Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Exkurs: Müssen Christen durch die große Drangsal gehen?

Exkurs: Müssen Christen durch die große Drangsal gehen?

Einführung

Gott spricht in seinem Wort sowohl von der Entrückung der Gläubigen als auch von einer Trübsalszeit, der großen Drangsal. Manche Christen1 stellen die Frage, ob sie durch diese Drangsalszeit hindurchgehen müssen. Mit anderen Worten: Werden wir vor, während oder nach dieser furchtbaren Drangsalszeit, die über die Menschen kommen wird, entrückt?

Die Aussagen Christi

Der Herr Jesus selbst hilft uns durch das, was Er während seines Lebens auf der Erde gesagt hat, die Frage zu beantworten. In Matthäus 24 und 25 finden wir beispielsweise eine seiner ausführlichen Reden. Man hat sie die Ölbergrede genannt, weil Er diese Worte auf dem Ölberg gesprochen hat (Mt 24,3). Dort schildert Er seinen Jüngern die gesamte Zeit der Gläubigen auf der Erde, ausgehend von der Himmelfahrt Christi bis zum 1.000-jährigen Friedensreich. Diese Rede hat drei Teile: 2

  1. Im ersten Teil zeigt Jesus, durch was für furchtbare Drangsale der gläubige jüdische Überrest gehen muss.
  2. Im zweiten Teil dieser Rede spricht der Herr über die christliche Zeit. Er ermahnt uns darin, auf das Wiederkommen unseres Herrn zu warten.
  3. Im dritten Teil weist der Herr darauf hin, dass auch die Nationen durch die besonderen Trübsale hindurchgehen müssen, die auf die Juden warten.

Um die Eingangsfrage beantworten zu können, müssen wir wissen, wie diese drei Teile zeitlich, chronologisch zusammenhängen. Leben diese drei Gruppen parallel auf der Erde? Treffen die Drangsale, von denen im ersten und dritten Teil die Rede ist, auch die Christen (zweiter Teil)? Oder haben sie nur mit Juden und Nationen zu tun? Mit anderen Worten: Müssen die Christen ebenfalls wie Juden und Nationen diese Drangsalszeit erleben? Oder kommt Christus vorher, um sie in den Himmel zu entrücken?

Dieser Frage wollen wir in diesem Buch nachgehen. Dazu sehen wir uns nicht nur diese Ölbergrede an, sondern vergleichen die vielfältigen Hinweis in Gottes Wort zu diesem Thema. Gott lässt uns nicht im Unklaren, was für eine Beziehung die Christen zur Drangsalszeit haben.

Die künftige Drangsal

Der Bibelausleger William Kelly hat seiner empfehlenswerten Auslegung über die prophetische Rede des Herrn in Matthäus 24–25 einen Anhang angefügt. Er ist überschrieben mit: „Die künftige Drangsal“. Die dort geäußerten Gedanken sind Anregung und Ausgangspunkt für diese Ausarbeitung. Einige Argumente habe ich von Kelly übernommen.

Warum ist dieses Thema so wichtig für uns? Dieser Gegenstand ist deshalb bedeutsam, weil unsere Überzeugung zu dieser Frage Auswirkungen auf unseren inneren Frieden hat. Manche Christen fürchten, dass sie noch durch die große Drangsal (Mt 24,21) hindurchgehen müssen. Diese Not bestimmt ihr Leben. Wie kann man innerlich ruhig werden, wenn man damit rechnen muss, dass jederzeit diese unaussprechlichen Drangsale über uns hereinbrechen können? Wenn man damit rechnen muss, wird man nicht glücklich leben können.

Gottes Wort gibt Antworten!

Daher wollen wir uns der Frage stellen: Werden Christen wirklich diese schlimme Zeit erleben, von der Jesus Christus sagt, dass diese Drangsal schlimmer sein wird als jede vorherige Trübsal (Vers 21.22)? Gottes Wort hilft uns, diese Frage auf befriedigende Weise zu beantworten. Der Herr hat uns nicht im Unklaren darüber gelassen, Gott sei Dank!

Um diese Frage zu klären, müssen wir wissen, ob die Drangsale, die Christen erleben, Teil der „großen Drangsal“ sind. Und wir müssen in der Schrift nach Hinweisen forschen, auf wen sich die „große Drangsal“ konkret bezieht. Finden sich in Gottes Wort Fingerzeige, dass die erlösten Christen vor der Drangsalszeit entrückt werden? Schritt für Schritt wollen wir diese Punkte überdenken.

Zuvor allerdings beschäftigen wir uns mit der herrlichen Erwartung der Christen. Wir warten darauf, dass der Herr Jesus wiederkommt, um uns in den Himmel zu holen. Dieses von Ihm selbst angekündigte Ereignis kann jederzeit eintreffen – heute noch. Die Beschäftigung mit dem Wiederkommen unseres Retters ermuntert uns. Unsere Blicke richten sich auf den, der für uns gestorben ist und jetzt im Himmel für uns lebt. Und sie bewahren uns davor, unsere Sinnerfüllung in dieser Welt zu suchen.

Die Entrückung

Aus dem Buch der Offenbarung wissen wir, dass der Herr Jesus wiederkommen wird. Er sagt uns ganz am Ende des Wortes Gottes: „Der diese Dinge bezeugt, spricht: Ja, ich komme bald“ (Off 22,20). So hat uns der Herr am Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. durch seinen Apostel Johannes ausrichten lassen. Er hat uns zugesagt wiederzukommen. Nicht nur das: Er hat auch versprochen, „bald“ zu kommen.

Warum dauert es schon so lange?

Inzwischen sind fast 2.000 Jahre seit dieser Ankündigung vergangen. Hat Christus sein Versprechen gebrochen? Nein, keineswegs! Dieser Gedanke darf bei uns nicht aufkommen. Der Herr Jesus hält, was Er verheißt. Der Apostel Petrus weist uns darauf hin, dass die Zeitrechnung im Himmel eine andere ist als die auf der Erde. „Dies eine aber sei euch nicht verborgen, Geliebte, dass ein Tag bei dem Herrn ist wie tausend Jahre, und tausend Jahre wie ein Tag“ (2. Pet 3,8).

Schon zu Zeiten der Apostel gab es Namenschristen, die davon sprachen, dass Gott sein Wort nicht einhalten würde. Dass das, was Gläubige behaupten, Unfug sei. Die Gläubigen würden zu Unrecht von der Ankunft des Herrn sprechen. Diese Lästerer begründeten ihre Auffassung damit, dass sich seit Menschengedenken nichts ändern würde (2. Pet 3,3–7).

Nein, sagt Petrus, das ist eine Lüge. Auch wenn es so aussieht, als ob Gottes prophetisches Wort des Alten und Neuen Testaments nicht eintreffen würde, können sich die Gläubigen auf Gottes Zusagen verlassen. Seine Zeitrechnung ist eben eine andere. Wenn Menschen 10 Jahre auf etwas Bestimmtes warten müssen, ist es für sie beinahe unendlich lang. Für Gott dagegen sind 1.000 Jahre wie ein vergangener Tag. So sagt schon Mose (Ps 90,4). Wenn der Herr Jesus also zugesagt hat, „bald“ zu kommen, dann kommt Er auch.

Petrus führt einen wichtigen Grund an, warum Christus bislang nicht wiedergekommen ist: „Der Herr zögert die Verheißung nicht hinaus, wie es einige für ein Hinauszögern halten, sondern er ist langmütig euch gegenüber, da er nicht will, dass irgendwelche verloren gehen, sondern dass alle zur Buße kommen“ (2. Pet 3,9). Der Herr denkt ganz besonders an die Gläubigen. Viele von ihnen haben noch unbekehrte Verwandte. Und Gott gibt diesen Zeit, sich noch zu bekehren. Das ist der Grund dafür, dass Er nach wie vor wartet, selbst nach fast 2.000 Jahren christlicher Zeit. Gott hat nämlich keine Freude daran, Menschen ewig zu verdammen. Sein Wunsch ist, dass jeder Einzelne von ihnen Raum hat, Buße zu tun. So wartet Er noch immer.

Das Versprechen des Herrn Jesus

Aber es wird der Zeitpunkt kommen, wo Er sein Versprechen einlöst. Er hat selbst davon zu seinen Jüngern gesprochen: „In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt; denn ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seid“ (Joh 14,2.3).

Hier spricht Jesus Christus davon, dass Gott, sein Vater, über Wohnungen verfügt, die bislang noch kein Mensch betreten hat. Sie befinden sich im Haus des Vaters unseres Herrn Jesus. Das ist der ungeschaffene Himmel, der schon existierte, als es weder Engel noch Himmel noch Erde gab. Christus selbst hat diese Wohnungen als Mensch betreten, nachdem Er sein Erlösungswerk am Kreuz von Golgatha vollbracht hatte. Die Jünger sahen Ihn auffahren in den Himmel (Lk 24,51). Zu diesem Zeitpunkt betrat Christus als Mensch das Haus seines Vaters. Damit ist es auch für Menschen zubereitet, für alle, die an Ihn als ihren persönlichen Retter glauben.

Seinen Jüngern und durch diese auch uns hat Er nun versprochen, dass es eine Stätte ist, in die Er uns einführen wird. Dazu, so sagt Er, „komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen“. Denn Er möchte diejenigen bei sich haben, die heute auf der Erde seine Erlösten sind und wie Er von den Menschen verworfen werden. Auf diesen Augenblick wartet Er bis heute. Aber Er hat uns versprochen, uns zu sich zu bringen. Was für eine glückselige Hoffnung. Es ist unsere herrliche, sichere Erwartung. Denn „Hoffnung“ ist im Neuen Testament nichts Unsicheres. Nur der Zeitpunkt des Eintreffens der Hoffnung ist uns Christen noch nicht bekannt.

Auferstehung und Entrückung

Der Apostel Paulus spricht von diesem Ereignis in 1. Thessalonicher 4. Er nennt es „Entrückung“. „Denn der Herr selbst wird mit gebietendem Zuruf, mit der Stimme eines Erzengels und mit der Posaune Gottes vom Himmel herabkommen, und die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit bei dem Herrn sein. So ermuntert nun einander mit diesen Worten“ (Verse 16–18).

Paulus spricht hier von zwei Gruppen von Gläubigen. Die einen sind schon gestorben. Die anderen leben noch, wenn der Herr Jesus zur Entrückung kommen wird. Zu den Gestorbenen gehören alle Gläubigen von Adam an, die schon gestorben sind. Sie haben neues, ewiges Leben bekommen. Sie haben sich zu Gott bekehrt und sind nach ihrem Tod ins Paradies eingegangen (vgl. Lk 16,22; 23,43).

Die zweite Gruppe sind die lebenden Gläubigen: Christen, die Jesus Christus als Retter angenommen haben. Aber sie müssen nicht durch den Tod gehen, das heißt sterben. Das liegt daran, dass sie auf der Erde leben werden, wenn der Herr Jesus zur Entrückung kommt. In dem Augenblick, in dem Christus kommen wird, werden die „Toten in Christus“ auferstehen. Wir, die dann Lebenden, werden verwandelt werden und zugleich mit den bereits gestorbenen Gläubigen entrückt werden. Wir werden dem Herrn Jesus in den Wolken in der Luft begegnen. Zusammen mit Ihm werden beide Gruppen von Gläubigen in den Himmel auffahren, in das Haus seines Vaters.3 Allezeit werden wir dann bei unserem Retter und Meister und mit Ihm zusammen sein. Das ist ewige Glückseligkeit!

Es ist sehr interessant, dass der Apostel den Gläubigen (in Thessalonich) keine lange Wartezeit bis zur Entrückung ankündigt. „Wir, die Lebenden“, als ob das Wiederkommen Jesus unmittelbar bevorgestanden hätte. Hat sich Paulus vertan? Nein! Er schrieb ja inspiriert vom Heiligen Geist. Dann hätte Gott sich vertan, was unmöglich ist. Der Apostel sollte so schreiben, weil der Herr Jesus möchte, dass wir sein Wiederkommen, die Entrückung, jeden Tag erwarten und für möglich halten. Kein Gläubiger sollte sich auf eine lange Zeit auf der Erde einstellen. Auch wenn schon viele Generationen von Christen gestorben sind, gilt für uns nicht: Dann werden wohl auch wir sterben. Sondern: „Wir, die Lebenden“, wir erwarten unseren Herrn: heute! Glückselige Hoffnung!

Verwandlung

Noch ein Wort zur angesprochenen Verwandlung. Davon spricht der Apostel Paulus nicht an dieser Stelle. Aber in 1. Korinther 15,51–58 behandelt er im sogenannten Auferstehungskapitel dieses Thema. Wir Gläubigen, die auf der Erde leben, wenn Christus wiederkommen wird, besitzen zu diesem Zeitpunkt einen Körper, der zur ersten Schöpfung gehört. Er unterliegt aufgrund des Sündenfalls dem Verfall. Dieser vergängliche Leib wird bei der Entrückung abgelöst durch den Auferstehungskörper. Dieser neue Leib ist passend sowohl für die heutigen Himmel und Erde als auch für den neuen Himmel und die neue Erde (Off 21,1). Der Auferstehungsleib gehört also der neuen Schöpfung an. Dazu müssen wir verwandelt werden, da das Verwesliche Unverweslichkeit anziehen muss (1. Kor 15,53). Das wird eine wunderbare Veränderung sein, die man sich heute nicht vorstellen kann.

Dann werden wir ewig bei Christus und mit Christus sein. Auf diesen Augenblick warten wir voller Sehnsucht und Freude. Der Herr Jesus kommt wieder. Er kommt „bald“. Dann werden wir Ihn sehen, wie Er ist (1. Joh 3,2), das erste Mal mit unseren leiblichen Augen. Gott möchte, dass diese herrliche Tatsache auch praktische Relevanz in unserem Leben besitzt. Eine lebendige Erwartung des Wiederkommens Christi führt dazu, dass wir ein Leben für Ihn und zu seiner Ehre führen. Dann werden wir uns bewusst sein, dass wir zum Himmel gehören und nur vorübergehend auf der Erde leben. Wir werden alles, was keinen Platz im Himmel haben kann, zurücklassen. Es lohnt sich nicht, für Irdisches zu kämpfen. Und selbst in unseren irdischen Umständen am Arbeitsplatz, zu Hause, in der Nachbarschaft, in der Familie sollen wir heute himmlisches Licht verbreiten. Das ist Motivation und Ermahnung zugleich. Beides haben wir nötig.

Hinweise auf die Entrückung im Neuen Testament

Es scheint mir nützlich zu sein, einmal die Bibelstellen zu nennen, in denen der Geist Gottes im Neuen Testament von der Entrückung spricht. Bis auf den Text in 1. Thessalonicher 4 steht allerdings an keiner Stelle das Wort „Entrückung“ oder „entrücken“. Daher erläutere ich bei den einzelnen Stellen kurz, warum sie sich auf dieses Ereignis beziehen.

  1. Johannes 14,3: „Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin [im Haus meines Vaters mit den vielen Wohnungen, wo Er den Jüngern eine Stätte bereiten würde, Vers 2], auch ihr seiet.“
    Wenn der Herr Jesus zur Entrückung kommen wird, wird Er uns in das Haus seines Vaters bringen. Er spricht hier nicht davon, dass Er Tote auferwecken wird. Wir wissen aus anderen Bibelstellen, dass auch das geschehen wird. Hier aber spricht Christus zu seinen Jüngern davon, dass Er kommt, um sie, die auf der Erde leben würden, zu sich zu holen.4 Von ihrem Tod ist keine Rede. Und wie können Lebende von der Erde in den Bereich kommen, wo der Herr Jesus heute zu Hause ist? Durch die Entrückung.
  2. Römer 8,23.24: „Auch wir selbst seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes.“
    Wann wird unser Körper, der heute oftmals durch Krankheit und sehr früh durch Verfall geprägt ist, „erlöst“ werden? Sicher nicht mit dem Tod. Denn in dem Moment, wenn Gläubige heimgehen, werden Körper und Seele voneinander getrennt (vgl. 2. Kor 5,8: ausheimisch vom Leib). Das ist eben ein unvollkommener Zustand (vgl. Heb 11,40), der erst mit der Wiedervereinigung von Seele und Körper beendet wird. Diese Erlösung bezieht sich auf den Augenblick, wenn die Christen den Auferstehungskörper bekommen. Das geschieht nach 1. Korinther 15,52 bei der Auferstehung, die nach 1. Thessalonicher 4,16 mit der Entrückung stattfinden wird. Dann wird für die Erlösten das Elend der ersten Schöpfung, Krankheit und jede Degeneration des Körpers ein für allemal beendet sein.
  3. 1. Korinther 15,23: „Der Erstling, Christus; dann die, die des Christus sind bei seiner Ankunft.“
    Paulus spricht in Vers 21 von der Auferstehung der Toten. Der Herr Jesus hat auch bei diesem Ereignis den ersten Platz – sowohl zeitlich als auch im Rang. Aber an dem Zeitpunkt, wenn Er kommen wird, werden die entschlafenen Heiligen bei der Entrückung auferweckt werden (siehe Vers 52; 1. Thes 4,16). Sie haben somit Anteil an seiner Auferstehung.
  4. 1. Thessalonicher 1,9.10: „Wie ihr euch bekehrt habt ..., um seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten.“
    An dieser Stelle unterscheidet der Apostel noch nicht zwischen Entrückung und Erscheinung5 des Herrn. In diesem Ausdruck können wir beides sehen. Das zeigt: Wie wichtig die Unterscheidung der beiden Phasen seines Kommens auch ist, dürfen wir sie nicht voneinander trennen. Denn wenn in den Augen Gottes 1.000 Jahre wie ein Tag sind, dann kann Er auch diese beiden Phasen des zweiten Kommens Jesu Christi in einem Begriff zusammenfassen, selbst wenn mindestens sieben Jahre dazwischen liegen.
  5. 1. Thessalonicher 4,15–18
    In diesem Abschnitt spricht Paulus von der Ankunft (Gegenwart) des Herrn, dem wir in Wolken in der Luft begegnen werden, wenn Er uns entrücken wird. Hier wird in Vers 17 ausdrücklich der Begriff verwendet, den wir im Allgemeinen für diesen Vorgang benutzen: entrücken. Allezeit werden wir dann beim Herrn Jesus sein.
  6. 2. Thessalonicher 2,1: „Wir bitten euch aber, Brüder, wegen der Ankunft unseres Herrn Jesus Christus und unserer Versammeltwerdens zu ihm hin.“
    Wenn Christus aus dem Himmel zu uns zurückkommen wird, ist Er für uns gegenwärtig. Das meint der Ausdruck „Ankunft“. Zugleich werden wir zu Ihm versammelt werden: alle Erlösten. Kann sich das auf die Erscheinung in Macht und Herrlichkeit beziehen? Nein, denn das wäre für die Thessalonicher keine Beruhigung gewesen (vgl. V. 2). Sie wurden ja gerade dadurch in ihren Herzen erschüttert, dass manche sagten, der Tag des Herrn sei bereits gekommen (V. 3). Nein, das konnte nicht sein, weil bestimmte Ereignisse dem vorausgehen müssen (V. 4–8). Zu diesen Ereignissen gehört auch unser Versammeltwerden zu Ihm. Wenn dies der Erscheinung Christi in der Öffentlichkeit vorausgehen muss, worauf bezieht es sich dann? Auf die Entrückung.
  7. Titus 2,13: „Wir erwarten die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Heilandes Jesus Christus.“
    Hier spricht der Apostel von beiden Phasen des zweiten Kommens Jesu in einem Satz. Die glückselige Hoffnung ist die Entrückung: Dann werden wir für immer bei dem Herrn sein. Der Entrückung in 1. Thessalonicher 4,15–17, unserer Hoffnung, setzt der Apostel Paulus die Hoffnungslosigkeit der Ungläubigen entgegen, denen diese Hoffnung fehlt (V. 13). Die Erscheinung dagegen ist die Offenbarung des Herrn in Macht und Herrlichkeit im Anschluss an die Drangsalszeit. Sie wird im Neuen Testament nicht als „Hoffnung“ bezeichnet. Warum nicht? Weil das, was Christen „hoffen“, mit einem davor liegenden Ereignis, der Entrückung, verbunden und damit auch erfüllt ist. Das heißt nicht, dass Christen nicht die machtvolle Erscheinung ihres Herrn erwarten würden. Sie tun es.
  8. Jakobus 5,7.8: „Habt nun Geduld, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn ... Habt auch ihr Geduld, befestigt eure Herzen, denn die Ankunft des Herrn ist nahe gekommen.“
    Wie in 1. Thessalonicher 1,10 haben wir hier einen sehr allgemeinen Ausdruck vor uns, der sich sowohl auf die Entrückung als auch auf die Erscheinung des Herrn bezieht. Wir brauchen Geduld und Ausharren, bis Er kommt und wir durch die Entrückung am Ziel angekommen sein werden. Zugleich wird die Ankunft des Herrn hier mit einer Ermahnung verbunden, was uns an den Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10) und die Erscheinung Christi denken lässt.
  9. 1. Johannes 3,2: „Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass wir, wenn es offenbar wird, ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“
    Auch an dieser Stelle verbindet der Geist Gottes die beiden Phasen des Wiederkommens Jesu miteinander. Die Entrückung steht mit dem letzten Ausdruck in Verbindung: Wir werden Ihn, unseren Retter, im Augenblick der Entrückung sehen – für immer! Das wird aus 1. Thessalonicher 4,17 deutlich: Der Herr kommt uns in den Wolken entgegen, wo wir dann Ihm entgegen entrückt werden. Dort werden wir Ihn das erste Mal „Auge in Auge“ sehen! Großartiger Augenblick – danach sehen wir uns. Danach wird dann einmal für alle Menschen sichtbar werden, dass wir Ihm gleich sein werden. Das bezieht sich auf die Erscheinung Christi zusammen mit uns. Dann wird die Welt erkennen, dass wir Ihm gleich sind.
  10. Judas 21: „Erhaltet euch selbst in der Liebe Gottes, indem ihr die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus erwartet zum ewigen Leben.“
    Wenn der Herr Jesus zur Entrückung wiederkommen wird, wird dies ein Akt göttlicher Barmherzigkeit sein. Er wird uns aus dem Elend der Lebensumstände und auch des traurigen geistlichen Niedergangs herausretten. Die Erscheinung Christi in dieser Welt ist mit Herrlichkeit und Freude verbunden. Wenn Er uns aber entrücken wird aus unseren elendigen Umständen heraus, dann empfinden wir: Das ist Barmherzigkeit.

Noch an manchen anderen Stellen finden wir Hinweise auf das Kommen des Herrn zur Entrückung, z. B. 1. Korinther 11,26; 2. Korinther 5,2; Galater 5,5; Philipper 3,20.21; 4,5; Hebräer 9,28. Es dürfte nicht ganz einfach sein, eine wirklich vollständige Liste aller Bibelstellen zusammenzustellen, die von der Entrückung handeln.

Wir sehen, dass die Entrückung kein Nebengedanke Gottes ist. Nein, der Herr Jesus selbst spricht von ihr genauso wie sämtliche inspirierten Briefschreiber außer Petrus. Und selbst bei ihm finden wir eine Andeutung der Entrückung, wenn er von dem Aufgehen des Morgensterns spricht (2. Pet 1,19). Hinzu kommen noch viele Stellen, in denen die Schreiber des Neuen Testaments von der christlichen „Hoffnung“ sprechen.

Die christliche Hoffnung ist auf diese Entrückung gerichtet. John Nelson Darby war bei der Beschäftigung mit diesem Thema einmal überwältigt davon, dass jeder Schreiber des Neuen Testaments von dem Wiederkommen des Herrn spricht. Gerade die Beschäftigung mit diesem Thema hat ihn die Unterscheidung zwischen den Phasen seines zweiten Kommens verstehen lassen.

„Vor-Entrückung“ vor der Drangsalszeit?

Im Folgenden wenden wir uns jetzt dem zentralen Thema dieses Buches zu: Müssen Christen durch die „große Drangsal“ hindurchgehen? Zunächst einmal gehe ich etwas ausführlicher darauf ein, warum diese Frage überhaupt so bedeutsam für uns ist.

Eine Frage der christlichen Hoffnung und Erwartung des Herrn

Ein zentrales Thema für Christen ist die christliche Hoffnung. Vielfach werden wir darüber im Neuen Testament belehrt (vgl. Röm 5,2 ff.; 8,24; 1. Kor 13,13; Gal 5,5; Kol 1,5 usw.). Diese Hoffnung bezieht sich auf die Entrückung, auf das Wiederkommen Jesu, um uns in den Himmel zu holen.

Was aber ist, wenn diese Hoffnung nichts mit dem Himmel zu tun hätte? Was ist, wenn diese Hoffnung lediglich darauf gerichtet wäre, dass wir mit Ihm auf der Erde regieren? Dann hätten wir keine himmlische Hoffnung, sondern eine irdische. Dann unterschied uns letztlich kaum noch etwas von anderen Familien Gottes wie Israel oder den Nationen.6

Eine solche Auffassung steht im Widerspruch dazu, dass Gott mit denen, die zur Versammlung (Gemeinde) Gottes gehören, einen ewigen Ratschluss gefasst hat (vgl. Eph 3,4–19). Zur Versammlung Gottes gehören alle Christen. Alle, die den Herrn Jesus Christus im Glauben als Retter angenommen haben, bilden die Versammlung Gottes, die Teil des ewigen Vorsatzes Gottes ist (Eph 3,11). Das unterscheidet die heute lebenden Gläubigen grundlegend vom Volk Israel und von den Nationen.

Zudem heißt es mehrfach im Neuen Testament, dass Gott uns aus dieser Welt herausgenommen hat, um uns mit dem Himmel zu verbinden (vgl. Gal 1,4; Eph 2,6; Phil 3,13). Wir leben heute auf der Erde. Und wir wissen aus Stellen wie Offenbarung 22,5, dass wir auch über diese Erde regieren werden. Aber unsere eigentliche Bestimmung ist der Himmel. Dorthin wird uns der Herr Jesus nach Johannes 14,2–4 bringen. Eine Konzentration auf das irdische Königreich würde dagegen aus himmlischen Christen irdische Gläubige machen, die zur Erde gehören. Diese Überzeugung fesselt Gläubige an diese Erde und Welt. Dabei hat uns Gott aus der Welt herausgenommen. Er möchte, dass wir uns innerlich von dieser Welt lösen, um ganz für Ihn zu leben. Unsere eigentliche Bestimmung ist nicht die Erde, sondern der Himmel.

Eine Frage der Epochen – ist die Versammlung das geistliche Israel?

In Verbindung damit steht ein zweiter Punkt, den wir schon kurz gestreift haben. Diese himmlische Hoffnung der Erlösten, die zur Versammlung (Gemeinde) Gottes gehören, unterscheidet sie von allen anderen Familien Gottes auf der Erde.

Das Volk Israel wartete auf seinen Messias, der sein Königreich auf der Erde aufrichten sollte. Die gläubigen Nationen werden später auf Gott warten, der sie auf dieser Erde durch das Volk Israel segnen will. Für die Erlösten, die zur Versammlung Gottes gehören, gilt das nicht.

Wir warten darauf, dass der Herr Jesus uns dahin bringt, wo Er selbst zu Hause ist: in den Himmel und in das Haus seines Vaters (Joh 14,1–3). Das richtet unsere Blicke weg von den irdischen Umständen hin zu dem verherrlichten Christus. Das lässt uns von der Erde wegschauen hin nach oben. Gerade das ist die hohe Würde unserer christlichen Stellung, die ohne die Erwartung der Entrückung verlorengehen würde.7

Die Versammlung ist untrennbar mit der Entrückung verbunden

Die biblische Belehrung über die Versammlung Gottes ist unauflöslich mit der biblischen Lehre über die Entrückung verbunden.8 Darauf haben bereits Gegner der Vor-Entrückungslehre verwiesen, und das mit Recht. Das sind Personen, die überzeugt sind, dass die Christen nicht vor der Drangsalszeit entrückt werden, sondern während oder nach dieser Trübsalszeit.

Wer aber die Naherwartung des Kommens Jesu zur Entrückung ablehnt, lehnt die himmlische, einzigartige Stellung der Versammlung ab. Die sichtbare Erscheinung des Herrn in Macht und Herrlichkeit geschieht für Israel und für die vielen Nationen. Sie ist für solche, die ihren Platz hier auf der Erde haben.

Wenn die Versammlung daher keine „andere Erwartung“ hätte, wäre sie von ihrem Charakter wie Israel und die Nationen. Ihr Wesen wäre dann irdischer und nicht himmlischer Natur! Wer also die Naherwartung des Kommens Jesu zur Entrückung aufgibt, wird auch früher oder später die himmlische Stellung der Erlösten aufgeben. Und damit wären die genannten Bibelstellen aus Gottes Wort zu streichen, über die wir bereits nachgedacht haben.

Da die Erlösten heute die Versammlung Gottes bilden, lehnt man mit einer solchen Haltung auch die einzigartige Position der Versammlung ab. Damit verliert der Christ den ganzen Segen seiner besonderen Stellung in Christus, die in Verbindung steht

  1. mit einem verherrlichten Christus im Himmel,
  2. mit dem Geist Gottes auf der Erde, der in dem Gläubigen persönlich und in der Versammlung wohnt, sowie
  3. mit dem vollbrachten Erlösungswerk, auf das wir zurückschauen können.

Angst vor der Drangsal oder freudiges Erwarten des Kommens des Herrn?

Schließlich darf man nicht übersehen, dass diese Frage auch etwas mit dem Empfinden von Angst und Sorge zu tun hat. Wenn ich auf die Entrückung vor der Drangsalszeit warte, um für immer bei dem Herrn Jesus zu sein, freue ich mich auf das, was mich erwartet. Wenn ich dagegen auf die Drangsalszeit warten muss, die der Entrückung vorausgeht, kann ich darauf sicherlich nicht voller Freude warten. Dann werde ich vielmehr Sorge haben müssen, wie ich durch diese Zeit hindurchkomme, ohne zu versagen und den Glauben aufzugeben. Das führt ganz und gar nicht zu Ruhe und innerer Glückseligkeit.

Es bleibt somit die Frage bestehen: Hat Gott uns im Neuen Testament darauf vorbereitet, eine Drangsalszeit erdulden zu müssen? Oder stellt Er uns das Kommen des Herrn zur Entrückung als glückselige Hoffnung vor, um unsere Herzen für Christus zu erwärmen? Wir wissen, dass der Herr diese Hoffnung immer wieder als Ermutigung nennt. Dass sie Sorge haben müssen vor einer Drangsalszeit, wird Christen an keiner Stelle gesagt. Sie brauchen keine Angst zu haben.

Vor diesem Hintergrund handelt es sich nicht um eine nebensächliche Frage, ob wir noch durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen. Es geht um etwas, was uns als Christen sehr wichtig ist. Es betrifft unser Glaubensleben und unsere Überzeugungen auf direkte Weise.

Christen und Drangsale

Ist alle Schrift „über die Christen“ geschrieben?

Es ist sicher nützlich, darauf hinzuweisen, was Gott in seinem Wort im Blick auf uns Christen sagt. „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt“ (2. Tim 3,16.17). Mit anderen Worten: Jeder Teil der Schrift ist (auch) für uns geschrieben worden.

Heißt das aber, dass jeder Abschnitt zugleich über uns bzw. in Bezug auf uns geschrieben wurde? Natürlich nicht! Wenn Gott über Juden oder Israeliten spricht, dann ist das nicht die Versammlung (Gemeinde) Gottes. Wenn Gott über Nationen im Alten Testament oder in der zukünftigen Zeit schreibt, dann ist das wieder nicht die Versammlung Gottes.

Gott, der Autor der Bibel, kann von uns erwarten, dass wir geistliches Unterscheidungsvermögen besitzen. Dafür hat Er uns seinen Geist gegeben. Johannes schreibt von der Salbung des Heiligen Geistes, so dass wir alles wissen (1. Joh 2,20). Dieser Geist führt uns in die ganze Wahrheit (Joh 16,13).

Als Erlöste kennen wir nicht alle Einzelheiten des Wortes Gottes. Wir sind auch nicht in der Lage, alles zu erklären. Aber wir wissen alles: Wir sind durch den Geist Gottes in die Lage versetzt worden, alles geistlich zu beurteilen. Dazu ist es allerdings nötig, dass wir Gottes Wort unter Gebet lesen und Bibelwort mit Bibelwort vergleichen (vgl. 2. Pet 1,20). Dadurch sind wir fähig zu erkennen, dass die „christlichen Trübsale“ ganz anderer Natur sind als die der „großen Drangsalszeit“. Dann verstehen wir, dass Gott in unterschiedlichen Zeitepochen unterschiedliche Familien hat, mit denen Er eine voneinander verschiedene Beziehung pflegt.

So verstehen wir, dass die Wege Gottes mit den Menschen nicht zu jeder Zeit dieselben sind. Und wir erfassen, dass Israel ein Volk Gottes auf der Erde war und sein wird. Die Versammlung dagegen ist nur vorübergehend auf der Erde, da ihr Wesen, ihre Bestimmung und Zukunft himmlischer Natur sind. Wenn Gott über Israel spricht, hat Er etwas anderes vor Augen, als wenn Er über die Versammlung spricht.

Drangsale in der christlichen Zeit

Wir sehen uns nun Bibelstellen an, die mit Leiden und Trübsalen der Erlösten in der heutigen Zeit zu tun haben. Hier geht es somit wirklich um Christen, an die sich der Geist Gottes wendet. Schon der Herr Jesus sprach davon, dass der Lebensweg der Gläubigen nicht einfach ist. Auch die Apostel und Propheten des Neuen Testaments weisen uns darauf hin.

  • Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33).
    In Vers 32 dieses Kapitels hatte der Herr Jesus seine Jünger auf die Folgen seiner Gefangennahme und seines Todes hingewiesen. Sie würden zerstreut werden und nach Hause gehen, wenn der Herr seinen letzten Weg ans Kreuz beginnen würde. Aber nach seinem Erlösungswerk sollten sie in Ihm Frieden haben. Das bedeutet, dass sie in ihrem Glaubensleben den Frieden genießen würden, den auch Er in seiner Beziehung zu seinem Vater besessen hat. Unabhängig davon, ob ihre Lebensumstände schwer oder leicht wären, könnten sie durch sein Erlösungswerk in innerem Frieden und in Gemeinschaft mit Gott, dem Vater, leben. Sie sollten kein leichtes Leben erwarten. In der Welt gibt es viele Drangsale. Aber da der Herr die Welt in ihrer Kraft und Bosheit überwunden hat, können sie sich auf Ihn stützen. Die Jünger glaubten an Ihn, sie kannten seine Herrlichkeit und seine Gnade, die für sie die Quelle des Überwindens ist. Auch wir schauen auf zu Ihm, der uns Kraft für alle Dinge gibt.
  • Und sie „befestigten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu verharren, und dass wir durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen müssen“ (Apg 14,22).
    Der Apostel Paulus und seine Mitarbeiter machten den Gläubigen deutlich, dass der Weg durch Leiden in die Herrlichkeit führt. Letzteres ist an dieser Stelle das Reich Gottes in Macht und Herrlichkeit auf der Erde. Ein Christ sollte nicht denken, dass er an der Hand seines Meisters ein Leben ohne Trübsale führen kann. Christsein und Trübsale gehören auch heute untrennbar zusammen.
  • Denn euch ist es im Blick auf Christus geschenkt worden, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden“ (Phil 1,29).
    Die Philipper kämpften im Evangelium mit Paulus. Sie waren bereit, in ihrem Dienst für den Herrn Jesus auch Leiden zu erdulden. Das ist seitdem für jeden Gläubigen, der seinem Meister im Evangelium dient, mehr oder weniger Wirklichkeit geworden. Dienst ohne Leiden gibt es nicht.
  • Das Wort ist gewiss; denn wenn wir mitgestorben sind, so werden wir auch mitleben; wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,11.12).
    Nur wenige sind aufgerufen, wie die Philipper im Dienst nach außen für Christus zu leiden. Wenn wir aber nicht in unserem täglichen Glaubensleben mit Ihm leiden, wie sollen wir dann erwarten können, mit Ihm verherrlicht zu werden? Wir gehören zu dem verworfenen Christus. Wer sich zu Ihm bekennt, wird unweigerlich leiden müssen. Denn Er ist bis heute der Verworfene, so auch diejenigen, die zu Ihm gehören.Mit anderen Worten: Wer nicht in der einen oder anderen Form Ablehnung und Widerstand erfährt, mögen diese noch so gering sein, muss sich fragen, ob er überhaupt als Christ lebt.
  • Wenn aber Kinder, so auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir nämlich mitleiden, damit wir auch mitverherrlicht werden“ (Röm 8,17).
    Das, was der Apostel Paulus in diesem Vers nennt, unterscheidet unsere Stellung heute grundsätzlich von unserer Position im 1.000-jährigen Friedensreich. Denn heute werden wir regiert. Dann aber werden wir mit Christus über die dort lebenden Menschen regieren (vgl. Off 20,4; 1. Kor 6,3; 4,8). Und regiert zu werden inmitten einer Gott feindlichen Welt beinhaltet immer auch Leiden.

Wir lernen in diesen und manchen weiteren Bibelversen, dass Christen nicht vorhergesagt wird, dass sie heute ihr Leben in äußerem Glück führen können. Gott lässt uns nicht im Unklaren darüber, dass der Lebensweg eines Christen durch die Ablehnung seiner Mitmenschen geprägt ist. Das aber bedeutet nicht, dass wir innerlich unglücklich sein müssen. Paulus ist das beste Beispiel dafür, dass man in innerem Frieden ein glücklicher Christ sein kann, obwohl man äußerlich verfolgt wird, vielleicht sogar bis zum Tod. Wir leben also in einer Zeit, die für die Erlösten von Trübsalen geprägt ist.

Die große Drangsal gilt nur für das Volk Israel (Mt 24,21)

Im Blick auf Christen wird also von persönlichen Nöten, zum Teil auch von Verfolgungen gesprochen. Nun stellt sich die Frage, ob diese Drangsale und Trübsale zu der „großen Drangsal“ gehören, die der Herr Jesus in Matthäus 24,21 anspricht. Jeremia spricht in ähnlicher Weise von „der Drangsal für Jakob“ (Jer 30,7). Mit anderen Worten: Müssen die Erlösten der christlichen Zeit noch durch diese Drangsal hindurchgehen?

Sehen wir uns zunächst Daniel 12,1.2 an: „Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird. Und viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden erwachen: diese zu ewigem Leben und jene zur Schande, zu ewigem Abscheu.“

Das Besondere der großen Drangsal

Gott spricht hier zu seinem Propheten von einer Drangsal, die alle anderen weit in den Schatten stellen wird. Wie wir gesehen haben, gibt es auch heute Drangsale (Joh 16,33). Aber das, was dann auf die Menschen warten wird, ist eine Trübsal, „wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht“. Diese Aussage Gottes durch Daniel deckt sich mit den Worten in Matthäus 24,21: „Dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird.“ Auch in Joel 2,2 spricht Gott von dieser unvergleichlich schrecklichen Zeit.

Wer muss durch diese Drangsal hindurchgehen? Daniel wird gesagt: „dein Volk“. Das zeigt klar, dass es um das Volk Israel, besonders um das Südreich Juda geht. Das wiederum passt zu der Bedeutung der Verse in Matthäus 24,1–44. Wir haben gesehen, dass es dort ebenfalls um das Volk der Juden geht. Immer wieder wird auf jüdische Elemente verwiesen, die nichts mit der christlichen Zeit zu tun haben. Auch die Lokalisierung „Judäa“ (Vers 16) zeigt, dass es um Israel, Jerusalem und Juden geht, nicht um Christen.

Das Ende dieser Zeit wird in Daniel 12,2 mit der Auferstehung verbunden. Sie wird nach Offenbarung 20,4.5 zu Beginn des 1.000-jährigen Friedensreiches stattfinden. Diese Auferstehung gilt denjenigen, die als gläubige Juden in der furchtbaren Drangsal umkommen werden. Den Zorn selbst, der über das Volk der Juden kommen wird, bevor die gläubigen Übriggebliebenen „errettet werden“, beschreibt Gott im Alten Testament auf vielfache Weise. Sogar Hinweise auf eine nationale Auferstehung finden wir verschiedentlich. Beispielhaft nenne ich Jesaja 26,14–20; Hesekiel 37,1–14 und Hosea 6,1.2 sowie 13,14. Das alles aber betrifft weder die Nationen noch die Versammlung (Gemeinde, Kirche), sondern allein das Volk Israel.

Daniel 12 verdeutlicht somit, wer durch diese Drangsal, die große Drangsal, hindurchgehen muss: das Volk des Propheten, also die Juden. Denn Daniel gehörte zu den zwei Stämmen Juda und Benjamin, die in der Regierungszeit Zedekias endgültig von Nebukadnezar überwunden und in Gefangenschaft geführt wurden. Genau von diesen spricht auch der Herr Jesus in Matthäus 24. In Vers 22 nennt Er die Auserwählten, die in Judäa und Jerusalem wohnen. Das können also nicht diejenigen sein, die nach Epheser 1,4 vor Grundlegung der Welt auserwählt wurden. Es kann sich nur um Juden handeln. Denn das prägende Kennzeichen von Christen ist nicht, dass sie in Judäa oder Jerusalem wohnen, auch wenn es dort Christen gab. Sie sind durch eine himmlische und nicht durch eine irdische Beziehung geprägt.

Auch der Gräuel der Verwüstung hat nach Daniel 9,27 Bezug zu den jüdischen Opfern, also zum Tempel in Jerusalem. Alles trägt in diesen Abschnitten jüdischen Charakter. Nach Matthäus 24,31 wird dann allerdings nicht nur das Zwei-Stämme-Reich, sondern das gesamte Volk Israel gerettet werden. Das passt zu Daniel, denn nach Daniel 1,3; 9,7.11.20 gehörte Daniel nicht nur zu Juda, sondern zu ganz Israel. Er fühlte sich dem gesamten Volk zugehörig.

Drangsal Jakobs

Auch der Ausdruck „Drangsal für Jakob“ (Jer 30,7) ist in einen Kontext eingebettet, der deutlich von Juda und Israel spricht: „Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da ich die Gefangenschaft meines Volkes Israel und Juda wenden werde, spricht der Herr; und ich werde sie in das Land zurückbringen, das ich ihren Vätern gegeben habe, damit sie es besitzen“ (Jer 30,3). Jahwe fährt in seiner Botschaft fort: „Und dies sind die Worte, die der Herr über Israel und über Juda geredet hat“ (Vers 4). Auch in den Versen 9 und 10 heißt es: „Sie werden dem Herrn, ihrem Gott, dienen und ihrem König David, den ich ihnen erwecken werde. Und du, fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, spricht der Herr; und erschrick nicht, Israel!“

Das zeigt: Nicht nur in Matthäus 24 bezieht sich „große Drangsal“ auf eine spezielle Trübsal für Juda, sondern in gleicher Weise in Jeremia 30 die „Drangsal Jakobs“. An keiner dieser Stellen geht es um die Nationen oder um die Versammlung.

Vergleich der heutigen Trübsale mit der großen Drangsal

In der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird (Off 3,10), setzt sich der Antichrist in den Tempel. Er wird sich als Gott verehren lassen (2. Thes 2,4). Die Schärfe des daraufhin einsetzenden Gerichtes Gottes wird beispiellos sein. Das haben wir in Matthäus 24 gesehen.

Noch nie gab es zuvor eine solche satanische Dreieinheit. Sie wird aus dem Teufel selbst, aus dem Römischen Kaiser und dem Antichristen bestehen. Man liest davon in Offenbarung 13. Die beiden Tiere (der römische Kaiser und der Antichrist) werden vom Drachen (Satan) inspiriert sein in ihrem Hass gegen alle Gläubige und gegen das gläubige Israel. Vereint kämpfen sie gegen den Gott Israels, Jahwe, und seinen Christus. Sie werden aber erleben, dass Gott auch gegen sie kämpft. Dazu benutzt Er zunächst als Agenten seine Engel, die in der Gerichtszeit Qualen auf die Erde bringen werden.

Diese Zeit der Leiden hat nichts mit den Trübsalen zu tun, derer wir heute wertgeachtet werden. Heute geht es nicht um Gericht über eine schuldige Welt, sondern um Regierung vonseiten Gottes. Dann aber wird es sich besonders um Gottes unerbittliches Gericht über ein abtrünniges Volk handeln, das Volk der Juden.

Flucht oder Ausharren?

In dieser Zeit sollen die gläubigen Juden fliehen (vgl. Mt 24,16–20). Ein ähnlicher Auftrag galt den gläubigen Christen in apostolischer Zeit, als Jerusalem wegen des Unglaubens und der Rebellion Israels zerstört wurde (vgl. Lk 21,20 ff.). Darauf komme ich gleich noch einmal zurück. Wir dagegen sollen als Christen von Herzen bereit sein, für und mit Christus zu leiden (vgl. 2. Tim 2,9.10.12; Phil 1,29). Von „Weglaufen“ lesen wir für uns Christen in dieser Hinsicht nichts.

Festgelegte oder unbestimmte Zeit?

Es gibt noch einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen den beiden Trübsalen. Die Zeit, die als große Drangsal über die Juden (und zum Teil Nationen) kommen wird, ist von ihrer Dauer festgelegt: sieben Prüfungsjahre, dreieinhalb Jahre große Drangsal (vgl. Dan 9,27; 12,11.12; Off 12,6; Mt 24,15 ff.). Die Zeit, in der wir Christen leiden müssen, wird dagegen nicht nach Tagen, Monaten oder Jahren bestimmt (vgl. Mk 13,32; Mt 24,36; Apg 1,7). Gott weiß genau, wie viel Er uns zumuten kann. Aber Er hat uns nicht offenbart, wie lange jeweils Leidenszeiten sind.

Assyrien, Römischer Kaiser und Antichrist oder Menschen?

In Verbindung mit der Drangsalsperiode Israels, die wir an verschiedenen Stellen des Alten und Neuen Testaments finden, wird ein großer Feind Israels genannt: Assyrien (vgl. Jes 10,5 ff; 28,14 ff.; 29,1–8; 52,4). Er kämpft gegen das Volk Israel und wird Jerusalem zum Teil zertreten, zum Teil belagern. In Verbindung mit der christlichen Zeit gibt es jedoch keine einzige Erwähnung dieses Königs und Volkes. Hier ist von einzelnen, bestimmten Nationen keine Rede.

Gott oder Satan?

Diese beiden Trübsale unterscheiden sich noch in anderer Hinsicht. Die Trübsal der Gläubigen heute wird, wie schon gezeigt, durch Satan hervorgerufen (vgl. 1. Pet 5,8) und oft durch Ungläubige bewirkt (vgl. 2. Thes 1,6). Es handelt sich zwar um die Regierung Gottes. Aber es sind Satan und seine Diener sowie Ungläubige, die den Gläubigen übel wollen. Die künftige „Stunde der Versuchung“ und auch die „große Drangsal“ hingegen kommen direkt vom Himmel, von Gott und dem Herrn Jesus (vgl. Off 4–18). Das heißt nicht, dass sich nicht auch Menschen wie der Assyrer, der Römische Kaiser und der Antichrist gegen die gläubigen Juden stellen. Aber Gott hat dieses Gericht als sein Gericht ausdrücklich angekündigt (Jes 40,2; Jer 16,18). Sie sind Folge der Sünden des Volkes.

Unglaube oder Treue?

Die Trübsale des Christen heute sind eine Konsequenz seiner Treue und Hingabe, seines entschiedenen Glaubenslebens. Die Stunde der Versuchung dagegen kommt über Menschen, weil sie Gott abgelehnt haben und Christus als Retter verwerfen.

Ruhe heute oder Ruhe morgen?

Diejenigen, die heute Trübsale erleiden, werden später Ruhe haben, wenn die Stunde der Versuchung über die Erde kommen wird (2. Thes 1,5–10). Im Gegensatz dazu stehen solche, die heute gläubige Menschen verfolgen und selbst eine vergleichsweise ruhige Lebenssituation genießen. Sie werden dann, wenn sie bei der Entrückung noch leben, in diese Stunde der Versuchung kommen. Es wird für sie eine furchtbare Zeit werden. Sie werden dem Zorn Gottes ausgesetzt werden.

Der Zorn über die Juden – nicht über die Christen

Im 1. Thessalonicherbrief spricht Paulus mehrfach vom Zorn, der über ungläubige Juden und Nationen kommen wird. Wir müssen uns somit fragen: Ist dieser Zorn, von dem wir eben schon gesprochen haben, mit der Drangsalszeit gleichzusetzen?

Zorn über Juden (1. Thes 2)

Wenn man die verschiedenen Stellen in diesem Brief miteinander vergleicht, wird man feststellen: Das ist das Zornesgericht, das Gott durch den Herrn Jesus als Gericht über Ungläubige bringen wird. Nach 1. Thessalonicher 2,16 ist dieser Zorn die Strafe dafür, dass die Juden Christus sowie seine Propheten und Diener getötet und behindert haben.

Christen sind nicht zum Zorn gesetzt

In 1. Thessalonicher 5,9 lesen wir dann, dass die Erlösten der heutigen Zeit gerade nicht zum Zorn gesetzt sind. Sie werden stattdessen vor diesem Gericht Gottes gerettet werden, das Er über diese Erde bringen wird.

Wie ist das zu verstehen? Die leidenden Christen konnten denken, dass Gottes Zorn schon angebrochen sei, denn sie mussten harte Verfolgungen und Bedrückungen erleiden. Aber, die Zeit von Gottes Zorngericht war noch nicht da. Dieser Zorn wird einmal über die Ungläubigen kommen. Die Erlösten heute aber sind nicht zum Zorn gesetzt. Sie müssen diese Drangsal Jakobs nicht erdulden.

Christen werden von dem kommenden Zorn errettet

Schon ganz am Anfang des Briefes besteht der Apostel darauf, dass die Erlösten in Thessalonich durch ihre Bekehrung von dem kommenden Zorn errettet werden. Dieser Zorn kann sich nicht auf die Hölle, den ewigen Zorn Gottes beziehen, denn hier steht nicht, dass Jesus uns vor dem kommenden Zorn „errettet hat“ (Vergangenheit), sondern dass Er uns errettet (Gegenwart). Vor der Hölle und der ewigen Ferne Gottes sind wir durch das Erlösungswerk längst befreit worden (Vergangenheit). Diese Befreiung wird uns bei unserer Bekehrung zugerechnet (für den Erlösten ebenfalls Vergangenheit). Das also kann Paulus an dieser Stelle nicht meinen.

Nein, wir sind nicht nur vor der Hölle gerettet worden, so gewaltig das ist, sondern wir werden auch vor der Drangsalszeit gerettet. Das verdanken wir dem verherrlichten Herrn, der heute für uns im Himmel tätig ist. Er wird dafür sorgen, dass wir auch den Zorn, den Er in der Drangsalszeit über diese Erde bringen wird, nicht erleben müssen. Er wird uns zuvor entrücken – Ihm sei ewig Dank dafür.

Zorn Gottes

Nicht nur hier bezieht der Geist Gottes den Begriff „Zorn Gottes“ auf die Gerichtszeit vor Beginn des 1.000-jährigen Friedensreiches. Stellen wie Offenbarung 6,16.17; 11,18; 14,10; 16,19; 19,15 und Römer 1,18 machen deutlich, dass sich dieser Ausdruck oft auf die Gerichtsperioden bezieht, die Gott über diese Erde bringen wird.

Der Tag des Herrn – kein Gericht für die Christen

Im Alten Testament ist vielfach vom „Tag Jahwes“ (des Herrn) die Rede. Dieser Tag ist verbunden mit furchtbaren Gerichten. Die Drangsal Jakobs, diese große Drangsal, wird in Jeremia 30,7 unmittelbar mit diesem Tag verbunden: „Wehe, denn groß ist jener Tag, ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob! Doch er wird aus ihr gerettet werden. Denn es wird geschehen an jenem Tag, spricht der Herr der Heerscharen ...“ (Jer 30,7.8).

Der Tag Jahwes ist von der Drangsal Jakobs nicht zu trennen. In Amos 5,18; Jesaja 2,12; Jeremia 46,10; Hesekiel 13,5; 30,3 und an vielen anderen Stellen ist von diesem furchtbaren Tag die Rede (vgl. auch Joel 3,4; Apg 2,20). Die Drangsalszeit wird die Vorbereitung bzw. der Startpunkt dieses Tages des Herrn sein.

Den Thessalonichern wird ausdrücklich gesagt, dass sie keine Angst haben sollten, dass „der Tag des Herrn da wäre“ (2. Thes 2,2). Sie würden an diesem Tag nämlich verherrlicht sein (2. Thes 2,1), wenn Gott das Gericht über die Ungläubigen in dieser schrecklichen Drangsalszeit bringen wird (2. Thes 1,6 ff.). Mit anderen Worten: Die Christen werden diesen Tag nicht auf der Erde erleben, sondern im Himmel sein. Und dann, wenn sie die Herrlichkeit dieses Tages des Herrn erleben werden, sind sie mit Christus in verherrlichten Körpern auf diese Erde zurückgekommen.

Mit diesem „Tag des Herrn“ darf man im Übrigen nicht den „Tag Jesu Christi“ oder andere Tage verwechseln, die sich auf uns beziehen (vgl. 1. Kor 1,8; 2. Kor 1,14; Phil 2,16; 2. Tim 1,12.18; Heb 10,25). Diese Tage haben nichts mit dem Gericht über Juden und Heiden oder mit dem Tag des Herrn zu tun.

Den Herrn freudig erwarten – nach der Drangsal?

Wie wir bereits gesehen haben, wird sowohl in Matthäus 24,21 als auch in Jeremia 30,7 von der großen Drangsal gesprochen. Auch Bibelstellen wie Joel 2,2 zeigen, dass es sich um eine Zeit handelt, die unvergleichlich schrecklich ist. So etwas Furchtbares und Schlimmes ist an Gericht noch nie über diese Erde gekommen. Mit anderen Worten: Selbst das für uns heute bereits wieder Unvorstellbare, was unter dem Hitler-Regime geschehen ist, verblasst angesichts der Schrecklichkeit dieser Drangsale.

Als Christen werden wir ermutigt, auf das Kommen des Herrn zu warten und „einander mit diesen Worten“ zu ermuntern (1. Thes 4,18). Diese Ermahnung zur gegenseitigen Ermunterung wäre geradewegs Zynismus, wenn wir zunächst erwarten müssten, in unvergleichlich schlimme Drangsale zu kommen. Dann brauchte man zwar Ermunterung, um in den Drangsalen auszuharren. Aber der Hinweis auf diese Ereignisse wäre keine Ermunterung, wie der Apostel sie aber in diesen Versen vorstellt. Zudem wäre die Gefahr, in solch furchtbaren Prüfungen aufzugeben und das Ende wegen Untreue nicht zu erreichen, sehr groß (vgl. Mt 24,13; 13,13). Daher wäre neben dieser Ermunterung eine sofortige Warnung und Ermahnung mindestens in gleichem Maße nötig. Das unterstreicht ein weiteres Mal, dass die große Drangsal nichts ist, wodurch die Christen hindurchgehen müssen.

Nein, es ist offenbar, dass wir vor dieser Drangsalszeit entrückt werden. Daran dürfen wir festhalten und uns so gegenseitig ermuntern, auf das Wiederkommen des Herrn Jesus zu warten. Wir brauchen keine Angst vor einer speziellen Drangsalszeit zu haben. Wir erwarten zuvor unseren Retter als Retter des Leibes, der uns aus den irdischen Umständen in die Herrlichkeit bringen wird.

Die Entrückung (1. Thes 4,13–18)

Damit komme ich noch einmal zu den wichtigen Belehrungen des Apostels Paulus an die Thessalonicher über die Entrückung. Nach 1. Thessalonicher 4,13 hatten sie Sorgen im Blick auf ihre verstorbenen Mitgläubigen. Sie kannten diese ja gut und hatten mit ihnen das Wiederkommen des Herrn erwartet. Damit rechneten sie täglich. Nun befürchteten sie, dass die bereits gestorbenen Gläubigen keinen Anteil bekämen an der herrlichen Regierung des Herrn in seinem zukünftigen Königreich hier auf der Erde.

Paulus kann die gläubigen Thessalonicher durch gute Belehrung trösten. Er versichert ihnen, dass die lebenden Gläubigen den gestorbenen keineswegs vorausgehen werden. Beide werden zusammen entrückt werden, wobei die Entschlafenen dies sogar noch einen Moment früher erleben werden: „Die Toten in Christus werden zuerst auferstehen; danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit bei dem Herrn sein“ (1. Thes 4,16.17).

Dem Herrn entgegen

Nun meinen manche Gläubige, die daran glauben, dass wir Christen noch durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen, Christus würde bei der Entrückung sofort sein Reich in Macht und Herrlichkeit auf der Erde aufrichten. Das wird teilweise mit der Überlegung verbunden, dass Er uns am Ende der großen Drangsal befreien wird, um dann unmittelbar zusammen mit uns sein Friedensreich aufzurichten. Die Entrückung bringt uns nach dieser Auffassung nicht in den Himmel, sondern nur in die Wolken zu Christus, um sofort mit ihm auf die Erde zurückzukommen. Dann aber hätte sich der Apostel Paulus anders ausgedrückt und nicht davon gesprochen, dass wir „dem Herrn entgegen“ entrückt werden.

Christian Briem erläutert in seinem Buch über die Entrückung der Gläubigen auf Seite 58–60 im Blick auf die Entrückung: „‚Entgegen' ist die Wiedergabe einer Konstruktion der griechischen Sprache, die wörtlich ‚zur Begegnung mit' bedeutet. Wir finden diesen Ausdruck auch in Matthäus 25: ‚dem Bräutigam entgegen' oder ‚zur Begegnung mit dem Bräutigam' (V. 1 und 6), und in Apostelgeschichte 28: Die Brüder aus Rom kamen dem Apostel Paulus bis Appii-Forum und Tres-Tabernä entgegen (V. 15). In allen Fällen liegt dieser Wortkonstruktion der Gedanke zugrunde, dass die einen, die den anderen entgegengehen, beabsichtigen, zusammen mit denen, die sie treffen, zu ihrem eigenen Ausgangspunkt zurückzukehren.“

Wir werden also an den Ort entrückt, von dem der Herr Jesus in die Wolken gekommen ist: in den Himmel. Das gibt dem Wort „Entrückung“ seinen Sinn: Wir werden aus den irdischen Umständen, aus unserer Umgebung heraus entrückt, um für immer bei dem Herrn zu sein. Wo ist Er heute? Im Himmel. Dorthin wird Er uns mitnehmen, wenn Er uns in die Luft entgegenkommt. Er beabsichtigt, uns zu einem Ausgangspunkt, den nur Gott kennt, in das Haus seines Vaters einzuführen.

In den Himmel

Auch aus anderen Schriftstellen wird deutlich, dass der Herr Jesus die Erlösten nicht trifft, um sofort mit ihnen auf die Erde zu kommen.

Wenn wir davon lesen, dass Christus mit den Seinen auf die Erde kommt, um in Herrlichkeit zu erscheinen, heißt es: Er kommt mit ihnen aus dem Himmel. Bibelstellen, die das sehr schön zeigen, sind

  • Thessalonicher1,7 („vom Himmel her“, nicht aus den Wolken der Luft) und
  • Offenbarung 19,11–16 („ich sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, genannt ‚Treu und Wahrhaftig' ... Und die Kriegsheere, die in dem Himmel sind, folgten ihm auf weißen Pferden“).
  • Auch die Belehrungen des Herrn an seine Jünger im Obersaal (Joh 14,1–4) bestätigen das. Wir finden dort keinen Hinweis darauf, dass der Herr die Jünger abholt, um mit ihnen sofort auf die Erde zurückzukehren. Im Gegenteil! Er holt sie ab, um sie zu sich zu nehmen, wo Er ist. Wo ist das seit seiner Himmelfahrt? Im Himmel! Das ist für uns der ersehnte, glückselige Zielort. Darauf warten wir, darauf freuen wir uns.

Die Entrückung bedeutet für die Gläubigen somit, dass sie mit ihrem Retter in den Himmel auffahren. Dort werden sie, wie lange auch immer, sein, um mit Ihm aus dem Himmel auf die Erde zurückzukommen. Aus anderen Stellen lernen wir, dass sie mindestens sieben Jahre dort sein werden (die 70. Jahrwoche, von der Daniel in Daniel 9 berichtet). Das ist genau die „Stunde der Versuchung“ (Off 3,10), vor der wir bewahrt bleiben.

Dass dieser Trost für die lebenden Gläubigen ermutigend ist, muss nicht weiter betont werden. Daher schließt der Apostel diese Belehrung mit den Worten ab: „So ermuntert nun einander mit diesen Worten“ (Vers 18).9

Zeiten und Zeitpunkte (1. Thes 5,1–11)

Manche Ausleger haben den Anschluss in 1. Thessalonicher 5 folgendermaßen verstanden: Paulus spricht am Anfang von Kapitel 5 von derselben Sache wie am Ende von Kapitel 4. Dann wären Entrückung und Tag des Herrn mehr oder weniger dasselbe. Nach ihrer Überzeugung sind demnach Zeiten und Zeitpunkte (Vers 1), die mit dem Tag des Herrn in Verbindung stehen (Vers 2), zugleich mit der Entrückung verbunden.

Sie übersehen aber, dass der Apostel seine Gedanken mit einem „aber“ anschließt. Das dafür im Griechischen benutzte Wort „de“ trägt oft nur einen leicht gegensätzlichen Sinn in sich. Tatsächlich benutzt Paulus an dieser Stelle aber zwei Wörter: „peri de“. Und dieser Ausdruck leitet immer wieder ein neues, dem vorhergehenden direkt abgewandtes Thema ein (vgl. 1. Kor 7,1.25; 8,1; 12,1; 16,1.12; 1. Thes 4,9; 5,1). Wir befinden uns somit auf sicherem Boden, wenn wir die ersten Verse von Kapitel 5 nicht mit den letzten Versen aus Kapitel 4 inhaltlich gleichsetzen.

Dieser Gegensatz wird in unserem Abschnitt auch durch den Kontext unterstrichen. Die Entrückung ist für die Erlösten ein trostreicher Gedanke. Das, was in den ersten Versen von Kapitel 5 folgt, ist das Gegenteil. Man spricht von Frieden und Sicherheit, stattdessen aber kommt ein plötzliches Verderben (Vers 2). Das wird auch noch mit dem Zorn verbunden (V. 9), den die Erlösten, an die sich Paulus wendet, gerade nicht erleben werden. Sie erfahren stattdessen eine Errettung vor diesen Gerichten. Sie kommen eben nicht in dieses Gericht und können sich daher auch im Blick auf die Drangsalszeit gegenseitig ermuntern (V. 11).

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass der Apostel die Beziehung zu der Gruppe wechselt, die er anspricht. Während er im Blick auf die Entrückung von „wir“ gesprochen hat, wechselt er in Kapitel 5 die Perspektive. „Wenn sie sagen: Frieden und Sicherheit!, dann kommt ein plötzliches Verderben über sie.“ Diejenigen, die hier betroffen sind, können nicht die Gläubigen sein, von denen Paulus zuvor mit „wir“ gesprochen hat. Es sind ganz andere Menschen.

In diesem Zusammenhang ist noch eines von Bedeutung. Paulus spricht im Blick auf die Entrückung in Kapitel 4 ausdrücklich von einem „Wort des Herrn“, also einer besonderen Offenbarung. Im Blick auf den Tag des Herrn und die Gerichtszeit kann er den Thessalonichern dagegen sagen, sie seien über diese Zeiten und Zeitpunkte längst belehrt worden. Das war nicht nur durch ihn selbst geschehen, sondern auch durch das Alte Testament. Denn dort ist sehr oft von diesem Tag die Rede. Wir haben bereits gesehen, dass dies die Zeitperiode ist, in der ausgehend von Gerichten die Autorität und Person des Herrn Jesus als Herrscher anerkannt werden wird.

Drangsale sind nicht gleich Drangsale (2. Thes 1)

Der Apostel Paulus schließt seine Belehrungen für die Thessalonicher nicht mit dem ersten Brief ab. Im zweiten kommt er auf diesen Themenkomplex noch einmal zu sprechen. Inzwischen war das Problem dieser Gläubigen nicht mehr, was mit den heimgegangenen Gläubigen passieren würde. Ihre Angst war nun, dass sogar der Tag des Herrn schon gekommen sei (2. Thes 2,2).

Paulus kann sie beruhigen. Er zeigt im zweiten Kapitel, dass es Dinge gibt, die diesem Tag vorausgehen müssen. Zunächst müssen die Christen von Gott und der christlichen Lehre abfallen (2. Thes 2,3). Auch der Mensch der Sünde, der Antichrist, muss auftreten, bevor dieser Tag des Herrn beginnen kann (Vers 3.4). Der Apostel kann hinzufügen, dass die Thessalonicher wüssten, dass es etwas gibt, was die volle Entfaltung des Bösen durch den Antichristen als Instrument Satans verhindert. Paulus führt das nicht weiter aus. Aber das Neue Testament zeigt, dass der Heilige Geist sowohl in dem einzelnen Gläubigen (1. Kor 6,19) als auch in der Versammlung Gottes (1. Kor 3,16) wohnt. Solange Er in der Versammlung auf der Erde wohnt, gibt es keinen Platz dafür, dass der Teufel aus dem Himmel geworfen werden kann (Off 12,9.13), um hier zu „wohnen“.

Satan wird durch den Antichristen Zeichen und Wunder der Lüge vollbringen (2. Thes 2,9). Davon lesen wir im Blick auf die christliche Zeit kein Wort. Das aber heißt nicht, dass das Böse nicht schon wirksam ist (vgl. Vers 7). Das Böse hat sogar von Anfang an eine solche Gestalt besessen, dass die Christen verfolgt wurden. Daher spricht Paulus von Verfolgungen und Drangsalen der gläubigen Thessalonicher (2. Thes 1,4). Diese waren aber kein Zeichen des Reiches, als ob Gott sein Königreich schon im Macht und Herrlichkeit aufgerichtet hätte. Vielmehr werden heutige Drangsale genannt als Beweis dafür, dass die Gläubigen des zukünftigen Reiches würdig seien (Vers 5).

In der Zeit der Drangsal und der Stunde der Versuchung werden die Vorzeichen genau umgekehrt sein. Dann werden die ungläubigen Namenschristen, welche die wahren Christen verfolgten, Drangsale erleiden müssen (Vers 6). Die verfolgten Christen dagegen dürfen jetzt die ewige Ruhe im Himmel genießen.

Von diesem Himmel aus kommen sie mit dem Herrn Jesus auf diese Erde zurück. Dann wird Christus als Herr offenbart werden vor den Augen der ganzen Welt. Und auch die Engel werden Ihn begleiten (Vers 7). Davon spricht der Apostel auch in Kolosser 3,4, wie auch der Herr Jesus selbst in Matthäus 24,30 sowie 25,31 dieses Thema behandelt.

Es gibt also heute Drangsale für die Christen. In der künftigen Drangsalszeit dagegen wird es furchtbare Leiden für die Namenschristen und die ungläubigen Nationen und Juden geben.

Ein „Gleichnis“ von Emil Dönges

Der Bibelausleger Emil Dönges benutzt zur Erklärung dieser Gedanken aus 2. Thessalonicher 2 eine Art Gleichnis.10 Da ich es gut verständlich finde, gebe ich es hier weiter:

Ein Landesherr muss gegen eine empörerische Stadt, die ihm gehört, zu Felde, ziehen. Ehe er sie gewaltsam niederwirft, wartet er eine längere Zeit geduldig. Seine „Botschafter des Friedens“ bieten den einzelnen Bürgern dieser Stadt Versöhnung und Errettung an. Aber die Stadt verharrt in ihrer Empörung; nur einige Treue in der Stadt dienen dem rechtmäßigen Herrn. Dadurch haben sie allerdings von den Rebellen viel zu leiden.

Der Herr hat aber den Seinigen verheißen, sie vor der Beschießung der Stadt zu sich zu rufen. Er hat ihnen versprochen, sie mit sich zu vereinigen, um sie so vor der Zeit des Kampfes gegen die Stadt zu bewahren. Sie sollen nicht in die heiße Trübsal seines Gerichts über diese Stadt hineinkommen. Vielmehr werden sie ihn, wenn ihr Herr und Fürst in die feindliche und zu richtende Stadt seinen Einzug hält, in geschmückter Weise und mit Glanz begleiten.

Nun aber dauert das Kommen ihres Herrn, so dass sie noch warten und ausharren müssen. So stehen sie in Gefahr, die Trübsal durch ihre Widersacher für die ernsten Trübsale zu halten, die ihr Fürst an seinem Tag den Feinden bereiten wird. Denn noch immer ist der ‚gebietende Zuruf'11 ihres Herrn nicht gekommen, das vereinbarte, geheime Zeichen, aufgrund dessen sie sich vor das Weichbild der Stadt12 begeben sollen. Dort sollen sie zu ihm gesammelt werden. Wegen der aktuell zu erleidenden Verfolgungen meinen manche, der „Tag des Herrn“, dieser Tag des Gerichts, sei schon angebrochen.

Der Fürst hört von dieser Bestürzung seiner Getreuen. Daher schreibt er ihnen, sie sollten sich nicht erschüttern lassen, als ob sein Tag (der Rache) schon gekommen sei. An diesem, seinem Tag würde ihr Teil ja Ruhe und nicht Bedrängnis sein. Nein, sein Tag sei noch nicht gekommen. Auch könnte dieser nicht kommen, ehe nicht die gesamte Stadt sich ganz von ihm losgesagt habe, ‚abgefallen sei‘. Das aber könnte noch gar nicht der Fall sein, so lange sie (die Getreuen) noch darin seien. Sie seien nämlich solche, die diese Entwicklung zurück- und aufhielten.

Darum erinnert sie der Herr noch einmal an sein früher gegebenes, klares Versprechen, zuerst für sie kommen, um sie aus der Stadt herauszurufen. Sie könnten darauf vertrauen, dass er sie wirklich vor diesem Gerichtskampf zu sich versammeln würde. Dazu würde er selbst auch gar nicht ganz in die Stadt kommen, wie bei dem Gerichtskampf. Er würde ihnen allerdings entgegenrücken bis zum Weichbild der Stadt. Sie sollten sich also ‚durch nichts erschrecken lassen'.“

Entrückung am Ende der Drangsalszeit?

Es gibt noch einen wichtigen Abschnitt, der weiteres Licht auf die Frage wirft, ob die Entrückung vor oder am Ende der Drangsalszeit stattfinden wird. In Lukas 19 lesen wir im ersten Abschnitt (Verse 1–10), dass der Herr Jesus dem Haus von Zachäus Errettung gebracht hat. Er war gekommen, „zu suchen und zu erretten, was verloren ist“ (Vers 10). Offenbar nahmen manche Zuhörer diese Worte Jesu zum Anlass, die sofortige Aufrichtung des Königreiches Gottes zu erwarten. Wer so wie der Herr Jesus Wunder tat und Errettung brachte, musste ihrer Ansicht nach sofort das Königreich in Herrlichkeit aufrichten (können). Auch die Tatsache, dass man sich jetzt in der Nähe von Jerusalem befand, nährte offensichtlich diese Erwartungshaltung. Denn wo anders als in der Hauptstadt des Landes sollte die Königsherrschaft gefeiert werden?

Daraufhin fügte der Herr ein Gleichnis an, „weil er nahe bei Jerusalem war und sie meinten, dass das Reich Gottes sogleich erscheinen sollte“ (Vers 11). Dieses Gleichnis verdeutlicht, dass der Herr Jesus dieses Reich in Jerusalem zwar aufrichten wird, aber später, und zwar dann, wenn Er auf den Ölberg kommen wird zur Rettung seines Volkes (Sach 14,4.8). Dann wird Er im Namen des Herrn kommen. Aber das ist auch für uns heute noch Zukunft. Genau das kündigt die Begebenheit prophetisch an, die Lukas im Anschluss an das Gleichnis von den Pfunden berichtet (vgl. Lk 19,29 ff; Ps 118,26.27).

Zwischenperiode

Dieses Königreich wurde aber damals nicht sofort aufgerichtet. Das war nicht möglich, weil man den Herrn verwarf. Daher würde zunächst eine Zeit anbrechen, in welcher der Herr Jesus die Seinen aussenden würde, um sie in seinen Dienst zu stellen. In der Zeit zwischen seinem ersten damaligen Kommen und seinem zweiten zukünftigen sollten sie mit den ihnen anvertrauten Pfunden zur Ehre Gottes handeln. Das ist ein Hinweis auf unsere heutige Zeit.

Der Herr wird symbolisch durch den hochgeborenen Mann dargestellt. Dieser Mann von gutem, edlem Geschlecht, wie es in dem Gleichnis heißt, zog in ein fernes Land. Das können wir als einen Hinweis auf die Auferstehung und Himmelfahrt Christi verstehen (Lk 24; Apg 1). Nach vollbrachtem Werk am Kreuz zog Christus in ein fernes Land (den Himmel). Dort empfing Er für sich ein Reich (die Herrschaft über die gesamte Erde). Vor seinen Leiden und seinem Tod war Er nicht bereit, diese Regentschaft aus der Hand Satans anzunehmen (vgl. Mt 4,5–8). Der Herr fügt in diesem Gleichnis noch hinzu, dass Er nach Empfang des Königreiches wiederkommen würde (Vers 12).

Das können wir als einen Hinweis verstehen, dass es in diesem Gleichnis um die Zeit seiner Abwesenheit nach seiner Auferstehung bis zu seinem Wiedererscheinen geht. Interessanterweise gibt es zehn Gleichnisse, die gerade diese Zeit ins Auge fassen.13 Es wird offengelassen, wie lange diese Zeit andauert. Sicher ist, dass der Herr selbst am Ende dieses für uns unbekannten Zeitraums sein Königreich in Macht aufrichten wird.

Christus empfängt das Reich

In Vers 15 ist dann davon die Rede, dass der hochgeborene Mann, also Christus, das Reich empfangen hat. Das geschieht, bevor Er auf die Erde zurückkommt, um seinen Lohn einzusammeln. Den Knechten gab der Herr zuvor Pfunde, mit denen sie für Ihn handeln sollen.

Für unser Thema ist die zeitliche Perspektive von Interesse, die Er diesem Dienst seiner Knechte gibt: „bis ich komme“ (Vers 13). Hier steht im Unterschied zu 1. Korinther 11,26, wo es um die Verkündigung des Todes des Herrn geht, eigentlich: „während ich komme“. So wird die gesamte Zeit der Abwesenheit Christi als eine Epoche betrachtet, während der Er (irgendwann) kommt. Der Herr möchte, dass Er von seinen Knechten zu jeder Zeit erwartet wird. Es gibt nichts, was seinem Kommen vorausgehen müsste. Er kann jederzeit zurückkommen. Er hat gesagt: „Ich komme bald.“

Das Aufrichten des Königreichs

Im Gegensatz zur Entrückung muss vor der Aufrichtung des Königreichs in Macht einiges erfüllt werden, wie wir gesehen haben. Der Herr selbst spricht beispielsweise vom Kommen Elias (Mk 9,11.12). Aber seiner Rückkehr für seine Knechte muss nichts vorausgehen. Das gilt uns: Jederzeit kann der Herr Jesus zurückkommen, um uns zu belohnen und dann auch in sein Reich einzuführen.

Die Aufrichtung des Königreiches wird in diesem Gleichnis interessanterweise gar nicht mit der Rückkehr des hochgeborenen Mannes verbunden. Vielmehr gibt es zuerst eine persönliche Begegnung mit den Knechten, denen Er die Pfunde anvertraut hatte. Dann werden die Feinde bestraft, die nicht wollten, dass Er über sie herrschen sollte (Vers 27). Und erst im Anschluss daran finden wir die herrliche Einführung in Jerusalem, um das Königreich in Macht beginnen zu lassen (Verse 29–40).

Genau das ist auch der Ablauf in der Zukunft.

  1. Der Herr Jesus wird wiederkommen und seine Knechte treffen.
  2. Er wird uns Lohn geben für das, was wir für Ihn getan haben. Nach 2. Korinther 5,10 werden wir am Richterstuhl diesen Lohn empfangen.
  3. Dann wird der Herr mit seinen Feinden in der Drangsalszeit abrechnen.
  4. Erst danach wird Er nach Offenbarung 19,11 sichtbar für alle Menschen auf diese Erde zurückkommen.

Auch das unterstreicht, dass die Entrückung vor der Drangsalszeit stattfinden wird und von der Aufrichtung des Reiches grundsätzlich zu unterscheiden ist.

Der Herr Jesus und die Drangsalszeit

Kein Geringerer als der Herr Jesus selbst sprach von der Drangsalszeit. Er hat das unter anderem in seiner großen Ölbergrede getan. Diese haben wir schon in der Einleitung gestreift. Bevor wir uns dieser Rede und ihrer Wiedergabe in den drei Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas zuwenden, nenne ich noch die Bibelstellen, in denen wir einen direkten Hinweis auf die Drangsalszeit finden.

Bibelstellen, in denen die Drangsalszeit vorkommt

Es gibt mindestens acht Bibelabschnitte in Gottes Wort, in denen die Drangsalszeit behandelt wird:

  1. „Als er aber auf dem Ölberg saß, traten die Jünger für sich allein zu ihm und sagten: Sage uns, wann wird das sein und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gebt Acht, dass euch niemand verführe! Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: ‚Ich bin der Christus!', und sie werden viele verführen. Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Dies alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten ... Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden ... Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort ... Denn dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht sein wird ...“ (Mt 24,3–29)
  2. „... Ihr aber, gebt Acht auf euch selbst: Sie werden euch an Synedrien und an Synagogen überliefern; ihr werdet geschlagen und vor Statthalter und Könige gestellt werden um meinetwillen ihnen zum Zeugnis ...Denn jene Tage werden eine Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Schöpfung, die Gott schuf, bis jetzt nicht gewesen ist und nicht wieder sein wird ...“ (Mk 13,4–24).
  3. „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen“ (Off 3,10).
  4. „Und er sprach zu mir: Dies sind die, die aus der großen Drangsal kommen ...“ (Off 7,14–17)
  5. „In deiner Bedrängnis, und wenn alle diese Dinge dich treffen werden am Ende der Tage, wirst du umkehren zu dem Herrn, deinem Gott ...“ (5. Mo 4,30.31).
  6. „Du Hoffnung Israels, sein Retter in der Zeit der Bedrängnis“ (Jer 14,8).
  7. „...Denn so spricht der Herr: Eine Stimme des Schreckens haben wir gehört; da ist Furcht und kein Frieden ...Wehe, denn groß ist jener Tag, ohnegleichen, und es ist eine Zeit der Drangsal für Jakob! Doch er wird aus ihr gerettet werden“ (Jer 30,4–7).
  8. „Und in jener Zeit wird Michael aufstehen, der große Fürst, der für die Kinder deines Volkes steht; und es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird“ (Dan 12,1).

Es fällt auf, dass keine dieser Bibelstellen von erlösten Christen spricht. Auch die Versammlung wird an keiner der neutestamentlichen Stellen in die Drangsale einbezogen. Es ist jeweils deutlich, dass es nicht um himmlische Gläubige geht, die Christen sind.

Matthäus 24–25

Wir haben bereits gesehen, dass die prophetische Rede in Matthäus 24–25 drei Abschnitte umfasst: Nach dem jüdischen Teil in den ersten 44 Versen von Kapitel 24 spricht der Herr drei Gleichnisse, die den christlichen Bereich betreffen. Danach behandelt Christus im dritten Abschnitt den Lohn und das Gericht der Nationen.

In den drei Gleichnissen ab Matthäus 24,45 wendet sich der Herr Jesus nicht direkt an die Jünger. Der Inhalt der beiden ersten Gleichnisse und die Tatsache, dass das dritte ein Gleichnis des Königreiches der Himmel ist, zeigen, dass es weder um Israel noch um die Nationen geht. Auch die unterschiedliche Art der Belehrung (Gleichnisse) unterstreicht, dass es hier nicht um dieselbe Zielgruppe wie in den beiden anderen großen Teilen geht. Unser geistliches Unterscheidungsvermögen ist gefordert. Man erkennt dann recht leicht, dass es hier um den christlichen Bereich gehen muss. Aber es wird nicht ausdrücklich gesagt.14

Anders verhält es sich im ersten großen Abschnitt. Dort finden wir viele direkte Hinweise auf den jüdischen Bereich. Nach Kapitel 24,15 spricht Er seine Jünger direkt an, die Juden und somit Israeliten waren: „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten geredet ist, stehen seht“ (Vers 15). „Siehe, ich habe es euch vorhergesagt. Wenn sie nun zu euch sagen ..., so geht nicht hinaus ...“ (Verse 25.26). Es geht um sie und solche, die wie sie Juden sind.15 Genauso verhält es sich im dritten Abschnitt. Dort spricht Christus in Kapitel 25,31–46 ausdrücklich von „allen Nationen“ (Vers 32).

Markus 13

Interessanterweise wird auch in Markus 13, dem Parallelbericht zu Matthäus 24,1–44, deutlich, dass es bei dieser Drangsalszeit um Israel, um Juden, geht. Markus hat von Gott den Auftrag erhalten, diese prophetische Rede kürzer und allgemeiner aufzuschreiben als Matthäus. Sie ist in ihren Grundsätzen für Diener aller Zeiten gültig (vgl. z. B. die Verse 9–12 und 33–37). Dennoch enthält auch dieser kürzere Bericht eindeutig jüdische Elemente, wenn der Herr dort von den Drangsalen spricht, die durch den aufgestellten Gräuel der Verwüstung entstehen. Es ist nämlich ausdrücklich von denen die Rede, „die in Judäa sind“ (Vers 14–16). Und von diesen Juden würde kein Fleisch errettet werden, wenn diese Zeit nicht verkürzt würde. Das kann sich nicht auf Christen beziehen. Denn wir haben zu Judäa keine besondere Beziehung. Wir finden diesen Landstrich in den neutestamentlichen Briefen zwar viermal erwähnt. An jeder Stelle macht der Apostel Paulus jedoch deutlich, dass er sich an Christen wendet (Röm 15,31; 2. Kor 1,16; Gal 1,22; 1. Thes 2,14). Das ist in Markus 13 gerade nicht der Fall.

Wie im Matthäusevangelium spricht der Herr in Markus 13 von „diesem Geschlecht“ (Vers 30). Das sind ungläubige Juden, die es zu jeder Zeit gegeben hat und auch dann wieder geben wird. Zudem zeigt Er: „Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden“ (Vers 13). In der heutigen Zeit dagegen heißt es: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden, du und dein Haus“ (Apg 16,31).

In der christlichen Zeit ist es keine Frage, das Ende erreichen zu müssen, um dann zu erfahren, dass man errettet ist. Wir haben heute schon die Errettung der Seele (1. Pet 1,9) und dürfen wissen, dass wir ewiges Leben besitzen (1. Joh 5,13). In Markus 13 hingegen handelt es sich in diesem Punkt erneut ausnahmslos um jüdische Jünger. Sie werden von oben gerettet werden, wenn Christus in Wolken mit großer Macht und Herrlichkeit erscheinen wird (Mk 13,26). Von einer persönlichen Auferstehung und einer Entrückung ist hier keine Rede, wie wir sie im Blick auf Christen im Neuen Testament finden.

Lukas 21

Anders verhält es sich mit dem Parallelbericht in Lukas 21,5–36. Bis Vers 24 weist alles auf für uns vergangene Ereignisse hin. Sie sind in Verbindung mit der Zerstörung Jerusalems erfüllt worden. Hier ist davon die Rede, dass die Nationen Jerusalem zertreten und zerstören werden. Die Juden werden, sagt der Herr, nach seinem Tod in Gefangenschaft unter alle Nationen weggeführt werden. Das ist der Zustand, der damals seinen Anfang nahm und bis heute anhält. Diese Verse 20–24 gibt es weder im Matthäus- noch im Markusevangelium. Hier findet sich auch kein Hinweis auf den Gräuel der Verwüstung, der in künftigen Tagen durch den falschen König, den Antichristen nach 2. Thessalonicher 2 und Offenbarung 13, in den Tempel gestellt werden wird.16 Erst ab Vers 25 wird in sehr kurzer Weise auf die künftige Endzeit Bezug genommen.

Der Herr hat nach Vers 24 (Ende) von den „Zeiten der Nationen“ gesprochen. Diese haben mit der Regierung Nebukadnezars begonnen (Dan 2) und werden ihr Ende finden durch das Wiederkommen des Herrn, um sein Reich in Macht anzutreten. Eigentlich regierte Gott diese Welt bis zur Herrschaft Nebukadnezars durch sein irdisches Volk, das Volk Israel. Dort hatte Gott seinen Thron (vgl. Hes 43,7). Bis zu diesem Zeitpunkt war Gott „der Herr der ganzen Erde“ (Jos 3,11). Die Jahreszahlen der Bibel wurden nach den Königen Israels und Judas gerechnet. Das aber änderte sich mit Nebukadnezar. Ab dieser Zeit wurde nach den heidnischen Königen, der Nationen gerechnet (vgl. 2. Kön 24,12; 25,2.8; Dan 1,21; 2,1; 7,1; 9,1; 10,1; 11,1). Es sind die Zeiten der Nationen. Wenn Christus auf diese Erde wiederkommen und beginnen wird zu regieren, gibt es keinen Platz mehr für Regenten der Nationen.

Es ist also nicht verwunderlich, dass Lukas nicht von der großen Drangsal spricht, denn diese steht bei seinem Bericht nicht im Fokus, sondern die Nationen. Aber er spricht von Verwüstung und von Tagen der Rache (nicht dem Tag der Rache in Einzahl). Solche Verfolgungen mussten die Gläubigen von Anfang der christlichen Zeit an bis heute in vielen Ländern der Erde erleben. Die besondere Drangsal der Endzeit erwähnt er nicht. Auch das ist nicht sein Thema.

Das überrascht uns ebenfalls nicht, denn das von ihm geschriebene Evangelium ist eine Einführung in die Apostelgeschichte und damit auch in die neutestamentlichen Briefe. In diesen geht es um die christliche Zeit, nicht um die Drangsal Jakobs.

Ein Zwischenfazit

Als ein Zwischenfazit kann man somit sagen: Die Stellen, die von der großen Drangsal oder der Drangsal Jakobs sprechen, haben mit Juda und Israel und auch mit Namenschristen sowie Nationen zu tun. Hier geht es nicht um die christliche Zeit. Betroffen ist das Volk, aus dem der Herr Jesus geboren wurde. Das ist Israel, das ist Juda. Und betroffen sind solche, die das Evangelium der Gnade bewusst abgelehnt haben bzw. nach der christlichen Zeit das Evangelium des Königreiches Gottes gepredigt bekommen.

Die Nationen und die Drangsalszeit

Das Buch der Offenbarung ist das neutestamentliche Buch, in dem die Gerichte Gottes über die Menschen, die auf der Erde wohnen, am ausführlichsten beschrieben werden. Es stellt sich die Frage: Über wen kommen diese Gerichte? Und wer sind diejenigen, die inmitten dieser Gerichte durch Gottes Gnade bewahrt bleiben? Dazu sehen wir uns einige prägnante Stellen an, die bei der Frage danach, ob Christen durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen, von besonderer Wichtigkeit sind.

Kurze Gliederung der Offenbarung

Zuvor ist es allerdings nützlich, einen Überblick über dieses Bibelbuch zu haben. In Offenbarung 1,3 lesen: „Glückselig der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren, was in ihr geschrieben ist; denn die Zeit ist nahe.“ Dieser einleitende Vers zeigt, dass das ganze Buch Weissagung, ein anderes Wort für Prophetie, zum Inhalt hat.

  1. In Kapitel 1 sieht der Apostel Johannes den Herrn Jesus als Sohn des Menschen in richterlicher Gestalt.
  2. In den Kapiteln 2 und 3 finden wir sieben Briefe, die der Herr Jesus an sieben örtliche Versammlungen (Gemeinden) in Kleinasien (heutige Türkei) gesendet hat.
  3. In den Kapiteln 4–22,5 werden uns dann drei Serien von je sieben Gerichtsschlägen beschrieben (Siegel-, Trompeten und Schalengerichte). Diese Gerichte werden eingeleitet durch zwei erhabene Szenen im Himmel (Kapitel 4 und 5). Teilweise unterbricht der Geist Gottes die Beschreibung einzelner Gerichte. In diesen Klammern zeigt Gott, dass Er Gläubige in souveräner Gnade bewahrt. An anderen Stellen werden einzelne Akteure der verschiedenen Gerichte ausführlicher beschrieben.

Diese Gliederung in drei Teile (vor einem Ausklang) wird vom Herrn selbst in Kapitel 1,19 vorgegeben: „Schreibe nun das, was du gesehen hast und was ist und was nach diesem geschehen wird.“ Kapitel 1 zeigt somit die Vision des Sehers Johannes: was er gesehen hat. Die Kapitel 2 und 3 zeigen, was heute in der christlichen Zeit ist. Es ist eine Schau über die Entwicklung der Kirche Gottes auf der Erde in der christlichen Zeit. Und die Gerichtskapitel 4–22 offenbaren, was nach diesem geschehen wird. Das ist die nachchristliche Zeit, die für uns noch zukünftig ist.

144.000 Gläubige aus Israel und die große Volksmenge

In diesem zukünftigen Teil lesen wir in Offenbarung 7,1–8 von 144.000 Versiegelten aus ganz Israel. Es sind offenbar auf der Erde lebende Israeliten. Gott wird sie inmitten des furchtbaren Gerichtes verschonen, das in den Kapiteln 6 und 8–11 beschrieben wird. Dies sind die ersten beiden Gerichtsserien, nämlich die sieben Siegelgerichte und die darauffolgenden sieben Posaunengerichte.

In den Versen 9–17 spricht Johannes dann von „einer großen Volksmenge, die niemand zählen konnte, aus jeder Nation und aus Stämmen und Völkern und Sprachen“. Diese Gläubigen werden ausdrücklich unterschieden von den in Kapitel 4,4 eingeführten 24 Ältesten (vgl. Off 7,11.13).

Sind die 24 Ältesten die Nationen?

Wer sind diese 24 Ältesten? Sie werden in Offenbarung 4,4 das erste Mal erwähnt, also im dritten Teil der Offenbarung. 17 In Offenbarung 2 und 3 werden sieben Versammlungen in ihrem moralischen Zustand beschrieben. Man kann sie in diesem prophetischen Buch als Hinweis auf die Entwicklung der Kirche Gottes auf der Erde verstehen. In dieser Zeit werden sieben aufeinanderfolgende Zeitperioden bzw. geistliche Zustände der Versammlung Gottes auf der Erde unterschieden. Der Herr Jesus charakterisiert dadurch die gesamte Kirchengeschichte von der Zeit an, als Gott die Apostel abgerufen hatte, bis zur Entrückung der Gläubigen (1. Thes 4,15–18).18

Der Abschluss dieser Zeit wird angedeutet durch die Aufforderung an Johannes: „Komm hier herauf, und ich werde dir zeigen, was nach diesem geschehen muss“ (Off 4,1). „Nach diesem“ bezieht sich hier und in Kapitel 1,19 offensichtlich auf die Zeit, nachdem die Versammlung keinen Platz mehr auf der Erde einnimmt. Warum gibt es sie dann hier nicht mehr? Weil die Personen, die Erlösten, nicht mehr auf der Erde sind, sondern in den Himmel entrückt worden sind. Solange die Gläubigen, die nach 1. Korinther 1,2 die Versammlung Gottes bilden, noch auf der Erde leben, gibt es die Versammlung noch. Wenn sie aber von der Erde in den Himmel geholt worden sind, gibt es auch keine Versammlung Gottes mehr auf der Erde.

Nach 1. Korinther 15,23 werden dann alle diejenigen im Himmel sein, „die des Christus sind bei seiner Ankunft“. Das sind die Gläubigen der alt- und neutestamentlichen Zeit, die beim Kommen des Herrn Jesus als Lebende verwandelt oder als Gestorbene auferweckt werden (1. Thes 4,16.17).

Zurück zu den 24 Ältesten: Von der Versammlung (Kirche) Gottes ist in Offenbarung 4–18 keine Rede mehr. Stattdessen werden auf einmal 24 Älteste im Himmel erwähnt, die reden und handeln. Was kann es nun im Himmel für Gläubige geben, nachdem die Zeit der Versammlung auf der Erde zu Ende gegangen ist? Es sind offenbar die Gläubigen des Alten und Neuen Testaments. Offensichtlich werden sie durch diese 24 Ältesten repräsentiert. Denn es werden außer den 24 Ältesten nur noch Engel genannt, die sich nach Offenbarung 4–19 in dieser Zeit im Himmel befinden.19

Unterscheidungen

Wir sehen somit: Die Gläubigen im Himmel werden unterschieden von den Gläubigen aus Israel (Off 7,1–8) und denen aus den Nationen (Off 7,9–17). Die beiden letzten Gruppen befinden sich auf der Erde in schwierigen Umständen, wie der Kontext deutlich macht. Sie haben eine vollkommen andere Stellung als die erlösten Christen.

Die Position der auf der Erde lebenden Nationen ist grundverschiedenen von der Stellung der Christen. Vielleicht war das für Johannes ein stückweit verwirrend, so dass er sie miteinander verwechseln konnte? Jedenfalls bekommt er eine besondere Erklärung für diese Gruppe (Off 7,13): „Dies sind die, die aus der großen Drangsal kommen, und sie haben ihre Gewänder gewaschen und haben sie weiß gemacht in dem Blut des Lammes“ (Off 7,14).

Bei dieser Volksmenge handelt sich um Gläubige. Es sind aber keine Christen, sondern solche, die „aus der großen Drangsal kommen“. Sie sind Nationen, ein Ausdruck, der ausdrücklich nicht Christen meint, wie wir schon gesehen haben (siehe S. XXX). Und diese Nationen werden unterschieden von denen, die aus Israel kommen (Verse 4–8). Sie können kein Symbol für die Versammlung sein, die aus den Nationen und aus Israel herausgenommen ist (vgl. diese Unterscheidung in Eph 2,1–3: euch – ehemals Nationen; wir – ehemals Juden). Diese Gläubigen aus den Juden und aus den Nationen sind als Versammlung zu einem Leib getauft worden (1. Kor 12,13). Sie bilden eine unzertrennbare Einheit.

Die Gläubigen nach der Entrückung, die durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen, bleiben dagegen getrennt in Juden und Nationen, wie das auch schon in alttestamentlicher Zeit war. Beide Gruppen werden im Unterschied zur Versammlung nicht zu einem gemeinsamen Organismus zusammengefügt. Sie werden dauerhaft voneinander unterschieden.

Aus diesen Überlegungen können wir schließen, dass wir in Offenbarung 7 eine gesonderte Gruppe von Gläubigen vor uns haben, die aus der großen Drangsal herausgerettet wird. Es sind keine Christen, sondern andere Gläubige. Nach Matthäus 24 und Jeremia 30 scheint es so, dass die künftige Drangsal in besonderem Ausmaß Jerusalem und seine Umgebung treffen wird. Aber offenbar wird diese Trübsalszeit auch alle Nationen erreichen, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie Israel. Diese Leidenszeit wird hier „die“ große Drangsal genannt, vielleicht deshalb, weil bereits Lukas von ihr berichtet als von der „Bedrängnis der Nationen“ (Lk 21,25). Sie wird nicht in Verbindung gebracht mit den Trübsalen, die wir als Christen heute zu durchleiden haben. Es handelt sich um ganz verschiedene Zeit- und Trübsalsperioden.20

Satan aus dem Himmel geworfen (Off 12,7–17)

Es gibt in der Offenbarung noch eine weitere Stelle, die uns zeigt, dass die große Drangsal nicht in der heutigen Zeit stattfindet. In Offenbarung 12,9 lesen wir, dass der Teufel, das ist Satan, auf die Erde geworfen wird. Dies löst dann die furchtbarsten Qualen und Verfolgungen auf der Erde aus (V. 12 ff.).

Aus Epheser 6,11 ff. aber wissen wir, dass Satan und seine Dämonen heute noch im himmlischen Bereich wohnen und tätig sind. Es ist keine Rede davon, dass Satan diese himmlischen Örter, den Himmel, verlassen würde. In der Drangsalszeit ist der Teufel dagegen auf der Erde ansässig, während er heute im himmlischen Bereich der ersten Schöpfung agiert. Auch heute wirkt er auf der Erde. Aber sein Regierungsort ist noch der Himmel. Das wird sich in der Zukunft ändern.

Die besondere Verheißung für die Versammlung in der Offenbarung

Im Vergleich zu den Juden und zu den Nationen, die durch die große Drangsalszeit hindurchgehen müssen, wird den Gläubigen heute etwas anderes gesagt. In Offenbarung 3,10 lesen wir, dass der Herr Jesus der Versammlung (Gemeinde) in Philadelphia sagt: „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen.“

Der Ausdruck „Stunde der Versuchung“ ist ein anderer als „große Drangsal“ oder „Drangsal Jakobs“. Nun stellt sich die Frage, ob sich diese Begriffe auf dieselben Ereignisse und auf dieselbe Zeitperiode beziehen. Der Zusatz des Herrn in Offenbarung 3 macht deutlich, dass die Stunde der Versuchung „über den ganzen Erdkreis kommen wird“.

Der Ausdruck „Versuchung“ (gr. peirasmos) wird in ganz unterschiedlichem Zusammenhang verwendet. In Lukas 4 beispielsweise steht er für den Versuch Satans, Jesus zum Sündigen zu verführen. In 1. Petrus 1,6 sind dagegen äußerliche Erprobungen zum Beispiel durch Verfolgungen gemeint. In 2. Petrus 2,9 macht der Zusammenhang deutlich, dass der Apostel ebenfalls von solchen äußeren Gerichtserprobungen spricht, vor denen die gläubigen Christen bewahrt werden.

Worauf bezieht sich nun dieser Ausdruck in Offenbarung 3,10? Der Herr Jesus spricht von Versuchungen für die Menschen, „die auf der Erde“ wohnen. Dieser Hinweis auf Erdbewohner wird im weiteren Verlauf des Buches wiederholt verwendet. In den Kapiteln 4 und 5 stellt der Geist Gottes Szenen im Himmel vor. Direkt im Anschluss daran spricht Er in Kapitel 6,4 davon, dass der Friede von der Erde weggenommen wird. In Kapitel 6,8 wird der vierte Teil der Erde getötet (vgl. auch Off 6,10.13.15; 7,1.2.3; 8,5.7.13; usw.). Offensichtlich bezieht sich der Herr auf furchtbare Ereignisse auf der Erde. Diese sind Teil künftiger Gerichtsperioden, wozu sicherlich auch die große Drangsal gehören wird. Während sich die „große Drangsal“ speziell auf die Juden bezieht, ist die Bezeichnung „Stunde der Versuchung“ im Buch der Offenbarung offenbar allgemeiner gemeint. Denn in Offenbarung 6–19 ist zwar auch von Juda und Israel die Rede, deutlich öfter aber von den Nationen. Sie alle sind Gegenstand dieser Gerichtswellen, die es auf der Erde geben wird.

Diese Gerichtswellen werden somit unter dem Ausdruck „Stunde der Versuchung“ (oder Prüfung) gefasst. Und egal an welche konkrete Gerichtsprüfung man denken mag: Davor werden die Gläubigen aus Philadelphia bewahrt. Sie kommen also nicht nur nicht in die große Drangsal, sondern werden beschützt vor jedem Gericht, das in dieser zukünftigen Zeit ausgeführt werden wird.

„Stunde“ als Erprobungszeit

An dieser Stelle erscheint es mir sinnvoll, noch ein Wort über den Ausdruck „Stunde“ einzufügen. Er bezieht sich in der Bibel oft auf eine konkrete Stunde von 60 Minuten. Gelegentlich allerdings verwendet der Geist Gottes ihn auch als einen Hinweis auf eine bestimmte Zeitperiode, deren Umfang uns nicht notwendigerweise konkret genannt wird (vgl. Mk 14,35.41; Lk 12,12; 22,53; Röm 13,11; 1. Joh 2,18; usw.). So ist es auch im Blick auf die „Stunde der Versuchung“. Aus Daniel 9,27 können wir entnehmen, dass diese Prüfungszeit genau sieben Jahre umfassen wird – eine Woche an Jahren (vgl. die Ausdrucksweise in 3. Mose 25,8).

Im Blick auf die Erlösten der heutigen Zeit dagegen wird nie von einer „Stunde der Prüfung“ oder einer „Stunde der Drangsal“ gesprochen. Wir haben gesehen, dass Christen Verfolgungen, einzelnen Drangsalen usw. während der gesamten christlichen Zeitepoche ausgesetzt sind. Diese Prüfungen werden aber nicht als eine „Stunde“ oder dergleichen bezeichnet. Christen leben nicht in einer Zeit, die in besonderer Weise durch eine besondere Periode von Drangsalen geprägt ist.

Zuweilen wird im Blick auf uns heute von einer Stunde im allgemeinen Sinn gesprochen. Das aber hat nichts mit Drangsalen zu tun. Beispielsweise wird in 1. Johannes 2,18 deutlich gesagt, dass in der heutigen Zeit ein antichristlicher Geist herrscht. Das bedeutet, dass alles in Frage gestellt wird, was Gott uns in Christus offenbart hat. Oder in Römer 13,11 wird davon gesprochen, „dass die Stunde schon da ist, dass wir aus dem Schlaf aufwachen sollen“. Paulus ermahnt uns, geistlich nicht einzuschlafen, sondern aufzuwachen, um ein Leben für Gott zu führen. Von einer speziellen Prüfungszeit ist in diesen Versen und mit diesen Ausdrücken, was uns betrifft, keine Rede.

Nur eine Zusicherung für damals? Die prophetische Auslegung von Offenbarung 2.3

Nun stellt sich die Frage: An wen wendet sich der Herr Jesus in diesem Brief an die Versammlung in Philadelphia? Müssen wir Offenbarung 3,10 so verstehen, dass „nur“ die wenigen Gläubigen aus Philadelphia, die damals lebten, diese Gerichtszeit nicht erleben werden? Sicherlich nicht! Denn die sieben Briefe in Offenbarung 2 und 3 tragen prophetischen Charakter. Wir haben bereits gesehen, dass durch den dritten Vers des Buches (Off 1,3) auf das gesamte Bibelbuch der Stempel „Weissagung“ gesetzt wird. Das heißt: Nicht erst ab Kapitel 4 oder gar ab Kapitel 6 sind prophetische Dinge gemeint. Schon von Anfang an handelt es sich um ein Weissagungsbuch.

Wie muss man vor diesem Hintergrund die Kapitel 2 und 3 des Buches der Offenbarung verstehen? Anscheinend gibt der Geist Gottes uns dort einen Überblick über die gesamte christliche Zeitperiode. Es ist von sieben Versammlungen (Gemeinden) die Rede. Das zeigt klar, dass es um unsere heutige, christliche Zeit geht. Nur in dieser Zeit ist von Versammlungen die Rede. So etwas gab es nicht in alttestamentlicher Zeit. Und im Blick auf die Zeit des Friedensreichs ist weder im Alten noch im Neuen Testament von Versammlungen die Rede.

Interessanterweise ist ab Offenbarung 4 von Versammlung keine Rede mehr. Das lässt darauf schließen, dass dort die Zeit beginnt, die auf die christliche Zeitepoche folgt. Und die sieben Briefe an die sieben verschiedenen Versammlungen beziehen sich auf unsere heutige Zeit.

Der moralische Zustand dieser Versammlungen stellt den geistlichen Zustand der Versammlung auf dieser Erde in jeweils aufeinanderfolgenden Zeitabschnitten vor. Der Herr beginnt mit Ephesus. Es gibt keine andere neutestamentliche Versammlung, um die sich der Apostel Paulus mehr gekümmert hätte als um die in Ephesus. Sie ist der Inbegriff der geistlichen Segnungen der Christen. Laodizea dagegen ist der Inbegriff einer Versammlung, die kein Interesse an Jesus Christus hat. So ist die Entwicklung von der nachapostolischen Zeit bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Herr die dann lebenden Gläubigen entrücken wird (wie auch alle bis zu diesem Zeitpunkt gestorbenen Gläubigen).

Durch diese sieben Briefe soll somit die Zeit der Kirche und ihr jeweiliger geistlicher Zustand gezeigt werden. Die Beschreibung der sieben Versammlungen stellt in grundsätzlicher Weise aufeinanderfolgende geistliche Zustände der Versammlung (weltweit) vor. Das heißt nicht, dass es nicht einzelne örtliche Zusammenkommen geben kann, die entweder geistlicher oder weltlicher leb(t)en. Aber der allgemeine Zustand des christlichen Zeugnisses wird durch die einzelnen Briefe vorgezeichnet.

Ein paar Beispiele: Die Versammlung in Philadelphia beschreibt nicht den letzten Zustand der Versammlung, sondern den vorletzten. Sardes kann man als Hinweis auf die Nachreformationszeit verstehen. In dieser Zeit gab es große Aktivitäten innerhalb der Kirchen. Es wirkte alles sehr lebendig. Aber der Herr Jesus muss sagen, dass die Kirche selbst innerlich erstorben war. Äußerliche Aktivität ist nicht immer mit innerer Kraft und wahrer Hingabe für den Herrn verbunden.

Philadelphia weist dann auf die Erweckungszeit zu Beginn des 19. Jahrhunderts hin. Es ist die Zeit, wo viele Menschen aus den offiziellen Kirchen hinausgingen, um sich bewusst im Namen des Herrn Jesus zu versammeln (vgl. Mt 18,18–20). Es ist die Zeit hingebungsvollen Lebens von vielen Gläubigen für ihren Herrn und Meister. Das Wort Gottes wird wieder ernst genommen und der Herr Jesus wird zum Mittelpunkt des persönlichen und gemeinsamen Glaubenslebens.

Eine Ermutigung für heute

Die Zusicherung in Kapitel 3,10 bekommt vor diesem Hintergrund einen besonderen Wert für die Gläubigen. Sie leben „prophetisch“ kurz vor dem Ende der Zeit der Versammlung auf der Erde, also dem Wiederkommen Jesu. Und ihnen verspricht der Herr Jesus: Ihr werdet vor diesen schrecklichen Gerichten verschont werden, über die ich jetzt in den folgenden Kapiteln vieles zu sagen habe. Das hat eine besondere Bewandtnis für diejenigen, die kurz vor Beginn dieser Drangsalszeit leben. Denn sie könnten befürchten, dass auch sie diese schreckliche Zeit erleben müssen.

Diese Christen erkennen, dass der Herr den gottlosen Zustand der Christus-losen Christenheit nur mit Gericht beantworten kann. Müssen sie selbst diese Gerichte erdulden? Nein, sagt ihr Retter und Meister. In göttlicher Gnade nimmt Er sie zuvor zu sich und sagt ihnen das sogar zu. Sie sollen wissen, dass sie nicht durch diese furchtbare Gerichtsperiode hindurchgehen müssen.

Der Geist Gottes belehrt sie über das, was nach der Entrückung über diese Erde kommen wird (Off 6–19), auch wenn es sie selbst nicht betrifft. Aber Er sichert den erlösten Christen zu: Ihr werdet davor bewahrt werden.

Das Bewusstsein dieser Gnade gibt der Herr allerdings nur denen, die das Wort seines Ausharrens bewahren. Jemanden, der dem Wort ungehorsam ist und in weltförmiger Weise lebt, ermuntert der Herr nicht. Wenn für einen solchen das Leben in Gottesfurcht fremd ist, ermahnt ihn der Herr. Solche ruft Er zur Umkehr auf. Denjenigen jedoch, die Ihm vertrauen und von Herzen gehorsam sind, verspricht Er diese Barmherzigkeit: Er wird sie, wie Henoch vor der Flut, vor dem Beginn der Gerichte zu sich zu nehmen.

Bewahren „aus heraus“?

Manche haben den Ausdruck in Offenbarung 3,10 übersetzen wollen mit: „... werde auch ich dich bewahren aus der Stunde der Versuchung heraus“ oder gar „in der Stunde der Versuchung“. Solche Übersetzungskonstruktionen aber ergeben keinen Sinn. Zunächst einmal geht es um die Gläubigen in Philadelphia, denen dieser Brief geschrieben wurde. Sie leben längst nicht mehr, und in ihrer Zeit gab es keine „Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis“ gekommen ist. Sie sind somit nicht aus der Gerichtsperiode herausgerettet worden, sondern vor dieser Zeit bewahrt geblieben. Das zeigt auf direkte Weise, dass diese „falsche“ Übersetzungsvariante abwegig ist. Das ist zugleich auch für uns eine schöne Ermunterung.

Im Übrigen kann man nicht „aus“ etwas bewahrt werden, sondern nur „vor“ etwas. Man kann aus etwas herausgerettet werden. Man kann natürlich auch „in“ einer Situation bewahrt werden – dann jedoch müsste hier eine ganz andere Präposition stehen, die der Herr Jesus aber gerade nicht verwendet. Hier kann daher nur gemeint sein, dass die Gläubigen bewahrt werden „vor“ etwas. Es dürfte für jeden einleuchtend sein, dass man nicht dadurch „vor“ etwas bewahrt wird, dass man es ganz oder teilweise miterlebt. Das ist unmöglich und unsinnig.21

Es heißt zudem nicht, dass Philadelphia vor der Versuchung bewahrt wird. Sie werden vielmehr vor der Stunde der Versuchung bewahrt. Sie werden also nicht vor einer einzelnen Versuchung geschützt, sondern vor einer ganz besonderen Gerichtsperiode, die über die Erde kommen wird.

Wie kann man nun „vor der Stunde der Versuchung“ bewahrt werden? Wir haben gesehen, dass der Versammlung in Philadelphia gerade nicht gesagt wird, dass sie in dieser Stunde durch Gottes Macht bewahrt werden, sondern davor. Man kann durch „Tod“ davor bewahrt werden. So ging es den Gläubigen damals, die zur Versammlung in Philadelphia gehörten. Sie leben alle nicht mehr, sondern sind heimgegangen. In diesem Sinn sind sie vor dieser Stunde der Versuchung bewahrt worden.

Bewahrung durch Entrückung

Aber offenbar hat der Herr mehr im Sinn als ein solches Bewahren durch Tod. Er denkt an etwas Höheres, viel Gewaltigeres. Der Leser fragt sich, ob der Herr für Christen im Neuen Testament von etwas Besonderem spricht, das sie vor einer künftigen Gerichtszeit bewahren könnte. Und tatsächlich: Genau das ist die Entrückung. Gerade dadurch werden Menschen vor hereinbrechenden Gerichten geschützt.

Die Entrückung hat den Charakter einer solchen (erlösenden) Bewahrung. Wenn man dadurch, dass man in eine schönere, herrliche Szene gebracht wird, nicht an dieser Stunde teilnehmen muss, ist das im höchsten Sinn „Bewahrung“.

Die Entrückung dient auch hier dem Trost und der Ermutigung von Gläubigen, die auf die Wiederkunft ihres Retters warten. Wie passend, dann, wie wir schon gesehen haben, in Offenbarung 4,1 zu lesen: „Komm hier herauf!“ Und auf einmal sind erlöste, verherrlichte Menschen im Himmel. Wir können auf der Grundlage der neutestamentlichen Schriften somit sagen: durch die Entrückung (vgl. 1. Thes 4,15 ff.). So passt ein Wort des Herrn in wunderbarer Weise zu dem anderen.

Ist es nicht ebenfalls bemerkenswert, dass der Hinweis des Herrn, der auf das Bewahren vor der Stunde der Versuchung folgt, lautet: „Ich komme bald!“ (Vers 11)? Der Herr Jesus stellt im Anschluss an seine Zusicherung sein Kommen zur Entrückung vor. So stärkt Er den Glauben und die Hoffnung der Erlösten, denen Er sagen kann, dass sie nicht in die Drangsalszeit kommen werden. Sie brauchen keine Angst vor der Drangsal zu haben, denn Er kommt bald, um sie zu sich zu holen. Solange Er noch nicht zurückgekommen ist, sollen sie treu sein und festhalten, was Er ihnen in seiner Gnade anvertraut hat. Bald ist der Augenblick gekommen, wo Er sie zu sich in das Haus seines Vaters holen wird.22

Ausklang

Die in diesem Heft genannten Überlegungen zeigen: Als Erlöste, die wir zur Versammlung (Gemeinde) Gottes gehören, müssen wir nicht durch diese Drangsalszeit hindurchgehen. Wir werden von keinem neutestamentlichen Schreiber vor der großen Trübsal gewarnt. Im Gegenteil, wir werden durch den Apostel Paulus ermuntert, dass der Herr uns vor den furchtbaren Entwicklungen, die zur Drangsalszeit gehören, entrücken wird. Der Herr Jesus wird uns vorher aus unseren Lebensumständen herausholen, um uns in Ewigkeit bei sich zu haben. Der Herr selbst bestätigt das in seinem Brief an die Versammlung in Philadelphia. Er wird uns vor der Stunde der Versuchung bewahren.

Das ist die Entrückung, die wir erwarten. Denn wir warten auf unseren Retter, der jederzeit kommen kann, um uns in den Himmel zu sich zu holen. Der Tag seines Kommens ist uns unbekannt. Wir erwarten Ihn jederzeit. Danach kommt auch der Tag, der von Gott festgelegt worden ist: „Er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und er hat allen den Beweis davon gegeben, indem er ihn aus den Toten auferweckt hat“ (Apg 17,31). Das ist seine Erscheinung, wenn Er in Gerechtigkeit und Herrlichkeit regieren wird. Auch darauf freuen wir uns (2. Tim 4,8).

Gott ermuntert uns, in tiefer Überzeugung auf die Entrückung zu warten. Dann werden wir den Herrn Jesus das erste Mal von Angesicht zu Angesichts sehen. Es wird ein Augenblick unendlichen Glücks und großer Freude sein. Es ist unsere Hoffnung. Möge unser Retter noch heute wiederkommen!

Anhang 1: Die Gliederung von Matthäus 24–25

Bereits in der Einführung haben wir die große Ölbergrede Jesu Christi gestreift. Wir haben drei große Teile unterschieden:

Gliederung

1. Kapitel 24,1 -44: Die Weissagung über Israel
Hier finden wir die große Weissagung über die Zukunft Israels und der treuen Übriggebliebenen in Juda, die auf ihren Messias warten. Es geht in erster Linie um die sieben Jahre größter Drangsale. Deren Ende wird durch das zweite Kommen des Herrn Jesus in Macht und Herrlichkeit bewirkt. In diesem Abschnitt finden wir ab Vers 3 nicht die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus, wie sie von Lukas (Kapitel 21,20–23) vorhergesagt wird. Vielmehr weist der Herr Jesus auf eine Zeit hin, die auch für uns noch zukünftig ist.

2. Kapitel 24,45 -25,30: Die Weissagungen über die christliche Epoche
Hier lesen wir von Entwicklungen und Merkmalen der heutigen, christlichen Zeit.

3. Kapitel 25,31–46: Das Gericht und die Regierung über die Nationen
In diesem dritten Teil lesen wir von der Erscheinung des Sohnes des Menschen und dem Richten der Nationen künftiger Tage. Das Gericht hängt davon ab, ob die nichtjüdischen Menschen das Evangelium des Königreichs angenommen haben oder nicht. Die einen gehen ein in das herrliche Reich. Die anderen werden gerichtet und dem ewigen Feuer, der Hölle, übergeben.

An dieser Stelle ist mir wichtig, diese Gliederung etwas ausführlicher zu begründen. Das ist notwendig, um belegen zu können, dass die im ersten Teil genannte „große Drangsal“ wirklich mit Israel und nicht mit der Versammlung (Gemeinde) zu tun hat.

Zunächst einmal fällt auf, dass sich die drei Teile der Ölbergrede in der Art und Weise unterscheiden, in welcher der Herr Jesus spricht. Beim ersten Teil handelt es sich um eine direkte Weissagung über Ereignisse auf der Erde. Der Herr spricht über historische (künftige) Geschehnisse. Der zweite Teil über die Christenheit ist ganz anders im Stil und Aufbau. Genau wie in der aus Kapitel 13 des Matthäusevangeliums bekannten, geheimnisvolleren Weise benutzt Christus hier Gleichnisse zur Belehrung. Es sind insgesamt drei Gleichnisse. Sie vervollständigen das Bild, das der Herr Jesus in Kapitel 13 durch die dort geschilderten sieben Gleichnisse über den christlichen Bereich gemalt hat.

Im dritten Teil finden wir schließlich die Beschreibung eines Sitzungsgerichts, das in Verbindung mit dem Wiederkommen Jesu stattfinden wird. Hier schließt der Herr unmittelbar an das Ende des ersten Teils an. Das wird deutlich, wenn man den letzten Vers des ersten Abschnitts und den ersten Vers des letzten Teils hintereinander liest.

Übrigens ist auch die Reihenfolge der drei großen Abschnitte in Übereinstimmung mit derjenigen aus Matthäus 13. Dort handelt es sich um drei Gruppen von Gläubigen: um die treuen übriggebliebenen Juden, um die Versammlung und um die Nationen. Genau diese Reihenfolge verwendet der Herr auch an dieser Stelle. Er spricht zunächst von den Juden. Die Jünger sind als Kern des damaligen jüdischen Überrestes zugleich ein Bild der in Zukunft auf der Erde lebenden gläubigen Juden. Die Zeit, die der Herr hier zunächst übergeht, ist die christliche Zeit. Er behandelt sie dann als zweites. Zum Schluss kommt Er auf die am Ende der Tage durch die Juden zum Glauben geführten Menschen aus den Heiden zu sprechen.

Man kann die Frage stellen, warum der Herr in diesen drei Teilen keine chronologische Reihenfolge gewählt hat. Das mag daran liegen, dass Er zunächst die Jünger vor sich sieht, die dem jüdischen Bereich entstammen. Ihnen (und ihren geistlichen und nationalen Nachkommen) möchte Er notwendige Belehrungen geben. Er tut das getrennt von den beiden anderen Bereichen, weil Er die besonderen Kennzeichen jeder Zeit deutlich erkennbar machen und unterscheiden möchte.

Die Endzeitrede über den jüdischen Bereich (Mt 24,1–44)

In diesem ersten großen Abschnitt geht es um den jüdischen Bereich. Der Herr spricht hier besonders von dem Zeichen seiner Ankunft, also von seinem Kommen. Und Er weist auf die Vollendung des Zeitalters hin. In diesen Versen spricht der Herr Jesus auf direkte Weise über das, was für das Volk Israel kommen würde. Er geht von der Situation aus, die das Volk damals kannte. Aber Er kommt sehr schnell auf die Endzeit zu sprechen, die auch für uns noch zukünftig ist.

Zum richtigen Verständnis dieses Abschnittes ist es außerordentlich wichtig zu erfassen, dass die vom Herrn Jesus genannten Punkte nicht symbolisch gemeint sind. Der Herr spricht nicht von Dingen, die eine Art geistliche Erfüllung finden. Es geht vielmehr direkt um jüdische Elemente und konkrete Ereignisse, die stattfinden werden. Ein Überfliegen des Abschnittes macht das sehr deutlich. Der Herr spricht zum Beispiel

  • vom „Evangelium des Königreichs“ (Vers 14),
  • vom „heiligen Ort“ (Vers 15),
  • von „Judäa“ (Vers 16) und
  • vom „Sabbat“ (Vers 20),

um nur einige Beispiele zu nennen. Das verdeutlicht: Es kann sich hier nicht um einen Bezug zu Christen handeln. Für sie gibt es keinen lokalisierbaren heiligen Ort, wie es Jerusalem für das Volks Israel war und sein wird. Judäa hat für uns keine Bedeutung, außer dass es ein Landstrich in Israel ist. Christen sollen den Sabbat gerade nicht halten (Kol 2,16), Juden mussten das dagegen unbedingt; der Sabbat wird für sie auch wieder neu bedeutsam sein. Heute wird das „Evangelium der Gnade“ verkündigt (Apg 20,24; Gal 1,6), nicht das Evangelium des Königreiches.

Man kann somit die Schlussfolgerung ziehen: Es handelt sich in der Zeit, von der Christus nach Matthäus 24,1–44 spricht, nicht um die christliche Zeit. Es ist eine Epoche, die in besonderer Weise für Juden charakteristisch ist..

Die Endzeitrede über den christlichen Bereich (Mt 24,45–25,30)

In dem mittleren Teil verlässt der Herr Jesus den jüdischen Bereich und wendet sich dem christlichen zu. Dort finden wir keine Bezugnahme zum jüdischen Bereich (Tempel, Judäa, Sabbat usw.). Nur in Matthäus finden wir diese drei Gleichnisse – übrigens auch das erste, auch wenn Lukas ein ähnliches in einer anderen Situation erzählt. Denn nur unser Evangelist spricht überhaupt in dieser Weise vom christlichen Bereich und später von dem der Nationen.

In diesem Teil zeigt der Herr Jesus seinen Jüngern, dass es zwischen der Zeit seines ersten Kommens auf diese Erde und der angekündigten Drangsalszeit eine Epoche gibt, die Er zunächst überschlagen hat. Das ist die christliche Zeit. Der Herr benutzt jetzt eine ganz andere Form in seiner Rede als im jüdischen Bereich. Er spricht in drei Gleichnissen zu den Jüngern, die alle drei das Kommen des Herrn zum Thema haben.

  1. Im ersten zeigt Er, dass es zwei Typen von Menschen gibt. Die einen sind kluge Diener und führen ihre vom Herrn übertragene Aufgabe im inneren Bereich in Treue aus. Die anderen denken nur an sich, leben für ihren eigenen Genuss und herrschen daher über andere Knechte. Diese zweite Gruppe sind Bekenner, die kein Leben aus Gott besitzen. Außerdem geht es in diesem ersten Gleichnis besonders um die zeitliche Gesamtentwicklung. Denn der Herr teilt die christliche Zeit in zwei Phasen ein. Am Anfang war der geistliche Zustand der Christen (im Allgemeinen) gut. Diese Periode wird durch den treuen Knecht dargestellt. Aber am Ende der christlichen Zeit, in der wir heute leben, ist er schlecht, was durch den bösen Knecht vorgestellt wird.
  2. Im zweiten Gleichnis spricht der Herr Jesus im Blick auf die beiden Typen von Menschen direkt von einer Mehrzahl: Es gibt fünf kluge und fünf törichte Jungfrauen. Damit wird unterstrichen, dass es im ersten Gleichnis nicht nur um zwei Einzelpersonen geht, sondern dass der treue Knecht und der böse Knecht Repräsentanten einer größeren Gruppe von Christen sind.
    Hier steht nicht der Dienst im Vordergrund, sondern das Zeugnis, das sie auf der Erde ablegen sollen, sowie die Erwartung des Herrn. Hier lernen wir zudem, dass auch die klugen, also die wahren Bekenner, untreu und gleichgültig geworden sind. Aber der entscheidende Unterschied zwischen beiden Gruppen ist, dass nur die Klugen beim Kommen des Herrn Öl in ihren Lampen besitzen. Sie haben Leben, was die törichten Jungfrauen nicht besitzen. Während man im ersten Gleichnis eine globale Tendenz erkennt, lernen wir in diesem Gleichnis, dass zu jeder Zeit das Gute und das Böse nebeneinander bestehen. Das gilt auch für den Zeitpunkt des Kommens des Herrn, wo beides nebeneinander existieren wird.
  3. Im dritten Gleichnis lernen wir dann, dass die Ausübung des Dienstes einer jeden Person, sei sie ein wahrer oder falscher Bekenner, unterschiedlich ist. Alle Christen haben die Aufgabe, entsprechend ihrer geistlichen Begabung einen Dienst auszuführen. Die Begabungen sind unterschiedlich, die Aufgaben unterscheiden sich. Aber eines bleibt gleich: Es kommt auf die Treue für den Herrn an. Diese wird vom Herrn bei seinem Kommen beurteilt. Es gibt also nicht nur Gruppen von wahren und falschen Bekennern nebeneinander. Es gibt auch eine ganz persönliche Verantwortung für jeden von uns. Jeder einzelne Jünger ist für sich selbst verantwortlich und besitzt eine persönliche Aufgabe. Man arbeitet nicht uniform, sondern individuell.

Warum kann man sicher sein, dass dieser Teil die christliche Seite behandelt?

Natürlich stellt sich die Frage, woran man erkennen kann, dass es ab Vers 45 um den christlichen Bereich geht. Denn an und für sich gibt es keinen direkten „Bruch“ im Text.

In dem vorhergehenden Überblick über die drei folgenden Gleichnisse haben wir schon gesehen, dass sich der Stil ändert. Zwar kommt eine Art Gleichnis auch schon in Vers 32 und in Vers 43 vor. Aber dort haben wir es nicht mit der normalen, bisher bekannten Form eines direkten Gleichnisses zu tun. Der Herr benutzt im jüdischen Teil stattdessen einen einfachen Vergleich. Jetzt aber kommen auf einmal drei typische Gleichnisse, nachdem der Herr vorher und nachher direkte, wörtlich zu verstehende Prophezeiungen gab. In diesen Gleichnissen geht es auch nicht um äußere Entwicklungen, sondern insbesondere um moralische Werte, um eine innere Haltung.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir gerade in diesem zweiten Abschnitt keine Verbindung zum Alten Testament finden. Im jüdischen Teil haben wir den Bezug zu Daniel (V. 15). Darauf baut der Herr Jesus auch im dritten Teil auf. Dort ist ebenfalls besonders im Propheten Daniel (Kapitel 2 und 7) vom Kommen des Sohnes des Menschen in Herrlichkeit die Rede. Solche Bezüge fehlen im christlichen Teil vollständig, denn das Alte Testament hat uns nichts über die christliche Zeitperiode zu sagen.

Zudem finden wir den Ausdruck „Sohn des Menschen“ in diesem Teil nicht. Dieser Titel des Herrn hängt mit der zweiten Phase seines zweiten Kommens zusammen. Das unterstreicht noch einmal, dass wir in diesem zweiten Teil eher an die Entrückung denken müssen. Allerdings geht es in allen drei Gleichnissen nicht so sehr um den Akt der Entrückung, als vielmehr um das Offenbarwerden vor dem Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10). Dieser steht immer mit der Verantwortung der Christen in Verbindung. Die Entrückung als solche dagegen ist ein Akt reiner Gnade.

Darüber hinaus gibt es in diesen drei Gleichnissen im Unterschied zum ersten großen Teil auch keine „jüdischen Stichworte“. Hinweise auf Sabbat, Gesetz, Judäa, etc. fehlen vollständig. Wenn dieser Teil einen jüdischen Charakter trüge, wären solche Hinweise wenigstens vereinzelt zu erwarten gewesen. Aber wir finden hier nichts dergleichen.

In diesen Gleichnissen behandelt der Herr zudem ein Thema, was im Blick auf das Judentum nicht behandelt wird: das Weggehen des Herrn. Das aber ist typisch christlich. Der Herr, der am Kreuz für uns starb, ist in den Himmel weggegangen, um einmal wiederzukommen.

Weiterhin sehen wir, dass im ersten und im dritten Teil dieser prophetischen Rede sehr viele äußere Abläufe eine wichtige Rolle spielen. Diese werden im christlichen Bereich nicht behandelt. Der Herr zeigt im Neuen Testament auch immer wieder, dass Er zu dem Herzen redet und dass Ihm an geistlichem, innerem Wachstum von Gläubigen gelegen ist.

Schließlich lesen wir hier von Entwicklungen, die im Neuen Testament im Blick auf Christen wiederholt angesprochen werden. Die Hoffnung auf das Wiederkommen des Herrn wird von Paulus (1. Thes 4), von Johannes (Off 22) und Judas (Jud 21) betont. Das Aufgeben der Erwartung, wie es in den Gleichnissen jetzt thematisiert wird, betont unter anderem Petrus (2. Pet 3,4). Der Dienst der Christen, wie er im dritten Gleichnis behandelt wird, hat einen wichtigen Platz bei Paulus (Röm 12; 1. Kor 12; Eph 4) und Petrus (1. Pet 4,10).

Die Jünger des Herrn werden somit in den drei folgenden Gleichnissen in einer anderen Position gesehen als in den ersten 44 Versen von Kapitel 24. Sie waren einerseits Repräsentanten der jüdischen Gläubigen, die in einer Zeit an den Herrn Jesus als Messias glauben, in der Er der Verworfene ist. So sind sie die passenden Vertreter der gläubigen Übriggebliebenen, die auch in der Endzeit im jüdischen Bereich zum Herrn Jesus stehen werden. Andererseits aber waren sie auch die Keimzelle der Versammlung in einer ganz neuen Zeit, die hier noch nicht begonnen hatte. Denn als der Heilige Geist auf diese Erde kam (vgl. Apg 2), da waren es gerade diese Jünger, aus denen die Versammlung Gottes am Anfang bestand. Sie waren die ersten Christen, die hier auf der Erde lebten. Als solche kommen sie jetzt in den nächsten Abschnitten vor uns.

Eines aber bleibt in allen drei großen Teilen der Rede in Kapitel 24 und 25 gleich: Es handelt sich um Jünger des Herrn. Zu dieser Gruppe gehören auch wir, die wir in der christlichen Zeit leben. Wir sind nicht Jünger des Messias. Aber wir sind Jünger im Königreich der Himmel. Und insofern haben uns alle drei Teile etwas zu sagen.

Die Endzeitrede über das Gericht der Nationen (Mt 25,31–46)

Mit Vers 31 nimmt der Herr Jesus wieder den Faden der prophetischen Geschichte von Kapitel 24,30.31 auf. Dort war die Rede davon, dass Er als der Sohn des Menschen mit Macht und großer Herrlichkeit kommt. Er wird seine Auserwählten von den vier Winden der Erde her versammeln. Im Anschluss steht ein ermahnender Teil für die gläubigen Juden (Verse 32–44). In dessen Folge finden wir dann die drei soeben betrachteten Gleichnisse über die christliche Zeit.

In Matthäus 25,31 können wir sofort den Anschluss an Kapitel 24,31 erkennen. Darauf wird Bezug genommen: „Wenn aber der Sohn des Menschen kommen wird in seiner Herrlichkeit“, wie es nämlich in Kapitel 24,30.31 beschrieben worden ist, dann findet das Gericht der Nationen statt (25,31.32).

Das sichtbare Wiederkommen Christi auf diese Erde finden wir in Vers 31. Es leitet eine Gerichtssitzung des Sohnes des Menschen über die Nationen ein. Wir haben hier einen direkten Bezug zu den „Nationen“. Das sind keine Christen, weil diese „aus den Nationen“ genommen und der Versammlung Gottes hinzugefügt worden sind.23 Nationen sind auch keine Juden oder Israeliten, weil sie von diesen ausdrücklich abgegrenzt werden.

Wir hatten gesehen, dass der Herr als Sohn des Menschen dem abgefallenen Israel gegenüber, das dem Aas gleicht, wie ein Blitz erscheint: plötzlich, unerwartet, in furchtbarem und schnellem Gericht (Mt 24,27.28). In Bezug auf die Nationen ist von Eile und Heftigkeit keine Rede. Hier kommt Er in geradezu feierlicher Weise, um seinen irdischen Platz in Herrlichkeit einzunehmen. Dieses Kommen wird nicht wie ein Blitz vorübergehen. Der Sohn des Menschen wird auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen (Vers 31). Alle Nationen werden Ihn sehen. Sie werden vor Ihm, der diesen Thron des Gerichts feierlich ernst eingenommen hat, versammelt stehen, um gerichtet zu werden. Das entscheidende Kriterium in diesem Gericht wird sein, wie sie die jüdischen Boten behandelt haben, die ihnen das Reich predigten.

Anhang 2: Unterschiede zwischen Entrückung und Erscheinung

Es fällt auf, dass der Geist Gottes das Ereignis der Entrückung und das Geschehen der Erscheinung des Herrn sehr unterschiedlich charakterisiert. Einige wichtige Unterschiede führe ich im Folgenden an:

  1. Die Entrückung wird Geheimnis genannt. Das ist etwas, was im Alten Testament verborgen und durch Gottes Geist den Aposteln und Propheten des Neuen Testaments offenbart worden ist (vgl. 1. Kor 15,51). In diesem Fall wurde dieses Geheimnis dem Apostel Paulus durch eine Offenbarung und ein Wort des Herrn weitergegeben (1. Thes 4,15).
    Im Blick auf die Erscheinung und den Tag des Herrn wird nicht von Geheimnis oder Wort des Herrn gesprochen. Dieses Thema behandeln schon die alttestamentlichen Schreiber an vielen Stellen.
  2. Bei der Entrückung wird der Herr Jesus diese Erde nicht betreten, sondern uns in Wolken entgegenkommen.
    Bei seiner Erscheinung dagegen werden seine Füße auf dem Ölberg stehen (Sach 14,4). Das heißt, dass Christus bei der Entrückung in die Luft kommt, bei seiner Erscheinung dagegen auf die Erde.
  3. Die Entrückung der Gläubigen, jedenfalls das Kommen des Herrn zur Entrückung, wird von dieser Welt nicht gesehen. Der Herr kommt uns nach 1. Thessalonicher 4 „nur“ in Wolken in der Luft entgegen.
    Seine Erscheinung auf der Erde dagegen wird von jedem Menschen gesehen werden können (Off 1,7).
  4. Nach der Entrückung findet für die Erlösten das Offenbarwerden vor dem Richterstuhl des Christus im Himmel statt (2. Kor 5,10).
    Nach der Erscheinung findet eine öffentliche Gerichtssitzung der Nationen auf der Erde statt (Mt 25,31–46). Zudem wird ein Kriegsgericht an den ungläubigen Juden und vielen Nationen vollzogen, die gegen die Übriggebliebenen in Juda gekämpft haben (Off 19,11–21).
  5. Bei der Entrückung wird die Versammlung von der Erde in den Himmel geholt (2. Thes 2,1).
    Bei der Erscheinung mit Christus dagegen wird sie mit Ihm auf die Erde zurückkommen (Kol 3,4; 2. Thes 1,10).
  6. Die Entrückung ist das Kommen des Herrn für uns.
    Die Erscheinung ist das Kommen Christi mit uns.
  7. Die Entrückung ist ein Akt der Barmherzigkeit (Jud 21).
    Die Erscheinung des Herrn dagegen ist ein Tag des Grimmes und der Gerechtigkeit (Zeph 1,14–18).
  8. Das Böse bzw. das Richten des Bösen gerät in Verbindung mit der Entrückung nicht ins Blickfeld.
    Dieses Gericht ist dagegen ein herausragendes Kennzeichen seiner Erscheinung, mit der dann der Tag des Herrn und seiner Herrschaft beginnt (2. Thes 1,8). Dann werden sofort die satanischen Agenten, das erste und zweite Tier aus Offenbarung 13 – der römische Kaiser und der Antichrist – gerichtet werden (Off 19,19–21).
  9. Christus wird für die heute lebenden Erlösten als Bräutigam und Haupt des Leibes zur Entrückung kommen (Eph 5,25 ff.; Kol 1,22).
    Für Israel und die Nationen wird Er dagegen als Sohn des Menschen, Richter und Messias erscheinen (Mt 24,30; 25,31).
  10. Im Blick auf die Entrückung ist der Herr Jesus als Person derjenige, dessen Kommen nahe ist (Off 3,11).
    Was die Erscheinung betrifft, wird von dem Königreich gesprochen, dass nahe ist (Mt 3,2).
  11. Wenn der Herr Jesus uns entrücken wird, bleibt die sichtbare Schöpfung davon unbeeinflusst, wie die Gerichte in Offenbarung 6–16 zeigen. Der Verfall und die Zerstörung innerhalb der ersten Schöpfung bleiben bestehen. Allerdings werden die entrückten Erlösten aus dem Elend der ersten Schöpfung herausgeholt, um für ewig an der Neuschöpfung Anteil zu haben.
    Mit der Erscheinung dagegen wird das sehnliche Warten der gesamten (unintelligenten) Schöpfung auf Befreiung endlich seine Erhörung finden (Röm 8,19). Das heißt, der Niedergang und die äußerliche Degeneration werden ein Ende haben.
  12. Die Entrückung ist für alle Erlösten, egal ob sie Juden oder Nationen waren. So hat sie weder mit Juden noch mit Nationen als solchen zu tun.
    Bei der Erscheinung dagegen werden beide Gruppen voneinander unterschieden. (Mt 24.25; Off 7).
  13. Durch die Entrückung wird sich im Blick auf Israel keine Weissagung erfüllen.
    Durch die Erscheinung und sein Kommen für Israel auf dem Ölberg (Sach 14,4) wird Christus die Verheißungen und den Bund mit Abraham erfüllen. Auf dieses Kommen wurde immer wieder im Alten Testament hingewiesen.
  14. Im Blick auf die Entrückung gibt es keine Zeichen und Bedingungen, die zuvor erfüllt werden müssen.
    Vor der Erscheinung des Herrn aber müssen nach 2. Thessalonicher 2 und Offenbarung 6–19 bestimmte Ereignisse erfüllt werden.
  15. Die Entrückung wird nicht von Zeichen und Wundern begleitet werden.
    Die Erscheinung des Herrn dagegen wird von überaus ernsten und sichtbaren Zeichen flankiert werden (Joel 3,3).
  16. Die Entrückung führt den Tag Christi (mit dem Richterstuhl) ein (Phil 1,6; 2,10.16).
    Die Erscheinung leitet den Tag des Herrn ein (2. Thes 2,2).
  17. Die Entrückung ist das Ereignis eines Augenblicks (1. Thes 4,16.17).
    Die Erscheinung Christi dagegen hängt mit einer ganzen Epoche zusammen, dem Tag des Herrn, dem 1.000-jährigen Friedensreich (Off 20,4.7).
  18. Der Herr Jesus wird Morgenstern genannt, wenn es um die Entrückung der Erlösten geht (2. Pet 1,19; Off 2,28; 22,16).
    Wenn Gottes Wort von seiner Erscheinung spricht, wird Christus „Sonne der Gerechtigkeit“ genannt (Mal 3,20). Zwischen dem Leuchten des Morgensterns und dem Aufgehen der Sonne vergeht einige Zeit. Dasselbe gilt für die Entrückung und dem Beginn des 1.000-jährigen Reiches.
  19. Sowohl für die Entrückung als auch für die Erscheinung gibt es Vorbilder. Henoch wurde entrückt zu Gott (Heb 11,5), wie auch Elia in den Himmel auffuhr, ohne sterben zu müssen (2. Kön 2,11). Beide „sahen“ ihren Gott, Jahwe, im Himmel.
    Noah dagegen erschien Jahwe auf der Erde (1. Mo 9; Heb 11,7), wie auch dem Elisa (2. Kön 6,17).
  20. Die Entrückung ist das Tor dazu, dass Gott in Christus seine ganze Liebe als Vater den Erlösten in seinem Haus entgegenbringen kann.
    Die Erscheinung dagegen ist das Tor dazu, dass Gott seine Macht und Herrlichkeit in voller Weise auf der Erde entfalten kann.
  21. Die Entrückung führt die Erlösten in die ewige, souveräne Gnade und Liebe Gottes ein.
    Die Erscheinung wiederum führt die Erlösten mit Christus auf die Erde, um dort ihren Lohn für die Treue während ihres Lebens zu genießen.
  22. Die Entrückung wird den Erlösten vorgestellt (Joh 14,1 ff.; 1. Thes 4,15 ff.), nicht den Ungläubigen. Judas Iskariot war bei den Begebenheiten, die ab Johannes 13,30 geschildert werden, bereits abwesend.
    Die Erscheinung dagegen finden wir wiederholt in den Predigten der Apostel auch an Ungläubige (Apg 3,20 ff.; 17,31; 24,25).

Anhang 3: Auflistung der Gründe für die Entrückung vor der Drangsalszeit

In diesem Anhang fasse ich die verschiedenen Begründungen dafür, dass die Entrückung vor und nicht während oder nach der Drangsalszeit stattfinden wird, in einer Liste zusammen. Einige Punkte haben uns schon ausführlich beschäftigt. Sie werden jetzt nur noch kurz genannt. Andere Punkte füge ich ergänzend hinzu.

  1. Johannes 14,1–3: Schon der Herr Jesus hat seine Jünger darüber belehrt, dass Er nach seiner Himmelfahrt wiederkommen wird. Sein Kommen gilt nicht der Regierung dieser Erde, sondern um die an Ihn Glaubenden zu sich ins Haus seines Vaters zu holen (vgl. auch Joh 17,24).
  2. Matthäus 24,24–27: Die Gläubigen, die in der großen Drangsal leben, warten nicht darauf, dass der Herrn Jesus sie zu sich in den Himmel holt. Ihre Erwartung ist, dass der Herr für alle sichtbar auf die Erde kommen wird (V. 27). Er kommt nicht für die Welt verborgen in den Wolken, wohin die Gläubigen entrückt werden (1. Thes 4,17), sondern sichtbar mit den Wolken (Off 1,7) zu ihnen auf die Erde, wo Er von allen gesehen werden wird (Mt 24,30).
  3. Lukas 21,27: Lukas spricht nicht davon, dass „du“ (gläubiger Theophilus) oder „ihr“ (Gläubigen) den Sohn des Menschen kommen sehen werdet in einer Wolke mit Macht. Er sagt ausdrücklich: „sie“. Das sind nicht die Erlösten der heutigen Zeit, sondern Juden, die in Zukunft auf ihren Messias warten werden. Offenbar ist die Versammlung nicht mehr auf der Erde.
  4. Lukas 21,36: Und was sagt der Herr „euch“? „Wacht aber, zu aller Zeit betend, damit ihr imstande seid, all diesem, was geschehen soll [nämlich den Gerichten Gottes in der künftigen Trübsal], zu entfliehen und vor dem Sohn des Menschen zu stehen.“24 Sie, die Gläubigen der heutigen Zeit, würden also die Drangsale, die der Herr ankündigt, nicht erleben, sondern stattdessen vor Ihm stehen. „Entfliehen“ und „bewahren vor“ (Off 3,10) gehören eng zusammen.
  5. 2. Thessalonicher 2,1: Paulus spricht von der Erwartung des Versammeltwerdens (Entrückung) zu Christus hin als vor der Drangsal stattfindend. Sie sollten nicht ängstlich werden, „als ob der Tag des Herrn da wäre“ – was er gar nicht ist. Er nennt diese Tatsache eine wunderbare Ermutigung, damit die Gläubigen nicht erschüttert werden.
  6. Kolosser 3,4; Offenbarung 3,12; 21,2.10: Wenn Christus aus dem Himmel sichtbar auf die Erde kommt, wird Er von den Seinen begleitet (vgl. Off 19,11–16). Sie müssen also vorher in den Himmel aufgefahren sein. Wie kann die Versammlung aus dem Himmel kommen, wenn sie nicht zuvor dorthin gekommen (entrückt) worden ist? Heute ist unser Leben verborgen mit dem Christus in Gott: In Kolosser 3 spricht Paulus offenbar von geistlichen und nicht körperlichen Tatsachen für die Erlösten. Dann aber wird die Herrlichkeit der Verbindung von Christus mit seiner Versammlung auch körperlich offenbar werden. Die Erscheinung kann sich also nicht auf die heutige Zeit beziehen, wo wir hier auf der Erde leben, während Christus im Himmel thront.
  7. 2. Thessalonicher 2,3: Vor dem Tag des Herrn, der nach der Entrückung ist, muss aber der Abfall kommen.
    2. Thessalonicher 2,3: Vor diesem Tag muss zudem der Antichrist offenbar werden.
    2. Thessalonicher 2,7: Weder das totale Abfallen von Gott und der christlichen Wahrheit noch die Offenbarung des Antichristen haben wir in der jetzigen Zeit. Solange wirkt das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“, also das Böse als Wurzel der gegenwärtigen Verhältnisse in dieser Welt. Aber das vollständige und absolute Abfallen von allem Göttlichen und das Erscheinen des Antichristen gibt es nicht in der christlichen Zeit.
  8. 2. Thessalonicher 2,6.7: Bevor der Abfall und der Antichrist kommen können, muss ein „Hindernis“ weggeräumt werden: das, „was zurückhält“ bzw. der, „der zurückhält“, nämlich der Heilige Geist in der Versammlung. Warum ist Er auf einmal verschwunden? Er kam auf die Erde, als die Versammlung an jenem Pfingsttag entstand (Apg 2; 1. Kor 12). Vorher wirkte Er auf der Erde, wohnte aber nicht dort. Er wird bei der Familie Gottes, der Versammlung, in Ewigkeit bleiben (Joh 14,16), denn Er wohnt in den Erlösten (heute) persönlich und in der Versammlung gemeinschaftlich (1. Kor 6,19; 3,16). Wenn der Geist nicht mehr da ist, kann die Versammlung nicht mehr da sein, denn Er wohnt in ihr. Wenn die Versammlung nicht mehr auf der Erde ist, geht der Geist Gottes mit ihr „zurück“ in den Himmel. Das alles passiert aber erst mit der Entrückung, nicht vorher.
  9. 1. Thessalonicher 4,16.17 (die Entrückung) wird deutlich unterschieden von 1. Thessalonicher 5,1–3 (der Erscheinung des Herrn): Das eine musste offenbart werden (Wort des Herrn, V. 15), das andere kannten sie längst (5,1). So wird die Entrückung unterschieden von dem Tag des Herrn. Beides sind unterschiedliche Ereignisse.
  10. 2. Thessalonicher 1,5–12: Der Verursacher der Drangsale der Christen heute ist die ungläubige Welt, angetrieben von Satan. Der Verursacher der Drangsalszeit nach der Entrückung ist Gott, der die ungläubigen Menschen richten wird (vgl. 1. Thes 5,9). Die Verfolgungen heute betreffen vor allem Gläubige, die Drangsale in Verbindung mit dem Tag des Herrn besonders Ungläubige, also Namenschristen. Heute wird man wegen Treue verfolgt, in Zukunft kommt Gericht über solche, die Ungerechtigkeit üben. Heute gibt es Leiden um der Treue und Gerechtigkeit willen, die zu Lohn führen. In der Stunde der Versuchung, der kommenden Trübsal, sind Leiden der Beweis der Vergeltung Gottes für diejenigen Namenschristen, die das Evangelium vorher bewusst abgelehnt haben. Für Gläubige gibt es heute Verfolgung, später Ruhe (2. Thes 1,7). Für die Ungläubigen gibt es heute innerlich zweifellos keine Ruhe, denn das Gewissen klagt sie an. Aber äußerlich leben sie oft in Ruhe. In der Drangsalszeit aber werden sie Verfolgungen erleben.
  11. 2. Thessalonicher 1,5–10: Die Apostel bereiten die Christen auf keine spezielle Drangsalszeit vor. Im Gegenteil: Sie sprechen immer von Verfolgungen etc. Diese einzelnen Verfolgungen stehen im Gegensatz zur „großen Drangsal“, „wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird“ (Mt 24,21). Zudem hat Paulus damals von einer zukünftigen Drangsalszeit gesprochen, nämlich in Verbindung mit dem Tag des Herrn. Diese unterscheidet sich nach seinen Worten von den Verfolgungen, die er und die Thessalonicher damals zu erleiden hatten. Was ergibt es für einen Sinn, wenn sich diese Unterscheidungen auf einmal auflösen, weil die Gläubigen angeblich beides erleben, früher oder später? Diese Unterscheidungen zwischen aktuellen Verfolgungen und einer regelrechten Drangsalszeit gelten auch heute noch. Die Zeit hat sich in dieser Hinsicht nicht seit der des Apostels geändert.
  12. Joel 3,4: Der Tag des Herrn hat jüdischen Charakter – das zeigen die vielen Stellen im Alten Testament. Von christlichen Elementen ist an keiner Stelle die Rede.
  13. Viele Bibelstellen sprechen vom nahen Kommen des Herrn Jesus, ohne dass irgendeine Bedingung genannt würde (Römer 8,23; Philipper 3,20.21; 1. Thessalonicher 1,9; Titus 2,13). Das ist die Entrückung. Wenn dennoch zuvor bestimmte Ereignisse geschehen und die Gläubigen bestimmte Dinge erdulden müssten, um an der Entrückung teilnehmen zu können, wäre das eine Irreführung vonseiten Gottes (vgl. 2. Thes 2,3).
  14. Offenbarung 22,17; 3,11: Der Herr Jesus hat gesagt: „Ich komme bald“ – nicht: Ich komme, wenn dies oder jenes geschehen ist. Sein Kommen kann jederzeit sein. Noch einmal: Das wäre eine Irreführung, wenn das letzten Endes doch nicht wahr wäre.
  15. 2. Thessalonicher 5,9.10: Den Thessalonichern wird gesagt, dass sie nicht zum Zorn gesetzt sind. Das ist diese Zeit des Zornes Gottes, der in der großen Drangsal über ungläubige Menschen ausgeschüttet werden wird. Stattdessen sind sie bestimmt zur Erlangung der Errettung durch unseren Herrn Jesus Christus, der auch ihren Körper verwandeln und sie in die Herrlichkeit bringen wird (Phil 3,21).
  16. In 1. Korinther 15,23 zeigt Paulus eine Reihenfolge in der Auferstehung an: Christus ist der Erstling, dann die, die des Christus sind bei seiner Ankunft. Erst danach kommt „das Ende“. Das ist ein Fachausdruck für die Zeit des Endes des Gerichtes (vgl. Hes 21,30.34; Dan 8,15.17; 11,27.35.40; 12,4; Hab 2,3 usw.). Darauf bezieht sich auch, wie wir gesehen haben, der Ausdruck „Zorn“ in 1. Thessalonicher 1 und 2 und 5. Mit anderen Worten: Nach der Auferweckung des Herrn Jesus kommt die Auferweckung der Erlösten bei der Entrückung. Erst dann folgt das Ende, die Drangsalszeit, in die also die erlösten Christen nicht kommen können.
  17. In Römer 11,25 wird davon berichtet, dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist. Offensichtlich bezieht sich der Apostel Paulus auf die Zeit, in der er selbst lebte. Der Herr Jesus hatte schon während seines Lebens auf der Erde mehrfach von der Blindheit der Juden gesprochen (vgl. zum Beispiel Mt 13,13–15). Der Apostel Paulus bestätigt das, indem er darauf hinweist, dass die Juden verhärtet sind und eine Decke auf ihrem Angesicht tragen. Dadurch sind sie nicht in der Lage zu sehen (vgl. 2. Kor 3,14–16). Diese Verhärtung hält an, fügt der Apostel in Römer 11,25 hinzu, „bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist“. Das sind nach Römer 11,12 die Gläubigen aus den Nationen, die es seit dem Pfingsttag gibt, von dem Apostelgeschichte 2 berichtet. Es handelt sich also um die heutige Zeit. Wenn es für Israel aber erst danach eine Wiederherstellung geben kann, wenn die Vollzahl der Nationen „eingegangen“ ist: Wohin sind diese Nationen dann eigentlich eingegangen? Aus anderen Bibelstellen lernen wir: durch Entrückung in den Himmel. Ohne diese Entrückung gäbe es keine Hoffnung für Israel, auf der Erde wieder gesegnet zu werden. Diese Hoffnung aber wird sowohl im Alten als auch im Neuen Testament ausdrücklich genannt und beschrieben.
  18. Heute wird das Evangelium der Gnade Gottes und der Herrlichkeit Gottes verkündigt (vgl. Apg 20,24; 1. Tim 1,11). Aus Matthäus 24,14 und Offenbarung 14,6 lernen wir, dass in der Drangsalszeit ein Evangelium verkündigt wird, das einen vollkommen anderen Charakter trägt. Dort ist es das ewige Evangelium (Off 14,6) bzw. das Evangelium des Reiches (Mt 24,14), das den Nationen gepredigt wird. Während das Evangelium der Gnade Gottes Menschen für den Himmel ruft, bezieht sich das Evangelium des Reiches auf Segnungen auf der Erde. Denn sein Königreich ist auf der Erde, während sich unsere Hoffnung auf den Himmel bezieht (vgl. Kol 1,5; Phil 3,20). Wenn man das Zeugnis der beiden Zeugen in Offenbarung 11 noch hinzunimmt, kann man nur feststellen: Diese beiden Zeitepochen – die christliche und die der Drangsal – gehören und passen nicht zusammen. Sie tragen ganz unterschiedliche Charakterzüge. Damit kann diese Drangsalszeit nicht Teil der christlichen Epoche sein, die christliche wiederum nicht Teil der Stunde der Versuchung, der Trübsalszeit.
  19. Offenbarung 3,10: Der Versammlung in Philadelphia wird ausdrücklich gesagt, dass sie bewahrt wird vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird. Das kann nicht Prüfungen und Verfolgungen in der heutigen Zeit betreffen, denn die hat jeder Gläubige zu erdulden (2. Tim 3,12). Und diese Leiden werden im Brief an die Gläubigen in Philadelphia unter den Begriff „Ausharren“ gefasst.
  20. „Ek“ (aus heraus) kann in Offenbarung 3,10 nicht übersetzt werden mit: „aus der Stunde der Versuchung bewahrt werden“. Das ergibt sprachlich und inhaltlich keinen Sinn (ähnlich: Joh 17,15; Apg 15,29). Es muss heißen: bewahren vor. Und genau das passiert mit der Entrückung: Wir werden bei Christus sein, bevor die Prüfungszeit über die Erde kommen wird.
  21. Offenbarung 3,10: Wen betrifft diese Zusage? Der Herr meint alle diejenigen, die zur Versammlung (Gemeinde) Gottes gehören. Es sind somit alle, die heute Erlöste sind. Das genau macht die Unterscheidung zwischen Gläubigen und Ungläubigen aus. Der Herr Jesus spricht hier nicht von besonders treuen Gläubigen im Unterschied zu untreuen. Denn Er unterscheidet nicht innerhalb der Gläubigen in Philadelphia. Die Erlösten, die zur Versammlung gehören, werden vor dieser Zeit der Versuchung bewahrt werden. Von den Juden heißt es dagegen ausdrücklich, dass sie in der Bedrängnis sein werden (vgl. Jer 14,8).
  22. Offenbarung 3,11: Direkt mit dieser Bewahrung vor der Drangsalszeit verbindet der Herr interessanterweise sein Kommen zur Entrückung: „Ich komme bald.“ Er kommt, um sie zu bewahren vor der Versuchungszeit, indem Er sie vorher durch sein Kommen entrückt (vgl. 1. Thes 4,16.17).
  23. Das Wiederkommen Jesu zur Entrückung zu erwarten, wenn man zuerst die Drangsalszeit durchleben muss – also bestimmte, in der Schrift konkret genannte Ereignisse –, ergibt keinen Sinn. Dann hätten wir mit dieser Zeit der Trübsal und nicht mit dem Herrn zu rechnen, sondern mit Ihm erst danach. So aber spricht Gottes Wort nicht zu uns.
  24. Offenbarung 3,12; 21,2.10: Wie kann die Versammlung aus dem Himmel kommen, wenn sie nicht zuvor dorthin gekommen (entrückt) worden ist?
  25. Offenbarung 4,1: Auch wenn hier nicht wörtlich von der Entrückung die Rede ist, heißt es: „Komm hier herauf.“ Und von diesem Augenblick an ist von einer Versammlung und Christen auf der Erde keine Rede mehr, wie wir das bis Kapitel 4 deutlich sehen. Im Unterschied dazu lesen wir ab Kapitel 7 von Heiden und Juden/Israeliten auf der Erde, nicht aber von Christen und der Versammlung.
  26. Offenbarung 4,4: Zudem ist auf einmal von „24 Ältesten“ die Rede, nicht aber von Seelen oder einem anderen Zustand heimgegangener, aber nicht mit ihrem Auferstehungsleib bekleideter Menschen. Diese Ältesten werden unterschieden von Engeln (z.B. in Kapitel 5). Es handelt sich somit um Menschen, die im Himmel sind und verherrlicht worden sind. Engel waren dort schon lange. Aber woher kommen diese Menschen? Offenbar von der Erde durch Entrückung.
  27. Offenbarung 5,8; 8,3: Andererseits gibt es Heilige auf der Erde, also ebenfalls gläubige Menschen. Warum gibt es diese Unterscheidung? Weil es auf der Erde wieder ein neues Volk Gottes gibt, das offenbar nicht mehr aus Christen besteht. Der Hinweis auf Juden/Israeliten einerseits und Nationen andererseits in Kapitel 7 zeigt, dass es sich um Gläubige aus diesen beiden getrennten „Bereichen“ handelt. In der jetzigen Zeit aber sind sie beide „eins“ (vgl. Eph 2,14). Heute gibt es diese Trennung von Juden und Nationen in der Versammlung nicht.
  28. Offenbarung 6,9–11: Wir finden in der Drangsalszeit getötete Gläubige, die aber nicht Christen genannt werden, auch keine Christen sein können. Wir lesen hier nämlich von „Rache“, die göttlich bestätigt wird. Nach Römer 12 kommt eine solche Haltung allerdings für uns Christen ausdrücklich nicht in Frage. Wenn diese Menschen heute leben würden und dieser Bereich eine Zeit beträfe, in der auch Christen auf der Erde lebten, müssten es Christen sein. Denn etwas anderes erkennt Gott heute nicht als gläubig an (vgl. 1. Kor 10,32). Da Christen aber nicht zur Rache aufgefordert werden, muss es sich um Gläubige einer anderen Zeit handeln.
  29. Offenbarung 7,9–17: Obwohl es im Himmel 24 Älteste (und 4 lebendige Wesen) gibt, werden in Offenbarung 7 verschiedene Gruppen von Menschen auf der Erde gesehen. Sie kommen zum Teil aus der Drangsalszeit. Das kann nicht die heutige Zeit sein, denn dann wäre niemand im Himmel außer Christus und den Engeln. Christen gibt es nach Offenbarung 3 auf der Erde, nicht aber im Himmel. Und in Offenbarung 7 werden die Gläubigen nicht der Versammlung, sondern den Nationen zugerechnet. Es muss sich also um eine andere Zeitepoche handeln.
  30. Daniel 11; Matthäus 24: Beide Kapitel sind deutlich jüdischer Natur. Immer wieder wird mit entsprechenden Symbolen gearbeitet. Darauf nehmen die Hinweise von 2. Thessalonicher 2 deutlich Bezug. Die heutige Zeit hat aber mit Entwicklungen im Judentum nichts zu tun, wie man den neutestamentlichen Briefen entnehmen kann. Dort wird der Fokus weder auf Israel und Jerusalem noch auf ihren Gottesdienst gerichtet. In Offenbarung 13 wird in direkter Weise von den Zeichen der Drangsalszeit gesprochen und auf die Geschehnisse von Daniel 11 und Matthäus 24 Bezug genommen. Dort befinden wir uns offensichtlich mitten in der Drangsalszeit. Daher muss Offenbarung 3 zeitlich vor der Drangsalszeit liegen, auch die Wegnahme (Bewahrung) der dort angesprochenen Christen.
  31. In mindestens acht Passagen des Wortes Gottes wird die Drangsalszeit behandelt (Mt 24,3–29; Mk 13,4–24; Off 3,10; 7,14–17; 5. Mo 4,30.31; Jer 14,8; 30,4–7; Dan 12,1). Aber an keiner dieser Stellen wird die Versammlung Gottes mit dieser Drangsal in Verbindung gebracht. Im Alten Testament ist das ohnehin nicht möglich. Aber auch in den Passagen im Neuen Testament gibt es keinen Hinweis auf die Versammlung Gottes. In Offenbarung 7 sind es die Nationen, in Matthäus 3 und Markus 13 die Juden.
  32. Wenn wir als Erlöste, die wir heute alle zur Versammlung Gottes gehören, durch diese Trübsalszeit hindurchgehen müssten, hätte Gott uns im Blick darauf ermahnt und ermuntert. Die Tatsache, dass Er es nicht getan hat, stärkt die Überzeugung, dass wir diese Zeit nicht erleben müssen.
  33. Warum werden die Christen an keiner Stelle darüber belehrt, wie sie sich in der Drangsalszeit verhalten sollen? Den Juden wird das in Matthäus 24 und in Markus 13 durchaus gesagt. Den erlösten Christen dagegen wird überhaupt keine Verhaltensrichtlinie für diese Drangsalszeit, z.B. in den Briefen, wo man es erwarten würde, gegeben. Warum nicht? Weil sie keine benötigen. Denn sie kommen nicht in diese Zeit. Nach Offenbarung 7,9 werden sich viele zu Christus und Gott im Glauben wenden. Aber an keiner Stelle lesen wir, dass es sich dabei um Christen, Gläubige der Versammlung, handeln würde. Offenbarung 7 zeigt, dass es Nationen sind, nicht Christen.
  34. Die Drangsalszeit wird in alttestamentlichen Schriften wie Jeremia und Daniel erwähnt. Sie ist Gegenstand von Prophetie. Die Versammlung (Gemeinde) dagegen ist nicht im eigentlichen Sinn Inhalt von Prophetie. Denn die Prophetie beschäftigt sich mit der Erde, während die Versammlung nach Epheser 3,9 Teil des Geheimnisses ist, das in Gott verborgen war. Sie gehört ihrem Wesen nach nicht zur Erde, sondern zum Himmel. Daher gibt es im Alten Testament keine Erwähnung der Entrückung, die untrennbar mit der Versammlung verbunden ist. Da aber diese spezielle Trübsal wesentliches Element des Handelns Gottes mit dieser Erde ist, mit Juda, mit den Nationen und mit denen, die rein irdischen Charakters sind (vgl. Off 3,10; 6,10; 8,13; usw.), finden wir sie auch im Alten Testament erwähnt und vorhergesagt. Wir dagegen sind ein Volk, das „aus den Nationen“ für Gott herausgenommen wurde (Apg 15,14) und im Alten Testament nicht genannt wird.
  35. Daniel 9,25.26: Diese Verse zeigen, dass es ein unbestimmtes Intervall an Zeit nach den 69 Wochen (Jahrwochen) geben wird, die mit dem Hinwegtun des Messias ihren Abschluss finden. Nach Vers 27 setzt die prophetische Zeitrechnung wieder ein an einem Zeitpunkt, der mit dem Abschluss eines Vertrags zwischen dem kommenden Fürsten und den Vielen (der Masse des jüdischen Volkes) verbunden wird. Das ist offensichtlich zukünftig, denn die neutestamentlichen Briefe berichten davon nichts. In Offenbarung 13 dagegen finden wir eine Verbindung der beiden Parteien.
  36. Offenbarung 22,16 nimmt Bezug auf den Morgenstern, den die Christen erwarten. Dieser erscheint deutlich vor dem Aufgehen der Sonne. Als Sonne der Gerechtigkeit aber wird Christus im Blick auf das Volk Israel dargestellt, wenn Er wiederkommen wird, um den Segen des Königreichs einzuführen (vgl. Mal 3,20). Zwischen beiden Ereignissen liegt ein Intervall. Aus Daniel 9 und anderen Schriftstellen (Off 5–19) wissen wir, dass es die Drangsalszeit ist.
  37. 1. Mose 5 und 6–9: Während Henoch vor der Flut entrückt wurde, musste Noah die Flut erleben und durchleiden. So gab es damals zwei unterschiedliche Wege Gottes für Menschen, wie auch heute: Die Versammlung wird wie Henoch vor der Drangsals-„Flut“ entrückt werden, die gläubigen Übriggebliebenen aus Juda müssen durch diese Drangsals-„Flut“ hindurch, wie Noah. Beides waren (sind) Gläubige, aber sie unterscheiden sich voneinander in dem Handeln Gottes mit ihnen. Das ist natürlich kein Beweis, sondern „nur“ ein Hinweis, wie wunderbar die Lehre der „Vor-Entrückung“ zu den Vorbildern des Alten Testaments passt.
  38. An keiner Stelle lesen wir, dass die Entrückung der Erlösten oder das Versammeltwerden zu Ihm hin ungläubigen Menschen gepredigt wird. Die Apostel sprechen vor den Ungläubigen dagegen mehrfach über die Erscheinung Jesu Christi, die mit Gericht verbunden wird. Wir finden keinen Hinweis, dass sie der Welt die glückselige Hoffnung der Erlösten verkündigt hätten, nämlich dass wir zuvor zu Christus gerufen werden. Das können Ungläubige nicht verstehen. Aber dass Gericht auf sie wartet, kann sie zur Umkehr und Bekehrung führen.

Anhang 4: Die Versammlung – das geistliche Israel?

Es gibt noch ein weiteres Thema, das manche Christen mit der Versammlung verbinden. Gelegentlich hört man, man dürfe keinen Unterschied zwischen der Versammlung und Israel (und den Nationen) machen. Schließlich sei die Versammlung der „Israel Gottes“ (Gal 6,16), also eine Art geistliches Israel in neutestamentlicher Zeit. In der Versammlung würden alle Segnungen und Verheißungen Israels wahr, die im Alten Testament zu finden sind.

Wir wollen uns im Blick auf dieses Argument den Ausdruck „Israel Gottes“ in Galater 6 anschauen. „Und so viele nach dieser Richtschnur wandeln werden – Friede über sie und Barmherzigkeit, und über den Israel Gottes!“ Was ist damit gemeint? Im Galaterbrief hat der Apostel Paulus immer wieder deutlich gemacht, dass das Gesetz vom Sinai nicht Maßstab und Richtschnur des Christen ist. Paulus hat sogar einen Fluch über diejenigen ausgesprochen, die das Evangelium verfälschen und mit jüdischen Geboten vermischen. Christentum und Judentum sind somit unvereinbar. Daher ist es undenkbar, dass der „Israel Gottes“ eine Bezeichnung für die Versammlung Gottes ist.

Nein, der „Israel Gottes“ ist der Teil der Juden, der in der heutigen Zeit das Evangelium der Gnade Gottes angenommen hat. Weil sie diese gute Botschaft geglaubt haben, gehören sie zur Versammlung Gottes. Von ihr sind sie nun in gewisser Weise ein Teil, auch wenn dieser Teil sonst nie unterschieden wird. Sie werden hier angesichts des Themas „Gesetz“ unterschieden von den ungläubigen Juden und von den Gläubigen aus den Nationen. Die Gläubigen aus den Nationen haben in dieser Hinsicht weniger Probleme, nach den Prinzipien der neuen Schöpfung zu leben (Verse 15.16). Sie standen im Gegensatz zu den Juden nie unter Gesetz. Daher standen sie damals auch nicht so sehr in Gefahr, dieses Gesetz zu ihrem Lebensmaßstab zu machen. Das unterscheidet sie von den Gläubigen, die aus dem Judentum stammten.

Der Israel Gottes ist somit ein Überrest der Gnade aus den Juden. Dieser existiert nach Römer 11,5 auch in der heutigen Zeit. Diese Christen haben sich vom Judentum getrennt und gehören somit zur Versammlung Gottes. Sie bilden keine „eigene Kirche“, sondern gehören zu dem einen, untrennbaren Leib, der Versammlung (1. Kor 12,12.13).

Diese Gläubigen aus den Juden sind der einzige Teil aus Israel, den Gott heute anerkennt. Deshalb nennt Paulus sie „Israel Gottes“. Sie bilden kein eigenes „Israel“, auch kein „neues Israel“, werden aber von Gott als Erlöste anerkannt, die aus Israel stammen.

Das aber heißt keineswegs, dass die Versammlung heute eine Art geistliches Israel wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Verschiedentlich werden wir im Neuen Testament gewarnt, zu jüdischen Vorschriften zurückzukehren. Neben dem Galaterbrief warnt uns Gott besonders durch den Kolosser- und den Hebräerbrief ausdrücklich davor. Es gibt kein geistliches Israel, sondern nur ein „buchstäbliches“. Wir haben bereits gesehen, dass dieses Israel nach der Entrückung wieder eine wichtige Rolle auf der Erde spielen wird. Das aber liegt noch in der Zukunft.

Auch hierdurch sollte klar werden, dass die Versammlung keineswegs in die Rolle Israels schlüpft. Israel wird einmal durch die Drangsalszeit hindurchgehen müssen, nicht aber die Versammlung, die in 1. Korinther 10,32 ausdrücklich von Israel unterschieden wird. Das künftige Volk der Juden muss die große Drangsal erdulden, nicht aber erlöste Christen.

Anhang 5: Die Versammlung in der Drangsalszeit

Bislang haben wir uns in erster Linie mit den einzelnen Gläubigen beschäftigt. Im Folgenden soll der Fokus allerdings noch einmal speziell auf den Organismus gelenkt werden, den Gott in seinem Wort „Versammlung“ (Gemeinde, Kirche) nennt. Was ist mit ihr in der großen Drangsal?

Zunächst noch einmal zur Erinnerung: Die Versammlung wird gebildet durch alle Christen, also durch alle Menschen, die Jesus Christus als ihren Retter angenommen haben. Gott hat sie zu seiner Versammlung gemacht (1. Kor 12,13).

Nun haben wir bereits deutlich gesehen, dass die einzelnen Christen nicht in die Drangsalszeit kommen werden. Manche haben dennoch Sorge, dass aber die Versammlung (Gemeinde) als Kollektiv (Gemeinschaft) dennoch in diese Trübsalszeit kommen könnte. Das aber ist nicht möglich: Wenn der einzelne Gläubige nicht in die große Drangsal kommen kann, ist es unmöglich, dass die Versammlung als Gesamtheit in diese Prüfungsphase hineinkommt.

Allerdings gibt es noch eine etwas andere Sicht auf dieses Thema. Das hat mit der Unterscheidung von Christen und Namenschristen zu tun. In Gottes Wort ist dann, wenn Gott von der Versammlung spricht, prinzipiell die „wahre“ Versammlung (Gemeinde, Kirche)gemeint. Sie besteht nur aus bekehrten Menschen. Diese Versammlung wird an den einzelnen Orten dadurch sichtbar, dass die Gläubigen zum Beispiel zum Brotbrechen zusammenkommen. Das findet in den örtlichen Versammlungen statt. Inmitten der örtlichen Zusammenkommen kann es allerdings Ungläubige geben. Das liegt daran, dass kein Mensch in das Herz des Gegenüber sehen kann. Menschen können heucheln und vorgeben, Christen zu sein, obwohl sie sich nie bekehrt haben. Wenn man nun einen solchen Ungläubigen in die Gemeinschaft der örtlichen Versammlung aufnimmt, hat man bereits eine Mischung von Gläubigen und Ungläubigen.

In dem Buch der Offenbarung wird nun die wahre Versammlung Gottes mit einer reinen Frau verglichen (Off 19,7). So sieht Gott seine Versammlung. Daneben aber beschreibt der Geist Gottes in diesem Bibelbuch auch eine Versammlung, die zwar über das äußerliche Bekenntnis verfügt, Versammlung Gottes zu sein. In Wirklichkeit aber ist sie nur ein lebloses System. Diese falsche Versammlung vergleicht der Herr mit einer Prostituierten (vgl. Off 17,1–18).

Nach Offenbarung 17,7 wird diese falsche Kirche in der Drangsalszeit sogar eine gewisse Zeitlang Autorität über die Politik(er) besitzen. Aber in dieser Zeit gibt es in diesem System keinen einzigen wahren Gläubigen mehr. Denn die echten Christen sind dann längst im Himmel. Nein, es wird ein totes, antichristliches, Gott feindliches System ohne Christus sein. Vermutlich wird es sich noch immer christliche Kirche nennen, letztlich aber nur noch diesen Namen tragen. Wahres Christentum gibt es dann auf dieser Erde nicht mehr. Noch einmal: Die Erlösten werden längst nach Offenbarung 4,1 entrückt sein.

Die (falsche) Versammlung wird also in einer äußeren Form in der Drangsalszeit noch existieren. Die antichristliche, christuslose Einheitskirche der Endzeit wird Gegenstand der Gerichte Gottes werden und nach Offenbarung 17,16 innerhalb der Drangsalszeit komplett zerstört werden. Von diesem System wird nach diesem Gericht nichts mehr übrigbleiben. Das aber ist nicht die „wirkliche“ Versammlung. Und sie wird in der Zeit nach der Entrückung nur noch aus Ungläubigen bestehen.

Anhang 6: Gibt es vielleicht eine teilweise Entrückung?

Manche haben gelehrt, dass es zwar eine Entrückung gebe, dass an dieser aber nur einige Christen teilnehmen würden. Das sind, so ihre Meinung, die treuen Gläubigen, die wirklich und mit Hingabe auf den Herrn Jesus warten. Aber alle anderen müssten, weil sie nicht ausreichend entschieden gelebt hätten, noch durch die Drangsal hindurchgehen.

Was ist zu diesem Standpunkt aus Sicht des Wortes Gottes zu sagen?

Keine Unterscheidung zwischen Treuen und Untreuen

Zu seinen Jüngern hat der Herr Jesus gesagt, und zwar zu allen Elfen (Judas war bereits weggegangen): „Ich komme wieder und werde euch zu mir nehmen, damit wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,3). Spricht der Herr hier von einer besonderen Klasse von Gläubigen, von Jüngern, im Unterschied zu anderen? Das ist nicht denkbar, denn Er sagt: „ihr“ und „euch“ und schließt alle ein! Er nennt dafür keine Zusatzbedingung.

Diese Jünger waren Gläubige, die sich bekehrt hatten. Sein Wiederkommen zur Entrückung galt ihnen allen. Der Herr differenziert also nicht zwischen „entschiedenen“ und „weniger entschiedenen“ Jüngern. Er macht auch keinen Unterschied zwischen den drei „ersten“ Jüngern Petrus, Johannes und Jakobus sowie den übrigen, die mehr im Hintergrund tätig waren. Er schließt alle ein.

Keine Unterscheidung durch den Apostel Johannes

Auch in Offenbarung 3,10 wird die Verheißung, vor der Stunde der Versuchung zu bewahren, der gesamten Versammlung gegeben. Es wird nicht unterschieden zwischen schwachen und starken Gläubigen an diesem Ort. Es ist abwegig zu denken, dass es in Philadelphia ausschließlich treue und hingebungsvolle Christen gab. Der allgemeine Zustand war sehr gut. Aber Gläubige unterscheiden sich immer in ihrer Haltung und in ihrer geistlichen Reife voneinander. Die Verheißung der Vor-Entrückung vor der Drangsalszeit aber wird allen gegeben.

Wie sollte der Herr auch eine Unterscheidung machen? Wieviel Prozent Treue würde ausreichen, um im Unterschied zu anderen vorentrückt zu werden? 100% hat noch kein Christ erreicht, nicht einmal der Apostel Paulus. Damit wären letztlich alle von dieser Verheißung ausgeschlossen, denn Gott schließt nie Kompromisse. Nein, alle sind eingeschlossen, wenn der Herr die Entrückung ankündigt. Denn die Teilnahme an der Entrückung hängt nicht von unserer Treue, sondern allein von der Gnade Gottes ab. Immer dann, wenn etwas von menschliche Treue abhängt, gibt es aufseiten des Menschen Versagen zu beklagen. Es wäre für uns hoffnungslos.

Keine Unterscheidung durch Paulus

Dasselbe gilt für die Belehrungen in 1. Thessalonicher 4,15–18. In diesen Versen unterweist der Apostel Paulus die junge Versammlung in Thessalonich eingehend über die Entrückung. Auch dort spricht der Geist Gottes ausdrücklich und mehrfach von „wir“. Paulus macht sich eins mit den Gläubigen in Thessalonich. Zweifellos gab es auch an diesem Ort Gläubige, die schwach im Glauben waren. Das zeigen die Warnungen und der Tadel in diesem Brief. Versagende Christen werden aber nicht aussortiert, sondern gehören mit allen anderen Erlösten zu denen, die entrückt werden.

Dasselbe trifft auf 1. Korinther 15,51–57 zu. Auch dort lesen wir mehrfach von „wir“, die verwandelt werden. In Korinth gab es sehr viele fleischliche Christen. Diese aber werden nicht aussortiert, sondern Paulus ist so kühn, auch sie in diesen Akt der Entrückung des Herrn einzubeziehen. Was sagt Er über diejenigen, die entrückt werden? „Die des Christus sind bei seiner Ankunft“ (1. Kor 15,21). Das sind alle, die zu Christus gehören, die sein Eigentum sind. Mit anderen Worten: alle, die sich bekehrt haben. Sie haben von Gott neues Leben bekommen. Er hat sie seinem Sohn geschenkt (vgl. Joh 17,6). Sie werden entrückt werden.

Das führt zu der Frage, was uns überhaupt befähigt, an dieser Entrückung vor der Drangsal teilzunehmen. Die Antwort ist: nicht unser Lebenswandel. Dieser ist bei keinem einzigen vollkommen. Dem absoluten Maßstab Gottes hat kein einziger Christ entsprochen. Nur Christus, unser Retter und Meister, hat Gott in jeder Hinsicht verherrlicht und zufriedengestellt. Bei jedem anderen gibt es Schwachheiten und Versagen, Sünden und Straucheln. Dann wäre niemand berechtigt, an dieser Entrückung teilhaben zu dürfen.

Daher noch einmal: Die Teilnahme an diesem Akt der Himmelfahrt ist allein das Ergebnis göttlicher Gnade. Es ist „die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben“, die wir erwarten (Jud 21). Wir haben keinerlei Anspruch, sondern Gott schenkt uns diese Entrückung aus seiner Liebe heraus.

Zwei Irrtümer dieser falschen Lehre

Offenbar stammt der Gedanke an eine teilweise Entrückung aus zwei fehlerhaften Ansichten: Zum einen versteht man den Umfang des Evangeliums falsch. Diese gute Botschaft hat uns nicht nur zur Bekehrung geführt, sondern bringt uns durch die Entrückung in den Himmel (Phil 3; 20; 21). Es handelt sich um eine vollständige Errettung nach Geist, Seele und Körper. Die Gnade, die uns neues Leben schenkt, ist die gleiche Gnade, durch die wir den Herrn Jesus Christus als Retter unseres Körpers erwarten.

Zweitens spricht aus dieser irreführenden Überzeugung letztlich Hochmut. Die Auffassung einer teilweisen Entrückung beinhaltet, dass sich manche Christen als geistlicher, entschiedener und treuer ansehen als andere. Im Unterschied zu den anderen nehmen sie für sich in Anspruch, Anteil am Wunder der Entrückung zu haben. Im Neuen Testament aber werden wir an keiner Stelle aufgefordert, uns mit anderen Christen zu vergleichen. Wir sollen ein Leben in Hingabe für Christus führen. Wir sollen Ihm von Herzen dienen. Wir werden ermahnt, dem Wort Gottes gehorsam zu sein. Das alles aber tun wir, ohne uns zu vergleichen. Wer anfängt, sich mit anderen Gläubigen zu vergleichen, wird entweder resignieren oder hochmütig werden. Beides will Gott nicht.

Was uns und unsere Treue betrifft, müssen wir uns alle schämen. Selbst der treueste Christ wird von sich sagen, dass er keinen Lohn verdient hat. „Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Lk 17,10). Aber Gottes Gnade ist größer als unser Versagen. Er wird uns ans Ziel bringen und entrücken.

Die Jungfrauen in Matthäus 25

Zur Unterstützung der teilweisen Entrückungslehre wird oft Matthäus 25 angeführt. Aber wir lernen in diesem Gleichnis nicht, dass Gott eine Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Treuegraden bei Gläubigen macht.25 Das Bild, das der Herr in diesem Gleichnis verwendet, ist wie immer einfach und schlicht. Es geht um den Ablauf einer Hochzeitsfeier, wie er im Orient alltäglich war und zum Teil auch heute noch üblich ist. Den Abschluss der Verlobungszeit, die allerdings schon verbindlichen Charakter für die Eheleute trug, bildete das großartige Hochzeitsfest. Dieses fand, gerade in der Sommerzeit, in der Kühle der Dunkelheit statt. Wenn dann der Bräutigam kam, gingen ihm die Jungfrauen – es müssen damals wohl tatsächlich üblicherweise 10 Jungfrauen gewesen sein – mit brennenden Fackeln entgegen. Sie sollten ihm den Weg zum Hochzeitssaal erleuchten, wo die Braut auf ihn wartete. Das war ihre Aufgabe und nur das gab ihnen das Vorrecht, mit dem Bräutigam einzutreten und mitzufeiern.

Es ist eine Besonderheit von Gleichnissen, dass nicht alle Einzelheiten erklärt und angewendet werden dürfen. Genau das ist auch für dieses Gleichnis charakteristisch. Es geht um einen wichtigen Grundsatz, den der Herr vorstellen möchte. Wenn man diesen erfasst hat, wird man die Belehrung des Gleichnisses gut verstehen und auch die wesentlichen Einzelheiten richtig einordnen können.

Es stellt sich also die Frage, welche Hauptlinie der Geist Gottes mit diesem Gleichnis verfolgt. Es handelt sich um das Bild des christlichen Bekenntnisses (10 Jungfrauen). Dieses Bekenntnis, dargestellt durch die Lampen, kann wahr oder falsch sein. In der Christenheit liegt leider diese Vermischung vor, wie wir schon in Matthäus 13 gesehen haben. Es gibt sowohl wahre als auch falsche Christen. Aber was ihr Bekenntnis betrifft, gehen sie gemeinsam aus, um Christus bei seinem Wiederkommen zu begegnen. Diese Bekenner werden als Jungfrauen dargestellt. Hier ist Christus nicht der Bräutigam der Versammlung. Und es geht auch nicht im engsten Sinn um die Entrückung. Zu dieser gehen wir dem Herrn Jesus nicht entgegen. Der Herr Jesus kommt aus dem Himmel, um die Versammlung in einem Nu zu sich zu rufen und zu holen (1. Kor 15,52; 1. Thes 4,16). Er ist es, der sie ruft, nicht sie, die von sich aus kommt.

Es geht in diesem Bild überhaupt nicht um die Braut.26 Sie wird nicht erwähnt und stellt daher weder die irdische Braut Jesu (Israel) noch die himmlische Braut (die Versammlung) dar. Die Jungfrauen werden auch nicht zur Braut. Das wäre eine falsche Interpretation dieses Gleichnisses. Es geht nämlich nicht um die Versammlung, sondern um die Christen im Königreich. Sie stehen als Bekenner unter der Verantwortung, auf den Herrn Jesus zu warten. Das zeigt, dass es nicht um die Vorrechte der Versammlung, sondern um die Verantwortung von christlichen Bekennern geht.

Die wichtige Belehrung dieses Gleichnisses ist somit, dass Gott zwischen wahren und falschen Christen unterscheidet, zwischen echten Gläubigen und reinen Bekennern. Dieses Gleichnis kann also nicht für diese falsche Überzeugung angeführt werden, der Herr würde nur einige Treue entrücken.

Hebräer 9,28

Ein zweiter Bibelvers, der gerne zur Verteidigung der teilweisen Entrückung angeführt wird, ist Hebräer 9,28. „So wird auch der Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen, zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Errettung.“ Das Argument lautet: Er kommt zur Entrückung nur für diejenigen, die Ihn wirklich erwarten. Alle anderen müssen durch die große Drangsalszeit hindurchgehen.

Aber das ist durchaus nicht die Belehrung dieser Verse. Im Gegenteil. Wir finden in Hebräer 9 einen schönen Parallelismus. Der Herr Jesus ist einmal geopfert worden, um die Sünden von vielen Menschen zu tragen. Das sind nicht wenige, sondern viele. Es handelt sich nämlich um alle diejenigen, die an Ihn und sein Werk glauben. Für sie wird Er noch einmal kommen. Sie alle sind es nämlich, die Ihn erwarten.

Der Hinweis auf die Erwartung ist offenbar keine Ermahnung, sondern eine Kennzeichnung derer, für die Er gestorben ist. Sie erwarten Ihn, weil sie Ihn lieben. Und das gilt grundsätzlich für alle Erlösten. Wer sich bekehrt hat, erwartet seinen Retter, der ihn geliebt und sich selbst für ihn hingegeben hat. Auch wenn man im täglichen Glaubensleben oft versagen mag, hat man eine neue Natur, die sich auf diese himmlische Zukunft freut.

Ähnlich spricht Paulus in seinem zweiten Brief an Timotheus von einer Krone der Gerechtigkeit für diejenigen, die „seine Erscheinung“ lieben. Sind das nur wenige Treue? Nein, es sind alle, die an den Herrn Jesus glauben. Sie freuen sich, dass Er einmal auf dieser Erde von allen Menschen geehrt werden wird.

In Hebräer 9,27.28 unterscheidet der Schreiber gerade die Ungläubigen, die nach Vers 27 dem Gericht entgegensehen, von den Gläubigen, die den Herrn erwarten. Sie müssen nämlich kein Gericht mehr fürchten, weil sie Frieden mit Gott haben. Sie sind aus reiner Gnade gerettet worden. Sie werden aus reiner Gnade (und nicht nach Verdienst) am Ende gerettet werden. Mit anderen Worten: Wir haben hier dieselbe Unterscheidung wie im Gleichnis der 10 Jungfrauen in Matthäus 25: Es gibt wahre und falsche Bekenner. Diese werden voneinander unterschieden.

Fußnoten

  • 1 Den Ausdruck „Christen“ benutze ich für Menschen, die sich wirklich zu Jesus Christus bekehrt und Ihn als persönlichen Retter angenommen haben. Namenschristen dagegen sind Menschen, die sich Christen nennen, ohne eine innere Umkehr zu Gott erlebt zu haben.
  • 2 In Anhang 1 erläutere ich diese Gliederung noch einmal.
  • 3 Eine ausführliche und empfehlenswerte Erklärung und Ausarbeitung zu der Entrückung findet sich in: „Die Entrückung der Gläubigen“ von Christian Briem. Das Buch ist erschienen beim Herausgeber dieses Buches, Christliche Schriftenverbreitung Hückeswagen, www.csv-verlag.de
  • 4 Bezieht sich Christus hier darauf, dass Er nach seinem Tod und seiner Auferstehung zu den Jüngern wieder zurückkommt, um sie mit sich bei seiner Himmelfahrt mitzunehmen? Das kann Er nicht gemeint haben, denn Er ist nach Apostelgeschichte 2 allein in den Himmel aufgefahren. Hat Er sich geirrt, wenn Er sagt, dass Er zu den Jüngern zurückkommt, während sie leben? Nein! Wir haben schon gesehen, dass der Herr dadurch, dass Er von seinem Zurückkommen zu den vor Ihm Stehenden spricht, gerade die Naherwartung seiner Rückkehr bewirken möchte.
  • 5 Zur Unterscheidung zwischen Entrückung und Erscheinung habe ich einige Hinweise in den Anhang 2 aufgenommen.
  • 6 Vielleicht fragt sich jemand, was für eine Bedeutung die Unterscheidung zwischen Juden und Nationen einerseits und der Versammlung (Gemeinde) Gottes andererseits hat. Im Alten Testament gab es die Versammlung noch nicht. Dort stellt Gott das Volk Israel als ein von den übrigen Nationen abgesondertes Volk dar. Die Menschen gehörten entweder zu den Juden oder zu den Nationen. Im Neuen Testament werden diese Nationen teilweise auch als „Griechen“ bezeichnet. Das ist dort eine Art Oberbegriff für Nicht-Juden, gerade wenn sich der Apostel Paulus an Versammlungen aus Griechenland oder Mazedonien wendet. Die Versammlung ist im Unterschied zu den Juden und Nationen erst nach dem Tod, der Auferstehung und Himmelfahrt Christi mit der Herniedersendung des Heiligen Geistes (Apg 2) entstanden. Sie besteht aus Menschen, die ursprünglich Juden oder Nationen waren (Röm 9,24; Eph 2,11–16; Kol 3,11). Jetzt aber sind sie zu dieser Versammlung „verschmolzen“ und damit keine Juden oder Griechen mehr: „Seid ohne Anstoß, sowohl Juden als Griechen als auch der Versammlung Gottes“ (1. Kor 10,32). Wenn somit von „Nationen“ oder „Juden“ die Rede ist, bezieht sich der Geist Gottes nicht auf die Versammlung.
  • 7 In Anhang 4 behandle ich die Frage nach dem geistlichen Israel in etwas ausführlicherer Form.
  • 8 In Anhang 5 gehe ich noch einmal auf die Frage ein, ob es denkbar ist, dass Christen nicht in die Drangsalszeit kommen, die Versammlung (Gemeinde) aber doch.
  • 9 In Anhang 6 beantworte ich noch die Frage, ob die Schrift den Gedanken an eine teilweise Erlösung möglich macht, das heißt, dass die treuen Christen entrückt werden vor der Drangsalszeit, untreue dagegen durch die Trübsal hindurchgehen müssen.
  • 10 Entnommen aus: „Die Entrückung der Kirche“ (1. Thes 4,17), Dillenburg, 1906, von Dr. Emil Dönges. Der Text wurde sprachlich leicht an die aktuellen Gegebenheiten angepasst.
  • 11 Das griechische Wort für „Zuruf“ ist eines, das eine besondere Bedeutung hat. Es setzt Zugehörigkeit und ein anerkanntes, bestehendes Verhältnis dessen, der gerufen wird, zu dem Zurufenden voraus. Man benutzte diesen Ausdruck zum Beispiel für den Zuruf auf einem Schiff, womit der Steuermann seine Mannschaft rief. Es gilt der Zuruf nur dieser Mannschaft und nicht den Fremden auf dem Schiff. Es ist ein Wort an solche, zu denen man eine Beziehung pflegt.
  • 12 Silhouette. Rechtshistorisch handelt es sich um den vor den eigentlichen Stadtmauern gelegenen Bezirk. Auch er war der städtischen Gerichtsbarkeit unterworfen.
  • 13 1. Markus 4,26–29 (die wachsende Saat); 2. Matthäus 22,2–14 (der König, der seinem Sohn Hochzeit machte); 3. Lukas 14,16–24 (das große Gastmahl); 4. Lukas 10,30–37 (der barmherzige Samariter); 5. Matthäus 24,45–51 (der treue und der böse Knecht); 6. Markus 13,34–37 (der Knecht, der wachen soll); 7. Matthäus 9,15 (der anwesende Bräutigam); 8. Matthäus 25,1–13 (die zehn Jungfrauen); 9. Matthäus 25,14–30 (die Talente); 10. Lukas 19,12–27 (die Pfunde).
  • 14 Eine eingehender Beschäftigung mit Matthäus 24–25 empfehle ich sehr. An dieser Stelle verweise ich dazu noch einmal auf die in der ersten Fußnote genannten Bibelkommentare zum Matthäusevangelium.
  • 15 Auch in Johannes 16,33, ein Vers, den wir auf unsere heutige Zeit beziehen, wendet sich der Herr Jesus an seine Jünger. Aber dort spricht Er nicht von prophetischen Ereignissen, wie wir sie in Matthäus 24 finden. Er wendet sich an diejenigen, die nach seinem Tod „in der Welt“ sein würden, während Er selbst zum Vater aufgefahren wäre. Das ist die heutige Zeit.
  • 16 Manche behaupten, Lukas 21 würde dasselbe bedeuten wie Matthäus 24 und Markus 13. Alle drei Stellen würden sich auf die Vergangenheit, die Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 beziehen. Das aber ist nicht möglich. Denn die Eile, zu der die Juden nach Matthäus 24,16–20 angewiesen werden, aus Jerusalem bzw. Judäa zu fliehen, steht nicht mit den historischen Ereignissen um die Zerstörung Jerusalems im Einklang. Dort gab es in der Zeit des großen jüdischen Krieges zwischen den Juden und Römern (ab dem Jahr 66) nämlich den Wechsel des Statthalters. Gaius Cestius Gallus gab den Staffelstab an Gaius Licinius Mucianus weiter. Dadurch gab es ausreichend Zeit zu fliehen. Das zeigt deutlich: Matthäus spricht offensichtlich wie Markus von einer auch für uns noch zukünftigen Zeit. Nur Lukas bezieht sich auf eine Zeit, die für ihn zwar Zukunft war, für uns aber bereits Vergangenheit.
  • 17 Die (24) Ältesten werden in der Offenbarung zwölfmal genannt in den Kapiteln 4,4.10; 5,5.6.8.11.14; 7,11.13; 11,16; 14,3; 19,4
  • 18 Weiter unten gehe ich auf diesen Punkt noch etwas ausführlicher ein.
  • 19 Der Geist Gottes bezeichnet die Gläubigen als 24 Älteste. Vermutlich greift Er eine Gruppe von Menschen im Alten Testament als Vorbild auf. In 1. Chronika 24 ist die Rede von 24 Abteilungen der Priester im Heiligtum (1. Chr 24,4). In 1. Chronika 25 ist dann von 24 Chor-Abteilungen die Rede, in 1. Chronika 27 von Abteilungen von je 24.000 Mann, die monatlich den königlichen Dienst verrichteten. Genau das ist der Charakter der verherrlichten Gläubigen im Himmel. Sie sind nach Offenbarung 1,5.6 zu einem Königtum und zu Priestern gemacht worden. Sie werden im Himmel gesehen, während auf der Erde nach Offenbarung 6–18 furchtbare Drangsale stattfinden. Sie dienen als Priester, singen Gott Loblieder und tragen königlichen Charakter.
  • 20 Nach Offenbarung 7,15 sind diese Gläubigen aus den Nationen vor dem Thron Gottes und dienen Ihm. Damit ist nicht der Himmel gemeint, denn im Himmel gibt es weder „Tag und Nacht“ (Vers 15) noch einen Tempel (vgl. Off 21,22). Diese Gläubigen befinden sich auf der Erde, wo sie im 1.000-jährigen Friedensreich nicht mehr hungern und dürsten müssen (Vers 16), wie sie das in der Drangsalszeit erleben mussten (vgl. Jes 49,10, wo von Israel in gleicher Weise die Rede ist). Sie stehen in einer direkten Beziehung zu Gott. Das ist der Grund, warum hier vom Thron Gottes die Rede ist, und nicht, weil sie etwa im Himmel wären.
  • 21 Die Konstruktion „bewahren vor“ kommt im Neuen Testament noch ein weiteres Mal vor. Auch in Johannes 17,15 wird deutlich, dass „bewahren vor“ nicht bedeuten kann: „bewahren aus heraus“. Dort heißt es: „Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrest vor dem Bösen.“ Im Bösen gibt es keine Bewahrung und kann es auch keine geben. Aber man kann davor bewahrt werden, von dem Bösen angegriffen zu werden. Darum bittet unser Herr seinen Vater. Ähnlich wird man nach Apostelgeschichte 15,29 nicht dadurch vor den Götzenopfern usw. bewahrt, dass man zwar daran teilnimmt, aber irgendwie bewahrt bleibt. Nein, die Bewahrung besteht darin, dass man sich davon fernhält, sie ganz und gar aufgibt.
  • 22 Im Anhang 3 habe ich eine Zusammenstellung der einzelnen Argumente vorgenommen, die für eine Entrückung vor der Drangsalszeit sprechen.
  • 23 Dieser Punkt wird in dem Abschnitt „Vor-Entrückung“ vor der Drangsalszeit? Ausführlicher erklärt.
  • 24 Ab Vers 25 ist, wie wir gesehen haben, auch bei Lukas von der künftigen Drangsal (und nicht mehr von der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr.) die Rede. Auf diese Trübsal folgt das Königreich Gottes in Macht und Herrlichkeit.
  • 25 Für eine ausführliche Erklärung dieses Gleichnisses verweise ich auf die schon am Anfang genannten Kommentare zum Matthäusevangelium. Diese gibt es beim Herausgeber dieses Buches bzw. auf www.bibelkommentare.de. Besonders empfehlenswert sind die beiden Bände „Er lehrte sie vieles in Gleichnissen“ von Christian Briem.
  • 26 Es gibt wenige Bibelübersetzungen wie die Vulgata, die in Vers 1 lesen: „die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam und der Braut entgegen“. Aber diese Lesart ist nicht nur äußerst spärlich bezeugt, sondern würde auch gar nicht in den Kontext dieses Gleichnisses passen. Die himmlische Braut, die Versammlung, ist hier noch nicht bekannt. Sie wird erst in den Briefen vom Apostel Paulus eingeführt. Auch die irdische Braut, Israel, kommt in den drei christlichen Gleichnissen in Matthäus 24,45–25,30 überhaupt nicht vor.
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