Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 24,45-25,30

Die Endzeitrede über den christlichen Bereich (Mt 24,4525,30)

In den nächsten drei Abschnitten verlässt der Herr Jesus den jüdischen Bereich und wendet sich dem christlichen zu. Nur in Matthäus finden wir diese drei Gleichnisse – übrigens auch das erste, auch wenn Lukas ein ähnliches in einer anderen Situation erzählt. Denn nur unser Evangelist spricht überhaupt in dieser Weise vom christlichen Bereich und später von dem der Nationen. Wir haben schon gesehen, dass Er damit dieselbe Reihenfolge wählt wie im dritten Teil der Gleichnisse in Matthäus 13.1

Das Kommen des Herrn

Ein zentrales Thema aller drei Teile der Endzeitrede ist das Kommen des Herrn. Nicht immer ist allerdings dasselbe Ereignis, dieselbe Phase des zweiten Kommens Jesu gemeint. Denn sowohl für die Juden im ersten Teil als auch für die Nationen im dritten Teil handelt es sich um das Kommen des Sohnes des Menschen zur Aufrichtung des Königreichs. Das wird jeweils sehr deutlich erklärt und betrifft die zweite Phase des zweiten Kommens Christi auf diese Erde. Das ist in unserem christlichen Teil durchaus nicht so. Dort geht es – jedenfalls für die wahren Bekenner – um das Kommen Jesu in allgemeiner Weise, wobei die Entrückung und seine Erscheinung zusammengefasst werden. Die Entrückung (vgl. 1. Thes 4,13–18) als solche ist in den Evangelien bis auf eine Andeutung in Johannes 14 noch nicht weiter erklärt worden. Daher benutzt Jesus hier auch nicht den Ausdruck „Entrückung“. Sie ist aber gemeint und kann von Christen, die das Neue Testament kennen, in diesen Versen erkannt werden.

Auffallend ist, dass bei allen drei Gleichnissen das Wiederkommen Christi als sehr nahe bevorstehend gezeigt wird. Nie geht der Herr von langen Zeiträumen bis zu seinem Wiederkommen aus. Daher ist im ersten Gleichnis nur von einem Knecht die Rede, der erst gut war und dann offenbar böse wurde. Im Gleichnis der Jungfrauen ist von Anfang an immer von denselben Jungfrauen die Rede, bis zum Kommen des Bräutigams. Dasselbe gilt für das dritte Gleichnis. Die Knechte, die zur Zeit des Verreisens ihres Herrn lebten, leben auch bei seiner Rückkehr noch immer.

Die Naherwartung des Wiederkommens Christi finden wir auch in den neutestamentlichen Briefen bestätigt. Paulus spricht in 1. Thessalonicher 4 davon, dass „wir, die Lebenden“ entrückt werden. Paulus erwartete den Herrn täglich – das sollte auch uns kennzeichnen, auch wenn seit diesem Zeitpunkt schon mehr als 1.900 Jahre vergangen sind. Der Anfang und das Ende der Gnadenzeit werden nie zeitlich auseinandergezogen. Denn das Kommen des Herrn ist immer nahe (vgl. Phil 4,5)!

Der Herr benutzt für die christliche Zeit die Gleichnisform

Der Herr hat seinen Jüngern im ersten Abschnitt (Verse 1–44) gezeigt, was sie bzw. ihre Nachkommen als (jüdische) Jünger des Königreichs erwarten wird. Nachdem Er das getan hat und sie zur Wachsamkeit aufgerufen hat, wendet Er sich seinen Jüngern mit einer anderen Belehrung zu. Er zeigt ihnen, dass es zwischen der Zeit des ersten Kommens und der angekündigten Drangsalszeit eine Epoche gibt, die Er zunächst überschlagen hat. Das ist die christliche Zeit. Der Herr spricht hier nicht von der Versammlung. Diese hat Er zwar in den Kapiteln 16 und 18 angekündigt. Deren weitere Offenbarung hat Er aber für den Apostel Paulus vorgesehen. Bevor die Versammlung überhaupt entstanden war, wollte der Herr keine weiteren Offenbarungen über diesen wunderbaren Organismus verbreiten.

Aber die Versammlung gehört zu der christlichen Zeit, in der das Königreich der Himmel seinen Verlauf nehmen würde (vgl. Mt 13). Und da der Herr in Matthäus 24.25 besonders die Verantwortung der Jünger hier auf der Erde betont, passt sein Appell an Christen in diesen Zusammenhang wunderbar hinein.

Der Herr benutzt jetzt eine ganz andere Form in seiner Rede als im jüdischen Bereich. Er spricht in drei Gleichnissen zu den Jüngern, die alle drei das Kommen des Herrn zum Thema haben.

  1. Im ersten zeigt Er, dass es zwei Typen von Menschen gibt. Die einen sind kluge Diener und führen ihre vom Herrn übertragene Aufgabe im inneren Bereich in Treue aus. Die anderen denken nur an sich, leben für ihren eigenen Genuss und herrschen daher über andere Knechte. Diese zweite Gruppe sind Bekenner, die kein Leben aus Gott besitzen. Außerdem geht es in diesem ersten Gleichnis besonders um die zeitliche Gesamtentwicklung. Denn der Herr teilt die christliche Zeit in zwei Phasen ein. Am Anfang war der geistliche Zustand der Christen (im Allgemeinen) gut. Diese Periode wird durch den treuen Knecht dargestellt. Aber am Ende der christlichen Zeit, in der wir heute leben, ist er schlecht, was durch den bösen Knecht vorgestellt wird.
  2. Im zweiten Gleichnis spricht der Herr Jesus im Blick auf die beiden Typen von Menschen direkt von einer Mehrzahl: Es gibt fünf kluge und fünf törichte Jungfrauen. Damit wird unterstrichen, dass es im ersten Gleichnis nicht nur um zwei Einzelpersonen geht, sondern dass der treue Knecht und der böse Knecht Repräsentanten einer größeren Gruppe von Christen sind.
    Hier steht nicht der Dienst im Vordergrund, sondern das Zeugnis, das sie auf der Erde ablegen sollen, sowie die Erwartung des Herrn. Hier lernen wir zudem, dass auch die klugen, also die wahren Bekenner, untreu und gleichgültig geworden sind. Aber der entscheidende Unterschied zwischen beiden Gruppen ist, dass nur die Klugen beim Kommen des Herrn Öl in ihren Lampen besitzen. Sie haben Leben, was die törichten Jungfrauen nicht besitzen. Während man im ersten Gleichnis eine globale Tendenz erkennt, lernen wir in diesem Gleichnis, dass zu jeder Zeit das Gute und das Böse nebeneinander bestehen. Das gilt auch für den Zeitpunkt des Kommens des Herrn, wo beides nebeneinander existieren wird.
  3. Im dritten Gleichnis lernen wir dann, dass die Ausübung des Dienstes einer jeden Person, sei sie ein wahrer oder falscher Bekenner, unterschiedlich ist. Alle Christen haben die Aufgabe, entsprechend ihrer geistlichen Begabung einen Dienst auszuführen. Die Begabungen sind unterschiedlich, die Aufgaben unterscheiden sich. Aber eines bleibt gleich: Es kommt auf die Treue für den Herrn an. Diese wird vom Herrn bei seinem Kommen beurteilt. Es gibt also nicht nur Gruppen von wahren und falschen Bekennern nebeneinander. Es gibt auch eine ganz persönliche Verantwortung für jeden von uns. Jeder einzelne Jünger ist für sich selbst verantwortlich und besitzt eine persönliche Aufgabe. Man arbeitet nicht uniform, sondern individuell.

Verschiedene Arten von Verantwortung

Vor dem Hintergrund der soeben vorgenommenen Unterscheidung der drei Gleichnisse kann man die Verantwortung, unter die wir Christen gestellt werden, folgendermaßen beschreiben:

  1. Das erste Gleichnis vom treuen und bösen Knecht zeigt die gemeinschaftliche Verantwortung der Christen. Es zeigt uns, dass nur ganz am Anfang der christlichen Zeit das Zeugnis ein gutes war. Sehr schnell war der Charakter der Christenheit zu einem bösen geworden.
  2. Das Gleichnis der zehn Jungfrauen betont mehr die persönliche Verantwortung. Vor allem zeigt es, dass zu jeder Zeit treue und untreue, kluge und törichte, wahre und falsche Bekenner vorhanden waren und sind.
  3. Das Gleichnis der Talente betont besonders die weltweite und universale Verantwortung der Knechte.

Es gibt noch eine weitere Unterscheidung:

  1. Man kann sagen, dass es im ersten Gleichnis um den Dienst nach innen geht.
  2. Im zweiten Gleichnis zeigt uns der Herr das Bekenntnis nach außen.
  3. Im dritten Gleichnis wird uns stärker der Dienst nach außen vorgestellt.

Verschiedene Arten von Belohnung und Strafe

Die drei Gleichnisse unterscheiden sich auch unter dem Blickwinkel der Belohnung für Treue und Bestrafung für Falschheit

  1. Die Belohnung im ersten Gleichnis besteht darin, dass der Knecht über die ganze Habe des Meisters gesetzt wird. Das zeugt davon, dass hier die Gläubigen kollektiv gesehen werden und als Treue über den gesamten Besitz des Herrn gesetzt werden. Tatsächlich lesen wir im Neuen Testament, dass sich Christus mit den Erlösten verbindet und zusammen mit ihnen über das gesamte Universum regieren wird (vgl. Eph 1,10.11).
  2. Die Belohnung für die 5 Jungfrauen besteht darin, dass sie zusammen mit dem Bräutigam zur Hochzeit eingehen. Sie werden in diesen Versen nicht als Braut gesehen, haben aber zusammen Anteil an der Freude des Bräutigams über seine Hochzeit. Auch hier haben wir es also mit einer gemeinschaftlichen Belohnung zu tun.
  3. Im Unterschied dazu ist die Belohnung im Gleichnis der Talente persönlich. Auch wenn die Belohnung selbst für diejenigen, die treu dienen, gleich ist, wird sie jedem persönlich überreicht: das Lob, das Setzen über vieles im Reich, das in Macht aufgerichtet wird, sowie das Anteilhaben an der Freude des Herrn.

Auch bei der Strafe für Bosheit und Unglaube finden wir Unterschiede. Letztlich werden uns jeweils unterschiedliche Seiten der ewigen Verwerfung vorgestellt:

  1. Der böse Knecht wird entzweigeschnitten. Das spricht von der Intensität und Gewalt der Strafe. Sein Teil ist mit den Heuchlern, die ein Bild von sich geben, das nicht wahr ist. Der böse Knecht wird am Ort ewiger Qual sein, wo Weinen und Zähneknirschen dauerhafte Kennzeichen sind.
  2. Die fünf törichten Jungfrauen stehen vor der verschlossenen Tür. Ihnen wird Gemeinschaft mit denen verwehrt, die in der Glückseligkeit sind. Der Herr sagt ihnen, dass Er sie nicht kennt, das heißt, sie werden keine noch so geringe Beziehung zu Ihm besitzen.
  3. Der unnütze Knecht im dritten Gleichnis wird in die äußerste Finsternis geworfen, wo es totale Isolation und damit ewige Einsamkeit gibt. Auch seine ewige Existenz ist von übermäßiger, stetiger Angst geprägt: Weinen und Zähneknirschen.

Das schönste ist zweifellos, den Herrn zu betrachten, wie Er in diesen Gleichnissen dargestellt wird:

  1. Im ersten Gleichnis wird Er als Herr von Knechten gesehen.
  2. Im zweiten Gleichnis ist Er Bräutigam und Herr.
  3. Im dritten Gleichnis wird hervorgehoben, dass Er ein Mensch ist, aber zugleich auch der Herr von Knechten.

Warum kann man sicher sein, dass dieser Teil die christliche Seite behandelt?

Natürlich stellt sich die Frage, woran man erkennen kann, dass es ab Vers 45 um den christlichen Bereich geht. Denn an und für sich gibt es keinen direkten Bruch im Text. Wir haben sogar die Fortführung des Gedankens der Wachsamkeit. Umso mehr stellt sich die Frage nach Erkennungsmerkmalen dafür, dass es jetzt um einen ganz anderen Bereich geht als in den ersten Versen des Kapitels.

In dem vorhergehenden Überblick über die drei folgenden Gleichnisse haben wir schon gesehen, dass der Stil sich ändert. Zwar kommt eine Art Gleichnis auch schon in Vers 32 und in Vers 43 vor, aber dort haben wir es nicht mit der normalen, bisher bekannten Form eines direkten Gleichnisses zu tun, sondern nur mit einem einfachen Vergleich. Jetzt aber kommen auf einmal drei typische Gleichnisse, wogegen der Herr vorher und nachher direkte, wörtlich zu verstehende Prophezeiungen gab. In diesen Gleichnissen geht es auch nicht um äußere Entwicklungen, sondern insbesondere um moralische Werte, um eine innere Haltung.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir gerade in diesem zweiten Abschnitt keine Verbindung zum Alten Testament finden. Im jüdischen Teil haben wir den Bezug zu Daniel gesehen. Darauf baut der Herr Jesus auch im dritten Teil auf. Dort ist ebenfalls besonders im Propheten Daniel (Kapitel 2 und 7) vom Kommen des Sohnes des Menschen in Herrlichkeit die Rede. Solche Bezüge fehlen im christlichen Teil vollständig, denn das Alte Testament hat uns nichts über die christliche Zeitperiode zu sagen.

Zudem finden wir den Ausdruck „Sohn des Menschen“ in diesem Teil nicht. Dieser Titel des Herrn hängt mit der zweiten Phase seines zweiten Kommens zusammen. Das unterstreicht noch einmal, dass wir in diesem zweiten Teil eher an die Entrückung denken müssen. Allerdings geht es in allen drei Gleichnissen nicht so sehr um den Akt der Entrückung, als vielmehr um das Offenbarwerden vor dem Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10). Dieser steht immer mit der Verantwortung der Christen in Verbindung. Die Entrückung als solche dagegen ist ein Akt reiner Gnade.

Darüber hinaus gibt es im Unterschied zum ersten großen Teil in diesen drei Gleichnissen auch keine „jüdischen Stichworte“. Sabbat, Gesetz, Judäa etc. fehlen vollständig. Wenn dieser Teil einen jüdischen Charakter trüge, wären solche Hinweise wenigstens vereinzelt zu erwarten gewesen.

In diesen Gleichnissen behandelt der Herr zudem ein Thema, was im Blick auf das Judentum nicht behandelt wird: das Weggehen des Herrn. Das aber ist typisch christlich. Der Herr, der am Kreuz für uns starb, ist in den Himmel weggegangen, um einmal wiederzukommen.

Weiterhin sehen wir, dass im ersten und im dritten Teil dieser prophetischen Rede sehr viele äußere Abläufe eine wichtige Rolle spielen. Diese werden im christlichen Bereich nicht behandelt. Der Herr zeigt im Neuen Testament auch immer wieder, dass Er zu dem Herzen redet und dass Ihm an geistlichem, innerem Wachstum von Gläubigen gelegen ist.

Schließlich lesen wir hier von Entwicklungen, die im Neuen Testament im Blick auf Christen wiederholt angesprochen werden. Die Hoffnung auf das Wiederkommen des Herrn wird von Paulus (1. Thes 4), von Johannes (Off 22) und Judas (Jud 21) betont. Das Aufgeben der Erwartung, wie es in den Gleichnissen jetzt thematisiert wird, betont unter anderem Petrus (2. Pet 3,4). Der Dienst der Christen, wie er im dritten Gleichnis behandelt wird, hat einen wichtigen Platz bei Paulus (Röm 12; 1. Kor 12; Eph 4) und Petrus (1. Pet 4,10).

Die Jünger des Herrn werden somit in den drei folgenden Gleichnissen in einer anderen Position gesehen als in den ersten 44 Versen von Kapitel 24. Sie waren einerseits Repräsentanten der jüdischen Gläubigen, die in einer Zeit an den Herrn Jesus als Messias glauben, in der Er der Verworfene ist. So sind sie die passenden Vertreter der gläubigen Übriggebliebenen, die auch in der Endzeit im jüdischen Bereich zum Herrn Jesus stehen werden. Andererseits aber waren sie auch die Keimzelle der Versammlung in einer ganz neuen Zeit, die hier noch nicht begonnen hatte. Denn als der Heilige Geist auf diese Erde kam (vgl. Apg 2), da waren es gerade diese Jünger, aus denen die Versammlung Gottes am Anfang bestand. Sie waren die ersten Christen, die hier auf der Erde lebten. Als solche kommen sie jetzt in den nächsten Abschnitten vor uns.

Eines aber bleibt in allen drei großen Teilen der Rede in Kapitel 24 und 25 gleich: Es handelt sich um Jünger des Herrn. Zu dieser Gruppe gehören auch wir, die wir in der christlichen Zeit leben. Wir sind nicht Jünger des Messias. Aber wir sind Jünger im Königreich der Himmel. Und insofern haben uns alle drei Teile etwas zu sagen.

Das Gleichnis vom treuen und bösen Knecht (Mt 24,45–51)

Dieses erste der drei Gleichnisse bringt uns also in einen neuen Bereich. Denn der Judaismus kennt von dieser Art des Dienstes nichts. Er ist dem Wesen nach christlich. Wie bereits geschildert lässt Jesus jeden Hinweis auf Judäa, den Tempel, die Propheten und den Sabbat fallen, um jetzt über die christliche Zeit zu sprechen. Damit sind die Gleichnisse, die jetzt kommen, im Blick auf Hamburg genauso wahr wie auf Jerusalem, England oder Kenia.

Im ersten Gleichnis geht es um Dienst in einem „Haushalt“. Der Herr Jesus spricht von „seinem“ Gesinde – sie gehören zu seinem Haushalt. Es sind alle, die des Christus sind. Der Herr möchte, dass der Haushalt, der Ihm gehört, zur rechten Zeit Nahrung erhalten soll. Dafür hat Er einen Knecht angestellt. Denn der Herr, der große Hirte der Schafe, für die Er starb und die Er liebt, ruft seine eigenen Knechte zu sich, um die Herde zu nähren. Sie sollen dem Gesinde zu essen geben. Das ist dem Herrn wichtig und zeigt, wie nah Ihm die Seinen stehen.

Vers 45: Der Dienst des treuen und klugen Knechtes

„Wer ist nun der treue und kluge Knecht, den sein Herr über sein Gesinde gesetzt hat, ihnen die Nahrung zu geben zur rechten Zeit?“ (Vers 45).

Offenbar ist der Herr des Hauses in der Zeit, in der sein Knecht die Aufgabe des Ernährens dieser Menschen erhält, abwesend. Und in der Zeit der Abwesenheit des Herrn sollen seine Jünger durch Treue im Dienst für Ihn gekennzeichnet sein. Der Dienst für Ihn bedeutet nichts anderes als Dienst an den Seinen und für sie. Der Herr Jesus spricht sofort davon, dass der Herr kommt (Vers 46). Daher geschieht der Dienst in der Erwartung seiner baldigen Wiederkehr.

Das macht den Dienst auf Seiten des Dieners frisch, erfrischend und wertvoll. Ein treuer Knecht wird eine Belohnung erhalten und sogar – wie wir noch sehen werden – einen höheren Dienst anvertraut bekommen. Denn der Dienst ist nicht auf das irdische Leben beschränkt. Auch nach dem Tod gibt es noch eine Art Dienst. Treuer Dienst heute macht passend für einen höheren Dienst in der Zukunft, in der Gegenwart des Herrn auf der Erde. Natürlich wird der Dienst dann einen ganz anderen Charakter tragen.

So kommt es auf die gegenwärtige Treue an. Davon spricht auch Paulus an mehreren Stellen: „Im Übrigen sucht man hier an den Verwaltern, dass einer für treu befunden werde“ (1. Kor 4,2). Sowohl der Herr als auch Paulus sprechen somit unsere Verantwortung an. Das ist auch im Blick auf das Kommen des Herrn von Bedeutung. Denn dieses hat für den Christen einen zweifachen Charakter.

Das zweite Kommen des Herrn für Christen

Wir haben schon gesehen, dass das zweite Kommen Christi in zwei Phasen ablaufen wird. Zunächst gibt es die Entrückung unter anderem der Versammlung Gottes. Mindestens sieben Jahre später wird der Herr Jesus zusammen mit allen Gläubigen, die Er entrückt oder auferweckt hat, auf diese Erde zurückkommen. Beide Phasen gehören letztlich zusammen. Das wird daraus deutlich, dass immer wieder von seinem (zweiten) Kommen die Rede ist und zum Teil dieselben oder sehr ähnliche Begriffe dafür verwendet werden. Wir müssen also – wie so oft – zwar unterscheiden, dürfen aber diese beiden Phasen des Kommens Jesu nicht voneinander trennen.

Für die Christen geht es um die erste Phase. Aber auch sie hat zwei Seiten. Zuerst gibt es die Entrückung. Das ist sein Kommen in voller Gnade, unabhängig von der Frage unseres Dienstes, unserer Verantwortung oder einer Belohnung in seinem Königreich. Dieses Kommen in reiner Gnade ist sicherlich die erhabenere Seite seines Kommens. Dann aber gibt es auch sein Kommen in Verbindung mit dem Richterstuhl und dem Offenbarwerden. Das hat Bezug auf unsere Verantwortung. Paulus spricht in seinem Brief an die Philipper von dieser Seite: „Ich bin guter Zuversicht, dass der, der ein gutes Werk in euch angefangen hat, es vollenden wird bis auf den Tag Jesu Christi“ (Phil 1,6). Dann geht es auch um eine Belohnung, die sichtbar werden wird, wenn wir zusammen mit Christus auf diese Erde kommen werden (zweite Phase).

Der Herr Jesus benutzt jetzt ein Gleichnis, weil Er unsere Herzen und Gewissen erreichen möchte. Aus diesem Grund spricht Er auch nicht einfach beschreibend von einem treuen und klugen Knecht, wie Er das später beim bösen Knecht tut (Vers 48). Nein, Er fragt: „Wer ist nun der treue und kluge Knecht?“ Das spricht jeden von uns persönlich an. Wir müssen uns fragen, ob wir uns Ihm als treue Knechte zur Verfügung stellen (wollen).

Der Herr hat heute ein „Gesinde“, das Ihm gehört: alle Christen, denn sie alle gehören Ihm und haben in dieser Welt Aufgaben für Ihn zu übernehmen. Darüber hinaus hat Er Knechte und Mägde, die Ihm in besonderer Weise dienen und Verantwortung übernehmen. Ohne das an dieser Stelle weiter zu vertiefen, sollten wir erkennen, dass das Gesinde und die Knechte an und für sich dieselben Personengruppen sind, nur von unterschiedlichen Seiten betrachtet. Denn der Dienst, den wir hier finden, ist nach innen gerichtet. Es geht nicht um einen evangelistischen Dienst, so wichtig und unabdingbar dieser ist (und auch im dritten Gleichnis zur Sprache kommen wird). Zunächst hat die Beschäftigung mit denen, die drinnen sind, Vorrang.

Die Verantwortung des Dieners

Der Herr ist für die Seinen besorgt, damit sie immer zur rechten Zeit die rechte Nahrung erhalten. Wen hat der Herr dafür eingesetzt? Aus Bibelstellen wie Epheser 4,11 lernen wir, dass Er dafür Brüder benutzt, denen Er eine besondere Gabe inmitten des Volkes Gottes übertragen hat. Sie haben die Aufgabe, durch ihren Dienst die Versammlung aufzuerbauen und zur geistlichen Vollendung der Gläubigen beizutragen. Und wenn der Herr jemand begabt, dann stellt Er diesen auch unter eine erhöhte Verantwortung, wie der Herr das hier bei dem Knecht tut.

Wir bedenken, dass es der Herr ist, der seine Diener anstellt, kein Gläubiger und auch kein Amtsträger. Diese gibt es heute sowieso nicht, wenn man Gottes Wort als Maßstab nimmt. Erst recht hat auch die Versammlung keine Autorität für eine solche Anstellung. Aus Epheser 4,11.12 lernen wir, dass es der verherrlichte Christus ist, der seine Diener der Versammlung schenkt. Daher ist der Knecht keinem Menschen, sondern allein seinem Herrn verantwortlich.

Die Art des Dienstes: Das Wort als Mittelpunkt

Wir müssen diese Belehrung des Herrn allerdings nicht auf einige wenige Führer beschränken, obwohl sie zweifellos im Mittelpunkt dieses Gleichnisses stehen. Es geht ja um einen Dienst, der nach innen auf die Christen gerichtet ist. Aus 1. Petrus 4,10 wissen wir, dass jeder eine Gnadengabe für eine Aufgabe empfangen hat. Diese soll er benutzen, um den anderen damit als guter Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes zu dienen. Dieser Gedanke wird unterstrichen durch Paulus in Epheser 4,7: „Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus.“ Das heißt mit anderen Worten: Jeder Christ hat eine Aufgabe erhalten, um den anderen Christen zu dienen. So sind wir alle Teil des in diesem Gleichnis genannten Hausgesindes, dem gedient wird. Wir sind sein Haus (vgl. Heb 3,6). Und wir alle können uns ebenso in diesem Knecht wiederfinden.

Aus anderen Stellen wissen wir, dass der Herr den Dienst des einen von dem des anderen unterscheidet und dass Er uns unterschiedliche Aufgaben und Begabungen schenkt (vgl. z.B. das dritte christliche Gleichnis in Matthäus 25,14 ff.). Hier aber geht es um einen anderen Punkt – den der Verantwortung, die für uns alle dieselbe ist. Herrlich zu sehen ist, dass der Herr sich um die Seinen und ihre Nahrung kümmert. In Epheser 5,29 lesen wir sogar, dass Christus selbst die Versammlung „nährt und pflegt“. Ihm sind die Seinen so wichtig, dass Er sich ständig um sie kümmert. Wie tut Er das? Unter anderem dadurch, dass Er seine Knechte beauftragt, Nahrung zu besorgen.

Wie kann man sich diesen Dienst nun vorstellen? Der Geist Gottes nimmt von dem, was dem Herrn Jesus gehört, und gibt es uns (Joh 16,12–15). Das ist wahrhaft nahrhafte, geistliche Speise. Dienst kann in diesem Sinn nur durch das Wort Gottes geschehen. Selbst wenn es ein direkt praktischer und äußerlicher Dienst ist, muss er auf das Wort gegründet sein. Immer sollte er mit zum Beispiel ermutigenden Worten einhergehen, bewirkt durch den Geist Gottes und sein Wort. Es geht also im weitesten Sinn um den Dienst des Wortes unter Gläubigen.

Wir wollen uns gegenseitig ermuntern, diesen Dienst (weiter) zu tun. Denn der Auftrag des Herrn an seinen Knecht gilt so lange, wie Er noch nicht gekommen ist. So lange ist „gelegene und ungelegene Zeit“ (2. Tim 4,2), in der wir immer bereitstehen sollen, um anderen zu helfen mit Gottes Wort. Es ist ein schöner Dienst. Und dann passt dazu, dass der Dienst der Weissagung (vgl. 1. Kor 12,4.5; 14,3.29) genau dann geschieht, wenn jemand ein ganz spezielles Wort für sein Leben nötig hat. Das kann sich auf Trost, auf Ermahnung oder Ermunterung beziehen. Manchmal bedeutet es auch Belehrung und Unterweisung, oder auch Zurechtweisung (1. Thes 5,12).

Wir werden von unserem Herrn dafür eingesetzt, die Nahrung des Wortes zu verteilen (vgl. Apg 20,28; 1. Tim 1,12). Entscheidend ist, ob wir „treu und klug“ sind. Treue hat mit Gehorsam und Hingabe zu tun, Klugheit mit Einsicht und Weitsicht. Bis heute gibt es solche treuen Diener – auch wenn dieses Gleichnis deutlich macht, dass am Ende der christlichen Zeit schwerpunktmäßig Untreue und Bosheit vorherrschen. In der Schrift finden wir positive Beispiele für den treuen Knecht. Wir dürfen uns Menschen und Familien wie Stephanas und sein Haus zum Vorbild nehmen (1. Kor 16,15; vgl. auch Heb 13,7.17.)

Man kann sich fragen, was das Motiv des Dienstes sein muss, damit auch in schweren Tagen äußerer und innerer Anfeindungen am Dienst festgehalten wird. Es ist die Hoffnung, dass der Herr Jesus wiederkommt und dass es Lohn für die Mühe gibt: „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir“ (Off 22,12).

Wir sehen also in diesen Versen die bekennende Kirche – das ist ein anderer Ausdruck für Christen bzw. das Gesinde oder die Knechte in diesem Gleichnis. Sie wird hier während der Abwesenheit des Königs, des Herrn, gesehen. In dieser Zeit gibt es wahre und falsche Bekenner. Letztere sind Christen, die dies nur vorgeben zu sein. Es gibt Gerettete und nicht Gerettete, auch solche, die Leben haben und solche, die einen Namen haben zu leben, aber in Wirklichkeit tot sind (Off 3,1). In Kapitel 13 haben wir den Beginn, die äußere und innere Entwicklung und den wahren Kern des Königreichs vor uns. Hier dagegen lernen wir etwas über die moralische Sicht derer, die Teil der bekennenden Kirche sind. Das Kommen des Herrn wird offenbaren, wer ein wahrer und wer ein falscher Knecht war. Es bringt die Trennung der Guten von den Schlechten.

So lernen wir hier, dass der Zustand der verantwortlichen Versammlung und auch jedes einzelnen Christen davon abhängt, ob sie bzw. er auf Christus wartet. Wenn das nicht der Fall ist, wird die Gesinnung eines solchen und der Christen gemeinsam durch folgende Äußerung charakterisiert: Mein Herr bleibt noch aus!

Vers 46: Eine erste Belohnung für treuen Dienst: die ewige Anerkennung des Herrn

„Glückselig jener Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, damit beschäftigt finden wird!“ (Vers 46).

Wenn der Herr kommt, wird Er seinen treuen und klugen Knecht belohnen. Der Lohn in diesem Gleichnis ist die Anerkennung des Herrn für treuen Dienst. Er nennt ihn glückselig. Selbst wenn andere abschätzig von ihm gedacht haben mögen (vgl. Mt 26,8.9), war ihm doch die Anerkennung des Herrn sicher. Ist das nicht Anreiz genug, dem Herrn treu zu dienen?

Wir sollten allerdings bedenken, dass derjenige, der beim Kommen des Herrn Jesus treu erfunden werden will, jeden Tag treu dienen muss. Denn wir wissen nicht, wann der Herr wiederkommen wird. Wir können uns auf sein Wort verlassen: Er wird wiederkommen, weil Er es uns in der Bibel etliche Male versprochen hat. Und wir wissen noch etwas: Die Folgen der Treue in dieser Zeit haben eine ewige Auswirkung. Denn die Anerkennung des Herrn bleibt nicht auf dieses eine Wort der Glückseligpreisung beschränkt. Dieses Wort drückt die dauerhafte Anerkennung des Meisters aus.

Dazu ist es aber nötig, auf den Herrn zu warten. Nur wer das tut, wird auch weiter treu dienen. Ein Psalmist drückt das einmal so aus: „Meine Seele harrt auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen, die Wächter auf den Morgen“ (Ps 130,6). Wer den Herrn Jesus liebt, wartet auf Ihn. Denn man freut sich darauf, Ihn zu sehen. Wenn man länger warten muss, als man das ursprünglich vielleicht angenommen hat, bleibt man wachsam und wartend. Denn diese (scheinbare) Verspätung hat ihren Grund (vgl. 2. Pet 3,9). Vor allem prüft sie mein Ausharren und meine Geduld. Der Herr sucht eine dauerhafte Treue!

Vers 47: Eine zweite Belohnung: Verantwortungsvoller Dienst

„Wahrlich, ich sage euch, er wird ihn über seine ganze Habe setzen“ (Vers 47).

Der Herr des Knechtes hatte diesen über sein Gesinde gesetzt. Als Belohnung für Treue in diesem Dienst wird der Knecht über die gesamte Habe seines Herrn gesetzt. Das ist eine weit verantwortungsvollere Aufgabe als der frühere Dienst. Denn der Herr hat mehr als nur diesen einen Haushalt. Er hat viele Familien im Himmel und auf der Erde (vgl. Eph 3,15). Über sie alle setzt der Herr die Seinen, wenn sie sich als treu erweisen.

Diese Belohnung erinnert an die Überwinderverheißung an die Treuen in Thyatira: „Wer überwindet und meine Werke bewahrt bis ans Ende, dem werde ich Gewalt über die Nationen geben“ (Off 2,26). Paulus schreibt an anderer Stelle: „Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,12). Wer auf der Erde heute bereit ist, den unteren Platz des Dienstes einzunehmen, wird in der Zukunft einen Platz des Regierens und Herrschens erhalten. Davon spricht Paulus in seinem Brief an die Korinther (1. Kor 4).

Eigentlich ist der Platz der Autorität und des Herrschens dem Herrn Jesus vorbehalten. Denn es ist seine Habe. Aber schon ein Vergleich der Stelle in Offenbarung 2,26 mit Psalm 2 zeigt, dass der Herr diesen Platz gerne mit uns teilen wird. Der Vater hat alles seinem Sohn übergeben – damit ist der Herr Jesus als Mensch gemeint. Als solcher teilt Er sein Recht mit uns (vgl. Joh 3,35; 13,3; Heb 2,7). Was für eine Herablassung unseres vollkommenen Meisters!

Vers 48: Der Charakter des bösen Knechtes

„Wenn aber jener böse Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr bleibt noch aus“ (Vers 48).

Plötzlich ändert sich der Ton in diesem Gleichnis. Der Herr beginnt mit einem „wenn“. Er sieht die verhängnisvolle Veränderung der Diener im christlichen Bereich voraus. Die Form, die der Herr verwendet, bedeutet, dass dieser Knecht nicht zu einem bösen werden müsste. Aber es ist möglich. Wir wissen heute, dass es genau so gekommen ist.

Der Herr spricht hier übrigens nicht von einer veränderten Stellung. Denn der Diener wird weiter Knecht genannt, sieht sich selbst so an und bleibt dies auch, so untreu er geworden sein mag. Verändert hat sich aber der Charakter des Dieners. Er gibt die Hoffnung auf die Wiederkunft des Herrn auf und wird gerade dadurch böse. Der Herr erkennt also das Bekenntnis des Knechtes erst einmal an. Aber wir sind verantwortlich, in Übereinstimmung mit unserem Bekenntnis auch zu handeln. Daher auch das später beschriebene harte Gericht.

Es ist auffallend, dass der Herr Jesus von „jenem bösen Knecht“ spricht. Es handelt sich also offenbar um denselben Knecht, der vorher auch schon im Blickfeld stand. Nur dass dieser Knecht veränderte Kennzeichen trägt. Das ist immer wieder die Weise, in welcher der Herr in den Evangelien, aber auch später in den Briefen spricht. Wie wir gesehen haben gab es von Anfang an eine Naherwartung des Wiederkommens Christi.

Dann fällt auf, dass der Herr nicht von seinen Knechten als Einzelpersonen spricht. Er sieht in dem Knecht den Repräsentanten der gesamten Christenheit und Dienerschaft, man könnte auch sagen, der bekennenden Kirche. Denn der Herr möchte in diesem ersten Gleichnis eine Art Kirchengeschichte in Kurzform schildern. Der treue und kluge Knecht versinnbildlicht die Gruppe der treuen Diener des Herrn besonders in der Anfangszeit des Christentums. Der böse Knecht weist auf die Gruppe der untreuen, nichtswürdigen Diener hin, welche die Endzeit der christlichen Epoche kennzeichnen. Davon schreibt der Apostel Petrus. Es würde Menschen geben, die „sagen: Wo ist die Verheißung seiner Ankunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so von Anfang der Schöpfung an“ (2. Pet 3,4).

Es ist äußerst ernst, wenn wir bedenken, dass der Herr bereits vor Beginn der Christenheit diese Entwicklung vorhergesagt hat. Wir Christen haben uns das nicht zu Herzen genommen. Im Gegenteil: Wie immer fängt das Böse im Herzen an (vgl. Apg 7,39). Unser Herz hat sich sehr schnell von dem Herrn entfernt und sein Wiederkommen aufgegeben. Kirchengeschichtlich gehört das Erwarten des Herrn zur Entrückung zu den ersten Teilen der Wahrheit, die den Gläubigen verlorengegangen sind.

Die Aufgabe der himmlischen Hoffnung

Dass der Herr Jesus wiederkommen wird, war immer klar, auch während der gesamten christlichen Zeitperiode. Aber dass Er zuerst kommen wird, um die Gläubigen von Adam an in den Himmel zu entrücken, bevor Er kommen wird, um sein Königreich in Herrlichkeit aufzurichten, ist außerordentlich schnell aufgegeben worden. Dabei ist dies eine Belehrung, die gerade den – vielleicht – ersten von Paulus überhaupt geschriebenen Brief (an die Thessalonicher) kennzeichnet. Bei den Thessalonichern war diese Nah-Erwartung noch lebendig (vgl. 1. Thes 1,9.10; 2. Thes 2,1). Wir sollten uns bewusst werden, dass nur diese Naherwartung des Herrn uns davor bewahrt, im Sinn unseres Gleichnisses böse zu werden. Denn sogar Gläubige können eine Gesinnung annehmen, die der dieses bösen Knechtes gleicht. Wir können nicht dieser böse Knecht sein. Denn das Urteil in Vers 51 zeigt, dass er ungläubige Menschen charakterisiert. Aber seine Sprache können wir doch sprechen.

Wer die Hoffnung auf das baldige Kommen Jesu zur Entrückung aufgibt, gibt die himmlische Hoffnung auf. Denn dann käme der Herr „nur“ auf diese Erde, so dass wir zusammen mit Ihm in ein irdisches Reich eintreten würden. Dieses wird kommen, und wir werden sogar daran Anteil haben. Aber wir werden vom Himmel her mit Christus kommen. Alles andere macht uns zu irdischen Christen, die nicht mehr erkennen, dass ihre Herkunft und Zukunft, ihr Charakter und ihre Kennzeichen himmlischer Natur sind. Damit wird letztlich auch die himmlische Stellung aufgegeben.

Genau das ist mit den Christen sehr schnell nach dem Ableben der Apostel passiert. Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts liest man praktisch an keiner Stelle vom himmlischen Wesen der Versammlung (von dem der Herr hier noch nicht direkt spricht). Auch sucht man vergeblich Hinweise auf die Erwartung seines Kommens zur Entrückung. Erst vor knapp 200 Jahren wurde diese zentrale Wahrheit der ersten Christen wiedererkannt. Und wir stehen in Gefahr, diese Hoffnung wieder zu begraben. Damit bewegen wir uns in Richtung des bösen Knechtes. Darüber sollten wir uns keine Illusion machen.

Alles Abweichen fängt mit einer falschen Gesinnung an. Dabei geht es dem Herrn nicht um einen speziellen Fehler. Er rügt auch nicht einmal ein lehrmäßiges Versagen, sondern eine Herzenshaltung. Wenn wir etwas Großes für uns auf der Erde suchen oder groß unter den Menschen sein wollen wie dieser Knecht, wie könnten wir dann sagen: „Komm!“? Denn mit seinem Kommen hört unsere Herrschaft über andere Christen definitiv auf.

Der Herr schaut auf unser Herz, nicht in erster Linie auf das, was wir sagen oder wie wir erscheinen. Es reicht nicht, alles zu wissen, wenn es nicht das Herz erfüllt. Dieser böse Knecht mochte wissen, dass der Herr kommen wird. Aber sein Herz war erfüllt von sich selbst. So wünschte er, dass der Herr noch nicht kommt. Denn so konnte er das tun, was er selbst wollte.

Vers 49: Der Knecht reißt Autorität an sich

„Und [der böse Knecht] anfängt, seine Mitknechte zu schlagen, und isst und trinkt mit den Betrunkenen“ (Vers 49).

Der böse Knecht beruft sich also auf den Namen Christi, wenn er von „meinem Herrn“ spricht. Er behauptet, Diener seines Herrn zu sein. Aber in seinem Herzen sagt er: Mein Herr bleibt aus (und wird noch länger nicht kommen). Das nimmt er zum Anlass, den Platz der Autorität, der allein dem Herrn zusteht, an sich zu reißen, statt in Sanftmut zu dienen.

Die Folge einer falschen Gesinnung im Herzen ist hier die Anmaßung einer falschen Position. Statt zu dienen meint er, herrschen zu dürfen. Das führt dazu, dass er sich mit der Welt, die seinen Herrn und Retter ablehnt, verbindet. Er pflegt Gemeinschaft mit ihr (er isst und trinkt mit den Betrunkenen). Es heißt nicht einmal, dass er selbst betrunken wäre. Es ist noch schlimmer: Obwohl er nüchtern ist, verbindet er sich mit den Betrunkenen und nimmt an ihren Wegen und Gelagen teil, obwohl er weiß, dass diese falsch und böse sind. Das erinnert uns an die Worte des Apostels Paulus, der uns ermahnt, keine Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis zu haben. Stattdessen sollen wir sie strafen (vgl. Eph 5,11).

Dieser Knecht kommt nicht durch Zufall in die falsche Gemeinschaft hinein. Dies alles offenbart nur seinen Willen. Er möchte herrschen und sucht sich den Weg aus, auf dem er diese Absicht am besten verwirklichen kann. Dazu sind ihm alle Mittel recht. So gehört er zu denen, die „bei Nacht betrunken sind“, wie Paulus an die Thessalonicher schreibt (vgl. 1. Thes 5,7). Das heißt, er gehört zu dem Bereich der moralischen Nacht, in dem es für Christus und Gott keinen Platz gibt.

Auf die falsche Gesinnung und falsche Stellung folgt also auch eine falsche Praxis. So ist es immer. Der Weg im Herzen führt dazu, dass man seine alte Stellung verlässt – im Guten wie im Schlechten. Und eine veränderte Stellung zeigt sich im Lebenswandel. Bei diesem Knecht ist es so, dass er anfängt, andere zu schlagen. Das ist eine Verkehrung des wahren Dienstes (vgl. Mt 19,29.30). Denn wahrer Dienst geschieht aus Liebe (um seines Namens willen) und aus Demut. Man ist also bereit, den letzten Platz einzunehmen, um dem Herrn zu dienen. Das ist wahre Größe. Hier dagegen finden wir Erhebung des Ichs (das ist Selbstliebe, Egoismus) und die Bedrückung anderer.

Dass ein solches Verhalten schon sehr früh aufgetreten ist, können wir an der Beschreibung von Diotrephes (3. Joh 9) erkennen. Zudem warnt Petrus in seinem ersten Brief die Ältesten ausdrücklich davor, ihre Aufgabe als solche auszuüben, die über ihre Besitztümer herrschen (vgl. 1. Pet 5,3).

Der Knecht als Repräsentant des klerikalen Systems

Wir haben gesehen, dass es beim Knecht nicht um einen einzelnen Diener geht, sondern dass er der Vertreter eines gesamten Systems ist. Nun stellt sich die Frage, um was für ein System es sich handelt. Die Kennzeichen dieses Knechtes sind:

  1. Er ist böse in den Augen des Herrn. Das heißt, er offenbart nicht die Kennzeichen seines Meisters.
  2. Er wartet nicht auf das Kommen des Herrn (zur Entrückung und zur Belohnung).
  3. Er herrscht, anstatt zu dienen.
  4. Er misshandelt seine Mitknechte, die in derselben Verantwortung vor dem Herrn stehen.
  5. Er pflegt Gemeinschaft mit der Welt, mit denen, die betrunken, also nicht nüchtern sind.

Angesichts dieser Beschreibung kommt man wohl nicht umhin, heute in dem Knecht einen Repräsentanten der großen Kirche der Welt – der Römisch-Katholischen Kirche – zu erkennen.

  1. Sie ist böse und wird nach Offenbarung 2,22.23; 17.18 ein schweres Gericht des Herrn erleiden.
  2. Die Entrückung ist kein Thema in dieser Kirche.
  3. Sie herrscht auf dieser Erde im religiösen und politischen Bereich. Der Höhepunkt ihrer Macht liegt zwar hinter ihr, als sie im frühen Mittelalter teilweise wie ein Kaiser regierte. Aber sie hat noch einen weiteren Höhepunkt vor sich. Denn sie wird auf dem Tier, dem römischen Herrscher, sitzen und ihn zumindest in Teilen beherrschen (vgl. Off 17,3), bevor sie von diesem zertreten wird (vgl. Off 17,16). Ihre Zerstörung steht also bevor.
  4. Wie viele wahren Gläubigen sind von dieser Kirche verfolgt und getötet und ermordet worden (man denke an die Verfolgung der Hugenotten). Zwar werden heute kaum noch Menschen auf direkte Weise durch dieses System verfolgt. Aber moralisch verfolgt diese sogenannte Kirche auch heute noch viele wahren Christen und stellt sie in die Ecke von Fundamentalisten. Bis in unsere Zeit hinein gibt es in bestimmten Gegenden Gläubige, die verfolgt und beschimpft werden, weil sie diese Kirche verlassen haben.
  5. Diese Kirche pflegt die Gemeinschaft mit dieser Welt. Ihr Papst sieht sich als Regent auf Augenhöhe mit den weltlichen Herrschern und vertritt mit dem Vatikan auch ein weltliches Königreich. Offenbarung 18 ist eine lebendige Beschreibung der Gemeinschaft, die diese Macht mit der Welt und den „Betrunkenen“ erlebt hat und weiter pflegen wird.

Man kann sicher auch sagen, dass der Knecht – ganz allgemein gesprochen – ein Repräsentant des klerikalen Systems ist. In Offenbarung 2,6.15 wird dieses durch den Namen der „Nikolaiten“ symbolisiert. Nikolaiten heißt übersetzt: Volksbeherrscher. Genau das ist die Stellung dieses Knechtes. Schon sehr früh ist das klerikale System entstanden. Bereits im Brief an Ephesus ist davon die Rede. Es verleugnet die allgemeine Priesterschaft der Gläubigen (vgl. 1. Pet 2,5.9) und setzte die freie Wirksamkeit des Heiligen Geistes in der Anbetung und in der Verkündigung des Wortes Gottes beiseite. So entstand die Trennung von Geistlichkeit und Laien, wobei die zweite Gruppe von der ersten beherrscht wurde.

Das Beispiel von Ignatius, einem Freund des Apostels Johannes

Es ist geradezu erschütternd, bereits in sehr frühen Schriften aus dem Anfang des zweiten Jahrhunderts von derartigen Strömungen und Missbräuchen zu lesen. Ein wichtiger Zeitzeuge dazu ist Ignatius, wohl ein Schüler und Freund des Apostels Johannes. Er wird zu den sogenannten apostolischen Vätern, den Kirchenvätern, gerechnet. Er starb wahrscheinlich rund 7 Jahre nach Johannes (107–110 nach Christus). Was man angesichts seiner Freundschaft mit Johannes nicht glauben mag: Er war Bischof von Antiochien und Erzbischof von Syrien. Das sind Titel, die wir so nicht aus der Schrift kennen, wohl aber aus der genannten großen Kirche, die bis heute existiert. Er schrieb um das Jahr 107 nach Christus am Vorabend seiner Hinrichtung sieben Briefe an einzelne Versammlungen bzw. Einzelpersonen. Darin spricht er von der Unterwerfung der Gläubigen unter den Bischof. Sie sollten auf den Bischof sehen wie auf den Herrn selbst. Hört auf den Bischof und auf das Presbyterium!

Beispiele aus seinen Schriften sind: „Seid bestrebt, alles in Gottes Eintracht zu tun, wobei der Bischof an Gottes Stelle und die Presbyter an Stelle der Ratsversammlung der Apostel den Vorsitz führen ... bildet eine Einheit mit dem Bischof und den Vorsitzenden ...“ (Brief an die Magnesier, Abschnitt 6,1.2). „Denn wenn ihr euch dem Bischof wie Jesus Christus unterordnet, scheint ihr mir nicht nach Menschenart zu leben, sondern nach Jesus Christus ... Darum ist es notwendig, wie ihr ja tut, dass ihr nichts ohne den Bischof unternehmt, vielmehr euch auch dem Presbyterium unterordnet wie den Aposteln“ (Brief an die Trallianer, Abschnitt 2,1.2).

„Desgleichen sollen alle die Diakone achten wie Jesus Christus, ebenso den Bischof als Abbild des Vaters, die Presbyter aber wie eine Ratsversammlung Gottes und wie eine Vereinigung von Aposteln. Ohne diese ist von Kirche nicht die Rede (Brief an die Trallianer, Abschnitt 3,1). „Lebt wohl in Jesus Christus, untertan dem Bischof wie dem Gebot [Gottes], ebenso auch dem Presbyterium!“ (Brief an die Trallianer, Abschnitt 13,2). „Alle nämlich, die Gottes und Jesu Christi sind, diese sind mit dem Bischof“ (Brief an die Philadelphier, Abschnitt 3,2).

„Folgt alle dem Bischof wie Jesus Christus dem Vater, und dem Presbyterium wie den Aposteln; die Diakone aber achtet wie Gottes Gebot! Keiner soll ohne Bischof etwas, was die Kirche betrifft, tun. Jene Eucharistiefeier gelte als zuverlässig, die unter dem Bischof oder einem von ihm Beauftragten stattfindet. Wo der Bischof erscheint, dort soll die Gemeinde sein, wie da, wo Christus Jesus ist, die katholische Kirche ist. Ohne Bischof darf man weder taufen, noch das Liebesmahl halten“ (Brief an die Smyrnäer, Abschnitt 8,1.2).

Es ist kaum zu fassen, dass ein Mann, der mit dem Apostel Johannes befreundet war, solche falsche Lehren verbreitet hat. Er war zweifellos ein hingebungsvoller Mann für Christus, der nur wenige Jahre nach Johannes als Märtyrer für Christus starb. Es besteht kein Zweifel, dass wir ihn in der Herrlichkeit wiedersehen werden. Umso mehr fragt man sich, wie ein vom Apostel belehrter Mann solch eine Lehre über den Bischof verbreiten kann. Er stellt einen Bischof der Kirche als Haupt voran, ohne den es keine örtliche Versammlung gebe. Wenn man zudem sieht, dass sich dieser Mann selbst als Bischof anstellte oder anstellen ließ, erkennt man, wie schnell aus dem treuen und klugen Knecht ein böser Knecht werden kann.

Man mag die Frage hinzufügen: Wo gibt es heute noch solche Knechte und kirchliche Zusammenkommen, die nicht eines oder mehrere der Kennzeichen des bösen Knechtes tragen? Gott sei Dank – es gibt sie. Wir müssen uns dafür Zeit nehmen und fleißig suchen. Prägend aber ist heute etwas anderes. Der böse Knecht ist wirklich die Charakterisierung unserer Zeit.

Vers 50: Das unerwartete Kommen des Herrn

„So wird der Herr jenes Knechtes kommen an einem Tag, an dem er es nicht erwartet, und in einer Stunde, die er nicht weiß“ (Vers 50).

Wir haben schon gesehen, dass es in diesen Versen nicht um einen guten Knecht geht, der in der einen oder anderen Situation versagt hat. Nein, dieser Knecht, dieses System von Knechten, ist durch und durch falsch. Er ist ein Heuchler, der vorgibt, auf der Seite des Herrn zu stehen. In Wirklichkeit aber steht er auf der Seite des Bösen. Das Gericht verbannt ihn zu seinesgleichen.

Wenn nun hier vom Kommen des Herrn die Rede ist, müssen wir erkennen, dass es sich nicht um dasselbe Kommen wie in Vers 46 handelt. Für den bösen Knecht ist das Kommen sowohl unerwartet als auch unerwünscht. Er gehört nämlich zu der Welt der Ungläubigen, für die das Kommen Jesu Gericht bedeutet. Für sie kommt der Herr wie ein Dieb in der Nacht (1. Thes 5,2.3). Ein Dieb kommt für den Hausherrn sowohl unerwartet als auch unerwünscht. Allerdings wird hier – wie in den Versen 43.44 – besonders die Seite des unerwarteten Kommens des Herrn betont. So aber kommt Er nicht für die Seinen. Denn sie warten auf Ihn und sie freuen sich auf Ihn. Er ist für sie kein Dieb! Für sie kommt Er mit der Belohnung, die Er am Richterstuhl verteilen wird (2. Kor 5,10). Sichtbar wird sie dann tatsächlich in Verbindung mit dem sichtbaren Erscheinen zur Aufrichtung des Königreiches. Das ist zugleich das Kommen wie ein Dieb für den bösen Knecht – wobei sicher auch schon die Entrückung für solche Menschen ein jähes Erwachen darstellen wird.

Diese Verse richten sich jedoch nicht nur an Ungläubige, die den Herrn wie einen Dieb erfahren müssen. Sie stellen eine feierliche Warnung an alle dar, denen der Herr geistliche Aufgaben gegeben hat. Das sind wir alle! Es ist ein Appell an uns, sich während seiner Abwesenheit um die Seinen zu kümmern. Die Knechte sollen ohne Unterbrechung die Rückkehr des Herrn erwarten, damit Er sie bei seinem Kommen so findet, wie Er es wünscht: treu und auf Ihn wartend. Das ist sein Anspruch an uns!

Vers 51: Das Gericht an dem bösen Knecht

„Und wird ihn entzweischneiden und ihm sein Teil geben mit den Heuchlern: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“ (Vers 51).

In dem abschließenden Vers dieses Gleichnisses spricht der Herr Jesus das Gericht über den bösen Knecht aus. Er wird in zwei Teile zerschnitten wie mit einer Säge, die schrecklicher ist als die von David, mit der dieser einst die Kinder Ammon zerschnitt (vgl. 1. Chr 20,3). Natürlich handelt es sich hier um ein Symbol, ein Bild. Wir wissen nicht, wie wir uns diese Szene konkret vorstellen sollen. Auf jeden Fall handelt es sich um einen äußerst schmerzhaften Vorgang des Gerichts. Diese Schmerzen reichen in die Ewigkeit hinein und werden nie aufhören.

Der böse Knecht war ein Heuchler, denn er gab vor, ein Knecht des Herrn zu sein. Er wollte etwas darstellen, was er nicht war. Das sind Menschen, die im Haus Gottes den Platz von Dienern einnehmen, ohne Leben aus Gott zu besitzen. Ihr Herz hängt nicht an Dem, dem sie zu dienen äußerlich bekennen. Sie lieben weder Ihn noch die Seinen. Ihr einziges Ziel ist es, aus ihrer Stellung auf fleischliche Weise Vorteile zu erzielen. Das tun sie, indem sie – wie die Römisch-Katholische Kirche – eine ungöttliche Herrschaft an sich reißen. Sie nennen sich Diener des Herrn. In Wirklichkeit erkennen sie aber ihren Herrn gar nicht als solchen an. So handelt es sich um böse, falsche Bekenner. Das Gerichtsurteil nun sieht vor, dass er dauerhaft bei dieser Gruppe von Menschen sein wird: Er war ein Heuchler und wird deren Zukunft teilen. Darüber hatte der Herr schon früher durch sein siebenfaches Wehe gesprochen (vgl. Mt 23). Ihr Gericht bedeutet, dass ihr Teil das Weinen und Zähneknirschen sein wird.

Wie oft am Ende seiner Gleichnisse bricht der Herr Jesus an dieser Stelle die gleichnishafte Sprache ab. Wenn Er von der Hölle spricht, verwendet Er zwar eine bildhafte Sprache. Aber die Hölle ist kein Gleichnis. Weil wir heute von unserer Empfindungswelt nicht in der Lage sind, uns den Schrecken der Hölle vorzustellen, benutzt der Herr Elemente aus unserem natürlichen Leben. Die Hölle ist eine furchtbare und ewige Realität für diejenigen, die Jesus Christus nicht als Retter in ihrem Leben angenommen haben.

So wird auch das Gericht an der christuslosen Kirche auf der Erde sein. Ihr Gericht wird dramatisch und vernichtend sein – so wie bei diesem bösen Knecht. Genauso wie das Gericht des Herrn über den bösen Knecht ein plötzliches und unerwartetes sein wird, wird auch das Gericht an der bekennenden, falschen Kirche sein: „Denn in einer Stunde ist der so große Reichtum verwüstet worden“ (Off 18,17).

Das ewige Gerichtsurteil – die Hölle – im Matthäusevangelium

Es ist auffallend, wie oft der Herr Jesus gerade in diesem Evangelium von den ewigen Qualen spricht – insgesamt 20 Mal. Diese Zahl spricht von doppelter Verantwortung (2x10), wie auch die falsche Kirche doppelt nach ihren Werken gerichtet wird (Off 18,6).

  1. K. 3,10: Johannes spricht davon, dass jeder Baum, der keine Frucht bringt, abgehauen und „ins Feuer geworfen wird“. Damit hören wir in diesem Evangelium das erste Mal von dem ewigen Gericht. Gott wird es über Menschen bringen, die in ihrem Leben keinen Wert für Ihn haben, weil sie Ihm keine Frucht gebracht haben.
  2. K. 3,12: Der Herr Jesus wird in seinem Gericht, wenn Er auf diese Erde wiederkommen wird, „die Spreu mit unauslöschlichem Feuer verbrennen“. Es wird ein ewiges Gericht sein.
  3. K. 5,22: Der „Hölle2 des Feuers“ ist der verfallen, der „Du Narr!“ zu seinem Bruder sagt. Das ist die Intensität des Gerichts.
  4. K. 5,29.30 (zweimal): Es ist besser, heute Selbstgericht zu üben, selbst wenn es schmerzlich ist, als dass „dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde“. Hier sehen wir, dass das Gericht umfänglich ist und den ganzen Menschen trifft (seinen Leib).
  5. K. 7,13: „Der Weg zum Verderben“ spricht vom Charakter des Gerichtes: Es ist ein Umkommen des Menschen, er ist für ewig verloren.
  6. K. 7,19: Der Baum ohne Frucht wird „abgehauen und ins Feuer geworfen“. Es geht um die Handlung des Gerichts. Es ist ein Abhauen und Trennen von jeder Beziehung des Lebens, um ewig in Qualen zu sein.
  7. K. 8,12: Die Söhne des Reiches, die nicht glauben wollten, „werden hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis. Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen3 sein“. Das zeigt, dass es in der Hölle keine Ahnung mehr von Licht und Hoffnung geben wird. Es ist die totale Isolation des verlorenen Menschen.
  8. K. 10,28: Wir sollen den fürchten, der „sowohl Seele als Leib zu verderben vermag in der Hölle“. Hier geht es um den Richter, der die Macht hat, ungläubige Menschen in die Hölle zu werfen.
  9. K. 13,42: Der Sohn des Menschen benutzt in der Vollendung des Zeitalters Engel, um die falschen Bekenner „in den Feuerofen zu werfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“.
  10. K. 13,50: Auch hier sind es die Engel, welche „die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern und sie in den Feuerofen werfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“. Hier sehen wir, dass es ein selektives Gericht ist. Die Bösen und nur sie werden in dieses ewige Gericht kommen. Gott ist gerecht.
  11. K. 18,8.9 (zweimal): Noch einmal geht es um Selbstgericht. Lieber heute die Schmerzen des Selbstgerichts auf sich nehmen, als „mit zwei Händen oder mit zwei Füßen [oder mit zwei Augen] in das ewige Feuer geworfen zu werden“. Hier erkennen wir, was der Anlass für das ewige Gericht des Feuers ist: die bösen Handlungen des Menschen mit seinen Händen, Füßen und Augen, die stellvertretend für alle ausführenden Organe des Menschen stehen.
  12. K. 22,13: Mit dieser Stelle haben wir uns ausführlich beschäftigt. Der Mensch ohne Hochzeitskleid, der meinte, in eigener Gerechtigkeit vor Gott stehen zu können, wird gerichtet. Er wird gebunden an Händen und Füßen und hinaus „in die äußerste Finsternis geworfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“ Hier lernen wir, dass die Hölle eine Ewigkeit ohne Freiheit und ohne Aktivität sein wird. Es wird ein ewiges unveränderbares Teil der Verlorenen dort sein.
  13. K. 23,15: Die Pharisäer machten ihre Jünger, ihre Proselyten, zu Söhnen „der Hölle“. Dieser Vers zeigt, dass der Charakter der Menschen heute – ihre Gottlosigkeit und Gesetzlosigkeit – auch der Charakter der Hölle selbst ist. Dort werden diese Menschen ohne Gott und ohne ein festes Fundament in Ewigkeit existieren.
  14. K. 23,33: Der Herr spricht über die Schriftgelehrten und Pharisäer das Gericht aus: „Ihr Schlangen! Ihr Otternbrut! Wie solltet ihr dem Gericht der Hölle entfliehen?“ Dieser Vers zeigt uns, dass diejenigen, die in der Hölle sein werden, den Charakter Satans tragen. Sie sind dem nachgefolgt, für den die Hölle bereitet worden ist (Mt 25,41). Zudem lernen wir, dass Hölle ein Gericht Gottes ist, dem niemand entfliehen kann, der dazu verurteilt worden ist.
  15. K. 24,51: In unserem Vers sehen wir etwas von der Ausführung des Gerichts, das Entzweischneiden, um dem bösen Menschen seinen ewigen Aufenthaltsort bei den Heuchlern zu geben: „Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“. Gott schneidet entzwei und offenbart damit die ganze Heuchelei des bösen Menschen, der sich äußerlich zu Gott bekannt hat, innerlich aber weit entfernt von Gott war.
  16. K. 25,30: Im Gleichnis von den Talenten wird der unnütze Knecht in die „äußerste Finsternis hinausgeworfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“ In diesem Vers wird noch einmal die Ursache für das Gericht betont: Frucht- und Nutzlosigkeit des Menschen für Gott, der den Menschen geschaffen hatte, damit dieser nützlich für Ihn sei.
  17. K. 25,41: Hier lesen wir vom Gericht an Menschen aus den Nationen, welche die Boten aus Juda nicht angenommen haben: „Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.“ Hier sehen wir, für wen Gott die Hölle eigentlich bereitet hat. Zudem ist dieses ewige Gericht ein Fluch für die Menschen, die dieses erleiden müssen. Gott weist sie von sich.
  18. K. 25,46: Diese letzte Erwähnung der Hölle in unserem Evangelium zeugt noch einmal davon, dass es eine Wahl des Menschen gab: „Diese werden hingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben.“ Beide Zielorte des Menschen sind ewig. Entweder ewige Pein oder ewiges Leben. Es liegt an uns selbst! In der Hölle gibt es in diesem Sinn nur „Freiwillige“.

Das Gleichnis von den zehn Jungfrauen (Mt 25,1–13)

„Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen. Fünf von ihnen aber waren töricht und fünf klug. Denn die Törichten nahmen ihre Lampen und nahmen kein Öl mit sich; die Klugen aber nahmen Öl mit in den Gefäßen, zusammen mit ihren Lampen. Als aber der Bräutigam noch ausblieb, wurden sie alle schläfrig und schliefen ein. Um Mitternacht aber erhob sich ein lauter Ruf: Siehe, der Bräutigam! Geht aus, ihm entgegen! Da standen alle jene Jungfrauen auf und schmückten ihre Lampen. Die Törichten aber sprachen zu den Klugen: Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Lampen erlöschen. Die Klugen aber antworteten und sagten: Keineswegs, damit es nicht etwa für uns und euch nicht ausreiche; geht lieber hin zu den Verkäufern und kauft für euch selbst. Als sie aber hingingen, um zu kaufen, kam der Bräutigam, und die, die bereit waren, gingen mit ihm ein zur Hochzeit; und die Tür wurde verschlossen. Später aber kommen auch die übrigen Jungfrauen und sagen: Herr, Herr, tu uns auf! Er aber antwortete und sprach: Wahrlich, ich sage euch, ich kenne euch nicht. – Wacht also, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde“ (Verse 1–13).

In den ersten 13 Versen von Matthäus 25 finden wir das zweite Gleichnis der Dreierserie, die sich mit der christlichen Zeit beschäftigt. Das Gleichnis der zehn Jungfrauen betont die persönliche Verantwortung und offenbart, dass zu jeder Zeit wahre und falsche Bekenner gelebt haben. Was die Belohnung betrifft, wird in diesem Gleichnis die Echtheit des Bekenntnisses und nicht so sehr der Dienst als solcher belohnt.

Wenn man das 25. Kapitel insgesamt mit seinen drei Teilen betrachtet, kann man erkennen, dass der Herr in dem ersten Gleichnis kommt, um das Bekenntnis der Christen zu prüfen. Im zweiten Gleichnis von den Talenten kommt der Herr, um den Dienst der christlichen Jünger zu prüfen. In dem letzten Abschnitt, der sich mit den Nationen zukünftiger Tage beschäftigt, kommt der Herr, um die einzelnen Völker zu prüfen.

Das Gleichnis der zehn Jungfrauen ist das zehnte und letzte Gleichnis des Königreichs der Himmel. Von den drei Gleichnissen hier in der Endzeitrede ist nur dieses ein solches Gleichnis, weil es stärker als die beiden anderen den Charakter des Königreiches durch die Mischung von gut und böse aufzeigt. Damit schließt es an die anderen Gleichnisse vom Königreich der Himmel in Matthäus 13 an. Der wahre Zustand unter den bekennenden Christen auf der Erde, während Christus im Himmel ist, wird offenbart. Der Herr sagt hier nämlich den moralischen Zustand der Christenheit für den Zeitpunkt voraus, an dem die Wahrheit über das Kommen Christi wieder neu entdeckt wird.

Dieser Moment ist nicht der Beginn der christlichen Epoche, auch wenn natürlich dort das Kommen Christi durch die Apostel verkündigt worden ist (Apg 3; 1. Thes 4). Aus diesem Grund ist es wohl auch das einzige dieser Gleichnisse vom „Reich der Himmel“, das direkt mit der Zukunftsform beginnt: Es „wird ... gleich werden“. Es geht um einen Zeitpunkt in der Geschichte und die danach folgenden Jahre (und Jahrzehnte), als das Kommen Christi wieder neu ins Bewusstsein trat und öffentlich bekannt gemacht wurde. Der Herr hatte seinen Jüngern in dem ersten Gleichnis (Ende Matthäus 24) gezeigt, dass die Treue des Knechtes verbunden ist mit dem Warten auf das Wiederkommen seines Meisters. Hier nun unterstreicht Er, dass der Zustand des Herzens beim Warten auf das Kommen des Bräutigams eine entscheidende Rolle spielt. Nur wer den Bräutigam wertschätzt, geht Ihm entgegen.

Wie in Kapitel 22 beim Hochzeitsfest des Königssohnes geht es jedoch nicht um die Braut, die Versammlung. Sie wird in diesem Gleichnis in Matthäus 25 nicht einmal erwähnt. In Matthäus 22 stehen die Gäste bzw. ihr Einsammeln im Blickpunkt. Im Gleichnis der 10 Jungfrauen geht es besonders um das Treffen mit dem Bräutigam. Der Fokus liegt somit auf der Haltung der Christen im Blick auf diese Begegnung mit dem Herrn Jesus.

Das Bild des Gleichnisses

Das Bild, das der Herr in diesem Gleichnis verwendet, ist wie immer einfach und schlicht. Es geht um den Ablauf einer Hochzeitsfeier, wie er im Orient alltäglich war und zum Teil auch heute noch üblich ist. Den Abschluss der Verlobungszeit, die allerdings schon verbindlichen Charakter für die Eheleute trug, bildete das großartige Hochzeitsfest. Dieses fand, – gerade in der Sommerzeit – in der Kühle der Dunkelheit statt. Wenn dann der Bräutigam kam, gingen ihm die Jungfrauen – es müssen damals wohl tatsächlich üblicherweise 10 Jungfrauen gewesen sein – mit brennenden Fackeln entgegen. Sie sollten ihm den Weg zum Hochzeitssaal erleuchten, wo die Braut auf ihn wartete. Das war ihre Aufgabe und nur das gab ihnen das Vorrecht, mit dem Bräutigam einzutreten und mitzufeiern.

Wir haben schon früher gesehen, dass nicht alle Einzelheiten eines Gleichnisses erklärt und angewendet werden dürfen. Genau das ist auch für dieses Gleichnis charakteristisch. Es geht um einen wichtigen Grundsatz, den der Herr vorstellen möchte. Wenn man diesen erfasst hat, wird man die Belehrung des Gleichnisses gut verstehen und auch die wesentlichen Einzelheiten richtig einordnen können.

Es stellt sich also die Frage, welche Hauptlinie der Geist Gottes mit diesem Gleichnis verfolgt. Wir werden im Einzelnen noch sehen, dass es um das Bild des christlichen Bekenntnisses (10 Jungfrauen) geht. Dieses Bekenntnis, dargestellt durch die Lampen, kann wahr oder falsch sein. In der Christenheit liegt leider diese Vermischung vor, wie wir schon in Matthäus 13 gesehen haben. Es gibt sowohl wahre als auch falsche Christen. Aber was ihr Bekenntnis betrifft, gehen sie gemeinsam aus, um Christus bei seinem Wiederkommen zu begegnen.

Diese Bekenner werden als Jungfrauen dargestellt. Hier ist Christus nicht der Bräutigam der Versammlung (Gemeinde, Kirche). Und es geht auch nicht im engsten Sinn um die Entrückung. Zu dieser gehen wir dem Herrn Jesus nicht entgegen. Der Herr Jesus kommt aus dem Himmel, um die Versammlung in einem Nu zu sich zu rufen und zu holen (1. Kor 15,52; 1. Thes 4,16). Er ist es, der sie ruft, nicht sie, die von sich aus kommt.

Wir haben schon gesehen, dass es in diesem Bild überhaupt nicht um die Braut geht.4 Sie wird nicht erwähnt und stellt daher weder die irdische Braut Jesu (Israel) noch die himmlische Braut (die Versammlung) dar. Die Jungfrauen werden auch nicht zur Braut. Das wäre eine falsche Interpretation dieses Gleichnisses. Es geht nämlich nicht um die Versammlung, sondern um die Christen im Königreich. Sie stehen als Bekenner unter der Verantwortung, auf den Herrn Jesus zu warten. Das zeigt, dass es nicht um die Vorrechte der Versammlung, sondern um die Verantwortung von christlichen Bekennern geht.

Vers 1: Jungfrauen gehen mit ihren Lampen aus, dem Bräutigam entgegen

Der erste Vers beginnt mit dem schon angesprochenen „dann“. Augenscheinlich bezieht sich der Herr auf den vorherigen Abschnitt. Es geht dabei nicht um den konkreten Zeitpunkt von Vers 51, wo das Gericht über den bösen Knecht ausgesprochen und vollzogen wird. Auch dieses Gleichnis umfasst den gesamten Zeitraum des vorherigen Gleichnisses. Dann – wenn die Dinge, von denen im ersten Gleichnis schon die Rede waren, zu ihrem eigentlichen Abschluss gebracht werden müssen, wird das Reich der Himmel gleich werden ...

Auch wenn der Herr also die gesamte christliche Zeit vor Augen hat, legt Er doch das Schwergewicht auf eine bestimmte Entwicklung. Die hier benutzte Zukunftsform „wird gleich werden“ deutet nämlich eine bestimmte spätere Zeit dieser Epoche an, die der Herr besonders im Auge hat. Dann nämlich würde das Königreich gewisse Charakterzüge annehmen, die im Fokus dieses Gleichnisses liegen. Es geht also nicht so sehr um den Anfang der Zeitperiode, wie zunächst einmal im ersten Gleichnis, sondern um das Ende der Epoche.

Was die Gläubigen in der Anfangszeit des Christentums kennzeichnete, ist ihr Ausgehen aus der Welt. Für die Juden bedeutete das in erster Linie, aus dem Judentum hinauszugehen und das jüdische Lager zu verlassen (vgl. Heb 13,13). Für die Heiden ging es mit ihrer Bekehrung darum, den heidnischen, götzendienerischen Bereich zu verlassen. Sie mussten also auch aus allem hinausgehen, was mit der moralisch bösen Welt sowie der mit ihr verbundenen Religion zu tun hatte. Nur so konnten sie dem kommenden Herrn entgegengehen: „Wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten“ (1. Thes 1,9.10).

Wir sehen also, dass für die ersten Christen das Trennen von der Welt und ihren Einrichtungen unmittelbar mit der Erwartung des Herrn verbunden war. Die Jungfrauen gingen aus, um dem Bräutigam entgegenzugehen. Dem Bräutigam geht nur derjenige entgegen, der ihn auch erwartet. Und derjenige nimmt dann auch das mit, was wichtig ist: Licht und Öl, um dem Bräutigam den Weg leuchten zu können. Wem das Kommen des Bräutigams nicht wichtig ist, wird sich damit zufriedengeben, in der Gesellschaft von Bekennern zu sein. Er mag eine Lampe dabeihaben. Aber er hat sich nicht darum gekümmert, ob diese Lampe auch funktionsfähig ist. Das heißt, ob auch Öl vorhanden ist, um sie zum Brennen zu bekommen.

Gingen auch die törichten Jungfrauen mit aus?

Nun mag man fragen: „Gingen denn die törichten Jungfrauen wirklich aus, dem Bräutigam entgegen? Das passt doch gar nicht zu falschen Bekennern!“ Ja, es passt nicht dazu. Dennoch zeigt dieses Gleichnis, dass es ihre Verantwortung als Christen ist, auf Christus zu warten. Daher werden sie zunächst zusammen mit den fünf klugen Jungfrauen betrachtet.

Das aber ist nicht alles. Denn es war am Anfang so und ist es auch bis heute, dass Christen bekennen, Christen zu sein. Das tun sie zum Beispiel durch die Taufe und die Teilnahme am Abendmahl. Beides ist ein Hinweis auf den Tod Christi. Aber Paulus verbindet das Abendmahl mit dem Kommen des Herrn (1. Kor 11,26). Dadurch bekennen auch Namenschristen, nicht nur zu Christus zu gehören, sondern auch auf Ihn zu warten. Aber ein Bekenntnis macht niemanden zu einer geretteten Person, wenn dieses Zeugnis nur ein Lippenbekenntnis ist. Doch ein Bekenntnis bleibt es dennoch.

Immer wieder erlebt man es, dass bei einer Erweckung alle möglichen Menschen mitgezogen werden. Das war in der Zeit Hiskias und Josias so, wenn man einmal die Propheten ihrer Zeit (z.B. Hosea und Micha) liest. In den Büchern der Könige und Chronika hat man den Eindruck, dass das gesamte Volk diese Erweckung aktiv verwirklichte. Äußerlich mitgegangen sind auch damals viele. Aber innerlich blieben viele in ihren Herzen verhärtet und kehrten nicht von ihren bösen Wegen um. In der christlichen Zeit haben sich solche, die falsche Bekenner waren, ebenfalls äußerlich von der Welt distanziert und sind in christliche Zusammenkünfte gekommen. Äußerlich bekannten auch sie, auf Christus zu warten. Sie haben manches verlassen, um auszugehen und den Bräutigam zu treffen. Sie gehen mit den wahren Gläubigen. Aber sie tun es nur äußerlich.

Jungfrauen und Lampen

Man kann sich die Frage stellen, warum der Herr das Bild von Jungfrauen verwendet. Jungfrauen erinnern uns an Unberührtheit. Offensichtlich geht es dem Herrn in diesem Vergleich nicht buchstäblich um „Jungfrauen“, sondern um einen übertragenen Sinn. Die Jungfrauen stellen Menschen dar, die das Evangelium gehört haben und sich zum Christentum bekennen. Sie haben, das Juden- oder Heidentum verlassen, um den in den Himmel aufgefahrenen Herrn zu erwarten. Sie beflecken sich nicht mit Bösem – weder moralisch (Welt) noch lehrmäßig (Religion). Das erwartet der Herr von allen, die sich zu Ihm bekennen.

Es geht also um eine Trennung, um Absonderung von der Welt und von allem, was dem wahren Bräutigam, dem Herrn Jesus, nicht entspricht. Auch 2. Korinther 11,2 unterstreicht diesen Gedanken: Paulus hatte die Korinther mit einem Mann verlobt, um sie als eine keusche Jungfrau darzustellen. Sie sollten sich von allem Weltlichen trennen, um sich ganz dem Bräutigam zu widmen, dem Christus5.

Die Jungfrauen nahmen ihre Lampen. Das können wir sicher als ein Bild davon verstehen, dass der Christ in der Dunkelheit dieser Welt sein Licht scheinen lassen soll. Er ist ein Zeuge des Herrn und seiner Botschaft hier auf der Erde. Diesen Gedanken hatte der Herr schon in der Bergpredigt geäußert (Mt 5,14), dort noch besonders auf seine Jünger aus dem Judentum bezogen. Diesen Gedanken finden wir jedoch immer wieder im Neuen Testament. Den Philippern schreibt Paulus, dass sie als Himmelslichter leuchten und damit Orientierung in dieser Welt geben sollen (Phil 2,15). Den Ephesern schreibt er, dass sie Licht im Herrn sind und daher als Kinder des Lichts ihr Leben führen sollen (Eph 5,8).

Der erste Vers dieses Gleichnisses gibt uns somit in wenigen Worten das an, was für den Gläubigen in der christlichen Zeit und Berufung grundsätzlich charakteristisch ist und von jedem Bekenner gefordert wird. Damit haben wir zugleich eine Beschreibung dessen, was Christen am Anfang kennzeichnete:

  • Trennung von allem, was Christus entgegenstand;
  • Offenbarung und Zeugnis der christlichen Wahrheit;
  • Erwartung des Herrn Jesus, des Bräutigams, aus den Himmeln.

Das sind die Kennzeichen wahren Christentums. Wir tun gut daran, uns zu prüfen, ob wir durch diese drei Kennzeichen heute geprägt sind.

Der himmlische Charakter von Christen

Hinzu kommt ein weiteres wichtiges Merkmal der Christen, das man erst auf den zweiten Blick erkennt: ihr himmlischer Charakter. Wir haben schon gesehen, dass es in diesem Gleichnis nicht um die Versammlung als Leib Christi geht. Dieser wurde erst durch den Apostel Paulus offenbart. Der Herr spricht vom Ausgehen der Jungfrauen, um dem zur Hochzeit kommenden Bräutigam entgegenzugehen.

Wenn der Herr Jesus wiederkommen wird, beginnt die Zeit der Gerichte für diese Erde. Dann wird das Königreich der Himmel sozusagen den Charakter von Personen annehmen, die mit dieser Welt nichts mehr zu tun haben wollen. Sie sind dann von ihr und mehr noch vom Judentum getrennt. Alles das, was mit religiösen Formen und Anziehendem für das Fleisch im Gläubigen zu tun hat, wird sie nicht mehr beschäftigen. Sie gehen Christus entgegen, um in Ewigkeit bei Ihm zu sein.

Warum haben sich die ersten Christen von all diesem Unflat und Bösen getrennt? Weil sie verstanden, dass der Platz des auf der Erde verworfenen Christus zur Rechten Gottes im Himmel auch ihr Platz ist. So sind sie zu Ihm hin ausgegangen.

  • So wie Christus, der Himmlische, ist, so auch sie.
  • So wie Christus sein Ziel, den Himmel erreicht hatte, würden auch sie dieses Ziel erreichen.
  • Der Ort, wo Christus jetzt wohnte, war auch ihr eigentlicher Wohnort.

Daher hatten sie mit der Welt und der Religion des irdischen Menschen nichts zu tun. Das verstanden die Christen am Anfang der christlichen Zeitperiode, und sie waren bereit, die Verwerfung des Herrn zu teilen.

Unser Vers zeigt im Übrigen, dass die Jungfrauen von selbst ausgingen. Sie bedurften keiner Ermahnung dazu, sondern handelten in Übereinstimmung mit ihren von Gott bewirkten Überzeugungen. Das ist insofern auffallend, als es von der damaligen Praxis abweicht, denn die Jungfrauen wurden üblicherweise „bestellt“, um dem Bräutigam zu leuchten. Deutet der Herr damit nicht an, dass zu Beginn ein wirkliches Verständnis über die christliche Stellung vorhanden war, ein Leben nach seinen Gedanken? Wir werden sehen, dass dieses Verständnis sehr schnell wieder verdunkelt worden und damit verlorengegangen ist.

Wenn hier vom Ausgehen der Jungfrauen gesprochen wird, geht es ist nicht so sehr um das Kommen Jesu, um die Christen zu sich zu nehmen. Hier steht die Verantwortung der Christen im Vordergrund. Deshalb ist auch von zehn Jungfrauen die Rede. Schon die Zahl „fünf“ spricht immer wieder von Verantwortung in der Schrift. Sie ist zunächst ein Hinweis auf die Abhängigkeit des schwachen Menschen von Gott. Daraus ergibt sich seine Verantwortung, Gott gehorsam zu sein. Wir haben fünf Finger an jeder Hand, um für Gott zu wirken. Vor dem Tempel in Jerusalem gab es fünf Becken zur Linken und fünf Becken zur Rechten (2. Chr 4,8). Die Zahl „zehn“ unterstreicht den Gedanken der Verantwortung. Es ist sozusagen das Zeugnis (zwei) der Verantwortung (mal fünf). So haben wir beispielsweise zehn Gesetzesgebote in 2. Mose 20.

Die Verantwortung der Christen war es von Anfang an, zu dem „Ort“ zu gehen, an dem die Begegnung mit dem Bräutigam stattfinden sollte. Das war kein geographischer Ort, sondern eine geistliche Haltung. Um auszugehen, muss man verlassen, wie Abraham die Umgebung verließ, wo er wohnte: Land, Familie, Verwandtschaft, usw. Auch das zeigt noch einmal den Gedanken der Absonderung, der durch die Jungfrauen vorgestellt wird.

Der Königin wird in Psalm 45 – ähnlich wie Abraham – gesagt: „Vergiss dein Volk und das Haus deines Vaters. Und der König wird deine Schönheit begehren, denn er ist dein Herr: So huldige ihm!“ (Ps 45,11.12). Wie kann das, was wir verlassen, irgendeinen Wert für uns haben, eine Kraft ausüben oder uns zurückhalten, wenn es darum geht, zum Bräutigam zu gehen? Wir lesen hier nicht von der Braut. Aber bereits der Hinweis auf den Bräutigam zeugt von der Liebe und Zuneigung, die auch die Jungfrauen erfüllen soll.

Wir lesen noch, dass die Jungfrauen ihre Lampen mitnehmen. Mit diesen sollen sie ja dem Bräutigam leuchten, wenn er zur Hochzeit geht. Er stattet sie mit Lampen oder Fackeln aus, die mit Öl betrieben sind; dazu gab es offensichtlich noch zusätzlich Ölgefäße. Wozu wären die Jungfrauen in der Nacht dienlich gewesen, wenn sie keine brennenden Fackeln gehabt hätten? Sollte der Bräutigam nicht vor der geladenen Menge in dem Licht derjenigen erstrahlen, die ihn begleiteten?

Verse 2–5: Töricht und klug – eine Frage des Öls!

Auf den ersten Blick konnte man keinen Unterschied inmitten der zehn Jungfrauen erkennen. Sie alle hatten Lampen, sie alle nahmen diese Lampen mit, sie alle gingen aus und sie alle gingen dem Bräutigam entgegen. Nach außen hin also sah diese Gruppe homogen aus. In Wirklichkeit bestand sie jedoch aus zwei Parteien, die sehr gegensätzlich waren. Sie trugen einander entgegengesetzte moralische Kennzeichen.

Der Bereich des Christentums ist der menschlichen Verantwortung anvertraut worden (10 Jungfrauen). Und wo immer es um die Verantwortung von Menschen geht, finden wir Schwachheit und Versagen. Nicht zuletzt deshalb lesen wir von zweimal fünf Jungfrauen. Das fängt bei Adam und Eva an. Aber das hört nicht auf, bis Gott uns aus einem Leben der Verantwortung in das ewige Leben des Segens und der bleibenden Gnade Gottes einführt.

Aber der Mensch verdirbt nicht nur alles, was ihm überlassen worden ist. Fast von Anfang an ist es im Bereich des christlichen Zeugnisses auf der Erde zu einer Mischung von wahren und falschen Bekennern gekommen. Wie schon gesagt, werden die wahren Bekenner in diesem Gleichnis als kluge Jungfrauen bezeichnet, die falschen Bekenner als törichte.

Wir sollten nicht meinen, dass „in der Wirklichkeit“ beide Gruppen gleich groß sind (fünf und fünf). Am Anfang überwog die Zahl der wahren Bekenner. Vielleicht war Simon, der Zauberer, der erste falsche Bekenner, der sich inmitten des christlichen Zeugnisses auf der Erde eingeschlichen hat (vgl. Apg 8,18–23). Nach und nach nahm diese Zahl falscher Bekenner jedoch zu. So ist aus dem christlichen Zeugnis auf der Erde sehr schnell ein Bereich gemischter Grundsätze geworden. Das gilt in Matthäus 24 und 25 für alle drei Gleichnisse. Der Herr Jesus hatte dies bereits in den Gleichnissen in Matthäus 13 vorgestellt, insbesondere bei den Gleichnissen vom Weizen und Lolch, vom Feinmehl und Sauerteig und vom Netz, das ins Meer geworfen wurde.

Das Kennzeichen des wahren Bekenntnisses

Nun stellt sich die Frage, wodurch sich wahre und falsche Bekenner, kluge und törichte Jungfrauen „auszeichnen“. Das Kennzeichen, das der Herr in dem Gleichnis nennt, ist das Öl. Die törichten Jungfrauen nahmen zwar ihre Lampen, aber sie nahmen kein Öl mit sich, so dass ihre Lampen nicht leuchten konnten. Die klugen dagegen nahmen sowohl die Lampen als auch Öl in den Gefäßen mit. Der Unterschied liegt also in dem Besitz oder Nicht-Besitz des Öls. Die entscheidende Frage ist somit: Wovon spricht das Öl? Ein Studium der Bibel zeigt sehr schnell, dass Öl ein Symbol für den Heiligen Geist ist. Mit Öl wurden Könige, Propheten und Priester gesalbt. Im Neuen Testament lesen wir, dass die Gläubigen mit dem Geist Gottes gesalbt (und versiegelt) werden. In 1. Johannes wird von den Kindern, den kleinen Kindern im Glauben gesagt: „Und ihr habt die Salbung [den Heiligen Geist] von dem Heiligen [dem Herrn Jesus] und wisst alles“ (1. Joh 2,20; vgl. 2,27). Also nicht erst die „Väter“, sondern schon die kleinen Kinder im Glauben besitzen den Heiligen Geist. Aus 2. Korinther 1,21.22 lernen wir, dass diese Salbung den Besitz des Heiligen Geistes meint.

Auch aus dem Alten Testament wissen wir, dass das Öl direkt mit dem Heiligen Geist in Verbindung gebracht wird. In Sacharja 4 wird über die zwei Ölbäume gesagt: „Nicht durch Macht, nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Heerscharen“ (Vers 6). Und in Jesaja 61,1 lesen wir von der Salbung des Messias mit Öl: „Der Geist des Herrn, Herrn, ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat, den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen.“ Und als David mit Öl gesalbt wurde, lesen wir, dass unmittelbar in Verbindung damit der Geist Gottes auf ihn kam (1. Sam 16,13).

Wahre Bekenner, die klugen Jungfrauen, sind somit solche Menschen, die den Geist Gottes in sich wohnend besitzen (Eph 1,13; 1. Kor 6,19). Sie sind, um den Herrn in seinem Gespräch mit Nikodemus zu zitieren, aus Wasser und Geist geboren (Joh 3,5.6). Weil sie an den Herrn Jesus, den Sohn Gottes, geglaubt haben, hat Gott ihnen neues, ewiges Leben geschenkt. Jeder, dessen Glaube auf dem gekreuzigten und auferstandenen Retter, auf seinem vergossenen Blut, das heißt auf seinem dahingegebenen Leben beruht, ist eine solche kluge Jungfrau.

Dabei geht es nicht um die Frage, ob diese Gläubigen auch ein geistliches, entschiedenes Leben führen. Gottes Wort setzt das immer voraus. Aber wir dürfen festhalten, dass der Heilige Geist in dem schwächsten Gläubigen und dem am wenigsten belehrten Christen wohnt. Insofern deutet der Herr durch dieses Gleichnis fast nebenbei an, dass jeder Gläubige, was er auch vom Werk Jesu verstehen mag, den Heiligen Geist besitzt. Die Versiegelung hängt nämlich nicht vom Menschen ab, seinem Tun und Verständnis, sondern vom Werk Gottes, das Er in einem Menschen tut. Das Einzige, was wir Menschen tun können, ist an den Herrn Jesus und sein Werk zu glauben und in aufrichtiger Buße unsere Sünden bekennen.

Das Öl zeigt uns also die göttliche Gnade, die dazu führt, dass wir als Christen unsere Lampen leuchten lassen können. Es ist der Geist Gottes, der uns diese Kraft schenkt, als Zeugen von Christus auf dieser Erde zu zeugen. Davon ist die erleuchtete Lampe ein Bild. Schon in Matthäus 10,32 hatte der Herr dies betont. Paulus spricht in seinen Briefen verschiedentlich davon, dass der Glaube dann als wahr sichtbar wird, wenn er mit einem Bekenntnis verbunden ist (vgl. Röm 10,9; Eph 4,15; Heb 13,15).

Das Problem der törichten Jungfrauen

Was ist nun das Problem der törichten Jungfrauen? Sie haben kein Öl. Der Geist Gottes wohnt nicht in ihnen, weil sie sich nicht vor dem Herrn Jesus gebeugt und daher auch kein neues Leben empfangen haben. Sie bekennen zwar mit ihren Lampen, vielleicht mit ihrem Namen, mit ihrer Kirchenzugehörigkeit, mit ihren Gewohnheiten, Christen zu sein. Aber sie besitzen nicht die Kraft Gottes und den Geist Gottes. „Die eine Form der Gottseligkeit [Lampen] haben, deren Kraft [Öl] aber verleugnen“ (2. Tim 3,5), sagt Paulus von solchen Menschen. „Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“ (Röm 8,9). So geben sie vor, Zeugen Christi zu sein. In Wahrheit können sie aber nicht von Ihm zeugen, weil sie Ihn gar nicht kennen (vgl. Vers 12). Sie nehmen zwar den Namen des Herrn Jesus an und nennen sich Christen. Aber es gibt nichts, was sie für die Gegenwart und das Kommen Christi passend macht. Sie sind solche, von denen der Herr Jesus einmal sagen musste: „Du hast den Namen, dass du lebst [die Lampe], und du bist tot [kein Öl]“ (Off 3,1).

Wie schon weiter oben bemerkt, wird dieser Unterschied nicht von Anfang an sichtbar. Denn das Gleichnis beschäftigt sich besonders mit der Endzeit der christlichen Zeit. Zu Beginn lesen wir noch nichts vom Leuchten der Lampe, auch wenn der Herr von Anfang an wusste, wer echt und wer falsch war. Denn: „Der Herr kennt, die sein sind“ (2. Tim 2,19). Aber für die meisten Menschen und selbst für wahre Christen ist oft nicht ersichtlich, ob sie es mit echten oder unechten Bekennern zu tun haben. Auch Philippus erkannte nicht, dass Simon ein falscher Bekenner war (Apg 8,9 ff.). Erst das Entlarven Simons durch den Heiligen Geist und das geistliche Unterscheidungsvermögen von Petrus machten diese Lüge offenbar.

Bis zum Augenblick, an dem die Fackeln angezündet werden mussten, konnte also niemand erkennen, dass die Törichten kein Öl besaßen. Dieser Zustand wahrer Torheit wird im Gleichnis also erst mit dem Mitternachtsruf offenbar. Dadurch wird noch einmal das Kennzeichen von Gleichnissen deutlich. Natürlich haben Christen von Anfang an vom Herrn Jesus gezeugt. Und natürlich wurde, jedenfalls teilweise, von Beginn an deutlich, wer eine Lampe mit oder wer eine Lampe ohne Öl hatte. Aber darum geht es dem Herrn in dieser Belehrung nicht. Er zeigt, dass von Anfang an sowohl wahre als auch falsche Bekenner zusammen auf der Erde sein werden. Das wird bis zu dem Zeitpunkt der Fall sein, an dem Christus (wieder-) kommen wird, um zur Hochzeit zu gehen.

Was für eine Torheit aber ist es, sich unter die zu mischen, deren Aufgabe es ist, nachts zu leuchten, ohne das dafür nötige Öl mitzunehmen. Da es ungewiss war, in welcher Stunde der Bräutigam kommen würde, gebot es die Vernunft, ausreichend Öl vorzuhalten. Hätten diese Jungfrauen nicht wissen müssen, dass der Zeitpunkt irgendwann kommen wird, wo ihr Mangel auffallen wird? So ist es auch heute mit manchen Christen. Im Innersten sind sich wohl auch die meisten Namenschristen bewusst, dass ihnen etwas fehlt. Aber entweder überspielen sie dies, oder sie sind zu stolz, ihr Problem zuzugeben. Denn solange die Fackeln nicht angezündet werden müssen, kann niemand sie entlarven. Solange der Herr nicht gekommen ist, kann man ein falsches Bekenntnis verbergen. So geben sie vor, Jungfrauen zu sein und sich für den Herrn Jesus abzusondern. Hinter dieser Fassade des Bekenntnisses fehlt aber dessen Wirklichkeit. Denn Lampen haben keinen Wert, wenn sie nicht angezündet werden und leuchten können.

Vers 5: Die Jungfrauen schlafen ein

In Vers 5 lesen wir, dass der Bräutigam ausblieb. Rückblickend wissen wir heute, dass der Herr Jesus nicht in der ersten Generation der Christen zurückkam, um die Gläubigen in den Himmel zu entrücken. Ausbleiben heißt aber nicht verziehen, verzögern, oder gar, was böse Menschen behaupten, Wortbruch! Sie sagen: „Hat er nicht zugesagt, bald zu kommen (vgl. Off 22,20)? Das hat er nicht eingelöst“ – so die Worte des Unglaubens. Der Apostel Petrus aber sagt uns dazu: „Der Herr zögert die Verheißung nicht hinaus, wie es einige für ein Hinauszögern halten, sondern er ist langmütig gegen euch, da er nicht will, dass irgendwelche verloren gehen, sondern dass alle zur Buße kommen“ (2. Pet 3,9). Aus diesen Worten lernen wir, dass Gott einen Plan hat, wenn der Herr Jesus noch nicht wiedergekommen ist. Er verzieht nicht!

Er hat zugesichert: „Ich komme bald!“ Das wird Er auch einhalten. In keinem Gleichnis spricht der Herr davon, dass sein Kommen hinausgezögert würde. Dieselbe Menschengruppe, von denen der Herr am Anfang des Gleichnisses spricht, sieht Er auch am Ende vor sich. Denn Er möchte nicht, dass wir uns auf eine lange Abwesenheit einstellen. Für den Herrn sind die jetzt abgelaufenen fast 2.000 Jahre ohnehin keine lange Zeit. Aber sie sind ein Beweis seiner Barmherzigkeit uns Menschen gegenüber, da Er nicht will, dass ein Mensch verloren geht. Sein Wunsch ist, dass sich jeder Mensch bekehrt und zur Buße kommt.

Zugleich stellt das Ausbleiben des Herrn eine Prüfung für diejenigen dar, die sich zu seinem Namen bekennen. Ihre Treue und ihre Zuneigungen werden getestet. Ist ihr Bekenntnis echt? Bleiben sie dabei, oder geben sie den Glaubensweg auf? Es macht im Übrigen noch einmal deutlich, dass es in diesen Gleichnissen um die Verantwortung der Christen geht. Mit anderen Worten: Diese Verse behandeln nicht die Entrückung als solche, denn diese ist in der Schrift immer ein Akt reiner Gnade. Der Herr spricht vom Dienst, dem Zeugnis und damit von der Belohnung des Christen. Das hat mit dem Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10) zu tun, der uns unsere Verantwortung vorstellt.

Ich betone noch einmal, dass es nicht die Versammlung als Braut ist, die uns in diesen Versen vorgestellt wird. Denn bei der Entrückung wird Christus seine Braut zu sich nehmen, indem Er das Werk seiner Gnade mit göttlicher Macht krönt. Das sehen wir in 1. Thessalonicher 4 und auch am Ende des Judasbriefes. Hier aber spricht der Herr nicht von der Entrückung und unterscheidet die beiden Phasen seines zweiten Kommens, die Entrückung und die Erscheinung, nicht. Beides fasst Er in diesem Gleichnis gewissermaßen zusammen: Einerseits kommt Er und führt zur Hochzeit ein – das erinnert uns an die Entrückung. Andererseits aber steht sein Kommen mit Gericht in Verbindung, das erinnert uns an seine Erscheinung. In diesem Gleichnis handelt es sich besonders um die Betonung des Gerichts für die Ungläubigen und um Verantwortung und Lohn für Gläubige.

Die Folgen des Ausbleibens des Herrn

Leider hat das Ausbleiben des Wiederkommens des Herrn zu dramatischen Folgen unter den Christen geführt. Alle Jungfrauen – die fünf klugen genauso wie die fünf törichten – wurden schläfrig und schliefen ein. Nachdem der Bräutigam ausblieb, erwarteten sie ihn nicht länger. Alle wurden vom Schlaf übermannt.

Zu Beginn der Zeit der christlichen Kirche auf der Erde erwarteten alle Christen das Kommen des Herrn. Aber als die Jahre ins Land gingen, gaben die Christen diese gesegnete Hoffnung auf und hörten auf, nach dem Herrn Ausschau zu halten. Das Schlafen der Jungfrauen steht genau für diese Tatsache.

Wir müssen davon beeindruckt werden, dass die gesamte Christenheit das Bewusstsein des Wiederkommens des Herrn für die Seinen aufgegeben hat: Das gilt auch für die Gläubigen, die den Geist besitzen. Sie haben ebenfalls den Gedanken an seine Wiederkunft verloren. Auch sie sind nach dem Ausgehen irgendwo wieder „eingegangen“, um ruhig schlafen zu können. Sie haben einen Ruheplatz für das Fleisch gesucht und gefunden, da, wo man geistlich schlafen konnte.

Alle haben den wahren Sinn ihrer Berufung vergessen. Manche waren weise im Königreich der Himmel, andere töricht. Manche waren aufrichtig und gottesfürchtig, andere haben sich selbst etwas vorgetäuscht. Aber alle schliefen ein. Die klugen Jungfrauen blieben zwar „lebendige Heilige“, aber was die Verwirklichung ihrer Berufung betraf, haben sie Wesentliches aufgegeben. Die Trennung von der Welt und die lebendige Erwartung des Kommens des Herrn gab es im Allgemeinen nicht mehr. Die Christen gingen entweder zurück zu weltlichen Religionen (das war die weitere Entwicklung der katholischen Kirche), oder in die heidnische Welt. Das war bequem. Viele dachten, dass man auf diese Weise dennoch ein christlicher Bekenner bleiben könne. Aber das war ein großer Irrtum.

Tatsächlich ging dadurch nicht nur die Hoffnung auf die Ankunft Christi völlig verloren, sondern auch die Kenntnis der Wahrheit selbst. Kirchengeschichtlich gibt es keine Hinweise mehr in der Zeit nach 300 n. Chr., dass noch von dem Kommen des Herrn zur Entrückung gesprochen oder geschrieben worden wäre. Natürlich gab es nach wie vor eine allgemeine Lehre über ein jüngstes Gericht. Aber auch hier wurden die verschiedenen Gerichtssitzungen des Herrn, wie wir am Ende des Kapitels sehen werden, miteinander vermischt. Die Entrückung der Versammlung vor der Drangsalszeit (vgl. 1. Thes 4,13–18; Off 3,10) war nahezu unbekannt. Auch das gewaltige Werk Gottes in der Reformation, eine kraftvolle Erweckung, führte zu keiner Bewusstseinsveränderung. Denn auch dort glaubte man weiter an eine allgemeine Auferstehung.

Wach bleiben

Wir wissen, dass es einer ununterbrochenen Energie bedarf, um sich wach zu halten. Das gilt besonders, wenn wir bedenken, dass sich das Gleichnis auf eine Nachtszene bezieht. Denn es ist nicht natürlich, sich während der Nacht wach halten zu können. Man kann sagen, dass es sich bei diesem Gleichnis um ein Bild der geistlichen Nacht in dieser Welt handelt. Um darin geistlich wach zu bleiben, bedarf es eines Gegenstandes, der das Herz fesselt. Wenn nicht Christus dieser Gegenstand ist, wird der Christ bald einschlafen. Auch uns heute wird es nicht besser ergehen, wenn wir nicht auf unseren Retter sehen.

Der vom Herrn hier gebrandmarkte Schlaf ging über viele Jahrhunderte. Die Jungfrauen kehrten an einen Ort zurück, der dem ähnelte, von dem sie am Anfang ausgegangen sind. Denn in Vers 6 heißt es dann: „Geht [wieder] aus!“ Das ist das gleiche Wort wie in Vers 1. Zu Beginn hatten die Christen alles zerbrochen, was sie festhielt, um zur Begegnung mit Jesus zu gehen. Aber die Welt, die Liebe zu Besitz und Vermögen, die 1.000 Attraktionen vieler weltlicher Örter haben den ersten Eifer gedämpft und zur Rückkehr von Christen in ihre alte Umgebung geführt.

So gingen die Liebe und Treue zum Retter verloren. Das Bewusstsein seines Wiederkommens war verschwunden. Der Herr war aus den Augen verloren worden. Der Charakter eines Christen wird gerade durch seine Blickrichtung geformt. Das, was seine Zuneigungen ausmacht, bestimmt sein Leben. Alles war durch Schlaf gekennzeichnet. Das enthält auch eine Botschaft an unsere Herzen. Der Herr fragt uns, inwiefern das Kommen des Herrn und die Liebe zu Ihm unsere Herzen noch erfüllt.

Vers 6: Der Mitternachtsruf

Mit dem sechsten Vers kommen wir zu einer dritten Periode der Kirchengeschichte. Zuerst gab es ein Ausgehen der Christen voller Zuneigung, Energie und Kraft, um für den Herrn zu zeugen und Ihn aus den Himmeln zu erwarten. Dann kam die Phase der Schläfrigkeit und des Einschlafens. Es gab zwar viele Christen. Aber fast keiner von ihnen hielt an der himmlischen Berufung und der Erwartung des Wiederkommens des Herrn fest. Der Gedanke an das Vaterhaus war verlorengegangen. Jetzt auf einmal passiert aber etwas Gewaltiges. Es erhebt sich „ein lauter Ruf: Siehe, der Bräutigam! Geht aus, ihm entgegen!“

Von wem kommt dieser Ruf? Das wird uns in diesen Versen nicht mitgeteilt. Wir können nur sagen: Es ist ein Ruf göttlicher Gnade, der Gnade des Bräutigams, der wie aus dem nichts heraus an die Ohren aller Jungfrauen, aller Christen, dringt. Es handelt sich hier also um kein äußerlich sichtbares Zeichen wie für die Juden in Kapitel 24. Das Wirken Gottes durch sein Wort und seinen Geist geschah gewissermaßen in unsichtbarer Weise. Der Herr schreitet in göttlicher Souveränität ein. Der Heilige Geist bewirkte, dass sich die Erlösten von denen trennten, die in der Nacht sind (2. Kor 6,17; 1. Thes 5,4–8). Nun wurden sie erneut ermahnt, wach und wachsam zu bleiben und nicht wieder einzuschlafen (Röm 13,11.12).

Gott sorgte also dafür, dass ihr Schlaf unterbrochen wurde, ohne dass wir sagen können, wie das geschah. Statt „draußen“ zu warten, waren sie zum Schlafen irgendwo hineingegangen. Ob es ihr Ausgangsort war oder ob sie zwischendurch einen neuen religiösen Ort gesucht haben, wird uns nicht berichtet. Jedenfalls haben sie ihre ursprüngliche Stellung verlassen. Sie erwarteten nicht mehr die Rückkehr des Bräutigams und befanden sich auch nicht mehr auf ihrem richtigen Posten.

Was bewirkte nun äußerlich ein solches Umdenken? Es war offenbar die Predigt des Wortes Gottes und in der Folge das Aufleben der Hoffnung auf sein Wiederkommen. Dadurch nahmen Christen erneut ihre rechte Stellung ein. Gelegentlich gab es während der Jahrhunderte, als die bekennende Kirche sich der Verderbnis geöffnet hat, einen Alarm des kommenden Gerichtstages. Das war besonders um das Jahr 1.000, aber auch zu manchen anderen Zeitpunkten wie um das Jahr 600. Aber hierbei ging es nicht darum, mit Freuden auszugehen, um den Bräutigam zu treffen. Im Gegenteil, die Erwartung des Gerichts und des Endes der Welt wurde besonders von Kirchen- und Sektenführern gepredigt, ohne das Wiederkommen im Blick zu haben. Oftmals machten sich diese Führer die Angst von Menschen vor einem furchtbaren Gericht Gottes zunutze. So nahmen sie manchen viel Vermögen ab. Dies irae – der Tag des Zorns – wurde beispielsweise zu einem Instrument des katholischen Terrors, nicht aber zum Anlass einer wirklichen Erweckung.

Was macht eine schriftgemäße Erweckung aus?

Für eine Erweckung ist heute nicht die Angst der richtige Weg, sondern zwei andere moralische Bedingungen:

  • Man demütigt sich wegen des Bösen, das in der Christenheit getan worden ist.
  • Man kehrt zur Verwirklichung der ursprünglichen Stellung zurück. Um mit Johannes zu sprechen: Man kehrt zu dem zurück, was von Anfang ist (vgl. 1. Joh 1,1). Oder, um mit den Worten unseres Gleichnisses zu reden: Man geht wieder aus. Nicht von ungefähr stimmen diese Worte in Vers 6 mit denen in Vers 1 überein. Man geht aus, dem Bräutigam entgegen. Man tut das von Neuem, was man ursprünglich durch Gottes Gnade schon einmal getan hat.

Dazu müssen die Lenden geistlicherweise umgürtet sein (vgl. Lk 12,35). Damit ist gemeint, dass man sich für das bereitet, was den eigentlichen, von Gott gegebenen, Auftrag betrifft. Man übt Selbstgericht und bekennt alles, was nicht mit Ihm in Übereinstimmung ist. Das ist aber nicht alles. Denn Gott möchte, dass wir wieder aktiv sind im Zeugnis für Ihn. Daher sollen die Lampen sozusagen von innen heraus brennen (vgl. Lk 12,36 ff.).

Es ist in diesem Zusammenhang auffallend, was Paulus in 1. Thessalonicher 4,17 bei der Beschreibung des künftigen Ereignisses der Entrückung sagt. Er spricht fast genauso, wie wir es hier in Matthäus 25 finden. Der Herr legt allerdings die Betonung auf unsere Verantwortung (geht aus!), während Paulus von einem Akt göttlicher Gnade spricht (entrückt): „Danach werden wir, die Lebenden, die übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt [entspricht: geht aus] werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft“. Um nicht missverstanden zu werden: Im Gleichnis der Jungfrauen lesen wir nicht direkt etwas von der Entrückung. Hier steht das Kommen des Herrn ganz allgemein vor uns.

Wir lernen in Matthäus 25, dass die Jungfrauen nach dem Einschlafen dasselbe tun müssen wie am Anfang: ausgehen, dem Bräutigam entgegen. Im Unterschied zum Anfang der christlichen Zeit aber haben sie dieses Mal einen Zuruf nötig.

Sie müssen also aufs Neue ausgehen, um dem Bräutigam zu begegnen. Das erste Ausgehen war ein Verlassen der jüdischen und heidnischen Welt. Das zweite könnte noch umfassender sein. Es bezeichnet für viele erneut ein Aufgeben der Gemeinschaft mit Ungläubigen. Das ist die moralische, unter Satans Herrschaft stehende „Welt“. Schwerpunktmäßig jedoch bezieht es sich für viele Christen auf das Verlassen der von Menschen aufgerichteten christlichen Systeme. Es war also nicht in erster Linie ein Ausgehen aus dem System „Welt“, die moralisch durch Tod und Sünde geprägt ist. Der Herr spricht vielmehr davon, dass die Erlösten als aus dem Schlaf christlicher Systeme und Religionen auferstehen sollten. Es handelte sich somit wirklich um eine Erweckung, um das Aufwachen aus einer geistlichen Schläfrigkeit.

Es stellt sich sofort die Frage: Wann war das? Rückblickend können wir sagen, dass sich diese Erweckung in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert zugetragen hat. Damals fand man im Wort Gottes die Wahrheit vom Kommen des Herrn wieder. Es war die Mitternacht des zu Ende gehenden Mittelalters, in der dieser Ruf hörbar wurde. Er ist für uns also Vergangenheit und wird vielleicht besonders in Verbindung mit dem Brief an die Versammlung (Gemeinde) in Philadelphia gefunden (vgl. Off 3,7 ff.). Ihnen sagte der Herr: „Ich komme bald“ (Off 3,11). Vor ungefähr 180 Jahren entdeckte man die Lehre der Apostel wieder neu, die an sich alt war. Hier wurde wieder der Unterschied zwischen Entrückung und Tag des Herrn verstanden. Die christliche Hoffnung wurde wiederbelebt. Man begann, wieder neu auf diese erste Phase des zweiten Kommens Jesu zu warten – seine Wiederkunft, um uns in den Himmel zu holen.

Der Mitternachtsruf diente somit der Wiederherstellung des eigentlichen Charakters der Christen. Christus rief dem Gläubigen zu: „Wache auf, der du schläfst, und stehe auf aus den Toten, und der Christus wird dir leuchten!“ (Eph 5,14). Denn zwischen Schlafenden und Toten kann man aus Entfernung nicht unterscheiden. Jetzt sollte sich erweisen, wer wirklich Leben aus Gott besaß. Daher: Wer diesen Ruf hörte, musste aufstehen und gehen. Das bedeutet

  • eine Rückkehr zu der wahren christlichen Berufung
  • die Trennung von der Welt, von allen, die böse sind und sich nicht von Bösem trennen
  • die Trennung von allem, was falsch und schriftwidrig ist und Christus, unseren wiederkommenden Herrn daher verunehrt.

Seine Person, sein Werk, sein Wort: Das war es, was am Anfang des 19. Jahrhunderts dazu führte, dass die wahren Gläubigen aufgeweckt wurden, um ihre wahre Stellung auch praktisch wieder einzunehmen. Nur auf diesem Weg kann man auch heute das praktisch verwirklichen, was am Anfang gelehrt und vorgelebt wurde.

Auch die törichten Jungfrauen wurden wach

In dieser Erweckungszeit wurde aber auch ganz allgemein religiöse Aktivität erweckt. Das ist das Erstaunliche an diesem Vers: Nicht nur die klugen Jungfrauen wachten auf, sondern auch die törichten. Es ist bereits auffallend, dass schon am Anfang alle 10 Jungfrauen ausgingen. Es ist ebenso bemerkenswert, dass alle 10 Jungfrauen einschliefen. Am eigentümlichsten ist jedoch, dass jetzt erneut alle 10 Jungfrauen aufwachen und ein weiteres Mal ausgehen. Das Geschrei im Zuge des Mitternachtsrufes ist offensichtlich laut genug, um Bekenner verschiedener Bereiche zu emsiger Tätigkeit anzuspornen. Wer könnte leugnen, dass genug törichte Menschen vom Kommen des Herrn gesprochen haben und sprechen? Durch viele Länder und Städte ging eine allgemeine geistige bzw. spirituelle Bewegung.

Was ist die Bedeutung dieser „Aufregung“? Menschen sind übereifrig für ihre religiösen Formen. Das hat oft überhaupt nichts mit wahrem Christentum zu tun. Die Törichten lassen keinen Stein liegen, ohne ihn umgedreht zu haben, um das zu bekommen, was sie nicht haben. Eines aber lehnen sie ab: den Weg Gottes zu gehen. Sie nehmen zwar viele Wege, aber den richtigen wollen sie bewusst nicht gehen. Der Schmuck kirchlicher Häuser, die fantastischen Kostüme der Geistlichen, der moderne Geschmack kirchlicher Musik – alles zeigt, dass die törichten Jungfrauen am Werk sind. Aber dadurch werden sie nicht passend, den Herrn zu treffen. Genau das fürchten sie selbst. Sie sind beunruhigt durch das Gerücht eines Rufes, den sie selbst nicht verstehen und richtig einordnen können.

Aktivität aber war nicht die einzige Folge des Mitternachtsrufs in der Christenheit. Auch die Erwartung des Kommens Jesu breitete sich mehr und mehr aus. Mehr denn je beschäftigte man sich in der Christenheit mit der Prophetie, übrigens bis heute. Und überall kann man hören, dass der Herr Jesus kommen wird. Das Ganze ist keineswegs auf die Kinder Gottes beschränkt.

In dieser Erweckungszeit des 19. Jahrhunderts und schon etwas früher finden wir daher nicht nur Evangelisten wie John Wesley (1703–1791), seinen Bruder, Charles Wesley (1707–1788) und George Whitefield (1714–1770). Diese ließen einen Weckruf durch die Welt hallen, dass man sich zu dem Herrn Jesus Christus bekehren muss. Man findet nicht nur Bibellehrer wie John Nelson Darby (1800–1822), Charles Henry Mackintosh (1820–1896), William Kelly (1821–1906), Carl Friedrich Wilhelm Brockhaus (1822–1899), und viele andere. Sie verkündeten auf der Grundlage der neutestamentlichen Wahrheit des Wortes Gottes das in der Schrift wiederentdeckte Wiederkommen des Herrn Jesus zur Entrückung. Es entstanden auch neue kirchliche Gruppen und Sekten, und die Kirchen entwickelten sich weiter. Beispiele sind die „Zeugen Jehovas“ (Charles Taze Russell, 1852–1916), Siebenten-Tags-Adventisten (Ellen Gould White, 1827–1915) und die Mormonen (Joseph Smith, 1805–1844). Bei allen diesen Sekten ging es nicht zuletzt um das Wiederkommen des Herrn, das teilweise auf den Tag vorhergesagt wurde und dann wieder einkassiert oder umgedeutet werden musste.

Der Mitternachtsruf führte also bei wahren und falschen Bekennern dazu, dass sich Christen von der Welt und christlichen Systemen trennten. Es war kein Ruf zum Mitteilen der Gnade, sondern einer, der das Bekenntnis testete. Und auch wenn es durch dieses göttliche Wirken zu einem wiederkehrenden Bewusstsein des Kommens Jesu kam, spricht der Ruf selbst nicht vom Kommen. Denn es heißt nicht: „Siehe, der Bräutigam kommt!“, sondern: „Siehe, der Bräutigam!“

Mit anderen Worten: Der Herr prüft unsere Herzen, nicht in erster Linie unsere Erkenntnis. Er möchte die Herzen und Gewissen der Christen erreichen. Deshalb spricht Er beim Mitternachtsruf nicht von seinem Kommen, sondern von seiner Person. Das Bewusstsein des Kommens des Herrn muss uns zu seiner Person führen. Ihn müssen wir wertschätzen. An seiner Person entscheidet sich letztlich alles. Der entscheidende Test ist: „Wie stehst du zu Jesus Christus?“ Wessen Herz nicht höher schlägt, wenn von Christus gesprochen wird, hat diesen Mitternachtsruf nicht verstanden, oder er hat eine falsche Haltung zu Christus.

Vom Ruf bis zum Kommen: eine Prüfungszeit

Nun ist dieser „Mitternachtsruf“ schon rund 200 Jahre alt. Aber der Herr Jesus ist noch immer nicht gekommen. Man mag sich fragen: Warum? Zwischen dem mitternächtlichen Rufen und der Ankunft des Bräutigams ist genug Zeit verflossen, um den moralischen Zustand der Einzelnen auf die Probe zu stellen. Und es sollte auch ausreichend Zeit sein, um umzukehren und von einem falschen Bekenner zu einem wahren zu werden. Dass Gott bis heute gewartet hat, ist somit erneut ein Beweis der Gnade Gottes für den Menschen. Er möchte nicht, dass irgendjemand verloren geht. Daher lässt Er den Menschen nach wie vor Zeit. Wie schon gesagt, versuchen Feinde Gottes auch im christlichen Bereich, diese Zeitspanne als Anklage gegen Gott zu benutzen. Davon spricht Petrus in 2. Petrus 3,4. Dort bestätigt der Geist Gottes noch einmal, dass Christus wirklich kommen wird. Dann wird es für diese Zweifler und Ungläubigen für immer zu spät sein.

Zum Schluss möchte ich noch auf eine falsche Zuordnung dieser Verse eingehen: Manche behaupten, dass sich dieser Mitternachtsruf auf den Ruf des Herrn bezöge, wie wir ihn in 1. Thessalonicher 4,13–18 finden. Aber das kann nicht stimmen, denn auch die törichten Jungfrauen machen sich ja nach diesem Ruf „auf den Weg“. Das wird jedoch am Tag der Entrückung nicht so sein. Auch wird es dabei eine Auferstehung aus den Toten geben (vgl. Phil 3,11; „die Toten in Christus“, 1. Thes 4,16). Das heißt, die ungläubig Verstorbenen werden in ihren Gräbern liegen bleiben!

Nein: Es war am Anfang des 19. Jahrhundert, dass dieser Ruf erscholl. Noch immer hören wir den Nachhall dieses Rufs: „Siehe, der Bräutigam.“ Der Feind möchte diese gesegnete Botschaft aus unserem Bewusstsein vertreiben. Er lässt behaupten, dass Gläubige wie John Nelson Darby diese Entrückungslehre erfunden hätten. Das aber ist nicht wahr. Wie wir sahen, hat der Apostel Paulus bereits in seinem ersten oder zweiten Brief von diesem Kommen Jesu geschrieben (1. Thes 4).

Verse 7–9: Der Unterschied zwischen Klugheit und Torheit wird offenbar

Zunächst weise ich noch einmal darauf hin, dass es sich am Ende des Gleichnisses um dieselben Jungfrauen handelt, die ursprünglich ausgingen. Das Ausbleiben des Bräutigams soll nicht den Eindruck erwecken, es müsse sich um Jahrhunderte handeln. Dasselbe Phänomen haben wir auch bei dem einen Knecht (Mt 24,45 ff.) und bei den Dienern des dritten Gleichnisses. Daher heißt es auch später in den Briefen des Neuen Testaments: „Wir, die Lebenden, die übrig bleiben“ (1. Thes 4,17). Paulus ging ursprünglich nicht davon aus, dass er die Entrückung nicht erleben würde.

In ähnlicher Weise benutzt der Geist Gottes in Offenbarung 2 und 3 auch damals real existierende Versammlungen, wenn Er die Kirchengeschichte vorstellt. Die Beschreibung ist bewusst so gewählt worden und auf den ersten Blick nicht als Beschreibung von Zuständen verschiedener Zeitepochen erkennbar. Der Abschluss der christlichen Zeit konnte und kann jederzeit sein. Im Nachhinein wissen wir, dass nun schon 2.000 Jahre vergangen sind. Gott hat das aber nicht ausdrücklich in seinem Wort niedergelegt. Denn Er will die Erwartung der Seinen zu jeder Zeit lebendig halten. Wenn Er noch nicht gekommen ist, dann aus Gnade. Aber wir wissen nicht, wie lange das Kommen des Herrn noch ausbleibt. Wir sollten Ihn täglich erwarten. Er kann heute noch kommen.

Wir sehen in diesen Versen, dass der Mitternachtsruf den wahren Zustand der törichten und klugen Jungfrauen offenbart. Die törichten werden durch diesen Ruf beunruhigt. Die klugen dagegen werden angespornt, sofort wieder hinauszugehen, um auf die Rückkehr des Bräutigams zu warten. Beide Gruppen unterscheiden sich somit nicht in der Erwartungshaltung des Kommens des Herrn. Die Andersartigkeit liegt im Besitz oder Fehlen des Öls. Die klugen Frauen besaßen den Heiligen Geist und die Salbung vom Heiligen (1. Joh 2,20), die törichten nicht. Alle bekannten Christus. Aber nur wenige besaßen Christus. Jetzt würde sich erweisen, wer den Heiligen Geist wirklich besitzt und wer nicht: „Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn nämlich Gottes Geist in euch wohnt. Wenn aber jemand Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein“ (Röm 8,9).

Es reicht eben nicht aus, die Lampen zu schmücken. Das taten alle 10 Jungfrauen. Die Lampen mögen sehr attraktiv aussehen. Darum geht es Gott aber nicht. Entscheidend ist, ob die Lampen Licht produzieren (können). Und dafür brauchen sie Öl, geistlicherweise den Heiligen Geist. Diejenigen, in denen der Geist Gottes wohnt, werden von Ihm und der Liebe zu seiner Erscheinung angezogen. Denn es ist der Geist in ihnen, der rufen lässt: „Komm!“ (Off 22,17). Die anderen dagegen sind reine Bekenner und töricht. Sie mögen wissen, dass Christus kommt. Aber sie sind nicht darauf vorbereitet. Ihr Inneres bleibt kalt, wenn sie von dem Kommen Jesu hören. Sie kennen Ihn nämlich gar nicht in ihren Herzen.

Unter dem Schmücken müssen wir verstehen, dass sich die Christen bereitmachen, um geistlicherweise für die Begegnung mit dem Bräutigam gerüstet zu sein. Wir müssen allerdings bedenken, dass das Schmücken bei den beiden Gruppen nicht dasselbe bedeutet. Die wahren Christen wurden sich durch den Mitternachtsruf wieder ihrer eigentlichen himmlischen Berufung bewusst. Sie wünschten daher, ihre Stellung auch praktisch zu verwirklichen.

Die ungläubigen Christen dagegen entfalteten von da an zwar eine rege Tätigkeit auf politischem, kulturellem und vor allem auf sozialem Gebiet, teilweise sogar im religiösem Bereich. Beispiele dazu sind die Friedensbewegungen, das Engagement auf dem Gebiet von Ökologie und Nachhaltigkeit sowie Initiativen für das soziale Netz der Menschen. Auch theologische Anstrengungen sind hier zu nennen. Aber die ungläubigen Christen verkennen, dass sie durch diese Bemühungen nicht passend werden für die Begegnung mit Christus.

Um für den Bräutigam passend zu sein ist es nötig, dass die Lampen brennen. Das heißt, diese müssen brennen, bevor der Bräutigam kommt. Sonst gibt es keinen Zutritt zur Hochzeit, keinen Eingang ins ewige Reich (vgl. 2. Pet 1,11). Dies ist aber ausschließlich eine Frage des Öls. Oder anders ausgedrückt: Was für eine Beziehung hat man zu Jesus Christus? Ist man weise geworden zur Errettung durch den Glauben (2. Tim 3,15)? Dann gehört man zu den klugen Jungfrauen und besitzt den Heiligen Geist.

So führt der Mitternachtsruf zu einer zweifachen Aktivität: Der Herr erweckt diejenigen, die Ihn kennen und die durch seine Gnade weise gemacht sind, den Bräutigam zu treffen. Die anderen, sind nicht weniger mächtig und aktiv. Aber sie gehen ihren eigenen Weg. Sie werden zwar durch den Ruf und seine Folgen beeinflusst, sind aber nicht in der Lage, sich über das Natürliche und Irdische zu erheben. Sie kennen die Gnade Gottes nicht. Sie mögen sehr ernsthaft sein. Aber sie wollen es nicht wahrhaben, dass sie weit von Gott entfernt sind. Tot in Sünden und Vergehungen ist ihr Zustand. Sie hoffen und denken, dass ihre Ernsthaftigkeit und ihre „guten Werke“ am Ende ausreichen und von Gott akzeptiert werden. Was für eine Täuschung!

Vers 8: Der Mangel an Öl – kein Leben aus Gott

Dem achten Vers können wir entnehmen, dass sich die törichten Jungfrauen ihres Mangels bewusst werden. Sie erkennen, dass sie kein Öl haben. Deshalb wenden sie sich an die klugen, um von diesen Öl zu erhalten. Bei dem Überdenken dieses Verses ist es wichtig zu verstehen, dass das Gleichnis nicht mehrere Gedankenlinien nebeneinander verfolgt. Das muss grundsätzlich bedacht werden, wenn man Gleichnisse richtig verstehen will.

Natürlich ist es grundsätzlich richtig, dass sich Ungläubige an wahre Christen wenden, um Errettung von ihren Sünden zu erfahren. Es ist richtig, Gläubige zu fragen, was man tun muss, um gerettet zu werden (vgl. Apg 16,30). Aber man kann nicht von ihnen das notwendige „Öl“ bekommen. Den Heiligen Geist und das neue Leben gibt allein Gott.

Auch können Menschen seit dem 19. Jahrhundert natürlich noch Öl kaufen und sich retten lassen. Das Warten des Herrn, bis Er wirklich kommt, ist ja gerade ein Beweis dafür, dass Er diese Gnade noch schenken möchte. Aber darum geht es dem Herrn in diesem Gleichnis eben nicht! Es ist auch nicht Thema dieser Verse, dass etwa nur hingebungsvolle und wachsame Gläubige dem Herrn, wenn Er kommt, entgegengehen werden. Dann würde wohl kaum einer in den Himmel kommen.

Nein, der in diesem Gleichnis wesentliche Punkt ist die Art und Weise, wie das Kommen des Herrn eine vollständig Trennung herbeiführen wird. Diese Scheidung findet statt zwischen solchen, die wirklich des Herrn sind, und solchen, die es nicht sind. Der wesentliche Punkt ist die Unterscheidung, die im Bereich des Bekenntnisses gemacht wird.

Alle Christen „tragen“ mehr oder wenige das Zeugnis der christlichen Wahrheit, auch wenn es bei manchen nur äußerlich sein mag. Die törichten Jungrauen hatten ebenso Lampen wie die klugen. Das Bekenntnis allein aber reicht nicht aus, um für die Person des Bräutigams zu leuchten. Denn sein Kommen zeigt auf tragische Weise, dass ein Bekenntnis als solches letztlich nicht besser ist als die schlimmste (moralische) Finsternis. Das, was dem Bekenntnis seinen wahren Wert gibt, ist das Leben, das es begleitet. Öl ist, wie wir gesehen haben, zunächst ein Bild des Heiligen Geistes. Aber das Leben und der Geist sind untrennbar miteinander verbunden. Nur zusammen bilden das Bekenntnis und das Leben ein wahres Zeugnis. Gott wünscht, dass wir Ihn auf der Erde bekennen. Aber es muss ein echtes Bekenntnis sein.

Es ist ein verhängnisvoller Gedanke und Torheit zu glauben, den Bräutigam am Tag der Hochzeit nur mit einem Anschein von Wirklichkeit begleiten zu können. Nur die Lampe zusammen mit Öl gibt die Berechtigung, Ihn geleiten zu dürfen. Daher ist es entscheidend, Öl zu besitzen. Denn die ganze Maschinerie von Religion und religiösen Bemühungen hat noch nie Öl produziert. Das ist ein Werk Gottes der Gnade, das auf die neue Geburt folgt. Man kann es nicht durch Anstrengungen kaufen, sondern nur nach einer echten Bekehrung als Geschenk Gottes erhalten.

Kann man ewiges Leben wieder verlieren?

In Verbindung mit dem achten Vers kann noch eine Frage aufkommen: Wie ist es möglich, dass die Lampen der Törichten „erlöschen“, wenn sie doch gar kein Öl hatten? Müssen sie dann nicht zuvor geleuchtet haben? Offensichtlich ist das so.

Eine Antwort könnte sein, dass ein Docht tatsächlich für einen kurzen Moment auch ohne Öl brennen kann. Dann wäre dieses Leuchten das aufflackernde Bekenntnis von Christen, das aber sehr schnell wieder erlischt, weil kein wahres Leben dahinter steht. Offensichtlich geht es dem Herrn aber nicht um die Frage, ob der Docht einmal geflackert hat.

Denn wir müssen bedenken, dass wir Gleichnisse nicht überfrachten dürfen. Gleichnisse haben die „Eigenart“, eine Linie zu verfolgen. Die Botschaft ist: Die törichten Jungfrauen nahmen kein Öl mit. So heißt es ausdrücklich. Es geht nicht um die Frage, ob sie möglicherweise in der Lage gewesen wären, für kurze Zeit ihre Lampen zu benutzen. Die Törichten hatten schlicht überhaupt kein Öl. Dem Herrn geht es, wie wir in Verbindung mit Vers 1 gesehen haben, um den Zustand der Christen bei seinem Kommen. Daher ist entscheidend, ob beim Kommen des Herrn Öl vorhanden war. Das war es bei den Törichten offensichtlich nicht. Das war ihr großes Manko.

Diese Verse zeigen also nicht, dass Gläubige doch wieder verloren gehen können. Nein, diese Lehre findet man nicht in Gottes Wort. Es geht um falsche Bekenner, die von Anfang an Ungläubige waren, auch wenn sie sich zu Christus bekennen.

Nur Gott kann Leben schenken

Die Törichten stellen fest, dass sie kein Öl besitzen. Daraufhin gehen sie auf die Klugen zu, um von diesen Öl zu erhalten. Die Klugen aber antworten: „Keineswegs, damit es nicht etwa für uns und euch nicht ausreiche; geht lieber hin zu den Verkäufern und kauft für euch selbst“ (Vers 9). Wie oben schon angedeutet, haben Gläubige bis zum Wiederkommen des Herr Jesus eine Botschaft an ungläubige Bekenner, können diesen aber kein Leben aus Gott vermitteln. Das kann nur Gott selbst. Die Seele des Menschen hat es mit Gott zu tun, nicht mit anderen Christen, mögen sie auch echte Bekenner sein. Die Klugen haben Öl, aber es ist ihnen unmöglich, den anderen etwas davon abzugeben. Menschen können anderen Menschen kein Heil in Christus schenken. Das steht in Übereinstimmung mit den Worten des Psalmisten in Psalm 49,8.9: „Keineswegs vermag jemand seinen Bruder zu erlösen, nicht kann er Gott sein Lösegeld geben (denn kostbar ist die Erlösung ihrer Seele, und er muss davon abstehen auf ewig).“

Daher muss man zu Gott und nicht zu Menschen kommen, um von Ihm Leben zu erhalten. Er gibt dieses sogar umsonst, wenn man sich vor Ihm beugt und Ihm die Sünden bekennt: „He, ihr Durstigen, alle, kommt zu den Wassern! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft ein und esst! Ja kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch!“ (Jes 55,1). Auf diese einzige Hilfsquelle weisen die Gläubigen also hin. Es sollte jedem klar sein, dass man das Heil in Christus nicht für Geld kaufen kann (vgl. Apg 8,20).

In manchen Kirchen und Sekten wird der Eindruck vermittelt, man könnte sich durch das Halten bestimmter Sakramente oder durch das Geben von Geld Rettung verschaffen. Das aber ist eine böse Irrlehre. Doch bis zum Ende gilt: „Wen dürstet, der komme; wer will, nehme das Wasser des Lebens umsonst!“ (Off 22,17). Nicht von ungefähr finden wir diesen letzten Appell an Sünder auf der letzten Seite des Wortes Gottes! Wunderbare Gnade, dass das Heil noch bis zum Ende angeboten wird. Der Herr hätte sein Angebot auch zurückziehen können. Er hat es nicht getan!

Es war schon immer so: Zuerst warnt Gott (z. B. durch Noah, durch Mose und durch viele andere Propheten), bevor Er dann – manchmal erst nach vielen Jahren – das Gericht ausführt. Aber das Gericht kommt bestimmt!

Dieses Gleichnis zeigt nun, dass es ein „Zu spät“ geben wird. Wenn Christen in ihrem Eigenwillen verharren und nicht bereit sind, sich zu Gott zu bekehren, ist es irgendwann zu spät. Dieses „Zu spät“ kann eintreffen, indem das irdische Leben eines Menschen zu Ende geht. Wir alle kennen Beispiele, wo Menschen durch Krankheit oder Unfall mitten aus dem Leben gerissen werden. Die Zeit kann aber auch ablaufen, weil der Herr Jesus wiederkommt – dann ist es für Menschen, die sich nicht bekehrt haben, für immer zu spät. Sehr tragisch ist es, wenn die Gnadenzeit für einen Menschen schon während seines Lebens abgelaufen ist, weil er sich bewusst und dauerhaft gegen Gott und seinen Christus gestellt hat. Wir kennen das Beispiel des Pharao. Er hatte etliche Male sein Herz gegen Gott und sein Wort verhärtet. Eines Tages hat dann Gott sein Herz verhärtet.

Was die törichten Jungfrauen betrifft, lesen wir, dass sie hingehen, um Öl zu kaufen (Vers 10) – doch es ist bereits zu spät! Man hat den Eindruck, dass der Hinweis, der Bräutigam kommt, bei ihnen zu großer Aktivität führt – aber zur falschen. Sie bekehren sich nicht, sondern suchen auf eigene Weise, ihr Problem zu lösen.

Aus den Worten, dass sie versuchen, Öl zu kaufen, darf man nicht zum Fehlschluss kommen, sie wollten sich doch noch bekehren, aber kämen gewissermaßen ein paar Sekunden zu spät. Tatsächlich hätten sie sich ein Leben lang bekehren können. Aber sie haben nicht gewollt! Daher darf man nicht meinen, mit dem Kommen des Herrn würden Menschen auf einmal doch noch „wollen“. Nein, sie haben nie gewollt und werden sich auch dann nicht bekehren wollen. Stattdessen verfallen sie in religiöse Überlegungen – das ist ihre Überzeugung, wie man Öl kaufen kann. Aber es ist nicht Gottes Weg, den sie einschlagen. Der Apostel Paulus lehrt uns im Übrigen, dass Christen, die sich vor dem Kommen des Herrn nicht bekehrt haben, einen Geist des Irrwahns erhalten (2. Thes 2,11). Sie können nicht mehr, aber sie wollen auch nicht.

Es ist im Übrigen auffallend, dass der Herr in den Versen 10 und 11 die Beschreibung der Jungfrauen verändert. Das, was im Leben klug und töricht war in Bezug auf das Kommen des Bräutigams, wird in Verbindung mit seinem Kommen anders genannt. Jetzt ist die Frage, ob sie bereit sind oder nicht.

Diejenigen, die nicht bereit waren, weil sie kein Öl und damit keine Beziehung zum Bräutigam hatten, werden nur noch „die übrigen Jungfrauen“ genannt. Jetzt ist es zu spät, sich noch zuzubereiten. Sie sind jetzt solche, die unbekannt sind und bleiben, die „Übrigen“.

Dass der Herr hier nicht (mehr) von klugen Jungfrauen spricht, sondern von solchen, „die bereit waren“, lässt vielleicht den Gedanken offen, dass es doch noch solche geben mag, die ganz zum Schluss erfasst haben, dass sie sich bekehren und Jesus Christus als Retter annehmen müssen. So haben sie doch noch rechtzeitig bei Ihm das Öl „umsonst“ gekauft. Gott sei Dank! Er ist ein Retter-Gott, der nicht will, dass irgendjemand verloren geht, sondern dass alle zur Buße kommen (2. Pet 3,9). Dieser Weg der Gnade wird aber in diesen Versen höchstens angedeutet, denn wir lesen nichts davon, dass aus törichten Jungfrauen kluge werden. Das geht schon über die Auslegung dieses Gleichnisses hinaus. Der Herr spricht hier einfach von diesen zwei Gruppen und ihren Merkmalen.

Wir lernen hier vor allem: Im Sinne des Gleichnisses gibt es für reine Bekenner einen Zeitpunkt, zu dem für sie keine Möglichkeit mehr besteht, Öl oder ewiges Leben zu empfangen. Diese Verse behandeln die Bekehrung gar nicht. Von dem Versuch, Öl zu kaufen, ist nur deshalb die Rede, um zu zeigen, dass die rechte Zeit abgelaufen war.

Verse 10–12: Der Bräutigam kommt

In diesem Vers lesen wir, dass der Bräutigam kommt. Bevor wir uns damit beschäftigen, möchte ich den Ernst dieser Verse noch einmal unterstreichen: Wir haben gesehen, dass der Mitternachtsruf bereits erfolgt ist. Dadurch ist ein letzter Appell der Gnade Gottes an das Ohr der Christen gedrungen. Einen weiteren, allgemeinen Ruf, einen zweiten „Mitternachtsruf“, wird es nicht geben.

Es ist Tatsache, dass viele besonders kraftvolle Gaben des Anfangs heute nicht mehr vorhanden sind. Dadurch ist das wahre Christentum für die Augen der Mitmenschen nicht mehr so beeindruckend. Aber alles, was der Auferbauung der Versammlung dient und was im Wesen das Christentum ausmacht, ist bis heute vorhanden. So ist es eine Frage des Herzens, wer diesem Mitternachtsruf Folge leistet, nicht allein äußerlich, sondern vor allem innerlich. Denn auch wenn dieser Ruf nur einmal erfolgte, so kann man ihn in Gottes Wort und durch seine Diener bis heute noch nachlesen und hören. Aber wer nicht hören will, muss die Konsequenzen in Ewigkeit tragen.

Was für ein Augenblick wird uns nun in Vers 10 beschrieben! Während die törichten Jungfrauen weggehen, um Öl zu kaufen, kommt der Bräutigam. Dieses Kommen spricht nicht von Gericht. Es bringt den klugen Jungfrauen die Freude der Hochzeit. Es ist wahr, dass diese Freude mit einer furchtbaren Konsequenz verbunden ist für solche, die nicht an dieser Hochzeitsfreude teilhaben. Aber selbst ihnen gegenüber finden wir hier nicht den Vollzug des Gerichts, sondern nur einen Urteilsspruch. Und dieser folgt erst, als die Törichten zur Tür des Hochzeitssaals kommen. Dieser zunächst freudige Charakter wird dadurch unterstrichen, dass nicht der Herr kommt, sondern der Bräutigam.

Der Bräutigam kommt! Was für ein Akt göttlicher Barmherzigkeit. Auch die Christen, die heute meinen, sie müssten durch die Drangsalszeit gehen, werden als Kluge zu diesem Hochzeitsfest eingehen. Denn Gott behandelt uns dann nicht nach dem, was wir in unserem schwachen und oft eigenwilligen Kleinglauben meinen. Er handelt nach seiner unfassbar großen Barmherzigkeit. Alle erlösten Christen gehen mit Christus ins 1.000-jährige Friedensreich ein. Was für eine Freude für diejenigen, die an der Hochzeitsfreude des Bräutigams Anteil nehmen dürfen! Wir werden mit Ihm leben (1. Thes 5,10). Es wird dann kein „Hinausgehen“ mehr geben (Off 3,12). Wir sind für immer bei Christus.

Die Hochzeit selbst wird allerdings nicht weiter beschrieben. Denn darum geht es in diesem Gleichnis nicht. Stattdessen geht es besonders um unsere Verantwortung als Christen. Die Hochzeit ist der Ausdruck von Freude. Diese wird erwähnt, steht aber nicht im Mittelpunkt. Als erlöste Christen bilden wir die Braut Christi. Soweit aber geht dieses Gleichnis nicht. Es zeigt, dass die klugen Jungfrauen zur Hochzeit eingehen, und stellt dann das Urteil des Bräutigams über die törichten Jungfrauen vor.

Die geschlossene Tür – draußen!

Alle törichten Jungfrauen standen vor der verschlossenen Tür. Das heißt für uns heute: Jeder, der Jesus Christus nur als Christ im Namen trägt, sich aber nicht bekehrt hat, muss draußen bleiben. Das bedeutet in letzter Konsequenz Gericht. Und es ist endgültig. Denn es gibt keine zweite Chance, durch die Hochzeitstür einzugehen. In Offenbarung 4,1 wird für die Gläubigen die Tür zum Himmel sozusagen geöffnet. Hier jedoch wird die Tür zum Hochzeitssaal des Bräutigams geschlossen. Was für ein ernster Augenblick! Er erinnert uns daran, dass schon einmal eine Tür verschlossen wurde, und zwar durch Gott selbst. Nachdem Noah mit seiner Familie in die Arche gegangen war, schloss Gott die Tür zu. Keiner konnte mehr in die Arche hineingehen (vgl. 1. Mo 7,16). Für die Zeitgenossen Noahs wurde Gott zum Richter, für die ungläubigen Christen wird der Herr Jesus, der Sohn des Menschen, zum Richter. Er ist der Bräutigam für die Erlösten, aber der Richter für solche, die nur Bekenner waren.

In diesem Gleichnis wird weder das Gericht der Ungläubigen noch die Glückseligkeit der Erlösten beschrieben. Die Frage ist hier: Wer geht mit Ihm, wer ist bei Ihm? Im ersten Gleichnis ging es um die Rückkehr des Herrn auf die Erde und um eine persönliche Belohnung bzw. individuelles Gericht. Das ist dort die Folge des Verhaltens im Königreich während der Abwesenheit des Königs. In unserem Gleichnis sehen wir, dass diejenigen, die kein Öl haben, nicht zur Hochzeit eingehen dürfen. Die Klugen dagegen erhalten eine gemeinsame Segnung durch Christus. Sie gehen mit dem Bräutigam zur Hochzeit ein. Das Kommen des Bräutigams bildet die Erwartung ihres Herzens, und wenn Er kommt, gehen sie mit Ihm in die Glückseligkeit.

Der elfte Vers zeigt uns, dass auch die übrigen fünf Jungfrauen, die törichten, zum Hochzeitssaal kommen. Sie sind die einzigen, die den Bräutigam in diesem Gleichnis als Herrn ansprechen. Das tun sie sogar in gesteigerter Weise, zweimal: „Herr, Herr, tu uns auf!“ Sie geben vor, mit Christus eine Beziehung zu besitzen. Aber es reicht eben nicht aus, das zu sagen. Es muss auch stimmen. Doch ihr Bekenntnis ist nicht wahr. So müssen sie das erleben, was der Herr Jesus schon in der Bergpredigt von Menschen sagen musste, die Ihn ebenfalls zweimal mit Herr ansprechen. Es sind Christen, die sogar in seinem Namen Dämonen ausgetrieben haben. Dort wie auch hier ist seine Antwort: „Ich habe euch niemals gekannt“ (vgl. Mt 7,21–23).

Es ist nicht nur so, dass Er diese Törichten in diesem Augenblick nicht kennen würde. Er hat sie noch nie gekannt. Von wahren Gläubigen lesen wir: „Der Herr kennt, die sein sind“ (2. Tim 2,19). In Matthäus 25 und in Matthäus 7 geht es jedoch um Menschen, die vorgeben, Ihn zu kennen und von Ihm gekannt zu sein. Sie haben allerdings versäumt, diese Beziehung in der Realität einzugehen. Zu ihnen kann der Herr nicht sagen: „Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen“ (Joh 10,14). Er hat nie eine Beziehung mit ihnen gehabt – und sie nie mit Ihm.

Dass die Tür geschlossen wird, besiegelt ihre Zurückweisung. Die Törichten sind nicht ein Bild von Rückfälligen, die den Herrn einst kannten und auch von Ihm gekannt waren. Es sind keine Menschen, die sich einmal bekehrt haben und dann irgendwann vom Glauben abgefallen wären. Das finden wir im Blick auf Personen an keiner Stelle in Gottes Wort. Auch Hebräer 6 und 11 sprechen nicht von Kindern Gottes, die abgefallen sind. Dort sind es – wie in Matthäus 25 – Namenschristen, die sich irgendwann wieder von dem christlichen Zeugnis abwenden. Nein, Christus kannte sie nie und auch jetzt nicht.

Es geht also nicht darum, dass beim Kommen des Herrn wahre Christen auf der Erde zurückgelassen werden, weil sie nicht treu genug waren. Alle, die des Christus sind bei seinem Kommen (1. Kor 15,23), nicht einige, die besonders treu waren, werden auferstehen. Sie alle werden das Königreich erben, wenn der Herr Jesus regieren wird. Alle Gläubigen werden in seiner Gegenwart sein. Viele Stellen machen diesen Punkt sehr klar (vgl. z.B. Joh 17,24; Röm 5,17; 1. Kor 15,23; 1. Thes 4,17; Off 22,5).

Der Bräutigam weigert sich, die Törichten anzuerkennen. Was haben sie auch bei Ihm zu suchen? Der Dienst der Jungfrauen bestand darin, für das Fest mit ihren Lampen zu leuchten. Sie haben das aber nicht getan. Was für ein Anrecht haben sie also auf das Fest? Das, was ihnen dort einen Platz verschafft hätte, haben sie unterlassen. Dabei müssen wir berücksichtigen, dass dieses Gleichnis eine Bildersprache darstellt. Wir dürfen uns nicht vorstellen, dass alles buchstäblich so passieren wird. Das Erschrecken und die Ernüchterung dieser ungläubigen Christen allerdings müssen furchtbar sein.

Vers 13: Aufforderung zum Wachen

Der Schlussvers dieses Abschnitts fasst die Botschaft des Gleichnisses noch einmal zusammen und wendet das Gleichnis auf uns an: „Wacht also, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ Wir wissen nicht, wann der Herr Jesus wiederkommen wird. Eines wissen wir allerdings: Er kommt wieder! Daher sollen wir ein Leben führen, bei dem wir sein Kommen täglich erwarten. So lässt der Herr seine prophetische Belehrung immer wieder auf unsere Lebenshaltung und -führung einwirken. Er gibt uns kein Licht über die kommenden Ereignisse, damit unsere Neugierde befriedigt wird. Er möchte durch diese Weissagungen unser Leben prägen.

Wie verhängnisvoll ist es, mit der uns zur Verfügung stehenden Zeit zu spielen. Wir wissen nicht, wie lange die Frist ist, die noch zur Verfügung steht. Die Zeit der Gnade geht ihrem Ende entgegen, objektiv und subjektiv. Das heißt, wir wissen, dass wir (objektiv) am Ende der Gnadenzeit leben. Aber auch unser Leben wird – früher oder später – (subjektiv) zu Ende sein. Der Ruf, „siehe der Bräutigam“, ist schon 180 Jahre alt. Sein Kommen steht nahe bevor.

Es fällt auf, dass der Herr hier nicht ermahnt: „Besorgt euch rechtzeitig Öl!“ Das hätten wir eigentlich als Schlussfolgerung erwartet. Aber der Herr ruft zum Wachen auf, nicht zur Bekehrung. Für die Ungläubigen beinhaltet der Appell des Wachens zweifellos den Aufruf zur Bekehrung. Aber durch die Ermahnung des Herrn, zu wachen, können wir uns als erlöste Christen nicht zurücklehnen und sagen: „Wir haben ja Öl, also betrifft uns die Botschaft dieses Gleichnisses nicht.“ Nein, der Herr erreicht mit diesen Versen Gläubige und Ungläubige. Jeder muss sich fragen: Ist mein Leben auf Christus und sein Kommen ausgerichtet. Für den Ungläubigen bedeutet das: Bekehre dich! Für den Gläubigen heißt das: Ist der Herr Jesus das Zentrum deiner Gedanken und Zuneigungen?

Schlussgedanken

Der Herr Jesus wird hier übrigens nicht Sohn des Menschen genannt, wie Er als Richter, der auf die Erde kommt, immer wieder bezeichnet wird. In Kapitel 24,44 kommt Er so für die Juden. Aber hier geht es um sein Kommen für Christen. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass wir keine Beschreibung des Gerichts finden, das über die törichten Jungfrauen kommen wird. Es wird kommen, aber der Herr nennt es hier nicht. Die Ausführung des Gerichts hat nichts mit dem Bräutigam zu tun, auch wenn der Richter niemand anderes ist als dieser Bräutigam, Jesus Christus. Dennoch kann der Geist Gottes auch in diesem Gleichnis nicht verschweigen, dass die Tür zugeschlossen wird.

Der im Textus Receptus zu findende Passus, nach der sich die Schlachter-Übersetzung (Edition 2000; ebenfalls die King James Version im Englischen) an dieser Stelle richtet, ist nicht ursprünglich. Diese Schlussworte: „Ihr wisst weder den Tag noch die Stunde, in welcher der Sohn des Menschen kommen wird“, sind sicher mit guter Absicht von Abschreibern des Originaltextes eingefügt worden. Vermutlich haben sie diese vermisst, weil das Kommen des Herrn immer wieder mit seinem Titel als Sohn des Menschen verbunden wird (24,44; 25,31). Die Betrachtung des Gleichnisses der zehn Jungrauen hat jedoch deutlich gemacht, dass es hier nicht um den Sohn des Menschen geht. Beispielsweise wird in unserem Gleichnis das Gericht nicht erwähnt. Daher hat der Herr Jesus diesen Satzteil nicht in diesem Gleichnis aufgenommen. Abgesehen davon hat die Aussage Christi ohne diesen Zusatz eine noch stärkere Wirkung. – Wie erkennen wir daraus, dass jede menschliche Hinzufügung den Sinn, den der Geist Gottes geben möchte, zerstört.

Was das Gleichnis nicht lehrt

Bevor wir zum nächsten Gleichnis übergehen, muss ich abschließend noch auf irreführende Auslegungen zu diesem Gleichnis eingehen, die unter Christen kursieren. Dadurch haben sich manche aufrichtige Christen verwirren lassen und sind in innere Nöte gekommen.

Manche haben das „dann“ in Vers 1 auf die Zeit des jüdischen Überrestes bezogen. Daraus zogen sie die Schlussfolgerung, dass auch die wahren Christen durch die jüdische Drangsalszeit hindurchgehen müssten, die in Matthäus 24,15–44 thematisiert wird. Das wäre tatsächlich denkbar gewesen, wenn dieses „dann“ in Vers 45 gestanden hätte. Da aber das Gleichnis der Jungfrauen auf das Gleichnis des treuen und bösen Knechtes folgt, ist diese Überlegung verkehrt. Es wird deutlich, dass sich dieses „dann“ auf die Zeit beziehen muss, von der im ersten Gleichnis die Rede ist. Mit anderen Worten: Auch das Gleichnis der Jungfrauen lehrt nicht, was an keiner Stelle der Schrift zu finden ist, dass die Versammlung durch die Drangsalszeit gehen müsse. Ich komme auf diesen Punkt am Ende von Kapitel 25 noch einmal zurück.

Man kann die fünf weisen Jungfrauen auch nicht auf den jüdischen Überrest künftiger Tage beziehen, die fünf törichten im Unterschied dazu auf das ungläubige Israel. Die Begründung für diese Unmöglichkeit liegt im Einschlafen aller 10 Jungfrauen, wie wir Vers 5 entnehmen können. In den sieben Drangsalsjahren kann von einem Einschlafen der gläubigen Juden keine Rede sein. Denn diese werden das Evangelium des Königreichs in dieser kurzen Zeit auf der ganzen Erde verkündigen (vgl. Mt 24,14). Zum Einschlafen haben sie keine Zeit! Und würden sie einschlafen, wäre es für sie unmöglich, das Evangelium in dieser kurzen Zeit in der ganzen Welt zu verkündigen. Die fünf klugen Jungfrauen werden auch nicht gerufen, um aus ihren Umständen oder aus ihrer Umgebung herauszugehen. Es ist umgekehrt: Christus wird zu ihnen kommen.

Wir können übrigens leicht erkennen, dass es sich bei diesem Gleichnis nicht um Juden handeln kann. Eine wichtige Rolle in diesem Gleichnis spielt das Öl in den Gefäßen, das im Wort Gottes immer wieder mit dem Heiligen Geist verbunden wird. Aber der Geist Gottes wohnte nicht in den Juden (und wird es auch in der Zukunft nicht tun), während wir im Neuen Testament immer wieder lesen, dass Gottes Geist in uns wohnt (vgl. 1. Kor 6,19). Dass Er nicht in Juden wohnt, ist im Gegensatz zur heutigen Zeit kein Zeichen von Torheit, sondern galt für gläubige Juden genauso wie für ungläubige. Denn diese Segnung ist den Erlösten der heutigen Zeit vorbehalten.

Im Blick auf den gläubigen Überrest aus den Juden finden wir keinen einzigen Hinweis, dass der Geist Gottes in ihnen wohnt. Für sie gilt, dass der Geist Gottes über das Volk insgesamt ausgegossen werden wird (vgl. Joel 3,1). Die Juden werden im Übrigen in der künftigen Drangsalszeit auch nicht der Versuchung des Schlafes ausgesetzt sein (Mt 25,5). Im Gegenteil, wir lesen in Kapitel 24, dass sie in Windeseile innerhalb der sieben Drangsalsjahre das Evangelium des Reiches allen Nationen verkündigen werden.

Genauso verkehrt ist es, die fünf weisen Jungrauen als Symbol für mit dem Geist Gottes erfüllte Gläubige zu sehen. Manche meinen, sie erreichten einen höheren Stand an Heiligkeit, da sie sich dem Geist ganz übergeben und sich von der Welt in einem spirituellen Sinn getrennt haben. Nach dieser Auslegung sind die törichten Jungrauen zwar Gläubige, aber solche, die nicht das „höhere Leben“ besitzen. Jeder Bibelleser merkt sofort, dass diese Bezeichnung ein unschriftgemäßer Ausdruck ist. Als Begründung für diese Interpretation wird Psalm 45 zitiert, die Braut und die Jungfrauen (Verse 10 und 15). Aber in diesem Psalm geht es um Israel und die Nationen, nicht um geistliche und ungeistliche Gläubige. Von Christen ist im Alten Testament ohnehin keine Rede, und von einem höheren Leben ebenfalls nichts.

Mit einer solchen Auslegung würde das Werk der Gnade Gottes im Menschen geschmälert und zerstört. Dieses ist allein von Gott abhängig und in keiner Weise von uns. Man versucht mit dieser Auslegung, eine vollkommen unnatürliche Unterscheidung in Psalm 45 zu erzeugen. Die erste Gruppe der klugen Jungfrauen gehörte dann zu den Erstlingen der Gnade. Die törichten Jungfrauen dagegen wären dann „nur“ Gläubige, die zwar gerechtfertigt worden seien, aber eben nicht mehr als das. Sie müssten daher durch die Drangsal hindurchgehen. Diese Auslegung kann nicht stimmen, denn der Herr sagt zu dieser zweiten Gruppe, die angeblich aus schwachen Gläubige besteht: Ich kenne euch nicht. Das ist vollkommen abwegig im Blick auf Erlöste.

Wir wollen uns nicht weiter mit diesen falschen Überlegungen beschäftigen. Weil sie aber so weit verbreitet sind, erscheint es nötig, kurz darauf einzugehen. Nein, in diesem Gleichnis geht es um christliche Bekenner. Sie umfassen wahre, das heißt von neuem geborene Christen genauso wie falsche. Diese nennen sich zwar Christen, in Wirklichkeit aber sind sie nie vor dem Herrn Jesus Christus niedergefallen.

Die entscheidende Frage, die der Herr in diesem Gleichnis stellt, ist: Wer ist bereit für die Ankunft des Bräutigams? Dieser Herausforderung wollen wir uns heute immer noch stellen.

Das Gleichnis von den Talenten (Mt 25,14–30)

Jetzt kommen wir zum dritten und letzten Gleichnis, das die christliche Zeitepoche betrifft. Im Gleichnis der zehn Jungfrauen standen besonders die Seelenzustände der Einzelnen im Blickfeld: Ist das Bekenntnis echt oder unecht? Nun geht es wie im ersten Gleichnis um Dienst. Dazu geht der Herr von dem Punkt der Wachsamkeit aus, der das vorige Gleichnis beendete. Sein Kommen wird alle seine Knechte einer Erprobung unterziehen. Er wird sie fragen, was sie in der Zeit seiner Abwesenheit gemacht haben. Die unnützen Knechte sind letzten Endes ungläubige Menschen. Sie werden hinausgeworfen werden.

Bei allen drei Gleichnissen über die christliche Zeit wird Christus als abwesend gezeigt. Im ersten Gleichnis ist Er Herr, im zweiten Bräutigam, jetzt „ein Mensch“. Dieser wird von den Knechten aber als Herr anerkannt. Im ersten Gleichnis geht es um Dienst nach innen und im zweiten um die Erwartung des Bräutigams. Im dritten Gleichnis spricht Christus vom Dienst, der nach außen gerichtet ist.

Auch wenn es manche Ähnlichkeiten zum ersten Gleichnis gibt, unterscheiden sich sowohl die zentrale Botschaft als auch die Zielrichtung der beiden Bilder deutlich voneinander. Der Herr behandelt jetzt nicht wie am Ende von Kapitel 24 das moralische Verhalten des Knechtes. Es geht auch nicht um die Wahrhaftigkeit des Bekenntnisses wie beim zweiten Gleichnis. In das Blickfeld kommen Einsicht, Aktivität und der gute Wille eines Knechtes. Als Quelle seiner Tätigkeit besitzt er von seinem Herrn nichts weiter als das Zeichen von Vertrauen seines Meisters. Dieses findet seinen Niederschlag darin, dass ihm Dieser seine Güter überträgt. Die zentrale Frage lautet also: Wie gehen die Christen als Diener des Herrn mit den ihnen anvertrauten geistlichen Fähigkeiten und Gütern um.

Dass alle erlösten Christen Diener des Herrn sind, geht aus mehreren Stellen des Neuen Testaments hervor. In Epheser 4,7 heißt es: „Jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus.“ Und in 1. Petrus 4,10 sagt der Apostel: „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes.“ Es heißt dort nicht: Je nachdem, ob jemand eine Gnadengabe empfangen hat. Nein, jeder hat eine durch die Gnade Gottes übertragen bekommen. Und je nachdem welcher Art sie ist, soll er entsprechend damit handeln. Das ist Gottes Auftrag an uns.

Die Unterscheidung von Lukas 19 und Matthäus 25

Einem aufmerksamen Bibelleser wird es nicht entgehen, dass Lukas in Kapitel 19,11–27 ein sehr ähnliches Gleichnis Jesu wiedergibt. Aber es unterscheidet sich doch gravierend von dem in Matthäus 25. Daher kann man nicht davon ausgehen, dass es sich prinzipiell um dasselbe Gleichnis handelt. Das wird durch ein paar erklärende Hinweise deutlich:

  • Während Matthäus von Talenten spricht, nennt Lukas die anvertrauten Güter Pfunde.
  • Das Gleichnis in Lukas spricht der Herr vor seinem letzten Besuch in Jerusalem (Lk 19,28). Die Allegorie in Matthäus 25 dagegen scheint erst am Ende dieses letzten Besuchs in Jerusalem, vom Herrn weitergegeben worden zu sein. Vermutlich war das am Dienstag vor seiner Kreuzigung, die am Freitag stattfand. Es muss also vermutlich mindestens eine Woche oder noch mehr Zeit zwischen dem Erzählen dieser beiden Gleichnisse vergangen sein. Wir können das nicht sicher behaupten, weil Matthäus manchmal Begebenheiten und Redeteile aus verschiedener Zeit zusammenfasst. Ein Beispiel dafür ist die Bergpredigt.
  • In Lukas 19 geht es besonders um die Verantwortung und Treue des Einzelnen. In Matthäus 25 dagegen stehen in erster Linie die Souveränität und die Weisheit des Herrn im Mittelpunkt.
  • In Lukas 19 sind die übergebenen Pfunde für jeden Diener gleich, jedoch unterscheiden sich die Belohnungen voneinander. In Matthäus 25 ist es umgekehrt: Die Anzahl der anvertrauten Talente ist unterschiedlich, wogegen die Belohnungen für die treuen Knechte übereinstimmen.

In beiden Gleichnissen ist der Herr abwesend. Nicht nur in Lukas 19, sondern auch in Matthäus 25 geht es letztlich um die Verantwortung des Menschen, wie die anvertrauten Gaben genutzt werden. Nur wer mit diesen Gaben gearbeitet hat, empfängt Lohn. Er ist im Besitz von Gaben, die ihm der abwesende Herr verliehen hat. In Matthäus 25 betont der Herr aber besonders das souveräne Geben der Gaben durch den Herrn.

Verse 14.15: Ein Mensch übergibt seinen Knechten seine Habe

„Denn so wie ein Mensch, der außer Landes reiste, seine eigenen Knechte rief und ihnen seine Habe übergab: Und einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, einem anderen eins, jedem nach seiner eigenen Fähigkeit; und sogleich reiste er außer Landes“ (Verse 14.15).

Der erste Satz unseres Gleichnisses ist unvollständig. Es fehlt die Fortsetzung von „denn so wie ...“. Die richtige Ergänzung lautet: „Denn es ist so, wie ...“ Durch diese Auslassung wird dieses Gleichnis zu einer Fortsetzung des zweiten. Es handelt sich also nicht um einen Fehler, sondern um eine bewusste Form, die der Herr wählt, um die Zusammengehörigkeit der Gleichnisse zu unterstreichen. Dieses dritte Gleichnis behandelt damit erneut das Thema des Königreichs der Himmel, auch wenn es nicht ausdrücklich gesagt wird.

Der Mensch, von dem der Herr Jesus seinen Jüngern erzählt, ist niemand anderes als Er selbst. Im ersten christlichen Gleichnis wird Er als Herr über Gesinde, also Sklaven gezeigt. Im zweiten steht Er als Bräutigam vor uns. Hier ist Er ein Mensch, der offensichtlich über viel Vermögen verfügt. Im ersten Gleichnis geht es um Gehorsam. Im zweiten darum, dass die Zuneigungen zu Christus aus uns treue Zeugen machen. Im letzten Gleichnis wiederum überträgt dieser reiche Kaufmann seinen Verwaltern und Bevollmächtigten etwas von seinen Schätzen. Sie werden auch hier Knechte genannt, besitzen aber offensichtlich eine gewisse Freiheit in der Art und Weise, in der sie ihre Aufgaben erledigen. Alle drei Bezeichnungen treffen auf den Herrn Jesus zu. Er ist unser Herr, dem wir gehorsam schuldig sind. Er ist auch der Bräutigam, der auf seine Hochzeit wartet und sich mit denen verbindet, die für Ihn auf der Erde zeugen. Er ist auch der Kaufmann und Reiche, der den Seinen von seinem Reichtum etwas gibt, damit sie diesen in seinem Sinn verwenden.

An dieser Stelle erläutert Jesus nicht, warum Er „außer Landes reiste“, das heißt in den Himmel zurückging. Aus den vorherigen und späteren Kapiteln wissen wir, dass der Grund dafür die Verwerfung vonseiten seines eigenen Volkes war. „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). Die Juden haben ihren Messias nicht nur nicht angenommen, sondern vertrieben und sogar ermordet.

Der Herr nahm diese Verwerfung an und reiste gewissermaßen außer Landes. Damit einher geht die Bestätigung, dass seine Verwerfung zugleich die Beiseitestellung des Volkes Israel als Volk Gottes war. Das allerdings wird hier nicht weiter erörtert. Klar ist jedenfalls: Der Herr hat diese Welt nur für eine Zeitlang verlassen. Es handelt sich um eine Reise, nicht um ein Wegziehen für immer. An dieser Stelle muss der Herr nicht betonen, dass Er wiederkommen wird. Das wird aus dem weiteren Verlauf des Gleichnisses deutlich. Wie wir gesehen haben, sprechen alle drei „christlichen“ Allegorien von seinem Wiederkommen.

Die Zeit der Abwesenheit

Für die Zeit seiner Abwesenheit hat der Herr seinen Knechten seine Habe anvertraut. Sein Volk – das sind nach der Verwerfung durch die Juden die Christen. Seine Interessen sind sozusagen in unsere Hände gelegt worden. Hierbei geht es nicht um besondere Gläubige, die etwas Besonderes im Unterschied zu anderen empfangen haben. Der Herr spricht von allen Christen. Denn sie sind alle Knechte dieses Herrn. Jeder hat einen Teil der Habe des Meisters empfangen. Wie bereits erwähnt, schreibt Petrus: „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes“ (1. Pet 4,10). Jeder hat etwas erhalten, jeder ist gemeint!

Seine Habe besteht, wenn wir es einmal ganz allgemein ansehen wollen, aus Segnungen. Diese entspringen seinem Kommen auf diese Erde und seinem Werk am Kreuz. Die Habe symbolisiert also nicht eine Gabe der Vorsehung und schon gar nicht irdische Besitztümer. Es sind Gaben zum Dienst, um für Ihn während seiner Abwesenheit zu arbeiten. Der Arbeiter wird bei dieser Arbeit durch die Kenntnis geleitet, die er von seinem Herrn hat. Wir lesen nichts von einem Auftrag oder einem Vertrag, auf den er sich berufen könnte. Alles, was ihn motiviert, ist seine Kenntnis von seinem Herrn und sein Vertrauen zu seinem Meister. Die Antwort des Knechtes auf die Übertragung der Habe des Meisters sollte sein: „Ich arbeite mit dem, was der Meister mir anvertraut hat.“ Sonst würde er nämlich den Charakter seines Herrn missverstehen, wie wir es beim dritten Knecht sehen. Dem treuen Knecht ist klar, dass ihm die Talente nicht ohne Grund gegeben werden. Sonst hätte der Herr sie auch für sich behalten können. Er versteht gut, dass sie in seine Hände gegeben worden sind, damit er damit für den Herrn während seiner Abwesenheit handelt. Denn Knechte sind zurückgelassen, um dem Herrn zu dienen (vgl. 1. Thes 1,9).

In erstaunlicher Weise vertraut der Herr allen etwas für seine eigene Herrlichkeit an. Er hat offensichtlich Vertrauen zu ihnen, und ihre Herzen wiederum vertrauen Ihm bezüglich des Ergebnisses ihrer Arbeit. Sie haben keine Sorge, dass Er sie unbelohnt lassen wird. Bei seiner Rückkehrt werden ihre Herzen dann mit Ihm in Freude vereint.

Wir haben hier also eine weitere Seite des Verhaltens und der Verantwortlichkeit derer, die den Herrn erwarten. Im 24. Kapitel war es der Dienst und die Aufgabe des Knechtes, diejenigen zu nähren, die mit ihm im Haus wohnen. Bei den Jungfrauen ging es darum, das Licht des göttlichen Lebens im Blick auf die Wiederkunft Christi leuchten zu lassen. In unserem Gleichnis sind es die Güter, die uns der Herr in seiner Gnade gegeben hat, um sie für Ihn in dieser Welt nutzbringend anzuwenden. Während im ersten Gleichnis deutlich der Fokus auf dem Hausgesinde liegt (24,45), gibt es in unserem Gleichnis überhaupt keine Einschränkung.

In Vers 16 ist vom Handeln die Rede. Das lässt darauf schließen, dass es besonders um den äußeren Bereich des Evangeliums geht. Das heißt nicht, dass der innere Bereich der Gläubigen ausgeschlossen wird. Aber der Herr spricht doch besonders von dem Dienst, den wir Christen inmitten dieser Welt ausführen sollen. Ein Diener ist etwas anderes als ein Zeuge. Die 10 Jungfrauen waren Zeugen des Bräutigams bei seinem Kommen. Aber unser Dienst besteht darin, das zu verwalten, was Er uns anvertraut hat, um es für Ihn während seiner Abwesenheit für andere nützlich zu machen. Die Frage für uns lautet: Was machen wir bis zum Wiederkommen des Herrn mit den uns übertragenen Fähigkeiten?

Vers 15: Souveränität des Herrn im Geben

Der Herr ist unumschränkt und vollkommen weise. Er gab jedem eine unterschiedliche Anzahl von Talenten – fünf, zwei, eins –, aber der jeweiligen Fähigkeit des Dieners angepasst. Das zeigt deutlich, dass der Herr seine Knechte gut kannte. Jeder war geeignet für den Dienst, in den er gestellt wurde. Aber auch die zur Erfüllung dieser Aufgaben nötigen Gaben wurden jedem Einzelnen gegeben. Der Herr gab seinen Knechten, wie wir gesehen haben, kein einziges Gesetz und keinen einzigen speziellen Auftrag. Sie erhielten auch keine gesonderte Anweisung über die Art und Weise, wie sie handeln sollten.

Damit sind wir bei der Übertragung dieses Bildes auf den geistlichen Bereich. Der Herr ist unumschränkt, wem Er welche geistliche Gabe geben möchte. Diese hat eine direkte Beziehung zu persönlichen Fähigkeiten, unterscheidet sich aber von diesen. Der Herr Jesus muss sich nicht nach uns richten. Er ist souverän, wann und wie Er jeden Einzelnen von uns benutzen möchte. Wir können sicher sein, dass Er niemanden geistlich überfordert. Aber Er unterfordert auch niemanden. Denn Er möchte an uns Nutzen haben. Sein Vertrauen zu uns fehlerhaften Menschen ist erstaunlich groß. Auch als Gläubige straucheln wir oft. Dennoch hat uns der Herr etwas von seiner gewaltigen Habe übergeben. Es ist ein Vorrecht für uns, damit zu handeln.

Ein Wort zu den anvertrauten „Beträgen“. Manche haben versucht, den heutigen Geldwert von fünf Talenten zu errechnen. Das ist aber nicht ohne weiteres möglich, denn ein Talent ist zunächst einmal eine Gewichtseinheit und entspricht rund 34 Kilogramm. Schon in Kapitel 18,24 sahen wir, dass der Begriff auch für einen Geldbetrag verwendet wurde. Aber wir können nicht genau sagen, wie hoch dieser Betrag war, weil es darauf ankommt, ob es z. B. um ein Talent Gold oder um ein Talent Silber geht. Jedenfalls dürften fünf Talente ein durchaus erheblicher Betrag gewesen sein. So können wir erahnen, wie hoch das Vertrauen des Herrn ist, aber auch, wie „reich“ Er ist. Denn diese fünf Talente machen nur einen kleinen Teil seines Vermögens aus. Ob wir verantwortungsbewusst und treu mit den Gaben umgehen, die der Herr uns anvertraut?

Wir haben kein Gesetz, wie wann zu handeln ist. Aber der Herr vertraut uns, dass wir sein Wort kennen und lesen und entsprechend unsere Aufgaben ausführen. Es geht darum, dass wir Ihn in unserem Dienst verherrlichen und nicht uns selbst suchen. Er wünscht, dass wir für Ihn tätig sind, während Er abwesend ist. Das ist die Herausforderung für jeden Christen an jedem neuen Tag.

Fähigkeiten – Talente

An dieser Stelle erscheint es mir wichtig, dass wir gut verstehen, was der Herr mit Fähigkeiten und mit Talenten verbindet. Die Talente wurden vergeben in Übereinstimmung mit den Fähigkeiten des Dieners. Der Herr stimmte beides aufeinander ab. Aber Er unterscheidet beides.

Fähigkeiten beziehen sich zunächst auf den natürlichen Bereich, zum Beispiel auf unsere natürlichen Kräfte. Wenn diese nicht sehr groß sind, würden fünf oder zwei Talente an geistlichen Gaben eine große Last für uns sein. Bei den Fähigkeiten geht es um natürliche Eigenschaften wie, der Besitz eines guten Gedächtnisses, logisches Denkvermögen und Konzentrationsfähigkeit, körperliche oder seelische Widerstandsfähigkeit, körperliche Begabungen, Sach- und Sprachkenntnisse oder die Fähigkeit, verständliche Texte abzufassen. Es geht also um Dinge, die wir entweder von Geburt an besitzen oder die wir uns durch Training oder Schulung erworben haben. Diese Fähigkeiten sind übrigens ebenso wie die Talente Gaben Gottes. Wer außer Gott kann Gutes geben? Aber während sie Gaben des Schöpfers sind, gehören die Talente zu den Gaben des verherrlichten Menschen Christus Jesus (vgl. Eph 4,10.11).

Man kann vielleicht sagen, dass die Fähigkeiten den Rahmen oder das Gefäß für die Talente bilden. Dem Herrn gefällt es in seiner Weisheit, in dieses äußere, natürliche Gefäß von Fähigkeiten eine geistliche Gabe hineinzulegen. Genau das ist das Talent. Das Gefäß dazu hat Er längst vor der Bekehrung dessen zubereitet, den Er später zu einem geistlichen Dienst gebrauchen will.

Bestes Beispiel dafür ist Paulus. Der Schöpfer hatte ihn als hochbegabten Menschen zur Welt kommen lassen, der dann auch noch die beste Ausbildung bekam, die man sich vorstellen kann. Er war ein Pharisäer (Phil 3,5) und saß zu den Füßen Gamaliels (Apg 22,3), eines herausragenden jüdischen Lehrers der damaligen Zeit (vgl. Apg 5,34). Aber diese Ausbildung allein befähigte Paulus noch nicht zu einem geistlichen Dienst. Erst das Geschenk geistlicher Gaben nach seiner Bekehrung befähigte ihn dazu. Die menschliche Begabung wurde durch die höher stehende geistliche Gabe zur Ehre des Herrn und zum Nutzen der Gläubigen und Ungläubigen einsetzbar.

Talente sind also keine menschlichen Fähigkeiten, sondern geistliche Segnungen und Gaben Gottes. Das heißt auch, dass es ohne geistliche Gabe keinen wahren christlichen Dienst gibt. Diese Gaben werden in unserem Gleichnis mit der Tätigkeit der Gnade verbunden, die in die Welt hinausgeht, um die Wahrheit zu verbreiten, denn die Knechte handelten nicht untereinander mit den Talenten, sondern in der Welt. Sie arbeiten für einen verworfenen und abwesenden Herrn.

Dienst – Talente

Der Herr beruft niemanden in einen Dienst, den Er nicht zuvor mit der Fähigkeit hierfür ausgestattet hat. Der Diener muss daher neben der Macht des Geistes Gottes natürliche und erworbene Qualifikationen besitzen. Die fünf, zwei und ein Talente sind dann letztlich die Energie des Heiligen Geistes, die den erlösten Menschen befähigt, die geistliche Aufgabe auszuführen. Sie sind Gottes Kraft.

Zeitlich kann man das sich vielleicht wie folgt vorstellen: Zunächst hat der Mensch eine angeborene Begabung, die sich dann mit der Erziehung und Ausbildung zu einer natürlichen Fähigkeit verbindet. Dann gibt ihm der Herr nach seiner Bekehrung eine Gabe, die er nie vorher besessen hat. Drittens muss er diese geistliche Gabe für den Herrn benutzen. Wenn er sie nicht benutzt, wird es eine Schwächung, wenn nicht sogar den Verlust der Gabe geben. Wenn er andererseits die Gabe zum Dienst einsetzt, kann die Kraft erhöht werden. Im Gleichnis entspricht das der Vermehrung der Talente.

Um das Zusammenspiel von Fähigkeit und Gabe praktisch zu illustrieren, sei an einen Evangelisten erinnert. Er muss das Wort Gottes in zu Herzen gehender Weise Ungläubigen predigen. Daher wird der Herr einem solchen Diener zuvor die Fähigkeit des Redens und Überzeugens geben. Dazu kann auch ein stückweit die Begabung gehören, logisch argumentieren zu können. Jemanden, der stottert, wird der Herr wohl kaum zu einem Predigtdienst einsetzen. Er kann für den Herrn viele andere Aufgaben wahrnehmen. Aber ein Prediger muss reden können, auch wenn er, wie Paulus, nicht in Redeweisheit spricht.

Andererseits ist jemand, der gut reden kann, dadurch noch lange kein Diener, den der Herr als Prediger begabt hat. Denn Reden ist eine menschliche Fähigkeit, die Aufgabe als Prediger des Evangeliums dagegen eine geistliche Gabe. Und dies muss der verherrlichte Herr zusätzlich schenken.

In ähnlicher Weise wird der Herr nur jemanden als Seelsorger begaben, der auch die menschliche, von demselben Herrn und Schöpfer geschenkte Fähigkeit besitzt, zuzuhören. Ein Hirte muss auf die Gedanken und Probleme anderer eingehen können. Dazu sind ein empfindsames Ohr und Einfühlungsvermögen unabdingbar. Aber nicht jeder, der gut zuhören kann, ist automatisch ein Hirte.

Erst die Kraft des Heiligen Geistes, die Saulus verliehen wurde, befähigte ihn, die Wahrheit Gottes zu erfassen. Sie war es, die ihn in die Lage versetzte, das Evangelium anderen so vorzustellen, dass sie davon ergriffen wurden. Genauso ist es bei uns. Dabei bleibt bestehen: Keiner kann sagen, der Herr habe ihm nichts anvertraut (vgl. auch Eph 4,7). Jeder Gläubige hat eine geistliche Begabung, die der Herr ihm deutlich machen wird.

Eine Reihe dieser geistlichen Gaben finden wir in Epheser 4,11, Römer 12,3–8 und in 1. Korinther 12,4–11.28 aufgelistet. Hierbei handelt es sich jedoch nicht um abgeschlossene Aufzählungen. Gerade die Tatsache, dass keine der drei Listen dieselben Gaben nennt, unterstreicht das. Die uns anvertraute Gabe mag groß oder klein sein – fünf, zwei und ein Talente sind nur Beispiele. Am Ende kommt es unserem Herr darauf an, sie fleißig zu gebrauchen.

Wichtig ist, dass der Herr Jesus die Talente selbst verteilt. Das steht im Gegensatz zur gängigen Praxis der meisten Kirchen und Gemeinden. Wenn jemand in einer solchen Kirche beginnen würde zu predigen, ohne eine menschliche oder kirchliche Legitimation zu haben, würden dies viele als Anmaßung bezeichnen. In Wahrheit ist es jedoch eine Anmaßung, wenn man zum Predigen oder Dienst für den Herrn die Autorisierung durch eine Kirche verlangt. Denn jede Anstellung von Menschen für einen solchen Zweck ist gerade nicht von Gott autorisiert und im Widerspruch zu den Gedanken Christi. Geistlicher Dienst ist eine Frage zwischen Christus und seinen eigenen Dienern. Er ist es, der den einen als Propheten gibt, einen anderen als Evangelisten, einen anderen als Pastor und Lehrer (Eph 4,11). Niemand anders kann dies tun. Das heißt nicht, dass man für einen solchen Dienst nicht die Übereinstimmung mit den Gläubigen der örtlichen Versammlung (Gemeinde) suchen sollte. Die Propheten Antiochiens legten Paulus und Barnabas die Hände auf, als diese ihre erste Missionsreise begannen. Und doch war es ausschließlich der Heilige Geist, der ihnen diesen Auftrag klarmachte (vgl. Apg 13,1–4).

Verse 16–18: Handeln oder vergraben

„Der die fünf Talente empfangen hatte, ging hin und handelte damit und gewann weitere fünf. Ebenso gewann der mit den zweien weitere zwei. Der aber das eine empfangen hatte, ging hin, grub die Erde auf und verbarg das Geld seines Herrn.“ (Verse 16–18).

Wir haben schon weiter oben gesehen, dass die Knechte mit den ihnen übergebenen Talenten handelten, ohne einen konkreten Hinweis auf die Aufgaben erhalten zu haben. Das, was für sie Befehl genug war, war das Anvertrauen der Gaben und das damit verbundene Vertrauen des Herrn. Zwei der genannten drei Knechte arbeiteten treu mit diesen Gaben, der dritte vergräbt das eine Talent, das er erhalten hat. Zwei sind treu, einer offensichtlich untreu.

Was die Treuen von dem Untreuen unterscheidet, ist das Vertrauen zu ihrem Herrn. Das kann man dem weiteren Verlauf des Gleichnisses entnehmen. Sie vertrauen in ihrer Arbeit auf seine Güte und Liebe, ohne eine Sicherheit und Bevollmächtigung zu besitzen. Das, was sie haben, ist die Kenntnis seines persönlichen Charakters. Aus diesem Vertrauen und aus dieser Erkenntnis heraus schöpften sie ihre Zuversicht und ihren Eifer.

Die Gesinnung der Herzen wird schnell offenbar. Die treuen Sklaven ordnen sich ihrem Herrn unter. Wenn Er sie nicht liebte, würde Er ihnen dann ein solches Vertrauen geben und ihnen seine Habe anvertraut haben? Wie könnte man dann an seiner Liebe auch nur einen Moment zweifeln? Sie taten alles, um diese Liebe zu beantworten. Sie kamen nicht auf den Gedanken, dass die Talente ihnen persönlich gehörten. Denn sie wussten, dass diese Güter ihrem Herrn zustanden. Warum gab Er sie ihnen? Damit sie diese vermehrten. Sie wollten, dass Er zufrieden wäre, wenn Er zurückkommt.

Vier Gründe für das Handeln mit den Talenten

Dieses Handeln kommt aus vier Tatsachen hervor, derer sich ein Knecht des Herrn bewusst bleibt:

  1. Der Herr ist unser Meister, dem wir verantwortlich sind.
  2. Er liebt uns, darum hat Er uns etwas von seinem Reichtum anvertraut.
  3. Wir haben Vertrauen zu Ihm.
  4. Wir erwarten den Herrn zurück. Wir wissen nicht, wann genau Er wiederkommen wird. Aber wir wissen, dass Er kommen wird, selbst wenn seine Abwesenheit länger dauern mag. Wir warten mit Ausharren auf Ihn.

Als weiteres Motiv könnte man die Belohnung nennen, die der Herr bei seinem Wiederkommen verteilt. Aber die Sklaven arbeiten letztlich nicht wegen dieser Belohnung. Sie wünschen sich nur eines: Der Meister soll den Zins seiner Talente erhalten, sich deshalb freuen und verherrlicht werden.

Es ist auffallend, dass die beiden ersten Knechte einen vergleichbaren Fleiß beweisen. Beiden gelang es, das anvertraute Gut zu verdoppeln. Zwar unterscheidet sich das Resultat in der Höhe der dazugewonnenen Talente. Aber das gilt gleichermaßen für die Ausgangssituation. Daher ist nicht die Höhe des Resultats entscheidend, sondern die Treue, die bei beiden gleich war. In diesem Gleichnis liegt der Gegensatz also nicht in dem Mehr oder Weniger an Redlichkeit und Fleiß treuer Knechte, so wesentlich das ist. Der Unterschied zwischen solchen Knechten, die treu waren, und dem einen, der vollkommen untreu war, ist das große Thema. Solange jemand treu für den Herrn tätig ist, spielen unterschiedliche Begabungen keine Rolle.

Treue im Dienst wird gesucht

Aufseiten der Knechte kommt es nach 1. Korinther 4,2 darauf an, treue Verwalter zu sein. Dazu müssen wir fleißig sein und dem Herrn von Herzen dienen wollen (vgl. Röm 12,11). Zuweilen müssen wir uns auch fragen, ob die folgende Ermahnung nicht auch uns gilt: „Sagt Archippus: Sieh auf den Dienst, den du im Herrn empfangen hast, dass du ihn erfüllst“ (Kol 4,17). Wir alle haben eine Aufgabe. Lasst uns diese ausführen. Mit anderen Worten: Wir sollen die Gnadengabe in unserem geistlichen Leben anfachen (2. Tim 1,6).

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass wir verstehen, dass wir für Gaben nicht zu bitten brauchen. Es ist auch unsinnig zu bitten, dass die Gabe in uns vermehrt werde. Sie ist da, denn der Herr hat uns alle in seiner Weisheit begabt. Aber genutzt werden muss sie schon von uns selbst. Daher beten wir darum, dass der Herr uns hilft, Ihm in Treue und Eifer zu dienen. Dann werden die Gnadengaben auch ausgeübt werden.

Vor diesem Hintergrund sollte niemand von uns erwarten, dass der Herr uns gesondert auffordert, die von Ihm verliehene Gabe im Dienst für Ihn zu benutzen. Der Besitz der Gabe ist Aufforderung und Verpflichtung genug. Allerdings dürfen wir uns gegenseitig daran erinnern, dass alles in der Kraft und unter der Leitung des Heiligen Geistes geschehen soll. Das schließt ein, dass wir in Übereinstimmung mit dem Wort Gottes handeln.

Der unnütze Knecht ist nicht treu. Wie Vers 30 zeigt, stellt Er einen ungläubigen Bekenner dar. Er betrügt sich selbst durch die Idee, die er sich selbst von Gott geformt hat. Das trifft auf alle ungläubigen Herzen zu, dass sie sich selbst ein (falsches) Bild von Gott machen. Dieser untreue Knecht zeigt auch den Unterschied zwischen Gaben und Gnade. Man könnte sich fragen, ob der Herr denn einem Ungläubigen wirklich eine Gabe anvertraut. Die Antwort ist: Ja, in gewisser Weise ist das so.

Wir sehen das Prinzip in 1. Korinther 13,1–3. Man kann große Dinge tun, ohne einen Hauch von Liebe als Motivation zu haben und somit ohne errettet zu sein. Im Alten Testament haben wir Beispiele der Macht des Geistes ohne Bekehrung. Man denke nur an Bileam, Saul oder im Neuen Testament an Judas Iskariot. Diese Männer waren allesamt wirklich geistlich begabt, ohne je bekehrt gewesen zu sein. Auch in der heutigen Zeit gibt es manche Prediger, die offensichtlich von dem Herrn begabt worden sind. Wenn sie jedoch diese Gabe zum Schaden der Versammlung (Gemeinde) bzw. der Ungläubigen ausüben, könnte es sein, dass sie nie Leben aus Gott besessen haben. Früher oder später wird das entlarvt werden.

Kirchengeschichte

Ich habe den Eindruck, dass wir in der Dreier-Verteilung der Talente auch eine zeitliche Komponente finden. Wir haben schon beim ersten Gleichnis gesehen, dass zwei Zeiten unterschieden werden: die Anfangszeit, wo die Christen im Allgemeinen treu und klug waren, und die Endzeit. Wir haben gesehen, dass schon sehr früh der Gedanke an das Herrschen aufkam. Das war kurz nachdem der Herr seinen Knecht Johannes abberufen hat. Bereits damals begann die Zeit des bösen Knechtes.

Im zweiten Gleichnis haben wir vier Phasen unterscheiden können:

  1. die Anfangsphase, als man sich der christlichen Stellung bewusst war und auf den Herrn wartete. Man ging aus der Welt hinaus und freute sich auf das Wiederkommen Jesu.
  2. die Phase des Einschlafens, die spätestens um das Jahr 300 begann. Letztlich findet man bereits ab dem zweiten Jahrhundert in der Literatur keine Hinweise mehr auf das Wiederkommen des Herrn Jesus.
  3. der Mitternachtsruf, als das Wiederkommen des Herrn wieder neu ins Bewusstsein geriet. Das war Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts.
  4. das Kommen des Bräutigams. Das ist heute noch zukünftig.

Vielleicht ist in unserem Gleichnis auch eine Art verborgener Hinweis auf die Kirchengeschichte enthalten. Dieser betrifft das Geben der Talente, nicht das, was aus dem Talent gemacht worden ist. Denn ungläubige Bekenner gab es fast von Anfang an der Kirchengeschichte.

Am Anfang der christlichen Zeit hat der Herr ganz besondere Gaben gegeben. Man denke an die Apostel Paulus, Petrus und Johannes. Das entspricht den fünf Talenten. In einer zweiten Phase bei der Erweckung im 19. Jahrhundert hat der Herr noch einmal herausragende Gaben geschenkt, von denen wir heute noch Nutzen haben. Das entspricht den zwei Talenten.

Nunmehr leben wir am Ende der christlichen Zeit. Ist es nicht so, dass wir alle letztlich nur über ein Talent verfügen? Gerade weil das vielleicht so wenig erscheint im Vergleich zu den früheren Gaben, vernachlässigen wir sie oft. Wer das, was er bekommen hat, für wenig hält, steht in Gefahr, es ungenutzt zu lassen. Ist das heute nicht geradezu der Regelfall? Wie wenig sieht man die Bereitschaft, Energie und Zeit für den Herrn einzusetzen. Aber wir wollen uns gegenseitig noch einmal motivieren, das zu verwenden, was der Herr uns anvertraut hat. Er ist es wert!

Verse 19–23: Abrechnung am Richterstuhl des Christus

„Nach langer Zeit aber kommt der Herr jener Knechte und hält Abrechnung mit ihnen. Und der die fünf Talente empfangen hatte, trat herzu und brachte weitere fünf Talente und sagte: Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe, weitere fünf Talente habe ich gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn. Aber auch der mit den zwei Talenten trat herzu und sprach: Herr, zwei Talente hast du mir übergeben; siehe, weitere zwei Talente habe ich gewonnen. Da sprach sein Herr zu ihm: Wohl, du guter und treuer Knecht! Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen; geh ein in die Freude deines Herrn“ (Verse 19–23).

Der neue Abschnitt des Gleichnisses beginnt mit den Worten: nach langer Zeit. Wie im Gleichnis der 10 Jungfrauen sehen wir auch hier, dass das Kommen des Herrn „ausblieb“. Aber der Herr kommt wieder, denn Er hat es versprochen. Tatsächlich mögen viele Generationen vergangen sein. Aber wie bei den vorherigen Gleichnissen sind es auch hier dieselben Knechte wie am Anfang. Denn wir sollen den Aufschub nicht von vornherein erwarten. Wir wissen nicht, wann der Herr wiederkommt. Es kann noch heute sein!

Dann findet die Abrechnung statt. Das erinnert uns an den Richterstuhl des Christus. Wir werden vor diesem offenbar werden, „damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses“ (2. Kor 5,10). Die Frage für die Knechte lautete: Was würden sie ihrem Herrn gewissermaßen anzubieten haben? Waren die Talente in ihren Händen gut aufgehoben? Waren sie tätig für ihren Meister? Waren sie treu?

Der erste Knecht tritt zu seinem Herrn: „Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe, weitere fünf Talente habe ich gewonnen.“ Was für ein Ergebnis! Der Knecht zeigt dem Meister, dass er nicht tatenlos geblieben ist. Um es noch einmal deutlich zu sagen: Hier geht es nicht um Errettung, die man sich durch Taten ohnehin nicht erwerben kann. Es handelt sich um solche Menschen, die als Christen Knechte des Herrn sind. Diese Jünger haben ihre Zeit, ihre Energie sowie ihr Herz und Leben für ihren Herrn eingesetzt. Sie haben anderen das Evangelium verkündigt, das Wort Gottes verbreitet, Menschen in ihren Nöten gedient, das Wort Gottes ausgelegt. Sie sind einzelnen Seelen nachgegangen und haben Menschen vor dem Untergang bewahrt. Aber sie bleiben sich bewusst: Die Ehre gehört allein dem Herrn, der ihnen alles gegeben hat. Letztlich ist alles von Ihm und bleibt auch sein Eigentum.

Einen bemerkenswerten Punkt sollten wir in Verbindung mit Vers 20 nicht übersehen: Talente vermehren sich, wenn sie für den Herrn eingesetzt werden. Dabei stellen die hinzu gewonnenen Talente jetzt nicht die äußeren Ergebnisse unserer Arbeit und schon gar nicht materielle Güter dar, sondern weiterhin geistliche Gaben. Denn wenn wir diese für den Herrn einsetzen, erweitert sich der Aufgabenbereich und vertieft sich die Einsicht in die Gedanken Gottes. Dadurch erhöht sich das Vertrauen zum Herrn Jesus, das Verständnis des Wortes Gottes wird größer und es vermehrt sich somit auch die geistliche Gnadengabe. Einerseits ist alles souveräne Gnade des verherrlichten Herrn. Andererseits hängt das Ausmaß der Gabe am Ende eines Lebens auch davon ab, wie wir mit diesem Geschenk des Herrn für Ihn gearbeitet haben.

Der Herr hat jedem von uns persönlich eine Gnadengabe gegeben. Sie ist individuell. Um im Bild des Gleichnisses zu bleiben: Der eine hat fünf Talente, der andere zwei, ein anderer eins. Aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend in den Augen des Herrn ist, was wir daraus machen. Das erkennen wir jetzt in der Belohnung. Jemand, der mit seinem Talent arbeitet, erhält Lohn. Der Herr lässt sich nichts unbeantwortet schenken.

Vers 21: Die Belohnung

Der Knecht wird gespannt gewesen sein, was für eine Antwort er von seinem Herrn erhält. Und wie herrlich fällt diese Antwort aus: Sie beinhaltet sogar eine Belohnung von seinem Meister! Eine solche Antwort wird jedem zuteil, der sich für seinen Herrn mit den Dingen einsetzt, die er von Ihm anvertraut bekommen hat. Der Herr bleibt nicht unser Schuldner (wiewohl Er es ohnehin nie ist!). Letztlich haben die Knechte nur wenig während der Abwesenheit des Herrn tun können. Das, was ihnen der Herr anvertraut hat, ist im Vergleich zu seinem ganzen Vermögen wenig. Dieser Einschätzung des Herrn wollen auch wir uns anschließen. Wie groß mag uns unser eigenes Aufgabengebiet und die geistliche Gabe zuweilen vorkommen. Aber wir sollten uns die Bewertung des Herrn zu unserer eigenen machen: „Über weniges warst du treu.“

Und doch: Wie gewaltig ist die Antwort des Herrn angesichts dieses Wenigen: „Über vieles werde ich dich setzen.“ Uns armseligen Sklaven will Er die größten Segnungen schenken und uns teilnehmen lassen an seiner eigenen Freude. Das, was seine Freude ist, macht Er zu unserer Freude, und das in Ewigkeit. Um diese Belohnung in Umfang, Höhe und Würde richtig zu erfassen, müssen wir diesen herrlichen Moment erleben. Aber das ist für uns alles noch Zukunft.

Eines jedoch wissen wir schon jetzt: Die Belohnung übertrifft die geleisteten Dienste bei weitem. Gott handelt immer in Gnade, auch wenn Er die für Ihn getane Arbeit belohnt. Die Knechte hatten während ihrer Arbeit ein Bewusstsein der Liebe und Zuwendung ihres Herrn, auch wenn Dieser nicht leibhaftig bei ihnen war. Die Erkenntnis seiner Person hatte ihnen die nötige Energie gegeben, um Ihm treu zu dienen. Nun besteht ihre Belohnung nicht nur darin, über vieles gesetzt zu werden. Ihr Glück hat zum Inhalt, in die Freude Dessen einzutreten, der sich selbst an ihrer Gegenwart erfreut. Denn die vor Ihm liegende Freude, um derentwillen Er das Kreuz erduldete, wird Er dann genießen: die Frucht der Mühsal seiner Seele.

Die drei Teile der Belohnung

Wir wollen uns mit der Antwort des Meister beschäftigen. Sie besteht aus drei Teilen:

1) „Da sprach sein Herr zu ihm: Wohl, du guter und treuer Knecht!“ Was für eine Wertschätzung des Herrn spricht aus diesen Worten! Was will ein Knecht mehr, als dass seine Arbeit von seinem Meister wertgeschätzt wird. „Wohl“ – der Knecht hatte das getan, was in den Augen seines Meisters richtig, angemessen, nützlich war. Ja mehr als das: Seine Arbeit war gut. Aber es ist erstaunlich, dass nicht einmal die Werke im Vordergrund stehen, sondern die Wertschätzung der Person des Knechtes. Er wird auch weiter Knecht genannt – denn das ist er, das sind wir. Und in gewisser Hinsicht bleiben wir das auch (Off 22,3). Aber der Knecht bekommt vom Meister Attribute, die ihm gutgetan haben werden. Es ist wie ein warmherziger Händedruck und ein Blick voller Liebe, den der Knecht erleben und genießen kann. Bislang hat er gearbeitet. Jetzt erntet er die Liebe und direkte Zuwendung seines Herrn.
Er wird guter und treuer Knecht genannt. Was unterscheidet ihn von dem treuen und klugen Knecht im ersten Gleichnis (24,45)? Die Treue steht hier an zweiter Stelle. Und statt der Klugheit wird betont, dass der Knecht gut war. Es handelt es sich um eine Botschaft der Gnade, die der Herr verkündigt. Sie spricht von der Güte Gottes. Was ist die Quelle alles nützlichen Handelns im Diener des Herrn? Es ist die Wertschätzung der Güte Gottes. Genau daran glaubte der ungläubige Knecht nicht. Er zweifelte an der Güte seines Herrn. Denn wer als Diener von der Gerechtigkeit Gottes spricht, kann letztlich nicht einen Augenblick vor dieser bestehen.6 Die Gerechtigkeit Gottes wird jeden Diener davontreiben. Derjenige jedoch, der sich demütig auf die Gnade Gottes beruft, wird inmitten einer bösen gegenwärtigen Welt besonnen, gerecht sowie gottesfürchtig leben und dienen.
Der Knecht im ersten Gleichnis handelte seinem Meister und dessen Auftrag gegenüber treu, indem er so klug war, auf das Ende zu sehen. In unserem Gleichnis sehen wir dagegen, dass der Knecht in seinem Charakter und Wesen gut war. Er tat das, was während der Abwesenheit des Meisters in Übereinstimmung mit dessen Natur und Wesen war. Zugleich zeichnete ihn seine Treue und somit sein Glauben an seinen Herrn aus. Ob der Herr Jesus das von unserem Dienst ebenso sagen kann? Dienen wir Ihm mit allem, was Er uns an geistlicher Begabung geschenkt hat, in dieser Weise?

2) „Über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen.“ Im zweiten Schritt geht es um den Dienst, den der Knecht getan hat. Wir sehen noch einmal, dass selbst die größte anvertraute Gabe von 5 Talenten7 letztlich nur wenig ist im Vergleich zu dem, was der Herr besitzt. Er hat viel, viel mehr zu verteilen. Wie demütig sollte uns das machen; wir bleiben auf der Erde immer Diener, denen ein wenig übergeben worden ist.
Dennoch belohnt der Herr das Wenige, was wir tun können. Das ist nicht notwendig, wenn wir an die Worte des Herrn in Lukas 17,10 denken: „So auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“ Der Herr muss uns somit nicht belohnen, aber sein Herz möchte uns belohnen, denn Er befiehlt seinen Knechten nicht nur, was sie tun sollen. Er liebt sie auch mit göttlicher Liebe.
Der Herr unterstreicht hier auch, dass Er die Treue belohnt, nicht die Größe der Gabe. Das wird durch den Vergleich mit dem zweiten Knecht noch deutlicher. Denn auch bei diesem sehen wir, dass der Meister nicht Bezug nimmt auf das, was der Knecht am Anfang erhalten hat. Der Herr spricht von dem, was der Knecht damit gemacht hat.
Die zweite Belohnung steht im Übrigen mit der Regierung im 1.000-jährigen Friedensreich in Verbindung. Wer hier auf er Erde treu dient, wird im Königreich des Sohnes des Menschen mit Ihm herrschen. Dort werden ihm besondere (administrative) Aufgaben als Lohn für seine heutige Treue übertragen. Hier hat er wenig, aber im Gehorsam gedient. Dort werden ihm viele verwaltende Tätigkeiten anvertraut. In diesem Königreich wird er sie unter der Autorität des Messias ausführen (vgl. 1. Kor 6,2.3; 2. Tim 2,12). Das ist dann kein Dienst mehr in Verantwortung, wie er uns hier kennzeichnet. Nein, dann werden wir ein Auferstehungsleben besitzen, das keinen einzigen Moment mehr mit Sünde besudelt werden kann. Wir tun dann alles in vollkommener Übereinstimmung mit unserem Herrn.
Es fällt auf, dass die Talente – auch die hinzugewonnenen! – den Knechten verbleiben. Eigentlich gehörten sie alle dem Herrn. Aber in seiner Gnade und Liebe belässt Er sie bei seinen guten und treuen Knechten. Wie auch immer wir uns das konkret vorstellen sollen: Wir werden es wissen, wenn es soweit sein wird. Aber wir werden die geistlichen Gaben weiter behalten, auch in der Zukunft. Vielleicht ist es ein Hinweis darauf, dass der persönliche Genuss des Herrn und der Beziehung zu Ihm im Königreich von unserem Dienst hier auf der Erde abhängt. Diese Regierung mit Ihm ist ewig und endet nicht mit dem Ablauf des 1.000-jährigen Reich. Vielleicht hat dieser Lohn sogar mit dem neuen Himmel und der neuen Erde zu tun, auf der es ja auch noch eine Segensregierung geben wird (vgl. Off 21,1; 22,5). In jedem Fall wird es großartig sein!

3) „Geh ein in die Freude deines Herrn.“ Was soll man zu diesem dritten Teil der Belohnung sagen? Es fällt uns schwer, das richtig zu erfassen, weil es weit von unserem praktischen Christenleben entfernt ist. Man kann nur ahnen, was diese Zuwendung des Herrn bedeuten wird. Es handelt sich zweifellos um die höchste Belohnung. Es ist großartig, die wertschätzenden Blicke und Worte des Herrn zu erhalten. Es ist gewaltig, durch neue Aufgaben im Königreich des Herr belohnt zu werden. Das höchste dieser drei Belohnungen ist jedoch, in die Freude des Herrn selbst einzugehen, an ihr Anteil zu bekommen. Was für ein Geschenk, nicht nur unter Ihm gesegnet zu werden, sondern das mit Ihm zu teilen und zu erleben. Von der Freude des Herrn lesen wir in Hebräer 12,2. Er wird darin mit uns Gemeinschaft pflegen. Jetzt geht es nicht mehr um uns, sondern allein um Ihn. Zu was für einer Höhe werden wir hier geführt und geadelt. Da hört jedes menschliche Erfassen auf, indem man sich dem Ozean seiner Herrlichkeit und Freude öffnet.
Wenn man die Freude etwas allgemeiner betrachtet, so kann man auch bei diesem Gleichnis an eine Festfreude denken. Der Herr sieht dann vor sich einen Festsaal, der durch seine Freude geprägt ist, die Er mit seinen Jüngern teilen möchte.

Verse 22.23: Die Belohnung für den zweiten Knecht

Es fällt auf, dass die Worte des zweiten Knechtes zum Herrn und die des ersten identisch sind. Das gilt auch für ihre beiden Belohnungen. Die Antwort des Meisters ist dieselbe für den Diener mit den fünf und den mit den zwei Talenten. Wir lesen auch nicht, dass der Herr für den ersten Knecht eine höhere Wertschätzung hätte, obwohl dieser mehr Talente hinzugewonnen hatte. Selbst der höchste Teil der Belohnung, die Einführung in die Freude des Herrn, ist identisch. Es geht also eindeutig nicht um die absolute Höhe dessen, was man vom Herrn erhalten bzw. hinzugewonnen hat. Entscheidend ist nicht die Begabung, sondern die Treue. Unserem Herrn ist wichtig, welchen Nutzen wir aus dem gezogen haben, was Er uns anvertraut hat. Er beurteilt, wie wir die von Ihm verliehenen Gaben für Ihn eingesetzt haben.

Wir können nichts für das, was uns nicht übertragen worden ist. Das ist ein Ergebnis der Souveränität Gottes. Wir sind aber verantwortlich für das, was wir haben (2. Kor 8,12). Treuer Dienst, selbst in der kleinsten Weise, bringt die Anerkennung unseres Herrn. Selbst wenn es nur um die Begabung eines Cents ginge, belohnt der Herr jede Glaubensenergie bei uns, die wir im Dienst für Ihn einsetzen.

Auch wenn beide Knechte vollkommen gleichbehandelt werden, wird ihr Dienst nicht gemeinsam abgehandelt. Denn Dienst ist immer persönlicher Art. Das berücksichtigt unser Meister, wenn Er jeden Knecht persönlich anspricht. Er belohnt persönlich und führt auch individuell in seine Freude ein. In diesem Punkt unterscheidet sich dieses Gleichnis auch von den beiden ersten. Hier ist alles zum ersten Mal rein persönlicher Natur. Es ist unserem Herrn wichtig, jedem persönlich seine Freude auszudrücken. Dafür nimmt Er sich gerne Zeit.

Die Anwendung der Belohnung auf uns heute

Die Belohnung erhalten wir in der Zukunft. Am Richterstuhl des Christus findet diese „Abrechnung“ statt. Aber oftmals haben die Belohnungen in Gottes Wort auch einen Bezug zur Gegenwart. Das gilt beispielsweise für die Überwinderverheißungen in Offenbarung 2 und 3. Das, was der Herr den Überwindern verheißt, genießen diese schon heute, im Unterschied zu den Gläubigen, die im Glauben nicht siegreich sind. Auch die Glückseligpreisungen in Matthäus 5 haben zunächst einen Bezug zur Zukunft. Darüber hinaus aber gelten diese „Verheißungen“ in geistlicher Hinsicht schon heute. Bereits in der jetzigen Zeit können treue Jünger die dort genannten Segnungen genießen.

Das trifft ebenfalls auf die Belohnungen zu, die wir in unseren Versen finden. Wer treu ist, hört auch jetzt schon die Worte des Meisters: „Wohl, du guter und treuer Knecht.“ Das beschränkt sich dann auf die einzelne Aufgabe, die wir für unseren Herrn ausführen. Aber Er lässt sich auch heute nichts unbeantwortet schenken.

Den zweiten Teil der Belohnung, „über weniges warst du treu, über vieles werde ich dich setzen.“, kann man nicht gut in die heutige Zeit übertragen. Der dritte Teil der Belohnung ist natürlich im Wesentlichen zukünftig: „Geh ein in die Freude deines Herrn.“ Aber ist es nicht eine großartige Erfahrung der Diener des Herrn, dass sie die Gemeinschaft mit ihrem Meister schon hier auf der Erde genießen dürfen? Er lässt sie Anteil nehmen an seiner Freude, die Ihn im Himmel prägt. Gerade diejenigen, die in innerer Gemeinschaft mit ihrem Meister leben und dienen, kennen schon heute etwas von seiner Freude. Schenke Gott, dass wir das mehr und mehr erleben.

Gibt es nicht auch manche Beispiele dafür, dass Treue zu einer Ausweitung des Arbeitsfeldes führt, so wie die Knechte weitere Talente hinzugewannen? Stephanus und Philippus werden zunächst als Diakone genannt, die für das Bedienen der Tische eingesetzt wurden (Apg 6,2 ff.). Bei dieser Aufgabe ging es um äußerliche Dinge. Sie erwiesen sich als treu in diesem Dienst. Zweifellos war das der Anlass dafür, dass der Herr ihnen weit darüber hinausgehenden Aufgaben übertrug. Stephanus wurde nicht nur zum ersten Märtyrer, sondern auch zu dem Zeugen der himmlischen Herrlichkeit Christi. Philippus wurde von dem Herrn zu einem großen Evangelisten berufen. Wenn wir im Kleinen treu sind, wird der Herr unsere Aufgaben, wenn Er das in seiner Souveränität will, erweitern.

Verse 24–30: Der unnütze Knecht wird in die äußerste Finsternis geworfen

„Aber auch der das eine Talent empfangen hatte, trat herzu und sprach: Herr, ich kannte dich, dass du ein harter Mann bist. Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast. Und ich fürchtete mich und ging hin und verbarg dein Talent in der Erde; siehe, da hast du das Deine. Sein Herr aber antwortete und sprach zu ihm: Du böser und fauler Knecht! Du wusstest, dass ich ernte, wo ich nicht gesät, und sammle, wo ich nicht ausgestreut habe? So hättest du nun mein Geld den Wechslern geben sollen, und bei meinem Kommen hätte ich das Meine mit Zinsen zurückerhalten. Nehmt nun das Talent von ihm weg und gebt es dem, der die zehn Talente hat; denn jedem, der hat, wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; von dem aber, der nicht hat, von dem wird selbst das, was er hat, weggenommen werden. Und den unnützen Knecht werft hinaus in die äußerste Finsternis: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“ (Verse 24–30).

Mit Vers 24 kommen wir zum dritten Knecht. Das ist derjenige, der das ihm anvertraute Talent in der Erde verborgen hat. Er hat es nicht wirken lassen und somit nicht zum Vorschein gebracht. Wir haben gesehen, dass das Talent eine geistliche Begabung darstellt. Diese kann man dadurch verbergen, dass man sie nicht in seinem Leben offenbart. Man benutzt sie nicht zugunsten von anderen.

Was für eine Verwegenheit des dritten Knechtes, von sich aus in seinem Hass gegen den Herrn offen zu dem Meister hinzuzutreten. Man möchte erwarten, dass sich ein solcher schämen und verstecken würde. Aber davon finden wir hier nichts. Er spricht auch noch unverschämte Worte aus. Dennoch wissen wir, dass in Zukunft gelten wird: „Wie könnte ein Mensch gerecht sein vor Gott? Wenn er Lust hat, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten“ (Hiob 9,2.3). So wird am Richterstuhl (Off 20,11 ff.) niemand mit dem Herrn Jesus reden. Dessen können wir sicher sein.

Die Worte des bösen Knechtes

Was hat dieser unnütze Mann dem Herrn zu sagen?

  1. Auch er spricht den Menschen, der außer Landes reiste (Vers 14), als Herrn an. Denn nach seinem äußerlichen Bekenntnis ist er Christ. Er gibt vor, Jesus Christus als Herrn zu kennen. Wer aber vorgibt, dass Jesus Christus Herr ist, der müsste sich in seinem Leben auch entsprechend verhalten. Genau das aber tut er nicht.
  2. Der böse Sklave ist der einzige, der sagt, dass er den Herrn kenne. Und doch ist er der einzige, der durch seine Worte beweist (vgl. Tit 1,16), dass er Ihn überhaupt nicht kennt.
  3. Er nennt seinen Meister einen harten Mann. Ist Er das wirklich? War nicht die Tatsache, dass der Herr seinen Knechten die eigene Habe übergab, ein Vertrauensbeweis, dass Er ein guter, liebender und sanftmütiger Mann ist?
  4. „Du erntest, wo du nicht gesät, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast.“ Besaß nicht dieser Herr alles? War es nicht seine Gnade gewesen, die von seinen Gütern den Knechten etwas gegeben hat? Hatte Er daher nötig, von anderen zu ernten und einzusammeln, was Er nicht selbst ausgestreut hatte? Was für eine freche und verkehrte Unterstellung!
  5. „Ich fürchtete mich.“ Hätte der Knecht sich wirklich gefürchtet, hätte er alles getan, um seinen Herrn zufriedenzustellen. Ihm muss bewusst gewesen sein, dass er mit seinem Vorgehen unmöglich seinen Meister zufriedenstellen konnte: mit dem Verbergen und Nichthandeln. So beweist der Sklave, dass er sich gar nicht wirklich fürchtete, sondern dies nur vorgab. Er log.
  6. „Ich verbarg dein Talent in der Erde.“ Dieses Handeln zeigt die Torheit und Dummheit des Sklaven. Gerade weil er meinte, dass der Herr hart sei, hätte er alles daransetzen müssen, diesem angeblich habgierigen Chef zu gefallen. Wie sollte dieser denn jetzt damit zufrieden sein, dass sein Talent nichts eingebracht hatte? Das konnte nur zu einer Verurteilung führen.
  7. „Siehe, da hast du das Deine.“ Das ist wahr – es war das Talent des Herrn. Aber wenn es so war, was war wohl der Grund, dass der Meister ihm das Talent für die Zeit seiner Abwesenheit übergeben hat? Dann hätte der Herr es ja gleich behalten können, wenn der Sklave keine Vervielfältigung vornehmen wollte. Somit gab der Knecht letztlich zu, in einer Weise gehandelt zu haben, die nicht seiner Beziehung zum Meister entsprach: als Knecht.
Die Übertragung der Worte des bösen Knechtes auf die christliche Zeit

Alle diese Punkte haben eine Entsprechung in unserer christlichen Zeit. Auch heute geben viele in ihrem äußeren Bekenntnis vor, Christen zu sein und Jesus Christus als Herrn zu besitzen. Wer das sagt, ist auch verpflichtet, entsprechend zu leben. Das beweist er durch Vertrauen und fleißiges Dienen. Diesen aber findet man nur noch selten. Daher entsprechen viel Christen heute diesem Sklaven.

In Unterhaltungen mit solchen Namenschristen muss man zuweilen den Eindruck gewinnen, sie und sie allein kennten den Herrn. Diesen Eindruck vermittelte der untreue Knecht. Er allein sprach davon, den Herrn zu kennen. Das wirkt so, als ob diejenigen, die wirklich für ihren Meister arbeiten, eine völlig falsche Vorstellung von Ihm hätten. Dass Er Sohn Gottes und Mensch in einer Person ist, wie uns die Schrift das lehrt, lehnen viele Christen ab. Sie geben vor, diese Person viel besser zu kennen. Durch ihre Worte offenbaren sie allerdings nur, dass sie Christus überhaupt nicht kennen. Sie können es auch gar nicht, da sie keine persönliche Beziehung zu Ihm haben. Sie schimpfen über Gott als einen Rächer-Gott, der das Böse in dieser Welt zulässt. Dabei kennen sie Ihn nicht in seiner Gnade. Das Gute in ihrem Leben schreiben sie sich selbst zu und beweisen, dass sie weder sich noch Gott kennen. In ihrem praktischen Leben spielt der Herr höchstens eine Nebenrolle.

Dem Herrn Jesus gehört alles, was es auf dieser Erde gibt. Er hat alles geschaffen und durch seinen Tod noch ein zweites Mal erworben (vgl. 2. Pet 2,1). Er braucht nicht zu ernten, wo Er nicht gesät hat, weil Er der Erbe von allem ist. Ist Er es nicht, der in Gnade den Samen des Evangeliums ausstreut, um die Menschen von dem Tod zu erretten?

Viele Ungläubige geben vor, sich vor Gott zu fürchten. Letztlich ist das ein Beweis, dass ihr Leben noch nicht im Reinen ist mit Gott. Aber anstatt dieses Problem aus dem Weg zu räumen, indem sie sich bekehren, machen sie Gott Vorwürfe. Sie führen ein Leben, dass man als Rebellion gegen Gott verstehen muss. Ist das echte Furcht? Es ist jedenfalls keine Gottesfurcht. Und wahre Furcht würde sich dadurch zeigen, dass sie Gottes Wort suchen und tun. Sie aber handeln in ihrem Eigenwillen.

So verbergen sie ihr Talent. Auch ein ungläubiger Bekenner hat ein Talent, eine geistliche Gnadengabe. Man muss sich davon lösen, dass Gott die Menschheit nur einteilt in Gläubige und Ungläubige. Gerade im Blick auf das Königreich der Himmel finden wir, dass die Menschen auch eingeteilt werden in Bekenner und Nicht-Bekenner. Es gibt viele Christen. Von einer großen Anzahl wissen wir nicht, ob sie wirklich an den Herrn Jesus Christus der Schriften glauben. Sie bekennen es, aber haben sie sich wirklich bekehrt? Manche von ihnen haben zum Teil bemerkenswerte Gaben. Man denke zum Beispiel an Päpste und an (böse) Bibellehrer wie Rudolf Karl Bultmann. Das sind Menschen, die ein Leben gegen Gott geführt haben, aber Massen von Menschen beeindrucken konnten. Haben sie damit für den Herrn gearbeitet? Nein! Sie haben das, was Gott ihnen gegeben hat, insofern verborgen, als sie eigene Überlegungen und Philosophien verwendet haben. Nicht der Herr wurde verherrlicht, sondern sie selbst standen im Mittelpunkt des Interesses. Und mit dem, was sie „hatten“, haben sie darüber hinaus die Menschen verführt.

So geben sie dem Herrn Jesus, dem Herrn seines Königreichs, letztlich das zurück, was Er ihnen für eine Zeit übertragen hat. Sie haben damit nicht gehandelt, sondern es sogar teilweise noch verdorben. Wie schrecklich wird ihr Gericht sein, wenn sie unbekehrt gestorben sind. Eine gewisse Ahnung, wie schrecklich ihr Teil sein wird, erhalten wir durch die folgenden Verse.

Einige Anwendungen aus den Versen 24.25

Wir lernen von diesem Mann, dass der Herr Jesus niemand gebrauchen kann, der keine echte Beziehung zu Ihm hat. Wir wissen, dass Satan von Anfang an Misstrauen in das Herz der Menschen gesät hat. Das fing schon bei Eva an. Er hat sie getäuscht und gesagt, Gott liebe den Menschen nicht. Dieselbe Sprache hören wir von diesem bösen Knecht. Leider hat der Mensch Satan sein Ohr geliehen. So ist er in Sünde gefallen und böse geworden wie Satan. Er kann sich nicht entschuldigen, Satan habe ihn verführt. Denn er hat in eigenmächtiger Weise gehandelt, obwohl er Gottes Wort kannte.

Wenn Gott wirklich so wäre, wie der Unglaube einem weismachen will, wäre jeder Mensch verloren. Wenn man aber seine Autorität erkennt und anerkennt, muss man entsprechend handeln. Das heißt, man muss umso mehr danach fragen, was Gott sagt und will. Nur auf einem solchen Weg könnte man Segen bekommen. Wenn allerdings die Liebe des Herrn unbekannt ist, wird man früher oder später seine Autorität verachten oder gegen diese rebellieren. An Christus, dem Herrn, führt kein Weg vorbei. Denn Gott offenbart sich in Ihm. So kann Er auch nur in Ihm wirklich gekannt sein.

Von diesem Knecht lernen wir auch, dass er das ihm übertragene Talent nie als eigenen Besitz verstanden hat. Er hat sich nie verantwortlich gefühlt, damit etwas zu tun. Natürlich gehörte das Talent dem Herrn. Aber wenn sich der Knecht diese Leihgabe zu eigen gemacht und damit identifiziert hätte, wäre er viel umsichtiger damit umgegangen. So ist es auch bei uns: Nur dann, wenn wir die anvertrauten Gaben des Herrn mit unserer eigenen Verantwortung verbinden, werden wir damit handeln. Wenn sie für uns Dinge eines anderen darstellen, wird es uns wenig interessieren, was damit eigentlich zu machen ist. Wir lassen sie, wo sie sind und kümmern uns nicht darum.

Die Lügen des bösen Knechtes

Aber auch das zeigt noch einmal: Letztlich war alles, was der Knecht vorbrachte, Lüge.

  1. Er behandelte seinen Herrn nicht als Herrn. Sonst hätte er Ihm gedient.
  2. Er kannte den Herr gar nicht, sondern gab dies nur vor. Wenn er Ihn gekannt hätte, hätte er sich Ihm gerne unterworfen.
  3. Der Herr war kein harter Mann, sondern das Gegenteil. Aber der Herr Jesus kann zu einem harten Mann werden, wenn man seine Gnade ablehnt. Dann wird der Retter zum Richter.
  4. Der Herr erntete nicht, wo Er nicht gesät hat. Von unserem Herrn wissen wir, dass Er sich selbst für Sünder hingegeben hat. Gibt es eine größere Saat?
  5. Dieser Knecht fürchtete sich nicht wirklich, sondern redete und handelte in anmaßender Weise. Wenn er sich gefürchtet hätte, hätte er dem Herrn gehorcht.
  6. Ja, die letzten beiden Punkte stimmen: Jetzt gab er das zurück, was ihm nicht gehörte. Er hatte keine Anstrengungen unternommen, es als persönlichen Besitz zu sehen. Das hatte er dadurch gezeigt, dass er es einfach vergraben hatte.
Das Gericht des Knechtes

Ab Vers 26 sehen wir, dass der Herr diesen Knecht aus seinem eigenen Mund richtet (vgl. Lk 19,22). Wir bedenken dabei: Von diesem Knecht hören wir ab diesem Zeitpunkt nichts mehr, kein Wort mehr! Er hatte gesprochen, das war sein Urteil. Er wurde nicht mehr gehört. Was für ein schreckliches Ende!

Sein Herr nahm ihn also beim Wort auf dem Boden der Erkenntnis, die dieser Mann für sich in Anspruch nahm. Sein Meister musste ihm zeigen, dass seine Ausreden seine Schuld nur noch erhöhten. Der böse Knecht hatte keine Kenntnis von seinem Herrn. Er besaß auch keine wirkliche Verbindung zu Ihm. Nun verlor er alles, was ihm anvertraut worden war, und er wurde hinausgeworfen.

Der dritte Knecht verlor nicht nur das Erbteil. Er wurde auch nach draußen in die äußerste Finsternis geworfen. Er hatte seinen Herrn nie gekannt. Er wird Ihn nun nie mehr kennenlernen können. Hier sehen wir sofort, dass das Gleichnis in die Realität übergeht. Denn die äußerste Finsternis ist nichts anderes als ein Hinweis auf die Hölle. Dort wird man den Herrn Jesus nie mehr kennenlernen. Denn die Finsternis hat das Kennzeichen, dass sie der Ort ist, wo Christus nicht ist.

Wenn es um ungläubige Christen geht, fehlt ihnen die Einsicht selbst in die „normalen“ Pflichten. Jemand, der Christus nicht liebt, wird Ihn nur als Richter kennenlernen. Denn ein solcher ist böse und ungehorsam. Er ist faul, weil er nicht mit ganzer Energie tätig ist für Den, der Autorität über ihn besitzt. Ein solcher verliert alles, am Ende sogar sein Bekenntnis. Selbst das eine Talent, das er noch besaß, wurde von dem Knecht genommen. Das erinnert an Hebräer 6,4–8. Dort finden wir Christen aus dem Judentum, welche die gewaltigen christlichen Vorrechte erlebten, ohne einen lebendigen Genuss daran zu haben. Denn sie kannten den Herrn Jesus nicht wirklich. Sie hatten sich nie bekehrt. Daher verloren sie letztlich alles, was sie hatten. Diejenigen dagegen, die dem Licht treu sind, das sie besitzen, erhalten noch mehr (Mt 25,29).

Das mag auf den ersten Blick eigenartig wirken. Aber dies ist ein göttlicher Grundsatz: Derjenige, der hat, weil er die Dinge des Herrn wertschätzt, wird mehr und mehr, ja sogar Überfluss haben. Demjenigen aber, der nichts besitzt, weil er sich nicht vor dem Herrn Jesus beugt und das wertschätzt, was ihm anvertraut worden ist, wird alles aberkannt. Selbst das, was er meint zu haben, wird ihm genommen (Lk 8,18). Es bleibt nichts übrig.

So hat dieser Knecht am Ende gar nichts mehr. Er ist nackt, arm und blind (vgl. Off 3,17). Bis heute kann man diesen Zustand noch verändern. Wer dem Ratschlag des Herrn an die Versammlung in Laodizea folgt und vom Herrn Gold, Kleider und Augensalbe kauft (Off 3,18), wird gerettet. So groß ist die Gnade des Herrn, dass Er diese Gnade bis zu seinem Wiederkommen noch anbietet.

Man mag sich in Verbindung mit Vers 28 fragen, warum der Knecht, der inzwischen 10 Talente hat, auch noch das Talent des bösen Knechtes erhält. Warum bekommt es nicht der Knecht mit den 4 Talenten. Obwohl man den Rahmen eines Gleichnisses nicht sprengen darf, kann man vielleicht sagen, dass es mit zunehmender Verantwortung und Begabung schwerer ist, ihr gerecht zu werden. Das trifft hier auf denjenigen zu, der zu Beginn fünf Talente erhalten hat. Weil er treu war in den für ihn schwierigen Umständen, bekam er dann auch noch das eine Talent des bösen Knechtes hinzu. Das wird ihm der zweite Knecht nicht neiden – beide werden die vollkommene Freude des Meisters teilen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass der faule Knecht als unnütz verurteilt wird. Nur das ist in dieser Welt von wahrem Nutzen, was für Christus und in lebendiger Erkenntnis seiner Person getan wird. Wer treu ist, empfängt noch mehr. Je mehr man in der Erkenntnis und im Gehorsam Gott gegenüber wächst, desto mehr Segen wird einem zuteil. Dieser Segen ist sogar ein ewiges Teil in der Gegenwart des Herrn.

Eine Botschaft auch für Kinder Gottes

Auch bei dem ähnlichen Gleichnis in Lukas 19 erleidet der Mensch Schaden. Dort aber wird nicht gesagt, dass er in die äußerste Finsternis hinausgeworfen wird. Das liegt einfach daran, dass Lukas immer wieder die Gnade hervorstrahlen lässt. Dazu passt dieses Werfen in die äußerste Finsternis nicht. Dennoch bedeutet auch dort das Wegnehmen des Pfunds in letzter Konsequenz nichts anderes.

Es fällt auf, dass bei Matthäus das Versagen bei dem Mann vorliegt, der mit dem wenigsten betraut war. Wir wollen es diesem Mann nicht gleichtun, sondern daraus lernen. Wir können sicher sein, dass der Herr den Knecht, der bei geringer Fähigkeit geringe Dinge eifrig und sorgfältig tut, besonders ehren wird.

Das enthält für uns eine wichtige Botschaft. Manchmal hat man fast den Eindruck, dass je weniger jemand an geistlicher Gabe geschenkt bekommt, er desto gleichgültiger damit umgeht. Dabei möchte der Herr jeden benutzen. Das gilt gerade auch uns, die wir nur wenig im Vergleich zu herausragenden Dienern früherer Zeiten übertragen bekommen haben.

Vielleicht hat jemand den Eindruck, seine Gnadengabe habe sich im Laufe des Lebens verringert, weil er im Alter kein so umfangreiches Pensum mehr leisten kann. Das steht nicht im Widerspruch dazu, dass das Benutzen von Gaben normalerweise dazu führt, dass sich diese Talente vermehren. Es ist nur ein anderer Blickwinkel, was den Einsatz der Gaben zum Beispiel im Alter betrifft.

Ein älterer Christ kann beispielsweise das Haus nicht mehr verlassen, obwohl er früher an 250 Tagen im Jahr im Dienst für den Herrn unterwegs war. Wie auch immer die Umstände sein mögen – eines können wir immer tun: Das Talent zur Bank bringen, um Zinsen zu erhalten. Man hat dieses Bild angewendet auf Geschwister, die nichts mehr anderes tun können als für andere zu beten. Wird es dafür nicht einen gewaltigen Zins geben, den man dem Herrn zurückgeben kann? So bestehen für jeden von uns Aufgaben, die wir tun können. Es liegt nicht am Herrn, sondern an uns!

Leider fehlt wirklichen Christen oft gerade die praktische Kenntnis des Herrn. Denn wenn wir unseren Herrn mehr kennen würden, hätten wir mehr Vertrauen zu Ihm. Der Mangel an der Pflege dieser Beziehung führt nicht dazu, dass ein Kind Gottes wieder verloren gehen kann. Und doch werden wir heute nur dann wirklich treu dienen können, wenn wir Vertrauen zu unserem Meister haben und Ihn mehr und mehr kennenlernen. Deshalb ermahnt uns Petrus am Ende seiner zwei Briefe, die vom Königreich Gottes handeln: „Wachst aber in der Gnade und Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ (2. Pet 3,18).

Lasst uns auch bedenken, dass jeder, der etwas empfangen hat, dafür verantwortlich ist, damit zu handeln. Du hast vielleicht mehr empfangen an Licht und Klarheit als viele andere. Daher ist deine Verantwortung entsprechend höher (vgl. Lk 12,48). Der Herr legt aus diesem Grund einen höheren Maßstab an dein Vertrauen zum Herrn als an andere.

Falsche Deutungen des unnützen Knechtes

Was den unnützen und bösen Knecht betrifft, gibt es leider wieder einmal irreführende Auslegungen. Man kann lesen, dass es sich bei ihm um einen Gläubigen und Diener Christi handle, der keinen Nutzen aus seinen Talenten gezogen hätte. Alle gläubigen Christen, die in derselben Weise handeln, müssten sein Schicksal teilen. In Konsequenz dieser Auffassung lehrt man dann: Wenn man zu Treue, Fleiß und Nutzung der anvertrauten Talente ermahnt wird, aber nicht entsprechend handle, wird man in die äußerste Finsternis geworfen werden. Das ist dieselbe falsche Lehre, die wir schon im Blick auf die fünf törichten Jungfrauen besprochen haben. Wir finden keinen einzigen Hinweis auf eine solche Lehre im Neuen Testament. Sie ist unhaltbar, führt zur Verunsicherung der Erlösten und nimmt die Freude am Herrn Jesus weg.

Wenn diese Lehre stimmen würde, beruhte die finale Errettung eines Menschen nicht allein auf dem Erlösungswerk des Herrn am Kreuz. Dann wäre sie von der Treue des Gläubigen und seinem Dienst abhängig. Wenn das stimmen würde, könnte man den Galater- und Römerbrief aus dem Neuen Testament streichen. Alle Hinweise auf die alleinige Grundlage des Werkes Christi wären eine Lüge. Nein, kein von Neuem geborener Christ wird in der äußersten Finsternis sein. Das ist der Ort, an dem neben Satan und seinen Engeln allein die Ungläubigen sein werden.

Andere erweitern den eben geäußerten Gedanken und meinen, dass jeder Mensch ein Talent anvertraut bekommen hat, selbst wenn es nur ein kleines ist. Wenn dieses verwendet und verbessert werde, münde es in die Errettung. Auch das ist vollkommen unbiblisch. Wir haben es mit einem Evangelium der Gnade zu tun und nicht mit einem Evangelium, das auf den Werken der Menschen ruht. Dann wäre Christus umsonst gestorben! Wenn unsere Erlösung von uns und unserem Wirken abhinge, würden wir alle verloren gehen. Denn der Mensch ist von Natur böse und verloren.

Wie schon gesagt offenbaren die Worte des bösen Knechtes und das Gericht, das ihn treffen wird, dass er keine Beziehung zu Gott besitzt. Er stellt einen Ungläubigen, einen falschen Bekenner dar. Das ist die wahre Ursache dafür, dass er sein Talent in der Erde verborgen hat. Er hatte kein Vertrauen zu Gott. Jeder Gläubige hat jedenfalls ein Mindestmaß an Vertrauen!

Wenn auch dieser dritte Knecht einen Ungläubigen darstellt, ist sein Verhalten doch auch eine Mahnung an uns, die wir an den Herrn Jesus glauben. Die meisten von uns werden zugeben, dass sie nur ein Talent anvertraut bekommen haben. Wenn wir sehen, wie Paulus und viele andere vor uns begabt worden sind, können wir zu keinem anderen Schluss kommen. Wenn wir aber so gering im Blick auf unsere Aufgabe denken, gleichen wir diesem Mann und verbergen unser Talent. Wenn wir uns wirklich zum Herrn Jesus bekehrt haben, werden wir nicht in die Hölle geworfen werden. Aber wir erfüllen bei einer solchen Haltung nicht den Dienst, zu dem der Herr uns begabt hat. In den Augen des Herrn wären wir dann – jedenfalls punktuell – unnütze Knechte.

Wir wollen daran festhalten, dass der Dienst derer, die „nur“ ein Talent erhalten haben, genauso wertvoll ist wie der von Menschen, die mehrere besitzen. Der Herr möchte uns alle benutzen. Und auch wir als Christen brauchen alle, sowohl die „Hochbegabten“ wie die „Normalbegabten“! „Denn wer verachtet den Tag kleiner Dinge?“ (Sach 4,10). Gott jedenfalls nicht. Dann sollten auch wir das nicht tun.

Ein Vergleich der drei Gleichnisse über die christliche Zeit

Am Schluss dieses Abschnitts über die drei Gleichnisse, welche die christliche Epoche betreffen, möchte ich in einer Tabelle noch einmal Ähnlichkeiten und Unterschiede zeigen. Sie haben uns bereits während der Betrachtung dieser Verse beschäftigt. In einer solchen Tabelle stehen sie allerdings übersichtlich gegenüber. Sie geben dem flüchtigen Leser einen Überblick über diese wichtigen drei Gleichnisse.

Gleichnisse

Themen

Der treue und böse Knecht

Die 10 Jungfrauen

Die Talente

Oberthema

Kommen des Herrn

Kommen des Herrn

Kommen des Herrn

Zentrale Frage

Gibst du die Nahrung zur rechten Zeit?

Erwartest du den Bräutigam?

Benutzt du die Talente für den Herrn?

Beschreibung des Herrn

Herr

Bräutigam

Mensch und Herr

Der Herr ist

abwesend

abwesend

abwesend

Das Kommen des Herrn

bleibt aus – dann: an jenem Tag, unerwartet

bleibt aus – dann: kommt Er

nach langer Zeit

Wahre Bekenner

der treue und kluge Knecht

5 kluge Jungfrauen

die guten und treuen Knechte

Falsche Bekenner

der böse Knecht

5 törichte Jungfrauen

der faule und böse Knecht

Verantwortung

aller Christen zusammen

der Bekenner (eher persönlich)

jedes Einzelnen

Aufgabe der Christen

Nahrung Geben

Zeugnis Ablegen

Dienen

Richtung der Aktivität

nach innen

nach außen

nach außen und innen

Prüfung

Haltung der Jünger

Bekenntnis der Jünger

Dienst der Jünger

Notwendig für die Belohnung

Wachsamkeit

Echtheit des Bekenntnisses

Nützlichkeit

Der Lohn

Setzen über die ganze Habe

Eingehen zur Hochzeit

Wertschätzung, Aufgaben im Reich, Teilhabe an der Freude des Herrn.

Mangel der falschen Bekenner

Schlagen der Knechte, Gemeinschaft mit den Bösen

kein Öl

Faulheit, Nichtstun; Vortäuschen der Kenntnis des Herrn

Vorwurf

Heuchelei

keine Beziehung

keine Zinsen

Gericht

Entzweischneiden, bei den Heuchlern sein, Weinen und Zähneknirschen

Verschlossene Tür, „ich kenne euch nicht.“

Wegnahme des Talents, äußerste Finsternis, Weinen und Zähneknirschen

Fußnoten

  • 1 Das setzt voraus, dass man im Schatz einen Hinweis auf das gläubige künftige Israel sieht, in den Fischen ein Bild der Nationen.
  • 2 Der Ausdruck Hölle kommt genau siebenmal in dem Matthäusevangelium (Mt 5,22.29.30; 10,28; 18,9; 23,15.33) und zwölfmal im Neuen Testament insgesamt vor. Dieser Ausdruck ist mit dem Gedanken der Wehklage verbunden und heißt eigentlich Gehenna. Das ist nichts anderes als die Hölle. Die hebräische Bezeichnung Ge-Hinnom, seltener auch Ge-Ben-Hinnom, ist ein Ortsname im biblischen Juda, der in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments (Septuaginta) teils übersetzt, teils in der gräzisierten Form Gehenna (γαιεννα) oder ähnlich (γαιβενενομ, γαι-βαναι-εννομ) wiedergegeben wurde. Der hebräische Begriff bedeutet wörtlich „Schlucht (Ge) von Hinnom“ oder „Schlucht des Sohnes (Ben) von Hinnom“. Spätestens seit der Zeit des Königs Hiskia (8. Jahrhundert v. Chr.) befand sich in dem Tal eine wichtige Nekropole (Totenstadt, also eine Begräbnisstätte), wie Ausgrabungen seit 1927 gezeigt haben. Heute trägt dieser Ort den Namen „er-Rababi“. Quelle: Wikipedia.
  • 3 Es ist sicher nicht von ungefähr, dass der Ausdruck „das Weinen und das Zähneknirschen“ genau siebenmal in der Bibel vorkommt. (8,12; 13,42.50; 22,13; 25,30; Lk 13,28). Matthäus spricht sechsmal von dieser Charakterisierung der Qualen der Hölle.
  • 4 Es gibt wenige Bibelübersetzungen wie die Vulgata, die in Vers 1 lesen: „die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam und der Braut entgegen“. Aber diese Lesart ist nicht nur äußerst spärlich bezeugt, sondern würde auch gar nicht in den Kontext dieses Gleichnisses passen. Die himmlische Braut, die Versammlung, ist noch nicht bekannt, denn sie wird erst in den Briefen vom Apostel Paulus eingeführt, und auch die irdische Braut, Israel, kommt in diesen drei Gleichnissen überhaupt nicht vor.
  • 5 Noch einmal sei betont: In unserem Gleichnis sind die Jungfrauen jedoch nicht gleichzeitig „Verlobte“ des Herrn wie in 2. Korinther 11.
  • 6 Es geht hier um die Einschätzung von Knechten. Natürlich sehen wir als Erlöste auf das Erlösungswerk des Herrn zurück und wissen, dass wir gerechtfertigt worden sind. Wir brauchen keine Angst mehr vor der Gerechtigkeit Gottes zu haben, weil sie zu unseren Gunsten den Herrn Jesus gerichtet hat. Aber als Diener geht es um unsere Verantwortung vor Gott. Und darin versagen wir oft. Ein Diener wird sich daher nie auf die Gerechtigkeit Gottes beziehen, sondern auf seine Güte und Barmherzigkeit.
  • 7 Die Zahl 5 spricht von der Abhängigkeit des schwachen Menschen von Gott. Aus dieser Abhängigkeit ergibt sich unsere Verantwortung dem Herrn gegenüber. Der Mensch hat fünf Finger an jeder Hand, fünf Zehen an jedem Fuß, fünf Sinne. Mit ihnen ist er verantwortlich, Gott zu dienen.
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