Prophetische Übersicht über die Psalmen

Psalm 25-34

Psalm 25

Dieser Psalm eröffnet eine neue Serie. Er führt uns zurück an den Anfang der Drangsalszeit und damit in die Zeit, zu der die Juden in Massen zurück in ihr Land geführt werden. Unter ihnen offenbart sich früh ein gottesfürchtiger Überrest, der seine Seele aufrichtig zu dem Herrn erhebt (Ps 25,1). Er gibt dem ehrlichen Wunsch Ausdruck, vor dem Einfluss seiner Feinde bewahrt zu bleiben, von Jehova geleitet und über seine Wege belehrt zu werden (Ps 25,2–6). Da die Juden dieses Überrestes realisieren, dass sie in der Vergangenheit nicht gemäß Gottes Willen gelebt haben (vielleicht während der Zerstreuung), fürchten sie, Gott könnte sie wegen ihrer Sünden richten. Dies führt sie dazu, ihre Sünden zu bekennen und seine Vergebung zu suchen. Ihr Sündenbekenntnis bezieht sich zunächst ausschließlich auf ihre persönliche Schuld, die sie während ihres Lebens auf sich geladen haben. Es bezieht sich noch nicht auf die Blutschuld durch die Kreuzigung des Herrn Jesus Christus. Letzteres bekennen sie erst später, wenn sie den Herrn bei seinem Kommen sehen (Ps 51,16; Sach 12,10–14).1 Da der Überrest Christus und sein vollbrachtes Werk am Kreuz nicht kennt, hat er kein gereinigtes Gewissen und folglich auch noch keinen Frieden. Er ist jedoch von einer ehrlichen Gottesfurcht gekennzeichnet und von dem Verlangen, von Ihm den Weg gewiesen zu bekommen (Ps 25,7–14). Aufgrund seines aufrichtigen Wunsches, Gott zu gefallen, erleidet der Überrest Hohn von Seiten seiner Brüder, der abgefallenen Masse der Juden im Land, die kein Herz für Gott haben. Folglich werden sie aus ihrem Elend zu dem Herrn schreien. Von Ihm werden sie ihre Erlösung erwarten, wenn Er erscheinen wird, um Israel zu erlösen (Ps 25,15–22).

Psalm 26

Dieser Psalm ist eine Beschreibung der moralischen Absonderung des gottesfürchtigen Überrestes. Durch den Wusch wahrhaftig vor Gott zu leben und in Gehorsam gegenüber seinem Wort zu handeln (Ps 26,1–3), bemerkt der Überrest, dass er zur Bewahrung eines reinen Gewissens, nicht weiterhin Gemeinschaft mit der Gesetzlosigkeit seiner abgefallenen Brüder haben kann. Daher versucht er moralisch getrennt von den gottlosen Juden zu wandeln (Ps 26,4–5). Doch trotz seiner Absonderung vom Lebenswandel der jüdischen Masse, geht der gottesfürchtige Überrest nach wie vor mit der jüdischen Menge in das Haus Gottes, um Anbetung darzubringen und sich dort seiner Vorrechte zu erfreuen (Ps 26,6–12).

Psalm 27

Trotz der Schmähungen seitens ihrer Brüder erfreuen sich die den Überrest bildenden Juden weiterhin im Herrn und schauen auf Ihn als die Kraft ihres Lebens. Ungeachtet aller Entwicklungen des Bösen rings um sie, legen diese Gläubigen ein völliges Vertrauen auf Gott an den Tag (Ps 27,1–3). Vor allem anderen entspricht es ihrem größten Wunsch, die Privilegien der Anbetung Jehovas im Tempel an dem von Ihm gewiesenen Ort und auf die von Ihm verordnete Weise zu genießen. Dies war ihnen über die vielen langen Jahre der Zerstreuung hinweg verwehrt geblieben (Hos 3,4–5). Zurück im Land wünschen sie sich nichts mehr, als den Herrn in seinem Tempel zu preisen. Sie sind zuversichtlich, dass der Herr ihnen auch in schwierigen Zeiten Schutz sein wird. Sie sehen voraus, wie der Herr Israel – gemäß seinem Versprechen an Mose – über alle Nationen erheben wird (5. Mos 28,13). Dies spornt sie umso mehr an, den Herrn zu preisen (Ps 27,4–6). Im letzten Abschnitt des Psalms nimmt ihre Verfolgung durch die gottlosen Juden zu. Die Juden des Überrestes rufen daher zu dem Herrn, sie von ihren Bedrängern zu befreien. Sie vertrauen jedoch darauf, dass Er es zu seiner Zeit tun wird (Ps 27,7–14).

Psalm 28

Durch die wachsende Zahl derjenigen, „die Frevel tun“ (die gottlosen Juden) verschärft sich auch die Verfolgung des gottesfürchtigen Überrestes. Daher rufen die Juden des Überrestes nun noch eindringlicher als bisher zu dem Herrn. Sie beten, dass der Herr die Gottlosen gemäß ihren bösen Taten richten möge (Ps 28,1–5). In der Zuversicht, dass der Herr ihr Gebet gehört hat, fahren sie fort Ihn zu preisen und warten auf sein Eingreifen (Ps 28,6–9).

Psalm 29

Als Antwort auf das Rufen des Überrestes im vorherigen Psalm erscheint der Herr schließlich in Macht und Herrlichkeit. Dieser Psalm beschreibt (in dem Bild eines Gewitters) das Gericht, das Er ausüben wird, wenn Er zugunsten des leidenden Überrestes eingreift. Der Psalm zelebriert den Tag des Herrn und die Unterwerfung aller menschlichen Macht. Daher beten die Juden des Überrestes den Herrn für seine Weise ihre Gebete zu beantworten an (Ps 29,1–2). Die „Stimme des HERRN“ wird siebenmal erwähnt und spricht von dem anbrechenden Sturm des Gerichts (die Stimme des Herrn ist ein Hinweis auf Gewitter Hiob 37,4–5; 40,9). Die „großen Wasser“, über denen seine Stimme zu hören ist, spricht von den vielen Völkern und Nationen (Off 17,15), die unter sein Gericht kommen (Ps 29,3–4). Die „Zedern des Libanon“, ein Bild des Menschen in seinem Hochmut2 (Jes 2,11–17), werden umgerissen und zersplittern während „Feuerflammen“ (Blitze) von oben losbrechen. Die gewaltigen Kräfte von Blitz und Sturmwind sind Symbole seines verzehrenden Gerichts (Off 8,5; 11,19; 16,18). Vergleiche Lukas 17,24. Die emporragenden Berge von „Libanon und Sirjon“, die von geregelten Systemen menschlicher Regierung sprechen (Jer 51,25; Dan 2,35), sind ebenfalls von ihren Plätzen gerückt. Die Formulierung „macht die Hirschkühe kreißen3“ bezieht sich offensichtlich auf die Neugeburt Israels (Ps 29,5–9). Am Ende wird der Herr als derjenige beschrieben, der „auf der Wasserflut“ thront. Das spricht von den Ihm unterworfenen Nationen zu dem Zeitpunkt, an dem Er uneingeschränkt über alle herrschen wird (Ps 29,10–11).

Psalm 30

Nachdem der Herr gekommen ist, um die Feinde Israels niederzuschlagen (Psalm 29), singen die Juden des Überrestes ein Loblied für den Herrn, der sie befreit hat. Sie preisen Ihn für seine Heilung und Wiederherstellung (Ps 30,2–4) und besingen ihre Befreiung in diesem Lied. Ihr Abend4 des Weinens ist vorüber und „am Morgen ist Jubel da“. Nun beginnt die Dämmerung eines neuen Tages für Israel, da in Christus „die Sonne der Gerechtigkeit [...] mit Heilung in ihren Flügeln“ aufgegangen ist (Mal 3,20). Die Juden des Überrestes sprechen davon, wie der Herr ihre Gebete zu seiner Zeit und zu seiner Verherrlichung beantwortet hat. Ihre Wehklage hat Er „in Reigen verwandelt“ und ihre Zunge singt nun Loblieder (Ps 30,5–13).

Psalm 31

Nun kommt der Tod Christi vor uns.5 Der Inhalt dieses Psalms zeigt, dass der Überrest erst dann den Wert des Werkes Christi für sie am Kreuz erkennt, wenn Dieser zu ihrer Errettung erscheint. Dieses Werk ist der einzige Boden, auf dem Juden – wie auch Heiden und die Kirche Gottes – Segen erhalten können. Dann werden sie auf Ihn blicken, „den sie durchbohrt haben“ und realisieren, dass Er für sie gestorben ist (Sach 12,10). Der erste Teil des Psalms gibt einen Einblick in die Gedankenwelt Christi, während Dieser am Kreuz starb. „In deine Hand befehle ich meinen Geist“ wurde von dem Herrn Jesus zitiert (Lk 23,46). Die Tatsache, dass der Herr diese Worte verwendet, beweist, dass Er zumindest einen Teil dieses Psalms auf sich selbst anwandte6 (Ps 31,2–6a). Die Juden des Überrestes rufen dann anerkennend „Du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Wahrheit!“. Sie sind voll Freude, da sie realisieren, was Er für sie am Kreuz vollbracht hat und dass dies nun die Grundlage ihrer großen Erlösung bildet (Ps 31,6b-9). Anschließend wird wieder die Stimme Christi wiedergegeben, als Dieser sich selbst in die Hand Gottes übergab (Ps 31,11–17).7 Im letzten Teil des Psalms preisen die Juden des Überrestes den Herrn für seine wunderbare Güte und Freundlichkeit (Ps 31,18–24).

Psalm 328

Nachdem der Überrest zur Erkenntnis über den Wert des Todes Christi für sie geführt wurde (Psalm 31), erfährt er nun den wahren Segen von vergebenen Übertretungen und zugedeckten Sünden (Ps 32,1–2). Doch dies geschieht nicht ohne ein vorheriges Bekenntnis seinerseits (Ps 32,4–5). Es folgt das zweifache Ergebnis Gott als einen vergebenden Gott zu kennen: Erstens ein zuversichtliches Bergen in dem Herrn bei Bedrängnis durch jegliche noch existierende Feinde (Ps 32,6–7); und zweitens Führung durch den Herrn auf dem Weg (Ps 32,8–9). Der Psalm endet mit der Ermunterung an die Erlösten, sich in dem Herrn zu freuen (Ps 32,10–11).

Psalm 33

Die Tatsache, dass sich die Gläubigen des Überrestes des Segens vergebener Sünden bewusstwurden (Psalm 32), hat zur Folge, dass sie nun die Ermunterung, sich in dem Herrn zu freuen, die wir am Ende des letzten Psalms gefunden haben, verwirklichen. Sie preisen Ihn „in einem neuen Lied“ als ihren Schöpfer und Erlöser (Ps 33,1–5). Der Psalm sieht das Tausendjährigen Reich anbrechen und sieht voraus, wie die ganze Erde den Herrn fürchten und ehrfürchtig vor Ihm stehen wird (Ps 33,6–11). Israel wird das Volk sein, mit dem sich der Herr als sein Volk identifizieren wird. Es wird gesegnet sein vor allen anderen Nationen der Erde. Der Psalm schließt mit dem gottesfürchtigen Blick des Überrestes auf den Herrn. Diese gläubigen Juden warten nun auf die vollständige Aufrichtung des Tausendjährigen Königreiches Christi (Ps 33,12–22).

Psalm 34

Dieser Psalm setzt den Lobpreis und die Danksagung des vorherigen fort – nur, dass sich der Fokus jetzt auf „allezeit“ geweitet hat. Die Gläubigen des Überrestes Israels fordern nun die ganze Welt auf, sich mit ihnen zu vereinigen, damit sie gemeinsam den Herrn preisen und seinen Namen erheben können (Ps 34,2–4). Sie werden das Evangelium des Reiches predigen und allen Ländern die wunderbare Güte Gottes vorstellen, der sie „aus all ihren Bedrängnissen“ (d. h. aus der Großen Drangsal) errettet hat. Sie werden alle aufrufen, Ihm zu vertrauen. Und sie werden sie ermutigen, zu schmecken und zu sehen, „dass der Herr gütig ist“ (Ps 34,5–9). Israel wird auch für den Herrn als Lehrer der Gerechtigkeit (Jes 2,2–3; 60,17; Mt 28,19–20) die Nationen unterweisen. Es wird sie lehren, den Herrn zu fürchten, auf dass es ihnen wohl ergehe, und sich Ihm zu unterwerfen, damit sie ihr ganzes Leben sowie jeden einzelnen Tag im Königreich genießen mögen. Israel wird die Welt auch vor dem Gericht warnen, dass eilends ausgeführt werden wird („ausrotten“) gegenüber jedem, der unter der Herrschaft Christi das Böse praktiziert (Ps 34,10–23). Vergleiche Psalm 101,3–8, Zeph 3,5 und Sach 5,1–4.

Fußnoten

  • 1 Dies ist der erste der Bußpsalmen. Die Bußpsalmen sind Psalmen, die Sündenbekenntnisse enthalten. Es sind diese: Psalm 25, 32, 38, 41 und 51. Sie beziehen sich im Besonderen auf den jüdischen Überrest, auf dem Blutschuld wegen des Todes Christi liegt. Gott führt mit den Juden dieses Überrestes eine Kontroverse über ihre Schuld. Ohne ihre Sünde zu bekennen, für die sie als Nation schuldig sind, und ohne Christus persönlich anzunehmen, können sie keinen wahren Segen empfangen. Im Verlauf der Drangsalszeit wird ihnen diese Sünde mit zunehmender Intensität auf Herz und Gewissen gedrückt werden. Zunächst sagen sie „Wenn Unrecht in meinen Händen ist“ (Ps 7,4). Dann gestehen sie „Verirrungen“ und „verborgenen Sünden“ (Ps 19,13) ein. In den Bußpsalmen finden wir schließlich Sündenbekenntnisse. Jeder Bußpsalm zeigt wohl eine tiefer gehende Überführung als der vorherige – bis zu Psalm 51, in welchem ein umfassendes Bekenntnis ihrer Blutschuld über die Kreuzigung Christi aus ihnen herausbricht. Auch in Psalm 130 finden wir Sünde und tiefe Buße darüber. Doch dort bezieht es sich auf die ganzen zwölf Stämme (nachdem die zehn Stämme zurückgekehrt sind), die ins Land zurückgehrt sind und am Versöhnungstag durch Seelenübungen gehen.
  • 2 Die Schrift vergleicht Menschen oft mit Bäumen. Vergleiche Lukas 6,43–45; Jes 7,2; 10,16–19.33–34, 65,22; Amos 2,9; Ri 9,8–16.
  • 3 Veraltet für „gebären“. (Anm. des Übers.)
  • 4 Die King-James-Version und Darby übersetzten in Vers 6 denselben hebräische Begriff mit „Nacht“ statt „Abend“. (Anm. des Übers.)
  • 5 W. Kelly: „Brief Hints on the Psalms“, S. 7; H. A. Ironside: „Studies on the Psalms”, S. 179; C. F. Keil und F. Delitzsch, S. 406.
  • 6 Bei der Anwendung ist hier Vorsicht geboten. Der zweite Teil von Vers 6 macht deutlich, wie begrenzt der Psalm auf den Herrn Jesus anwendbar ist. Er brauchte definitiv keine Erlösung. Daher erfordert es Einsicht, welche Teile sich auf Ihn beziehen lassen und welche nicht.
  • 7 „Ungerechtigkeit“ in Vers 11 müsste mit „Bedrängnis“ übersetzt werden.
  • 8 Dies ist der erste der Maskil-Psalmen. Es gibt insgesamt 13: Psalm 32, Psalm 42, Psalm 44, Psalm 45, Psalm 52, Psalm 53, Psalm 54, Psalm 55, Psalm 74, Psalm 78, Psalm 88, Psalm 89 und Psalm 142. „Maskil“ bedeutet „Anweisung geben“. Diese Psalmen enthalten offensichtlich spezielle Anweisungen für den Überrest, welche dieser auch verstehen wird.
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