Der Herr ist Rettung

Kapitel 1

Juda und Jerusalem

Gemäß dem Grundsatz Gottes, dass Sein Gericht bei Seinem Haus beginnt, werden auch im Buch des Propheten Jesaja die Ankündigungen der Gerichte über Sein Volk denjenigen über die Nationen vorangestellt (vgl. Hes 9,6; 1. Pet 4,17). Die ersten zwölf Kapitel dieses Buches zeigen uns daher die Beziehungen und die Wege Gottes mit Seinem irdischen Volk Israel, aber auch Sein Ziel: die Offenbarung des Messias in Herrlichkeit. Der Abschnitt endet mit einem Loblied.

Gottes Anklage gegen Juda und Jerusalem

Die Klage des HERRN (1,1–8)

Nach den einführenden Worten über die Person des Propheten und seine zeitliche Einordnung beginnt sofort in Vers 2 die Beschreibung dessen, was Gott Jesaja, dem Sohn des Amoz, in prophetischer Schau zu sehen gegeben hat. Zunächst spricht er jedoch noch nicht zu ihnen, sondern von ihnen. Wie einst Mose (5. Mo 32,1) ruft er Himmel und Erde zu Zeugen der Worte des HERRN (Jehova oder Jahwe) an, der die Angehörigen Seines Volkes als Kinder betrachtet, die Er erzogen hat, von denen Er jetzt aber feststellen muss, dass sie von Ihm abgefallen sind. Schon am Anfang seiner Geschichte hatte der Herr das Volk Seinen „erstgeborenen Sohn“ genannt, und die Kinder Israel betrachteten Ihn als Vater (2. Mo 4,22; vgl. Mal 1,6; 2,10), obwohl sie das Kindschaftsverhältnis, das auf den Glauben an den Herrn Jesus gegründet ist (Joh 1,12), noch nicht kannten.

Welch wehmütige Klage Gottes über Sein Volk enthalten die Worte in Vers 3: „Ein Ochse kennt seinen Besitzer und ein Esel die Krippe seines Herrn; Israel hat keine Erkenntnis, mein Volk hat kein Verständnis“! Sie benahmen sich schlimmer als Tiere, die zumindest ihren Besitzer und die Krippe ihres Herrn kennen.

Obgleich im ersten Vers Juda und Jerusalem als Adressaten der Prophetie Jesajas genannt werden, hat Gott doch immer Sein ganzes Volk Israel vor Augen. So auch hier. Auch geistlich gesinnte Menschen des Alten Testaments wie Elia und Esra verloren nie die Einheit des Volkes Israel aus den Augen, und sogar im Neuen Testament sprechen Paulus und Jakobus von „unserem zwölfstämmigen Volk“ und „den zwölf Stämmen“ (1. Kön 18,31; Esra 8,35; Apg 26,7; Jak 1,1). Wie viel mehr brauchen wir eine solche Sichtweise in unserer Zeit, wo die Glieder des einen Leibes Christi, der ja eine viel innigere Einheit darstellt, nicht nur wie Israel durch zwei, sondern durch zahllose christliche Gruppierungen getrennt sind!

Gottes Urteil kommt in dem Weheruf über Sein Volk in Vers 4 zum Ausdruck, dem die vierfache Beschreibung seines Zustandes folgt. Aus einer heiligen Nation (2. Mo 19,6) war eine sündige Nation geworden, anstatt Seines Eigentumsvolkes (5. Mo 14,2) waren sie ein Volk, beladen mit Ungerechtigkeit; aus dem Samen Abrahams, Isaaks und Jakobs war ein Same der Übeltäter geworden, und die Kinder des HERRN (5. Mo 14,1) waren verderbt handelnde Kinder geworden! Drei Handlungsweisen kennzeichneten außerdem ihr Verhalten: Sie hatten den HERRN verlassen, sie hatten den Heiligen Israels verschmäht und sie waren rückwärts gewichen. Die Worte und das Gesetz Gottes galten ihnen nichts mehr.

Der Titel „Heiliger Israels“ ist charakteristisch für das Buch Jesaja. Er kommt hier 25 Mal vor, darüber hinaus jedoch nur an wenigen Stellen 1. Mag das Volk sich auch mehr und mehr verunreinigen, Er bleibt sich treu, denn Er kann sich selbst nicht verleugnen, und Seine unmittelbare Umgebung gibt beständig Zeugnis von Seiner unveränderlichen Heiligkeit (vgl. Jes 6,3; Off 4,8).

Obwohl Gott besonders den König Ahas und das Volk wegen ihrer Treulosigkeit gedemütigt hatte, hatte dieser es mit seinem Abfall von Gott und seinem Götzendienst umso ärger getrieben (2. Chr 28,5.8.17–22). Warum sollte Gott Sein Volk dann noch mehr züchtigen, wenn es in seinem Abfall doch immer weiterging (Vers 5)?

Die „Diagnose“ des beschämenden Zustandes folgt in den Versen 5–7. Juda wird hier mit einem Menschen verglichen, der an Kopf und Herz krank ist und von der Fußsohle bis zum Scheitel keine gesunde Stelle mehr aufweist. Mit dem „Haupt“ ist hier wohl der König gemeint.

Die „Wunden und Striemen und frischen Schläge“, die nicht liebevoll und fachgerecht (nach damaliger Kenntnis, vgl. Lk 10,34) behandelt wurden, waren die Folgen der verheerenden Angriffe der Feinde Judas. Ihr Land war verwüstet, ihre Städte waren zerstört, und der Ertrag ihrer Felder wurde von Fremden geerntet und verzehrt. Die Feinde hatten sozusagen alles auf den Kopf gestellt. Der Herr hatte dies zugelassen, um Sein geliebtes Volk zu züchtigen und zur Umkehr zu bewegen. Doch es war vergeblich gewesen.

Einzig Jerusalem war bislang einigermaßen verschont geblieben, die Stadt, die hier mit dem Namen der von David eroberten Bergfestung „Zion“ benannt wird, der in ganz besonderer Weise an die Liebe Gottes zu ihr erinnert (2. Sam 5,7; Ps 2,6; 9,12.15). Doch das einst als „fest in sich geschlossene Stadt“ besungene Jerusalem, wo die „Throne zum Gericht, die Throne des Hauses Davids“ standen (Ps 122,5), wird jetzt mit einer Hütte im Weinberg und einer Nachthütte im Gurkenfeld verglichen, diesen notdürftigen Unterkünften, in denen die Landleute bei Tag und Nacht saßen und aufpassten, dass Tiere oder Fremde sich nicht über ihre kostbare Ernte hermachten (vgl. Hiob 27,18). Wenn Jerusalem auch noch nicht der Belagerung durch die Assyrer ausgesetzt war, so konnte es doch angesichts der immer weiter um sich greifenden Zerstörung der Umgebung mit einer „belagerten Stadt“ verglichen werden (Vers 8).

Wie wiederholen sich doch die Entwicklungen! Können wir die Beschreibung, die Juda betrifft, nicht auch auf die heutige Christenheit, ja, selbst auf den Zustand der wahren Gläubigen anwenden? Bewusster Abfall von Gott ist schrecklicher als die Verfinsterung derer, die Gott nie gekannt haben. Schon Petrus schrieb warnend: „Denn es wäre besser für sie, den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt zu haben, als, nachdem sie ihn erkannt haben, sich abzuwenden von dem ihnen überlieferten heiligen Gebot. Es ist ihnen aber nach dem wahren Sprichwort ergangen: Der Hund kehrte um zu seinem eigenen Gespei und die gewaschene Sau zum Wälzen im Kot“ (2. Pet 2,21 f.).

Ein schwaches Echo (Kapitel 1,9)

Die niederschmetternde Diagnose Gottes ruft ein schwaches, doch von wahrem Glauben getragenes Echo in Herz und Mund eines Überrestes hervor, der sich nicht seiner eigenen Treue rühmt, sondern alles der Barmherzigkeit Gottes zuschreibt: „Wenn der Herr der Heerscharen uns nicht einen kleinen Überrest gelassen hätte, wie Sodom wären wir, Gomorra gleich geworden.“ Wie mag diese Reaktion das Herz Gottes erfreut haben! Als sich Jahrhunderte später einige, die den HERRN fürchteten, miteinander unterredeten, merkte Er auf, und ein Gedenkbuch wurde geschrieben für die, die Ihn fürchten und Seinen Namen achten (Mal 3,16). Und auch heute noch durchlaufen Seine Augen die ganze Erde, um sich mächtig zu erweisen an denen, deren Herz ungeteilt auf Ihn gerichtet ist (2. Chr 16,9)! In der Zukunft wird dieser Vers, den Paulus in seiner „Abhandlung“ über Israel in Römer 9–11 zitiert, eine nochmalige, dann aber endgültige Erfüllung finden (Röm 9,29).

Die Sünden Sodoms und Gomorras werden an verschiedenen Stellen des Wortes Gottes genannt, ebenso wie das wohl bekannte Ende dieser gottlosen Städte unter dem schonungslosen Gericht Gottes (1. Mo 13,13; 19,23–25; Hes 16,49; Jud 7). Beides steht dem schwachen Überrest vor Augen, der mit Schaudern daran denkt, sich aber zugleich glaubensvoll in die Arme des mächtigen HERRN der Heerscharen (hebr. Jahwe Zebaoth) wirft.

Abscheulicher Gottesdienst (Kapitel 1,10–15)

Erst jetzt richtet Gott sich direkt an die verantwortlichen Vorsteher und das Volk, und zwar mit einem Appell, Sein Wort zu hören und auf Sein Gesetz zu achten. Wie schrecklich klingen aus Seinem Mund die Namen Sodom und Gomorra im Zusammenhang mit den Führern und Bewohnern Judas! Auch in der Zeit der Drangsal und der beiden treuen Zeugen Gottes wird Jerusalem nochmals „geistlicherweise Sodom und Ägypten“ genannt werden, „wo auch ihr Herr gekreuzigt wurde“ (Off 11,8).

In den folgenden Versen (11–15) lässt Gott den in Seinen Augen verabscheuungswürdigen formellen Gottesdienst des Volkes anprangern. Zwar hatte Er selbst die Vorschriften im Gesetz gegeben, aber diese waren völlig verfälscht worden. Ob es sich um die Darbringung der Opfer, das Räuchern des Fettes und die Sprengung des Blutes handelte oder um die Beachtung des Neumondes, des Sabbats und der Feste des HERRN, alles wurde äußerlich peinlich genau erfüllt, aber die Herzen der Menschen waren weit von Gott entfernt, und in ihrem täglichen Leben taten sie jedes nur mögliche Unrecht, bis hin zum Blutvergießen. Man wollte zwar religiös sein, zugleich aber alles tun, was einem behagte. Die Heuchelei, die einen äußerlich „korrekten“ Gottesdienst mit den schlimmsten Sünden verbinden zu können glaubt, ist Gott jedoch ein Gräuel (Vers 13). Deshalb kann Er auch die Gebete nicht erhören. Er sieht, dass die zu Ihm erhobenen Hände keine „heiligen Hände“ sind, sondern blutbefleckt (Vers 15; vgl. 1. Tim 2,8).

Ein Appell an Herz und Gewissen (Kapitel 1,16–20)

Jedes Mal, wenn die israelitischen Priester ihren Dienst im Heiligtum verrichteten, mussten sie zuvor ihre Hände und Füße waschen (2. Mo 30,17–21). Auch wenn jemand sich durch die Berührung einer Leiche verunreinigt hatte, musste das Wasser der Reinigung auf ihn gesprengt werden (4. Mo 19). Durch die Belehrungen des Neuen Testaments wissen wir, dass diese Reinigung eine symbolische Bedeutung hat und ein Bild der Reinigung des Herzens durch das Wasser des Wortes Gottes ist (Joh 15,3; Eph 5,26). Aber auch die Israeliten des Alten Bundes hatten bereits ein Verständnis davon, wie die Verse 16 und 17 sowie andere Stellen zeigen. David ruft in Ps 51,9: „Entsündige mich mit Ysop, und ich werde rein sein; wasche mich, und ich werde weißer sein als Schnee“ (vgl. Ps 26,6). Nur im Licht des Wortes Gottes wird Böses wirklich als solches offenbar, aber das Wort Gottes zeigt uns auch den Weg zur Reinigung durch das Bekenntnis unserer Sünden (Spr 28,13; 1. Joh 1,9). Dann ist der Weg frei, das Gute zu tun, das Recht zu suchen, den Bedrückten und Zurückgesetzten eine Hilfe zu sein (Vers 17).

Wenn Gottes Gerechtigkeit der alleinige Maßstab ist, kann niemand vor Ihm bestehen. Für den Sünder gilt zu allen Zeiten: „Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Heb 10,31). Deshalb ist der Appell des HERRN an Sein irdisches Volk: „Kommt denn und lasst uns miteinander rechten“ voller Gnade und Barmherzigkeit. Da, wo der Mensch wegen seiner Schuld nichts zu rechten hat, will und kann Er allein die Blutschuld in fleckenloses, reines Weiß verwandeln (Vers 18; vgl. Vers 15)!

Wenn Juda auf die liebevolle Stimme des HERRN gehört hätte und bereit gewesen wäre, mit seinen Sünden zu brechen, hätte es wieder den reichen Segen des verheißenen Landes Kanaan genießen können. Wenn es sich jedoch weigerte und weiterhin widerspenstig gegen seinen Gott wäre, würde es von seinen Feinden geschlagen werden und aufhören, als Gottes anerkanntes Volk im Land Kanaan zu wohnen. Gott lässt keinen Zweifel an dieser Voraussage zu. Sein Mund hatte durch den Propheten Jesaja geredet (Verse 19 und 20).

Das Läuterungsgericht (Kapitel 1,21–31)

Die Verse 21–23 enthalten eine Wehklage über die ehemals treue Stadt Jerusalem, die jetzt zur Hure geworden ist, d. h. sich dem Götzendienst ergeben hat. Der herr betrachtete Israel als Sein Weib, mit dem Er sich vermählt hatte (Jer 2,2; 3,1–10; Hes 16). Dadurch, dass dieses sich von Ihm ab- und den Götzen zuwandte, beging es geistliche Hurerei (5. Mo 31,16). Im Neuen Testament wird besonders Babylon, die Christenheit ohne Christus, wegen ihres Götzendienstes die große Hure genannt (Off 14,8; 17,1.2).

Früher wohnte Gerechtigkeit in Jerusalem (denken wir nur an Salomo), jetzt waren es Mörder. Die Fürsten, dargestellt in dem Silber, das zu Schlacken geworden, und dem edlen Wein, der mit Wasser verdünnt worden ist, übten kein Recht, sondern waren widerspenstig gegen die Gebote Gottes, umgaben sich mit Dieben und ließen sich bestechen, anstatt den unterdrückten Waisen und Witwen Recht zu verschaffen (vgl. Vers 17). Alles, was in Gottes Augen gut und richtig war, wurde missachtet und in sein Gegenteil verkehrt.

Doch es wird nicht immer so bleiben. Gott, der sich hier „der Herr, der herr der Heerscharen, der Mächtige Israels“ nennt, um Seine ganze Macht zu zeigen, spricht Sein Urteil aus (Vers 24). Dies geht weit über die Babylonische Gefangenschaft Judas hinaus und deutet auf die Endzeit 2 hin, die damit im einleitenden Kapitel dieses Prophetenbuches bereits Erwähnung findet. Die Widersacher und Feinde sind Menschen aus Seinem eigenen Volk, gegen die Er Seine Hand richten und sie im Schmelzofen läutern und mit Laugensalz reinigen wird. Dieser Vorgang des Silberschmelzens und -reinigens wird öfter in der Heiligen Schrift als Bild der Züchtigung und Strafe Gottes benutzt. Es ist ein ernstes, aber auch schönes Bild voll tiefer Belehrung, denn das Endergebnis ist nicht Vernichtung, sondern Läuterung! Schlacken und Blei werden entfernt, und das reine Silber, in der Schrift fast immer ein Bild der Erlösung, bleibt übrig (vgl. Sach 13,9; Mal 3,2).

Nach der großen Drangsal und dem Erscheinen Christi in Herrlichkeit wird Jerusalem die irdische Hauptstadt im Tausendjährigen Reich sein, der Mittelpunkt des Friedens und der Gerechtigkeit (Vers 26; vgl. Kap. 2,3; Sach 8,3). Doch bevor die Erlösung für Zion und den jetzt noch in der ganzen Welt zerstreuten, dann aber in das Land Israel zurückgekehrten Überrest des Volkes kommen wird, müssen sie das Gericht Gottes tragen (Vers 27). Alle diejenigen dagegen, die sich von Gott abwenden und dem Antichristen folgen werden, müssen umkommen (Vers 28).

Das Gericht über die ungläubigen Juden, das nach Sacharja 13,8 zwei Drittel des Volkes auslöschen wird, wird nun in dreierlei Weise beschrieben. Die Beschämung wegen der Terebinthen scheint auf den Götzendienst hinzuweisen, der unter diesen Bäumen getrieben wurde (vgl. Hes 6,13). Weder der Antichrist noch das Bild des Tieres wird ihnen helfen, wenn Gottes Gericht über sie kommen wird (Vers 29). Sie selbst werden einer welken Terebinthe und einem Garten ohne Wasser gleichen und damit die Folgen ihres Götzendienstes tragen (Vers 30). Die vermeintlich Starken und ihr Tun werden zusammen vergehen, wie Werg durch einen Funken entzündet wird und verbrennt. Das Feuer, das der „Starke“ durch sein Tun anzündet, kann weder er noch ein anderer löschen; es führt ihn ins ewige Verderben (Vers 31; vgl. Off 19,20.21).

Fußnoten

  • 1 Kap. 1,4; 5,19.24; 10,20; 12,6; 17,7; 29,19.23; 30,11.12.15; 31,1; 37,23; 41,14. 16.20; 43,3.14; 45,11; 47,4; 48,17; 49,7; 54,5; 55,5; 60,9.14; außerdem in den Worten Jesajas in 2. Kön 19,22.
  • 2 Unter „Endzeit“ verstehen wir die Zeit zwischen dem Kommen des Herrn Jesus zur Entrückung der Gläubigen und Seiner Erscheinung in Herrlichkeit zur Errichtung des Tausendjährigen Reiches.
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