Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Anhang zu Kapitel 13

Anhang: Zwei Auslegungslinien der Gleichnisse von Schatz, Perle, Fischernetz?

Am Schluss stellt sich der Leser der drei Gleichnisse und dieser Kommentare sicher die Frage: Ist es möglich, dass zwei so unterschiedliche Interpretationen dieser Gleichnisse beide wahr sein können? Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass Gott in alttestamentlichen Begebenheiten, die eine bildhafte Bedeutung für Christen beinhalten, einen gewissen Freiraum in der Übertragung zulässt. Das scheint mir auch auf Gleichnisse gelegentlich zuzutreffen. Gottes Wort ist zudem so vielschichtig. Gott ist nicht daran gebunden, nur eine Linie zuzulassen. Ob das auch für diese drei Gleichnisse gilt?

Unter den meisten vertrauenswürdigen Auslegern früherer und auch heutiger Zeit herrscht der Gedanke vor, dass die Gleichnisse vom Schatz, von der Perle und vom Netz über dieselbe Gruppe von Gläubigen – die Versammlung – sprechen, und nur darüber. Beispiele dieser Bibellehrer sind J. N. Darby, W. Kelly, F. B Hole, W. J. Hocking, C. Briem, A. Remmers usw. Daher nehmen wir diese Auslegung als Ausgangspunkt unserer weiteren Überlegungen. Wir stellen uns die Frage: Muss man das so sehen, oder gibt es stichhaltige Gründe, dass man diese drei Bilder zumindest auch als Hinweis auf drei verschiedene Gruppen von Gläubigen (Israel, Versammlung, Nationen) verstehen kann?

Kann der Schatz nur als Bild der einzelnen Erlösten heutiger Zeit gedeutet werden?

Als Argument für die erste Linie, dass es sich bei allen drei Gleichnissen um dieselbe Gruppe von Gläubigen, nämlich die Versammlung, handelt, werden eine Reihe von Argumenten angeführt. Mit diesen Hinweisen kann man die im Folgenden genannten Gedanken erwägen.

  1. Es gibt eine deutliche Einheit der Gleichnisse in Matthäus 13, die vom zweiten bis zum siebten reicht. Immer heißt es beispielsweise: „Das Reich der Himmel ist gleich …“. Daher muss in jedem der sechs Gleichnisse im Wesentlichen dieselbe Sache nur unter verschiedenen Blickwinkeln angedeutet werden. Eine Anwendung des Schatzes auf Israel und der Fische auf die Nationen durchbricht die einheitliche Gedankenführung dieser zusammengehörenden Abschnitte. Dann würde sich der Herr in vier Gleichnissen auf die christliche Zeit beziehen – in zweien aber plötzlich auf eine spätere Zeit.

    Bewertung: Tatsächlich ist diesen sechs Gleichnissen allen gemein, dass sie von dem „Königreich der Himmel“ handeln. Muss das heißen, dass sie alle von denselben Personengruppen handeln? Offenbar nicht! Denn in den Gleichnissen vom Unkraut im Acker, dem Senfkorn, dem Sauerteig gibt es jeweils mindestens zwei verschiedene Gruppen, von denen man liest:
    a) die Söhne des Reiches, die wirklich auch zur Versammlung Gottes gehören, und
    b) die Söhne des Bösen, die ewig verloren gehen.
    Auch im Gleichnis vom guten Samen auf dem Acker ist von einer Zeit die Rede, die weit über die christliche hinausgeht. Denn die Engel werden in einer Zeit im Gericht tätig werden (Vers 41), in der die Versammlung längst im Himmel sein wird.
    Spätestens beim letzten der sechs Gleichnisse findet wieder ein Bruch zu den beiden Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der Perle statt. Denn dort finden wir auf einmal, obwohl es um den inneren Wert des Reiches in der Versammlung gehen soll, schlechte Fische, die niemand der Versammlung zuordnen würde. Auch dort werden in der Erklärung die Engel wieder als Ausführende des Gerichts genannt (Vers 49) – und dann geht es erneut um die Drangsalszeit, die den Tag des Herrn in Macht und Herrlichkeit einleitet. Das zeigt, dass das Argument der Einheit der Gleichnisse in dieser Hinsicht auch bei der Auslegungslinie 1 nicht stringent durchgehalten werden kann.
    Man kann, wie die meisten Ausleger übereinstimmend sagen, in einer Kette von sieben Abschnitten immer wieder eine Aufteilung in 4+3 (oder 3+4) vornehmen. Man denke zum Beispiel an die sieben Feste des Herrn in 3. Mose 23. So ist klar, dass die letzten drei Abschnitte zusammengehören. Ist es angesichts der ebenfalls allgemein anerkannten Tatsache, dass wir in unserem Evangelium auch an anderer Stelle eine Aneinanderreihung von Israel, Versammlung und Nationen finden (vgl. z. B. Mt 14,14–36; Kapitel 24 und 25), nicht naheliegend, auch in Matthäus 13 eine Aufeinanderfolge von Israel, der Versammlung und den Nationen anzunehmen? Gerade Matthäus betont immer wieder die verschiedenen Arten der Regierungsformen Gottes (Gottes Wort nennt das auch „Verwaltung“) mit den Menschen, also die unterschiedlichen Dispensationen (Epochen, Haushaltungen). Ein solch systematischer Abschnitt wie Matthäus 13 lädt geradewegs dazu ein, diese drei wesentlichen Personengruppen der verschiedenen Epochen aufzuzählen, an denen der Herr ein besonderes Interesse hat. So wird deutlich, dass es in Verbindung mit dem Reich der Himmel „Neues und Altes“ gibt, Bekanntes und Unbekanntes (vgl. Vers 52).
    Es kommt noch hinzu, dass J. N. Darby selbst darauf verweist, dass der Herr in der Auslegung der Gleichnisse, die – wie wir gesehen haben – über das eigentliche Gleichnis hinausgeht, auf die zukünftige Gerichtszeit Bezug nimmt. Diese findet erst nach der Entrückung statt (1. Thes 4,13 ff.). Aber wenn der Herr selbst bei dieser Auslegung über die heutige Zeit hinausgeht, ist es dann so abwegig, dass auch einzelne Teile der Gleichnisse die nachchristliche Zeit betreffen? Wie bei dem Gleichnis vom Samen auf seinem Acker verbindet der Herr somit Zukunft und Gegenwart – Zeitalter und Vollendung. Das „Königreich der Himmel“ jedenfalls umfasst mehr als die heutige Zeit. So erscheint es zumindest nicht zwingend zu sein, bei den Fischen allein an die christliche Zeit zu denken.

  2. Israel und die gläubigen Heiden gehören nicht der heutigen Zeitperiode an, sondern eigentlich schon zu einer zukünftigen Haushaltung: zum Königreich des Sohnes des Menschen, wenn Er in Macht und Herrlichkeit zurückkommen wird.

    Bewertung: Tatsächlich ist es so, dass Israel und die Nationen nicht direkt etwas mit der heutigen Zeitrechnung zu tun haben. Aber es ist doch interessant, dass alle drei Bereiche – Israel, Versammlung und die Nationen – in 3. Mose 23 (Verse 15 ff. mit der Versammlung; Vers 22 mit den Nationen; Verse 23 ff. mit Israel) und in Matthäus 24.25 direkt miteinander verbunden werden. Warum aber sollte der Herr Jesus dann nicht in unserem Zusammenhang noch einmal diese drei Bereiche der Herrschaft und der Liebe des Herrn miteinander verbinden können?
    Wir sollten dabei bedenken, dass nach dem Tod und der Auferstehung des Herrn zunächst nur Gläubige aus den Juden mit dem Herrn in seinem Königreich verbunden waren – man spricht daher von einem jüdischen Überrest in dieser Anfangszeit. Dann sehen wir auch, dass die Keimzelle der Versammlung in der ersten Zeit der Apostelgeschichte gerade aus gläubigen Juden bestand. Und verbindet der Herr dies nicht in Matthäus 28 direkt mit den Nationen (Vers 19) – ohne dort allerdings einen Hinweis auf die Versammlung zu geben?

  3. Um Israel geht es in Matthäus 13 gerade nicht. Denn die Verwerfung des Messias durch die Juden in Kapitel 12 und die Verwerfung des Volkes durch den Herrn in Kapitel 13 macht ja gerade den Weg dafür frei, dass sich der Herr nun den Nationen zuwenden und damit seine Versammlung gründen kann. Das ist das Thema in Matthäus 13.

    Bewertung: Dieser Punkt ist auf den ersten Blick zutreffend. Aber sofort stellt sich für denjenigen, der ein Interesse an Israel hat, die folgende Frage: Wenn Israel soeben zur Seite gestellt worden ist – bleibt es denn für immer verworfen? Gibt es keine Zukunft für Israel? Und sofort gibt der Herr die Antwort: Doch! Auch sie sind in seinen Augen ein Schatz, zwar verborgen im Acker der Welt, wie es über viele Jahrhunderte nun schon ist, aber genauso reell wie die Perle. Passt dazu nicht gerade das Bild, dass der Herr trotz der Sünden und des Versagens dieses Volkes einen Schatz in diesen (künftigen) Gläubigen sah, die sich auf seine Seite stellen würden und das einmal in der Zukunft tun werden? In Wahrheit sind sie ein Schatz und nicht verloren für Ihn. Zudem hatte der Herr auch schon zuvor einen weiten Blick offenbart, als Er die Söhne des Königreiches mit dem 1.000-jährigen Reich verband und damit sicherlich auch die jüdischen Gläubigen aus der Drangsalszeit mit einschloss.

  4. Wo finden wir etwas davon, dass Israel mit einem „Geheimnis“ zu tun hat (Mt 13,11)? Oder wo gibt es Hinweise, dass die Belehrungen über die Nationen etwas mit einem Geheimnis zu tun haben?

    Bewertung: Hier geht es um das Argument, dass die Versammlung nach Epheser 3 und Römer 16 ein Geheimnis war, das heißt, dass im Alten Testament nichts von ihr offenbart worden ist. Nur durch die Offenbarung dieser Dinge an den Apostel Paulus wissen wir etwas von der Versammlung Gottes, die vorher im Herzen Gottes verborgen war (vgl. 1. Kor 2).
    Dies ist zunächst sicher ein zentrales Argument gegen die Auslegung, dass wir in diesen Abschnitten ein Bild von Israel, der Versammlung und den Nationen finden. Noch einmal sei jedoch die Gegenfrage erlaubt: Warum finden wir diese drei Gruppen dann doch in 3. Mose 23 und Matthäus 24.25 direkt miteinander verbunden? Auch dort müsste sonst eine deutliche Trennlinie gezogen werden – und gerade das finden wir nicht. Interessant ist auch, dass der Herr selbst in Matthäus 13,52 davon spricht, dass der Hausherr aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt. So verbindet der Herr in diesem Kapitel sowohl unbekannte als auch bekannte Dinge. Könnte dieser Hinweis nicht gerade im Blick auf die drei zuvor genannten Gleichnisse seine Berechtigung haben?
    Dann gibt es noch einen interessanten Hinweis in Römer 11. Dort spricht Gott durch den Apostel Paulus sogar in Verbindung mit Israel von einem Geheimnis: „Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist; und so wird ganz Israel errettet werden … hinsichtlich der Auswahl aber Geliebte, um der Väter willen“ (Verse 25–28). Hier lernen wir also etwas, wie es ein Ausleger ausdrückt, vom Geheimnis der Wiederherstellung Israels zum Herrn. Im Schatz sieht der Herr Jesus dann den gläubigen Überrest, der im wiederhergestellten, gläubigen Volk Israel aufgehen wird.
    Von einem Geheimnis ist in Verbindung mit dem letzten Gleichnis, wenn es von den Nationen sprechen sollte, nicht die Rede. Aber das behauptet ja auch niemand im Blick auf die „erste“ Auslegungslinie. Und wenn man die Ähnlichkeit mit dem Gleichnis vom Unkraut im Acker erkennt, erwartet man auch nicht notwendigerweise, dass mit der Menschengruppe „Nationen“ ein Geheimnis verbunden sein muss – das wird ja auch nicht im Blick auf die aufgesprosste Saat und Frucht (Vers 26) behauptet. Hier wendet sich der Herr Jesus sozusagen wieder einem für die Zuhörer bekannten Thema zu, dem Segen für die Nationen. Er stellt es in den Kontext von verschiedenen Gruppen von Gläubigen innerhalb des Königreichs der Himmel.

  5. Die Gleichnisse als solche sprechen an keiner Stelle über das, was zum Königreich des Sohnes des Menschen im 1000-jährigen Friedensreich gehört – und dazu gehört auch die Wiederherstellung Israels und die Einführung der gläubigen Heiden aus der großen Drangsal. Die Gleichnisse in Matthäus 13 haben nur Bezug zu dem Königreich der Himmel, wie wir es in der heutigen, christlichen Zeitepoche vorfinden. Daher können die Gleichnisse vom Schatz und von den Fischen und dem Netz nur Bezug zur Christenheit haben.

    Bewertung: Ich glaube nicht, dass eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Königreich der Himmel“ eine solch enge Definition notwendig macht. Wir hatten schon früher gesehen, dass dieser Ausdruck bis Kapitel 13 im Großen und Ganzen parallel gebraucht wird zu dem Ausdruck „Königreich Gottes“. Und wenn man Stellen wie Matthäus 7,21–23 nimmt, sieht man sehr deutlich, dass der Gedanke des Königreichs der Himmel durchaus die zukünftige Form des Reiches mit einbezieht. Er ist nicht nur auf die heutige Zeit anwendbar. Zumindest in den zusätzlichen Erklärungen Jesu wird dieses Reich auch in Kapitel 13 immer wieder erweitert auf die Zeit, in welcher der Herr Jesus hier auf der Erde sichtbar regieren wird. Und im Gleichnis vom Acker nennt der Herr sogar direkt die Zeit der Ernte, das Auflesen des Unkrauts und das Binden in Bündel, um es zu verbrennen (vgl. Vers 30). Unbestritten geht es dabei um eine auch für uns noch zukünftige Handlung.

  6. Weder das Judentum noch Israel selbst waren verborgene Schätze und es gab auch keine Verborgenheit des Königreichs (Mt 13,35.44).

    Bewertung: Tatsächlich finden wir keinen Hinweis darauf, dass das Volk Israel oder dass Juden mit einem Schatz verglichen werden, geschweige denn mit einem verborgenen. Aber finden wir einen zweiten Hinweis auf einen Schatz in Bezug auf die Versammlung? Wohl auch nicht. Insofern stellt Matthäus 13 eine gewisse Besonderheit dar. Es ist wahr, dass die von den Befürwortern der zweiten Auslegungslinie vorgebrachten Stellen aus 2. Mose 19 und Psalm 135 ebenfalls nicht direkt von einem Schatz sprechen. Sie sind also kein ausreichender Hinweis dafür, dass mit dem Schatz das gläubige Israel gemeint ist.
    Was hat es mit der „Verborgenheit“ auf sich? Dazu muss zunächst geklärt werden, wie lange die zweite Verborgenheit des Schatzes anhielt. In Vers 40 lesen wir, dass der Schatz im Acker verborgen war und dann von dem Menschen, der den Schatz findet, noch einmal verborgen wird. Nun kann man zweifellos im Sinn der ersten Auslegungslinie argumentieren, dass der Schatz das zweite Mal nur bis zum Tod und der Auferstehung des Herrn verborgen war. Gerade im Johannesevangelium lesen wir mehrfach, dass der Herr Jesus hinging (Joh 8,21.22; 13,36 usw.). Dieses Hingehen bezieht sich auf seinen Tod und seine Auferstehung.

    Im Text des Gleichnisses aber finden wir keinen Hinweis darauf, wie lange genau diese zweite Verborgenheit andauerte bzw. wann genau sie aufhört. So steht mit dem Wortlaut dieses Gleichnisses ebenfalls im Einklang, dass diese Verborgenheit auch heute noch zutrifft. Tatsächlich ist bis heute kein gläubiges Volk Israel vorhanden – und dass es ein solches wieder geben wird, wird erst sichtbar werden, wenn sich der gläubige Überrest bilden wird, um dann als „ganz Israel“ gerettet zu werden (vgl. Röm 11,26). Aber so, wie es die Perle zu Lebzeiten des Herrn noch nicht gab, sah Er damals und sieht Er heute schon sein kommendes, gläubiges Volk als Frucht der Mühsal seiner Seele (vgl. Jes 53,11), auch wenn das Volk heute noch im Unglauben zerstreut und verborgen ist unter den Völkern – sowohl als Personen als auch in moralischer Hinsicht, weil nichts von wahrer, Gott gewollter Gottesfurcht zu sehen ist.
    Der Acker ist die Welt. Unter Welt (Mt 13,38) ist jedoch nicht das böse System unter Führung Satans zu verstehen, was moralisch verderbt ist. Es handelt sich um den irdischen Charakter der Welt, um die Schöpfung. Sonst könnte diese Welt nicht „sein Acker“ (Mt 13,24) genannt werden. Und gerade Israel ist Teil der Erde (vgl. Mt 2,6 – Land und Erde sind im Griechischen dasselbe Wort; Off 13,11), des Bereichs, mit dem Gott eine Beziehung besaß. Die Erlösten der Gnadenzeit dagegen kommen aus dem Meer, dem See der Völker (vgl. Eph 2,1.2.12). Sie hatten keine Beziehung zu Gott und gehören in diesem Sinn nicht der Erde und dem Land an wie Israel, die ein Bürgerrecht hatten und sich auf Bündnisse berufen konnten (vgl. Eph 2,12.13). Sie waren fern. Hinzu kommt, dass der Erlöste der Gnadenzeit himmlischen und nicht irdischen Charakter hat.

  7. Israel war und ist nicht verborgen, sondern zerstreut unter die Nationen (Mt 13,44).

    Bewertung: Das ist richtig. Aber wenn man sich den Ausdruck „verborgen“ anschaut, findet man schon in diesem Kapitel 13 einen deutlichen Hinweis, dass man ihn nicht zu eng verwenden sollte. Denn der Sauerteig wurde [wörtlich] „verborgen“ unter drei Maß Mehl. Soll damit betont werden, dass er dort unsichtbar war? Nein, der Gedanke scheint einfach zu sein, dass der Sauerteig verteilt wurde in diese drei Maß Mehl und das ganze System prägt, auch wenn es einen anderen, positiven (christlichen) Namen trägt. Das finden wir auch beim Volk Israel. Es wurde verteilt, eben zerstreut in dieser Welt unter die Völker.
    Ist es nicht auch interessant, dass wir hier nichts davon lesen, dass der Schatz gehoben wird? Der Schatz war verborgen und wurde wieder verborgen. Das ist exakt das, was mit Israel passiert ist. Der Herr hat auch das Volk Israel erlöst (Mt 1,21), aber es bleibt für eine lange Zeit noch in dieser Welt verborgen und zerstreut. Es ist nicht nur zerstreut, sondern nicht einmal das Volk selbst weiß von seiner (künftigen) Erlösung, deren Grundlage am Kreuz Golgathas gelegt wurde. Hinzu kommt, dass zur Zeit Jesu nur noch ein Teil von Juda und Benjamin bekannt war – wo die übrigen 10 Stämme sind, wusste damals niemand – und es ist bis heute eine wirkliche „Verborgenheit“. Wir wissen es schlicht nicht, wo sich diese Stämme überall befinden.
    Diejenigen, die im Schatz nur die Erlösten sehen, die zur Versammlung gehören, bereiten sich mit diesem Argument allerdings selbst ein Problem. Denn (mit Recht) sehen sie in dem Schatz die Erlösten in ihren Einzelpersönlichkeiten, während sie in der Perle die Versammlung als Gesamtheit ansehen. Nun stellt sich die Frage: Auf was bezieht sich im Neuen Testament das Geheimnis – auf die Erlösten, oder auf die Versammlung in ihrer Einheit? Die Antwort ist deutlich: auf die Gesamtheit. Stellen wie Römer 16,25.26, Epheser 3,4.5.9 und Kolosser 1,26; 2,2.3 beziehen sich auf die Versammlung insgesamt, nicht auf den Einzelnen. Im Blick auf die Perle wird jedoch nicht von einer „verborgenen“ Perle gesprochen, die wieder „verborgen“ würde – diesen Hinweis benutzt der Herr allein für den Schatz im Acker.
    Und tatsächlich ist die Verwerfung Israels in gewisser Hinsicht eine Verborgenheit. Könnten wir anders erklären, dass die Jünger bis zur Himmelfahrt des Herrn, letztlich bis zum Kommen des Geistes Gottes immer noch mit der öffentlichen Aufrichtung des Königreiches rechneten? Wenn jemand die Verwerfung aus den alttestamentlichen Schriften erkannt hätte, dann die gottesfürchtigen Juden, wozu die elf Jünger zweifellos gehörten. Nein, es war ihnen wirklich verborgen (vgl. dazu Mich 4,14–5,2; Jes 8,14–18; Sach 11,7–14).
    Eines ist jedenfalls klar: Die Gläubigen der Gnadenzeit sind in dieser Welt nicht „verborgen“ – sonst könnten sie nicht von dieser verfolgt werden (vgl. Joh 15,18; 2. Tim 3,12). Sie sollen ja gerade als Lichter deutlich machen, dass sie etwas besitzen, was diese Welt nicht kennt. Nein, verborgen ist heute, dass Gott für sein irdisches Volk noch eine Zukunft hat – dass es für Ihn einen Schatz darstellt, den niemand vermutet.

  8. Der Herr musste Israel auch nicht „finden“ – denn Er kam ja ausdrücklich, um sein Volk zu erretten (Mt 1,21; 13,44).

    Bewertung: Das ist zweifellos wahr. Aber hat der Herr die Gläubigen der Versammlung „gefunden“? Hat Er sie nicht schon vor Grundlegung der Welt persönlich auserwählt (Eph 1,4)? Das passt noch viel weniger zu der vom Herrn gewählten Ausdrucksweise. Ohnehin steht dort nicht, dass Er den Schatz „zufällig“ gefunden habe.11 Interessanterweise ist bei der Perle von einem „Suchen“ des Kaufmanns die Rede. Was suchte der Herr? Er suchte auf der Erde Menschen (oder eine Gemeinschaft von Menschen), die wirklich wertvoll für Ihn, für seinen Vater, waren. Er fand niemand, nicht einen einzigen, der diesem Wunsch entsprach. So musste Er selbst etwas „bilden“ (die Perle). Sie bestand im Ratschluss Gottes „vor Grundlegung der Welt“ – so konnte Christus sie „finden“, auch wenn sie noch gar nicht zu seinen Lebzeiten auf der Erde bestand.
    Tatsächlich hat der Herr angesichts des Unglaubens des Volkes bei einzelnen Juden Glauben „gefunden“ (vgl. Mt 8,10; 18,13; Joh 1,43; 5,14; 9,35). Aber weil Er diesen Schatz wegen des Unglaubens des Volkes insgesamt noch nicht heben konnte, erwarb Er zuerst den Acker – die Welt, um diesen Schatz nicht zu verlieren. Er wird ihn wieder aus der Erde holen, wenn die Zeit dafür gekommen ist.

  9. Der Herr brauchte nichts aufzugeben, um Israel zu besitzen. Ihm gehörte das Volk ja bereits (vgl. 2. Mo 19,5; Ps 135,4; Mt 13,44). Er kam in das „Seinige“.

    Bewertung: Tatsächlich war das Volk Israel das Eigentum des Herrn. Und deshalb lesen wir davon, dass Er in das Seine kam, sie Ihn jedoch nicht annahmen. Aber gilt dasselbe nicht für alle Menschen? Nicht von ungefähr heißt es in Johannes 1,10, bevor der Geist Gottes von Israel spricht: „Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht.“ Mit anderen Worten: Wenn der Herr Israel nicht aufgeben muss, wie J. N. Darby schreibt, um es zu besitzen, weil es sein Volk und Erbteil in dieser Welt war – das Seinige –, dann gilt das genauso für jeden anderen Menschen. Denn wir alle sind seine Geschöpfe und gehören Ihm in diesem Sinn.
    Aber sind nicht die Juden Ihm genauso „davongelaufen“, wie sich jeder natürliche Mensch von Ihm losgesagt hat (vgl. Eph 2,1–3.5.11–13)? Sie haben Ihn verlassen und sich einem anderen Herrn unterworfen. „Ihr seid aus dem Vater, dem Teufel“, sagt der Herr Jesus einmal zu den Juden (Joh 8,44). Sie hatten sich von Gott losgesagt.
    Diesen Punkt beschreibt der Prophet Jesaja im Bild einer Witwe (vgl. Jes 54). Die Braut Israel hatte den Bund mit Gott, ihrem Mann, gebrochen, und sich von Ihm losgesagt. Sie war zu einer Witwe geworden. Aber Gott erbarmt sich seines Volkes. „Fürchte dich nicht, denn du wirst nicht beschämt werden, und schäme dich nicht, denn du wirst nicht zuschanden werden; sondern du wirst die Schmach deiner Jugend vergessen und dich an die Schande deiner Witwenschaft nicht mehr erinnern. Denn der dich gemacht hat, ist dein Mann – Herr der Heerscharen ist sein Name –, der Heilige Israels ist dein Erlöser: Er wird der Gott der ganzen Erde genannt werden“ (Jes 54,4.5).
    Ist es nicht interessant, dass hier von Gott als dem gesprochen wird, der Israel gemacht hat, dem also das Volk gehörte. Und dennoch war jegliche Beziehung zerstört – Israel war eine Witwe geworden. Aber Gott würde das Volk wieder neu „erwerben“ und sich ihm zuwenden. Und in dieser Verbindung nennt sich der Herr „der Gott der ganzen Erde“, so wie wir in Matthäus 13 finden, dass der Herr Jesus den ganzen Acker, die Welt, erworben hat. Es ist sicher auch nicht von ungefähr, dass nicht Paulus in einem Brief an eine Versammlung, sondern Petrus in seinem Brief an Gläubige aus den Juden davon spricht, dass diese Menschen, die Verderben bringende Sekten einführen, von dem Herrn Jesus „erkauft“ worden sind (2. Pet 2,2). Denn dem Herrn gehörten als Schöpfer alle Menschen (übrigens auch die Heiligen, die alle zur Versammlung Gottes gehören – auf sie trifft dieses „Gegenargument“ also in gleicher Weise zu). Aber weil Satan sie Gott durch Anmaßung geraubt hat, musste der Herr durch seinen Tod auf neue Weise seinen Anspruch geltend machen (vgl. Heb 2,14.15).
    Schließlich sei noch auf den Propheten Hosea hingewiesen. Dieser musste eine Prostituierte heiraten (vgl. Hos 1,2). Diese Frau wendet sich von Hosea ab, nachdem sie eine Reihe von Kindern geboren hat, die durch ihren Namen deutlich machen, dass Gott keine Ansprüche mehr für dieses Volk geltend macht: Lo-Ruchama (Nicht-Erbarmen) und Lo-Ammi (Nicht-mein-Volk). Und dann lesen wir in Kapitel 3 auf einmal, dass der Prophet wieder eine Prostituierte nehmen soll. Die wohl keine andere ist als die Frau aus Kapitel 1. „Und ich kaufte sie mir für fünfzehn Sekel Silber und einen Homer Gerste und einen Letech Gerste.“ Das ist ein Bild davon, dass der Herr sein Volk „zurückkaufen“ musste. Ist das nicht exakt das, was wir vom Schatz im Acker lesen?

  10. Wenn der Herr wiederkommt, wird Er Israel annehmen, um dadurch auch die ganze Welt zu besitzen. Aber auf keine Weise hat der Herr die Welt in Besitz genommen, um dadurch Israel zu besitzen (Mt 13,44).

    Bewertung: Es ist wahr, dass wir keinen direkten Hinweis darauf finden. Aber gilt das umgekehrt nicht auch für die Versammlung? 2. Petrus 2 ist sicher kein Hinweis dafür, dass der Herr Jesus die Welt kaufte, um die Versammlung im Sinn von allen einzelnen Erlösten zu besitzen – und richtet sich Petrus nicht an Gläubige aus dem Judentum? Auch in Johannes 17,2 steht nicht, dass der Herr das Recht über alles Fleisch „gekauft“ hätte, sondern der Vater hat Ihm diese Gewalt „geschenkt“, damit Er den Erlösten der Gnadenzeit ewiges Leben schenken könnte.
    Jesaja 54 habe ich schon in Verbindung mit Israel angeführt. Es gibt noch einen weiteren, schönen Hinweis: In 1. Mose 23 lesen wir, dass Abraham ein Feld erwirbt, um seine Frau Sara zu begraben. Für Sara kauft Er nicht nur die Grabstätte, sondern ein ganzes Feld (vgl. Vers 11) – ein Teil davon war der Platz für die Höhle (vgl. auch 1. Mo 50,13). Sara ist ein Bild von Israel. Ist sie nicht bis heute in diesem Feld – in der Welt – verborgen? Aber sie wird einmal auferstehen. Und dann kommt der Zeitpunkt, wo der Schatz vom Herrn „gehoben“ wird und die Menschen in dieser Welt sehen werden, was für einen Schatz Er in den Gläubigen seines irdischen Volkes Israel besitzt. Natürlich hat Abraham Sara dort nicht „gefunden“. Aber wie war es bei Jakob im Blick auf Rahel? Musste Er nicht, nachdem er Rahel gefunden hatte, erst Lea „erwerben“, um auch Rahel besitzen zu können?
    Kann man nicht ebenfalls aus diesem Kauf des „Ackers“ erkennen, dass der Herr eben nicht nur für Israel gekommen ist, sondern auch noch andere Familien aus diesem Acker erwerben wollte? Auch wenn Christus für sein irdisches Volk gekommen ist, so gibt es doch noch die Versammlung (Perle), die Nationen (Fische) und manche anderen Familien (vgl. Eph 3,15), für die Jesus sein Leben hingegeben hat. Es steht ja nicht in dem Text, dass der Mensch den Acker kauft, um allein den Schatz zu erwerben. Aber der Herr wollte nicht allein Israel (oder die Versammlung) erwerben. Er hat noch viele andere, die Er nur erwerben konnte, wenn er auch den gesamten Acker kaufte, d h. wenn seine Hingabe am Kreuz auch eine Einladung an alle Menschen darstellte.
    Es gibt noch ein weiteres, bemerkenswertes Wort zu diesem Thema. In unserem Evangelium lesen wir, dass der Teufel dem Herrn „alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit“ anbietet (Mt 4,8.9). Der Herr stellt hier diesen Besitzanspruch Satans nicht in Frage. Aber Er konnte dieses Angebot des großen Widersachers nicht annehmen, weil Er nichts für sich suchte, sondern den Schatz erwerben wollte. Dazu musste Er dem Teufel den Besitz des Ackers wegnehmen – durch den Tod (Heb 2,14.15). Dadurch bekam Er auch den Schatz.

Kann der Schatz (nur) ein Bild von Israel darstellen?

Im Folgenden möchte ich noch einige Argumente beleuchten, die von Befürwortern der zweiten Auslegungslinie im Hinblick auf den Schatz im Acker vorgebracht werden. Diese Punkte der Bibellehrer wie F. W. Grant, A. C. Gaebelein, S. Ridout, H. A. Ironside, L. M. Grant, usw. sollen unterstreichen, dass es sich beim Schatz im Acker um ein Bild vom gläubigen Israel handeln kann. In einem zweiten Schritt versuche ich, diese Argumente zu bewerten.

  1. Warum sollten zwei sehr ähnliche Gleichnisse über dieselbe Sache nebeneinander gestellt werden? Tatsächlich stehen die beiden Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der Perle in einem echten Kontrast zueinander.

    Bewertung: Es ist Frage der persönlichen Einschätzung, ob man zwei sehr ähnliche Gleichnisse vor allem als Wiederholung oder als hilfreiche Ergänzung in Bezug auf die Punkte versteht, in denen sie sich unterscheiden. Es ist jedenfalls klar, dass wir gerade in den Evangelien immer wieder sogenannte Doppelgleichnisse finden, die einen bestimmten Punkt von unterschiedlichen Blickwinkeln aus betrachten. Inwiefern es in diesem Fall Sinn ergibt, die Versammlung zunächst im Hinblick auf den einzelnen Gläubigen (Schatz) und dann im Hinblick auf den kollektiven Wert (Perle) zu betrachten, kann man nicht abschließend bewerten. Wir müssen bedenken, dass Gott ein besonderes Ziel mit dieser Zusammenstellung verfolgt.
    Wir finden in 1. Korinther 12 den Gedanken der Einheit und den der Verschiedenartigkeit miteinander verbunden. In Matthäus 13 geht es im Gleichnis der Perle zwar um Einheit, bei dem Schatz aber durchaus nicht um Verschiedenartigkeit. Die einzelnen Teile des Schatzes könnten daher genauso gut ein Hinweis auf die zwölf Stämme Israels sein, wie sie die vielen, einzelnen Gläubigen darstellen könnten.

    Dabei darf man allerdings nicht übersehen, dass es auch bei der Versammlung neben der korporativen Seite eine persönliche gibt, die sogar der gemeinschaftlichen vorausgeht (Epheser 1–2,10, wo es bis auf eine Ausnahme um die persönlichen Segnungen geht, steht vor Epheser 2,11 ff.). Insofern passt die Reihenfolge der beiden Gleichnisse vom Schatz (persönliche Seite) und von der Perle (gemeinschaftliche Seite) zum Aufbau im Epheserbrief.

    Wenn man dagegen den Kontrast betont, sieht man die einzelnen Stämme und Personen Israels im Schatz, die eine Herde, den einen Leib in der Perle. Es ist jedenfalls klar, dass der Gedanke der Einheit typisch für die Versammlung steht (ein Leib), während beim Volk Israel immer das Symbol der zwölf Stämme (auch in den Schaubroten, in den zwölf Steinen der Altäre) aufrechterhalten werden – das passt dann besser auf den Schatz.

    An diesem Punkt sieht man, dass beide Gedankenlinien Sinn ergeben.

  2. Wenn die Perle den himmlischen Charakter der Versammlung vorstellt, liegt beim Schatz sicher der Schwerpunkt auf einem irdischen Volk, das aufgrund des Hinweises über den Acker, der die Welt darstellt, nur das Volk Israel sein kann.

    Bewertung: Wir wissen aus dem Neuen Testament, dass der Charakter der Versammlung Gottes himmlisch ist. Sie hat eine himmlische Berufung, ein himmlisches Ziel, einen himmlischen Herrn usw. Israel wird im Unterschied zur Versammlung seinen künftigen Wohnort hier auf der Erde haben, mit einem Messias in der Mitte, der über die Erde herrschen wird. Zwar wird bei der Perle, die übereinstimmend als Bild der Versammlung angesehen wird, nicht weiter von der himmlischen Stellung gesprochen. Aber durch ihre Herkunft hat sie auch keine direkte Verbindung mit der Erde. Das Meer als Symbol der Nationen (Off 17,1.2; 13,1) passt zur Versammlung, die aus allen Nationen inklusive Israel herausgenommen wurde. Israel dagegen kommt aus dem Bereich befestigter Beziehungen zu Gott (die Erde). So passt der Schatz sehr gut zu diesem Hinweis auf die Erde, denn das wahre, gläubige Israel war verborgen im Acker, im Bereich dessen, was mit Israel insgesamt zu tun hat.
    Muss das so sein? Wie immer ist es nicht ganz leicht, die wesentlichen Teile, die aus dem Gleichnis wirklich übertragen werden müssen, zu identifizieren. Denn Gleichnisse sind dadurch geprägt, dass sie eine Hauptlinie verfolgen und dass man nicht jede Einzelheit auslegen und übertragen darf, weil man sonst zu falschen Schlüssen kommen kann. Ausleger weisen darauf hin, dass es in diesen Gleichnissen einfach nicht um die Frage von himmlischem bzw. irdischem Charakter geht. Da die Perle die Frage himmlischen Ursprungs etc. nicht aufgreift, muss man auch diesen Punkt letztlich offen lassen.

  3. Israel hat den König verworfen. Das Königreich, was Israel betrifft, hat so eine verborgene Form angenommen – es ist heute nicht sichtbar. Hinzu kommt, dass die zeitliche Verschiebung des im Alten Testament über Israel verheißenen Segens selbst eine der Verborgenheiten des Königreichs ist (vgl. Röm 11,25).

    Bewertung: Tatsächlich ist die Verwerfung Israels nach dem Kommen des Messias eine Sache, die selbst die Jünger bis zum Schluss nicht verstehen konnten. So ist dies ein Hinweis auf eine gewisse Verborgenheit (vgl. z. B. Jes 8,14–18). Die Frage, die man sich allerdings stellen muss, ist, inwiefern diese Art von Geheimnis mit den Geheimnissen des Königreichs zu verbinden ist.

  4. Israel wurde im Alten Testament von Gott als ein Schatz, ein besonderes Eigentum, betrachtet (vgl. 2. Mo 19,5; Ps 135,4).

    Bewertung: Das ist ein schwieriger Punkt. Denn in den beiden genannten Stellen (2. Mo 19,5; Ps 135,4) wird in der Elberfelder Übersetzung (CSV) nicht die Vokabel „Schatz“, sondern Eigentum verwendet. Insofern muss diese Analogie, wenn sie denn eine ist, mit Vorsicht betrachtet werden.12 Es ist allerdings interessant, dass „The Dictionary of Classical Hebrew“ für dieses Wort (Segulah) angibt: Possession, prized treasure, private accumulation von Israel als Jahwes Besitz. Hier wird also Schatz durchaus als eine Übersetzungsmöglichkeit gesehen. Es gibt in diesem Zusammenhang allerdings eine schöne Stelle, die den Gedanken des Eigentums aufgreift: „Da unterredeten sich miteinander, die den Herrn fürchten, und der Herr merkte auf und hörte; und ein Gedenkbuch wurde vor ihm geschrieben für die, die den Herrn fürchten und die seinen Namen achten. Und sie werden mir, spricht der Herr der Heerscharen, zum Eigentum sein an dem Tag, den ich machen werden; und ich werde sie verschonen, wie ein Mann seinen Sohn verschont, der ihm dient. Und ihr werdet wieder den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Gottlosen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient“ (Mal 3,16–18). Die Gläubigen werden wie ein besonderer Blickpunkt – Schatz? – des Herrn betrachtet. Und verbunden wird das mit dem Hinweis, den wir zweimal in Matthäus 13 finden, dass der Herr eine Unterscheidung zwischen den Gerechten und den Gottlosen macht.

  5. Als der Herr Jesus auf diese Erde kam, war sein „Schatz“ verborgen im Acker der Welt, zerstreut unter die Völker. Der Herr entdeckte die Gläubigen seines Volkes, konnte sie aber erst besitzen, nachdem Er für sein Volk gestorben war.

    Bewertung: Muss oder kann man Zerstreuung mit Verborgenheit verbinden? Wir haben schon weiter oben gesehen, dass das Verbergen (vgl. Mt 13,33.44) in unterschiedlicher Weise in diesem Kapitel verwendet wird. Es ist und bleibt eine Frage geistlicher Einschätzung. Es kommt noch hinzu, dass man bei der „Verborgenheit“ im Acker und dem Suchen des Menschen in der Übertragung an ein moralisches Suchen denken muss. Denn Israel hatte sich ganz von Gott entfernt – wo war es geistlich „geblieben“?

  6. Der Herr musste den ganzen Acker kaufen, um einmal in der ganzen Welt sichtbar machen zu können, dass Israel sein Schatz ist.

    Bewertung: Diese Bibellehrer meinen mit diesem Punkt wohl, dass der Herr Jesus dadurch, dass Er die ganze Welt auch als Mensch gekauft oder zurückgekauft hat, dieser ganzen Welt zeigen wird, was für einen besonderen Wert Er im Volk Israel sieht. So wird die ganze Erde erfahren: „Ja, mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dir fortdauern lassen meine Güte“ (Jer 31,3). Es bleibt offen, ob der „Rückkauf“ des Volkes, das sich sozusagen Satan verkauft hatte, mit dem in diesem Gleichnis genannten „Kauf“ des Ackers verbunden werden kann, der nötig war, um den Schatz zu besitzen.13 Um Missverständnissen vorzubeugen wiederhole ich noch einmal: Der Herr hat nie etwas „von“ Satan gekauft und irgendeinen Kaufpreis an den Teufel bezahlt. Satan besaß die Macht des Todes (Heb 2,14), und um ihm diese zu nehmen, musste Christus sterben. Aber an keiner Stelle ist die Rede davon, dass unser Retter Satan etwas bezahlt hätte – ein vollkommen abwegiger Gedanke! Ich zumindest sehe für diesen Zusammenhang keinen weiteren direkten Hinweis. Das gilt allerdings auch in Bezug auf die Versammlung, denn 2. Petrus 2 verbindet sich weder mit dem einen noch mit dem anderen Gedanken.

  7. Nachdem der Kauf abgeschlossen worden ist, wird weiterhin nichts mit dem Schatz gemacht. Hier hört das Gleichnis auf. Das Ende, die künftige Herrlichkeit des Volkes Israel, gehört nicht zu den Verborgenheiten des Königreichs, sondern finden wir ständig im Alten Testament – nicht aber den Weg der Verwerfung und die Wiederherstellung.

    Bewertung: Es ist wahr, dass die Beziehung des Herrn zum gläubigen Israel heute nicht bekannt ist. Aber das gilt auch für seine Beziehung zur Versammlung, die in dieser Welt letztlich nach wie vor verborgen ist – wie Christus. Sie ist mit Ihm verborgen in Gott (vgl. Kol 3,3). Dieser Punkt trifft also auf beide Auslegungsvarianten zu.

    Diese Hinweise mögen genügen, damit der Leser selbst für sich ein Urteil vor dem Herrn fällen kann, inwiefern das Gleichnis vom Schatz im Acker (auch) einen Hinweis auf den Wert darstellt, den der Herr Jesus seinem in der Zukunft gläubigen Überrest Israels beimisst. In der Sache ist unzweifelhaft, dass der Herr seine irdische Braut liebt und sich für sie hingegeben hat. Steckt dieser Gedanke auch in diesem Gleichnis? Mir scheint, dass die Hinweise ausreichend deutlich in Gottes Wort verankert sind, um zu diesem Schluss zu kommen.

Überlegungen zum Gleichnis vom Netz und den Fischen

Es ist jetzt noch nötig, auf das dritte Gleichnis dieser Serie einzugehen. Denn auch hier gibt es unterschiedliche Erklärungen, die ich kurz kommentieren möchte. Geht es bei den guten Fischen um Gläubige aus der Gnadenzeit, oder spricht der Herr von Gläubigen, die in künftigen Tagen aus den Nationen gesammelt werden?

Gehen wir in einem ersten Schritt dem Gedanken nach, den die Ausleger vertreten, die auch in diesem dritten Gleichnis die Gläubigen der heutigen Zeit erkennen.

  1. Wenn man (persönlich) zum Schluss kommt, dass das Gleichnis vom Schatz im Acker unmöglich ein Bild von Israel sein kann, wird man in diesem dritten Gleichnis natürlich kein Bild des Einholens der Nationen sehen können – das ergäbe in dem Gesamtpanorama keinen Sinn.

  2. Es ist wichtig, dass man erkennt, dass das Gleichnis nicht so weit geht wie die zusätzliche Erklärung, die der Herr Jesus anführt. Das scheint dafür zu sprechen, dass es im Gleichnis selbst nicht um ein Bild des Einholens der Nationen nach der Entrückung geht. Denn diese findet ja gerade in Verbindung mit der Vollendung des Zeitalters statt.
    Bewertung: Tatsächlich ergibt eine „zusätzliche“, ergänzenden Erklärung nur dann einen nachvollziehbaren Sinn, wenn sie letztlich die Belehrung des eigentlichen Gleichnisses ergänzt und vertieft. Dieser Punkt spricht somit dafür, in diesem Gleichnis einen Hinweis auf die heutige Zeit zu sehen. Das wird noch durch ein Beispiel im Alten Testament unterstützt. In den prophetischen Linien im Alten Testament, zum Beispiel bei den sieben Festen des Herrn (3. Mo 23), wird die heutige Zeit (vorgestellt durch das Fest der Wochen) verbunden mit der Gnade, die den Nationen in späteren Zeiten zuteil werden wird (Vers 22). Genau so kann man unseren Abschnitt auffassen.

  3. Ausleger haben darauf hingewiesen, dass es sich bei dem Einbringen der Nationen (vgl. z.B. Off 7,9 ff.) nicht um ein Geheimnis handelt.

    Bewertung: Das ist auch so. Die Frage ist nur, ob das notwendigerweise so sein muss, um in die Auslegungslinie von Matthäus 13 zu passen. Denn wir lesen ja, dass der Schriftgelehrte in seinem Schatz Altes und Neues hat. Und auch wenn der Herr dieses Gleichnis im Haus spricht, heißt das nicht, dass Er nur Geheimnisse im Haus gesprochen hätte.

  4. J. N. Darby schreibt über die Auslegung von F. W. Grant, der in den Fischen einen Hinweis auf die zukünftigen Nationen sieht, dass nach der Aufnahme der Versammlung keine Rede vom Einsammeln eines Netzes voller Fische sei.

    Bewertung: Aber ist nicht Johannes 21,4 ff. ein prophetischer Hinweis genau auf diese Zeit – und das auch noch mit demselben Symbol, mit Fischen? Gerade im Blick auf die Drangsalszeit lesen wir in Matthäus 24,40 ff., dass dort Gerechte und Ungerechte zusammen leben, wobei „die schlechten hinausgeworfen“ werden, indem sie in dieser Gerichtszeit umkommen. Das Evangelium wird allen Menschen verkündigt werden, daher werden auch alle Nationen vor dem Herrn versammelt werden. Erst dann wird Er die Schafe von den Böcken scheiden, die Gerechten von den Ungerechten (vgl. Mt 25,32 ff.). Denn nicht alle Ungläubigen werden schon in der Drangsalszeit umkommen. Der Schwerpunkt dieses Gleichnisses liegt darauf, dass das Evangelium verkündigt wird – dass ein Netz ausgeworfen wird, nicht auf der Frage, wie viele eingesammelt werden.

  5. Was ist unter den Gefäßen (Vers 48) zu verstehen? Offensichtlich werden die dafür vorgesehenen Fische gesammelt und nicht weggeworfen, so dass man sich dann um sie kümmern kann. Nun stellt sich die Frage, was man darunter konkret verstehen kann. Ausleger der ersten Linie verstehen darunter einen Hinweis zum Beispiel auf „örtliche Versammlungen“ (Gemeinschaften).

    Bewertung: Das ist durchaus möglich, da es um den (Hirten-)Dienst an einzelnen Gläubigen geht. Ist das aber zwingend? Zu diesen Gefäßen passt ebenfalls der Gedanke an die verschiedenen Nationen, die – mehr oder weniger – unabhängig voneinander handeln und aus denen es jeweils Gläubige geben wird, die den Herrn Jesus annehmen werden. Mit den Ungläubigen aus den verschiedenen Nationen werden dann tatsächlich die Engel im Gericht handeln. In Offenbarung 14,14 ff. 17 ff. wird beschrieben, wie sie die Sichel anlegen und ernten werden. „Und der Engel legte seine Sichel an die Erde und las die Trauben des Weinstocks der Erde und warf sie in die große Kelter des Grimmes Gottes“ (Off 14,19). Von diesem Gericht an den Ungerechten der einzelnen Nationen lesen wir auch in Jeremia 46–51. Wo aber finden wir Engel im Blick auf das Gericht derjenigen, die heute ungläubig sind?

  6. Ein Ausleger schlägt vor, im Unterschied zum Gleichnis vom Unkraut im Acker, das uns die Vermischung von Gut und Böse im Königreich zeigt und das von den Dienern nicht beseitigt werden darf (allein „der Herr kennt, die sein sind“; 2. Tim 2,19), im Gleichnis vom Netz und den Fischen die Zeit des Endes zu sehen. In dieser Zeit sollen die Fischer in dem Bereich, in den sie gestellt sind (sozusagen im Fischereibetrieb) ein biblisches Unterscheidungsvermögen entwickeln für das, was gute Fische sind. Nur so können sie solche zu einem gläubigen und treuen Zeugnis innerhalb der Christenheit zusammenbringen. „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit“ und reinige sich von solchen, die zur Unehre des Hausherrn sind, um sich mit denen zu verbinden, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen (vgl. 2. Tim 2,19–23).

    Bewertung: Aber geht es in den drei letzten Gleichnissen wirklich um diese zeitliche Entwicklung, die eher in den davor genannten Gleichnissen ausgedrückt wird? Es ist zudem zu beachten, dass gerade 2. Timotheus 2 zeigt, dass es auch Gläubige geben kann, von denen man sich wegreinigen (trennen) muss, weil sich diese nicht von dem Bösen trennen wollen (vgl. 2. Tim 2,20.21). Diese können wir aber unmöglich zu den schlechten Fischen zählen. Denn die Erklärung des Herrn deutet darauf hin, dass die schlechten Fische ein Symbol von Ungläubigen sind. Zudem ist die Trennung vom Bösen und von Gefäßen zur Unehre des Hausherrn eine ganz persönliche Sache – nicht die Sache von Aufsehern und Dienern, die in diesem Gleichnis handeln, so nützlich deren Dienst zum Verstehen der Notwendigkeit dieses Trennens auch ist.

  7. Vers 48 – die Diener beschäftigen sich mit den guten Fischen – wird von Auslegern der ersten Linie als Hinweis auf die „christliche“ Zeitepoche gedeutet. Denn die Diener des Herrn haben nach Epheser 4 den Auftrag, sich um die „guten Fische“ zu kümmern und sie durch Lehr- und Hirtendienst zu fördern und zu erbauen.

    Bewertung: Man darf nicht übersehen, dass man Matthäus 24, 14 und 25, 40 ebenfalls so verstehen kann, dass sich die künftigen jüdischen Missionare um die einzelnen Gläubigen aus den Nationen kümmern, um sie zu belehren und um ihnen geistlich zu helfen. Vers 49 – das Aussondern der Bösen aus der Mitte der Gerechten – zielt in jedem Fall auf die Zeit nach der Entrückung hin. Das Aussondern der Ungläubigen ist der Akt, der dem 1000-jährigen Königreich unmittelbar vorausgeht und daher nach der Entrückung stattfinden wird (vgl. Mt 24,40.41). Bei der Entrückung wird es genau umgekehrt sein – dort werden die Gläubigen aus der Mitte der Gottlosen weggenommen werden.

  8. Ein Argument, das J. N. Darby für die erste Linie anführt, ist seine Überzeugung, dass sich das „Reich der Himmel“ nur auf die heutige Zeit, nicht aber auf die künftigen Zeiten bezieht (Drangsalszeit und die Herrschaft des Herrn im 1.000-jährigen Reich).

    Bewertung: Ist dieses Argument über alle Erwähnungen des Ausdrucks „Reich der Himmel“ wirklich zutreffend? Darby selbst bezieht die Hinweise in den Glückseligpreisungen der sogenannten Bergpredigt (Mt 5,3.10.19.20) auf Verfolgungen in diesem Reich der Himmel. Die gibt es nicht nur heute, sondern auch in der kommenden Drangsalszeit. Dann werden diese Verfolgten, wenn sie die Drangsal um des Herrn willen erdulden, einen Platz im (zukünftigen) Königreich der Himmel bekommen. Manche weitere Vorkommen des Reiches der Himmel im Matthäusevangelium unterstreichen das (vgl. Mt 7,21; 8,11 usw.).

Kann sich das Gleichnis des Netzes und der Fische nur auf die heutige Zeit beziehen?

Nun wollen wir noch abschließend ein paar Gedanken derjenigen verfolgen, die der Auffassung sind, dass sich diese Gleichnis auf die Nationen bezieht, die sich durch das Verkünden des Evangelium des Reiches bekehren.

  1. Grundsätzlich gilt auch hier an erster Stelle: Wenn man im dritten Gleichnis meint, nichts anderes als die Verkündigung des Evangelium in der heutigen Zeit sehen zu können, ist es unmöglich, im Gleichnis vom Schatz im Acker ein Bild von Israel zu sehen. Sonst gäbe es überhaupt keine Konsistenz mehr in der Auslegung dieser drei Gleichnisse.14 Mir ist allerdings aufgefallen, dass ein sehr hilfreicher Bibellehrer, H. A. Ironside, genau diesen Weg gegangen ist. Er begründet diesen „Weg“ allerdings nicht, sondern nennt einfach seine jeweilige Auslegungsüberzeugung. Er sieht in dem Schatz einen Hinweis auf Israel und bezieht die Fische im Wesentlichen auf die heutige Zeit.

  2. Der Leser fragt sich, was für wesentlich neue Gedanken das Gleichnis vom Netz gegenüber dem Gleichnis vom Unkraut enthält.

    Bewertung: Könnte das „Neue“ die Beschäftigung mit den guten Fischen sein? Vielleicht, aber einen entsprechenden Gedanken könnte man auch im Gleichnis vom Unkraut finden (Bündel von Weizen). Sollte für diesen einzelnen Punkt und den Hinweis auf die Verkündigung des Evangeliums (Netz – die aber schon durch das Gleichnis des Sämanns behandelt worden ist) ein sechstes, abschließendes Gleichnis ergänzt werden? Das scheint fragwürdig zu sein. Am leichtesten erschließt sich das Formulieren dieses Gleichnisses dadurch, dass es um eine Zielgruppe geht (Gläubige und Ungläubige aus den Nationen), die zuvor nicht im Fokus stand.

  3. Ausleger der zweiten Linie weisen auf folgende Schwierigkeit mit der ersten Auslegungslinie hin: Wir finden in der Schrift keinen Hinweis darauf, dass innerhalb der christlichen Zeit die schlechten Fische (Namenschristen) von der Erde vertilgt werden („sie warfen sie hinaus“). Denn zu dem Zeitpunkt, wo die Namenschristen von dieser Erde ausgetilgt werden, sind die wahren Christen längst nicht mehr auf der Erde, sondern zu Christus entrückt.

    Bewertung: Man kann die Gruppe der guten Fische vielleicht als Söhne des Königreichs deuten, die sowohl die Versammlung als auch die Gläubigen, die nach der Aufnahme der Versammlung da sein werden, umfassen. Aber fällt mit dieser Lösung nicht das wesentliche Argument der Vertreter der ersten Auslegungslinie in sich zusammen, dass es in diesen Gleichnissen vom Reich der Himmel nur um die christliche Zeit ginge. Damit wäre dieser Punkt auch im Blick auf das Gleichnis vom Schatz im Acker hinfällig, dass sich dieser Schatz nicht auf Israel beziehen könne, weil in diesem Kapitel (ohne Auslegung der Gleichnisse) nur die christliche Zeit betrachtet werde.

  4. Wir finden in der christlichen Zeit keinen Hinweis darauf, dass ablehnende Menschen aus dem Reich hinausgeworfen werden. In dem Gleichnis vom Samen im Acker wird ja ausdrücklich betont, dass man das Unkraut nicht zusammenlesen und wegwerfen soll – und sicher stehen unsere Verse nicht dazu im Widerspruch.

    Bewertung: Manche Ausleger verbinden den Gedanken des „Hinauswerfens“ mit dem immer wieder anzutreffenden Auftrag der Absonderung vom Bösen (vgl. 2. Tim 2,19 ff; Heb 13,15 usw.). Aber warum wird dann diese Trennung im Gleichnis vom Unkraut ausdrücklich untersagt (Vers 28–30)? Ein solcher Auftrag kann daher wohl kaum in einem anderen Gleichnis vom Königreich der Himmel gemeint sein. Denn auch in 2. Timotheus 2,21 wirft man Christen, die durch Ungerechtigkeit geprägt sind, nicht aus dem Haus hinaus, sondern man trennt sich von ihnen innerhalb des großen Hauses.
    Andererseits gibt es Beispiele wie Simon in Apostelgeschichte 8. Petrus wurde durch den Heiligen Geist belehrt, in Simon eine ungöttliche Person zu erkennen. Dieser gehörte nicht zu den guten Fischen, weil er ungläubig war. Ein solches Urteil kann und sollte zu jeder Zeit möglich sein (z.B., wenn jemand getauft werden will). Dann aber müsste das „Ausraufen des Unkrauts“ etwas anderes sein als das „Hinauswerfen der Fische“ – diese Schwierigkeit bleibt bestehen.
    Wie aber ist das nun in der künftigen Zeit? Sollten nicht die Jünger, die ein Vorbild auf die künftigen Sendboten sind, den Staub von ihren Füßen schütteln gegen die Städte, die ablehnend reagierten (vgl. Mt 10,14)? Auch bei der Aussendung der 70 finden wir dieses Prinzip (vgl. Lk 10,11). So werden die künftigen Missionare tatsächlich eine Unterscheidung vornehmen, die es in dieser Weise in der christlichen Zeit nicht gibt.

  5. Wenn man von der zweiten Auslegungslinie ausgeht, handelt es sich in den Versen 48 und 49 (gute Fische, Gerechte; schlechte Fische, Böse) prinzipiell um dieselben Menschen, aber in unterschiedlichen Phasen. Vers 48 spricht von der Drangsalszeit und den Bemühungen der jüdischen Sendboten, Menschen durch das ewige Evangelium zu erreichen. Vers 49 zeigt uns dann die Situation, in der danach die Engel im Auftrag des Herrn über die Ungerechten Gericht ausüben werden.

    Bewertung: Wenn man einen Vergleich zum Gleichnis vom Unkraut zieht, so gibt es auch dort das Gleichnis und die Erklärung. Dort sind eindeutig zwei verschiedenen Zeitabschnitte und damit auch zwei verschiedene Personengruppen gemeint (Unkraut, die Gesetzlosigkeit Tuende). Das ergibt Sinn. Denn warum sollte der Herr eine Ergänzung vornehmen, die sich letztlich auf dieselbe Personengruppe bezieht wie im Gleichnis? Dann hätte Er die Belehrung auch sofort in das Gleichnis einfügen können. Daher symbolisieren die Fische (egal, ob gut oder schlecht) in Vers 48 nach der ersten Auslegungslinie andere Menschen als die Gerechten und Bösen in Vers 49 in der zusätzlichen Erklärung des Herrn. Denn die Fische sind Christen bzw. Ungläubige während der christlichen Zeit – die Gerechten dagegen sind Gläubige und die Bösen Ungläubige in der nachchristlichen Zeit.

  6. Dieses Gleichnis gehört zu dem Teil, der den inneren Wert des Königreichs darstellt. Warum wird dann im letzten Gleichnis auf einmal in der Erklärung auch auf Ungläubige Bezug genommen? Das finden wir in beiden vorherigen Gleichnissen nicht. Zudem passt diese Gegenüberstellung von Gläubigen und Ungläubigen nicht zum Thema „Versammlung“ – hier finden wir normalerweise keinen Kontrast: Versammlung – Ungläubige. Denn sie ist nicht von dieser Welt – wie sollte man sie dann Ungläubigen gegenüberstellen? Inmitten der Nationen dagegen gibt es manche Gläubige und viele Ungläubige – hier ergibt dieses Bild Sinn.

    Bewertung: Das ist richtig. Allerdings darf man nicht übersehen, dass wir es hier mit Gleichnissen des „Reiches der Himmel“ zu tun haben. Darin wird uns nicht der Ratschluss Gottes über seine Versammlung vorgestellt. Gott zeigt uns den Bereich auf der Erde, in dem sich die Seinen aufhalten. Daher kann der Herr auch in einem Abschnitt, der den inneren Wert darstellt, einen Kontrast beschreiben.

    Noch einmal kann man nur folgende Empfehlung geben: Auch hier muss der Leser selbst auf der Grundlage des Bibeltextes vor seinem Herrn entscheiden, welche Auslegungslinie er für biblisch hält. Aber Gottes Wort ist so vielfältig, dass Gott in diesen Versen zwei Linien parallel vorstellen kann.


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