Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 26,1-27,26

Der Tag des Passahfestes: Leiden bis zum Kreuz (Mt 26,1–27,26)

Dieses Kapitel führt uns nach der langen Rede wieder zurück zu geschichtlichen Berichten über die letzten Tage Jesu auf der Erde. Nachdem der Herr seine Rechte als König von Israel offenbart hatte, sprach Er das Gericht über die untreuen Führer seines ungläubigen Volkes aus. Anschließend hatte Er die Lage seiner Jünger in seiner Abwesenheit in Gleichnissen skizziert. Nun zeigt Er uns seine Unterwerfung unter Gottes Willen, indem Er die für Ihn bestimmten Leiden ertrug. Das, was jetzt folgt, ist die Ausführung des Ratschlusses Gottes. Zugleich ist es das Liebeswerk unseres Retters.

Die Szene über alle Szenen, das Kreuz und die drei Stunden der Finsternis, naht heran. Christus bereitet sich darauf vor zu leiden. Er tut das in absoluter Übergabe an seinen Vater. Auch die Szene in Bethanien ist eine Vorbereitung auf das Kreuz. Der Geist Gottes wirkte mächtig in dem Herzen einer Frau, die den Retter liebte. Zugleich trieb Satan das Herz des Menschen der Sünde an, das Schlimmste gegen Jesus zu wagen, was ein Mensch tun konnte: Ihn an seine Feinde zu verraten.

Um diese beiden „Mittelpunkte“ herum versammeln sich die verschiedenen Menschengruppen. Was ist das für ein Augenblick für Himmel, Erde und Hölle! Wir sehen die Machtlosigkeit der Menschen. Es schien so, als ob der Herr Jesus machtlos und jedem feindlichen Hauch ohne Hilfsmöglichkeit ausgesetzt war. Zugleich erkennen wir, dass Gott seinen Ratschluss ausführt. Christus vollendet alles und leidet freiwillig, so dass diese bösen Führer Israels nichts ihrer eigenen Vorstellung entsprechend ausführen können.

Diese Menschen waren scheinbar frei, alles so zu tun, wie sie es wollten. Denn es war ihre Stunde und die Gewalt der Finsternis (Lk 22,53). Sie waren vollkommen verantwortlich für das, was sie taten. Und doch vollendeten sie in ihrer Ungerechtigkeit letztlich nichts anderes als den Willen Gottes, obwohl sie es nicht wollten und es ihren eigentlichen Plänen widersprach.

Christus ging hin, um sich von den Händen sündiger Menschen, die kein Herz und Gewissen hatten, kreuzigen zu lassen. Er war das Lamm, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern (Jes 53,7; Apg 8,32). Mit der Ihm eigenen würdevollen Ruhe zeigte Jesus den Jüngern bereits vor Eintreffen dieser Ereignisse, was sich nun ereignen würde. Denn als Emmanuel hatte das freiwillige Opfer ein göttliches Wissen über alle Dinge, die Ihm bevorstanden.

Wir kommen somit zu den Ereignissen, die alle Vorhersagen bezüglich der Leiden und des Todes Jesu erfüllten. Wir lesen von ihnen in den Büchern Mose, den Propheten und den Psalmen.

In Kapitel 26 vermittelt uns der Geist Gottes starke Kontraste. Wir sehen noch einmal den Christus Gottes in seiner ganzen Vollkommenheit. Zugleich werden die Bosheit und satanische Mächte offenbart, die sich in bislang ungekannter Heftigkeit über den Heiligen und Gerechten ausschütten. Diese Gegensätze finden wir gegenübergestellt in jeweils zwei aufeinanderfolgenden Abschnitten:

  1. die Ankündigung des Todestages Christi – die Pläne der Führer Israels (Verse 1.2 und 3–5)
  2. Hingabe an Christus – angebliche Besorgnis für Arme (Verse 6.7.10–12 und 8.9)
  3. Vorbereitung des Verrats von Christus durch Judas – Vorbereitung des letzten Passahfestes (Verse 14–16 und 17–19)
  4. Entlarvung des Verrats Judas' beim Passahmahl – Hingabe Jesu, symbolisiert durch Brot und Kelch (Verse 20–25 und 26–30)
  5. Selbstüberschätzung von Petrus – vollkommene Abhängigkeit Jesu in Gethsemane (Verse 31–35 und 36–46)
  6. Verrat von Judas – die würdevolle Ergebenheit Jesu (Verse 47–50 und 51–56)
  7. Das Zeugnis der Wahrheit Jesu – die drei Lügen von Petrus (Verse 57–68 und 69–75)
  8. Reue ohne Buße von Judas – das treue Bekenntnis des leidenden Christus (Kapitel 27,1–10 und 11–26)

Die Ankündigung des Kreuzes durch Christus und die Pläne der Führer Israels (Verse 1–5)

Und es geschah, als Jesus alle diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: Ihr wisst, dass nach zwei Tagen das Passah ist, und der Sohn des Menschen wird überliefert, um gekreuzigt zu werden (Verse 1.2).

Wir sehen den Herrn in vollkommener Gefasstheit, wie Er mit seinen Jüngern spricht und ihnen alles ankündigt, was seine Leiden und seinen Tod betrifft. Zum siebten Mal kündigt Er seinen Jüngern seinen Tod in diesem Evangelium an

Die Ankündigungen der Leiden, des Todes und der Auferstehung des Herrn bei Jesus

  1. 12,40: Der Herr Jesus sagt den Pharisäern und Schriftgelehrten in einer etwas geheimnisvollen Weise, dass Er wie Jona, der drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein würde – also der Gestorbene wäre.
  2. 16,21: Der Herr Jesus weist darauf hin, dass Er vonseiten der Vornehmen in Israel verfolgt und getötet werden, aber am dritten Tag auferstehen würde.
  3. 17,9: Hier finden wir den kurzen Hinweis, dass Er als der Sohn des Menschen aus den Toten auferstehen werde – also zuvor sterben müsse.
  4. 17,12: Wie Johannes verfolgt werden würde, müsse auch der Sohn des Menschen vonseiten der Juden leiden.
  5. 17,22.23: Der Herr Jesus kündigt an, dass Er als der Sohn des Menschen in die Hände von Menschen überliefert werden, getötet, aber auch am dritten Tag auferstehen würde. Hier ist der erste Hinweis auf die Schuld der Menschen an dem Tod des Herrn.
  6. 20,17–19: Die Ausführlichkeit der Hinweise nimmt zu. Zunächst war es ein Vers, dann zwei Verse, jetzt sind es schon drei längere Verse, in denen der Herr Jesus seine Jünger auf seinen Tod und seine Auferstehung vorbereitet.
  7. 26,2: Unmittelbar vor den endgültigen Leiden weist der Herr Jesus seine Jünger nun ein letztes Mal darauf hin, dass Er als Sohn des Menschen überliefert wird, um gekreuzigt zu werden. Jetzt würde das Vorbild des Passah seine Erfüllung finden.

Aber jetzt nennt Er nicht nur die Art des Todes – nämlich den Kreuzestod –, sondern auch den Zeitpunkt: Es wäre das Passahfest, an dem Er sterben sollte.1 Die Bestimmtheit, mit der Christus hier spricht, zeigt noch einmal, dass Er Gott ist, denn Er weiß alles im Vorhinein. Was für ein Friede spricht aus seinen Worten, sogar dann, als es um seinen Tod geht. Es gibt keine Ängstlichkeit, nichts, was Ihn beunruhigen würde. Er war gekommen, um den Willen dessen zu tun, der Ihn gesandt hatte. Er gab sich als das wahre Passahlamm hin.

Nicht von ungefähr wird das gerade von Matthäus mit dem Passahfest in Verbindung gebracht. Lukas betont stärker, dass es sich um das Fest der ungesäuerten Brote handelt. Er stellt sowohl die Reinheit und Sündlosigkeit des Herrn als auch die Verbindung seines Werkes mit dem Leben des Gläubigen vor. Matthäus beschränkt sich stärker auf das jüdische Vorbild des Passah: Das wahre Lamm Gottes sollte für sein Volk und sogar für viele andere Menschen leiden. Das Passah ist das Bild der Erlösung des Volkes Israel aus Ägypten. Das Mittel dafür war das Blut des Lammes, das die Grundlage der Erlösung für das Volk war. Jetzt aber würde Jesus nicht nur eine äußerliche und zeitliche Erlösung bereiten, sondern die Grundlage für die ewige Erlösung legen (Heb 9,12).

Der Herr spricht hier zum zweiten Mal von seinem Kreuzestod. Schon in Kapitel 20,19 hatte Er vorhergesagt, dass Er gekreuzigt werden würde. Jetzt aber fügt Er hinzu, wann das wäre: Er würde diese Todesart gerade am Passahfest erleiden müssen.

Die bösen Pläne der Führer Israels

Dann versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes in den Hof des Hohenpriesters, der Kajaphas hieß, und beratschlagten miteinander, um Jesus mit List zu greifen und zu töten. Sie sagten aber: Nicht an dem Fest, damit kein Aufruhr unter dem Volk entsteht. (Verse 3–5).

In den Versen 3–5 finden wir dann den großen Kontrast zu den ersten beiden Versen. Wir haben den Ratschluss Gottes gesehen und auch die Unterwerfung Jesu darunter in Liebe. Jetzt erleben wir die gottlosen Beratungen der Menschen, die letztlich nur dazu dienten, die göttlichen Ratschlüsse zur Ausführung zu bringen. Kaum hat der Herr seinen Todeszeitpunkt angekündigt, wird der Feind aktiv. Wenn er Ihn nicht daran hindern kann, ans Kreuz zu gehen, will er wenigstens den Zeitpunkt bestimmen. Die volle Wirksamkeit, Bedeutung und das Ausmaß seines Todes kann er ohnehin nicht verhindern.

Diese Verse gewähren uns dabei einen Blick in den Palast des Hohenpriesters. Es gab keinen legalen Weg, Christus zu Tode zu bringen. So reißen die Beratungen nicht ab, wie man Ihn mit List und möglichst unauffällig auf andere Weise umbringen könne. Man muss dabei bedenken, dass dies alles im Beisein dessen stattfand, der kraft seines Amtes das Volk zu Gott führen sollte. Denn der Hohepriester repräsentierte die Heiligkeit Gottes vor dem Volk. Kajaphas jedoch offenbarte das Gegenteil: Bosheit, List, Unheil und Gottlosigkeit.

In diesen Versen finden wir das bestätigt, was Salomo einmal schrieb: „Das Herz des Menschen erdenkt seinen Weg, aber der Herr lenkt seine Schritte“ (Spr 16,9). „Viele Gedanken sind im Herzen eines Mannes; aber der Ratschluss des Herrn, er kommt zustande“ (Spr 19,21). So entwarfen die Führer ihre Pläne. Aber als sie später ihre Schändlichkeit ausführten, bestätigten sie nur die Worte Jesu an seine Jünger.

Ihr Plan war es, Christus mit List schnell zu fangen, um Ihn dann im Anschluss an das Fest umzubringen. Da dort aus ihrer Sicht zu viele Menschen vor Ort waren, hatten sie Sorge, diese könnten aufgrund seiner Wundertaten für Ihn eintreten. Sie fürchteten die Volksmengen, die in diesen Tagen nach Jerusalem kamen. Diese waren in den letzten dreieinhalb Jahren Zeugen und Gegenstände der Güte und der Macht Jesu gewesen. Sie hielten Ihn zumindest für einen Propheten, manche von ihnen glaubten zum Teil vielleicht sogar an Ihn als an den Christus (vgl. Mt 21,46). Diese boshaften Obersten wollten ihre schreckliche Freveltat ausführen, ohne durch den Widerstand derer behindert zu werden, die aus den Wohltaten ihres Opfers Nutzen gezogen hatten. Sie würden ihre Bosheit ausführen können – und doch würden sie damit den Ratschluss Gottes erfüllen.

Die Pläne der Hohenpriester und Ältesten scheitern

Letztlich also planten diese Menschen nicht nur ohne Gott, sondern vergeblich. Das ist umso bemerkenswerter, als zwischen Festnahme und Tod Jesu keine 18 Stunden lagen. Seine Verurteilung und Hinrichtung waren somit Teil eines äußerst hektischen Prozesses. Darin waren nicht nur die jüdischen Führer sowie das jüdische Synedrium, ihr oberster Gerichtshof, eingebunden. Auch die politische, weltliche Gerichtsbarkeit unter Pilatus, dem Statthalter Roms in Jerusalem, hatte Anteil daran. So wurde am Ende kein Plan mehr verfolgt – alles nahm seinen Gang, wie der Herr es vorhergesagt hatte.

Aus Johannes 11,57 wissen wir, dass die Führer Israels eine regelrechte Fahndung nach dem Herrn ausgeschrieben haben. Es war ein Befehl von ihnen erteilt worden, dass jeder, der wusste, wo Jesus war, das anzeigen musste. Auch diese Menschen können sich nicht damit herausreden, dass der Ratschluss Gottes den Tod Christi vorsah. Das bezeugt Petrus in seiner ersten großen Rede nach dem Kommen des Heiligen Geistes: „Jesus, den Nazaräer, einen Mann, von Gott vor euch bestätigt durch mächtige Taten und Wunder und Zeichen, die Gott durch ihn in eurer Mitte tat, wie ihr selbst wisst – diesen, hingegeben nach dem bestimmten Ratschluss und nach Vorkenntnis Gottes, habt ihr durch die Hand von Gesetzlosen an das Kreuz geschlagen und umgebracht“ (Apg 2,22.23). Ja, es war Gottes Ratschluss. Aber genauso wahr blieb, dass sie die volle Verantwortung für ihr Tun besaßen.

Da der Plan, Jesus nicht an dem Fest zu töten, nicht zum Ratschluss Gottes gehörte, konnte er nicht ausgeführt werden und schlug fehl. Von Anfang an hatte Gott entschieden, dass es an diesem Passahtag und an keinem anderen geschehen sollte. Offenbar wollten diese bösen Menschen den Mord im Geheimen begehen. Aber sie mussten ihn in aller Öffentlichkeit vollziehen. Sie konnten den Verrat eines Jüngers und das öffentliche, schnelle Urteil eines römischen Landpflegers nicht voraussehen. Außerdem gab es entgegen ihren Befürchtungen keinen Aufruhr unter dem Volk, jedenfalls nicht zu einem gegen sie gerichteten. So kam es, dass Jesus an jenem Tag des Passah nach dem Wort Gottes starb. Christus sprach (Vers 1), die Führer Israels sagten ihre Meinung (Vers 5): Das eine offenbarte sich als Wort Gottes, das andere als wirkungsloses Menschenwort.

Wahrscheinlich dachten diese Menschen, Jesus würde sich auf sein Volk und dessen Gunst berufen. Aber nicht nur bei Ihm, sondern auch bei vielen anderen Märtyrern gingen die Menschen fehl in ihren Annahmen. Sie denken immer, die Gläubigen würden sich so verhalten, wie sie selbst es als Ungläubige tun würden. Aber der Glaube ist einfältig auf Gott gerichtet. So finden wir auch hier, dass der Herr Jesus einfach das tat, was sein Vater Ihm aufgetragen hatte. So gab es am Todestag des Herrn zwar einen gewissen Aufruhr, aber dieser war der gemeinsame und wiederholte Schrei der Volksmenge: „Er werde gekreuzigt!“ (Mt 27,15.22.23).

Abschließend sei noch hinzugefügt, dass durch die Erfüllung des Bildes, das Gott durch das Passahlamm und dieses Fest vorstellen wollte, die Passahfeier heute ihre Existenzberechtigung verloren hat. Zwar wird von Juden noch heute das Passah Jahr für Jahr gefeiert. Aber es ist ein inhaltsleeres Fest geworden. Das trifft nicht nur zu, weil es – wie schon zu Zeiten des Herrn – ohne Gott begangen wurde und daher zu einem Fest der Juden (vgl. Joh 5,1) geworden ist. Wenn die Wirklichkeit eingetreten ist, gehört das Bild der Vergangenheit an (vgl. Heb 7,18.19; 8,13).

Die Salbung des Königs und seine Missachtung (Verse 6–13)

„Als aber Jesus in Bethanien war, im Haus Simons, des Aussätzigen, kam eine Frau zu ihm, die ein Alabasterfläschchen mit sehr kostbarem Salböl hatte, und goss es aus auf sein Haupt, als er zu Tisch lag. Als aber die Jünger es sahen, wurden sie unwillig und sprachen: Wozu diese Vergeudung? Denn dieses hätte teuer verkauft und den Armen gegeben werden können. Als aber Jesus es erkannte, sprach er zu ihnen: Was macht ihr der Frau Schwierigkeiten? Denn sie hat ein gutes Werk an mir getan; denn die Armen habt ihr allezeit bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit. Denn indem sie dieses Salböl über meinen Leib gegossen hat, hat sie es zu meinem Begräbnis getan. Wahrlich, ich sage euch: Wo irgend dieses Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch davon geredet werden, was diese getan hat, zu ihrem Gedächtnis (Verse 6–13).

In diesen Versen kommen wir zu einer Szene, die ihresgleichen in der Schrift sucht. Hingabe und Liebe für den Herrn Jesus gab es während seines Lebens vorher und nachher nicht mehr in gleicher Weise. Anders ausgedrückt: Gott hat für das Herz Jesu eine besondere Erfrischung bereitet, eine Salbe, die mehr für sein Herz als für seinen Körper gedacht war. Aber selbst diese Umstände werden vom Feind benutzt, um Judas zum Stachel und Antreiber gegen die Hingabe dieser Frau und damit gegen Christus zu machen. Dieser „Sohn des Verderbens“ (Joh 17,12) wird von Satan anlässlich der Handlung Marias (vgl. Joh 12,3) zum Äußersten getrieben. Nur einer Person, einer Frau, war der Herr so viel wert, dass sie dafür ungefähr das Einkommen eines ganzen Jahres opferte. Einem Jünger des Herrn war der Meister gerade einmal ein Sklavenlohn wert – so können sich Jünger voneinander unterscheiden.

Während in Jerusalem der Rat der Bösen zusammentritt, finden wir in Bethanien einen vollkommen andere Szene. Insofern stellt dieser Abschnitt nicht nur einen Gegensatz zu dem nachfolgenden über Judas dar. Er ist auch ein Kontrapunkt zu den vorherigen Versen. Wir wechseln gewissermaßen die Szene von der grausamen Bosheit, die wir in den prunkvollen Räumen in Jerusalem sehen, hin zu einer Tat voller Liebe und Hingebung. Diese findet in einem schlichten Heim statt, wo solche wohnten, die zu den gottesfürchtigen Übriggebliebenen gehören.

Jesus war in den letzten Tagen seines Lebens vor dem Tod immer wieder von Jerusalem nach Bethanien gegangen. Dort verbrachte Er jeweils die Nacht (Joh 12,1; Mt 21,17; Mk 11,11.12.19.27). Sein Herz fand dort eine Zufluchtsstätte des Friedens, wo Er die Zuneigung des Lazarus und seiner Schwestern genoss. Der Herr hat den Hass der Feinde gerade in diesen letzten Tagen vollkommen empfunden. Umso mehr genoss Er die Ihm in Bethanien bezeugte Zuneigung und Gemeinschaft. Sein menschliches Herz sehnte sich nach Mitgefühl und wusste es als vollkommener Mensch auch wertzuschätzen. Was für einen Unterschied stellt die Atmosphäre dieses Ortes und Hauses zu der im Haus des Kajaphas dar, wo man beratschlagte, Ihn zu ermorden.

Der Herr wusste auch, dass Er in diesem „Heiligtum“, das Ihm in Jerusalem vorenthalten wurde, zum letzten Mal aufgenommen wurde. Das Herz Jesu war immer voller Liebe. Er war jederzeit bereit, diese Liebe auch zu offenbaren, wann immer das möglich war. Zugleich war sein Herz immer beengt durch die sündhafte Welt von Menschen, die diese Liebe nicht erwiderten und nicht erwidern wollten. Gerade deshalb war Bethanien für Christus eine gesegnete Zufluchtsstätte. Wenn auch der Herr die Nähe des Kreuzes tief empfand, konnte Ihm das nicht die Schönheit der Atmosphäre dieses Ortes rauben. Es machte diese Gemeinschaft feierlich und zu Herzen gehend. Gerade weil Er nicht aufhörte, Mensch zu sein, empfand Er tief, was hier geschah.

Im Gegensatz zu seinen Jüngern, die seine Worte wohl während der ganzen dreieinhalb Jahre nie richtig verstanden haben, hatte Maria- darf man sagen: instinktiv? – ein Empfinden dafür, dass die Feindschaft gegen den Gegenstand ihrer Zuneigung auf einen Höhepunkt zuschritt. Das hier gebotene Schauspiel bringt uns den Herrn fühlbar nahe. Zugleich heiligt es unsere Herzen. Wir erleben einen Herrn, der sich täglich aufopferte, hier jedoch selbst der Gegenstand eines Opfers wurde.

Die Beziehung von Maria zu ihrem Herrn

Bevor wir uns der Einzelheiten dieser wunderbaren Szene widmen, weise ich noch auf drei Punkte einleitend hin:

  1. Maria wird von Matthäus nicht mit Namen genannt, obwohl wir aus Johannes 12 wissen, dass es sich um niemand anderes handeln kann. Auch Markus erwähnt ihren Namen nicht. Niemand wird daran zweifeln, dass es dafür einen triftigen Grund gibt. Hängt dies mit der Tatsache zusammen, die der Herr Jesus in Vers 13 ausspricht? Er sagt dort, dass wo irgend das Evangelium gepredigt wird, auch davon geredet wird, was diese Frau getan hat, und zwar zu ihrem Gedächtnis. Genau diese Aussage fehlt bei Johannes, wo der Geist Gottes ihren Namen nennt. Denn letztlich kann es beim Evangelium nicht um Maria gehen, sondern um den Herrn. Weil Ihm aber ihre Hingabe so wertvoll war, sollte sie – mehr als jeder andere Mensch nach Christus – ein Denkmal gesetzt bekommen. In Verbindung mit Vers 13 werden wir uns das näher ansehen.
    Ein weiterer Grund dafür, dass Matthäus den Namen Marias nicht erwähnt, mag darin liegen, dass es hier um die öffentliche Herrlichkeit des Königs geht. Dabei ist der Name der Frau ist nicht wichtig, wohl aber die Ehrerweisung dieser Person ihrem Messias gegenüber. Johannes dagegen zeigt uns immer wieder ganz persönliche Beziehungen zwischen dem Sohn Gottes und einzelnen Menschen. So auch hier, wo Er das ganz persönliche Interesse an dieser Frau und ihrer Hingabe offenbart.
  2. Es ist traurig, dass man an dieser Stelle erwähnen muss, dass die Zuneigungen Marias nicht falsch verstanden werden dürfen. Da es heute manche verwerflichen und blasphemischen Äußerungen gibt, ist es leider nötig, diesen Punkt kurz anzuschneiden. Es war echte Liebe vonseiten Marias, aber es war keine, die auch nur entfernt mit Empfindungen zu tun hat, die wir heute zwischen Mann und Frau kennen. Gerade deshalb wird die Beziehung von Maria zu ihrem Herrn in so heiliger Zurückhaltung beschrieben. Es ist gotteslästerlich, hier etwas anderes hineinzulesen.
  3. Dann ist noch etwas zur Chronologie der Ereignisse zu sagen. Wahrscheinlich gehört der Bericht über die Salbung des Herrn zu den wenigen Ereignissen, die Markus nicht in chronologischer Ordnung mitteilt. Johannes dagegen, der wie Markus der geschichtlichen Reihenfolge folgt, berichtet auch an dieser Stelle noch immer der Zeit nach. Er spricht davon, dass der Herr sechs Tage vor dem Passah nach Bethanien kam.2 Das Passah war am Freitag. Somit dürfte das Abendessen, das dem Herrn in Bethanien bereitet wurde, am Samstagabend stattgefunden haben, der nach jüdischer Zählung zum Sonntag gehört. Das ist der erste Tag der Woche! Matthäus berichtet davon erst viel später, um den inneren Zusammenhang der Schlussszenen und mit den Entscheidungen von Judas offenzulegen. Die Tat Marias wird umso beeindruckender, je mehr man bedenkt, dass noch einige Tage vergingen, bis der Herr wirklich starb.

Der Herr war in Bethanien im Haus Simons, des Aussätzigen. Wir dürfen davon ausgehen, dass dieser durch den Herrn von seinem Aussatz gereinigt und geheilt worden war. Sicherlich wird uns deshalb von seinem Aussatz berichtet. Es ist undenkbar, dass Simon noch immer aussätzig war. Nach 3. Mose 13 und 14 hätte er dann außerhalb des Lagers sein müssen, ohne jede Möglichkeit auf Kontakt mit anderen Juden.

Viele haben darüber gerätselt, wer dieser Simon ist. Die Schrift schweigt darüber. So lassen wir offen, ob er wirklich der Ehemann von Martha war, wie manche annehmen. Da es sich um das Haus Simons und nicht, jedenfalls nicht dem Titel nach, um das Haus Marthas handelte, ist der Mut Marias um so erstaunlicher. Ihre Handlung wird so zu einer sehr persönlichen Sache zwischen ihr und dem Herrn. Sie fand eben nicht in dem Haus ihrer Familie statt – es sei denn, auch sie wohnte in Simons Haus.

Die Hingabe Marias für ihren sterbenden Retter

Im siebten Vers wird uns dann die eigentliche Handlung Marias berichtet. Wie kam diese Frau dazu, gerade in diesem Augenblick ein äußerst wertvolles Alabasterfläschchen zu nehmen, um es ganz auf das Haupt Jesu auszugießen? Sie hatte offenbar mehr Verständnis als alle Jünger von ihrem Herrn und Meister. Wie ist das möglich, wo sie den Herrn doch viel seltener gesehen und gehört hat als die Zwölf? Sie hatte die Worte ihres Retters offenbar nicht nur gehört, sondern sie hatte Ihm und seinem Wort auch zugehört. Sie hatte sich dafür Zeit genommen und sich bewusst zu seinen Füßen hingesetzt (vgl. Lk 10,39). Das aber war nicht alles, wie wir hier sehen. Sie verband das Hören mit wahrer Hingabe. Der Herr nahm diese an, weil sie durch Liebe hervorgerufen wurde, die der Heilige Geist in dieser einsichtsvollen Frau bewirkt hatte.

Was muss das für eine Freude für den Herrn gewesen sein! Inmitten der Ablehnung vonseiten seines Volkes und angesichts des Unverständnisses bei seinen Jüngern gab es eine Person, die mit Ihm empfand. Diese Art der Zuwendung finden wir so nicht mehr am Kreuz. Maria steht dort nicht, weil sie ihrem Meister bereits hier das gegeben hat, was sein Herz suchte. Wir finden diesen „Honig“ (vgl. 3. Mo 2,11), den der Herr genießen durfte, nicht am Kreuz, wo er unpassend wäre, wie ein Ausleger schreibt (JND). Honig ist manchmal in der Schrift vielleicht ein symbolischer Hinweis auf eine vom natürlichen Bereich ausgehende (reine) Zuneigung.

Dieser Honig hatte keinen Platz bei den Opfern. Aber vielleicht ist diese Handlung Marias etwas von diesem „Süßen“ an dieser Stelle. Nachdem der Herr in den Kapitel 21–25 seinen Auftrag seinem Volk gegenüber vollkommen ausgeführt hatte, gewährt Gott Ihm diese Ermunterung. In Kürze würde Er den Platz des Opfers einnehmen. Dazwischen lagen Tage, die schon von tiefsten Leiden gekennzeichnet waren. Daher schenkte Ihm sein Vater, dass Er die Liebe der Person genießen durfte, die Ihm ihr Herz geöffnet hatte. Das erinnert uns an die prophetischen Worte Davids: „Auf dem Weg wird er trinken aus dem Bach, darum wird er das Haupt erheben“ (Ps 110,7).

Wir finden hier also das Ergebnis davon, dass sich ein Herz in Liebe auf den Herrn ausrichtet. Maria war mit Ihm beschäftigt und fühlte daher seine Lage. Sie fühlte, was Ihn bewegte, und dies setzte ihre Liebe in Tätigkeit. Da sie innerlich fühlte, dass das Ende nahte, bewirkte das in ihr eine ganz besonderen Ausdrucksform der Hingabe. Demgegenüber sehen wir das Wachsen des Hasses gegen Christus und den Entschluss bei Judas und den Führern des Volkes, Ihn zu ermorden. Maria aber tat das einzig Angemessene, und sie führte es in der passenden Art und Weise aus. Wir können nicht sagen, ob ihre Handlung einem gewissen inneren „Instinkt“ ihres Herzens entsprang. Wir wissen auch nicht, was sie von ihrer Handlung wirklich verstand. Aber Jesus legte ihrem Tun doch den ganzen Wert bei, den seine vollkommene Einsicht ihr beimessen konnte. Er rechnete ihr die Gefühle ihres Herzens und die kommenden Begebenheiten in ihrer ganzen Tragweite zu. Das tut Er immer mit den Seinen. Wenn Paulus durch den Geist Gottes die Gabe der Philipper beurteilt, so bezeichnet er sie als ein Opfer: „Das von euch Gesandte ..., einen duftenden Wohlgeruch, ein angenehmes Opfer, Gott wohlgefällig“ (Phil 4,18). Wer von uns würde eine materielle Gabe mit denselben Worten bezeichnen, die Gott im Blick auf das einzigartige Opfer seinen Sohnes verwendet? Gott tut das, weil Er jede Hingabe eines Gläubigen damit adelt, dass Er sie mit dem Werk des Herrn Jesus verbindet.

Maria wartete also nicht auf die Verheißung des Vaters (Lk 24,49), bis sie dem Herrn die tiefe Anbetung ihres Herzens brachte. Sie goss diese in Form dieses Salböls bereits vor seinem Tod über seinem Haupt und seinen Füßen aus. Denn sie liebte Ihn mit einer von Gott bewirkten tiefen, anbetenden Liebe. Die göttliche Person, nämlich der Heilige Geist, die kurze Zeit später im Überfluss (Joh 10,10) mitgeteilt wurde, wirkte schon damals in den Trieben einer neuen, göttlichen Natur. Johannes sagt, dass die Salbe aufbewahrt worden war (Joh 12,7). Früher habe ich gedacht, dass Maria dieses Salböl für andere Zwecke, vielleicht für sich selbst, gekauft hat. Das glaube ich heute nicht mehr. Sie hat dieses Alabasterfläschchen gerade für ihren Meister gekauft. Sie wusste nicht, wann sie es Ihm widmen könnte. Aber jemand anderes kam dafür aus ihrer Sicht nicht in Frage – sie selbst auch nicht. Es war das Beste, was sie hatte, und sie goss es über Jesus aus. Wie gering dies in ihren Augen auch scheinen mochte – in seinen Augen war es überaus kostbar. Sie liebte Ihn und fühlte die drohende Gefahr. Denn die Liebe fühlt schnell und genauer als die geschärfteste menschliche Klugheit.

Salböl für Haupt und Füße

Matthäus berichtet uns, dass Maria das Salböl auf das Haupt des Herrn Jesus ausgoss. Das ist eines Königs würdig, der im Alten Testament auf dem Kopf gesalbt wurde. Man denke zum Beispiel an David (1. Sam 16; vgl. 1. Sam 10,1; 2. Kön 9,3). Johannes dagegen schreibt, dass Maria die Füße des Sohnes Gottes salbte. Manche wollten daraus einen Widerspruch in der Bibel kreieren. Mit ein wenig Nachdenken wird man verstehen, dass sie beides getan hat. Konnte sie dem ewigen Sohn Gottes, von dem Johannes spricht, das Haupt salben? Unmöglich! Das wäre vollkommen ungeziemend gewesen. So salbt sie Ihm in dem Bericht, der von seiner höchsten Herrlichkeit spricht, die Füße. Sie fällt anbetend vor Ihm nieder, dem ewigen Wort, das Fleisch geworden ist.

Was für eine Kühnheit erblicken wir in dieser Frau, dass sie dem Herrn Jesus, während Er zu Tisch lag, Kopf und Füße salbte. Dazu gehörte großer Mut, vor allem, das vor anderen zu tun. Maria hatte einen solchen. Bedenken wir dabei, dass Johannes der Täufer sich nicht einmal für würdig erachtete, dem Herrn die Riemen seiner Sandalen zu lösen. Dabei war er der Größte unter Frauen Geborene. Aber er stand für ein altes System, in dem Gott hinter dem Vorhang des Allerheiligsten wohnte. Maria dagegen ist ein Vorbild auf die Versammlung und jeden Gläubigen in der heutigen Zeit. Ohne Scheu – aber mit großer Ehrfrucht – dürfen wir dem Vater nahen und auch den Herrn Jesus anbeten.

Die Feinde würden den Herrn Jesus nur kurze Zeit später mit Dornen krönen. Maria aber salbte dieses königliche Haupt mit wertvollem Salböl. Das Reich Christi konnte nur aufgerichtet werden, indem der König starb und auferstand. Daher – weil diese Frau seinen Tod erahnte, den Gott in seinem Ratschluss festgelegt hatte – nahm Christus ihre Salbung zu seinem Begräbnis an. Maria konnte etwas zur Einbalsamierung des Herrn beitragen. Als die übrigen Frauen mit ihren Spezereien zur Gruft kamen, war Jesus schon auferstanden (Lk 24,1). Nikodemus und Joseph von Arimathia kamen ebenfalls nicht mehr vor dem Tod Jesu. Aber ihnen wurde immerhin noch die Ehre zuteil, den Herrn nach seinem Tod mit Spezereien zu bedienen (Joh 19,40). Maria dagegen kam rechtzeitig. Diese Frau, die ihren Herrn besser verstanden hatte als alle anderen und deren Liebe weiter reichte als die aller Jünger, ergriff hier eine einmalige Gelegenheit.

Diese Tat Marias erinnert uns an Hohelied 1,12: „Während der König an seiner Tafel war, gab meine Narde ihren Duft.“ Wir bedenken dabei, dass es normalerweise genügte, einen Tropfen einer solchen, wertvollen Narde zu verwenden, um solch einen Duft zu bewirken. Aus Markus 14,3 wissen wir, dass Maria das ganze Fläschchen – wir müssen wohl annehmen, den Flaschenhals – zerbrach. Sie wollte nichts für sich zurückbehalten, sondern die gesamte Narde über ihren Herrn und Meister ausschütten. Wie wertvoll war Er ihr.

Ein Vergleich von Lukas 7 und Matthäus 26

Bevor wir zu den Reaktionen der Jünger weitergehen, verweise ich noch auf eine sehr ähnliche Begebenheit. Dabei ist sehr auffallend, dass auch diese zweite Handlung im Haus eines Simon geschieht. Es handelt sich um zwei verschiedener Personen. In Matthäus 26 befinden wir uns in Bethanien, in der Nähe Jerusalems. In Lukas 7,36, wo eine Sünderin den Herrn Jesus salbt, ist Jesus in Galiläa. Diese Begebenheit fand auch deutlich früher statt. In Lukas handelt es sich um den Pharisäer Simon, in Matthäus 26 um den (ehemals) Aussätzigen Simon. Simon bedeutet „Erhörung, erhört“. Der Aussätzige ist in seinen Bitten erhört worden und konnte gereinigt werden. Der Pharisäer Simon dagegen trug offenbar einen Namen, der nicht seine Lebenswirklichkeit darstellte. Jedenfalls gleicht er den Jüngern, da auch er nicht wollte, dass der Herr eine solche Salbung bekam und annahm.

Um auf die Handlung an sich zu kommen, kann man Folgendes aus den beiden unterschiedlichen Begebenheiten lernen: In Matthäus 26 leitet die Liebe und das tiefe Gefühl für die Herrlichkeit Jesus eine Frau an, Christus zu salben. In Lukas 7 wird in dem Herzen einer Sünderin genau dasselbe bewirkt, da sie in der Gegenwart der göttlichen Gnade Jesu vollkommen zusammenbricht. Wir lernen daraus: Die Gnade und die Herrlichkeit des Herrn führen zu derselben Handlung. Sie unterscheiden sich im Beweggrund und Anlass und auch im Umfang der Tat. Denn nur bei Maria heißt es, dass es sich um ein sehr kostbares Salböl handelte.

Die Handlung der großen Sünderin ist das Ergebnis ihrer Dankbarkeit, die Tat Marias ist die Folge ihrer Anbetung. Die Sünderin hat den Reichtum der Gnade Gottes in Christus erfahren, Maria den Reichtum seiner Herrlichkeit. Die Sünderin handelt, weil die erfahrene Liebe ihr Herz erfüllte, Maria wird tätig, weil die Person des Sohnes Gottes ihr Herz erfüllt. Aber beide Handlungen gleichen sich in der Auswirkung. Die Wertschätzung an sich ist unterschiedlich, weil die Anbeterin, die den Herrn kannte, viel einsichtsvoller handeln kann. Aber die Liebe einer Seele, die soeben göttliche Gnade empfangen hatte, bringt sie zu derselben Handlung. Der Herr nimmt beides in vollkommener Wertschätzung an. Beide Personen haben einen besonderen Platz in dem Herzen dessen, der nun im Begriff stand, am Kreuz die Sühnung zu bewirken und die Vergebung der Sünden beider Frauen.

Wenn man die Berichte von Johannes, Markus und Matthäus miteinander vergleicht, scheinen sich folgende Schwerpunkte anzudeuten. Johannes zeigt uns besonders, was für eine Wirkung diese Hingabe Marias besaß: Das ganze Haus wurde von dem Geruch der Salbe erfüllt. Ihr Werk galt dem Herrn, aber es hatte gewaltige Auswirkungen. Darüber hinaus zeigt uns der Geist Gottes durch Johannes ein Bild der christlichen Anbetung in Geist und Wahrheit. Im Markusevangelium steht besonders der Umfang dessen vor uns, was Maria gegeben hat. Nur Markus sagt uns, dass sie das Fläschchen zerbrach, so dass es ganz für ihren Meister gegeben wurde. Es konnte danach nie wieder benutzt werden. Sie gab alles, was sie hier besaß. Matthäus scheint besonders die Gelegenheit zu betonen, die Maria ergriff. Das „während“ des Abendessens bei Markus ist eine Zeitangabe „im Vorübergehen“. Matthäus dagegen zeigt, dass Maria diese Tat genau in dem Augenblick vollbrachte, „als er zu Tisch lag“. Sie ergriff diese Gelegenheit, die sich ihr bot, auch wenn andere zugegen waren und sie abschätzig beurteilen konnten.

Die Unwilligkeit der Jünger über Maria

Mit dem achten Vers tritt eine Wende in dieser Begebenheit ein. Die Ursache dieses Wechsels in der Atmosphäre in Bethanien wird uns nicht von Matthäus, sondern von Johannes mitgeteilt (Joh 12,4): Das Herz von Judas war die Quelle dieser Kritik an Maria. Aber die übrigen Jünger fielen in diese Schlinge Satans, weil ihre Herzen nicht mit Christus beschäftigt waren. Das Böse war im Herzen von Judas. Es breitete sich aus, so dass „einige unwillig“ wurden (Mk 14,4). Am Ende lesen wir, dass „die Jünger“ sich alle eins mit diesem Widerstand gegen Maria machten (Mt 26,8). Wie traurig ist es, dass sich das Böse und die Opposition gegen die Hingabe für den Herrn so schnell ausbreiten kann – auch unter Gläubigen.

Es ist gerade das Zeugnis der Zuneigung und Hingabe an Jesus, das den Eigennutz und die Herzlosigkeit der Übrigen offenbart. Erkenntnis über Ihn, die auch bei den Jüngern vorhanden war, reicht nicht aus, um auch Zuneigungen des Herzens zu erwecken. Dazu muss Christus zu dem alleinigen Gegenstand des Herzens werden, wie wir es bei dieser einen Frau gesehen haben.

Wir sehen somit, wie eine verderbte Seele andere beschmutzen kann, die unvergleichlich besser sind als sie. Die ganze Jüngerschar um den Herrn herum wurde für einen Augenblick durch das Gift, das einer verspritzte, beeinflusst. Was für Herzen haben wir – selbst zu einer solchen Zeit und angesichts einer solchen Liebe! Das hat sich bis heute nicht geändert. Ein böses Auge kann sehr schnell seine boshaften Empfindungen mitteilen, wodurch viele verunreinigt werden. Zwar war die Bosheit und Geldliebe von Judas die eigentliche Ursache und Anstiftung. Doch in den übrigen Jüngern war ebenfalls etwas vorhanden, was sie für eine ähnliche Selbstsucht auf Kosten Jesu empfänglich machte. Das ist unser verdorbenes, unverbesserliches Fleisch, das solche Giftpfeile gerne aufnimmt. Im Unterschied zu Judas gestatteten die Jünger Satan jedoch nicht, in ihre Herzen einzutreten. Sie waren Gläubige. Wir dürfen jedoch nicht übersehen, wie oft sich Satan einen geistlichen Anstrich gibt. Er sprich (durch Menschen) von der Sorge um die Lehre oder wie hier von der Sorge für die Armen, als ob es ihm darum ginge. Sein einziges Bestreben ist es, Christus die Ehre und Anbetung zu rauben. Zu diesem Zweck kann er sogar das an sich gute Verlangen benutzen, das Evangelium zu verkündigen. Letztlich wirft er sich nichts anderes als ein frommes Mäntelchen um, hinter dem er seinen Hass gegen Christus zu verbergen sucht. Dabei hat er immer den einen Plan: Christus zu schaden.

Wie leicht ist es also für elf gute Menschen, durch einen schlechten Menschen in die Irre geführt zu werden. So verstanden selbst diejenigen, die dreieinhalb Jahre mit Jesus gearbeitet und gelebt hatten, nichts von den Empfindungen Marias für ihren Meister. Es gibt nichts Gutes in einem Gläubigen, wenn Christus nicht der Gegenstand vor seinem Herzen bleibt, der ihn kontrolliert und antreibt. Daher waren die Jünger weit von der Gemeinschaft entfernt, die zwischen dem Herrn Jesus und Maria bestand. Sie ließen sich durch den Sohn des Verderbens dazu hinreißen, den Armen der Welt mehr Wert beizumessen als ihrem Retter. Wie wird durch diese Verse bestätigt, dass die Liebe zu Christus der einzig richtige Weg zu wahrem geistlichen Verständnis ist.

Wie muss diese fleischliche Einschätzung das Herz Jesu verletzt haben, wie auch das der Maria. Sie schweigt, weil sich Empfindungen und Zuneigungen nicht durch Argumente verteidigen lassen. Entweder ist Christus der einzige Antrieb – dann versteht man ein solches Tun. Oder Er ist es nicht. Dann helfen auch keine Argumente weiter.

Maria verteidigt sich daher nicht. Hätte sie einen besseren Verteidiger haben können als ihren Meister? Er lässt nicht zu, dass die Kritik an ihr, sie sei unsozial und ungeistlich, unbeantwortet im Raum stehenbleibt. Er verdeutlicht, was in seinen und den Augen Gottes wahren Wert besitzt. In den Gedanken der Jünger wäre es keine Verschwendung gewesen, wenn das ganze Geld für die Welt ausgegeben worden wäre. Für sie war es Verschwendung, alles für Christus zu geben. Diese Gesinnung entlarvt übrigens auch Salomo einmal (Hld 8,7). Sie steht aber im Widerspruch zu den göttlichen Gedanken. Waren die Jünger nicht dabei gewesen, als der Vater mehrfach verkündet hat, dass Christus und Er allein der geliebte Sohn Gottes ist? Hatten sie nicht erlebt, dass die Nöte der Welt allein durch Ihn beseitigt werden konnten? War Er nicht immer wieder auf Arme zugegangen, um sie zu retten? Der Herr hat überhaupt nichts dagegen einzuwenden, die Bedürfnisse von Armen zu stillen. Aber es gab etwas, was jetzt viel wichtiger und wertvoller war.

Der Herr bestätigt ausdrücklich, dass Maria ein „gutes Werk“ getan hat. Die Jünger hätten dieses Werk gerne verhindert. So erkennen wir, dass es – heute wie damals – eine „Zwei-Klassengesellschaft“ unter Jüngern gibt: Auf der einen Seite stehen die hingebungsvollen, oft unverstandenen Jünger, deren Herz allein auf den Herrn und seine Wünsche ausgerichtet ist. Sie vergessen die Armen nicht! Aber Christus hat den ersten Platz in ihren Herzen. Auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die sehr sozial sowie rational und einsichtig scheinen, die aber letztlich in erster Linie an sich selbst denken. Sie sprechen von den Armen, aber im Grunde genommen suchen sie sich und ihren Dienst, vielleicht sogar ihre eigene Ehre.

Die Bedeutung, die Jesus der Tat Marias beimisst

Maria war bei weitem nicht über die vielen Einzelheiten informiert, die in den folgenden Tagen und Stunden für den Herrn Jesus Wirklichkeit werden sollten. Sie war auch keine Prophetin. Aber sie hatte ein instinktives Verständnis dessen, was kommen würde. Sie spürte, dass die Feindschaft, von der auch Thomas und die Jünger gesprochen hatten (Joh 11,8.16), jetzt ihrem Höhepunkt entgegenging. Aber sie hatte andere Schlüsse daraus gezogen als Thomas und die Jünger.

Sie hatte es nicht einmal für sein Werk, sondern allein für Ihn getan. Maria besaß diese eine, letzte Möglichkeit, den Herrn zu salben. Sie nutzte diese. Der Herr sieht ihre Tat an, als habe sie Ihn zum Begräbnis gesalbt. Dieser Tod stand jetzt vor Ihm – und nichts konnte Ihn davon abbringen, dieses Werk zu vollbringen. Wir haben gesehen, dass die Zeit des Zeugnisablegens und der Erklärungen vorbei war. Daher war sein Herz frei, die Zuneigungen anzunehmen, die Ihm in Liebe und Dankbarkeit gegeben wurden. Sein Herz und seine Gedanken waren auf das Werk gerichtet, das Er tun wollte. Solange Er seine Macht zum Wohl der Ihn umgebenden Menschen ausübte, ging es nur um die anderen. Jetzt aber, wo Er als das Lamm zur Schlachtbank geführt wurde, öffnete Er sich für diejenige, die Ihm Anbetung bringen wollte, und nahm diese an.

Die Predigt des Evangeliums in der ganzen Welt

Die Handlung Marias ist in der wunderbaren Geschichte des Lebens Jesu hier auf der Erde einzigartig. Denn man muss in Betracht ziehen, in was für einem Augenblick und in was für einer Liebe sie es tat. Das empfand der Herr, so dass Er seinen Jüngern und damit auch uns sagt: „Wahrlich, ich sage euch: Wo irgend dieses Evangelium gepredigt werden wird in der ganzen Welt, wird auch davon geredet werden, was diese getan hat, zu ihrem Gedächtnis.“ Er unterstreicht ein göttliches Prinzip: „Die mich ehren, werde ich ehren, und die mich verachten, werden gering geachtet werden“ (1. Sam 2,30).

Es ist in den Augen des Herrn angemessen, dass zu allen Zeiten berichtet wird, dass ein Herz Ihn so wertschätzte, als sich die ganze Welt gegen Ihn zusammenrottete und sogar die Jünger seine Empfindungen nicht verstanden! Das unterstreicht den Wert, den Er dieser Hingabe beimaß. Nicht, dass wir sagen könnten, dass in den Jüngern in diesem Augenblick Unaufrichtigkeit war. Es war schlicht Herzensarmut. Es war das menschliche Herz, das nicht tiefer schauen kann, als wozu Klugheit und Menschenverstand in der Lage sind.

Man fragt sich nun, warum gerade diese Handlung mit der Verkündigung des Evangeliums verbunden wird. Dazu müssen wir noch einmal bedenken, dass weder Matthäus noch Markus den Namen Marias erwähnen. Matthäus war dabei gewesen und hätte diesen Namen sofort nennen können. Aber er bekam diesen Auftrag nicht. Nicht Maria als Person steht im Vordergrund, wenn das Evangelium verkündigt wird, sondern das, was sie getan hat. Aber es wird zu ihrem Gedächtnis berichtet.

Sollen wird durch diesen Vers nicht lernen, dass es viel zu wenig wäre, das Ziel der Verkündigung des Evangeliums in der Rettung verlorener Menschen zu sehen? Natürlich möchte Gott durch den Herrn Jesus Menschen retten. Deshalb lässt Er bis heute sein Evangelium der Herrlichkeit verkündigen. Aber Er erwartet viel mehr. Er will, dass die Annahme des Evangeliums dazu führt, dass Menschen zu Anbetern des Vaters und des Herrn Jesus werden. Er möchte, dass die Annahme des Evangeliums Menschen anregt, ihr Leben mit allem, was sie besitzen, dem Herrn Jesus zur Verfügung zu stellen. Die Annahme des Evangeliums führt zu Konsequenzen im Leben dieser Erlösten: Sie leben von nun an für ihren Meister, sie dienen Ihm, sie geben sich Ihm hin. Genau das hat Maria getan. Und deshalb wird ihre Tat ein Gedächtnis bleiben, wo irgend dieses Evangelium Gottes gepredigt wird.

Das zeigt uns, dass es nicht damit getan ist, Menschen zuzurufen, dass sie sich bekehren müssen. Das ist nur der Anfang. Und das „ganze Evangelium“ umfasst weit mehr. Bei der Verkündigung „dieses“ Evangeliums, des biblischen, sollen wir auch die Konsequenzen für das Leben eines Christen auf der Erde vorstellen. Dabei bedenken wir, dass das Evangelium zum Beispiel im Römerbrief weitaus mehr beinhaltet als nur die Botschaft an den Sünder. Der „biblische“ Evangelist verkündigt diese gute Botschaft auch Gläubigen, wie Paulus das getan hat. Das Leben des bekehrten Menschen gehört nun einem anderen, dem er mit Freude und Hingabe dient: Christus, seinem Herrn und Meister. Es wäre ein verkürztes Evangelium, wenn wir auf diesen Teil der Botschaft verzichteten.

Schlussfolgerungen

Wir wollen für uns daraus lernen, die Augen in allem direkt auf den Herrn zu richten. Nicht das Lob von anderen ist wichtig, sondern die Hingabe für Ihn. Was andere sagen mögen, ist nicht entscheidend. Wichtig ist, was Er sagt. Heute gibt es auch unter Christen viele philanthropische menschliche Anstrengungen. Da mögen unsere Werke, wie auch immer sie aussehen, von Menschen und selbst von Gläubigen nicht besonders geachtet werden. Was aber zählt, ist die Anerkennung unseres Retters und Meisters. Daher müssen unsere Werke die Frucht der Wertschätzung des einen, abwesenden, verachteten und gekreuzigten Herrn sein! Viele Monumente wurden auf dieser Erde schon zum Gedächtnis herausragender Leistungen und Menschen aufgestellt. Eines bleibt in Ewigkeit stehen: das dieser Frau! Sie hatte zu den Füßen des Herrn gelernt. Wenn wir ihr gleichen wollen, müssen auch wir uns zu seinen Füßen aufhalten. Dann werden auch unsere Herzen für Ihn erwärmt.

Noch einmal: Das heißt nicht, dass die Gläubigen die Armen vergessen sollen (Gal 2,10). Aber die beständige Anbetung (Hld 1,3; Heb 13,15) hat Vorrang. Das Salböl selbst spricht von der Hingabe des Herrn. Die zerbrochene Flasche und das ausgegossene Salböl sind Symbole seiner Hingabe bis in den Tod. Wir werden – wie vermutlich auch Maria – oftmals vielleicht nur ein wenig von dem wahren Wert dieser Hingabe verstehen. Aber das, was wir erkennen dürfen, darf uns antreiben, alles für Christus zu tun und vor allem, vor Ihm anbetend niederzufallen.

Die Vorbereitung des Verrats Jesu und das Zubereiten des Passah (Verse 14–19)

Dann ging einer der Zwölf, der Judas Iskariot hieß, zu den Hohenpriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben, und ich werde ihn euch überliefern? Sie aber setzten ihm dreißig Silberstücke fest. Und von da an suchte er eine Gelegenheit, ihn zu überliefern“ (Verse 14–16).

Wir hatten bereits den scharfen Gegensatz zwischen dem Hass der Feinde Jesu (Verse 3–5) und der tiefen Liebe von Maria (Verse 6–13) gesehen. Nun wird die Hingabe Marias dem treulosen Verrat von Judas gegenübergestellt. Eine erste Antwort im Herzen von Judas hatten wir bereits in der Begebenheit der Salbung des Herrn gesehen, auch wenn Matthäus sie nicht direkt nennt. Jetzt aber erkennen wir, was vielleicht die Hingabe Marias in seinem Herzen bewirkt hat. Jedenfalls wird uns hier dieser Gegensatz vor Augen gemalt. Judas wurde zum Werkzeug der Bosheit der Obersten des Volkes. Beide befanden sich in den Händen Satans. Aber auch Satan kann alles nur der Absicht Gottes entsprechend einrichten. Denn über allem steht Gott, dessen Ratschluss selbst Satan erfüllen muss.

Die Gewalttätigkeit erreichte ihren Gipfel in den Führern – sie wollten Christus ohne irgendwelche Bedenken und möglichst sofort umbringen. Die Verdorbenheit erreichte ihren Gipfelpunkt in Judas, der drei Jahre lang seinen Herrn begleitet hatte. Er konnte viele Male sehen und erleben, wie der Herr für andere da war und sich um ihre Bedürfnisse kümmerte. Judas hatte Wunder um Wunder erlebt. Und jetzt hoffte er, seine Kenntnis durch einen Verrat dazu benutzen zu können, einen schäbigen Gewinn von 30 Silberlingen einzustreichen. Für Maria war es nicht zu schade, ihrem Meister ein Opfer im Wert von 300 Denaren zu widmen, für Judas war Christus der Preis eines israelitischen Knechtes wert: Das waren 30 Silbersekel (2. Mo 21,32).

Vielleicht war es die Handlung Marias, die das zeitliche Gefüge der Hohenpriester auseinanderbrachte. Sie wollten Christus erst nach dem Fest umbringen. Aber vermutlich durch die Hingabe Marias angestachelt machte sich Judas schnell auf, um sein Werk zu verrichten. Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, wann Judas sich aufmachte, um mit den Hohenpriestern über den Verrat zu verhandeln. Das „dann“ in Vers 14 hinterlässt jedoch den Eindruck, dass er es in Verbindung mit dieser Hingabe Marias tat. In moralischer Hinsicht war „Bethanien“ jedenfalls in den Augen Gottes der Anlass für Judas, sich um den Verrat seines Meisters gegen eine Geldleistung zu bemühen. Vielleicht ist auch das ein Grund dafür, dass der Heilige Geist den Bericht über diese Tat Marias außerhalb der eigentlichen Chronologie gibt.

Satans List und Absicht

Weil es in dieser Szene der Hingabe Marias um einen hohen Geldbetrag ging, war dies vielleicht für Judas ein Anlass, den Herrn zu verraten. Dadurch erhoffte er sich wenigstens einen kleinen Gewinn, denn sein Herz war ja von Geldliebe geprägt. Als Wurzel alles Bösen trieb sie ihn jetzt zu dieser größten Schlechtigkeit an. Er hatte (noch) keine Gewissensbisse, aus Geldgier sogar seinen Meister an die Feinde zu überliefern.

Seine zur Schau getragene Liebe zu den Armen war geheuchelt. Die Liebe zum Geld prägte sein Leben. Das zeigt uns, wohin auch ein Christ kommen kann, wenn er bei sich böse Neigungen duldet. Nur dann, wenn wir sie im Licht Gottes richten, um von ihnen befreit zu werden, werden wir vor einem bösen Weg bewahrt (vgl. 1. Tim 6,10). Früher oder später kommt man sonst unter die Macht dieser geduldeten Neigung: „Wovon jemand überwältigt ist, diesem ist er auch als Sklave unterworfen“ (2. Pet 2,19).

Judas wurde dadurch sogar zu einem Spielzeug Satans (Lk 22,3). Nachdem dieser es ihm ins Herz gegeben hatte (Joh 13,2), fuhr er sogar in Judas, damit er seinen bösen Plan ausführen würde. So geht Satan bei allen Verbreche(r)n vor. Immer wieder bestätigt sich später: Weder der Teufel noch diejenigen, die Satan sonst noch zur Ausführung seiner Absichten gebraucht, werden mit ihrem Opfer Mitleid haben, wenn sie dessen Verzweiflung sehen. Satan versucht mit furchtbarer Rücksichtslosigkeit, seine eigenen Interessen zu vertreten, koste es bei Menschen, was es wolle. Das hat sich auch bei Judas bewahrheitet (vgl. Mt 27,3–6).

Judas Iskariot

Interessanterweise finden wir bei allen drei Synoptikern an dieser Stelle den vollen Name von Judas: Judas Iskariot.

  • Manche denken, dass dies heißt: der Mann (hebräisch ish) von Kerioth. Dann wäre Judas der einzige unter den Jüngern gewesen, der nicht aus Galiläa kam (vgl. Apg2,7). Denn Kerioth liegt in Judäa.
  • Andere denken, dass dieser Name denselben Wortstamm wie Issaschar hat. Dann wäre er möglicherweise ein Jünger aus diesem Stamm gewesen und käme doch aus Galiläa. Der Name Issaschar hat die bemerkenswerte Bedeutung: „Er bringt Lohn“. Und was für einen Lohn ...
  • Schließlich ist in dem Namen Issaschar der Ausdruck „Shacar“ enthalten, wovon sich das Wort „eshkar“ (Zahlung, Tribut, Abgabe, Hes 27,15) ableitet. Das hat eine ähnliche Bedeutung wie Issaschar. Iskarioth kann deshalb auch Kaufmann bedeuten. Das wäre dann zugleich ein Hinweis auf das furchtbare Verbrechen, das Judas begangen hat. Gerade in der Stunde, in der er sich dem Teufel verkaufte, hören wir diesen Namen.

Wir bleiben für einen Augenblick bei der ersten und wohl wahrscheinlichsten Bedeutung des Namens stehen. Dann steht die Herkunft von Judas symbolhaft für die Ablehnung Jesu als König durch die Juden in Judäa. Die Juden aus diesem Gebiet verachteten, wie schon das Ende von Kapitel 2 deutlich macht, die Juden, die in Galiläa wohnten. Dort war der Herr als Licht erschienen, verachtet von den Juden um Jerusalem herum (vgl. Jes 9,1). Ganz zum Schluss kommt nun der einzige Judäer aus der Jüngerschaft, um dem Herrn sozusagen den Todesstoß zu geben.

Damit wird Judas, der vom Herrn in Johannes 17,12 „Sohn des Verderbens“ genannt wird, zugleich ein Vorbild des „Menschen der Sünde“, dem künftigen Antichrist. Auch dieser wird „Sohn des Verderbens“ genannt (2. Thes 2,3). In ihm wird die Ablehnung des Herrn ihren zweiten Höhepunkt finden. Auch dieser Mensch wird ein Jude sein, denn er wird sich zum König über Israel aufschwingen. Da nur Juden für das Königtum in Jerusalem in Frage kommen, muss dieser falsche Prophet aus diesem Stamm kommen.

Satans Kampf gegen den Herrn

Johannes zeigt uns, dass Satan, der nichts in Christus fand (Joh 14,30), es spätestens in dieser Situation auf Judas abgesehen hatte. In ihm fand er einen willfährigen Partner, in den er fahren konnte. Er nahm Besitz von diesem Menschen, wie er es später bei dem Antichristen tun wird (vgl. Off 13,11). Judas hat nie innerlich an den Herrn Jesus geglaubt. Im Gegenteil: Er hat Christus von Anfang an abgelehnt, ohne es öffentlich zu zeigen. Er wollte niemand als Autorität über sich akzeptieren. Der Herr Jesus wusste das von Anfang an. Und dennoch hat Er ihn als einen seiner Jünger ausgewählt. Er hat ihn sogar mit einer ganz besonderen Bevorzugung behandelt. Denken wir nur daran, dass Er ihn als Kassenwart der Jünger anerkannte und ertrug. Die Liebe des Herrn zu Judas unterschied sich nicht von der zu den anderen Jüngern. Nur dass sie bei Judas keine Antwort, keinen Widerhall fand.

Dass der Herr von Anfang an alles wusste, wird uns nur in Johannes gezeigt, wo Er als der Sohn Gottes vor uns kommt (vgl. Joh 6,64.70; 13,11). Aber auch das Alte Testament hat von Judas bereits geweissagt. Das können wir heute rückblickend sagen. Damals konnte das keiner ahnen. Stellen wie zum Beispiel Sacharja 11,12.13; Psalm 41,10; 55,13–15; 109,6–19 zeigen das deutlich.

Die Handlung von Judas – die Weissagung Sacharjas

Wenn man darüber nachdenkt, was Judas hier getan hat, muss uns innerlich regelrecht übel werden. Über drei Jahre ist er mit dem Herrn Jesus zusammen gewesen. Wie viel Liebe ist ihm erwiesen worden, wie viele Worte der Zuwendung und Hilfe. Kein einziges Mal ist er von dem Herrn Jesus in falscher Weise oder unberechtigt getadelt worden. Immer wieder hat der Meister seine segnenden Hände auch für Judas ausgestreckt. Er hat ihm dieselbe Kraft wie den anderen Jüngern gegeben, Wunder zu vollbringen und Dämonen auszutreiben. Doch es hat alles keine Wirkung im Herzen des Verräters bewirkt.

Judas schließt einen Bund mit dem Tod und einen Vertrag mit der Hölle, wie ein Schreiber sich ausdrückt (William Kelly). Das tut er für einen Preis, der eines Menschen in Israels unwürdig war. Es war der Preis eines Sklaven. Wenn der Wert des Herrn in den Augen Marias unaussprechlich groß war, was war der Wert des Herrn in den Augen von Judas? Und noch schlimmer: Was war er in denen der jüdischen Führer, der Hohenpriester? Der Preis eines Sklaven (vgl. 2. Mo 21,32)! Der Hohepriester war der von Gott eingesetzte Vertreter hier auf der Erde. Er repräsentierte das Volk vor Gott und Gott vor dem Volk. Aber den Sohn Gottes, den Messias Gottes und den Propheten Gottes lassen sie ermorden – und das für einen Sklavenpreis. Man kann diese 30 Silberstücke nicht leicht in die heutige Währung umrechnen. Manche sprechen von umgerechnet 300 Euro, andere von rund 1.500 Euro. Es war jedenfalls ein geringer, ja ein verächtlicher Preis für einen Menschen.

Sacharja hat davon gesprochen: „Und ich sprach zu ihnen: Wenn es gut ist in euren Augen, so gebet mir meinen Lohn, wenn aber nicht, so lasst es; und sie wogen meinen Lohn ab: dreißig Sekel Silber. Da sprach der Herr zu mir: Wirf ihn dem Töpfer hin, den herrlichen Preis, dessen ich von ihnen wertgeachtet bin! Und ich nahm die dreißig Sekel Silber und warf sie in das Haus des Herrn, dem Töpfer hin“ (Sach 11,12.13). Gott spricht hier mit einer heiligen Ironie. War der Preis eines Sklaven ein „herrlicher“ Preis? Er stellte eine Unverschämtheit, eine unvergleichliche Bosheit dar! Ganz abgesehen von der Gottlosigkeit, die in dieser Handlung offenbar wurde.

Aus Sicht von Judas waren 300 Denare (Joh 12,5) zu viel, um sie an Jesus zu „verschwenden“. Nach seiner Wertschätzung war Jesus nicht mehr als 30 Silberlinge wert. Für diese Summe war er bereit, seinen Meister zu verkaufen! Und doch verkaufte er in erster Linie sich selbst und seine eigene Seele (vgl. Mt 16,26). Was für einem Irrtum unterlag dieser Mann!

Das Zubereiten des Passah (Verse 17–19)

Am ersten Tag der ungesäuerten Brote aber traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, dass wir dir bereiten, das Passah zu essen? Er aber sprach: Geht in die Stadt zu dem und dem und sprecht zu ihm: Der Lehrer sagt: Meine Zeit ist nahe; bei dir halte ich das Passah mit meinen Jüngern. Und die Jünger taten, wie Jesus ihnen befohlen hatte, und bereiteten das Passah. (Verse 17–19).

In den nun folgenden Versen zeigt uns der Evangelist, mit was für einer Sorge und Fürsorge der Herr für seine Jünger tätig war. Er schenkte ihnen ein letztes Mahl, bevor Er in den Tod gehen würde. Zudem benutzt Er die Gelegenheit des Passahmahls dazu, den Verräter Judas zu offenbaren. Danach führt Er während der Passahmahlzeit das Gedächtnismahl ein.

Das Fest der ungesäuerten Brote

Die Jünger haben ihren Meister oft nicht verstanden. Das wird in Verbindung mit dem Kreuz noch einmal deutlich. Aber wir dürfen nicht übersehen, dass die Elfe ihrem Herrn zugetan waren und Ihm von Herzen gehorsam sein wollten. So lesen wir in Vers 17, dass sie, sicherlich der Gewohnheit nach, den Herrn Jesus danach fragen, wo sie Ihm das Passah bereiten sollten. Matthäus spricht hier vom ersten Tag der ungesäuerten Brote. Damit wird deutlich, dass das Passahfest mit dem Fest der ungesäuerten Brote (vgl. 3. Mo 23,4–8) verbunden wurde. Entsprechend schreibt Lukas in Kapitel 22,1: „Es kam aber das Fest der ungesäuerten Brote näher, das Passah genannt wird“.

Während Lukas das den aus dem Heidentum stammenden Christen erklären musste, brauchte sich Matthäus darüber nicht weiter auszulassen. Die aus dem Judentum stammenden Empfänger seines Evangeliums waren mit diesem Brauch natürlich vertraut. Wir müssen somit davon ausgehen, dass in der damaligen Zeit auch der Tag des Passahfestes, also der 14. Tag des Monats Abib, schon als Tag der ungesäuerten Brote gerechnet wurde. Das war nichts Neues. Schon in 5. Mose 16,16 (vgl. Vers 5) werden die beiden Feste miteinander verbunden und unter der Überschrift des Festes der ungesäuerten Brote zusammengefasst. So finden wir es später immer wieder (vgl. z.B. 2. Chr 30,13.15), auch wenn dieses Fest nach der Vorschrift in 3. Mose 23 eigentlich erst am Tag nach dem Passah begann.

Wir müssen davon ausgehen, dass die Jünger sich immer noch nicht bewusst waren, dass der Tod des Herrn unmittelbar bevorstand. Daher fragen sie Ihn wie vermutlich in den vorhergehenden Jahren, wo sie das Passah bereiten sollen. Aber sie wollten es „dir“, Ihm selbst, bereiten. Dieses Wort ist zu Herzen gehend. Ihnen war klar, dass es nicht um ihr eigenes Passahfest ging. Sie wollten dem Herrn dieses Mahl zubereiten. Ihm, der sich als das wahre Passahlamm, als das Lamm Gottes, kurze Zeit später darstellen sollte.

Er lässt nun seine Jünger in seiner göttlichen Allwissenheit und Autorität als Meister einen Ort finden, wo Er mit ihnen sein letztes Mahl einnehmen konnte. Was für Gedanken mochten in diesen Augenblicken auf sein menschliches Herz eindringen, das gleichzeitig in göttlicher Weise alles wusste: den Tod, den Verrat, die Verleugnung von Petrus, den Hass seines geliebten Volkes ... Zugleich erkennen wir in Verbindung mit diesem Abendessen, was für eine Liebe in seinem vollkommenen Herzen zugunsten der Seinen wirkte.

Die Zubereitung des Passah

Matthäus berichtet uns im Unterschied zu Markus nur wenig über die Anweisungen des Herrn zur Bereitung des Passahfestes. Der König hat alles unter seiner vollkommenen Kontrolle. Wir bedenken dabei: Der Passahtag begann nach jüdischer Zeitrechnung bereits am Vorabend des eigentlichen Tages, also am Donnerstag um 18 Uhr. Da aß Jesus mit seinen Jüngern das Passah. Am nächsten Morgen um 9 Uhr hing Er bereits am Kreuz, gerade einmal 15 Stunden später.

Die kurzen Anweisungen des Herrn, die von den Jüngern gehorsam ausgeführt werden, sind beeindruckend. Alles muss bereitet werden nach seinen Vorstellungen. Wir wissen nicht, ob es ein vielleicht verborgener Jünger war, der sein Gastzimmer zur Verfügung stellte. Jedenfalls bewirkt der Herr im Herzen eines bestimmten Menschen, dass dieser ein Zimmer für das letzte Passah des Herrn mit seinen Jüngern zur Verfügung stellt. Dass die Schrift seinen Namen nicht nennt, könnte ein Hinweis darauf sein, dass er eine symbolische Bedeutung hat. So steht er für alle, die dem Herrn aufmachen, damit Er bei ihnen wohnen und sein Mahl begehen kann.

Der Herr Jesus fügt dabei den eigentümlichen Satz an: „Meine Zeit ist nahe.“ Öfter schon hatten die Juden versucht, dem Herrn sein Leben zu nehmen. Das war ihnen nicht geglückt, denn seine Stunde war noch nicht gekommen. Jetzt aber war die von Gott vorgesehene Zeit nahe, in welcher der König sein Leben niederlegen sollte. Der Herr kündigt das sozusagen noch einmal an. Hätten die Jünger Ihm sorgfältig zugehört, hätten sie mehr von dem verstanden, was Ihn bewegte. Und von dem, was Ihm und ihnen bevorstand.

Es ist auch schön zu sehen, dass der Herr das Passah nicht alleine essen wollte: „Bei dir halte ich das Passah mit meinen Jüngern.“ Auch wenn sie Ihn oftmals und bis zum Schluss nicht richtig verstanden, so liebte Er sie doch und genoss die Gemeinschaft mit ihnen. Es war für Ihn eine Erfrischung, auch und gerade so kurz vor seinem Tod.

Die Entlarvung von Judas beim Abendessen und die Hingabe Christi (Verse 20–30)

Als es aber Abend geworden war, legte er sich mit den Zwölfen zu Tisch. Und während sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich überliefern. Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, ein jeder zu ihm zu sagen: Ich bin es doch nicht, Herr? Er aber antwortete und sprach: Der mit mir die Hand in die Schüssel eintaucht, der wird mich überliefern. Der Sohn des Menschen geht zwar dahin, wie über ihn geschrieben steht; wehe aber jenem Menschen, durch den der Sohn des Menschen überliefert wird! Es wäre besser für jenen Menschen, wenn er nicht geboren wäre. Judas aber, der ihn überlieferte, antwortete und sprach: Ich bin es doch nicht, Rabbi? Er spricht zu ihm: Du hast es gesagt (Verse 20–25).

Wir sehen den Kontrast zweier nicht vergleichbaren Personen: der treulose Verräter Judas steht Jesus Christus gegenüber, der bereit war, sein Leben für seine Jünger in den Tod zu geben. Sein Blut würde für viele vergossen werden zur Vergebung der Sünden. Zugleich ist Judas derjenige, der das Blut Jesu vergoss, weil er für dessen Tod verantwortlich war.

Judas ahnte noch nicht, dass der vereinbarte Verratspreis von 30 Silberstücken nur sein Gewissen verbrennen würde. Dass er Denjenigen verriet, den er so gut kannte, ging an seinem Gewissen nicht spurlos vorüber. Aber weil er keine Buße tat, war und blieb er der Sohn des Verderbens. Dieses Herz des Sohnes des Verderbens musste auch den übrigen Jüngern offenbart werden. Es war ein Herz, das sich inzwischen unter der direkten Führung und der verhärtenden Macht Satans befand.

Das lange Zusammensein mit dem Herrn hatte Judas nicht verändert. Die ganze Zeit schon war sein Inneres durch Bosheit geprägt. Auch wenn die Jünger das nicht gemerkt hatten, war er ein solcher Ungöttlicher, auch in seinen Wegen. Diese Heimtücke wurde jetzt jedoch, kurz vor dem Kreuz Christi, in einem extremen Maß sichtbar. Christus offenbarte somit, dass dieser Verräter außerdem ein Heuchler war. Wir können wohl davon ausgehen, dass Judas vermutete, der Herr würde – wie bislang immer – davonkommen. Aber er hatte nicht verstanden, dass die Stunde des Herrn jetzt gekommen war.

Lukas sagt uns, dass es nicht nur seine Stunde, sondern auch die Stunde des Menschen und die Gewalt der Finsternis war. Bei dem Abendessen verdeutlichte der Herr, der Sohn des Menschen (Vers 24), Judas jetzt in einem letzten Appell, dass er nicht nur Christus verkauft hat. Das war furchtbar genug. Aber er hat auch sich selbst, seine eigene Seele, verkauft. Und das bedeutete für ihn, in die ewige Finsternis einzugehen.

Der Abend vor der Kreuzigung

Der Abend kam, der letzte im Leben Jesu vor seinem Tod. Er legte sich, wie es damals üblich war, mit seinen Jüngern zu Tisch. Von dem eigentlichen Essen berichtet Matthäus kaum etwas. Er spricht jetzt vor allem davon, wie der Herr den Jüngern offenbarte, dass einer von ihnen zu seinem Überlieferer würde.

Während des Essens sagt der Herr mit der Bestimmtheit des „Amen“, des „wahrlich“: „Einer von euch wird mich überliefern“. Der Herr drückt hier nicht seine Kenntnis des Verräters aus. Er kannte Judas natürlich von Anfang an als den kommenden Verräter, schon als Er ihn berief. Aber das ist mehr das Thema von Johannes. Er nennt hier noch nicht einmal den Namen. Hier beschränkt sich der Herr darauf, die Tatsache als solche anzukündigen, dass einer von ihnen sein Überlieferer sein würde. Das war es, was sein Herz bewegte: „einer von euch.“ Und Er wünschte, dass auch das Herz seiner Jünger davon bewegt würde.

Dass der Sohn des Menschen durch Verrat zu Tode gebracht werden würde, war in den Schriften vorausgesagt worden. Das aber mindert nicht im geringsten die Schwere der Handlungsweise des Verräters. In diesem Akt enthüllte Judas sein wahres Ich in seiner ganzen Bosheit. Jesus wiederum schickte sich an, sich durch seinen Tod in seiner göttlichen Liebe vollständig zu offenbaren.

Vorher aber wollte der Herr seinen Jüngern bewusstmachen, wie schmerzlich der Gedanke für Ihn war, dass einer von ihnen sein Verräter war. Gerade einer von denen, die dreieinhalb Jahre bei Ihm waren, würde Ihn treulos verraten, ein Freund, ein Genosse. „Denn nicht ein Feind ist es, der mich höhnt, sonst würde ich es ertragen; nicht mein Hasser ist es, der gegen mich großgetan hat, sonst würde ich mich vor ihm verbergen; sondern du, ein Mensch wie ich, mein Freund und mein Vertrauter, die wir vertrauten Umgang miteinander pflegten, ins Haus Gottes gingen mit der Menge“ (Ps 55,13–15). Diese Verse, die David im Blick auf den Verrat seines Ratgebers und Freundes Ahitophel dichtete (vgl. 2. Sam 15,12.31), finden ihre wahre Erfüllung in Judas.

In dieser Ankündigung liegt zugleich eine letzte Warnung für Judas. Der Herr hatte „gesehen“, wie er sich an die Hohenpriester gewandt hatte. Er kannte seinen Handel mit ihnen. Er las die ganze dunkle Geschichte in seinem Herzen. Denn Er war der Allwissende, alles war vor Ihm wie ein aufgeschlagenes Buch. „Einer von euch wird mich überliefern.“ Hat dieses Wort das Herz und Gewissen von Judas erreicht? Zeigte auch er Überraschung? Wurde sein Gesicht rot oder bleich, als er seine innersten Gedanken offenbart sah?

Der Herr wollte, dass jeder Jünger ganz persönlich sein Herz und Gewissen prüfte, ob er in der Lage wäre, eine solche Tat zu begehen. Die Jünger sind dadurch sehr betroffen. Es ist schön zu sehen, dass sie betrübt waren, nicht jedoch böse auf denjenigen, der das tun würde. Sie offenbaren ein gesundes Misstrauen gegenüber sich selbst. Jeder von ihnen fragt: „Ich bin es doch nicht, Herr?“ Sie trauen sich tatsächlich eine solch böse Tat zu. Darin sind sie uns ein Beispiel, die wir oft so hoch und gut von uns denken.

Mit Ausnahme von Judas waren die Jünger vom Gedanken an eine solche Sache weit entfernt. Sie sind so überrascht und konsterniert, dass sie sich an die Allwissenheit des Herrn wenden, um zu erfahren, wer es sein könnte. Diese Reaktion zeigt, dass sie wirklich unschuldig waren. Aber sie zeigen damit auch, dass sie die Worte ihres Meisters sehr ernst nehmen und für wahr halten.

Judas, der Verräter

Matthäus berichtet uns an dieser Stelle nur einige Tatsachen, während Johannes deutlich ausführlicher ist. Der Herr bezeugt, dass derjenige, der mit Ihm die Hand in die Schüssel eintaucht, der Verräter sei. Aus Johannes 13,26 wissen wir sogar, dass Er Judas diesen Bissen reichte. Judas besaß als Kassenwart eine besondere Vertrauensfunktion, die seinen Verrat nur noch verwerflicher machte. Doch selbst dieser letzte Beweis der Liebe des Herrn, nämlich dass Er ihm den Bissen gab (eine besondere Ehrerweisung), konnte Judas nicht von seinem schrecklichen Plan abbringen. Aber nicht einmal das berichtet Matthäus. Ihm geht es nicht um die Handlung, sondern um den Gegensatz zwischen dem Verräter, dem Sohn des Verderbens, und dem Erretter, dem Sohn des Menschen.

Eigentlich war der liebevolle Hinweis des Herrn ein stilles Angebot an Judas, die Gnade wirken zu lassen und umzukehren. Aber er lehnte diesen Weg ab. In Johannes 13,2 lesen wir, dass Satan diesen Plan in das Herz von Judas eingegeben hatte. In Vers 27 heißt es dann, dass Satan in ihn fuhr, unmittelbar nach diesem letzten Angebot der Gnade, dem Bissen. So schlimm ist es, die Gnade und Liebe Christi abzuweisen.

Matthäus berichtet noch von einer Warnung des Herrn an Judas. Er selbst würde nach dem Ratschluss Gottes, wie er im Alten Testament schon verzeichnet war, dahingehen und leiden und sterben. Das aber war nur die eine Seite. Die Verantwortung dessen, der Ihn als den Sohn des Menschen überliefern würde, war gewaltig. Judas verging sich nicht nur am Messias seines Volkes. Er hatte es auch mit dem Sohn des Menschen zu tun, der einen Anspruch auf die ganze Welt besaß (vgl. Ps 8). „Es wäre besser für jenen Menschen, wenn er nicht geboren wäre.“ So furchtbar wird sein Gericht am großen weißen Thron sein (Off 20,13.15). Der Zielort wird für alle ungläubigen Menschen gleich sein: die Hölle. Aber das Ausmaß der Strafe wird nach ihren Werken sein. Es gibt nichts Schlimmeres, als Jesus selbst ans Kreuz zu bringen, indem man Ihn an die Feinde überliefert.

Wir sind erstaunt, dass Judas nicht still bleiben kann. In seiner Bosheit und Heuchelei fragt er dreist: „Ich bin es doch nicht?“ Er besitzt die Verwegenheit, dieselben Worte zu benutzen wie die unschuldigen Jünger. Nichts konnte diesen verhärteten Mann erschüttern, anscheinend auch nicht die dann folgende ausdrückliche Bestätigung des Herrn, dass er der Verräter sei. Wenn Liebe sein Herz nicht erreichen konnte, was sollte dann noch helfen? Satan war in ihm. Judas ließ sich in seinem Tun nicht mehr aufhalten.

Johannes zeigt, dass Judas genau in diesem Augenblick den Raum verließ, also nicht an der Einsetzung des Gedächtnismahl teilnahm (vgl. Joh 13,30). In den anderen Evangelien, besonders bei Lukas, aber auch hier bei Matthäus, sieht es so aus, als ob Judas beim Abendmahl dabei gewesen wäre. Vielleicht fügt das der Geist Gotte so, um uns zu warnen. Wir sollen uns bewusst sein, dass es immer möglich sein kann, dass sich ein Ungläubiger unter dem Deckmantel des christlichen Glaubens verbirgt und sich unter die Erlösten mischt. Wir können das nicht verhindern, es sei denn, dass sich jemand als Ungläubiger offenbart. In diesem Fall werden wir aufgefordert zu handeln (vgl. z.B. 1. Kor 5,11–13).

Bevor wir weitergehen, möchte ich noch auf den Unterschied in der Anrede des Herrn durch die elf Jünger im Vergleich zu Judas hinweisen. Sie konnten mit Recht sagen: „Herr“. Judas aber hören wir nie Herr, sondern stets Rabbi sagen (vgl. 1. Kor 12,3). Er akzeptierte die Herrschaft Jesu über sich nicht. Für ihn war Christus zwar ein Lehrer, aber nicht sein Herr.

Zugleich aber zeigen seine Worte noch einmal, mit was für einer Heuchelei er handelte: „Ich bin es doch nicht, Rabbi?“ Er tat so, als ob er eine Beziehung zum Herrn hätte, und doch offenbaren seine Worte durch das fehlende „Herr“ das Gegenteil. Eines wissen wir: Auch Judas wird einmal vor dem Herrn niederfallen müssen (Phil 2,11). Was wird das für ein Augenblick sein, wenn er ein „nächstes Mal“ in die Augen Jesu blicken wird. Dann wird dieser sein Richter sein. Judas war ein Teufel (Joh 6,70). Auch ihm galten somit diese „Wehe“ über die Heuchler (Mt 23,13.23.27).

Brot und Kelch – die Symbole des Todes Christi

Während sie aber aßen, nahm Jesus Brot, segnete, brach und gab es den Jüngern und sprach: Nehmt, esst; dies ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte und gab ihnen diesen und sagte: Trinkt alle daraus. Denn dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Ich sage euch aber: Ich werde von jetzt an nicht von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, wenn ich es neu mit euch trinke in dem Reich meines Vaters. Und als sie ein Loblied gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg (Verse 26–30).

Wir kommen jetzt zu einer familiären Szene und Atmosphäre. Lukas ist der einzige der Evangelisten, der uns die eigentliche Einsetzung des Mahls als Gedächtnismahl (oder Abendmahls, wie Martin Luther es übersetzte) nennt. Denn nur Er zitiert den Satz des Herrn: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Aber auch Matthäus und Markus nennen uns die wesentlichen Teile des Gedächtnismahls: Brot und Kelch. Es geht also jetzt direkt um den Tod des Herrn.

In jener Nacht fand die jüdische Haushaltung ihr Ende. Das Passah hatte als Fest der Erinnerung an die Erlösung Israels aus Ägypten seinen Zweck erfüllt. Jetzt sollte es seine eigentliche Erfüllung finden. Denn es war ein „prophetisches“ Fest, das auf das Werk des Herrn vorauswies. Das Passahlamm war bereit(et) und sollte am nächsten Tag wirklich geschlachtet werden. Genau in dieser Nacht führte der Herr daher ein neues „Fest“ ein. Es war ein Mahl, das die fundamentale Wahrheit des Christentums beinhaltet, so wie das Passahlamm die des Judentums.

Die Passahfeier selbst finden wir nicht ausführlich beschrieben. Aber mit was für Empfindungen wird der Herr dieses Passah gegessen haben! Er wusste als einziger, dass dieses Passah eine großartige Bedeutung hatte. Es symbolisierte sein eigenes Sterben (1. Kor 5,7). Es wurde einmal im Jahr gefeiert. Das jetzt vom Herrn Jesus eingesetzte Mahl des Herrn wurde anfangs täglich (vgl. Apg 2,46) und später am ersten Tag der Woche (Apg 20,7) eingenommen – im Gedenken an Christus, zur Verkündigung seines Todes.

Inmitten der vielfältigen Leiden, die auf den Herrn einstürmten, nahm Er sich die Zeit für seine Jünger. Er führte das wertvollste und zugleich so schlichte Gedenken an Ihn selbst im Blick auf sein großes Opfer ein. Er stand im Begriff, sich selbst als dieses Opfer zu geben. Das Passahfest zeigt nach vorne zum Tod Christi (vgl. 1. Pet 1,19.20). Das Gedächtnismahl zeigt zurück auf die Hingabe des Herrn. Das Passah spricht mehr von der Selbstverurteilung des Gläubigen. Es erinnerte den Juden immer wieder daran, dass die Erstgeborenen in Ägypten eigentlich unter dem Todesurteil Gottes stand wie die Ägypter auch. Sie wurde nur durch den Tod des Passahlammes gerettet. Der Herr würde jetzt durch seinen Sühnungstod zeigen, dass in viel grundlegenderer Weise jeder Mensch unter dem Todesurteil Gottes steht, weil er als Sünder die Hölle verdient hat. Aber für denjenigen, der das Werk Jesu für sich in Anspruch nimmt, ist der Herr als die Erfüllung des Passah stellvertretend in den Tod gegangen.

Nun nimmt das Mahl des Herrn einen noch wichtigeren Platz als die Passahfeier ein. Denn es ist eine Erinnerung an das einzigartige Opfer Jesu, das Er gegeben hat zur Befreiung des Menschen vom ewigen Gericht. Brot und Wein sind die schlichtesten Hinweise menschlicher Nahrung. Aber auf beeindruckende Weise sprechen sie vom Leib und Blut Christi. Die Juden konnten das Passah als Symbol dieser für sie noch zukünftigen Dinge nicht verstehen. Im Unterschied zu ihnen dürfen und sollen wir erfassen, was das Mahl des Herrn bedeutet. Denn der Herr ist gestorben und auferstanden und hat uns den Geist Gottes geschenkt, der uns in die ganze Wahrheit einführt (vgl. Joh 16,13). Wenn das Mahl des Herrn heute einfach als eine formale Vorschrift eingehalten würde, wäre es weniger wert als das Passah. Denn der Herr hat uns mehr offenbart als den Juden im Alten Testament. Daher erwartet Er, dass wir das Mahl in anbetender und einsichtsvoller Weise einnehmen.

Der Messias zeigt seinen Jüngern in diesen Versen, dass sie eines gestorbenen Retters gedenken sollten. Es handelt sich nicht mehr um einen lebenden Messias. All das war vorüber. Wir haben es auch nicht mehr mit der Erinnerung an die Befreiung Israels aus der Sklaverei Ägyptens zu tun. Christus, und zwar der gestorbene Christus, begann eine ganz neue Ordnung von Dingen.3

Vers 26: Das Brot – der Leib Christi

Matthäus berichtet uns, dass der Herr Jesus während des Essens, also während des Passahmahls, Brot nahm. Wahrscheinlich nahm Er eines der für das Passahmahl vorbereiteten ungesäuerten Brote in seine Hände. Dann segnete Er es, das heißt, Er dankte für das Brot (vgl. Lk 22,19). Wir hören nichts von einem langen, ausführlichen Gebet; offenbar handelte es sich um eine schlichte Danksagung des Herrn. Dann brach Er das Brot und gab jedem der Jünger ein Stück davon. Zugleich erklärte Er, was dieses Brot für eine Bedeutung hat: „Nehmt, esst; dies ist mein Leib.“ Lukas ergänzt noch, dass es sich um den Leib des Herrn handelt, den Er dahingeben würde.

Wenn wir heute von dem Brot des Gedächtnismahls nehmen, erinnern wir uns an diese feierliche und ernste Stunde zurück. Der Herr und Retter stand unmittelbar davor, durch den schmachvollen Tod am Kreuz hindurchzugehen. Dort litt Er vonseiten der Menschen und erduldete in drei Stunden das Gericht Gottes. Wir werden an seine unvergleichliche Liebe erinnert, auf die diese Zeichen hinweisen. Aber der Herr Jesus weist hier seine Jünger nicht an, dieses Gedächtnismahl zu begehen. Denn Matthäus spricht nicht davon, dass der Herr diese Erde verlassen würde: „Siehe, ich bin bei euch ... bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Mt 28,20). Nur durch Lukas (und später durch Paulus) wissen wir, dass wir dieses Mahl zu seinem Gedächtnis einnehmen sollen.

Wir lesen, dass der Herr das Brot „nahm“. Dadurch gibt Er diesem Brot eine besondere Bedeutung. Auch sonst hatten sie während der Passahfeier von Broten gegessen. Da aber hatte der Herr dem Brot keinen speziellen Sinn zugesprochen. Das ist hier anders. Er zeigt uns, dass dieses Brot eine neue, eine symbolische Bedeutung bekommt: Es stellt den Leib Christi dar. Es ist dieser Leib gewesen, den Er sich hat bereiten lassen, um auf diese Erde als Mensch kommen zu können (vgl. Heb 10,5). Es ist sein Leib, in dem Er für uns gelitten hat: „Gott hat seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch [im Menschen, im Körper des Herrn Jesus] verurteilt“ (Röm 8,3). Er musste als Mensch sterben und den Preis für unsere Sünden tragen (vgl. Heb 10,10; 1. Pet 2,24). Das alles verbinden wir mit dem Brot.

Die Trennung von Brot und Wein zeigt vielleicht zudem, dass es nicht um einen lebendigen Menschen auf der Erde geht, sondern um einen gestorbenen. Denn wenn das Blut eines Menschen nicht mit seinem Körper verbunden ist, dann muss es sich um einen gestorbenen Menschen handeln. So auch hier, wo es nicht um irgendeinen Menschen geht, sondern um Christus selbst.

Die Jünger sollten das Brot nehmen und davon essen. Das ist ein Hinweis darauf, dass sie sich von nun an von einem gestorbenen Christus nähren sollen, der ihr Leben formen und bestimmen sollte. Der Herr macht den Jüngern gleich noch etwas Weiteres deutlich: Ab jetzt konnte Er keine Beziehung mehr zu ihnen pflegen, wie Er es bislang getan hat (vgl. 2. Kor 5,16). Von nun an war Er für sie der Gestorbene. Und nur mit Ihm als Gestorbenen konnten sie Gemeinschaft haben, sich von Ihm geistlicherweise nähren. Das bedeutet, dass man sich mit dem Herrn Jesus beschäftigt, wie Er uns in seinem Wort als der Gestorbene vorgestellt wird. Man denkt über diese Stellen nach und wird dadurch zur Anbetung seiner herrlichen Person geführt. Und diese Beschäftigung hat Auswirkungen in unserem täglichen Leben, weil wir dann alles vermeiden werden, was im Gegensatz zu seiner Person und seinen Worten steht.

Vers 27.28: Der Kelch – das Blut des neuen Bundes

Noch stärker als das Brot zeigt uns der Kelch den Messias als nicht mehr lebend auf der Erde, sondern verworfen, geschlagen und getötet. Die Betonung liegt in diesen Versen nämlich nicht auf dem Brot. Der Herr sagt hier nicht, dass Er seinen Leib in den Tod geben würde. Es ist auch nicht von einem gebrochenen Brot die Rede. So scheint es, dass der Herr bei Matthäus das Gewicht auf den Kelch legt. Er wird mit dem vergossenen Blut Christi und mit dem neuen Bund zur Vergebung der Sünden von vielen verbunden. Allein der Ausdruck „Kelch“ spricht schon von dem Tod des Herrn: Es ist ausgegossener Wein. Das ist vielleicht ein Hinweis auf das vergossene Blut, das dahingegebene Leben unseres Retters.

Die Juden haben ihren eigenen König abgelehnt und ans Kreuz gebracht. Dieser Tod Jesu öffnete den Weg für andere, die außerhalb des Bundes Gottes mit seinem Volk standen, also für die Heiden. Deshalb sagt Er: „Trinkt alle daraus.“ Damit verfolgt Matthäus auch an diesem Punkt wieder die Linie, die er in diesem Evangelium oft vorgestellt hat, schon in Kapitel 1. Dort erwähnt er im Geschlechtsregister des Herrn Frauen, die aus dem Heidentum stammten. Es war dem Evangelisten unter der Leitung des Geistes Gottes wichtig, auch an unserer Stelle auf die Segensausweitung zugunsten der Heiden hinzuweisen. Lukas spricht von dem Blut, vergossen für euch – nämlich die Gläubigen in Christus. Diese direkte Zuwendung spricht von der Liebe Jesu zu den Seinen. Matthäus betont das Vergießen des Blutes – also die Hingabe des Lebens des Herrn – für viele. Das zeigt, dass es nicht wenige, sondern viele sind, die Vergebung der Sünden empfangen würden. Leider wird damit auch deutlich, dass es manche geben würde, die Jesus Christus nicht als Retter annehmen werden. Von diesen Vielen aber sollten „alle“ aus dem Kelch trinken – woher auch immer sie stammten.

Der Herr spricht hier auch von der Vergebung von Sünden durch sein Blut. Das steht im Gegensatz zum Blut des alten Bundes, das die Strafe durch Blut betont. Denn das Blut in 2. Mose 24,6–8 besiegelte für das Volk das Versprechen des Gehorsams gegenüber dem Gesetz. Damit verbunden war die Androhung der Todesstrafe. Das Blut des Messias dagegen stellt uns das Zeugnis der Auslöschung ihrer Sünden vor. Es ist zur Vergebung von Sünden. Das ist ein weiterer Bezug zu der Einrichtung des Passah, wo das Blut nach 2. Mose 12 wie ein Schutzwall für die (Erstgeburt der) Juden war. Das Mahl des Herrn stellt somit die Erinnerung an den gestorbenen Jesus dar, der durch seinen Tod mit der Vergangenheit gebrochen hat. Er hat die Grundlage des neuen Bundes gelegt, die Vergebung der Sünden erwirkt und den Heiden die Tür geöffnet.

Alter Bund – neuer Bund

Gott war mit seinem Volk am Sinai einen Bund eingegangen, durch den es sich verpflichtete, alles zu tun, was der Herr geboten hatte (2. Mo 19,5–8). Dieses Versprechen und der Bund ganz grundsätzlich wurden durch das Besprengen des Blutes der Farren bestätigt (2. Mo 24,8; Heb 9,20). Aber in seinem Ungehorsam hatte das Volk sein Wort nicht gehalten: „Die Posaune an deinen Mund! Wie ein Adler stürzt er auf das Haus des Herrn, weil sie meinen Bund übertreten und gegen mein Gesetz gefrevelt haben“ (Hos 8,1). Dadurch gingen die Segnungen, die von ihrer Treue abhingen, verloren. Als ihnen dann ihr Messias vorgestellt wurde, töteten sie Ihn. Darum haben Israel und in der Folge auch der Mensch, was seine Verantwortung betrifft, kein Anrecht mehr auf irgendeinen Segen, sondern nur auf Gericht. Aber in seiner grenzenlosen Gnade hat Gott seinen Sohn dahingegeben, der durch seinen Tod die göttliche Gerechtigkeit befriedigt hat. So kann Gott den Sünder erretten und Israel die Segnungen geben, die unter dem alten Bund unmöglich erreicht werden konnten. Davon lesen wir in Hebräer 8,8–13 und Jeremia 31,31–34. Die Jünger bekamen in dem Kelch somit die Garantie für die Erfüllung der Segnungen Israels geschenkt, die an einem zukünftigen Zeitpunkt verwirklicht werden.

Das Besondere aber ist, dass dieses Blut nicht nur für Israel vergossen wurde, sondern für viele. Das heißt für alle, die sich an allen Orten durch Glauben unter den Schutz des Blutes stellen. Das sind nicht im absoluten Sinn alle, aber doch viele. Der Hinweis auf die Vergebung „für viele“ ist nicht nebensächlich. Gerade aufgrund dieses Verses haben auch wir Heiden Anteil an dem Werk des Herrn! Sonst wären wir für immer Fremdlinge geblieben! Denn ein lebender Messias war die Krone der Herrlichkeit für die Juden. Aber wenn Er von der Erde erhöht werden würde, würde Er alle, ohne Beschränkung durch Volks- und Landesgrenzen, zu sich ziehen (vgl. Joh 12,32).

Auch der neue Bund wird, wie auch der alte, mit Israel gemacht, nicht mit Christen. Der neue Bund weist auf den alten hin. Weil er diesen ablöst, wird er neu genannt. Geschlossen wird er mit Juda und Israel, wie wir Jeremia 31,31–34 entnehmen können. Der Bund verbindet sie mit Gott, aber nicht mehr auf dem Grundsatz des Gesetzes, sondern dem der Gnade. Er beruht auf dem Blut und der vollkommenen Wirksamkeit dieses dahingegebenen Lebens Christi vor Gott. Derzeit ist Israel als Nation zur Seite gestellt, wie wir im Verlauf dieses Evangeliums immer wieder gesehen haben. Das Volk genießt daher keinen Bund. Aber der Mittler des Bundes hat sein Blut vergossen und damit die Grundlage gelegt für den neuen Bund. Das ist bestätigt und unabänderlich von Gott festgelegt worden. So beruht der neue Bund nicht mehr auf der Verantwortung von Menschen, sondern allein auf dem freigiebigen Segen Gottes.

Christus ist aufgefahren in die Höhe. Als Christen werden wir schon jetzt mit Ihm identifiziert, so dass wir all die Wirkungen genießen, die mit seiner Person und seiner Stellung verbunden sind. Uns „gehört“ damit schon jetzt das Blut des neuen Bundes. Künftig werden gläubige Juden den Dienst des neuen Bundes ausüben – nicht wir. Unsere Stellung ist schon heute, mit dem Mittler des neuen Bundes vereinigt zu sein. So können wir alle Vorrechte genießen, die Er als Mensch selbst genießt und die Er durch sein Blut bewirkt hat.

Auch wenn der Bund nicht mit uns geschlossen worden ist, ist er es in Christus vor Gott. Wir sind in Ihm, während wir hier auf der Erde leben. Daher trinken wir – geistlicherweise – sein Blut. Wenn ein Jude das Blut unter dem alten Bund getrunken hätte, wäre es sein Tod gewesen. Konnte sich ein Mensch durch den Tod nähren? Das war unmöglich, denn dieser ist die Frucht der Sünde. Das heißt nichts anderes, als dass er letztlich Verdammnis und Zorn von Gott bedeutete. In dem Blut des Menschen war das Leben. Kein Jude hatte das Recht, dieses Blut zu vergießen oder zu trinken. Jetzt aber hat Christus den Tod erlitten. Daher kann sich der Christ geistlicherweise von seinem Tod nähren. Das liegt daran, dass das Werk vollbracht ist und hinter uns liegt. Es geht somit um eine vollbrachte Errettung. Der Tod Christi ist der unendliche Beweis der Liebe Gottes zu uns. Das Blut ist ein Hinweis auf sein dahingegebenes Leben und schenkt uns den Frieden seines Herzens und zugleich die Errettung von Sünde vor Gott. Was für ein Unterschied besteht daher zwischen dem alten Bund und der heutigen Zeit, die den Segen des neuen Bundes beinhaltet.

Es handelt sich beim Blut des neuen Bundes also um das Blut, das den Juden künftig und den Gläubigen heute Vergebung der Sünden gibt. Daher finden wir diesen neuen Bund auch in 1. Korinther 11 erwähnt, wo es ausschließlich um Christen geht. Auch wenn sich der neue Bund an Juden richtet, ist das Blut dieses Bundes zugleich der Segen für das himmlische Volk Gottes, die Versammlung. Der Bund wird zwar nicht mit ihr geschlossen, aber der Segen des neuen Bundes fließt auch zu ihr. Dieser Bund wird im Hebräerbrief „ewiger Bund“ genannt (vgl. Heb 13,20) und führt zu einem dauerhaften, unveränderlichen Segen.

Es ist zu Herzen gehend, dass der Geist Gottes an allen vier Stellen, die von dem Gedächtnismahl berichten, diesen neuen Bund erwähnt. Der Herr stand im Begriff, von seinem Volk ans Kreuz überliefert zu werden. Das aber führt nicht dazu, dass seine Liebe zu seinem Volk kleiner wird. In Verbindung mit dem Kelch sagt Er „jedes Mal“, dass es das Blut des Neuen Bundes ist. Es gibt Hoffnung für das Volk Israel. Und der Herr Jesus verheißt die Grundlage dieser Hoffnung genau in dem Moment, wo sein Volk im Begriff stand, die größtmögliche Sünde zu begehen: den eigenen Messias zu verwerfen. Auch wir sollten beim Trinken vom Kelch nicht vergessen, dass Christus nicht nur die Versammlung, sondern auch sein Volk hat, für das Er gestorben ist. Wenn Er daran gedacht hat unmittelbar vor seinen größten Leiden, wie viel mehr sollte dies unsere Herzen beschäftigen.

Fleisch und Blut in Johannes 6

Manche haben die Worte des Herrn Jesus, die wir in Johannes 6,52–59 lesen, mit dem Gedächtnismahl in Verbindung gebracht. Das aber ist abwegig. Der Herr spricht dort weder vom Passah noch von seinem Gedächtnismahl.

In den Versen 53 und 54 zeigt Er, dass man durch das Essen seines Fleisches und Trinken seines Blutes ewiges Leben erhält. Das heißt, dass man dadurch, dass man seine Person (Fleisch) und sein Werk (Blut) als Retter und Rettung in Anspruch nimmt. Man erkennt an, dass man ein Sünder und daher verloren ist. Er aber, der Sündlose, ist für mich gekommen und hat das Werk der Erlösung am Kreuz vollbracht, so dass Gott im Blick auf die Sünde und die Sünden zufriedengestellt worden ist und mir in Christus Vergebung der Sünden anbieten kann.

In den Versen 55 und 56 zeigt der Herr dann, dass die Beschäftigung mit seiner Person und seinem Werk einen Gläubigen auf seinem Lebensweg begleiten soll. Praktische, tägliche Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus können wir nur dann pflegen, wenn Er und sein Werk zum Mittelpunkt unseres Lebens werden. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir wahrhaft glücklich leben können.

Ergänzende Gedanken zum Gedächtnismahl

Bevor wir zu Vers 29 weitergehen, möchte ich noch drei mir wichtig erscheinende Punkte zu diesen ersten drei Versen unseres Abschnitts aufgreifen:

  • Die Worte des Herrn über die Vergebung in Verbindung mit Brot und Kelch zeigen, dass das Schuldopfer beim Mahl des Herrn nicht vergessen werden darf. Zweifellos zeigen uns das Friedens- und Brandopfer noch höhere Seiten. Und tatsächlich kennen wir vornehmlich den Gedanken des Brand- und Friedensopfers beim Gedächtnismahl. Diese Opfer zeigen die erhabene Seite, dass Christus sich ganz für Gott hingegeben hat und damit Gemeinschaft zwischen uns und Ihm bewirkt hat. Aber auch die Seite, die dem Menschen zugewandt ist, hat ihre Berechtigung. Denn Christus hat sein Leben auch für uns zur Vergebung der Sünden hingegeben. Gerade Matthäus stellt uns immer wieder vor, dass der Herr Jesus das wahre Schuldopfer geworden ist.
  • Schon im Alten Testament finden wir eine Andeutung eines Gedächtnismahls: „Den Becher der Rettungen will ich nehmen und anrufen den Namen des Herrn. Ich will dem Herrn meine Gelübde bezahlen, ja, in der Gegenwart seines ganzes Volkes. Kostbar ist in den Augen des Herrn der Tod seiner Frommen“ (Ps 116,13–15). Hier wird der Tod des einen Frommen mit dem Becher der Rettungen verbunden, die Christus durch sein Werk vollbracht hat. Für uns allerdings ist es nicht nur ein Becher der Rettungen, sondern ein Kelch, der mit der Herrlichkeit und Hingabe einer Person zu tun hat.
    In Jeremia 16,7.8 geht es um die Trauer angesichts des Todes eines Menschen. Dort heißt es, sozusagen negativ: „Und man wird ihnen kein Brot brechen bei der Trauer, um jemand zu trösten über den Toten, noch ihnen zu trinken geben aus dem Becher des Trostes über jemandes Vater und über jemandes Mutter. Auch in ein Haus des Gastmahls sollst du nicht gehen, bei ihnen zu sitzen, um zu essen und zu trinken.“ Bei uns geht es aber nicht um eine Trauermahlzeit, obwohl es sich um den gestorbenen Retter handelt. Nein, wir wissen, dass Er jetzt der auferstandene Christus ist, der verherrlicht zur Rechten Gottes thront. Daher haben wir einen Kelch der Danksagung, nicht der Trauer.
  • Wir müssen uns nicht weiter mit der Irrlehre großer Kirchen beschäftigen. Sie meinen, dass bei Brot und Kelch eine Transsubstantiation (Verwandlung des Brotes in den Leib des Herrn, des Kelches in das Blut des Herrn) stattfindet. Eine andere Kirche ist überzeugt von der Konsubstantiation (Verbindung vom Leib des Herrn mit dem Brot und vom Blut Christi mit dem Kelch). Wir können klar sagen: Der Herr Jesus setzt Symbole für seinen Leib und sein Blut, das heißt sein dahingegebenes Leben, ein. Er stand leibhaftig vor den Jüngern, als Er ihnen das Mahl gab. Keineswegs war Er in Form von Brot und Wein bei ihnen. Er stand als vollkommener Mensch vor ihnen. Das zeigt, wie absurd und sogar gotteslästerlich es ist, Ihn als oder mit Brot und Wein zu sich zu nehmen. Man muss also Symbol und Wirklichkeit unterscheiden. Ähnliches kennen wir auch im alltäglichen Leben: Beispielsweise ist das Ausrufezeichen auf einem Verkehrsschild ein Symbol für „Gefahr“, nicht aber die Gefahr selbst.

Brot und Wein bleiben uns nun bis heute schlicht als Symbole erhalten. Im Übrigen sind weder Brot noch Kelch bzw. der Inhalt des Kelches, Wein, „heilig“. Sie bleiben profanes Brot und profaner Wein. Nur in der Stunde des Gedächtnismahls bekommen sie einen symbolischen Wert. Vor und im Anschluss daran besitzen sie diesen symbolischen Wert nicht mehr.

Vers 29: Nicht vom Gewächs des Weinstocks trinken ...

Wenn der Herr zu seinen Jüngern vom Gewächs des Weinstocks spricht, deutet Er übrigens auf den Kelch des Passahmahls hin, das die Freude versinnbildlicht (vgl. Lk 22,17.18). Das ist beim Kelch des Abendmahls, dem Bild vom Blut des Herrn, nicht der Fall. So verbinden sich die Gedanken von Freude und Leiden, wie wir das auch in Hebräer 12,2 lesen können: „Jesus, der die Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.“

Wir haben eben gesehen, dass die Jünger beim Gedächtnismahl an Christus denken und sich zugleich geistlicherweise von Ihm nähren würden. Hier lernen wir, dass der Herr von jetzt an nicht mehr zusammen mit ihnen von der Frucht des Weinstocks trinken wird. Wein ist ein Hinweis auf Freude (Ri 9,13; Ps 104,15), die besonders auf der Erde genossen wird. Da Er aber jetzt das Werk der Erlösung vollbringen würde, änderten sich seine Beziehungen zu den Jüngern. Als König war Er verworfen. So kann Er diese Freude nicht mehr in Verbindung in seinen bisherigen Beziehungen des Königreiches, wie die Jünger es noch immer erwarteten, genießen.

Die Frucht des Weinstocks

Die Frucht des Weinstocks ist das Zeichen „sozialer“ Freude, der gemeinsamen Freude von Menschen. Das Zusammenleben mit seinen Jüngern würde nun jedoch in der bisherigen Form beendet sein. Aber nicht nur das, es würde nicht einmal in derselben Weise wiederhergestellt werden. Denn die Jünger würden von nun an geistliche, himmlische Beziehungen zu ihrem Herrn geschenkt bekommen, die nichts mit einem irdischen Reich zu tun haben. Daher würden sie auch zu späterer Zeit in ganz neuer Weise (das ist die Bedeutung von „neu“ an dieser Stelle) Freude mit Ihm genießen. Denn wenn der Herr Jesus wiederkommen wird, kommt Er im Königreich seines Vaters. Dazu gehören himmlische Beziehungen.

Der Wein spricht sicher auch in symbolischer Weise von Israel (vgl. Jes 5,1–5). Dieses Volk aber hatte Gott keine Freude gebracht. So kann der Herr Jesus in diesem Sinn auch keine Freude haben bis zu der Zeit, da Er sein Königreich neu und in Herrlichkeit aufrichten wird. Das ist die Freude im 1.000-jährigen Königreich. Dann wird Er den Wein aufs Neue, allerdings in einer ganz neuen Weise, mit ihnen in dem Reich des Vater trinken.

Der Herr lässt also seine Beziehungen zu den Jüngern, wie Er sie damals gepflegt hatte, ruhen. Er bricht mit diesen jüdischen Menschen, sogar mit den Jüngern hier auf der Erde, indem Er nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinkt. Nur Matthäus und Markus sprechen davon, dass Er es später erneut mit ihnen tun wird. Noch war der neue Bund nicht eingeführt und etabliert. Aber die Grundlage dafür, das Blut, würde jetzt gelegt werden. Dafür gab der Herr den Jüngern mit Brot und Kelch ein doppeltes Zeugnis. Es gab von diesem Zeitpunkt an keine Verbindung mehr zwischen dem Menschen im Fleisch und Gott. Dafür gab es etwas wunderbar Neues: eine Erlösung, welche die Grundlage für ganz neue Beziehungen sein würde.

Das zeigt, dass sich die Botschaften von Matthäus und Lukas in Verbindung mit diesem Mahl unterscheiden. Matthäus spricht gewissermaßen von Trennung. Lukas dagegen betont das Gedenken, das Gedächtnis. Matthäus zeigt uns, dass der Herr sein Volk verlassen musste, um in einer neuen Stellung später zu seinem Volk zurückzukehren.

Die Veränderung

Von der damaligen Zeit an war Jesus getrennt von der Freude mit ihnen, mit den (irdischen) Seinen, bis das Königreich des Vaters kommt. Manche haben mit diesem Ausdruck den Gedanken verbunden, dass wir schon heute in einer himmlischen Weise die Freude des Herrn teilen. Das ist sicherlich wahr, scheint jedoch hier nicht gemeint zu sein. Denn der Ausdruck „Königreich des Vaters“ wird in diesem Evangelium verschiedentlich verwendet und meint in aller Regel nichts anderes als das 1.000-jährige Friedensreich. Wir haben schon früher gesehen, dass damit nicht eine besondere, himmlische Seite des Königreichs gemeint ist (vgl. S. 218), sondern dass es einfach die Ausdrucksweise dieses Evangeliums ist, das Reich aus einer himmlischen Perspektive zu sehen. Nicht von ungefähr wird es das Königreich der Himmel genannt. Es ist ein Reich, das von „seinem“ Vater ist. Das lässt noch einmal die besondere Beziehung des Messias mit seinem Vater hervorstrahlen.

Wenn dieses Reich aufgerichtet werden wird, dann wird Christus seine Beziehung zu seinem (gläubigen) Volk hier auf der Erde wieder mit Freude neu beginnen. Es wird aber eine andere Beziehung sein als die frühere. Sie beruht auf dem Erlösungswerk, welches das Volk Israel noch nicht kannte. Und sie ist Teil des neuen Bundes, der nicht von der Verantwortung des Volkes Israel abhängig ist. Für uns gilt, dass wir diese Segnungen geistlicherweise vorwegnehmen können. Die Gottesfürchtigen trinken sein Blut geistlicherweise schon jetzt mit Danksagung (Joh 6,56).

Der Einrichtung des Mahls nach der Wiedergabe von Matthäus können wir nicht entnehmen, dass wir das Mahl bis zu seiner Wiederkunft haben werden. Das finden wir erst in 1. Korinther 11,26: „Denn sooft ihr dieses Brot esst und den Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.“ Aber wir können diesen Gedanken bereits aus Vers 29 unseres Kapitels folgern, denn der Kelch spricht von Segen und Freude. Diesen Kelch wird der Herr erst in der Zukunft und in neuer Weise trinken. In der Zwischenzeit ist der Kelch für uns vorgesehen, nicht für Ihn. An dem Tag des Reiches wird Er an dem Segen und der Freude auf eine völlig neue Art teilnehmen. Er wartet jetzt mit Ausharren auf die Errichtung dieses Reiches. Wir tun es mit Ihm.

Vers 30: Ein letztes Loblied vor dem Kreuz

Der Herr hatte zu den Jüngern von seinem Tod gesprochen, von seiner Hingabe. Danach sangen sie zum Abschluss ein Loblied. Aus den Überlieferungen der Juden wissen wir, dass sie die Psalmen 115–118 zum Abschluss des Passahfestes sangen. Sie werden im jüdischen Ritual die großen Hallel-Psalmen genannt.

Mit was für Empfindungen der Seele muss Er diese Psalmen mit seinen Jüngern gesungen haben! Was für eine Ermunterung muss es für Ihn gewesen sein, mit seinen Jüngern verbunden zu sein. Sie hatten mit Ihm ausgeharrt, wie Er sagt (Lk 22,28). Die Psalmen 115 ff. enthalten gesegnete und beeindruckende messianische Vorhersagen, die uns im Verlauf dieses Evangeliums bereits beschäftigt haben:

„Mich umfingen die Fesseln des Todes, und die Bedrängnisse des Scheols erreichten mich; ich fand Drangsal und Kummer“ (116,3). „Denn du hast meine Seele errettet vom Tod, meine Augen von Tränen, meinen Fuß vom Sturz“ (116,8). „Aus der Bedrängnis rief ich zu Jah; Jah erhörte mich und setzte mich in einen weiten Raum“ (118,5). „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Von dem Herrn ist dies geschehen; wunderbar ist es in unseren Augen. Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; frohlocken wir, und freuen wir uns in ihm“ (118,22–24). Und die letzten vier Verse: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn! Vom Haus des Herrn aus haben wir euch gesegnet. Der Herr ist Gott, und er hat uns Licht gegeben; bindet das Festopfer mit Stricken bis an die Hörner des Altars. Du bist mein Gott, und ich will dich preisen; mein Gott, ich will dich erheben. Preist den Herrn! Denn er ist gut, denn seine Güte währt ewig“ (Ps 118,26–29).

Die Jünger werden diese Psalmen am Ende des Passah wie immer gesungen haben, da sie gottesfürchtige Juden waren. Aber sie hatten noch immer nicht erkannt, dass es für Ihn das letzte Passah vor seinem Tod war. Für Ihn bedeuteten dieses Verse viel mehr. Kurze Zeit später würden Ihn die Bauleute wirklich und endgültig verworfen haben. Und drei Tage später würde Er nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt zum Eckstein geworden sein. Und Er sah die Zukunft: „Gesegnet ist, der da kommt im Namen des Herrn!“ – eine Zukunft, die noch weit entfernt war. Das ist sein zweites Kommen, das auch für uns noch zukünftig ist.

Selbstüberschätzung bei Petrus und Jesu Abhängigkeit im Gebet (Verse 31–46)

„Dann spricht Jesus zu ihnen: Ihr werdet alle in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen; denn es steht geschrieben: ‚Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden. ‘ Nach meiner Auferweckung aber werde ich euch vorausgehen nach Galiläa. Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Wenn alle an dir Anstoß nehmen werden, ich werde niemals Anstoß nehmen. Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir, dass du in dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, mich dreimal verleugnen wirst. Petrus spricht zu ihm: Selbst wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen. Ebenso sprachen auch alle Jünger“ (Verse 31–35).

In den folgenden Versen haben wir einen vierten Kontrast vor uns. Wir erleben einen Jünger des Herrn – Petrus –, der sich vollkommen überschätzt. Er bemerkt nicht, wie er sich auf falsche Gleise begibt. Wir sehen aber auch unseren Herrn, der sich in einem dreifachen Gebet in vollkommener Abhängigkeit von seinem Gott und Vater befindet. Der eine ist ein schwacher, sündhafter Mensch, der zu Fall kommt. Der andere ist Gott selbst, der hier aber als Mensch und Gesandter Gottes siegreich aus Prüfungen hervorkommt.

Um zum Ölberg zu gelangen, musste man aus der Stadt hinausgehen, ins Tal Kidron hinabsteigen und den Hügel hinaufgehen, der Jerusalem gegenüberliegt. Ohne sich von der Ihm bevorstehenden seelischen Belastung niederdrücken zu lassen, nutzte der Herr die Zeit auf dem Weg nach Gethsemane zu letzten Mitteilungen an seine Jünger. Ein Teil dieser Worte ist auch schon im Obergemach gesprochen worden, wie Johannes nahelegt. Der Herr wollte seine Jünger noch einmal auf das aufmerksam machen, was sich jetzt ereignen sollte. Der Herr war der gute Hirte und hatte entsprechend für seine Schafe gesorgt. Er hatte sie bei ihrem Namen gerufen. Aber damit sie das Leben empfingen, musste Er nun für sie sterben und an ihrer Stelle die Strafe erdulden. Das tat der gute Hirte für seine Schafe (vgl. Joh 10,11).

In Vers 24 haben wir gesehen, dass der Herr das erfüllen würde, was über Ihn geschrieben stand. Hier lernen wir, dass auch über das Volk etwas geschrieben worden war. Und auch in Bezug auf sie würden die Schriften in Erfüllung gehen.

Nachdem die letzte Note der Psalmlieder verklungen ist, spricht der Herr wieder. Zunächst weist Er seine Jünger darauf hin, dass sie alle in der gerade begonnenen Nacht Anstoß an ihrem Meister nehmen werden. Mit anderen Worten: Sie werden Ihn verlassen. Das traf nicht nur auf Petrus zu, sondern auf alle Jünger. Aber Petrus ist derjenige, der das so nicht akzeptieren will und daher meint, eine Antwort geben zu müssen.

Das Werk des Herrn zerstreut?

Zunächst zitiert der Herr Sacharja 13,7. Dort finden wir die bekannten Worte: „Schwert, erwache gegen meinen Hirten und gegen den Mann, der mein Genosse ist!, spricht der Herr der Heerscharen. Schlage den Hirten, und die Herde wird sich zerstreuen. Und ich werde meinen Hand den Kleinen zuwenden.“

Die vom Herrn zitierten Worten können sich nicht auf das Erlösungswerk als solches beziehen. Denn von Johannes wissen wir, dass sein Sühnungstod Menschen zusammenführt, nicht auseinandertreibt. Kajaphas, der damals gerade Hoherpriester war, hatte geweissagt, „dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern damit er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eines versammelte“ (Joh 11,51.52). Dies wird ausdrücklich eine Weissagung genannt. Das heißt, dass sie zutreffend war und sich in diesem Fall auf das Werk des Herrn bezog.

Worauf bezieht sich die Weissagung Sacharjas dann? Eine Antwort auf diese Frage gibt Psalm 102. Dort lesen wir: Du hast mich emporgehoben und hast mich hingeworfen“ (Ps 102,11). Der Herr hatte zuerst einen triumphalen Empfang in Jerusalem gehabt (Mt 21,1–11). Da wurde Er von Gott gewissermaßen emporgehoben. Dann aber lehnte Ihn sein Volk endgültig ab. Gott ließ das nicht nur zu. Natürlich war es zu 100 Prozent das Versagen und die Bosheit des Volkes Israel, die den Herrn ans Kreuz brachte (Apg 2,23b). Aber zugleich war dies der Ratschluss Gottes (Apg 2,23a). Gottes Führung und Fügung hatten Christus ans Kreuz gebracht. So wurde Er sozusagen kurz nach dem Emporheben wieder hingeworfen.

Das – nicht das Sühnungswerk – würde die Jünger derart erschüttern, dass sie zerstreut würden. Das Sühnungswerk geschah in den drei Stunden der Finsternis und bezieht den Tod des Herrn mit ein. Dieses Hinwerfen dagegen bezieht sich besonders auf die äußeren Umstände vor und während seines Sterbens. Es war die Verwerfung des Messias, die Er nach Sacharja 13 usw. aus der Hand Gottes annahm, die dazu führte, dass sich die Jünger zerstreuten. Sein Tod brachte für sie eine tiefe Prüfung, die sie nicht verstehen und daher auch nicht bestehen konnten. Sie bekamen große Furcht und flohen.

Die Schläge für den Hirten, für den Messias, die Gott zuließ, waren Schläge durch seine jüdischen Feinde, die Christus an das Kreuz nageln ließen. Aber der Herr musste hier als Messias die vollkommene Verwerfung und sogar den Tod empfinden. Nach Psalm 69 wird über diese Feinde die Rache Gottes kommen. So war das Schlagen des Hirten sozusagen „Verlust“, der zur Zerstreuung führt. Die Sühnung in den drei Stunden dagegen ist sowohl für das Volk Israel als auch für uns in jeder Hinsicht „Gewinn“. Dadurch, dass der wahre Messias an das Kreuz gebracht wurde, musste Israel verwirrt werden. Ihren eigenen König hatten sie ermordet – das musste zu einer Zerstreuung unter ihnen führen.

Natürlich hat der Herr Sühnung bewirkt am Kreuz. Um diese geht es aber in diesem Vers nicht, jedenfalls nicht im zweiten Teil. Da sehen wir das Gericht, das den König traf und in der Folge sogar die ganze Herde, die zerstreut wurde. Das Volk hielt den Herrn Jesus als von Gott bestraft (Jes 53,4). Tatsächlich war es auch das Gericht Gottes, das über Ihn kam. Aber Er hat das für uns getragen, weil Er selbst ohne jede Schuld war. Es gab auch viele andere Märtyrer, die äußerlich ähnlich gelitten haben wie Christus. Aber keiner von ihnen war der wahre König für den Thron Israels. Das macht, was unseren Vers betrifft, den Unterschied aus.

Ein neuer Sammelpunkt: Galiläa

Der Herr wollte diese Zerstreuung aber nicht dauerhaft bestehen lassen. Daher fügt Er sofort hinzu, dass Er auferstehen und dann den Jüngern nach Galiläa vorausgehen würde. Diese Zusage ist auffallend. Sie zeigt, dass Er als auferstandener Retter seine Beziehungen zu diesen Armen der Herde wieder aufnehmen wird. Und das würde in der Gegend sein, wo Er sich schon während seines Lebens mit ihnen einsgemacht hat: in Galiläa. So knüpft der Messias an den Anfang wieder an, wo ein Licht in der Finsternis in diesem verachteten Bereich Israels aufgeleuchtet hat (vgl. Jes 8,23 ff.).

Die Jünger hörten dem Herrn nicht richtig zu. Dennoch redet Er weiter in Liebe mit ihnen. Er macht ihnen deutlich, dass Er ihre Zerstreuung nicht dauerhaft hinnehmen will. Er nennt ihnen daher schon vor seinem Tod einen Sammelpunkt, wo sie sich wiedersehen würden. Tatsächlich finden wir die Jünger dort in Matthäus 28,16 wieder.

Warum wollte der Herr gerade nach Galiläa gehen? Das war die Region, wo Er besonders am Anfang seiner Zeit gewirkt hat und aus der zumindest die meisten seiner Jünger herstammten. Das war der Ort der Verachtung, wohin kein Jude ging, der etwas auf sich hielt. So steht Galiläa auch hier wieder für eine Abkehr des Herrn vom Judentum. Einerseits nimmt Er seine Beziehung zu den Jüngern wieder auf. Andererseits aber verdeutlicht Er, dass das Judentum die Jünger nicht länger würde binden können. Er sammelt also hier die Armen seiner Herde, um sie von dort aus in die Versammlung des lebendigen Gottes hineinzubringen. Er hat die Versammlung in den Kapiteln 16 und 18 bereits erwähnt. Sie würde ihr Zufluchtsort ab Apostelgeschichte 2 werden. Das aber geht über die Botschaft des Matthäusevangeliums hinaus.

Die Selbstüberschätzung des Petrus

Nach diesen Worten des Herrn tritt Petrus wieder auf.

  1. Er gehörte nach Kapitel 4,18 zu den ersten, die Jesus in die Nachfolge rief.
  2. Er war in Kapitel 14 der Jünger, der als Einziger auf dem Wasser und dort zu Jesus gelaufen war.
  3. In Kapitel 15 war er der Sprecher der Jünger, die eine Erklärung erfragten über das Gleichnis der Verunreinigung des Menschen von innen heraus.
  4. In Kapitel 16 hatte er das großartige Bekenntnis über den Herrn Jesus, den Sohn des lebendigen Gottes abgelegt.
  5. Kurz danach aber musste der Herr ihn als „Satan“ bezeichnen, weil er Ihn vom Weg zum Kreuz abhalten wollte.
  6. Mit Johannes und Jakobus war er auf dem Berg der Verklärung gewesen (Kapitel 17).
  7. In Kapitel 17 lesen wir noch, dass er sich vordrängte und sagte, sein Meister habe die Doppeldrachme längst bezahlt.
  8. In Kapitel 18 wollte er vom Herrn wissen, wie oft man einem Bruder vergeben müsse.
  9. In Kapitel 19 schließlich hatte er davon gesprochen, wie hingebungsvoll er und seine Jüngerkollegen gewesen seien, um alles für Christus zu verlassen.

Jetzt tritt er ein zehntes Mal auf. Er vergleicht sich mit den anderen Jüngern und hält sich für den Besten von ihnen: „Wenn alle an dir Anstoß nehmen werden, ich werde niemals Anstoß nehmen.“ Das zeugt von einem ungesunden Selbstbewusstsein, das sich selbst weit überschätzt. Abgesehen davon, dass wir nie Veranlassung haben sollten, uns mit unseren Geschwistern zu vergleichen, sollten wir uns erst recht nicht für besser halten als andere.

Petrus stützt sich auf die Liebe, die er für seinen Meister empfand. Sie war tatsächlich vorhanden. Leider aber war sie mit Regungen des alten Simon vermischt. Es wäre besser gewesen, wenn er Misstrauen gegen sein eigens Ich gehabt hätte, um desto mehr auf Gott zu blicken. Dann wäre er imstande gewesen, das zu tun, wozu seine Liebe ihn veranlassen wollte. Tatsächlich würde er mit sich und seinen Überzeugungen nicht weit kommen, wie wir kurze Zeit später finden ...

Wir hatten bereits früher gesehen, dass der Herr Jesus bis zum Ende des 25. Kapitels alle Klassen von Personen gerichtet hatte. In unserem Kapitel zeigt Er den Charakter seiner Beziehungen zu den Menschen, mit denen Er bislang engen Kontakt gepflegt hatte. Dazu gehören vor allem Maria, die Schwester von Lazarus, sowie Judas Iskariot und die Jünger. Jeder nimmt einen bestimmten Platz dem Herrn gegenüber ein.

Das sehen wir jetzt auch bei Petrus. Er besaß so viel natürliche Energie, dass er weiter als die anderen mit dem Herrn mitging; jedenfalls in seinen Worten. Kapitel 14 zeigt, dass sich dies teilweise sogar auf Handlungen wie das Gehen über Wasser ausdehnte. Aber diese natürliche Energie brachte ihn jetzt leider nur dazu, in schwierigen und prüfenden Umständen tief zu fallen. Der Herr war der einzige Mensch, der in diesen Stunden äußerster Versuchung aufrecht bleiben konnte. Petrus gehört dagegen zu den Menschen, von denen schon Salomo schrieb: „Die meisten Menschen rufen ein jeder seine Güte aus; aber einen zuverlässigen Mann, wer wird ihn finden?“ (Spr 20,6). Über sich selbst zu sprechen, ist nicht so schwer. Entsprechend auch zu handeln, fällt uns bis heute nicht leicht.

Die Antwort Jesu

Der Herr ließ diese selbstüberzeugten Worte von Petrus nicht im Raum stehen. Mit einer starken Bekräftigung antwortete Er: „Wahrlich, ich sage dir, dass du in dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, mich dreimal verleugnen wirst.“ Das war eine konkrete Weissagung über eine dreifache Sünde dieses ersten der Jünger. Er dachte von sich, er sei besser als seine Mitjünger. Der Herr muss ihm zeigen, dass er so tief fallen würde, dass er gar nicht mehr an die anderen Jünger denken könnte. Er würde tiefer fallen als die anderen zehn.

Allein die Tatsache, dass der Herr dieses Versagen zeitlich vorhersagte, hätte den Jünger vorsichtig machen müssen. Petrus dürfte sofort gewusst haben, dass sein Meister vom nächtlichen Hahnenschrei sprach. Aber Simon Petrus ist in seiner alten Natur nicht zu bremsen: „Selbst wenn ich mit dir sterben müsste, werde ich dich nicht verleugnen“. Wenn der Herr einem Menschen etwas mitteilt, sollte dieser zuhören. Petrus wusste, dass sein Meister immer Recht behalten hatte. Es wäre für ihn gut gewesen, schnell zu lernen, dass der Herr die Wahrheit sagte. Petrus hatte seinen Herrn genau so kennengelernt. Er hätte also wissen können, was auf ihn zukam. Aber er setzte sich in maßloser Selbstüberschätzung über die Ankündigung seines Meisters hinweg. Es würde nicht lange dauern, dass er einen ersten Dämpfer erhielt – schon in Gethsemane. Aber das wäre nur der Anfang ...

Wir haben keinen Grund, mit Steinen auf Petrus zu werfen. Auch die anderen Jünger waren letztlich nicht besser, sondern sprachen ebenso. Aber sie taten es nicht ganz so lautstark wie Petrus. Und haben wir nicht in unserem eigenen Leben ebenfalls oft entdecken müssen, dass wir viel besser von uns sprachen, als es sich geziemte? Und dass wir erst recht viel besser von uns dachten, als was die Wirklichkeit offenbarte? Wie leicht vergleicht man sich mit anderen und kommt dabei nach eigener Einschätzung nicht so ganz schlecht weg. Das sollte uns zunehmend vorsichtiger machen in dem, was wir von uns denken und sagen.

Wir alle haben zu lernen, dass wenn wir treu sein und dem Herrn hingebungsvoll nachfolgen wollen, wir uns nicht auf unsere eigene Kraft stützen dürfen. Es gehört nicht zum Wesen der neuen Natur, nach Kraftentfaltung zu trachten. Wir müssen uns vielmehr unserer eigenen Schwachheit und unseres Unvermögens bewusst sein. Dann werden wir die Kraft in dem suchen, der in uns sowohl das Wollen als auch das Wirken vollbringt (Phil 2,13). Wenn wir uns gegenüber nicht kritisch, misstrauisch und nüchtern sind, lässt Gott es zu, dass wir fallen. Dann müssen wir aus negativer Erfahrung lernen. Genauso war es bei Petrus. Bereits der erste Angriff des Feindes brachte ihn zum Wanken (Vers 51), der zweite zu Fall (Verse 69 ff.).

Der Herr Jesus in Gethsemane – die vorempfindenden Leiden des Kreuzes

„Dann kommt Jesus mit ihnen an einen Ort, genannt Gethsemane, und er spricht zu den Jüngern: Setzt euch hier, bis ich dorthin gegangen bin und gebetet habe. Und er nahm Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus mit und fing an, betrübt und beängstigt zu werden. Dann spricht er zu ihnen: Meine Seele ist sehr betrübt bis zum Tod; bleibt hier und wacht mit mir. Und er ging ein wenig weiter und fiel auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst. Und er kommt zu den Jüngern und findet sie schlafend; und er spricht zu Petrus: Also nicht eine Stunde vermochtet ihr mit mir zu wachen? Wacht und betet, damit ihr nicht in Versuchung kommt; der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach. Wiederum, zum zweiten Mal, ging er hin und betete und sprach: Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille. Und als er kam, fand er sie wieder schlafend, denn ihre Augen waren beschwert. Und er ließ sie, ging wieder hin, betete zum dritten Mal und sprach wieder dasselbe Wort. Dann kommt er zu den Jüngern und spricht zu ihnen: So schlaft denn weiter und ruht euch aus; siehe, die Stunde ist nahe gekommen, und der Sohn des Menschen wird in die Hände von Sündern überliefert. Steht auf, lasst uns gehen; siehe, nahe ist gekommen, der mich überliefert“ (Verse 36–46).

Matthäus, Markus und Lukas schildern die vorherigen Verse so, als ob der Herr seine Worte an die Jünger auf dem Weg nach Gethsemane gesprochen hätte. Ein Vergleich mit Johannes 13,36–38 zeigt jedoch, dass der Herr diese Unterhaltungen sehr wahrscheinlich im Obergemach geführt hat. Dort war Er mit seinen Jüngern zum Essen des Passahmahls zusammengekommen. Matthäus berichtet diese Worte aber in Verbindung mit Gethsemane, um uns den Blick auf die Gegenüberstellung zwischen Petrus und Christus zu ermöglichen. Dieser Kontrast wird uns am Ende des Kapitels noch einmal beschäftigen. Dann geht es nicht mehr nur um die Frage praktischer Abhängigkeit und Demut, die hier im Mittelpunkt steht. In den letzten Versen des Kapitels werden uns die Folgen des Verhalten des Petrus auf der einen Seite und des Herrn Jesus auf der anderen Seite gezeigt.

Ab Vers 36 erleben wir die wohl bemerkenswerteste Stunde im Leben unseres Retters, bevor Er am Kreuz starb. Er empfand offensichtlich das Bedürfnis, sich zurückzuziehen und in dieser feierlichen Stunde so kurz vor dem Kreuz sein Herz vor seinem Vater auszuschütten. Man fragt sich, warum uns der Vater den Zugang zu dieser Szene gewährt hat und sogar gleich dreimal hat aufschreiben lassen. Es ist seine Gnade! Das, was am Kreuz in den drei Stunden der Finsternis geschah, können wir nicht erfassen. Aber diese Szene der vorempfindenden Leiden ermöglicht uns einen gewissen Einblick in die Empfindungen unseres Herrn. Wie könnten wir seinen Leiden gegenüber gleichgültig sein? Können wir dabei einschlafen? Können wir aus dieser erhabenen Szene nicht sogar etwas für unser eigenes Leben lernen, was die Haltung, die Hingabe und die Aufgabe im Gebet betrifft?

Die Bedeutung von Gethsemane

Bevor wir die Einzelheiten anschauen, sollten wir uns bewusst sein, was uns der Geist Gottes in diesen Versen gestattet. Wir haben Zugang zu der ernstesten und feierlichsten Stunde im Leben des Herrn, wenn wir von den drei Stunden der Finsternis absehen. Bei der Beschäftigung mit diesen Versen denken wir an 2. Mose 3,5: „Zieh deine Schuhe aus von deinen Füßen, denn der Ort, auf dem du stehst, ist heiliger Boden.“ Wir haben eine Szene vor uns, die unsere Herzen zur Anbetung führt. Denn um unsertwillen erlitt der Herr diese furchtbare Angst. Er, der Schöpfer, fiel als Mensch auf den Staub der Erde, die Er geschaffen hatte, um zu beten. Die Leiden des Herrn im Garten gehen über unser Fassungsvermögen hinaus. Die Reaktion der Jünger zeigt, dass die übermenschlichen Versuchungen im Leben Jesu hier ihren Anfang nahmen (vgl. dazu im Gegensatz: 1. Kor 10,13), auch wenn es in Gethsemane noch nicht um Sühnung ging.

Kein Erlöster wird je in der Lage sein, das tiefe Geheimnis der Leiden des Erlösers zu erfassen. Dann müssten wir seine herrliche Persönlichkeit verstehen können, was nach Matthäus 11,27 unmöglich ist. Nur die richtige Wertschätzung seiner Person kann uns – wenigstens teilweise – ein wenig Verständnis geben von seinen tiefen Leiden bis in den Tod. Aber es sind gerade diese heiligen Szenen, in die der Mensch in seiner Verwegenheit und Rationalität versucht hat einzudringen. Auch dadurch hat er die Person unseres einzigartigen Retters so verunehrt. In Gethsemane ging es nicht um die äußeren Umstände, die zu seinem Tod führten. Der Herr wich auch nicht einen Augenblick zurück vor den körperlichen Leiden und den brutalen und seelischen Verfolgungen am Kreuz. Diese hatte Er während seines Lebens mehrfach angekündigt. Aber das war nicht das, womit Er sich in Gethsemane beschäftigte.

Was aber war dann der Kelch, den Er fürchtete, der Angst (Vers 37) bei Ihm auslöste? Was war die Betrübnis bis zum Tod? Es war die Tatsache, dass der Fleckenlose, der das Bild Gottes ist, am Kreuz in drei Stunden der Finsternis zur Sünde gemacht werden sollte. Dort sollte Er in der Gegenwart Gottes stehen, nicht länger als der Geliebte, sondern an der Stelle der Sünder. Er würde dort zur Sünde gemacht. Das Angesicht Gottes, auf das Er immer geblickt hatte, das Ihn immer mit Freude betrachtet hatte, sollte sich vor Ihm verbergen. Die ewige Liebe, die Er immer genossen hatte, sollte in diesen drei Stunden nicht zu Ihm ausfließen können. An ihrer Stelle standen das Gericht und Zorn Gottes.

Was bedeutet es, wenn Er zur Sünde für uns gemacht werden sollte? Dieser schreckliche Schrei von dem Kreuz gibt uns die Antwort: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Was beinhaltete dieser Schrei für den Heiligen? Werden wir jemals die Tiefen und das Ausmaß der schrecklichen Leiden des Einen kennen, der für uns zur Sünde gemacht wurde? Genau vor dieser Trennung von seinem Gott schreckte seine heilige Seele zurück. In den drei Stunden würden unsere Sünden und die Strafe für unsere Sünden auf Ihm liegen – das konnte Er nicht für sich wünschen. Seine Heiligkeit und Vollkommenheit wären befleckt worden, wenn Er davor nicht zurückgeschreckt wäre. Er konnte nichts anderes tun als sich davor zu scheuen. Und doch beugt Er sich in vollkommener Unterordnung und in Gehorsam unter den Willen seines Vaters. „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“

Johannes führt uns nicht zu diesem Gebet. Er stellt uns den ewigen Sohn Gottes vor, der in allem der Handelnde war. Er führte den Ratschluss Gottes aus und opferte sich selbst als Brandopfer für Gott. In dieses Gemälde passt dieses intensive Gebet größter Abhängigkeit nicht hinein. Denn alle Aktivität ging von Ihm aus, der die Welt in seinen Händen trug.

Psalm 102 und Gethsemane

Der 102. Psalm könnten mit „Gethsemane-Psalm“ überschrieben sein. Er beginnt mit der tiefsten Bedrängnis Jesu, wie Er sie in diesem Garten empfunden hat. Und er endet mit der ewigen Herrlichkeit dessen, der in solchen Leiden war. Man kann auch an Klagelieder 1,12 denken, gerade, wenn man an das Thema des Matthäusevangeliums denkt: „Merkt ihr es nicht, alle, die ihr des Weges zieht? Schaut und seht, ob ein Schmerz ist wie mein Schmerz, der mir angetan wurde, mir, die [eigentlich geht es um die Leiden der Stadt Jerusalem, um die künftigen Leiden der Treuen in Juda, mit denen sich der Herr Jesus einsmacht] der Herr betrübt hat am Tag seiner Zornglut.“

Die letzten Verse des 102. Psalms sind, wie Hebräer 1 deutlich macht, eine Antwort Gottes auf die Leiden des Herrn. „Du hast einst die Erde gegründet, und die Himmel sind deiner Hände Werk. Sie werden untergehen, du aber bleibst; und sie alle werden veralten wie ein Kleid; wie ein Gewand wirst du sie verwandeln, und sie werden verwandelt werden; du aber bist derselbe, und deine Jahre enden nicht“ (Ps 102,26–28; Heb 1,10–12). Im Neuen Testament denken wir zudem an Hebräer 5,7.8, wenn wir über Gethsemane nachsinnen. Auch hier finden wir nicht, dass Jesus darum bat, vor dem Tod bewahrt zu werden, sondern aus dem Tod! Darum geht es in Gethsemane.

Matthäus zeigt uns nicht die göttliche Person des ewigen Sohnes Gottes, wie wir sie im Johannesevangelium finden. Matthäus spricht auch nicht so sehr von dem Menschen, der in Abhängigkeit alles das, was äußerlich und innerlich auf Ihn einstürmt, im Gebet überwindet. Lukas zeigt uns den Gehorsam und die Gnade des vollkommenen Menschen. Er beschreibt die Ausgewogenheit in dem wahren und makellosen Opfer Jesu Christi. Matthäus spricht vom König, der bereit ist, um des Ratschlusses des Vaters willen zu leiden. Er wollte sein Volk erretten und zugleich den Weg für die Nationen freimachen.

Verse 36–38: Die äußeren Umstände in Gethsemane

Der Herr kommt mit den Elfen nach Gethsemane. Dieser Ort bedeutet übersetzt: Ölpresse. Der Ölbaum in der Schrift immer wieder ein Bild des Volkes Israel (vgl. Röm 11,17.24; Ri 9,8.9; Jer 11,16). An ihrer Stelle würde Er in das Gericht Gottes gehen, in diese Presse der Prüfung. Acht von seinen Jüngern lässt der Herr zurück. Drei von ihnen aber lässt Er noch weiter mit sich gehen. Was Er jetzt tun wollte, war keine Sache der Gemeinschaft. Er konnte das Erlösungswerk nur alleine vollbringen. Auch diese vorempfindenden Leiden der Sühnungsstunden konnte niemand mit Ihm teilen. Aber Er wollte doch, dass die drei Jünger, die Ihm am nächsten standen, etwas davon erleben sollten, was Ihn bewegte. Es kam Ihm nicht auf eine große Anzahl an. Der Herr nahm nur drei seiner Jünger mit sich, damit sie in diesem feierlichen Augenblick, wo ihr Herr in die Einsamkeit ging, um dem Vater die Ihm bevorstehenden Leiden im Gebet vorzutragen, mit Ihm wachen könnten. Es ging also nicht um Gemeinschaft im Segen, sondern um Gemeinschaft im Wachen (vgl. Vers 38).

Schon auf dem Berg der Verklärung waren diese drei Jünger bei Ihm gewesen, auch bei der Auferweckung der Tochter von Jairus. Es waren auch gerade diese drei Jünger, die – zusammen mit Andreas – die prophetische Rede des Herrn gehört hatten (Mt 24.25; vgl. Mk 13,3). Wie sie seine Herrlichkeit im Reich und seine Auferstehungsmacht gesehen hatten, sollten sie jetzt auch seine Leiden mit ansehen dürfen. Gott wollte, dass diese Jünger etwas von den Leiden des Todes, von seiner Auferstehungsmacht, von der Herrlichkeit seines Reiches und von den Wegen Gottes mit den Menschen kennen würden. Matthäus nennt nur Petrus mit Namen, nicht jedoch Johannes und Jakobus, die der Geist Gottes hier Söhne des Zebedäus nennt. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass es auch hier um die Unterscheidung von Petrus und dem Herrn gehen sollte. Der Selbstüberschätzung des Petrus stand die vollkommene Abhängigkeit Jesu gegenüber.

Er fing nun an, betrübt und beängstigt zu werden. Gerade seine Vollkommenheit ließ Ihn zurückschrecken vor all dem, was diese Leiden als Gericht Gottes beinhalteten. Als vollkommener Mensch durfte Er von den ausgewählten Jüngern Mitgefühl erwarten, doch es erfüllte sich das Wort aus Psalm 69,21: „Ich habe auf Mitleid gewartet, und da war keins, und auf Tröster, und ich habe keine gefunden.“

Der Herr ruft seine drei Jünger auf, mit Ihm zu wachen. Am Kreuz finden wir keinen solchen Aufruf an die Jünger. Dort war Er endgültig und absolut allein. Denn dort litt Er für uns, für unsere Sünde. Da war kein Mensch oder Engel in irgendeiner Weise oder irgendeinem Maß mit Ihm verbunden oder Ihm nahe (moralisch gesprochen). Er war ganz allein, als Gott Ihn verließ und sein Angesicht vor Ihm verbarg. Nur im Nachhinein gibt es hier eine gewisse Gemeinschaft. Das ist keine Anteilnahme im eigentlichen Sinn. Es ist letztlich nur Bewunderung, die wir dem Herrn hier entgegenbringen können. Paulus hatte später den Wunsch, um Christi willen „ihn [zu] erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, indem ich seinem Tod gleichgestaltet werde“ (Phil 3,10). Aber das waren nicht die sühnenden Leiden, sondern die Leiden von Seiten der Menschen und der Tod Christi.

Wachen

Man fragt sich, was das hier vom Herrn genannte „Wachen“ eigentlich beinhaltet. Es kann ja nicht einfach darum gehen, dass die Jünger nicht einschlafen sollten. Die drei Jünger sollten auch nicht für den Herrn Jesus beten. Dieser Gedanke wäre grundverkehrt, als ob der Herr die Gebete der Seinen nötig gehabt hätte. Darum bittet Er an keiner Stelle. Nein, Ihm musste niemand beistehen, damit Er bereit wäre, den Kelch der Leiden aus den Händen des Vaters anzunehmen.

Christus war immer wachsam, auch hier. Der Teufel hat nichts in dem Herrn Jesus gefunden, wo er hätte anknüpfen können, um Ihn zu Fall zu bringen (vgl. Joh 14,30). Doch der Herr Jesus ist vollkommen Mensch und hat tief empfunden, was jetzt auf Ihn zukommen würde: das Gericht Gottes über unsere Sünden.

Nun suchte Er solche Herzen, die mit Ihm Gemeinschaft hätten, die ein Mitempfinden hätten, dass schwere Stunden vor Ihm lagen. Er suchte Mitleiden, die Er aber nicht fand (Ps 69,21). Die Jünger konnten nicht erfassen, was der furchtbare Inhalt dieser drei Stunden am Kreuz sein würde. Aber sie konnten bis zu einem gewissen Grad an den Empfindungen des Herrn teilnehmen. Der Herr rechnete das den Jüngern zu: „Ihr seid es, die mit mir ausgeharrt haben in meinen Versuchungen“ (Lk 22,28). Hier aber versagten sie – und Gott sendet dem Herrn einen Engel, der Ihn äußerlich stärkte.

Die Jünger kamen in eine äußerst angespannte Situation hinein. Der Herr nennt sie die Stunde der Gewalt der Finsternis (Lk 22,53). Die Jünger standen in Gefahr, durch körperliche und geistliche Schwachheit von einer Haltung des Gebets zu Gott, dem Vater, abgehalten zu werden. Satan stand vor der Tür und wollte die Jünger davon abhalten, sich auf die Seite ihres Meister zu stellen. Er wollte verhindern, dass sie Ihn bis zur Kreuzigung begleiteten. Er wollte sie von einer Haltung größter Andacht, Wachsamkeit und innerer Stille abhalten.

Bei dem Herrn konnte der Widersacher das nicht tun. Er betete und blieb seinem Gott in allem hingebungsvoll zugewandt. Die Jünger sollten es Ihm gleichtun, auch wenn sie nicht im Blick auf sein Sühnungswerk beten konnten. Dazu aber mussten sie auf der Hut sein.

Vers 39: Das erste Gebet Jesu

Wenn wir diesen heiligen Moment im Leben unseres Herrn nachempfinden wollen, müssen wir uns fragen: Wer außer seinem Vater vermochte die ganze Tragweite eines solchen Augenblicks zu erfassen? „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Der Herr Jesus spricht dieses schwere Gebet im vollen Bewusstsein seiner Beziehung zu seinem himmlischen Vater. Erst am Kreuz in den sühnenden Leiden sagt Er: „Mein Gott ...“ In Gethsemane kann Er die Gemeinschaft mit seinem Vater trotz der großen Leiden und der Angst genießen. Am Kreuz gibt es in den drei Stunden der Finsternis diese Gemeinschaft mit seinem Gott nicht mehr.

Dennoch sehen wir hier etwas von dem, was der Kelch für Ihn bedeutete: Was für ein Kummer, was für eine Pein, was für Leiden! Aber bevor unser Herr die Leiden von Seiten der Menschen auf sich nahm, betete Er im Blick auf das, was viel schwerer auf seiner Seele lag: die sühnenden Leiden vonseiten Gottes. Diese trug Er seinem Vater vor. Er durchlebte sie im Geist, bevor Er sie an seinem Leib und in seiner Seele wirklich erduldete. Dabei vergessen wir nicht, dass es hier um einen Höhepunkt geht. Denn hier begegnete Christus den Schrecken des Todes – und was für eines Todes! –, die der Fürst dieser Welt auf Ihn lud. Aber dieser fand nichts in Ihm (Joh 14,30). So konnte in der Stunde, als die Leiden wirklich über Ihn kamen, Gott in Ihm, dem Sohn des Menschen, verherrlicht werden.

Nicht alles wird uns mitgeteilt, was der Herr in der einen Stunde in Gethsemane betete. Auch ein Israelit konnte nicht in das Speisopfer hineinsehen, das im Ofen gebacken wurde (3. Mo 2,4). Aber das Speisopfer im Napf und in der Pfanne konnte er sehen. So wird uns diese eine Bitte unseres Herrn mitgeteilt, die vielleicht die zentrale Bitte in dieser Stunde bildete, die der Herr auf seinem Angesicht lag.

Der Kelch des Grimmes Gottes

Noch trank Jesus den Kelch des Ratschlusses Gottes und des Zorns Gottes über die Sünde und die Sünden nicht, aber dieser stand vor seinen Augen. Am Kreuz trank Er ihn, als Er für uns zur Sünde gemacht wurde und seine Seele von Gott verlassen wurde. Andeutungen dieses Kelches finden wir bereits im Alten Testament. In Psalm 11,5.6 lesen wir, dass der Becher des Zorns über die Sünder schrecklich ist. Genau diesen Becher über die Sünde musste Christus leeren: „Der Herr prüft den Gerechten; aber den Gottlosen und den, der Gewalttat liebt, hasst seine Seele. Er wird Schlingen auf die Gottlosen regnen lassen; Feuer und Schwefel und Glutwind wird das Teil ihres Bechers sein.“ Ähnlich ist es in Psalm 75,8.9: „Denn Gott ist Richter; diesen erniedrigt er, und jenen erhöht er. Denn ein Becher ist in der Hand des Herrn, und er schäumt von Wein, ist voll von Würzwein, und er schenkt daraus ein: Ja, alle Gottlosen der Erde müssen seine Hefen schlürfend trinken.“

Jesaja spricht von dem Becher des Grimmes Gottes: „Erwache, erwache; steh auf, Jerusalem, die du aus der Hand des Herrn den Becher seines Grimmes getrunken hast! Den Kelchbecher des Taumels hast du getrunken, hast ihn ausgeschlürft ... So spricht der Herr, dein Herr, und dein Gott, der die Rechtssache seines Volkes führt: Siehe, ich nehme aus deiner Hand den Taumelbecher, den Kelchbecher meines Grimmes; du wirst ihn fortan nicht mehr trinken“ (Jes 51,17.22). Das ist das Gericht über Israel, das unser Herr am Kreuz auf sich genommen hat. „Doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Ungerechtigkeiten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden ... der Herr hat ihn treffen lassen unser aller Ungerechtigkeiten“ (Jes 53,5.6).

Das Gericht hat aber nicht nur mit Israel zu tun, sondern auch mit den Nationen: „Denn so hat der Herr, der Gott Israels, zu mir gesprochen: Nimm diesen Becher Zornwein aus meiner Hand und gib ihn allen Nationen zu trinken, zu denen ich dich sende; damit sie trinken und taumeln und rasen wegen des Schwertes, das ich unter sie sende“ (Jer 25,15.16).

Wenn wir bedenken, was für ein Gericht durch diesen Kelch symbolisiert wird, sehen wir etwas davon, was die Seele Jesu im Vorgefühl der Schrecken des Todes empfunden haben muss. Das volle Ausmaß dieses Gerichtes konnte nur Er selbst kennen. Der Tod hatte seinen Stachel noch nicht verloren. Wir wissen, dass der Teufel die Macht des Todes besitzt (vgl. Heb 2,14). Auch damals besaß der Tod den vollen Charakter des Lohnes der Sünde, des Fluches und des Gerichtes Gottes.

Wir lesen hier, dass der Herr angesichts der Schwere dieses Todes und des Werkes am Kreuz wachte und betete. Er wurde in seinen Gedanken und Empfindungen, auch in seiner Gesinnung nicht schläfrig, sondern ging diesen Weg aus Liebe und Hingabe für seinen Gott. Hier war Er als Mensch diesem Sturm preisgegeben, weil Er seinen Vater liebte, dessen Ratschluss Er ausführen wollte. Und weil Er uns liebte, die Er an das Herz seines Vaters bringen wollte. So ließ Er sich durch nichts, nicht einmal in der schwersten Stunde, die Er vor dem Kreuz erlebte, von dem Weg des Gehorsams abbringen. Wir lesen von Betrübnis und Beängstigung. Diese Angst trieb Ihn nur umso mehr in die vollständige Unterwerfung und das völlige Vertrauen zu seinem Vater. Ihm wollte Er sich ganz ausliefern. Denn Er war gekommen, um seinen Willen zu tun (Heb 10,7).

Wir wollen dabei bedenken, dass Er als wahrer Mensch einen eigenen Willen besaß, einen Willen, der in jeder Hinsicht vollkommen war. Es war richtig, dass Er die schrecklichen Leiden der drei Stunden am Kreuz scheute. Und dennoch bittet Er, dass der Wille seines Vaters getan würde, nicht sein eigener. Denn Er wusste, dass Er sich diesem Willen ausliefern musste, wenn ein Mensch errettet und der Vater vollkommen verherrlicht werden sollte. Auch wenn Er in übernatürlicher Weise geprüft werden und durch ein göttliches Gericht des Feuers gehen musste, so war Er dazu bereit. Denn es war der Wille seines Vaters. Vorher aber war es nötig, dass Er wachte und betete. Denn die Leidenszeit in Gethsemane forderte Ihn und seine Hingabe bis aufs Äußerste.

Satan in Gethsemane?

Oftmals ist gefragt worden, welchen Anteil Satan an diesen Stunden in Gethsemane hat. Wir müssen dabei zunächst feststellen, dass die Schrift überhaupt nicht von diesem Feind Christi redet, wenn es um Gethsemane geht. Das macht uns sehr vorsichtig. Dagegen hörten wir in Lukas 22,53: „Dies ist eure Stunde [die Stunde des Menschen] und die Gewalt der Finsternis [die von Satan beherrscht wird].“ Das ist ein klarer Hinweis darauf, dass Satan bei der Gefangennahme des Herrn und dann am Kreuz beteiligt war. Nicht an den sühnenden Leiden, wohl aber an der Kreuzigung und den Schandtaten der Menschen.

Dennoch lesen wir in Matthäus 26,38, dass unser Herr zu seinen Jüngern sagt: „Wacht mit mir.“ Also hat auch unser Herr gewacht. In welcher Hinsicht? Er besaß im Gegensatz zu uns keine alte Natur, da Sünde nicht in Ihm ist. Kurze Zeit später spricht Er von Versuchungen (Vers 41). Wer war der Versucher hier, wenn nicht Satan? Der Herr bezieht sich in Vers 41 auf die Jünger. Aber wenn Satan diese bedrängt, würde er vor dem eigentlichen Ziel seiner hasserfüllten Angriffe haltmachen?

So kann man doch den Eindruck gewinnen, dass Satan hier mit Macht auch auf Christus eindrang. Wollte er Ihn, wie Petrus zuvor, davon abbringen, das Werk zu erfüllen? Bot er Ihm noch einmal an, alles zu schenken, wenn Er sich ihm unterwarf, wie Er es schon bei den drei Versuchungen getan hatte? Lukas sagt uns am Ende der Versuchungen: „Und als der Teufel jede Versuchung vollendet hatte, wich er für eine Zeit von ihm“ (Lk 4,13). Er sollte wiederkommen. Ob es nicht schon in Gethsemane gewesen ist? Wir müssen das letztlich offenlassen, weil Gott darüber nicht klar spricht.

Bewusste Abhängigkeit von Gott

Eines ist klar, die Jünger haben sich durch ihr Verhalten, nicht zu wachen und zu beten, in die Versuchung des Teufels begeben. Der Herr aber kam nicht in die Versuchung. Der Versucher, der Teufel, mochte das tun wollen. Aber der Herr ließ das nicht zu, weil Er wachte. Und weil Er alles aus der Hand des Vaters annahm. Mochten die Umstände noch so schrecklich sein; mochten die Menschen, die den Herrn mit Gewalt und Brutalität erwarteten, noch so viele sein: Der Herr ließ sich nicht durch die Umstände und Menschen innerlich gefangen nehmen. Er fühlte diesen Hass und diese Gewalt der Finsternis, aber Er sah auf seinen Vater. In vollkommener Abhängigkeit, die sich im Gebet ausdrückt, lebte Er auch in diesen schweren Stunden in Gemeinschaft mit seinem Vater.

Der Unterschied zwischen dem Herrn und den Jüngern wird am deutlichsten, wenn man den Gegensatz zwischen Petrus und Christus betrachtet. Petrus kam jetzt in die Versuchung Satans, der Herr überhaupt nicht. Dabei war das, was Jesus bevorstand, viel schlimmer als das, womit Petrus es zu tun hatte. Petrus schlief. Der Herr dagegen schlief nicht und versuchte nicht, den Bedrängnissen, die für Ihn sogar den Tod einschlossen, durch Schlaf zu fliehen. Er ging einen Steinwurf weiter und betete zu seinem Vater. Seine Augen blieben nicht auf die Umstände gerichtet, um über diese nachzudenken. Er sah zu seinem Vater. In viel intensiverem Maß fühlte Er, was die Umstände beinhalteten. Deshalb betete Er zu dem Vater über den Kelch. Er war sich seiner Schwachheit als Mensch, also seiner vollkommenen Abhängigkeit von Gott bewusst. Und genau das war seine Stärke.

Daraus lernen wir, dass wir der Versuchung Satans entgehen, wenn wir uns dieser Schwachheit bewusst sind, indem wir uns vollkommen von Gott abhängig fühlen. Für den Herrn war das, was bevorstand, keine Versuchung Satans, sondern der Kelch des Vaters. Er stand nicht vor dem Widersacher, sondern vor seinem Vater. Er sieht nicht auf Pilatus oder Judas, sondern zu seinem Vater.

Dieses Bewusstsein seiner menschlichen Schwachheit, die bei Ihm überhaupt nichts mit Sünde oder mit den Folgen der Sünde zu tun hat, wird in seinem Gebet in Psalm 22 deutlich: „Wie Wasser bin ich hingeschüttet und alle meine Gebeine haben sich zertrennt“ (Vers 14).

Petrus war sich dieser Schwachheit nicht bewusst. Er hat nicht verstanden, dass der Herr ihm sagt: „Der Geist zwar ist willig, das Fleisch aber schwach“ (Mt 26,41). Und deshalb mangelte es bei Petrus an Gebet. Während der Herr betete, schlief Petrus. Er wachte nicht, er sah nicht, dass er schwach war, und er sah nicht auf Gott, der ihm jede Kraft und Bewahrung geschenkt hätte.

Die Unterschiede in den Evangelien

Die Evangelisten geben die Gebete des Herrn mit unterschiedlichen Worten wieder. Damit stehen sie nicht im Widerspruch zueinander. Vielmehr zeigt die jeweilige Berichterstattung eine unterschiedliche Herrlichkeit Jesu in seinen Leiden. Der Heilige Geist wählt entsprechend dem Charakter jedes Evangeliums aus.

  • Markus: „Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir weg!“ Der Diener hat eine besondere Beziehung zu seinem himmlischen Vater. Er ist sich bewusst, dass Er als Diener von dem Allmächtigen abhängig ist. Dieser kann den Kelch von Ihm wegnehmen – oder nicht. Es steht in der Macht des Vaters. Als Diener ordnet Er sich Ihm in allem unter.
    Lukas: „Vater, wenn du willst, so nimm diesen Kelch von mir weg.“ Der Mensch Jesus braucht keine langen Worte zu seinem Vater zu sprechen. Er unterwirft sich als Mensch dem Willen seines Vaters. Wenn es dessen Willen entspricht, sollte Er den Kelch von Ihm wegnehmen. Der demütige Mensch ist seinem Vater auch hier in allem gehorsam.
  • Matthäus: Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber.“ Der Messias ist an und für sich souverän. Daher bittet Er nicht direkt darum, dass Gott für Ihn diesen Kelch der Leiden wegnehmen solle. Aber wie sollte der König wünschen, den Kelch des Zornes Gottes leeren zu müssen? Das war undenkbar. So sollte, wenn es überhaupt möglich war, dieser Kelch an Ihm vorübergehen.
    Markus: „Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ Der Knecht tut nur das, was sein Herr will.
    Matthäus: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst.“ Bei dem König war es nicht eine Frage des „was“, denn Er besaß selbst Autorität. Aber das „wie“ war hier von Bedeutung. Er war bereit, was den Weg betraf, den Gott mit Ihm gehen wollte, sich diesem ganz auszuliefern.
    Lukas: „Doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe.“ Beim Menschen geht es um den Willen und die Bereitschaft, sich dem Willen Gottes unterzuordnen. Der Wille des Vaters sollte entscheiden. Es war die vollständige Auslieferung an seinen Vater, sowohl was das „was“ als auch was das „wie“ betraf.

Vers 40.41: Der Herr wacht ganz allein

Der Herr hatte intensiv gebetet und gewacht. Seine Jünger, die meinten, dass sie selbst in den schwersten Stunden treu auf der Seite des Herrn stehen würden, waren dagegen eingeschlafen. Sie waren nicht einmal in der Lage, auch nur eine Stunde mit Ihm wachen.

Jesus spricht nicht die Jünger insgesamt an, sondern denjenigen, der sich zum Sprecher dieser und zum herausragenden Zeugen Jesu gemacht hatte. Schon bei der ersten Gelegenheit und Herausforderung, seinen Worten aus den vorherigen Versen Taten folgen zu lassen, hatte er versagt. Und doch sind wir erstaunt, in was für einer zarten Weise der Herr ihn an sein falsches Vertrauen erinnert. Wie hätten diese Worte das Herz von Petrus treffen und ihn zu größerer Wachsamkeit veranlassen sollen.

In diesen Versen erkennen wir darüber hinaus den außerordentlichen Unterschied zwischen dem Christus Gottes und allen anderen Menschen. Jeder von ihnen versagt früher oder später. Obwohl der Herr den größten Prüfungen von allen ausgesetzt war, sehen wir Ihn in vollkommener Ruhe und Hingabe im Gehorsam – bis zum Ende.

Wir haben darüber nachgedacht, dass die Jünger später in den sühnenden Leiden am Kreuz kein Teil mit Christus haben konnten. Aber konnte Er nicht hier eine gewisse Gemeinschaft von ihnen im Wachen mit Ihm erwarten? Die Worte des Herrn klingen nicht enttäuscht, da Er von seinen Jüngern nicht enttäuscht werden konnte. Er wusste, was in ihren Herzen war. Aber seine Hinweise zeigen, dass Er tief empfand, dass Er schon hier ganz allein in seiner Hingabe und Wachsamkeit war. In den Zeiten größter Nöte können unsere Herzen taub und unsensibel sein, weil wir nicht in der Lage sind, in die Gedanken des Herrn einzugehen. Ist denn eine Stunde wirklich zu lang, um Mitleid mit seinen Leiden zu haben? Der Herr jedenfalls hatte eine Stunde im Gebet vor seinem Vater verharrt. Natürlich vergessen wir nicht, dass es hier mitten in der Nacht war. Die Jünger waren verständlicherweise müde, nach einem langen Tag. Aber hatte ihr Meister nicht den ganzen Tag über viel mehr getan als sie? Und auch Er war vollkommener Mensch. So begegnet seine Seele Schritt für Schritt zunehmenden Leiden, ohne dass Er in irgendeiner Weise Erleichterung geschenkt bekommen hätte. Das ist das Teil des Schuldopfers, wie es uns Matthäus vorstellt.

Drei Jünger hatte der Herr ausdrücklich gebeten, mit Ihm zu wachen. Es waren die drei Jünger, die auch schon bei seiner Verherrlichung geschlafen hatten (Lk 9,32). So finden wir hier wie dort das schwache Fleisch der Jünger. Bis zu diesem Augenblick war noch nicht offenbart, dass der Gläubige noch eine alte, sündige Natur trägt. Nein, das Fleisch ist hier ein Ausdruck der Hinfälligkeit des Menschen, der unter den Folgen des Sündenfalls leidet. Was für ein Unterschied zu Jesus zeigte sich bei den Jüngern, als die Versuchung kam. Dabei waren die Umstände für sie nur ein schwacher Schatten von dem, was Er erleiden musste.

In Vers 41 lesen wir nicht mehr, dass der Herr verlangte, dass die Jünger mit Ihm wachten. Er gibt sich damit zufrieden, dass sie für sich selbst wachten. Sie sollten sich ihrer Schwachheit bewusst sein und sich daher nicht einer Prüfung aussetzen, der sie nicht gewachsen waren. Petrus wird später an diese Worte seines Meisters zurückgedacht haben. Dass ihr Geist willig war, hatten sie mehrfach durch ihre Worte ausgedrückt. Aber das Fleisch war schwach – das zeigte sich an ihren Taten. Wir haben keinen Anlass, auf die Jünger herabzuschauen. Von uns wäre jeder, der in der damaligen Situation gewesen wäre, in gleicher Weise gescheitert und gefallen. Wir besitzen heute den Heiligen Geist. Und dennoch benehmen wir uns oft noch schlimmer als die Jünger damals ...

Verse 42–44: Das zweite und dritte Gebet

Es ist beeindruckend, wie der Herr sich seinen Jüngern zuwandte und dann wieder zu seinem Vater zurückkehrte. Er war bereit, den Kelch zu trinken. Aber Er nahm ihn aus den Händen seines Vaters. Denn es war dessen Wille, dass Er ihn trinke. Wir wollen festhalten: Christus nahm den Kelch weder aus der Hand der Feinde noch aus der von Satan. Er stand allein vor seinem Vater.

Wie lehrt uns auch dieses zweite Gebet die Bereitschaft des Messias, sich seinem Vater zu unterwerfen. Unterordnung und Gehorsam spricht aus allem heraus, was Er betet. Dabei atmet das zweite Gebet ein im Vergleich zum ersten Gebet noch weitergehenderes Bewusstsein, dass es für Ihn keinen anderen Weg geben konnte. Ohne sühnende Leiden war keine Erlösung des Volkes Israel und des Menschen überhaupt möglich. Im ersten Gebet musste zunächst deutlich werden, dass der Herr Jesus als Mensch unmöglich wünschen konnte, zur Sünde gemacht zu werden. Daher spricht Er dort von der Möglichkeit des „Vorübergehens“. Beim ersten Gebet wartete Jesus noch auf eine Antwort seines Vaters.

Jetzt aber wird noch deutlicher, dass es keinen anderen Weg geben konnte, und der Herr geht diesen Weg freiwillig: „Wenn dieser Kelch nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille.“ Man könnte ergänzen: „Wenn dieser Kelch also nicht vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, ...“. Der Wille des Vaters stand über allem. Es ist das höchste und schönste Gebet, das wir uns vorstellen können: „Es geschehe dein Wille“. Gerade Matthäus betont, mehr als die anderen Evangelisten, die Unterwerfung Jesu unter den Willen Gottes. Das macht diese Begebenheit so besonders zu Herzen gehend.

Die Jünger hatten aus den Worten des Herrn nach seinem ersten Gebet nichts gelernt. Sie schliefen schon wieder, denn ihre Augen waren beschwert. Ihre natürlichen Bedürfnisse hinderten sie daran, an den geistlichen Bedürfnissen des Herrn Anteil zu nehmen. Der Herr wusste, dass Er nicht auf sie rechnen konnte und ging ein drittes Mal hin, um dasselbe Wort zu sprechen. Er forderte sie nicht noch einmal auf zu wachen. Denn Er wusste, dass sie dazu nicht in der Lage waren. Er war und blieb allein in seiner Weihe für Gott.

Wer vermag die Beängstigungen und die Betrübnis der Seele unseres geliebten Herrn zu ermessen? Vor sich sah Er Satan in seiner ganzen Macht des Todes (Heb 2,14) und vor allem die drei Stunden der Finsternis des Gerichtes Gottes. Auch beim dritten Mal liefert sich der leidende Herr ganz dem Willen seines Vater aus. Allerdings sollten wir nicht denken, dass die drei Gebete einfach Wiederholungen waren. Nein, jedes einzelne Gebet war ein Gebet seines Herzens, indem Er seine Empfindungen vor Gott ausbreitete. Seine Seele war so betroffen, dass diese Worte seine tiefsten inneren Gefühle ausdrückten. Es war gewissermaßen die göttliche Zahl drei, die seine Gebete kennzeichnete. Mit dem dritten Gebet schloss Er dieses so wichtige Kapitel vor dem Kreuz ab. Er hatte die ganze Last seiner Seele vor Gott ausgebreitet. Aber nach dem dritten Gebet lag alles in den Händen Gottes, seines Vaters. Er würde gerecht handeln. Und Jesus hatte sich so deutlich wie nie zuvor als der völlig reine Mensch erwiesen, der die Abscheulichkeit der Sünde kannte und – wenn irgend möglich! – keinen Kontakt mit ihr haben wollte.

Vers 45.46: Ruhe für die Jünger – Überlieferung für Christus

Wir wären enttäuscht, wenn wir keine mitfühlenden und mitwachenden Mitstreiter hätten, gerade dann, wenn wir darum gebeten hätten. Was für eine Liebe und Gnade strahlt demgegenüber aus den Worten des Herrn. Künftig konnten nun seine Jünger, die in dieser Situation versagt hatte, wahre Ruhe genießen. Denn Er, der Gerechte, der Unschuldige, stand im Begriff, den Tod zu erdulden, den sie verdient hatten. Er würde ihnen Ruhe verschaffen (vgl. Mt 11,28). Seine Liebe war nicht nur stärker als der Schlaf, sie war vor allem stärker als der Tod (Hld 8,7).

Die dauerhafte Ruhe der Jünger war nicht abhängig von ihrem Wachen oder Werk. Gott sei Dank! Sie hing allein von der Treue und Hingabe Christi ab, der gehorsam war bis zum Tod, sogar dem Tod am Kreuz.

Man kann bei diesen Worten Jesu sicher auch daran denken, dass ein Wachen mit dem Herrn nicht mehr nötig war, weil der Herr sein Gebet nun beendet hatte. So lässt der Herr seine Jünger gewissermaßen weiterschlafen. Er wusste, dass nur Er das Werk der Erlösung vollbringen könnte. Nun würde Er als Sohn des Menschen nicht nur für die Juden, sondern im Blick auf die ganze Welt Rettung schaffen. Dazu war es nötig, in die Hände von Sündern überliefert zu werden. Was mag Ihn allein dieser Ausdruck „Sünder“ innerlich betroffen gemacht haben. Denn Er empfand, was Sünde in den Augen Gottes war. Er war ja selbst der heilige Gott. Und es war Leid für Ihn, von Sündern angefasst und misshandelt zu werden.

Dennoch bleibt der Herr der Handelnde, der alles Wissende. Daher kann Er die Jünger auffordern aufzustehen. Judas, sein Überlieferer, war nahe gekommen. Jetzt würde es nicht mehr lange dauern, bis der Messias von seinem eigenen Volk ans Kreuz geschlagen würde.

Einige praktische Bemerkungen zu den Gebeten Jesu

Zum Abschluss dieses Teils möchte ich noch praktische Bemerkungen für unsere Zeit machen. Natürlich sind diese Gebete des Herrn einzigartig. Keiner von uns wäre in der Lage, ein solches Werk zu vollbringen. Keiner von uns wird je in eine vergleichbare Situation kommen, wie wir sie in Gethsemane vorfinden. Darum kann es also nicht gehen.

Aber die Hingabe unseres Herrn, seine Auslieferung an den Willen seines Vaters ist beispielgebend auch für uns. Es gibt manche Situationen, in denen wir eine bestimmte Vorstellung haben, wie es weitergehen könnte. Das ist nicht verkehrt. Aber sind wir bereit, den Willen des Vaters und seinen Weg nicht nur zu akzeptieren, sondern sogar zu wünschen: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst!“?

Vielleicht kommen wir in große Not, in der wir keinen Ausweg sehen, als nur einen Weg, der uns gut erscheint. Gerade dann kommt es darauf an, den eigenen Wunsch im Gebet vor den Vater zu bringen. Aber es ist zugleich wichtig zu bitten, dass sein Wille und allein der Seine geschehe. Dazu gehört Selbstverleugnung und Demut. Gerade das lernen wir bei unserem Herrn und Meister.

Bemerkenswert ist sicher auch, dass wir noch ein zweites Mal im Neuen Testament lesen, dass jemand dreimal gebetet hat. Wir finde das bei Paulus, nachdem er einen Dorn für das Fleisch bekommen hatte. Bei ihm war es, weil er in Gefahr stand, sich wegen der außergewöhnlichen Offenbarungen zu überheben (vgl. 2. Kor 12,7 ff.). Beim Herrn Jesus ging es um sein bevorstehendes Erlösungswerk, bei Paulus ging es darum, dass er im Dienst nützlich bleiben sollte.

Als es um andere ging, betete er in jedem seiner Gebete für sie (Phil 1,4). Als es um ihn selbst und seine Leiden handelte, betete er dreimal (2. Kor 12,8). Dann gab ihm Gott zu verstehen, dass es genug war. Er sollte sich damit begnügen, die Gnade Gottes anzunehmen. So lernen wir, dass wenn es um uns selbst geht, wir nicht unaufhörlich bitten sollten. Drei Gebete sind angemessen. Wenn es aber um andere geht, dürfen wir unaufhörlich für sie am Thron der Gnade eintreten.4 Das ist Gott wohlgefällig.

Der Verrat von Judas und die würdevolle Ergebenheit Jesu (Verse 47–56)

Und während er noch redete, siehe, da kam Judas, einer der Zwölf, und mit ihm eine große Volksmenge mit Schwertern und Stöcken, ausgesandt von den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes. Der ihn aber überlieferte, hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Wen irgend ich küssen werde, der ist es; ihn greift. Und sogleich trat er zu Jesus und sprach: Sei gegrüßt, Rabbi!, und küsste ihn sehr. Jesus aber sprach zu ihm: Freund, wozu bist du gekommen! Dann traten sie herzu und legten die Hände an Jesus und griffen ihn. Und siehe, einer von denen, die mit Jesus waren, streckte die Hand aus, zog sein Schwert und schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab. Da spricht Jesus zu ihm: Stecke dein Schwert an seinen Platz; denn alle, die das Schwert nehmen, werden durch das Schwert umkommen. Oder meinst du, dass ich nicht meinen Vater bitten könnte und er mir jetzt mehr als zwölf Legionen Engel stellen würde? Wie sollten denn die Schriften erfüllt werden, dass es so geschehen muss? (Verse 47–54).

Im ersten Abschnitt dieses Kapitels haben wir gesehen, dass die Hohenpriester den Mord an Jesus geplant hatten. Im zweiten lesen wir, dass sie in Judas einen willfährigen Partner finden, der seinen Meister verraten will. Im dritten Abschnitt wird gezeigt, dass der Herr selbst sein Leben in den Tod hingeben wird. Im vierten steht vor uns, dass dies der Wille des Vaters ist. Nun sehen wir, dass Judas seinen Plan verwirklicht und den Hohenpriestern damit in die Hände spielt. Der Messias lässt das alles an sich geschehen, in wahrer Hingabe an seinen Gott und Vater.

Im vorigen Abschnitt bestand der Gegensatz in der Haltung von Petrus im Unterschied zu Christus. Nun lesen wir von einem Kontrast zwischen Judas und dem Herrn Jesus. Der eine kommt des Nachts mit brutalen und bösen Menschen, um Jesus zu überliefern. Dieser wiederum ist bereit, sich überliefern zu lassen, um die Schriften zu erfüllen. Er ist Gott treu, auch wenn Er letztlich allein gegen diese menschliche Übermacht von Feinden steht.

Der Herr hatte noch nicht aufgehört, mit seinen Jüngern zu reden, da kam schon der Überlieferer Judas. Von ihm heißt es hier ausdrücklich, dass er einer der Zwölf war. Er kam nicht allein, sondern zusammen mit einer großen Volksmenge, die Schwerter und Stöcke trug. Sie kamen nicht in eigenem Namen, sondern ausgesandt von den Hohenpriestern und Ältesten, den hierarchisch höchsten Juden. Die Jünger waren zuvor eingeschlafen. Einer von ihnen allerdings nicht: Judas. Er hatte alles getan, um seine 30 Silberlinge zu verdienen. Aber sein habgieriges Herz wurde zu seinem Untergang.

Judas hatte die Zwischenzeit insofern in seinem Sinn sehr gut genutzt. Der Herr hatte ihm gesagt: „Was du tust, tu schnell!“ (Joh 13,27). Genau das hatte er nunmehr getan. In fieberhafter Eile und Hast war er in die Nacht gegangen. Durch Satan besessen und geführt schienen sich jetzt alle seine Pläne zu erfüllen. Amtsträger und abgesandte römische Soldaten, vielleicht sogar mehrere Hundert (vgl. Joh 18,12), wurden ihm zur Verfügung gestellt. Sie trugen Schwerter und andere Waffen, auch Lampen und Fackeln. Vermutlich handelte es sich bei den Schwertträgern um Heiden, vielleicht sogar aus verschiedenen Ländern, die von den Römern erobert worden waren. Aber es waren auch andere dabei, vermutlich Juden (vgl. Mk 14,49), die Stöcke trugen.

Die Tempelwache war offenbar ebenfalls in voller Stärke erschienen (vgl. Lk 22,52). Sie waren die Mietlinge der Hohenpriester und Ältesten. Der Pöbel der Straße hatte sich vermutlich dazugesellt, denn Matthäus spricht von einer großen Volksmenge. Was für ein Szene! Heiden und Juden finden sich zusammen, um ihre Hände an den Fürsten des Lebens, den Herrn der Herrlichkeit zu legen. Sie sind bereit für die größte Sünde, die auf der Erde jemals geschehen ist. Trugen sie diese Bewaffnung und kamen sie in dieser Masse, um sicherzugehen, dass sie den fangen können, der sich als der Allmächtige erwiesen hatte? Sie täuschten sich in Ihm, denn Er war noch immer sanftmütig und von Herzen demütig. Letzten Endes war es ein Zeugnis seiner Macht, die sie fürchteten. Und doch bewies es zugleich ihre Blindheit.

Die Waffen erwiesen sich als nutzlose Vorsichtsmaßnahme, stand doch der Eine vor ihnen, der im Begriff war, sich selbst Gott zu opfern. Er war bereit, sich von ihnen gefangen nehmen zu lassen. Aber niemand von ihnen erkannte Ihn als solchen. Denn wenn sie Ihn erkannt hätten, hätten sie wohl den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt (vgl. 1. Kor 2,8). Wir wollen dabei immer bedenken, dass der Herr nicht wegen menschlicher Macht in die Gefangenschaft ging – Er hätte sie auch, obwohl Er allein war, mit dem Hauch seines Munden töten können. Nein, es war der Wille seines Gottes, der Ihn dazu bereit machte, und seine eigene Liebe.

Verse 48–50: Der Judaskuss

Was für eine Überraschung muss das für die Jünger gewesen sein, hier auf einmal Judas wiederzusehen. Lukas zeigt uns, dass er nicht nur der Führer der Menge war, sondern dieser auch vorausging. Was für ein scharfsinniger Plan, wie raffiniert, und doch wie offensichtlich. Alles sollte so bereitet sein, dass eine Flucht unmöglich war. Der Kuss sollte zeigen, wer gefangen zu nehmen war. Zugleich wurde Jesus dadurch räumlich von den Seinen getrennt. Dann wäre ganz schnell alles vorüber. Petrus bestätigt das später, ganz am Anfang der Apostelgeschichte: „Brüder, die Schrift musste erfüllt werden, die der Heilige Geist durch den Mund Davids über Judas vorhergesagt hat, der denen, die Jesus griffen, ein Wegweiser geworden ist“ (Apg 1,16).

Diese Szene zeigt, dass Judas wirklich nicht an den Herrn Jesus als Sohn Gottes glaubte! Er rechnete nicht mit einer „göttlichen“ Antwort. Sonst hätte er gewusst, dass dieser Plan viel zu kurz griff.

Judas hatte seine Pläne mit der Volksmenge besprochen. Nun ging er voran, um seinen heimtückischen und feigen Plan auszuführen. Er hatte viele Male erlebt, dass der Herr jeden Gedanken von Menschen lesen kann. Dennoch meinte er, weil er keinen Glauben besaß, dass seine Motive unerkannt blieben, wenn er Ihn in dieser abscheuerregenden, linken Weise verraten würde. Als ob der Herr nicht wüsste, dass dieser Kuss ein Verräterkuss war. Judas tarnt seine Treulosigkeit somit hinter solch einer Heuchelei, dass bis heute der Judaskuss ein sprichwörtlicher Ausdruck der Abscheu ist.

Der erste Ausspruch „sei gegrüßt“, ist eigentlich ein Ausdruck der Freude über das Wiedersehen. Um was für eine Freude sollte es sich hier drehen? Ein letztes Mal hört der Herr aus diesem Mund das Wort „Rabbi“. „Herr“ kann der Verräter nicht sagen, da er Jesus als Herrn verworfen hatte. Die Wahrheit, die er denkt, will er aber auch nicht sagen. So nennt er Ihn, wie viele andere auch, Rabbi. Und dann küsste Judas den Herrn Jesus sehr: vielmals, zärtlich. Was für ein Schmerz muss es für das reine Herz unseres Retters gewesen sein, der diesen abscheulichen Kuss fühlte, der sich auf seine Wangen brannte. Wir denken daran, dass der, der den Wind mit Autorität gestillt hatte, dessen allmächtiges Wort Kranke geheilt und Tote auferweckt hatte, auf so schmähliche Weise überliefert wurde ...

Dennoch spricht Jesus diesen Mann nicht voller Verachtung an, wie wir es wahrscheinlich getan hätten. Er nennt ihn Freund: „Freund, wozu bist du gekommen!“ Im Lukasevangelium (Lk 22,48) finden wir die ausführliche Darstellung dessen, was der Herr ihm gesagt hat. Die Demut Jesu und seine Treue strahlen hier hervor.

Sollte diese ruhige und feierliche Antwort das Herz und Gewissen von Judas nicht erreichen können? Aber es gab keine Hoffnung mehr für diesen hartgesottenen Mann. Wir wollen bei der Ansprache Jesu bedenken, dass der Ausdruck „Freund“ keinen Herzensfreund meint, sondern einen Genossen5. Es ist also nicht dasselbe Wort wie in Johannes 11,11; 15,15, wo es um wahre Freundschaft, um eine innere Beziehung geht. Denn Judas war ein Genosse Jesu, nicht aber ein wirklicher Freund. Er hatte die Wunder des Herrn getan, messianische Macht gehabt, um Kranke zu heilen (vgl. Mk 6,13). Nun sprach Christus das letzte Mal mit diesem „Genossen“, der zugleich sein Feind war. Das nächste Mal hören wir von ihm, dass er zwar Gewissensbisse besaß, aber keinen Raum für Buße fand.

Judas wird noch einmal vor Jesus stehen. Dann wird Christus der Richter der Toten sein und Judas in die Hölle werfen (Off 20,11 ff.). Was für eine Zukunft für einen der bevorrechtigsten Menschen, die je auf dieser Erde gelebt haben. Dreieinhalb Jahre durfte er die Gegenwart und Liebe des Herrn genießen. Und dennoch ist er verloren gegangen, weil er Christus als Retter ablehnte. Er wollte sich nicht bekehren und Jesus als Herrn annehmen. Kann der Hass des menschlichen Herzens noch stärker hervorscheinen?

Dann lesen wir davon, dass sich die rauen Hände unmenschlicher römischer Soldaten auf Ihn legten. Es waren brutale Hände des jüdischen Mobs, die den sündlosen Leib des Lammes Gott voller Hass festhielten. Alle wurden durch Satan angetrieben, der hinter diesen Szenen stand. Es war die Stunde der Menschen und die Gewalt der Finsternis (Lk 22,53).

Verse 51–54: Eine fleischliche, vorschnelle Handlung von Petrus

Dieser ekelerregenden Heuchelei des falschen Jüngers Judas folgt der fleischliche Eifer eines wahren Jüngers. Der Evangelist Johannes sagt uns, dass es Petrus war (Joh 18,10). Dieser oft so selbstbewusste Mann schläft, wo er wachen sollte, und schlägt zu, wo er sich besser ruhig verhalten hätte. Es kommt zwar nach Psalm 149,5–7 die Zeit, wo die Heiligen zweischneidige Schwerter tragen werden. Aber diese Zeit war damals noch längst nicht da. Hier war die Tat nicht im Einklang mit der Haltung Jesu, der sich wie ein Lamm zur Schlachtbank führen lassen wollte.

Christus hatte seinen Mund nicht aufgetan (vgl. Jes 53,7) im Gegensatz zu Petrus, der von Matthäus allerdings nur „einer von denen, die mit Jesus waren“ genannt wird. Denn hätte Er zu seiner Verteidigung gesprochen, wäre wohl die Folge gewesen, dass seine Feinde vernichtet worden wären (vgl. Joh 18,6). Daher kann Er zu Petrus sagen: „Oder meinst du, dass ich nicht meinen Vater bitten könnte und er mir jetzt mehr als zwölf Legionen Engel stellen würde?“ (Mt 26,53). So sehen wir hier, dass der Messias auf die böse Tat von Judas und die ungeistliche Handlung von Petrus mit Sanftmut und Entschiedenheit antwortet.

Diese Würde des Herrn wäre fast zerstört worden durch die Handlung des einen, der – menschlich gesprochen – mutig mit dem Schwert gegen die Übermacht einschlägt. Aber Petrus hatte die Gesinnung des Königs nicht erkannt. Petrus hatte die Worte des Herrn über das Schwert vollkommen missverstanden (vgl. Lk 22,36–38). Er stand zwar auf der Seite des Herrn, aber er hatte nicht erkannt, wo diese Seite war. Er hatte offenbar auch schon bei der Bergpredigt nicht gut zugehört. Denn dort hatte der Herr gesagt, dass man dem Bösen nicht widerstehen und zudem den Feind lieben solle (vgl. Mt 5,39.44).

Leider müssen wir sagen, dass das Schwert in der Geschichte der Kirche auf der Erde viel Böses angerichtet hat. Und auch gläubige Christen haben mit Gewalt versucht, christliche Interessen durchzusetzen. Dabei sollten unsere Waffen nicht fleischlich sein, sondern göttlich (vgl. 2. Kor 10,4). Jesus kündigte damals schon an, dass diejenigen, die das Schwert nehmen, auch durch das Schwert umkommen werden. Das ist eine Warnung an alle, die mit fleischlichen und materiellen Mitteln gegen böse und ungläubige Menschen vorgehen wollen. Künftig werden die Schwerter übrigens durch Ausharren und Glauben ersetzt (vgl. Off 13,10).

Es ist auffallend, dass Matthäus im Unterschied zu Lukas nicht von der Tat der Gnade des Herrn berichtet. Denn Lukas zeigt, dass der Herr das Ohr von Malchus, dem Knecht des Hohenpriesters, wieder geheilt hat. Das war übrigens das letzte Wunder des Herrn vor dem Kreuz – und das an einem Feind! Lukas betont die Gnade Gottes, die in Christus sichtbar wurde. Daher war es sein Auftrag, dieses Heilungswunder aufzuschreiben.

Das Thema unseres Evangelisten ist ein anderes. Er zeigt uns das gehorsame und hingebungsvolle Opfer Jesu. Er spricht aber auch vom König und Souverän, dem viele Engel zu Gebote standen. Daher erwähnt er die Worte Jesu über die Engel, die Ihm zur Verfügung standen. Aber sein Auftrag war nicht, den Fokus darauf zu legen, dass Christus der vollkommene Mensch und Arzt war, der jedes Leid zu heilen bereit war. Der König konnte befehlen, das Schwert wegzustecken (Vers 52) – Mitleid mit diesem armen Menschen hatte der vollkommene Mensch Jesus. Beides ist wahr im Blick auf diese einzigartige Person, die Mensch und König, Arzt und Souverän in einer Person war.

12 Legionen Engel

Hätte Christus entrinnen wollen, brauchte Er nur um 12 Legionen Engel zu bitten, und Er hätte sie bekommen. Aber das war nicht sein Plan, als Er auf die Erde kam: Er wollte alles erfüllen, was schon im Alten Testament über den Messias angekündigt worden war. Er sollte der Erlöser für sein Volk werden.

Wir wissen, dass für das furchterregende und umfassende Gericht an Sodom und Gomorra gewissermaßen zwei Engel reichten. Wenn ein Engel 185.000 Menschen in einer Nacht schlagen konnte (2. Kön 19,35; 2. Sam 24,16), was hätten 12 Legionen tun können? Die römische Legion bestand aus 6.000 Menschen zu Fuß, zuzüglich Reiter. 12 Legionen waren für eine rebellische Welt mehr als ausreichend, abgesehen davon, dass kein Mensch einem Engel widerstehen könnte! Aber eine solche Bitte war einfach fehl am Platz, denn der Herr wollte das Werk der Erlösung vollbringen. Vor diesem Hintergrund war der Schwertschlag von Petrus letztlich lächerlich. Wenn wir als Christen bereit sind zu leiden, sind wir geistlicherweise Überwinder. Wenn wir nach dem Schwert greifen, verlieren wir im geistlichen Kampf und kommen im äußersten Fall sogar durch das Schwert um. Bestes Beispiel sind die vielen Kämpfe, die in der Zeit der Reformation stattfanden. Sie haben diesem Werk Gottes nicht gedient. Gerade durch diese menschliche Komponente wurde sie behindert.

Nein, Christus wollte nicht kämpfen, sondern den Willen des Vaters ausführen. Daher verteidigte Er sich nicht selbst, sondern erfüllte das Wort Gottes. Das hatte für Ihn einen solchen Stellenwert, dass Er alle Vorhersagen auf den leidenden Messias erfüllen wollte. Dieser Gedanke ist Gott im Übrigen so wichtig, dass Er dieses Thema gleich zweimal in diesen Versen behandelt, in Vers 54 und in Vers 56.

Natürlich besaß der Herr auch ohne die vielen Engelscharen Macht in sich selbst. Aber Er war jetzt nicht gekommen, um sie auszuspielen. In einer zukünftigen Zeit wird Er seine Feinde mit dem Hauch seines Mundes töten (vgl. 2. Thes 2,8). Hier jedoch nimmt Er den Platz eines abhängigen Menschen ein. Er war nicht nur in den Gebeten in Gethsemane durch Abhängigkeit gekennzeichnet, sondern auch im weiteren Verlauf, ja immer in seinem Leben.

Die würdevolle Ergebenheit Christi

„In jener Stunde sprach Jesus zu den Volksmengen: Seid ihr ausgezogen wie gegen einen Räuber, mit Schwertern und Stöcken, um mich zu fangen? Täglich saß ich lehrend im Tempel, und ihr habt mich nicht gegriffen. Aber dies alles ist geschehen, damit die Schriften der Propheten erfüllt würden. Da verließen ihn die Jünger alle und flohen“ (Verse 55.56).

Jesus zeigte allen Angreifern und Zuhörern, dass Er sich trotz ihrer Bosheit allem unterziehen würde, was erforderlich war, um die Schriften zu erfüllen. Aber seine Worte lassen auch erkennen, dass Ihn die Haltung der verschiedenen Menschenklassen Ihm gegenüber tief schmerzte.

Durch seine Frage zeigte Er zugleich die Ungerechtigkeit des Handelns dieser Menschen auf. So richtete Er ein Wort der Ermahnung an ihre Gewissen. Hatte Er sich vor ihrer Gegenwart gescheut? Im Gegenteil! Praktisch jeden Tag war Er bei ihnen im Tempel gewesen. Dort hätten sie Ihn jederzeit gefangen nehmen können, wenn sie etwas an seinen Worten oder Taten hätten auszusetzen gehabt. Aber das trauten sie sich damals nicht. Jetzt aber, unter der Anleitung des Teufels und des ungläubigen Judas, waren sie bereit, ihren Messias zu beseitigen.

Angesichts des rohen Pöbels brach die Kraft aller Jünger zusammen. Sie ließen ihren Meister im Stich und flohen. Sie verschwanden im Dunkel, und Christus blieb ganz allein zurück. Es gab auf der Erde niemanden mehr, der für Ihn eintrat. Damit offenbarten alle Jünger, nicht nur Petrus, dass sie nach Vers 35 nur Lippenbekenntnisse vorgetragen hatten: „Selbst wenn ich mit dir sterben müsste ...“, hören wir Petrus und die anderen Jünger prahlen. Jetzt zeigt sich, dass sie nicht in der Lage waren, das zu verwirklichen. Wir sollten allerdings nicht meinen, besser zu sein. Auch heute sucht der Herr angesichts der Feinde Menschen, die treu zu Ihm stehen (2. Tim 1,8; 2,3.4). Ob wir dazu gehören?

Mit diesem allen wurden die Schriften des Alten Testaments erfüllt. Wir haben gesehen, wie wichtig dies dem Herrn Jesus war. Es erfüllte sich Sacharja 13,7, was ich weiter oben schon zitiert habe. Zugleich gingen die Worte Jesu aus Matthäus 26,31 in Erfüllung: „Ihr werdet alle in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen; denn es steht geschrieben: ‚Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe der Herde werden zerstreut werden. ‘“ Neben vielen anderen Stellen erwiesen sich damit auch die Worte des Herrn in Johannes 16,32 als wahr: „Siehe, die Stunde kommt und ist gekommen, dass ihr zerstreut werdet, jeder in das Seine, und mich allein lasst; und ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir.“ Zudem hatte der Herr im Gegensatz zu Petrus auch die Worte der Bergpredigt verwirklicht, dem Bösen nicht zu widerstehen (5,39).

Gerade in den Leiden sehen wir immer wieder, was für eine große Bedeutung unser Herr den Schriften beimaß. Er wollte sie in allem erfüllen, und tat das auch. Es war eines seiner großen Ziele.

Letztlich können wir am Ende dieser Verse nur festhalten: Was auch immer der Mensch an Bosheiten ersinnen mag, eines geht vor. Der Wille und das Wort Gottes werden ausgeführt. Selbst das Böse führt letztlich nur zur Verherrlichung Gottes: „Denn der Grimm des Menschen wird dich preisen; mit dem Rest des Grimmes wirst du dich gürten“ (Ps 76,11). Das nimmt keineswegs die Verantwortung von dem Menschen, der das Böse tut. Aber es zeigt, dass Gottes Händen nichts entgleitet. Sein Ratschluss kommt zustande.

Das Zeugnis der Wahrheit Jesu und die drei Lügen von Petrus (Verse 57–75)

Die aber Jesus gegriffen hatten, führten ihn weg zu Kajaphas, dem Hohenpriester, wo die Schriftgelehrten und die Ältesten versammelt waren. Petrus aber folgte ihm von weitem bis zu dem Hof des Hohenpriesters und ging hinein und setzte sich zu den Dienern, um das Ende zu sehen. Die Hohenpriester aber und das ganze Synedrium suchten falsches Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen; und sie fanden keins, obwohl viele falsche Zeugen herzutraten. Zuletzt aber traten zwei herzu und sprachen: Dieser sagte: Ich kann den Tempel Gottes abbrechen und ihn in drei Tagen aufbauen. Und der Hohepriester stand auf und sprach zu ihm: Antwortest du nichts? Was bringen diese gegen dich vor? Jesus aber schwieg. Und der Hohepriester hob an und sprach zu ihm: Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes! Jesus spricht zu ihm: Du hast es gesagt. Doch ich sage euch: Von jetzt an werdet ihr den Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat gelästert; was brauchen wir noch Zeugen? Siehe, jetzt habt ihr die Lästerung gehört. Was meint ihr? Sie aber antworteten und sprachen: Er ist des Todes schuldig. Dann spien sie ihm ins Angesicht und schlugen ihn mit Fäusten; einige aber schlugen ihm ins Angesicht und sprachen: Weissage uns, Christus, wer ist es, der dich schlug? (Verse 57–68).

In den nächsten Versen kommen wir zum inoffiziellen Verhör, das vor dem Hohenpriester und den Schriftgelehrten stattfand. Tatsächlich gliederten sich die Verhöre, die der Herr Jesus im jüdischen Bereich über sich ergehen lassen musste, in drei Sitzungen. Zunächst einmal wurde Jesus zu Annas gebracht, dem Schwiegervater des Kajaphas, des aktuellen Hohenpriesters. Davon berichtet uns nur Johannes. Aus irgendwelchen Gründen war es in jener Zeit anscheinend zu einer Verwirrung gekommen, was den Dienst des Hohenpriesters betraf. Er war seit der späten Zeit der Makkabäer zu einer politischen Institution geworden, so dass die biblischen Vorschriften nicht mehr entscheidend waren. So wechselte dieser Dienst und wurde nicht mehr von einer Person bis zum Lebensende ausgeführt. Annas war auch als Hoherpriester tätig gewesen (vgl. Lk 3,2); jedenfalls wollte er Macht ausüben und über die Amtsgeschäfte des Hohenpriesters Autorität bewahren. Vermutlich gab es eine Art Vorverhör bei Annas. Es ist aber nicht ganz auszuschließen, dass er den Herrn gleich zu Kajaphas sandte (vgl. Joh 18,13.19.24).

Jedenfalls finden wir Jesus dann bei Kajaphas, und zwar in dessen Wohnhaus (Lk 22,54), was möglicherweise zugleich der Amtssitz war, da dort Knechte im Hof waren (V. 58). Das war die zweite Sitzung. Dort gab es ein Geheimtreffen, wo das offizielle Verfahren vorbereitet werden sollte, damit dieses ohne Störungen verlaufen könnte. Dieses Verhör fand noch in der Nacht statt, vermutlich nach Mitternacht. Dort wurde der Herr ohne offizielle Zeugen und wahrscheinlich allein vor den Leitern der Juden befragt, untersucht, geschlagen und schlecht behandelt. Das eigentliche, offizielle Verhör durfte nach jüdischem Recht erst nach Sonnenaufgang erfolgen. Es musste vor dem Synedrium, der obersten Gerichtsbarkeit und Ratsversammlung in Israel, geführt werden. Das war eine formale Sitzung vor Zeugen, nach deren Beendigung der Herr dann zu Pilatus geführt wurde. Von diesem letzten berichtet Matthäus nur in einem Vers (Kapitel 27,1), während er den Schwerpunkt auf die Vorverhöre in der Nacht bei Annas und Kajaphas legt. Lukas spricht von dieser Sitzung des Synedriums wesentlich ausführlicher (Lk 22,66–71).

Matthäus hat ein anderes Ziel. Natürlich will auch er uns offenbar machen, wie falsch die Hohenpriester und Schriftgelehrten agierten. Und durch die Kürze der Schilderung des morgendlichen Verfahrens in Kapitel 27,1 soll deutlich werden, wie ungesetzlich die Juden gehandelt haben. Denn sie legten den Schwerpunkt auf ein nicht-öffentliches Verfahren. Ihnen war nur wichtig, den Herrn zu verurteilen. Daher konnte diese eigentlich entscheidende Sitzung wohl relativ kurz ablaufen. Sie war eben formal nötig.

Matthäus will vor allen Dingen die Würde des Königs inmitten dieser Falschheit zeigen. Und er entfaltet auch die Treue des Königs im Vergleich zu Petrus. Während Christus sich Gott weiht und dabei leiden muss, verleugnet Ihn sein Jünger tatsächlich dreimal in einer Situation, als der Herr ohnehin schon ganz allein vor seinen boshaften Anklägern stand.

Die sieben Gerichtssitzungen über Christus

Insgesamt wird der Herr Jesus jetzt insgesamt sieben Gerichtssitzungen erdulden müssen:

  1. Vor Annas, dem ehemaligen Hohenpriester
  2. Vor Kajaphas, dem Hohenpriester
  3. Vor dem Synedrium unter Vorsitz des Hohenpriesters

    –––––––
  4. Vor Pilatus, dem Statthalter
  5. Vor Herodes, dem Vierfürsten
  6. Vor Pilatus, dem Statthalter (nach Rückkehr von Herodes)

    –––––––- ––––––––
  7. Vor Gott, dem Richter unserer Sünden (in den drei Stunden der Finsternis)

Zweifellos gehören die ersten drei und die zweiten drei Sitzungen jeweils zusammen. Es sind ungerechte Gerichte, die vonseiten der Juden und dann der Nationen über den Herrn Jesus gehalten wurden. Davon ist deutlich zu unterscheiden die siebte und letzte Gerichtssitzung, wo Gott die Strafe für unsere Sünden auf den Herrn Jesus legte. Dort wurde Er für uns zur Sünde gemacht (2. Kor 5,21). In diesen drei Stunden hat Er Sühnung getan für unsere Sündenschuld. Es war das einzige gerechte Gericht dieser sieben Sitzungen. Aber es traf Den, der unschuldig war und freiwillig für uns in dieses Gericht ging.

Es gibt noch einen bemerkenswerten Zusammenhang. Matthäus berichtet im Blick auf alle drei Gerichtsphasen (vor Juden, vor Heiden, vor Gott), dass der Herr Jesus jeweils einmal etwas gesagt hat. Aus den anderen Evangelien wissen wir, dass Christus sowohl vor dem Hohenpriester als auch vor Pilatus und in Verbindung mit den drei Stunden der Finsternis am Kreuz jeweils öfter gesprochen hat. Aber derjenige, der uns das Lamm zeigt, das stumm vor seinen Scherern willig und gehorsam war, spricht nur von jeweils einer Äußerung des Herrn. Wir bewundern Ihn für diese Hingabe!

Verse 57.58: Bei Kajaphas

Während Judas die Festnahme Jesu anführte, warteten die Schriftgelehrten und Ältesten bei Kajaphas, dem Hohenpriester, den Ausgang dieser traurigen Unternehmung ab. Das erschien ihnen vermutlich sicherer als selbst mitzukommen für den Fall, dass etwas schieflaufen würde. Nachdem die Juden Jesus hierhergeführt hatten, kam es zur ersten, inoffiziellen und schändlichen Ratssitzung. Die Empfindungen des Herrn können wir in Psalm 94,20–23 nachlesen: „Sollte mit dir vereint sein der Thron des Verderbens, der aus Frevel eine Satzung macht? Sie dringen ein auf die Seele des Gerechten, und unschuldiges Blut verurteilen sie. Doch der Herr ist meine hohe Festung und mein Gott der Fels meiner Zuflucht. Und er lässt ihre Ungerechtigkeit auf sie zurückkehren, und durch ihre Bosheit wird er sie vertilgen; vertilgen wird sie der Herr, unser Gott.“

Was für ein Triumph muss auf den Gesichtern derer gestanden haben, die zur Gefangennahme ausgesandt worden waren. Und wie freuten sich die Hohenpriester und Ältesten, nun endlich Den gebunden vor sich zu sehen, den sie hassten und verachteten. Jetzt wartete man gespannt auf das Schauspiel des Verhörs.

Der Heilige Geist spricht aber nicht nur von Jesus, dem Gefangenen. Er hat auch noch etwas über den ersten Jünger zu berichten. Denn Petrus folgte dem Gefangenenzug. Er wollte sein Wort halten und Jesus bis in den Tod folgen. Diese Absicht können wir ihm nicht absprechen. Wir finden ihn allerdings bereits jetzt mit langsameren Schritten unterwegs, als es seine vorherigen großspurigen Worte vermuten ließen. Er folgt Jesus, aber nur von weitem. So verliert er die Kraft, die man nur aus der Nähe zu Ihm ziehen kann.

Es war Johannes, der Petrus den Zugang zu diesem Hof verschaffte (vgl. Joh 18,15.16). Weder er noch Petrus selbst erkennen offenbar die Gefahr, die sich dort für den schwachen Jünger aufbaut. Es ist gefährlich, sich bei den Feinden des Herrn aufzuhalten (vgl. Ps 1,1). Petrus vertraut auf sich selbst – da ist man unempfindsam für die Gefahren, denen man sich aussetzt. Er hatte vergessen zu beten und zu wachen. Das rächt sich jetzt.

Nur kurze Zeit später wird er im Netz der Gottlosen gefangen sein: Der Gottlose „sitzt im Hinterhalt der Gehöfte, in Verstecken ermordet er den Unschuldigen; seine Augen spähen dem Unglücklichen nach. Er lauert im Versteck wie ein Löwe in seinem Dickicht; er lauert, um den Elenden zu fangen; er fängt den Elenden, indem er ihn in sein Netz zieht“ (Ps 10,9.10). Und bei diesen Feinden Jesu befindet sich jetzt sein Jünger. Er hätte sich besser zurückgezogen und gebetet, um nicht in Versuchung zu kommen.

Verse 59–62: Das ungerechte Verhör Jesu vor dem Hohenpriester

Wo hat es so etwas schon einmal gegeben? Da ist ein Richter, der das Amt des Hohenpriesters bekleidet. Er war von der politischen Macht für ein Jahr bestimmt worden. Das entsprach nicht der göttlichen Ordnung. Nach Gottes Willen durfte es nämlich nur ein Nachkomme Aarons sein, der dann bis zu seinem Tod Hoherpriester blieb.

Zudem ist dieser Hohepriester als Richter nicht objektiv. Aber nicht nur das – er ordnet sogar eine Straftat an: eine ungerechte Gefangennahme. Zugleich tritt er als Anklagevertreter auf, um die Verurteilung sicherzustellen. Was für eine Ungerechtigkeit, dass der Richter zugleich Staatsanwalt ist und verfügt, dass den Angeklagten kein Anwalt verteidigen kann. Von Anfang an offenbart sich die Bosheit und Gottlosigkeit derjenigen, die unseren Herrn und Retter verhören.

Wir haben es hier mit Menschen zu tun, die als Leiter in Israel Verantwortung trugen. Sie waren keine (passiven) Irregeführten. Nein, sie suchten aktiv falsche Zeugen gegen den „Heiligen und Gerechten“ (vgl. Apg 3,14). Sie wussten sehr genau, dass das Gesetz ein falsches Zeugnis untersagte (5. Mo 5,20; 19,16–19). Schon einem falschen Zeugen das Ohr zu leihen, obwohl man die Wahrheit kannte, war ein Vergehen. Sich aber anzustrengen, ein falsches Zeugnis zu bewirken, war doppelt böse. Wenn wir dann bedenken, dass der höchste Repräsentant Gottes im Volk der Juden der Anstifter dieser ganzen Bosheit war: Wie schlimm stand es dann um dieses Volk!

Wie schlimm, dass dieses Gerichtsverfahren damit beginnt, dass der Richter eifrig nach Lügnern sucht, um den Angeklagten verurteilen zu können! Sogar der Urteilsspruch stand schon vor dem Verfahren fest: der Tod. So hatten das Synedrium, die Ratsversammlung und zugleich der oberste Gerichtshof des jüdischen Volkes bereits im Voraus den Entschluss gefasst, Jesus umzubringen. Es handelte sich jetzt nur darum, einen stichhaltigen Grund zu finden, um diesen parteiischen Hass zu verdecken.

Gott ließ das alles zu, Christus auch. Er stand dem Gericht, das alle Gerechtigkeit preisgab, in göttlicher Würde gegenüber. Er sprach nur, um zu bestätigen, wer Er wirklich war. Um seine Empfindungen in dieser Situation zu erkennen, müssen wir uns erneut den Psalmen zuwenden. „Gib mich nicht preis der Gier meiner Bedränger! Denn falsche Zeugen sind gegen mich aufgestanden, und der, der Gewalttat schnaubt (Ps 27,12). „Ungerechte Zeugen treten auf; was ich nicht weiß, fragen sie mich. Sie vergelten mir Böses für Gutes, verwaist ist meine Seele“ (Ps 35,11.12).

Ohne übereinstimmende falsche Zeugen

Wir sollten uns für einen Augenblick in die damalige Situation zurückversetzen. Dann erkennen wir etwas von der „Ironie Gottes“, wenn man das einmal so ausdrücken darf, die in diesem Verhör lag. Eine Abteilung nach der nächsten erschien, um ein falsches Zeugnis gegen Christus vorzubringen. So etwas war in Israel nicht das erste Mal, wenn wir an Ahab und Isebel denken, die falsche Zeugen gegen Nabot herbeischafften (vgl. 1. Kön 21,10). Aber bei dem Herrn Jesus fanden sie keins, was sie verwerten konnten. Ein falscher Zeuge nach dem anderen trat auf – aber ohne Erfolg. Wie töricht erscheint hier der Mensch! Er wollte nicht erkennen, dass er auf einem Weg ins Verderben war, wenn er Christus auf schmähliche und böse Weise zu verurteilen suchte.

Zwar gab es manche falschen Zeugen. Aber das Gesetz forderte, dass mindestens zwei Zeugen vorhanden waren, die denselben Tatbestand bestätigten (vgl. 5. Mo 17,6). Der Hohepriester war aber nicht in der Lage gewesen, zwei solche übereinstimmenden Zeugen zu bringen. Das lesen wir im Markus-Evangelium (Mk 14,59).

Zum Schluss kommen dann zwei Zeugen mit der Behauptung, Jesus sei schuldig, gegen den Tempel Gottes geredet zu haben. Dies scheint eine beliebte Anklage bei den Juden gewesen zu sein, wenn sie Volksgenossen beseitigen wollten (vgl. Apg 6,13.14). Allerdings verdrehten sie die Worte des Herrn, die Er nach Johannes 2,19–21 gesprochen hatte: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten. Da sprachen die Juden: 46 Jahre ist an diesem Tempel gebaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten? Er aber sprach von dem Tempel seines Leibes.“ Jesus sprach also davon, dass sie – nicht Er – den Tempel (seines Leibes) abbrechen mochten, und Er diesen dann in drei Tagen wieder aufbauen würde. Nun standen sie tatsächlich im Begriff, Ihn zu töten. Dann aber würde Er in drei Tagen auferstehen, kraft der Ihm eigenen Macht und Herrlichkeit. Gerade im Matthäusevangelium wird ausführlich geschildert, dass die Juden genau das erleben und erkennen müssen. Dann haben sie auf einmal das leere Grab vor sich, das die Wachen nicht beschützen konnten.

Ein wichtiger Punkt kommt noch hinzu: Selbst wenn diese Anklage wahr gewesen wäre, würde mit diesem Vorwurf kein weltlicher Richter und auch kein jüdischer Richter eine Verurteilung zum Tod aussprechen. Offenbar war dem Hohenpriester dieses Problem bewusst. Daher fragt er nun den Herrn selbst. Obwohl man akribisch versucht hatte, eine auch vor dem weltlichen Richter Pilatus schlüssige Anklage aufzubauen, blieb dies erfolglos.

Verse 63.64: Das Beschwören durch den Hohenpriester

Daher versucht der Hohepriester, schärfere Anklagemittel einzusetzen. Zunächst wirft er – nicht ein Ankläger, sondern der Richter selbst – dem Herrn vor, nichts gegen die verschiedenen Anklagen vorzubringen. Man fragt sich, warum Kajaphas nicht sofort den Schwur gegen Christus vorbringt? Wir dürfen wohl sagen: Gott wollte, dass in jeder einzelnen Etappe dieses Prozesses deutlich wird, dass hier der Unschuldige, der wahre Heilige, bewusst und ohne Anklagegrund verurteilt wird.

Wir bewundern unseren Herrn: Vor dem Hass, der Ungerechtigkeit und Gewalttat leidet Er, die personifizierte Gnade, in der Stille. Jesus schweigt und öffnet nur seinen Mund, wenn es darum geht, Zeugnis über seine Person abzulegen, ja wenn Er dazu gezwungen wird. Gegen ein falsches Zeugnis verteidigt Er sich nicht – darin ist Er ein großartiges Vorbild für uns.

Jetzt stehen sie sich also Auge in Auge gegenüber: der grimmige, heißblütige Kajaphas, der in die Augen voller göttlicher Liebe und Wahrheit schaut. Ahnen der Hohepriester und seine Gesellen nicht, dass dieser Niedrige, der in ihrer Gegenwart gebunden steht, der Sohn Gottes ist, der verheißene Messias? Er hat es deutlich gemacht und immer wieder offenbart! Auch die letzte Frage des Herrn an seine Feinde (Mt 22,42 ff.) machte es noch einmal ganz klar. Er war es! Aber wieso schwieg Er dann wie das Lamm, das seinen Mund nicht auftut, wenn es zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Schaf, das stumm ist vor seinen Scherern (Jes 53,7)? Das konnten diese ungläubigen Juden nicht begreifen.

Die stumme Hingabe Jesu erregte Kajaphas noch mehr. Er hatte kein Vergehen in den Taten Jesu finden können, jetzt suchte er eines in der Person Jesu. Er weiß sich nur mit einem Mittel zu helfen: mit dem Schwur. Er hatte offenbar gehofft, dem Angeklagten Jesus selbst ein falsches Zeugnis unterschieben zu können. Damit war er jedoch gescheitert, weil der Herr überhaupt keine Antwort gab. Daher versucht der Hohepriester jetzt, diese Antwort zu erzwingen. Er beschwört den Herrn: „Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes!“ Damals musste also nicht derjenige schwören, der unter Eid etwas aussagen sollte. Der Schwur wurde durch den ihn Anredenden erhoben. Der so unter Eid Angesprochene musste reden und unter Eid aussagen.

Auf eine solche Beschwörung hin durfte der Herr also nicht schweigen. Manche denken dabei an 3. Mose 5,1, wo es heißt: „Wenn jemand dadurch sündigt, dass er die Stimme des Fluches [oder der Beschwörung; vgl. Spr 29,24] hört, und er war Zeuge, sei es, dass er es gesehen oder gewusst hat – wenn er es nicht anzeigt, so soll er seine Ungerechtigkeit tragen.“ So war der Herr nun aufgefordert, Stellung zu beziehen. Aber war das eigentlich in Übereinstimmung mit dem Recht, den Angeklagten unter Eid zu setzen? Damals war es üblich wie auch heute, dass Zeugen unter Eid aussagen. Aber es war noch nie in Übereinstimmung mit dem Gesetz, dass ein Angeklagter unter Eid aussagen muss.

Es ist bemerkenswert, dass der Hohepriester den Herrn bei „dem lebendigen Gott“ beschwor. Er hatte das Zeugnis von Petrus nicht gehört. Aber es ist gerade unser Evangelist, der berichtet, dass Petrus den Herrn Jesus den Sohn des lebendigen Gottes genannt hat, also den lebendigen Gott (Mt 16,16). So war derjenige, den dieser böse Mann als Autorität anrief, Derselbe, den er in seiner Dreistigkeit als Angeklagten verhörte.

Wir können das ganze Vorgehen auch noch aus einem anderen Blickwinkel sehen. Bislang ging es um falsche Anklagen gegen den Herrn. Dabei schwieg Er. Jetzt aber wird Er beschworen, was die Wahrheit über seine eigene Person angeht. Hier schweigt unser Herr nicht. Denn Er kann sich selbst nicht verleugnen (vgl. 2. Tim 2,13).

Was war nun die „Frage“? War der Herr Jesus der Christus, der Sohn Gottes? Das ist der Titel, der in Psalm 2 dem Messias gegeben wird: „‚Habe ich doch meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg! ‘ Vom Beschluss will ich erzählen: Der Herr hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“ (Ps 2,6.7). Da ist von dem Sohn Gottes im Charakter des Königs über Israel die Rede. Es geht in diesem Psalm also nicht darum, dass der König der ewige Sohn des ewigen Vaters ist, auch wenn das wahr ist. Sondern Gott hat hier auf dieser Erde einen Menschen als seinen Sohn gesalbt und eingesetzt. Dadurch, dass dieser sein Gesalbter ist, ist dieser Mensch der Sohn Gottes, der die Kennzeichen Gottes trägt.

Das erste treue Bekenntnis des Herrn

Auf diese Beschwörung antwortete der Herr sofort. Denn wenn es um sein eigenes Zeugnis ging, musste Er die ganze Wahrheit bezeugen. Daher sagte Er: „Du hast es gesagt“. Das heißt nichts anderes als: „Das ist so; du hast wahr gesprochen.“ Aber Er fügt hinzu: „Doch ich sage euch: Von jetzt an werdet ihr den Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen.“ Davon hatte Er schon früher (vgl.; Mt 24,30) zu seinen Jüngern gesprochen. Und in Offenbarung 1,7 wird dies noch einmal bestätigt.

Der Herr hatte auf diesen Augenblick gewartet, das „gute Bekenntnis“ (vgl. 1. Tim 6,13 – hier auf das Zeugnis Jesu vor Pilatus bezogen) abzulegen. Er bekennt, dass Er der Christus ist, der Sohn Gottes, und spricht von seiner künftigen Herrlichkeit. Diese Herrlichkeit als Sohn des Menschen geht weit über die Herrlichkeit des Königs, des Sohnes Gottes, hinaus, wie wir Psalm 8 entnehmen können und Johannes 1,50.51 entnehmen können.

Der Herr bestätigt auf der einen Seite seine Anrechte als Sohn Davids. Denn so hatte Er auch in seiner Schlussfrage an die Pharisäer gesprochen (vgl. Mt 22,42). Aber sein Wort „von jetzt an“ zeigt, dass Er den Platz des Messias und Sohnes Gottes nach Psalm 2 jetzt nicht einnehmen würde. Er war bereit, auf dieses Anrecht zunächst einmal zu verzichten. Mit dieser Veränderung war ein gewaltiges Gericht für die Juden verbunden. Denn sie würden Ihn nicht als Messias, sondern als Sohn des Menschen in Herrlichkeit und zum Gericht erleben. Als Richter wird Ihn das ungläubige Israel das nächste Mal sehen, wie wir in Kapitel 24 gelernt haben. Was die gläubigen Übriggebliebenen betrifft, so werden sie Ihn nach Matthäus 23,39 mit einem Lobpreis annehmen und als Erretter erfahren.

Die Worte des Herrn waren den Juden nicht unbekannt. Sie verweisen auf die Prophetie Daniels: „Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn; und er kam zu dem Alten an Tagen und wurde vor ihn gebracht. Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nie zerstört werden wird“ (Dan 7,13.14). Es geht also um eine universelle Herrschaft, die nicht auf Israel beschränkt ist. Und damit macht der Herr Ansprüche geltend, die Ihn (nach Dan 7,22) als den Alten an Tagen, als Gott selbst, zeigen.

So bestätigt der Herr seine Göttlichkeit, wie sie in Psalm 110,1.2 ausgedrückt wird. Zugleich verweist Er auf die künftige Herrschaft des Sohnes zur Rechten Gottes. Denn Er spricht davon, dass Er zur Rechten der Macht – also Gottes – sitzen würde. Genau diese Herrlichkeit verbindet Psalm 110 mit dem Herrn. Die Worte des Herrn sind somit für einen Menschen außerordentlich „anmaßend“. Wenn ein anderer sie ausgesprochen hätte, wären sie Blasphemie gewesen. Er aber sprach hiermit nichts als die Wahrheit aus, allerdings mit einer großen Tragik für seine Zuhörer. Denn wenn Er so kommen wird, wird Er Richter sein und von Myriaden von Engeln begleitet werden, die das Gericht in Feuerflammen ausüben werden (vgl. 2. Thes 1,7.8).

Abschließend kann man also sagen, dass der Herr zu der Wahrheit stand. Niemand konnte mit Recht behaupten, dass Er schuldig war. Denn Er bekannte die Herrlichkeit seiner Person als Sohn Gottes. Zugleich erklärte Er, dass sie den Sohn des Menschen nicht mehr sehen würden als jemanden, der das geknickte Rohr nicht zerbricht: Aber sie würden Ihn in einer machtvollen Stellung zur Rechten Gottes erblicken, aus der Er Gericht halten würde auf dieser Erde.

Verse 65.66: Die Verurteilung zum Tod

Diese Worte des Herrn nun nimmt Kajaphas zum Anlass, das Todesurteil über Christus aussprechen zu lassen. Natürlich war noch die offizielle Sitzung am nächsten Morgen nötig. Denn nur das Synedrium war formal befugt zu entscheiden. Hier aber schon ließ der Hohepriester von den Anwesenden das Todesurteil aussprechen. Das unterstreicht noch einmal, dass die Sitzung des Synedriums eine reine Farce war. Es war längst alles entschieden.

Um diese frühzeitige Urteilsfindung zu bewirken, handelte der Hohepriester sehr emotional und theatralisch. Manche Ausleger glauben, dass er sogar das Gesetz brach, indem er seine Kleider zerriss, als er Christus verurteilte. Dadurch habe er sich selbst verurteilt. Man verweist auf Stellen wie 3. Mose 10,6.7 und 21,10, wo es dem Hohepriester tatsächlich unter Androhung der Todesstrafe untersagt war, sein Kleid zu zerreißen. Man muss aber bedenken, dass es dort konkret um Trauerfälle und wahrscheinlich um das offizielle, herrliche Kleid des Hohenpriesters ging. Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass er dieses Gewand nicht trug, als der Herr vor ihm als Gefangener erschien.

Vielleicht enthält diese Szene jedoch auch einen bildhaften Hinweis, den Gott mit dieser Szene verbindet. Der Hohepriester zerriss seiner Kleider. Mit dieser Handlung und Verurteilung des Herrn wurde in den Augen Gottes das ganze formale, alttestamentlich-jüdische System zerrissen. Es besitzt keine Gültigkeit mehr vor Gott. Wenn sie ihren eigenen Messias zum Tod verurteilten, gaben sie dem jüdischen System den Todesstoß. Denn wie konnte ein System vor Gott weiterbestehen, das den wahren Gott und seinen Messias ans Kreuz brachte?

Der konkrete Vorwurf gegen den Herrn war, dass Er Gotteslästerung begangen habe. In Wirklichkeit wurde Er verurteilt, weil Er zur Wahrheit gestanden hat, diese Wahrheit den Juden damals aber nicht passte. Die Hohenpriester und Obersten des Volkes wurden dadurch des Todes Jesu schuldig, weil sie das Zeugnis verwarfen, das Er von der Wahrheit ablegte. Er war die Wahrheit, sie aber standen unter der Macht des Vaters der Lüge und verwarfen den Retter des Volkes Israel (Mt 1,21). Deswegen würden sie Ihn von nun an nicht mehr sehen als nur als Richter. Jeder nahm somit seinen Platz ein: Jesus als das wahre Sündopfer, aber auch der Verräter, der Verleugner, die Verurteiler usw. ... Was für ein Bild des Menschen entfaltete sich vor den Augen Gottes!

Das ganze Verfahren beruhte auf Manipulation. Der Richter war Ankläger und ungerecht. Die Zeugen gaben falsches Zeugnis. Sie und die weiteren Zuhörer konnten (und wollten) unter dem Druck des Richters nicht anders antworten, als Christus zum Tod zu verurteilen. Dennoch fällt auf, dass der formale Todesspruch, der eigentlich vom Präsidenten der Versammlung hätte ausgesprochen werden müssen, überhaupt nicht erfolgt. So verurteilen die Führer des Volkes Israel ihren König ohne Grund und ohne Richterspruch. Umso herrlicher erstrahlt die Würde und Treue, die Wahrheit und Geradlinigkeit des Einen, des Messias Gottes.

Verse 67.68: Die Verhöhnung des Königs durch seine Untertanen

Für die Anwesenden war diese Verurteilung ein Signal, den Herrn der Herrlichkeit mit Beleidigungen und Misshandlungen zu überschütten. Unser Retter ließ diese still über sich ergehen. Seine ruhige Duldsamkeit leuchtete um so heller vor dem Hintergrund dieses finsteren Verderbens, in das diese Menschen in fast heidnischer Verblendung versunken waren. Was für eine Brutalität auf der einen Seite und was für eine Feigheit auf der anderen Seite.

Von diesem Augenblick an nahmen die Feinde keine Rücksicht mehr auf irgendwelche Gefühle und Rechte des Verurteilten. Jene Menschen, die als Führer des Volkes galten, gaben ihrem Hass und ihrer Verachtung freien Lauf wie Tiere. Sie behandelten Christus schlimmer, als man einen Kriminellen behandeln würde. Ein Mensch mag noch so religiös sein. Wenn er nicht die Gnade Gottes in Anspruch nimmt, kann sich sein auflehnender Charakter menschlich-religiöser Vorurteile bis zu dieser Entartung entwickeln. Wenn auch Christus heute nicht leibhaftig auf der Erde lebt, werden in manchen Erdteilen solche Misshandlungen doch Gläubigen angetan, die etwas von Christi Schönheit widerstrahlen.

In diesen Versen finden wir den Beweis der Worte von Petrus über unseren Herrn in 1. Petrus 2: „Der keine Sünde tat, noch wurde Trug in seinem Mund gefunden, der gescholten nicht wiederschalt, leiden nicht drohte, sondern sich dem übergab, der gerecht richtet“ (1. Pet 2,22.23). Er hat alle Misshandlungen an seinem Körper und in seiner Seele gefühlt, viel mehr, als wir das tun könnten. Seine Seele und seine Empfindungen wurden verletzt. Aber Er übergab alles seinem Vater, der die rechte Wertschätzung seiner Haltung hatte. Wenn Er auch damals nicht eingriff, so wird Er doch die gerechte Strafe für das ausüben, was diese religiösen Menschen an Jesus getan haben.

Das alles hat Er erlitten für solche abscheulichen Sünder, wie wir es waren! Das dürfen wir nicht vergessen. Nicht, dass durch das Erdulden dieser Drangsale auch nur eine Sünde gesühnt werden konnte. Im Gegenteil! Diese Taten der Menschen machten die Sündhaftigkeit von uns Menschen umso größer. Denn da war der Eine, den Gott jedem von uns als Maßstab hätte vorhalten können, der Ihn sogar in größtem Leid verherrlicht hat. Unsere Schuld kam durch diese Treue Christi umso mehr zum Vorschein. Gott sei Dank! Christus hat sich nicht von diesem Weg bis ans Kreuz abbringen lassen, sondern ist auch in diese Stunden des Gerichtes Gottes hineingegangen.

Wir könnten am Ende dieses Abschnitts auch sagen: Der erste Teil dessen, was der Herr seinen Jüngern mehrfach angekündigt hatte, fand jetzt seine Erfüllung: Matthäus 16,21; 17,22; 20,18.19. Immer wieder hatte Er davon gesprochen, dass Er durch Menschen misshandelt und überliefert werden würde. Bestätigt wird auch Jesaja 59,14: Und das Recht ist zurückgedrängt, und die Gerechtigkeit steht von fern; denn die Wahrheit ist gestrauchelt auf dem Markt, und die Geradheit findet keinen Einlass.“ „Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel“ (Jes 50,6). So bleibt der Herr für uns ein Vorbild (vgl. auch Mt 5,1–11). Er hat das getan, um uns in Situationen von Leid und Verwerfung als Hoherpriester eine Hilfe sein zu können. Wir nun dürfen heute von Seiten der Menschen leiden, wie der Meister für uns gelitten hat, und Ihm so Ehre geben, der viel mehr für uns gelitten hat.

Die dreifache Verleugnung durch Petrus

„Petrus aber saß draußen im Hof; und eine Magd trat zu ihm und sprach: Auch du warst mit Jesus, dem Galiläer. Er aber leugnete vor allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst. Als er aber in das Tor hinausgegangen war, sah ihn eine andere; und sie spricht zu denen dort: Dieser war mit Jesus, dem Nazaräer. Und wieder leugnete er mit einem Eid: Ich kenne den Menschen nicht! Kurz darauf aber traten die Dastehenden herzu und sprachen zu Petrus: Wahrhaftig, auch du bist einer von ihnen, denn auch deine Sprache verrät dich. Da fing er an zu fluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht! Und sogleich krähte der Hahn. Und Petrus erinnerte sich an das Wort Jesu, der gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich“ (Verse 69–75).

Damit kommen wir zu besonders bitteren Augenblicken im Leben von Petrus. Diese Erlebnisse waren aber auch für seinen Meister traurig und mit Leid verbunden. Denn Er liebte Petrus. Jetzt hatte Er im Unterschied zu Judas keinen Ungläubigen unter seinen Jüngern vor sich, sondern einen Gläubigen. Dieser aber stand unter der Macht seines bösen Fleisches. So war er nicht in der Lage, ein Tröster für den Herrn zu sein. Dennoch lässt der Heiland ihn nicht einfach umkommen. Nur Lukas teilt uns den Blick des Herrn zu Petrus mit. Aber auch Matthäus berichtet davon, dass dieser als einer der Jünger nach der Auferstehung den Herrn sehen und bei Ihm sein durfte.

Die dreifache Verleugnung Jesu durch Petrus wird uns in allen vier Evangelien bezeugt. Das zeigt die Wichtigkeit, die der Geist Gottes diesem Vorgang beimisst. Dabei vergessen wir nicht, was dieser Apostel alles an guten Dingen bezeugt hat. Er wurde zum Ersten der Apostel. Aber genau das wird uns hier gezeigt: Die Versuchungen waren für Petrus zwar nicht übermenschlich (vgl. 1. Kor 10,13), im Unterschied zu denen für den Herrn. Aber noch war das Erlösungswerk nicht vollbracht, noch wohnte der Geist Gottes nicht in den Gläubigen. So war sogar der Größte der Apostel, was die Zwölf betrifft, nicht in der Lage, sie zu bestehen. Erst recht nicht, indem er auf sich selbst und seine Fähigkeiten vertraute.

Das zeigt noch einmal den großen Kontrast zu unserem Retter. Er hatte schlimmere Versuchungen zu erdulden. Aber Er kam nie zu Fall. So wird deutlich: Das Erlösungswerk konnte nur Einer vollbringen: Jesus Christus. Für Petrus aber kam jetzt eine sehr dunkle Stunde. Wenn Satan nicht den Meister erschüttern konnte, würde er den Jünger zum Straucheln bringen. Dreimal verleugnete der arme Petrus Den, für den er bekannt hatte, sterben zu wollen. Stattdessen fing er sogar an zu fluchen.

Petrus musste die Abgründe seiner Seele kennenlernen. Er musste regelrecht gesiebt werden, wie der Herr nach Lukas 22,31 sagt. Petrus wusste nicht, was das Fleisch in ihm bedeutete und imstande war zu tun. Er ist darin ein Muster vieler Gläubiger heute, die sich nicht bewusst sind, zu was ihr Fleisch fähig ist. Zweifellos wollte Petrus nicht sündigen. Er wollte das tun, was er dem Herrn gesagt hatte. Aber er war unwissend, nicht nur über seine eigene Schwachheit, sondern auch über sein ungeistliches Selbstvertrauen. Schritt für Schritt ging er auf den Abgrund zu. Wenn jemand ihm vorausgesagt hätte, was er tun würde, hätte er mit größter Abscheu gesagt: Niemals! Das ist eines Jüngers des Herrn vollkommen unwürdig. Genauso hatte er zu seinem Meister gesprochen und dessen Warnungen nicht ernst genommen.

Die absolute Unbrauchbarkeit des Fleisches lernen wir nur durch traurige, oft vielfache Erfahrungen. Zugleich aber lernen wir hier den liebenden, fürsorgenden Herrn kennen, wenn auch nur nebenbei, da dies mehr das Thema von Lukas und Johannes ist. Jesus ließ Petrus nicht im Stich, wenn auch dieser seinen Meister im Stich ließ.

Wir haben in Vers 58 gelesen, dass Petrus von weitem folgte. In unseren Versen finden wir ihn inmitten der Feinde seines Herrn. Hier war er unfähig standzuhalten. Petrus erweist sich genau da als sündig, wo er auf den ersten Blick den Anschein von Stärke gibt. Er muss erfahren, dass ungestüm zu sein nicht dasselbe ist wie Glaubensmut. Die Kraft des Fleisches hatte ihn in eine Lage gebracht, in die er nie hätte kommen sollen. So fiel er. Er hatte sich auf den Weg hinter dem Herrn her gemacht. Petrus war, wenn wir von Johannes absehen, der einzige Jünger, der dem Herrn bis dorthin folgte. Das sieht wie Stärke aus. In Wirklichkeit offenbart er damit seine Schwäche. Denn er tat dies in Eigenwillen. Allerdings brauchen wir gar nicht erst anzufangen, Steine auf ihn zu werfen. Stattdessen sollten wir dafür beten, dass es uns nicht ähnlich ergeht und wir nach einem sündigen Versagen wahre Reue empfinden, wie das bei Petrus zu finden war. Sie setzte bei ihm bereits in dem Augenblick ein, als er zum dritten Mal gesündigt hatte.

Die Abfolge der Ereignisse in den vier Evangelien

Mancher hat beim Vergleich der verschiedenen Berichte in den vier Evangelien Schwierigkeiten, die zeitliche Abfolge richtig einzuordnen. Das jedoch sollte uns nicht zum Zweifeln bringen. Matthäus und Markus nennen die drei Lügen in der geschichtlichen Reihenfolge.

  1. Die erste Verleugnung fand am Feuer im Hof statt. Das muss draußen gewesen sein, kurz hinter dem „Eingangsbereich“ dieses Hofs (Mk 14,66). Offenbar kam man in diesen abgeschlossenen Bereich nicht ohne weiteres hinein, so dass es der Fürsprache von Johannes bedurfte, dass Petrus Zutritt bekam (Joh 18,15.16). Anscheinend war er hier im Unterschied zu seinem Mitjünger nicht bekannt.
  2. Aus Angst, weiter erkannt zu werden, verließ Petrus offenbar diesen Hofbereich und ging in die Torhalle (Mt 26,71). Das war vermutlich ein Vorhofbereich (vgl. Mk 14,68), der sich möglicherweise noch näher am Eingang befand. Offensichtlich gab es auch dort einen Feuerbereich (vgl. Joh 18,25). Dort wärmte sich Petrus weiter auf.
  3. Beim dritten Mal wird nicht gesagt, wo die Verleugnung stattfand. Wir lesen nur, dass inzwischen ungefähr eine Stunde vergangen war (Lk 22,59). Der Herr hat seinem Knecht also noch einmal die gleiche Zeit zum Nachdenken gegeben, die Er selbst in Gethsemane im Gebet verbracht hat. Petrus hat diese Zeit nicht zur Um- und Einkehr genutzt.

Die Abfolge dieser Ereignisse jedenfalls zeigt deutlich, dass das Versagen des Petrus kein Verplappern oder Unachtsamkeit war. Johannes zeigt uns nämlich, dass zwischen dem ersten Leugnen und dem zweiten eine Zeit vergangen sein muss. In dieser Zeit wurde der Herr weiter befragt (Joh 18,19–24). Lukas zeigt uns, dass zwischen dem zweiten Leugnen und dem dritten eine Stunde verging. Das macht deutlich: Petrus beging hier eine schwere Sünde aus Menschenfurcht. Ihm fehlte das Vertrauen zu seinem Herrn, dass Dieser ihn in dieser schwierigen Situation bewahren würde. Zugleich nutzte er nicht die Zeit zwischen den Versuchungen und Fragen der Knechte des Hohenpriesters, um umzukehren. Er schritt im Bösen fort.

Die drei Personen, die Petrus zum Straucheln brachten

Was die Personen betrifft, durch die Petrus zu Fall kam, können wir die drei Versuchungen ebenfalls unterscheiden:

  1. Die erste Fragerin war eine Magd (Mt 26,59; Mk 14,66; Lk 22,56). Vielleicht muss man sich das so vorstellen, dass die Frau, die Petrus auf Bitten von Johannes hineingelassen hatte, also die Türsteherin (vgl. Joh 18,17), sich an eine Begebenheit erinnert, wo sie Petrus und Jesus zusammen gesehen hatte. Daher lief sie hinter Petrus her und sah ihn am Feuer. Dort sprach sie ihn dann an.
  2. Die zweite Fragerin war erneut eine Magd, die zu anderen, die dabeistanden, den Vorwurf gegen Petrus erhob. Offenbar war auch die erste Magd dabei und wiederholte ihre Frage (Mt 26,71; Mk 14,69). In einem anderen Evangelium ist es einer der Dabeistehenden (Lk 22,58), Johannes zeigt, dass es mehrere waren, die sich über Petrus unterhielten (Joh 18,25). Hätte diese Tatsache Petrus nicht aufwecken müssen? Natürlich können wir menschlich verstehen, dass seine Angst durch die Mehrzahl, die gegen ihn stand, wuchs. Aber der Umstand, dass ihm jetzt gleich mehrere vorhielten, er sei ein Jünger des Herrn, hätte ihn in seinem Gewissen treffen müssen.
  3. Dann verging eine Stunde. Anscheinend ist Petrus in dieser Zeit wieder an den ersten Ort zurückgekehrt, da er ja sehen wollte, was mit Jesus passierte. Weil sich verbreitete, dass er ein Jünger Jesu war, sprachen ihn die dort Stehenden an, als er zum Feuer zurückkehrte. Dort finden wir nun einen Menschen, der ein Verwandter von Malchus war, dem Petrus das Ohr abgeschlagen hatte (vgl. Joh 18,26; Lk 22,59). Zusammen mit anderen (vgl. Mt 26,73; Mk 14,70) erkannte er Petrus, zum Teil auch durch seine Sprache, die ihn als Galiläer offenbarte. Offensichtlich war dieser Verwandte von Malchus auch bei der Gefangennahme Jesu dabei gewesen. Nun leugnete Petrus nicht nur, er verfluchte sich sogar. Petrus log also ganz bewusst. Nach dieser dritten Verleugnung blickte ihn der Herr an. Der Hahn hatte gekräht, Petrus erinnerte sich der Worte des Herrn und sah sofort den Blick seines Retters. Was für ein Blick voller Liebe, aber auch Trauer muss das gewesen sein. Er überwältigte Petrus.

Der Hahnenschrei in den Evangelien

Matthäus, Lukas und Johannes berichten, dass der Herr voraussagte, dass Petrus Ihn, bevor der Hahn krähen würde, dreimal verleugnen würde (Mt 26,34; Lk 22,34; Joh 13,38). Sie sprechen also nur von einem einzigen Hahnenschrei (siehe dann auch Mt 26,75; Lk 22,61; Joh 18,27). In Markus dagegen sagt der Herr: „Wahrlich, ich sage dir, dass du heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, mich dreimal verleugnen wirst.“ (Mk 14,30). Und genau so trat es dann auch ein (Mk 14,68.72),

Auf den ersten Blick sieht das etwas widersprüchlich aus. Es ist aber offensichtlich so, dass Markus den Mitternachtsschrei, der den Beginn der dritten Nachtwache anzeigte, einbezieht. Der zweite Hahnenschrei rief dann deren Ende aus. Letzterer ist wohl der Schrei, den die anderen Evangelisten nennen. So finden wir im Evangelium des Dieners eine zusätzliche Warnung für den Diener Petrus. Er hat darauf nicht gehört, obwohl er länger als eine Stunde darüber nachdenken konnte.

Wie schwer fällt es auch uns oft zurückzukehren, nachdem wir einen falschen Weg eingeschlagen haben. Wer begonnen hat zu lügen, tut sich schwer, nun für die Wahrheit einzustehen und die Lüge zu bekennen. Oft steht uns der menschliche Stolz im Weg.

Aufrichtig, aber sich selbst überschätzend

Beim ersten Mal tut Petrus so, als habe er nicht verstanden, worum es der Fragestellerin ging. Aber er hatte es sehr gut erfasst, und daher war auch dies schon eine aktive Verleugnung seiner Beziehung zum Herrn. Beim zweiten Mal leugnete er sogar mit einem Schwur, einem Eid. Beim dritten Mal fing er an zu fluchen und zu schwören: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Von Mal zu Mal wurde es schlimmer. Petrus hatte die Warnungen überhört. Jetzt musste er bezahlen, was er sich eingebrockt hatte. Es reichten die Worte einer Magd, um Petrus das Fürchten zu lehren. Es war kein großer Widersacher, der gegen Petrus auftrat. Es war einfach nur eine Magd. Aber diese brachte Petrus zu Fall.

Wir haben den Jünger vor uns, der am meisten von allen auf die Kraft seiner Liebe vertraute und notfalls mit dem Herrn sterben wollte. Jetzt aber bewies er, wie wenig er bisher von der Wirklichkeit des Todes und von dessen Schrecken wusste. Alle Menschen erweisen sich angesichts der Macht des Todes als kraftlos, mit einer Ausnahme: Christus zeigte sogar in seiner größten Schwachheit, als Er am Kreuz hing (vgl. 2. Kor 13,4), dass Er allein der Geber aller Kraft und der Offenbarer aller Gnade war. Er tat dies sogar, als Er in einem solch furchtbaren Gericht war, wie es kein Mensch jemals gekannt hat.

Armer Petrus! Er liebte Jesus aufrichtig. Aber voller Vertrauen auf sich selbst hatte er die Warnungen des Herrn nicht beachtet (Verse 31.34.40.41). Der Hahnenschrei, die Erinnerung an die Worte Jesu (Lk 22,61: der Blick) zerrissen aber plötzlich den finsteren und kalten Nebel, der ihn eingehüllt hatte. In seinem Herzen konnte es von nun an wieder heller werden. Aber dazu musste er erst den auferstandenen Retter wieder vor sich haben. Daher sehen wir zunächst, dass er mit Bitterkeit erkennen musste, was er soeben getan hatte. Er ging zerbrochen hinaus und weinte bitterlich über seine schreckliche Sünde. Das wiederum ist beispielgebend für uns! Manchmal kann man sich fragen: Wie viele von uns kennen diese Tränen der Reue und Buße?

Von der Ohnmacht des Menschen gegenüber dem Feind seiner Seele und der Sünde schmerzlich überführt, ging Petrus hinaus und weinte bitterlich. Seine Tränen konnten seine Schuld nicht tilgen. Sie waren aber ein Beweis der durch die Gnade bewirkten Herzensaufrichtigkeit. Aber sie bezeugten auch die Ohnmacht der Sünde, die durch die Aufrichtigkeit des Herzens nicht behoben werden kann. Was muss Petrus für schreckliche Stunden erlebt haben, als sein Meister starb, er selbst aber noch keinen inneren Frieden durch Vergebung erlangt hatte. Petrus musste hier lernen, dass die Betrübnis Gottes gemäß eine nie zu bereuende Buße zum Heil bewirkt (2. Kor 7,10).

Was für einen Kontrast sehen wir zudem zwischen unserem Retter und Petrus. Der Herr wurde durch einen Schwur aufgefordert, zur Wahrheit zu stehen. Auch wenn diese sein Leben kosten würde, war Er dazu bereit. Petrus wurde nicht unter Eid gestellt. Er selbst leugnete mit einem Eid und fluchte und schwor selbst. Aber damit verleugnete er seinen Meister. Was für eine Schande!

Wenn wir an dieser Stelle noch einmal zurückblicken, können wir sagen, dass Jesus dreimal dem Teufel in der Wüste in Treue widerstanden hat. Dreimal hatte Er durch Wachsamkeit im Garten Gethsemane im Gebet wahre Hingabe offenbart. Dreimal hat Ihn nun sein Jünger verleugnet – und in welcher schändlichen Weise. Petrus empfand die Distanz, die ihn von dem vollkommenen Menschen trennte. Aber der Herr ließ ihn nicht und sorgte für seine Wiederherstellung, und zwar sofort. Aber das ist nicht das Thema von Matthäus, sondern von Johannes und Lukas ...

Reue ohne Buße von Judas und das treue Bekenntnis Jesu vor Pilatus (Kap. 27,1–26)

„Als es aber Morgen geworden war, hielten alle Hohenpriester und Ältesten des Volkes Rat gegen Jesus, um ihn zu Tode zu bringen. Und nachdem sie ihn gebunden hatten, führten sie ihn weg und überlieferten ihn Pontius Pilatus, dem Statthalter“ (Verse 1.2).

Die ersten 26 Verse von Kapitel 27 gehören noch zu dem Thema, das uns schon in Kapitel 26 beschäftigt hat. Hier finden wir den siebten und letzten Kontrast, den der Geist Gottes in diesen Abschnitten zeichnet, nämlich zwischen Judas und Christus. Beide „stellen“ sich den Obersten des Volkes. Der eine gibt seine böse Tat zu, wird aber nicht dafür verurteilt. Unbußfertig und voller Verzweiflung nimmt er sich daraufhin selbst das Leben, um dann ins ewige Verderben zu gehen. Der andere – Christus – hat nie eine böse Tat begangen, wird aber trotzdem verurteilt und gibt dann voller Liebe selbst sein Leben hin, um andere vor dem ewigen Verderben zu erretten.

Zugleich stellen diese Verse den römischen Statthalter und Prokurator Pilatus unserem Retter gegenüber. Auge in Auge standen sie dort. Auf der einen Seite der skrupellose Römer und Statthalter, auf der anderen Seite der reine, schweigende Jude und Messias. Vor dem großen weißen Thron (Off 20) werden sie sich noch einmal gegenüberstehen – dann mit umgekehrten Vorzeichen. Was für ein Erwachen wird dies sein – für Pilatus, für Judas, aber auch für die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten.

Es war Morgen geworden. Ein neuer Tag begann. Es war der letzte im Leben unseres Meisters vor dem Tod am Kreuz. Es muss wohl kurz vor sechs Uhr morgens gewesen sein. Soeben dämmerte es an einem Tag, wie ihn diese Erde noch nie gesehen hatte und auch nie wieder sehen wird.

In der vorausgehenden Nacht hat es für viele Beteiligte sicher keinen Schlaf, „keine Nacht“ gegeben. Der Herr sah sicher keinen Schlaf. Das Wort schweigt darüber, was man noch alles mit dem Herrn in der Nacht angestellt hat, bevor dann am Morgen diese Ratssitzung stattfand. Petrus hatte diese Nacht sicher auch ohne Schlaf zugebracht. Innerlich aufgewühlt und voller Selbstvorwürfe muss er immer wieder an die Verleugnung seines Meisters gedacht haben. Ebenso die anderen Jünger, die alle ihren Herrn verlassen hatten. Auch sie werden wohl kaum geschlafen haben, nachdem sie aus Furcht weggelaufen waren. Was würde jetzt aus Dem, in den sie so große Hoffnungen gesetzt hatten?

Wohl auch die Hohenpriester blieben wach und besprachen, wie sie den Heiligen in die Hände der Römer bringen konnten, um Ihn zu Tode zu bringen. Ob sie vielleicht sogar in dieser Nacht Kontakt zum Palast des Pilatus aufgenommen haben, um ihn für ihre Sache zu gewinnen? Die Geschwindigkeit, mit der das gesamte Verfahren am Morgen ablief, lässt einen anderen Schluss fast nicht zu. Denn um 9 Uhr morgens waren alle Verfahren nicht nur abgeschlossen. Der Retter war schon durch die Stadt mitsamt seinem Kreuz gegangen und hing um diese Zeit bereits am Kreuz auf Golgatha (Mk 15,25). Markus verwendet die Zeitrechnung der Römer, bei denen die dritte Stunde, anfangend von 6 Uhr morgens, 9 Uhr war. Man weiß aus der Geschichte, dass es manche Verfahren gab, die sich sehr lang hinzogen. In diesem Fall aber fackelte man nicht lange. Innerhalb kürzester Zeit war alles abgeschlossen.

Matthäus berichtet von dieser zweiten Sitzung vor Kajaphas nur sehr kurz. Lukas behandelt diesen „offiziellen“ Verfahrensteil vor dem Synedrium, der obersten jüdischen religiösen und politischen Instanz sowie dem obersten Gericht in Israel, immerhin mit sechs Versen. Von Matthäus lernen wir, dass es sich hier um ein abgekartetes Spiel handelte. Der Abend hatte bereits alles festgelegt. Jetzt sollte offenbar nur noch ein formaler, offizieller Beschluss gefasst werden, um äußerlich korrekt gehandelt zu haben. Denn das Synedrium konnte erst nach Aufgang der Sonne einen solchen Beschluss vornehmen (vgl. Mk 15,1). Das war so festgelegt worden, und dieses „Recht“ war den Führern in Israel jetzt wichtiger als die Wahrheit und ein gerechtes Urteil. Eine moralische Gerechtigkeit interessierte die jüdischen Führer nicht.

Die letzten Begebenheiten im Leben des Herrn werden besonders von Matthäus in einer Weise berichtet, welche die übermäßige Schuld der Führer Israels herausstellt. Besonders in Kapitel 23 sehen wir das. Die einleitenden Verse dieses Kapitels zeigen uns nun, dass die Verurteilung Jesu zum Tod durch Pilatus erfolgen musste. Dennoch ging die Feindseligkeit, die dem Herrn bis zu seinem Tod entgegenschlug, von den jüdischen Führern aus. Sie waren nicht daran interessiert, Recht zu sprechen. Ihr einziges Ziel war, Ihn zu Tode zu bringen. Alle Führer in Israel waren hierzu versammelt. So wurden gerade diejenigen, die Führer des Volkes hätten sein sollen, zu den größten Schuldigen und Irreführern.

Nun lesen wir in unserem Evangelium das erste Mal davon, dass unser Retter buchstäblich „gebunden“ wurde. Zweifellos war das schon vorher der Fall gewesen. Aber Matthäus berichtet diesen Umstand erst jetzt. Die Freiheit Jesu war nun endgültig vorbei. In dieser demütigenden Weise führte man Ihn zu Pontius Pilatus, dem Statthalter. Kein anderer Evangelist spricht so häufig vom Statthalter wie Matthäus: 27,2.11.14.15.21.23; 28,14. Soll damit nicht deutlich gemacht werden, dass die Juden, die hier scheinbar so souverän gegenüber ihrem König auftraten, in Wirklichkeit selbst Gefangene der Römer waren? Sie waren nicht frei, weil sie als Volk so oft versagt und gesündigt hatten. Daher musste Gott sie in die Gefangenschaft der Babylonier bringen, dann der Perser und Griechen, schließlich in die der Römer. Sie hätten sich deshalb unter die mächtigen Hand Gottes beugen sollen. Stattdessen aber werfen sie ihren Gott und König aus dem Weinberg hinaus, um Ihn umzubringen.

Das römische Gesetz erlaubte es den Juden nicht mehr, ein Todesurteil auszuführen (vgl. Joh 18,31; 19,7). So waren selbst die Hohenpriester und Ältesten auf die „ungläubigen“ Römer angewiesen, um die eigene Rechtsprechung umsetzen zu können. Daher überlieferten die Führer der Juden den Herrn nun an ihren Statthalter. Schon einmal war der Herr öffentlich nach Jerusalem gekommen. Aber was für ein Unterschied bestand jetzt zu dem vorherigen Einzug in Jerusalem, von dem Matthäus in Kapitel 21 berichtet. Damals wurde der Herr als König angerufen und gepriesen. Jetzt wurde Er als König angeklagt und verspottet.

Das Ende von Judas (Verse 3–10).

Als nun Judas, der ihn überliefert hatte, sah, dass er verurteilt wurde, reute es ihn, und er brachte die dreißig Silberstücke den Hohenpriestern und Ältesten zurück und sagte: Ich habe gesündigt, indem ich schuldloses Blut überliefert habe. Sie aber sagten: Was geht das uns an? Sieh du zu. Und er warf die Silberstücke in den Tempel° und machte sich davon und ging hin und erhängte sich. Die Hohenpriester aber nahmen die Silberstücke und sprachen: Es ist nicht erlaubt, sie zu dem Korban zu geben, da es ja Blutgeld ist. Sie hielten aber Rat und kauften dafür den Acker des Töpfers als Begräbnisstätte für die Fremden. Deswegen ist jener Acker Blutacker genannt worden bis auf den heutigen Tag. Da wurde erfüllt, was durch den Propheten Jeremia geredet ist, der spricht: „Und sie nahmen die dreißig Silberstücke, den Preis des Geschätzten, den man geschätzt hatte seitens der Söhne Israels, und gaben sie für den Acker des Töpfers, wie mir der Herr befohlen hat“ (Verse 3–10).

Mitten in diese Behandlung des Herrn durch die Juden und durch Pilatus wird die Schlussepisode des Lebens von Judas Iskariot gestellt. Wir können nicht sicher sagen, wann diese Begebenheit zeitlich stattgefunden hat. Es ist bekannt, dass sich Matthäus unter der Leitung des Heiligen Geistes oftmals nicht nach der Chronologie richtet. Das tut er auch in diesen letzten Kapiteln nicht immer. Hinzu kommt, dass der abschließende Bericht über Judas keine direkte Zeitangabe enthält. Es ist anzunehmen, dass dieser Selbstmord nach dem Tod des Herrn stattfand. Denn Judas konnte bis zum Schluss davon ausgehen, dass sich der Herr doch noch befreien würde. Es heißt hier, dass Judas diese Dinge in Angriff nahm, als er sah, dass der Herr verurteilt wurde. Da der Tod des Herrn fast unmittelbar danach bewirkt wurde, dürften die hier genannten Ereignisse sicher in Verbindung mit dem Tod Jesu stattgefunden haben. Aber was für ein Unterschied!

Diese Verse sollen den Gegensatz zwischen Judas und seinem Meister offenbar machen. Die Würde und Hingabe Jesu strahlt umso mehr hervor, je deutlicher die Geldliebe und der Egoismus von Judas sichtbar werden. Grundsätzlich fällt auf, wie der Bericht in Matthäus den erbärmlichen Zustand des Menschen offenbart. Das ist unabhängig davon wahr, ob es sich um einen Gläubigen wie Petrus handelt oder um einen Ungläubigen wie Judas. Wir sehen, was der Mensch im Fleisch ist, selbst wenn er durch die Gnade für Christus gewonnen wurde. Judas, Petrus, die Jünger, die Hohenpriester, Pilatus, die Soldaten: Sie alle zeichnen das Bild von Menschen, die nicht in der Lage waren, Christus zu folgen. Diejenigen, die neues Leben besaßen, traten entweder die Flucht an (die meisten Jünger), als die Drangsale für den Herrn Jesus kamen, oder sie trugen dazu bei, diese noch zu erhöhen (Petrus). Oder sie hielten sich einfach heraus und bekannten sich nicht zu ihrem Meister (Johannes).

Keine Buße, kein Bekenntnis, nur ein Geständnis von Judas

Als Judas sah, dass sein Meister endgültig verurteilt worden war, öffneten sich seine Augen über die Schrecklichkeit seiner Handlung. Nicht, dass wir ein echtes Bekenntnis und wahre Buße bei ihm erkennen könnten. Aber von Gewissensbissen gequält, brachte er die 30 Silberstücke denen zurück, die sie ihm ausgehändigt hatten. Sein Gewissen schlug zwar. Aber „er fand keinen Raum zur Buße“ (Heb 12,17).

Judas gesellte sich zu den Führern der Juden. Sie kannten ihn inzwischen gut. Denn er war der Verräter, durch den sie ihr Ziel erreichen konnten. „Was will er?“, hört man die Hohenpriester und Schriftgelehrten gewissermaßen fragen. Judas bestätigt die Unschuld seines Meisters, bringt das Geld zurück und drückt seine Reue aus. Aber mehr als ein Geständnis war es nicht. Denn ein aufrichtiges Bekenntnis erfordert Glauben. Judas traf auf Herzen, die genauso verhärtet waren wie das seine. Er hatte wahrscheinlich gedacht, Jesus würde denen entweichen können, die Ihn töten wollten. Das war zuvor ja auch mehrfach der Fall gewesen (Lk 4,29.30; Joh 8,59; 10,39). Hatte er gehofft, der Herr würde sich durch übernatürliche Kräfte befreien können oder die Anklagen würden sich nicht aufrechterhalten lassen – Hauptsache, er bekam die 30 Silberstücke? Aber warum brachte er sie jetzt zurück? Hatte er Angst, Jesus wieder gegenüberstehen zu müssen? Als sein Verräter? Und wie wollte er Ihm dann begegnen und in die Augen sehen? Hier zeigt sich, dass Unglaube vollkommen irrational ist.

Judas reiht sich in die Menge der Zeugen ein, welche die Unschuld und Gerechtigkeit Jesu Christi unterstreichen. So musste letztlich sogar Satan, der in Judas gefahren war (Joh 13,27), durch ein von ihm betrogenes Gewissen Zeugnis ablegen von der Schuldlosigkeit des Herrn. Derselbe Mann, der in der Hand Satans das Mittel wurde, um Jesus an seine Feinde zu überliefern, musste nun dessen Unschuld bekennen. Judas war dem Herrn äußerlich sehr nahe. Aber moralisch lagen Welten zwischen ihm und Christus. Er war besonders schuldig (vgl. Joh 19,11). Denn er genoss äußere Vorrechte wie kaum ein anderer. Aber die Wahrheit, die er durch diese Vorrechte hören konnte, regierte nicht sein Herz.

Bei Judas finden wir keine wahre Buße, die zum Heil führte. Hätte er Glauben gehabt, würde er sich an seinen Meister gewandt haben. Dieser hätte ihm den Weg des Lebens und damit einen von Gott anerkannten Ausweg aus seiner Sünde gewiesen. Petrus hat im schmerzlichsten Augenblick seines Lebens diesen Weg gewählt und zu seinem Meister, Christus, gesehen. Das Geständnis von Judas war kein wahres Selbstgericht. Es war nur das mindeste, was er sagen konnte, das, was offensichtlich war. Jeder konnte erkennen, dass der Herr vollkommen zu Unrecht von den jüdischen Führern verurteilt worden war. Wo aber bleibt ein tiefergehendes Bekenntnis und Einsehen des eigenen, bösen Zustandes? Wo bleibt der Hinweis darauf, dass der Herr der Heilige, der Gerechte, der Sohn Gottes war?

Über Judas konnte man nicht sagen: „Jetzt freue ich mich nicht, dass ihr betrübt worden seid, sondern dass ihr zur Buße betrübt worden sei; denn ihr seid Gott gemäß betrübt worden ... Denn die Betrübnis Gott gemäß bewirkt eine nie zu bereuende Buße zum Heil; die Betrübnis der Welt aber bewirkt den Tod“ (2. Kor 7,9.10). In diesen Tod stürzte sich Judas nun. Er hatte unschuldiges Blut verraten. Das ließ ihn verzweifeln. Annas und Kajaphas dagegen verurteilten nicht nur wissentlich und bewusst unschuldiges Blut. Sie verharrten auch darin. Das ist furchtbar. Darüber lesen wir in den Psalmen: „Er sitzt im Hinterhalt der Gehöfte, in Verstecken ermordet er den Unschuldigen; seine Augen spähen dem Unglücklichen nach ... Warum verachtete der Gottlose Gott, spricht in seinem Herzen: Du wirst nicht nachforschen?“ (Ps 10,8.13). Das war die Haltung der Juden – aber sie waren zu selbstgerecht, als dass sie Gewissensbisse bekommen hätten. Jedenfalls lesen wir von derartigen Regungen bei ihnen nichts.

Die Gleichgültigkeit der Feinde des Herrn und von Satan

Die Antwort auf das Geständnis von Judas war furchtbar. Die Hohenpriester und Ältesten sagten: „Was geht das uns an?“ Das erinnert uns an Kain, der auf die Frage Gottes, wo denn Abel sei, antwortete: „Ich weiß es nicht. Bin ich meines Bruders Hüter?“ (1. Mo 4,9). Die jüdischen Führer hatten ihr Ziel erreicht. Das Problem von Judas sahen sie nicht als das ihre an – damit musste dieser „arme“ Mann selbst zurechtkommen. Hätten sie diesen Verräter unschuldigen Blutes nicht eigentlich verurteilen müssen, wenn es um Gerechtigkeit gegangen wäre?

Nach seinem Verrat fand er weder bei Menschen noch bei Satan Mitleid. Wir sehen, wie Satan mit denen umgeht, die sich ihm verkaufen. Wenn sie nicht mehr gebraucht werden, lässt er sie ohne Hoffnung in völliger Verzweiflung zurück. Zuerst bringt er sie dazu, zu sündigen. Dann überlässt er sie ihrer Hoffnungslosigkeit. Jeder Hilfsquelle beraubt, blieb Judas, wie er dachte, nichts anderes übrig, als sich in den Abgrund zu stürzen. Dort muss er nun den Tag erwarten, an dem er vor dem Sohn des Menschen erscheinen muss, den er für 30 Silberstücke verkauft hat. Was nützten Judas noch die 30 Silberstücke? Verräter-Geld klebte an seinen Händen. Zwar konnte er das Geld loswerden, aber von der Schuld, die er auf sich geladen hatte, konnte er sich nie wieder befreien. Petrus war anderer Art, denn er besaß Leben aus Gott; er hatte sich bekehrt. Aber hätte der Herr nicht für ihn gebetet, wäre auch er verzweifelt.

Judas ging, um mit den Aposteln zu sprechen, „an seinen eigenen Ort“ (Apg 1,25) – seinen Bestimmungsort. Er befindet sich jetzt im Hades, um sein ewiges Gericht zu erwarten. Hier auf der Erde hat er sich selbst das Leben genommen. Das steht keinem Menschen zu, weil nur Gott die Autorität über Leben und Tod besitzt. Nur der Herr Jesus, der Gewalt hat, auch als Mensch Leben in sich selbst zu besitzen (vgl. Joh 5,26.27), hatte das Gebot vom Vater empfangen, sein Leben von sich selbst aus lassen zu dürfen. Aber kein anderer Mensch besitzt dieses Recht. Suizid ist Sünde.

Zunächst warf Judas die Silberstücke in den Tempel. Erstaunlicherweise lesen wir hier nicht von den Tempelgebäuden, sondern vom Tempel selbst. Offenbar war dieser zum Vorhof hin geöffnet (vgl. Lk 21,1). Wir müssen also nicht annehmen, dass sich Judas widerrechtlich Zugang zu diesem Tempel verschafft hätte, in den nur die Priester und Leviten eintreten durften. Wahrscheinlich hat Judas das Geld von außen in den Tempel geworfen und sich dann erhängt. Nach der Beschreibung von Petrus in der Apostelgeschichte können wir annehmen, dass Judas möglicherweise etwas übergewichtig war. Jedenfalls hat es den Anschein, dass der Baum oder Balken, an dem er sich erhängen wollte, unter seinem Gewicht zerbrochen ist. Vielleicht ist auch das Seil gerissen, so dass nach Apostelgeschichte 1,18 der Körper von Judas aufgeschlitzt wurde und die Eingeweide aus dem Körper hervorkamen. Was für ein auch äußerlich schreckliches Ende einer Person, die gewählt hatte, aus Geldliebe Verräter und Irreführer des Gesalbten Gottes zu sein.

Das erinnert uns an Ahitophel, der – genau wie Judas beim Herrn Jesus – zum engen Vertrautenkreis von David gehörte. Als aber Absalom an die Macht kam, wechselte Ahitophel die Seiten und wollte seinen eigenen König verraten. Um des eigenen Vorteils willen gab er Ratschläge, die Absalom, dem falschen, bösen König, helfen und David zu Tode bringen sollten. Nachdem er jedoch feststellen musste, dass Gott durch Husai diese Pläne verhinderte, so dass Absalom ihnen nicht folgte, ging er hin und erdrosselte sich (2. Sam 17,23).

Die formale Reinheit der jüdischen Führer

Was für ein Schauspiel bietet sich unseren Augen in Vers 6! Die Priester hatten sich kein Gewissen daraus gemacht, das Blut Jesu, das heißt sein Leben, von Judas zu kaufen. Jetzt zeigten sie Bedenken, das Geld in den Opferkasten des Tempels zu werfen. Es war ja Blutgeld ... Sie meinten, recht zu handeln. Zugleich aber gaben sie zu, dass sie Blut vergossen hatten. Der Mensch zeigte seinen wahren Charakter unter der Macht Satans und versuchte doch, fromm zu erscheinen.

Mit anderen Worten: Die Hohenpriester und Ältesten hatten keine Skrupel, das Blut und damit ein Menschenleben zu kaufen. Aber das Geld dafür in den Tempelschatz zu tun, das verunreinigte aus ihrer zeremoniellen Sicht. Die Priester achteten peinlich genau darauf, ob alle äußeren Vorschriften eingehalten würden. Andererseits aber waren sie vollkommen gewissenlos, wenn es um einen Mord ging. Das Innere sah niemand, dachten sie. So konnten sie ihre Bosheit vor Menschen verbergen. Sie vergaßen aber, dass es Gott gibt. Er sieht in unsere Herzen. Mit Heuchelei kann man Menschen etwas vorspielen, Gott nicht!

Mit dem Kauf des Ackers des Töpfers meinten die Hohenpriester, einen guten und weisen Ausweg gefunden zu haben. Das, was aufgrund der Arbeitsergebnisse des Töpfers nicht für eine Grabstätte der Juden angemessen erschien, war für die Fremden gut genug. Zudem hofften sie, auf diese Weise ihre Gräueltat vertuschen zu können. Aber sie hatten anscheinend nicht einmal ein Gewissen im Blick auf ihre boshafte Handlung.

Vor allem übersehen sie, dass eine Trennung von Juden und Nichtjuden von nun an keine Berechtigung mehr besaß. Denn Gott war gerade dabei, diese Trennung aufzulösen. Die Juden hatten sich gegen den Gott aufgelehnt, der sie aus allen Familien der Erde herausgerufen hatte. Sie waren jetzt dabei, sich mit den eigentlich von ihnen gehassten Nationen einszumachen, um ihren Konkurrenten, den wahren Messias, zu beseitigen. Dieses Werk würden sie jetzt vollenden. Das wiederum nahm Gott zum Anlass, sein eigenes Volk zur Seite zu stellen und unter die Nationen zu zerstreuen.

Was den Töpferacker betrifft, ist es auch möglich, dass die Juden speziell an heidnische Proselyten gedacht haben. Wir haben in Kapitel 23 davon gelesen, dass die Führer des Volkes versuchten, sich auf diese Weise Jünger zu machen. Die Hohenpriester sahen solche „ausländischen“ Immigranten als Menschen auf niedrigerem Niveau an. Dabei hatten sie große Energie aufgewandt, um solche als Jünger zu gewinnen. Zum Teil waren sie nämlich sogar über das Meer und das trockene Land gezogen, um Nachfolger zu werben (vgl. Mt 23,15).

Der Blutacker für die Juden

Diese Verse haben jedoch noch eine weitergehende, für das Volk Israel unheilvolle prophetische Bedeutung. Daran konnten diese Menschen damals gar nicht denken. Einerseits ist Israel im eigenen Land zu einem Fremdling geworden. Sie standen ja schon zur Zeit Jesu unter Fremdherrschaft. Diese Autorität des Römischen Reiches erhöhte sich nach der Zerstörung des Tempels um 70 n. Chr. Das aber ist nicht das Einzige. Denn die Juden wurden danach auch über die ganze Erde zerstreut, und das gilt bis heute. So ist Israel zur vorübergehenden Heimat für Fremdlinge geworden:

  1. Von dieser Zeit an wurde nämlich die heidnische Welt selbst zu einem Acker des Töpfers. In diesem wurden die zerstreuten Juden als Fremdlinge bis zu den Enden der Erde vertrieben. Juden selbst haben mit dem Blut Christi ihre eigenen Seelen verkauft.
  2. Gott ist der große Töpfer, der sein eigenes Werk in seinem Volk durch dieses Mittel ausführt. Israel ist während des gegenwärtigen Zeitalters bildlich gesprochen tot und begraben. Aber sie erwartet noch eine nationale Auferstehung, wie Hesekiel 36.37 deutlich macht.
  3. Aus Israel wurde bis zum heutigen Tag ein Blutacker. Dieses Land ist ein Feld, wo Fremdlinge begraben werden. Israel wurde aus seinem eigenen Land hinausgeworfen. Dort haben sich Heiden, Araber, angesiedelt. Auch wenn diese dort keine wahre Heimat gefunden haben und auch in Zukunft keine haben werden, werden sie doch dort begraben.

Durch diese Bluttat Israels brach jetzt also die Zeit der Gnade Gottes gegenüber den Fremdlingen an. Diese Zeit ist verbunden mit Gericht über Israel. Darüber hinaus aber stifteten diese Hohenpriester mit diesem Blutacker, wie er „bis auf den heutigen Tag“ genannt wird, ein fortdauerndes Gedächtnis ihrer eigenen Sünde. Das vergossene Blut Jesu bleibt auf diese Weise im Bewusstsein. Der Blutacker ist alles, was von den äußeren Umständen des großen Opfers unseres Herrn in der Welt übriggeblieben ist. Ihn selbst haben nur noch Gläubige nach seiner Auferstehung gesehen, den Blutacker Israel können wir bis heute sehen. Sogar die ganze Welt ist ein solcher Blutacker. Aber wie gut, dass das Blut Jesu besser redet als das Blut Abels (vgl. Heb 12,24). So gibt es Erlösung für jeden, der an Gott und das Werk Jesu am Kreuz glaubt.

Dieser Gedankengang führt uns zurück nach 1. Mose 4. Kain ist ein Vorbild des Volkes Israel. Er hatte soeben seinen Bruder Abel – ein Vorbild des Herrn Jesus – erschlagen. So hat das Volk Israel seinen eigenen „Bruder“ aus dem Stamm Juda, ihren Messias Jesus Christus, vor 2.000 Jahren umgebracht (vgl. Apg 2,23). Gott sagte zu Kain nach seinem Mord: „Horch! Das Blut deines Bruders schreit zu mir von dem Erdboden her. Und nun, verflucht seiest du vom Erdboden weg, der seinen Mund aufgetan hat, um das Blut deines Bruder von deiner Hand zu empfangen! Wenn du den Erdboden bebaust, soll er dir fortan seine Kraft nicht geben; unstet und flüchtig sollst du sein auf der Erde“ (1. Mo 4,10–12).

Bei Abel schrie das Blut vom Erdboden her (hier wird das allgemeinere Wort für Erde benutzt). In viel höherem Maß schreit das Blut des einzigartigen Herrn und Königs Jesus Christus zu Gott vom Land Israel aus. So, wie Kain vom Erdboden weg verflucht war, so würde Israel von nun an unter dem Fluch ihrer Verwerfung des Messias stehen. Und wenn Kain den Erdboden bebauen würde, würde ihm dieser keine Kraft geben. So war das Handeln der Juden von der damaligen Zeit an nicht mehr zu ihrem Segen. Unstet und flüchtig wären sie auf der Erde. Sie sind es – bis auf einen ganz kleinen Teil, der in Israel lebt – auch heute noch.

Die Geschichte des Blutackers ist aber noch nicht vorbei. Denn in noch weit größerem Maß wird Blut in der kommenden Drangsalszeit in diesem Land fließen. Davon haben wir in Matthäus 24 gelesen. Erst dann, wenn die gläubigen Übriggebliebenen im Volk sich zusammenfinden werden, um ihren Messias zu erwarten, hat das Blutvergießen ein Ende. Denn Er wird als ihr Erlöser nach Zion kommen.

Es fällt auf, dass weder diese Verse (ab Vers 6) noch die prophetischen Vorhersagen im Blick auf diesen Acker von Judas Iskariot sprechen. Es ist jeweils ganz allgemein von Israel die Rede. Es geht um die Frage: Was war der eigene Messias seinem Volk wert? Die Antwort ist: 30 Silberstücke. Im Austausch dafür haben sie das Feld des Töpfers erhalten, den Blutacker, obwohl es eigentlich das Feld von Judas war und blieb (vgl. Apg 1,18). Das war, wie Matthäus jetzt zeigt, sogar vom Herrn befohlen worden (Vers 10) in seiner souveränen und gerechten Regierung.

Das Zitat Sacharjas

Matthäus zeigt, dass durch den Kauf des Blutacker eine Weissagung Jeremias erfüllt wurde. Wir haben bereits früher gesehen (siehe Matthäus 1,23), dass Matthäus durch seine Wortwahl „da wurde erfüllt“ eine Erfüllung in einem weiteren, allgemeinen Sinn meint. Es geht an dieser Stelle nicht darum, dass eine ganz konkret auf diese spezielle Situation bezogene Weissagung erfüllt wird. Das mag ein erster Grund dafür sein, dass sich Matthäus auf Jeremia bezieht und nicht auf Sacharja. Wer einen entsprechenden Hinweis im Alten Testament sucht, wird zunächst nicht bei Jeremia fündig, wohl aber bei Sacharja. Das stellt natürlich ein Problem dar.

Bevor wir uns dieser Schwierigkeit nähern, sehen wir uns zunächst das Zitat Sacharjas an, das uns schon näher beschäftigt hat (s. die Ausführungen zu Matthäus 26,14–16). Wir erkennen in Sacharja 11,4, dass es zunächst einmal um den Propheten selbst geht. Er bekam damals den Auftrag, eine Herde zu weiden. „So sprach der HERR, mein Gott: Weide die Herde des Würgens, deren Käufer sie erwürgen und es nicht büßen, und deren Verkäufer sprechen: Gepriesen sei der HERR, denn ich werde reich!, und deren Hirten sie nicht verschonen ...“

Ist das aber die ganze Bedeutung der Verse, die er aufgeschrieben hat? Sicherlich nicht! Er sprach letztlich nicht in erster Linie von sich selbst, vor allem nicht im weiteren Verlauf. Der Geist Gottes benutzte Sacharja, um auf einen Größeren hinzuweisen, der genau das erleben musste, was er prophezeite. Der Herr hatte mit solchen selbstsüchtigen Käufern und Verkäufern zu tun, die sich nicht um die Herde kümmerten bzw. diese unter großen Druck setzten. Das waren die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und Ältesten.

In Vers 12 heißt es dann: „Ich sprach zu ihnen“, dass sie einen Preis für seinen Lohn festlegen sollten. Aus Matthäus 27 wissen wir, dass in Wirklichkeit Judas zu den Hohenpriestern ging, um den Preis für den Herrn Jesus festzulegen. Daraus erkennen wir: Wenn auch Judas der äußerlich Handelnde war, so stand dieses Handeln aber doch längst im Ratschluss Gottes fest. Das nimmt von Judas nicht die Verantwortung für sein Tun, zeigt aber, dass Gott nichts aus den Händen gleitet. Im Gegenteil, sein Ratschluss wird ausgeführt.

Im Propheten Sacharja liest man dann weiter, dass ihm als Preis der eines Sklaven genannt wird: 30 Sekel Silber (vgl. 2. Mo 21,32). In göttlichem Sarkasmus wird er „herrlich“ genannt Dieser Preis war eine Unverfrorenheit angesichts der Größe des Hirten (Jesus) und seines Tuns. So wirft Jahwe (oder symbolisch Sacharja) dieses Geld mit Entrüstung und Empörung in das Haus des Herrn, dem Töpfer hin. Hier ist es also der Herr selbst und nicht Judas, der mit dem Geld den Blutacker kauft. Das allein zeigt, dass die Prophetie sich weiter erstreckt als nur auf das Handeln von Judas.

So genau ist die Vorhersage, dass sogar geweissagt wurde, was Judas tun würde, nämlich das Geld in den Tempel werfen. Dort wurde es jedoch aus formalen Gründen, wie wir gesehen haben, nicht akzeptiert. In abscheulicher Heuchelei benutzten es die Hohenpriester zum Kauf eines Feldes. Es war durch die vielen unbrauchbaren Tonscherben des Töpfers nicht für den Ackerbau geeignet. Es konnte aber für Gräber verwendet werden. Da es mehr oder weniger wertloses Land aus Sicht der Juden war, kamen für diese Gräber nur Fremde in Frage.

Matthäus zitiert nicht das Hinwerfen in das Haus des Herrn. Auch das beweist, dass es ihm im Blick auf die Weissagung nicht so sehr um das konkrete Handeln Judas geht. Vor seinen Augen steht die daraus hervorkommende Verwerfung des Messias durch alle beteiligten Personengruppen. Matthäus nennt dann den Auftrag Gottes, dieses Geld für den Acker des Töpfers zu geben. Das taten hier die Hohenpriester und Ältesten. Letztlich jedoch hatte Gott selbst den Ort bestimmt. Er deutet durch dieses Handeln an, was mit dem Volk Israel passieren würde. Aus ihnen würden Fremdlinge werden, denn Er konnte „sein“ Volk nicht mehr als das seine anerkennen. Wer den Sohn Gottes, den eigenen Messias, ermordet, muss mit dem Gericht Gottes rechnen.

Die Weissagung Jeremias

Es bleibt aber noch die Frage offen: Warum wird jetzt der Name Jeremia genannt, nicht Sacharja? Eines sollte klar sein: Matthäus hat sich nicht vertan, obwohl jeder Leser der damaligen Zeit – und das Evangelium richtet sich besonders an jüdische Menschen – ihm damals sofort vorgeworfen hätte: „Das kommt doch gar nicht aus dem Propheten Jeremia!“ Ein solcher Irrtum kann nicht in Betracht kommen. Denn Matthäus war nicht töricht, schon gar nicht unter der Inspiration des Geistes Gottes.

Manche denken, dass sich der Name Jeremia später in den Text eingeschlichen habe, da ursprünglich vielleicht nichts anderes hier stand als „durch den Propheten“. Aber diese These scheint nicht stichhaltig zu sein. Denn auch spätere Redakteure werden Jeremia und Sacharja wohl kaum miteinander verwechselt haben.

Ein anderer Gedanke ist, dass Matthäus sich auf die Buchrolle bezieht, in der an erster Stelle Jeremia und danach erst Sacharja stand. Das ist die Ordnung, die von den „Talmudisten“ vorgeschrieben worden ist. Dann wäre der Gedanke: Jeremia „und“ einer der Propheten, der sich in „seiner“ Buchrolle befindet (vgl. Mt 16,14). Diese These ist nicht abwegig.

Wir brauchen und sollten jedenfalls auf keinen Fall von einem Fehler ausgehen. Gottes Wort ist vollkommen, auch wenn wir „nur“ eine Übersetzung in Händen halten. Manche haben auf Markus 1,2.3 verwiesen, wo Markus aus Maleachi und Jesaja zitiert, aber nur von Jesaja spricht. Vielleicht tat er es, weil Jesaja für seine Empfänger bekannter war und zugleich am Anfang der gesamten Prophetenbücher stand. Immerhin aber stammt wenigstens eines der beiden Zitate tatsächlich von Jesaja, während das Zitat in Matthäus 27 – zumindest auf den ersten Blick – überhaupt nicht auf Jeremia zurückgeht.

Wir haben im Verlauf der Betrachtung gesehen, dass gerade Matthäus immer wieder zeigt, dass der Herr Jesus der im Alten Testament verheißende Messias war. Das tut der Geist Gottes mal direkt und mal indirekt. In jedem Fall aber ist es für einen Juden sehr deutlich und nachvollziehbar. Daher finden wir bei ihm viele Zitate aus dem Alten Testament.

An dieser Stelle nun will der Geist Gottes zeigen, dass nicht nur Sacharja, auf den Er ja offensichtlich Bezug nimmt, von dieser Sache gezeugt hat. Nein, auch Jeremia hat das getan. Somit wird die Prophetie des Alten Testaments insgesamt in diese Frage einbezogen. Denn es geht dem Geist Gottes nicht allein um Judas und seinen Verrat sowie dessen Folgen mit dem Acker des Töpfers. Er bezeugt auch die viel weitergehenden (prophetischen) Schlussfolgerungen, die wir soeben in diesen Versen gesehen haben.

Die symbolische Bedeutung des Blutackers

Es scheint mir, dass durch diesen Hinweis deutlich gemacht werden soll, dass es nicht nur um dieses Feld des Töpfers geht. Es geht dem Geist Gottes um einen tieferen Sinn, der darin verborgen liegt.

Interessanterweise verbindet Sacharja das Haus des Herrn mit dem Töpfer (Sach 11,13) und Jeremia zeigt, dass Gott der Töpfer in Bezug auf das Haus Israel ist (Jer 18,6). Er wollte sein Volk bauen und pflanzen. Dieses jedoch war böse und hörte nicht auf seine Stimme, so dass Er es ausreißen, abbrechen und zerstören musste (vgl. Jer 18,7–10). Matthäus zeigt, dass genau das für Gott der Anlass war, sich von seinem Volk abzuwenden, um es aus dem eigenen Land zu vertreiben. Dadurch stand das Land des Töpfers für Fremde offen.

Jeremia musste in das Tal des Sohnes Hinnoms gehen, das vor dem Eingang des Tores Charsut liegt. Charsut heißt: Scherbentor – das ist somit nichts anderes als das Feld des Töpfers. Jeremia bekam dann den Auftrag, vom Unglück über diesen Ort zu sprechen. Warum? „Weil sie diesen Ort mit dem Blut Unschuldiger gefüllt“ haben (Jer 19,2.4). In gleicher Weise wurde das Feld des Töpfers zum Blutacker, weil das unschuldige Blut Christi vergossen wurde. Das Tal des Sohnes Hinnoms sollte dann „Würgetal“ genannt werden (Jer 19,6), was ebenfalls an Sacharja erinnert, der, wie wir gesehen haben, von der „Herde des Würgens“ spricht (Sach 11,5.7). Im Folgenden spricht Jeremia von dem Gericht, das Israel nur 40 Jahre nach der Kreuzigung Jesu noch einmal erreichen würde: Schwert, Leichname, die Stadt [Jerusalem] würde zum Entsetzen und zum Gezisch werden, Belagerung und Bedrängnis. „So werde ich dieses Volk und diese Stadt zerschmettern, wie man ein Töpfergefäß zerschmettert, das nicht wiederhergestellt werden kann. Und man wird im Tophet begraben, weil es sonst keinen Platz zum Begraben gibt“ (Jer 19,11).

Ich fasse zusammen: Sacharja hat in direkter Weise die Handlungen von Judas und seinen „Freunden“ vorhersagt. Jeremia dagegen wies stärker auf die symbolische Bedeutung hin, die mit diesen Handlungen um den Acker des Töpfers zu tun haben. Beide Bilder müssen wir zusammenfügen, um die Sprache des Geistes Gottes zu verstehen. Ihm ging es nicht nur um eine Vorhersage der konkreten Umstände am Ende des Lebens des Herrn. Seine Aufgabe war es vielmehr, symbolisch vorherzusagen, was das Verhältnis des Volkes Israel zu Gott betraf, nämlich, dass sie selbst verworfen würden (vgl. Röm 11,15). Genau diese Verbindung zieht Matthäus unter der Leitung des Geistes Gottes, wenn er auf die Weissagung Jeremias hinweist. Zunächst denkt man an Sacharja. Von Sacharja 11 wird man aber nach Jeremia 18.19 gelenkt und erkennt, wie Gott auch hier von diesen Ereignissen gesprochen hat.

Das zweite gute Bekenntnis Jesu – vor Pilatus (Verse 11–26)

Jesus aber stand vor dem Statthalter. Und der Statthalter fragte ihn und sprach: Bist du der König der Juden? Jesus aber sprach: Du sagst es. Und als er von den Hohenpriestern und Ältesten angeklagt wurde, antwortete er nichts. Da spricht Pilatus zu ihm: Hörst du nicht, wie vieles sie gegen dich vorbringen? Und er antwortete ihm auch nicht auf ein einziges Wort, so dass der Statthalter sich sehr verwunderte. Zum Fest aber war der Statthalter gewohnt, der Volksmenge einen Gefangenen freizulassen, den sie wollten. Sie hatten aber damals einen berüchtigten Gefangenen, genannt Barabbas. Als sie nun versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Wen wollt ihr, dass ich euch freilassen soll, Barabbas oder Jesus, der Christus genannt wird? Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überliefert hatten. Während er aber auf dem Richterstuhl saß, sandte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit jenem Gerechten; denn viel habe ich heute im Traum gelitten um seinetwillen. Die Hohenpriester aber und die Ältesten überredeten die Volksmengen dazu, Barabbas zu erbitten, Jesus aber umzubringen. Der Statthalter aber antwortete und sprach zu ihnen: Welchen von den zweien wollt ihr, dass ich euch freilasse? Sie aber sprachen: Barabbas. Pilatus spricht zu ihnen: Was soll ich denn mit Jesus tun, der Christus genannt wird? Sie sagen alle: Er werde gekreuzigt! Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie aber schrien übermäßig und sagten: Er werde gekreuzigt! Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern vielmehr ein Tumult entstand, nahm er Wasser, wusch sich die Hände vor der Volksmenge und sprach: Ich bin schuldlos an dem Blut dieses Gerechten, seht ihr zu. Und das ganze Volk antwortete und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder! Dann ließ er ihnen Barabbas frei; Jesus aber ließ er geißeln und überlieferte ihn, damit er gekreuzigt würde (Verse 11–26).

Die nächsten 16 Verse zeigen uns das gute Bekenntnis, das der Herr Jesus vor Pilatus abgelegt hat (vgl. 1. Tim 6,13). Pilatus war in den Jahren 26 bis 36 nach Christus Präfekt des Römischen Kaisers Tiberius in der Provinz Judäa. Seine Absetzung im Jahr 36 hing wahrscheinlich mit einem brutalen Mord an Samaritern zusammen, die auf den Berg Gerisim gehen wollten. Dort sollen sie in furchtbarer Weise von Pilatus umgebracht worden sein.

Was für ein Gegensatz zwischen diesem Pilatus und Christus! Pilatus muss ein skrupelloser Mann gewesen sein. Lukas berichtet von ihm, dass er einige Galiläer einfach umgebracht hat und ihr Blut mit ihren Schlachtopfern vermischt hatte (Lk 13,1). So wenig galt bei ihm das Leben von Menschen. Solch ein Mann wurde nun zum weltlichen Richter dessen, der kurz davor stand, Retter der Welt (vgl. 1. Mo 41,45) zu werden und in Zukunft der Richter der Welt sein wird. Pilatus sollte – menschlich gesprochen – über den Tod Jesu bestimmen.

Wir müssen uns die Situation vorstellen: Die Hohenpriester und die Ältesten kommen frühmorgens zu Pilatus. In ihrem Schlepptau bringen sie so viele Menschen wie möglich mit, um ihrem Anliegen Nachdruck verleihen zu können. Daher lesen wir in Vers 20 von Volksmengen. Sie alle stehen wie ein Mann hinter den Hohenpriestern. Auf der anderen Seite steht einer, ganz allein: Jesus Christus. Hinter der Volksmenge, die durch die niedrigsten Beweggründe geleitet und von den Führern der Juden nach vorne geschoben wird, steht der Fürst. Es ist Satan, der sie aufstachelt und sein ganz persönliches Ziel des Hasses gegen den Christus Gottes anstrebt. Aber Gott verfolgt ebenfalls sein Werk, voller Gnade und Heil.

Soweit wir wissen, stehen sich Pilatus und der Herr zum ersten Mal Auge in Auge gegenüber. Wir dürfen davon ausgehen, dass Pilatus von Jesus gehört hatte. Er wusste, dass dieser manche Wunder getan hat. Wahrscheinlich hatte er beeindruckende Berichte über diesen Mann aus Nazareth gehört. Aber jetzt hat er Ihn zum ersten Mal direkt vor seinen Augen. Die vor uns stehenden Verse zeigen, dass er tatsächlich von diesem Anblick beeindruckt gewesen sein muss. Das Erscheinen des Herrn der Herrlichkeit hat sein skrupelloses Herz doch angerührt, auch wenn der Herr in schmachvollster Weise vorgeführt wurde. Anders können wir nicht erklären, dass es Pilatus tatsächlich nicht gleichgültig war, ob dieser „einfache Mann“ gekreuzigt wurde oder nicht. Er wollte Ihn sogar freilassen. Nur sein Egoismus und sein eigener Ruf hinderten ihn daran, das auch durchzusetzen. Ein Mann, der sonst über Leichen ging und sich nach nichts und niemandem richtete, wurde nachdenklich. Das aber erhöht seine Schuld. Zudem war es notwendig, um jedem deutlich zu machen, dass die Hinrichtung unseres Retter kein Zufall, keine Tat „aus Versehen“ war. Es musste offenbar werden, dass es sich um eine bewusste Hinrichtung handelte. Diese wurde durchaus nicht nur von Juden vorgenommen. Auch die Heiden waren schuldig an dem Tod Jesu.

Sohn Gottes und König Israels

Vor den Hohenpriestern wurde der Herr gefragt, ob Er Christus sei, der Sohn Gottes. Sie warfen Ihm vor, Er habe sich in gotteslästerlicher Weise selbst zu Gott gemacht. Das ist natürlich nicht die Frage, um die es bei Pilatus ging. Denn die Hohenpriester und Ältesten wussten, dass sich der Statthalter nicht um ein solches theologisches Problem kümmern würde, wenn es um die Todesstrafe ging. Was aber wäre, wenn dieser Jesus dem Präfekten sein Amt streitig machen würde, in dem Er sich selbst als König ausriefe? Daher warfen sie Jesus vor, Er würde sich König nennen und Anspruch auf das Königtum erheben. Das schien ihnen ein gutes Mittel, den Statthalter zu gewinnen und bei ihm die Verurteilung zu bewirken. Denn Pilatus musste die kaiserliche Autorität gegen jeden Machtanspruch verteidigen.

Jesus leugnete sein Anrecht auf den Thron nicht. Er bezeugte das gute Bekenntnis und blieb bei der Wahrheit. Die Anklage der Juden schildert Matthäus nicht, wohl aber die Konsequenz. Denn wir lesen, dass Pilatus den Herrn genau danach befragte: „Bis du der König der Juden?“ Fast hat man den Eindruck, dass diese Frage des Statthalters ironisch ist. Sollte etwa gerade dieser so einfache Mensch, der vor ihm stand, ein wahrer König sein? Wie konnte jemand einen solchen Anspruch erheben, der ohne Prunk und Allüren auftrat? Der keine große Anhängerschaft mitbrachte und daher anspruchslos auf ihn wirken musste?

Nun folgt die einzige Antwort des Herrn, von der Matthäus im Blick auf das Verfahren vor Pilatus berichtet. „Jesus aber sprach: Du sagst es.“ Das war die damalige Art, „ja, genauso ist es“ zu sagen. Somit sind die beiden einzigen Aussagen, die wir bei allen Verhören von Christus hören, wie Matthäus sie uns schildert, die ausdrückliche Bestätigung und Bejahung seiner Königswürde: Er war der von Gott im Alten Testament verheißene Messias, der König der Juden. Wie schon gesagt spricht der Herr Jesus in den drei Gerichtssitzungen, die Er hier erlebt, jeweils ein Wort. Das war vor den Hohenpriestern so und auch vor Pilatus der Fall. Schließlich hören wir Ihn am Kreuz im Gericht Gottes auch genau einen Ausspruch tätigen. Immer war und blieb Er der Treue. In den menschlichen Gerichten sagte Er:

  • Ja, ich bin Christus, der Sohn Gottes (sogar der Sohn des Menschen, der in großer Macht aus dem Himmel zum Ausführen von Gericht kommen wird)
  • Ja, ich bin der Messias, der König der Juden.

Als es um Vorwürfe über sein Tun und Leben ging, ertrug der Herr alle Anschuldigungen schweigsam und in Stille sowie Hingabe. Als es aber um ein Bekenntnis seiner Person ging, schwieg Er nicht, sondern bekannte sich zur Wahrheit.

Wie oft ist es bei uns genau umgekehrt. Wir verteidigen uns, wenn es um unser Leben und Handeln geht, selbst wenn wir oftmals auch dabei Fehler und Sünden begangen haben. Wenn es dagegen um unseren Herrn und unser Bekenntnis zu Ihm geht, schweigen wir aus Angst und Scheu. Denn wir schämen uns so leicht und stehen nicht zu Ihm, der alles für uns gegeben hat. Wie strahlt da die Treue unseres Retters hervor!

Die Juden lehnten ihren Messias ab, weil Er nicht bereit war, sie jetzt von dem Joch der Römer zu befreien. Sie verwarfen Ihn, weil Er dazu stand, dass Er der Sohn Gottes ist. Das war die entscheidende Frage für die Juden. Doch auch die Heiden machen sich in der Person von Pilatus, ihres Hauptes in Palästina, schuldig. Für die Nationen und ihren Regenten bestand die Frage darin, ob sie sich dem wahren König unterordnen würden. Ihnen war die Regierung des Landes anvertraut. Und hätte ihr Oberhaupt in Gerechtigkeit regiert, hätte er Christus freilassen und zum König ernennen müssen.

Das Schweigen des Opfers

Offensichtlich diente das treue Bekenntnis des Herrn noch nicht dazu, dass Pilatus Ihn verurteilte. Daher fuhren die Priester und Ältesten fort, Ihn zu beschuldigen. Warum konnten sie den Statthalter mit ihrer Anklage nicht überzeugen, obwohl sie vermutlich – wegen der Zeitnot vor dem Fest – schon im vorhinein mit ihm verhandelt hatten? Auge in Auge vor dem Herrn der Herrlichkeit zu stehen ist eben etwas ganz anderes, als mit Sündern gewissenlos zu handeln. Das merkte Pilatus, aber das erhöhte seine Verantwortung. Nach dem Ratschluss Gottes war es nötig, dass hier jemand bewusst und willentlich umgebracht wurde.

Wir haben schon gesehen, dass der Herr nach dem Bericht von Matthäus bis auf die eine Antwort im gesamten zweiten Verfahren schwieg. Er verteidigte sich an keiner Stelle. Die Juden mochten Ihn noch so sehr vor Pilatus anklagen: Er schwieg und erfüllte hier noch einmal das prophetische Wort aus Jesaja 53,7.

Wir können gut verstehen, dass Pilatus das Schweigen nicht verstehen konnte. Denn normalerweise war jeder Angeklagte darauf bedacht, sich zu verteidigen. Er selbst hätte ja auch nicht anders gehandelt. So war er offenbar tief beeindruckt von der ruhigen Würde des Einen, der auf so teuflische Weise angeklagt worden war. Pilatus verwunderte sich sehr (Vers 14).

Man könnte auch sagen: Was hätte es genutzt, wenn der Herr sich in diesem Augenblick verteidigt hätte? Sein ganzes Leben hatte bewiesen, dass Er als der Gesandte Gottes unter dem Volk war, und nichts hatte die Juden davon zu überzeugen vermocht. Die Bosheit des Menschen musste sich auf Golgatha durch den Kreuzestod Jesu bis zum äußersten kundtun.

Die Wahl: Barabbas oder Jesus

Pilatus war derart fasziniert von seinem Angeklagten, dass er alle Register zog, um diesen freizulassen. Das stand zwar, wie wir gesehen haben, im Gegensatz zu seinem eigenen Charakter. Aber es zeigte, was für eine Wirkung unser Herr bei diesem Mann ausgelöst haben muss.

Um den Juden zu gefallen, hatte Pilatus in seiner Amtszeit einmal im Jahr zum Passahfest den Brauch eingeführt, seinen Untertanen einen Gefangen freizuglassen.6 Sie selbst durften diesen sogar auswählen. Dieses Geschenk brachte Pilatus nun ins Spiel. Er war in Verlegenheit, über Christus, den er für unschuldig hielt, ein Gerichtsurteil zu fällen, das weder die Juden noch ihre Führer gegen ihn aufbrachte. Das zeigt schon, wie „politisch“ er dachte und handelte, und dass es ihm nicht um Gerechtigkeit ging. Nun befand sich mit Barabbas jemand im Gefängnis, der ein Mörder und Aufrührer war (Lk 23,19.25). Daher machte er ihnen den Vorschlag, entweder Jesus gehen zu lassen, oder aber Barabbas. Für ihn war die Wahl klar, sonst hätte er dieses Angebot nicht unterbreitet. Er konnte sich angesichts der von ihm angebotenen Alternative nicht vorstellen, dass die Juden sich für einen Mörder und Aufrührer entschieden. Wer anders als Jesus konnte von ihnen gewählt werden, so seine Mutmaßung. Denn er wollte Jesus wirklich freilassen (vgl. Apg 3,13).

Was für eine Wahl wurde den Juden hier ermöglicht: Auf der einen Seite stand der vollkommene Mensch und zugleich der Messias des Volkes, der so viel Segen für sein Volk gebracht hatte. Auf der anderen Seite stand Barabbas, der berüchtigte Gefangene. Matthäus erklärt nicht viel über diesen Mann. Vermutlich war den Juden seine Geschichte wohlbekannt. Die anderen Evangelien sprechen ausführlicher von ihm (vgl. auch seine Beschreibung in Markus 15,7). War das vielleicht jemand, der als falscher Messias das Volk hinter sich zu bringen suchte?

Mit diesem bösen, sündigen Mann steht noch eine Besonderheit in Verbindung. Bar-Abbas heißt nichts anderes als Sohn des Vaters. Pilatus sorgte also dafür, dass die Volksmengen nun die Wahl hatte zwischen zwei Männern, die beide „Sohn des Vaters“ waren. Der eine aber war „der Sohn des Vaters“, der Sohn Gottes. Der andere dagegen war Sohn des Teufels, seines Vaters (vgl. Joh 8,44). Wenn dann noch wahr wäre, dass dieser Mann „Jesus Barabbas“ hieß, hätte er denselben „Vornamen“ getragen wie unser Herr.7 Unter diesem Vorzeichen war das Angebot von Pilatus besonders brisant. Welchen „Jesus“, welchen „Sohn des Vaters“ würde die Menge wählen?

Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Satan die Volksmengen und die Hohenpriester sowie die Schriftgelehrten mit diesem Namen geradezu verhöhnen wollte. Barabbas war der Ausdruck der Gesinnung Satans. Damit war er der Prototyp der Empörung und Auflehnung gegen jede Autorität. Denn Satan hatte sich gegen Gott aufgelehnt, Barabbas lehnte sich gegen Pilatus auf. Somit wurde er zum Repräsentanten des Menschen überhaupt. Anfangend von Adam war der Mensch durch Ungehorsam geprägt. Das ist nichts anderes als eine Auflehnung gegen die dem Menschen überstellte Autorität. Genauso ging es weiter. Der Mensch eilte von Ungehorsam zu Ungehorsam.

Pilatus hatte schnell erkannt, dass ihm Jesus aus Neid überliefert worden war. Er war ein erfahrener Mann, der Menschenkenntnis besaß und mit den spitzfindigen Gewohnheiten der Juden vertraut war. Auch sein juristischer Sachverstand entdeckte schnell, was die wahre Ursache der Anklage war. Vor allem offenbarte das Verhalten seines Gefangenen, dass dieser zu Unrecht in Fesseln vor ihm stand. Aber nicht dieser, derjenige, der durch brutale Gewalt aufgefallen war, wurde von den Juden geliebt. Dieser Aufstand der Juden erfolgte in solch massiver Weise, dass Pilatus bereit war, nicht zuletzt aus Ohnmacht gegen diesen Aufstand ungerecht zu entscheiden. Er befriedigt den Willen des Volkes aus purer Menschenfurcht, obwohl er Herrscher über diese Menschen war. Er fürchtete das Volk und wollte es sich mit diesem nicht verderben. Das war ihm wichtiger, als in Gerechtigkeit zu urteilen.

Gott sorgt dafür, dass die Unschuld seines Sohnes unverkennbar ist

Plötzlich wird die Sitzung des Statthalters unterbrochen. Völlig überraschend trifft ein Verteidiger des Angeklagten auf, mit dem Pilatus selbst vermutlich am wenigsten gerechnet hatte: seine eigene Frau. Sie berichtet ihm von ihrem Traum aus der Nacht. Die Tatsache, dass Pilatus davon bislang nichts wusste, unterstützt die These, dass auch er in der vorherigen Nacht nicht viel Ruhe gefunden hat. War er schon im Laufe der Nacht von den Hohenpriestern kontaktiert worden? So erfährt er erst an dieser Stelle, was seine Frau geträumt hat.

Sie ist nicht die erste Zeugin der Unschuld Jesu, für Pilatus jedoch eine besonders eindrucksvolle. Sie hat Pilatus und seine Machenschaften bislang nicht behindert. Auch seine brutalen Eingriffe hat sie offenbar nicht verhindert. Jetzt aber kann sie nicht stillhalten. Gott selbst greift hier ein. Denn Er möchte deutlich herausstellen, dass der Herr im vollen Bewusstsein seiner Unschuld verurteilt wird. Dazu hat Er dafür gesorgt, dass es eine Reihe von Zeugen der Unschuld des Herrn gab. Matthäus berichtet von den Folgenden:

  1. Die falschen Zeugen im Verfahren gegen den Herrn, die kein Zeugnis fanden, dass gegen Jesus hätte verwendet werden können, bezeugten letztlich dadurch seine Unschuld (vgl. Kapitel 26,59.60).
  2. Judas musste bekennen, dass er „schuldloses Blut“ überliefert hatte (27,4).
  3. Die Frau von Pilatus bezeugte, dass Jesus ein „Gerechter“ ist (27,19).
  4. Auch Pilatus bestätigt das, in dem er deutlich macht, dass Jesus ein „Gerechter“ ist (27,24).
  5. Der Hauptmann und seine Mitwächter am Kreuz müssen sogar bezeugen, dass Jesus „Gottes Sohn“ ist (27,54).

Wie konnte bei so vielen überwältigenden Unschuldszeugnissen jemand auf die Idee kommen, den Herrn der Herrlichkeit zum Tod zu verurteilen? Pilatus selbst hatte zwei direkte Zeugen, die ihn ansprachen: seine Frau und sein Gewissen! Dennoch blieb er den Juden willfährig.

Gott wollte, dass in dem damaligen Augenblick durch eine Heidin ein Zeugnis über die Gerechtigkeit seines Sohnes abgelegt würde. Das sollte in Gegenwart derer geschehen, die zwar die „Seinen“ genannt werden, die Ihn aber nicht aufnehmen wollten (Joh 1,11). Weil der Statthalter jedoch die Folgen eines Widerstandes gegen die Meinung der Volksmengen für seine eigene Position fürchtete (vgl. Joh 19,12–16), hörte er nicht auf die plötzlich und unerwartet aufkommende Zeugin der Unschuld Jesu. Hätte eine ernstere Warnung für das Gewissen dieses abergläubigen Römers geben können? Er wusste, dass das Opfer ohne Schuld war. Es war nichts anderes als göttliche Barmherzigkeit, die dem Heiden eine Warnung überbrachte. Er aber beachtete sie nicht.

Zuweilen ist Gott bei den Regenten dieser Erde im Traum eingeschritten. Er hatte das einmal bei Ahasveros getan (Xerxes I., vgl. Est 6,1). Er hat dies auch beim Pharao zur Zeit Josephs getan, oder bei Nebukadnezar. Heute spricht Gott normalerweise nicht durch Träume, sondern durch sein vollendetes Wort. Dennoch ist Er souverän, gerade bei unbekehrten Menschen auch einmal durch einen schrecklichen Traum auf das Gewissen einzuwirken. Bei der Frau von Pilatus hat Er so gehandelt.

Die Frau von Pilatus konnte den Traum sofort zuordnen. Das spricht dafür, dass Pilatus mit ihr schon einmal über diesen Mann Jesus gesprochen hatte, vermutlich am Vorabend. Menschenfurcht aber war bei ihm größer als Gottesfurcht. Wie tragisch, wenn Menschen den größten Souverän ignorieren, um nicht den eigenen Interessen zu schaden.

Die Verurteilung Jesu nimmt ihren Lauf

Pilatus ist durch diese Intervention mit seiner Frau beschäftigt. Diese Zeit nutzen die Hohenpriester und Ältesten, um die Volksmenge zu überreden, Barabbas zu fordern. Damit aber nicht genug. Die Hohenpriester fordern auch, dass die Volksmengen das Umbringen Jesu erzwingen. Ihnen reicht nicht, dass Christus gefangen weggesperrt wird. Sie wollen Ihn gekreuzigt und beseitigt sehen.

Pilatus versucht es weiter. Er wirft die Frage auf, wen die Volksmenge von diesen beiden Menschen, Barabbas und Jesus, freigelassen haben möchte. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten, sondern kommt wie aus einem Mund hervor: „Barabbas!“ Keine Stimme erhebt sich für Jesus, nicht eine einzige. Man möchte fragen: Wo waren die Volksmengen, die Ihm immer wieder gefolgt waren? Wo waren diejenigen, die Hosianna gerufen hatten, als Er nach Jerusalem einzog? Wenn einer von ihnen hier gegenwärtig war, blieb er stumm aus Furcht vor den boshaften Führern des Volkes Israel. Was für eine Tragik: Er hatte sie gesegnet, sie verfluchen Ihn nun als Antwort auf seine Liebe (vgl. Ps 109,4).

Zweifellos war Pilatus überrascht, dass einer, der zur Gefahr für das allgemeine soziale Leben geworden war, von ihnen freigelassen werden wollte. Das hatte er nicht erwartet. Daher fragte er noch einmal nach, was mit Jesus geschehen solle. Er nennt Ihn ausdrücklich Christus, um ihnen noch einmal deutlich zu machen, dass es ihr eigener König war, den sie zum Tod am Kreuz verurteilten. Aber sie bestätigen nur ihre vorherige Aussage: „Er werde gekreuzigt!“

Nebenbei bemerkt stellt sich die von Pilatus aufgeworfene Frage früher oder später jedem Menschen. Was für eine Meinung hast du von Jesus? Was willst du mit Ihm anfangen in deinem Leben? Willst du Ihn auch (noch einmal) für dich ans Kreuz bringen (vgl. Heb 6,6) – oder willst du Ihn als Retter annehmen?

Von Mal zu Mal werden die Juden lauter und unbeherrschter. Ihre niedrigen Beweggründe führen sie dahin, durch Satan und gruppendynamische Prozesse angetrieben, den Herrn ans Kreuz bringen zu lassen. Zunächst sprachen sie, dann sagten sie alle, beim dritten Mal schrien sie übermäßig: „Er werde gekreuzigt!“ Was für ein Pöbel vor einem Herrn voller Würde!

Unschuldiges Blut – Blutschuld für die Nachfahren der Juden

Pilatus ist überrascht und überrollt durch diese Entwicklung der Ereignisse. Er erkannte, dass Widerstand gegen diesen Pöbel zwecklos war. Die einzig ruhige und würdevolle Gestalt in dieser entsetzlichen Szene ist die des Gefangenen. Im Grunde genommen versuchte Pilatus jetzt, sich vom Auftrag als Richter zurückzuziehen, um die Verantwortung dem Volk zuzuschieben. Aber das war unmöglich. Pilatus war vollständig überzeugt von der Unschuld des stummen Opfers, aber er war ein Feigling und handelte entsprechend. Seine Verantwortung aber konnte er damit nicht abschieben.

Als nun der Tumult entstanden war, wusste sich Pilatus nicht anders zu helfen, als durch eine bewusst eingesetzte äußere Geste das Volk zu beruhigen. Zugleich wollte er damit sein eigenes Gewissen beruhigen und darüber hinaus wieder Herr der Situation werden: Er wusch sich seine Hände, um damit deutlich zu machen, dass er schuldlos an dem Blut Jesus wäre. Damit glich er den heuchlerischen Führern der Juden. Sie hatten, als Judas zu ihnen kam, äußerlich Reinheitsgebote erfüllt, obwohl sie innerlich voller Bosheit waren. Er nun wäscht sich äußerlich die Hände, obwohl er in seinem Herzen wusste, dass er ungerecht handelte. Er nennt Christus ein letztes Mal unschuldig, indem er von Ihm als von dem Gerechten spricht. Er wäscht seine Hände, aber sein Gewissen kann er nicht reinwaschen.

Die Zeremonie des Händewaschens war keine römische Sitte, sondern von den Juden geborgt. Sie lehnte sich vielleicht an die Belehrung von 5. Mose 21,6 an. Die Ältesten einer Stadt, die einem in unbekannter Weise Erschlagenen am nächsten lag, sollten ihre Hände über einer geschlachteten Kuh waschen. David sprach einmal öffentlich von seiner Unschuld (2. Sam 3,28), und in Psalm 26,6 geht es direkt um das Waschen der Hände in Unschuld.

Pilatus ergänzte diese Symbolik durch ein Wort an die Juden: „Seht ihr zu.“ In Vers 4 hatten die Hohenpriester eine sehr ähnliche Formulierung zu Judas gebraucht. Auch jetzt unterstreichen diese Worte von Pilatus, dass er die Schuld an dem ungerechten Mord an Jesus auf andere abwälzen wollte. Wie konnte Pilatus glauben, so von seiner Verantwortung befreit zu sein? Kann ein Mensch Böses tun und sich selbst von der Verantwortung freisprechen für das, was er tut? Nein, das ist unmöglich.

Die Antwort der Juden ist furchtbar! Sie waren bereit, die Verantwortung für die Folgen der Ermordung Jesu auf sich zu nehmen. Aber nicht nur das. Sie lasten die Folgen dieser Tat allen nachfolgenden Generationen an. „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“ Das ist das Blut, das über das Volk ausgegossen wurde und wird, bis die souveräne Gnade Gottes einen kleinen Überrest zur Buße bringen wird. Dieser wird die Sünde empfinden, die begangen worden ist. Erst dann wird das Blut des Fluchs zu einem Blut der Sühnung werden – das ist die Erfüllung des Sühnungstages in prophetischer Hinsicht (vgl. 3. Mo 23,26 ff.).

Bis dahin aber lastet das Blut Jesu wie ein Fluch auf den Juden. Das ist die Erklärung der Leiden, die seither auf dieses Volk der Juden gefallen sind. Bis auf diesen Tag sind sie ihren Kindern durch Drangsale und Verfolgungen und Totschlag gefolgt. Das Furchtbare für dieses Volk wird sein – und wir kennen schlimme Monate unter einem Nazi-Regime! –: Es wird in der großen Drangsal noch viel schlimmer für sie kommen als das, was sie zum Beispiel im 3. Reich oder zu anderen Zeiten erdulden mussten (vgl. Mt 24,21).

Nur Matthäus spricht von dieser Verantwortungsübernahme der Juden. Er betont die Verantwortung der Juden für alle Folgen des Todes des Herrn. All die Grausamkeiten, welche die Juden seit dieser Kreuzigung erlebt haben, sind das Ergebnis dieses furchtbaren Ausspruchs. Auch wenn das heute als Antisemitismus abgestempelt werden mag, bleibt es doch die Wahrheit. Für das Volk Israel wird es erst dann wieder Frieden geben, wenn ihre Schuld abgetragen ist. Gott spricht durch den Propheten Jesaja prophetisch davon, dass sie aus der Hand des Herrn Zweifaches empfangen werden für alle ihre Sünden (vgl. Jes 40,1.2). Sie haben es sich selbst zuzuschreiben.

Die Verurteilung Jesu

Der Abschnitt endet mit den furchtbaren Worten: „Dann ließ er [Pilatus] ihnen Barabbas frei; Jesus aber ließ er geißeln und überlieferte ihn, damit er gekreuzigt würde.“ Der ungerechte Richter spricht dieses ungerechte Urteil aus und verurteilt Christus zum Tod, zum Tod am Kreuz.

Es war Ungerechtigkeit vonseiten der Juden und Heiden, die Jesus ans Kreuz brachte. Aber der Herr wurde nicht so sehr wegen des Zeugnisses der Menschen, sondern letztlich aufgrund seines eigenen verurteilt. Das Zeugnis der Menschen war nicht glaubwürdig (die Juden) oder freisprechend (Pilatus). Warum wurde unser Herr dann verurteilt? Er wurde hingerichtet, weil Er die Wahrheit sprach. Die Verurteilung wegen der Wahrheit haben wir schon bei Kajaphas gesehen. Auch in unserem Abschnitt lesen wir erneut davon, dass der Herr deswegen zum Tode verurteilt wird.

Damit wurde aber auch offenbar: Alles, was der Mensch versuchte, um den Herrn zu Fall zu bringen und zu verurteilen, stand auf tönernen Füßen. Es gab überhaupt keinen nachvollziehbaren Grund dafür, Ihn ans Kreuz zu bringen. Wie viele Zeugen hatten sie angeworben, aber diese konnten nichts bewirken. Diese bösen Menschen wollten Christus umbringen. Dazu war ihnen jedes Mittel recht. Wenn es nicht durch eigene Zeugen möglich war, dann dadurch, dass sie die Wahrheit Jesu zum Anlass dafür nahmen. Nur so schafften sie es, den Herrn der Herrlichkeit zu verurteilen. Sogar um Ihn zu töten, bedurfte es seines eigenen Zeugnisses.

Erste Folge der Verurteilung: Brutale Behandlung

Kaum ist der Herr verurteilt worden, werden wieder die Grausamkeiten an Ihm vorgenommen, die man schon in der Nacht im Hof des Hohenpriesters begonnen hatte. So zeigen diese Verse ein erschreckendes Bild des natürlichen Menschenherzens.

Der letzte Vers unseres Abschnitts ist zugleich eine Einleitung zu dem folgenden Thema, der Kreuzigung. Aus Johannes 19,1 wissen wir, dass die grausame Geißelung letztlich nicht am Ende der Gerichtssitzung vor Pilatus stattfand. Er hatte sie zwischendurch als ein Mittel eingesetzt, um Jesus doch noch freizukaufen. Der Statthalter hoffte, die Volksmengen dadurch günstig zu stimmen, dass er ihrem Willen teilweise entsprach. Er ließ Ihn geißeln, um den Menschen ein Schauspiel zu „schenken“. So hoffte er, ihren niederen Instinkten zu entsprechen, um Jesus danach nicht auch noch kreuzigen zu müssen. Aber dieser Plan ging schief. Matthäus geht es nicht um den genauen Ablauf des Verfahrens. Er spricht von der Geißelung am Ende des Verfahrens, weil sie geradezu den Höhepunkt der Ungerechtigkeit von Pilatus darstellt. Auf diese Weise wird das Herz des Menschen deutlich, wie er sich an dem wehrlosen Opfer auslässt. Im moralischen Sinn ist das passend für den Übergang zur Kreuzigung, einer noch brutaleren Folter.

Geißelung, Überlieferung, Kreuzigung

Für die Geißelung wurde der Verurteilte öffentlich entkleidet und in gebückter Haltung mit den Händen an einen Pfahl gebunden. Die Schläge erfolgten mit Lederpeitschen, die an den Enden mit scharfkantigen Knochen-, Bleistücken oder eisenhaltigen Haken beschwert waren. Diese wurden auf den straff gespannten, bloßen Rücken des zu Geißelnden geschlagen. Manchmal trafen die Schläge unabsichtlich – oder in erschreckender Rohheit bewusst so gelenkt – sogar Gesicht und Augen. Diese Strafe war so grässlich, dass das Opfer infolge der rasenden Schmerzen im Allgemeinen ohnmächtig wurde. Oft starben sie sogar schon an der Geißelung. Noch häufiger schickte man die so Gegeißelten anschließend fort, ohne ihnen die Möglichkeit einer ärztlichen Versorgung zu geben. Denn dann gingen sie an der sich einstellenden Wundinfektion oder nervlichen Erschöpfung zugrunde.

Das alles lässt uns ein wenig erahnen, was unser Retter hier erleben musste. Und doch kann keine Feder aufschreiben und keine Zunge aussprechen, was Er hier aus Liebe zu uns erduldete. Bedenken wir: Hier geht es nicht um die sühnenden Leiden. Durch diese Leiden der Geißelung wurde keine einzige Sünde hinweggetan. Die sühnenden Leiden waren noch viel schlimmer. Aber wie groß waren schon diese körperlichen Schmerzen Christi. Schlimm waren auch der Spott und der Hohn! Unser Herr hat die Verwerfung seiner Person als Messias und Herr tief empfunden. Jetzt waren seine Hände gebunden, der Rücken verbogen und gegeißelt, und Er darin ganz allein, verlassen von den Seinen.

Der satanische Hass gegen den Heiligen gab diesen Menschen die Kraft, diese furchtbaren Handlungen an Ihm auszuüben. Römische Schreiber sprechen von dem „Zwischentod“, weil das alles so furchtbar war. Es war der „Tod“, der dem Tod der Kreuzigung vorausging. Hier wurde sein heiliger Leib zu zerrissenem und blutendem Fleisch. Wer wollte darüber weiter sprechen, wo die Schrift alles in größter Zurückhaltung schildert? Ich zitiere daher an dieser Stelle nur noch zwei Schriftstellen, die uns einen gewissen Einblick in die Empfindungen unseres Retters geben: „Oftmals haben sie mich bedrängt von meiner Jugend an; dennoch haben sie mich nicht überwältigt. Pflüger haben auf meinem Rücken gepflügt, haben lang gezogen ihre Furchen“ (Ps 129,2.3). „Ich bot meinen Rücken den Schlagenden und meine Wangen den Raufenden, mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel“ (Jes 50,6).

Die Kreuzigung war in Rom nur für Sklaven vorgesehen. Wenn Freie dazu verurteilt wurden, so wurden sie vorher durch die Geißelung zu Sklaven erniedrigt. Das wurde dem Herrn der Herren, dem Schöpfer des Universums, der Mensch geworden ist, auferlegt. Was für ein Wunder der Gnade, dass Er das alles mit sich machen ließ.

Fußnoten

  • 1 Aus dem Johannesevangelium kennen wir drei Passahfeste: Joh 2,13.23; 6,4; 11,55 (12,1; 13,1; 18,28; 19,4). Lukas spricht in Kapitel 6,1 zudem von einem Passahfest, das Johannes nicht erwähnt (der zweiterste Sabbat wurde von dem Passahfest aus gerechnet). So haben wir insgesamt vier Passahfeiern während des öffentlichen Dienstes des Herrn. Wenn man dann davon ausgeht, dass der Herr in der Zeit des Laubhüttenfestes geboren wurde, hätte Er ziemlich genau dreieinhalb Jahre öffentlich gedient.
  • 2 Die Chronologie wird deutlich, wenn man sich Johannes 12 ansieht. Die Salbung wird nach Johannes 12,1 mit dem Kommen Jesu nach Bethanien verknüpft. Vers 9 zeigt, dass die Juden gemerkt haben, dass der Herr sich in Bethanien befand, woraufhin die Hohenpriester beratschlagten, „auch“ Lazarus zu töten. „Am folgenden Tag“ heißt es dann in Vers 12 – es handelt sich also um eine genaue Zeitangabe. Und damit verbindet sich der Einzug nach Jerusalem, der also geschichtlich nach der Salbung stattfand, auch wenn er in unserem Evangelium bereits in Kapitel 21 geschildert wird.
  • 3 Wer sich näher mit dem Passah beschäftigen möchte, kann dies mit folgendem Buch tun: Das Passah des Herrn, erschienen im Verlag CSV, Hückeswagen. Dort liest man zum Beispiel, dass die Begebenheit in Matthäus 26 (Mk 14; Lk 22) die siebte Passahfeier ist, von der Gottes Wort berichtet.
  • 4 Auf den Sonderfall von 1. Johannes 5,16, dass jemand eine Sünde zum Tod begangen hat, gehe ich an dieser Stelle nicht weiter ein. Hier gibt es kein Gebet für einen solchen Gläubigen.
  • 5 Dieser Ausdruck wird nur von Matthäus verwendet und kommt vor in Kapitel 20,13; 22,12; 26,50.
  • 6 Außerhalb der Schrift ist diese Sitte nicht weiter bezeugt. Einen zusätzlichen Hinweis benötigen wir als Gläubige auch nicht, weil wir Gott und seinem Wort vertrauen. Bemerkenswert ist, dass der Heilige Geist diese Gewohnheit in allen vier Evangelien hat niederschreiben lassen. An und für sich ist es nicht bekannt, dass Statthalter eine solche Macht innerhalb des Römischen Reiches besaßen, rechtmäßig Verurteilte einfach freizulassen. Daher ist anzunehmen, dass Pilatus hierzu eine Sondergenehmigung vonseiten des Römischen Kaisers erhalten hat.
  • 7 Allerdings muss man hinzufügen, dass „Jesus“ vor Barabbas nur schwach bezeugt ist.
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