Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Anhang zu Kapitel 5-7

Anhang I: Der Christ und das Gesetz

Durch den Tod Christi ist jeder, der mit Ihm gestorben ist, frei vom Gesetz (vgl. Röm 7,3.6; Gal 2,19). Können wir Christen somit diesen Teil der Bergpredigt getrost überschlagen?

Sicherlich nicht! Denn Jakobus nimmt mehrere Male Bezug auf die Bergpredigt. Man darf die Bergpredigt allerdings nicht als ein neues, erhabeneres christliches Gesetz auffassen, denn nach Römer 10,4 ist Christus das Ende des Gesetzes. Das also kann nicht der Sinn der Bergpredigt sein, dass sie anstelle des Gesetzes vom Sinai die Lebensregel der Gläubigen wird. Sie gibt aber dem Jünger Jesu zu jeder Zeit Klarheit, was Gottes Gedanken über sein moralisches Leben als Nachfolger seines Meisters sind. Und nach denen soll er sein Leben führen.

Zunächst einmal müssen wir bedenken, dass es sich in der Bergpredigt nicht um die Lehre über die christliche Stellung handelt. Denn für uns Christen, die wir an den Herrn Jesus glauben, ist die Beziehung zum Gesetz klar geregelt: „Denn Christus ist das Ende des Gesetzes, jedem Glaubenden zur Gerechtigkeit“ (Röm 10,4). „Denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade“ (Röm 6,14). „Wenn ihr aber durch den Geist geleitet werdet, so seid ihr nicht unter Gesetz“ (Gal 5,18). „Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe“ (Gal 2,19).

Grundsatz von Gesetz und Gnade

Um das richtig zu verstehen, müssen wir den Unterschied zwischen dem Grundsatz des Gesetzes und dem der Gnade erfassen. Das Prinzip des Gesetzes lautete: Wenn man das Gesetz und alle seines Gebote hält, darf man (ewig) leben. Wenn aber nicht, steht man unter dem Fluch, der mit dem Gesetz verbunden ist: Man muss sterben. „Und meine Satzungen und meine Rechte sollt ihr halten, durch die der Mensch, wenn er sie tut, leben wird“ (3. Mo 18,5).

Der Grundsatz der Gnade dagegen heißt: Gott hat unser Problem der Sünde und Sündenschuld gelöst, indem Er seinen Sohn gab. Dieser ist am Kreuz für uns und unsere Sünden gestorben. Da Gott das Werk unseres Herrn Jesus Christus vollkommen angenommen hat, schenkt Er uns in Christus jetzt Vergebung, Rechtfertigung und ein neues Leben. Dadurch ist der Erlöste in der Lage, Gott zu dienen und zu gefallen, denn sein neues Leben ist ewiges Leben (Joh 3,16), das der Natur Gottes entspricht. Er gehorcht Gott jetzt nicht, um Leben zu bekommen. Das ist der Grundsatz des Gesetzes. Nein, er befolgt sein Wort, weil er göttliches Leben besitzt. Daher hat der Christ mit dem Prinzip der Gebote des Gesetzes an den natürlichen Menschen, um Leben zu erwerben, nichts mehr zu tun. Das gilt sowohl im Blick auf die Erlangung des Heils als auch in Verbindung mit unserem Leben als Erlöste. Christi Tod schenkte uns Leben, daher ist sein Leben, das jetzt unser Leben geworden ist, unsere Lebensregel.

Die zitierten Verse aus dem Römer- und Galaterbrief verdeutlichen, dass der Christ nicht mehr unter Gesetz steht. Er ist dem Gesetz gestorben, als er sich bekehrt hat. Dadurch hat das Gesetz keine Ansprüche mehr an den gläubigen Christen. Er ist auf der Grundlage des Glaubens gerechtfertigt worden; ihm ist die Gnade Gottes geschenkt worden, nicht auf der Basis von Werken, sondern als ein göttliches Geschenk. Wir haben mit den Ansprüchen des Gesetzes nichts mehr zu tun. Dieses richtet sich an den natürlichen, an den alten Menschen, den wir ausgezogen haben. (vgl. Eph 4,22; Kol 3,9).

Hat ein Christ dann gar nichts mit dem Gesetz zu tun? Doch! Oder anders gefragt und noch einmal wiederholt: Haben diese Verse für uns Christen keine Bedeutung, können wir sie überschlagen? Nein! Dazu gibt es drei wichtige Stellen:

  • Römer 8,4: „Damit die Rechtsforderung des Gesetzes erfüllt würde in uns, die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln.“ Wir müssen bei diesem Vers bedenken, dass das Gesetz die Mindestanforderungen Gottes an den Israeliten darstellten, um ewig leben zu können. Der Israelit musste mindestens das tun, was im Gesetz stand. Dann konnte er als Belohnung das ewige Leben empfangen. Ein Christ aber tut viel mehr als das. Wenn wir beispielsweise an die Forderung des Gesetzes denken: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (3. Mo 19,18; vgl. auch hier die Ausführungen des Herrn in den Versen 43–48), und diese mit der christlichen Botschaft vergleichen: „Wandelt in Liebe, wie auch der Christus uns geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat als Darbringung und Schlachtopfer, Gott zu einem duftenden Wohlgeruch“ (Eph 5,2), dann sehen wir, dass „christliche Liebe“ weit über das Lieben unter dem Gesetz hinausgeht. Ähnliches gilt für das neue Gebot des Herrn zur Liebe, wie wir es in Johannes 13,34 und 1. Joh 3,11 finden.
    Die christliche Liebe geht viel weiter als die Liebe, die im Gesetz gefordert wurde. Wir Christen erfüllen viel mehr als das, was das Gesetz fordert. Das geschieht, indem wir den Geist Gottes und die Natur Gottes, die Er uns geschenkt hat, in unserem Leben wirken lassen. Aber ohne dass wir unter Gesetz stehen und das Gesetz zu erfüllen suchen – das kann kein Mensch – erfüllen wir damit die Rechtsforderungen des Gesetzes.
  • Römer 13,8: „Seid niemand irgendetwas schuldig, als nur einander zu lieben; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt.“ Im Anschluss an diesen Vers erläutert der Apostel, dass wir alle anderen Gebote des Gesetzes erfüllen, wenn wir einander lieben, da die anderen Gebote in diesem einen Gebot „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ zusammengefasst sind. Dadurch, dass wir eine neue, göttliche Natur haben und diese durch die Kraft des Heiligen Geistes wirken lassen, erfüllen wir das Gesetz sozusagen ungewollt, ohne dass wir uns an den Geboten des Gesetzes ausrichten oder darunter stellen.
    Dasselbe finden wir auch in Galater 5,14: „Das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘“ Gottes Wesen hat sich nie geändert. Und wer dieselbe Natur wie Gott besitzt – wir aus Gnade – der wird entsprechend handeln, unabhängig davon, ob er von Gott ein Gesetz auferlegt bekommen hat oder nicht. Diese moralischen Grundsätze Gottes bleiben daher auch heute bestehen.

Wir lernen also, dass wir nicht unter Gesetz stehen. Wir haben keine direkte Beziehung mehr zu diesem, sondern sind für das Gesetz tot (Gal 2,19). Wie erfüllen wir dann trotzdem die Rechtanforderungen des Gesetzes (Röm 8,4)? Nicht, indem wir uns als Christen unter das Gesetz stellen. Das hatten die Galater getan und wurden von Paulus in scharfer Form getadelt, weil sie dadurch das Werk des Herrn am Kreuz ungültig machten. Warum hätte uns Gott neues Leben geben müssen, wenn wir doch in der Lage wären, das Gesetz zu erfüllen? Dann wäre Christus umsonst gestorben. Aber wenn wir den Worten des Herrn gehorsam sind und Gottes Geist in unserem Leben wirken lassen, werden wir weitaus mehr tun als das Gesetz.

Hat das Gesetz heute keine Bedeutung mehr?

Wie wir gesehen haben, sind wir Gläubige der Gnadenzeit dem Gesetz gestorben. Was für eine Bedeutung hat es dann zusammen mit den Propheten für unser praktisches Leben, außer dass wir es mit unserer neuen Natur sozusagen „automatisch“ erfüllen? Paulus gibt uns die Antwort: „Denn alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben“ (Röm 15,4). Das ganze Alte Testament ist zu unserer ganz konkreten Belehrung aufgeschrieben worden. Es zeigt uns in bildlicher Form, wie ein Christ seine Stellung in Christus verwirklicht. Es stellt zudem Gläubige in Umständen dar, die auch beispielhaft sind für die heutige Zeit.

Zudem lernen wir im Alten Testament, was für eine Entwicklung das Volk Gottes genommen hat. Diese zeigt gewisse Parallelen zu der Entwicklung der Versammlung Gottes auf der Erde (Stichwort „Kirchengeschichte“). Schließlich haben sich die moralischen Grundsätze des Handelns Gottes und die Eigenschaften Gottes nicht verändert. So lernen wir im Gesetz, wie Gott das moralische Verhalten von Menschen beurteilt. Genau hier ist die Verbindung zu uns Christen. Wir stehen nicht mehr unter Gesetz. Aber als Erlöste „erfüllen wir die Rechtsforderungen des Gesetzes“ (Röm 8,4). Denn hinter den alttestamentlichen Geboten Gottes stehen seine moralischen Grundsätze. Diese gelten unabhängig von der Zeitepoche, in denen Gläubige leben. Obwohl wir als Christen also nicht unter Gesetz stehen, möchte das neue Leben in uns in Übereinstimmung mit diesen moralischen Prinzipien leben. Daher sind diese Abschnitte auch für uns Christen von großer Bedeutung.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, den es zu bedenken gilt. Das Gesetz hat auch heute noch seine Gültigkeit, „wenn jemand es gesetzmäßig gebraucht“ (1. Tim 1,8). Es besteht eben für Juden und für Gesetzlose, nicht jedoch für Gerechte, die in dem Herrn Jesus gerechtfertigt worden sind (vgl. 1. Tim 1,9.10). Alle haben das Gesetz gebrochen – wer also würde die von Gott festgelegte Strafe auf sich nehmen? Es gab nur einen, der auch diese entscheidende Anforderung erfüllen konnte, indem Er ein Fluch für uns wurde: Christus! (Gal 3,13). Das war die Voraussetzung dafür, dass Er der Retter des Volkes werden konnte (Mt 1,21).

Auch wenn Christus als Herr der Herren und König der Könige wieder auf die Erde kommen wird (Off 19,11–16), wird das Gesetz weiterhin seinen Bestand haben. Das lernen wir aus dem Alten Testament, gerade durch die Propheten Jesaja, Jeremia und Hesekiel. Dann wird auch das aus dem Alten Testament, was jetzt noch nicht erfüllt ist, zur Erfüllung gebracht werden.

Zusammenfassung

Zusammenfassend zur Beziehung der Jünger Christi zum Gesetz bzw. zum gesamten Alten Testament lässt sich Folgendes sagen: Für Christen ist das Gesetz keine Lebensregel. Sie stehen nicht unter Gesetz, weder als Erlöste, die zur Versammlung Gottes gehören, noch als Jünger, die dem Herrn Jesus nachfolgen. Das aber heißt nicht, dass für sie die Hinweise des Gesetzes und die der Bergpredigt unnötig wären. Die moralischen Wesenszüge der Gläubigen des Alten Testaments und des Neuen Testaments sind identisch, weil sie der göttlichen Natur entspringen. Die Anwendung des Alten Testaments auf das Glaubensleben des Christen im Reich beschränkt sich damit allerdings auf die moralischen Grundsätze, die aus dem Gesetz und den Propheten hervorleuchten.

Da die Jünger Christi in der heutigen Zeit nicht unter Gesetz stehen, hat das Gesetz (wie zum Beispiel das Sabbatgebot) keine bindende Kraft für uns im Reich Gottes. Die Anwendung des Alten Testaments konzentriert sich daher auf Grundsätze, Ethik, Vorbilder und praktische Anwendungen. Das wird sich ändern, wenn im Blick auf das 1.000-jährige Königreich Christi das Volk Israel wieder ins Blickfeld gerät. Denn die künftige Regierung wird erneut auf dem Gesetz basieren (vgl. Hes 40–48). Allerdings wird für sie das Gesetz nicht mehr eine Bedrohung darstellen, wie das für das Volk Israel vor dem Kommen Jesu der Fall war.

„Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand fasste, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen“, wird dieser neue Bund sein. „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben; und ich werde ihr Gott, und sie werden mein Volk sein (Jer 31,31–34). Das heißt, auch für das künftige Volk gläubiger Juden wird wie für uns heute gelten, dass sie eine neue Natur besitzen, die „in ihr Inneres“ gelegt werden wird. So wird es ihr Wunsch sein, den Willen Gottes zu tun, weil sie ebenfalls seiner Natur teilhaftig geworden sein werden. Hinzu kommt, dass Gott sein Volk durch diesen neuen Bund (Jer 31,31) nicht unter Verantwortung stellt: Wenn ihr gehorcht, werdet ihr leben! – Nein, der Segen wird nicht mehr von dem Volk abhängen, sondern allein von der Güte und Liebe Gottes. „Denn ich werde ihre Schuld vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken“ (Jer 31,34).

Anhang II: Darf ein Gläubiger richten?

Ein wichtiges Thema, das der Herr Jesus in der Bergpredigt aufgreift (Mt 7,1 ff.), ist das Richten anderer Jünger, also das Be- und Verurteilen anderer Gläubiger. Auch an anderer Stelle des Neuen Testaments gibt es Hinweise zu dieser Angelegenheit. Daher ist es wichtig, Matthäus 7 nicht isoliert zu betrachten, um nicht zu falschen Schlüssen zu kommen. Hier gehen wir der Frage nach, ob ein Gläubiger überhaupt richten darf. Zudem sehen wir uns die verschiedenen Arten des Richtens an.

  1. Eine erste Frage ist: Wer darf andere beurteilen? Das Neue Testament unterscheidet zwischen einem gemeinsamen Urteil und einem persönlichen Urteil.

    a) Bibelstellen wie
    1. Korinther 5,13 („Ausschluss“ eines Bösen aus der Versammlung),
    2. Thessalonicher 3,14 („Bezeichnung“ einer gläubigen Person, die einen unordentlichen Lebenswandel führt, durch die örtliche Versammlung),
    Römer 16,17 (das „Abwenden“ von solchen, die Zwiespalt und Ärgernis anrichten), usw.

    zeigen sehr deutlich: Geschwister im Haus Gottes, der Versammlung (Gemeinde, Kirche), die Verantwortung haben, sollen ein gemeinsames Urteil über Personen und ihre Handlungen aussprechen, wenn diese ihr Leben in offenbarem Widerspruch zu Gottes Wort führen.

    b) Stellen wie
    1.) Titus 3,10.11 („Abweisen“ eines sektiererischen Menschen),
    2.) 1. Thessalonicher 5,21 (das Gute, das an uns in den Versammlungsstunden herangetragen wird, „festhalten“, das Böse „abweisen“),
    3.) 1. Timotheus 5,20 („Überführen“ von solchen, die öffentlich sündigen)
    zeigen, dass es eines persönlichen Urteils über bestimmte Gläubige, Menschen und ihre Taten bedarf.
  2. Wer wird beurteilt? Das kann entweder man selber sein oder eine andere Person oder eine örtliche Versammlung.
    a) das Selbsturteil: Wir werden an verschiedenen Stellen des Neuen Testaments zur Selbstprüfung, zum Selbstgericht aufgefordert (vgl. 1. Kor 11,28; 2. Kor 13,5; Gal 6,4). Sein eigenes Leben im Spiegel des Wortes Gottes zu besehen, ist von großer Wichtigkeit. Selbstprüfung ist nötig, um das zu bekennen, was im eigenen Leben nicht in Ordnung ist. Erst danach kann man sich wieder neu nach dem Wort Gottes ausrichten.
    b) das Urteil über eine andere Person in einer Versammlung: Stellen wie die schon genannten (1. Kor 5, Tit 3, 1. Tim 5) zeigen, dass wir auch andere Personen zu beurteilen haben, wenn sie ein Leben in Sünde führen. Dasselbe gilt, wenn es darum geht, Gläubige zur Gemeinschaft beim Brotbrechen aufzunehmen. „Ihr, richtet ihr nicht die, die drinnen sind?“ (1. Kor 5,12) zeigt, dass es um ein Beurteilen von Personen geht. Natürlich gibt es eine solche Beurteilung nicht nur, wenn Gläubige Anlass zur Ermahnung geben, sondern auch, wenn es Grund für Dankbarkeit gibt. Das finden wir beispielsweise bei Demetrius (3. Joh 12).
    c) das Urteil über eine örtliche Versammlung: Das ist in der heutigen Zeit eine viel diskutierte Frage: Können und dürfen wir eine örtliche Versammlung „beurteilen“? Wir halten zunächst fest: Paulus hat das getan. Er beurteilte die Versammlungen in Galatien: „O unverständige Galater! Wer hat euch bezaubert?“ (Gal 3,1). In gleicher Weise beurteilte er auch andere Versammlungen. Nun war Paulus ein Apostel mit besonderer Autorität und außergewöhnlichen Rechten. Wie ist es mit „Nicht-Aposteln“? Bei Barnabas sehen wir, dass er, als er nach Antiochien kam und die Gnade Gottes „sah, sich freute“. Er sprach dieses Urteil über ihren Zustand öffentlich aus. Die Hausgenossen der Chloe (1. Kor 1,11) haben offensichtlich ein Urteil über den Zustand der Versammlung in Korinth ausgesprochen. Später schreibt Paulus davon, dass ihm jemand mitgeteilt hat, dass Spaltungen unter den Korinthern waren (1. Kor 11,18). Aus Apostelgeschichte 28,21 wissen wir, dass es auch damals schon üblich war, in Briefen solche Urteile abzugeben. Manchmal betrafen sie, wie in diesem Fall, einzelne. In anderen Fällen geht es um eine örtliche Versammlung. Die Antwort ist also ein klares Ja: Wir dürfen eine örtliche Versammlung beurteilen (vgl. 1. Kor 1,11; Kol 1,8; 4,13).
  3. Was wird beurteilt? An dieser Stelle ist zwischen Motiven, Taten und dem Zustand eines Menschen zu unterscheiden.
    a) das Beurteilen von Motiven: „So urteilt nicht irgendetwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird“ (1. Kor 4,5). Dieser Vers macht klar, dass es uns nicht gestattet ist, die Beweggründe eines anderen Menschen zu beurteilen. Das ist allein die Sache Gottes.
    b) die Beurteilung von Taten: Stellen wie Galater 5,19 („offenbar sind die Werke des Fleisches“) und 1. Timotheus 5,20 zeigen, dass wir Taten, in diesem Fall die Sünden, als Verfehlungen, zu erkennen und zu beurteilen haben.
    c) die Beurteilung eines Zustandes: Nach 1. Korinther 5,11 können bestimmte böse Taten einen Gläubigen derart kennzeichnen, dass sie einen bösen Zustand dieses Menschen offenbaren. Gottes Wort bezeichnet ihn dann als „Bösen“. Im Vordergrund steht nicht, dass jemand eine bestimmte Sünde getan hat. Er ist vielmehr durch eine bestimmte Sünde gekennzeichnet, weil er nicht von ihr lässt. Das muss eine örtliche Versammlung (Gemeinde, Kirche) erkennen und dann – wenn sie dem Wort Gottes gehorsam sein will – diesen Bösen ausschließen.
  4. Wann ist zu beurteilen? Es gibt Sünden, die im Verborgenen geschehen, aber auch Sünden, die offenbar geworden sind.
    a) wenn eine Sünde begangen wurde: Wir werden in der Schrift nicht aufgefordert, Detektive zu spielen. Eine Sünde im Verborgenen können wir nicht erkennen. Ein schlichter Verdacht reicht nicht aus, um eine Sache biblisch begründet zu beurteilen (vgl. z. B. 1. Tim 5,19). Das, was im Verborgenen geschieht, wird der Herr am Richterstuhl des Christus richten (1. Kor 4,5). Hier liegt es also nicht an uns, ein Urteil zu fällen.
    b) wenn eine Sünde offenbar wurde: 1. Timotheus 5,19.20 zeigt, dass es sich um Sünden handeln muss, die als Verfehlungen für Gläubige erkennbar sind. Jemand, über den nach 1. Korinther 5 ein Urteil der Versammlung zu sprechen ist, muss erwiesenermaßen die ihm zur Last gelegten Sünden begangen haben. Er muss sich in einem entsprechenden Zustand befinden. Wenn eine örtliche Versammlung in einem gesunden Zustand ist, werden Sünden im Verborgenen über kurz oder lang ans Licht kommen
    c) wenn man persönlich betroffen ist: Dazu finden wir in unserem Evangelium ein Beispiel. In Kapitel 18,15 hat jemand gegen seinen Bruder gesündigt. Also geht der Herr davon aus, dass der Bruder, gegen den gesündigt wurde, diese Sünde erkennt und beurteilt. Sonst könnte er ja nicht zu seinem Bruder hingehen. Andere werden nicht dazu aufgefordert, es sei denn, dass jener Bruder nicht bereit ist, auf den zu hören, der ihn zu überführen sucht. In Matthäus 18,15 spricht der Herr von einem Fall, bei dem ein Gläubiger selbst von der Sünde eines anderen persönlich „betroffen“ ist. Ansonsten gilt: Im zwischenmenschlichen Bereich sind wir nicht dazu angehalten, zu jeder Zeit über jeden Fall eine Beurteilung abzugeben.
    d) wenn man Empfänger einer – öffentlich oder privat vorgebrachten – Botschaft eines Dieners des Herrn ist. In 1. Korinther 14,29 werden die Zuhörer eines Dienstes der Weissagung aufgefordert zu „urteilen“. In der Apostelgeschichte finden wir ein anderes Beispiel. Als Apollos nach Ephesus kam, waren Aquila und Priszilla dort. Als sie ihn hörten, nahmen sie ihn mit nach Hause, um ihn in der Wahrheit zu belehren. Sie hatten seine Lehre gehört und erkannt, dass ihm noch etwas fehlte. Daher konnten sie sich ein Urteil in diesem Fall erlauben und fühlten sich verpflichtet, Apollos weiterzuhelfen (Apg 18,26). Wenn sie allerdings nicht vor Ort gewesen wären, wäre es unweise – wenn nicht sogar unzulässig – gewesen, ein Urteil zu sprechen.

Anhang III: Israel – der törichte Mann

Der Herr Jesus verwendet in der Bergpredigt viele Bilder. Wir haben schon verschiedentlich gesehen, dass Er damit immer wieder auch ein Bild des Zustandes des Volkes Israel zeichnet. Gerade das Matthäusevangelium ist voll davon. Auf einige dieser Bilder in der Bergpredigt möchte ich hier noch einmal eingehen.

  • In Kapitel 5,25.26 geht es um die rechtzeitige Einigung mit dem Widersacher. Wir haben das ausführlich betrachtet.
  • In Kapitel 6,22.23 ist von dem Licht die Rede. Gott hatte seinem irdischen Volk Israel viel Licht gegeben (vgl. 2. Mo 10,23). Er hatte ihnen das Gesetz gegeben, hatte sich in vielfacher Hinsicht offenbart. Aber was nützte dieses Licht, da das Auge des Volkes böse war? So zeigten die Juden, wie groß die Finsternis bei ihnen war. Wie konnten sie „das Licht“, das in ihrer Mitte war, ans Kreuz nageln lassen, wenn nicht dadurch, dass sie sich in der Finsternis befanden?
  • Auch das siebte Kapitel weist mehrfach auf den Zustand des Volkes hin. Wenn man die ersten 5 Verse dieses Kapitels besieht, so zeigen diese exakt die Situation des Volkes. Es richtete alles und jeden, insbesondere die anderen Völker, die es als unrein und gottlos stempelte. Es vergaß, dass es damit das Gericht Gottes auf sich selbst herabzog, denn das Volk war nicht besser. Maleachi hatte dies in seinem Buch deutlich herausgearbeitet – schon 400 Jahre früher. Jetzt würde das Volk seine Heuchelei beweisen, indem es sich aufschwang, andere zu richten. Der Gipfelpunkt bestand darin, den eigenen Messias nicht nur zu richten, sondern zu verurteilen und an das Kreuz zu bringen. Es selbst lebte in völliger Unabhängigkeit von Gott.
  • Hatte das Volk nicht auch das Heilige den Hunden vorgeworfen (Kap 7,6)? Was hatten sie mit dem Tempel gemacht? Man kann an zweierlei denken. Zunächst war es der Tempel des Herodes – eines Heiden. Wie konnte das Volk Gottes zulassen, dass sich ein heidnischer, edomitischer König des Heiligtums Gottes bemächtigte? Es ist wahr, dass es bei der Erbauung Widerstände gegeben hat (vgl. den Geschichtsschreiber Flavius Josephus). Aber wir lesen nicht, dass sich das Volk demütigte, dass ein Edomiter ihr König war (vgl. Mt 2,3 ff). War es durch seine Sünde nicht schuld daran, dass das Heiligtum, die Perlen, die für Gott waren, unter den Füßen heidnischer Menschen zertreten wurden? Das Volk selbst sorgte dafür, dass es schließlich auch selbst zerrissen wurde.
    Und was hatte das Volk mit dem Tempel gemacht? Zweimal lesen wir davon, dass der Herr Jesus „das Haus seines Vaters“ reinigen musste, weil es von Kaufleuten gewissermaßen zertreten wurde (Joh 2,13 ff.; Mt 21,12 ff.).
  • Auch Kapitel 7,7–12 ist eine einzige Anklage gegen die Führer des Volkes Israel. Sie waren eben nicht solche „Väter“, die den Kindern gute Gaben schenkten. Die Pharisäer boten dem Volk Steine und Schlangen an. Und das Alte Testament verwarfen sie durch ihre Hinzufügungen des Talmuds, durch Menschengebote (Mt 15,9). Außerdem waren sie Menschen, die meinten, nichts von Gott erbitten zu müssen. Ihre Rede war: „O Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die Übrigen der Menschen …“ Weder waren sie Bittende noch Suchende noch Anklopfende. Sie meinten, ein Recht an dem Königreich zu besitzen und erkannten nicht, dass sie Bedürftige waren.
  • Die enge Pforte hat das Volk auch nicht gefunden (Kap 7,13.14). Das hätte nämlich bedeutet, dass sie den von Gott gesandten König aufgenommen hätten. Dazu wäre es nötig gewesen, die eigenen Überlieferungen und den eigenen Stolz über Bord zu werfen. Dazu war das Volk im Allgemeinen nicht bereit. So gingen sie ins Verderben, anstatt den Weg des Lebens zu finden.
  • Viele falsche Propheten wurden im Volk zugelassen (Kap 7,15–20). Eigentlich hätte das Volk die falschen Propheten verurteilen und steinigen (vgl. 5. Mo 18,20 ff.), wahre Propheten wie Johannes den Täufer aber annehmen und anerkennen müssen. Aber was tat das Volk? Sie ließen zu, dass der echte Prophet getötet wurde, und erkannten diese falschen Propheten, die Pharisäer, Schriftgelehrten und Sadduzäer, als ihre Führer an, statt sie nach Gottes Wort zu verurteilen. Sie waren faule Bäume mit schlechten Früchten. Das war der Grund, warum der Herr Jesus als der „wahre Weinstock“ (vgl. Joh 15,1) kommen musste, da das Volk als verdorbener Weinstock nur schlechte Beeren hervorbrachte (vgl. Jes 5,2).
  • Waren sie nicht auch solche, die sich äußerlich zu Gott bekannten (Kap 7,21–23)? Ständig beteten die Pharisäer zu Gott, lange Gebete. Sie fasteten. Was sagt Gott zu ihnen: „Weil dieses Volk sich mit seinem Mund naht und mich mit seinen Lippen ehrt und sein Herz fern von mir hält und ihre Furcht vor mir angelerntes Menschengebot ist …“ (Jes 29,13). Sie waren mit ihrem Herzen weit entfernt. Der Herr muss ihnen sagen: Ich kenne euch nicht! Was für ein Gericht!
  • Schließlich muss Christus dieses Volk mit einem törichten Mann, ja mit einem Toren vergleichen (Kap 7,26). Es baute sich ein Haus. Aber es stand nicht auf dem Felsen, auf Christus und seinem Wort, sondern es stand auf dem unsicheren Sand der eigenen Überlieferungen und Überlegungen. Der Regen, die Ströme und auch die Winde würden kommen – und der Fall des Hauses, des Volkes war groß! Paulus spricht davon, dass der Fall Israels der Anlass für das Heil der Nationen wurde (Röm 11,11). Es war ein großer Fall, der bis heute Bestand hat.
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