menschlichen Leidens, aber er war allein in dem ringenden Kampfe....

„Während die Jünger schliefen, war Jesus allein, ganz allein mit seinem Vater, und ging im Geiste mit ihm durch die vor Ihm liegenden Schrecknisse. Um die göttliche Antwort betreffs des Kelches endgültig zu vernehmen, betete Er: „Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“. Ach! es war nicht möglich, dass der bittere Kelch ihm erspart wurde. „Und als er in ringendem Kampfe war, betete er heftiger. Es wurde aber sein Schweiß wie große Blutstropfen, die auf die Erde herabfielen“. Welch ein Kampf! Wer könnte ahnen, was in dieser Stunde in dem Herzen unseres anbetungswürdigen Heilandes vorging? Und doch, wie schon weiter oben bemerkt, gleich nachdem Er in diesem furchtbaren Kampfe gewesen war, kehrte er zu Seinen Jüngern zurück und redete mit ihnen in der freundlichsten Weise. Sie waren vor Traurigkeit eingeschlafen. „Und er sprach zu ihnen: Was schlafet ihr? Stehet auf und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung kommet“.

„Wie wunderbar! Der Herr denkt jetzt nicht mehr an den Kelch, sondern nur an sie! Wo war der Kelch? Er hatte ihn aus der Hand des Vaters genommen, und deshalb war Sein Herz zum Dienst für andere fähig; ja, selbst in dieser schrecklichen Stunde war er zu jedem Dienst bereit (vgl. Lk 22,50+51). Würden wir in unserem geringen Maße alle unsere Übungen, unsere kleinen Kümmernisse zu Gott bringen; um mit Ihm durch alles hindurchzugehen, so wären auch unsere Herzen frei und glücklich, um uns anderen zuzuwenden und für sie Sorge zu tragen. Jesus ging im Geiste mit Gott vollkommen durch die Tiefen Seines Leidens, und eben aus diesem Grunde konnte er nachher voll Frieden sich den Jüngern zuwenden und ihnen zurufen: „Wachet und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung kommet“. Er fühlte, wo er sich befand, aber dies ist das einzige Mal, dass er jenem Gefühl Ausdruck gab durch die Worte: „Wachet und betet!“ Alles was uns begegnet, wird uns entweder zu einer Versuchung, oder zu einer Gelegenheit zum Gehorsam. Für Christum war alles eine Gelegenheit zu vollkommenem Gehorsam. Er sagt: „Der Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ (Joh 18,11). Alles was uns entgegentritt, wird entweder zu einer Sache, in der wir Christo dienen, oder zu einer Gelegenheit, unseren eigenen Willen zu tun. Und den tun, heißt in Versuchung kommen“.

Zum Schluss möchte ich nur noch kurz hinweisen auf die äußeren Umstände, die den Kampf und das Leiden des Herrn in Gethsemane erschwerten und vertieften. Sein Weg durch diese Welt war vollendet, die Stunde war gekommen, dass er zu dem Vater zurückkehren sollte. Aber der nächste Zweck Seiner Sendung war nicht erfüllt: Jakob war nicht zu Gott zurückgebracht und Israel nicht gesammelt worden. Vergeblich hatte er den ganzen Tag Seine Hände ausgestreckt nach einer widerspenstigen Nation. Nur ein ernstes, schonungsloses Gericht blieb jetzt für das so innig geliebte Volk übrig. Welch ein Schmerz das für das Herz des Messias war, ersehen wir aus Stellen wie Lk 13,34+35; 19,41–44 und anderen. Und nicht nur das, dieses Volk sollte jetzt das Maß seiner Sünden voll machen in der Verwerfung und Ermordung des Sohnes Gottes, dessen Herz brach angesichts ihres bitteren Hohnes und Spottes. Psalm 69,20+27 sollte sich erfüllen.

Doch mehr noch: Alle seine Jünger sollten sich in dieser Nacht an ihm ärgern und ihn ganz allein lassen. Einer von ihnen würde Ihn verraten, ein anderer ihn verleugnen. Selbst die Genossen Seiner Verklärung auf dem Berge sollten sich als unfähig erweisen, auch nur eine Stunde mit Ihm zu wachen. So weit reichte ihre Liebe zu ihm nicht. Der Mann Seines Friedens, auf den er vertraut, der so lange sein Brot gegessen hatte, erhob seine Ferse gegen Ihn, verkaufte Ihn für einen elenden Preis an Seine Feinde und verriet ihn mit einem Kuss! (Ps 41). Keiner verstand ihn, niemand fühlte mit ihm. Einsam und allein, von allen verlassen, musste er Seinen Leidensweg gehen. „Ich gleiche dem Pelikan der Wüste“, so hören wir ihn klagen im 102. Psalm, „bin wie die Eule der Einöden. Ich wache, und bin wie ein einsamer Vogel auf dem Dache“; und im 88. Psalm: „Freund und Genossen hast du von mir entfernt, meine Bekannten sind Finsternis“. Wie sehr verlangt die Schwachheit der menschlichen Natur nach einem mitfühlenden Herzen, nach einem Wort des Trostes und der Ermunterung, wenn schwere Stunden kommen, wenn die Zukunft dunkel und drohend vor uns liegt! Kann auch niemand das Leid abwenden, muss auch der Kelch getrunken werden, wie wohltuend ist doch ein mitfühlender Blick, ein liebevoller Händedruck, ja, schon die bloße Gegenwart eines menschlichen, fühlenden Wesens! Jesus war ganz allein! Seine Jünger schliefen, schliefen immerzu, trotz der herzlichen Bitte des Heilandes, nur eine Stunde mit Ihm zu wachen. Jesus war gekommen als der König Israels, als der wahre Sohn Davids, dem alle Rechte an Sein Land und Volk wie an die Verheißungen gebührten. Er war die Wurzel und das Geschlecht Davids, den David selbst im Geiste „Herr“ genannt hatte. Aber er musste allem entsagen. Statt eines königlichen Diadems sollte eine Dornenkrone Sein Haupt zieren. Statt königlicher Ehren sollten Ihm Faustschläge, Backenstreiche, Geißelhiebe, „Schmach und Speichel“ zuteil werden. Zum Spott sollte er mit purpurnem Gewande bekleidet, und statt des Zepters sollte Ihm ein Rohr in die Rechte gegeben werden. Statt des „Hosianna dem Sohne Davids!“ sollte das „Kreuzige, kreuzige!“ ertönen. Den Thron Davids sollte er mit dem Fluchholze vertauschen. Der Kreuzestod, die schrecklichste, grausamste und qualvollste aller Todesarten, stand ihm bevor, und unter Räubern und Missetätern war sein Platz bestimmt. Und wo und von wem sollte er alles erdulden? In dem Hause derer, die Ihn liebten, sollte Er geschlagen werden (Sach 13,6). Sein eigenes Volk würde Ihn ermorden! Dessen Leiter würden sich freuen an dem bitteren Spott des Herodes, an der Ungerechtigkeit des Pilatus, an der Grausamkeit der Kriegsknechte, und endlich an seinem Kreuze vorübergehen und den Kopf über ihn schütteln, der doch ihr Gott und Heiland war!

O, wer könnte ermessen, was das vollkommen menschliche Herz unseres Herrn und Heilandes gelitten hat, als alles das auf Ihn einstürmte, als Satan Ihm alle diese Dinge vor die Seele stellte! Welch eine Versuchung, welch ein Kampf! Und alles kam über Ihn, obwohl er Sohn war, der geliebte Sohn Gottes, die Wonne des Vaters, der Gegenstand der Anbetung der himmlischen Heerscharen, der da sagen konnte: „Ehe Abraham ward, bin ich“, und: „Brechet diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten“ (Joh 8,58; 2,19).

Dies führt uns zu dem herrlichen, aber leider auch so vielfach missverstandenen Ausspruch des Apostels In Heb 5,8, dass er, „obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte“. Gehorchen war eine ganz neue Sache für den Sohn Gottes. Nie hatte er in der Ewigkeit Gelegenheit gehabt, zu gehorchen. Gehorsam bedingt eine Stellung der Abhängigkeit von einem anderen, aber der Sohn Gottes war nicht in dieser Stellung, in diesem Verhältnis. Er war der Schöpfer, Herr und Gott über alles, der Höchste, der Gebieter. Aber als er in diese Welt kam und Knechtsgestalt annahm, lernte er Gehorsam, und zwar an dem, was er litt. Sein ganzer Pfad von der Krippe bis zum Kreuze war ein unaufhörliches Leiden, eine ununterbrochene Kette von Erprobungen Seines Gehorsams in der Stellung der Abhängigkeit, in die er aus Gnaden eingetreten war. Der Pfad des Gehorsams durch eine sündige Welt, wo Satan regiert, ist Leiden. Und immer ernster wurden die Proben für unseren geliebten Herrn, immer heißer die Versuchungen, die von außen 3  an ihn herantraten, bis sie endlich in Gethsemane ihren Höhepunkt erreichten. Aber lieber wollte er alles erdulden, lieber verachtet, verworfen, verhöhnt und verspottet werden, lieber den Tod erleiden, selbst wenn dieser unter dem Charakter des Zornes Gottes und des Gerichts wider die Sünde an Ihn herantrat, als ungehorsam sein. Lieber wollte Er den bittersten Kelch trinken, lieber „in die Grube des Verderbens, in kotigen Schlamm“, hinabsteigen (o, was musste das für seine heilige Seele sein! – und wäre er nicht hinabgestiegen, so würde sie noch auf unserem Wege liegen), als den Willen Seines Vaters unerfüllt lassen und Ihn nicht völlig und in jeder Beziehung verherrlichen. Alle Proben und Versuchungen brachten nur Seinen vollkommenen Gehorsam zum Vorschein. Er litt unendlich, unaussprechlich, aber nie begegnete eine Versuchung irgendeiner Regung des eigenen Willens, nie fand sie den schwächsten Anknüpfungspunkt in Seinem Innern. Ja, wenn selbst die ganze Macht des Bösen, des Todes und Satans sich vereinigte, um Ihn zur Zurückweisung des schrecklichsten Kelches zu veranlassen, der auf dem Pfade des Gehorsams für ihn lag, und der unser Heil und die Verherrlichung Christi als Mensch in sich schloss, wenn Satan die höchsten Anstrengungen machte, um ihn zu Fall zu bringen, klammerte er sich nur umso fester und inniger an Gott, um nicht in die Versuchung zu kommen, sondern den Pfad des Gehorsams zu verfolgen, mochte er ihn auch in die tiefsten Abgründe der Leiden hinabführen.

Und in dieser Hinsicht ist Christus auf Seinem ganzen Wege, ja selbst in Gethsemane, so unendlich und unbegrenzt; auch Seine Leiden waren - im Vergleich mit den unsrigen - ein Vorbild für uns. Auch wir haben zu wachen und zu beten, ja, vielleicht im Gebet zu ringen, um nicht in Versuchung zu kommen, nicht in sie hineinzugehen. Zuweilen, wenn z. B. eine Drangsal, eine Schwierigkeit über uns kommt infolge eigener Schuld (bei Christo war es selbstverständlich stets andere Schuld), kann es gar schwierig werden, sich den Wegen Gottes willig zu unterwerfen. Dasselbe ist der Fall, wenn der Weg des Gehorsams, der Aufrichtigkeit, mit einem Wort der Pfad des Lebens, in irgendeiner Weise peinlich, schmerzlich wird. Vielleicht liegt gleich neben ihm ein viel leichterer Pfad, ein Pfad, der dem Auge des Fleisches sehr verlockend erscheint. Dann ist es in unseren kleineren Prüfungen und Schwierigkeiten auch unser Teil, zu wachen und zu beten, dass wir nicht in Versuchung kommen. Der Weg des Lebens ist stets ein mühsamer Pfad, der das Herz auf die Probe stellt (vgl. Ps 16). Aber Gott wird auf ihm gefunden, und sein Ausgang ist zur Verherrlichung Gottes und herrlich für uns. Möge Gott uns auf diesem Wege erhalten! Wir bedürfen dazu Seiner Gnade. Zuweilen mag selbst ein Ringen im Gebet in Seiner Gegenwart nötig werden, um standzuhalten und auszuharren. Aber er, der überwunden hat, ist mit uns. Und wenn wir mit Gott durch das Peinliche und Beunruhigende der Umstände hindurchgegangen sind, so werden diese selbst, wenn sie wirklich eintreten, nur zu einer Gelegenheit werden, unseren Gehorsam zu beweisen. So war es in Vollkommenheit mit Christo, unserem herrlichen Vorbilde, und in demselben Maße wie wir Seinem Beispiel folgen, werden wir in unserem praktischen Leben Ihm ähnlicher werden und nach unserem geringen Teile dieselben Erfahrungen machen dürfen wie Er, zu Gottes Ehre und Herrlichkeit.

Fußnoten

  • 1 Es ist bereits von anderer, berufener Seite darauf hingewiesen worden, dass der griechische Ausdruck (genomenos en agonia), den Luther durch: „und es kam, dass Er mit dem Tode rang“, verdeutscht hat, gar nicht diesen Sinn hat. Das Wort „agonia“ bezeichnete zur Zeit der Abfassung des Evangeliums einen heftigen, ringenden Kampf, eine tiefe innere Angst, nicht aber den Todeskampf eines Sterbenden, den Beginn der Auflösung. „Damit aber ist dieser Auffassung des Leidens Christi und allen weiteren daraus sich ergebenden Schilderungen und Folgerungen die letzte Stütze entzogen“. (vgl. D. Dr. Cremer, Gethsemane. Ein Beitrag zum Verständnis der Geschichte Jesu usw.) – Welche Bedeutung; man dem Worte „Agonie“ in späterer Zeit beigelegt hat, kann hier nicht in Betracht kommen.
  • 2 Denn das würde heißen, Unglaube und Misstrauen hätten Seine Seele erfüllt, Sein Auge verdunkelt, Sein Herz umnachtet und Seine Gemeinschaft mit dem Vater, wenn auch nur für kurze Zeit, unterbrochen. Er wäre nicht mehr der Vollkommene, der da sagen konnte: „Ich habe Jehova stets vor mich gestellt; weil Er zu meinen Rechten ist, werde ich nicht wanken“ (Ps. 16,8). Oder: „Beharrlich habe ich auf Jehova geharrt, und Er hat sich zu mir geneigt und mein Schreien gehört“ (Ps. 40,1). Wohl war für Ihn der Gedanke an den scheinbaren Misserfolg all Seiner Bemühungen der Liebe tiefschmerzlich, ein bitterer Wermutstropfen in dem Kelch Seiner Leiden (vgl. die oben angeführte Stelle aus Jes. 49). Aber wenn Er davon redet und die Gefühle Seines Herzens dem Vater vorstellt, fügt Er sogleich hinzu: „Doch mein Recht ist bei Jehova und mein Lohn bei meinem Gott“; und: „Ich bin geehrt in den Augen Jehovas, und mein Gott ist meine Stärke geworden“. Niemals hat Sein Vertrauen auch nur für einen Augenblick gewankt. Wenn Johannes der Täufer an Ihm irre wird, wenn Jesus sogar über die Städte Chorazin und Betshsaida und über Kapernaum, „Seine eigene Stadt“, Sein „Wehe“ ausrufen muss, wenn endlich ganz Israel beweist, dass es den ernsten und liebevollen Mahnungen Gottes gegenüber gefühllos und feindselig bleibt, wenn man Johannes den Täufer einen „Besessenen“' und den Sohn des Menschen einen „Fresser und Weinsäufer“ schilt, – erhebt Er Sein Auge nach oben und spricht: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dieses vor Weisen und Verständigen verborgen hast, und hast es Unmündigen geoffenbart. Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir“ (Mt. 11). Ja, selbst auf dem Kreuze, in der furchtbaren, unbeschreiblichen Seelenqual des Verlassenseins von Gott, blieb Sein Vertrauen unerschüttert. Er schrieb Gott nichts Ungereimtes zu. Dem Rufe: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ folgt unmittelbar: „Doch du bist heilig, der du wohnst unter den Lobgesängen Israels` (Ps. 22, 1. 3).
  • 3 Innerlich gab es keine Versuchung für Ihn, denn Er war ohne Sünde, heilig und rein. Er ist in allem versucht worden wie wir, ausgenommen die Sünde. Sie fand nie und nimmer Eingang in Seinem Herzen.
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