Einleitung

Mehr als Jona.

Das Buch Jona ist ein kleines Buch, aber von großer Bedeutung. Es ist keine Allegorie auf mythischer Grundlage, wie zum Beispiel die Sage von Herkules und dem Seeungeheuer – wir haben hier „Worte der Wahrheit“. Es ist keine Geschichte, die ausgedacht wurde, um uns nützliche und wichtige Lehren zu vermitteln. Es ist alles genau so geschehen, wie es uns hier mit einem hohen und herrlichen Zweck von Gott mitgeteilt wird.

Wir alle, die wir an die Inspiration der Heiligen Schrift glauben, zweifeln auch keinen Augenblick an der Wahrheit der Geschichte von Jona. Wir sind überzeugt, dass sich alles genau so ereignet hat, wie es uns vom göttlichen Schreiber erzählt wird. Im Grunde genommen ist auch weniger Glaube nötig, diese einfache, kurzgefasste Geschichte als echt anzusehen, als den zahllosen Hypothesen zu glauben, die aufgestellt wurden, um dem Buch Jona seine übernatürliche Kraft zu nehmen.

Allen, die zweifelnd fragen: „Können sich denn diese wunderbaren, seltsamen Dinge wirklich ereignet haben?“ antworten wir: „Sehen wir nicht täglich, sei es in einer Familie oder bei einer einzelnen Person, wunderbare und seltsame Dinge geschehen? Und ist Gott nicht der Gott, der Wunder tut, dem nichts unmöglich ist?“

Wir dürfen annehmen, dass Jona selbst der Schreiber des Buches gewesen ist. „Und das Wort des HERRN erging an Jona ...“, lesen wir im Anfang. Wir gewinnen hier den Eindruck, dass Jona die Gedanken, die ihn erfüllten – Gedanken, die Gott ihm eingegeben hat – als Prophet selbst aufschrieb, um sie für alle Zeiten in diesem Buch niederzulegen. Wie David es in einigen seiner Psalmen tut, so hat sich hier auch Jona nicht gescheut, seine Fehler und Schwächen, die verkehrte Gesinnung seines Herzens, frei und offen zu schildern.

Jona wagt es wiederholt, Gott zu widersprechen, aber am Schluss seiner Geschichte lässt er Gott das letzte Wort. Sein Schweigen dort ist ausdrucksvoller als ganze Bücher.

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Nach dem Bericht eines Assyrers gibt es in Assyrien, dessen Hauptstadt Ninive war (1. Mo 10,11), noch immer einen Platz, der das „Grab Jonas“ genannt wird. Der Volksmund hat hier seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, dass Jona wirklich gelebt hat.

Jona wird in Kapitel 1 Sohn Amittais genannt. Dieser Zusatz macht uns aufmerksam auf 2. Könige 14, wo wir auch einen Jona finden, Sohn des Amittai, von dem gesagt wird, dass er der Prophet aus Gat-Hepher war. Wir können als sicher annehmen, dass es derselbe Mann ist, der hier erwähnt wird. Merkwürdig ist, was uns von ihm gesagt wird: „Er (Jerobeam II.) stellte die Grenze Israels wieder her, vom Eingang Hamats bis an das Meer der Ebene, nach dem Wort des HERRN, des Gottes Israels, das er geredet hatte durch seinen Knecht Jona, den Sohn Amittais, den Propheten, der von Gat-Hepher war. Denn der HERR sah, dass das Elend Israels sehr bitter war und ... dass kein Helfer da war für Israel. Und der HERR hatte nicht gesagt, dass er den Namen Israels austilgen würde unter dem Himmel weg; und so rettete er sie durch die Hand Jerobeams, des Sohnes des Joas“ (2. Kön 14,25–27). Der Prophet Jona, von dem das Buch Jona spricht, hat als Prophet des Zehnstämmereichs die Wiederherstellung Israels prophezeit. Der Herr würde sich über das Volk, das keinen Helfer hatte, wieder erbarmen. Unter der Regierung Jerobeams II. wurde dieses Wort Jonas erfüllt. Reiche Segnungen werden den zehn Stämmen zuteil. Jona muss es als einen schönen Auftrag empfunden haben, die Wiederherstellung seines geliebten Volkes ankündigen zu dürfen. Er tat dies in der glücklichen Gewissheit, dass seine Prophezeiung in Erfüllung gehen würde. Wir sehen also auch aus der Geschichte Israels, die in den Büchern der Könige aufgezeichnet wurde, dass der Jona, von dem das Buch spricht, wirklich ein bekannter Prophet gewesen ist.

Der Sohn Gottes selbst hat mehr als einmal über Jona gesprochen. Daran erkennen wir, dass Jona keine sagenhafte Gestalt und sein Buch keine dichterische Phantasie ist, sondern dass der Mann, der diesen Namen trug, tatsächlich existiert und seine Geschichte sich so abgespielt hat, wie sie uns sein Buch in kurzen Zügen vor Augen stellt. Der Herr Jesus redete über ihn als über einen Propheten, der wirklich gelebt und die im Buch Jona erzählten Erlebnisse durchgemacht hat. An drei Stellen in den Evangelien (Mt 12,38–41; 16,4; Lk 11,29–32) finden wir Hinweise auf die großen Erlebnisse Jonas. Daraus geht deutlich hervor, dass die zwei wichtigsten Vorfälle, die immer wieder durch Ungläubige angezweifelt werden, durch den Herrn Jesus bestätigt werden: 1. dass Jona im Bauch des großen Fisches gewesen ist; 2. dass er in Ninive war und dort mit großem Erfolg gepredigt hat.

Kein Wort wird von dem treuen Meister über Jonas Untreue gesagt. Er spricht nur über das Gute. Jona war ein Zeichen, denn er war wie einer, der von den Toten auferstanden ist. Und er predigte mit vollem Erfolg, auf sein Wort hin bekehrten sich die Männer von Ninive. Der Herr Jesus erwähnt diese Tatsachen, um den Juden ihre Verderbtheit zu zeigen, denn während die Heiden auf Jona hörten, verwarfen die Juden den Einen, der mehr ist als Jona.

Wenn also Christus selbst das Buch Jona in allem als Gottes Wort anerkennt und daraus Stellen zur Warnung für das Volk Israel in seinen Tagen benutzt und sogar noch die Geschichte von „Jona im Bauch des Fisches“, von der viele meinen, dass man unmöglich an sie glauben könne, als Tatsache ausspricht, dürfen wir es dann auch nur einen Augenblick wagen, an der Wirklichkeit zu zweifeln? Wer sich dessen schuldig macht, wird es vor dem Richterstuhl Christi zu verantworten haben.

Das Buch Jona ist historisch, und Jona war ein Prophet des Herrn.

Wenn wir nun auf das, was uns dieses Buch mitteilt, hören wollen, so hören wir auf den Einen, der mehr ist als Jona. Gott selbst spricht darin zu uns durch seinen Geist, und es ist der Geist Christi, der uns in diesem wunderbaren Buch begegnet.

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Jona ist, soweit wir wissen, der einzige Prophet, der einen bestimmten Auftrag für die Heiden bekommen hatte. Alle Propheten wirkten in Juda oder Israel, überschritten wohl auch zuweilen die Grenzen Israels und beschäftigten sich dort mit einzelnen Personen, aber ihre Verkündigung war nicht direkt für die Heiden bestimmt. Hier nun finden wir einen Mann aus Israel, den der Herr selbst in eine große heidnische Stadt gesandt hat. Er sollte dort das Wort Gottes in aller Strenge und allem Ernst verkündigen, um ihnen schließlich – Jona selbst hat das sehr gut begriffen – wenn sie auf ihn hören sollten, im Namen des Herrn Vergebung anzubieten. Es war also eine frohe Botschaft für die Völker.

Wie wird Jona selbst, wenn er sich später tiefer in die Gedanken Gottes versenkte, die er unter der Leitung seines Geistes niederschrieb, davon ergriffen worden sein! Welch einen ernsten Weg musste Gott mit ihm gehen! Welch ein Gott der Rettung ist dieser Gott Israels!

Das Buch Jona ist ein besonderes prophetisches Buch, ganz anders als die übrigen. Es gehört zu den zwölf kleinen Propheten, aber in keinem der anderen Bücher finden wir fast ausschließlich die Geschichte des betreffenden Propheten. Wir hören lediglich von dem, was Gott ihnen gab, um anderen zu predigen.

In einem geschichtlichen Buch finden wir den Lebensweg einer oder mehrerer Personen beschrieben, ihre Fehler, ihre guten Seiten; nicht so in den prophetischen Büchern. Wir können wohl hier und da – zum Beispiel in Jesaja, Jeremia, Hesekiel und den kleinen Propheten – aus manchen Stellen folgern, welches Lebensalter die Propheten hatten, zu welchem Stand sie gehörten, welcher Arbeit sie nachgingen. Aber ihre Geschichte ist uns darin nicht so mitgeteilt wie bei Jona. Und doch ist sein Buch kein geschichtliches, sondern ein prophetisches Buch, das mit in die Zahl der prophetischen Bücher eingereiht wurde. Warum? Ist es, weil es eine Prophezeiung enthält, die nicht erfüllt wurde, als Ninive auf Jona hörte und sich bekehrte? Nein, weil die Geschichte Jonas, die uns in diesem Buch mitgeteilt wird, eine Prophezeiung ist.

Hier wollen wir einen Augenblick stillstehen, bevor wir das Buch kapitelweise betrachten.

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Das ganze Buch Jona mit all seinem Geschehen ist Prophezeiung und zwar sowohl in Bezug auf das Volk Israel als auch auf Christus.

Betrachten wir zuerst das Buch Jona als Prophezeiung über Israel. An dem großen Versöhnungstag lesen die Juden merkwürdigerweise das Buch Jona. Ein Christ fragte einst einen Rabbiner nach dem Sinn dieses Brauches, der, weil es ein Bekenntnis war, leise entgegnete: „Wir sind Jona“.

Das Buch Jona schildert uns Israel als das auserkorene Volk, das zum Segen der Heiden ein Prophet des Herrn hätte sein sollen. Jona bedeutet Taube. Als ein Bote des Friedens hätte Israel seiner Aufgabe entsprechen sollen. Es hätte überall auf den unruhigen Wassern der Welt von dem Frieden, der nur in Gott, in dem Herrn, dem Ewig Treuen, zu finden ist, sprechen sollen. Aber das Volk hat dies nicht gewollt. Es hat sich der Gnade Gottes und seinen Gedanken der Liebe widersetzt und ist ungehorsam gewesen. Es ist von dem Angesicht des Herrn hinweggeflohen und bezahlte „sein Fahrgeld“ (Jona 1,3), überzeugt, das den Umständen entsprechend Richtige getan zu haben. Nun konnte es sich ausstrecken, sich ruhig niederlegen, wie Jona, der mitten im Sturm geschlafen hat.

Als aber Israel von dem Angesicht Jahwes hinwegfloh, fort von Gott, und die Botschaft, die Gott ihm aufgetragen hatte, nicht ausrichtete, kam es ins Meer, in das unruhige Meer der Völker.

Das Schiff, das nach Westen fuhr, stellt die Heiden, die Nationen dar, und das Meer sind die Völker, in die Israel wie ein Ausgestoßener geworfen ist. Wir lesen nun in der Geschichte Jonas, dass, als der große Sturm aufkam und das Schiff zu zerbrechen drohte, die Schiffsleute voll Furcht zu ihren Göttern riefen. Schließlich wandten sie sich jedoch an den wahren Gott. Sie opferten Ihm und taten feierliche Gelübde. Und Gott erbarmte sich über die Heiden, während Israel verstoßen ist.

Wie kostbar stellt uns Paulus diese Tatsache in Römer 11 vor Augen. Gott kann Böses in Gutes verwandeln. Eigentlich hätte das Schiff mit seiner Mannschaft wegen Jonas Untreue umkommen müssen. Doch das stimmte, wie uns diese Geschichte zeigt, mit Gottes Gnadenabsichten nicht überein. Gleicherweise hätte die ganze Welt wegen Israels Untreue umkommen müssen. Aber Gott ist ein Gott der Gnade. Obwohl Er das Böse verurteilt, will Er sich doch wieder über sein Volk erbarmen. In seiner Gerechtigkeit setzt Er Israel für eine Zeit zur Seite, aber nicht für immer, wie uns die weitere Geschichte Jonas beweist. Inzwischen aber empfangen die Völker die Segnungen des Erlösers der Welt, von dem Jona im Fisch ein so deutliches Vorbild ist.

Von Herzen stimmen wir mit dem überein, was Pastor J. G. Kunst einmal über Jona im Sturm und Jona im Fisch schrieb: „Israel war Gottes Volk. Aber es tötete die Propheten und steinigte die von Gott zu ihm gesandt waren und blieb verstockt in seiner Abgötterei. Darum musste seine Verwerfung als Volk Gottes kommen. Israels Gott suchte nun die Heiden. Im Sturm beteten die heidnischen Schiffsleute, während Jona in falscher Ruhe schlief. So wird es mit Israel gehen. Die Heiden kommen und fragen nach der Rettung des Herrn, während Israel in Verstockung verharrt. Die Schiffsleute gerettet, Jona hinausgeworfen: das zeigt uns an, dass das Hinwenden Gottes zu den Heiden die Verwerfung Israels sein wird. Dabei muss ein Opfer gebracht werden. Jona ins Meer geworfen, zum Opfer gebracht für die Rettung der Seeleute, weist hin auf das eine Opfer, das die Rettung der Welt bedeutet.“Aber Jona, ein Bild des Opfers Christi, was wir später näher betrachten wollen, ist zunächst ein Bild von Israel, das während der Gnadenzeit der Völker unter die Nationen zerstreut ist. Geistig und national befindet sich Israel seit seiner Verwerfung wie in einem Grab. Das Grab sind die Völker. Indessen reden die Propheten aber auch davon, dass Israel einmal in ferner Zukunft wieder aufleben wird. „Deine Toten werden aufleben, meine Leichen wieder aufstehen ... die Erde wird die Schatten herausgeben“ (Jes 26,19). Drei Tage und Nächte war Jona im Innern des Fisches und wurde dann auf das Land ausgeworfen. Das sagt uns, dass Israel nach einer Zeit der Züchtigung und Drangsal zur Einkehr kommen wird. Der dritte Tag, der Tag der Auferstehung, wird für Gottes Volk anbrechen (Hos 6,1–3).

Wie schon gesagt: Israel hatte sich verhärtet, es wollte nicht hören und musste umkommen. Bald aber wird ein treuer Überrest sich wieder zu Gott wenden. Der gläubige Prophet ist hiervon ein Vorbild. Zu jeder Zeit gab es einen treuen Überrest für Gott. Und so wird es auch in der Zukunft sein.

Sacharja prophezeit in Kapitel 12 über Jerusalem und Juda, dass es in tiefer Reue seine Schuld bekennen wird, und in Hesekiel wird an verschiedenen Stellen die Wiederherstellung der zehn Stämme angekündigt.

Wenn jener Rabbiner sagte: „Wir sind Jona“, dann ist das nicht allein wahr in Bezug auf die Verwerfung, sondern auch auf die Wiederherstellung Israels (Röm 11,21–27). Jona ist sowohl ein Bild des untreuen Volkes als auch des treuen Überrests, der sich in der Bedrängnis zu Gott wenden wird. Zu Gottes Zeit wird der Überrest wieder erscheinen zum Segen für die Völker.

Im Bauch des Fisches, im Grab der Völker, wird Gott dieses Werk bewirken. Auf Grund des Opfers Christi, von dem Jona ein Vorbild ist, wird auch ihnen die Seligkeit geschenkt. Ganz Israel wird also gerettet werden, weil in der Zwischenzeit die Völker, mit denen sich Gott beschäftigte, ihrerseits das Heil verwarfen und dadurch wieder zur Seite gesetzt werden (Röm 11,15.21.22). Ganz Israel bedeutet den gläubigen Überrest, also das Volk, das übrigbleibt, nachdem der übergroße, ungläubige Teil Israels von Gott verworfen wurde und umgekommen ist. Nachdem sie durch Gott in der großen Drangsal unterwiesen worden sind, sollen sie gerettet werden. Und nicht das allein, sie werden ihre Füße auf das Trockene setzen, um als Friedensboten zu den Heiden zu gehen, um diesen das Wort Gottes zu bringen. Sie werden das ewige Evangelium verkündigen und den Menschen sagen, dass die Stunde des Gerichts gekommen ist und man den anbeten muss, der Himmel und Erde gemacht hat (Off 14,6.7).

In der Prophezeiung Sacharjas (Kap. 8,20–22) wird diese zukünftige Berufung Israels sehr schön beschrieben. Zuerst wird angezeigt, dass Gott Juda, das jetzt ein Fluch der Völker ist, zum Segen für alle Nationen gebrauchen wird. Danach fährt der Prophet fort: „So spricht der HERR der Heerscharen: Noch wird es geschehen, dass Völker und Bewohner vieler Städte kommen werden; und die Bewohner der einen werden zur anderen gehen und sagen:,Lasst uns doch hingehen, um den HERRN anzuflehen und den HERRN der Heerscharen zu suchen.-,Auch ich will gehen!‘ Und viele Völker und mächtige Nationen werden kommen, um den HERRN der Heerscharen in Jerusalem zu suchen und den HERRN anzuflehen.“

Dass Gott mit Israel ist, wird dann so klar sein, dass aus allerlei Nationen zehn Männer den Rock eines jüdischen Mannes ergreifen und sagen werden: „Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist“ (Sach 8,23). Es wird dann so sein, wie in Johannes 21 geschrieben steht, dass das Netz nicht reißen wird, wenn es zu des Herrn Zeit auf die rechte Seite ausgeworfen wird, sondern es wird viele große Fische fassen. Jetzt reißt das Netz noch, wie wir in Lukas 5 lesen. Aber wenn der Herr Jesus einmal die bekehrten Juden gebrauchen wird, um überall das Evangelium verkündigen zu lassen, dann werden alle noch auf der Erde übriggebliebenen Nationen im Netz gefangen werden und Gott und seine Rettung finden.

Betrachten wir nun das Buch Jona als Prophezeiung über Christus. Wie herrlich und groß wird uns dann dieses Buch! Jesus war der treue Diener Gottes. Aber obwohl Er kam, um den Willen Gottes zu erfüllen, und obwohl Er dieser Aufgabe auch in allen Dingen gerecht wurde, musste Er ins Grab und blieb drei Tage und Nächte darin. Doch wenn der Herr Jesus durch das Buch Jona vor unsere Augen tritt, möchte ich erst einige Unterschiede zwischen Ihm und dem Sohn Amittais hervorheben. Denn obwohl es wahr ist, dass Jona prophetisch ein Vorbild des Herrn ist, so besteht doch ein gewaltiger Unterschied zwischen beiden und der Art ihrer Sendung.

Jona hatte eine Botschaft des Gerichts jedoch wollte Gott, wenn die Niniviten Buße täten, das Gericht unausgeführt lassen. Jesus hatte eine Botschaft zur Seligkeit. Er sagte selbst, dass Gott Ihn nicht gesandt habe, damit Er die Welt richte, sondern damit die Welt durch Ihn errettet werde.

Jona kam, um gegen die Stadt Ninive zu predigen. Jesus kam, um alle Mühseligen und Beladenen zu sich zu rufen und ihnen Ruhe zu schenken.

Jona war ungehorsam, als er Gottes Auftrag empfing. Jesus hat stets das getan, was Gott wohlgefällig war.

Jona wurde unwillig, wenn er an den Segen dachte, den das heidnische Ninive durch seine Umkehr empfangen sollte. Er wollte den Segen für Israel allein, für sein eigenes Volk, das er für bevorzugt hielt, als ob es besser wäre als andere Völker.

Mit einem Herzen voll brennender Liebe verlangte Jesus nach den Verlorenen, ob sie nun aus Israel oder den Nationen waren. Wegen einer Samariterin machte Er eine ermüdende Reise, und Er blieb unter den Samaritern, obwohl sie Ihn verächtlich behandelten und nicht aufnehmen wollten, bis sie erkennen mussten, dass Er der Erlöser der Welt war.

Jona schlief den Schlaf eines Verhärteten, eines schwer Hörenden, und als er wach wurde, musste er sich selbst schuldig sprechen. Jesus schlief inmitten des großen Sturmes, weil Er ganz beruhigt sein konnte, dass kein Leid Ihn treffen würde. Und als Er aufwachte, strafte Er den See und die Jünger, die furchtsam und kleingläubig waren, obwohl Er doch bei ihnen war.

Jona hat sich für die anderen geopfert, doch war es um seiner eigenen Sünde willen. Er erkannte, dass er den Tod verdient hatte. Er konnte die anderen nur retten, indem er sich selbst in den Tod gab. Jesus hat sich für die anderen geopfert, aber er war unschuldig – die anderen verdienten umzukommen, aber Er gab sich für sie in den Tod und stieg für sie in das „Herz des Meeres“ hinab.

Jona übergab sich als der Schuldige. Jesus gab sich aus Gnade, um die Schuldigen zu retten.

Jona unterwarf sich dem Zorn Gottes, bekannte seine Schuld, stand aus den Toten auf und erfuhr die Gnade des Herrn, die er später verkündigte. Auch Jesus unterwarf sich willig dem Zorn Gottes. Alle Wogen und Wellen des Zornes Gottes gingen über sein heiliges Haupt. Er stieg hinab bis in die untersten Örter der Erde (vgl. Eph 4,9). Er war drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde (vgl. Mt 12,40) mit dem wunderbaren Ergebnis, dass nun die Menschen, später auch Israel, Gnade finden und aus dem Meer des Gerichts gerettet werden können. Er ist gestorben und wurde begraben, aber Er ist nicht umgekommen. Er ist von den Toten auferstanden und verkündigt nun die herrliche Rettung für eine verlorene Welt. Alle, die im Bewusstsein ihrer Schuld zu Ihm kommen und Ihn annehmen, finden Gnade. Wahrlich, welch ein Herr ist er! „Siehe, mehr als Jona ist hier“, konnte Jesus sagen (Mt 12,41). Wer ist Ihm gleich? Er hat nicht auf die Vorrechte seines Volkes geachtet. Er fragte nicht nach persönlichen Gefühlen. Er hat einfach den Willen Gottes erfüllt, und dieser Wille ist, „dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (1. Tim 2,4).

Wie groß die Unterschiede zwischen Jesus und Jona und ihren Handlungen aber auch sein mögen, in dem Opfer, das gebracht wurde, finden wir völlige Übereinstimmung. Das Meer des Grimmes Gottes wird durch beide gestillt. Freuen wir uns deshalb, in Jona nicht allein ein Vorbild von Israel, sondern auch von Christus zu sehen! Dennoch – Jesus ist mehr als Jona, unendlich mehr. In Jona sehen wir den Schatten, in Jesus die Wirklichkeit. Jona weist hin auf Christus, Christus ist die herrliche Erfüllung. Das Weltmeer wurde durch die Sünde eines Menschen aufgewühlt. Der Sturm wurde durch das Opfer eines Menschen gestillt. Auch das Lebensmeer wird aufgewühlt durch die Sünde eines Menschen, aber der Zorn wird auch durch das Opfer eines Menschen gestillt. Er brachte Versöhnung und Frieden.

„Siehe, mehr als Jona ist hier.“

Welch ein Heiland ist Jesus! Der Mensch wollte Gott werden, in Christus wurde Gott Mensch. Der Mensch war hochmütig. Christus erniedrigte sich selbst. Der Mensch wollte zum Himmel aufsteigen. In Christus kam Gott herab, um unter den Menschen zu wohnen. Der Mensch in seinem Hochmut verlangt nach Ehre. Christus erwählte das Kreuz. Wie sollten die Menschen doch auf diesen Jesus hören! Wie sollten doch Christen, Juden und Heiden Ihn lieben, Ihn, der „gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,8). Lasst uns die Augen auf Ihn richten und wiederum ausrufen: „Siehe, mehr als Jona ist hier!“

Männer von Ninive werden kommen. Eine Königin des Südens wird aufstehen, um die zu verurteilen, denen Jesus predigte, die aber nicht hören wollten. In ihren Städten hatte Jesus seine Stimme hören lassen, aber sie kehrten nicht zu Ihm um.

„Siehe, mehr als Jona ist hier!“

Er ist hier, um zu dir zu reden. Er ist in deinem Haus, denn du hast die Bibel. Er ist in deiner Nähe, denn die Heilige Schrift zeugt von Ihm. Es ist die Stimme des Sohnes Gottes, der Retter der Verlorenen, dessen Barmherzigkeit ein Meer von Sünden vergibt, der von allen Gebrechen heilt! Beugen wir uns vor Ihm, mit dem niemand zu vergleichen ist. Lasst uns mit dem Dichter gläubig singen:

Holdsel'ger, treuer Friedefürst,
wie hat Dich nach dem Heil gedürst't,
dem Heil verlor'ner Sünder!
Es floss Dein Blut am Kreuzesstamm,
es floss für uns, o Gotteslamm;
nun sind wir Gottes Kinder.
Freude, Freude!
Durch Dein Sterben
sind wir Erben.
Dort am Throne
gibst Du uns die Siegeskrone.

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