Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

VII. Belehrungen über Jünger und das Reich der Himmel

In den nächsten knapp drei Kapiteln werden wir durch den Herrn Jesus darüber belehrt, was für Kennzeichen Jünger im Königreich der Himmel tragen sollen. Schon zuvor hat sich der Herr immer wieder an seine Jünger gewandt. Jetzt nennt Er eine Reihe von zusätzlichen, konkreten Hinweisen, die besonders ihre Gesinnung betreffen. Das sind im Einzelnen:

  1. Kein Hochmut, sondern Demut und Demütigung (18,1–14)
  2. Keine Rache, sondern den Widersacher gewinnen wollen (18,15–20)
  3. Kein Bestehen auf Rechten, sondern Vergebungsbereitschaft (18,21–35)
  4. Keine Selbstverwirklichung, sondern Treue (19,1–12)
  5. Keine Verachtung derer, die unscheinbar sind, sondern Wertschätzung (19,13–15)
  6. Kein Trachten nach Reichtum, sondern Hingabe für den Herrn und andere (19,16–26)
  7. Kein Verlangen nach Ehre heute, sondern Warten auf die Wiedergeburt (19,27–30)
  8. Kein Gedanke an Verdienst, sondern das Wissen um Gottes souveräne Gnade (20,1–16)
  9. Jetzt keine Herrlichkeit, sondern Leiden (20,17–23)
  10. Kein Neid, sondern Dienstbereitschaft (20,24–28)

In diesen drei Kapiteln finden wir zunächst die innere Sphäre unter Jüngern und Gläubigen (Kapitel 18). Dann behandelt der Herr den Zustand der Menschen und das Königreich, mehr in einem allgemeineren, äußeren Sinn (Kapitel 19). In Kapitel 20 werden wir schließlich über Dienst belehrt. Mit Kapitel 20,29 beginnt dann die letzte Etappe Jesu auf dem Weg nach Golgatha. In den drei synoptischen Evangelien beginnt diese mit dem Blinden (Markus, Lukas) bzw. den beiden Blinden (bei Matthäus), die dem Herrn begegneten, als Er aus Jericho hinausging.

Das Verhalten im Königreich und in der Versammlung (Mt 18)

In Kapitel 18 kommen wir jetzt zu der vierten großen Rede des Herrn Jesus in diesem Evangelium. Wieder handelt es sich wahrscheinlich nicht um eine einzelne Rede, die an einem bestimmten Ort gehalten worden wäre. Aber der Geist Gottes fügt hier wieder eine Reihe von Aussprüchen des Herrn zusammen, um uns eine Reihe von Grundsätzen für das persönliche und gemeinsame Verhalten von Gläubigen zu verdeutlichen. Dabei geht es zum einen um die Gesinnung der Jünger (Demut), aber auch darum, dass wir nicht zum Anstoß sind. Zugleich zeigt der Herr, welchen Wert Gott einer einzelnen Seele beimisst, um sie zu retten!

Eine weitere Belehrung betrifft unsere Haltung anderen gegenüber und unsere Gesinnung der Vergebungsbereitschaft. Schließlich behandelt der Herr Jesus das schon früher erwähnte Thema der Versammlung (Gemeinde), aber auch, wie Gläubige in biblischer Weise miteinander umgehen sollen.

Dieses Kapitel setzt voraus, dass Christus verworfen und abwesend ist. Daher kann die Versammlung den Platz Christi als Zeugen auf der Erde einnehmen, letztlich auch den Platz, den das Volk Israel durch die Verwerfung seines Königs verwirkt hat. So sehen wir die Wege Gottes mit denen, die seinen Platz hier auf der Erde einnehmen. Die Versammlung wird als Zeugnis für die Gnade und die Wahrheit eingeführt. Wie in Kapitel 16 sehen wir den Zusammenhang von Königreich und Versammlung.

Verse 1–14: Ein Jünger des Herrn ist demütig und hat ein Herz für die Kinder

In den ersten vierzehn Versen dieses Kapitels lernen wir eine – wenn nicht die – wesentliche Haltung, die einen Jünger Jesu auszeichnen soll: wahre Demut. Als Stellvertreter des Herrn auf der Erde sollen sie seine Gesinnung zeigen. Jesus selbst hatte diese soeben erwiesen, als Er, der Er König ist, bereit war, die Doppeldrachme zu bezahlen. Gerade das Bewusstsein der Ihm wesenseigenen Herrlichkeit macht die Haltung der Demut so großartig. Aber nicht nur das: Das Bewusstsein der Herrlichkeit macht Demut erst zu dem, was sie wirklich ist. Bei Christus ist es Selbsterniedrigung, bei uns ist es lediglich die Gesinnung, das zu sein, was wir sind: nichts.

Aber auch für einen Christen kann es die eigentliche, wirkliche Demut geben, nämlich wenn er sich seiner Herrlichkeit, seiner herrlichen Stellung, seiner herrlichen Zukunft und Herkunft, seines verherrlichten Herrn bewusst ist. Aus einem solchen Bewusstsein heraus demütig zu sein wird von Gott besonders wertgeschätzt.

Verse 1–4: Kinder und ihre Botschaft

„In jener Stunde traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wer ist denn der Größte im Reich der Himmel? Und als er ein Kind herzugerufen hatte, stellte er es in ihre Mitte und sprach: Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Königreich der Himmel eingehen. Darum, wer irgend sich selbst erniedrigen wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Reich der Himmel“ (Verse 1–4).

Man kann kaum glauben, dass die Jünger sich „in jener Stunde“ damit beschäftigten, wer der Größte im Königreich ist, nachdem der Herr Jesus soeben eine solche Demut offenbart und kurz zuvor von seinem Tod gesprochen hatte. Wir wissen, dass die Jünger sich mit derselben Frage beschäftigt haben, kurz nachdem der Herr Jesus das Gedächtnismahl eingeführt hatte (vgl. Lk 22,24). Die anderen Evangelien zeigen, dass die Jünger die Wegstrecke in Richtung Jericho für die Diskussion dieser Frage genutzt hatten (vgl. Mk 9,33). Der Herr wusste das und wollte ihre Gewissen in Tätigkeit bringen.

Im Matthäusevangelium geht es nicht um Diener, deren Gewissen aktiviert werden muss. Hier gibt uns der Herr eine andere Lektion. Das Thema dieses Abschnittes ist: Was für eine Gesinnung geziemt sich für einen Jünger im Königreich der Himmel, also in dem Bereich, in dem Jesus als Herr und König anerkannt wird.

Die Frage der Jünger gibt dem Herrn die Gelegenheit, darüber ausführlich zu sprechen. Er muss seinen Jüngern zeigen, dass sie die falsche Perspektive gewählt haben. Im Königreich geht es nicht um Größe; jedenfalls nicht in der Zeit, in der Jünger in erster Linie die moralischen Grundsätze des Reiches verinnerlichen sollen. Groß werden will man in dieser Welt. Das war damals genauso attraktiv, wie dies noch heute ist. Hier zählt die Größe, sei es intellektuell, sei es materiell, sei es physisch oder psychisch. Nicht aber bei unserem Herrn.

Der Herr antwortet zunächst nicht auf die Frage der Jünger. Stattdessen ruft Er ein Kind herzu und stellt es in die Mitte. Dieses Kind kommt gehorsam zum Herrn Jesus und zeigt damit schon eine wichtige Eigenschaft, die Jünger besitzen sollen: die Bereitschaft zum Gehorsam. Wer einem anderen gegenüber gehorsam ist, weiß von sich selbst, dass er nicht groß sein kann. Denn ein Großer befiehlt und bestimmt; er muss nicht gehorchen.

Wahre Größe

Mit dieser Handlung verbindet der Herr noch eine weitere Belehrung. Die Jünger wollten wissen, wer der Größte im Königreich ist. Der Herr muss ihnen zeigen, dass es zunächst einmal darum geht, in das Königreich hineinzukommen. Die Jünger waren besorgt – offenbar jeder von ihnen – ob er persönlich vielleicht der Hervorragendste im Reich sein könnte. Wir dürfen vermuten, dass sie dem Herrn als König immerhin noch den obersten Platz zusprachen. Aber danach sollte doch etwas für sie abfallen. Vermutlich erinnerten sie sich an die Zeit, als David der Verworfene war und von seinen Helden umringt war. Diese waren später, als er als König anerkannt worden war, die auch nach außen hin Großen im Königreich. Waren sie nicht derselben Ehren wert?

Der Herr Jesus richtet die Augen der Jünger, die auf sich selbst sahen, auf das kleine Kind, und mittels des Kindes auf das Eingehen in das Königreich. Nur, wer wie ein solches Kind wird und sich klein macht, kann in das Reich eingehen. Diese Eigenschaft aber soll nicht nur am Anfang des Weges eines Jüngers stehen, sondern die Jünger dauerhaft kennzeichnen. Wenn sie sich also darüber Gedanken machten, ob sie wohl die Größten in diesem Reich wären, muss der Herr ihnen vorhalten: Seid Ihr dann überhaupt (moralisch) in diesem Reich? In dieses Reich gehen nur solche ein, die wie die Kinder werden und umkehren von ihrer Ichsucht. Wer diese Eigenschaften aber nicht mehr verwirklicht, soll ich den als einen Sohn in meinem Reich anerkennen können?

Jesus spricht zuerst von der Umkehr, dann vom „Kind-Sein“. Das erinnert uns an das Gespräch des Herrn mit Nikodemus, in dem Er diesen darauf hinweisen muss: „Wenn jemand nicht von Neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen ... Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, so kann er nicht in das Reich Gottes eingehen“ (Joh 3,3.5). In Johannes 3 lesen wir, wie der Herr Nikodemus über die Notwendigkeit der neuen Geburt belehrt. Diese ist natürlich ein Werk Gottes, das ausschließlich von Ihm ausgeht. Und doch steht dieses Wirken Gottes in Verbindung damit, dass Er einen Menschen zur Umkehr und Sinnesänderung führt.

Nur derjenige, der sich als unwürdig und unfähig, als Sünder und sündig anerkennt, kann in das Reich hineinkommen. Er muss von seinem alten Weg umkehren. Eine solche Umkehr ist nur denkbar, wenn man wie ein Kind wird. Der Herr spricht nicht von einem Menschen, der sich geändert hat bzw. durch die neue Geburt verändert wurde. Ein solcher Mensch ist nach seiner Bekehrung verändert. Aber er ist sogar von Neuem geboren worden, er ist ein ganz neuer Mensch geworden! Dies läuft parallel mit dem, was der Mensch in seiner Verantwortung vor Gott tun muss: Er muss umkehren und Buße tun. Er muss seine Gesinnung vollständig verändern. Davon spricht der Herr hier.

Im Glaubensleben sollen wir in vielen Bereichen wachsen und weiterkommen. Aber was unsere Haltung der Demut, der Kleinheit, der Abhängigkeit betrifft, von der wir hier hören, sollen wir in gewisser Hinsicht stehen bleiben. Das lassen wir nicht hinter uns, sondern diese Eigenschaft eines Kindes soll uns dauerhaft kennzeichnen. Letztlich sollen wir natürlich auch darin zunehmen.

Vielleicht sind diese Worte des Herrn auch eine Antwort auf die Gedanken der Juden und sicher auch der Jünger. Sie dachten, dass es reichte, Sohn Abrahams zu sein, um auch ein Sohn im Königreich zu sein. Genau das aber war eine Illusion! Ohne echte Veränderung im Inneren gab es keinen (moralischen) Eintritt in dieses Reich.

Wie Kinder werden

Hier wird deutlich, dass der Herr nicht meint, dass wir buchstäblich Kinder werden sollen; denn das ist unmöglich. Aber das Besondere an Kindern ist, dass sie sich im Allgemeinen nicht so wichtig nehmen. Besonders ganz kleine Kindern stehen sich selbst nicht im Weg. Sie können Fehler zugeben und einen neuen Weg gehen. Sie sind ehrlich und transparent. Sie spüren, dass sie von ihren Eltern abhängig sind, und das macht ihnen nichts aus. Sie lassen sich führen und gehen an der Hand ihrer Eltern. Das ist die Voraussetzung – geistlich gesprochen – für einen Menschen, um in das Königreich eingehen zu können, aber auch, um in dem Königreich dann den Herrn Jesus zu ehren.

Durch die verneinende Form, „wenn nicht, so werdet ihr nicht“ unterstreicht der Herr Jesus die Notwendigkeit der Umkehr und Demut. Einen anderen Weg kann uns der Herr nicht anbieten. Aber es ist ein gesegneter Weg. Wer in der menschlichen Gesellschaft in Ansehen stehen möchte, muss den Charakter eines Kindes abgelegt haben. Alle Kinder wünschen die Zeit herbei, in der sie nicht mehr als Kinder behandelt werden. In gewisser Hinsicht ist das in dem Reich der Himmel anders.

Denn nur auf diesem Weg ist dann auch im Königreich wahre Größe möglich. Denn „wer sich selbst erniedrigen wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Reich der Himmel“. Damit ist nicht gemeint, dass sich ein Kind erniedrigt, sondern dass wir uns erniedrigen sollen in unserer Haltung, um die Kennzeichen von Kindern zu tragen. Derjenige im Königreich ist groß, der sich ganz klein macht. Der Demütigste ist der Größte im Königreich der Himmel. De facto können wir uns natürlich nicht erniedrigen. Das haben wir in der Einleitung zu diesen Versen bereits festgestellt, „denn wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst“ (Gal 6,3) lernen wir von Paulus.

Das Vorbild Jesu

Aber es gab einen, der sich wirklich selbst erniedrigen konnte und dies auch getan hat: „Denn ihr kennt die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, dass er, da er reich war, um euretwillen arm wurde“ (2. Kor 8,9). Auch Philipper 2,5–8 zeigt uns, wie sehr sich unser Herr erniedrigt hat. Daher steht außer Zweifel, dass Er der Größte im Reich der Himmel ist.

Wir sollen dem Herrn Jesus nachfolgen. Wir sollen als Jünger des Herrn eine Haltung verwirklichen, die Demut offenbart. Zufrieden sein, in den Augen der Menschen verachtet zu werden, nichts zu gelten, das ist die Aufforderung des Herrn an seine Jünger. Menschen suchen leicht die Anerkennung von Menschen, ihr Ansehen. Das kann man auch unter Gläubigen, unter Geschwistern suchen; sogar im Dienst. Aber das ist das Gegenteil von dem, was uns Christus vorgelebt hat! Wer bereit ist, von Menschen gering geachtet zu werden, wird von dem Herrn hoch geachtet!

Verse 5–7: Verhalten gegenüber Kindern und Kleinen

„Und wer irgend ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, nimmt mich auf Wer aber irgend einem dieser Kleinen, die an mich glauben, Anstoß gibt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde. Wehe der Welt der Ärgernisse wegen! Denn es ist notwendig, dass die Ärgernisse kommen; doch wehe dem Menschen, durch den das Ärgernis kommt!“ (Verse 5–7).

In den ersten vier Versen wurden die Kinder zu Vorbildern und zum Maßstab für die Jünger. In den nun folgenden fünf Versen geht es um Konsequenzen, die das Verhalten der Jünger zu den Kleinen hat. Aus diesem Grunde verbinde ich den 5. Vers mit den Versen 6–9, auch wenn er in der deutschen Übersetzung nur mit einem Semikolon von Vers 4 getrennt worden ist.

Der Herr fügt im fünften Vers einen wichtigen Punkt an: „Wer irgend ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, nimmt mich auf.“. Es geht nicht nur darum, selbst klein sein zu wollen. Es geht auch darum, sich um die Kleinen, um die Kinder zu kümmern. Wer ein solches Kind aufnimmt, und zwar nicht, um einen Vorteil zu bekommen, sondern im Namen des Herrn, um des Herrn willen, aufgrund seines Namens – es geht um das Motiv! – der hat damit niemand anderes als den Herrn selbst aufgenommen. Je nachdem, wie man sich den Kindern gegenüber verhält, wird Gott mit seinem Jünger handeln. Wer sie antastete, griff direkt den Herrn Jesus und seinen Vater an. Das erinnert uns an Sacharja 2,12: „Wer euch antastet, tastet seinen [des Herrn] Augapfel an.“

Hier geht es wieder konkret um Kinder. In diesem Sinn ist der vor uns stehende Abschnitt besonders schön. Denn selten können wir so deutlich sehen, was für eine Liebe der Herr Jesus und der himmlische Vater für kleine Kinder haben. Sie sind Gegenstand eines besonderen Interesses und der speziellen Fürsorge des Herrn. Er kümmert sich um jedes einzelne Kind. Wie viel mehr sollten auch wir das tun und diejenigen, die in den Augen vieler so wenig geschätzt werden, mit besonderer Energie aufnehmen. Das gilt letztlich nicht nur für Kinder, sondern auch für die Geringen, die Kleinen, von denen im nächsten Vers die Rede ist – ein weitergehender Begriff als Kinder. Aber auch wir dürfen gerade für Kinder ein besonderes Herz haben.

Wir können diesen Punkt in der Anwendung des Textes auch noch etwas weiter fassen. Wie gering in moralischer, geistiger, geistlicher oder sonstiger Hinsicht ein Christ gesunken sein mag: Wir sollten ihn mit all der Herrlichkeit Christi bekleidet sehen. Genau das ist gemeint, wenn wir einen Menschen im Namen Christi aufnehmen.

Das Lächeln Jesu

An dieser Stelle möchte ich gerne eine Geschichte weitergeben, von der Henry A. Ironside schreibt. Man erzählt, dass ein Diener mit sehr ernstem Gesicht über „die Tränen von Jesus“ predigte. An einer Stelle rief er aus: „Wir lesen in der Bibel, dass Jesus dreimal geweint hat. Aber wir lesen kein einziges Mal, dass er gelächelt hat.“ Ein kleines Mädchen saß unter der Kanzel, vergaß, wo es war, und rief laut: „Ich weiß aber, dass er es getan hat!“ Der Prediger war richtig geschockt durch diese Unterbrechung und fragte: „Wie kommst Du dazu, dies zu sagen, mein Kind?“ Das Kind war richtig verängstigt, als es sah, dass nun alle Augen auf es selbst gerichtet waren. Dennoch antwortete es: „Weil die Bibel sagt, dass Er ein kleines Kind rief. Und es kam zu Ihm. Und ich weiß, dass wenn Jesus so geschaut hätte wie Sie, es viel zu viel Angst gehabt hätte zu kommen.“ Das Mädchen wollte nicht unhöflich sein. Es war einfach die Ehrlichkeit eines Kindes, die diese wunderbare Wahrheit äußerte. Kinder hatten nie Angst vor Jesus, denn Er stand ihnen immer zur Verfügung, um sie zu segnen.

Keinen Anstoß geben

In Vers 6 spricht der Herr davon, dass man anderen zu einem Fallstrick werden kann. In einem ersten Schritt geht es um solche Kleinen oder Geringen, also Kinder oder auch Menschen, die kein großes Ansehen besaßen, die aber an den Herrn Jesus glaubten. Es waren Gläubige, die aber schutzlos waren und daher besonders den Einflüssen von anderen ausgeliefert waren. Wenn jemand einem solchen Kleinen ein Anstoß war, so war das Gericht Gottes für diesen Täter sicher. Schon früher haben wir gesehen, dass „Anstoß“ nicht meint, dass man jemanden im heutigen Sinn des Wortes ärgert. Es geht darum, dass man jemandem zu einem solchen Hindernis wird, dass er das Ziel nicht mehr erreicht. Der Geringe stößt an eine Person oder Sache und kommt damit zu Fall, so dass er verloren geht. Daher auch diese scharfe Ermahnung des Herrn.

Wenn ein Jünger eine Person verführt, die nicht in der Lage ist, eine Meinung oder einen eingeschlagenen Kurs richtig zu beurteilen, dann wäre es für ihn besser, in die Tiefe des Meeres versenkt zu werden, als weiter zu leben. Denn eine solche Verführung ist in den Augen des Herrn so furchtbar, weil Er ein solch besonderes Herz für Kinder und Kleine hat.

Vielleicht wird dieses Bild hier wegen der Gegebenheiten des nahe liegenden Toten Meeres verwendet. Durch den hohen Salzgehalt ist es nötig, dass ein schwerer Mühlstein um den Hals einer Person gehängt wird, damit sie wirklich untergeht. Andererseits könnte dieses Bild auch einfach die drastische Strafe andeuten, die über jemanden verhängt wird, der wehrlose Kinder in die Irre führt.

Man muss beim Überdenken dieses gesamten Abschnittes und auch im Blick auf das Gleichnis am Ende des Kapitels im Hinterkopf behalten, dass der Herr an keiner Stelle der Bibel lehrt, dass ein Gläubiger verloren gehen kann. Aber das Bekenntnis von Jüngern kann immer echt oder unecht sein. Die hier benannte Strafe, die letztlich ewige Verdammnis bedeutet, wird natürlich nur jemandem erteilt, der kein neues Leben aus Gott besitzt. Aber der Herr macht hier keinen Unterschied zwischen wahren und falschen Bekennern, weil Er die ganze Tragweite des Handelns des Menschen verdeutlichen möchte. Er will alle Bekenner in das Licht seiner Worte stellen.

Im Folgenden zeigt der Herr drei Ursachen, wodurch Kinder und Geringe zu Fall gebracht werden können:

  1. Die Welt bietet viele Ansatzpunkte, durch die ein Kind vom Glaubensweg abgebracht werden kann (Vers 7).
  2. Fehlendes Selbstgericht führt dazu, dass ich zum Anstoß für ein Kind werde (Verse 8.9).
  3. Dadurch, dass ich ein kleines Kind verachte – und Kinder spüren das geradezu instinktiv – kann ich es zu Fall bringen (Vers 10).
Das Kennzeichen der Welt

Im siebten Vers zeigt der Herr, dass Ärgernisse typisch für diese böse Welt sind, die ohne Gott lebt. Von dieser ist nichts anderes zu erwarten. Sie sind sogar in gewisser Hinsicht notwendig, weil sich letzten Endes jeder Mensch irgendwann einmal entscheiden muss. Aber das ist keine Berechtigung für mich persönlich, also für einen Jünger, Ärgernisse in die Welt zu setzen. Der Herr spricht über sie ein direktes „Wehe“ aus.

Ein Jünger ist nicht verantwortlich für das, was in der Welt ist. Dafür kann er nichts. Er ist jedoch dafür verantwortlich, was er selber tut. Und wenn er selber Kinder und Kleine verführt, dann macht Gott ihn dafür verantwortlich.

Verse 8–9: Hindernisse im eigenen Leben

„Wenn aber deine Hand oder dein Fuß dir Anstoß gibt, so hau ihn ab und wirf ihn von dir. Es ist besser für dich, verkrüppelt oder lahm in das Leben einzugehen, als mit zwei Händen oder mit zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden. Und wenn dein Auge dir Anstoß gibt, so reiß es aus und wirf es von dir. Es ist besser für dich, einäugig in das Leben einzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle des Feuers geworfen zu werden“ (Verse 8.9).

Der Herr erweitert jetzt das Thema des Anstoßens. Bislang ging es darum, anderen und besonders Kleinen zum Anstoß zu sein. Das ist aber nicht die einzige Zielrichtung eines Anstoßes. Ich kann mir selbst ein Ärgernis in den Weg legen. Darum geht es jetzt. Ähnlich wie schon in der Bergpredigt (Mt 5,27–30) verwendet der Herr Jesus hier sehr drastische Worte. Wenn es in meinem Leben irgendeine Sache, eine Ursache gibt, durch die ich zu Fall kommen kann, soll ich das, was mich in Gefahr bringt, sozusagen abhauen, wegschneiden, vermeiden. Ich kann nichts dafür, wenn andere mir eine Schlinge legen. Ich bin aber sehr wohl dafür verantwortlich, wenn ich in meinem eigenen Leben Dinge zulasse, von denen ich weiß, dass sie mich in Gefahr bringen.

Christus stellt seine Jünger in das Licht ewiger Dinge. Es gibt ein ewiges Feuer, und es ist besser, Verzicht zu leisten, als diesem Feuer anheim zu fallen. Die Strafe hat jetzt nicht mehr mit einer Gefangenschaft in Babylon (wie in Israel) oder mit Zucht in dem regierenden Handeln Gottes (wie im Leben einzelner Gläubiger) zu tun, so hart diese Zucht auch gewesen sein mag. Jetzt geht es darum, endgültig in das Feuer des Gerichts Gottes geworfen zu werden.

Der Herr nennt hier zunächst die Hand und den Fuß (Vers 8). Wenn ich Orte kenne, die mich in Gefahr bringen, vom Glaubensweg hinter dem Herrn Jesus abzukommen, muss ich sie vermeiden. Wenn ich Tätigkeiten kenne – sagen wir das Lesen bestimmter Bücher oder das Benutzen bestimmter „Instrumente“ wie das Internet – die mich immer wieder in Gefahr bringen, soll ich auf sie verzichten bzw. deren Nutzung so praktizieren, dass ich vor diesen Gefahren geschützt werde. Wir lernen also in diesen Versen einerseits die Sorge für andere, sogar für die Schwächsten (Verse 6.7), zugleich aber auch die Sorge um uns selbst, die zu einer gewissen Strenge gegen uns selbst führt (Verse 8.9).

Natürlich geht es nicht darum, sich ein Bein abzuhauen oder ein Arm abzuschlagen. Warum nicht? Weil dann immer noch das andere Bein oder der andere Arm da wäre, der mir in gleicher Weise gefährlich werden könnte. Nein, das Abhauen dieser Körperteile steht stellvertretend für das Selbstgericht, das ich ausführen muss, um jeden Anlass zum Sündigen in meinem Leben zu erkennen und dann meine fleischliche Begierde zu bekennen und von ihr abzustehen. Das geht nur durch ein Bekenntnis, das Beugen unter meinen Zustand und das neue Bewusstsein, dass auch für diese Sünde der Herr Jesus am Kreuz sterben musste.

Wenn jemand dauerhaft bestimmten Begierden und Sünden erliegt, dann stellt sich die Frage, ob er überhaupt ein wahrer Jünger ist. Denn ein echter Jünger des Herrn ist nicht durch Sünde gekennzeichnet und geprägt, wie Johannes in seinem Brief erklärt (vgl. 1. Joh 3,9). Noch einmal – die Frage nach der Echtheit des Glaubens ist hier nicht das Thema. Daher stellt der Herr das Gericht in seiner ganzen Tragweite vor, unabhängig davon, ob es in jedem Einzelfall so weit kommt – dass jemand ins ewige Feuer geworfen wird. Aber das Ergebnis von Sünde im Leben eines Menschen ist der Tod, der ewige Tod.

In den Feuersee, das ist die Hölle, kommt nur ein Ungläubiger. Das wissen wir aus vielen anderen Stellen. Aber wie auch in Römer 8,13 zum Beispiel zu lesen ist: „Wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben“, so richtet sich Gottes Wort an Gläubige, nicht nur an Ungläubige. Und auch in Römer 8 ist nicht vom physischen Tod die Rede. Gerade wir Gläubigen sollten uns bewusst werden, dass Gott es genau nimmt, auch und gerade mit Gläubigen. Daher stellt Er die letztendliche Konsequenz einer Handlung vor, selbst wenn sie im konkreten Fall an einem Gläubigen nicht vollzogen wird.

Das Auge – eine besondere Gefahr für Jünger

Separat spricht der Herr noch von dem Auge des Jüngers. Dieses Einfallstor ist eine besondere Gefahr für Menschen. Denn gerade das, was wir mit unseren Augen aufnehmen, findet so leicht einen Platz in unserem Gedächtnis und auch in unseren Wünschen und dann Begierden. Daher ist es besser, einäugig in das Leben – das ewige Leben, das am Ende des Glaubenslebens steht und der Inbegriff des Segens des 1.000-jährigen Friedensreichs ist – einzugehen, als mit zwei Augen in die Hölle des Feuers geworfen zu werden.

Der Herr wünscht, dass wir jeden Anlass in unserem Leben so ernst nehmen, dass wir die Wurzel für die Sünde beseitigen, den wahren Grund dafür, dass wir vom direkten Glaubensweg hinter dem Herrn Jesus abkommen.

Verse 10–14: Die Fürsorge des Vaters für die Kinder

„Gebt Acht, dass ihr nicht eins dieser Kleinen verachtet. Denn ich sage euch, dass ihre Engel in den Himmeln allezeit das Angesicht meines Vaters schauen, der in den Himmeln ist. Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, das Verlorene zu erretten. Was meint ihr? Wenn ein Mensch hundert Schafe hätte und eins von ihnen sich verirrte, lässt er nicht die neunundneunzig auf den Bergen und geht hin und sucht das umherirrende? Und wenn es geschieht, dass er es findet, wahrlich, ich sage euch: Er freut sich mehr über dieses als über die neunundneunzig, die nicht verirrt sind. Ebenso ist es nicht der Wille eures Vaters, der in den Himmeln ist, dass eins dieser Kleinen verloren gehe“ (Verse 10–14).

Der Herr Jesus kommt nun wieder auf sein Ausgangsthema zurück. Es ging Ihm ja um die Kinder. Es ist Ihm ein besonderes Anliegen, dass niemand die Kleinen verachtet. Wenn der Herr und der Vater diese so wertschätzt, wie sollte das auch für uns ein Anreiz sein, uns im Besonderen um die Kinder und Kleinen zu kümmern. Das ist nicht nur die Aufgabe von Eltern, die kleine Kinder haben. Sie haben diese Pflicht, ja dieses Vorrecht ohnehin. Aber wir alle sind angesprochen, ein besonderes Herz für die Kinder zu bewahren und ihnen ein Vorbild und ein Anreiz zum Guten zu sein.

Man kann diesen Gedanken im Sinne der neutestamentlichen Lehre noch etwas erweitern. Man kann an die Schwachen im Glauben denken, von denen Paulus in seinen Briefen an die Römer und die Korinther spricht: „Den Schwachen im Glauben aber nehmt auf ... Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern richtet vielmehr dieses: dem Bruder nicht einen Anstoß oder ein Ärgernis zu geben“ (Röm 14,1.13). Wenn es um jemanden geht, der in Bezug auf bestimmte Punkte schwach im Glauben ist, indem er meint, dass er bestimmte Dinge nicht tun darf, dann sollen wir ihn nicht aufs Glatteis führen, so dass er etwas tut, was ihn zu Fall bringt. Wir sollen Rücksicht nehmen. Er ist dann im Sinne dieser Verse wie einer der Kleinen. Wir sollen nicht von oben auf ihn herabschauen, sondern einen solchen in Liebe tragen und ihm eine Hilfe sein. Einen solchen zu verachten würde nur Gericht in der Regierung unseres himmlischen Vaters auf uns bringen.

Wie leicht achten wir auch Geschwister gering, die vielleicht nicht so belehrt sind, wie wir es zu sein glauben und denen es möglicherweise an Einsicht mangelt über geistliche Dinge. Vielleicht sind sie nicht in der Lage, sich so auszudrücken, wie wir es von anderen gewohnt sind. Wenn wir sie verachten in unseren Herzen, verachten wir letztlich sogar den Herrn selbst, der sich mit ihnen identifiziert.

Haben Kinder einen Schutzengel?

„Denn ich sage euch, dass ihre Engel in den Himmeln allezeit das Angesicht meines Vaters schauen, der in den Himmeln ist.“ Dieser Satz kommt recht unvermittelt an dieser Stelle und hat Anlass für merkwürdige Gedanken gegeben. Manche haben gedacht, dass dieser Vers lehre, jedes Kind habe einen besonderen Schutzengel im Himmel. Abgeleitet wird dies aus Stellen wie Daniel 10, wo es heißt, dass Michael der Engelfürst für das Volk Israel sei (Dan 10,21) – was er auch ist –, und Apostelgeschichte 12,15, wo die versammelten Gläubigen dachten, der Engel von Petrus stehe vor der Tür.

Dieser Gedanke eines Schutzengels im Himmel ist aber völlig abwegig. Aus Daniel 10 lernen wir, dass Engel sich um bestimmte Völker kümmern. Hebräer 1,14 zeigt uns, dass Engel ohne spezielle Zuordnung einen Dienst an Gläubigen ausführen. Von einem Schutzengel ist aber keine Rede.

Der für „Engel“ verwendete Ausdruck bedeutet sowohl im Hebräischen (Altes Testament) als auch im Griechischen (Neues Testament) Bote als Stellvertreter dessen, für den er steht bzw. gesandt ist. Dieser Stellvertreter – auch der Engel – ist der Vertreter dessen, der ihn sendet. So geht es auch hier schlicht um einen Stellvertreter. Diesen Gedanken finden wir beispielsweise in Offenbarung 2 und 3, wo immer wieder von dem Engel der Versammlung in Ephesus, Smyrna, usw. die Rede ist. Das ist der Stellvertreter der Versammlung vor dem Herrn Jesus und zugleich der Stellvertreter des Herrn in der Versammlung (der Stern, der das Licht Gottes ausstrahlt).

In Apostelgeschichte 12 wiederum ist nicht so sehr der Gedanke, dass Petrus einen Stellvertreter geschickt hätte, sondern dass sein Geist (an seiner Stelle – in diesem Sinn stellvertretend) vor der Versammlungstür stünde. Genau das ist der Gedanke auch hier in Matthäus 18. Es geht darum, dass die Engel der Kleinen das Angesicht des Vaters des Herrn Jesus schauen.

Nun stellt sich die Frage: Geht es hier um lebende Kinder oder um gestorbene? Bleiben wir kurz bei der Grundaussage dieses Verse stehen: Der Herr zeigt, was für einen Wert diese kleinen Kinder für seinen Vater besitzen. Mit diesem „Argument“ warnt er jeden Menschen ausdrücklich davor, solche Kleinen zu verachten bzw. ihnen einen Fallstrick zu legen, dass sie zu Fall kommen.

Welchen besonderen Wert diese Kinder für den Vater1 besaßen, drückt der Herr Jesus aus, wenn Er sagt, „dass ihre Engel in den Himmeln allezeit das Angesicht meines Vaters schauen, der in den Himmeln ist“. Zunächst deutet der Zusammenhang an, dass es sich um lebende Kinder handelt. Denn vom Tod der Kinder ist hier keine Rede. Das ist der Grund, dass der geschätzte Bibelausleger Franz Kaupp in seinem Buch „Biblische Fragen“ schreibt:

„Das Angesicht sehen“ ist ein Ausdruck, welcher der Umgangssprache entnommen ist und von einem Orientalen der damaligen Zeit leicht verstanden wurde, genau wie wir unsere Redensarten dem Leben entnehmen. „Das Angesicht des Königs sehen“ war z. B. eine Redensart, die besagte: zu den Bevorrechteten, Günstlingen usw., Dienern zu gehören, die nicht betroffen waren von dem Brauch, dem Zeremoniell, dass gewöhnliche Untertanen nicht vorgelassen wurden, es sei denn auf gewährten Wunsch oder Befehl, siehe z. B. Jeremia 52,25, Esther 4,11 und andere Stellen.

Der Herr will einfach sagen: Diese Kleinen sind meinem Vater so wertvoll, dass sie als dort seiend, wo Er ist, zu betrachten sind, d. h. im Himmel. Ferner bedeutet dieser Ausdruck, wie Günstlinge das Vorrecht zu haben, zu seiner unmittelbaren Umgebung zu gehören. Und wieso, warum das? Weil sie verloren sind und Er, der Sohn des Vaters, gekommen war, sie zu retten, siehe Verse 11–14.

Beachten wir, dass der Anlass die Frage in Vers 2 nach dem Größeren im Reich der Himmel war, und stellen wir dann noch daneben, wie der Herr sie in seine Arme schließt, sie segnet und von ihnen sagt, dass solcher das Reich der Himmel sei, das heißt, beide entsprechen einander, sind füreinander da, die Kindlein und das Reich der Himmel. So wie der Vater und der Sohn einander entsprechen, so entsprechen einander 18,10.11 und 19,14.15; so deckt sich die beidseitige Einstellung hinsichtlich der Kleinen, der Kindlein.

Es bleibt die Frage, ob der Herr hier wirklich von lebenden Kindern auf der Erde spricht. Denn es fällt auf, dass Er nicht nur den Vater im Himmel sieht, sondern auch die Engel der Kinder. Warum wird ausdrücklich betont, dass diese Engel „in den Himmeln allezeit“ das Angesicht seines Vaters sehen (der in den Himmeln ist)? Mir scheint, dass sich der Herr durch diese doppelte Betonung des Himmels auf die Zeit bezieht, in der die Kinder gestorben sind und ihre Seelen – ihre Engel – im Paradies den Vater schauen.

Gott ermuntert Eltern!

Wir wissen, dass früher die Sterblichkeitsrate von Babys und kleinen Kindern sehr hoch war. Das konnte in Eltern die Frage aufkommen lassen: Wo sind sie? Zudem wurden Kinder leicht verachtet. Der Herr zeigt, dass dies völlig zu Unrecht geschah. Denn wenn diese Kleinen auch schnell auf der Erde vergessen sein mögen, so sind sie im Himmel nicht vergessen. Sie sind noch nicht auferstanden, sondern ihre Seele ist im Paradies (vgl. Lk 16,22). Und dort sehen sie – die Engel stehen einfach für den Geist, die Seele dieser Kleinen – allezeit das Angesichts des Vaters des Herrn. Kann es für sie etwas Großartigeres geben?

Dies ist eine Ermunterung für Mütter und Väter, die früh ihre Kinder verloren haben, vielleicht sogar als Fehlgeburt. Sie dürfen wissen, wie gut es diese Kinder haben. Sie sind im Himmel und genießen die glückselige Freude, den Vater zu sehen. „Aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet“ (Mt 21,16). Und das trifft auch auf die Millionen abgetriebenen Kinder zu.

Fast möchte man da an das Volk Israel denken: Es waren die Kinder, von denen man dachte, dass sie die Wüstenreise nicht überleben würden, die in das Land kamen. Die „Eltern“, die sich wieder zurück nach Ägypten sehnten, kamen nicht im Land an. So auch heute: Viele der Menschen, die meinen, dass Kinder den eigenen Luxus gefährden und die deshalb abgetrieben werden, werden das Angesichts des Vaters nie sehen, weil sie sich nicht bekehrt haben. Aber diese kleinen Menschen, die nie das Licht der Erde gesehen haben, sehen schon jetzt das Angesicht ihres Vaters. So sehr ist unserem Vater an unseren Kleinen gelegen!

Kinder sind Sünder – und doch gerettet!

Das wird auch in dem nächsten Vers unterstrichen: „Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, das Verlorene zu erretten.“ Dieses „denn“ unterstreicht vielleicht, dass der Herr hier wirklich an Kinder denkt, die heimgegangen sind. Gerade für sie ist Er gekommen, für diese Kinder und Kleinen. Sie waren ein Anlass für Ihn, aus der Herrlichkeit des Himmels auf diese Erde zu kommen, um für sie zu sterben. Es fällt auf, dass der Herr Jesus in Lukas 19,10 – das ist die Begebenheit mit Zachäus – den gleichen Satz ausspricht, dort aber sagt: „Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist.“

Warum fehlt in unserem Vers das „Suchen“? Die Antwort scheint darin zu liegen, dass der Herr in Lukas 19 von erwachsenen Menschen spricht. Sie sind nicht nur Sünder, wie alle Menschen. Sie sind Sünder, die ihr Leben in die eigene Hand genommen haben und sich bewusst von Gott entfernt haben. Das kann man von Kindern nicht sagen. Und auf diese nimmt Matthäus 18 Bezug. Die Kinder sind genauso verloren wie Erwachsene. Sie sind Sünder, die einen Retter brauchen. Aber sie haben sich noch nicht auf eigenen, bösen Wegen verirrt, dazu sind sie noch zu klein. Deshalb muss der Retter sie nicht suchen, um sie von ihren falschen Wegen zurückzubringen. Aber erretten musste Er sie, da auch sie eine sündige Natur und gesündigt haben. Aber sie werden dafür als Kinder noch nicht verantwortlich gemacht.

Dieser elfte Vers ist ein wunderbarer Vers in der Bibel. Durch ihn wissen wir sicher, dass alle unsere Kinder, die der Herr zu sich genommen hat, wirklich errettet sind. Er ist speziell für sie gekommen, um für sie am Kreuz von Golgatha zu sterben. Hier geht es nicht darum, dass der Herr die Sünden der Seinen auf dem Kreuz getragen hat. Aber Er hat die Verlorenen gerettet – das steht hier im Fokus. Die Kinder waren noch nicht in der Lage, ihre Sünden zu bekennen und Ihn als Erretter anzunehmen. So gehörten sie nicht zur Versammlung Gottes. Wird sie das in irgendeiner Weise verkürzen? Überhaupt nicht! Wir haben gesehen, dass sie schon jetzt den Vater im Himmel sehen. Und sie werden immer in der Nähe des Herrn und ihres Gottes sein dürfen. Was für einen guten Gott und Retter haben wir!

Der Wert eines Gegenstands wird durch den Preis bestimmt, den man dafür bezahlt. Der für die Rettung eines einzigen Kindes bezahlte Preis ist das Leben des Sohnes des Menschen, der gekommen ist, um es zu erretten. So wertvoll ist ein Kind für Gott!

Das Gleichnis vom verirrten Schaf

In den Versen 12 und 13 erzählt der Herr seinen Jüngern zur weiteren Erläuterung ein Gleichnis, dass wir in Lukas 15,3–7 viel ausführlicher finden. Dort ist das verlorene Schaf ein Bild von uns, die wir alle Sünder waren. Hier in Matthäus 19 ist der Ausgangspunkt der Belehrungen des Herrn dagegen die Rettung der Kinder. Der Herr möchte durch dieses Gleichnis noch einmal zeigen, was für eine Energie und Liebe der Vater für die Kleinen einsetzt und besitzt. Wenn ein Mensch 100 Schafe hätte, von denen sich nur ein einziges verirrte, würde er sich gerade um dieses eine kümmern und es suchen, um es zurückzuführen.

Natürlich geht es nicht darum, dass dem Hirten die anderen 99 Schafe gleichgültig wären. Diese 99 Schafe sind hier einfach nicht im Blickfeld. Sie stehen an dieser Stelle noch nicht einmal für die Selbstgerechten, für die Pharisäer und Schriftgelehrten. Der Fokus des Herrn liegt einfach auf dem einen Schaf. Für dieses ist der Hirte bereit, alles aufzuwenden. Und wenn er es gerettet hat, freut er sich mit großer Freude.

Man könnte die Frage stellen, warum in dem Gleichnis nun doch von „suchen“ die Rede ist, während der Herr in Vers 11 nur von erretten spricht. Zunächst einmal muss man zwischen der direkten Belehrung und einem Gleichnis unterscheiden. In diesem kann man nicht alles eins zu eins auslegen. Darüber hinaus verallgemeinert der Herr in dem Gleichnis seine vorherige Belehrung, die sich auf Kinder und Kleine bezieht. Denn tatsächlich zeigt Lukas 15, dass diese Belehrung nicht nur Bezug hat zu Kindern. Allerdings kommt der Herr in Matthäus 18,14 wieder auf die Kinder und Kleinen zurück, so dass deutlich wird, dass Er sich in diesem Evangelium besonders auf diese Gruppe von Menschen bezieht.

Kein Kleines soll verloren gehen

„Ebenso ist es nicht der Wille eures Vaters, der in den Himmeln ist, dass eins dieser Kleinen verloren gehe.“ Genau diese Freude möchte der Vater auch mit jedem Kind, mit jedem der Kleinen, haben. Für sie ist der Herr Jesus als Sohn des Menschen gekommen. Für sie ist Er ans Kreuz gegangen. Sie sind Sünder – im Bild der Schafe: Verirrte. Aber Er ist für sie gestorben. Und wenn Christus für ein solches Kind gestorben ist, wie sollten wir dann alle ein Herz für diese Kleinen haben. Er will nicht, dass auch nur ein einziges von ihnen verloren geht.

Es ist natürlich wahr, dass das Gottes Gedanke für alle Menschen ist: „Der Herr ist langmütig gegen euch, da er nicht will, dass irgendwelche verloren gehen, sondern dass alle zur Buße kommen“ (2. Pet 3,9). Gott wünscht nicht, dass auch nur ein Mensch verloren geht. Hier in Matthäus 18 gilt dieser Wille Gottes jedoch ganz speziell für Kinder, zu denen Gott eine besondere Beziehung pflegt.2

Wie dankbar sind wir für diese Schlussfolgerung in Vers 14! Wenn wir für unsere Kinder beten, dann haben wir den Vater auf unserer Seite. Wenn wir uns um diese Kleinen kümmern, dann tun wir das, was der Vater in Vollkommenheit tut. Wenn wir alles aus dem Weg räumen, was ein Anstoß für sie sein könnte, dann ist das genau der Weg, den der Vater uns lehrt. Dazu wollen wir uns gegenseitig ermuntern!

Der Herr Jesus nennt also mindestens drei Gründe, warum Kinder und Kleine nicht verachtet werden dürfen:

  1. Der Vater hat eine solche Zuneigung zu den kleinen Kindern, dass sie, wenn sie als Kinder sterben, allezeit im Himmel den Vater in dem Herrn Jesus sehen (Vers 10).
  2. Die rettende Gnade des Herrn Jesus ist ihnen zugewandt (Vers 11).
  3. Der Vater will nicht, dass auch nur eines der Kleinen verloren geht (Vers 14).

Verse 15–20: Das Verhältnis unter Brüdern – die Autorität der örtlichen Versammlung

„Wenn aber dein Bruder gegen dich sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen. Wenn er aber nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit durch den Mund von zwei oder drei Zeugen jede Sache bestätigt werde. Wenn er aber nicht auf sie hört, so sage es der Versammlung; wenn er aber auch auf die Versammlung nicht hört, sei er dir wie der Heide und der Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein. Wahrlich, wiederum sage ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen werden über irgendeine Sache, welche sie auch erbitten mögen, so wird sie ihnen zuteilwerden von meinem Vater, der in den Himmeln ist. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Verse 15–20).

Im zweiten Abschnitt dieses Kapitels setzt der Herr Jesus sein Thema in gewisser Hinsicht fort. Noch immer geht es um die Frage, wodurch Jünger geprägt sein sollen. Während in den ersten Versen die Demut besonders betont wird, geht es hier um Selbstverleugnung. Diese ist besonders dann nötig, wenn Schwierigkeiten unter Brüdern oder Schwestern entstehen. Wo immer Menschen auf Menschen stoßen, entstehen Reibungen. Das wissen wir aus Ehe und Familie nur zu gut. Und in der örtlichen Versammlung und darüber hinaus ist es nicht anders.

Wie aber reagiere ich, wenn jemand gegen mich sündigt? Das ist der Punkt, der zunächst in diesem Abschnitt behandelt wird. Hier steht nicht ausdrücklich, dass es um das Königreich der Himmel geht. Das mag daran liegen, dass der Herr im weiteren Verlauf dieses Abschnitts dann auf die Versammlung, die Er bereits zuvor (Mt 16) eingeführt hat, zu sprechen kommt und im Blick auf die örtliche Versammlung großartige Einzelheiten enthüllt. Aber das Verhältnis von Jünger zu Jünger und von Bruder zu Bruder ist Teil unseres Lebens im Reich der Himmel.

In den vorherigen Versen haben wir gelernt, wie leicht wir Kinder übersehen und verachten. Hier nun sehen wir, dass wir als Brüder einen Hang zu Unstimmigkeiten mit unseren Geschwistern haben, aber auch dazu, uns selbst zu wichtig zu nehmen, so dass wir uns zugefügtes Leid gerne in die Öffentlichkeit bringen. Das alles ist verkehrt. Und wie immer zeigt uns der Herr einen Weg, den wir im Guten gehen können.

Vers 15: Sünde des Bruder gegen den Bruder

In Vers 8 war das Thema die persönliche Sünde oder die Gefahr zu sündigen. Hier nun geht es darum, dass ein anderer gegen mich sündigt. Es handelt sich offenbar um eine klar ersichtliche Sünde, um ein gravierendes Vergehen eines Bruders gegen einen anderen. Diese Sünde muss „nachweisbar“ sein, so dass der sündigende Bruder auch wirklich überzeugt werden kann anhand von Fakten, nicht allein durch eine emotionale Bekundung. Das sollten wir immer bedenken, wenn wir diesen Vers in unsere Lebenspraxis übertragen wollen. Denn anscheinend gab es keinen weiteren Zeugen von der Sünde – sonst wäre ja nicht allein der Bruder gefordert, gegen den gesündigt worden ist. Zudem würde dann nicht das ausdrückliche Gebot des Herrn bestehen, die Sache im Verborgenen zu regeln – sie wäre ja gar nicht mehr verborgen.

Wer gelernt hat, demütig zu sein (Verse 1–14), der kann auch lernen, Sünde, die gegen ihn begangen wird, in dem Sinn zu ertragen, dass er sich nicht rächt und diese, wie man sagt, an die große Glocke hängt. Das heißt nicht, dass er Sünde einfach ignoriert und sie nicht mehr als schlimm empfindet. Eine Haltung der Demut bedeutet, dass ich bereit bin, Gnade zu erweisen, wenn jemand gegen mich sündigt; dass ich eine solche Sache nicht verbreite, sondern direkt mit der betreffenden Person bespreche; dass ich mich nicht räche für böse Dinge, die mir erwiesen werden; dass ich mich nicht gekränkt fühle, sondern selbstlos zum Wohl des Bruders handle.

Wir dürfen hier von Gott selbst lernen. Gott hat nicht darauf gewartet, dass wir unsere Sünden erkannt und weggetan haben. Wir waren ja nicht einmal in der Lage dazu. Vor Grundlegung der Welt hat Er schon beschlossen, dafür seinen Sohn zu senden. Er hat von sich aus alles getan, um dieses Problem der Sünde zu regeln. So sollen auch wir, wenn unser Bruder gegen uns sündigt, von uns aus auf ihn zugehen. Damit ahmen wir die Aktivität der Liebe Gottes nach. Der Herr Jesus hat diese offenbart: „Der Sohn des Menschen ist gekommen, das Verlorene zu erretten.“ Wir können nicht erretten. Aber wir können in diesem Geist der Liebe auf den anderen zugehen. Zugleich handeln wir dann, wenn wir den Bruder zu gewinnen suchen, in einer Haltung der Gnade und Selbstlosigkeit. Wir sollen den Gegenüber auch als Bruder (und nicht allein als Täter) betrachten und ansprechen..

„Wenn aber dein Bruder gegen dich sündigt, so geh hin, überführe ihn zwischen dir und ihm allein. Wenn er auf dich hört, hast du deinen Bruder gewonnen.“ Das Ziel des Handeln mit meinem Bruder – ich sollte bedenken, dass es nicht um irgendwen geht, sondern um meinen Bruder, zu dem ich eine ganz persönliche Beziehung über den Herrn Jesus habe – muss sein, dass ich ihn gewinne. Es geht nicht um mich, sondern um meinen Bruder. Sein Glück, sein Wohl soll mir am Herzen liegen. Das ist ein Handeln in Liebe. Und so bin ich nur dann tätig, wenn ich wirklich gelernt habe, mich selbst zu verleugnen, mich nicht durch die Sünde eines Bruders innerlich beleidigt zu fühlen. Dann handle ich demütig und ahme meinen Herrn nach.

Dieser Vers macht im Übrigen auch klar, dass man Sünde, die zwischen Geschwistern auftritt, nicht einfach übergehen darf. Es gibt keine Sünde, die zu groß oder zu klein wäre, um sie nicht zu behandeln. Sofern wir das in der Vergangenheit nicht getan haben, hat das zweifellos oft dauerhafte und schwerwiegende Folgen gehabt. Es entsteht leicht eine Wurzel der Bitterkeit. Und da, wo es uns erschien, als ob sozusagen Gras über eine Sache gewachsen wäre, stellt sich nach einiger Zeit heraus, dass diese Sünde nur sehr oberflächlich zugedeckt war. Es kommt eigentlich immer ein Punkt, wo sich dann doch wieder ein Loch auftut, so dass die Sünde, die vielleicht gar kein so dramatisches Problem zwischen zwei Brüdern bewirkte, auf einmal viel schwerwiegendere Folgen hatte, als wenn man sie sofort bereinigt hätte.

Sünde soll nicht verbreitet werden

Wir lernen in diesen Versen zudem den wichtigen Grundsatz, dass Sünde möglichst nicht in die Öffentlichkeit gebracht werden darf. Nur dann, wenn es sich um einen solch sündigen Zustand handelt, der nach 1. Korinther 5 vor der Versammlung zu behandeln ist, bleibt kein anderer Weg, als es sofort der Versammlung mitzuteilen. Aber das ist in den seltensten Fällen notwendig.

Wir sollen die Sache im Allgemeinen in der Stille behandeln. Es gibt leider Beispiele, bei denen über einen Fehler zunächst mit vielen anderen gesprochen wurde und die halbe örtliche Versammlung Bescheid wusste, bevor der Betroffene selbst angesprochen worden ist. Das ist eine Krankheit, ja eine Sünde, die Brüder und Schwestern in gleicher Weise betrifft. Dabei muss beachtet werden, dass es in Matthäus 18,15 um eine Sünde geht, die bis dahin für andere verborgen und damit unbekannt ist.

Das Sündopfer essen

Es gehört sehr viel Weisheit dazu, in der rechten Weise auf einen Bruder zuzugehen, der gegen einen gesündigt hat.3 In der alttestamentlichen Sprache heißt dies, das Sündopfer zu essen: „Der Priester, der es als Sündopfer opfert, soll es essen; an heiligem Ort soll es gegessen werden, im Vorhof des Zeltes der Zusammenkunft“ (3. Mo 6,19). Wie kann man diesen Vers verstehen?

  1. Zunächst einmal gilt es zu bedenken, dass in 3. Mose 6,19 ein allgemeinerer Gedanke zugrunde liegt als in Matthäus 18,15 ff. In dem Fall, den der Herr Jesus schildert, handelt es sich um eine Sünde, die jemand gegen mich persönlich begangen hat. In 3. Mose 6 dagegen geht es grundsätzlich darum, dass ich erfahre, dass jemand gesündigt hat.
  2. Es ist der Priester, der das Sündopfer isst: Wir werden unseren Bruder nicht gewinnen können, wenn wir als Richter auftreten. Wir müssen Priester sein, die für den Bruder beten, die sich der Stellung vor Gott bewusst sind, ja die vor Gott stehen, wenn sie mit dem Bruder sprechen.
  3. Wer das Sündopfer isst, ist sich bewusst, wie schwerwiegend die Sünde ist. Christus musste dafür sterben. Die Sünde ist also keine Kleinigkeit in den Augen Gottes. Gott musste seinen Sohn dafür in den Tod geben. Dieses Bewusstsein trifft einen Priester in seinem Herzen und zeigt ihm, wie sehr Gott und der Herr Jesus dadurch verunehrt wurde und wie wichtig es ist, dass diese Sache in Ordnung kommt.
  4. Wer das Sündopfer isst, weiß, dass er selbst ebenfalls sündigt. Dass auch er selbst das Sündopfer des Herrn nötig hat. Das bewahrt vor einer Haltung des Hochmuts dem anderen gegenüber.
  5. Auf diese Weise macht sich der Priester mit dem Mann, der das Opfer brachte, eins. Auch heute ist es wichtig, dass wir uns einsmachen mit dem Bruder, der sündigt. Wir selbst könnten diese Sünde begehen, wir nehmen sie gewissermaßen auf uns und identifizieren uns mit demjenigen, der gegen Gott und gegen mich gesündigt hat.
  6. Das Sündopfer ist hochheilig, es muss an heiligem Ort gegessen werden. Es geht hier nicht um uns, sondern um den Herrn. Nicht unsere Maßstäbe sind gefragt, sondern die des Herrn. Alles muss in Übereinstimmung mit seinen Gedanken gebracht werden. Das bewahrt davor, Gefühle der Rache einzubringen.

Auch im Neuen Testament gibt es eine wichtige Belehrung, wie wir mit einem Bruder umgehen sollen, der gesündigt hat. Paulus schreibt an die Galater: „Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geist der Sanftmut, wobei du auf dich selbst siehst, dass nicht auch du versucht werdest. Einer trage des anderen Lasten, und so erfüllt das Gesetz des Christus. Wenn jemand meint, etwas zu sein, da er doch nichts ist, so betrügt er sich selbst. Jeder aber prüfe sein eigenes Werk“ (Gal 6,1–4). Wie in 3. Mose 6 ist die Sünde, die diesen Versen zugrunde liegt, nicht notwendigerweise gegen mich persönlich gerichtet. Es handelt sich um den Fehltritt eines Bruders, der mir bekannt wird. Hier lernen wir:

Zurechtbringen (Gal 6,1–4)

  1. Wenn ich meinen Bruder gewinnen will, muss ich geistlich sein und handeln – nicht fleischlich. Daran scheitert es oft bei uns. Das Problem, dass mein Bruder gegen mich sündigt, kann ich oft deswegen nicht mit ihm klären, weil ich selbst alles andere als geistlich bin. Das ist die Grundvoraussetzung dafür, meinen Bruder gewinnen zu können. Wenn ich nicht geistlich bin, will ich ihn gar nicht gewinnen, sondern vielleicht einfach die Sachlage klarstellen und Recht bekommen. Um mein Recht geht es hier aber überhaupt nicht. Daher wird ein geistlich gesonnener Christ dem Bruder zeigen, wie dieser sich selbst durch seine Sünde geschadet und den Herrn verunehrt hat. Ein solcher Gläubiger wird nicht darauf verweisen, dass man möglicherweise persönlich verletzt worden ist – das ist kein Grund für eine Überführung.
  2. Ich werde meinen Bruder nur dann gewinnen können, wenn ich durch einen Geist der Sanftmut gekennzeichnet bin – nicht durch einen Geist der Härte und Schärfe. Wenn ich Rache oder dergleichen suche, werde ich nur Widerstand auslösen. Sanftmut jedoch, die der Herr immer in seinem Leben zeigte, führt zu einer milden Zunge, die Knochen zerbricht (vgl. Spr 25,15). Härte bewirkt das Gegenteil von dem, was Christus erreichen möchte.
  3. Man muss auf sich selbst sehen – nicht die Fehler der anderen begutachten! Wissen wir nicht, wie oft wir selbst straucheln? Das würde uns zurückhaltender machen, auf einen anderen mit dem Finger zu zeigen. Das würde uns mehr in einer Gesinnung der Unterordnung zu dem Bruder gehen lassen, um gemeinsam mit ihm zu trauern über das, was passiert ist. Wer meint, in einem Richtgeist auftreten zu können – und in der Haltung: „Mir kann so etwas nie passieren“ –, wird kurze Zeit später selbst zu Fall kommen.
  4. Die Gesinnung muss sein, dass ich die Last des anderen mittrage – und nicht über alles Elend und Versagen klage. Der sündigende Bruder hat eine Last an der Sünde zu tragen. Er hat offenbar eine Last in seinem Leben, die ihn zu diesem Fehltritt gebracht hat. Wer von oben herab mit so jemandem spricht, wird dessen Last nie tragen können. Er wird ihm keine Hilfe sein können.
  5. Ein Helfender muss sich bewusst sein, dass er selbst nichts ist. Er darf sich nicht geistlich vorkommen. In sich selbst besitzt er keine Kraft zu helfen. Er ist zu derselben Sünde ebenfalls in der Lage. Wer meint, in eigener Weisheit und Kraft die Dinge ordnen zu können, wird das Gegenteil bewirken.
  6. Prüfen wir uns selbst – und nicht die anderen, dann werden wir in der richtigen Gesinnung zu jemandem gehen, der einen Fehltritt getan hat.

In Galater 6,1 und in Matthäus 18,15 lesen wir nichts von SMS, Telefon oder Mail. Natürlich gab es das damals noch nicht. Aber es scheint nützlich zu sein, darauf hinzuweisen, dass man auf einem solchen Weg seinen Bruder in aller Regel nicht gewinnen kann, es sei denn, man kann keinen anderen Weg wählen. Man muss sich die Zeit nehmen, selbst zu ihm zu gehen. Das zeigt der Text an dieser Stelle. Wenn ich mir diese Zeit nehme, kann Wirklichkeit werden, was Petrus schreibt: „Die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden“ (1. Pet 4,8; vgl. Jak 5,19.20). Es liegt nicht nur an dem anderen. Es liegt an mir, wie viel Liebe ich in die Beziehung zu meinem Bruder investiere.

Wir dürfen aus 1. Petrus 4,8 allerdings keineswegs zu dem Schluss kommen, eine Sünde könne durch „Liebe“ übergangen werden. Nein, die Liebe bedeckt eine Menge von Sünden, indem sie auf den Bruder zugeht, ihn zum Selbstgericht und zu einem aufrichtigen Selbstgericht führt und die Sünde nicht ans Licht der Öffentlichkeit zerrt, sondern – soweit das möglich ist – im Verborgenen belässt. Gottes Wort kennt kein „unter den Teppich kehren“ von Sünden. Nur dann, wenn Sünden vor Gott und, falls nötig, vor Menschen bekannt werden, sind sie in den Augen Gottes ausgeräumt.

Die beiden Beteiligten beim Zurechtbringen

Ich möchte in Verbindung mit Matthäus 18,15 auch noch darauf hinweisen, dass die Aufgabe in dem Gespräch darin besteht, den Bruder zu überführen. Es geht also um eine Sünde, die offenbar geworden ist. Es geht nicht um eine Haltung, die meinen Bruder kennzeichnen mag. Nicht, dass man nicht auch darüber miteinander sprechen sollte. Wenn die Sünde nicht deutlich anhand von Gottes Wort zu benennen ist, muss man warten, bis die Dinge wirklich offenkundig werden. Nicht in dem Sinn, dass alle davon wissen – gerade das Gegenteil sollen wir ja hier tun: Die Sache soll im Verborgenen geregelt werden Aber die Sünde als solche muss deutlich erkennbar sein. Und ich muss sie meinem Bruder auch als Sünde deutlich machen können. Ich muss ihn überführen (können) von der Sünde.

Es ist leider eine traurige Tatsache, dass der Weg von Vers 15 heute sehr wenig beschritten wird. Das liegt nicht daran, dass die Sünde gegen einen Bruder nicht mehr vorkäme. Könnte ein Grund für dieses Versagen nicht darin bestehen, dass wir die Dinge nicht im Verborgenen halten wollen, dass wir uns selbst gekränkt fühlen und dass wir nicht genug Liebe haben, um unseren Bruder gewinnen zu wollen? Vielleicht sind wir auch oft zu träge oder zu ängstlich, um solche Probleme anzugehen. Wenn wir empfindsamer für das Böse wären und mehr um die Ehre des Herrn besorg wären, würden viel mehr Probleme ausgeräumt werden können.

Es gibt auch die andere Seite: Wie kann ich als Bruder, dem mir eine Sünde direkt vorgestellt wird, ein Sündenbekenntnis verweigern? Wenn jemand in Liebe – und davon sollte ich immer ausgehen! – zu mir kommt, warum bin ich dann nicht bereit, die Dinge in Ordnung zu bringen? Eigentlich soll ich gar nicht warten, bis mir jemand die Dinge vorlegt. Wenn ich gesündigt habe, soll ich sofort zu ihm gehen, um die Dinge in Ordnung zu bringen (vgl. Mt 5,23). Wenn ich das aber nicht getan habe, sollte ich wenigstens dann, wenn ich auf eine Sünde hingewiesen werde, diese Sache bekennen. Das ist das Ziel des Herrn für uns, wenn wir gesündigt haben.

Vers 16: Zwei oder drei

„Wenn er aber nicht hört, so nimm noch einen oder zwei mit dir, damit durch den Mund von zwei oder drei Zeugen jede Sache bestätigt werde.“ Leider sind wir Menschen und auch wir als Gläubige oft so halsstarrig, dass wir nicht hören, sondern in der Sünde verharren. Doch was für ein Wunder der Gnade: Der Herr gibt uns auch dann noch nicht auf! Auch wenn wir solch einen inneren Zustand offenbaren, hat Er einen Weg, um unsere Herzen noch zu gewinnen.

Wenn einer allein nicht ausreicht, dann weist der Herr an, dass noch ein oder zwei weitere Brüder mitgehen. Wenn es um das Problem von Schwestern geht, dann gilt das entsprechend auch für sie. Eine wichtige Voraussetzung gilt für alle: Sie müssen schweigen können „wie ein Grab“. Denn das ist die Absicht des Herrn, die hinter diesen Anweisungen steht. Die Sache soll nicht bekannt werden, sondern zunächst zwischen den beiden Brüdern (Geschwistern) oder, wenn der eine nicht auf seinen Bruder hört, zwischen den zwei bzw. drei Geschwistern bleiben.

Diese Anforderung ist offenbar sehr schwer. Wir reden gerne über das, was wir erleben und was uns bewegt. Und bekanntermaßen verbreiten sich schlechte Nachrichten um ein Vielfaches schneller als gute Dinge. So auch das Versagen eines Bruder. Wir werden hier aufgefordert, solche Fehler sozusagen in der Finsternis zu belassen.

Der Herr bezieht sich in Vers 16 auf das Gesetz von 5. Mose 19,15: „Ein einzelner Zeuge soll nicht gegen jemand auftreten wegen irgendeiner Ungerechtigkeit und wegen irgendeiner Sünde, bei irgendeiner Versündigung, die er begeht; auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage hin soll eine Sache bestätigt werden.“ Den gleichen Grundsatz finden wir im Neuen Testament, wo Paulus schreibt: „Aus dem Mund von zwei oder drei Zeugen wird jede Sache bestätigt werden“ (2. Kor 13,1).

Wenn ein Bruder nicht auf einen Einzelnen hört, wird er vielleicht auf zwei oder drei Zeugen hören. Denn diese Mehrzahl unterstreicht noch einmal, dass es sich wirklich um etwas handelt, was nicht nur der Betroffene, sondern auch noch weitere Personen als Sünde ansehen. Und wenn mehrere Gläubige eine Sache auf das Gewissen einer Person legen, hört sie vielleicht doch, auch wenn sie zunächst nicht bereit war zu bekennen. Durch dieses zweite Hingehen wird dem Betroffenen auch deutlich, dass die Geschwister nicht bereit sind, diese Sünde einfach zu übergehen. Die Heiligkeit Gottes in seiner Versammlung, um diesen Gedanken der neutestamentlichen Briefe und der hier folgenden Verse einzubringen, erlaubt ihnen eine solche Gleichgültigkeit nicht. Und zeugt ein solcher zweiter Besuch nicht auch von der Liebe des Herrn und dieser Brüder, die den sündigenden Bruder nicht einfach auf seinem falschen Weg weiterlaufen lassen wollen?

Noch immer ist es das Ziel des Herrn (und auch des Bruder bzw. der Geschwister), den sündigenden Bruder zu gewinnen. Wenn er gewonnen werden kann, so soll die ganze Sache begraben und vergessen werden. Sie wird nie wieder angerührt werden.

Der Herr spricht an dieser Stelle noch nicht von Versammlungszucht, wohl aber von brüderlichen Bemühungen und damit brüderliche Zucht. Dieser Hinweis sollte helfen zu verstehen, dass bis zu diesem Zeitpunkt kein Zustand vorliegt bzw. vorliegen darf, den wir in 1. Korinther 5 finden. Es geht darum, eine konkrete Sünde zu bekennen, damit diese nicht zwischen Brüdern belastend stehen bleibt. Wie können zwei Brüder, zwischen denen eine Sünde steht, gemeinsam beten, gemeinsam am Tisch des Herrn von dem Brot der Gemeinschaft essen? Sie könnten nicht übereinkommen, wie es hier in Vers 19 oder auch in Amos 3,3 gesagt wird.

Es ist kaum anzunehmen, dass ein Bruder nicht bereit ist, auf zwei oder drei andere zu hören, die er bislang als seine Brüder geachtet hat. Aber leider ist unser menschliches Herz, auch das Fleisch im Gläubigen, zu so etwas fähig. Aber selbst dann gibt der Herr einen solchen Bruder noch nicht auf. Er nennt noch eine dritte Maßnahme, durch die der Bruder doch noch gewonnen werden könnte.

Vers 17: Die Versammlung als oberste Instanz

„Wenn er aber nicht auf sie hört, so sage es der Versammlung.“ Wenn jemand so selbstgerecht und voller Eigenwillen ist, soll seine Sünde auf das Gewissen der Versammlung gelegt werden. Damit bleibt die Sache zwar nicht mehr verborgen, aber wenn seine öffentliche Brandmarkung weiterhilft, um ihn von seinem falschen Weg abzubringen, ist am Ende doch noch ein gesegnetes Ziel erreicht worden. Hier wird nicht weiter erklärt, ob die örtliche Versammlung zwei oder drei Brüder als Abgesandte (und nicht mehr als aus persönlicher Liebe und Antrieb kommend) zu jemandem schicken soll, oder ob ein Bruder im Namen der Versammlung direkt eine öffentliche Überführung vornimmt. Jedenfalls muss, wenn jemand auch nicht auf zwei oder drei Brüder hört, die örtliche Versammlung eingeschaltet werden.

Für uns ist, nachdem es die Versammlung schon 2.000 Jahre auf der Erde zusammen mit den neutestamentlichen Belehrungen gibt, dieses Vorgehen nicht neu. Wir müssen aber bedenken, dass die Jünger erst zum zweiten Mal etwas von der „Versammlung“ hörten. In Kapitel 16 hatte der Herr seine Versammlung eingeführt und von dieser in ihrem ewigen und universellen Charakter gesprochen. Jetzt – ganz unvermittelt – kommt Er auf diese Versammlung zurück. Es geht wirklich um die Versammlung und nicht, wie manche meinen, um die Synagoge. Natürlich gab es damals noch nicht diese Versammlung, denn sie konnte erst nach vollbrachtem Erlösungswerk, der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn sowie der Sendung des Geistes Gottes auf die Erde entstehen. Sie besteht seit Pfingsten (Apg 2) aus all denen, die das Erlösungswerk des Herrn Jesus für sich persönlich in Anspruch genommen haben. Diese Wahrheit erläutert der Herr weder in Matthäus 16 noch in unserem Kapitel, sondern überlässt es dem Apostel Paulus, uns darüber zu belehren

Die Versammlung in ihrem örtlichen Charakter

Jetzt zeigt der Herr zum ersten Mal, dass die Versammlung nicht nur einen universellen Charakter trägt, sondern auch eine örtliche Institution ist. Es ist nicht schwer zu verstehen, dass der Bruder die Sünde des einen Bruders nicht der Versammlung weltweit kundtun soll. Das ist unmöglich. Aber jeder Bruder und jede Schwester ist seit dem in Apostelgeschichte 2 genannten Pfingsttag Teil einer örtlichen Versammlung, die aus allen Gläubigen an diesem Ort besteht (vgl. 1. Kor 1,2). Und dieser Versammlung – das heißt den Gläubigen der örtlichen Versammlung – sollte der Bruder die Sache mitteilen.

Dadurch belehrt uns der Herr übrigens darüber, dass es keine grundsätzliche Unterscheidung zwischen der örtlichen Versammlung und der weltweiten Versammlung bzw. der von Pfingsten (Apg 2) bis zur Entrückung (1. Thes 4) bestehenden Versammlung gibt. Es handelt sich um unterschiedliche Blickwinkel – aber dem Wesen nach handelt es sich um dieselbe Versammlung. Deshalb fügt der Herr auch keine zusätzlichen Erklärungen oder Einschränkungen an. Die örtliche Versammlung ist die Vergegenwärtigung, die Darstellung der weltweiten Versammlung. Das, was die örtliche Versammlung tut, hat damit die weltweite Versammlung getan – es gibt keine zwei unterschiedlichen Versammlungen (Gemeinden) in diesem Sinn.

Es kommt noch etwas Weiteres hinzu. In Matthäus 16 spricht der Herr Jesus davon, wie Er selbst in Vollkommenheit die Versammlung baut. In unserem Abschnitt sehen wir, dass die Versammlung in ihrer Verantwortlichkeit betrachtet wird in dem, was sie tun muss. Auch das sind zwei unterschiedliche Blickwinkel. Aber der Herr Jesus trennt das nicht voneinander. Er erwartet, dass die örtliche Versammlung ihre Aufgaben ausführt und ihrer Verantwortung entspricht. Davon sollen auch wir heute ausgehen.

Die Versammlung – mehr als die Summe der Einzelnen

„Wenn er aber auch auf die Versammlung nicht hört, sei er dir wie der Heide und der Zöllner.“ Wenn er aber auch auf die Versammlung nicht hört – das zeigt, dass die Versammlung mehr ist als nur die Summe der einzelnen Gläubigen. Sie ist ein Organismus, den ich als Institution bezeichnet habe. Sie wird hier personifiziert und hat offensichtlich Autorität über diejenigen, die zu ihr gehören. Damit ist kein Abstraktum, keine irgendwie geartete Idee gemeint, sondern der Herr spricht von den Menschen, die diese Versammlung ausmachen und bilden. Sie zusammen haben, weil sie die örtliche Versammlung formen, Autorität vom Herrn Jesus zugewiesen bekommen. Das wird im Folgenden noch näher erläutert. Wie tragisch, wenn jemand die Autorität der örtlichen Versammlung verachtet und nicht bereit ist, Sünden zu bekennen!

Wenn jemand wirklich nicht auf die Versammlung hört, soll er „dir“ sein wie der Heide und der Zöllner. Der Herr spricht hier – im Unterschied zu Paulus in 1. Korinther 5 – noch nicht davon, dass die Versammlung „handelt“, das heißt einen Bösen, der durch Sünde gekennzeichnet ist, ausschließt. Er zeigt damit, dass ein solcher Ausschluss nicht notwendige Voraussetzung ist für eine konsequente Abwendung der einzelnen Geschwister von einem solchen Bruder, der bewusst und nachhaltig nicht bereit ist, seine Verfehlung zu bekennen. Wenn eine offenkundige Sünde von der Versammlung auf das Gewissen eines Bruder gelegt wurde, er bekennt sie aber nicht, so ist zunächst einmal derjenige, gegen den er gesündigt hat, aufgefordert, ihn wie einen Heiden oder Zöllner zu behandeln. Er soll diesen also nicht mehr als einen Bruder oder wie einen Nächsten behandeln.

Der Herr drückt das „dir“ allerdings so allgemein aus, dass heute letztlich jeder Einzelne der Versammlung aufgefordert ist, einen solchen Bruder wie einen Heiden und Zöllner zu behandeln. Das ist das „Draußen“, das wir in 1. Korinther 5,13 lernen. Bis heute gibt es dieses „drinnen“ und „draußen“, den Unterschied zwischen Gemeinschaft und Isolation. Letzten Endes ist „draußen“ da, wo Finsternis ist (vgl. Eph 5,8), wo die Ungläubigen „zu Hause“ sind in ihrem Leben ohne Gott. Dort gibt es keine Gemeinschaft mit Gott, keine echte Erkenntnis über Gott und seine Heiligkeit und Liebe.

Heide und Zöllner sein

Hier wird deutlich, dass der Herr sich an Jünger wendet, die Juden waren. Für sie waren Heiden – also ungläubige Menschen aus den Nationen – und Zöllner – ungläubige Juden, die sich mit den Nationen durch das Einsammeln deren Steuergeldern eins machten – absolut tabu. Noch in Apostelgeschichte 10 und auch in Galater 2 erkennen wir, dass die gläubigen Juden auch nach dem Kommen des Heiligen Geistes auf die Erde, als also die Gläubigen bereits zu der einen Versammlung zusammengefügt waren, noch immer nichts mit Heiden zu tun haben wollten, obwohl das von Gott nicht mehr gewollt war. So war eine besondere Überzeugung vonseiten Gottes nötig, damit Petrus zu dem Heiden Kornelius ging. Denn die Heiden und Zöllner waren in den Augen der Juden unrein, unheilig, ungöttlich.

Genauso sollte ein Gläubiger, gegen den gesündigt wurde, einen Bruder behandeln, der nicht bereit war, seine Sünde zu bekennen. Und wie wir gesehen haben, gilt das dann auch für jeden Einzelnen der Versammlung. Das ist vom Grundsatz her nichts anderes, als was wir in 1. Korinther 5,11.13 im Blick auf das Verhalten der Versammlung als solche lernen. Wir dürfen mit jemand, der in Sünde lebt, keinen Umgang haben. Er soll für uns ein „Böser“ sein, den wir aus der Versammlung ausschließen sollen. Auf diesen Schritt weist der Herr auch in unserem Abschnitt in Vers 18 hin. Und es fällt auf, dass Er von „dir“ zu „euch“ wechselt. Nun wird aus der persönlichen Angelegenheit eine Sache der Versammlung. Das macht den Fall besonders ernst.

Handelt man erst, wenn die Versammlung gehandelt hat?

Wichtig erscheint mir, dass wir aus Vers 17 bereits lernen, dass wenn die Sünde von jemandem, der sich Bruder nennt, für die ganze örtliche Versammlung offenkundig geworden ist, wir nicht erst warten sollen, bis so jemand gemäß 1. Korinther 5 „formal“ ausgeschlossen worden ist. Wir haben schon zuvor die Pflicht, persönlich keinen Umgang mehr mit einer solchen Person zu pflegen. Sie hat sich als ein Böser erwiesen – das ist natürlich die Voraussetzung für ein solches Verhalten. Einerseits sollen wir uns vor vorschnellem Handeln hüten. Andererseits sollen wir auch einen offenkundig bösen Zustand nicht einfach übergehen.

Der Herr Jesus fährt jetzt fort und nennt im Folgenden zwei wesentliche Grundsätze, die Er in einem dritten Vers mit einem weiteren wichtigen Punkt begründet. „Wahrlich, ich sage euch: Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein.“

Vermischung von Königreich und Versammlung?

Zuvor ist jedoch noch ein Punkt zu bedenken. In Kapitel 16 hatten wir gesehen, dass Petrus die Autorität anvertraut bekam, im Königreich der Himmel auf der Erde zu binden und zu lösen. Der Herr Jesus greift diesen Gedanken hier auf und spricht dieses Recht und zugleich diese Pflicht der örtlichen Versammlung zu. Wir dürfen wohl annehmen, dass dieser Rückbezug deutlich macht, dass es um dieselbe Sache geht. Insofern gibt es keine einzelnen Nachfolger auf dem „Stuhl Petri“, wie man es in der Römisch-Katholischen Kirche lehrt. Nein, in dieser Funktion steht die örtliche Versammlung in der Nachfolge von Petrus, von den Aposteln und, allgemein gesprochen, von den Jüngern.

Das birgt natürlich eine Schwierigkeit in sich. In Kapitel 16 haben wir gesehen, dass die Versammlung (dort unter ihrem ewigen, göttlichen Aspekt) deutlich vom Königreich der Himmel unterschieden wird. Die Aufgabe von Petrus wird aber gerade diesem Königreich zugeordnet. Wie kann dann jetzt die örtliche Versammlung diese Aufgabe „übernehmen“. Gehört sie auf einmal zum Königreich? Schon in Matthäus 13 haben wir durch das Gleichnis der einen Perle gelernt, dass die Versammlung (Perle) mit dem Reich der Himmel (es handelt sich um ein Gleichnis des Reiches der Himmel) verbunden wird. Denn die Versammlung befindet sich, bis der Herr Jesus wiederkommt, auf der Erde gerade in dem Bereich der Christenheit.

Darüber hinaus gibt es unterschiedliche Blickwinkel, mit denen die Versammlung gesehen wird. In Kapitel 16 geht es um die Versammlung, wie der Herr sie baut und wie sie vollkommen ist nach dem Ratschluss Gottes. Hier kann kein Mensch etwas tun. Alles tut der Herr, tut Gott. Deswegen bekommt Petrus nicht die Schlüssel „der Versammlung“.

In Kapitel 18 dagegen wird, wie wir gesehen haben, die Versammlung unter dem Blickwinkel der Verantwortung des Menschen gesehen. Sie ist gewissermaßen die höchste Instanz auf der Erde, wenn es um Zucht geht. Sie hat zu handeln, wenn Böses vorliegt (und wenn jemand zum Glauben kommt und die Gemeinschaft der örtlichen Versammlung genießen möchte). Diese Seite der Verantwortung, die wir ebenfalls in Offenbarung 2.3 sowie im Blick auf die Arbeit im Haus Gottes in 1. Korinther 3,10 ff. finden, hat einen direkten Bezug zu dem Königreich der Himmel. Denn hier geht es um Autorität, um Gehorsam dem Herrn Jesus gegenüber, darum, hier auf der Erde gemäß seinen Anweisungen zu handeln. Gerade, wenn Gläubige versagen, wird deutlich, dass es nicht um die Versammlung in ihrem eigentlichen himmlischen Charakter geht, wie sie Gott geschaffen hat und heute noch baut. Denn da gibt es kein Versagen. Nein, sie wird dann in ihrer Verantwortung vorgestellt.

Petrus nun hat im Blick auf die Verwaltung der Versammlung auf der Erde nach Matthäus 16,19 bestimmte Aufgaben erhalten, die später die Versammlung übernehmen sollte. In der ersten Zeit der Versammlung Gottes auf der Erde war noch keine ausreichende Belehrung vorhanden, was die Aufgaben der örtlichen Versammlung sind. Auch dafür hat der Herr die Apostel gegeben. Nachdem die Apostel, besonders Paulus, diese Unterweisungen gegeben haben und das Wort Gottes abgeschlossen war, übernahm die Versammlung selbst das Binden und Lösen, wie wir sehen werden. Denn die Apostel würden nach und nach alle heimgehen – auch Petrus. Die Versammlung aber blieb.

Vers 18: Binden und lösen

Der Herr Jesus belehrt uns hier über Binden und Lösen. Wir haben diesen Ausdruck schon in Kapitel 16 überdacht, dass es nämlich darum geht, die Sünde an jemanden zu „binden“ (vgl. Hos 10,10), der seinem Bekenntnis nach gläubig ist, also zur Versammlung gehört, seine Sünde aber nicht bekennen möchte. Das ist der Ausschluss, von dem wir in 1. Korinther 5 lernen.

Weiter geht es darum, jemanden zu „lösen“. Das bezieht sich auf eine ausgeschlossene Person, die zur Einsicht gekommen ist und nun wieder aufgenommen werden kann. Die Sünde wird, was das Bekenntnis auf der Erde betrifft, wieder von ihr gelöst. Das ist 2. Korinther 2,5–11. Hierunter kann man sicher auch den Fall fassen, dass jemand zum Glauben kommt und sich der örtlichen Versammlung anschließen möchte. Denn wenn damals oder auch heute jemand zum Glauben kommt und dann – natürlicherweise – auch an der Gemeinschaft der örtlichen Versammlung teilnehmen möchte, kommt er als jemand, der bislang als Heide in der Welt lebte. Er ist vor seiner Bekehrung ein Sünder, durch seine Sünden und seine Sündenschuld geprägt. Oder er ist Jude und steht in gleicher Weise unter dem Gerichtsurteil Gottes, sowohl als Sünder als auch durch Gottes Rechtsspruch über das jüdische Volk, welches die Blutschuld der Ermordung seines Messias auf sich genommen hat.4

Diese „Sünde“ muss nun, was das Zeugnis auf der Erde betrifft, von einem solchen Gläubigen gelöst werden, damit er Gemeinschaft mit den Gläubigen pflegen kann, also mit der örtlichen Versammlung.

Wir lesen zwar an keiner Stelle des Neuen Testaments, dass die Versammlung lehrt. Sie wird belehrt. Wir lernen aber hier und auch in 1. Korinther 5 bzw. 2. Korinther 2, dass die Versammlung Autorität besitzt. In diesem Sinn ist sie eine Instanz. Sie hat nicht deshalb Autorität, weil sie besonders geistlich wäre – praktisch sehen wir heute das Gegenteil. Allerdings geht Gottes Wort nie davon aus, dass Gläubige oder eine örtliche Versammlung ungeistlich sind. Gott erwartet von einer Versammlung, dass sie sich durch den Geist Gottes leiten lässt. In 1. Korinther 5,4 lesen wir, dass sie „im Namen unseres Herrn Jesus Christus“ handelt.

Die Versammlung hat deshalb Autorität, weil Gott ihr diese durch den Herrn Jesus gegeben hat. Das ist genauso wie mit Eltern. Diese haben nicht deshalb Autorität über ihr Kind, weil sie geistlich sind – obwohl sie es sein sollten –, sondern weil Gott ihnen diese Autorität verliehen hat. Daher können sich Kinder nie damit entschuldigen: Die Anweisung meiner Eltern war ungeistlich.5 Nein, das hat nichts mit der Frage nach Unterordnung und Autorität zu tun. Denn die Autorität ist jemandem delegiert worden, nicht weil er in sich selbst bestimmte moralische Kennzeichen trägt, sondern weil er eine bestimmte Stellung einnimmt, in der Autorität notwendig ist. So auch in der Versammlung. Sie hat die Autorität zum Binden und Lösen von Gott übertragen bekommen.

Die Versammlung soll dieser Verantwortung in dem Bewusstsein nachkommen, dass Gott über ihr steht. Hierbei mag es manches Versagen geben. Aber solange sie Versammlung im Sinn des Neuen Testaments ist, also „als Versammlung“ im Gehorsam gegenüber Gottes Wort zusammenkommt und handelt, hat sie die hier genannte Autorität. Auch wenn nur zwei oder drei Personen derart versammelt sind.

Übrigens lesen wir hier nicht von einem besonderen Verfahren, wie jemand in die Gemeinschaft aufgenommen oder von ihr ausgeschlossen werden soll. Gott überlässt das der geistlichen Einsicht der örtlichen Versammlung. Es fällt auch auf, dass in den ersten Tagen der Christenheit kein „formales“ Verfahren eingesetzt wurde, was mit jemand zu tun ist, der an der praktischen Gemeinschaft Anteil nehmen möchte. Das sollte uns davor bewahren, ein festes Schema aufzustellen, dem grundsätzlich zu folgen sei.

In den ersten Jahren der Christenheit gab es keine verschiedenen christlichen Wege. Daher schlossen sich diejenigen, die sich bekehrt hatten, den Christen an und hatten sogleich den Wunsch, an der Gemeinschaft und damit auch am Brotbrechen teilzuhaben. Das ist heute angesichts des geistlichen Niedergangs unter den Christen anders, wo letztendlich nur „der Herr [diejenigen wirklich] kennt, die sein sind“. Daher muss bei der Aufnahme in diese Gemeinschaft größte Sorgfalt angewandt werden. Nicht von ungefähr werden die Mauern Jerusalems, die ein symbolischer Hinweis auf die Heiligung des Volkes Gottes sind, erst in der Zeit des Niedergangs unter Nehemia ausdrücklich erwähnt. So hat dieser Teil der Wahrheit – die Absonderung vom Bösen hin zu Gott – heute eine besondere Relevanz. Dennoch wollen wir uns bei den genannten praktischen Schritten nie verleiten lassen, allein „formal“ zu handeln, ohne den Geist der Schrift zu berücksichtigen.

Zusammenhang der Verse 18–20

Es erscheint mir nützlich zu sein, die Gedankenfolge der Verse 18–20 im Auge zu behalten, wenn man die Bedeutung von Vers 18 richtig erfassen möchte. In Vers 18 lernen wir, was die Versammlung tut, worin ihre Autorität besteht: Sie nimmt auf und schließt aus. Ihre Kompetenz besteht nicht darin, dass sie bestimmen könnte, wer zur Versammlung Gottes gehört – diese Macht besitzen allein Gott und der Herr Jesus. Ihre Aufgabe ist es, anhand des Lebenswandels einer Person die Gemeinschaftsfrage zu klären.

In Vers 19 sehen wir dann, in was für einer Gesinnung die Versammlung diese Entscheidung fällt: Sie tut das in einer betenden Haltung. Dadurch drückt sich aus, dass sie in allem von Gott abhängig ist und in sich selbst weder Weisheit noch Kraft besitzt, eine solche Entscheidung der Aufnahme oder des Ausschlusses zu fällen. In der Haltung des Gebets aber kommt sie in Abhängigkeit von Gott zu den richtigen Entscheidungen.

In Vers 20 schließlich erkennen wir die Grundlage für die Kompetenz der Versammlung. Sie kann handeln, weil sie „in seinem Namen“ versammelt ist, weil der Herr in ihrer Mitte ist und damit bestimmt, was geschieht. Ihre Kraft, Weisheit und Handlungsfähigkeit beruht also darauf, dass der Herr in ihrer Mitte alles bestimmt. Hätte sie den Herrn nicht in ihrer Mitte, könnte sie auch nicht handeln. Man mag sich auf den Herrn berufen. Aber solange die in Vers 20 genannten Voraussetzungen für seine persönliche Gegenwart nicht gegeben sind, ist eine Versammlung gar keine Versammlung im Sinn der Schrift und in dieser Hinsicht auch handlungsunfähig.

Bindet sich der Himmel an eine unbiblische Entscheidung?

Ich komme an dieser Stelle noch einmal auf die Frage zurück, ob sich der Himmel an ein falsches, unbiblisches Binden und Lösen auf der Erde bindet (siehe die Ausführung zu Kapitel 16,19). Um diese Frage richtig beantworten zu können, muss man unterscheiden zwischen Unfehlbarkeit und Anerkennen von Autorität. Keine Versammlung (und erst recht kein Bruder) kann für sich in Anspruch nehmen, unfehlbar zu sein. Das wäre eine furchtbare Anmaßung, die wir aus der Römisch-Katholischen Kirche kennen und die keinerlei Basis in der Bibel hat. Menschen sind, auch wenn sie gläubig geworden sind, nicht sündlos in der Praxis ihres Lebens, also auch nicht in ihren Belehrungen und Entscheidungen. Wir finden in der Bibel nur einen sündlosen Menschen: Jesus Christus. Alle anderen, auch wir Gläubigen, haben das Fleisch an uns und eine sündige Natur, so dass wir immer wieder sündigen und versagen. Letzteres gilt auch für jede örtliche Versammlung. Denn da sie nur so „geistlich“ sein kann, wie die zu ihr gehörenden Gläubigen „geistlich“ sind, wird es leider auch zu Fehlurteilen kommen. Dies ist in der Kirchengeschichte immer wieder geschehen.

Zunächst einmal wollen wir ganz praktisch verstehen, dass sich eine örtliche Versammlung nicht einfach formal auf die Verse 18 und 20 berufen kann, wenn sie nicht bereit ist, das Wort Gottes in seinem ganzen Umfang und in aller Klarheit auf sich und auf den konkreten Fall anzuwenden. Wenn man zum Beispiel eine bestimmte Meinung verteidigen oder Geschwister entfernen möchte, denen man mit Misstrauen begegnet, kann man sich nicht auf dieses Wort des Herrn berufen. Der Herr weist uns nicht an, nach unseren Gedanken aufzunehmen oder auszuschließen, sondern zeigt uns durch die Belehrungen der Apostel, dass es dafür biblische Kriterien gibt. Er fordert uns beispielsweise nach 1. Korinther 5 auf, jemand aus der praktischen Gemeinschaft auszuschließen, der in moralischer Sünde lebt. Und Er weist uns durch die Belehrungen in dem 1. Korintherbrief an, die Kinder Gottes grundsätzlich aufzunehmen, wenn sie mit einem reinen Herzen kommen (vgl. 2. Tim 2,22).

Was aber ist grundsätzlich bei einem Fehlurteil zu tun? Ist es weltweit anzuerkennen? Wird es im Himmel anerkannt?

Dazu lesen wir weder hier noch an anderer Stelle etwas Konkretes. Wir lesen nicht, dass ein Urteil nur dann anerkannt wird, wenn es biblisch ist. Wir lesen auch nicht, dass es deshalb anerkannt wird, weil es biblisch ist – obwohl die Bibel immer unterstellt, dass wir biblisch handeln. Sondern ein Urteil wird deshalb anerkannt, weil der Versammlung diese Autorität gegeben worden ist. Der Himmel (also Gott) erkennt die einer örtlichen Versammlung übertragene Autorität an. Daher ist das, was auf der Erde gebunden ist, auch im Himmel gebunden. Das heißt nicht, dass sich der Himmel an ein falsches Urteil bindet – das wird er nie tun! –, sondern dass er die der örtlichen Versammlung übertragene Autorität bestehen lässt, so lange diese noch den Zeugnischarakter trägt, den der Herr Jesus in den Briefen in Offenbarung 2 und 3 mit dem Symbol des Leuchters verbindet (vgl. z.B. Off 2,5).

Der Herr hat der Versammlung Autorität übertragen. Das ist der Punkt. Wenn wir diesen Grundsatz nicht festhalten, wird es auf der Erde zu Chaos kommen. Das heißt nicht, dass die örtliche Versammlung tun kann, was sie will. Sie ist gebunden an Gottes Wort. Und sie hat nur so lange Autorität, wie sie grundsätzlich das verwirklicht, was in den Versen 19 und 20 jetzt noch vor uns kommt.

Auf der Erde

Bezeichnenderweise heißt es in diesem Vers nicht: „Was irgend ihr in der Versammlung bindet, ...“, sondern „was irgend ihr auf der Erde binden werdet“. Das ist ein weiteres, wichtiges Prinzip, das wir hier angedeutet finden. Es wird erst in den Briefen des Neuen Testaments weiter ausgeführt, aber der Grundsatz liegt schon in diesen Worten enthalten: Wenn eine örtliche Versammlung bindet oder löst, dann gilt das nicht nur für diesen Ort, für diese örtliche Versammlung, sondern für die (ganze) Erde. Denn eine örtliche Versammlung am Ort A ist die „Vergegenwärtigung“ der universellen Versammlung an diesem Ort. Sie ist von ihrem Wesen her nichts anderes als die Versammlung weltweit bzw. an allen anderen Orten. Sie hat ihre Daseinsberechtigung nur dadurch, dass es die universelle Versammlung gibt – davon ist sie der örtliche Ausdruck, genauso wie die Versammlungen an den Orten B bis Z der Ausdruck derselben Versammlung Gottes an ihren Orten sind. Daher ist auch ein am Ort A „Gelöster“ an allen anderen Orten ebenfalls gelöst – eben auf der (ganzen) Erde. Denn es gibt nur die eine Versammlung, die aus allen Erlösten besteht. Und diese eine Versammlung wird an allen Orten dargestellt, wo man im Namen des Herrn zusammenkommt – auf der ganzen Erde.

Wenn ich nun beginne, einer Versammlung in einer bestimmten Entscheidung nur dann Autorität zuzubilligen, wenn sie (aus meiner Sicht) biblisch handelt, dann hätte das zur Konsequenz, dass jede Versammlung prüfen müsste, ob diese Entscheidung auch wirklich gottgemäß getroffen wurde. Nur dann wäre sie an diese Entscheidung „gebunden“. Davon lesen wir in der Schrift nichts. Sogar im Himmel ist nach Vers 18 das gebunden, was (an einem Ort) auf der Erde durch die Entscheidung der jeweiligen örtlichen Versammlung gebunden wird. Von einer notwendigen oder gebilligten Prüfung durch den Himmel ist keine Rede. Darüber hinaus würde ein solches Verhalten das Grundprinzip zerstören, dass es nur eine Versammlung gibt. Dann gäbe es viele Versammlungen, und sie müssten immer prüfen, was in einer anderen Versammlung getan wird. Nein, „da ist ein Leib“ (Eph 4,4). Was an einem Ort gebunden wird, ist für den ganzen Leib gebunden. Und das gilt für jeden einzelnen Ort, denn an jedem Ort ist die örtliche Versammlung wie die in Korinth „Leib Christi“

Das heißt nicht, dass der Himmel jede Entscheidung inhaltlich gutheißt. Leider müssen wir bekennen, dass es im Laufe der Kirchengeschichte manche fragwürdigen Entscheidungen gegeben hat. Daher sollten wir unsere eigenen Entscheidungen immer im Licht des Wortes überprüfen und bereit sein, falsche eigene Entscheidungen zurückzunehmen und als Sünde aufrichtig zu bekennen.

Aber der Gedanke, jeden Versammlungsbeschluss erst prüfen zu müssen, würde das Prinzip der Einheit zerstören, das der Apostel Paulus in Epheser 4 mehrfach betont. Folgende Erwägungen möchte ich zum Nachdenken weitergeben:

Wie gehen wir mit Versammlungsbeschlüssen um?

  1. Wenn eine Versammlung gehandelt hat, haben die anderen Versammlungen entsprechend diesem Versammlungsentschluss zu handeln. Es ist ein Binden „auf der Erde“, nicht nur am Ort A! Wir gehen zunächst einmal immer davon aus, dass der Beschluss in Übereinstimmung mit der Schrift, also im Namen des Herrn gefasst wurde, so fehlerhaft wir Menschen sind. Wenn wir nicht davon ausgingen, dass eine Versammlung „im Namen des Herrn versammelt ist“ und so auch handelt, könnten wir gar keine praktische Gemeinschaft mit ihr pflegen. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass man „als Versammlung“ (1. Kor 11,18) zusammenkommt.
  2. Wir dürfen nicht außer Acht lassen, dass wenn Versammlung A gehandelt hat, damit die weltweite Versammlung gehandelt hat. Sonst wäre Versammlung A nicht die Vergegenwärtigung der weltweiten Versammlung – es gäbe mehrere Versammlungen. Aber: „Da ist ein Leib“ (Eph 4,4). Denn die Versammlung in A ist nichts anderes als die weltweite Versammlung, nur dass sie beschränkt ist auf den Ort A. Insofern ist auch kein Beschluss „anzuerkennen“ – nein, die weltweite Versammlung und somit auch jede einzelne (auch die „eigene“!) örtliche Versammlung hat bereits gehandelt, wenn die Versammlung in A gehandelt hat.
  3. Wir müssen immer daran denken, dass ein Versammlungsentschluss sogar im Himmel Auswirkungen hat.
  4. Wenn anderen Versammlungen deutlich wird, dass bestimmte Gesichtspunkte nicht berücksichtigt worden sind, werden sie ein Gespräch mit der betroffenen örtlichen Versammlung führen. Oftmals wissen sie ja bei Weitem nicht alles über den konkreten Fall, oder sie sind einseitig informiert worden. Daher ist in Zweifelsfällen immer mit großer Vorsicht vorzugehen.
  5. Stellt sich wirklich heraus, dass ein Beschluss zu Unrecht gefallen ist, muss diese Sache auf das Gewissen der handelnden örtlichen Versammlung gelegt werden, damit sie ihren Beschluss korrigieren kann. Sie hat Autorität an ihrem Ort – und sie allein. Nur sie kann einen falschen Beschluss, sollte er tatsächlich vorliegen, zurücknehmen.
  6. Wenn sich diese Versammlung korrigiert, dann ist auch die neue Entscheidung wieder für alle anderen bindend. Denn die Versammlung hat gehandelt. Bedenken wir, dass wir in Matthäus 18 die Verantwortung der örtlichen Versammlung vor uns haben.
  7. Was aber ist zu tun, wenn jene Versammlung nicht bereit, ihren falschen Entschluss zurückzunehmen? Wenn sie nicht auf biblisch begründete Hinweise durch Brüder von Nachbarversammlungen hört, die sich vielleicht in Geduld um sie gekümmert haben? Dann hört sie auf, Versammlung im biblischen Sinn zu sein. Man kommt dort nicht mehr „als Versammlung“ zusammen, da man Gottes Wort nicht mehr als Autorität und Maßstab anerkennt. Dann – und erst dann – hat ihr Binden und Lösen keine Autorität mehr. Denn nun hat sie aufgehört Darstellung der weltweiten Versammlung am Ort zu haben. So lange aber haben wir in Geduld diese Autorität anzuerkennen und danach zu handeln.
Die Versammlung – nicht Einzelne

Abschließend zu diesem Vers weise ich noch auf einen Punkt hin: „Was irgend ihr auf der Erde binden werdet“, heißt es. Das ist die örtliche Versammlung. Wenn die halbe Versammlung oder ein markanter Teil der örtlichen Versammlung einem Beschluss nicht beipflichten kann, dann ist es einer Versammlung nicht möglich zu handeln. Sie ist handlungsunfähig. Sie muss warten. Um es ganz klar zu sagen: Eine solche Versammlung hat nicht nach Matthäus 18,18 gehandelt. Es liegt kein Versammlungsbeschluss vor.

Wer dann fordert, dass ein solcher vermeintlicher Beschluss auch zu befolgen ist, schreibt einem Teil der Versammlung eine Autorität zu, die der Herr nur der örtlichen Versammlung insgesamt gegeben hat. Hier hat sich der Himmel nicht gebunden. Die Frage ist nicht, ob alle Gläubigen an diesem Ort miteinander versammelt sind. Man kann auch „als Versammlung“ (vgl. 1. Kor 11,18) zusammenkommen, wenn nicht alle anwesend sind, wenn man aber auf der biblischen Grundlage der Versammlung zusammenkommt, so dass dem Grundsatz nach alle Kinder Gottes eines Ortes aufgenommen werden, wenn sie nicht im Bösen leben. Man hat das verglichen mit dem Bundestag. Dieser ist handlungsfähig, auch wenn nicht alle da sind. Wenn aber ein erheblicher Teil derer, die als örtliche Versammlung zusammenkommen, „Nein“ sagt zu einer Entscheidung, dann ist das etwas anderes. Hier hat die Versammlung nicht gehandelt.

Was ist dann zu tun, wenn beispielsweise der böse Zustand eines Christen, der die Gemeinschaft der örtlichen Versammlung genießt, offenbar wird, ein Teil das aber (inzwischen) anders sieht? Zuerst ist immer Geduld gefragt. Wir haben diejenigen, die eine andere Beurteilung haben, anhand des Wortes Gottes zu überzeugen. Gibt es nicht die Gefahr, dass wir selbst die Dinge überspitzt, zu extrem sehen? Andererseits: Wenn das Böse klar und offenbar ist, ein erheblicher Teil der Gläubigen am Ort das aber nicht (mehr) so sieht, bleibt uns nach viel Geduld und Belehrung nur der Weg, den 2. Timotheus 2,19–22 weist: Wir selbst müssen uns von diesen Geschwistern zurückziehen, um „ein Gefäß zur Ehre zu sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet“.

Es gilt zu bedenken, dass es nur ein Trennen von Bösem (und mit Sünde identifizierten Personen) gibt, nicht von anderen Gedanken, Auffassungen etc. Vor allem wird sich unsere Gesinnung erweisen, ob wir uns isolieren, oder ob wir die Belehrung von 2. Timotheus 2,22 verwirklichen, dann „mit denen nach Gerechtigkeit, Glauben, Liebe, Frieden zu streben, die den Herrn anrufen aus reinem Herzen“. Der Herr will keine isolierten Christen, sondern wünscht, dass sich Gläubige zusammenfinden, auf der Grundlage der Schrift.

Kann man heute noch binden und lösen?

Ist es heute überhaupt noch möglich zu binden und zu lösen, wo gar nicht mehr die ganze Versammlung zusammenkommt? Diese Frage ist sehr berechtigt. Denn es gibt vielleicht keinen Ort mehr auf der Erde, wo „die ganze Versammlung“ an einem (geistlichen) Ort zusammenkommt. Für die Beantwortung dieser Frage sind die beiden folgenden Verse in Matthäus 18 eine große Hilfe. Gott wusste von Anfang an, dass wir das Zeugnis der Versammlung Gottes auf der Erde ruinieren würden. Daher hat Er in seinen Anweisungen Vorsorge getroffen.

Manchmal kommen nur noch zwei oder drei zusammen. Aber solange sie „als Versammlung“ (vgl. 1. Kor 11,18) zusammenkommen, das heißt allein auf der biblischen Grundlage der Versammlung, indem sie einfach das zu verwirklichen suchen, was die Schrift über die Versammlung und das Zusammenkommen sagt, sieht der Herr sie als Darstellung der einen (viel größeren) Versammlung an. Aber dazu müssen sie auch bereit sein, das in Treue zu verwirklichen, was das Neue Testament über die Versammlung Gottes lehrt. „Wascht euch, reinigt euch; schafft mir die Schlechtigkeit eurer Handlungen aus den Augen, hört auf, Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun, trachtet nach Recht“ (Jes 1,16.17).

Vers 19: Der Segen des gemeinsamen Gebets

In Vers 19 nennt der Herr Jesus einen zweiten Grundsatz: „Wahrlich, wiederum sage ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen werden über irgendeine Sache, die sie auch erbitten mögen, so wird sie ihnen zuteilwerden von meinem Vater, der in den Himmeln ist.“ Man fragt sich unwillkürlich, warum gerade dieser Vers jetzt folgt.

  1. An erster Stelle möchte ich daran erinnern, dass der Autorität in Vers 18 die Abhängigkeit in Vers 19 folgt. Nur dann, wenn wir wirklich abhängig von Gott handeln – das Gebet ist davon der beste Ausdruck – werden wir die Autorität, die uns nach Vers 18 übertragen worden ist, in der rechten Weise ausüben. Mit anderen Worten: Abhängigkeit und Autorität gehören zusammen!
  2. Soll uns mit diesem Vers nicht gesagt werden, dass eine örtliche Versammlung nur dann in der Lage ist zu binden und zu lösen, wenn sie es auf betenden Knien tut? Das „wiederum“ soll nicht andeuten: Jetzt habe ich Euch etwas ganz anderes zu sagen, sondern: Wiederum, das heißt über das hinaus, was ich euch bislang gesagt habe, aber zu demselben Thema, habe ich Euch auch noch dieses zu sagen. Ohne Gebet zu lösen und zu binden heißt, ohne den Himmel zu handeln, aber zu meinen, der Himmel würde trotzdem das anerkennen, was auf der Erde getan wird. Das wäre im Widerspruch zu der hier aufgezeigten Beziehung, die zwischen der Versammlung und dem Himmel besteht.
  3. Letztlich haben wir hier zwei verschiedene Zusammenkommen als Versammlung, die uns vorgestellt werden. Wenn eine Versammlung Geschwister aufnimmt in die Gemeinschaft – ein wichtiger Teil ist das Brotbrechen, aber bei weitem nicht der einzige! – dann tut sie das in einem speziellen Zusammenkommen, wo von der Versammlung gerade diese Entscheidung der Aufnahme (oder des Ausschlusses) getroffen wird. Das Zusammenkommen zum Gebet ist eine weitere Zusammenkunft als Versammlung, genau wie die Zusammenkommen zum Brotbrechen (vgl. Apg 20,7) und das zur Auferbauung (1. Kor 14). Wenn also Geschwister in die Gemeinschaft (und damit zum Brotbrechen) aufgenommen werden, handelt es sich nicht um ein „Anhängsel“ an das Zusammenkommen zum Brotbrechen, selbst wenn diese Handlung (nicht „Bekanntmachung“!) im Anschluss an das Brotbrechen geschieht. Es ist ein eigenständiges Zusammenkommen, das wir daher natürlicherweise auch mit Gebeten einrahmen.
  4. Das Binden und das Lösen (Vers 18) setzen Einmütigkeit der handelnden Versammlung voraus, wie wir schon weiter oben gesehen haben. Es ist besonders das Zusammenkommen zum Gebet, in der diese Einmütigkeit sichtbar wird. Wenn alle Gläubigen einer örtlichen Versammlung gemeinsam beten, dann müssen sie über diese Sache „übereingekommen“ sein (vgl. Am 3,3). Sonst könnten sie nicht zusammen für eine Sache beten; ein gemeinsames „Amen“ wäre unmöglich! Wie traurig, wenn in einer örtlichen Versammlungen Gruppierungen und Entzweiungen entstehen, die ein solches gemeinsames, einmütiges Gebet unmöglich machen.
  5. Der Herr zeigt hier, dass es nicht notwendig ist, dass die ganze Versammlung (zahlenmäßig) zusammenkommt, damit der Vater die Bitten erhört. Es können auch nur zwei oder drei „von euch“ sein. Das zeigt, dass der Herr in seiner göttlichen Barmherzigkeit den Niedergang der Gläubigen hier auf der Erde einbezieht, wenn Er Anordnungen gibt. Aber es wäre zu schmal gedacht, diese Zahl von zwei oder drei allein auf den Niedergang zu beziehen. Der Herr sagt diesen Niedergang auch an dieser Stelle nicht voraus – aber Er lässt offen, dass einmal nur noch zwei oder drei versammelt sein könnten. Zudem zeigt Er, dass wo immer zwei oder drei „von euch“ – also Gläubige, Jünger, die dem Herrn Jesus nachfolgen, die zur Versammlung des Herrn gehören – zum Gebet zusammenkommen in dem Bewusstsein, dass sie nur einen Teil der örtlichen Versammlung bilden, sie von dem Vater erhört werden. Im folgenden Vers nennt der Herr noch eine Bedingung für die Erhörung – in seinem Namen zusammenzukommen. Aber zunächst stellt Er den Jüngern vor, was für eine Auswirkung das Gebet von zweien oder dreien hat.
  6. Dies ist einer der Verse, die zeigen, dass das Gebet den Himmel „bewegt“. Denn der Vater, der in den Himmeln ist, handelt auf das Gebet von Gläubigen hier auf der Erde, auch wenn es nur zwei oder drei sind, die zu Ihm rufen. Die Jünger auf der Erde werden mit Christus identifiziert. Denn Christus ist selbst unter ihnen! Deshalb hört Gott, der Vater, sie.
  7. Gegenstand des Gebets kann „irgendeine“ Sache sein. Man könnte fragen: Ist das nicht ein Freibrief für alles, auch für unsinnige Bitten, die der Vater dann erhört? Die Antwort ist: Ja, es ist ein Freibrief, eine gewaltige Verheißung. Aber es handelt sich nicht um eine Verheißung an das Fleisch, das unsinnige, törichte oder sogar böse Bitten vorbringt. Vers 20 zeigt, dass es Bitten sind, die das Ergebnis einer bewussten Einsmachung mit dem Herrn Jesus sind. Denn man ist zusammengekommen in seinem Namen. Das gibt die große Freiheit, alle die Bitten vorzubringen, von denen man weiß, dass sie die Bitten des Herrn Jesus wären, wenn Er noch hier auf der Erde wäre – und Matthäus sieht Ihn ja in gewisser Hinsicht bis heute noch bei den Jüngern, bis zur Vollendung des Zeitalters (vgl. Mt 28,20). Dieses Bewusstsein ist keine Einengung für Gebete, sondern eine wunderbare Fokussierung.

Vers 20: Die Magna Charta der Versammlung

Der anschließende Vers 20 ist die Krönung dieses Abschnittes und gibt diesem zugleich gewissermaßen einen Rahmen. Das „denn“ zeigt an, dass dieser Vers die Grundlage für die beiden vorhergehenden Grundsätze und Handlungen ist. Man hat diese Aussage die „Magna Charta der Versammlung“ genannt: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte.“ Verschiedene Ausleger haben auf die sieben herrlichen Punkte in diesem kurzen Vers hingewiesen:

  1. Die göttliche Grundlage: „Denn“. Gott hat durch den Herrn Jesus die Grundlage gelegt für das Gebet der Versammlung, für das Binden und Lösen der Versammlung, für das Zusammenkommen der örtlichen Versammlung. Es sind keine menschlichen Gedanken, keine menschlichen Überlegungen. Gott schenkt dieses Fundament.
  2. Der göttliche Ort: „Wo“. Im Alten Testament gab es den Ort, den der Herr erwählt hatte, um dort zu wohnen (Jerusalem, der Tempel; Mose spricht in seinem 5. Buch 21-mal von diesem Ort). Im Neuen Testament gibt es nicht den einen, geographischen Ort, den Gott erwählt hat, auch wenn man natürlich an einem physischen Ort zusammenkommen muss, was auch heute noch im Zeitalter der Digitalisierung gilt. Aber es gibt einen geistlichen Ort, wo Gottes Wahrheit anerkannt wird. Dort verwirklicht man, was Er über seine Versammlung im Wort Gottes niedergelegt hat. Das ist dieser göttliche Ort. Es ist ein Ort des Segens, den wir in der Schrift niedergelegt finden.
  3. Die göttliche Zahl: „Zwei oder drei“. Es kommt nicht auf die Menge an, sondern auf die Einstellung, nicht auf die Anzahl, sondern auf die richtige Grundlage. Nicht da, wo sich die meisten treffen, sondern da, wo man den Herrn Jesus treffen möchte bzw. trifft, da ist Er in der Mitte. Es können 5.000 sein, aber es können auch nur zwei sein. Nicht, dass der Herr wünscht, dass an einem Ort nur zwei in seinem Namen zusammenkommen. Aber wenn es nur zwei oder drei sind, dann ist Er persönlich zugegen. Einer allein – das ist kein Zusammenkommen. Aber schon die kleinste Mehrzahl ist für den Herrn Jesus Anlass genug, persönlich zu kommen, ja anwesend zu sein. Diese Versammelten sind Zeugen seine Gegenwart, die sie bezeugen. So sind sie für Ihn ein Zeugnis auf der Erde. Er hat sie gesammelt aus den Ländern, von Osten und von Westen, von Norden und vom Meer“. Sie sind die Erlösten des Herrn (vgl. Ps 107,2.3).6
  4. Das göttliche Ziel: „Versammelt sind“. Gott möchte, dass sich seine Jünger aufmachen. Sie sollen sich zusammenfinden. Daher wird dieser Punkt zuweilen auch die göttliche Einheit genannt, da man als Versammlung zusammen eine Einheit bildet. Der Vers 20 sagt nicht, was wir tun sollen. Er sagt aus, was passiert, wenn wir etwas getan haben, nämlich uns versammelt haben. Das ist das Ziel des Herrn für seine Versammlung: Sie soll zusammenkommen. Einmal wird Er sie für immer versammeln (2. Thes 2,1). Aber schon hier ist es das Ziel Gottes, dass wir an einem Ort versammelt sind.
    Aus Apostelgeschichte 4,12 wissen wir, dass Christus der Name ist, der rettet. Hier lernen wir nun, dass derselbe Name um sich sammelt. Dieser Name ist Anziehungspunkt für die Versammlung.
  5. Der göttliche Gastgeber: „Zu seinem Namen hin“. Es gibt eine Person, zu der wir gehen, wenn wir uns versammeln. Christus ist nicht nur die Autorität in unseren Versammlungen, wir sind dort auch nicht nur als seine Repräsentanten versammelt, sondern Er ist unser Bezugspunkt, warum wir uns überhaupt versammeln. Er ist der Einladende. Das ist noch mehr als der Beweggrund. Denn Er ist der Gastgeber. Wenn wir uns nicht zu Ihm begeben würden, hätten wir überhaupt keinen Anlass, uns zu versammeln. Es ist der göttliche Name, wie andere es genannt haben, zu dem wir hinkommen. Wir versammeln uns nicht zu einem menschlichen Zweck, zu einer menschlichen Person, sondern in seinem Namen. Das versammelt sein „zu seinem Namen hin“, wie es wörtlich heißt, spricht hier davon, dass Er allein die Autorität in der Versammlung besitzt. Man ordnet sich seiner Autorität in allem unter.
    Wie oft in der Schrift steht der Name für die Person, die diesen Namen trägt. Das ist niemand anderes als der Herr Jesus selbst! Wenn man sich zu Ihm hin versammelt, dann kann in dieser Versammlung – unter den Gläubigen, die diese Versammlung bilden, oder in den Handlungen in den Zusammenkünften – Böses nicht zugelassen werden. Könnte der Name des Herrn mit Bösem in Verbindung stehen (vgl. 2. Kor 6,15)? Genauso wenig könnte der Name Christi – oder ist es nicht auch der Name des Sohnes des lebendigen Gottes, vgl. Kapitel 16,16? – mit einer sektiererischen Enge verbunden werden.
    Der Herr Jesus nimmt alle Kinder Gottes auf – daran müssen wir immer festhalten! –, es sei denn, dass es Hindernisse gibt, die uns Gottes Wort deutlich zeigt. Er ist der Gastgeber, der bestimmt. Wir versammeln uns zu Ihm hin. Und das schließt die ganze Offenbarung seiner Person mit ein, wie wir sie im Neuen Testament finden. Das heißt nichts anderes, als dass wir die Botschaft des ganzen Neuen Testaments annehmen müssen.
    Sein Name steht also für Autorität und Gehorsam. Er steht auch für die ganze Offenbarung, die mit seiner Person verbunden wird. Der Herr spricht hier nicht von einem speziellen Namen: Jesus, Sohn Gottes, Christus, usw., sondern nennt ganz allgemein seinen Namen. Das zeigt, dass wir jede Seite seiner Person, jede Herrlichkeit, darunter fassen müssen. Wo immer man Abstriche macht – zum Beispiel an seiner Gottheit oder Menschheit – kann man nicht „in seinem Namen“ versammelt sein. Sein Name ist zugleich verbunden mit seinem Werk, denn dieses gibt seinem Namen einen ganz besonderen Wert. Wer also das Werk Christi in der im Wort Gottes verankerten Weise ablehnt oder schmälert, wozu auch die Auswirkungen gehören, also auch das Gericht für diejenigen, die dieses Werk nicht annehmen, kann nicht in seinem Namen versammelt sein. Zu seinem Namen gehört auch die Versammlung (vgl. 1. Kor 12,12). Wer also die biblische Wahrheit über die Versammlung nicht mehr festhält, ist nicht „in seinem Namen“ versammelt.
    Man könnte diesen Punkt – in seinem Namen – auch die göttliche Bedingung nennen. Denn das Versammeltsein zu Ihm hin ist die Bedingung für den Segen, der im Folgenden genannt wird. Diese Bedingung ist zunächst eine stellungsmäßige Fragestellung. Diese Frage muss grundsätzlich geklärt sein. Man darf sich nicht mit menschlichen Grundsätzen zufrieden geben, sondern muss allein Christus und sein Wort als Grundlage des Zusammenkommens akzeptieren. Wer das tut, muss nicht ständig überlegen, ob er noch „in seinem Namen“ versammelt ist – das ist er. Aber es kommt darüber hinaus die praktische Frage hinzu, ob jemand mit seinem Herzen und mit seinen Sinnen „zu Ihm hin versammelt ist“ – nur dann kann er den Segen dieser Verse auf sich beziehen. Denn wer nicht mehr mit dem Herrn und mit Überzeugung kommt, wird früher oder später auch die grundsätzliche Stellung der Versammlung aufgeben. Die Versammlung in Philadelphia ist uns hier ein leuchtendes Vorbild. Der Herr Jesus konnte von ihr sagen: „Du hast meinen Namen nicht verleugnet“ (Off 3,8).
  6. Die göttliche Gegenwart: „Bin ich“. Da, wo man zu Ihm versammelt ist, da ist Christus persönlich da. Nicht vielleicht, nicht unter Umständen, nicht unter weiteren Bedingungen, sondern: „Ich bin“ da. Was für ein Wunder! Wir sehen den Herrn Jesus nicht mit unseren körperlichen Augen, weil Er nicht leibhaftig da ist. Aber Er ist persönlich da, durch seinen Geist. Das ist nicht weniger real! Auch wenn wir Ihn nicht sehen können, wollen wir immer daran festhalten: Er ist da. Anbetungswürdige Gegenwart unseres Retters und Herrn.
  7. Der göttliche Mittelpunkt: „In ihrer Mitte“. Wir versammeln uns nicht nur zum Herrn Jesus hin. Er ist nicht nur der Gastgeber, Er ist auch persönlich der Mittelpunkt. Alles dreht sich um Ihn, den anwesenden Herrn. In dieser Weise gibt es auf dieser Erde nur diese eine Gelegenheit, auf den Herrn Jesus zu treffen. Das ist das Zusammenkommen als Versammlung. Für keine andere Gelegenheit auf dieser Erde hat der Herr zugesagt, persönlich anwesend zu sein. Aber da, wo man sich zu Ihm hin versammelt, da ist Er persönlich in der Mitte. Die Frage für uns ist, ob wir Ihm diesen Mittelpunkt auch ganz praktisch geben. Sonst gibt es durch seine Anwesenheit letztlich keinen Segen für uns.

Der Herr Jesus ist nicht nur der Mittelpunkt der Versammlung. Er war auch der Mann in der Mitte der Räuber am Kreuz (vgl. Joh 19,18). Nach seiner Auferstehung war Er dann der Mann in der Mitte der Jünger, die sich versammelt hatten (vgl. Joh 20,26) -ein herrliches Bild von der Versammlung, die erst später entstehen sollte. Er wird in Zukunft auch als das Lamm in der Mitte des Thrones, der vier lebendigen Wesen und der Ältesten sein (vgl. Off 5,6). Heute schon ist er in der Mitte der Leuchter – der einzelnen örtlichen Versammlungen – als Sohn des Menschen richtend tätig (vgl. Off 1,13).
Es schwingt hier noch ein weiterer, wichtiger Punkt mit. Bis zum Kommen des Herrn war das Volk Israel das Volk Gottes auf der Erde, und Jerusalem der Mittelpunkt der Erde, auch der Wohnort Gottes, wenn auch die Wolke der Herrlichkeit Gottes nicht mehr dort war. Das alles würde sich jetzt grundsätzlich ändern. Anstelle des Volkes Israel würde jetzt, was das Zeugnis Gottes und der Mittelpunkt der Gedanken Gottes auf der Erde betrifft, die Versammlung treten. Anstelle Jerusalems würde nun der Ort, wo Christen sich zum Namen des Herrn hin versammeln, der Ort sein, mit dem sich Gott identifiziert. Und anstelle seiner Wolke würde jetzt der Herr Jesus persönlich Mittelpunkt derer sein, die sich so versammeln. Das ist die Gnade, die Gott uns bis heute schenkt.

Praktische Erwägungen

Es ist manchmal gefragt worden, ob das „denn“ in Vers 20 bedeutet, dass der Segen auf Vers 19 ausschließlich für das Zusammenkommen der örtlichen Versammlung zum Gebet gilt. Tatsächlich ist es so, dass der Zusammenhang diese Schlussfolgerung nahelegt. Durch das „denn“ in Vers 20 wird nämlich die Grundlage für die Erhörung gelegt: Sie besteht in der persönlichen Gegenwart des Herrn inmitten der zwei oder drei und ist damit eine Folge davon, dass diese „in seinem Namen“ versammelt sind. Das können die zwei oder drei, die sich privat zum Gebet treffen, nicht für sich in Anspruch nehmen.

Dennoch muss man vorsichtig sein, den Segen dieses Verses vollständig auf diese Bedeutung zu beschränken. Immerhin muss man bedenken, dass der Gesamtzusammenhang dieses Kapitels das Königreich der Himmel ist, nicht die Versammlung. Das wird in Vers 21 sofort wieder deutlich. Wenn daher zwei oder mehr Geschwister zusammenkommen, um für einen ihnen wichtigen Punkt – sagen wir das Werk des Herrn an einem bestimmten Ort – zu beten, und sie tun das, indem sie zum Herrn Jesus kommen, in dem Bewusstsein seiner herrlichen Person, wie sie uns im Neuen Testament beschrieben wird, und der damit verbundenen Wahrheit Gottes, dann dürfen sie sicher sein, dass der Vater in den Himmeln hört und erhört. Immerhin steht dieser Titel „Vater, der in den Himmeln ist“, ja in einem gewissen Gegensatz zu unserer Stelle, die wir auch geistlicherweise in den Himmeln sind (vgl. Eph 2,6). Für die Jünger, die auf der Erde lebten und auch auf der Erde berufen worden waren, war Er der Vater, der in den Himmeln ist. Für uns, die wir zur Versammlung Gottes gehören und damit himmlischen Ursprungs und Wesens sind, ist Er dagegen Gott, unser Vater. In diesem Sinn wollen wir diese Verse, die uns den besonderen Segen und zugleich die große Verantwortung der örtlichen Versammlung vorstellen, nicht grenzenlos anwenden. Aber wir wollen den Segen, den wir auch an anderer Stelle für das persönliche Gebet kennen (1. Joh 5,14.15), an dieser Stelle nicht ganz ausschließen. Eines ist klar:

Der hier genannte Segen steht direkt mit der Versammlung in Verbindung und ist von dieser nicht zu lösen. Das macht der Zusammenhang deutlich. Aber es ist auch deutlich, dass wir in keinem der Verse 18–20 den Ausdruck Versammlung direkt finden. Das mag einerseits damit zusammenhängen, dass der Herr den Niedergang der Versammlung, was ihren Weg als verantwortliche Zeugin des Herrn auf der Erde betrifft, vorausgesehen hat. Aber es scheint mir auch damit zusammenzuhängen, dass der Herr den Blick nicht vollständig auf die Versammlung einengt. Wie gesagt – unabhängig von der Versammlung können wir diese Verse allerdings nicht verstehen und verwirklichen.

Mit Vers 20 endet dieser wunderbare Abschnitt, der uns vor allem zeigen soll, wie wir mit Brüdern umgehen sollen, wenn sie gesündigt haben. Wir sollen alles tun, um sie zu gewinnen, damit die Sünde nicht in die Öffentlichkeit gerät. Wenn es nötig ist, dann hat der Herr seiner Versammlung an jedem Ort Autorität gegeben, um zu handeln. Denn Er selbst ist in ihrer Mitte derjenige, der letztlich der Handelnde ist. Das ist ein gewaltiges Vorrecht, das wir dankbar annehmen dürfen.

Verse 21–35: Unaufhörliche und unbegrenzte Vergebungsbereitschaft

Damit kommen wir zum dritten Abschnitt der Belehrungen über Jüngerschaft. Nach den Punkten Demut und Selbstverleugnung geht es jetzt um ein drittes Kennzeichen von Jüngern: Vergebungsbereitschaft.

Wie so oft ist Petrus der Sprecher für die anderen Jünger. Vielleicht hat er sich daran erinnert, dass er eine besondere Funktion vom Herrn Jesus in Verbindung mit der ersten Ankündigung der Versammlung bekommen hat. Daher will er ein wichtiges Thema mit dem Herrn erörtern, nachdem dieser von der Haltung einem sündigen Bruder gegenüber gesprochen hatte. Denn der Herr hat nicht weiter erklärt, was in Bezug auf den Bruder, der gesündigt hat, zu tun ist. Kann man einem solchen vergeben? Muss man das? Und wie oft? Zudem hat Er auch nicht gesagt, was zu tun ist, wenn jemand seine Sünde einsieht.

Verse 21.22: Der Grundsatz – Vergebung üben, egal wie oft sie nötig ist

„Dann trat Petrus zu ihm und sprach: Herr, wie oft soll ich meinem Bruder, der gegen mich sündigt, vergeben? Bis siebenmal? Jesus spricht zu ihm: Nicht bis siebenmal, sage ich dir, sondern bis siebzig mal sieben“ (Vers 21).

Petrus hatte ein weites Herz! Siebenmal dem Bruder in derselben Sache vergeben ist viel. Wir sollten seine Gedanken daher nicht gering achten. Man kann nachlesen, dass die Rabbiner damals der Meinung waren, dass man maximal dreimal in einer Sache vergeben sollte. Beim vierten Mal war ihrer Meinung nach endgültig Schluss. Petrus wollte dem Herrn, der diese Regel ja kannte, zeigen, dass er ein viel weiteres Herz hatte. Mehr als doppelt so häufig zu vergeben – das wäre doch wirklich der Gipfelpunkt an Gnade. Oder?

Die Antwort Jesu ist wirklich erstaunlich. „Nicht siebenmal, sage ich dir, sondern bis siebzig mal sieben“. Das heißt nichts anderes als: Immer, ohne Begrenzung! Petrus hatte zwar ein weites Herz gezeigt, aber er wollte immer noch zählen. Das ist nichts anderes, als letztlich doch eine gesetzliche Haltung zu offenbaren. Beim siebten Mal sollte endgültig Schluss sein. Der Herr aber denkt anders. Selbst zehnmal ist nicht genug. Auch nicht 100 Vergebungen an einem Tag. Siebzig mal sieben Mal. Natürlich ist die Zahl 490 nicht die entscheidende, sondern das zweimalige Verwenden der Zahl 7. Jünger des Herrn sollen bereit sein, in vollkommener Weise – dafür steht diese Zahl –, also in jeder Hinsicht und bei jedem Mal zu vergeben. Und zwar auch dann, wenn jemand in derselben Sache schon 100 Mal gegen mich gesündigt hat.

Das lässt sich wesentlich schneller schreiben, als man dazu in der Praxis bereit ist. Letztlich dürfte es wohl fast niemand von uns je erlebt haben, dass eine bestimmte Person 100 Mal in derselben Sache gegen ihn gesündigt hat. Es gibt so etwas leider – denken wir an Kindesmissbrauch, denken wir an Ehebruch, denken wir an Lügen, usw. Aber diese Fälle sind, dem Herrn sei Dank, eher selten. Wir sind oft schon am Ende unserer Geduld angekommen, wenn jemand dreimal in derselben Sache gegen uns gesündigt hat. Hier lernen wir: Christen sollten immer vergeben. Sie dürfen nie müde werden darin, Gnade zu erweisen gegenüber jemandem, der sich an ihnen versündigt hat. Selbst wenn jemand ständig gegen uns sündigt, sollen wir voller Gnade handeln. Wir sollen ihm nicht sagen: Du hast ja schon wieder gesündigt, aber ich will Dir noch einmal vergeben. Das wäre keine ehrliche Vergebung. Diese ist immer frei und von Herzen!

Bevor wir den Text weiter behandeln, müssen wir zunächst klären: Was bedeutet „vergeben“ (gr. aphiemi)? Das Wort selbst bedeutet: wegsenden von sich selbst. Daraus leitet sich dann ab: etwas (wie Schuld, wie eine Verantwortung) erlassen, vergeben, freisprechen. Es handelt sich dabei um ein freiwilliges, sogar oft unverdientes Gehenlassen. In unserem Abschnitt kommt das Wort viermal vor (Verse 21.27.32.35).

Das „Fortsenden“ von Sünden wird sehr eindrücklich in 3. Mose 16 am Sühnungstag illustriert. Das Volk Israel hatte viele Sünden getan im Laufe eines Jahres. Diese wurden durch Handauflegung auf einen Ziegenbock gewissermaßen gebunden, der dann in die Wüste „weggesandt“ wurde. Deswegen wurde dieser Bock „Asasel“ (d. h. Abwendung, der davongeht) genannt. So waren ihre Sünden förmlich weggeführt. Woanders wird gesagt, dass Gott unsere Sünden „hinter seinen Rücken geworfen“ hat (Jes 38,17), ein bildlicher Ausdruck, der deutlich macht, dass Er auf Sünden, die Er vergeben hat, nie wieder zu sprechen kommt. Sie sind ein für alle Mal aus seinem Gedächtnis entfernt. An anderer Stelle sagt Er, dass so weit der Osten ist vom Westen (also unendlich weit), unsere Übertretung von uns entfernt worden sind (Ps 103,12). Genau das ist Vergeben: Nie wieder die Sünden hervorholen, die wir einem anderen vergeben haben – sie sind zugedeckt worden. Dass dafür letztlich ein Bekenntnis nötig ist, haben die Verse in Matthäus 18,15–17 deutlich gemacht. Unsere Haltung als Vergebende aber sollte sein, von Herzen zuzudecken, Sünden „wegzusenden“ und nie wieder auf diese zurückzukommen. Das gilt übrigens auch im Blick auf unsere Kinder. Wenn wir ihnen etwas vergeben haben, dürfen wir nie wieder darauf zurückkommen, selbst wenn sie in derselben Sache erneut gesündigt haben sollten.

Der Herr Jesus lässt dieses Thema hier nicht abstrakt im Raum stehen. Er fügt jetzt ein Gleichnis an, das sich in außerordentlich deutlicher Weise an unsere Herzen richtet.

Verse 23–35: Das Gleichnis vom unbarmherzigen Knecht

„Deswegen ist das Reich der Himmel einem König gleich geworden, der mit seinen Knechten Abrechnung halten wollte. Als er aber anfing abzurechnen, wurde einer zu ihm gebracht, der zehntausend Talente schuldete. Da dieser aber nichts hatte, um zu bezahlen, befahl sein Herr, ihn und seine Frau und die Kinder und alles, was er hatte, zu verkaufen und so zu bezahlen. Der Knecht nun fiel nieder, flehte ihn an und sprach: Hab Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen. Der Herr jenes Knechtes aber, innerlich bewegt, ließ ihn frei und erließ ihm das Darlehen“ (Verse 23–27).

Wir kommen jetzt zum ersten von vier weiteren Gleichnissen über das Königreich der Himmel, die im Anschluss an Matthäus 13 zu finden sind. Sie belehren uns über wahre Jüngerschaft in diesem Reich, und zwar

  • über Vergebungsbereitschaft (Kap. 18),
  • über die souveräne, unumschränkte Gnade Gottes, die Ausgangspunkt jeder Segnung ist (Kap. 20),
  • den Platz, den Gott seinem Sohn in diesem Reich gibt, und die traurige Tatsache, dass nur wenige bereit sind, die Gnade Gottes als Geschenk anzunehmen (Kap. 22) sowie
  • die gottgemäße Erwartung der Jünger auf das Wiederkommen Christi (Kap. 25).
Verse 23–27: Gott ist vollkommen barmherzig

In diesem Gleichnis vergleicht der Herr Jesus Gott mit einem König, der am Ende einer Arbeitssaison mit seinen Knechten abrechnet. Einer seiner Knechte hatte eine Schuld von 10.000 Talenten. Viele haben versucht auszurechnen, wie viel 10.000 Talente in unserer heutigen Währung darstellen. Interessant ist, dass uns die Schrift dafür keinen Anhaltspunkt bietet. Dort wird Talent zwar auch immer wieder als ein Maß für Geld genannt (z.B. in dem Gleichnis von den Talenten in Mt 25), aber ohne weiteren Bezugspunkt. Manche meinen, dass man mehrere Milliarden Euro heute mit diesen 10.000 Talenten vergleichen kann.

Offenbar soll uns mit dieser Summe einfach ein unvorstellbar hoher Betrag gezeigt werden, den ein Mensch in seinem Leben unmöglich abzahlen oder abarbeiten kann. Das überträgt der Herr Jesus nun auf die Beziehung eines Menschen zu Gott. Der Knecht steht in diesem Gleichnis stellvertretend für jeden natürlichen Menschen. Von Geburt an haben wir alle eine übermäßig große, unbezahlbare Sündenschuld gegenüber Gott „auf unserem Konto“. Die Ursache der Schuld ist die Sünde des Menschen, die zwischen ihm und Gott steht.

Der Knecht ist sich bewusst, dass die Aufforderung seines Herrn, sich selbst, seine Frau, seine Kinder und seine Habe zu verkaufen, letztlich unmöglich ausreichen würde, die 10.000 Talente zu bezahlen. Und zudem stände er dann noch mittelloser da als vorher. Daher fällt er vor dem König nieder und fleht diesen an. „Hab Geduld mit mir, und ich will dir alles bezahlen.“ Dieser Satz verwundert etwas. Sowohl der Knecht als auch der König wussten, dass diese Schuld unmöglich zu bezahlen war. Selbst wenn der Knecht 1.000 Jahre alt geworden wäre, hätte er dadurch nicht ausreichend Kapital erarbeitet, um diese ungeheure Summe zu bezahlen. Zeugen diese Worte des Knechtes nicht davon, wie der Mensch immer noch meint, durch eigene Anstrengung Gott irgendwann günstig stimmen zu können? Irgendwann, meinen manche Menschen, werden sie die Probleme, die zwischen ihnen und Gott stehen, durch eigene Anstrengungen schon aus der Welt schaffen können. Aber dieses Gleichnis zeigt, dass es unmöglich ist, mit eigenen Werken und Anstrengungen die Heiligkeit Gottes zufriedenstellen zu können (vgl. 1. Pet 1,19). Es gibt nur einen Weg: „Der Herr jenes Knechtes aber, innerlich bewegt, ließ ihn frei und erließ ihm das Darlehen.“ Eigentlich hätte die Abrechnung des Königs auf dem Grundsatz der Gerechtigkeit und des Gesetzes stattfinden müssen. Da aber abzusehen war, dass die Schuld unbezahlbar war, erwies der König reine Gnade.

So hat Gott uns gegenüber gehandelt. Er hat uns die ganze Schuld erlassen. Dafür aber musste der Herr Jesus sein Leben in den Tod geben – sein Blut war der Preis für den Erlass des Schuldbriefes! Es ist beeindruckend zu sehen, was für ein Herz dieser König für seinen Knecht hatte. Gott hat solch ein Herz für den Menschen. Er ist innerlich bewegt, sein Herz ist tätig für den Menschen. Denn Er möchte dem Menschen die ganze Schuld erlassen. Der Mensch muss dieses Angebot der Gnade Gottes nur annehmen und akzeptieren. Dafür ist es nötig zuzugeben, dass er selbst nicht in der Lage ist, seine Schuld zu bezahlen. So, wie der König diesen Menschen freiließ und ihm die ganze Schuld erließ, so hat auch Gott den reumütigen Menschen freigelassen und ihm ein Angebot der Gnade im Herrn Jesus gemacht. Jeder, der Ihn als Retter annimmt, kann so frei weggehen wie dieser Knecht.

Das aber ist nicht das eigentliche Thema dieses Gleichnis, sondern wird fast nebenbei durch die Gnade des Königs gezeigt. Die eigentliche Botschaft kommt jetzt im zweiten Teil.

Verse 28 -31: Unbarmherzig im Kleinen trotz großer, erfahrener Barmherzigkeit

„Jener Knecht aber ging hinaus und fand einen seiner Mitknechte, der ihm hundert Denare schuldete. Und er ergriff und würgte ihn und sprach: Bezahle, wenn du etwas schuldig bist. Sein Mitknecht nun fiel nieder, bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen. Er aber wollte nicht, sondern ging hin und warf ihn ins Gefängnis, bis er die Schuld bezahlt habe. Als nun seine Mitknechte sahen, was geschehen war, wurden sie sehr betrübt und gingen und berichteten ihrem Herrn alles, was geschehen war.“ (Verse 28–31).

Wie reagiert ein Mensch, der eine unvorstellbar große Schuld hat und dem bewusst ist, dass er diese erlassen bekommen hat? Man möchte meinen, er reagiert dankbar und ist im Blick auf andere von jetzt an besonders nachsichtig. In diesem Gleichnis sehen wir das Gegenteil. Wir sollten aber nicht in den Fehler verfallen zu meinen, dass dies nichts mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun hätte. Wenn man in sein eigenes Leben hineinschaut, wird man leider immer wieder genau das erkennen, was man hier liest.

Der Knecht hat mit einem anderen Knecht zu tun, der ihm 100 Denare schuldet. Das sind 100 Tagesverdienste (vgl. Mt 20,2). Es handelt sich also ungefähr um drei Monatsgehälter. Das ist nicht wenig, aber im Vergleich zu den 10.000 Talenten ein verschwindend geringer Betrag. Manche glauben an einen Faktor von 6–700.000.

Der begnadigte Knecht will nun sofort sein Geld von seinem Mitknecht sehen. Er handelt sehr hart, indem er ihn ergreift und sogar würgt. Das ist weit schlimmer als das, was sein Herr mit ihm selbst vorhatte! Dachte er gar nicht an die kurz zuvor erlebte Situation zurück? Und wie sein Herr ihm dann die ganze Schuld erlassen hatte?

Der Mitknecht tut jetzt genau dasselbe wie zuvor der erste Knecht: „Sein Mitknecht nun fiel nieder, bat ihn und sprach: Hab Geduld mit mir, und ich will dir bezahlen.“ Es benutzt fast dieselben Worte. Das hätte den anderen aufhorchen lassen müssen. Dem ist das jedoch offensichtlich egal. Er wirft seinen Mitknecht ins Gefängnis und will ihn erst wieder freilassen, wenn er die ganze Schuld bezahlt habe. Aber wie sollte das ohne Verdienstmöglichkeit überhaupt geschehen? Es war unmöglich. Und auf Freunde und Verwandte, die an seiner Stelle diesen Betrag aufbringen könnten, war offensichtlich auch nicht zu rechnen.

Verhalten wir uns als Jünger des Herrn nicht oft ähnlich? Unser Gott hat uns eine immens große Schuld vergeben. Nun haben wir es mit jemandem zu tun, der sich in irgendeiner Weise an uns versündigt hat. Es handelt sich vielleicht nicht um eine Bagatelle. 100 Denare Schuld sind keine Kleinigkeit. Aber im Vergleich zu der Schuld, die wir gegenüber Gott hatten und die Er uns vergeben hat, ist jedes uns zugefügte Unrecht verschwindend gering. Und dennoch sind wir nicht bereit zu vergeben? Wenn Gott darauf bestanden hätte, dass wir unsere Schuld Ihm gegenüber bezahlen, wäre kein einziger Mensch errettet worden! Sollten wir dann nicht ebenso barmherzig anderen gegenüber handeln (Eph 4,32)? Ganz zu schweigen davon, dass auch wir selbst immer wieder Schuld gegenüber anderen auf uns laden!

Es ist schön zu sehen, wie die übrigen Knechte reagieren. Wir lesen nichts davon, dass sie sich zusammenfinden, um den ersten Knecht zu bestrafen. Wir lesen noch nicht einmal etwas von einer Empörung über sein Verhalten. Sie werden einfach sehr betrübt und berichten diesen Vorfall ihrem Herrn. Das ist auch für uns wichtig. Wenn wir jemanden sehen, der in einer solch harten Weise handelt, haben wir jedenfalls zunächst nicht die Aufgabe einzuschreiten. Es handelt sich um eine Sache zwischen den beiden, die miteinander zu tun haben. Und wir wollen nicht vergessen, dass Schuld immer noch Schuld ist, bis sie erlassen oder bezahlt worden ist. Aber wir haben die Aufgabe, mit unserem Herrn darüber zu reden, und, falls es möglich und sein Auftrag an uns ist, demjenigen eine Hilfe zu sein, der sich falsch verhält.

Verse 32 -35: Gott handelt mit Jüngern, wie diese mit anderen handeln

„Dann rief ihn sein Herr herzu und spricht zu ihm: Du böser Knecht! Jene ganze Schuld habe ich dir erlassen, da du mich ja batest; hättest nicht auch du dich deines Mitknechtes erbarmen sollen, wie auch ich mich deiner erbarmt habe? Und sein Herr wurde zornig und überlieferte ihn den Peinigern, bis er ihm die ganze Schuld bezahlt habe. So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergebt (Verse 32 -35).

Der Herr und König stellt dem ersten Knecht sein ganzes Versagen vor. Er muss ihn „böser Knecht“ nennen. Denn seine Bosheit ist durch sein Verhalten deutlich geworden. Er selbst hatte so viel Erbarmen erwiesen bekommen. Hätte er dann nicht auch ein kleines bisschen Erbarmen zeigen sollen? Denn mehr war es in Relation zur erfahrenen Barmherzigkeit nicht.

Der Herr straft jetzt den ersten Knecht und überliefert ihn den Peinigern, bis die ganze Schuld bezahlt wäre. Das war unmöglich, wie wir bereits gesehen haben. Aber Gott handelt mit seinen Knechten entsprechend ihrem Verhalten. Das macht deutlich, dass es hier nicht um die Vergebung unserer Schuld in Bezug auf die Ewigkeit geht. Schon in Verbindung mit der Bergpredigt haben wir darüber nachgedacht, dass die Vergebung unserer Schuld, was die Frage von Himmel und Hölle betrifft, nie von unserem eigenen Verhalten abhängt (vgl. die Erklärungen zu Matthäus 6,14.15). Diese ist ein Geschenk Gottes an den Menschen, der es annehmen will. Wenn man das nicht erkennt, käme man auch hier zu ganz falschen Vorstellungen, als ob man das Heil in Christus doch wieder verlieren könnte. Nein, das ist unmöglich: Ewiges Leben wird nicht zu einer vorübergehenden Gabe, sondern bleibt ewiges Leben (vgl. auch Joh 10,28–30).

Aber in seiner Regierung handelt der Vater mit seinen Jüngern entsprechend ihrem Verhalten. Das haben wir schon in Matthäus 6,14.15 gelernt. Hier wird dieser ernste Punkt noch einmal betont. „So wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergebt.“ Wenn wir nicht vergebungsbereit sind, wird auch unser Vater uns nicht vergeben, das heißt, wir werden hier auf der Erde kein glückliches Leben führen können. Denn es ist keine praktische Gemeinschaft zwischen uns und dem Vater möglich, wenn wir nicht in Übereinstimmung mit seinen Gedanken anderen vergeben. Das muss uns innerlich unglücklich machen.

Noch einmal: Es geht hier nicht darum, dass ein Gläubiger seine sichere Errettung wieder verlieren kann. Dazu gibt es viele Stellen im Neuen Testament, die das widerlegen (vgl. Heb 10,14–18; Heb 9,12; usw.). Der Gläubige besitzt eine „ewige Vergebung“! Aber hier geht es um den zeitlichen und irdischen Aspekt. Es ist ja ein Gleichnis vom Reich der Himmel, also vom Bereich des christlichen Bekenntnisses auf der Erde. Wenn wir nicht vergebungsbereit sind, wird uns auf unserem irdischen Lebensweg (ebenfalls) keine Vergebung zuteil. Man spricht manchmal von einer administrativen Sündenvergebung. Diese Dinge bleiben dann zwischen uns und dem Vater stehen, bis wir sie wieder bereinigen. Nicht durch eine neue Bekehrung – die gibt es nicht! –, sondern durch ein Bekenntnis und durch eine veränderte Lebenspraxis.

Ein Beispiel für ein derartiges Handeln Gottes finden wir in Apostelgeschichte 8. Der Zauberer Simon hatte sich taufen lassen und damit nach Apostelgeschichte 22,16 die Sünden abwaschen lassen – also Vergebung der Sünden im Blick auf diese Erde erhalten. Dann erwies er sich jedoch als jemand, der im Widerspruch zu dieser Gnade handelte – wobei es in diesem Fall allerdings nicht um Gnade gegenüber anderen ging. Als Petrus dies erkannte, entzog er ihm die durch die Taufe verliehene Sündenvergebung wieder: „Du hast weder Teil noch Anrecht an dieser Sache, denn dein Herz ist nicht aufrichtig vor Gott“ (Apg 8,21).

Wir lernen in unserem Gleichnis also den Maßstab für unsere Vergebungsbereitschaft kennen: Wir sollen vergeben, wie Gott uns vergeben hat. Das ist direkt eine neutestamentliche Lehre: „Einander ertragend und euch gegenseitig vergebend, wenn einer Klage hat gegen den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr“ (Kol 3,13). „Seid aber zueinander gütig, mitleidig, einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat“ (Eph 4,32).

So sehen wir, dass die Atmosphäre des Reiches nicht äußere Macht ist, sondern innere Demut. In dieser Gesinnung ist man in Gemeinschaft mit dem Vater im Himmel. Jemand, der die Gnade Gottes erfahren hat, wird vom Geist der Gnade geprägt. Er liebt die Kleinen; er vergibt denen, die ihm unrecht tun; er ist in der Nähe des Vaters und Ihm ähnlich in seinem Handeln. Derselbe Geist der Gnade herrscht sowohl in der Versammlung als auch im Einzelnen, im Königreich genauso wie in der Versammlung.

Das Gleichnis ist ein Bild des Weges des Volkes Israel

Dieses Gleichnis gibt uns noch eine weitere Belehrung. Wie auch bei vielen anderen Gleichnissen und Begebenheiten dient es als eine Beschreibung des Zustands und des Weges des Volkes Israel. Jahrhunderte lang hatte Gott ihnen eine Fülle von Segnungen geschenkt. Sie aber hatten darauf mit Ungehorsam und Götzendienst geantwortet. Gott stand bereit, mit seinem Volk abzurechnen (vgl. Mt 3,10) – die Axt war schon an die Wurzel gelegt. Dann hat sich das Volk schließlich in besonderer Weise gegen Gott verschworen und sogar seinen einzigen Sohn ans Kreuz gebracht. 10.000 Talente Schulden gegen Gott – das Volk war nicht in der Lage, seine Schuld zu begleichen. Es hätte ins Gefängnis geworfen werden müssen – ohne jemals wieder Aussicht auf den Segen Gottes zu haben.

Damit war Gott aber nicht zufrieden. Wir hören, wie der Herr Jesus am Kreuz betet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34). Gott hört auf den Ruf seines Sohnes und erlässt dem Volk seine Schuld. Petrus durfte ihnen sagen: „Ich weiß, dass ihr in Unwissenheit gehandelt habt, so wie auch eure Obersten ... So tut nun Buße und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgetilgt werden, damit Zeiten der Erquickung kommen vom Angesicht des Herrn“ (Apg 3,17.19.20).

Was aber hat das Volk getan? Es hat nicht nur Stephanus als weiteren Zeugen Gottes getötet (Apg 7.8), sondern auch dem anderen Mitknecht – er ist ein Hinweis auf die Nationen – jede Gnade verwehrt. Paulus muss klagen: „Indem sie [die jüdischen Landsleute] uns wehren, zu den Nationen zu reden, damit sie errettet werden, um so ihre Sünden allezeit voll zu machen; aber der Zorn ist völlig über sie gekommen (1. Thes 2,16). So finden wir den Zorn Gottes sowohl in 1. Thessalonicher 2 als auch in Matthäus 18,34, wodurch eine Verbindung zwischen beiden Versen hergestellt werden kann.

Aus anderen Stellen wissen wir, dass Paulus gerade deswegen verurteilt und ins Gefängnis geworfen wurde, weil er das Evangelium den Nationen brachte (vgl. Apg 22,21.22). So konnte Gott nicht anders, als sein irdisches Volk den Peinigern zu übergeben. Ist es nicht eine Zeit der Pein, die das Volk seitdem bis heute zu durchleben hat? In vielen Ländern wurde das Volk verfolgt und drangsaliert, bis aufs Blut. Gott sei Dank – es gibt ein „bis“: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand des Herrn Zweifaches empfangen hat für alle ihre Sünden“ (Jes 40,1.2). Natürlich – das ungläubige Israel wird nie aus dem Gefängnis herauskommen. Aber es wird wieder solche geben, die umkehren und die Gnade des Herrn erflehen werden. Für sie gibt es Hoffnung. Davon spricht der Herr an dieser Stelle im Matthäusevangelium allerdings nicht.

Dennoch ist es ergreifend, darüber nachzudenken, was für eine immense Schuld Gott seinem irdischen Volk vergeben hat und auch künftig wieder vergeben wird. Denn diese Vergebungshaltung wird ein großes Kennzeichen des 1.000-jährigen Friedensreichs sein. Auch uns ist eine große Schuld vergeben worden. Wie viel mehr sollten wir bereit sein, anderen zu vergeben.

Das Geistliche des Königreichs hebt die Schöpfungsordnung nicht auf (Mt 19)

In Kapitel 18 haben wir gesehen, dass das Königreich und die Versammlung zwar unterschieden werden, es aber dennoch Verbindungslinien zwischen beiden Bereichen gibt. So ist es auch in den Briefen des Neuen Testaments. Immer dann, wenn die Versammlung unter dem Blickwinkel der menschlichen Verantwortung gesehen wird, kommt die Belehrung über das Königreich ins Blickfeld. Im 19. Kapitel werden wir jetzt lernen, dass es in gleicher Weise Verbindungen zwischen dem Königreich und der Schöpfungsordnung Gottes gibt.

Der Herr Jesus hat etwas auf die Erde „gebracht“, das höher ist als die erste Schöpfung – nämlich eine neue Schöpfung. Aber damit hebt Er die erste Schöpfung nicht auf. Es ist sogar so, dass der wahre Wert der ersten Schöpfung erst gesehen werden kann, wenn man Teil der neuen Schöpfung ist. Diese entwertet die erste Schöpfung nicht, sondern stellt sie an den ihr zukommenden Platz.

Darüber hinaus finden wir im 19. Kapitel vier weitere Kennzeichen des Königreichs, in das der Herr Jesus seine Jünger und damit auch uns eingeführt hat. Ich habe diese Kennzeichen schon am Anfang des 18. Kapitels genannt. Es geht um die Gesinnung, die dem Reich der Himmel angemessen ist. Parallel dazu werden die Grundsätze offenbart, welche die menschliche Natur antreiben.

Mit den Belehrungen in Matthäus 19 überspringt der Evangelist eine Reihe von Ereignissen aus dem Leben unseres Herrn, die wir in Johannes 7–10 und in Lukas 10–18 mitgeteilt bekommen. Jeder Evangelist folgt der Linie, die der Geist Gottes in dem jeweiligen Evangelium aufzeigen will.

Verse 1.2: Ein letzter Abschied von Galiläa

„Und es geschah, als Jesus diese Reden vollendet hatte, begab er sich weg von Galiläa und kam in das Gebiet von Judäa, jenseits des Jordan. Und große Volksmengen folgten ihm, und er heilte sie dort.“ (Verse 1–2).

Wir haben gesehen, dass Matthäus in Kapitel 18 die vierte große Rede des Herrn in diesem Evangelium niedergeschrieben hat. In Kapitel 19 finden wir nun noch einmal bestätigt, dass er öfters verschiedene Begebenheiten zusammenfasst, um seine Botschaft über das Königreich zu vervollständigen. Es waren vermutlich unterschiedliche Reden, die er hier zu einer einzigen zusammenführt.

Der Herr Jesus verlässt zum letzten Mal vor seiner Kreuzigung Galiläa, dieses Gebiet, in dem Er am meisten gearbeitet hat und wo Er die längste Zeit seines Lebens gewohnt hat. Damit ist seine Verwerfung in diesem Bereich des Landes Israel endgültig. Er kommt in das Gebiet von Judäa, jenseits des Jordan. Wir erkennen daraus, dass sein Weg in Richtung Jerusalem geht, das in Judäa lag. Zugleich aber zeigt der Hinweis darauf, dass der Herr jenseits des Jordan war – also auf der Wüstenseite dieses Flusses – dass Er eine Botschaft aussprechen wollte, die nicht allein das Königreich zum Gegenstand hatte. Außerhalb der Grenzen sprach Er jetzt über einige wichtige Aspekte der Schöpfung:

  1. die Ehe, die Gott im Garten Eden gestiftet hat (1. Mo 2)
  2. die Familie, die zwar erst nach dem Sündenfall entstanden ist, aber auch zu dem Bereich der ersten Schöpfung gehört (1. Mo 4)
  3. der natürliche Mensch, wie Gott ihn geschaffen hat (1. Mo 1)

Der Herr zeigt diese drei Bereiche in ihrer Schönheit, wie sie in der natürlichen (nicht gefallenen), ersten Schöpfung zu finden sind:

  1. Die Schönheit der Liebe der ehelichen Verbindung, wo zwei Menschen zu einem werden.
  2. Die Schönheit der Offenheit und Lieblichkeit, des Vertrauens und des äußerlich Unverdorbenen kleiner Kinder, bei denen man die Sünde noch nicht so zum Vorschein kommen sieht.
  3. Die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit des natürlichen Menschen, die auch heute noch in Menschen zu sehen ist.

Dem steht aber gegenüber, dass in 1. Mose 3 der Sündenfall stattgefunden hat, so dass diese drei herrlichen Beweise göttlicher Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Deshalb erforscht der Herr den Zustand des menschlichen Herzens. Dieser hängt nicht vom Charakter des Menschen in seiner Schönheit aus der ersten Schöpfung ab, sondern von den Motiven, die den Menschen leiten.

  1. Die Herzenshärte der Menschen, die dazu geführt hat, dass Ehen geschieden werden. Diese Gesinnung finden wir besonders bei den Pharisäern.
  2. Die Verachtung der Kinder in den Herzen von Menschen, wie sie bei den Jüngern zum Vorschein kommt.
  3. Die Begierde des gefallenen Menschen, die seine Aufrichtigkeit überlagert.

Die neue Schöpfung überwindet das Problem der Sünde. In unserem Abschnitt wird allerdings nicht der Weg des Überwindens aufgezeigt – der Tod des Herrn Jesus, mit dem wir einsgemacht worden sind. Der Herr stellt nur das Ergebnis dar. Dabei übergeht Er die Zeit und die Stellung des Gesetzes, um zum Ursprung zurückzukehren und die göttliche Kraft zu zeigen, die in der neuen Schöpfung wirkt:

  1. Die Ehe eines Gläubigen, der zur neuen Schöpfung gehört, ist unauflöslich für die Erde und überwindet alle Schwierigkeiten.
  2. Jedes Kind ist Ihm willkommen, und auch dem, der zu Ihm gehört. Das Verachtete wird angenommen und gesegnet.
  3. Der irdische Besitz, der in Israel von großer Bedeutung war, weil er ein Beweis des Segens des Volkes Israel war, wird von solchen, die zur neuen Schöpfung gehören, gerne um des Herrn willen abgegeben. Für einen Gläubigen zählt Christus, und Er allein. Das ist die Folge der himmlischen Stellung der Gläubigen heute und ein neues Beispiel dafür, dass der Haushaltungswechsel in diesem Evangelium vorgestellt wird.

Zusammenhang der Bereiche des Königreichs und der Schöpfung

Wir sehen also in diesen Abschnitten, wie der Bereich der Schöpfung und der des Königreichs, der sich in der genannten Gesinnung der einzelnen Beteiligten widerspiegelt, miteinander verbunden werden. Königreich und Schöpfung werden unterschieden, können aber nicht voneinander getrennt werden. Christen leben in beiden Bereichen. Zugleich muss man bedenken, dass der Herr Jesus auch in diesem Kapitel vom Königreich im Licht dessen spricht (Vers 12.14.23), was bereits ab Kapitel 13 damit verbunden wird: Es ist ein Bereich, in dem der Herr Jesus wenigstens äußerlich als Herr anerkannt wird, wobei Er der vom Volk Israel und ganz grundsätzlich der von den Menschen Verworfene ist. Es geht hier nicht um das Reich im Sinne der ersten zwölf Kapitel, wo von der äußerlich sichtbaren Aufrichtung des Reiches die Rede war, die unmittelbar bevorstand, wenn das Volk seinen Messias annehmen würde.

Darüber hinaus lernen wir, dass die Gnade und die Herrlichkeit, die der Herr Jesus uns geschenkt hat, und die viel größer ist als alles, was die Gläubigen des Alten Testaments kannten, die natürlichen Beziehungen nicht aufhebt oder zur Seite stellt. Im Gegenteil. Sie bestätigen diese und stärken sie sogar noch, auch wenn dieses natürliche Band nur für diese Erde gilt. Allerdings werden diese Beziehungen wieder auf die ursprünglich von Gott gegebenen Charakterzüge zurückgeführt und von den menschlichen Zusätzen gereinigt, wie sie im Judentum eingeführt und gepflegt wurden. Wie angedeutet zeigen die Gnade und Herrlichkeit den Wert dieser Beziehungen, wie er vorher nicht bekannt gewesen ist. Deshalb finden wir im Neuen Testament gerade in den Briefen, welche die höchste Seite der Stellung der Gläubigen verkünden – im Epheser- und Kolosserbrief – den Bezug zu den natürlichsten Dingen in unserem Leben: Ehe, Familie, Beruf. Je höher die Gnade, umso stärker wird die Verantwortung, in den Dingen der ersten Schöpfung treu zu sein.

Bevor der Herr uns über diese Punkte belehren kann, zeigt uns der Text noch einmal, dass Er als Messias trotz der Ablehnung durch die Obersten und weite Teile des Volkes große Volksmengen anzog, die Ihm folgten. Wir wissen nicht, ob sie an dem Herrn oder an seinem Wunderwirken interessiert waren. Der Herr jedenfalls steht seinem Volk noch immer zur Verfügung. Er heilte erneut die erkrankten und von Dämonen belasteten Menschen. Wir werden an Apostelgeschichte 10,38 erinnert: „Jesus, den von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohl tuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm.“

Verse 3–12: Das Königreich hebt die Ehebeziehung nicht auf, sondern stärkt sie

Verse 3–6: Die Ehe in den Augen Gottes

„Und die Pharisäer kamen zu ihm, versuchten ihn und sprachen: Ist es einem Mann erlaubt, aus jeder Ursache seine Frau zu entlassen? Er aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der, der sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Frau machte und sprach: ‚Deswegen wird ein Mann den Vater und die Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein.‘? Also sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Verse 3–6).

Erneut suchen die Pharisäer eine Gelegenheit, Jesus zu versuchen. Sie nehmen ihre Angriffe wieder auf, denn sie lassen keine Möglichkeit dazu aus, obwohl sie eigentlich inzwischen hätten wissen müssen, dass Christus ihnen nicht nur intellektuell, sondern in jeder Hinsicht überlegen war. Er war vollkommen – in moralischer, in theologischer und in praktischer Hinsicht. Sie dagegen waren egoistisch, ungerecht und heuchlerisch. Auch jetzt misslang ihnen ihr Anliegen, weil sie es wagten, sich auf der Grundlage menschlicher, weltlicher Weisheit mit göttlicher Weisheit zu messen.

Hier bieten sie dem Herrn eine Gelegenheit, die ursprünglichen, göttlichen Gedanken zu entfalten, die Gott im Herzen hatte, als Er dem Menschen bestimmte Einrichtungen geschenkt hat. Seit Kapitel 16,5 hatten wir von diesen Menschen nichts mehr gehört. Man fragt sich, wie sie überhaupt auf dieses Thema kamen. Vermutlich waren sie Ohrenzeugen der Bergpredigt (Mt 5,31), die zeitlich ja deutlich später als im Matthäusevangelium berichtet stattgefunden hat. Dort hatte sich der Herr schon einmal zum Thema „Ehe“ und „Ehescheidung“ geäußert.

Hier geht es nun um die Einrichtung der Ehe; genau genommen um die Frage, ob eine Ehe geschieden werden darf. In der damaligen Zeit, in der Frauen eine untergeordnete Stellung einnahmen, ging es besonders um das Entlassen von Frauen. „Ist es einem Mann erlaubt, aus jeder Ursache seine Frau zu entlassen?“, war ihre herausfordernde Frage.

Hierbei ist zu bedenken, dass es in der damaligen Zeit zwei große Strömungen mit widerstreitenden Meinungen unter den Rabbinern gab. Auf der einen Seite stand Hillel mit seiner Schule, der die Entlassung einer Frau bei nahezu jedem Grund für akzeptabel hielt. Bekanntestes und immer wieder angeführtes Beispiel ist, dass ein Mann seine Frau entlassen konnte, weil sie das Essen hatte anbrennen lassen. Gegenüber dieser liberalen Schule stand der konservative Schammai mit seiner Schule, der nur einen Grund für die Entlassung einer Frau akzeptieren wollte: wenn diese Ehebruch bzw. Unzucht (Hurerei) begangen hatte.

Die Pharisäer kamen, um den Herrn zu versuchen. Sie wollten Ihn ein weiteres Mal in eine Falle locken. Ob sie daher versuchten, Jesus an eine der beiden „Schulmeinungen“ zu binden, um Ihm widersprechen zu können, wie Ausleger gedacht haben? Sie wussten, dass der Herr der überragende Lehrer in Israel war, dem niemand an Einsicht und Klarheit nahe kam. Ihr Ansinnen blieb gleichwohl, Ihn in eine Außenseiterposition zu bringen. Sie handelten als Politiker, die eine Koalition gegen Jesus schmieden wollten. Vielleicht hofften sie, dass die Antwort des Herrn zugunsten einer der beiden genannten Schulen ausfallen würde, so dass dann sichergestellt war, dass es genügend Gegner dieser Auffassung gab, die dem Herrn entgegengehalten werden konnten. So würde es zu einem (gewünschten) Streit kommen, bei dem der Herr aus ihrer Sicht in die Defensive geraten würde. Aber auf diese Weise hätten sie letztlich nur die unter ihnen existierende Spaltung verfestigt. So müssen wir offenlassen, was der eigentliche Grund ihrer Frage war. Sie wollten jedenfalls den Herrn herausfordern.

Zurück zum Anfang

Vor diesem Hintergrund ist auffällig, dass der Herr überhaupt nicht auf die einzelnen Lehrmeinungen in Israel eingeht. Nicht einmal auf das Gesetz bezieht Er sich. Vielmehr stellt Er auf die Gabe der Ehe ganz am Anfang der Menschheit ab: „Habt ihr nicht gelesen, dass der, der sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Frau machte und sprach: ‚Deswegen wird ein Mann den Vater und die Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein.‘? Also sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.“

Mit seiner Antwort belehrt der Herr Jesus uns heute auch darüber, wie wir uns der Beantwortung von praktischen Fragen nähern sollen: Wir müssen uns immer fragen, was Gott am Anfang getan oder gegeben hat und welche Zielrichtung Er dabei verfolgte – soweit die Bibel das offenbart. Der Herr gibt in diesen drei Versen eine Reihe von wichtigen Hinweisen:

  1. Gott selbst hat den Menschen erschaffen. Es war kein Zufall oder Ergebnis von Zufallsprozessen, sondern es gab einen Schöpfer. Vers 6 lässt keinen Zweifel darüber, dass Gott selbst der Schöpfer von Mann und Frau ist.
  2. Die Menschen sind unterschiedlich geschaffen worden. Zwei unterschiedliche Arten von Menschen hat Gott geschaffen: Männer und Frauen. Offenbar legt der Herr Jesus darauf Wert, dass es diese beiden Arten von Menschen gab und noch immer gibt. Sollten wir das heute nicht auch dankbar annehmen – mit allen Folgen, die aus dieser Unterschiedlichkeit hervorkommen?
  3. Von Anfang an ist der Mensch so geschaffen worden und hat so gelebt – von Anfang an bis zum Kommen des Herrn hat es hierin keine Veränderung gegeben. Die Ordnungsprinzipien Gottes haben somit Bestand, solange es die erste Schöpfung geben wird. Das, was in seinen Augen widernatürlich ist, verurteilt Er im Übrigen an anderer Stelle (vgl. Röm 1,27 ff.).
  4. Die Eheschließung bedeutet, dass ein Mann seine Eltern verlässt, und zwar sowohl den Vater als auch die Mutter, was davon spricht, dass es eine körperliche, seelische und geistige Trennung gibt. Damit ist nicht gemeint, dass es nicht auch nach der Eheschließung Beziehungen zu den Eltern gibt. Aber der Herr zeigt durch den Rückbezug auf 1. Mose 2,24, dass der Mann jetzt ein selbstständiges Leben in einer ganz neuen Beziehung führt. Er ist seinen Eltern nicht mehr als Kind untergeordnet und zu Gehorsam verpflichtet (vgl. Eph 6,1).
  5. Die neue Beziehung des Mannes, der bislang Sohn war, besteht zu einer Frau, der er anhängt, mit der er eine Beziehung eingeht. Diese Beziehung geht weit über die bisher zu seinen Eltern bestehende hinaus. Sie löst zugleich das engste Band ab, das er bislang mit seinen Eltern hatte.
  6. Die Einrichtung der Ehe ist das Zusammenfügen von Mann und Frau – niemals von Mann und Mann oder Frau und Frau, wie wir es in der heutigen Gesellschaft zunehmend finden.
  7. Zudem ist immer nur von zwei Menschen die Rede, die sich aneinander binden. Von drei, oder vier, die im Laufe der Zeit und nacheinander zusammenkommen, ist keine Rede. Weder Bigamie noch Ehescheidung waren von Gott vorgesehen!
  8. Die neue Beziehung von Mann und Frau ist so eng, dass beide zusammen wie eine neue, einzelne Person gesehen werden: Sie sind „ein Fleisch“. Sie werden also, obwohl sie natürlich als unterscheidbare Persönlichkeiten weiter bestehen bleiben, als eine neue Einzelpersönlichkeit angesehen. Diesen Gedanken unterstreicht der Herr Jesus ausdrücklich, indem Er betont, dass die beiden Menschen nicht mehr zwei getrennte Personen sind, sondern „ein [betont] Fleisch“.
  9. Ein zeitliches Ende der Beziehung wird nicht in Aussicht gestellt. Es gibt kein Ende dieser Beziehung, außer durch Tod. Sie werden – nämlich auf Dauer, bis an ihr Lebensende – ein Fleisch sein und damit ein Ehepaar bilden. Römer 7,2.3 ergänzt, dass die Frau sich durch einen Vertrag vor dem Gesetz an den Mann gebunden hat, bis einer der beiden stirbt. Umgekehrt gilt das ebenso.
  10. Der Herr Jesus zeigt hier, was Er später durch seinen Knecht aussprechen lässt: „Die Ehe sei geehrt in allem“ (Heb 13,4).

Ehescheidung kommt für Gott nicht in Frage

Der Meister zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ Damit erklärt Er jeder Art und Ursache der Entlassung eine Absage. Er spricht absolut: Gott hat etwas zusammengefügt – die Ehe ist von Gott, jede konkrete Eheschließung ist in diesem Sinn von Gott autorisiert, selbst wenn sie nicht mit seinem Segen geschlossen wird – daher soll der Mensch nicht einmal daran denken, das von Gott Zusammengefügte zu trennen. Man erinnert sich an Maleachi 2,16: „Ich hasse Entlassung, spricht der Herr, der Gott Israels.“

Es erscheint mir wichtig zu sein, dass wir erkennen, dass Gott hier überhaupt keine Ausnahme vorstellt. Wenn Er die göttlichen Gedanken in positiver Weise offenbart, dann spricht Er überhaupt nicht von Ausnahmen, von Sonderfällen, sondern davon, was Gott geschaffen und gegeben hat und wie Er sich die Sache – hier die Ehe – vorstellt. Später muss Er auf einen Widerspruch der Pharisäer reagieren und zeigt, dass die Gnade Gottes auch im Blick auf die Ehe vorhanden ist. Hier aber nennt Er keinen Ausnahmetatbestand.

Man könnte jetzt die Frage stellen: Wenn Gott den Menschen warnt, das zu scheiden, was Gott zusammengefügt hat („soll“ der Mensch nicht scheiden, scheide nicht der Mensch), ist es dann doch unter gewissen Bedingungen und Umständen möglich, eine Scheidung zu vollziehen (so dass diese möglicherweise vor Gott anerkannt wird)? Auf diese Frage möchte ich kurz ein paar Antworten geben:

  1. Gott spricht hier in einer menschlich verständlichen Sprache. In Israel war es üblich, dass Männer ihre Frauen entließen und damit das schieden, was Gott zusammengefügt hatte. Insofern war hier auf der Erde de facto ein solches Scheiden immer wieder praktiziert worden.
  2. Gott sagt aber nicht, dass Er eine solche Scheidung (im Himmel) anerkennt. Er warnt davor, dass der Mensch etwas auseinander bricht, ohne dass Er über die Konsequenzen an dieser Stelle weiter spricht.
  3. Wenn Gott die menschliche Verantwortung betont, dann immer mit dem Ziel, dass der Mensch sich auch entsprechend verhält. Hier finden wir sogar einen klaren Befehl, den Gott dem Menschen auferlegt.
  4. Es geht also nicht nur um eine Warnung, sondern der Herr benutzt eine Befehlsform (Imperativ): Das scheide der Mensch nicht. Es ist letztlich nichts anderes als ein Verbot.
  5. Was dann passiert, wenn der Mensch sich diese Warnung nicht zu Herzen nimmt, behandelt der Herr Jesus an dieser Stelle nicht. Denn Er geht davon aus, dass der Mensch gehorsam ist.

Wenn Gott dem Menschen und besonders uns, seinen Jüngern, einen wichtigen Grundsatz vorstellt, ist es gut, diesen in seiner Absolutheit stehen zu lassen. Immer dann, wenn wir sofort beginnen, unsere Lebenserfahrung und -praxis mit ins Spiel zu bringen, werden wir den Grundsatz verwässern, statt uns an diesem göttlichen Grundsatz auszurichten.

Verse 7–9: Der Einwand der Pharisäer: Mose hat geboten

Das, was wir so oft tun, finden wir hier auch bei den Pharisäern. Sie sind nicht zufrieden mit der Antwort des Herrn, weil Er damit ihre Streitfrage, die sie untereinander haben, nicht klärend beantwortet, wie sie meinen. Sie haben Ihn nicht in die Ecke drängen können. Vor allem hat Er nicht ihre eigenen Überlegungen bestätigt. So haken sie in ihrem Eigenwillen nach:

„Sie sagen zu ihm: Warum hat denn Mose geboten, einen Scheidebrief zu geben und sie zu entlassen? Er spricht zu ihnen: Mose hat euch wegen eurer Herzenshärte gestattet eure Frauen zu entlassen; von Anfang an aber ist es nicht so gewesen. Ich sage euch aber: Wer irgend seine Frau entlässt, nicht wegen Hurerei, und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch“ (Verse 7–9).

Die Pharisäer meinen, noch einen weiteren Pfeil im Köcher zu haben. Sie verweisen auf das Gesetz, und zwar hier auf eine Zusatzbestimmung, die Mose in 5. Mose 24 gegeben hat. Dort liest man in den Verse 1–4: „Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet, und es geschieht, wenn sie keine Gnade in seinen Augen findet, weil er etwas Anstößiges an ihr gefunden hat, dass er ihr einen Scheidebrief schreibt und ihn in ihre Hand gibt und sie aus seinem Haus entlässt; und sie geht aus seinem Haus und geht hin und wird die Frau eines anderen Mannes; und der andere Mann hasst sie und schreibt ihr einen Scheidebrief und gibt ihn in ihre Hand und entlässt sie aus seinem Haus; oder wenn der andere Mann stirbt, der sie sich zur Frau genommen hat: So kann ihr erster Mann, der sie entlassen hat, sie nicht wieder nehmen, dass sie seine Frau sei, nachdem sie verunreinigt worden ist. Denn das ist ein Gräuel vor dem Herrn; und du sollst das Land nicht in Sünde bringen, das der Herr, dein Gott, dir als Erbteil gibt.“

Das Studieren dieser Verse zeigt, dass von einem „Gebot Moses“ keine Rede sein kann. Mose hatte nicht geboten, sondern etwas zugelassen. Genau genommen war sein Thema auch gar nicht allein die Entlassung einer Frau. Zunächst wollte er unter der Leitung Gottes verhindern, dass eine Frau aus nichtigen, nicht von Gott gebilligten Gründen entlassen wird. Zugleich verbot er die Wiederaufnahme seiner entlassenen eigenen Ehefrau. Der Herr greift diesen Gedanken auf. Er belegt das Heiraten einer gegen Gottes Willen entlassenen Ehefrau mit einem Verbot.

Hier haben die Pharisäer also die wahren Verhältnisse verdreht. Aber nicht nur das: Jesus weist darauf hin, dass es einen Grund für diese Worte von Mose gab: die Herzenshärte der Israeliten. Gott übte also in gewisser Hinsicht Nachsicht mit den Israeliten, weil Er sah, dass ein härteres Gesetz nur dazu geführt hätte, dass das halbe Volk im Widerspruch zum Gesetz Gottes gehandelt hätte. Damit hätten sie alle (hin)gerichtet werden müssen. Das offenbart uns, dass das Gesetz Gottes im Alten Testament in keiner Weise die volle Offenbarung des Herzens Gottes war. Manches war dem Unwillen und Versagen des Volkes geschuldet. So barmherzig war Gott mit seinem irdischen Volk. Er wollte es nicht vernichten, obwohl es so wenig seiner Heiligkeit entsprach.

Warum gibt es heute nicht die Vielehe?

Man mag fragen, ob es dann nicht auch angebracht ist, heute diese Barmherzigkeit zu üben. Ich habe schon einmal den Gedanken gehört, dass wenn Gott im Alten Testament den Männern gestattete, mehrere Frauen zu haben, warum das heute nicht mehr der Fall ist. So pervers können wir in unseren Herzen denken. Was eine Frau dazu denkt, interessiert uns dann nicht.

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir bedenken, dass die Offenbarung Gottes in Christus Jesus im Neuen Testament von einer ganz anderen Art und von einem ganz anderen Umfang ist als die im Alten Testament. Jetzt ist Gott vollkommen und vollständig offenbart worden – im Herrn Jesus, dem Sohn, wie wir in Hebräer 1 lernen. Nicht von ungefähr ist das Alte Testament in einer anderen Sprache geschrieben worden als das Neue Testament. Wir leben in einer anderen Zeit, wo wir uns nicht auf das Gesetz berufen dürfen, das – wie wir im Neuen Testament lernen – nur zum Fluch Gottes führt. Will etwa jemand zurück zur Zeit unter Gesetz mit Schatten, Teiloffenbarungen und dem Fehlen wahrer Gemeinschaft mit Gott, unserem Vater?

Das „Gebot“ Moses, das man lediglich „zwischen den Zeilen“ von 5. Mose 24,1 lesen kann, war letztlich ein Schutz für die Frau. Denn wenn sie von ihrem Mann einfach verstoßen worden wäre, ohne einen Scheidebrief zu besitzen, wäre sie hilf- und mittellos gewesen. Niemand hätte sie mehr als Ehefrau genommen – sie war keine Jungfrau mehr. Aufgrund des damals fehlenden Sozialsystems hätte sie also früher oder später als Sklavin geendet. Davor wollte Gott die Frauen bewahren. Hinzu kam, dass der entlassende Ehemann verpflichtet wurde, einen Grund für die Trennung anzugeben und damit seine Scheidungsabsichten schriftlich offenzulegen. Wollte er sich wirklich damit entblößen, ein nicht gelungenes Essen als Grund anzugeben?

Wir leben heute in einer Zeit, wo es nicht einmal mehr eines Scheidebriefes bedarf, um sich zu trennen. Unsere Gesellschaften sind so weit von Gott abgefallen, dass man sich oft schon dann trennt, wenn man keine Erregung mehr in einer Beziehung spürt; einmal abgesehen davon, dass oftmals nicht einmal mehr nach den Gedanken Gottes geheiratet wird. Auch unter Christen ist es leider „normal“ geworden, sich zu trennen, wenn man in Streit lebt oder sich „nur“ auseinandergelebt hat. Man ist nicht bereit, die Beziehung durch ein gegenseitiges Bekenntnis wieder zu heilen. Man sieht kaum noch Verantwortung füreinander oder für die gemeinsamen Kinder; vor allem leben wir so wenig vor Gott, der uns diese wunderbare Einrichtung der Ehe geschenkt hat. Das eigene Wohlgefühl steht an erster Stelle. Daher sind die hier vor uns stehenden Verse auch so ungemein aktuell!

Die Antwort des Herrn auf den Widerspruch der Pharisäer

Was gibt der Herr für eine Antwort auf den Einwurf der Pharisäer?

  1. Er zeigt den Herzenszustand derjenigen, die das Recht auf Entlassen ihrer Ehefrauen für sich beanspruchen. Ihre Herzen sind weit von Gott entfernt (Vers 8).
  2. Es war nicht der ursprüngliche Gedanke Gottes, Ehescheidung zuzulassen (Vers 8). Von Anfang an war es nicht so.
  3. Auch nachdem Gott diese Erlaubnis unter dem Gesetz gegeben hatte, war es nicht mehr als ein „gestatten“ – also nicht nach den Gedanken Gottes (Vers 8).
  4. Die Ehefrau zu entlassen, bedeutet nichts anderes, als Ehebruch vorzubereiten. Denn die Entlassung nimmt ein Mann deshalb vor, um eine andere Frau zu heiraten. Und genau das ist Ehebruch.
  5. Wer meint, eine Entlassene heiraten zu können, versteht die Gedanken Gottes nicht (oder er will sie nicht verstehen; Vers 9). Es ist ein Akt des Ungehorsams.
  6. Das besondere Augenmerk dieser Verse wird auf die Wiederheirat gelenkt. Gerade die Tatsache, dass man eine Person heiratet, die geschieden ist, wird von Gott verabscheut. Der Ehebruch liegt nicht in der Trennung – außer bei Hurerei. Der Ehebruch liegt darin, dass man jemanden heiratet, der nach Römer 7 und anderen Stellen bis an sein Lebensende an den ersten Ehepartner gebunden ist.

Die Ausnahme: nicht wegen Hurerei (Unzucht)

Damit kommen wir zu der immer wieder angeführten „Ausnahme“, die der Herr Jesus hier nennt. Er sagt: „Wer irgend seine Frau entlässt, nicht wegen Hurerei, und eine andere heiratet, begeht Ehebruch.“ Aus diesem Zwischensatz sind im Laufe der Jahre ganz unterschiedliche Schlüsse gezogen worden. Auf zwei Auffassungen von Bibelauslegern möchte ich im Weiteren eingehen:

  1. Es handelt sich hierbei um eine Ausnahme, welche die Ehescheidung bzw. das Entlassen eines Ehepartners zulässt. Wenn die Ehefrau (oder der Ehemann) in Hurerei (Unzucht) fällt, so ist der „unschuldige“ Teil frei, sich scheiden zu lassen und wieder zu heiraten.7
  2. Der Herr verweist hier darauf, dass Er nicht den Fall von Unzucht (Hurerei) behandelt, weil es für diesen Fall andere Vorschriften im Gesetz gab (vgl. 3. Mo 20,10; 5. Mo 22,22), die dann vor dem jüdischen Gericht auch zu behandeln gewesen wären. Ein solcher musste getötet werden, so dass dann die Ehe sowieso beendet gewesen wäre.8

Ich werde im Folgenden zeigen, dass wohl die Auffassung a) die zutreffendere ist.

Der Zusammenhang der Stelle

Wie immer bei der Beurteilung einer Frage ist der Zusammenhang der Stelle von Bedeutung. In Matthäus 18 haben wir im zweiten Teil gelernt, dass wir bereit sein sollen, Gnade zu üben. Wir werden aufgefordert zu vergeben, selbst wenn es sich um 490 Verschuldungen einer Person an mir handelt. Dieser Punkt wird vom Herrn Jesus in diesem Abschnitt unterstrichen. Die Ehe soll nicht geschieden werden. Denn Eheleute sollen sich in allem vergeben. Und wenn es 490 Mal am Tag sein sollte. Nur eine einzige Ausnahme nennt der Herr hier: Hurerei.

Der Herr sagt nicht, dass eine Ehe nicht auch nach einer solchen Sünde noch bestehen kann.9 Es wäre eine gewaltige Gnadenerweisung, wenn ein Ehepartner auch diese Demütigung erträgt. Und tatsächlich leben wir in einer Zeit der Gnade, in der diese durch Vergebung selbst eine so schlimme Sünde überwindbar macht. Aber der Eingriff in die Ehe ist beim Ehebruch so groß, dass der Herr dem Ehepartner, gegen den mit Hurerei gesündigt worden ist, nicht auferlegt, mit einer solchen Person weiter verheiratet zu bleiben. Der Herr verfolgt diese Ausnahme an dieser Stelle allerdings nicht weiter. Er gibt somit keine Anweisungen, was derjenige tun kann, dessen Ehe durch Hurerei zerstört worden ist. Wir müssen somit vorsichtig mit Schlussfolgerungen sein. Aber durch das ausdrückliche Erwähnen dieser Ausnahme wird deutlich, dass der Eheteil, gegen den in unzüchtiger Weise gesündigt wurde, kein Verbot der Wiederheirat erhält, ihm auch nicht gesagt wird, dass für ihn eine neue Heirat Ehebruch bedeutet.

Ausleger weisen darauf hin, dass der Akt des Ehebruchs und der Unzucht (Hurerei) die Ehe in einer solchen Weise in ihren Grundfesten zerstört, dass die Beziehung zwischen dem einen Mann und der einen Frau durch die geschlechtliche Beziehung zu einem anderen Menschen (oder noch schlimmer, zu Wesen ganz allgemein) zerstört worden ist. Die Ehe ist bereits gebrochen. Wir lesen beispielsweise in 1. Korinther 6,18: „Fliehet die Hurerei! Jede Sünde, die ein Mensch begehen mag, ist außerhalb des Leibes; wer aber hurt, sündigt gegen seinen eigenen Leib.“ Das zeigt die besondere Schwere der Sünde der Unzucht. Da in der Ehe zwei Menschen zu „einem Fleisch“ geworden sind, hat der Ehepartner, der Hurerei begangen hat, direkt gegen die Ehe als solche verstoßen. Denn auf einmal ist er mit einer dritten Person „ein Leib“ geworden (1. Kor 6,16).

Wenn man sich die Stellen im Alten Testament anschaut, die mit Ehebruch (also vollzogenem Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe) zu tun haben, dann erkennen wir sehr deutlich, dass Gott dieses anders behandelt hat als eine „normale“ Entlassung und Scheidung im Volk. Derjenige oder diejenige musste gesteinigt werden, wie wir gesehen haben. Die Sünde gegen den Ehepartner und gegen die Heiligkeit Gottes war in den Augen Gottes so gravierend, dass Er das Weiterleben einer solchen Person nicht dulden konnte. Gott selbst löste damit das Band der Ehe in einem solchen Fall auf. Das unterstreicht, dass Gott bei dieser Sünde die Auswirkungen auf das Band der Ehe ganz anders sah und sieht, als wenn es um andere Gründe des Trennens geht.

Ein weiterer Punkt ist, dass man nicht verkennen sollte, dass wir in einer Zeit der Gnade leben. Legt Gott einer Frau, deren Ehemann in Sünde fällt und die von ihm dadurch aufs Tiefste verletzt wird, geradezu gesetzlich auf, an diesen Mann gebunden zu bleiben? Wir wollen auf der einen Seite die ganze Kraft des Wortes Gottes aufrechterhalten, andererseits aber auch sehr vorsichtig sein, (zu) scharfe Schlussfolgerungen zu ziehen im Blick auf den nicht in Hurerei gefallenen Ehepartner.10

Wenn wir die Parallelstellen in Markus 10,9–12 und Lukas 16,18 hinzuziehen, können wir erkennen, dass der Herr dort den Grundsatz der Unauflösbarkeit der Ehe in – man möchte fast sagen – absoluter Weise aufstellt. Danach kämen wir nicht auf die Idee, der Herr würde eine Ausnahme zulassen.11 Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Herr Jesus diesen Grundsatz der Unauflösbarkeit der Ehe auch in unseren Versen sehr deutlich aufgestellt hat. Das war in der Antwort auf die Frage der Pharisäer in Vers 6. Danach jedoch erweitert Er im Hinblick auf die Nachfrage der Pharisäer diesen Grundsatz, indem Er die Ehescheidung als im Alten Bund geduldet, nicht aber von Gott gewünscht erklärt. In der weiteren Ausführung zeigt der Herr dann, dass es in der neuen Zeit, in der auch wir leben, solch ein Zulassen von Scheidungen nicht gibt – mit der einzigen Ausnahme der Unzucht.

Ergreift der Herr Jesus dadurch Partei für die Schammei-Schule der Pharisäer? Natürlich nicht! Denn Er hat nicht die Absicht, zwischen den verschiedenen Schulmeinungen der Juden zu vermitteln. Das ist überhaupt nicht sein Thema. Der Herr lässt sich ohnehin nie vor den Karren einer bestimmten Gruppe spannen. Er spricht die göttliche Wahrheit so aus, wie sie ist, unabhängig davon, ob ihr eine „Schule“ folgt oder nicht.

Weitere Gründe dafür, dass der Herr eine Ausnahme für die Ehescheidung nennt

Vielleicht handelt es sich bei diesem Zwischensatz im Blick auf die Hurerei darüber hinaus um einen Hinweis auf das Handeln Gottes mit seinem irdischen Volk Israel. Immer wieder haben wir gesehen, dass der Herr durch bestimmte Begebenheiten und Gleichnisse die Situation des Volkes Israel beschreibt. So auch hier: „Und der Herr sprach zu mir in den Tagen des Königs Josia: Hast du gesehen, was die abtrünnige Israel getan hat? Sie ging auf jeden hohen Berg und unter jeden grünen Baum und hurte dort. Und ich sprach: Nachdem sie dies alles getan hat, wird sie zu mir zurückkehren. Aber sie kehrte nicht zurück. Und ihre treulose Schwester Juda sah es; und ich sah, dass trotz all dem, dass ich die abtrünnige Israel, weil sie die Ehe gebrochen, entlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben hatte, doch die treulose Juda, ihre Schwester, sich nicht fürchtete, sondern hinging und selbst auch hurte. Und es geschah, wegen des Lärms, ihrer Hurerei entweihte sie das Land; und sie trieb Ehebruch mit Stein und mit Holz“ (Jer 3,6–9).

In diesem Sinn ist Gott nach 5. Mose 21,15 nach dieser Scheidung eine neue Ehe eingegangen – hat eine geliebte Frau in der Versammlung gefunden, von der wir in den Kapiteln 16 und 18 gesehen haben, dass sie den Platz Israels einnehmen sollte. So konnte niemand Gott „Ehebruch“ vorwerfen, wenn Er nach diesem abscheulichen Handeln Israels in Hurerei und Götzendienst seine Frau entlassen würde.12

Darüber hinaus lässt auch eine formale Betrachtung dieses Bibeltextes kaum eine andere Auslegung zu, als dass der Hinweis auf die Hurerei eine Ausnahme darstellt, durch welche die Ehe bereits gebrochen ist. Ich stelle diesen Punkt erst an das Ende unserer Überlegungen, weil es immer gut ist, aus dem Zusammenhang und weiteren Gesichtspunkten heraus zu einer Erklärung des Bibeltextes zu kommen. Es ist dann allerdings schön zu sehen, dass der formale Text die Auffassung stützt, dass der Herr hier wirklich eine Ausnahme formuliert. Denn manche haben versucht, im Sinn der weiter oben eingefügten Fußnote zu begründen, dass der Grundtext viele verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten zulasse, von denen nur eine die Hurerei zu einer Ausnahme mache.13

Eine Frage der Versammlungszucht oder der Seelsorge?

Abschließend zu diesen Versen ergänze ich noch zwei weitere Punkte. Der Herr Jesus spricht an dieser Stelle nicht davon, wie die örtliche Versammlung mit jemandem zu handeln hat, der seinen Ehepartner entlässt, der sich scheiden lässt. Gleiches betrifft den Folgefall, dass jemand eine geschiedene Person heiraten möchte. Ein solches Thema wird uns in grundsätzlicher Weise in 1. Korinther 5 beantwortet. Ich füge allerdings sofort hinzu, dass jeder Fall ein Spezialfall ist, so dass man nie mit einer Schablone arbeiten kann, die sofort eine Handlung der Versammlung aufzeigt.

Wichtig ist, dass man mit Ehepaaren, bei denen substanzielle Probleme auftauchen, zunächst seelsorgerliche Gespräche führt. Gerade wenn Kinder vorhanden sind, ist sehr viel Weisheit nötig. Oftmals ist noch etwas zu retten, bevor eine Scheidung vollzogen wird. Dazu müssen beide Seiten natürlich wollen. Aber die Geschwister, die an einem Ort mit Ehepaaren zu tun haben, in denen es – wie man sagt – kriselt, haben eine große Verantwortung, hilfreich zu unterstützen. Jeder Dienst muss darauf ausgerichtet sein, die Eheleute wieder zusammenzubringen. Auch das Thema der Seelsorger wird hier vom Herrn nicht weiter erörtert, sondern wird an anderen Stellen der Bibel behandelt. Daher gehe ich hierauf jetzt nicht weiter ein.

Verse 10–12: Drei Wege des Unverheiratet seins

„Seine Jünger sagen zu ihm: Wenn die Sache des Mannes mit der Frau so steht, dann ist es nicht ratsam zu heiraten. Er aber sprach zu ihnen: Nicht alle fassen dieses Wort, sondern die, denen es gegeben ist; denn es gibt Verschnittene, die von Mutterleib so geboren sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Reiches der Himmel willen. Wer es zu fassen vermag, der fasse es“ (Verse 10–12).

Die Jünger erkennen, dass der Herr dem Mann keine Freiheit einräumt, mit der Ehefrau zu handeln, wie er möchte. Daraus ziehen sie eine Schlussfolgerung, die beweist, dass sie dieses Problem nicht mit einer geistlichen Gesinnung betrachten, sondern menschlich oder sogar fleischlich beurteilen wollen. Ist es unter solchen Umständen wirklich nicht ratsam zu heiraten? Oder waren in der damaligen Zeit (und heute noch mehr) sogar die natürlichen Beziehungen durch die Sünde und den Egoismus des Mannes derart verdorben, dass man nicht einmal mehr bereit war, die Dinge mit den Augen Gottes zu sehen? War es denn ein Problem, wenn man seine Ehefrau nicht entlassen konnte? Man hatte doch geheiratet, um ein Leben lang mit dieser Frau verbunden zu sein.

Kannten die Jünger nicht auch aus eigenem Erleben – zumindest von Petrus wissen wir, dass er verheiratet war –, dass der Herr den Menschen mit dem Geschenk der Ehe eine wunderbare Einrichtung gegeben hat? Die Aussage der Jünger mutet uns seltsam an. Aber vielleicht hatten sie Beispiele vor Augen, wo Ehen derart unglücklich verliefen, dass ihn menschlich nur der Ausweg der Ehescheidung ratsam erschien.

Der Herr nimmt den Einwand der Jünger zum Anlass, ihnen noch eine grundsätzliche Belehrung über das Alleinbleiben mitzugeben, von dem sie gesprochen hatten. Er unterscheidet drei Fälle:

  1. Es gibt von Mutterleib an Verschnittene: Das sind Menschen, die vom Mutterleib an eine Krankheit haben, die es ihnen nicht möglich macht zu heiraten. Behinderte Menschen, in besonderer Weise auch geistig und stark körperlich behinderte Menschen usw. gehören hierzu.
  2. Es gibt Menschen, die von anderen Menschen verschnitten werden. Dabei handelt es sich um Menschen, die entweder körperlich, geistig und/oder seelisch misshandelt worden sind, oder die aufgrund einer missratenen Operation bzw. eines Unfalls in einen Zustand geraten, der ihnen eine Heirat unmöglich macht.14
  3. Dann spricht der Herr Jesus aber noch von einer dritten Gruppe von Menschen, bei denen Er das Verschneiden vergeistlicht. Das können wir daraus schließen, dass Er auch vom „geistlichen“ Königreich der Himmel spricht – nicht von einem körperlichen Zustand oder einem hier sichtbaren Reich.

Die Gabe des Alleinbleibens um des Dienstes des Herrn willen

Wir kennen diesen dritten Fall heute kaum noch. Es gibt nur sehr, sehr wenige Geschwister, von denen wir wissen, dass sie um des Königreichs der Himmel wegen – also um des Herrn willen – ganz bewusst auf eine Eheschließung verzichten, um dem Herrn ganz zu dienen. Paulus war ein solcher Bruder, wie wir aus 1. Korinther 7,7.28–32 schließen können. Es handelt sich also nicht um Christen, die gerne geheiratet hätten, aber entweder aufgrund von Absagen oder aufgrund des Mangels an richtigen (potenziellen) Ehepartnern nicht heiraten konnten.

Hier geht es um Geschwister, die wie Paulus den Dienst für den Herrn vor ihre menschlichen Bedürfnisse stellen. Sie sind durch die Gnade Gottes in der Lage, die eigentlich in der Natur der ersten Schöpfung liegenden Kräfte zu überwinden – es ist zweifellos der höchste Weg. Das aber können nicht alle fassen – denn es ist nur der Weg von wenigen, von Ausnahmen.

Nach 1. Korinther 7,9 müssen sie in der Lage sein, die im menschlichen Körper wohnende sehr starke sexuelle Kraft zu bewältigen, ohne sich ständig in Gefahr zu begeben. Sie haben also nach 1. Korinther 7,17 eine gewisse Gabe, alleine bleiben zu können. Wie hätte Paulus mit einer Ehefrau ständig unterwegs sein können, womöglich auch mit Kindern? „Der Verheiratete ist um die Dinge der Welt besorgt, wie er der Frau gefalle“ (1. Kor 7,33) – das ist seine Aufgabe. Es verhindert keinen Dienst für den Herrn, lässt ihn aber im Unterschied zum Unverheirateten nicht in so umfangreichen Maß zu.

Wichtig ist, dass wir verstehen, dass der Herr diesen Weg als ein Vorrecht und in keiner Weise als ein Sakrament, ein Gesetz oder eine Verpflichtung vorstellt. Paulus tut das auch nicht. Mit anderen Worten: Das sogenannte Zölibat hat keine Grundlage in der Bibel. Wenn jemand allein bleiben kann, dann ist das eine Gabe von oben, die er oder sie dankbar annehmen darf und sich ganz dem Herrn zur Verfügung stellen darf.

Ich selbst rede hier – wie die meisten anderen auch – sehr theoretisch. Eine gewisse Zeit in der Jugend haben wir alle natürlich diesen Status gehabt, wo wir keine Rücksicht auf Familienbande nehmen mussten. Aber hier treffen die Worte des Herrn zu: „Nicht alle fassen dieses Wort, sondern die, denen es gegeben ist.“ Solche Geschwister, die sich wirklich um des Königreichs der Himmel willen verschneiden15, können mitreden. Sie können erfassen, was dieser Weg bedeutet. Der Herr wird den bewussten Verzicht, den solche Geschwister eingehen, reich belohnen! „Wer es zu fassen vermag, der fasse es.“

Noch ein Wort im Blick auf Christen, die gerne heiraten würden, denen dieser Weg (nicht aus den ersten beiden Gründen) aber verwehrt ist. Sie gehören im engeren Sinn nicht zu der dritten Gruppe. Aber wenn sie bereit sind, diesen Weg dann aus der Hand des Herrn anzunehmen und mit seiner Hilfe zu gehen, dann dürfen sie den Segen dieser Gruppe auch für sich in Anspruch nehmen. Der Herr handelt in einer besonderen Fürsorge für sie, wenn sie innerlich zur Ruhe gekommen und glücklich in Ihm geworden sind.

Verse 13–15: Lasst die Kinder zu mir kommen

„Dann wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er ihnen die Hände auflege und bete; die Jünger aber verwiesen es ihnen. Jesus aber sprach: Lasst die Kinder und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Reich der Himmel. Und er legte ihnen die Hände auf und ging von dort weg“ (Verse 13–15).

In diesen drei Versen zeigt uns der Herr, was für eine Wertschätzung Er gerade für diejenigen hat, die in unserer Gesellschaft so sehr verachtet werden. Wir lernen für unser Leben im Königreich, dass wir diejenigen, die verachtet und leicht übersehen werden, hochachten sollen. Schon in Kapitel 18 hatte sich der Herr mit den Kindern beschäftigt. Zuerst hatte Er sie als ein Beispiel für Demut und Aufrichtigkeit vorgestellt. Dann hatte Er sein Herz für diese Kleinen offenbart, indem Er Gericht über diejenigen aussprach, welche die Kleinen zu Fall bringen.

Es war eine alte Sitte unter Juden, ihre Kinder zu einem anerkannten Lehrer und gottesfürchtigen Mann zu bringen, damit dieser seinen Segen über diese ausspreche. Das Händeauflegen war dann das Symbol der Erfüllung des Segens über dem Kopf der Kleinen. Diese Sitte finden wir in diesen Versen ein stückweit wieder. Wir dürfen wohl annehmen, dass es sich um Juden handelte, die den Herrn Jesus als Lehrer anerkannten. Sie gehörten nicht zu denen, die Ihn verwarfen. Sonst hätten sie ihre Kinder wohl kaum zu Ihm gebracht.

Das Herz des Herrn für die Kleinen

Hier nun segnet der Herr die Kleinen. Wie schön, wenn Eltern ihre Kinder zum wahren Retter bringen. Der Herr ist nicht zu den Kindern gegangen – sie wurden zu Ihm gebracht. Seine Sanftmut und Gnade zog ihre Eltern und sie an, denn wir können davon ausgehen, dass nicht Fremde diese Kinder zu Jesus führten. Die Absicht vermutlich besonders der Mütter war es, dass der Herr den Kleinen die Hände auflegen und für sie beten solle. So wollten sie ihre Kinder ganz der Fürsorge dessen übergeben, der sich als Gott selbst erwiesen hatte und in der Lage war, die Kinder zu bewahren.

Das Auflegen der Hände ist ein Zeichen des Segens, der Identifikation des Herrn mit den Kleinen, um sie zu beschützen. Das Gebet ist ein Zeichen, dass die Mütter Wert darauf legten, dass Gott sich um ihre Kinder kümmerte. Ein besseres Vorbild als diese Frauen können wir uns in dieser Hinsicht nicht nehmen! Ob wir uns – wie diese Frauen – immer bewusst sind, wie notwendig, aber auch wie herrlich es ist, unsere Kinder zum Herrn Jesus zu bringen? Er allein kann sie bewahren und segnen, so wie es für sie gut und nützlich ist.

Lernen sollten wir auch aus dem Verhalten der Jünger. Sie hatten vermutlich im Sinn, den Herrn vor Kindergeschrei zu schützen. Brauchte ihr Meister keine Ruhe? Wie wenig kannten sie Ihn. Hatten sie nicht aus den früheren Belehrungen des Herrn gelernt (vgl. Kapitel 18)? Sie reagierten äußerst unwillig. Ob auch wir schon einmal schuldig waren, dass Kinder nicht zum Herrn Jesus vordringen konnten? Das beste Motiv, das wir hier den Jüngern unterstellen dürfen, ist verkehrt, wenn es das Herz und die Liebe des Herrn nicht kennt und berücksichtigt! Letztlich offenbarten die Jünger den Geist der Welt, als sie die Kinder wie etwas Bedeutungsloses behandelten.

Der Herr Jesus sieht das Verhalten der Jünger. Aber Er tadelt sie nicht auf direkte Weise. „Lasst die Kinder und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Königreich der Himmel.“ Er offenbart sein Herz. Wenn es um Menschen geht, haben die kleinen Kinder in ihrer Zartheit den ersten Platz in seinem Herzen. Er sieht ihre Demut, ihre Lernbereitschaft, auch ihr Vertrauen. Daher ist es für sein Herz eine Freude, bei Kindern zu sein. Das hat Er im vorigen Kapitel gezeigt. Er bestätigt dies jetzt. Sie sind die Gegenstände der Liebe des Vaters, der für sie seinen Sohn gab, damit der Sohn sie retten sollte. Niemand soll den Kindern daher verwehren, zu Ihm zu kommen. Das zeigt aber noch einmal auch unsere Verantwortung als Eltern, unsere Kinder zu dem Herrn Jesus zu bringen. Nur für diejenigen, die zu Ihm gebracht werden, gilt das „denn“ (solcher ist das Reich der Himmel).

Das Königreich der Himmel und die Kinder der Gläubigen

Manche haben gedacht, dass man diesen Satz so verstehen müsse: „Denn für solche ist das Reich der Himmel.“ Der Herr Jesus sagt aber: „Denn solcher – das heißt von solchen – ist das Reich der Himmel.“ Sie sind nicht das Ziel des Reiches, sondern sie sind im Königreich drinnen.

Man könnte fragen: Sind denn alle Kinder auf dieser Erde im Königreich der Himmel? Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein. Nur diejenigen, die zum Herrn Jesus gebracht werden, gehören dazu. Es geht also um die Eltern, die auf christlichem Boden ihre Kinder dem Herrn Jesus anvertrauen. Viele tun das nur äußerlich im Rahmen der kirchlichen Taufe (eigentlich ein Widerspruch in sich selbst, denn die Taufe ist keine Sache der Kirche, wird aber in den großen Kirchen so gehandhabt). Aber immerhin ist es eine äußere Weihe an den Herrn des Christentums.

Kinder, die in dieser Weise zu dem Herrn Jesus gebracht werden, gehören zum Königreich – sie sind in diesem Reich. Zu der Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes gehören nur diejenigen, die neues Leben aus Gott besitzen und sich bekehrt haben. Das Reich dagegen schließt die Familien derer ein, welche die Herrschaft Christi anerkennen. Kinder sind dem Herrn hierbei offensichtlich besonders willkommen. Er selbst legte ihnen die Hände auf.

Aus Stellen wie Matthäus 28,19 wissen wir, dass man durch die Taufe in das Königreich eingeführt wird (vgl. in Joh 4,1.2 den Gedanken der Jüngerschaft, der mit der Taufe verbunden wird). Tatsächlich wird ein Mensch durch die Taufe mit dem Herrn Jesus verbunden, und zwar mit dem gestorbenen und auf dieser Erde verworfenen Christus (vgl. Röm 6,3). Das ist der Herr Jesus von Matthäus 19. Denn wir haben verschiedentlich gesehen, dass der Herr Jesus in diesen Kapiteln längst der von seinem Volk Verworfene war.

Das kann man auch schön mit 1. Korinther 7,14 verbinden. Die Kinder einer gläubigen Mutter oder eines gläubigen Vaters sind „heilig“. Sie sind (äußerlich) gesegnet durch ihre Eltern und stehen unter dem heiligenden Einfluss einer gläubigen Mutter oder eines erlösten Vaters. Die Eltern nehmen den Segen dadurch wahr, dass sie ihre Kinder dem Herrn Jesus weihen, wie uns Hanna das mit Samuel deutlich vorgemacht hat, die ihren Sohn dem Herrn in seinem Heiligtum brachte und weihte. Die Taufe ist in gewisser Hinsicht solch eine Weihe an Gott.16 Das alles muss verbunden sein mit Gebet, mit dem Anvertrauen der jungen Seelen an Gott. Und es muss verbunden sein mit dem Hände auflegen, diesem Segnen der Kinder durch den Herrn Jesus, der sich persönlich mit ihnen identifiziert.

In diesem Sinn dürfen wir unsere Kinder in der Zucht und Ermahnung des Herrn Jesus erziehen (vgl. Eph 6,1–4). In diesen Versen geht es nicht um Kinder, die zur Versammlung Gottes gehören, weil sie an den Herrn Jesus glauben. Es geht um Kinder, die im Königreich der Himmel ihren Platz haben, in dem Bereich, in dem Jesus Christus Herr ist. Daher fühlen sie sich zu Ihm hingezogen. Es kommt noch hinzu, dass wir den Worten des Herrn durch Paulus an den Gefängniswärter vertrauen dürfen: „Glaube an den Herrn Jesus und du wirst errettet werden, du und dein Haus“ (Apg 16,31). Das ganze Haus eines Gläubigen steht unter dem rettenden Segen des Herrn, wenn die Eltern an den Herrn Jesus glauben. Diesen Glauben dürfen wir uns auch heute zu eigen machen und daran festhalten. So ehren wir unseren Herrn und Retter.

Sowohl in Markus 10,13 ff. als auch in Lukas 18,15 ff. lesen wir, dass der Herr im Blick auf Erwachsene zudem noch von der Aufnahme des Reiches Gottes wie ein Kind spricht. Matthäus hatte diesen Punkt schon in Kapitel 18 gebracht. Er wiederholt ihn hier in Matthäus 19 nicht mehr, weil die Belehrung an dieser Stelle die Kleinen selbst als solche betrifft, die zu dem Königreich der Himmel gehören.

In Matthäus 19 lesen wir dann vom Herrn Jesus nur noch weiter, dass Er ihnen die Hände auflegte. Sein Segen sollte die Kinder begleiten. Warum finden wir kein Gebet des Herrn? Zeigt uns diese Tatsache nicht, dass der Herr Jesus selbst Gott ist? Wenn der Herr Jesus Wunder vollbrachte, lesen wir oft, dass Er vorher zu Gott betete – beispielsweise bei den Speisungen und bei der Auferweckung von Lazarus. Aber hier erkennen wir, dass Er mehr ist als der abhängige Mensch. Er ist Gott selbst, der in eigener Machtvollkommenheit segnen konnte. Denn das Höhere segnet das niedrigere (vgl. Heb 7,7). Unsere Kinder sind bei Ihm in guten Händen!

Verse 16–26: Wie kommt ein aufrichtiger Mensch ins Königreich der Himmel?

„Und siehe, einer trat herzu und sprach zu ihm: Lehrer, was muss ich Gutes tun, um ewiges Leben zu haben? Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich über das Gute? Einer ist gut. Wenn du aber ins Leben eingehen willst, so halte die Gebote. Er spricht zu ihm: Welche? Jesus aber sprach: Diese: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst kein falsches Zeugnis ablegen; ehre den Vater und die Mutter; und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Der Jüngling spricht zu ihm: Dies alles habe ich beachtet; was fehlt mir noch? Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib den Armen, und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben; und komm, folge mir nach! Als aber der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt weg, denn er hatte viele Besitztümer“ (Verse 16–22).

Im dritten Abschnitt dieses Kapitels lernen wir dann etwas darüber, wie ein Mensch in das Königreich der Himmel eingehen kann. Der Herr Jesus zeigt uns das am Beispiel eines Mannes, der als ein Bild des ersten Menschen vorgestellt wird in der Aufrichtigkeit der menschlichen Natur der ersten Schöpfung. Im Markusevangelium lesen wir, dass Jesus diesen Mann liebte (Mk 10,21). Der Herr liebte nicht die Sünde oder Sündhaftigkeit dieses Menschen. Er liebte ihn, weil Er etwas von der Schönheit der ersten Schöpfung in ihm sah. Dieser Mann war aufrichtig und ehrlich in dem, was er sagte. Und das erkennt der Herr an.

Auch wir dürfen bei Menschen heute, die etwas von dem Edlen der ersten Schöpfung zeigen, Gott darin sehen und das an ihnen schätzen. Bis heute ist etwas von den Strahlen Gottes in seiner Schöpfung zu sehen. Nicht alles ist durch die Sünde verschüttet worden. Gerade dadurch, dass wir in anderen Menschen anerkennen, was von Gott kommt, offenbaren wir den Geist des Herrn. Auch, was die Schöpfung als solche betrifft, dürfen wir mit Freude auf das schauen, was von Gott kommt. So dürfen wir zu Anbetern Gottes werden.

Das aber heißt nicht, dass die erste Schöpfung einen solchen Stellenwert bei uns haben sollte, dass wir allein ihretwegen Tausende von Kilometern an Reisen auf uns nehmen müssten, um alles das zu bewundern, was an der Schöpfung noch bewundernswert ist. William Kelly schreibt dazu: „Wenn auf meinem Weg, dem Herrn zu dienen, große und schöne Aussichten an meinem Augen vorbeikommen, glaube ich nicht, dass der, der mich in seinen Dienst berufen hat, will, dass ich meine Augen schließe. Der Herr selbst wies auf die Schönheit der Lilien hin ... Aber sollte ich deshalb weit und fern reisen, um das zu bewundern, was die Welt wertvoll findet?“

Wir wollen nicht übersehen, dass der in diesem Abschnitt vor uns kommende Mensch nicht nur für die Schönheit der Schöpfung Gottes steht, sondern zugleich den natürlichen Menschen offenbart, der in eigener Kraftanstrengung Gott gefallen möchte und auf einem solchen Weg den Segen Gottes gewinnen will, letztlich in den Himmel kommen möchte. Er ist der Prototyp für viele Menschen, die wissen, dass Gott so, wie sie sind, nicht mit ihnen zufrieden sein kann, die aber einen Retter ablehnen, weil sie meinen, Gott mit eigenen Mitteln zufrieden stellen zu können.

Verse 16–23: Kann ein Mensch das Gute tun?

Reicht dies im Leben eines Menschen aus, um in den Bereich des Segens Gottes zu kommen? Dazu gibt uns dieser Abschnitt eine Antwort. Matthäus berichtet uns nichts weiter über diesen jungen Mann. Nicht einmal sein Beruf oder seine Stellung werden uns genannt. Er kommt auf den Herrn Jesus zu und fragt ihn: „Was muss ich Gutes tun, um ewiges Leben zu haben?“ Offenbar war er selbstbewusst genug, um zu meinen, dass er in der Lage sei, ewiges Leben zu bekommen. Er war sich nicht sicher, ob er es besaß. Aber er wollte es gerne bekommen. Und er dachte, er hätte einen gewissen Anspruch auf dieses Leben, weil etwas Gutes in ihm wäre und er Gutes tun könne.

Er hatte noch nicht gelernt – das ist die Blindheit des natürlichen Menschen –, dass er noch nie eine in den Augen Gottes gute Sache hatte tun können. Er erkannte zwar, dass Jesus mehr besaß und war, als er selbst. Deshalb kam er zu Christus. Aber er war von sich so überzeugt, dass er es für möglich hielt, selbst so zu handeln und zu tun, wie Jesus es tat und wie Gott es von einem Menschen verlangte.

Unterschiede zwischen Markus und Matthäus

Im Markusevangelium lesen wir, dass dieser Mann den Herrn „guter Lehrer“ nannte. Daraufhin erwiderte der Herr, dass nur einer gut ist – Gott. Kein Mensch als solcher könnte gut genannt werden. Matthäus nennt nur die verkürzte Anrede „Lehrer“. Hier spricht der Mann davon, Gutes tun zu wollen, während Markus nur davon berichtet, dass dieser Jüngling ewiges Leben erben wollte.

Bei Markus geht es mehr um die Person des Herrn selbst – Er war eben mehr als ein guter Lehrer – Er war Gott. Der Mann sah in Ihm aber nur einen guten Menschen. Jesus begegnet diesem Menschen in Verbindung mit der Überzeugung, mit der dieser zu Ihm kam: auf der Grundlage des Gesetzes. Denn da Er Gott war, war Er auch der Gesetzgeber. Im Blick auf das Gesetz musste der junge Mann lernen, dass er von Geburt an verloren war und einen Retter brauchte. Er war nicht in der Lage, die moralischen Anforderungen dieser Gebote zu erfüllen, zum Beispiel nichts vorzuenthalten (Mk 10,19). Wenn es ums „Erben“ ging, konnte er tatsächlich nur die sündhafte Natur seines Vaters erben. Selbst das Beste der Natur, seine Aufrichtigkeit, weswegen der Herr Jesus diesen Mann liebte, war überlagert von der Sünde. Den Himmel, den ebenfalls nur Markus erwähnt, konnte er so nicht erreichen.

Denn das Gesetz war ja gerade dazu gegeben worden, die Sündhaftigkeit des Menschen offenbar zu machen (vgl. Röm 3,20). Der Herr macht ihm daher zunächst deutlich, dass kein Mensch in sich so gut ist, dass er dem Maßstab des Gesetzes genügen kann, sondern dass nur Gott wirklich gut ist.

Hier im Matthäusevangelium scheint es mehr um das Tun des Menschen zu gehen. Dieser möchte das Gute tun, um das ewige Leben – also ein dauerhaftes Leben auf der Erde – zu bekommen, wie Gottes es dem Menschen verheißen hat, wenn er das Gesetz halten würde. Er erwartet eine Belohnung sozusagen auf der Grundlage seines eigenen Wirkens. Diese liegt aber außerhalb der Reichweite des Menschen. Denn er ist nicht in der Lage, das Gesetz Gottes zu erfüllen.

(Ewiges) Leben – Gott ist gut

Interessant ist, dass Gott im Alten Testament bis auf eine Ausnahme nicht von ewigem Leben, sondern nur von Leben gesprochen hat, wenn es um das Halten des Gesetzes geht. „Und meine Satzungen und meine Rechte sollt ihr halten, durch die der Mensch, wenn er sie tut, leben wird“ (3. Mo 18,5). Dieser Wortlaut wird noch 4-mal im Alten Testament wiederholt (Neh 9, 28; Hes 20,11.13.21). Paulus bestätigt es ebenfalls in Galater 3,12: „Das Gesetz aber ist nicht aus Glauben, sondern: ‚Wer diese Dinge getan hat, wird durch sie leben.‘“

Wenn im Alten Testament von dem Leben gesprochen wird, dann in dem Sinn, dass Menschen in das 1.000-jährigen Friedensreich eingehen können. „Der Herr hat den Segen verordnet, Leben bis in Ewigkeit“, heißt es beispielsweise in Psalm 133,3. Oder in Daniel 12 lesen wir, dass Daniel gesagt wird: „Viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden erwachen: diese zu ewigem Leben und jene zur Schande, zu ewigem Abscheu“ (Vers 2). Auch hier geht es darum, dass Menschen auferstehen, um dann in das Friedensreich einzugehen.

Vielleicht hatte dieser Jüngling gehört, dass der Herr Jesus von ewigem Leben gesprochen hatte. Dessen Besitz ist sein erklärtes Ziel. War das nicht ein guter Wunsch? Ja, das war so. Aber der Herr Jesus erkannte das Herz, aus dem dieser Wunsch entstand. Es war von sich selbst überzeugt. Daher auch seine scharfe Antwort, die uns vielleicht auf den ersten Blick überaus hart erscheint: „Was fragst du mich über das Gute? Einer ist gut.“

Was will der Herr Jesus diesem Mann damit sagen? Er zeigt ihm, dass das Gute nur von dem getan werden kann, der wirklich gut ist. Und es gibt nur eine einzige Person, von der man wirklich sagen kann, dass sie gut ist. Das ist Gott. Daher kann auch nur Gott das Gute tun. Ein Mensch ist dazu nicht in der Lage. Auch dieser junge Mann nicht. Dennoch gab Gott einen Weg, auf dem es auch für Menschen möglich wäre, das Gute zu tun. Dazu aber musste man zuerst anerkennen, dass man selbst nicht in der Lage ist, Gott wirklich zu gefallen.

Wenn man Psalm 16 liest, ist man beeindruckt von der Demut des Herrn. Er ist Gott. Aber als abhängiger Mensch sagt Er dort im Vertrauen zu seinem Gott: „Du bist der Herr; meine Güte reicht nicht zu dir hinauf“ (Vers 2). So bestätigt Er die Güte, das Gute Gottes, und nimmt diese (dieses) als abhängiger Mensch nicht einmal für sich in Anspruch.

In Matthäus 19 lesen wir nun, wie der Herr Jesus trotzdem auf die Frage des jungen Mannes eingeht. „Wenn du aber ins Leben eingehen willst, so halte die Gebote.“ Der Herr spricht nicht vom ewigen Leben. Er verkündet diesem Mann auch nicht das Evangelium der Gnade. Denn dieser ist dafür noch nicht vorbereitet. Er hält sich an das Wort des Alten Testaments, das Er selbst gegeben hatte. Noch immer stellt Er die Menschen, ja die besten Menschen – zu denen auch dieser junge Mann gehörte –, unter die Verantwortung, das Gesetz zu halten.

Offenbar ist dieser Mann so von seiner eigenen Gerechtigkeit erfüllt, dass er nachfragt, welche Gebote er (besonders) halten solle. Er dachte, dass er die Gebote im Allgemeinen gut erfüllte. Jesus beschränkt sich darauf, die Gebote der zweiten Gesetzestafel zu nennen, die sich auf das menschliche Miteinander beziehen. Dieser Mann dachte nicht an seine Beziehung zu Gott, sondern nur an das Gute in sich selbst – und das betraf zuallererst die anderen Menschen: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst kein falsches Zeugnis ablegen; ehre den Vater und die Mutter; und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Es fällt auf, dass das zehnte Gebot, das Haus des nächsten nicht zu begehren, hier in einer abgewandelten Form genannt wird, den Nächsten zu lieben wie sich selbst (vgl. 3. Mo 19,18).

Gerechtigkeit tun

Man staunt darüber, dass dieser Mann, von dem Lukas sagt, dass er ein Oberster war, tatsächlich von sich behauptet, alle diese Gebote beachtet zu haben. „Was fehlt mir noch?“ Wie kann ein Mensch wirklich von sich behaupten, alle diese Gebote – also z. B. auch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – bislang gehalten zu haben? Dennoch schwingt in seinen Worten das Bekenntnis mit, dass er wohl irgendetwas Gutes noch nicht getan hat. Nur deshalb wendet er sich ja überhaupt an Jesus. Hat er vielleicht gemerkt, dass gerade die wesentliche Frage seiner Beziehung zu Gott nicht geklärt war? Der Herr lässt diese Aussage so stehen. Er erkennt die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dieses Mannes an, der sich offenbar wirklich bemühte, das ganze Gesetz zu erfüllen. Auch Paulus dachte dies von sich und schreibt später an die Philipper: „Was die Gerechtigkeit betrifft, die im Gesetz ist, für untadelig befunden“ (Phil 3,6).

Man darf diese Aussage natürlich nicht im absoluten Sinn verstehen. Römer 3 sagt sehr deutlich, dass es auf dieser Erde keinen Gerechten gibt. In Vers 12 heißt es dort, dass es keinen Menschen gibt, der Gutes tut – auch nicht einen einzigen. Aber dieser junge Mann und offenbar auch Paulus waren solche, die über einen längeren Abschnitt wirklich äußerlich nach den einzelnen Geboten gelebt hatten. Sie lebten äußerlich gerecht. Aber irgendwann kommt im Leben jedes Menschen der entscheidende Prüfstein. So auch hier bei diesem Mann: „Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib den Armen, und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben; und komm, folge mir nach! Als aber der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt weg, denn er hatte viele Besitztümer.“

Der Herr Jesus zeigt durch diese Antwort noch einmal, wer Er wirklich ist. Er kannte die Schwachstelle im Leben dieses Mannes. Dieser führte ein äußerlich gerechtes Leben. Aber um wirklich vollkommen zu sein, so dass Gott ihn annehmen könnte, musste er bereit sein, sich selbst vollkommen hinzugeben. In seinen Umständen bedeutete das, bereit zu sein, den gesamten Besitz für die anderen – seinen Nächsten – hinzugeben und dem Herrn Jesus nachzufolgen. Dazu fehlte diesem Mann der Glaube. Seine Reaktion bewies, dass er das Gebot aus 3. Mose 19,18 doch nicht vollständig befolgte. Wenn er seinen Nächsten wirklich geliebt hätte wie sich selbst, wäre er bereit gewesen, diesem auch seinen Besitz zur Verfügung zu stellen. Er musste – exemplarisch für alle Menschen – lernen, dass man tatsächlich nicht in der Lage ist, alle Mindestanforderungen Gottes zu erfüllen, wie sie im Gesetz ausgedrückt wurden.

Wäre er bereit gewesen, seine Habe den Armen zu überlassen, hätte er einen bleibenden Platz im Königreich des Herrn haben können, sogar einen Schatz in den Himmeln, wo ihn niemand hätte wieder hinausstoßen können.17 Zu diesem Verzicht auf sein Reichtum war er jedoch nicht bereit. Damit zeigte er seine wahre Natur.

Wenn man alles um des himmlischen Schatzes willen aufgibt, um zu dem verachteten Nazarener zu kommen und Ihm nachzufolgen, dann ist das beeindruckend. Aber was ist das im Vergleich zu dem, was den Sohn Gottes auf diese Erde herabführte? Er gab wirklich alles auf, um uns zu erlösen. Das ist und bleibt unvergleichlich. Aber selbst das viel Geringere, das Lieben des Nächsten, war zu viel für diesen jungen Mann, der in seiner eigenen Kraft auch gar nicht fähig dazu war. Der Reichtum half ihm vielleicht, das Gesetz äußerlich zu halten. Aber dieser Reichtum stellte für ihn ein Hindernis dar, das wahre Bedürfnis der Gnade Gottes zu erkennen. Denn er stand in seinem Herzen unter dem Joch des Reichtums, mit dem er sich innerlich untrennbar verbunden fühlte.

Reichtum und reich sein

Wir wollen bedenken: Es ist nicht sündig, reich zu sein. Das wissen wir zum Beispiel aus 1. Timotheus 6,17, denn dort werden die Reichen lediglich ermahnt, nicht auf ihren Reichtum zu vertrauen. Sie werden nicht aufgefordert, ihren Reichtum abzugeben. Insofern dürfen wir diese Verse in Matthäus 19 auch nicht falsch verstehen. Wir Christen werden nicht aufgefordert, unser gesamtes Vermögen abzugeben. Wir wissen, dass wir Gott sowieso gehören, und zwar mitsamt des irdischen Vermögens. Das heißt, dass wir das, was Gott uns für unser Leben anvertraut, in Gottesfurcht vor Ihm und für Ihn verwalten sollen. Aber wir lernen aus diesem Abschnitt, dass die Natur des Menschen, so liebenswert sie in ihrem Charakter auch sein mag, moralisch vollständig von Gott entfernt ist. Und das offenbarte sich an der Haltung dieses Mannes im Blick auf seinen Reichtum. Das wollte er nicht wahrhaben.

Es geht in diesen Versen nicht darum, wie wir als Christen leben sollen. Als solchen wird uns gesagt, dass wir nicht nach Reichtum streben sollen, weil uns diese Begierde aus der praktischen Gemeinschaft mit Gott wegtreibt (vgl. 1. Tim 6,9.10). In Matthäus 19 geht es darum, wie man Leben bekommen kann. Und hier zeigt der Herr schlicht, dass der Mensch von sich aus nicht in der Lage ist, sich Leben zu erwerben. Jeder hat sein eigenes „Problem“. Dieser Mann hatte das Problem, dass er an seinem Reichtum hing. Ein anderer hat eine andere Sucht. Gemein ist allen Menschen, dass sie von sich aus nicht in der Lage sind, das Leben zu erwerben. Das ewige Leben ist ein Geschenk Gottes: „Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben“ (Joh 10,28).

Es kommt noch etwas Zweites hinzu. Man muss bereit sein, dem Herrn Jesus nachzufolgen. Dazu gehört Selbstaufgabe, denn Nachfolge bedeutet, dass derjenige unser Leben bestimmt, dem wir nachfolgen. Man gibt somit die Herrschaft über das eigene Leben ab. Das beinhaltet auch Entsagung. In Matthäus 8 haben wir gelernt, dass der Herr Jesus keinen Platz hatte, wohin Er sein Haupt legen konnte. Das gilt dann auch für die Jünger des Herrn. Der Herr Jesus selbst wird somit zum Entscheidungskriterium bei der Frage des Lebens.

Der junge Mann spürt, dass ihm doch noch etwas fehlt – das Wesentliche für sein Leben. Wir wissen nicht, ob er einmal zur Umkehr gekommen ist. Was wir wissen ist, dass er betrübt wegging, weil er an seinen Besitztümern hing. Er war nicht bereit, in die Nachfolge des Herrn einzutreten. Der Preis war ihm zu hoch. Wie tragisch, wenn auch heute jemand weiß, was ihm fehlt, weiß, dass er zu dem Herrn Jesus gehen muss, um Ihn als Retter anzunehmen, es aber nicht tut. Jesus hat diesem Mann alles gezeigt, was dieser brauchte, um Leben zu erhalten.

Der junge Mann als ein Bild des selbstgerechten Israels

Der Herr Jesus war nicht überrascht, als der junge Mann sich von Ihm abwandte, denn Er kennt das menschliche Herz. Zugleich aber fand Er in ihm ein Bild des Zustands des jüdischen Volkes wieder. Denn letztlich steht der junge Mann gerade in diesem Evangelium für die Selbstgerechtigkeit des jüdischen Volkes, das meinte, durch eigene Werke Gott zufrieden stellen zu können. Sie erkannten nicht, dass sie sich eigentlich von Gott wegwandten, indem sie meinten, ihr eigener Besitz und ihre eigenen Fähigkeiten seien wichtiger als der Gehorsam gegenüber Gott.

So war der Herr zwar nicht überrascht, dennoch aber war diese Begegnung keine Freude für Ihn. Denn Er wünscht, dass Menschen Ihm nachfolgen. Doch hierfür müssen sie bereit sein, ihre eigene Unfähigkeit zuzugeben. Diese Belehrung möchte der Herr seinen Jüngern im Folgenden noch weiter vertiefen.

Verse 23–26: Für Menschen unmöglich – für Gott möglich

„Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Schwerlich wird ein Reicher in das Reich der Himmel eingehen. Wiederum aber sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Als aber die Jünger es hörten, erstaunten sie sehr und sagten: Wer kann dann errettet werden? Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich“ (Verse 23–26).

Der Herr belehrt seine Jünger über die Gefahr, die mit Reichtum verbunden ist. Er sagt zunächst nicht, dass es für einen Reichen unmöglich ist, in das Königreich einzugehen. Aber es ist nicht leicht, sich von dem Reichtum (innerlich) zu lösen. Nicht von ungefähr weist Paulus darauf hin: „Denn seht eure Berufung, Brüder, dass es nicht viele Weise, nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle sind; sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit er das Starke zuschanden mache“ (1. Kor 1,26.27). Christus hat den Armen gute Botschaft verkündigt (vgl. Mt 11,5), solchen, die sich ihrer Armut bewusst sind und nicht meinen, sie selbst wären in der Lage, Gott zufrieden zu stellen.

Der Herr verschärft diesen Gedanken noch, indem Er den Vergleich eines Reichen mit einem Kamel zieht. Kann ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurch gehen? Das ist unmöglich. Wegen dieser Unmöglichkeit haben manche darüber nachgedacht, ob mit dem Nadelöhr nicht eine Felsspalte oder dergleichen verstanden werden kann. Aber die Belehrung des Herrn Jesus ist klar und passt zu einer bekannten jüdischen Redensart: Er stellt hier nichts anderes als eine Unmöglichkeit dar. Genauso wenig, wie ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchkommt, kann ein Reicher in das Königreich Gottes.

Man fragt sich unwillkürlich: Steht Vers 24 nicht im Widerspruch zu Vers 23? Ist es jetzt unmöglich oder schwer? Die Antwort liegt in dem bemerkenswerten Gebrauch der Ausdrücke Königreich der Himmel und Königreich Gottes. Der Herr verwendet nicht deshalb einen anderen Ausdruck, um eine Wiederholung zu vermeiden. Dahinter steckt ein tieferer Sinn! Abgesehen davon wissen wir natürlich und halten daran fest, dass es in Gottes Wort keinen einzigen Widerspruch gibt! Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, Gottes Wort überhaupt richtig verstehen zu können.

Dass der Herr Jesus hier in Vers 24 von dem Reich Gottes spricht, fällt allein insofern auf, als Er in diesem Evangelium bis auf wenige Ausnahmen immer den Ausdruck „Reich der Himmel“ verwendet. Der Ausdruck „Reich Gottes“ kommt überhaupt nur fünfmal vor (Mt 6,33; 12,28;19,24; 21,31; 21,43). In allen fünf Fällen spricht der Herr Jesus nicht von einer in erster Linie äußeren Form des Reiches, sondern von seinem moralischen Inhalt, von den moralischen Merkmalen des Reiches. So auch hier.

Wer an Reichtum hängt, kann nicht in das Reich Gottes eingehen

Es ist schon schwer, in die (äußerliche) Nachfolge des Herrn zu treten, wenn man viel Besitz hat und daran hängt. Im moralischen Sinn aber ist es sogar unmöglich. Wenn mir mein Besitz wichtig ist, kann mir nicht gleichzeitig der Herr Jesus wichtig sein. Das haben wir schon in Matthäus 6,24 gelernt: „Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Für jemanden, der reich ist und an diesem Reichtum hängt – er ist also durch den Reichtum geprägt und daher durch und durch ein „Reicher“! – gibt es keinen Platz für den Herrn Jesus. Er dient sich selbst.

Die Jünger mussten noch lernen, dass eine ganz neue Zeit anbrach. Es zählten im Unterschied zum Alten Testament nicht mehr die irdischen Reichtümer. Irdischer Besitz würde von jetzt an kein Beweis des Segens Gottes mehr sein. Was jetzt zählte, war das ewige Leben, der Besitz des Lebens des Herrn, seine Nachfolge. Es ging nicht mehr um materielle, sondern um geistliche Güter!

Die Jünger zogen sofort die richtige Schlussfolgerung: „Wer kann dann errettet werden?“ So war es: Niemand! Die Antwort des Herrn bestätigt genau dieses. „Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich.“ Ein Mensch ist nicht in der Lage, in das Reich Gottes hineinzukommen. Die Errettung ist nicht nur schwierig und unwahrscheinlich für den Menschen, sie ist unmöglich. Sie ist nur möglich, wenn göttliche Kraft sie bewirkt. Ein Mensch kann die Begierden des Fleisches durch eigene Anstrengungen einfach nicht überwinden. Er selbst ist der Inbegriff dieser Begierden. „Kann ein Kuschit seine Haut wandeln, ein Leopard seine Flecken? Dann könntet auch ihr Gutes tun, die ihr Böses zu tun gewöhnt seid“ (Jer 13,23).

Und doch gibt es viele Menschen, die dem Herrn dienen und damit in dem Bereich sind, wo Gott als Herr anerkannt wird. Wie ist das möglich? Allein dadurch, dass Gott selbst tätig wird. Er ist tätig geworden, indem Er den Herrn Jesus für uns in den Tod gegeben hat. Und jetzt ist Er es, der einen Menschen verändert, indem Er bewirkt, dass dieser von neuem geboren wird. Es ist wahr, dass der Mensch auf das Wirken des Geistes Gottes reagieren muss. Aber die neue Geburt kommt von oben. Gott selbst bewirkt sie durch sein Wort im Leben eines Menschen.

So ist es wunderbar zu sehen, dass uns die Briefe zeigen, wo und wie Menschen zu Gott finden. Wir lesen von Personen aus dem direkten Umfeld von Herodes (Apg 13,1); von Gläubigen aus dem Haus des Kaisers (Phil 4,22); von Priestern, die sich bekehrt haben (Apg 6,7); von Barnabas, dem Leviten (Apg 4,36), von Saulus von Tarsus, der zu den Füßen Gamaliels gelernt hatte (Apg 22,3). Gottes Macht und Gnade sind unübertrefflich!

Verse 27–30: Belohnung im Königreich der Himmel

„Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns nun zuteilwerden? Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der verlassen hat Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Frau oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, wird hundertfach empfangen und ewiges Leben erben. Aber viele Erste werden Letzte und Letzte Erste sein“ (Verse 27–30).

Am Schluss dieses Kapitels gibt uns der Herr in seiner Antwort auf einen Einwand von Petrus noch eine weitere, wichtige Belehrung. Es gibt keinen Verdienst für Jünger im Königreich. Aber es gibt eine umfassende und großartige Belohnung. In die Nachfolge des Herrn tritt niemand ohne Belohnung ein. Wer bereit ist, für Ihn sein eigenes Leben aufzugeben, wird reich belohnt. Damit ist der Herr wieder bei der Herrlichkeit, die das 17. Kapitel einleitete.

Petrus tritt wieder einmal aus der Menge der Jünger heraus. Er hat genau gesehen, mit was für einer Selbstsicherheit dieser junge Mann aufgetreten ist. Und er hat das Ende gesehen, nämlich dass dieser Mann wieder zurückgekehrt ist in sein eigenes, altes Leben. Jetzt fragte sich Petrus, was sie eigentlich davon hatten, dem Herrn alles in ihrem Leben geopfert zu haben. Klingt nicht ein stückweit Selbstgerechtigkeit aus den Worten von Petrus? Bislang hatte er nach diesem Evangelium ein einziges Mal direkt geistlich gesprochen, nämlich als der Vater ihm eine besondere Offenbarung machte. Aber hier dreht sich sein Denken erneut nur um sich und das, was er getan hat. Hatte der Herr Jesus, dem er nachfolgen sollte und wollte, nicht viel mehr aufgegeben als er selbst?

Andererseits dürfen wir nicht gering darüber denken, was die Jünger aufgegeben haben. Sie hatten wirklich „alles verlassen“, um dem Herrn nachzufolgen. Würde es sich denn nicht gelohnt haben?

Vielleicht würden wir erwarten, wenn wir den Bibeltext nicht kennten, dass der Herr seinen Jünger zurechtweist. Das tut Er aber überhaupt nicht. Das zeigt uns, dass er die Hingabe seiner Jünger sehr schätzte. Er wusste besser als jeder andere, was sie wirklich für Ihn aufgegeben hatten. Und sie hatten es getan, ohne vorher eine Ankündigung einer Belohnung erhalten zu haben. Daher bestätigt Er die Worte von Petrus und schenkt seinen Jüngern einen wunderbaren Blick auf ihre Zukunft und auf ihre Belohnung.

Eine spezielle Belohnung für die 12 Jünger

„Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“ Der Herr Jesus spricht hier von der herrlichen Zukunft, wenn Er als der Sohn des Menschen regieren wird. Er beschränkt seine Herrlichkeit an dieser Stelle nicht auf die des Messias, der in Israel herrschen wird. Als der Sohn des Menschen wird Er nach Psalm 8 über das gesamte geschaffene Universum regieren.

Innerhalb dieser Regierung im 1.000-jährigen Reich wird das Land und Volk Israel einen besonderen Platz einnehmen. Davon spricht Jesus hier, wenn Er die zwölf Throne erwähnt, auf denen seine zwölf Jünger sitzen und die zwölf Stämme Israels richten werden. Wir wissen, dass Judas Iskariot, der Sohn des Verderbens, nicht dazu gehören wird. An seiner Stelle wird Matthias (Apg 1,26) dort sitzen. Bemerkenswert ist, dass der Herr hier deutlich macht, dass nicht nur die zwei zu jener Zeit anwesenden Stämme im Land sein werden. Alle zwölf Stämme werden dann wieder vereint sein!

Er selbst wird sich nicht auf seinen Thron setzen, so lange seine „Genossen“, seine Brüder nicht bei Ihm sind und mit Ihm erben können. Darauf wartet Er. Dazu gibt es eine biblische, zeitliche Ordnung. Zuerst muss die Versammlung auf der Erde vollendet sein, das heißt, sie wird zusammen mit den alttestamentlichen Gläubigen von Ihm in den Himmel aufgenommen (1. Thes 4). Dann wird diese Erde eine furchtbare Drangsalszeit erleben, die durch das Kommen des Herrn mit den Seinen enden wird. Dann wird Er alle seine Feinde niederschlagen, die sich hier gegen Ihn und sein Volk aufgelehnt haben. Danach erst wird Er sich auf seinen Thron setzen – das ist die Wiedergeburt, von der hier die Rede ist. Und das will Er nicht allein tun, sondern diesen Platz des Gerichts mit den Seinen teilen, die während seines Lebens auf der Erde (und in der heutigen Zeit, wo Er noch immer der Verworfene ist), seine Schmach geteilt haben.

Aber diese gewaltige Belohnung der Herrschaft über das Volk Israel wird ausschließlich den zwölf Jüngern zugesprochen. Es ist keine Aufgabe, die sie mit uns teilen werden. In Jesaja 32,1 wird diese Belohnung schon angedeutet: „Siehe, ein König wird regieren in Gerechtigkeit; und die Fürsten, sie werden nach Recht herrschen.“ Die Jünger werden in der Verwaltung des 1.000-jährigen Reiches den ersten Platz von Fürsten einnehmen.

Aus 1. Korinther 6,2 wissen wir, dass wir – besonders die Gläubigen aus den Nationen – die Welt richten werden. Ähnliches finden wir in Offenbarung 20,4 ff. Immer wieder finden wir die Zusicherung, dass Gott Menschen, die Ihm nachfolgen, belohnen wird: „Und dein, o Herr, ist die Güte; denn du vergiltst jedem nach seinem Werk“ (Ps 62,13). So gilt auch für uns der Grundsatz: „Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (vgl. 2. Tim 2,12), wenn wir mitleiden, dann werden wir auch mitverherrlicht werden.

Aber die Belohnung wird für jeden unterschiedlich ausfallen. Sie hängt von der persönlichen Treue ab, die jeder von uns erwiesen hat. Doch in viel höherem Maß hängt unser zukünftiger Platz von der souveränen Gnade Gottes ab. Denn Er hat die Gläubigen in ganz unterschiedliche Familien Gottes gestellt (vgl. Eph 3,15). So hat der Herr die in Matthäus 19 genannte Aufgabe in Israel nur seinen zwölf Jüngern zugedacht. Sie haben mit dem Herrn in der schwierigsten Zeit, die man sich vorstellen kann, ausgeharrt: als Er auf der Erde war und ans Kreuz gebracht wurde. Da waren sie Ihm nachgefolgt, obwohl Er von seinem Volk verworfen wurde. So werden sie eine besondere Belohnung erhalten.

Die Wiedergeburt – nicht die neue Geburt

Der Herr Jesus spricht hier von der „Wiedergeburt“. Das ist ein Ausdruck, der nur noch ein zweites Mal im Neuen Testament vorkommt, nämlich in Titus 3,5. Was meint der Herr Jesus mit diesem Begriff? Er bezieht sich offensichtlich auf die Wiederherstellung des Volkes Israel, wenn zu Beginn des 1.000-jährigen Friedensreichs die zehn Stämme wieder in das Land Israel zurückkehren werden, nachdem sie gereinigt worden sind (vgl. Hes 36.37), und die zwei Stämme nach der großen Drangsalszeit durchs Feuer gereinigt worden sein werden. Dann wird Christus nicht mehr der Verworfene auf dieser Erde sein.

In dieser Zeit wird das Volk in einem vollständig neuen Zustand sein. Es handelt sich um eine ganz neue Ordnung der Dinge – es wird wie eine Wiedergeburt des Volkes sein. Damit ist also nicht die neue Geburt gemeint, die wir in Johannes 3 finden, sondern eine nationale Wiedergeburt. Das Volk wird wieder neu zum Leben erwachen und in einem neuen, gereinigten Zustand im Land sein. Diese gewaltige Veränderung geht damit einher, dass „auch die Schöpfung selbst freigemacht werden wir von der Knechtschaft des Verderbens zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Denn dieser neue Zustand hat nicht nur gewaltige Auswirkungen für das irdische Volk Gottes, sondern sogar für die gesamte Schöpfung.

Aus Titus 3,5 lernen wir, dass dieser neue Zustand von dem himmlischen Volk Gottes schon heute vorweggenommen wird. Denn wir gehören schon jetzt zu der neuen Schöpfung Gottes, wenn wir auch noch in der ersten Schöpfung leben und körperlich an diese gebunden sind. So dürfen wir jetzt bereits geistlicherweise Merkmale dieser Wiedergeburt tragen, was unseren Lebenswandel betrifft.

Das Geschenk des ewigen Lebens

Der Herr Jesus weist aber noch auf einen zweiten Teil der Belohnung für die Jünger hin. „Und jeder, der verlassen hat Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Frau oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, wird hundertfach empfangen und ewiges Leben erben.“ Der junge Mann hatte von ewigem Leben gesprochen. Hier erst nimmt der Herr Jesus diesen Gedanken auf. Es gibt wirklich nicht nur Leben, sondern sogar ewiges Leben! Das ist das Leben, das der junge Mann für sich begehrte und doch verfehlte. Denn er wollte Christus nicht nachfolgen, indem er seinen eigenen Besitz und sonstige Rechte aufgab, wie das die Jünger des Herrn getan haben.

Während der erste Teil der Belohnung ausschließlich auf die zwölf Jünger zutrifft, finden wir hier eine Antwort des Herrn auf die Hingabe seiner Jünger, die jeden Jünger zu jeder Zeit betreffen. Wer bereit ist, sein Eigentum, seine Ruhe, seine Wohnstätte, seine Beziehungen, seine Arbeitsstätte usw. aufzugeben, obwohl er ein Recht hat, diese in Anspruch zu nehmen, der bekommt vom Herrn einen vollen Lohn. Er wird dem Herrn nicht umsonst nachfolgen.

Der Herr zeigt Petrus aber durch diesen Vers auch, dass der Beweggrund für die Nachfolge nicht zweitrangig ist. Petrus hatte auf den Umstand hingewiesen, dass er und seine Jüngerkollegen alles verlassen hätten. Der Herr Jesus zeigt nun, dass Er nur einen einzigen Beweggrund als Grundlage für Belohnung gelten lassen kann: „um meines Namens willen.“ Das heißt nichts anderes, als dass der Jünger aus Liebe zu seinem Herrn und allein um seinetwillen in die Nachfolge Christi gehen sollte. Selbst die Belohnung, die Jesus hier als Ermutigung nennt, darf nicht zum eigentlichen Beweggrund werden. Sonst sind es letztlich doch egoistische Motive, die uns antreiben würden. Es geht um Ihn – und um Ihn allein!

Matthäus spricht im Unterschied zu Markus nicht von zwei verschiedenen Zeitpunkten bzw. Epochen, in denen dieser Lohn „ausgezahlt“ wird. Er spricht vom Ausmaß der Belohnung („hundertfach“) und vom Inhalt der Belohnung (ewiges Leben). Das war das große Ziel der alttestamentlich Gläubigen, wie wir gesehen haben. Sie hofften darauf, in das 1.000-jährige Reich einzugehen. Hier wird es den Jüngern verheißen.

Belohnung für Jünger

Wir Christen sind mehr als Jünger. Wir sind Kinder Gottes und wissen daher, dass wir im Vaterhaus sein werden. Aber auch der hier beschriebene Lohn für Jünger ist gewaltig und betrifft uns. Wir dürfen wissen, dass wir das Leben geschenkt bekommen, das den Himmel ausmachen wird. Johannes spricht zwar davon, dass wir dieses Leben geistlicherweise schon heute genießen dürfen (vgl. 1. Joh 5,13). Paulus und die anderen Apostel aber sehen das ewige Leben im Allgemeinen wie der Herr an dieser Stelle als ein Geschenk Gottes an die Gläubigen an, wenn sie umgestaltet und in Ewigkeit bei Ihm sein werden.

Hier spricht der Herr Jesus von der Seite der menschlichen Verantwortung. Und auch der müssen wir uns stellen. Sind wir bereit, um des Herrn willen zu verzichten? Steht Er an der ersten Stelle in unserem Leben? Wir verstehen gut, dass diese Verse nicht bedeuten, dass wir unsere Verantwortung in Ehe, Familie und Beruf vernachlässigen dürfen. Darum geht es nicht. Aber Er möchte an der ersten Stelle in unserem Leben stehen. Dann werden auch wir reich belohnt. Der Herr möchte unser Herz allerdings nicht allein aufgrund der Aussicht auf eine Belohnung besitzen. Dennoch stellt Er uns in seiner Gnade diese gewaltige Belohnung als Motivation für unser Leben vor, damit wir es Ihm weihen. Ob wir Ihm eine Antwort der Liebe und Dankbarkeit geben werden?

Wir lernen also, dass es im Leben eines Gläubigen nichts gibt, was er tut oder leiden muss, dessen nicht in dem Königreich gedacht werden wird. Das ist für uns ein sehr gesegneter Gedanke – aber er ist zugleich auch sehr ernst. Wenn auch unsere heutigen Wege nichts mit der Frage der ewigen Sündenvergebung zu tun haben, haben sie doch eine große Auswirkung auf das Zeugnis für Christus. So entscheiden sie über unseren künftigen Platz im Königreich. Wir dürfen die Lehre der Gnade nicht dazu benutzen, die Lehre über die Belohnung und Verantwortung zur Seite zu stellen. Immer soll Christus das einzige Motiv für unser Handeln sein.

Wir haben gesehen, dass der Herr Jesus in diesem Kapitel sein Licht auf Ehe, Familie und Besitz fallen lässt. Das sind drei Dinge, die in unserem Leben in dieser Welt einen sehr großen Platz einnehmen. Das Licht, was der Herr hierüber verbreitete, hat die Überzeugungen der Jünger grundsätzlich verändern müssen, wie wir den Versen 10, 13 und 25 entnehmen können. Ob nicht auch wir durch diese Belehrungen des Herrn unsere Überzeugungen neu dem Wort Gottes anpassen müssen?

Erste werden Letzte und Letzte Erste sein

Der letzte Vers stellt sowohl den Abschluss zu unserem Abschnitt als auch die Einleitung zum nächsten Kapitel dar. Im Königreich der Himmel müssen wir lernen, dass es nicht darauf ankommt, unter Menschen ein „Erster“ zu sein. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Nur derjenige, der bereit ist, auf dieser Erde der Letzte zu sein, wird im Königreich der Erste sein können. Nicht der äußere Schein zählt. Es geht auch nicht nach der Stellung, die jemand in dem alten, jüdischen System und vor den Menschen eingenommen hat. Die innere Gesinnung ist das Ausschlaggebende.

Der Herr selbst nahm den untersten Platz ein, wie wir Philipper 2 entnehmen können. Daher ist dieser Platz so wertvoll, wie ein Bruder geschrieben hat. Denn wenn wir bereit sind, diesen Platz einzunehmen, dann finden wir dort Ihn. Auch Paulus war bereit, diesen Platz einzunehmen, wie wir Philipper 3,7.8 entnehmen können. Ihm ging es allein darum, Christus zu gewinnen. Dadurch wurde aus ihm, dem Letzten, der Erste im Reich der Himmel, wenn wir von Christus, dem Herrn und König, absehen. Das darf auch für uns Ansporn sein, demütig und klein zu werden.

Gott belohnt – in souveräner Gnade (Mt 20)

Im letzten Teil von Kapitel 19 haben wir gelernt, dass der Herr seine Jünger belohnt. Wer um seinetwillen bereit ist, in seinem Leben auf Annehmlichkeiten und Genuss irdischer Segnungen zu verzichten, wird von dem Herrn Jesus reich belohnt werden. Spätestens am Richterstuhl, oftmals auch schon im jetzigen Leben.

Heißt das, dass wir einen Anspruch auf diese Belohnung haben? Diese Frage wird im ersten Teil des 20. Kapitels beantwortet. Im Anschluss daran spricht Jesus zu seinen Jüngern erneut von seinem Leiden, seinem Tod und der Auferstehung. Johannes, Jakobus und ihre Mutter haben das nicht verstanden und kommen auf das Thema der Belohnung zurück, um den höchsten Platz an der Seite des Herrn zu fordern. Das wiederum bringt die anderen Jünger auf den Plan, die diesen Platz selbst am liebsten beanspruchen würden.

Die letzten Verse des 20. Kapitels gehören dann zum nächsten Teil des Matthäusevangeliums. In allen synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) beginnt der Weg ans Kreuz mit der Blindenheilung am Rand von Jericho. Diese stellt noch einmal einen Appell an das Volk dar, seinen Messias anzunehmen. Wir werden diese Verse daher zusammen mit dem 21. Kapitel anschauen.

Verse 1–16: Gott ist souverän, wie und wie viel Er gibt

Wir kommen hier zu dem zweiten Gleichnis vom Königreich der Himmel, das Matthäus im Anschluss an die Reihe in Matthäus 13 erzählt – also zu dem insgesamt achten. In Kapitel 18 hat uns der Herr gezeigt, dass Gnade ein wesentliches Kennzeichen des Christentums ist. Der von neuem geborene Christ hat Gnade geschenkt bekommen. Deshalb soll und wird er auch Gnade weitergeben und denen von Herzen vergeben, die gegen ihn gesündigt haben.

In diesen Versen führt der Herr Jesus dieses Thema fort. Erneut geht es um Gnade. Jetzt aber geht es darum, dass die Jünger im Königreich Empfänger souveräner Gnade sind. Sie haben keinen Anspruch auf Gnade – sonst wäre es keine Gnade. Sie vertrauen ihrem Gott, dass Er ihnen das schenkt, was gut für sie ist. Sie empfinden diese göttliche Gnade tief.

Das „denn“ zu Beginn des 20. Kapitels zeigt an, dass der Herr Jesus jetzt eine weitere Erklärung zu seinem Hinweis auf Belohnung geben möchte, womit Er das vorherige Kapitel abgeschlossen hatte. Es geht noch einmal um Erste und Letzte: Er möchte den Gedanken des Lohns auf ein wichtiges „zweites Standbein“ stellen. Dabei steht nicht der Lohn als solcher im Vordergrund, sondern das Recht und der Anspruch Gottes, nach der Ihm eigenen, souveränen Güte zu handeln. Ein menschlicher Maßstab für sein Handeln ist unangemessen. Gottes Souveränität tritt in den Vordergrund.

Verse 1–7: Das Anstellen der Arbeiter im Weinberg

„Denn das Reich der Himmel ist gleich einem Hausherrn, der frühmorgens ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Nachdem er aber mit den Arbeitern über einen Denar den Tag einig geworden war, sandte er sie in seinen Weinberg. Und als er um die dritte Stunde ausging, sah er andere auf dem Markt müßig stehen; und zu diesen sprach er: Geht auch ihr hin in den Weinberg, und was irgend recht ist, werde ich euch geben. Sie aber gingen hin. Er aber ging um die sechste und die neunte Stunde wieder aus und tat ebenso. Als er aber um die elfte Stunde ausging, fand er andere dastehen und spricht zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie sagen zu ihm: Weil niemand uns angeworben hat. Er spricht zu ihnen: Geht auch ihr hin in den Weinberg“ (Verse 1–7).

Gleichnisse haben die Eigenart, eine einfache Begebenheit aus dem natürlichen Leben als Grundlage für eine geistliche Belehrung zu benutzen. Dabei geht es nicht darum, jede Einzelheit der Geschichte in geistlicher Weise auszulegen. Gerade dadurch würde man die eigentliche Botschaft des Gleichnisses verkennen, die oftmals nur einen Hauptgedanken verfolgt.

Daher sollte man auch bei diesem Gleichnis nicht versuchen, beispielsweise den Denar zu vergeistlichen. Manche wie Martin Luther haben ihn als ein Symbol des ewigen Lebens oder der Errettung verstehen wollen. Das aber würde bedeuten, dass man sich das ewige Leben und die Errettung doch verdienen kann – ein Gedanke, welcher der Bibel völlig fremd ist. Alles ist Gnade (vgl. Eph 2,8). Andere meinten, dass hier betont wird, dass jeder denselben Lohn erhält. Das ist hier zwar der Fall, aber auch darum geht es in diesem Gleichnis nicht, besonders wenn man bedenkt, dass uns andere Abschnitte des Wortes Gottes das Gegenteil zeigen.

Auch sollte man nicht der Versuchung erliegen, jede einzelne Gruppe von Arbeitern (insgesamt fünf) einer bestimmten Zeitepoche zuzuordnen. Dann käme man zunächst in die Schwierigkeit, fünf Arbeitergruppen erklären zu müssen, von denen später aber nur zwei genannt werden, wenn es um die Belohnung geht. Zudem bleibt es dann nicht aus, spekulative Auslegungen anzubieten, die keine Grundlage in diesem Gleichnis oder anderen Textstellen des Neuen Testaments besitzen.

Was ist die schlichte Geschichte, die der Herr Jesus hier erzählt? Der Chef eines Weinbergs geht frühmorgens auf den Marktplatz, um Arbeiter für seinen Weinberg zu suchen. Er findet einige, mit denen er einen Vertrag abschließt. Sie arbeiten für einen Denar Lohn an diesem Tag in seinem Weinberg.

Später stellt er offenbar fest, dass diese Anzahl von Arbeitern nicht ausreicht, um die vorgesehene Arbeit befriedigend ausführen zu können. Daher geht er erneut auf den Markplatz, wo er um 9 Uhr (dritte Stunde), um 12 Uhr mittags und um 15 Uhr Arbeiter findet, die für diesen Tag noch keine Arbeit gefunden haben. Das „müßig stehen“ ist nicht so zu verstehen, dass diese Menschen faul gewesen waren. Sie hatten einfach noch keine Anstellung gefunden. Im Unterschied zu den Arbeitern frühmorgens, mit denen der Hausherr des Weinbergs einen Vertrag abschloss, verspricht er den Arbeitern, die er später findet, dass er sie angemessen bezahlen würde. Sie vertrauen ihm und arbeiten in seinem Weinberg mit.

Um 17 Uhr geht der Hausherr ein letztes Mal auf den Marktplatz. Offenbar war es damals üblich, 12 Stunden am Tag zu arbeiten. Noch immer gab es Männer, die keine Arbeit gefunden hatten. Vermutlich hatten sie sich darauf eingestellt, an diesem Abend ohne Lohn nach Hause zu gehen. Da erhalten sie die Chance, wenigstens noch eine Stunde zu arbeiten und dafür eine Entlohnung zu erhalten. Ihnen sagt der Hausherr schlicht: „Geht auch ihr hin in den Weinberg.“ Über Lohn wird überhaupt nicht gesprochen, geschweige denn verhandelt.

Verse 8–15: Die Entlohnung der Arbeiter

„Als es aber Abend geworden war, spricht der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Rufe die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn, anfangend bei den letzten, bis zu den ersten. Und als die um die elfte Stunde Angeworbenen kamen, empfingen sie je einen Denar. Und als die ersten kamen, meinten sie, dass sie mehr empfangen würden; doch empfingen auch sie je einen Denar. Als sie ihn aber empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese letzten Arbeiter haben eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die wir die Last des Tages und die Hitze getragen haben. Er aber antwortete und sprach zu einem von ihnen: Freund, ich tue dir nicht unrecht. Bist du nicht über einen Denar mit mir einig geworden? Nimm das Deine und geh hin. Ich will aber diesem letzten geben wie auch dir. Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will? Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin?“ (Verse 8–15).

Am Abend – also gegen 18 Uhr – befiehlt dann der Herr des Weinbergs, die Arbeiter zu entlohnen. Er fängt mit den letzten an, vielleicht gerade deshalb, um den ersten eine Lektion zu erteilen, die dachten, vergleichsweise den höchsten Lohn zu erhalten. Was erwarteten die Arbeiter, die um 17 Uhr mit der Arbeit begonnen hatten? Vermutlich rund 1/12 Denar. Sie wären damit sicher zufrieden gewesen. Sie hatten schlicht dem Herrn vertraut, dass er ihnen einen anständigen Lohn geben würde. Aber man ist erstaunt, dass sie zwölfmal so viel erhalten: Sie bekommen einen ganzen Denar. Soviel bekommen offenbar auch alle anderen, bis hin zu denjenigen, die von frühmorgens an auf dem Weinberg gearbeitet haben.

Unter menschlichen Gesichtspunkten werden wir das ungerecht finden. Denn ist es wirklich gerecht, dass diejenigen, die zwölfmal so viel gearbeitet haben wie die Letzten, trotzdem denselben Lohn erhalten wie die Letzten?

Die erstaunliche Antwort ist: Ja, das ist gerecht. Denn während die Ersten einen Vertrag über ihren Arbeitslohn geschlossen haben – und in diesem haben sie dem Lohn von einem Denar für den Tag zugestimmt –, hatten alle anderen darauf vertraut, dass sie adäquat entlohnt würden. So konnten sich die ersten nicht über ihren Lohn beschweren, denn sie bekamen genau das, was sie vereinbart hatten. Das war recht und gerecht. Und die Arbeiter, die später kamen, konnten zufrieden sein, denn sie hatten ihr Vertrauen zurecht auf den Herrn des Weinbergs gesetzt und keine Vertragsverhandlungen geführt.

Warum ist diese Bezahlweise nun gerecht? Der Arbeitgeber hat das Recht, mit dem Seinen zu tun, was er will. Wenn er Arbeitern mehr gibt, als was recht und billig ist, kann man ihm das zum Vorwurf machen? Das ist nicht ungerecht, sondern Gnade. Ist es nicht vielmehr so, dass wir meinen, gerecht sei nur das, was einem anderen im Blick auf mich und meine Gedanken keinen Vorteil gibt? Können sich Menschen nicht mehr darüber freuen, dass ein Herr anderen ein besonderes Geschenk macht und gütig ist?

Die geistliche Belehrung des Gleichnisses der Arbeiter im Weinberg

Soweit die Erklärung der natürlichen Vorgänge. Was für eine Belehrung aber wollte der Herr seinen Jüngern mit diesem Gleichnis geben? Ich glaube, dass es mehrere Linien gibt, an die wir denken können. Zunächst einmal belehrt der Herr seine Jünger darüber, dass Lohn kein Verdienst ist, sondern reine Gnade darstellt. In Verbindung mit einer der Hauptlinien dieses Evangeliums gibt es jedoch darüber hinaus auch eine dispensationale Erklärung mit der ich beginne.

Das Gesetz Israels – die Gnade für die Nationen

So, wie die ersten Arbeiter einen Vertrag mit dem Hausherrn abgeschlossen haben, war das Volk Israel einen Bund mit Gott durch das Gesetz eingegangen. Es handelte sich um einen zweiseitigen Vertrag, der zwischen diesen beiden Parteien geschlossen worden war. In 2. Mose 19,5.6 lesen wir: „Wenn ihr fleißig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, so sollt ihr mein Eigentum sein aus allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein; und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein“ (vgl. auch 3. Mo 18,5). Daraufhin hatte das Volk Israel geantwortet: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun!“ (Vers 8; vgl. auch 2. Mo 24,3.7). Wer eine gesetzliche Beziehung eingeht, kann nicht erwarten, auf der Grundlage von Gnade beschenkt zu werden. Sein Recht besteht in dem geschlossenen Vertrag.

Diese Auslegung auf das Volk Israel hin wird dadurch bestätigt, dass die Beziehung Gottes zu seinem Volk auch mit einem Weinberg in Verbindung gebracht wird – wie in diesem Gleichnis. In Kapitel 21 werden wir diesen Gedanken erneut finden. Jesaja spricht in Kapitel 5,1–7 davon, dass Gott Israel wie einen Weinberg gepflegt und behandelt hat. Während in dieser Weissagung deutlich wird, dass Israel vollkommen versagt hat und Gott nicht das gegeben hat, was Gott von seinem Volk erwarten konnte, geht es im Gleichnis in Matthäus 20 nicht um das Versagen des Volkes. Dort steht im Vordergrund, dass sich Israel mit einem Vertrag an Gott gebunden hat, und dass Gott dem Volk, wenn es treu wäre, einen Lohn versprochen hat: Leben im Königreich Gottes in Israel.

Gott hatte sich seinem Volk gegenüber aber nicht verpflichtet, ausschließlich Beziehungen mit Israel einzugehen. So hat Er das Recht und die Freiheit, auch mit anderen Menschen eine Beziehung zu beginnen. Das hatte Gott auch im Alten Testament immer wieder getan. Wir finden dort Hiob, der nicht zum Volk Israel gehörte. Wir lesen auch von Nebukadnezar, dem Herrscher des ersten Weltreichs außerhalb von Israel. Daniel sagt von diesem: „Du, o König, du König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben hat; und überall, wo Menschenkinder, Tiere des Feldes und Vögel des Himmels wohnen, hat er sie in deine Hand gegeben und dich zum Herrscher über sie alle gesetzt“ (Dan 2,37.38).

Die souveräne Gnade Gottes wendet sich den Nationen und der Versammlung zu

Gott ist souverän, wen Er als Herrscher einsetzt und wen Er in seinem Dienst benutzt. Er hat sich mit seinem Volk Israel verbunden; später eben mit Nebukadnezar. Noch später, wie wir in unserem Evangelium bereits gesehen haben, hat Er die Nationen zum Segen erwählt (z. B. Mt 13,47–50; 15,32–39). Dann lesen wir von der Versammlung (Mt 16,18; 18,17), die ein ganz neuer Organismus ist, bestehend aus Juden und Heiden, die aus ihrer bisherigen Verwurzelung herausgenommen worden sind, um ein ganz neues Gebilde zu sein.

Ist der Hausherr – ein Bild von Gott selbst – nun daran gebunden, den Nationen und der Versammlung einen geringeren Lohn zu geben als dem Volk Israel, nur weil sich Gott mit diesem früher verbunden hat? Natürlich nicht. Gott ist souverän (vgl. Röm 9,21.22). Er kann sich mit Israel verbinden und zugleich anderen einen noch größeren Segen schenken. Wir wollen dabei nicht aus dem Auge verlieren, dass Gott in all seinem Tun gerecht ist. Schon Abraham gegenüber bestätigt Gott letztlich dessen Worte: „Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“ (1. Mo 18,25). Und auch aus Hebräer 6,10 wissen wir, dass Gott nicht ungerecht ist. Er wird jeden Dienst für Ihn in gerechter Weise belohnen.

Was ist denn dann der Unterschied zwischen der Beziehung Israels zu Gott im Vergleich zu der Beziehung, die wir heute und damit auch die Versammlung zu Ihm hat? Die Antwort finden wir in diesem Gleichnis: Israel ist vertraglich durch das Gesetz, durch den Bund, an Gott gebunden. Die Versammlung dagegen hat mit Gott keinen Bund geschlossen – und Gott auch nicht mit ihr. Sie ist schlicht die Empfängerin der göttlichen Gnade, die Gott den Seinen heute schenkt, „zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, womit er uns begnadigt hat in dem Geliebten“ (Eph 1,6). Wir haben keinen Anspruch, überhaupt keinen. Wir sind allein auf die Gnade Gottes angewiesen. Aber diese hat Er uns in überströmender Weise (Eph 1, 8) entgegengebracht, als wir noch tot waren (vgl. Eph 2,1.4.5).

Und die Gnade Gottes ist größer als der Bund Gottes. Dieser ist nämlich auf Bedingungen begrenzt. Gnade dagegen ist unbegrenzt. Sie trägt den Charakter des Wesens Gottes selbst, der unbegrenzbar ist. Daher konnte Gott Nebukadnezar ein größeres Reich geben als Salomo. Deshalb schenkt Gott seiner Versammlung „jede geistliche Segnung in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“ (Eph 1,3). So belohnt Gott das Vertrauen, das bedingungslos seiner Güte und Gnade entgegengebracht wird. Das kann nicht ungerecht sein, weil Gott sonst aufhören würde, Gott zu sein.

Die Letzten bekommen besondere Gnade geschenkt

Diesen Gedanken finden wir auch beim sogenannten verlorenen Sohn in Lukas 15. Er kehrt mit einem Sündenbekenntnis zurück und vertraut sich der Gnade und Barmherzigkeit seines Vaters an. Ist seine Freude nicht viel größer als die seines Bruders, der die ganze Zeit bei seinem Vater geblieben war, aber statt Freude Zorn empfindet? Hatte dieser nicht die ganze Zeit die Gemeinschaft seines Vaters genießen können (wenn er es denn gewollt und genutzt hätte)? So werden die am wenigsten favorisierten Menschen, die nur eine Stunde bei dem Herrn arbeiten konnten, zu den bevorrechtigtesten. Die Versammlung ist erst viele hundert Jahre nach dem Volk Israel in Erscheinung getreten. Das Volk konnte die Güte Gottes viel länger genießen. Dass sie es nicht getan haben, ist wahr. Aber sie hätten die Freigebigkeit Gottes lange genießen können. Die Versammlung kam viel später hier auf der Erde hinzu. Ihr gegenüber hat Gott in Christus seine ganze Gnade offenbart.

Wir finden in der Geschichte nach Pfingsten noch einmal, dass das Wort Gottes zuerst zum Volk Israel gepredigt wurde (Apg 2,29). Auch später verweist Paulus in Apostelgeschichte 13,46.47 auf diesen Umstand. Aber die Juden wollten den ganzen Ratschluss Gott nicht hören, sondern lehnten diesen ab. Genau das ist bis heute der Grund, dass das Volk Israel zürnt, wie wir es von den Arbeitern im Gleichnis sehen. In Apostelgeschichte 22,21.22 und 1. Thessalonicher 2,14 ff. lesen wir, dass der Neid darüber, dass sich Gott an die Nationen gewandt hat, der Grund für den Hass der Juden gegen Paulus war. Es ist der Grund bis heute, dass das Volk Israel im Unglauben verharrt.

Wenn wir diese Vergleiche zwischen Israel und den Nationen ziehen, wundern wir uns nicht, dass nur Matthäus unter der Leitung des Geistes Gottes dieses Gleichnis in seinen Bericht aufgenommen hat. Es passt genau zu der Botschaft, die er in seinem Buch zu verkündigen hat: Israel wird beiseite gesetzt, und der Segen kommt zu den Nationen; genau genommen zu der Versammlung, die aus Gläubigen besteht, die aus Israel und den Nationen entstammen. Der Herr betont in diesem Gleichnis somit die Souveränität der Gnade Gottes, die wirken kann, wie Er und zu wem Er es möchte.

Die Belohnung von Dienern ist das Ergebnis reiner Gnade

Damit bin ich bei der persönlichen Belehrung dieses Abschnittes für Jünger des Herrn, die zweifellos an erster Stelle in der Belehrungslinie des Herrn steht. Natürlich stellt der Herr nicht buchstäblich in der Weise Diener an, wie wir es in diesem Gleichnis finden. Der Herr hat jedem von uns eine Begabung und eine Aufgabe geschenkt. Somit ist jeder sein Diener.

In unserem Abschnitt liegt nun eine wichtige Lektion darin, zu verstehen, dass der Herr niemandem etwas schuldig ist. Haben wir vielleicht schon einmal gemeint, Er müsse uns doch für einen bestimmten Tag der Treue oder eine konkrete Tat des Gehorsams belohnen? Dann lernen wir hier, dass ein solcher Gedanke zu einer gesetzlichen Haltung gehört. Tatsächlich belohnt der Herr Treue. Aber wer meint, der Herr wäre uns etwas schuldig, befindet sich auf den Spuren von Petrus. Wir verdienen nichts – und doch bekommen wir alles geschenkt!

Wir sollen aus diesem Gleichnis auch lernen, dass wir nicht für Lohn arbeiten. Wir arbeiten für unseren Herrn. Er ist Motiv und Ziel, Grundlage und Herr. Wir sind natürlich auch keine Diener, die gegen Lohn wären. Wir sind Diener aus Liebe, eine Antwort auf seine Hingabe für uns. Das darf kein Diener aus den Augen verlieren. Aber das heißt nicht, dass der Lohn uns nicht motivieren und erfreuen darf. Denn Gott zeigt uns, dass Er uns belohnen will.

Es geht in diesen Versen im Übrigen nicht darum, dass der Herr die Arbeit der ersten Arbeiter gering schätzte und die Arbeit der letzten herausragend fand. Der Herr wird – dessen dürfen wir sicher sein – keine Arbeit unterbewerten. Aber Er schätzt besonders den bedingungslosen, vertrauensvollen Glauben. Und den sehen wir bei der letzten Gruppe der Arbeiter ganz besonders hervorscheinen. Denn der Glaube und die Liebe als die Triebfedern zu einem Dienst sind für Ihn sehr wertvoll, nicht nur die eigentliche Arbeit, die getan wird.

Wichtig ist für uns, dass wir aufhören, uns mit anderen Dienern zu vergleichen und möglicherweise auch die Belohnung aneinander zu messen. Jeder Diener ist seinem Herrn ganz persönlich verantwortlich und hat keinen Anlass, auf andere Diener zu sehen. Darüber hinaus wollen wir es unserem Herrn überlassen, unsere Arbeit zu beurteilen. Wir sollten nicht den Lohn mit unseren Augen fixieren, auch wenn wir wissen, dass der Herr in derselben Gnade und nach seiner Gerechtigkeit niemand übersehen wird.

Wir sind beeindruckt, dass der Herr diese Selbstbezogenheit von Petrus in Kapitel 19,28 nicht rügt, sondern ihm einen großen Lohn vorstellt. Dennoch kann man nicht übersehen, dass die ersten 16 Verse von Kapitel 20 eine direkte und ergänzende Antwort des Herrn an seinen Jünger sind.18 Petrus hatte den Herrn darauf hingewiesen, dass er und die anderen Jünger doch sehr viel in der Nachfolge aufgegeben hätten. Der Herr macht dann deutlich, dass Er das, was um seinetwillen getan wird, wirklich belohnen wird. Aber jetzt Er fügt hinzu, dass niemand von sich aus einen echten Anspruch auf Lohn hat.

Petrus wird sich später noch einmal an diese Belehrung des Herrn zurückerinnert haben. Er und die anderen elf Jünger waren von Anfang an durch den Herrn berufen worden. Paulus war viel später erst „dazu gekommen“. „Am Letzten aber von allen, gleichsam der unzeitigen Geburt, erschien er [der auferstandene Christus] auch mir. Denn ich bin der geringste der Apostel, der ich nicht wert bin, ein Apostel genannt zu werden, weil ich die Versammlung Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen“ (1. Kor 15,8–10). Paulus war einer der „Letzten“. Aber der Herr hatte ihm in seiner Gnade eine größere Aufgabe gegeben und sicherlich auch den größten Lohn.

Die richtige Haltung für Diener

Was für eine Haltung sollten wir als Diener einnehmen? „So auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Lk 17,10). Ein Diener hat keine Ansprüche. Was er tut, ist seine Pflicht. Was er nicht tut, ist seine Schuld!

Wir wollen nicht den Lohn als Motiv nehmen, sondern den Herrn Jesus. Wer auf gesetzliche Weise dient, wird letztlich nicht glücklich werden. Das sehen wir bei den Arbeitern in diesem Gleichnis. Wir sehen es auch heute. Dabei brauchen wir uns nicht zu schämen, Belohnung als Ermutigung zu sehen: „Ihr wisst, dass ihr vom Herrn die Vergeltung des Erbes empfangen werden; ihr dient dem Herrn Christus“ (Kol 3,24). Ihm mit ganzem Herzen zu dienen ist alles andere als ein gesetzlicher Dienst. Wir wissen, dass der Lohn am Richterstuhl des Christus (vgl. 2. Kor 5,10) und im 1.000-jährigen Reich in Verbindung mit dem Offenbarwerden (vgl. 2. Thes 1,7) hier auf der Erde geschenkt werden wird.

Gott belohnt gerne. Aber Er tut es auf der Basis reiner Gnade! Belohnung ist aus seiner Sicht immer eine Ermunterung für solche, die aus höheren Beweggründen den Weg Gottes betreten haben und dadurch Leiden und Trübsalen ausgesetzt sind. Wenn wir das verstehen, sind wir auch in der Lage, uns über Lohn (schon heute) zu freuen, der einem Mitbruder oder einer Mitschwester geschenkt wird. Dann neiden wir niemand die Begabung – auch ein Geschenk des souveränen Gottes – oder die Belohnung, sondern freuen uns mit ihnen. Das kannten damals weder Petrus noch die anderen Jünger. Das werden wir im Verlauf dieses Kapitels noch deutlich sehen. Aber darin sind sie letztlich nur ein Spiegelbild unseres eigenen Verhaltens. Wie wenig gönnen wir oft unseren Mitgeschwistern ...

Wir werden also durch dieses Gleichnis davor gewarnt, den Lohn fleischlich zu missbrauchen. Noch einmal: Dieses Gleichnis will uns aber nicht lehren, dass jeder Diener denselben Lohn erhalten wird – hier einen Denar. Aus anderen Stellen wissen wir, dass jeder das als Lohn erhalten wird, was seiner Treue im Leben und Dienst für Christus entspricht (vgl. Lk 19,17.19). Das wird auch durch andere Stellen wie 2. Korinther 5,10 und 1. Korinther 3,14.15 bestätigt.

Vers 16: Die Schlussfolgerung des Herrn: Erste werden Letzte sein.

„So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein. Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte“ (Vers 16).

Der Herr Jesus zieht am Ende des Gleichnisses noch eine Schlussfolgerung. So, wie die letzten Diener im Verhältnis viel höher belohnt worden sind als die ersten, ist es auch im Königreich der Himmel: Die Letzten werden Erste sein und die Ersten Letzte. Jesus wählt hier die umgekehrte Reihenfolge von Kapitel 19,30. Man fragt sich unwillkürlich: Warum?

In Kapitel 19,30 stehen die Verantwortung und damit auch das Versagen von uns Menschen im Vordergrund. Viele Erste: Das sind diejenigen Diener, die vor den Augen der Menschen handeln. Das sind solche Menschen, die in den Augen der Menschen vornehm sind oder sein wollen. Sie müssen lernen, dass sie in der Reihenfolge Gottes hinten anstehen müssen.

Hier in Kapitel 20 spricht der Herr dagegen von der Reihenfolge in den Augen des souveränen Gottes. Für ihn sind diejenigen, die eigentlich an der letzten Stelle stehen, die Ersten. Sie bedient und belohnt Er in besonderer Weise. War das nicht auch wahr bei dem Räuber, der neben dem Herrn am Kreuz hing (vgl. Lk 23,42.43)? „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“, sagte der sterbende Retter ihm. So wurde ihm gewissermaßen ein erster Platz gegeben. Wir müssen lernen, die Maßstäbe Gottes an unser Leben und den Dienst anzulegen. „Gott aber kennt eure Herzen; denn was unter Menschen hoch ist, ist ein Gräuel vor Gott“ (Lk 16,15).

Ganz zum Schluss lesen wir dann noch: „Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte.“ Dieser Satz kommt auch noch in Kapitel 22,14 vor. Dort bezieht sich der Herr auf die Auserwählung zur Herrlichkeit, zur Errettung. Das ist in Kapitel 20 nicht der Fall. Hier bezieht er sich auf die Berufung zum Dienst und auf Belohnung. Man muss schon in den Dienst des Herrn berufen werden – auch diejenigen, die der Herr in der elften Stunde fand, hatten diese Berufung nötig.

Heute dürfen wir sagen, dass jeder Gläubige eine Berufung in den Dienst hat: „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes“ (1. Pet 4,10). In diesem Sinn sind die wenigen Auserwählten diejenigen, die sich allein auf die Gnade Gottes stützen.

In anderer Hinsicht mögen sie ein Hinweis auf die eher wenigen sein, die in den Händen des Herrn auserwählte Gefäße sind, die eine besondere Aufgabe im Weinberg des Herrn bekommen. Paulus gehörte dazu, auch Petrus und Johannes und noch wenige andere, vergleichbar mit den Helden Davids seinerzeit (vgl. 1. Chr 11,10).

Wir freuen uns, wenn wir auch heute solche Diener des Herrn erleben, die Er in außergewöhnlicher Weise als Evangelisten, Hirten und Lehrer in seinem Werk verwendet. Wir schauen dann nicht mit einem bösen Auge auf sie oder Gott, weil Er nicht uns dafür ausersehen hat. Wir freuen uns, dass Er alles zum Wohl der Menschen und seiner Versammlung tut. Seine Güte ist vollkommen – sie bedeutet unser persönliches und gemeinsames Glück, wenn wir Ihm vertrauen.

Jeder dagegen, der sich und seinen Dienst für besonders wichtig nimmt (im Vergleich zu anderen), beweist, dass er den Herrn Jesus gar nicht wirklich kennt. Er mag berufen sein – aber in diesem Sinn nicht auserwählt. Der Herr kann den Dienst eines solchen nicht anerkennen und annehmen. Wer sich und seinen Lohn in den Mittelpunkt seines Handelns stellt, ist Seiner nicht würdig. Paulus dagegen ging es darum, dem Herrn in seinem Dienst wohlgefällig zu sein (vgl. 2. Kor 5,9; 1. Kor 4,3–5). Er stellte sich selbst ganz in das Licht Gottes (vgl. 1. Kor 9,27).

Verse 17–19: Die fünfte Ankündigung des Todes und der Auferstehung des Herrn

„Und als Jesus nach Jerusalem hinaufging, nahm er die zwölf Jünger für sich allein zu sich und sprach auf dem Weg zu ihnen: Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden; und sie werden ihn zum Tod verurteilen und werden ihn den Nationen überliefern, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen; und am dritten Tag wird er auferstehen“ (Verse 17–19).

Matthäus berichtet uns im Anschluss an das Gleichnis davon, dass der Herr Jesus noch einmal zu den Jüngern von seinem Tod und seiner Auferstehung spricht. Wenn der Herr Jesus zu den Jüngern von der Herrlichkeit und Lohn für Arbeit sprechen kann, dann nur, weil Er sich selbst auf dem Weg an das Kreuz befand. Das ist die Grundlage auch für jede Belohnung.

Zum letzten Mal verlässt Er vor seiner Kreuzigung die Gegend von Galiläa. Dort hatte Er in besonderer Weise zugunsten der Armen im Volk Gottes gewirkt. Dieser Segen würde jetzt ein Ende nehmen. Das hatten sich diese Menschen selbst zuzuschreiben. Denn sie waren es, die den Herrn der Herrlichkeit nicht annahmen, sondern regelrecht vertrieben.

Die Ausleger sprechen im Blick auf diese Verse von einer dritten, vierten oder sogar fünften Ankündigung. Man kann sogar von sechs Hinweisen sprechen, wenn man Kapitel 12 mit einbezieht. Das hängt davon ab, ob man jeden Hinweis auf seinen Tod als eigenständige Ankündigung rechnet oder nur die ausführlichen Hinweise:

Die Ankündigungen der Leiden, des Todes und der Auferstehung des Herrn Jesus

  1. 12,40: Der Herr Jesus sagt den Pharisäern und Schriftgelehrten in einer etwas geheimnisvollen Weise, dass Er wie Jona, der drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein würde – also der Gestorbene wäre.
  2. 16,21: Der Herr Jesus weist darauf hin, dass Er vonseiten der Vornehmen in Israel verfolgt und getötet werden, aber am dritten Tag auferstehen würde.
  3. 17,9: Hier finden wir den kurzen Hinweis, dass Er als der Sohn des Menschen aus den Toten auferstehen werde – also zuvor sterben müsse.
  4. 17,12: Wie Johannes der Täufer („Elia“) verfolgt wurde, müsse auch der Sohn des Menschen von den Juden leiden.
  5. 17,22.23: Der Herr Jesus kündigt an, dass Er als der Sohn des Menschen in die Hände von Menschen überliefert werden, getötet, aber auch am dritten Tag auferstehen würde. Hier findet sich der erste Hinweis auf die direkte Schuld der Menschen am Tod des Herrn.
  6. 20,17–19: Die Ausführlichkeit der Hinweise nimmt zu. Zunächst war es ein Vers, dann zwei Verse, jetzt sind es schon drei längere Verse, in denen der Herr Jesus seine Jünger auf seinen Tod und seine Auferstehung vorbereitet.
  7. 26,2: Unmittelbar vor den endgültigen Leiden weist der Herr Jesus seine Jünger ein letztes Mal darauf hin, dass Er als Sohn des Menschen überliefert wird, um gekreuzigt zu werden. Jetzt würde das Vorbild des Passah seine Erfüllung finden.

Das Hinaufgehen des Herrn im Matthäusevangelium

Bevor wir weiter auf die Einzelheiten dieser Ankündigung kommen, möchte ich noch auf das „Hinaufgehen“ des Herrn hinweisen. Schon in Verbindung mit Kapitel 4,1 haben wir gesehen, dass der Weg des Messias „hinaufging“. Dort wurde der Herr von Satan in die Wüste hinaufgeführt. An sieben Stellen in diesem Evangelium lesen wir jedoch, dass der Herr selbst hinaufging bzw. -stieg:

  1. 3,16: „Als Jesus aber getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf.“
    Der Herr Jesus erniedrigte sich und wurde Mensch. Gott erhöhte Ihn vor den Augen der Menschen.
  2. 5,1: „Als er aber die Volksmengen sah, stieg er auf den Berg.“
    Der Herr Jesus hatte auf dieser Erde immer den Platz moralischer Höhe. Seine Predigt macht das ganz deutlich.
  3. 14,23: „Und als er die Volksmengen entlassen hatte, stieg er auf den Berg für sich allein, um zu beten.“
    Der demütige Mensch, der sich anderen in seinem ganzen Leben zur Verfügung stellte, war zugleich der Erhabene – gerade, wenn Er zu seinem Vater betete.
  4. 14,32: „Und als sie in das Schiff [hinauf]gestiegen waren, legte sich der Wind.“
    Wenn der Herr Jesus einmal aus den Wellen der Stürme für Israel hervorkommen wird, kommt Rettung für sein Volk. Denn Er hat diese Stürme am tiefsten Platz, den es gibt – am Fluchholz – über sich selbst ergehen lassen müssen.
  5. 15,29: „Und als er auf den Berg gestiegen war, setzte er sich dort. Und große Volksmengen kamen zu ihm.“
    Dann wird Er auch aus der Höhe seiner Macht zum Segen der Volksmengen im 1.000-jährigen Reich tätig sein.
  6. 20,17: „Und als Jesus nach Jerusalem hinaufging ...“
    Zuvor war es aber nötig, dass Christus nach Jerusalem hinaufging. Immer höher, auch wenn es der tiefste Platz in seinem Leben sein sollte.
  7. 20,18: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden.“
    Dieser Platz der Leiden des Herrn, ausgehend von Jerusalem, steht im Zentrum der Gedanken Gottes. Daher finden wir diese „Erhöhung“ des Herrn, wie sie von Gott beurteilt wird, aber gleichzeitig diese Erniedrigung in den Augen der Menschen, gleich zweimal erwähnt.

Der Herr sucht das Mitempfinden seiner Jünger über seine eigenen Leiden

Um diesen Höhepunkt der Leiden des Herrn geht es also in Matthäus 20. Jesus sieht sich hier in Vers 17 bereits auf seiner letzten Wegstrecke nach Jerusalem – obwohl der eigentliche Weg erst beginnend mit Vers 29 beschrieben wird.

Der Herr Jesus möchte allein mit denen über seinen Leidensweg sprechen, die mit Ihm ausgeharrt haben (vgl. Lk 22,28). Ihm liegt daran, dass die Seinen nicht überrascht sind, wenn Er zu Tode gebracht werden würde. Er kannte die Überlegungen seiner Jünger, dass sie – wie vorher auch Johannes der Täufer – darauf vertrauten, dass sich das Blatt noch wenden und Christus das Königreich in Herrlichkeit einläuten würde.

Zum ersten Mal differenziert der Herr hier zwischen den Juden und den Nationen. Je näher das Ende kommt, umso klarer offenbart der Herr, was passieren würde. Er wusste von Anfang an, was auf Ihn zukommen würde. Daher spricht Er auch nicht nur einmal von seinen Leiden. Sein Geist hatte den Propheten schon diese Leiden in die Feder diktiert (vgl. 1. Pet 1,11). Aber je näher das Kreuz kam, umso mehr weihte Er seine Jünger in das ein, was Ihm bevorstand. Sie sollten nicht durch die Ereignisse schockiert werden.

Die Juden – in gewisser Hinsicht das ganze Volk – haben den Herrn den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert. Genau genommen war es einer der 12 Jünger, Judas Iskariot, der diese furchtbare Tat auf sein Gewissen lud (vgl. Mt 26,48). Die Priester wiederum waren die besondere Klasse, die Gott zum Segen seines Volkes eingesetzt hatte. Genau diese hohen Menschen verbündeten sich nun gegen Gott und seinen Christus. Sie verurteilten den Herrn der Herrlichkeit zum Tod und überlieferten Ihn zur Ausführung dieses Gerichts den heidnischen Obrigkeiten um Pilatus und den Soldaten.

Es ist auffallend, wie der Herr Jesus gerade im Hinblick auf seine Leiden immer wieder von sich als dem Sohn des Menschen spricht. Er wird nicht nur als der Messias abgelehnt. Diese Ablehnung steht sicher im Vordergrund. Aber Er wird vonseiten seines Volkes in jeder Hinsicht abgelehnt, auch in seiner Eigenschaft als Sohn Abrahams, der zum Segen für die ganze Welt gekommen ist. Zudem verbindet dieser Titel, wie wir vorher schon gesehen haben (vgl. die Erklärungen zu Matthäus 16,13), die Erniedrigung und die Verwerfung Jesu mit seiner Erhöhung, die auf die Leiden folgt.

Nicht nur Judas und die Juden im Allgemeinen, nicht nur die Hohenpriester hatten ihre Hand bei dem Mord an Jesus im Spiel. Der Herr Jesus spricht hier zum ersten Mal ausdrücklich von der Verantwortung der Nationen. Diese würden die Verwerfung des Herrn vervollständigen, indem sie Ihn seelisch als auch körperlich misshandeln würden: sie würden Ihn verspotten und Ihn geißeln, also mit einer mit Haken versehenen Peitsche schlagen, und dann auch kreuzigen. Schon im Alten Testament finden wir prophetische Hinweise auf die Taten der Nationen an dem Herrn Jesus: „Denn Hunde haben mich umgeben, eine Rotte von Übeltätern hat mich umzingelt. Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben“ (Ps 22,17). Hunde waren unreine Tiere, die als Synonym für die gottlosen Heiden stehen.

Kreuzigen

Vermutlich überlesen wir im Allgemeinen das Wort „kreuzigen“. Denn uns ist die Tatsache, dass Jesus gekreuzigt wurde, sehr geläufig. Der Herr hatte zu seinen Jüngern bereits zweimal davon gesprochen, dass derjenige ein echter Jünger ist, der „sein Kreuz aufnimmt“ und Ihm nachfolgt. Das war, wie wir gesehen haben, ein Hinweis auf eine bekannte Vorgehensweise bei einer Kreuzigung.

An dieser Stelle möchte ich jedoch vor allem darauf hinweisen, dass der Kreuzestod an keiner Stelle im Alten Testament vorgesehen ist. Wir kennen den bekannten Hinweis auf das Fluchholz in 5. Mose 21,22.23: „Und wenn an einem Mann eine todeswürdige Sünde ist, und er wird getötet, und du hängst ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn jedenfalls an demselben Tag begraben; denn ein Fluch Gottes ist ein Gehängter.“ In Galater 3,13 verweist Paulus auf diesen Fluch, den Christus getragen hat, als Er am Kreuz hing.

Der Unterschied von 5. Mose 21 zu der Kreuzigung des Herrn ist jedoch wichtig: Die Vorschrift des Gesetzes besagte, dass ein zum Tode Verurteilter, an dem das Gericht zum Beispiel durch Steinigung vollzogen worden war, danach als eine Warnung und zu seiner Schande als Gestorbener an ein Holz gehängt werden konnte. Der Herr jedoch ist lebend an das Kreuz gehängt worden, um durch die Kreuzigung zu Tode zu kommen (wobei Er selbst sein Leben in den Tod gab).

Das ist der gleiche Unterschied, den wir auch in anderem Zusammenhang finden: Die Opfer des Alten Testaments wurden erst geschlachtet und kamen dann auf den Altar. Christus kam auf den Altar Gottes – das ist das Kreuz – in lebendem Zustand. Dort opferte Er sich seinem Gott; und der Höhepunkt dieser Hingabe ist der Tod, den Er freiwillig am Kreuz auf sich genommen, geschmeckt hat (Heb 2,9).

Wir erkennen also, dass die Hinrichtung des Herrn noch schmachvoller und noch brutaler, grausamer war als das, was Gott im Alten Testament beschrieben hat. Aus der Geschichte wissen wir von der Kreuzigung erst ab dem sogenannten Frühjudentum, unter Antiochus Epiphanes (das ist nach dem Tod von Nehemia und Maleachi). Antiochus Epiphanes hat diese Todesart offenbar als Terrormaßnahme gegen die Juden eingesetzt, die ihre Söhne gegen das Verbot des Königs beschneiden ließen. Auch die aus dem Makkabäeraufstand hervorgegangene jüdische Dynastie der Hasmonäer griff zu diesem extremen Mittel der Bestrafung. Es waren dann besonders die Römer, welche die Kreuzigung als Strafinstrument einsetzten.

Der Herr Jesus weist seine Jünger also darauf hin, dass Er diese von den Heiden erdachte und danach ins Judentum eingeführte grausame Hinrichtungsmethode erdulden würde. Und zwar, nachdem Er durch Geißelung und Verspotten schon Schmach und Leiden würde erduldet haben. Nur Matthäus spricht davon, weil dieser Kreuzestod ein besonderer Anstoß für die Juden war. Nach 1. Korinther 1,23 ist dann die Predigt dieses Kreuzes für die Juden anstößig geworden. Denn wie sollten sie akzeptieren, dass sie ihren eigenen Messias ans Kreuz gebracht hatten?

Dass Er danach aus den Toten auferstehen würde, hatte der Herr auch schon in Matthäus 16 und 17 dreimal bezeugt. Und zwar am dritten Tag, wie Er es zuvor schon den Schriftgelehrten und Pharisäern in Verbindung mit dem Zeichen Jonas (vgl. Mt 12,40) geheimnisvoll angedeutet hatte.

Das Unverständnis der Jünger

Aus den Folgeversen entnehmen wir, dass die Jünger dem Herrn Jesus gar nicht richtig zugehört haben. Diese Verse und besonders Lukas 22,22.24 zeigen uns, was der Grund dafür war: Während der Herr von seinem schmachvollen Tod, von seiner größten Erniedrigung sprach, gab es für die Jünger aus ihrer Sicht Wichtigeres zu diskutieren: wer von ihnen der Größte war, wer von ihnen den erhabensten Platz im Königreich würde einnehmen können. Wir haben keinen Anlass, auf die Jünger herabzublicken. Wie oft hören wir dem Herrn und seinem geschriebenen Wort nicht zu, obwohl Er eine so klare Sprache spricht. Unser Egoismus führt dazu, dass wir in erster Linie an uns selbst denken und kein Mitempfinden für Ihn aufbringen.

Die Botschaft des Herrn an seine Jünger war klar: Es warteten Erniedrigung, Selbstverleugnung, Schmach auf Ihn selbst – aber damit auch auf seine Jünger. Das ist nichts, was angenehm ist. Ob auch wir deshalb so wenig zuhören? Dabei ist diese Botschaft bis in unsere heutigen Tage so wichtig. Denn auch heute noch sind wir mit dem verworfenen Christus verbunden.

Die Jünger befanden sich in einem Zustand der Furcht und des Entsetzens (vgl. Mk 10,32). Sie waren nicht einmal in der Lage, diese Worte und Dinge richtig zu verstehen. Diese Botschaft blieb vor ihnen verborgen (vgl. Lk 18,34), weil sie nur an sich und wenig an den Herrn und seine Leiden dachten. Im Unterschied dazu wusste der Herr von Anfang an, was Ihm bevorstand. Aber Er war bereit, das alles um seiner Jünger willen (und auch um unsertwillen) auf sich zu nehmen.

Verse 20–23: Johannes und Jakobus denken an Erhöhung – der Herr an Erniedrigung

„Dann trat die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen zu ihm und warf sich nieder und wollte etwas von ihm erbitten. Er aber sprach zu ihr: Was willst du? Sie sagt zu ihm: Sprich, dass diese meine zwei Söhne einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen sollen in deinem Reich. Jesus aber antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, was ihr erbittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagen zu ihm: Wir können es. Er spricht zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und zur Linken, das steht nicht bei mir zu vergeben, sondern ist für die, denen es von meinem Vater bereitet ist“ (Verse 20–23).

Man ist ziemlich erstaunt, auf einmal von der Mutter von Johannes und Jakobus zu lesen. Sie wird auf interessante Weise eingeführt. Sie wird weder mit ihrem eigenen Namen genannt, noch wird sie als Mutter von Johannes und Jakobus bezeichnet. Der Geist Gottes nennt sie hier die „Mutter der Söhne des Zebedäus“. Deutet das nicht an, dass hier keine Glaubensfrau vor uns kommt, wiewohl sie vermutlich eine gläubige Frau war, sondern eine Frau, der es um die Ehre für sich, ihren Mann Zebedäus und ihre Kinder geht? Es geht um natürliche Beziehungen, die sie nutzen will, um vor den Augen der Welt eine machtvolle Stellung für ihre Familie zu sichern.

Es ist nie gut, wenn verwandtschaftliche Beziehungen mit den Gedanken des Königreichs oder der Versammlung vermischt werden. Wann immer solche Verbindungen in den Vordergrund kommen, ist große Vorsicht angesagt. Wenn es um Versammlungsentscheidungen geht oder wenn das Thema des Dienstes von Gläubigen angesprochen wird, sollten verwandtschaftliche Beziehungen keine Rolle spielen. Anders gesagt: In diesen Fällen sollten Verwandte sehr zurückhaltend sein bzw. sich ganz aus der (öffentlichen) Diskussion zurückziehen.

Die Mutter der beiden Jünger – vermutlich durch die Söhne auch noch angestachelt zu ihrem Ehrgeiz für diese (vgl. Mk 10,35) – kommt in einer Weise, wie wir sie bei einem Souverän eines Königreichs kennen. Sie wirft sich vor dem Herrn Jesus mit einer Geste der Huldigung nieder. Sie tut das aber nicht, um Ihm zu huldigen. Ihre Geste hat ein ehrgeiziges Ziel. Und das Ziel besteht darin, dass ihre Söhne den höchsten Platz inmitten des künftigen Königreichs haben sollen, wenn dieses in Macht und Herrlichkeit aufgerichtet sein wird. Man ist erstaunt, dass sie zwar zunächst in einer Haltung des Bittens kommt, dann aber in Wirklichkeit nicht einmal darum bittet oder wenigstens danach fragt. Sie fordert Christus direkt auf, diesen Platz an ihre Söhne zu vergeben. Auch wir stehen in Gefahr, einfach um äußerlicher Gesten willen zu meinen, der Herr müsste uns erhören. In dieser Begebenheit sehen wir, dass dies nicht der Fall ist.

Kein Tag großer Dinge

Der Herr Jesus hat sofort erkannt, dass sich Ihm diese Frau nicht einfach zu Füßen niederwerfen möchte. Daher fragt Er sie danach, was sie (wirklich) will. Denn Er möchte nicht, dass sie denkt, Er falle auf eine solche untertänige Geste herein. Diese Frau und ihre Söhne hatten vergessen, dass der Herr jetzt gekommen war, um in Demut den Ratschluss Gottes zu erfüllen. Jetzt war nicht der Tag großer Dinge (vgl. Jer 45,5), nach denen ein Jünger ohnehin nicht streben soll. Gott hasst Hochmut und das Streben nach großen Dingen. Petrus zeugt davon in seinem Brief (1. Pet 5,5) und zitiert Salomo (Spr 3,34). Auch Jesaja wusste von dieser Wahrheit Gottes zu berichten: „Der Herr der Heerscharen hat es beschlossen, um den Stolz jeder Pracht zu entweihen, um alle Vornehmen der Erde verächtlich zu machen“ (Jes 23,9).

Wir wollen auch bedenken, dass wir die sogenannte Größe vor Menschen nicht in die Ewigkeit mitnehmen können: „Fürchte dich nicht, wenn ein Mann sich bereichert, wenn sich die Herrlichkeit seines Hauses vergrößert. Denn wenn er stirbt, nimmt er das alles nicht mit; nicht folgt ihm hinab seine Herrlichkeit“ (Ps 49,17.18). Der Herr Jesus kann hier als Vorbild sprechen. Er selbst hatte nicht nach hohen Dingen gestrebt. Er war als Mensch in Erniedrigung gekommen.

Der Herr Jesus erkennt, dass dieser Wunsch, hoch hinaus zu wollen, nicht allein bei der Frau vorhanden war, sondern in gleicher Weise bei den beiden Jüngern Johannes und Jakobus, ihren Söhnen. So wendet Er sich in seiner Antwort an alle drei. „Jesus aber antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, was ihr erbittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“

Der Herr sprach von Erniedrigung – die Jünger dachten an Verherrlichung

Der Herr hatte soeben von seinem Tod gesprochen. Die Jünger dachten dagegen nur – vielleicht in Verbindung mit den Worten des Herrn aus Matthäus 19,28 – an die Zeit äußerer Herrlichkeit. Jesus muss sie jetzt noch einmal an das, was Ihm bevorstand, erinnern. Und das waren Leiden und Tod. Wenn Er hier jedoch von dem Kelch spricht, den Er trinken würde, dann meint Er seine Leiden nicht in allgemeiner Form. Es geht Ihm um die Leiden seines Kreuzes. Denn davon hatte Er auf dem Weg nach Jerusalem gesprochen. Konnten sie diesen Weg gehen? Die Antwort ist klar: Nein, dazu waren sie nicht in der Lage. Sie bewiesen es dadurch, dass sie alle kurze Zeit später aus Angst flohen, als ihr Meister gefangengenommen wurde.

Außer Christus war „vor dem Kreuz“ niemand in der Lage, diese Leiden zu erdulden. Es stand eben jetzt nicht die Verherrlichung an, sondern es war ein Tag der Leiden. Für die Jünger galt und gilt dasselbe, was auch auf uns heute zutrifft: „Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,12). Das hatten Johannes und Jakobus noch nicht verstanden. So kommen sie zu einer erstaunlichen Antwort: „Sie sagen zu ihm: Wir können es.“ Sie wissen nicht, was sie da sagen. Sie kannten sich selbst nicht. Das mussten sie einige Zeit später lernen, denn wir lesen: „Da verließen ihn die Jünger alle und flohen“ (Mt 26,56).

Nicht nur Petrus litt unter Selbstüberschätzung, sondern auch diese beiden Jünger. Es ist ohnehin erstaunlich, dass niemand an den „ersten“ der Jünger, an Petrus dachte. Vielleicht glichen Johannes und Jakobus mit ihrer Mutter in diesem Sinn kleinen Kindern, die alles daran setzen, etwas als erster zu bekommen – in der Meinung, dann hätte man es den anderen weggeschnappt.

Wenn wir uns über die hohe Meinung der Jünger über sich selbst wundern, sind wir noch mehr erstaunt, wenn wir die Antwort des Herrn lesen: „Er spricht zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und zur Linken, das steht nicht bei mir zu vergeben, sondern ist für die, denen es von meinem Vater bereitet ist.“

Wie in Kapitel 19,28 hören wir auch jetzt von Ihm keinen Tadel. Im Gegenteil, Er adelt seine Jünger, indem Er ihnen zugesteht, dass sie seinen Kelch trinken würden. Er spricht nicht nur davon, dass sie es könnten, sondern macht sogar klar, dass sie es tun würden. Wir verstehen sofort, dass Er nicht meint, dass sie jetzt auf einmal in der Lage wären, doch zusammen mit Ihm die Leiden des Kreuzes zu erdulden. Aber nach seinem Erlösungswerk wären sie tatsächlich in der Lage, durch das Geschenk des neuen Lebens, den Blick auf den verherrlichten Sohn des Menschen und den in ihnen wohnenden Heiligen Geist sogar Märtyrerleiden zu erdulden. Auch sie würden vonseiten der Menschen leiden. Der Herr erklärt das an dieser Stelle nicht weiter. Aber es ist klar, dass sie auch dann nicht in der Lage wären, den Kelch der Leiden bis in den Tod in eigener Anstrengung zu trinken. Göttliche Gnade würde sie dazu später befähigen, wie wir es bei Stephanus sehen (Apg 7,59).

Seinen Kelch trinken

In einem allgemeinen Sinn trifft das auf uns alle zu. Petrus zeigt uns das in seinem Brief: „Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt“ (1. Pet 2,21). So dürfen wir den Kelch Jesu trinken und die „Gemeinschaft seiner Leiden“ erleben (vgl. Phil 3,10). Auch wenn dies immer ein schwerer Weg ist, so sind diese Leiden, wenn man sie aus der Hand des Herrn annehmen kann, wie Er sie aus der Hand seines Vaters nahm, letztlich ein Geschenk von oben.

Für Paulus gab es ganz besondere Leiden, die seine Gemeinschaft des Kelches des Herrn ausdrückten: „Jetzt freue ich mich in den Leiden für euch und ergänze in meinem Fleisch das, was noch fehlt an den Drangsalen des Christus für seinen Leib, das ist die Versammlung“ (Kol 1,24). Seine Leiden im Hinblick auf den einen Leib, die Versammlung, stellten Drangsale des Christus dar, die der Meister nicht erleiden konnte, weil die Versammlung erst nach dessen Verherrlichung gebildet wurde. Was für eine Adelung der Leiden von Paulus!

Man kann nicht annehmen, dass Johannes und Jakobus an dieser Stelle überhaupt das Thema Leiden überdacht hatten. Sicher hofften sie nicht auf weitere Leiden. Aber für sie sollte ihre Bitte eine ganz konkrete Konsequenz haben. Jakobus wurde zum ersten Märtyrer der Apostel (Apg 12,2). Johannes sollte der (vermutlich) letzte Märtyrer der Apostel werden. Wir finden weder in der Bibel eine Aussage über den Tod von Johannes, noch gibt es ein eindeutiges außerbiblisches Zeugnis über seinen Heimgang. In Offenbarung 1,9 sehen wir aber, dass er als Zeuge, das heißt als Märtyrer (denn das ist die Übersetzung dieses Wortes) auf der Insel Patmos gefangen war.

Während Jakobus besonders von außen, von Ungläubigen, litt (und von Herodes umgebracht wurde), sehen wir bei Johannes, dass er besonders von innen – innerhalb der Christen – angegriffen wurde. Wir lesen von Diotrephes, der Johannes und die Seinen nicht annahm, weil er der Erste sein wollte in der Versammlung (3. Joh 9) (- genau das, was Johannes und Jakobus hier nach Matthäus 20 für sich beanspruchten.) Im 2. Johannesbrief lesen wir davon, dass Verführer in die Welt ausgegangen waren – offenbar ebenfalls aus der Mitte der Versammlung (Vers 7). Hinzu kamen bei Johannes die Drangsale von außen, die vermutlich unter der Herrschaft von Domitian über ihn kamen. So sehen wir, wie diese beiden Jünger tatsächlich den Kelch des Herrn getrunken haben.

Der Herr beanspruchte das Königreich nicht für sich

Damit ist der Herr aber noch nicht am Ende mit seinen Jüngern. Noch einmal erstrahlt die vollkommene Demut unsers Herrn. Seine Selbstverleugnung ging so weit, dass Er zwar Leiden weitergeben konnte, nicht aber die Macht für sich in Anspruch nahm, über Plätze in seinem Reich in Macht und Herrlichkeit zu verfügen. Er selbst nahm dieses Königreich aus den Händen seines Vaters an, wie es in Psalm 8 und Daniel 7 vorhergesagt worden war. Er verfügte über nichts auf dieser Erde, so dass Er auch keinen Ehrenplatz an Jünger zu verteilen hatte. Er gibt seinem Vater alle Ehre.

Heißt das, dass der Herr kein Recht hatte, über diese Plätze der Herrlichkeit zu verfügen? Das zu sagen wäre Blasphemie. Er ist Gott, gepriesen in Ewigkeit. Er besaß jedes Recht – auch über diese Plätze. Aber Er hat sich seiner (äußeren) Herrlichkeit entäußert, um ganz Diener und Mensch zu sein. So gewaltig ist seine frei gewählte Erniedrigung, dass Er „alles verkaufte“ und „sich selbst hingab“, um Gott zu verherrlichen. Er hatte nur das eine Ziel, den Vater in allem zu verherrlichen. Der Herr wollte den Platz der Herrlichkeit nicht vergeben. Aber Er hatte jetzt etwas moralisch Größeres für seine Jünger zu geben: den Platz an seiner Seite als der Leidende. Die höchste Ehre, die wir heute haben können, ist an seiner Seite als Leidende zu stehen: für und mit Christus.

Hier haben wir vermutlich den einzigen Fall, bei dem der Herr Jesus die Bitte von Müttern nicht erfüllen konnte. Wann immer es um den Segen für Kinder ging, war Er für die Bitten der Eltern und besonders der Mütter aufgeschlossen. Hier ging es jedoch nicht einfach um Segen, sondern um einen Platz der Ehre vor den Augen von Menschen. Und da konnte Er nicht auf das Herz einer Mutter Rücksicht nehmen, das selbst von Egoismus geprägt war.

Während diese Frau und die beiden Jünger für sich beanspruchten, was irgend sie sich aneignen konnten, gab der Herr der Herrlichkeit alles in die Hände seines Vaters. Selbst seine eigene Verherrlichung sieht Er als ein Geschenk seines Vaters an. Ob wir Ihm darin nachfolgen werden in dem kleinen Bereich, in den Er uns gestellt hat? Wir bewundern die vollkommene Selbstverleugnung des Herrn. Er möchte aber nicht, dass wir bei der Bewunderung stehen bleiben. Er stellt uns damit ein weiteres, wichtiges Kennzeichen des Königreichs der Himmel vor: Der Jünger verleugnet sich selbst.

Verse 24–28: Statt Neid soll den Jünger Dienstbereitschaft kennzeichnen

„Und als die Zehn es hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder. Als Jesus sie aber herzugerufen hatte, sprach er: Ihr wisst, dass die Fürsten der Nationen diese beherrschen und die Großen Gewalt über sie ausüben. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein; und wer irgend unter euch der Erste sein will, soll euer Knecht sein – so wie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Verse 24–28).

Das Gespräch zwischen Johannes und Jakobus auf der einen Seite und dem Herrn auf der anderen Seite ruft die anderen Jünger auf den Plan. Sie sind unwillig geworden über die beiden Kollegen. Warum eigentlich? Dürfen wir annehmen, dass Petrus als der Erste der Jünger traurig darüber war, wie seine beiden Mitjünger überhaupt nicht verstanden haben, was den Herrn innerlich bewegte, als Er von seinem Tod und seinen Leiden sprach? War er entrüstet darüber, wie man so wenig Einfühlungsvermögen in die Situation des Herrn haben konnte?

Wir müssen leider sagen: Das Gegenteil ist der Fall. Petrus und die anderen Jünger sind neidisch auf ihre beiden Kollegen! Diese sind ihnen zuvorgekommen. Am liebsten hätten nämlich die anderen zehn diesen Ehrenplatz an der Seite des Herrn gehabt, wobei wir gar nicht wissen, ob es solch einen Ehrenplatz überhaupt geben wird. Möglicherweise befindet sich der Thron des Herrn in der Mitte der übrigen zwölf Throne, so dass jeder Apostel gleichweit von Ihm entfernt sein wird.

Jedenfalls neiden die zehn Jünger den beiden Mitjüngern Johannes und Jakobus diesen Ehrenplatz. Das können wir der späteren Diskussion der Jünger entnehmen. In Lukas 22,24 lesen wir sogar davon, dass sie sich angesichts des Todes des Herrn nicht schämten, darüber zu verhandeln, wer von ihnen der Größte sei. Solch kritische Reaktionen offenbaren oftmals das Herz derjenigen, die Kritik üben. Denn ihre Kritik ist nicht selten durch das getrieben, was sie für sich selbst wünschen. Ob wir so anders sind als die Jünger? Tatsächlich richten wir uns selbst, wenn wir andere richten. Das hat Jesus schon in der Bergpredigt in Matthäus 7,1.2 deutlich gemacht. Wie oft klagen wir unseren Bruder an wegen einer Sache, die wir selbst tun (wollten). Wie strahlt angesichts des Egoismus der Jünger die Selbstlosigkeit unseres Retters hervor, wenn wir diese Verse lesen!

Jesus wendet sich an das Gewissen seiner Jünger. Sie hatten aus der Begebenheit, als der Herr Jesus ein Kind in ihre Mitte gestellt hat, nichts gelernt. Jetzt hatten sie wohl untereinander gesprochen, ohne dass der Herr direkt dabei gewesen war. Er ruft sie herzu und zeigt ihnen, dass ihre Pläne denen der Herrscher der Nationen gleichen. Sie handelten, wie die Menschen dieser Welt handeln. Das waren ungläubige Menschen, die nicht an Gott glaubten und kein Interesse am Königreich der Himmel hatten. Dieses jedoch trägt grundsätzlich andere Kennzeichen als alle Königreiche dieser Welt. In der Welt ist es üblich, dass Menschen andere beherrschen und dass die Großen Gewalt über die Geringeren ausüben. Das kennen wir bis heute so.

Keine Herrscher im Königreich der Himmel

Im Königreich des Herrn dagegen soll es niemanden geben, der einen anderen beherrscht. Das mussten die Jünger noch lernen. Und es ist zu befürchten, dass auch wir diese Lektion noch nicht gelernt haben. In 2. Korinther 11,13 spricht Paulus von falschen Aposteln, die über andere herrschen wollen. In Vers 20 ergänzt er, dass es auch bei den Korinthern noch ein Knechten gab vonseiten solcher, die sich über andere erhoben. An Diotrephes haben wir schon gedacht. So kann es auch heute manche geben, die eine Gesinnung der Herrschsucht haben. Dem Herrn ist das zuwider!

Er lehnt nicht ab, dass man groß sein möchte. Aber Ihm ging es um wahre Größe. Er selbst ist der Größte gewesen, der je auf dieser Erde gelebt haben wird. Und doch war Er der demütigste Mann, den diese Erde je gesehen hat. So soll derjenige, der unter den Jüngern wirklich groß sein möchte, von sich aus eine Gesinnung eines Knechts einnehmen. Das passt zu der allgemeinen Belehrung, die wir immer wieder in der Schrift finden, dass der Weg zur Herrlichkeit (Größe) ein Weg ist, der durch Leiden führt.

„Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,12). Paulus war sogar von Herzen bereit dazu, die Gemeinschaft der Leiden des Herrn kennenzulernen, indem er seinem Tod gleichgestaltet würde – also auch im Blick auf den Märtyrertod. Der Weg des Herrn nach Philipper 2,5–8 ging über die größte Erniedrigung, die diese Erde je gesehen hat, zu der höchsten Herrlichkeit, die es für einen Menschen geben kann (Verse 9.10). Da sich niemand so sehr erniedrigt hat wie Er, wird auch niemand so hoch erhöht werden wie Er. Dieser Gesinnung der Demut sollten die Jünger nachfolgen. Auch wir dürfen uns das zum Vorbild nehmen.

Es ist auffallend, dass der Herr in Vers 26 ein anderes Wort für Diener verwendet als in Vers 27. In Vers 26 geht es mehr um die Tätigkeit des Dienstes, in Vers 27 um die Abhängigkeit von einem Herrn. Beides soll für uns wahr sein. Einerseits sollen wir wirklich tätige Diener im Reich Gottes sein. Andererseits sollen wir aber unsere Mitgeschwister als solche ansehen, denen wir uns von Herzen unterordnen, indem wir uns als ihre Knechte ansehen.

Christus als Vorbild für Jünger

In dem letzten Vers dieses Abschnittes zeigt sich der Herr Jesus dann als Vorbild für uns. „So wie“ sagt Er dort. Und wenn von Ihm die Rede ist als Diener, wird der Ausdruck verwendet, der in Vers 26 steht. Der Titel „Knecht“ (gr. doulos) wird kein einziges Mal auf den Herrn Jesus bezogen. Es heißt in Philipper 2,7 zwar, dass Er die Gestalt eines „Knechtes“ (gr. doulos) annahm – aber Er war nie Knecht – wohl aber Diener. Er tat das freiwillig und war nie in diesem Sinn „versklavt“. Bei Ihm stand immer die Tätigkeit des Dienstes im Vordergrund. Er konnte sich nicht von Menschen abhängig machen. Er hat sich seinem himmlischen Vater untergeordnet, nie jedoch von Menschen abhängig gemacht.

Was für einen Dienst jedoch hat der Herr hier auf der Erde ausgeführt! Als der Sohn des Menschen war Er nicht gekommen, um bedient zu werden. Er wollte nicht herrschen, sondern dienen. Er hätte das Recht gehabt zu herrschen. Aber dieses Recht hat Er für sich nicht in Anspruch genommen. Stattdessen hat Er gedient, von der ersten Minute seines Lebens an bis zur letzten. Dazu war Er gekommen. Als der Sohn des Menschen wird Er nach Psalm 8 einmal in großer Macht herrschen. Aber Er wollte sein Volk und die Menschen retten. Daher kam Er, um zu dienen. Sein Dienst gipfelte darin, dass Er sein Leben als Lösegeld für viel in den Tod gegeben hat.

So wird der Herr Jesus erneut das Vorbild für alle, die seine Jünger sein wollen. Im Unterschied zum Herrn besitzen wir in uns überhaupt keine Rechte vor Gott. Dennoch meinen wir oft, dass ein wenig Ehre für uns abfallen sollte. Wir wollen von unserem Herrn lernen, dessen ganzes Leben wahrer Dienst war.

Abgesehen von diesem Vorbildcharakter finden wir an dieser Stelle einen Hinweis auf die sühnenden Leiden. Darin ist der Herr uns kein Vorbild, denn nur Er konnte diese Sühnung bewirken. Aber das Erwähnen dieser Wirkung seines Werkes ist besonders. Davon lesen wir sonst nur sehr selten in den Evangelien. Vielleicht ist das Wort unseres Herrn in Verbindung mit der Einführung des Gedächtnismahls eine ähnliche Anspielung auf seinen Sühnungstod: „Dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). Sonst finden wir eigentlich nur noch Andeutungen im Johannesevangelium, welche die Tragweite des Werkes des Herrn beschreiben.

Christus – das Lösegeld

Ich möchte versuchen, eine Erklärung dieses inhaltsreichen Satzes zu geben. Der Herr Jesus würde sein Leben als Lösegeld geben. Das weist auf ein Sühnungsmittel in Bezug auf die Sünden hin, welche wir Menschen getan haben. Er hat für uns Menschen das Lösegeld bezahlt, damit wir aus der Sklaverei der Sünde und Satans befreit werden konnten. Damit hat Er den Schuldpreis bezahlt, der nötig war, weil die Sünde zwischen dem Menschen und Gott stand. Denn Gott muss jeden Menschen verurteilen und richten, weil der Mensch ein Sünder ist und Gott jeden Menschen für die von diesem begangenen Sünden bestrafen muss: mit dem ewigen Tod, mit der Hölle.19

Wer aber zum Herrn Jesus kommt und seinen Tod am Kreuz von Golgatha als Rettungsmittel im Glauben annimmt (vgl. Joh 3,16), für den hat der Herr Jesus die Strafe der Sünden stellvertretend auf sich genommen. Für den hat Er sein Leben als Lösegeld gegeben.

Wir lesen hier, dass Er sein Leben als Lösegeld gab für viele – nicht für alle. Nur für diejenigen, die Ihn als Retter annehmen und Gott ihre Sünden bekennen, hat der Herr Jesus diesen Preis, dieses Lösegeld, bezahlt. Alle anderen bleiben unversöhnt und werden als Strafe für ihre Sünden die Hölle in alle Ewigkeit erleiden müssen. Daher kommt hier in Matthäus 20,28 und auch in Markus 10,45 der Gedanke der Stellvertretung vor uns. Der Herr Jesus hat sein Leben stellvertretend für uns gegeben, für diejenigen, die an Ihn glauben würden.

In diesem Zusammenhang muss man einen Vergleich mit dem Gedanken ziehen, der in 1. Timotheus 2,6 steht: „Christus Jesus, der sich selbst gab als Lösegeld für alle.“ Das ist kein Widerspruch zu Matthäus 20. In 1. Timotheus 2 wird in der deutschen Sprache dieselbe Präposition verwendet: „für“. Im Grundtext stehen jedoch zwei verschiedene Worte. In Matthäus 20 und in Markus 10 wird ein Verhältniswort benutzt, das man auch mit „anstelle von“ übersetzen kann. Daher der Gedanke der Stellvertretung. Paulus dagegen verwendet ein Wort, das man auch mit „im Hinblick auf“ übersetzen kann. Der Herr Jesus hat sein Leben im Hinblick auf alle Menschen gegeben. Denn sein Werk am Kreuz von Golgatha reicht aus für jeden Menschen. „Gott will, dass alle Menschen errettet werden“ (1. Tim 2,4). So wendet sich Gott durch das Werk Jesu Christi an alle Menschen – kein einziger wird ausgenommen. Die Botschaft erschallt allen Menschen, da das Werk des Herrn für alle Menschen ausreicht. Aber nicht alle sind bereit, Ihn als Retter anzunehmen. Nur für diejenigen, die Ihn so annehmen, hat Er auch stellvertretend sein Leben gelassen.

Zu was für einer gedanklichen Höhe kommt der Herr hier angesichts der Unwilligkeit und des Neids der Jünger. Wir staunen immer wieder, wie sich der Herr von dem Versagen der Jünger nicht die Freude nehmen lässt, ihnen die gewaltige Größe seines Werkes anzukündigen.

Fußnoten

  • 1 Auch für den Herrn Jesus besaßen sie einen unschätzbaren Wert. Das wird durch die Handlungsweise Jesu in Kapitel 19,14.15 deutlich.
  • 2 Es gibt im Neuen Testament zwei Wörter für Wille. Es ist interessant zu beobachten, wann der Geist Gottes welches dieser beiden Worte verwendet. In Matthäus 18,14 ist es der Willensakt Gottes, der im Mittelpunkt steht (thelema, abgeleitet vom Verb thelo). Es geht um das von Ihm Gewollte. Das führt Er auch aus. In 2. Petrus 3,9 steht ein anderes Wort (boulomai), das wollen, wünschen meint. Dort handelt es sich um ein überlegtes Wollen, ohne dass dieser Wunsch notwendigerweise verwirklicht werden kann. Leider bekehren sich nicht alle Menschen, auch wenn Gottes Wunsch bestehen bleibt, dass sie es tun.
  • 3 Manchmal stellt sich in einem solchen Gespräch mit dem „sündigenden“ Bruder auch heraus, dass es gar nicht so war, wie man das gedacht oder empfunden hat. Dann ist dieses Gespräch in einem besonderen Sinn zum Segen, weil es die Dinge in ein neues Licht stellt und davor bewahrt, schlecht über einen Bruder zu denken oder gar zu sprechen.
  • 4 Gleichwohl besteht natürlich ein Unterschied zwischen einem Sünder, der zum Glauben kommt, und jemand, der aus der Gemeinschaft der Versammlung ausgeschlossen werden muss. Ein wegen Sünde Ausgeschlossener hat die Heiligkeit des Platzes der Vorrechte und der Gemeinschaft mit dem Herrn gekannt und genossen und im Widerspruch dazu gehandelt. Für einen Jungbekehrten dagegen ist das alles neu.
  • 5 Ich spreche hier nicht davon, dass Eltern von den Kindern etwas verlangen könnten, wodurch sie sich zwischen das Gewissen des Kindes und Gott stellen. Wenn Eltern von ihren Kindern beispielsweise verlangen würden, einen Götzen anzubeten oder ein anderes Kind zu schlagen, gelten auch heute noch die Worte des Apostels Petrus: „Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen“ (Apg 5,29). Das aber betrifft nur Anweisungen, deren Nachkommen nach Gottes Wort direkt „Sünde“ ist. Ich kann mich an keinen einzigen solchen Fall in meiner Kindheit daran erinnern. Das ist etwas grundsätzlich anderes als eine ungeistliche oder törichte Anweisung, die wir als Eltern leider immer wieder geben können.
  • 6 Die hier genannten „zwei oder drei“ und die in Vers 16 genannten „zwei oder drei“ Zeugen haben im Übrigen nichts miteinander zu tun. Natürlich sind beide Teil der örtlichen Versammlung. Aber die „zwei oder drei“ Zeugen in Vers 16 sind Brüder, die in privater Mission einen sündigen Bruder gewinnen wollen. Die „zwei oder drei“ aus Vers 19 und 20 sind Repräsentanten der örtlichen Versammlung, sie stellen diese dar. Sie sind sogar in dem konkreten Fall die örtliche Versammlung.
  • 7 Hier würde der Zwischenteil bedeuten: Nicht wegen Hurerei – denn das ist nichts anderes als Ehebruch von dem „schuldigen“ Teil, so dass der Getrennte frei ist, wieder zu heiraten.
  • 8 Hier würde der Zwischenteil bedeuten, wenn man diesen Punkt etwas verallgemeinert: a) nicht wegen Hurerei – denn da geht es ja gar nicht um eine Entlassung, sondern um ein Übergeben an das Gericht, um ein Handeln nach den jüdischen Gesetzen, die das Todesurteil für den bedeuteten, der Hurerei beging. b) nicht wegen Hurerei – denn darauf will ich an dieser Stelle nicht eingehen c) nicht wegen Hurerei – denn der unzüchtige Ehepartner ist ja von sich aus gegangen (und wie soll man bei einer ehebrecherischen Frau oder einem solchen Mann wohnen). Dabei gilt es aber zu bedenken, dass mit der Trennung die Ehe nicht aufgelöst worden ist, so dass auch in diesem Fall anderweitige Wiederheirat Ehebruch bedeutet.
  • 9 Die deutsche Übersetzung des Wortes „moicheia“ ist Ehebruch. Dabei muss man wissen, dass der Gedanke „Bruch“, wie er im deutschen Wort ausgedrückt wird, so nicht im griechischen Wort buchstäblich enthalten ist (wobei an dieser Stelle nicht beurteilt zu werden braucht, ob es die Folge des Handelns sein kann). Moicheia, als das mit Ehebruch übersetzte Wort, bedeutet die geschlechtliche Gemeinschaft einer verheirateten Person mit einer Person, mit der sie nicht verheiratet ist.
  • 10 Es bleibt natürlich wahr, dass in einer Ehe, die sich auseinanderlebt, was möglicherweise ein Auslöser für Hurerei wird, die Schuld niemals allein auf einer Seite liegt. Dennoch ist kein noch so versagendes Verhalten des Ehepartners ein Grund, selbst Sünde zu begehen und Ehebruch zu betreiben. Allerdings muss sich die leidtragende Person (sie wird gelegentlich das „Opfer“ der Hurerei genannt) fragen, inwieweit sie mit dazu beigetragen hat, dass es zu einer derartigen Entfremdung und somit auch zu dieser Hurerei kommen konnte. Wenn sie sich dieses Versagens bewusst wird, wird sie selbst Buße tun und ein Bekenntnis ablegen. Dieser Eheteil wird dann nicht vorschnell selbst heiraten, sondern Zeit zur Umkehr des Ehepartners geben.
  • 11 Es gibt Ausleger, die in Bezug auf Markus 10,10.11 darauf verweisen, dass der Herr nicht an jeder Stelle die ganze Wahrheit offenbart. Man dürfe auch nicht die eine Stelle gegen die andere ausspielen. Die Texte ergänzen sich, so dass man zum Verständnis der Sache die verschiedenen Parallelstellen insgesamt anschauen müsse. Es ist jedenfalls interessant, dass sich der Herr im Markusevangelium nur an die Jünger im Haus wandte, die Ihn dort befragten. Die Pharisäer waren somit bei dieser Antwort nicht mehr zugegen. Im Matthäusevangelium lesen wir nur, dass „sie“ zu Ihm sagen. Es wird offen gelassen, wer das ist. Der Geist Gottes schränkt dadurch den Zuhörerkreis gedanklich nicht ein. Vielleicht ist das ein gewisser Hinweis darauf, dass der Herr zumindest nicht empfiehlt, diesen Weg der Entlassung und Wiederheirat zu wählen, selbst wenn Unzucht vorkommt? Erwartet Er von denen, die seine Jünger sind, eine übermäßige Portion Gnade und Vergebung?
  • 12 5. Mose 21 ist ein prophetisches Kapitel. Dort spricht Gott von der Zukunft Israels – aus damaliger Sicht. Die Verse 15 – 21 gehören zusammen und zeigen, dass Gott sein Volk wegen ihrer Sünden verstoßen hat. Dadurch repräsentiert die gehasste Frau das Volk Israel. Gott hat sich aus Liebe mit seinem Volk verbunden (5. Mo 7,8), sie als seine Ehefrau gewählt (vgl. Jer 2,2). Wegen des Götzendienstes und weitere Gottlosigkeiten hat Gott sie verstoßen (Jes 54,6) und mit den Nationen eine Beziehung der Liebe begonnen. Das ist heute die Versammlung Gottes, die nach Epheser 5 und Offenbarung 21 die Braut Christi ist. In 5. Mose 21 wird sie die geliebte Frau genannt. Während der heutigen Zeit liebt Gott Israel nicht (das ist hier die Bedeutung von „hassen“: nicht lieben), denn Israel ist heute nicht Volk Gottes.
  • 13 Drei wesentliche angeführten Gegenargumente (Trennung, Scheidung, Wiederheirat, W.J. Ouweneel), die sehr wissenschaftlich begründet werden und heute unter ernsthaften Christen gerne aufgegriffen werden, führe ich an: a) „Außer im Fall von Hurerei“, denn in diesem Fall seid ihr natürlich verpflichtet, nach den jüdischen Gesetzen und der jüdischen Gerichtsbarkeit zu handeln. Aber soll man wirklich annehmen, der Herr gründe seine Argumentation auf die Schöpfungsordnung, um dann auf einmal jüdische Gesetze als Beweis anzuführen? Das ist abwegig. b) „Außer im Fall“ (gr. epi mit Dativ) von Hurerei kann bedeuten: „abgesehen von“. Das aber ist eine grammatikalische Unmöglichkeit. Diese Übersetzung ist schlicht falsch. c) Es ist nötig, im Text (oder außerhalb) eine Begründung für „außer im Fall von Hurerei“ zu finden, damit man diesen Text richtig verstehen kann. Hier steht keine Begründung, man braucht sie auch gar nicht zu erwarten. Denn der Herr redet immer wieder in autoritativer Weise, ohne Begründungen anzugeben (vgl. Mt 13,57; Mk 5,37; Joh 5,19; Apg 20,23). Es ist auch zu hören, dass sich dieser „Ausnahmefall“ nur auf die Juden bezöge, während die Belehrung für Christen (aus dem Heidentum) allein Markus und Lukas zu finden sei. Dieses Argument verkennt jedoch, dass der Herr hier (wie auch in Matthäus 16 und 18 im Blick auf die Versammlung) ganz grundsätzlich Hinweise gibt, die auch für uns heute von Bedeutung und damit relevant sind.
  • 14 Man kann auch an die sogenannten „Eunuchen“ denken, kastrierte Jungen. Eine gewisse Anwendung dieses zweiten Falles liegt darin, dass Eltern ihre Kinder so erziehen, dass sie heiratsunfähig werden, weil die Eltern sie ganz an sich binden. Eine zweite Anwendung liegt vor, wenn nationale oder kulturelle Umstände es nicht möglich machen, dass jemand heiraten kann. Nehmen wir an, ein Mann lebt in einem Land, in dem es nur sehr wenige Geschwister gibt (vielleicht auch wegen des Niedergangs unter den Gläubigen), so dass es überhaupt nur sehr wenige potenzielle Ehepartner für einen solchen Gläubigen gibt.
  • 15 Um es noch einmal zu betonen: Hier geht es ausdrücklich nicht um eine künstliche Verschneidung zu einem Eunuchen!, sondern um eine geistliche Entscheidung, nicht zu heiraten
  • 16 Unabhängig davon lernen wir aus Markus 16,16 die normale, von Gott vorgesehene Reihenfolge: Glaube, dann Taufe.
  • 17 Natürlich ist kein Mensch in der Lage, sich den Himmel durch solche gute Werke zu erarbeiten. Das beweist ja gerade diese Begebenheit. Denn um seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, bedarf es einer göttlichen Natur. Die aber besitzt kein Mensch aus sich selbst heraus – diese neue Natur bekommen wir von Gott durch die neue Geburt. Und diese erfordert zuvor ein göttliches Werk im Herzen des Sünders – etwas, was wir nicht aus uns selbst bewirken können.
  • 18 Es ist auch wahr, dass dieses Gleichnis die Pharisäer charakterisiert. Sie bildeten sich enorm viel auf ihre hohe, theologische Stellung ein. Sie meinten, sie hätten den größten Anspruch auf eine hohe Belohnung vonseiten Gottes. Der Herr muss ihnen hier zeigen, dass es andere gibt, die im Gegensatz zu ihnen allein auf seine Gnade ihr Vertrauen setzten. Diese würden nicht enttäuscht werden.
  • 19 Schon beim Gleichnis vom Schatz im Acker (Mt 13,44) ging es um das Lösegeld, das der Herr für uns bezahlt hat. Dort habe ich bereits darauf hingewiesen, dass die Frage, an wen der Kaufpreis bezahlt wurde, nicht erörtert wird. Sie ist fehl am Platz. Denn der Herr Jesus bezahlt diesen Preis nicht an jemand, der ihn sozusagen in die Hände nimmt, sondern Er erfüllt die gerechten Forderungen Gottes im Blick auf die Sünde, die den Tod und göttliches Gericht erfordert. Durch den Hinweis auf ein „Lösegeld“ soll einfach verdeutlicht werden, dass es den Herrn Jesus etwas gekostet hat, diese Forderungen Gottes zu erfüllen: seinen Tod. Er musste diesen Preis bezahlen, damit Gott Menschen vergeben kann. Damit keine Missverständnisse aufkommen, möchte ich betonen, dass der Herr nie etwas „von“ Satan gekauft oder irgendeinen Kaufpreis an den Teufel bezahlt hat. Satan besaß die Macht des Todes (Heb 2,14), und um ihm diese zu nehmen, musste Christus sterben. Aber an keiner Stelle ist die Rede davon, dass unser Retter Satan etwas bezahlt hätte. Das ist ein vollkommen abwegiger Gedanke!
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