Der Herr ist Rettung

Kapitel 2: Ein Blick in die Zukunft

Die Herrschaft des Herrn (Kapitel 2,1–4)

Die einleitenden Worte zur Botschaft von Jesaja 2 ähneln denen des ersten Kapitels, mit dem Unterschied, dass hier nicht von einem Gesicht, sondern von einem Wort die Rede ist, das der Prophet über Juda und Jerusalem geschaut hat.

Die Verse 2–4 gleichen fast wörtlich denen in Micha 4,1–3, und es gibt noch weitere Parallelen zwischen den beiden Propheten, 1 Bei aller Verschiedenheit (besonders in der Länge ihrer Botschaft) hatten doch beide ganz ähnliche Aufträge: das Volk Gottes vor dem Gericht zu warnen, aber auch Seine Barmherzigkeit und das Kommen des Messias anzukündigen.

„Am Ende der Tage“ (Vers 2) wird das Tausendjährige Friedensreich die Geschichte dieser Erde beschließen, bevor sie vor dem Angesicht des Richters auf dem großen weißen Thron entfliehen und zusammen mit den Werken auf ihr verbrennen wird (2. Pet 3,10; Off 20,11). In dieser wunderbaren Segenszeit während der Herrschaft Christi wird der „Berg des Hauses des herrn“, Jerusalem und der Tempel, hoch über alle übrigen Mächte erhaben sein, ja, alle Nationen werden dorthin strömen (5. Mo 26,19; Jes 66,23; Sach 14,16). Herrschaft und Rechtsprechung über die ganze Erde werden von Zion ausgehen, und die Worte im Gebet des Herrn werden in Erfüllung gehen: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf Erden“ (Mt 6,10).

Doch nicht nur Gerechtigkeit wird dann herrschen, sondern auch Frieden, der durch die einprägsamen, heute jedoch so oft missverstandenen und missbrauchten Worte angekündigt wird: „Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schmieden und ihre Speere zu Winzermessern“ (Vers 4). Kriege wird es während dieser tausend Jahre nicht geben. So wird sich die Weissagung des Patriarchen Jakob über Juda und seinen Erben in dem wahren „Schilo“ (hebr. der Friedenbringende, Ruheschaffende) erfüllen, dem die Völker gehorchen werden (1. Mo 49,10).

Der Zustand des Volkes (Kapitel 2,5–9)

Der Ausblick auf die herrliche Zukunft Israels und der Völker der Erde bewegt den Propheten, sein Volk dazu aufzurufen, sofort zu Gott umzukehren und im Licht des herrn zu wandeln (Vers 5). Dann wendet er sich unmittelbar an Gott (Vers 6). Er stellt fest, dass Er Sein Volk bereits verstoßen hat. Zwar machte Gott sich immer noch früh auf und sandte Seine Boten, woran besonders der Prophet Jeremia mehr als einmal erinnert (Jer 7,13), aber Er kannte das Ende von Anfang an. Zu eng waren die bösen Verstrickungen des Volkes nach Osten (Assyrien und Babel) und Westen (Philistäa). Das Volk, das abgesondert wohnen und nicht unter die Nationen gerechnet werden sollte (4. Mo 23,9), machte Gemeinschaft mit den Angehörigen fremder Völker.

Wie die Verse 7 und 8 zeigen, war der große Wohlstand, der wohl durch den Handel mit den Nachbarvölkern zustande gekommen war, der Weg, auf dem auch der Götzendienst Eingang gefunden hatte. Es gab nicht nur reichlich Silber und Gold sowie Pferde und Wagen im Land, sondern auch Götzenbilder, vor denen das Volk Gottes anbetete. Schon hier weist der Prophet auf die Lächerlichkeit hin, sich vor etwas, was man selbst fabriziert hat, anbetend niederzuwerfen, wie er es später noch einmal in höchst ironischer Weise tut (Kap. 44,9–20). Verschiedene der Könige, die ja eine Vorbildfunktion ausübten, missachteten Gottes Warnung vor zu vielen Pferden, Reichtum an Silber, Gold und auch Frauen, weil besonders die letzteren ihr Herz von der Nachfolge des herrn abwenden würden, was wir ja schon bei Salomo bestätigt finden (5. Mose 17,16f.).

Doch das Gericht über die Sünder stand bereits fest. Mensch (hebr. adam) und Mann (hebr. isch), der Niedrige wie der Hohe, sollten zu Boden geworfen werden und würden keine Vergebung von Seiten Gottes empfangen (Vers 9).

Der Tag des Herrn (Kapitel 2,10–22)

Die Verse 10 und 11 bilden den Übergang zum Folgenden, denn der Prophet spricht nun nicht mehr wie in den vorigen Versen zu Gott, aber auch nicht mehr allein zu Seinem irdischen Volk, sondern, wie die bereits in Vers 9 gebrauchten Bezeichnungen „Mensch“ und „Mann“ andeuten, zu den Menschen im Allgemeinen (vgl. Verse 11 und 17).

Einmal wird aller Hochmut und Stolz der Menschen ein Ende finden. Sie werden aufgefordert, sich vor dem Schrecken verbreitenden, majestätischen Kommen des herrn in Felsenklüften zu verstecken und sich bis in den Staub zu erniedrigen, denn „an jenem Tag“ wird nur noch Einer hoch erhaben sein: Gott.

„Jener Tag“ oder der „Tag des herrn“ wird schon im Alten Testament als Tag des Gerichts Gottes über die Welt angekündigt (Jes 13,6.9; Joel 1,15; 2,2). Doch für die, die den Namen Gottes fürchten, wird dann der Messias „die Sonne der Gerechtigkeit mit Heilung in ihren Flügeln“ sein (Mal 3,19.20).2

Dass der Herr Jesus der Kommende sein würde, konnte im Alten Testament noch nicht offenbart werden, wohl aber, dass es der Messias sein würde (vgl. Dan 2,44; 7,13 f.; Dan.; 9,24). Was für eine Tragik, dass der Herr Jesus, als Er in Niedrigkeit auf die Erde kam, von Seinem eigenen Volk nicht angenommen wurde (Joh 1,11)! Auch die Dauer und die volle Bedeutung dieses „Tages“ wird erst im Neuen Testament enthüllt. Er beginnt für die Gläubigen bereits im Himmel mit dem Richterstuhl Christi (2. Tim 4,8), für die Welt bei der Erscheinung Christi in Herrlichkeit mit allen Gläubigen und den Engeln Seiner Macht. Dabei ist das von den Propheten angekündigte Gericht das Erste. Dann erstreckt sich der Tag über die ganze Periode des Tausendjährigen Reiches. Der Ausdruck „Tag des Herrn“ will besagen, dass in dieser Zeit Gott in der Person seines Sohnes von der Welt anerkannt werden und alle Gewalt ausüben wird. Erst danach beginnt der ewige Zustand mit einer neuen Erde und neuen Himmeln (vgl. 2. Pet 3; Off 19,11–21,8). An „jenem Tag“ werden die Gläubigen, die zur Versammlung Gottes gehören, nicht mehr auf der Erde sein, sondern bereits längst ins Vaterhaus entrückt sein; alle hier und an anderen Stellen angekündigten Gerichte Gottes werden sie nicht mehr treffen (vgl. 1. Thes 4,13–5,8; 2. Thes 2; Off 3,10).

„Jener Tag“ ist ebenso wie die Entrückung, die wir erwarten dürfen, im Ratschluss des herrn festgelegt (Vers 12). Jeder, der sich nicht durch Buße und Glauben in der Erwartung des kommenden Messias gebeugt hat, wird dann zutiefst erniedrigt werden; niemand wird davon ausgenommen sein. Die Zedern des Libanon und die Eichen Basans sollen wohl sozial hoch gestellte Menschen bezeichnen (Vers 13; vgl. Sach 11,2), die hohen Berge und die erhabenen Hügel dagegen die Mächte dieser Welt (Vers 14; vgl. Ps 30,8; Sach 4,7), hohe Türme und feste Mauern sprechen vom Krieg (Vers 15), und Tarsis-Schiffe und kostbare Schauwerke von Handel und Kunst (Vers 16). In ähnlicher, aber noch ausführlicherer Weise wird in Offenbarung 18 beschrieben, wie durch den Fall Babylons das gesamte Weltsystem aus den Angeln gehoben wird.

Wie um alles nochmals zu bestätigen, werden in Vers 17 die Worte von Vers 11 wiederholt, ebenso in den Versen 19 und 21 die Aufforderung von Vers 10, wenn auch mit kleinen Unterschieden. Dazwischen stehen in lapidarer Kürze die Worte: „Und die Götzen werden ganz und gar verschwinden“ (Vers 18). Aus Angst vor dem Furcht erregenden Erscheinen Christi werden die Menschen die ihnen so heiligen und kostbaren Götzen den unreinen Tieren der Dunkelheit und der Nacht hinwerfen, aber es wird zu spät sein (Vers 20). Auch der Wunsch, sich zu verstecken, wird ihnen ebenso wenig helfen wie dem ersten Menschenpaar nach dem Sündenfall (1. Mo 3,8).

Wie gewaltig und erschreckend muss die Erscheinung des Sohnes des Menschen in Seiner Herrlichkeit für die Ungläubigen sein! Wie wunderbar dagegen unsere lebendige und glückselige Hoffnung, denselben Herrn als Heiland erwarten zu dürfen zum ewigen Leben!

Das Kapitel endet mit einer Warnung vor dem Vertrauen auf Menschen. Mit all seinem Verstand, seinem Wissen und Können und den Errungenschaften, auf die er so stolz ist, ist er doch nur ein kleines, nichtiges Geschöpf. Wie oft haben die Psalmdichter dies zum Ausdruck gebracht (Ps 90; 104,29)! Doch hier handelt es sich nicht um solche, die ihre Zuversicht auf Gott setzen, sondern um die, die weder den lebendigen und wahren Gott kennen noch Seinen Sohn, den „lebendig machenden Geist“, der „uns errettet vor dem kommenden Zorn“ (1. Kor 15,45; 1. Thes 1,10).

Fußnoten

  • 1 Außer einer Anzahl von Anklängen und gedanklichen Parallelen sind zu nennen: Jes 1,2 : Mich 1,2; Jes 8,17 : Mich 7,7; Jes 58,1 : Mich 3,8.
  • 2 Der Ausdruck „an jenem Tag“ bezeichnet in der prophetischen Spra­che Jesajas gewöhnlich die zukünftige Zeit, in der Gott sich wieder mit Seinem irdischen Volk beschäftigen wird, zunächst im Gericht, dann aber in Gnade und Herrlichkeit (Jes 2,11.17.20; 3,7.18; 4,1.2; 5,30; 7,18.20. 21.23; 10,20.27; 11,10.11; 12,1.4; 17,4.7.9; 19,16.18.19.21.23.24; 20,6; 22,8.12. 20.25; 23,15; 24,21; 25,9; 26,1; 27,1.2.12.13; 28,5; 29,18; 30,23; 31,7; 52,6. Der Ausdruck „Tag des Herrn“ kommt dagegen nur in Jes 13,6.9 vor.
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