Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 27,27–66

Die Erfüllung des Passahfestes: Das Kreuz von Golgatha (Mt 27,27–66)

Der Vortag des Passahfestes war durch die beiden ungerechten Verhandlungen vor den Hohenpriestern und vor Pilatus schon furchtbar. Aber diese Qualen kommen im Blick auf die Leiden und die Verwerfung des Herrn doch nicht an die letzten Stunden im Leben unseres Retters heran. Selbst die ersten Stunden am Kreuz waren nicht der Höhepunkt, so gewaltig die Martern auch waren, die dort auf unseren Herrn warteten. Der Höhepunkt waren die drei Stunden der Finsternis, in denen unser Herr Sühnung tat für unsere Sünden. Gerade diese Zeit wird von Matthäus und Markus, die von ihnen berichten, nur in wenigen Worten geschildert. Denn der Mensch hat in diese Zeit und in das, was hier geschah, nur einen sehr geringen Einblick. Es ist hochheiliger Boden, der damit verbunden ist.

Auf diese drei Stunden steuert nun alles hin. Mit anbetenden Herzen betrachten wir diese letzten Augenblicke im Leben unseres Erlösers, bis zu seinem Tod. Diese Abschnitte gliedern sich in folgende Teile:

  1. Vor dem Kreuz (Verse 27–31)
  2. Der König wird gekreuzigt (Verse 32–38)
  3. Der König am Kreuz wird geschmäht (Verse 39–44)
  4. Jesus Christus, das Schuldopfer, am Kreuz von Gott verlassen (Verse 45.46)
  5. Der Tod des Königs am Kreuz und seine herrlichen Folgen (Verse 47–56)
  6. Das Begräbnis Jesu (Verse 57–61)
  7. Die Wache am Grab Jesu – seine Feinde (Verse 62–66)

Vor dem Kreuz (Verse 27–31)

„Dann nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit in das Prätorium und versammelten um ihn die ganze Schar. Und sie zogen ihn aus und legten ihm einen scharlachroten Mantel um. Und sie flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie ihm auf das Haupt und gaben ihm einen Rohrstab in die Rechte; und sie fielen vor ihm auf die Knie und verspotteten ihn und sagten: Sei gegrüßt, König der Juden! Und sie spien ihn an, nahmen den Rohrstab und schlugen ihm auf das Haupt. Und als sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an; und sie führten ihn weg, um ihn zu kreuzigen“ (Verse 27–31).

Wenn man die Berichte der vier Evangelien miteinander vergleicht, sieht man, dass Lukas vor allem die moralischen Umstände in Verbindung mit dem Kreuz zeigt. Matthäus spricht besonders von der Entwürdigung des Messias. Johannes konzentriert sich nicht so sehr auf die Einzelheiten, sondern zeigt die Würde dessen, der in Gnade gekommen war. So scheint seine Herrlichkeit hervor, wie groß auch die Erniedrigung sein mochte.

Matthäus zeigt uns zudem, wie sich die Römer und das ungläubige Israel miteinander gegen den Messias Gottes verbunden haben. Das wird sich in anderer Hinsicht noch einmal nach der Entrückung (1. Thes 4,15 ff.) wiederholen. Dann werden der römische Herrscher zusammen mit dem Antichristen unter anderem gegen die gläubigen Übriggebliebenen Judas Krieg führen (vgl. Off 19,20; Dan 9,27). Manche Psalmen wie Psalm 88 zeigen uns die Empfindungen und Qualen des künftigen gläubigen Überrestes der Juden. Der Herr Jesus wird sich mit diesen Leiden identifizieren. Das kann Er tun, weil Er Drangsale derselben Art vor nunmehr 2.000 Jahren selbst erduldet hat.

Die Soldaten verspotten den Messias

Die Tatsache, dass der Herr Jesus noch einmal in das Prätorium gebracht wurde, macht klar, dass Matthäus nicht in chronologischer Reihenfolge geschrieben hat. Denn das alles fand statt, bevor Er endgültig zum Tode verurteilt worden war. Johannes zeigt, wie wir gesehen haben, dass Pilatus den Herrn geißeln ließ und erst danach das Urteil festgelegt wurde. So lesen wir hier bei Matthäus, dass die Soldaten des Statthalters Jesus in das Prätorium mitnahmen, um über Ihn die ganze Schar zu versammeln. Das war eine römische Kohorte von rund 600 Soldaten, das ist der zehnte Teil einer Legion. Sie wurde angeführt von einem Obersten.

Was die Soldaten dann in ihrer kaltherzigen Bosheit taten, ist für uns in unserer heutigen Zeit und Kultur menschlich unbegreiflich. Sie ließen ihren Zorn an ihrem Schöpfer aus. Manche meinen, dass sie normalerweise so etwas nicht an einem schuldigen Kriminellen getan hätten. Wir dürfen diese Handlungen allerdings nicht aus unseren Erfahrungen in Deutschland beurteilen. Wir wissen inzwischen auch, dass es Länder gibt, in denen Ähnliches heute noch immer genau so geschehen würde. Dennoch hat man den Eindruck, dass Satan diese Menschen geradezu angestachelt hat, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, Hass und Grausamkeit auszuleben. Sie sahen jemanden, der offensichtlich unschuldig war. Diese Gelegenheit benutzen sie, um in der hassenswürdigsten Weise auf Ihn einzuschlagen. Sie offenbaren, was letztlich in jedem Herzen des Menschen gegen Gott und seinen Christus vorhanden ist.

Was den Herrn Jesus betrifft, handelte es sich um die Stunde seiner Unterwerfung unter die ganze Macht des Bösen. Es war die Stunde des Menschen „und die Gewalt der Finsternis“ (Lk 22,53). Der Herr offenbarte, dass bei Ihm das Ausharren ein wirklich vollkommenes Werk hatte (vgl. Jak 1,4). So wurde sein Gehorsam zu jeder Seite hin völlig offenbar. Was für ein Unterschied zwischen diesem Betragen in den allerschwierigsten Umständen und dem Verhalten des ersten Adam! Dieser war rundherum von Segnungen umgeben und fiel doch in Sünde. Unser Herr dagegen war umgeben von der Macht der Finsternis und litt unsagbare Qualen. Aber Er blieb seinem Gott und Vater gehorsam und offenbarte nur die Vollkommenheit seiner Liebe und Hingabe.

Auch in den Folgeversen lesen wir nichts davon, dass der Herr sich gegen die Misshandlungen gewandt hätte. Er erduldete alles still und stumm, in Hingabe für seinen Gott und für uns. All sein Handeln offenbarte eine bewundernswerte Geduld. So hatten es die Propheten angekündigt: „Ich bot ... meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber der Herr, Jahwe, hilft mir; darum bin ich nicht zuschanden geworden, darum machte ich mein Angesicht wie einen Kieselstein und wusste, dass ich nicht würde beschämt werden. Nahe ist, der mich rechtfertigt: Wer will mit mir rechten? ... Siehe, der Herr, Jahwe, wird mir helfen: Wer ist es, der mich für schuldig erklären könnte? Siehe, allesamt werden sie zerfallen wie ein Kleid, die Motte wird sie fressen“ (Jes 50,6–9). Er war der Mann der Schmerzen, der sich still und stumm zur Schlachtung und zum Scheren hat führen lassen (vgl. Jes 53,7).

Der scharlachrote Mantel

Zum Spott zog man Christus dann aus, wie Matthäus es schreibt. Man nahm Ihm nicht nur seine Kleider weg. Man nahm Ihm alles, um Ihn zu verspotten und zum Hohn zu machen. Daher legte man Ihm stattdessen einen scharlachroten Mantel um. Schon in der Einleitung haben wir gesehen, dass Karmesin bzw. Scharlach die königliche Farbe Israels ist. Nicht von ungefähr heißt es daher bei Matthäus, dass die Soldaten dem Herrn einen Mantel dieser Farbe zur Verhöhnung anzogen. Er sollte das Spottbild königlicher Würde tragen. Johannes spricht dagegen von einem Purpurgewand (vgl. Joh 19,2). Diese Farbe spricht mehr von dem Königtum des Herrn über alle Völker (siehe die Einleitung).

Das Nachdenken über den scharlachroten Spottmantel, den die Soldaten für den zum Kreuzestod verurteilten König der Juden übrig hatten, lenkt unseren Blick auf Psalm 22. Dort klagt der Herr Jesus prophetisch: „Ich aber bin ein Wurm“ (Ps 22,7). In den Versen 13 und 14 dieses Psalms werden die hasserfüllten Taten der Juden, der Hohenpriester und Ältesten, beschrieben. In den Versen 15 bis 19 wird die Kreuzigung angesprochen, ausgeführt von den heidnischen Soldaten. In Vers 7 jedoch lesen wir von den Empfindungen des Herrn im Blick auf seine Behandlung vonseiten der Menschen ganz allgemein. Er fühlte sich wie ein Wurm.

Das hier verwendete Wort beziehet sich auf eine Laus, die Coccus Cacti. Wenn man dieses Insekt zerdrückte, wurde die scharlachrote Farbe gewonnen. So musste der Herr – in diesem Bild gesprochen – am Kreuz „zerdrückt“ werden, sein Leben in den Tod hingeben. Das Ergebnis davon ist, dass Er sein irdisches Volk in Wahrheit und in königlicher Herrlichkeit zu Gott zurückführen wird. Dann wird Er nicht mehr Gegenstand des Spottes sein, sondern der Anbetung. Daran erinnert uns dieser Spottmantel, der die Anrechte unseres Herrn auf die Königswürde lächerlich machen sollte. Dabei war Er wirklich der wahre König, von Gott gesandt und gesalbt.

Krone und Zepter – Dornen und Rohrstab

In Vers 29 lesen wir dann, dass den Soldaten diese Schmähung nicht ausreichte. Dem Herrn wurde weiterer Hohn zuteil, der zugleich größte körperliche Schmerzen auslöste. Die Soldaten flochten eine Krone aus damals recht langen Dornen, die sie unserem Retter auf den Kopf setzten. Nicht genug damit. Man gab Ihm statt eines Zepters ein zerbrechliches Rohr in die Hand, um Ihn weiter zu verspotten. Dann fiel man vor Ihm auf die Knie wie vor einem König. In sarkastischer Weise beugte man sich vor dem wahren König der Juden, der hier in gegeißeltem und gefangenen Zustand vor ihnen stand. Man machte sich über Ihn lustig. Schließlich spuckte man Ihn an, um Ihm dann mit Hilfe des Rohrstabes noch oben auf die Dornenkrone zu schlagen. So zerbrechlich das Rohr gewesen sein mag: Diese Menschen wollten die Schmerzen und Blutungen Jesu mit aller Macht erhöhen.

Wenn sie gewusst hätten, dass der Sohn Gottes vor Ihnen stand, der wirklich der wahre König Israels war, hätten sie das wohl nicht getan (vgl. 1. Kor 2,8). Aber diese grausamen Menschen wollten es nicht wissen und hatten umso größeren Spaß daran, einen Unschuldigen so gut wie möglich zu erniedrigen. Wie muss das unseren Herrn innerlich und äußerlich geschmerzt haben. Er hatte vollkommene Empfindungen für das, was man Ihm hier antat. Seine Vollkommenheit führte nicht zu einer Reduktion, sondern zu einer Steigerung der Empfindungen über den Hass, die Bosheit und die Brutalität der Behandlung.

Wenn wir an die Dornenkrone denken, müssen wir zu dem Sündenfall des ersten Menschen zurückgehen. Das Lesen von 1. Mose 3,18 lässt darauf schließen, dass Dornen und Disteln nicht zur ursprünglichen Schöpfung Gottes (1. Mo 1) gehörten, sondern vermutlich ein Ergebnis des Sündenfalls sind. Sie gehörten wohl nicht zu der wunderbaren Schöpfung, von der wir in Kolosser 1,16 lesen, dass der Herr Jesus diese Pflanzen „für sich“, für seine eigene Freude, gemacht hat. Dornen sind der Fluch Gottes über die Sünde und die Erde, von uns Menschen bewirkt. Das führt uns zu Galater 3,13: „Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns geworden ist (denn es steht geschrieben: ‚Verflucht ist jeder, der am Holz hängt. ‘“ Dieser Fluch musste noch über unseren Herrn kommen – die Dornen sind aber schon eine erstes Anzeichen davon.

Dieser Fluch kam auf den Kopf unseres Retters. Dann drangen diese Fluch-Dornen unter den Schlägen auf grausame Weise in die göttliche Stirn des vollkommenen Menschen. Nicht nur das, sein Herz wurde von diesen Schmerzen ebenso gemartert wie seine Stirn. Was für einen Widerspruch hat der Herr so gegen sich erduldet (vgl. Heb 12,3).

Die heidnischen Soldaten, die Ihm das antaten, werden sich einmal vor diesem Menschen niederbeugen, ja werden von Ihm sogar gerichtet werden. Wir können uns nicht vorstellen, was für eine furchtbare Bestürzung sie erleben werden! Sie werden denselben Herrn, der damals der Mann der Schmerzen war, auf dem Gerichtsthron in Herrlichkeit sitzen sehen. Aber dann wird Er nicht der von ihnen gedemütigte Mensch sein, sondern ihr Richter. Sie werden sich für ihre schrecklichen Taten verantworten müssen. Und doch werden sie auf 1.000 Fragen nicht eine Antwort geben können. Das ewige Gericht erwartet sie dort.

Eine andere Krone – ein anderes Zepter

Dann wird Er anders bekleidet sein: „Den Wunsch seines Herzens hast du ihm gegeben und das Verlangen seiner Lippen nicht verweigert ... Leben erbat er von dir, du hast es ihm gegeben: Länge der Tage immer und ewig ... Denn auf den Herrn vertraut der König, und durch des Höchsten Güte wird er nicht wanken“ (Ps 21,3.5.8). Er wird viele Diademe tragen (vgl. Off 19,12), ein echtes Zepter wird Er in seiner Rechten halten (vgl. Ps 2,9). Und alle werden sich vor Ihm in den Staub legen, vor dem Herrn der Herren und König der Könige.

Damals jedoch wurde Er so verhöhnt, dass dadurch sein Herz gebrochen wurde (vgl. Ps 69,19). In die Hand, die auch in diesem Augenblick alle Dinge am Leben erhielt, gelangte ein Zepter des Spotts. Einer nach dem anderen kamen diese bösen Menschen und beugten ihre Knie vor Ihm in schmähender Weise. Mit dem Freudengruß „Sei gegrüßt, König der Juden“ verhöhnten sie Ihn. Ihr Gruß wurde begleitet von ihrem Speichel, den sie auf das Angesicht Jesus spritzen ließen, um Ihn dann noch brutal zu schlagen. Was musste unser Erlöser erdulden – es fehlen die Worte, um das in angemessener Weise auszudrücken. Wir können nur in Anbetung vor Dem niederfallen, der das alles für uns erduldet hat.

Am Schluss dieser Prozedur zog man dem Herrn wieder seine eigenen, blutbefleckten Kleider an. Die Folgen der Geißelung waren unzweifelhaft darauf zu sehen. Wenn man nur daran denkt, dass der Körper Jesu noch nicht getrocknet sein konnte von den vielen Blutungen der Geißelung: Wie schmerzhaft muss dann das mehrfache Abreißen seiner Kleider und das neue Anziehen gewesen sein. Auf Ihn nahm hier niemand Rücksicht. Lediglich rund zweieinhalb Stunden sind vergangen, seit der Herr das erste Mal vor Pilatus gestanden hat. Aber was für ein äußerlicher Unterschied ist nun festzustellen – ein Mann, der wohl kaum noch wiederzuerkennen war im Vergleich zum frühen Morgen!

Johannes 19,4–16 kommt, wie wir schon gesehen haben, in die Mitte von Vers 31 hinein. Aus Johannes 19,14 wissen wir, dass es jetzt nach römischer Zeitrechnung um die sechste Stunde war – also vermutlich zwischen 6 und 7 Uhr morgens. Das lässt uns erkennen, welche gewaltigen Anstrengungen der Herr in der damit gerade ablaufenden Nacht hinter sich hatte. Sie begann damit, dass Er das Passah mit seinen Jüngern feierte. Dann sprach Er mit seinen Jüngern über das, was Er ihnen noch mitgeben wollte (Joh 13–17). Danach kam Gethsemane, dann die Gefangennahme, daraufhin zwei Verhöre vor Annas und Kajaphas.

Nach Sonnenaufgang, vielleicht um 6 Uhr morgens fand sogleich die kurze „Pseudo“-Sitzung des Synedrium statt. Dort verurteilten sie Ihn zum Tod und überlieferten Ihn an die römische Besatzungsmacht in Person von Pilatus. Im Anschluss daran folgten mehrere Verhöre vor Pilatus und Herodes, dazwischen noch die Geißelung. Was für Leiden kommen vor uns, wenn wir diese Fülle an Drangsalen bedenken, die unser Herr in solch kurzer Zeit durchzumachen hatte. Und das ohne ein einziges Wort der Klage!

Der König wird gekreuzigt (Verse 32–38)

„Als sie aber hinausgingen, fanden sie einen Menschen von Kyrene, mit Namen Simon; diesen zwangen sie, sein Kreuz zu tragen. Und als sie an einen Ort gekommen waren, genannt Golgatha, das heißt Schädelstätte, gaben sie ihm Wein, mit Galle vermischt, zu trinken; und als er es geschmeckt hatte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider unter sich, indem sie das Los warfen. Und sie saßen und bewachten ihn dort. Und sie brachten oben über seinem Haupt seine Beschuldigungsschrift an: Dieser ist Jesus, der König der Juden. Dann werden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer auf der rechten und einer auf der linken Seite“ (Verse 32–38).

Nachdem die Heiden alles getan haben, um den Herrn Jesus zu misshandeln, kommen wir in den nächsten Versen zu der Kreuzigungsszene. Es war in Rom üblich, den zu Kreuzigenden vorher in einer Prozession durch die Stadt zu senden. Das tat man, damit sich jeder an dessen Angst und Verurteilung ergötzen könnte. So handelte man auch mit Christus. Mit seinem Kreuz musste Er „hinausgehen“, aus der Stadt Jerusalem hinaus. Interessanterweise wird der Name dieser Stadt im Matthäusevangelium das letzte Mal am Ende von Kapitel 23 erwähnt.

Aus Hebräer 13 wissen wir, dass das Hinausgehen aus der Stadt im Blick auf das Opfer des Herrn eine besondere Bedeutung hat. Beim Sündopfer musste das Tier hinausgebracht werden, außerhalb des Lagers, an einen reinen Ort (vgl. 3. Mo 4,12.21; Heb 13,11.12). Nach 4. Mose 15,35, 1. Könige 21,13 und Apostelgeschichte 7,58 fanden auch Hinrichtungen außerhalb der Stadt statt. Denn die Stadt sollte durch solche Todesurteile nicht verunreinigt werden.

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass der vollkommene Herr der einzig wirklich Reine in dieser Stadt war. Die Führer der Juden meinten, sich dadurch rein zu erhalten, dass sie Ihn aus der Stadt warfen. In Wirklichkeit aber musste der Reine aus der durch die Sünde der Juden verunreinigten Stadt Jerusalem hinausgehen, um außerhalb der Stadt zu leiden. Dadurch erfüllte Er die Schriften und die Vorbilder der Opfer. Zugleich erfüllt es uns mit Anbetung, dass Er sich von den unheiligen Juden und Heiden aus der Stadt ans Kreuz hinausführen ließ. Sie warfen Ihn aus der Stadt hinaus und schlugen Ihn mit moralisch beschmutzten Händen an ein Kreuz.

Aus Johannes 19,17 wissen wir, dass der Herr sich selbst das Kreuz trug. Die anderen Evangelisten, auch Matthäus, berichten, dass man während dieses Gangs einen vorbeigehenden Mann zwang, das Kreuz anstelle von Jesus zu tragen. Offenbar hat Christus das Kreuz einen Teil des Weges selbst getragen. Dann übernahm Simon von Kyrene die Aufgabe, das Holz weiterzutragen.

Johannes 19,17 stellt also keinen Widerspruch zu Matthäus und den anderen Evangelisten dar. Offenbar beschreibt dieser Evangelist den Weg des Herrn von der Verurteilung bis zur Stadtgrenze. Die synoptischen Evangelien hingegen zeigen den Weg, den der Herr danach gegangen ist: von der Stadtmauer bis nach Golgatha.

Warum trägt ein zweiter Mann das Kreuz?

Viel ist spekuliert worden, warum das nötig war. Jesus sei unter der Last des Kreuzes zusammengebrochen, denken manche. Wir wollen bei andächtigem Nachsinnen bedenken, dass der Herr Jesus vollkommen Mensch war. Wir haben darüber nachgedacht, was für körperlichen Qualen Er schon bis zu diesem Zeitpunkt erleiden musste. Viele Menschen starben schon allein wegen der furchtbaren Geißelung. Wir dürfen nicht ausschließen, dass die Soldaten tatsächlich Angst hatten, dass Jesus durch die körperlichen Schwächungen keine Kraft mehr für den restlichen Weg haben könnt. Wir dürfen auch nicht den hohen Blutverlust durch die Geißelung übersehen. Diese ungläubigen Menschen kannten die Worte des Herrn über seinen Tod nicht (Joh 19,18). So konnten sie nur nach menschlichen Überlegungen handeln.

Wir müssen überhaupt bedenken, dass die Schrift zu diesem Thema nichts weiter sagt. Der Herr Jesus war wirklich vollkommen Mensch und hat diese Drangsale empfunden und erlebt. Aber Gottes Wort lässt überhaupt keinen Gedanken daran aufkommen, Er hätte unter der Last des Kreuzes zusammenbrechen können. Bei keinem der Evangelisten wird ein solcher Hinweis gegeben oder als Erklärung dafür benutzt, dass Simon das Kreuz tragen musste. Wir müssen uns vor falschen Urteilen hüten!

Gott hatte seine Absicht damit, dass Simon gerade in diesem Augenblick an jener Stelle stand, wo der Herr das Kreuz trug. Er hat dafür gesorgt, dass ein Fremder das Kreuz für den Herrn Jesus tragen musste. Die Soldaten zwangen Simon, das Kreuz zu übernehmen. Christus würde sein Werk freiwillig ausführen, ein Werk, das viel, viel schwerer war. Denn die Qualen, die am Kreuz auf Ihn warteten, waren viel, viel schlimmer als das, was hier mit dem Tragen des Kreuzes zusammenhing.

Man kann an dieser Stelle noch darüber nachdenken, dass Gott dem Herrn Jesus jetzt einen zweiten „Vorläufer“ schenkte. Bei seiner Geburt und vor seinem ersten öffentlichen Auftritt hatte unser Retter Johannes den Täufer als Herold und Vorläufer. Kurz vor seinem Kreuz wurde Ihm ein zweiter Vorläufer zuteil, der nicht seinen Thron, wohl aber sein Kreuz zu dessen Bestimmungsort brachte. Auch dafür hat Gott durch Simon von Kyrene gesorgt.

Simon von Kyrene (Vers 32)

Wer war dieser Simon? Simon von Kyrene muss ein Afrikaner aus dem heutigen Libyen (vgl. Apg 2,10) gewesen sein. Die Schande, die mit dem Tragen des Kreuzes verbunden war, konnte man vermutlich keinem Einheimischen, keinem Juden oder Römer, zumuten. Daher griff man sich den erstbesten Ausländer, der vorbeikam. Dieser hatte dann keine Wahl mehr, denn er stand einer Übermacht aus römischen Soldaten gegenüber.

Markus nennt seine beiden Söhne mit Namen: Alexander und Rufus (Mk 15,21). Letzterer kommt eigenartigerweise, dem Namen nach, auch in Römer 16,13 vor. Sollte uns das nicht eine Erklärung dafür geben, warum Gott gerade diesen Simon vorbeigehen ließ? Auch auf dem Weg zum Kreuz wollte Christus einer Seele dienen, die dadurch zum Glauben finden würde. So sehen wir mit Bewunderung, dass der Herr selbst in Verbindung mit den größten Leiden um das Seelenheil anderer besorgt war.

Am Zeitpunkt ihres Zusammentreffens war Simon wohl noch ein unbekehrter Mann. Denn wir lesen ausdrücklich, dass er gezwungen werden musste, das Kreuz zu tragen. Abgesehen davon wäre er an diesem ereignisreichen Tag sicher in Jerusalem geblieben, wenn er bereits ein bekehrter Mann gewesen wäre. Aber offensichtlich war er anschließend von der moralischen Würde Dessen, der neben ihm in stiller Hingabe trotz schlimmster Schmerzen nach Golgatha ging, überwältigt. So hat Simon sicher seinen Kindern und seiner Frau von diesem Mann erzählt. War das der Auslöser für ihre Bekehrung?

Wir können annehmen, dass nicht nur seine Söhne, sondern auch Simon unter den Jüngern als ein Christ bekannt geworden war. Ob schon ein gewisses Interesse an Glaubensfragen die Ursache dafür war, dass er jetzt in Jerusalem beim Passahfest war? Dann wäre er schon vorher ein zumindest gottesfürchtiger Mann gewesen. Wir können das nicht sicher sagen. Vielleicht war Simon auch einfach ein Fremdling, der in Jerusalem Arbeit gefunden hatte (er kam ja vom Feld).

Es ist sicher auch nicht von ungefähr, dass dieser Mann gerade Simon hieß. Soll uns das nicht an den anderen Simon, an Petrus, erinnern? Dieser hatte gesagt, dass er bereit wäre, sogar mit Christus zu sterben. Hier hätte er Gelegenheit gehabt, sich an der Seite seines Meisters zu bewähren. Aber durch seine dreifache Leugnung war er in diesem Augenblick für den Herrn unbrauchbar geworden. Wie hätte er es wagen können, jetzt neben seinem Herrn zu gehen? Er war nicht mehr an der Seite seines Retters. So musste gewissermaßen ein anderer Simon seinen Platz einnehmen. Dieser tat es in Treue. Dafür hatte Gott vorgesorgt.

Schließlich weist uns Simon noch auf ein anderes Thema hin, was der Geist Gottes schon in Kapitel 16,24 belehrend angesprochen hat. „Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach.“ Für uns als Gläubige gilt, dass wir unser Kreuz aufnehmen sollen (nicht das Kreuz Jesu, wie es Simon tat). Damit ist nicht gemeint, dass wir ertragen sollen, wenn wir krank sind. Sondern so, wie das Kreuz Jesu mit Verachtung und Spott verbunden war, sollen wir bereit sein, uns bewusst auf seine Seite zu stellen.

„Wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig“ (Mt 10,38). Nachfolge hinter dem Herrn her geht nur mit dem Kreuz. Unser Weg führt nicht zu einem Kreuz der Sühnung, sondern ist mit einem Kreuz der Hingabe für unseren Erlöser verbunden. Seinen beiden Jüngern Johannes und Jakobus hatte der Herr in Matthäus 20,23 gesagt, dass sie sogar seinen Kelch trinken würden. Und das gilt auch für uns in einem begrenzten Maß, wenn wir bereit sind, mit Christus zu leiden. Die Welt wird uns früher oder später verachten, hassen und hinauswerfen, wenn wir uns wirklich auf seine Seite stellen. Denn dann werden wir die Verwerfung der Welt erleben (vgl. Gal 2,19.20; 6,14).

Golgatha (Vers 33)

Zusammen mit Simon und der begleitenden Soldaten- und Volksmenge ging unser Herr nach Golgatha. Matthäus weist ausdrücklich darauf hin, dass dieser Name Schädelstätte bedeutet. Wahrscheinlich kommt dieser Name von der Gestalt des Hügels, der wie ein Schädel aussieht. Hinzu kommt aber, dass durch die vermutlich häufigen Hinrichtungen diese Stätte auch von Schädeln Toter wimmelte.

Es handelte sich bei Golgatha also um die Stätte der Toten. Aus 4. Mose 19,16 wissen wir, was das für einen reinen Juden bedeutete. Es war letztlich ein unreiner Ort, durch den Tod geprägt. Hier wurde Christus vonseiten der Menschen zu den Toten gezählt. Hier musste Er für uns, die geistlich Toten, sterben. Hier wurde Er für uns „zur Sünde gemacht“ (2. Kor 5,21). Dieser Ort sollte das Merkmal tragen, dass Derjenige, der in sich selbst das Leben ist, sterben würde. Dieser Platz macht uns dankbar.

Betäubungswein (Vers 34)

Unser Herr ist vollkommen Mensch geworden. Obwohl Er zugleich der ewige Sohn Gottes ist, musste Er als Mensch zuerst den Wein, mit Galle vermischt versuchen. Denn nur so konnte Er beurteilen, was das für eine Flüssigkeit war. Natürlich wusste Er dies als der ewige Sohn Gottes von Anfang an. Aber wir sehen Ihn hier als Mensch, der bereit war zu schmecken, um beurteilen zu können. Diese Doppelseitigkeit übrigens machte diese Stunden so schrecklich. Er wusste alles vorher, musste aber dann als Mensch alles ganz persönlich erleben und in diesem Sinn – in Ehrfurcht gesprochen – „entdecken“. Wir können nicht in dieses Geheimnis seiner Person eindringen. Er ist und bleibt Gott und Mensch in einer Person. Entweder leuchtet besonders die eine oder die andere Seite hervor – Er ist und war immer beides.

Der Herr Jesus wies den Wein zurück, nachdem Er ihn versucht hatte. Denn dieses Getränk sollte die Verurteilen betäuben. Dadurch sollten die Schmerzen nicht von Anfang an in vollem Maß empfunden werden. Man kann davon ausgehen, dass die beiden Räuber, die auf der linken und rechten des Herrn gekreuzigt wurden, diesen Betäubungstrank nahmen. Normalerweise wurde er von den Verurteilten dankbar angenommen.

Der Herr lehnte nicht das Trinken als solches ab, wohl aber jede Art von Schmerzbetäubung. Christus wollte nämlich weder den vollen Schmerzen noch dem Kelch des Zornes Gottes, den Er nach dem Ratschluss Gottes trinken musste, in irgendeiner Weise ausweichen. Das erinnert uns an das Passahlamm, bei dem das Feuer nach 2. Mose 12 ebenfalls nicht geschmälert werden durfte. Das Lamm durfte nicht im Wasser gekocht und erst recht nicht roh gegessen werden. Es musste der ganzen Hitze des Feuers ausgesetzt werden. So wollte auch der Herr nicht zulassen, die Ihm von Gott auferlegten Leiden irgendwie zu dämpfen. Er war bereit, alles auf sich zu nehmen, was Gottes Ratschluss vorsah, sowohl vonseiten der Menschen als auch von Gottes Seite. Dabei vergessen wir nicht, dass wir nicht gelesen haben, dass Er seit der Passahfeier irgendetwas getrunken habe. Der Herr Jesus muss wirklich viel Durst gehabt haben. Johannes bezeugt daher auch die entsprechenden Worte des Herrn am Kreuz. Niemand stillte diesen äußerlichen Durst des Herrn. Und wenn ein Getränk mit schmerzhemmenden Zusätzen verbunden war, wollte Er selbst nicht davon trinken.

Wir dürfen nicht übersehen, dass diese Worte auch eine Erfüllung alttestamentlicher Weissagungen darstellen. Wie wir mehrfach gesehen haben, sind die von Matthäus geschilderten Leiden nahezu in jedem Vers eine Erfüllung der Vorhersagen des Alten Testaments. So auch hier: „Und sie gaben in meine Speise Galle“ (Ps 69,22). Alles musste erfüllt werden, was in Bezug auf seine Leiden vorhergesagt worden war.

Kreuzigung und Verteilung seiner Kleider (Verse 35.36)

Damit beginnen die sechs Stunden, die der Herr Jesus am Kreuz hing. „Als sie ihn gekreuzigt hatten“ – was für eine Aussage! Wir finden in den Evangelien keine Erklärungen und Ausschmückungen, wie der Herr an das Kreuz genagelt wurde. Es steht auch nirgends, was einzelne Menschen taten, damit Er dort festgenagelt werden konnte. Das alles verschweigt uns der Geist Gottes, weil Er das Augenmerk auf andere Punkte lenken möchte. Er wollte offensichtlich vor allem vermeiden, dass wir in sentimentaler Weise über das Kreuz von Golgatha nachdenken. In beeindruckend zurückhaltender Form spricht Gott von dem, was mit seinem Sohn geschah. Bringt uns diese Art der Schilderung nicht viel stärker zu wahrer Anbetung, als dies irgendeine bildreiche Schilderung tun könnte? Daran wollen wir uns auch orientieren, wenn wir unseren Herrn für sein Opfer am Kreuz preisen und anbeten. Das gilt auch jetzt, wenn wir etwas über die Passion Christi schreiben.

Das Nachdenken über diese Verse zeigt: Der Retter war hier vor den Augen seiner Feinde entblößt. Alles hatte man Ihm weggenommen, auch seine Kleider, wie es später heißt. Die gaffende Menge ergötzte sich an seinem Anblick. Wie die Dornenkrone von dem Fluch der Sünde spricht, so auch das Entblößen. Denn erst nach ihrer Sünde empfanden Adam und Eva, dass sie nackt waren (vgl. 1. Mo 3,7). Genau dieses Schamgefühl wurde hier bei unserem Retter aufs Äußerste verletzt. Er hat das tief empfunden, als Er dort am Kreuz vor den boshaften Augen der Menschen hing. Es gab keinen Tröster, keinen einzigen, der hier für Ihn eintrat und Ihn erfreute (vgl. Ps 69,21). Lukas zeigt, dass später einer der mit Ihm gehängten Räuber die Seite wechselte und sich zu Ihm bekannte. Davon spricht Matthäus nicht. Für den König Israels gab es nur Ablehnung und Hass. Wenn wir Psalm 88, der in erster Linie von den Leiden des künftigen Überrestes spricht, auf Ihn beziehen wollen: Sogar „Freund und Genossen hast du von mir entfernt; meine Bekannten sind Finsternis“ (Ps 88,19).

Wir lernen in diesen Versen etwas von dem Hass der Menschen gegen Christus. Diese Abscheu hat sich bis heute nicht geändert und trifft alle, die sich im Glauben zu Ihm bekennen. Aber die Ablehnung heißt nicht, dass man Ihn nicht für seine Zwecke instrumentalisieren würde. Damals hat man mit seinen Kleidern Handel getrieben. Kleider sind das, was man von einem Menschen äußerlich sieht. So nimmt man heute „Jesus“ als guten, sozialen Menschen. So sei Er das Vorbild für die Menschheit. Selbst verschiedene Religionen sprechen so. Dabei aber vergisst man, dass Christus Richter und nicht Vorbild wäre, wenn Er nicht am Kreuz das Erlösungswerk vollbracht hätte. Und man übersieht, dass man Ihm nur dann nachfolgen kann, wenn man Ihn zuvor als Erlöser und Sündenträger angenommen hat. Damit aber wollen die meisten Menschen – heute wie damals – nichts zu tun haben.

Es heißt, dass das Verteilen der Kleider eine römische Gewohnheit war. Für sie war derjenige, der jetzt am Kreuz hing, keine lebende Person mehr. Er wurde wie ein Toter behandelt, der keine Anrechte mehr auf seine Kleider besaß. So konnte man diese unter sich verteilen, ohne auf irgendwelche Rechtsansprüche Rücksicht nehmen zu müssen. Für diese rauen Menschen war unser Erlöser nicht nur ein Todgeweihter, sondern bereits ein Toter. In Wirklichkeit aber war Er der Retter der Welt.

Psalm 22,17–19

Wir denken auch an die Weissagungen Davids in Psalm 22,17–19: „Denn Hunde haben mich umgegeben, eine Rotte von Übeltätern hat mich umzingelt. Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben. Alle meine Gebeine könnte ich zählen. Sie schauen und sehen mich an; sie teilen meine Kleider unter sich, und über mein Gewand werfen sie das Los.“ Wir sehen uns die einzelnen Aussagen dieser Verse kurz an:

  1. Die erste Aussage zeigt, dass der Herr Jesus empfunden hat, dass Er von Heiden, von unreinen Menschen, gekreuzigt wurde. Unheilige, von Sünde besudelte Menschen haben sich über Ihn hergemacht.
  2. Er fügt hinzu, dass Er inmitten von Übeltätern war. Das bezieht sich sicherlich zuerst auf die gottlosen Menschen, die Ihn ans Kreuz gebracht haben. Aber dann denken wir auch an die Räuber, die zusammen mit Ihm gekreuzigt wurden, Er in ihrer Mitte. Man tat so, als ob Er gemeinsame Sache mit bösen Menschen gemacht hätte. Als der Mittelpunkt der drei Gekreuzigten sollte Er gewissermaßen als der Schlimmste von ihnen dargestellt werden.
  3. Dann spricht der Geist Gottes durch David von der Kreuzigung. Das ist außerordentlich bemerkenswert, denn diese Art der Hinrichtung gab es zu diesem Zeitpunkt, als David schrieb, noch gar nicht. Das zeigt, dass der „Mann nach dem Herzen Gottes“ hier etwas weissagte, ohne wissen zu können, wovon er sprach. Am Kreuz wurden die Hände und die Füße des Herrn durchbohrt. Er fühlte das wie ein Durchgraben seiner Glieder.1
  4. Dann lesen wir, wie tief unser Herr die körperlichen Qualen empfunden hat. Sie waren so furchtbar, dass Er am Kreuz jeden einzelnen Knochen gespürt hat.
  5. Damit nicht genug. Er litt in seiner Seele darunter, dass diese gottlosen Menschen Ihn mit ihren lüsternen Augen angestarrt haben.
  6. Daraufhin spricht David davon, dass man auch die Kleider des Herrn verteilen würde. Für jeden Bestandteil seiner Kleidung fand sich jemand, der es genoss, kostenlos seinen Kleiderschrank auffüllen zu können. Nach Johannes 19,23 handelte es sich um vier Teile, so dass die vier wachhabenden Soldaten jeweils ein Stück bekamen.
  7. Schließlich ist noch vom Gewand Jesu die Rede. Davon spricht Johannes in Johannes 19,23b. Es geht um das Untergewand unseres Herrn. Um dieses losten sie (Vers 24), so dass Psalm 22,19 erfüllt wurde.

Die Kleider Jesu

Aber es gibt eine weitere, tiefe Bedeutung über die reine Erfüllung der Weissagung in Psalm 22,18.19 hinaus. Seine Feinde, die Ihn ans Kreuz brachten, erhielten seine Kleider. Noch wussten sie nichts damit anzufangen als nur damit ihr Spiel zu treiben. Von nun an gehörten diese Sachen nicht mehr dem Todgeweihten, sondern ihnen.

Wenn man jedoch noch Vers 54 hinzuzieht, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass hier eine symbolische Bedeutung in dem Verteilen seiner Kleider liegt. „Hoch erfreue ich mich in dem Herrn; meine Seele soll frohlocken in meinem Gott! Denn er hat mich bekleidet mit Kleidern des Heils, den Mantel der Gerechtigkeit mir umgetan“ (Jes 61,10). Die Soldaten, die hier als Feinde Jesu erscheinen, stehen für alle natürlichen Menschen. Keiner von uns hatte vor seiner Bekehrung letztlich etwas anderes im Sinn, als Christus zu verhöhnen und zu verwerfen. Aber solche Sünder hat Er durch sein Werk auf Golgatha in einer Weise bekleidet, dass Gott uns in Ihm jetzt annehmen kann. Wer Ihn als Retter annimmt, hat Kleider des Heils erhalten. So hat Er durch seinen Tod am Kreuz für Menschen, die als Folge des Sündenfluchs moralisch nackt waren, Kleider der Gerechtigkeit hervorgebracht. Damit wir bekleidet werden konnten, musste Er entkleidet werden.

Sicher saßen die gaffenden Soldaten auch dort, um sich in krankhaftem Genuss an den Leiden der Gekreuzigten zu ergötzen. In diesem Fall hofften sie vergeblich, an Ihm ein Zeichen moralischer Schwachheit zu finden. Stattdessen erlebten sie einen Menschen, der in ungewöhnlicher, ja einzigartiger Weise voller Geduld die unsagbaren Schmerzen und den Spott ertrug. So etwas hatten sie noch nie erlebt. Möglicherweise glaubten sie sogar, dass Er vor ihren Augen ein Wunder tun würde, wenn sie etwas von seinem Leben und Dienst gehört hatten. Sie bewachten Ihn auch, um zu verhindern, dass Er durch ein selbst bewirktes Wunder vom Kreuz herabstieg, wie es manche Vorübergehenden andeuteten. Und das taten sie im Blick auf ein nach außen hin wehrloses Opfer, das einer Wache nie bedurft hätte.

Die Bewachung unseres Herrn hatte noch einen weiteren Hintergrund. Es gibt Zeugnisse, dass sich solche Kreuzigungen bis zu neun Tage hinziehen konnten, je nachdem, wie kräftig der Gekreuzigte war. Daher war auch das Betäubungsgetränk so wichtig. Daher konnten Angehörige oder Freunde des Gekreuzigten in den Nächten kommen, um den so Gefolterten zu befreien. Es bestand zudem die Gefahr, dass sich wilde Tiere über die wehrlosen Opfer hermachten. Daher eine Wache. Was für ein Schauspiel: Da hängt der Sohn Gottes in Menschengestalt am Kreuz und wird bewacht. Er, der diesen Wächtern gerade in diesem Moment den Lebensodem gab und sie überhaupt am Leben erhielt, wurde von diesen bewacht.

Unser Retter blieb weiter stumm. Wir finden zwar insgesamt sieben Aussprüche von Ihm am Kreuz. Aber keiner war zu seiner Verteidigung. Keiner hatte zum Thema, die eigene Würde zu behaupten. Die ersten drei, die Er vor den drei Stunden der Finsternis aussprach, hatten ausschließlich das Wohl anderer Menschen zum Inhalt. So litt Er letztlich still und stumm, leidend und doch nicht drohend, obwohl Er so viel Anlass dazu hatte.

Die Überschrift und die Genossen des Königs am Kreuz (Verse 37.38)

Die Beschreibung bei Matthäus ist sehr gedrängt. Er nennt alles wie im Stakkato-Takt. Ohne weitere Ausschmückungen wird alles aufgeführt, was von Bedeutung ist. Dahinter steht, dass unserem geliebten Retter kein Leiden erspart blieb. Physische Leiden, aber vor allem unsagbare moralische Verletzungen wurden Ihm ununterbrochen zugefügt.

Nun wird am Kreuz eine Aufschrift angebracht: „Dieser ist Jesus, der König der Juden.“ Es heißt, dass ein Krimineller früher ein Brett vor sich oder auf der Stirn befestigt tragen musste. Darauf stand die Tat, derentwegen er verurteilt worden war. So sah jeder, der ihn durch die vollen Straßen zum Hinrichtungsplatz laufen sah, welcher Art sein Verbrechen war. Diese Gewohnheit wurde offenbar, in etwas abgewandelter Form, auch bei dem Herrn angewendet.

Lukas und Johannes berichten, dass die Aufschrift in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache angefertigt wurde. Jeder der Evangelisten nennt sie in etwas anderer Form, entsprechend dem Thema des jeweiligen Evangelisten. Daher ist es möglich, dass sie nicht in jeder Sprache alle Worte umfasste. Bei Johannes finden wir die ausführlichste Darstellung der Überschrift: die größte Form der Erniedrigung als auch seiner Herrlichkeit. Dort ist der Herr Jesus der Erhabene, der Sohn Gottes, und zugleich der niedrige Mensch.

Matthäus berichtet vermutlich – dem Charakter seines Evangeliums entsprechend – von der hebräisch-aramäischen Schrift. Markus nennt vielleicht die lateinische und Lukas die griechische Aufschrift. Natürlich müssen wir annehmen, dass Pilatus diese Überschrift in sarkastischer Weise verstanden wissen wollte. Und doch erhielt der Herr so trotz der Ihn hassenden Juden seinen wahren Titel, und das von einem Heiden: Pilatus.

Die Juden hatten sich im höchsten Maß über Christus lustig gemacht. Ihr König war an ein Kreuz genagelt! Sie erkannten Ihn ja gerade in dieser Herrlichkeit nicht an. Und dennoch war Er wirklich ihr Messias. Gegen ihren Willen mussten sie diese Schmach nun akzeptieren. Allerdings ist auffallend, dass Matthäus deutlich macht, dass es eine Beschuldigungsschrift war. Auch wenn Pilatus derjenige war, der die Überschrift anbringen ließ, schrieb er doch letztlich nur das darauf, worin aus Sicht der Juden die Anklage bestand. So wurden die Führer der Juden durch diese Überschrift, die eigentlich den Verurteilten anklagen sollte, letztlich selbst angeklagt.

Um den Hass und die Gemeinheit voll zu machen, rückten diese Menschen die Kreuze von Räubern an die Seite Jesu. Sie kannten weder Gerechtigkeit noch Erbarmen oder Mitleid. Wieder einmal finden wir, dass Matthäus sehr viel Wert darauf legt, zu zeigen, dass sich die alttestamentlichen Weissagungen in Christus am Kreuz erfüllt haben. „Er ist den Übertretern beigezählt worden“ (Jes 53,12).

Die Kreuzigung selbst wird in keinem der Evangelien beschrieben. Sie war die scheußlichste Qual, um Kriminelle zu Tode zu bringen. Sie kam wohl von den Phöniziern und wurde von der brutalen römischen Regierung gerne aufgenommen. Die Juden waren eigentlich nicht gewohnt, Übertreter durch das Kreuz zu Tode zu bringen. Bei einer Kreuzigung wird jeder Muskel gestreckt, das Lebensblut entströmt so dem Körper. So hing unser Retter am Kreuz und litt unaussprechliche Qualen des Todes. Nun sollten sich auch noch verschiedene andere Weissagungen über seinen Tod erfüllen.

Wenn wir an das Alte Testament denken, stellen dort gerade die Opfer vorbildlich das Werk am Kreuz von Golgatha dar. Aber es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen diesen Tieropfern und unserem Herrn. Die Tiere starben zuerst bzw. wurden geschlachtet, bevor sie auf das Feuer des Altars kamen. Unser hochgelobter Herr dagegen musste das Feuer des Gerichts Gottes über unsere Sünden lebendig und leibhaftig erfahren. Er starb erst, nachdem Er auf das Feuer des Altars gekommen war. Der himmlische, wahre Isaak lag nun auf dem Altar, die Hand Gottes wurde erhoben, um Ihn zu zerschlagen. Es gab keine Rettung vor diesem Kelch, den Er bis zum letzten Tropfen trinken musste. Hier wurde die Hand Gottes nicht angehalten, wie das bei Abraham im Blick auf Isaak der Fall war (vgl. 1. Mo 22,10.11).

Der König am Kreuz wird geschmäht (Verse 39–44)

„Die Vorübergehenden aber lästerten ihn, indem sie ihre Köpfe schüttelten und sagten: Der du den Tempel° abbrichst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst. Wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuz! Ebenso spotteten auch die Hohenpriester samt den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Er ist Israels König; so steige er jetzt vom Kreuz herab, und wir wollen an ihn glauben. Er vertraute auf Gott, der rette ihn jetzt, wenn er ihn begehrt; denn er sagte: Ich bin Gottes Sohn. – Auf dieselbe Weise aber schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren“ (Verse 39–44).

In den Kapiteln 21 und 22 haben wir gesehen, dass alle feindlichen Gruppen hochgestellter Juden kamen, um den Herrn Jesus zu versuchen. Es war ihr erklärtes Ziel, Ihn wenn möglich zu Fall zu bringen. Inzwischen war der Herr gefangen genommen und sogar ans Kreuz genagelt worden. Aber erneut versammelten sich verschiedene Feinde Jesus vor Ihm, um Ihn jetzt in seiner äußersten Schwachheit zu verspotten und zu einer verkehrten Handlung zu bringen. Hinter allem stand – neben dem Hass und der Bosheit des Menschen selbst – Satan, der große Widersacher Christi. Nun kamen

  1. die Vorübergehenden: vor allem Juden, die zum Fest gekommen waren, das allgemeine Volk.
  2. die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten: Die Führer des Volkes hatten noch nicht genug von ihrem Spott.
  3. die Räuber am Kreuz: Sie waren vielleicht Fremde, aber selbst sie stimmten ein in den verächtlichen Spott gegen Christus.

Die Lästerung der Vorübergehenden: Wenn du Gottes Sohn bist (Verse 39.40)

Zwischen der Schilderung der Kreuzigung und dem Höhepunkt, dem Verlassensein von Gott, lesen wir von diesem Spottgesang über Christus. Er zeigt uns, auf welche Weise das Volk der Juden sogar am Kreuz mit seinem Messias umging. Für sie spielte es keine Rolle, dass Er die schlimmsten Leiden zu erdulden hatte. Ihren Hohn ließen sie durch nichts bremsen. Gerade bei Matthäus finden wir in besonderer Weise, wie der Geist Gottes die dem Herrn zugefügte Schmach und die Ihm widerfahrenen Beleidigungen zusammengestellt hat. Markus dagegen betont besonders das Verlassensein von Gott.

Nicht zufrieden mit allem, was schon getan worden ist, fügte das Volk noch das Gift beleidigender Worte hinzu. Dieser Pöbel weiß im Vorübergehen nichts Besseres zu tun, als dem Herrn noch einen letzten Spott-Stich zu verpassen. Voller Hohn greifen sie die Anklage der Juden vor Kajaphas auf (Mt 26,61). Sie behaupten, der Herr habe gesagt, Er könne den Tempel abbrechen und dann innerhalb von drei Tagen wieder aufbauen. Wir haben in Verbindung mit Kapitel 26,61 gesehen, dass der Herr gesagt hatte, dass sie den Tempel abbrechen würden, nämlich den Tempel seines Leibes (vgl. Joh 2,19). Jetzt waren sie im Begriff, genau das zu tun. Der Herr hatte also vorhergesagt, dass Er selbst nach drei Tagen wieder auferstehen würde. Das hatten sie Ihm, ohne seine Worte überhaupt verstanden zu haben, zur Last gelegt und Ihn deswegen verurteilt. Nun wurde Er hier deswegen verspottet. Wenn Er von dem Kreuz herabgestiegen wäre, was sie als Zeichen fordern, hätte Er seine eigene Weissagung nicht erfüllt. Kein Mensch wäre von seiner Sündenschuld befreit worden. Und die Juden hätten dennoch nicht an Gott und seinen Christus geglaubt (vgl. Lk 16,31).

Ist es nicht ein stückweit göttliche Ironie, dass Ihr eigenes Tun – die Ermordung Jesu – dazu führte, dass nach Vers 51 der Tempel wirklich zerstört wurde? Natürlich war das Zerreißen des Vorhangs des Tempels das Ergebnis des Werkes Christi. Aber sie hatten die Verantwortung für seinen Tod. Und nun konnte der Tempel nicht mehr in der ursprünglichen Weise genutzt werden. Er war in diesem Sinn buchstäblich abgebrochen worden.

Die Vorübergehenden, also das gewöhnliche Volk, liebten anscheinend den Zeitvertreib. Sie verbanden sich, wie man hier lesen kann, mit dem Hass der Führer und der Räuber, also mit der oberen und mit der niedrigsten Klasse. Gibt es etwas Scheußlicheres, etwas Verkommeneres, als das, was man hier sieht? Alle Feinde Jesu vereinten sich, um den Herrn mit Füßen zu treten. Er war der Sohn Gottes und der König Israels. Er hätte seine Macht ebenso mühelos erweisen können, wie Er sie im Gericht in naher Zukunft zeigen wird. Damals aber schwieg Er zu diesen bodenlosen Frechheiten und Grausamkeiten. Stattdessen enthüllte Er die göttliche Liebe, indem Er da, wohin Ihn die Menschen mit sündigen Händen gebracht hatten, ausharrte. Sogar das Gericht über die Sünde ertrug Er voller Hingabe.

Wir begegnen hier auch in direkter Weise Satan, obwohl dieser nicht genannt wird. Aber die Herausforderung, „wenn du Gottes Sohn bist, so ...“ kennen wir aus Matthäus 4,3.6. Dort waren es die Worte des Teufels. Jetzt sollte Christus noch einmal gerade im Blick auf seine große Herrlichkeit als Sohn Gottes versucht werden. War Er nicht in der Lage, vom Kreuz zu steigen? Ja und nein. Natürlich besaß Er die Macht, die Nägel in sich selbst zusammenfallen zu lassen. Er hätte allen Richtern sofort das Leben nehmen können. Aber seine Liebe war es, die nicht vom Kreuz herabsteigen konnte. Denn dann wäre kein einziger Mensch zum Glauben gekommen. Wenn der Herr in diesem Augenblick vom Kreuz gestiegen wäre, hätte die Schuld von uns Menschen ihren Höhepunkt erreicht – und es hätte nie wieder Hoffnung auf Errettung bestanden.

Noch einmal erinnern wir uns, dass Matthäus nahezu in jedem Vers dieser Leidensgeschichte alttestamentliche Weissagungen anführt. In Psalm 22 lesen wir: „Alle, die mich sehen, spotten über mich; sie reißen die Lippen auf, schütteln den Kopf“ (Ps 22,8). Nach Psalm 69 musste unser Herr klagen: „Die im Tor sitzen, reden über mich, und ich bin das Saitenspiel der Zecher ... Der Hohn hat mein Herz gebrochen, und ich bin ganz elend; und ich habe auf Mitleid gewartet, und da war keins, und auf Tröster, und ich habe keine gefunden“ (Ps 69,13.21).

Der Spott der Hohenpriester: Andere hat Er gerettet ... (Verse 41–43)

Der Höhepunkt des Spotts kam von den Führern seines Volkes, wie nicht anders zu erwarten war. Für sie gab es nichts Schöneres, als den Herrn der Herrlichkeit mit Hohn zu überziehen. Ihre Stiche waren von besonderer Qualität, denn sie stellten die Kraft des Herrn und die Liebe Gottes zu seinem Christus in Frage. Ihr Sarkasmus richtete sich genau gegen die beiden wesentlichen Wahrheiten seiner Person, dass Er der König Israels und zugleich der Sohn Gottes war. Nur aufgrund dieser beiden Tatsachen war Er und Er allein in der Lage, das Werk Gottes auszuführen. Deshalb konnte Er durch seinen Tod die Erlösung vollbringen, die Israel und alle Menschen nötig hatten. Hätten nicht alle anbetend vor Ihm niederfallen müssen angesichts einer solchen Hingabe für andere? Die einen wollten nicht, weil sie Ihn hassten. Die anderen konnten nicht, weil sie aus Furcht geflohen war.

  • „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten.“ Sie erkannten immerhin an, dass Christus viele Menschen aus ihrem Elend gerettet hatte. Blinde hatte Er sehend gemacht, Taube hörend, Lahme gehend, Besessene von Dämonen befreit. Warum konnte Er sich dann nicht selbst retten? Es gab nur einen einzigen Grund: Weil Er andere retten wollte, nämlich sein Volk (Mt 1,21) und das Verlorene (Mt 18,11). Sich selbst brauchte Christus nicht zu retten! Bis zum Schluss stellte Er sich ganz in den Dienst für andere.
    In diesen Worten liegt noch eine weitere zu Herzen gehende Wahrheit. Als es um andere ging, wurde die gewaltige Kraft des Herrn immer wieder sichtbar. Für sich selbst hat Er diese nicht eingesetzt. Im Gegenteil. Paulus schreibt einmal, dass unser Herr „in Schwachheit gekreuzigt“ worden ist (vgl. 2. Kor 13,4). Gibt es ein Zeichen größerer Schwachheit, als am Kreuz zu hängen? Dieser Schwachheit hat sich unser Retter freiwillig ausgesetzt. Anbetungswürdiger Herr!
  • „Er ist Israels König; so steige er jetzt vom Kreuz herab, und wir wollen an ihn glauben.“ Soeben hatten diese boshaften Menschen den Herrn Jesus ans Kreuz gebracht, weil sie Ihm vorwarfen, Er würde zu Unrecht von sich behaupten, König zu sein. Jetzt forderten sie Ihn heraus, gerade das zu beweisen. Was für ein Schrecken hätte sie getroffen, wenn der Herr das wahrgemacht hätte. Und vergessen wir nie: Er hatte die Macht, dies zu tun. Was aber wäre das für ein Glaube gewesen? So oft hatte der Herr während seines Dienstes derartige Wunder getan. Hatten sie an Ihn geglaubt? Im Gegenteil, ihr Hass war dadurch nur noch größer geworden.
  • „Er vertraute auf Gott, der rette ihn jetzt, wenn er ihn begehrt.“ Gerade sein Vertrauen, sein höchstes Gut als Mensch, wurde nun ebenfalls verspottet. Das ist die schlimmste Form bösartiger Herausforderung vonseiten der Menschen. Was für ein Hohn, sein Vertrauen zu Gott mit Füßen zu treten und zugleich Gott herauszufordern, der doch dieses Vertrauen scheinbar nicht beantwortete. Merkten diese bösen Menschen nicht, dass sie direkt Weissagungen des Alten Testaments zitierten: „Alle, die mich sehen, spotten über mich; sie reißen die Lippen auf, schütteln den Kopf: „Vertraue auf den Herrn! – Der errette ihn, befreie ihn, weil er Gefallen an ihm hat“ (Ps 22,8.9). Eigentlich hätten die Hohenpriester diese Verse kennen müssen. Der Psalmist macht deutlich, dass das Vertrauen des Herrn zu seinem Gott auch durch diese bösen Worte nicht erschüttert werden konnte. Er blieb der abhängige Mensch, der alles von seinem Vater erwartete. „Bewahre mich Gott, denn ich suche Zuflucht bei dir“ (Ps 16,1). Am Fuße des Kreuzes zitierten die Führer Israels Psalm 22. Kurze Zeit später würde Jesus selbst diesen Psalm in erschütternder Weise zitieren.
  • „Denn er sagte: Ich bin Gottes Sohn.“ Nach meiner Kenntnis lesen wir kein einziges Mal, dass der Herr so von sich gesprochen hätte. Er hatte sich immer wieder „Sohn des Menschen“ genannt, nicht jedoch ausdrücklich von sich als dem Sohn Gottes gesprochen. Petrus hatte das einmal getan, und auch der Vater hat das deutlich ausgerufen. Christus hat das bestätigt, ohne es direkt von sich zu sagen. Allerdings hatte Er deutlich gemacht, dass Er vom Vater ausgegangen war. Denn Er war der Sohn Gottes, wie Er Kajaphas bestätigt hatte. Zugleich jedoch war Er war der Demütige, der alles besaß und auf alles freiwillig verzichtete, um andere zu erlösen. Der alles verkaufte, um den Schatz und die Perle zu besitzen.

Alles das, was das Herz des Herrn am meisten berührte, wurde hier also mit Füßen getreten. Die furchtbaren Prüfungen konnten allerdings letztlich nur seine Vollkommenheiten offenbaren. Und noch immer tat Er seinen Mund nicht auf. Hier war Er nach Psalm 22,13.14.17 von einem reißenden und brüllenden Löwen, von Stieren von Basan, von einer Rotte von Übeltätern umgeben. Sogar die Räuber, die mit Ihm gekreuzigt waren, schmähten Ihn. Alle verbanden sich gegen den Christus Gottes (vgl. Apg 4,27).

Noch einmal müssen wir allerdings klar erkennen: All diese Leiden, die Christus vonseiten der Menschen erduldet hat und die furchtbare Qualen für unseren Retter beinhalteten, sühnten keine einzige Sünde. Sie zogen nicht das Heil der Sünder nach sich. Nein, sie werden das Gericht Gottes herbeiführen, wenn Christus wieder auf die Erde kommen wird bzw. wenn diese Menschen vor Ihm erscheinen müssen. Dann wird Er auf dem großen weißen Thron sitzen und ihr endgültiges Gericht aussprechen. Das wird furchtbar für sie sein.

Jesus Christus, das Schuldopfer, am Kreuz von Gott verlassen (Verse 45.46)

„Aber von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Um die neunte Stunde aber schrie Jesus auf mit lauter Stimme und sagte: Eli, Eli, lama sabachthani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Verse 45.46).

Der vierte und damit mittlere Abschnitt der Kreuzigungsszenen ist zweifellos der Höhepunkt von allem. Hier kommen wir zum Mittelpunkt der „Ewigkeiten“, zum Dreh- und Angelpunkt der Zeit, zum Herzen des Ratschlusses Gottes. Dieser Mittelpunkt wird in einer Kürze behandelt, die erstaunlich ist. Gerade einmal „zwei Verse“ hat der Geist Gottes für das reserviert, was die Sühnung unserer Sünden bedeutet.

Man mag sich fragen, warum das wichtigste Thema des Evangeliums so kurz behandelt wird. Die Antwort liegt darin, dass nur Gott in der Lage ist, in vollständigem Maß zu beurteilen und wertzuschätzen, was in diesen drei Stunden der Finsternis geschah. Diese Szene dauerte von 12 Uhr mittags bis um 15 Uhr. Wir Menschen haben letztlich keinen Einblick in diesen Vorgang. Selbst die Erlösten können nur erahnen, was hier geschah. „Wer könnte je ergründen ..., und wer Verständnis finden von dem, was dort geschehn?“

Die Finsternis

Nur der Ruf am Ende dieser drei Stunden ist uns überliefert worden. Dieser Ruf gibt uns eine gewisse Vorstellung von dem, was hier passierte – mehr nicht. Es war eine Zeit, wo vermutlich über das ganze Land Israel, manche meinen über das ganze Römische Reich hinweg, diese Finsternis kam. Es handelte sich um keine Sonnenfinsternis, sondern um ein übernatürliches Einschreiten Gottes. Er ließ nicht zu, dass Menschen, die seinen Sohn verhöhnt hatten, sich weiter an ihrem Opfer weideten, während Er mit Ihm unserer Sünden wegen abrechnete. Der Herr Jesus hatte keine Sünde – Er musste nicht um seiner selbst willen leiden. Es waren unsere Sünden, die dort auf Ihn geladen wurden.

Die Finsternis war allerdings nicht nur ein Verhüllen vor den Augen der Menschen. Sie war auch das äußere Zeichen davon, was über Christus kam. In diesen drei Stunden war Er der Stellvertreter der Sünder vor dem heiligen und gerechten Gott. Gott musste sein Angesicht vor Ihm verbergen. Jesus wurde von Gott verlassen – was für ein Inhalt liegt in dieser Aussage! Der Schrei am Ende der drei Stunden erklärt die Bedeutung der Finsternis. Die Finsternis wiederum gibt uns zugleich einen Hinweis auf die Not, die zu diesem Ruf führte.

Es heißt, die Juden hätten selbstgefällig davon gesprochen, dass Gott durch die Finsternis sein Missfallen gegenüber Christus persönlich ausgedrückt habe. So wollen unheilige und böse Menschen ihr Verwerfen seiner Person rechtfertigen. Wie weit sind sie jedoch von der Wahrheit entfernt. Denn was dort geschah, beschreibt Paulus in dem einen Satz: „Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2. Kor 5,21). Eines können wir uns sicher sein: Als die Finsternis kam, kam zugleich Furcht und Schrecken auf die Menschen. Das wird nicht weiter erörtert, weil es um den Herrn ging. Aber die plötzliche, unangekündigte Finsternis haben diese Menschen nicht teilnahmslos erlebt.

Die Sünde des Menschen – die Liebe Jesu

Wohin die Sünde den Menschen gebracht hatte, dahin brachte die Liebe den Herrn. Er jedoch besaß eine vollkommene Natur und ein tiefes Empfindungsvermögen. So fühlte Er die ganze Schwere dessen, was in diesen Stunden auf Ihm lag. Weil bei uns alles durch Sünde und Oberflächlichkeit getrübt ist, fällt es uns schwer, angemessene Empfindungen für das zu bekommen, was Christus am Kreuz erduldete. Letztlich werden wir das auch im Himmel nicht ergründen und vollständig mitfühlen können.

Wir dürfen bis zu einem gewissen Grad Zeugen der Leiden seiner Seele in Gethsemane sein. Dort hatte unser Retter die kommenden Schrecken des Todes am Kreuz vor sich. Wir können in schwachem Maß auch etwas von seinen seelischen und körperlichen Qualen mitempfinden, welche Ihm die hasserfüllten Menschen zugefügt haben. Das alles aber war nur der Weg, auf dem sich Jesus als freiwilliges Opfer Gott zur Verfügung stellte. In den drei Stunden der Finsternis aber erduldete Er als das reine Opfer von Gottes Seite das Gericht. Hier wird dem Menschen nicht mehr gestattet hineinzusehen.

Am Kreuz litt Jesus für alle Sünden, die wir begangen haben, auch für die scheinbar kleinste Verfehlung. Wir werden einmal für jedes unnütze Wort Rechenschaft ablegen müssen (vgl. Mt 12,36). Dort am Kreuz musste Christus auch für unsere unnützen Worte leiden. Er musste ein vollständiges Gericht erdulden, wie es beim Sündopfer durch das Feuer dargestellt wurde, welches das ganze Opfer verzehrte (3. Mo 16,27). Vor dem Richterstuhl werden wir einmal die Berge unserer Sünden sehen, die sein Werk am Kreuz notwendig machten. Sollte uns dieses Bewusstsein nicht davon abhalten, immer wieder zu sündigen?

Am Kreuz wurde der Herr Jesus die Erfüllung aller Opfer des Alten Testaments. Wie wir bereits früher gesehen haben, zeigt uns Matthäus den Herrn Jesus besonders als das Schuldopfer. „Er wird sein Volk erretten von ihren Sünden“ (1,21). Es ist Matthäus, der im „Vaterunser“ den Herrn mit den Worten zitiert: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben“ (6,12). Nur Matthäus spricht von diesem Mann mit der ungeheuren Schuld vor seinem Herrn (18,24). Nur er schreibt in Verbindung mit dem Abendmahl davon, dass das Blut des Herrn vergossen wird zur Vergebung der Sünden (26,28). Hier erfüllte sich die Weissagung aus Psalm 69,5: „Was ich nicht geraubt habe, muss ich dann erstatten.“

Der Ruf des Herrn am Kreuz

Damit kommen wir zu dem Höhepunkt dessen, was uns Gottes Wort über diese drei Stunden der Finsternis mitteilt. Es ist dieser einmalige Ausruf unseres Retters dort am Kreuz. Von sieben Aussprüchen Jesu am Kreuz berichten die Evangelisten.

  • Lukas 23,34: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
  • Lukas 23,43: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“
  • Johannes 19,26 f.: „Frau, siehe, dein Sohn!... Siehe, deine Mutter!“
  • Matthäus 27,46 / Markus 15,34: „El(o)i, El(o)i, lama sabachthani! ... Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
  • Johannes 19,28: „Mich dürstet!“
  • Johannes 19,30: „Es ist vollbracht!“
  • Lukas 23,46: „Vater, in deine Hände übergebe ich meinen Geist!“

Die drei ersten Worte hat der Herr Jesus vor den drei Stunden der Finsternis gesprochen, die drei letzten danach. Der mittlere Ausspruch wird sowohl von Matthäus als auch von Markus wiedergegeben. Wir finden ihn schon in Psalm 22. Was für eine Tatsache, dass Gott schon im Alten Testament hatte aufschreiben lassen, was der Herr Jesus am Kreuz würde erdulden müssen.

Der Herr Jesus dürfte diesen Ruf in aramäischer Sprache ausgesprochen haben. In der griechischen Übersetzung umfasst dieser Ausruf genau sieben Wörter: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Andächtig lesen wir, was der Herr ausgerufen hat. Uns wird erlaubt, diesen Schrei zu hören, damit wir eine Ahnung haben von dem, was hier vor sich gegangen war. Der Herr Jesus war in diesen Stunden ganz alleine mit Gott. Dort wurde Er zur Sünde gemacht. Das heißt nicht nur, dass Er mit der Sünde identifiziert wurde. Er wurde dort sogar zur personifizierten Sünde, Er, von dem drei verschiedene Schreiber des Neuen Testaments ausdrücklich sagen, dass Er keinen Bezug zur Sünde hatte. Petrus schreibt, dass Er keine Sünde getan hat (1. Pet 2,22). Paulus sagt, dass Er Sünde nicht kannte (2. Kor 5,21). Johannes wiederum teilt uns mit, dass Sünde nicht in Ihm ist (1. Joh 3,5). Das zeigt, dass das Gericht nicht daran lag, dass Christus für eigene Schuld gestraft werden musste. Im Gegenteil! Er hat Gott in jeder Hinsicht und in jedem Augenblick seines Leben vollkommen verherrlicht. Aber in dieser Zeit der Finsternis konnte nichts den Kelch der Gerechtigkeit und des Zorns Gottes beseitigen oder dämpfen. Ein Ausleger schreibt dazu: „Die Macht, die in Christus war, beschützte Ihn nicht. Denn Er wollte das Werk der Erlösung vollbringen. Diese Macht aber machte Ihn fähig, das zu tragen, was auf seiner Seele lag: die Gefühle des Schreckens, die der Fluch für Ihn bedeutete. Er trug sie in dem Bewusstsein der Liebe des Vaters. Das Gefühl lag auf Ihm, zur Sünde gemacht zu werden. Er trug es in dem Bewusstsein der in Ihm wohnenden göttlichen Heiligkeit. Weder das eine noch das andere wird je von uns Menschen abgewogen werden können. Er und Er allein trank den Kelch des Gerichts Gottes gegen die Sünde, in diesen drei Stunden.“ (John Nelson Darby) Der Heilige Geist wollte uns offenbar Anteil geben an dem, was der Herr Jesus in seiner größten Not gesagt hat, und wie Er es getan hat.

Wir finden hier übrigens eine ganz andere Sprache als bei Hiob. In seiner schweren Not, die nicht zu vergleichen ist mit diesen drei Stunden, sprach er von Gott und leider auch gegen Gott. Nein, Christus spricht nicht von und schon gar nicht gegen Gott. Er sagt: „Mein Gott“. Wir wollen zudem bedenken, dass der Herr Jesus am Ende der drei Stunden rief. Das zeigt, dass die sühnenden Leiden jetzt ihren Abschluss fanden. Es war kein Ausruf der Verzweiflung, aber es war ein Ruf größter Not. Wir können einfach nicht eindringen in diese drei Stunden. Erst als das Werk der Erlösung zum Abschluss kam, zieht Gott den Schleier ein ganz klein wenig zur Seite. Genug, um uns zu zeigen, dass dieses Gericht der drei Stunden übermenschlich war. Wir können es nicht erfassen. Wir müssen immer wieder erkennen: Hier tun sich Unendlichkeiten auf, die weit über unser Verstehen und Empfinden hinausgehen.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Wir sind nicht in der Lage, diese drei Stunden und den Ruf des Herrn Jesus in der Tiefe zu verstehen. Dennoch hat uns Gott den Ruf unseres Retters weitergeben. Deshalb wollen wir die Worte kurz in anbetender Haltung überdenken:

1. „Gott“: Es ist überhaupt das erste Mal, dass der Herr Jesus zu Gott nicht „Vater“ sagt, sondern „Gott“. Dies zeigt schon, dass es sich hier um eine ganze besondere Situation handeln muss. Noch ein zweites Mal spricht der Herr von seinem Gott. Das ist nach seiner Auferstehung, als Er Maria Magdalene den Auftrag gibt, zu seinen Brüdern zu gehen. Sie soll diesen die großartige Botschaft übermitteln, dass Er zu seinem Vater und zu ihrem Vater, zu seinem Gott und zu ihrem Gott auffahren wird (vgl. Joh 20,17). Da spricht der Name Gottes für die Fülle alles Segens, die das Werk auf Golgatha für den Menschen bewirkt hat.
Hier jedoch spricht die Anrede „mein Gott“ davon, dass etwas Gravierendes, etwas Furchtbares in diesen Stunden passiert ist. Der Herr konnte die Ihm eigene, ewige Gemeinschaft mit Gott nicht genießen, als Er von Gott verlassen wurde. Sowohl am Anfang als auch am Ende der Kreuzesleiden spricht der Herr zum Vater (Lk 23). In diesen drei Stunden jedoch, als Er am Ende zu Gott ruft, zeugt diese Anrede „mein Gott“ von tiefsten Leiden. Er wurde von dem heiligen Gott zerschlagen, wie es der Prophet Jesaja wiedergibt (Jes 53,10). Gott ist zu rein von Augen, um auf Sünde zu sehen (Hab 1,13). Was für ein erschütternder Ausruf Dessen, der stets im Gebet mit seinem Vater war: Mein „Gott“. Diese Anrede zeugt davon, dass Christus von Gott getrennt war, dass es keine Verbindung zwischen dem Menschen Jesus und Gott gab. Unser Retter war in dieser Situation allein, ganz allein.

2. „Mein Gott“: Und dennoch, wenn Christus auch die Gemeinschaft mit Gott in diesen Stunden nicht genießen konnte, so blieb es doch „mein“ Gott! Die Beziehung und das Vertrauen zu Gott blieben auch in diesen schrecklichen Stunden in vollem Maß vorhanden. Die Beziehung Dessen, der den ganzen Ratschluss Gottes erfüllte. Das Vertrauen des leidenden Lammes Gottes zu Dem, der Ihn in diesen drei Stunden verlassen musste, weil fremde Schuld auf Ihn gelegt wurde. Aber gerade das Vertrauen, das die Menschen kurz zuvor höhnend verlacht haben, war und ist immer vorhanden gewesen bei unserem Retter. Auch in den tiefsten Nöten vertraute Er in vollkommener Weise auf seinen Gott.

3. „Mein Gott, mein Gott“: Was für ein Hinweis auf die Schwere der Leiden, dass unser Herr seinen Gott gleich zweimal ansprach. Wir finden sieben Personen, die Gott zweimal mit ihrem Vornamen anrief (Abraham, Abraham, ...). Jetzt aber hören wir, dass Gott selbst zweimal angesprochen wird. Nur dieses eine Mal im Leben unseres Herrn sprach Er zu seinem Gott in dieser doppelten Weise. Hier war die Not in seinem Leben unendlich groß, weil das menschlich Undenkbare, das Einmalige, hier von Ihm erduldet werden musste: Gott wandte sich von seinem eigenen Sohn, dem Menschen Jesus Christus, ab. Diese ungekannte Not kommt in dieser Ansprache an seinen Gott deutlich hervor.

4. „warum“ (nach Markus: „wozu“): Bis zu diesem Zeitpunkt gab es noch keinen einzigen Menschen auf der Erde, der von Gott verlassen wurde. Jesus, der vollkommene, sündlose Mensch, war der erste. Kein Mensch wird sich in der Hölle beklagen können, in Ewigkeit von Gott verlassen zu sein. Denn seine Sünden und seine Unbußfertigkeit haben ihn an diese Stelle gebracht. Auch wir hätten uns nicht beklagen können, wenn Gott uns in Ewigkeit verworfen hätte. Keiner von uns hätte eine Berechtigung für solch eine Warum-Frage. Aber Christus? Er hat nichts Ungeziemendes getan. Im Gegenteil! Er hat Gott in allem verherrlicht. Es gab keinen Augenblick in seinem Leben, wo Er nicht Gott gedient und Ihn verherrlicht hätte. Aber warum musste Er dann verlassen werden von Gott? Wir wissen die Antwort: unserer Sünden wegen. Ein Dichter (Henri Rossier) hat das so formuliert: Die Ewigkeit unserer Strafe lag dort auf Christus.
Der Herr Jesus gibt prophetisch selbst eine Antwort, wenn Er nach Psalm 22 klagt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern von meiner Rettung, den Worten meines Gestöhns? Mein Gott! Ich rufe am Tag, und du antwortest nicht; und bei Nacht, und mir wird keine Ruhe. Doch du bist heilig“ (Ps 22,1–3). Für den Herrn waren diese drei Stunden wie eine Ewigkeit voller Tage und Nächte. Er rief – Gott aber blieb stumm. Nacht und Tag war sein Rufen – aber es kam keine Antwort. Denn der heilige Gott konnte nicht antworten, da Er dem Menschen Jesus Christus als Richter gegenübertrat. Das unterstreicht noch einmal: Das Rufen des Herrn, das uns mitgeteilt wird, steht am Ende der drei Stunden. Es fasst aber zusammen, was der Herr inmitten dieser drei Stunden erleben musste. Und es ist im Gegensatz zu Warum-Fragen von uns sündhaften Menschen keine Spur von Auflehnung gegen Gottes Weg in diesen Worten enthalten. Wenn das bei Menschen gelegentlich der Fall ist, benutzt der Geist Gottes ein anderes Wort (madua). Nein, hier ist es ein hingebungsvolles „Warum“ oder „Wozu“, das unser Erlöser ausruft.
Ist das, was wir bislang gesehen haben, der ganze Grund für diese Leiden Jesu? Letztlich müssen wir auch hier anbetend zurückbleiben, wenn es um das Erfassen der ganzen Ursache geht. Aber es geht offenbar nicht nur oder vielleicht nicht einmal in erster Linie um die „Ursache“. Denn Markus verwendet ja ein Wort, dass man mit „wozu“ übersetzen kann. Was war der Zweck, das Ziel dieser drei Stunden der Finsternis? Wir dürfen sagen: unsere Erlösung! Wir wissen auch, dass Er selbst diese drei Stunden der Finsternis auf sich nahm, um Gott zu verherrlichen. Diese Augenblicke werden in alle Ewigkeit in einzigartiger Weise dastehen. Sie sind der Mittelpunkt des Ratschlusses Gottes, der Mittelpunkt der Zeit und der Ewigkeit. Denn hiervon hing die göttliche Herrlichkeit ab, von den unveränderlichen Resultaten dieses Werkes. Dass der Mensch hier keinen wirklichen Einblick hat, zeigt auch der Vers 47 unseres Kapitels und die Worte der Dastehenden.

5. „hast du“: Es war nicht irgendwer, der den Herrn Jesus verlassen hat. Es war Gott, sein Gott, derjenige, mit dem Er immer, schon vor seiner Menschwerdung und auch vor Grundlegung der Welt, in Gemeinschaft gewesen ist. Es war Derjenige, der in vollkommener Weise wertschätzen konnte, wie der Herr sich Ihm hingegeben hat. Es war Der, der den Herrn seinen Genossen nannte, wie Sacharja das prophetisch ausdrückt. Gerade dieser – Du – hatte Ihn jetzt in drei Stunden furchtbarer Finsternis verlassen. Kannte der Herr nicht – um die andere Seite zu zeigen – seinen Gott ganz anders? War Er nicht der Gott der Liebe, der Ihn immer begleitet hat? Der an seiner Seite stand, wenn die Feinde Ihm drohten, ja wenn selbst die Jünger Ihn verließen (vgl. Joh 16,32)? Doch, dieser Gott blieb Er auch in diesen Stunden. Aber seine Liebe zu den verlorenen Menschen machte es nötig, dass Christus den ganzen Kelch leeren musste. Es war der Kelch des Ratschlusses, aber auch der des Zorns Gottes über die Sünde. So erschien Er Demjenigen gegenüber, der selbst das Licht der Menschen ist, als das Licht. Gott musste die Sünde – auch wenn es fremde Sünde war, die auf Ihn gelegt wurde – bestrafen. Da durfte der Richter-Gott keinen Unterschied machen, keine Abmilderung vornehmen, selbst wenn es der eigene Sohn war, an dem diese Strafe vollzogen wurde.

6. „mich“: Gott hatte nicht irgendwen im Gericht geschlagen. Es war derjenige, der seine Freude war. Die Demut Jesu war so vollkommen, dass der Vater gleich dreimal (Taufe, Berg der Verklärung, als seine Seele bestürzt war) sein Wohlgefallen am Sohn offenbaren musste. Mehrfach hat der Vater gesagt, dass Er den Herrn Jesus verherrlichen würde. Gerade den Mann, der sein Genosse war, hat Gott geschlagen. Es gab nur den Einen, der sein Herz erfüllte und Ihn in allem verherrlicht hatte. Gerade Der musste für fremde Schuld die göttliche Strafe erdulden.

7. „verlassen“: In den Evangelien wird dieser Ausdruck ausschließlich in dem Ausruf unseres Herrn am Kreuz benutzt (bei Matthäus und Markus). Niemals hatte ein Mensch das bisher erlebt. Erst recht nicht Derjenige, der die Wonne des Vaters war. Er kannte nicht nur die Gemeinschaft mit seinem Gott und Vater, Er genoss sie, sie war ununterbrochen Realität in seinem Leben auf der Erde: von der Geburt, wenn wir das so in Ehrfurcht sagen können, bis zum Kreuz. Aber auf einmal stand etwas zwischen Gott und seinem Christus: unsere Sünden. Da konnte Gott keine Gemeinschaft haben. Er musste sich von Ihm abwenden. Er musste Ihn verlassen. Er musste Dem, der sein Geliebter war, wirklich den Rücken zuwenden, um Ihn an unserer statt zu bestrafen. Was für ein Leiden muss das für unseren Retter gewesen sein, zwischen Himmel und Erde erhöht und selbst von seinem Gott verlassen zu sein. Einmaliger, einzigartiger Augenblick in dem Leben Dessen, der Gott in allem gedient und gehorcht und sich Ihm vollständig geweiht hat.

Wenn man über diese Worte nachdenkt, muss uns das zur Anbetung bringen. Es führt uns auf die Knie vor unseren Retter. Wir danken Ihm nicht nur von ganzem Herzen, sondern bewundern anbetend seine Hingabe, nicht nur in den Tod, sondern auch in dieses Verlassensein von Gott. Das war Trennung von Gott, der Inbegriff dessen, was Tod bedeutet. Wer könnte das mit Worten ausdrücken, was unser Retter hier erduldete? Ihm sei Lob, Preis, Ehre und Herrlichkeit in alle Ewigkeit!

Anhang: Einige sprachliche Überlegungen

Nachdem wir uns mit dem Wesentlichen beschäftigt haben, nämlich was der Herr erduldet hat und mit diesem Ausruf aussagte, gebe ich noch ein paar ergänzende sprachlichen Hinweise weiter. Wir haben bereits gesehen, dass wir im Matthäusevangelium eine andere Version der Worte des Herrn als im Markus-Evangelium finden. Es stellt sich die Frage: Was genau hat der Herr Jesus eigentlich gesagt?

Beide Evangelisten haben unter der Leitung des Heiligen Geistes inspiriert geschrieben. Damit sind beide „Versionen“, wenn wir das in Ehrfurcht sagen dürfen, richtig. Nun gilt es zu bedenken, dass der Ausruf des Herrn von Matthäus und Markus in griechischen Buchstaben wiedergegeben wird: sowohl der buchstäbliche Ausruf des Herrn, den Er in aramäischer Sprache getan hat, als auch die Übersetzung. Niemand sollte denken, dass der Herr am Kreuz griechisch gesprochen hätte. Das wird deutlich, wenn beide Evangelisten (sehr ähnlich) zitieren: „El(o)i, El(o)i, lama sabachthani!“ Nein, das war ein aramäischer Ausruf.2 Dieser wird von beiden Evangelisten ins Griechische übertragen und im Bibeltext griechisch wiedergegeben.

Wir haben also bei der Wiedergabe des „El(o)i, e(o)li, lama sabachthani“ eine Transkription (Schreibung, Umschreibung) des originalen Ausrufs des Herrn ins Griechische. Was hat der Herr Jesus nun aber genau gesagt? Im Aramäischen lauteten seine Worte wahrscheinlich, wie der Aramäisch-Forscher Gustav H. Dalman scheibt, in unserer Schrift ausgedrückt folgendermaßen: „elahi, elahi lema schebaktani“.

Nun ist die Frage berechtigt: Warum unterscheiden sich Matthäus und Markus im Blick auf die Anrede, die der Herr Jesus gewählt hat: eli (Matthäus), eloi (Markus)? Beides heißt übersetzt: mein Gott. Matthäus konnte das „elahi“ mit dem bekannten hebräischen Wort „eli“ ausdrücken. So machte er für seine jüdischen Leser den Bezug und die Erfüllung von Psalm 22,2 (in hebräischer Sprache verfasst) deutlich. Markus schrieb (lautlich etwas genauer) „eloi“. A und O -Laute verschwimmen im Hebräischen/Aramäischen bei offener Aussprache leicht. Daher muss man sich nicht wundern, dass aus dem „elahi“ ein „eloi“ wird. Beide lautlichen Beschreibungen dessen, was der Herr in aramäischer Sprache gesagt hat, kann man somit nicht nur als richtig, sondern im Blick auf die jeweiligen Empfänger als vom Geist Gottes genau so gewollt bezeichnen.

Nun kommt noch etwas Weiteres hinzu: Gott wollte, dass auch Nichtkenner der hebräischen bzw. aramäischen Sprache in der Lage sind, den Zusammenhang zu verstehen, der in beiden Berichten zwischen den Worten des Herrn und den Worten der Dabeistehenden nach den drei Stunden der Finsternis im Blick auf Elia hergestellt wird. Auch deshalb haben beide Evangelisten offensichtlich die Worte Jesu in einer Art „lautsprachlicher“ Weise wiedergegeben. So können auch wir, die wir von der aramäischen Sprache keine Ahnung haben, verstehen, warum die Umstehenden nach den drei Stunden spöttisch sagen konnten, Jesus habe „Elia“ gerufen. Dazu musste notwendig der Klang der ursprünglichen Aussprache angegeben werden, um seine Ähnlichkeit mit „Elia“ zu zeigen.

Es gibt noch einen weiteren Unterschied in der Wiedergabe der Worte Jesu am Kreuz, die in einer deutschen Übersetzung nicht deutlich werden. Denn das dem „warum“ (hast du mich verlassen) zugrundeliegende, griechische Wort ist bei Matthäus ein anderes als bei Markus. Heißt das, dass die Wiedergabe entweder von Matthäus oder von Markus falsch ist? Natürlich nicht! Sie sind inspiriert. Matthäus übersetzt das (hebräische, aramäische) Wort „lama“ (warum, wozu) mit „hinati“, und Markus übersetzt es mit „eis ti“ (was, wozu). Der Unterschied der beiden Wörter ist nicht groß und wird mit der jeweils wörtlichen Übersetzung deutlich. Bei Matthäus heißt es wörtlich: „damit (auf dass) was?“. Bei Markus könnte man übersetzen: „Zu was?“ oder „wozu?“ Beides ist eine gute Wiedergabe des „warum“, „wozu“ und zeigt den Bedeutungsumfang dessen, was der Herr gesagt hat.

Diese sprachlichen Überlegungen sind letztlich zweitrangig, wenn wir uns bewusst machen, was dieser Ruf für unseren Herrn bedeutete und was er für uns beinhaltet. Dennoch ist es nützlich zu verstehen, dass Matthäus und Markus nicht verschiedene Vorlagen hatten oder der eine hebräisch schreibt, während der andere das Aramäische wählt. Nein, sie hören gewissermaßen dieselben Worte. Gemäß dem Ziel und der eigentlichen Zielgruppe der Evangelien haben sie unter der Inspiration des Heiligen Geistes eine Version gewählt, die ihre Zielgruppe am besten verstehen konnte.

Die drei Stunden der Finsternis in den vier Evangelien

Bevor wir uns den weiteren Versen zuwenden, wollen wir noch kurz über einen Vergleich der Evangelien im Blick auf die sühnenden Leiden des Herrn nachdenken. Es würde den Rahmen sprengen, jeden einzelnen Punkt miteinander zu vergleichen. Dazu sei verwiesen auf das sehr nützliche Buch von Samuel Ridout über die Evangelien. Aber diese drei Stunden sind von solcher Tragweite, dass der Unterschied zwischen den Berichten sehr auffallend ist.

Markus stellt uns den Herrn Jesus als das Sündopfer vor. Daher können wir gut verstehen, dass auch er diese sühnenden Leiden nennt. Bei ihm finden wir auch tatsächlich sehr ähnliche Worte wie bei Matthäus. Über die Unterschiede in den Formulierungen haben wir bereits nachgedacht.

Lukas spricht nicht von dem Ausruf des Herrn am Ende dieser drei Stunden. Aber bei ihm lesen wir: „Und es war schon um die sechste Stunde; und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und die Sonne verfinsterte sich, der Vorhang des Tempels aber riss missen entzwei“ (Lk 23,44.45). Lukas zeigt den Herrn Jesus als das wahre Friedensopfer. Er hat die Kluft zwischen dem sündigen Menschen und Gott überbrückt und den Menschen zu Gott geführt. Bei ihm ist daher im Unterschied zur Chronologie das Zerreißen des Vorhangs direkt nach der Zeit der Finsternis, nicht erst nach dem Tod des Herrn. Denn der Zugang zu Gott ist das Ergebnis, das besonders im Friedensopfer ausgedrückt wird: Er ist offen auf der Grundlage des Werkes Christi, weil die Frage der Sünde am Kreuz geklärt worden ist. Bei Lukas ist diese Finsternis aber nicht so sehr ein Ausdruck des Verlassenseins von Gott, als vielmehr der Beweis: „Dies ist eure Stunde und die Gewalt der Finsternis“ (Lk 22,53). Satan wollte nicht zulassen, dass der Mensch einen Weg zu Gott findet. Er wollte Gott in der Finsternis für den Menschen belassen. Er wollte verhindern, dass Licht auf den Weg zu Gott scheint. Wenn Satan nicht durch Christus überwunden worden wäre, hätte der Mensch in der Finsternis bleiben müssen.

Johannes wiederum spricht überhaupt nicht von diesen drei Stunden. Er stellt uns den Herrn als das wahre Brandopfer vor. Als solches war unser Retter in den drei Stunden der Sühnung ganz zur Verherrlichung Gottes, seines Vaters. Er hat sich ganz für Gott verzehrt. Da spielt die Frage des für den Menschen notwendigen Verlassenseins von Gott keine Rolle. Es bleibt wahr: „Siehe das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt“ (Joh 1,19). Das hat der Herr durch sein „Ganzopfer“ am Kreuz vollbracht, in seiner Hingabe in den Tod für seinen Gott und Vater.

Die neunte Stunde

Am Schluss dieses Abschnitts möchte ich noch etwas zur neunten Stunde sagen. Es war die Stunde, in der Christus starb, 15 Uhr nach unserer heutigen Zeit.

  • Es war die neunte Stunde, in der das Abend-Brandopfer gebracht wurde.3 Das hatte Gott schon im Alten Bund so vorgeschrieben (2. Mo29,39; Esra 3,3).
  • Es war auch die neunte Stunde, als das Räucherwerk im Heiligtum geräuchert wurde (2. Mo30,8).
  • Es war die neunte Stunde, als Gott in wunderbarer Weise auf das Gebet Elias antwortete. Er ließ Feuer auf das Brandopfer auf dem Berg Karmel kommen, so dass es ganz verzehrt wurde (1. Kön 18,36ff.).
  • Es war die neunte Stunde, als Daniel erhört wurde (Dan 9,21), nachdem er sich gedemütigt hatte. Dann wurde ihm die Zukunft der 70 Jahrwochen, die über das Volk Israel bestimmt waren, von Gott durch den Engel Gabriel mitgeteilt.
  • Es war die neunte Stunde, als Esra vor Gott betete. Gott antwortete in dieser Stunde auf dieses Gebet der Demütigung von Daniel und dem Volk Israel (vgl. Esra 9,4.5; 10,1ff.).
  • Es war die neunte Stunde, als Petrus und Johannes zum Tempel gingen und den lahmen Mann dort antrafen. Im Namen Jesu Christi, des Nazaräers, konnten sie ihm gerade in dieser Stunde zurufen, dass Er ihn gesundgemacht hat (Apg 3,1–10).
  • Es war die neunte Stunde, als Kornelius, der fromme und gottesfürchtige Hauptmann, von Gott ein Gesicht geschenkt bekam. Dieses führte dazu, dass er und alle, die bei ihm versammelt waren, der Versammlung durch den Heiligen Geist hinzugefügt werden konnten (Apg 10,1–3).
  • Und es war die neunte Stunde, als das Passah gefeiert wurde – jetzt von den Juden (vgl. 2. Mo 12,6). Ihnen war es offenbar egal, dass ihr eigener König gerade um die neunte Stunde starb und damit das Vorbild des Passahfestes erfüllte.

Viele wurden um die neunte Stunde in ihren Gebeten erhört. Nur einer bekam keine Antwort: unser Retter. Und doch glaube ich, dass diese Aussage so nicht stehen bleiben kann. Unser Herr bekam während der drei Stunden der Finsternis keine Antwort. Gott blieb stumm. Aber Er rief diesen Ruf des intensivsten Gebets, das wir uns vorstellen können, am Ende der drei Stunden der Finsternis. Und dürfen wir da nicht doch die Worte des Herrn in Psalm 22,22 als eine Antwort verstehen: „Ja, du hast mich erhört von den Hörnern der Büffel“? Gott hat Ihm geantwortet und sein Werk angenommen. Sogleich war die Finsternis zu Ende und wir hören in einem anderen Evangelium, dass der Herr sich an den Vater wendet. Die Gemeinschaft Jesu mit Gott, seinem Vater, ist sie nicht eine wunderbare Antwort auf dieses Leiden, auf diesen Ruf? Zudem hat Gott den Herrn Jesus aus den Toten auferweckt und Ihm einen Platz höchster Ehre gegeben. Darüber freuen wir uns.

Der Tod des Königs am Kreuz und seine herrlichen Folgen (Verse 47–56)

„Als aber einige der Dastehenden es hörten, sagten sie: Dieser ruft Elia. Und sogleich lief einer von ihnen und nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig und legte ihn um einen Rohrstab und gab ihm zu trinken. Die Übrigen aber sagten: Halt, lasst uns sehen, ob Elia kommt, um ihn zu retten! Jesus aber schrie wieder mit lauter Stimme und gab den Geist auf. Und siehe, der Vorhang des Tempels° zerriss von oben bis unten in zwei Stücke; und die Erde erbebte, und die Felsen rissen, und die Grüfte taten sich auf, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt; und sie kamen nach seiner Auferweckung aus den Grüften hervor und gingen in die heilige Stadt und erschienen vielen. Als aber der Hauptmann und die, die mit ihm Jesus bewachten, das Erdbeben sahen und das, was geschehen war, fürchteten sie sich sehr und sprachen: Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn! Es waren aber viele Frauen dort, die von weitem zusahen, solche, die Jesus von Galiläa nachgefolgt waren und ihm gedient hatten. Unter diesen waren Maria Magdalene und Maria, die Mutter des Jakobus und Joses, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.“ (Verse 47- 56).

In diesem fünften Abschnitt der Kreuzesszenen kommen wir nun dazu, dass unser Retter wirklich sterben musste. Es war nach dem Getrenntsein von Gott in den drei Stunden der Finsternis auch noch nötig, dass Er sein Leben in den Tod übergab. Natürlich bedeutet „Tod“ Trennung. Das hat der Herr in geistlicher Hinsicht in diesen drei Stunden erlebt. Aber es heißt eben auch: „Ohne Blutvergießung gibt es keine Vergebung“ (Heb 9,22). Daher musste der Herr sein Leben lassen, wie es durch die zahlreichen Vorbilder der Opfer und von Jona usw. vorhergesagt worden war. Es war nötig, dass eine Trennung von Seele und Leib bei Ihm, unserem Retter, stattfand. Dieser Tod hatte gewaltige Auswirkungen auf die Menschen, die uns im Folgenden beschäftigen werden.

Spöttische Worte und Handlungen der Menschen nach der Finsternis

Zuerst jedoch lesen wir eine Reaktion von Menschen auf den einmaligen Ausruf des Herrn am Kreuz zu seinem Gott. Wir wissen nicht, ob die Finsternis mit diesem Ausruf beendet wurde. Es ist auch sehr gut möglich, dass der Herr diesen Ruf getan hat, nachdem es soeben wieder hell geworden ist. Denn Er benutzt eindeutig die Vergangenheitsform (Aorist Indikativ). Jedenfalls registrierten die Dabeistehenden diese Worte des Herrn.

Sie sind weit davon entfernt, auch nur im Geringsten seine Gedanken zu verstehen. Aber sie erfüllen die Weissagungen, die wir in Psalm 69,22 finden: „Und sie gaben in meine Speise Galle, und in meinem Durst gaben sie mir Essig zu trinken.“ Der erste Teil wurde am Anfang der Kreuzigung erfüllt, jetzt sollte auch der zweite Teil dieses Verses seine Erfüllung finden. Aus Johannes 19,28 wissen wir, dass der Herr in dieser Situation wirklich Durst gehabt hat.

Manche Ausleger haben gedacht, dass die Umstehenden die vom Herrn Jesus gesprochene Sprache nicht verstanden haben. Dadurch wären sie zum Eindruck gelangt, der Herr habe vielleicht Elia gerufen. Dann wären es die Heiden, die Soldaten gewesen, also Römer, die diesen Ausspruch getan hätten. Das aber ist sehr unwahrscheinlich. Denn was wussten solche Heiden von Elia? Wieso konnten sie gerade in dieser Situation auf diesen Mann kommen? Viel wahrscheinlicher ist es, dass wir es hier mit Juden zu tun haben. Sie reden ein weiteres Mal in spöttischer Weise und machen damit das Maß ihrer Bosheit voll. Hinzu kommt, dass wir in Vers 36 lesen, dass die heidnischen Soldaten saßen. Die Juden dagegen standen um das Kreuz.

Nur Matthäus und Markus berichten von dieser Szene. Die jüdischen Führer und ihre Gesellen lassen selbst nach dieser eindrücklichen Finsternis keine Gelegenheit aus, ihren Messias zu verspotten. Sie müssen große Angst empfunden haben, als es finster wurde. Jetzt aber machen sie weiter in ihrem Hass gegen Denjenigen, den sie nicht als ihren Messias anerkennen wollten. Wenn Er vorher nicht in der Lage war, selbst herabzusteigen, vielleicht könnte ja Elia Ihn retten? Den wird Er bestimmt gerufen haben ... Was für ein absurder Gedanke! Und was für einen Hohn musste der Herr, wenn wir diesem Gedanken folgen, sogar nach den sühnenden Leiden noch über sich ergehen lassen! Ihm blieb nichts, aber auch gar nichts erspart.

Der Durst Jesu am Kreuz

Ich komme noch einmal zurück auf den Durst des Herrn. Von Johannes wissen wir, dass Er am Kreuz nach den drei Stunden der Finsternis ausgerufen hat: „Mich dürstet“ (Joh 19,28). Bedenken wir, dass Jesus vermutlich von der Passahfeier an nichts mehr zu trinken bekommen hat. Während der vielen Verhöre hatte keiner der Juden oder Heiden irgendein Interesse an Ihm und seinen Bedürfnissen. So litt unser Retter am Kreuz unsagbaren Durst. Er hing als Gekreuzigter in der Mittagshitze. Allein diese Tatsache und auch, dass Er dort sechs Stunden hing, erklären diesen Durst.

Darüber hinaus ist auch wahr, dass Er einen geistlichen Durst hatte, den Ratschluss Gottes zu Ende zu führen und das Werk ganz zu vollbringen. Er wollte seinem Gott Kinder zuführen. Das war Ihm viel wichtiger als sein großer körperlicher Durst.

Schließlich sind dieser Ruf und das Ausdrücken dieses Bedürfnisses ein Zeichen, dass der Herr nicht am Ende seiner physischen Kräfte war. Das heißt nicht, dass Er nicht in vollkommener Weise die ganzen Qualen körperlich empfunden hätte. Er hat das viel stärker getan, als wir dazu in der Lage wären. Denn Er ist nicht nur vollkommen Mensch gewesen, sondern ein vollkommener Mensch. Aber bei alledem konnten Ihm die Kreuzesqualen nicht das Leben wegnehmen. Er hat es selbst freiwillig in den Tod gegeben.

Wenn der Herr Jesus am Ende seiner körperlichen Kräfte gewesen wäre, hätte Er nicht um ein Getränk bitten können. Wir haben gesehen, dass solche Getränke oft als lebensverlängernde Mittel gegeben wurden. Das kann aber nur jemand erbitten, der überhaupt noch reden kann. Das können Gekreuzigte nach dieser Zeit gar nicht mehr. Der Herr aber konnte es.

Auf seine Bitte hin wird Ihm ein Schwamm gereicht, der mit Essig gefüllt und um einen Rohrstab gelegt wurde. Das war wahrscheinlich der damals übliche Essigwein, den die Soldaten selbst zum Zeitvertreib tranken. Mit diesem bekannten und billigen Getränk hatten sich die Soldaten und die anderen Zuschauer das stundenlange Schauspiel versüßt.

Noch ein Wort zum Ablauf. Die gesprochenen Spottworte kamen, wie wir gesehen haben, vermutlich von Juden. Dann wurde der Essig von den „Übrigen“, vielleicht von Soldaten, geholt. Wollten sie seine Leiden dadurch noch verlängern, um sich weiter an seiner Qual zu weiden? Vielleicht wollten sie auch wirklich sehen, ob jemand kommen würde, um Jesus zu helfen. Dann aber überlegten sie es sich anders. Möglicherweise wollten sie Ihm jede Möglichkeit einer Erleichterung nehmen und riefen deshalb: „Halt, lasst uns sehen, ob Elia kommt, um ihn zu retten!“ Ihr Hass war unübertreffbar.

„Halt, lasst uns sehen, ob Elia kommt, um ihn zu retten!“ Markus scheint anzudeuten, dass derjenige, der diesen Schwamm hielt, zugleich derjenige war, der dann auch das „Halt“ rief. Das wäre somit wieder ein Jude gewesen. Sie wussten, dass Elia vor dem Tag des Herrn, vor der Errettung des Volkes, kommen würde. Ob sie das als Spottmittel in dieser Szene einsetzen wollten?

Von Johannes wissen wir, dass sie nicht verhindern konnten, dass der Herr tatsächlich von diesem Essig etwas nahm (vgl. Joh 19,29.30). Aber sie wollten in ihrem perversen Spott zunächst sehen, ob nicht tatsächlich mit Elia ein Retter für den Herrn kommen würde. Unser Herr brauchte keinen Retter, denn Er selbst war der Retter für diese Welt. Elia hingegen benötigte einen Retter. Christus vollbrachte das Werk, kraft dessen Elia damals zum Himmel fahren konnte, ohne durch den Tod gehen zu müssen. Wir sehen, dass der Herr den Spott dieser Menschen nicht weiter beachtete. Er selbst wird zum Handelnden und vollendet das Werk.

Der Tod des Herrn

Dafür aber war es nötig, dass Er noch starb: „Jesus aber schrie wieder mit lauter Stimme und gab den Geist auf.“ Durch die Stärke seiner Stimme bezeugte unser Herrn, dass nicht die Schwere des Todes und der körperlichen Qualen Ihn erdrückte. Nein, Er gab selbst seinen Geist auf. Hier erfüllten sich, wenn Matthäus das auch nicht betont, die Worte unsers Herrn, die wir in Johannes 10,17.18 lesen. Nur Er – kein anderer Mensch – hat das Recht und die Autorität, seinen Geist aufzugeben und damit sein Leben selbst hinzugeben. Bei jedem anderen ist das Selbstmord, eine schlimme Sünde, in der sich der Mensch zum Schöpfer aufspielt. Nicht so bei unserem Herrn. Denn Er hatte von seinem Vater das Gebot erhalten, sein Leben freiwillig zu geben (Joh 10,17.18).

Wir wollen noch einmal daran denken, dass unser Herr Mensch wurde, damit Er sterben konnte. Und doch wird in jeder Situation seines Lebens deutlich gezeigt, dass Er zugleich der Schöpfer ist, der Macht über das Leben in sich selbst besitzt. Er hätte diesen Menschen den Lebensodem wegnehmen können. Er hätte die Welt sofort richten können. Er hätte das Universum sofort zusammenfalten können. Er hat es nicht getan. Stattdessen hat Er sein Leben hingegeben. Das schildert Matthäus in sehr kurzen Worten. Er spricht nicht wie Johannes davon, dass Er das Haupt neigte und den Geist aktiv übergab (Joh 19,30). Markus (Mk 15,37) und Lukas (Lk 23,46) sagen, dass Er verschied.

Bei Matthäus geht es vor allem darum, dass Er in der vollen Kraft seines Lebens in den Tod ging. Er starb wirklich. Er gab sein Leben trotz der furchtbaren Qualen, die Er vollständig empfand, in der ganzen Majestät und Kraft, die Gott Ihm gegeben hat. Dennoch ist es auffällig, dass keiner der Evangelisten im Blick auf das Kreuz den Ausdruck „starb“ (sterben) verwendet. Denn unser Herr starb keines natürlichen Todes. Er ist nicht an den Drangsalen des Kreuzes zugrunde gegangen. Er hat sein Leben selbst, freiwillig, aktiv in den Tod gegeben.

Daher finden wir hier ein zweites Mal die laute Stimme Jesu. Zuerst am Ende der drei Stunden, jetzt noch einmal. Er ist nicht an Schwäche gestorben. Es gab kein Zeichen oder Beweis von tödlicher Erschöpfung, so ermüdend und furchtbar die Qualen auch waren. Sie sind nicht spurlos an Ihm vorübergegangen. Aber sein Leben wurde nicht von Ihm genommen, Er gab sein Leben, Er legte es selbst dar. Der König selbst gab seinen Geist auf, als der Moment dafür gekommen war. Wir bewundern Ihn auch in dieser Hingabe, bis in den Tod.

Was bedeutete es für Ihn, der das Leben ist, in den Tod zu gehen, seinen Geist aufzugeben, sein Leben aufzugeben? Wir haben in Matthäus 13 gesehen, dass der Kaufmann alles, was er besaß, verkaufte, um die Perle zu besitzen. So hat der Herr Jesus jedes Recht, das Er besaß, aufgegeben. Er tat es, um sein Volk Israel, um jeden einzelnen Gläubigen, um die Versammlung, um die Nationen zu erwerben. Aufgeben bedeutete für Ihn: seine Rechte als Messias, seine Anrechte als Sohn des Menschen, auf seine Rechte als König, als Sohn Gottes zu verzichten. Es bedeutete zu sterben.

Die Auswirkungen des Todes

Der Tod des Herrn war übernatürlich. Auch die dann folgenden Zeichen waren übernatürliche Zeichen. Sie offenbarten sowohl das, was der Tod bedeutete, also auch die Macht des Todes. Die Auswirkungen und Zeichen sind vielfältig, gewaltig und weitreichend. Immer dann, wenn der Herr Jesus sich in besonderer Weise gedemütigt hat, gab Gott öffentlich sichtbare Zeichen. Das finden wir bei seiner Taufe am Jordan, als Er sich mit dem bußfertigen Überrest einmachte. Der Vater tat kund, dass nur der Herr sein geliebter Sohn ist, auch als Petrus den Herrn auf die Stufe von Mose und Elia stellte. Das Gleiche trat beim Ritt Jesu nach Jerusalem ein. Der Herr wählte kein majestätisches Streitross, sondern eine Eselin, um in die Stadt zu reiten. Gott wirkte daraufhin in den Menschen, Ihm ein Hosanna zuzurufen.

Dasselbe gilt auch hier: Christus hat sich so sehr erniedrigt, dass Er sogar an das Fluchholz gegangen und gestorben ist. Die Antwort Gottes lässt nicht lange auf sich warten. Und sie fällt gewaltig sowie vielfältig aus. Wir sehen uns diese gewaltigen Auswirkungen der Reihe nach an.

1. Der Vorhang des Tempels zerriss: der Zugang in die Gegenwart Gottes ist frei

Als der Ruf Jesu – nicht der Ruf eines Todeskampfes – ertönte, zerriss der Vorhang des Tempels. Was für ein Beweis des Sieges des Herrn! Gott hat sein Werk angenommen. Der Vorhang, der zerriss, war der innere des Tempels, der das Heilige vom Allerheiligsten trennte (2. Mo 26,31 ff.; 2. Chr 3,14). Es war kein Erdbeben, das den Vorhang zerriss, sondern die Macht Gottes. Der Riss ging von oben nach unten. Lukas sagt: Er riss „mitten entzwei“. So hätte kein Mensch geschnitten. Er hätte von unten angefangen. Nein, Gott selbst bewies, dass Er am Werk war.

Es ist wichtig, gut zu verstehen, dass, während Christus lebte, der Vorhang noch da war. Das gilt auch für die Zeit, die Jesus am Kreuz hing. Erst sein Tod hat den Weg freigemacht zu Gott. Was war das für ein Zeichen an das ritualistische Judentum, denn was machten sie jetzt im Tempel? Sie konnten nicht mehr hineingehen in die Herrlichkeit Gottes! Wir müssen dabei bedenken, dass gerade zur neunten Stunde das Abendopfer und das Abendräucherwerk gebracht wurde. Es müssen also genau zu dieser Zeit Priester im Heiligtum gestanden haben. Was werden sie erschrocken gewesen und geflüchtet sein. Auf einmal sahen sie die Bundeslade (wenn denn eine dort gestanden hat). Jedenfalls sahen sie in das Allerheiligste, vermutlich in einen leeren Raum hinein. Menschen unter Gesetz direkt vor dem Thron Gottes – das musste größte Panik auslösen.

Es ist interessant, dass Josephus, der jüdische Geschichtsschreiber, später davon berichtet, dass zur Zeit des Passahfestes folgendes passierte: „Die Osttür des inneren Heiligtums, die, ganz von Erz und ungeheurem Gewicht, gegen Abend von 20 Männern nur mit Mühe geschlossen wurde und mit eisernen Querriegeln gesichert und mit tief in die aus einem Stück bestehende Schwelle eingelassenen Längsriegeln versehen war, sprang des Nachts, etwa um die sechste Stunde, von selber auf.“ Im Talmud kann man zudem lesen, das bereits 40 Jahre vor der Zerstörung des Tempels eines Nachts die Türen des Tempels von selbst aufsprangen. Im Talmud heißt es dann weiter: „Rabbi Johanan ben Zakkai sagte: Tempel, warum erschreckst du uns? Wir wissen, dass dein Ende Zerstörung ist.“ Anscheinend betrachteten die Juden diese bemerkenswerten Umstände als Zeichen der nahen Tempelzerstörung. Natürlich wissen wir, dass der Vorhang zerriss, so sagt es Gott. Inwiefern eine solche zusätzliche Sache passierte, müssen wir offenlassen.

Was das Zerreißen des Vorhangs betrifft, muss man Folgendes bedenken: Nur einmal im Jahr durfte der Hohepriester am Sühnungstag in das Allerheiligste. Ob dies zur Zeit Jesu, wo vermutlich keine Bundeslade im Allerheiligsten stand, noch so getan wurde, wissen wir aus der Schrift nicht.

Damit brach Gott ein altes System vollständig ab – das jüdische. Stattdessen errichtete Er einen ganz neuen Weg zu sich. Bislang konnte der Mensch nicht zu Gott kommen. Jetzt aber war dieser Weg frei, durch den zerrissenen Vorhang hin. Die erste Antwort Gottes auf den Tod seines Messias ist also, dass Er einen Weg öffnet, damit der Mensch zu Ihm kommen kann. Wir wissen aus anderen Stellen, dass es dafür nötig ist, von seinen Sünden gewaschen zu sein. Man benötigt die Vergebung der Sünden und ein neues Leben, das in Übereinstimmung mit Gott selbst ist. Johannes nennt es immer wieder „ewiges Leben“. So bekommt der Gläubige das Recht, in die glückselige Gegenwart Gottes treten zu können, von der er bis jetzt durch den Vorhang getrennt war. Die gewaltige Bedeutung dieses Schrittes erklärt der Heilige Geist in Hebräer 9,8 und 10,19–22.

Gott, der stets hinter dem Vorhang verborgen gewesen war, enthüllte sich auf der Grundlage des Todes Jesu in wunderbarer Weise. Der Weg zum Allerheiligsten ist jetzt nicht nur offen, sondern auch offenbart. Das geschah in dem Herrn Jesus, der die Offenbarung Gottes ist (Joh 1,18). Gott wurde gerade am Kreuz von Golgatha in seinem Wesen der Liebe und des Lichts sichtbar.

Das ganze jüdische System, das Prinzip gesetzlicher Rechtfertigung, das Testen des verantwortlichen Menschen: All das wurde durch das Zerreißen des Vorhangs einem Ende zugeführt. Das zeremonielle Gesetz hatte seine Erfüllung in Christus und seinem Werk gefunden. Jeder, der jetzt in den Tempel ging, befand sich direkt vor dem Angesicht Gottes, ohne dass ihn ein Vorhang noch von Gott getrennt hätte. Für den Juden war das der Tod. Denn seine Sünden waren nicht vergeben. Das empfand der Jude auch, der von Anfang an die Gegenwart Gottes gefürchtet hat. Daher baten sie Mose, Mittler für sie zu sein (2. Mo 20,19). Für denjenigen aber, der sich auf die Gnade des Werkes Christi stützt, ist es christliche Freiheit, in die Gegenwart Gottes zu kommen. Er sieht in Christus die Offenbarung Gottes und hat in Ihm und durch Ihn Gemeinschaft mit Gott.

Das Zerreißen des Vorhangs symbolisiert zugleich das Hinwegtun der Sünde. Wegen unserer Sünden war es für uns unmöglich, in der Gegenwart Gottes zu stehen. Der heilige Gott und der von seinen Sünden gereinigte Gläubige sind durch den Tod Christi zusammengebracht worden.

Allerdings bedeutete das Zerreißen des Vorhangs auch, dass die Sünde des Menschen ihren Höhepunkt erreicht hatte in dem Umbringen des Königs, des Sohnes Gottes. Denn das Zerreißen ist eine Gerichtshandlung Gottes an seinem Volk, dass seinen Sohn ans Kreuz gebracht hat. Der Mensch auf der Erde hatte Gott für immer verloren, wenn er Jesus nicht als Retter annahm. Selbst unter den besten Voraussetzungen hatte der Mensch bewiesen, dass er sich gegen Gott stellte. Das einzige Volk, das Gott aus Liebe auserwählt hatte, hat seinen eigenen Gott in Person des Menschen Jesus Christus beseitigen wollen.

Zugleich aber war jetzt zum ersten Mal der Weg in das Allerheiligste sozusagen frei. Es gab kein Hindernis mehr, dort hineinzugehen. Zwar war das Neue, was Gott in seinem Herzen hatte, noch nicht eingeführt worden. Aber das Alte war endgültig vergangen. Damit zeigte der Herr einen neuen Weg, auch wenn Er ihn noch nicht eingeweiht und verkündigt hatte. Dazu musste Er als Mensch zunächst verherrlicht in den Himmel eingehen. Aber auch das würde nur wenige Tage später passieren. Dann würde nicht nur Christus im Himmel sein, sondern der Heilige Geist auf die Erde kommen und die Versammlung bilden. Das aber geht über die Botschaft von Matthäus hinaus ...

Ausleger denken, dass dieses Wunder vielleicht mit dazu beigetragen hat, dass sich so viele Priester in Jerusalem bekehrt haben (vgl. Apg 6,7). Zudem möchte ich noch auf einen weiteren wichtigen Punkt hinweisen: Der Vorhang zerriss nicht erst, als Christus auferstanden war. Er zerriss mit seinem Tod. Für uns Christen ist es bedeutsam zu wissen, dass der Herr auferstanden ist. Dennoch bleibt wahr, dass sein Erlösungswerk als solches schon mit seinem Tod vollbracht und abgeschlossen war. Alle Segensergebnisse basieren auf seinem Tod, obwohl wir nur durch seine Auferweckung aus den Toten um unsere Rechtfertigung wissen. Denn diese gibt den unwiderlegbaren Beweis, dass Gott sein Werk angenommen hat und Ihn als Antwort auf dieses Werk auferweckt hat.

2. Die Erde erbebte und die Felsen rissen: Die erste Schöpfung wird freigemacht.

Die erste und wichtigste Folge des Todes Christi ist der neue Zugang zu Gott, der dem Menschen jetzt offensteht. Als zweite Folge werden uns Auswirkungen auf die gesamte materielle Schöpfung gezeigt. Dieser Punkt ist nicht unwichtig. Aus Römer 8 wissen wir, dass die ganze Natur in Geburtswehen liegt (Röm 8,22). Sie leidet unter den Folgen der Sünde.

Aus Johannes 1,29 lernen wir, dass der Herr Jesus durch sein Werk die Sünde aus dem ganzen Universum vertreiben wird. Grundlage auch dafür ist sein Werk. Aus Kolosser 1,20 lernen wir, dass durch Christus und sein Werk „alle Dinge mit Gott versöhnt wurden – indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes –, durch ihn, es seien die Dinge auf der Erde oder die Dinge in den Himmeln.“ Was für eine gewaltige Auswirkung des Werkes des Herrn, dass die ganze Schöpfung freigemacht wird von den Folgen der Sünde (Röm 8,21). Die Grundlage dafür ist der Tod des Herrn. Das gibt uns ein breites Bild von der Größe seines Werkes.

Wir müssen bedenken, dass Satan sich das Recht an dieser Schöpfung widerrechtlich angeeignet hat. Eigentlich war Adam der Erbe der Erde. Ihm war in 1. Mose 2 die Aufsicht und Verwaltung der Erde anvertraut worden. Nach seinem Fall aber hat sich Satan diese Autorität angemaßt. Daher konnte er dem Herrn in der dritten Versuchung (vgl. Mt 4,9) auch alle Reiche der Erde anbieten. Der Tod des Herrn aber offenbart: Der Gott und Fürst dieser Welt hat diese Autorität nicht mehr. Auch die (erste) Schöpfung gehört wieder allein dem Herrn Jesus. Er musste sich dieses Recht zurückkaufen. Auch dafür musste Er am Kreuz sterben.

Noch ein letzter Punkt zu diesem Thema: Die Felsen zerrissen nicht, weil der Herr in den Hades, das Totenreich ging. Nein, unabhängig davon, dass der Herr in seinem Gespräch mit dem Räuber diesen Ort „Paradies“ nennt, war das nicht die Ursache für dieses Wunder. Sein Tod bewirkt die Heilung auch der ersten Schöpfung. Das Werk des Herrn hat enorme Auswirkungen: Darum geht es dem Geist Gottes in diesen Versen.

3. Die Grüfte taten sich auf und entschlafene Heilige wurden auferweckt

Die erste Auswirkung des Todes Christi hatte mit der Gegenwart Gottes zu tun. Nur die Priester sahen das Zerreißen des Vorhangs. Bei der zweiten Folge seines Todes stand die Schöpfung Gottes im Mittelpunkt. Alle bekamen das mit. Die dritte Konsequenz dagegen war nur für die Augen wahrer Gläubiger bestimmt.

Auch dieser Punkt ist von großartiger Tragweite. Die Leiber entschlafener Heiliger wurden auferweckt. Das ist nichts anderes als das Zeichen, dass der Tod besiegt ist (vgl. Heb 2,14). Die Auferstehung der Toten zeigt die Wirkung des Todes Christi für Sünder, die Ihn als Retter annehmen. Satan, der König der Schrecken, hat seit dem Tod Jesu keine Anrechte mehr an dem Tod und an Sündern. Er ist von Christus überwunden worden und seine Macht des Todes gebrochen. Hierbei hat nicht nur der Tod Jesu seine Bedeutung, sondern auch seine Auferstehung. Denn es ist die einzigartige Kraft seiner Auferstehung (vgl. Eph 1,19.20), die in diesen Versen erwähnt wird. Die Kraft, die uns als Erlöste nach Epheser 1 geistlicherweise auferweckt hat, ist keine andere Kraft als diejenige, die Ihn aus den Toten auferweckte. Wir sehen somit, dass nicht nur das System der Juden aufgelöst wurde, sondern auch die Macht des Todes zerstört wurde. Diese Auferstehung der Heiligen ganz am Anfang ist im Übrigen ein direkter Hinweis auf die Auferstehung, die mit der Entrückung der Gläubigen vollzogen werden wird (vgl. 1. Kor 15,52).

Was für eine Offenbarung triumphierender Macht über den Tod finden wir in diesen Auferstehungen. Menschen kamen plötzlich und zum ersten Mal aus dem Machtbereich des Todes hervor und erlebten die Auferstehung. Sie waren jetzt fähig, vor Gott in Auferstehung zu erscheinen.

Wir kennen aus dem Leben des Herrn die Auferstehungen der Tochter des Jairus, des Sohns der Witwe in Nain oder von Lazarus. Diese Auferweckungen hatte der Herr vor seinem Tod bewirken können kraft seiner göttlichen Macht. Diese drei Menschen mussten wieder sterben und wurden daher auch wieder begraben. Wie ist das nun im Blick auf die Heiligen, die in unserem Vers erwähnt werden? Der Hinweis, dass sie erst nach der Auferstehung Jesus aus ihren Gräbern kamen und somit auferweckt wurden, könnte andeuten, dass es sich hier um eine andere Art von Auferweckung handelt. Warum musste der Herr in diesem Fall zuerst auferstehen, bevor diese aus den Grüften hervorkommen und in die Stadt gehen konnten? Es ist ein Hinweis darauf, dass die Auferstehung, die in Offenbarung 20,5.6 „erste Auferstehung“ genannt wird, eine segensreiche Folge der Auferstehung Christi ist. Er ist der Erstling der Entschlafenen (1. Kor 15,20), und es gibt andere, die Ihm nachfolgen.

Die Ausdrucksweise, dass sie „vielen erschienen“ könnte andeuten, dass sie wie der Herr Jesus später einen Auferstehungsleib bekamen, in dem sie anderen erschienen. Wenn dieses Wort „erscheinen“ bzw. „offenbaren“ vom Herrn Jesus benutzt wird, hat es immer mit dem Auferstandenen zu tun (vgl. Joh 14,21.22; Heb 9,24). Die Ausdrucksweise „entschlafene Heilige“ könnte ebenfalls darauf hindeuten, dass sie eine besondere Verherrlichung des Herrn als Heilige waren, die zu seiner Auferstehungswelt gehören. Es waren ausschließlich Gläubige, die auferweckt wurden und wie der auferstandene Christus anderen erschienen.

Diese Auferstandenen konnten dem Herrn Jesus nicht zuvorkommen, was ihre Auferstehung betrifft. Denn Er ist der Erstling (1. Kor 15,20), der Erstgeborene aus den Toten (vgl. Kol 1,18). Daher war es unmöglich, dass diese Gläubigen vor dem dritten Tag auferstanden. Warum aber wird die Tatsache ihrer Auferweckung hier erwähnt und nicht erst in Kapitel 28, wo sie historisch hingehört? Die Antwort ist: Diese Auferweckungen sind nicht das Ergebnis seiner Auferweckung, sondern seines großen Werkes am Kreuz. Es geht um die Wirkung des Todes unseres Retters. Der Tod hat seinen Sieg und seinen Stachel verloren. Er ist in Sieg verschlungen worden (vgl. 1. Kor 15,54–57), und zwar nicht erst durch die Auferstehung, sondern bereits durch den Tod des Herrn. Aber für die Auferstehung der Gläubigen ist es nötig, dass diese Kraft sich zunächst bei dem Urheber ihrer Errettung zeigte. So musste der Herr als Erster auferweckt werden.

Durch seinen Tod wurde die Auferstehung möglich. So ist die Auferstehung dieser Leiber der entschlafenen Heiligen vielleicht eine feierliche und herrliche Einleitung der ersten Auferstehung. Diese nahm ihren Anfang mit dem Herrn und wird bald für viele andere Wirklichkeit werden.

Bevor ich weitergehe, möchte ich noch auf einen eigentümlichen Ausdruck hinweisen: Sie „gingen in die heilige Stadt“. In den Augen Gottes ist Jerusalem trotz der Verwerfung seines Messias immer noch die heilige Stadt. Auch wenn diese Stadt durch das Gericht Gottes zerstört werden sollte, hatte Gott eine besondere Beziehung zu ihr. Selbst in Römer 11,1 ist noch davon die Rede, dass Gott sein Volk heute sieht – Israel, obwohl sie verworfen sind (Röm 11,15). Diese Stadt mag für einen Augenblick vergessen und unter den Füßen der Heiden zertrampelt worden sein. Aber das Auge Gottes erkennt sie als heilige Stadt an. Für Ihn ist und bleibt sie immer die heilige Stadt. Er hat Jerusalem erwählt und bleibt dabei. Auch unser Glaube denkt und spricht immer so.

4. Der Hauptmann bekennt Gottes Sohn: Heiden kommen zur Bekehrung

Wir haben gesehen, dass der Tod als Feind besiegt worden ist und der Zugang zu Gott durch den Tod Christi offen wurde. Seine erste Schöpfung stellt Gott auf der Grundlage des Erlösungswerkes Christi wieder her. Aber der Tod Jesu ist zugleich die Grundlage für die neue, die zweite Schöpfung, deren Eingangstor die Auferstehung ist. Der Herr Jesus selbst ist der Anfang der neuen Schöpfung (Kol 1,18; Off 3,14). Wie im Blick auf die erste Schöpfung ist Er keineswegs „Geschöpf“. Aber durch seine Auferstehung hat die neue Schöpfung ihren Anfang genommen. Damit Er in dieser Neuschöpfung nicht allein bleibt, müssen sich Menschen bekehren. Und das ist die vierte Folge des Todes Christi: Menschen, hier sogar heidnische Menschen, können zu Gott finden.

Am Fuß des Kreuzes hatte der Hauptmann seine Soldaten befehligt. Er war für die Kreuzigungsprozedur verantwortlich, auch für die raue Behandlung Jesu. Aber anscheinend konnte er seine Augen nicht von dem Mann am Kreuz wegwenden. So bezeugt er zusammen mit denen, die Jesus ebenfalls bewachten, als weiterer Zeuge die Unschuld Christi. Ja noch mehr, er spricht ein wunderbares Zeugnis über Christus aus: „Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn!“

Die heidnischen Menschen hatten das hingebungsvolle Leiden Jesu gesehen. Lukas spricht davon, dass die Volksmengen diesem „Schauspiel“ beigewohnt haben. Als solches sahen sie das Ganze an. Aber sie zogen keine solche Konsequenz wie dieser Mann und seine Mitwachen. Denn auch von ihnen bezeugt der Heilige Geist, dass sie die Größe Jesu bezeugten. Sie hatten nach den Leiden den lauten Schrei gehört, was sie noch nie bei einer Kreuzigung erlebt hatten. Normal war es, dass die Gekreuzigten selbst zunächst viel lästerten, wie hier die Räuber am Kreuz. Wegen der Kreuzesqualen aber konnte – früher oder später – niemand viel mehr als ein Stöhnen hervorbringen.

Dieser Mann am Kreuz aber, den sie jetzt vor sich sahen, hatte vorher geschwiegen. Und dann war Er viel schneller gestorben, als man das gewohnt war. Zudem hatte Er zum Schluss einen Schrei ausgerufen. Das war seltsam, ja übernatürlich. Dann sahen sie noch das Erdbeben nach seinem Tod. Das rief zweifellos tiefe Furcht bei ihnen hervor, aber auch das Bekenntnis über seine Person.

Sie sprechen nicht aus einem angelernten Wissen aus, dass Christus „der Sohn Gottes“ ist. Auf jeden Fall spüren sie, dass Er mehr ist als ein normaler Mensch. Er muss Gottes Sohn sein. Seine göttlichen Eigenschaften haben sie erlebt.

So haben wir hier einen vierten Akt: Menschen können umkehren und sich bekehren. Nicht, dass wir definitiv sagen könnten, dass der Hauptmann sich hier bekehrte. Dazu sind die Hinweise zu kurz. Aber er ist hier ein Bild dieser Gruppe aus den Nationen, die sich zu Jesus Christus bekehren würden.

Dieser Mann spricht die Wahrheit über den Herrn Jesus aus, die dessen eigenes Volk leugnete und noch immer leugnet. Aus Johannes 19,7 wissen wir, dass gerade die Tatsache, dass Er von sich als vom Sohn Gottes gesprochen hat, als Todesursache festgelegt worden war. In den Evangelien nach Markus und Lukas ist es nur der Hauptmann, der den Herrn in seiner Herrlichkeit bezeugt. Hier jedoch handelt es sich um eine ganze Anzahl von Menschen. Die von ihnen gesprochenen Worte kamen nicht von den Lippen der Juden. Was für ein prophetischer Hinweis. Von nun an wären es nicht Juden, sondern gerade Heiden, die an Ihn glauben würden. Das Volk der Juden lehnte seinen Messias weiterhin ab. Schon am Anfang dieses Evangeliums haben wir gelesen: „Denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag“ (Mt 3,9). Das wird hier noch einmal bestätigt.

Zudem greife ich noch einmal den Hinweis auf, dass die Soldaten nach Kapitel 27,35 die Kleider des Herrn verteilt haben. Hier wird deutlich, dass sie – symbolisch gesprochen – durch ihre Bekehrung Christus anzogen (vgl. Kol 3,9.10.12 ff.).

Schließlich erinnere ich daran, dass Matthäus uns die verschiedenen Haushaltungen vorstellt. Diese Heiden sind in diesem Sinn Repräsentanten der Versammlung, die aus Heiden und Juden bestehen würde. Das Besondere ist, dass Menschen aus den Heiden gerettet werden, um zu der Versammlung Gottes zu gehören. Der Hauptmann und seine Kollegen sind ein schönes Vorbild darauf. Es könnten sich auch Juden zu den Bewachern gesellt haben. So besteht die Versammlung bis heute aus Menschen, die aus diesen beiden Personengruppen stammen.

5. Die Frauen am Kreuz: Der Herr hat Hoffnung für die jüdischen Übriggebliebenen

Am Schluss dieses Abschnittes finden wir dann noch einen Hinweis auf die jüdischen Übriggebliebenen. Von ihnen wird hier nichts weiter gesagt als nur, dass sie Jesus von Galiläa nachgefolgt waren. Was für eine Hingabe, dass sie im Gegensatz zu den Jüngern hier am Kreuz ausgeharrt haben. Zunächst ist von vielen Frauen die Rede. Der Geist Gottes nennt ihre Namen nicht, aber Er vergisst niemanden, der sich auf die Seite des Herrn stellte. Dann aber werden drei oder vier Frauen konkret genannt, die in besonderer Weise ein Herz für den Herrn hatten.

So werden in Zukunft auch manche Gläubige aus dem Judentum auf den Herrn Jesus warten, um Ihm zu Füßen zu liegen und zu dienen. Das war ganz am Anfang der Christenheit der Überrest für den Herrn. Am Ende der Tage, wenn die Versammlung entrückt sein wird, wird es erneut solche Übriggebliebene geben. Auch sie gehören zu Christus auf der Grundlage seines vollbrachten Werkes.

Es ist sehr auffallend, was für eine Vorrangstellung die Frauen in dieser Schlussbegebenheit der Leiden, des Sterbens und der Auferstehung des Herrn einnehmen. Wenn wir Männer es an Mut und Hingabe fehlen lassen, dient das zu unserer Beschämung. Immer wieder sehen wir, dass Frauen diesen Mangel ausfüllen. Die Jünger waren verschwunden, aber viele Frauen hielten sich in der Nähe des Kreuzes auf.

Der Mann hat die Aufgabe, dem Herrn in der Öffentlichkeit zu dienen, wie wir es im Neuen Testament immer wieder lesen. Aber was die persönliche und liebevolle Hingabe an Christus innerhalb des christlichen Lebens betrifft, so finden wir immer wieder gerade Frauen. Die Hingabe im Dienst ist vielleicht das Teil der Männer. Aber der „Instinkt“ der Liebe ist das, was inniger in die Stellung Jesu eingeht. Auf diese Weise stehen gläubige Frauen in unmittelbarer Verbindung mit den Gefühlen des Herrn und in engerer Gemeinschaft mit den Leiden seines Herzens. Gott kann das auch von uns Männern erwarten. Aber es bleibt doch ein Vorrecht von gläubigen Frauen, diese besondere Wertschätzung für den Herrn und seine Empfindungen aufzubringen.

Wer waren diese Frauen? Maria Magdalene tritt besonders in Verbindung mit der Auferstehung Jesu ins Licht. Sie liebte ihren Herrn so sehr, dass sie Ihn nicht einfach lassen konnte. So offenbart sich der Auferstandene vor allen anderen Menschen dieser gläubigen Frau (Joh 20). Sie hatten Ihn als ihren Retter bereits erlebt, denn Er hatte sieben Dämonen von ihr ausgetrieben (Lk 8,2).

Dann haben wir noch die Mutter der Söhne des Zebedäus, also von Jakobus und Johannes (vgl. Mt 20,20 ff.). In Markus 15,41 wird eine am Kreuz anwesende Frau Salome genannt – das könnte die Mutter von Johannes und Jakobus sein.

Schließlich wird mit Maria, der Mutter des Jakobus und Joses eine dritte Frau genannt, die wir nicht weiter kennen. Möglicherweise ist sie identisch mit der Frau des Kleopas, die Johannes nennt (Joh 19,25). Ihre Söhne wären dann Jakobus der Kleine (vgl. Mk 15,40) und Joses. Jakobus wird hier vermutlich von Jakobus, dem Bruder des Johannes, unterschieden.

Das Begräbnis Jesu (Verse 57–61)

„Als es aber Abend geworden war, kam ein reicher Mann von Arimathia, mit Namen Joseph, der auch selbst ein Jünger Jesu geworden war. Dieser ging hin zu Pilatus und bat um den Leib Jesu. Da befahl Pilatus, dass er ihm übergeben würde. Und Joseph nahm den Leib und wickelte ihn in reines, feines Leinentuch und legte ihn in seine neue Gruft, die er in dem Felsen hatte aushauen lassen; und er wälzte einen großen Stein an den Eingang der Gruft und ging weg. Es waren aber Maria Magdalene und die andere Maria dort und saßen dem Grab gegenüber.“ (Verse 57–61).

„Als es aber Abend geworden war“: Für die Juden war es wichtig, dass ein Toter nicht über Nacht und erst recht nicht in einen Sabbat hinein am Holz hing (vgl. 5. Mo 21,22.23). Matthäus muss das im Unterschied zu Johannes nicht weiter erläutern, weil seine Adressaten diesen Umstand sehr gut kannten. Weil nun der Abend anbrach und damit sogar ein großer Sabbat in Verbindung stand (vgl. Joh 19,31), da das Fest der ungesäuerten Brote begann, musste schnell gehandelt werden.

Gott hatte es nach dem Tod und dem Speerstich des einen Soldaten verhindert, dass noch weitere Grausamkeiten an dem Leib seines Geliebten getan werden konnten. Es war unter den Römern durchaus üblich, die Körper von Gekreuzigten am Holz hängen zu lassen und dem Fraß der Vögel zu überlassen. Die Kreuzigung war ja keine jüdische, sondern eine römische Einrichtung. Dieser Raubzug der Vögel konnte sehr schnell gehen. Gott aber ließ es nicht zu. Denn dort am Kreuz hing Derjenige, der im Mittelpunkt seiner Gedanken steht.

Sicher zum Erstaunen von Pilatus kam jetzt der gut bekannte, prominente und reiche Joseph von Arimathia4, um den Leib zu erbitten. Normalerweise wurden dann die Überreste der Gekreuzigten, soweit sie noch vorhanden waren, in die allgemeinen Gräber der Straftäter geworfen. Aber offenbar hatte dieser Eine doch einen besonderen Eindruck auf Pilatus gemacht. Pilatus war sicher nicht bei der Kreuzigung zugegen. Jedenfalls lesen wir nichts davon. Aber das Verhör hatte seine Spuren hinterlassen. Und sicher wurde Pilatus auch von der Art berichtet, in welcher unser Herr die Kreuzigung ertrug.

Nun gestattete der römische Statthalter Joseph von Arimathia, den Leib Jesu abzunehmen. Dass Er so schnell gestorben war, erstaunte Pilatus sehr. Wir haben gesehen, dass sich eine Kreuzigung normalerweise über mehrere Tage hinzog. Deshalb erfragte Pilatus vom Hauptmann, was passiert war (Mk 15,44). Ob ihm dieser gesagt hat, was er selbst bei diesem Tod empfunden hat?

Joseph von Arimathia ist ein Mann, von dem wir vorher nie etwas gehört haben. Sein Handeln war jedoch so eindrucksvoll in Gottes Augen, dass Er in allen vier Evangelien über ihn selbst und über sein Handeln berichtet. Dabei fügt jeder Evangelist eine Besonderheit hinzu, die in keinem der anderen Evangelien steht. Wir können hinzufügen: Das Handeln dieses Mannes ist eine weitere Auswirkung des Todes Christi.

6. Joseph von Arimathia wird ein Jünger Jesu: Der Herr ruft in seine Nachfolge.

Wir müssen uns die Situation vorstellen: Unser Herr Jesus Christus ist gestorben. Von Johannes wissen wir, dass man den beiden Räubern um Ihn herum die Beine gebrochen hatte, damit sie nicht tagelang mit dem Tod rangen. Auch sie sollten vor dem Sabbat sterben. Denn sie mussten zuvor begraben werden. Sie waren daher nun ebenfalls tot. Normalerweise wären sie vor 18 Uhr schnell abgehängt und von irgendjemand in ein Massengrab geworfen worden. Die Volksmengen hatten sich verlaufen, denn ihr Schauspiel war zu Ende gegangen. So kümmerte sich zunächst niemand um die Toten.

Keiner? Doch, Gott sah das alles. Und das Werk am Kreuz hatte nicht nur

  • die erste Schöpfung beeinflusst,
  • den Weg zur zweiten Schöpfung geöffnet,
  • Menschen den Zugang zu Gott geöffnet,
  • heidnischen Menschen die Möglichkeit zur Rettung gegeben und auch
  • für die gläubigen Übriggebliebenen einen Weg freigemacht.

Auf der Grundlage des Erlösungswerkes bildete Gott nun auch Jünger heran, die dem Herrn Jesus nachfolgen sollten.

Um das Kreuz war es still geworden. Da trat auf einmal ein Mann hervor, der vorher nicht aufgefallen war, obwohl er Teil des Synedriums war, das den Herrn Jesus zum Tod verurteilte hatte (vgl. Mk 15,43). Er selbst hatte diese Entscheidung nicht mitgetragen (Lk 23,51). Joseph besaß den Mut, sich mit dem gestorbenen Christus einszumachen. Darf man nicht sagen: Joseph wurde in diese Welt hineingeboren, gerade für diesen Augenblick, um diese eine kurze Prophetie in Jesaja 53,9 zu erfüllen? „Man hat sein Grab bei Gottlosen bestimmt; aber bei einem Reichen ist er gewesen in seinem Tod, weil er kein Unrecht begangen hat und kein Trug in seinem Mund gewesen ist.“ Der Herr besaß nicht einmal das Geld, um die Tempelsteuer zu bezahlen (Mt 17,27). Er war bei seiner Geburt in die ärmlichen Verhältnisse von Joseph und Maria eingetreten. Aber bei seinem Tod hat Gott, sein Vater, seinen Platz bei einem Reichen ausgewählt. Da sein Sohn bereit war, in seinem Leben äußerlich arm zu sein, hat Gott eine großartige Antwort auf diese Demut gegeben. Er bettete seinen Christus in seinem Tod bei einem Reichen.

Von den elf Jüngern lesen wir nichts mehr. Johannes berichtet als Einziger, dass ein zweiter verborgener Jünger Jesu, Nikodemus, auftauchte und sich mit Joseph einsmachte. Die beiden dürften sich aus dem Rat der Juden gekannt haben. Die elf Jünger des Herrn jedoch hatten offenbar keine Glaubensenergie. Von ihnen hören wir nichts. Im Gegensatz dazu stehen die zwei Frauen, von denen wir nicht nur in den Versen 55.56, sondern auch noch in Vers 61 lesen. Aber Gott bereitet Joseph zu, den Dienst der Grablegung an seinem Meister zu vollziehen. Wir bewundern seine Kühnheit, die in Kauf nahm, von seinen „Kollegen“ verlacht zu werden. Er musste sogar damit rechnen, selbst getötet zu werden, da er sich auf die Seite eines Gekreuzigten stellte. Jemand schreibt zu dieser Handlung: In Wahrheit begrub Joseph sich selbst in sozialer, wirtschaftlicher und religiöser Hinsicht, als er den Leib Jesu beisetzte. Diese Handlung trennte ihn für immer von den Herrschenden, die den Herrn Jesus getötet hatten.

Genau das ist eine wichtige Folge des Todes des Herrn. Dieser verändert Menschen, die vielleicht schon vorher innerlich auf der Seite des Herrn standen. Aber durch seinen Tod hat Er Leben in Überfluss geschenkt (vgl. Joh 10,10). So werden sie in die Lage versetzt, sich über menschliche Bedenken hinwegzusetzen. Joseph wird zu einem sichtbaren Jünger Jesu. Der Ausdruck, dass er ein Jünger Jesu geworden war, ist charakteristisch für Matthäus. Drei der vier Vorkommen dieses griechischen Wortes „matheteuo“ finden wir bei Matthäus. In Kapitel 28,19 wird er ein drittes Mal aufgegriffen (auch Mt 13,52, Fußnote in der Elberfelder Übersetzung, Edition CSV Hückeswagen). Der Tod Christi macht zu wahren Jüngern.

Ist es eigentlich von ungefähr, dass die Kindheit des Herrn bei einem Joseph war, sein Tod aber wieder mit einem Joseph verbunden wurde? Wir haben schon bei Simon gesehen, dass Gott hier durch Namen bestimmte Handlungen miteinander verbindet. Gerade Matthäus tut das in seinem Evangelium immer wieder.

Joseph arbeitete sehr sorgfältig. Er nahm reines, feines Leinentuch, das zur Reinheit des Herrn passte. Nach Markus 15,46 hatte er dieses speziell für diesen Anlass gekauft, so dass es bei dem Herrn Jesus zum ersten (und einzigen) Mal verwendet wurde. In dieses Tuch wickelte Er den Leib Jesu. Dann legt er seinen Herrn in die Gruft, die er vermutlich für sich selbst vorgesehen hatte. Noch kein Mensch hatte darin gelegen. Diese Gruft hatte noch nie Verwesung gesehen. Wir denken an die Worte der Weissagung Davids: „Denn meine Seele wirst du dem Scheol nicht überlassen, wirst nicht zugeben, dass dein Frommer die Verwesung sehe“ (Ps 16,10). Dieser Vers wird später im Neuen Testament von Petrus und Paulus direkt auf den Herrn Jesus bezogen (vgl. Apg 2,27.31; 13,35–37).

Bei einem Menschen tritt mit dem Tod der Verwesungsvorgang ein. Nicht so bei Christus, denn Er war ohne Sünde; so war auch sein Körper nicht den natürlichen Verwesungsvorgängen ausgesetzt, die Folge des Sündenfalls sind. Es ist auch bezeichnend, dass Matthäus nicht von einem toten Leib spricht, sondern vom „Leib Jesu“. Es ist seine Person, die in diese Gruft gelegt wurde, auch wenn der Herr selbst im Paradies war. So wollen auch wir Ehrfurcht vor dem Leib von Gestorbenen haben. Es war der Leib Jesus – kein bloß materieller Körper!

Aber nicht nur das: Gott hat auch dafür gesorgt, dass sein geliebter Sohn nicht in ein Grab hineinkam, wo es schon einmal Verwesungsvorgänge gegeben hat. Es war ein neues Grab, für das Joseph offenbar sogar schon den Verschlussstein präpariert hatte.

Die Gruft war in einem Felsen ausgehauen worden. Auch das zeigt noch einmal, dass der Herr nicht in ein „verwesliches Erdgrab“ kam, sondern in eine aus Stein gehauene Gruft. Erinnert uns diese Erwähnung aber nicht auch daran, dass Christus durch seinen Tod zum wahren Felsen geworden ist, auf dem die Versammlung ruht (vgl. Mt 16,18)?

Nachdem Joseph seine Arbeit verrichtet hatte, ging er weg. Der Geist Gottes hatte in Ihm gewirkt, dem Herrn ein ganz besonderes Geschenk zu machen – sein eigenes Grab zu geben. Jetzt war sein Auftrag erfüllt und er konnte weggehen. So hat Gott immer wieder Männer und Frauen, die genau für eine bestimmte, großartige Tat von Gott vorgesehen sind. Wenn sie diese in Treue erfüllt haben (vgl. Ananias in Apg 9,10 ff.), lässt der Herr sie gehen.

Aber es gibt auch Personen wie Maria Magdalene und die andere Maria. Sie liebten ihren Meister so, dass sie gewissermaßen nicht von Ihm weggehen konnten. Natürlich wissen wir, dass auch sie am Sabbat nicht am Grab bleiben konnten. Aber die Evangelisten und gerade Matthäus zeigen uns, wie sie nicht von ihrem Retter lassen. Sie waren im Unterschied zu den Jüngern am Kreuz zugegen (vgl. Mt 27,55.56; Joh 19,25). Sie waren dabei, als der Herr ins Grab gelegt wurde (Mk 15,47). Sie kamen direkt nach Beendigung des Sabbats am Samstagabend wieder zur Gruft (Mk 16,1). Schließlich waren sie auch am nächsten Morgen die ersten, die wieder hier waren (Mt 28,1).

Die Anhänglichkeit dieser Frauen an den Herrn ist rührend. Sie half ihnen, die Furcht zu überwinden, so dass sie bis zum Schluss sehen konnten, was aus ihrem Herrn werden würde. Was für Gedanken mussten dabei in den Herzen der Frauen aufsteigen! Sie waren dem Herrn nachgefolgt und hatten Ihm gedient. Sie waren Zeugen und Gegenstand seiner Macht und Gnade gewesen; Maria Magdalene hatte der Herr Jesus sogar von sieben Dämonen befreit (Mk 16,9). Nun waren sie auch noch Zeugen des schmerzlichen Abschlusses eines Lebens wunderbarer Tätigkeit. Nicht die Jünger sahen das, sondern diese schwachen Frauen! Was hat das für eine Botschaft für uns, die wir gläubige Männer sind. Wie leicht gehen wir gewissermaßen geschäftsmäßig mit der Person und den Leiden unseres Herrn um!

Diese Frauen hatten an Ihn als an ihren Messias geglaubt. Jetzt aber lag Er, der die Segnung für das Volk bringen sollte, unbeweglich in seinem Grab. Alles schien für sie zu einem Ende gekommen zu sein. Wir haben schon gesehen: Es war in der Tat für Gott das Ende des verlorenen und sündigen Menschen. Damit war es der Abschluss einer Zeitperiode, in der Gott von dem natürlichen Menschen vergeblich die Erfüllung des Gesetzes und Gehorsam verlangt hatte. Es war das Ende des jüdischen Volkes nach dem Fleisch. Aber diese Frauen wussten nichts von dieser Wahrheit. Eines aber wussten sie: dass sie ihren Retter liebten. So saßen sie dem Grab gegenüber und blieben dort, so lange es ihnen möglich war.

Die Wache am Grab Jesu – seine Feinde (Verse 62–66)

„Am folgenden Tag aber, der nach dem Rüsttag ist, versammelten sich die Hohenpriester und die Pharisäer bei Pilatus und sprachen: Herr, wir haben uns erinnert, dass jener Verführer sagte, als er noch lebte: Nach drei Tagen stehe ich wieder auf. So befiehl nun, dass das Grab gesichert werde bis zum dritten Tag, damit nicht etwa seine Jünger kommen, ihn stehlen und dem Volk sagen: Er ist von den Toten auferstanden; und die letzte Verführung wird schlimmer sein als die erste. Pilatus sprach zu ihnen: Ihr habt eine Wache; geht hin, sichert es, so gut ihr könnt. Sie aber gingen hin, und nachdem sie den Stein versiegelt hatten, sicherten sie das Grab mit der Wache“ (Verse 62–66).

Was für ein Gegensatz offenbart sich, wenn wir Joseph von Arimathia mit den Hohenpriestern und Pharisäern vergleichen. Der eine ist bereit, seine eigene Gruft für den Herrn Jesus hinzugeben. Die anderen sind nicht einmal damit zufrieden, dass derjenige tot ist, den sie bis in den Tod gehasst und verfolgt haben.

Es mag eine gewisse Ironie in diesen Versen liegen. Man gewinnt fast den Eindruck, dass der Unglaube nicht einmal sich selbst vertraut. Er fürchtet, dass das von ihm Geleugnete doch wahr sein könnte. Das bedeutet in diesem Fall, dass Jesus doch in der Lage ist, wieder aufzuerstehen. Natürlich sprechen sie das so nicht aus. Sie erinnern daran, dass der Herr gesagt habe, er stehe nach drei Tagen wieder auf. Und das verbinden sie mit der Angst, dass seine Jünger ihn stehlen könnten, um das wahr erscheinen zu lassen. Stand dahinter nicht die Angst, Er könne wirklich auferstehen?

Die Frauen, die in den vorherigen Abschnitten vorgestellt wurden, hatten viel Hingabe, aber wenig Einsicht. Die erbittertsten Feinde Jesu waren erfüllt mit Hass. Aber sie waren nicht dumm. Sie hatten der Stimme Satans gut zugehört. Und auf diesem Weg gingen sie jetzt weiter. Gott ließ das zu, um das Wunder der Auferstehung Jesu umso deutlich ans Licht zu bringen.

Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten gingen zu Pilatus und erinnerten an die Worte, mit denen der Herr Jesus seine Auferstehung vorhergesagt hatte. Während seines Dienstes hatten sie seine Werke nicht anerkannt, sie vielmehr mit Hass gesehen und als Werke Satans bezeichnet. Und jetzt fürchteten sie sich, dass die Menschen ein leeres Grab als Eintreffen dieser Voraussage werten würden.

Das, was sie nun vorhatten, fand am Samstag, also nach dem Rüsttag statt. Dieser Ausdruck kann bis heute auch mit Freitag übersetzt werden.5 Hier ging es um das „Rüsten“ der Feier des Sabbats, der ja durch das Passahfest und das Fest der ungesäuerten Brote „groß“ war. Diese Feier begann am Samstag, dem folgenden Tag. Man staunt, dass an dieser Stelle der Eifer der Hohenpriester und Pharisäer, dieser Gesetzeslehrer, für das Gesetz vorbei war. Denn der Tag nach dem Rüsttag war Sabbat. Hatten diese Führer Israels dem Herrn Jesus nicht immer wieder untersagt, zum Segen tätig zu sein? Im Blick auf ihre eigenen Interessen spielte das keine Rolle. Ihnen war das Risiko zu groß, der Herr könnte tatsächlich auferstehen. Zugleich war es aus ihrer Sicht natürlich möglich, dass seine Jünger Jesu Körper stehlen und dann seine Auferstehung widerspruchslos verbreiten könnten. Daher ordneten sie das Gesetz des Sabbats ihrem eigenen Hass unter. Hauptsache, ihr Gegner war dauerhaft beseitigt.

Was war das für ein Tag! Das erste Mal, seitdem die Engel ihren Schöpfer überhaupt anschauen konnten – also seit seiner Menschwerdung – konnten sie Ihn plötzlich nicht mehr sehen. Und zwar für drei Tage und drei Nächte! Was müssen sie andächtig vor Gott gestanden haben in diesen Tagen, ohne wirklich begreifen zu können, was hier geschah (vgl. 1. Pet 1,12). Im Übrigen war der Sabbat der einzige dieser drei Tage, an dem der Herr die vollen 24 Stunden im Grab war. Es waren drei Tage nötig, die der Herr der Gestorbene war. Aber Gott wachte darüber, dass dieser dreitägige Tod seines Frommen, seines Geliebten, „so kurz wie möglich“ wäre. Aber der Sabbat war vollständig eingeschlossen. War das nicht ein Hinweis auf das Ende der jüdischen Zeit? An „ihrem Tag“, war der Herr vollständig der Gestorbene.

Nur Matthäus berichtet uns von den Anstrengungen ungläubiger Juden im Blick auf das Grab. Sie passen genau in dieses Evangelium, in dem es um den Messias Israels geht. Die nun folgenden Verse zeigen uns im Übrigen eine siebte Folge des Todes des Herrn: Man kann das Wort des Evangeliums ablehnen und im Unglauben verharren.

7. Der Unglaube der Führer Israels: Christus ist der Stein des Anstoßes

Wie weitgehend kann die Feindschaft von Menschen sein. Der Tod des Herrn kann Menschen vom Unglauben zum Glauben führen, wie wir anhand der Veränderung beim Hauptmann gesehen haben. Aber der Tod Christi kann auch das Gegenteil bewirken und den Hass von Menschen geradezu explodieren lassen. So fordert der Tod unseres Herrn zu einer Entscheidung auf – so oder so. Das haben wir schon in Verbindung mit Matthäus 10,34 ff. gesehen. Entweder trifft man eine Entscheidung zum Leben, oder man wendet sich (endgültig) gegen Christus, indem man sich von Ihm abwendet. Das haben dieses Menschen getan.

Das heißt nicht, dass Feinde Christi dumme Menschen sind. Im Gegenteil: Diese Feinde Jesu erinnern sich im Gegensatz zu den Jüngern, welche seine Worte weder verstanden noch behalten haben, an seine Vorhersage. Er hatte davon gesprochen, nach drei Tagen wieder aufzuerstehen. Der Herr hatte von diesen drei Tagen zwar hauptsächlich zu seinen eigenen Jüngern geredet (vgl. Mt 16,21; 17,23; 20,19), aber offenbar haben das auch andere mitbekommen. Die von den Juden in der Verhandlung vor Kajaphas zitierten Worte Jesu über das Aufrichten seines Leibes-Tempels waren an die Juden gerichtet. Sie klagten Ihn deshalb an und vergaßen seine Worte nicht. Nur die Jünger haben sie nicht verinnerlicht. Ist es nicht bis heute manchmal so, dass die Feinde Christi die Dinge besser wissen als wir. Ihr Leben wird nicht durch diese Wahrheit bestimmt. Aber zuweilen haben sie eine bessere Kenntnis biblischer Aussagen als die Gläubigen.

Dennoch ist es eigentümlich: Selbst mit der Ermordung des Herrn waren sie nicht sicher, dass Er wirklich beseitigt war. Hatten sie noch immer Angst vor seiner Allmacht? Vielleicht glaubten sie doch stärker an seine Allmacht, als sie zugaben. Sie hatten damit Recht. Diese Allmacht werden einmal die vielen ungläubigen Menschen erleben müssen, die Christus ganz bewusst aus ihrem Leben und der gesellschaftlichen Diskussion entfernen wollen. Ihnen geht es darum, Christus keine Autorität auf der Erde einzuräumen. Sie werden sich „wundern“, wenn sie vor Ihm stehen werden und sogar durch Ihn gerichtet werden.

Das Wunderbare an dieser Geschichte ist: Die boshaften menschlichen Mittel der Hohenpriester und Pharisäer bewirkten nur, dass umso offenbarer wurde, dass der Herr wirklich auferstanden war. Sie versuchten mit allen Mitteln, allem zuvorzukommen, was auch nur entfernt auf eine Auferstehung hätte schließen lassen können. Aber ihre Vorsichtsmaßnahmen dienten nur dazu, den Beweis seiner Auferstehung zu erbringen. Denn die Wachen, die sie am Grab aufgestellt hatten, fielen aus Angst vor dem, was sie erlebten, zu Boden. Sie flohen dann, nachdem sie den Engel des Herrn in herrlicher Erscheinung gesehen hatten, der den Stein wegwälzte. So mussten sie bezeugen, dass der Herr wirklich auferstanden ist. Wie haben sich Satan und die Seinen damit selbst eine Falle gestellt. Ihre raffinierten Überlegungen führten zum Gegenteil dessen, was sie bezweckten.

Der Feind hatte natürlich ein Interesse daran, die Auferstehung, diese Tatsache von höchster Bedeutung, welche die Grundlage des Evangeliums bildet, geheim zu halten. Denn wenn Jesus nicht auferstanden wäre, hätte sein Tod die traurige Geschichte des Sünders hoffnungslos abgeschlossen. Wenn sogar der vollkommene, sündlose Mensch unter dem Gericht Gottes sterben musste und daher nicht auferstehen konnte, was musste dann das Gericht von Sündern sein? Ewige Strafe. Dann wäre tatsächlich keine Errettung mehr möglich gewesen und unser Glaube wäre nichtig (vgl. 1. Kor 15,17). Aber der Herr Jesus ist auferstanden. Das Zeugnis davon lesen wir im nächsten Kapitel.

Die Feinde Jesu wollten, dass Pilatus das Grab bewachen ließ. Auch das war schlau eingefädelt, denn dann hätten sie für den Fall, dass etwas schief ging, auf jemand anderes verweisen können. Pilatus jedoch durchschaute die Absicht dieser ungläubigen Menschen und überließ es ihnen selbst, das Grab zu beschützen. Er übernimmt keine Verantwortung für das Bewachen, stellt ihnen aber Soldaten zur Verfügung, die unter der Verantwortung der Juden das Grab sichern sollen (Vers 65; 28,11.12).

Liegt nicht in der Antwort des römischen Statthalters auch ein Hauch von Ironie? Natürlich war er geschmeichelt davon, mit „Herr“ angesprochen zu werden. Aber er war vielleicht doch stärker von der geistlichen Kraft des Gekreuzigten beeindruckt worden, als er es öffentlich zugab. Jedenfalls empfahl er diesen Menschen, Jesus „so gut sie konnten“ zu bewachen. So durften sie immerhin die Wachen aufstellen, was ihnen die Möglichkeit der Manipulation ermöglichte. Aber sie mussten lernen, was David schon in Psalm 2 geschrieben hatte: „Der im Himmel thront, lacht, der Herr spottet ihrer. Dann wird er zu ihnen reden in seinem Zorn, und in seiner Zornglut wird er sie schrecken: ‚Habe ich doch meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg!'“ (Ps 2,4–6).

Fußnoten

  • 1 Es ist auffallend, dass dieser Vers einer der wenigen ist, bei dem der masoretische (jüdische) Text des Alten Testaments verfälscht wurde. Die Juden haben sich gegen diese weissagende Aussage gesträubt. Denn dann hätte Gott ja im Alten Testament schon davon geschrieben, was Juden mit Jesus getan haben. Aber da sie den Herrn Jesus nicht als Messias anerkennen wollten, haben sie offenbar eine Textveränderung vorgenommen. Ihr Text liest daher: „Sie haben mich umzingelt wie ein Löwe meine Hände und meine Füße.“ Das ergibt keinen Sinn und ist offenbar die Handschrift Satans, der mit allen Mitteln versucht hat, diese klare Prophetie auf Christus zu zerstören.
  • 2 Dass der Herr Jesus die Worte nicht auf Hebräisch, sondern auf Aramäisch gesprochen hat, wird beim Vergleich des hebräischen „asavtani“ (hast du mich verlassen, Ps. 22,2, was in hebräischer Spreche steht) mit „sabachthani“ deutlich. Das aramäische „schebaktani“ erklärt das griechisch geschriebene „sabachthani“ deutlich besser als das hebräische „asavtani“. Dasselbe gilt für das in alten Handschriften stehende lema (statt lama, warum, wozu).
  • 3 Nach Apostelgeschichte 3,1 war die neunte Stunde die Stunde des Gebets im Tempel. Wir wissen, dass das Speisopfer nach Esra 9,4.5 am Abend gegeben wurde, als auch Esra sein Gebet begann. Dieses Speisopfer gehörte zu dem täglichen Brandopfer (2. Mo 29,40.41; 4. Mo 28,3 ff.). Dieses wurde zwischen den zwei Abenden geopfert. Offenbar war das um 15 Uhr, vor Einbruch der Dunkelheit.
  • 4 Wir wissen nicht genau, wo Arimathia liegt. Es war eine Stadt der Juden (Lk 23,51). Manche nehmen an, dass es sich um Ramathajim handelt, die Geburtsstadt Samuels (vgl. 1. Sam 1,1).
  • 5 Der Rüsttag (hebr. Erev, aram. Aruvta: „Abend“, jeweils in Verbindung mit Festtagen, gr. παρασκευή Paraskeue) ist der Vortag eines jüdischen Festes oder Feiertages. An diesem wird der Feiertag vorbereitet. Da der Sabbat (Samstag) der wöchentliche Feiertag der Juden ist, kann man den Freitag als einen solchen Rüsttag bezeichnen.
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