Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 24,1-44

Die Endzeitrede über den jüdischen Bereich (Mt 24,1–44)

In diesem ersten großen Abschnitt geht es um den jüdischen Bereich. Der Herr spricht hier besonders von dem Zeichen seiner Ankunft, also von seinem Kommen. Und Er weist auf die Vollendung des Zeitalters hin. In diesen Versen spricht der Herr Jesus auf direkte Weise über das, was für sein irdisches Volk kommen würde. Er geht von der Situation aus, die das Volk damals kannte. Aber Er kommt sehr schnell auf die Endzeit zu sprechen, die auch für uns noch zukünftig ist.

Zum richtigen Verständnis dieses Abschnittes ist es außerordentlich wichtig zu erfassen, dass die vom Herrn Jesus genannten Punkte nicht symbolisch gemeint sind. Der Herr spricht nicht von Dingen, die eine Art geistliche Erfüllung finden. Es geht vielmehr direkt um jüdische Elemente und konkrete Ereignisse, die stattfinden werden. Ein Überfliegen des Abschnittes macht das sehr deutlich. Der Herr spricht zum Beispiel

  • vom „Evangelium des Königreichs“ (Vers 14),
  • vom „heiligen Ort“ (Vers 15),
  • von „Judäa“ (Vers 16) und
  • vom „Sabbat“ (Vers 20),

um nur einige Beispiele zu nennen. Es handelt sich nicht um die christliche Zeit, sondern um eine Zeit, die in besonderer Weise für Juden charakteristisch ist. Das heißt nicht, dass wir Christen überhaupt nichts damit zu tun haben. Das haben wir bereits in Verbindung mit der sogenannten Bergpredigt (Mt 5–7) gesehen, die ebenfalls von ihrem Charakter her jüdisch ist.

Die Einteilung der Rede für die Juden

Dieser jüdische Teil umfasst insgesamt sieben wichtige Abschnitte:

  1. Verse 1–3: Einleitung: die äußeren Umstände und die drei Fragen der Jünger
  2. Verse 4–14: der Anfang der Wehen bis zur Zeit des Endes
  3. Verse 15–28: die große Drangsal
  4. Verse 29–31: das Ende der Drangsal durch das Kommen des Sohnes des Menschen
  5. Verse 32–36: der Vergleich mit dem Feigenbaum
  6. Verse 37–41: die Art des Kommens des Sohnes des Menschen
  7. Verse 42–44: der abschließende Aufruf zur Wachsamkeit

Verse 1–3: Einleitung: die äußeren Umstände und die drei Fragen der Jünger

„Und Jesus trat hinaus und ging von dem Tempel weg; und seine Jünger traten herzu, um ihm die Gebäude des Tempels zu zeigen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht ihr nicht dies alles? Wahrlich, ich sage euch: Hier wird nicht ein Stein auf dem anderen gelassen werden, der nicht abgebrochen werden wird“ (Verse 1.2).

In den drei ersten Versen lernen wir etwas von den äußeren Umständen, die der Anlass für diese großartige Rede unseres Meisters war. Wir erkennen sofort eine Parallele zwischen dem Ende von Kapitel 12 und dem Anfang von Kapitel 13. Am Ende von Kapitel 12 hat der Herr gezeigt, dass Er nicht mehr seine „biologische“ Familie als seine Familie anerkennen konnte. Nur diejenigen, die den Willen seines Vaters taten, gehörten zu Ihm. Damit sprach Er in bildlicher Form davon, dass Er das Volk seiner Abstammung, Israel, nicht mehr als sein Volk anerkennen konnte. Denn es war seinem Vater nicht gehorsam. Stattdessen würde Er sich eine neue Familie bilden. Daher ging Er aus dem Haus (Israels) heraus, um sich an den See (der Nationen) zu setzen.

In unserem Kapitelübergang nun spricht der Herr davon, dass das Haus (Israel) öde zurückgelassen würde (23,38). Das gleiche würde mit dem Tempel passieren, der zwar noch großartig anzusehen war, denn der Tempel, von Herodes gebaut, war äußerlich ein großartiges Kunstwerk. Aber „Jesus trat hinaus und ging von dem Tempel weg“, weil Er das, was die Juden aus diesem Tempel gemacht hatten, nicht annehmbar fand. Sie hatten den Tempel und damit Gott so verunehrt, dass Christus seinen Platz außerhalb dieses Tempels und des damit verbundenen Systems sah. Der Herr nahm das zum Anlass, Zeiten des Gerichts über sein Volk anzukündigen.

Er musste, um vom Tempel auf den Ölberg zu gehen, den Kidron durchquert haben. Auf den Ölberg steigend musste Er zusammen mit seinen Jüngern einen wunderbaren Blick auf den Tempel gehabt haben. Manche Steine im Tempelbau sind rund sieben Meter lang. Der größte Stein misst sogar 13,60 Meter in der Länge; er hat ein Gewicht von möglicherweise 510 Tonnen. Bis heute ist nicht klar, mit welchen Mitteln man den Stein zum Tempelplatz schaffen und an seine Stelle hochbringen konnte.

Die Jünger sahen noch einmal die äußere Herrlichkeit dieses Tempelbaus und konnten ihren Stolz über dieses machtvolle Gebäude ihrer Nation nicht verschweigen. In den Kapiteln 22 und 23 haben wir sie nicht ein Wort sagen hören. Jetzt aber öffnen sie wieder ihren Mund und zeigen dem Herrn die Gebäude.

Die Antwort des Herrn muss die Jünger geschockt haben. „Seht ihr nicht dies alles?“ Diese Frage mag den Jüngern (und auch uns) eigenartig klingen. Sie hatten Ihm doch gerade „dies alles“ gezeigt. Offenbar möchte der Herr ihnen deutlich machen, dass dieser gewaltige Tempelbau symbolisch für „dies alles“ – das ganze jüdische System – stand. Wie vom Tempel „nicht ein Stein auf dem anderen gelassen“ würde, sondern alles abgebrochen werden musste, würde auch „das alles“, das gesamte jüdische System, nicht stehenbleiben.

Der Herr erklärt nicht sofort, was passieren würde. Aber wir wissen den Grund für diese dramatischen Änderungen. Denn der Tempel war in den Augen Gottes nur noch eine leere Hülle. Seinen Messias und auch den Herrn hatte das Volk hinausgeworfen. Und was sollte der Tempel ohne seinen Gott und Messias noch bedeuten, außer dass er ein nichtiges Schauwerk war? Der Herr des Tempels war ja verworfen, das Haus Israels somit von Ihm aufgegeben worden. Die Herrlichkeit ging zurück in den Himmel, so wie es damals beim Tempel mit der Wolke geschehen war (vgl. Hes 10,2–4.18.19; 11,22.23).

Die Jünger hatten noch immer weder die Verwerfung des Herrn noch die Leerheit des jüdischen Systems erkannt. Daher musste Er sie von der Macht der Tradition und jeder anderen Quelle der Attraktion des Herzens erlösen. Dazu entfaltet Er die Gedanken seines eigenen Herzens und wirft das Licht der Zukunft auf die Gegenwart.

Das enthält im Übrigen auch eine wichtige Botschaft für Christen! Auch die Christenheit ist inzwischen in weiten Teilen zu einer leeren Hülle geworden. Sie ist eine Christenheit ohne Christus. Als Erlöste müssen wir uns die Frage stellen: Wie könnte man das Kommen des Herrn genießen, um das es in diesen beiden Kapiteln geht, wenn es einem nicht wertvoll ist? Wenn diese Welt mit ihren „großartigen Steinen“ einem Christen attraktiver und wichtiger als der Herr ist, geht der Genuss der Beziehung zum Herrn verloren. Wer allein damit beschäftigt ist, in dieser Welt einen Platz einzunehmen, wird keine Freude an Christus haben können und unter die Zucht des Herrn kommen.

Die Tempelzerstörung

Der Herr holt die Jünger da ab, wo sie geistlich standen. Sie waren glaubende, gottesfürchtige Juden. In ihren Vorstellungen verbanden sie Christus mit dem Tempel. Sie wussten, dass Er der Messias Israels war. So erwarteten sie, dass Er die Römer richten und die Zerstreuten versammeln würde von den vier Winden des Himmels (vgl. Vers 31; Hes 37,9). Sie erwarteten die Erfüllung der Weissagungen des Alten Testaments: den Beginn des Königreichs Gottes in Macht und Herrlichkeit.

Der Herr muss seinen Jüngern aber ein weiteres Mal verdeutlichen, dass dieses Reich aufgrund seiner Verwerfung durch die Juden aufgeschoben wurde. Stattdessen würde der Mittelpunkt des jüdischen Stolzes, der Tempel, samt der Hauptstadt Israels, Jerusalem, zerstört werden. Es würde nur noch gut 30 Jahre dauern, bis diese Zerstörung Realität würde, wobei der Herr Jesus diese Zeitspanne hier nicht nennt. Wir wissen, dass Jerusalem 70 n. Chr. durch Titus zerstört wurde. So spricht der Herr über das Gericht, bevor Er weiter von der Zeit des Endes spricht. Gott würde das zerstören, was jetzt noch sichtbar vor den Augen der Jünger und Juden überhaupt stand: der Tempel, das jüdische System, das Volk der Juden insgesamt.

Vers 3: Drei Fragen der Jünger

„Als er aber auf dem Ölberg saß, traten die Jünger für sich allein zu ihm und sagten: Sage uns, wann wird das sein, und was ist das Zeichen deiner Ankunft und der Vollendung des Zeitalters?“ (Vers 3).

Die Jünger konnten diese Antwort des Herrn nicht begreifen und nahmen sie zum Anlass, den Herrn zu befragen. Das tun sie an „historischem“ Ort: auf dem Ölberg. Dieser Platz ist insofern sehr bedeutsam, als der Herr Jesus nach seiner Auferstehung aus den Toten von hier in den Himmel auffuhr (vgl. Lk 24,50.51; Apg 1,12). Es war zugleich der Ort, den die Herrlichkeit Jahwes als letzten „Standpunkt“ in der Nähe des Tempels hatte, bevor sie Jerusalem und Israel ganz verließ (vgl. Hes 11,22.23). Aus Sacharja 14,4 wissen wir, dass der Herr Jesus am Ende der großen Drangsal genau an diesen Ort kommen wird. Er wird seine Füße auf diesen Berg stellen. So wird die Herrlichkeit über diesen Ort zurück nach Israel und Jerusalem kommen (Hes 43,2; 43,4). Wie passend ist es da, dass Er seine Endzeitrede genau an dieser Stelle hält.

Was erwarteten die Jünger? Sie konnten sicherlich nicht die christliche Zeit bzw. die Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes erwarten, die aus Juden und Heiden bestand. Denn diese war im Alten Testament noch nicht offenbart worden. Aber sie wussten aus prophetischen Stellen, dass es eine jüdische Zeit der Drangsal in Jakob geben sollte (z.B. Jer 30,7). Sie erkennen aus dem Hinweis des Herrn, dass der Tempel zerstört und dass die Herrschaft Christi offenbar aufgeschoben werden soll. Das wollen sie gerne in Verbindung mit den Stellen im Alten Testament richtig verstehen und fragen den Herrn: Wann soll das alles sein, wovon dort die Rede ist?

Insgesamt haben die Jünger sogar drei Fragen:

  1. Wann wird das sein – nämlich die Zerstörung des Tempels?
  2. Was ist das Zeichen der Ankunft des Sohnes des Menschen, des Christus?
  3. Was ist das Zeichen der Vollendung des Zeitalters und wann findet sie statt?

Die Jünger reden von der Ankunft Jesu. Damit meinen sie (und die Schriften) die (künftige) Gegenwart des Herrn bei ihnen auf der Erde (Verse 3.27.37.39; 1. Thes 3,13, usw.), um in Herrlichkeit und Macht zu regieren. Bei der Vollendung des Zeitalters geht es nicht um die Vollendung der Welt, das Ende dieses Kosmos. Der Herr und die Jünger sprechen vom Ende der Zeit, während der unser Herr abwesend von den Jüngern sein würde. Denn den Jüngern war damals schon klar, dass es keine Verwüstung geben konnte, solange ihr Messias gegenwärtig wäre und über sie regieren würde. Schon in Matthäus 13,39 hatte der Herr diesen Begriff der Ankunft verwendet. Er hatte deutlich gemacht, dass die Vollendung des Zeitalters mit Gericht und Ernte, zugleich aber auch mit dem Beginn des Reiches des Vaters (Vers 43) einhergehen würde.

Auf die erste Frage nach der Zerstörung des Tempels lesen wir bei Matthäus keine konkrete Antwort. Daher finden wir bei ihm auch keine Zerstreuung der Auserwählten wie bei Lukas, wohl aber eine Sammlung dieser gläubigen Juden (24,31). Wir haben schon gesehen, dass Lukas – übrigens als einziger Evangelist – diese Frage in Kapitel 21,20–24 beantwortet. Er nennt Titus nicht. Es wird allerdings deutlich, dass sich der Herr auf die Nationen bezieht. Diese Zerstörung des Tempels würde nicht wegen Götzendienst kommen, wie es in der Zeit Jeremias und Hesekiels war. Der Herr hat noch Schlimmeres vor Augen: Die Juden würden ihren Jahwe-Messias zuerst ablehnen und dann durch Heiden kreuzigen lassen. Genau das sollte das Gericht Gottes auf sie herabrufen.

Die Antwort auf die Fragen der Jünger

In den nächsten Abschnitten beantwortet der Herr die Fragen der Jünger. Wie immer geht Er mit seinen Worten über eine direkte Antwort hinaus. Wir wissen nicht einmal genau, was die Jünger genau mit ihren Fragen wissen wollten – vermutlich viel weniger, als was wir unter ihren Fragen heute verstehen. Wir haben schon gesehen, dass der Herr die erste Frage nicht weiter behandelt. Stattdessen beschreibt Er in den Versen 4–28 die Zeit des Endes, (auch ein „wann wird das sein“). Es handelt sich um eine Zeit furchtbarer Drangsale für die Juden. In den Versen 15–28 geht es dabei speziell um Jerusalem und das, was im Zentrum Israels stattfinden wird.

Die Verse 29–31 beantworten dann die Frage nach dem Zeichen der Ankunft des Herrn. Dort wird direkt vom „Zeichen des Sohnes des Menschen“ gesprochen (Vers 30). In den Versen 32–44 schließlich nennt der Herr das Zeichen der Vollendung des Zeitalters. Dort spricht Er über den Feigenbaum und weitere Kennzeichen dieser Vollendung.

Einleitend zu diesen Versen spricht Jesus in Vers 4 das Gewissen der Jünger an. Sie waren – geistlich gesprochen – noch Babys im Glauben. Sie kannten den Vater, den Jesus ihnen offenbart hatte (Kapitel 11,27). Aber sie waren noch nicht „bewaffnet“ gegen die Antichristen (1. Joh 2,18). Zudem würde Satan sie durch Betrug zu verführen suchen (2. Thes 2,9.10). Darauf will der Herr sie vorbereiten und vor den Gefahren warnen.

Verse 4–14: Die ersten dreieinhalb Jahre der 70. Jahrwoche Daniels

„Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Gebt Acht, dass euch niemand verführe! Denn viele werden unter meinem Namen kommen und sagen: ‚Ich bin der Christus!‘, und sie werden viele verführen. Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, erschreckt nicht; denn dies muss geschehen, aber es ist noch nicht das Ende. Denn Nation wird sich gegen Nation erheben und Königreich gegen Königreich, und Hungersnöte und Seuchen und Erdbeben werden an verschiedenen Orten sein. Dies alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Drangsal überliefern und euch töten; und ihr werdet von allen Nationen gehasst werden um meines Namens willen. Und dann werden viele zu Fall kommen und werden einander überliefern und einander hassen; und viele falsche Propheten werden aufstehen und werden viele verführen; und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe der Vielen erkalten. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden. Und dieses Evangelium des Reiches wird auf dem ganzen Erdkreis gepredigt werden, allen Nationen zum Zeugnis, und dann wird das Ende kommen“ (Verse 4–14).

In den folgenden Versen lesen wir etwas über den allgemeinen Zustand der Jünger und der Welt. Wie schon gesagt, handelt es sich nicht um unsere christliche Zeit und die Versammlung Gottes, sondern um die Juden als Träger des Zeugnisses Gottes. Diese Zeit ist geprägt von falschen Christi und falschen Propheten unter den Juden. Zudem geht es um die Verfolgung derer, die ein treues Zeugnis für Gott und seinen Messias ablegen. Diese Zeit reicht, wie man Vers 13 entnehmen kann, bis an das Ende dieses Zeugnisses.

Wenn Jesus hier über die für die Jünger und letztlich auch für uns zukünftige Ereignisse spricht, dann nicht, um unsere Neugier zu befriedigen. Sein Ziel ist es, die Jünger aufzuklären und zu warnen vor Gefahren, die sie noch nicht kennen und sehen. Die Jünger stehen an dieser Stelle im Unterschied zu Matthäus 18 nicht für die Versammlung. Sie sind hier die Repräsentanten der gläubigen, jüdischen Jünger. Sie werden in der Zeit der Abwesenheit des Messias hier auf der Erde sein und ihren König und sein Reich aus dem Himmel erwarten.

Diese Verse (bis Vers 14) sind sehr allgemein gehalten. Man weiß zunächst nicht genau, ob der Herr nicht neben den Juden auch die Christen betrachtet. Der Herr warnt seine Jünger vor bestimmten Gefahren. Fünf konkrete Vorhersagen nennt Er in diesem Zusammenhang:

  1. Viele kommen und versuchen, die jüdischen Gläubigen zu verführen, indem sie sagen, sie seien Christus (Vers 5).
  2. Es wird Kriege, Kriegsgerüchte und Kämpfe von Nationen gegen Nationen geben (Vers 6.7).
  3. Dann kündigt der Herr Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben an (Vers 7).
  4. Der Herr sagt auch voraus, dass viele seiner Zeugen umgebracht und dass falsche Propheten aufstehen werden, um die Juden und besonders die Jünger des Herrn zu verführen.
  5. Schließlich kündigt der Herr die Predigt des Evangeliums des Königreichs an alle Nationen an.

Die hier geschilderten Entwicklungen sind Gegenstand vieler alttestamentlicher Weissagungen, die sich genau auf diese Zeit beziehen. Hosea 5,14, Joel 2,1–17, Jeremia 30,4–9, Hesekiel 21,27, Daniel 12,1, Micha 7,1–7 und Habakuk 3,16 sind davon nur einige wesentliche. Es handelt sich um die Zeit, die „noch nicht das Ende“ ist (Vers 6). Sie wird auch der „Anfang der Wehen“ genannt (Vers 8), die „bis ans Ende“ reicht (Vers 13). Das sind Ausdrücke, die unterstreichen, dass es sich nicht um die christliche Zeit handeln kann. Denn in den neutestamentlichen Briefen finden wir diese Ausdrücke im Unterschied zum Alten Testament nicht. Es geht also um die Erfüllung und Konkretisierung von Vorhersagen, die Gott seinem irdischen Volk Israel im Alten Testament gegeben hat.

Wir haben schon weiter oben gesehen, dass der Geist Gottes von 70 Jahrwochen (70 x 7 Jahren) spricht (Dan 9,25–27). Dieser Abschnitt nun behandelt besonders die ersten dreieinhalb Jahre der 70. Jahrwoche Daniels (vgl. Dan 9,27). Über die zweite Hälfte dieser sieben Jahre liest man eine ganze Reihe von Einzelheiten in den Versen 15–28, im Propheten Daniel und auch in der Offenbarung. Über die ersten dreieinhalb Jahre wird dagegen eher weniger gesprochen. Ein Vergleich dieser Verse mit Offenbarung 6–9, wo wir die ersten beiden Siebener-Serien von Gerichten finden (die sieben Siegel-Gerichte und sechs der sieben Posaunen-Gerichte), zeigt jedoch: Auch dort ist von dieser Zeit die Rede.

Vers 5: Falsche Christi

In Offenbarung 6,2 liest man von einem weißen Pferd, auf dem jemand sitzt, der einen Bogen hat. Diesem Menschen wird eine Krone gegeben, und er zieht aus, siegend und damit er siegte. Offenbarung 19,11 zeigt, dass auch der Herr Jesus auf einem weißen Pferd reiten wird. Das wird so sein, wenn Er als König der Könige und Herr der Herren auf diese Erde zurückkommen wird. Offenbar ist dieser Reiter in Offenbarung 6 ein Mann, der die Kennzeichen Christi annimmt und nach außen hin vorgibt, Christus zu sein.

Genau das finden wir in Matthäus 24,5 wieder. Dort ist nicht nur von einer Person, sondern von vielen die Rede, die unter dem Namen von Christus kommen werden. Sie behaupten, Christus zu sein. Da die gläubigen Juden auf Christus warten, können sie durch solche Behauptungen getäuscht werden. Denn offenbar handelt es sich um jedenfalls teilweise erfolgreiche Menschen, von denen Johannes sagt, dass sie siegen. Daher ist die Warnung des Herrn so bedeutsam, sich durch solche Menschen nicht verführen zu lassen. Denn es wird ein für alle gläubigen Juden sichtbares Zeichen des Wiederkommens des Herrn geben. Davon wird Er in Vers 30 weitersprechen. Dadurch kann man sich vor Verführungen bewahren lassen.

Aus diesem Vers erkennen wir deutlich, dass es sich um eine Verführung von Juden handeln muss. Denn wir Christen wissen, dass der Herr Jesus uns nach 1. Thessalonicher 4 in den Himmel holen wird, bevor der Tag des Herrn, bevor die Drangsalszeiten beginnen werden (vgl. z. B. Off 3,10). Es ist also nicht nötig, Christen davor zu warnen, dass falsche Christi auf die Erde kommen werden. Damit kann man einen Christen nämlich nicht verführen. Er weiß aus der Schrift, dass Christus erst dann sichtbar auf die Erde zurückkommt, wenn Er zuvor seine Versammlung in den Himmel geholt haben wird. Daher finden wir derartige Warnungen auch nicht in den Briefen. Das ist unnötig, denn diese sind an Christen adressiert.

Es ist die Verwerfung des wahren Christus, der die Juden verwundbar macht, einen falschen Christus anzunehmen. Eigentlich war Er gekommen, um sofort sein Königreich aufzurichten. Dann hätte es keine weitere Verführung mehr geben können. Jetzt aber kam die Gefahr, weil der Christus in den Himmel auffahren und von dort sein Königreich der Himmel in geheimnisvoller Weise gründen würde. Erst an dessen Ende wird sein sichtbares Wiederkommen stehen. Das werden manche Verführer ausnutzen, um sich selbst als Christus darzustellen. Davon hat der Herr auch an anderer Stelle gesprochen. Wie furchtbar, dass die ungläubigen Juden sogar den Antichristen, das heißt den „Gegen-Christus“ bzw. den „Anstelle-Christus“, annehmen werden. Das hat ihnen der Herr Jesus bereits damals vorhergesagt (vgl. Joh 5,43).

Botschaft für Christen

Haben diese Verse uns Christen dann gar nichts zu sagen? Oh doch! Wir haben gesehen, dass sich z. B. auch die Bergpredigt an Jünger jeder Zeitepoche wendet, auch wenn diese zunächst als gläubige Juden betrachtet werden. So haben diese ersten Verse, die der Herr Jesus noch sehr allgemein hält, auch eine Botschaft an uns Christen. Nachdem man die eigentliche, jüdische Stoßrichtung im Matthäusevangelium erfasst hat, erkennt man auch eine aktuelle Botschaft.1 Heute ist neben dem verherrlichten Christus der Geist Gottes die prägende Person des Christentums. Denn Er ist die Person der Gottheit, die heute auf der Erde wohnt (vgl. 1. Kor 3,16; 6,19). Daher werden die Christen davor gewarnt, falschen Geistern zu glauben (1. Joh 4,1).

Aber auch für Christen werden Warnungen in Bezug auf falsche Christi ausgesprochen. „Kinder, es ist die letzte Stunde, und wie ihr gehört habt, dass der Antichrist kommt, so sind auch jetzt viele Antichristen geworden; daher wissen wir, dass es die letzte Stunde ist“ (1. Joh 2,18). Das sind Menschen, die den Platz von Christus innehaben wollen und auch einnehmen. Ist der Papst der Römisch-Katholischen Kirche nicht ein solcher Mensch, auf den viele Christen hereingefallen sind? Und in 2. Korinther 11,13 lesen wir: „Denn solche sind falsche Apostel, betrügerische Arbeiter, welche die Gestalt von Aposteln Christi annehmen.“ So haben auch wir wachsam zu sein vor derartigen Gefahren.

Vers 6: Kriege und Kriegsgerüchte

Der Herr richtet sich auch im sechsten Vers weiter an seine Jünger und warnt sie davor, sich zu erschrecken durch Kriege und Kriegsgerüchte. Man könnte aus diesen Worten den Eindruck gewinnen, dass die damaligen Jünger durch diese gesamte geschilderte Zeit hindurchzugehen hätten, um auch bei seiner Wiederkehr (Vers 30) anwesend zu sein. Aber das ist ein Stilmittel, das der Herr Jesus auch bei den Gleichnissen immer wieder anwendet. So fasst Er die Dinge in einem Punkt zusammen. Er will seinen Jüngern zudem keinen Anlass für den Gedanken geben: „Das Ganze dauert ja noch sehr, sehr lange und betrifft mich nicht.“ Nein, der Herr wollte, dass die Jünger schon damals mit seinem Wiederkommen rechneten. Daher stellte Er ihnen vor, was selbst für uns noch zukünftig ist, ohne klarzustellen, dass es viel später stattfinden und eine spätere Gruppe von Jüngern betreffen wird. Die Jünger sollten wissen, dass die ungläubigen Juden während der ganzen Abwesenheit Christi in ihrem Widerstand gegen Ihn und die Seinen verharren würden (vgl. Vers 34).

Schon im Alten Testament finden wir manche Hinweise in den Propheten, dass viele Kriege in der Endzeit auf das irdische Volk Gottes zukommen werden. Erneut sehen wir bei den Siegelgerichten in Offenbarung 6 einen entsprechenden Hinweis. Das zweite Siegel zeigt ein feuerrotes Pferd. Und dem darauf Sitzenden wird gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, so dass sich die Menschen gegenseitig abschlachteten. Diesem Reiter wird ein großes Schwert gegeben (Off 6,3.4). Wenn sich Offenbarung 6 auch mehr auf den christlichen Teil der Welt bezieht, so sehen wir doch, dass es sich um dieselben Gerichtshandlungen Gottes handelt. Auch hier werden Kriege sein. Die Christen werden dafür gerichtet werden, wie sie mit dem Herrn Jesus und seinen Christen umgegangen sind. Die Juden und das Volk Israel dagegen werden gerichtet werden, weil sie Christus ans Kreuz gebracht haben.

Wir finden hier also zwei große moralische Warnungen. Die Jünger des Messias werden erstens davor gewarnt, sich der richtigen Hoffnung (nämlich auf Christus) berauben zu lassen, indem sie einem falschen Christus hinterherlaufen. Zweitens werden sie gewarnt, sich durch Kriege und ungünstige Umstände irre machen zu lassen. Auch das ist jüdisch. Denn wir Christen werden nicht vor Kriegen und Kriegsgerüchten gewarnt. Wie sollten sie uns in unserer Hoffnung, dass uns Christus in den Himmel heimholt, erschüttern können. Schon die ersten Apostel und auch Paulus mussten mit diesen Verfolgungen leben. Und auch heute wissen wir von vielen Christen, die verfolgt werden. Gerade die Gläubigen aus Thessalonich werden ermutigt, dass diese Leiden nichts mit dem Tag des Herrn zu tun haben. Wer jetzt in Verfolgungen umkommt, ist schon bei Christus im Paradies. Und der Tag des Herrn kann erst kommen, wenn bestimmte Dinge auf der Erde passiert sind. Dazu gehört die Entrückung der Erlösten (vgl. 2. Thes 1 und 2).

Dennoch sind Kriege und Kämpfe auch für Christen eine Gefahr. Aber in anderer Form, als der Herr sie hier in seiner prophetischen Rede vorstellt. „Woher kommen Kriege und woher Streitigkeiten unter euch? Nicht daher: aus euren Begierden, die in euren Gliedern streiten? Ihr begehrt und habt nichts; ihr mordet und neidet und könnt nichts erlangen; ihr streitet und führt Krieg; ihr habt nichts, weil ihr nicht bittet“ (Jak 4,1.2). Christen können irrewerden, weil sie Krieg inmitten der Christenheit erleben. Das steht in vollkommenem Widerspruch zu ihrer eigentlichen Berufung. Aber auch hier hat uns der Herr durch seine Knechte vorgewarnt, dass wir voneinander (und auch von uns selbst) nichts Unrealistisches erwarten sollen. Auch bei uns ist leider alles möglich.

Der Herr Jesus sagt dann seinen Jüngern, dass auch diese Kriege noch nicht das Ende sind. Es muss noch viel Schlimmeres passieren und die Gerichte für die Juden noch wesentlich gravierender werden, bevor das Ende kommen kann.

Das ist das Gegenteil von dem, was für uns Christen gilt, auf die das Ende schon gekommen ist (1. Kor 10,11). Für die Juden müssen noch viele Dinge passieren, bevor sie zu ihrem Segen kommen können. Für uns sind in Christus schon längst alle Dinge unser. Jeder Segen, auf den die Juden noch warten müssen, ist heute schon in dem Herrn Jesus geistlicherweise unser. Für die Juden wird das alles erst mit dem Kommen des Sohnes des Menschen Wirklichkeit werden. Wir müssen dagegen in dieser Hinsicht auf nichts mehr warten, auch wenn wir natürlich den Herrn Jesus aus dem Himmel erwarten!

Verse 7: nationale Kampfhandlungen – Hungersnöte und Seuchen

Im siebten Vers führt der Herr die Gedanken über Kriege fort und spricht hier davon, dass es sich um nationale Kriegsführungen handelt, nicht um Bürgerkriege. Aus der Prophetie des Alten Testament wissen wir, dass gerade Israel im Mittelpunkt des Kriegsinteresses steht. Immer wieder lesen wir vom König des Südens (vgl. z.B. Dan 11,5.6.9.11.14.15.25.40; Sach 6,6; 9,14) und vom König des Nordens (vgl. z.B. Jer 6,22; 10,22; Dan 11,6.7.8.11.13.15.40; Sach 6,6). Schon heute wird Israel praktisch von allen Seiten angegriffen. So ist absehbar, dass Israel in den Tagen, von denen der Herr hier spricht, von Süden, Norden und Osten bekämpft werden wird. Russland wird dabei zweifellos eine wichtige Rolle spielen (vgl. Hes 38,6.15; 39,2).

In Zukunft wird es zwischen den Nationen im Osten (Irak, Iran), Westen (Europa, USA), Norden (Syrien, Russland) und Süden (Ägypten) Palästinas unaufhörliche Kriege geben. Meistens wird Israel deren direkte oder indirekte Ursache sein.

Man kann auch davon ausgehen, dass in dieser Zeit manche, für den menschlichen Verstand einleuchtende Erklärungen für die genannten dramatischen Ereignisse gegeben werden. Man wird versuchen, alles wissenschaftlich und historisch zu erklären. Damit meine ich auch die Hungersnöte etc. Jede Begründung wird dann (wie heute) recht sein, solange die Bibel nicht dafür benötigt wird. Solange man ohne Gott erklärungsfähig ist, scheint alles akzeptabel zu sein. Vor allem im Westen, den heutigen sogenannten christlichen Ländern, werden irreführende Erklärungen herhalten müssen. Sie sind die Folge der wirksamen Kraft des Irrwahns. Denn diese abgefallenen Christen werden der Lüge glauben (vgl. 2. Thes 2,11). Die meisten in unseren Breitengraden lebenden Menschen werden keine Chance mehr haben, an Gott und das Heil zu glauben. Sie haben Christus bewusst als Retter abgelehnt. Daher wird Gott sie dahingeben.

Über die Kriege hinaus wird es auch verschiedene Naturkatastrophen geben wie Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben. Zwar kennen wir alle drei Erscheinungen auch heute schon, aber es ist zu erwarten, dass diese Katastrophen dann ganz andere Ausmaße annehmen werden. Vermutlich werden sie in einer nie gekannten Konzentration und Häufigkeit auftreten.

In diesen Berichten finden wir zwei weitere Siegelgerichte aus Offenbarung 6 wieder. Beim dritten Siegel (Off 6,5.6) lesen wir von einem schwarzen Pferd, auf dem ein Reiter mit einer Waage sitzt. „Ein Chönix Weizen für einen Denar und drei Chönix Gerste für einen Denar“ (Vers 6). Offensichtlich ist hier von einer enormen Hungersnot die Rede, so dass selbst die Grundnahrungsmittel Weizen und Gerste derart teuer sein werden.

Bei dem vierten Siegel sehen wir ein fahles Pferd mit einem Reiter, der den Namen „Tod“ trägt, wobei der Hades ihm nachfolgt. Er hat Gewalt über den vierten Teil der Erde und tötet mit dem Schwert und mit Hunger und mit Tod und durch wilde Tiere der Erde (Verse 7 und 8). Hier geht es anscheinend um Hungersnöte, Seuchen und Erdbeben, die alle zum Tod führen.

Vers 8: Der Anfang der Wehen

Diese Gerichte werden furchtbar sein. Denn es handelt sich nicht um zufällige Naturereignisse, nicht einmal um Katastrophen, die Gott einfach nur zulässt, sondern Er tritt selbst als Richter auf. Er wird diese Heimsuchungen herbeiführen. Aber sie stellen erst den Anfang der Wehen dar. In Vers 6 sahen wir, dass noch nicht das Ende gekommen ist. Hier ist sogar davon die Rede, dass sich die Juden mit diesen Gerichten sogar erst am Anfang der Wehen befinden werden. Es muss sich also um außerordentlich schlimme Leidenszeiten handeln. Denn der Herr betont immer wieder ausdrücklich, dass die Juden noch wesentlich mehr Verfolgungen und größere Bedrängnisse zu erwarten haben. Die Gläubigen, die dann leben werden, sollen sich dadurch nicht irremachen lassen.

Als Anfang der Wehen können wir alle Ereignisse auffassen zwischen der Entrückung und der Zeit der „Vollendung des Zeitalters“ (V. 3). Letzteres nennt der Herr hier das „Ende“. Diese Vollendung führt die Stunde der Versuchung über den ganzen Erdkreis zu ihrem Höhepunkt. Man kann sagen, dass die Gerichte dieser ersten Gerichtsperiode in Offenbarung 6–9 zu finden sind. Dazu gehören also nicht nur die sieben Siegelgerichte, sondern auch die ersten sechs Trompetengerichte. Man vergleiche die Wehe-Ankündigungen in Offenbarung 8,13; 9,12; 11,14 mit unseren Versen. Für die Juden folgt auf diese Zeit die große Drangsal, für die Welt der Zorn Gottes, für alle Menschen insgesamt die Vollendung des Zeitalters.

Vers 9: Drangsale, Tod und Hass um des Namens des Herrn willen

Im neunten Vers lesen wir dann direkt von „Drangsal“. Hier fehlt der Artikel (der) vor Drangsal. Daher müssen wir an keine spezielle und konkret zu fassende Drangsalszeit denken, wie es die große Drangsal oder die Drangsal Jakobs sein werden. Hier geht es um die Charakterisierung einer Zeit. Für die Jünger künftiger Tage werden diese Jahre von großer Drangsal geprägt sein. Sie werden überliefert und sogar getötet werden, weil sie am Namen des Herrn Jesus, ihres Messias, festhalten. Sie sind nicht bereit, sich von ihrem Gott loszusagen. Dafür müssen sie leiden und werden sogar getötet werden.

Wir können in diesem Zusammenhang an das fünfte Siegel in Offenbarung 6,9–11 denken. Dort finden wir Seelen unter dem Altar, also Menschen, „die geschlachtet worden waren um des Wortes Gottes und um des Zeugnisses willen, das sie hatten“. In der Offenbarung werden – wie gesagt – besonders die christliche Welt und die Gerichte in deutlich allgemeiner Form behandelt. Dennoch geht es in beiden Fällen um die treuen Jünger Gottes. Sie werden um ihres Zeugnisses willen, weil sie zu Gott und seinem Messias stehen, verfolgt und getötet.

Johannes fügt dann auch noch hinzu, „dass sie noch eine kleine Zeit ruhen sollten, bis auch ihre Mitknechte und ihre Brüder vollendet sein würden, die ebenso wie sie getötet werden würden“ (Off 6,11). Das unterstreicht, dass es sich hier noch um den Anfang der Wehe handelt. Die Vollendung des Zeitalters ist noch nicht gekommen.

Bevor wir mit der Betrachtung dieser Verse fortfahren, weise ich noch auf eine gewisse Parallele zu den Hinweisen hin, die wir in Kapitel 10 finden. Dort geht es zunächst um die Aussendung der Jünger für ihren damaligen Dienst. Sie sollten das Königreich der Himmel predigen, das in der Person des Herrn nahegekommen war. Denn Gott wollte durch seinen Christus öffentlich über sein Volk regieren. Schon dort aber wird deutlich, dass das Volk seinen Messias mehr und mehr ablehnte und dieses Königreich erst viel später in Macht und Herrlichkeit bestehen würde. Daher gibt es auch eine Reihe von Parallelen zu den Belehrungen, die wir in unseren Versen finden. Man vergleiche unseren Vers mit Kapitel 10,17–22.28 (ebenso Kap. 24,30 mit 10,23).

Verse 10–12: Verführung, Fall und Gesetzlosigkeit

In den folgenden Versen lesen wir, dass es Menschen gibt, die durch Verführungen und Verfolgungen zu Fall kommen. Sie standen äußerlich zunächst auf der richtigen Seite, haben aber offenbar keine wirkliche Bekehrung erlebt. Daher bleiben sie nicht standhaft bis zum Ende. Sie halten nicht fest an dem Evangelium des Königreiches, sondern geben es auf. Sie lassen sich durch die Bedrohungen und durch falsche Propheten in die Irre leiten, so dass sie in ihrem Glaubensleben zu Fall kommen. Dadurch zeigen sie, dass sie nie wahres Leben aus Gott besessen haben.

Diese Entwicklung im Land gipfelt darin, dass die Gesetzlosigkeit überhand nimmt. Man mag sich vielleicht fragen, ob das nicht schon heute wahr ist. Aber da das Gericht Gottes immer dann kommt, wenn das Maß der Bosheit voll geworden ist (vgl. 1. Mo 15,16), ist der Gipfelpunkt der Gesetzlosigkeit, jedenfalls was den jüdischen Bereich betrifft, erst zu diesem späteren Zeitpunkt erreicht. Heute ist nach 2. Thessalonicher 2,7 „schon das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam“. Es muss aber noch der „Gesetzlose“ (2. Thes 2,8) kommen, dessen Gipfel an Gesetzlosigkeit erreicht sein wird, wenn er sich in den Tempel setzen wird. Dort lässt er sich als Gott verehren (2. Thes 2,4). Das ist der „Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens“, der Antichrist, zu dessen Aktivitäten wir in Matthäus 24,15 kommen werden. Auf diese Zeit weist auch Sacharja in seiner vorletzten Vision hin (Sach 5,8), wenn er dort von Gottlosigkeit spricht.

Auch die Gesetzlosigkeit finden wir in einem der Siegelgerichte wieder, und zwar im sechsten. Unter den zahlreichen Parallelen zu Matthäus 24,29 sticht dort besonders die hervor, dass es in dieser Zeit keine Gerechtigkeit mehr gibt. Anscheinend existiert keine ordentliche Rechtsprechung mehr. Diejenigen, die eigentliche staatliche Autorität besitzen, bringen Finsternis statt Licht (die Sonne wird schwarz) und Mord statt Frieden (der Mond wird zu Blut). Wie auch unsere Verse geht Offenbarung 6,12–17 unmittelbar der großen Drangsalszeit und dem Tag des Zornes Gottes voraus.

Wenn die Gesetzlosigkeit überhandnimmt und Verfolgungen weiter zunehmen, ist für wahre Jünger eine außerordentliche Kraft nötig. Sie haben diese nicht in sich, sondern sie wird ihnen von oben geschenkt. Sie brauchen diese, um an Christus und seinem Wort festzuhalten. Damit sie nicht irrewerden, wenn sie das alles sehen, warnt sie der Herr hier.

Das Erkalten der Liebe der Vielen bezieht sich auf die jüdischen Bekenner, die aber nicht von neuem geboren sind. Daniel spricht von ihnen in Daniel 9,27 und meint auch dort die Masse des jüdischen Volkes, die ungläubig ist. So, wie das Erkalten der Liebe heute (vgl. 2. Tim 3,3) die Gläubigen dazu anstiftet, in der praktischen Liebe nachzulassen, wird das auch in der Zukunft sein. Daher ruft der Herr von Anfang an seine Jünger auf, sich nicht von dieser Lauheit anstecken zu lassen, sondern weiter auszuharren. Die Ursache für die Lieblosigkeit ist heute wie zukünftig der böse innere Zustand der Gesetzlosigkeit. Nur das Verändern dieses Zustandes führt zu einem veränderten Verhalten. Nur ein Herz, das für Jesus Christus brennt, wird Liebe praktizieren und dadurch offenbaren. Es bedarf eines Motivs für diese Liebe: Das liegt in Christus und seinem Werk.

Verse 13: Ausharren bis ans Ende

Die genannten Verfolgungen können dazu führen, dass Jünger aufgeben. Sie haben eine besondere Ermutigung nötig, die der Herr ihnen hier gibt. Sie sollen ausharren, und zwar nicht nur eine gewisse Zeit, sondern bis ans Ende. Dieses Ende ist dann gekommen, wenn der Sohn des Menschen wieder auf diese Erde zurückkommen wird (Vers 30). Mit diesem Ausharren ist aber auch ein besonderer Ernst verbunden, die Notwendigkeit, nicht aufzugeben. Denn nur derjenige, der wirklich ausharrt bis zum Ende, wird errettet werden. Das heißt, er wird als ein aufrechter, treuer Jünger erfunden werden, wenn Christus in Herrlichkeit erscheinen wird, um all diesen Leiden ein Ende zu bereiten.

Es gibt also eine genau definierte Periode des Ausharrens, ein Ende, das kommt, genauso wie es einen Anfang der Leiden gibt. Wenn der Herr im Johannesevangelium vom Los der Christen spricht, dann nennt Er nie einen Anfang oder ein Ende. Er zeigt dort aber, dass Drangsale und Bedrängnisse während des gesamten Lebens zu erwarten sind: In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid guten Mutes, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33). Für uns besteht in diesem Sinn Heilssicherheit, wenn wir den Herrn Jesus als unseren Retter angenommen haben. „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben“ (Joh 10,27.28). Dennoch gilt auch für uns, dass sich dieses Leben in unserem täglichen Lebenswandel zeigen muss. Es wird gerade durch Ausharren offenbart (vgl. Kol 1,11). Denn Erlöste hören auf die Stimme des Hirten (Joh 10,27) und sind Ihm gehorsam. Das ist ihr Kennzeichen.

Noch ein Wort dazu, dass der Herr damals zwar seine Jünger anredete, aber von einer Zeit spricht, die sie nicht mehr auf der Erde erleben würden. Er redet, wie wir schon gesehen haben, noch sehr allgemein. So lassen sich diese Verse sicher auch auf die damalige Zeit der Verfolgungen anwenden, welche die Jünger bis zum Jahr 70 n. Chr. erlebten. Dennoch machen die konkreten Hinweise in diesen Versen, wie sie auch in Offenbarung 6 und alttestamentlichen Weissagungen nachzulesen sind, deutlich: Der Herr Jesus bezieht sich auf die künftige Endzeit, den Anfang der Wehen auf der Erde. Aber an keiner Stelle möchte Er den Eindruck erwecken, dass es sehr lange dauern muss, bis das alles geschieht. Er möchte, dass wir sein Kommen erwarten. Zudem wünscht Er, dass die Jünger künftiger Zeit den Charakter der Jünger von damals tragen: dem Meister ergeben zu sein.

Vers 14: die Verkündigung des Evangeliums des Königreichs

Damit kommen wir zum letzten Vers dieses ersten Abschnitts, der das Thema „Errettung“ aus Vers 13 aufnimmt, um die Aktivität der gläubigen Jünger zu zeigen. Wir werden sofort an die Aussendung der 12 Jünger in Kapitel 10 erinnert. Dort jedoch wurden die Juden nur nach Israel gesandt. Dort sollten sie das Evangelium verkündigen (Mt 10,5). Hier jedoch geht es um eine Predigt für den ganzen Erdkreis. Dieser Vers bestätigt, dass Gott zu jeder Zeit sein eigenes Zeugnis unter den Nationen aufrechterhält. Das galt schon im Alten Testament, wenn man zum Beispiel an Hiob und an Daniel in Babel denkt. Das wird auch in der zukünftigen Zeit gelten, wenn Gerichte über diese Erde kommen.

Das Evangelium wird verkündigt, bis das Ende kommt. Es ist das Ende des Zeitalters (Vers 3). Für die wahren Jünger bringt dieses Ende Errettung, den Feinden der Jünger und des Messias dagegen bringt diese Zeit der großen Drangsal ein endgültiges Gericht. Der Herr ermuntert seine Jünger, nicht damit aufzuhören, bis zu diesem Ende das Evangelium zu verbreiten. Das heißt, sie sollen bis zur sichtbaren Offenbarung des aus den geöffneten Himmeln kommenden Sohnes des Menschen in Macht und Herrlichkeit als Missionare tätig sein. Denn so lange gibt es noch Hoffnung für die Menschen, dass sie sich zu Gott und dem Messias bekehren.

Evangelium des Reiches – Evangelium der Gnade

Erneut ist vom Evangelium des Königreichs die Rede. Es ist das Evangelium, das Johannes der Täufer (Mt 3,2) und der Herr selbst gepredigt haben (Mt 4,17.23; 9,35). Auch die Jünger haben diese Botschaft verkündigt (Mt 10,7). Man kann natürlich fragen, inwiefern sich das Evangelium des Reiches von dem Evangelium unterscheidet, das heute verkündigt wird. Paulus verkündigte das „Evangelium der Gnade“ (Apg 20,24) bzw. das Evangelium der Herrlichkeit des Christus (2. Kor 4,4), zwei von vielen Ausdrücken für dieselbe Sache.

Dieses Evangelium steht nicht im Widerspruch zum Evangelium des Reiches, ist jedoch viel reichhaltiger. Denn zur Zeit Jesu, als schon das Evangelium des Reiches verkündigt wurde, gab es weder den Tod Christi noch seine Auferstehung. Zudem ist der Tod des Herrn zunächst einmal kein Evangelium, keine gute Botschaft für die Juden. Denn dieser Tod war die Folge ihres Unglaubens. Sie hatten das gepredigte Evangelium genauso wie dessen Prediger und vor allem ihren König, Christus, abgelehnt.

Das Evangelium des Reiches bedeutet, sich dem Herrn Jesus, dem König, unterzuordnen und Ihn als Herrn und König anzunehmen. Es ist eng verbunden mit dem ewigen Evangelium, von dem wir in Offenbarung 14,6.7 lesen: „Fürchtet Gott und gebt ihm Ehre, denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen; und betet den an, der den Himmel und die Erde gemacht hat und das Meer und die Wasserquellen“ (vgl. auch Ps 93–100). In Psalm 96 finden wir sogar die Aussendung der Boten dieses Evangeliums an die Nationen (Ps 96,3).

Das Evangelium der Gnade stellt die Herrlichkeit Gottes und seine Gnade durch den gestorbenen und auferstandenen Christus in den Mittelpunkt (vgl. 1. Kor 15,1–14). Der Herr spricht nicht von einem irdischen Königreich, dessen Herrscher man annimmt. Man wendet sich zu dem ewigen Gott selbst, und zwar in Christus Jesus, seinem eingeborenen Sohn. Gott macht uns zu seinen Kindern, indem Er uns gemäß seiner göttlichen Gerechtigkeit Leben schenkt. Alle, die an den Herrn Jesus Christus glauben, werden zusammen mit Ihm lebendig gemacht, auferweckt. Sie sitzen in Ihm in den himmlischen Örtern. Sie sind durch die Annahme des Evangeliums zu Söhnen Gottes, Erben Gottes und Miterben Christi geworden. So großartig das Evangelium des Königreichs ist – solche Segnungen enthält es nicht. Gott wird als Vater des gesamten Volkes verkündet, nicht als persönlichen Vater. Christus wird als Messias und Retter vorgestellt, nicht aber als Haupt des Leibes der Versammlung, usw.

Man kann es so formulieren: Das Evangelium der Gnade Gottes schließt das Evangelium des Königreichs mit ein, geht allerdings weit über dieses hinaus. Aber auch diejenigen, die dem Evangelium des Reiches glauben, sind glücklich und glückselig (vgl. Mt 5,3–12; 25,34). Zunächst einmal war es in Apostelgeschichte 3,19.20 die gute Botschaft des Reiches, die von Petrus und den anderen Aposteln an die Juden verkündigt wurde. Wenn die Juden Buße getan und das neue Angebot der Gnade angenommen hätten, wäre dieses Königreich in Macht und Herrlichkeit angebrochen (vgl. Mt 22,4).

Aber auch heute wird noch das Evangelium des Reiches verkündigt, selbst wenn der Schwerpunkt zweifellos auf dem Evangelium der Gnade liegt. Von Paulus und den Seinen lesen wir beispielsweise immer wieder, dass sie das Evangelium des Königreichs verkündigten (vgl. Apg 8,12; 20,25; 28,23.31). Denn die Botschaft, sich Gott und seinem Christus unterzuordnen und seine Autorität anzuerkennen, bleibt immer aktuell. Dabei ist klar, dass es damals wie heute besonders moralische Grundsätze sind, die Christus, seine Apostel und auch wir verkündigen, wenn wir das „Reich predigen“ (Apg 20,25). Denn das Königreich ist in erster Linie mit solchen moralischen Grundsätzen wie Gerechtigkeit, Friede und Freude verbunden (vgl. Rö 14,17). Das bleibt zu jeder Zeit wahr.

Es geht also nicht um die Frage einer zeitlich begrenzten Predigt. Sonst würden wir nicht im letzten Vers der Apostelgeschichte lesen, dass Paulus gerade dieses Evangelium gepredigt hat. So macht die Tatsache, dass das Evangelium des Reiches auch heute gepredigt wird, deutlich, dass dieses nicht im Gegensatz zu dem Evangelium der Gnade steht.

Wenn die Versammlung nach 1. Thessalonicher 4,16.17 die Szene der Erde verlassen haben wird, wird das Evangelium der Gnade jedoch nicht weiter gepredigt werden. Man kann sogar sagen: nie wieder. Das sollte uns die Erhabenheit dieses Evangeliums, das wir im Glauben annehmen durften, deutlich machen. Aber das Evangelium der Reiches und das ewige Evangelium werden auch dann noch gepredigt werden (vgl. Off 14,7).

Verkündiger des Evangeliums des Reiches

Das Evangelium des Königreichs wird nach der Entrückung von Juden verkündigt. Sie werden es in dieser Endzeit „auf dem ganzen Erdkreis“ predigten. Das ist unter anderem dadurch möglich, dass die Verfolgungen der jüdischen Jünger von Anfang an dazu geführt haben, dass diese auf der Erde zerstreut wurden (vgl. Apg 8,1–4). Auch heute wissen wir, dass die Verfolgungen der Juden zu einer Zerstreuung weltweit geführt haben. Diesen Umstand und auch ihre dadurch vorhandenen Sprachkenntnisse benutzt Gott, um sie zu seinen Missionaren zu machen. Bis heute hat es letztlich niemand geschafft, das Evangelium allen Menschen zu bringen. Dabei haben wir genau diesen Auftrag: „So steht geschrieben, dass der Christus leiden und am dritten Tag auferstehen sollte aus den Toten und in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden sollten allen Nationen, angefangen von Jerusalem“ (Lk 24,46.47). Aber das werden wir Christen wohl auch nicht bis zur Entrückung verwirklichen. Doch diese künftigen Juden werden es schaffen.

Das steht im Übrigen nicht im Widerspruch zu Kapitel 10,23, wo wir gelesen haben: „Wahrlich, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen ist.“ Es handelt sich hierbei um zwei ganz verschiedene Gruppen. Unsere Folgeverse zeigen, dass es in Israel und besonders in Jerusalem eine Drangsal geben wird, die dieses Volk und diese Erde noch nie gesehen hat. Dadurch werden die Juden in Israel selbst stark behindert werden in der Verkündigung. Diejenigen jedoch, die in der Folge der Zerstreuung oder als Konsequenz ihrer Flucht (vgl. Mt 24,16) außerhalb von Israel leben müssen, werden nach ihrer Bekehrung sehr aktiv werden. In erstaunlicher Weise werden sie zu Evangelisten werden und bis zum Ende ein treues Zeugnis ablegen. Gerade dazu ermuntert und ermahnt der Herr seine Jünger an dieser Stelle.

Es gibt übrigens eine schöne Parallele dieser Verse zu Offenbarung 7. Dort sind wir noch im ersten Teil der sieben Gerichtsjahre, von denen wir gesprochen haben und die in unseren Versen zum Abschluss kommen. Wir finden dort zunächst 144.000 Versiegelte aus dem 12-Stämme-Reich Israel, die zerstreut auf der ganzen Erde leben werden (Vers 3). Denn Israel als 12-stämmiges Volk wird zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Land Israel wohnen. Nur die Juden sind zu diesem Zeitpunkt dort in größerer Zahl vertreten. Diese 144.000 Versiegelten aus Israel bleiben jedoch nicht allein. Wir dürfen annehmen, dass sie zu Predigern des Evangeliums des Königreichs in dieser Zeit werden. Das Ergebnis ihrer Arbeit finden wir dann im 2. Teil von Offenbarung 7. Es gibt unter den Nationen „eine große Volksmenge, die niemand zählen konnte, aus jeder Nationen ...“. Das sind keine Christen, denn diese sind längst im Himmel (zwischen Offenbarung 3 und 4 findet die Entrückung statt). Nein, das sind Menschen aus aller Welt, die durch das Evangelium des Reiches überzeugt wurden und Gott als Messias angenommen haben: eine Frucht der Arbeit der gläubigen Israeliten.

Verse 15–28: Die große Drangsal

„Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort – wer es liest, beachte es –, dann sollen die, die in Judäa sind, in die Berge fliehen; wer auf dem Dach ist, steige nicht hinab, um die Sachen aus seinem Haus zu holen; und wer auf dem Feld ist, kehre nicht zurück, um sein Oberkleid zu holen. Wehe aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen! Betet aber, dass eure Flucht nicht im Winter stattfinde noch am Sabbat; denn dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird. Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage verkürzt werden. Dann, wenn jemand zu euch sagt: „Siehe, hier ist der Christus!“, oder: „Hier!“, so glaubt es nicht. Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen. Siehe, ich habe es euch vorhergesagt. Wenn sie nun zu euch sagen: „Siehe, er ist in der Wüste!“, so geht nicht hinaus. „Siehe, in den Gemächern!“, so glaubt es nicht. Denn ebenso wie der Blitz ausfährt vom Osten und leuchtet bis zum Westen, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Wo irgend das Aas ist, da werden sich die Adler versammeln“ (Verse 15–28).

In den Versen 15–28 kommen wir zu einem Zeitabschnitt, der durch die Tatsache gekennzeichnet ist, dass der Gräuel der Verwüstung an heiligem Ort steht. Das ist die Zeitperiode, die als große Drangsal (Vers 21) oder Drangsal Jakobs (Jer 30,7) bezeichnet wird. Sie betrifft ganz besonders Israel, und zwar die Juden in Judäa (Vers 16), speziell sogar in Jerusalem.

Zum besseren Verständnis dieser Ereignisse ist es nötig, im Propheten Daniel nachzulesen. Denn der Herr bezieht sich ausdrücklich auf dessen Weissagungen: „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung, von dem durch Daniel, den Propheten, geredet ist, stehen seht an heiligem Ort – wer es liest, beachte es.“ Dieser Hinweis ist in mehrfacher Hinsicht wichtig:

Die Anführung Daniels

1) Jesus weist darauf hin, dass Daniel nicht nur ein Buch verfasst hat, dass zu den sogenannten „Schriften“ oder der Abteilung der „Psalmen“ gehört. Es steht nämlich in der „hebräischen Bibel“ (dem in hebräischer Sprache abgefassten Alten Testament) zwischen Esther und Esra. Das ist der Teil, der nicht zu den Büchern Mose und auch nicht zu den Propheten gerechnet wird. Der Herr sagt ausdrücklich: Daniel war ein Prophet. Wenn auch sein Buch nicht zu den eigentlichen Prophetenschriften gerechnet werden kann, so zeigt der Herr doch, dass der menschliche Autor ein Prophet war. Damit ist auch der Charakter seines Buches ein prophetischer.

2) Das Buch Daniel gehört zu den Bibelbüchern des Alten Testaments, die besonders von der historisch-kritischen Methode2 als nicht authentisch, ursprünglich und alt angegriffen wird. Das liegt unter anderem daran, dass es viele Vorhersagen enthält, die sich auch in den Einzelheiten schon erfüllt haben: z.B., was die vier dort genannten Weltreiche betrifft, Babylon, Medien-Persien, Griechenland und Rom; oder was die Person des Messias betrifft, der in Kapitel 9 genannt wird; und vieles mehr. Der Herr Jesus aber bestätigt ausdrücklich, dass niemand anderes als Daniel der Autor dieses Buches ist.3 Diese „Vorhersagen“ sind also nicht nachher eingefügt worden, sondern wirklich durch Daniel geweissagt worden.

3) Der Herr Jesus fordert die Jünger auf, angesichts des Gräuels der Verwüstung den Propheten Daniel zu lesen – wer es liest, beachte es! Wir sollten das unbedingt als eine Empfehlung, ja Aufforderung verstehen, auch heute dieses großartige Bibelbuch sorgfältig zu lesen.

Was lesen wir nun im Propheten Daniel? Wir hatten schon in Daniel 9,24–27 gesehen, dass der Herr Jesus dort von 70 Siebener-Einheiten spricht, nämlich Jahrwochen. Das sind 490 Jahre. Von diesen 490 Jahren sind 7 + 62 Wochen (Vers 25) bereits Vergangenheit. Sie begannen mit dem Aufruf unter Artaxerxes I. Longimanus. Er wird in Nehemia 2,1, wo wir diesen Aufruf finden, Artasasta genannt. Diese Zeit endete mit der Ermordung des Messias (Dan 9,26).

Damit bleibt aber noch eine Jahrwoche von 7 Jahren übrig. Das ist die 70. Woche, von der Daniel spricht. Von diesen sieben Jahren berichtet Daniel 9,27: „Und er [das ist der Herrscher des künftigen Römischen Reiches, des vereinten Europas, von dem in Vers 26 die Rede ist] wird einen festen Bund mit den Vielen schließen für eine Woche; und zur Hälfte der Woche wird er Schlachtopfer und Speisopfer aufhören lassen. Und wegen der Beschirmung der Gräuel wird ein Verwüster kommen, und zwar bis Vernichtung und Festbeschlossenes über das Verwüstete ausgegossen werden.“

In der Mitte der sieben Jahre wird also etwas Dramatisches passieren. Der Römische Kaiser wird dafür sorgen, dass der Opferdienst, der offenbar nach der Entrückung (der Versammlung) wieder einsetzen wird, aufhören muss. Was ist die Ursache für diese Unterbrechung des Gottesdienstes? Offenbar der Gräuel, von dem in diesem Vers ebenfalls die Rede ist.

In Daniel 11,35.40 lesen wir von der bestimmten Zeit und der Zeit des Endes. Zuvor hat Daniel Dinge vorhergesagt, die sich selbst in den Einzelheiten erfüllt haben.4 Ab Vers 36 geht es aber um Dinge, die auch heute noch zukünftiger Natur sind. Da wird als erstes der „König“ genannt. Das ist niemand anderes als der Antichrist und falsche Prophet, von dem wir im Neuen Testament lesen (1. Joh 2,18.22; 2. Joh 7; Off 13,11 ff; 16,13; usw.).

In Vers 31 ist vom „verwüstenden Gräuel“ die Rede. Hierbei handelt es sich um ein Götzenbild, das in der Zeit der Makkabäer in den Tempel gestellt wurde. Es löste damals eine Verwüstung in Jerusalem und Israel aus unter Antiochus IV. Epiphanes, einem damaligen Syrerkönig. Dieses Bild wird in Daniel 8,13 „verwüstender Frevel“ genannt.

Was geschah damals? Antiochus IV. Epiphanes ließ im Jahr 168/167 vor Christus den Gottesdienst des Tempels unter Androhung der Todesstrafe verbieten. Der Brandopferaltar wurde zu einem Zeusaltar umfunktioniert. Darüber hinaus ließ er ein Götzendbild des Zeus, das die Gesichtszüge von Antiochus IV. Epiphanes trug, aufstellen. Das rief den bekannten Makkabäeraufstand hervor, von dem in Daniel 11,32 die Rede ist: „Aber das Volk, das seinen Gott kennt, wird sich stark erweisen und handeln.“

Der Gräuel der Verwüstung

Diese Geschehnisse sind also bereits Vergangenheit. Dennoch stellen sie offenbar zugleich ein prophetisches Bild dar. Nicht von ungefähr spricht der Herr Jesus in Matthäus 24,15 genau von einem solchen „Gräuel der Verwüstung“. Das wird durch Daniel 11,37.38 unterstrichen. Dort sagt der Prophet in Bezug auf eine zukünftige Zeit voraus, dass der Antichrist den Gottesdienst abschaffen und an dessen Stelle Götzendienst einführen wird (vgl. Off 13,14.15; 2. Thes 2,4).

In Daniel 12 schließlich lesen wir davon, dass der Engelfürst Michael seinem Volk Israel zur Seite stehen wird, wenn die „Zeit der Drangsal“ kommen wird (Vers 1). In Vers 7 zeigt Daniel dann, dass diese Drangsalsperiode „eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit“ dauern wird (vgl. auch Dan 7,25). Das sind ein Jahr, (zwei) Jahre und ein halbes Jahr, also insgesamt genau dreieinhalb Jahre.

In Vers 11 verbindet er das damit, dass das Opfer abgeschafft wird, um an seiner Stelle „den verwüstenden Gräuel“ aufzustellen. Von dieser Zeit an würden 1.290 Tage vergehen, bis das Ende käme. Weitere 45 Tage würde es dauern, bis jemand in die Glückseligkeit des kommenden Königreichs Gottes, das in Herrlichkeit eingeführt werden wird, eingehen könne (Vers 12).

Wenn man dreieinhalb Jahre in Monate umrechnet, kommt man auf 42 Monate. Davon spricht Johannes in Offenbarung 11,2 und 13,5. Interessanterweise wird in Verbindung mit den 42 Monaten auch von 1.260 Tagen gesprochen (Off 11,3) – das sind dreieinhalb Jahre in Tagen umgerechnet (der prophetische Monat hat 30 Tage). Von diesen 1.260 Tagen ist auch noch in Offenbarung 12,6 und 13,18 die Rede.

Die Zeit der Drangsal; 3,5 Jahre – 42 Monate – 1.260 Tage

Offenbar dauert die große Drangsalszeit (Mt 24,21) also dreieinhalb Jahre bzw. 42 Monate bzw. 1.260 Tage. Eingeläutet wird diese Zeit dadurch, dass Satan aus dem Himmel geworfen wird (Off 12,9). Aus Ärger darüber und angesichts seiner Bosheit wird er auf der Erde seine ganze Macht entfalten. Dazu benutzt er besonders zwei mächtige Instrumente, die in Offenbarung 13 als Tiere bezeichnet werden. Durch diese Beschreibung wird deutlich, dass sie von ihrem Wesen ungöttlich sind und auch keine Beziehung zu Gott suchen. Das ist das Merkmal von Tieren, die im Unterschied zum Menschen keinen Geist und keine unsterbliche Seele besitzen (vgl. Ps 49,13; 73,22; Dan 4,22.29; 5,21; 2. Pet 2,12; Jud 10). Es sind der Römische Kaiser (Off 13,1–10; 17,7–14; 19,19.20) und der Antichrist (Off 13,11–18). Zusammen mit Satan bilden sie eine teuflische und götzendienerische Dreieinheit.

Diese drei Personen, wobei Satan nicht sichtbar in Erscheinung tritt, verbinden sich, um die Gläubigen aus dem Volk der Juden gänzlich auszulöschen. Sie versuchen, die Macht über die ganze Erde an sich zu reißen. Dazu werden sie ein Götzenbild in den Tempel stellen, das den Römischen Kaiser darstellt (vgl. Off 13,15) und zugleich dem Antichristen göttliche Verehrung zuteilwerden lässt (vgl. 2. Thes 2,4). Genau dieses Bild ist der „verwüstende Gräuel“ (Dan 11,31) oder der Gräuel der Verwüstung (Mt 24,15), von dem der Herr Jesus spricht. Dieses Götzenbild wird für die ungläubigen Juden zu einer Verwüstung werden. Zugleich wird damit eine große Drangsal für die gläubigen Juden verbunden sein. Denn Gott wird diese Umstände dazu benutzen, sie zu läutern (vgl. Jer 9,7; Dan 11,35; 12,10; Sach 13,9; Mal 3,3).

Das Wiederkommen des Sohnes des Menschen in Macht und Herrlichkeit wird diesem Treiben ein Ende bereiten. Dieses Kommen geht mit großen Gerichten einher, wie wir sehen werden. Offenbar dauern diese Gerichte, die direkt mit dem Kommen Jesu verbunden sind, weitere 75 Tage (die Differenz zwischen 1.260 und 1.345 Tagen; Dan 12,12). Erst danach wird dann das Königreich des Herrn Jesus in großer Herrlichkeit und Schönheit aufgerichtet werden. Das ist das 1.000-jährige Friedensreich in Gerechtigkeit.

Es war nicht mein Anliegen, die einzelnen Stellen im Propheten Daniel und in der Offenbarung detailliert zu erläutern. Daher habe ich versucht, mich in aller Kürze auf das zu beziehen, was mir für das Verständnis von Matthäus 24 notwendig erscheint. Für eine ausführliche Beschäftigung mit diesen Themen empfehle ich das gut verständliche Buch von H. G. Moss (vgl. www.bibelkommentare.de).

Vers 15: Der Gräuel der Verwüstung

Der Herr Jesus wendet sich nun in dem ersten Vers dieses Abschnitts an seine Jünger und sagt ihnen: „Wenn ihr nun den Gräuel der Verwüstung ... stehen seht an heiligem Ort.“ Wir erinnern uns noch einmal daran, dass der Herr zwar zu seinen Jüngern spricht, als ob sie selbst genau diese Erfahrung machen würden. Der Herr sieht die Jünger jedoch als Repräsentanten der Jünger aller Zeiten an. Sie sind hier die Jünger, die in der Endzeit jüdischen Glaubens sind und in Judäa wohnen werden.

In diesem Sinn ist auch Vers 34 zu verstehen, der so wirkt, als ob schon die damalige Generation durch die Drangsal hindurchmüsse. Aber es soll nur gezeigt werden: „Das, was Ihr jetzt [das heißt in der künftigen Drangsal] erleben müsst, ist die Folge der Verwerfung des Herrn durch Eure Vorfahren.“ So, wie es ein Geschlecht von Jüngern zu allen Zeiten gibt, die auf den Herrn Jesus warten, gibt es auch ein ungläubiges Geschlecht. Das sind Juden, die den Messias ablehnen und den gotteslästerlichen Antichristen annehmen werden. In diesem Sinn spricht bereits Mose von einem solchen „Geschlecht“ (5. Mo 32,5.20). Dieses Geschlecht wird zusammen mit dem römischen Herrscher die Nationen verführen und den Tempel moralisch verschmutzen. Das wird in der „Zeit des Endes“ sein. Denn diese Periode haben wir mit diesem Vers erreicht.

Die genannten 1.260 Tage (selbst, wenn man sie als Jahre nähme, genauso wie die 70 Jahrwochen) können sich nicht auf Jerusalem oder den dortigen Tempel zur Zeit Jesu beziehen. Denn der Tempel wurde im Jahr 70 – also ungefähr 40 Jahre nach den Worten des Herrn – zerstört. Und in einem Abstand von 1.260 Tagen oder Jahren oder dergleichen gibt es überhaupt kein besonderes Ereignis, das man als Erklärung für diese Worte des Herrn heranziehen könnte. Es gibt nichts, was in Verbindung damit in irgendeiner Weise als Erfüllung der 1.260 Tage und 1.290 Tage Daniels betrachtet werden könnte.

Der vom Antichristen angestiftete Götzendienst im Tempel (Vers 15: Gräuel der Verwüstung an heiligem Ort), ist in dieser Art und Weise noch nie vorgekommen. Das gilt auch für die Zeit unter Antiochus IV. Epiphanes. Dieser Gräuel jedenfalls wird dazu führen, dass durch den Herrscher in Assyrien (heute Syrien; vgl. Jes 8,7.8; 10,5.6; Dan 9,27) das Volk in Israel von den Gerichten Gottes heimgesucht werden wird. Durch diesen König wird sich im ganzen Land Israel Verwüstung ausbreiten. Das heißt, es werden verheerende militärische Schläge gegen Israel kommen, von denen wir durch die aktuellen Kriege nur eine gewisse Vorahnung bekommen können, wie grausam es in Israel zugehen wird.

Aber der Herr beschäftigt sich hier in Matthäus 24 nicht weiter mit diesen Folgen. Er erwähnt sie nur im Zusammenhang mit der Aufrichtung des Götzenbildes. Davon haben wir in Offenbarung 13 gesehen, dass es das Bild des römischen Herrschers trägt (Off 13,14.15). Aus 2. Thessalonicher 2,4 können wir schließen, dass sich auch der Antichrist selbst in diesem Bild wiederfindet. Denn dort heißt es, dass er sich selbst in den Tempel setzen wird.

Dem Herrn Jesus ging es in seiner prophetischen Rede vor allem darum, den Jüngern die Anweisungen für den Zeitpunkt der Aufrichtung des Bildes zu geben. Denn dann sollen sie sofort aus Judäa fliehen. Die Herrschaft des Antichristen und des Hauptes des Römischen Reiches wird weltweit furchtbare Auswirkungen haben. Wir lesen von ihnen in dem Buch der Offenbarung. Von diesem Zeitpunkt an wird es für die Treuen in Israel unerträglich sein, in der Gegend von Jerusalem weiter zu wohnen. Denn jeder, der nicht vor diesem Bild niederfällt, muss sich darauf einstellen, ermordet zu werden. Ohne das Zeichen des Tieres wird man ab diesem Zeitpunkt zudem weder etwas verkaufen noch kaufen können (Off 13,17).

Verse 16–19: Die Anweisung zur sofortigen Flucht

Die Aufrichtung des Gräuelbildes wird anscheinend durch dann existierende moderne Kommunikationsmittel weltweit zu sehen sein. So werden auch alle Juden in Judäa daran teilhaben. Wenn man die Verse in Offenbarung 13,11–17 liest, ist dieses Aufrichten des Bildes für die gläubigen Jünger das Zeichen, ihren Wohnort zu verlassen, „um in die Berge zu fliehen“.

Die Christen und die große Drangsalszeit

Viele Christen glauben, dass sie Angst vor dieser Zeit haben müssten. Sie fürchten, dass sie durch solche Verfolgungen hindurchzugehen haben, die vom Antichristen und seinen Mitstreitern initiiert werden. Aber wir sehen an diesen Versen und auch an weiteren Parallelstellen sehr deutlich, dass das nicht der Fall ist. Es handelt sich um eine Drangsal, die mit Israel und sogar noch enger mit Judäa zu tun hat (Vers 16).

Der Antichrist wird die treuen Juden verfolgen, nicht die Christen. In der Offenbarung wird von der Versammlung und den Christen nach Kapitel 3 nicht mehr gesprochen. Erst wenn es um die Hochzeit des Lammes im Himmel geht, die himmlische Braut (Kapitel 19), kommt diese wieder ins Blickfeld. Auch in 2. Thessalonicher 2 wird deutlich, dass nur solche Menschen diese Zeit erleben werden, die in der christlichen Zeitepoche nicht geglaubt haben. Diesen Menschen wird Gott eine wirksame Kraft des Irrwahns senden (Vers 11). Denn unbekehrte Christen und Menschen, die heute leben, werden sich dann nicht mehr bekehren können.

Es ist gerade die Ermunterung von Paulus, dass er den Thessalonichern Mut macht, sich nicht von Menschen beunruhigen zu lassen, die sagen, der Tag des Herrn sei schon gekommen (2. Thes 2,1.2). Dieser Tag beginnt mit der Gerichtszeit, die das 1.000-jährige Friedensreich einleiten wird. Diese Gerichte können aber erst kommen, so die Beweisführung von Paulus, wenn der Antichrist als der Mensch der Sünde und Sohn des Verderbens offenbart sein wird (Verse 3.4). Und diese Offenbarung findet statt, wenn er sich in den Tempel setzen wird.

Dafür aber gibt es eine wichtige Voraussetzung (Verse 5.6): Der Heilige Geist in der Versammlung muss die Erde verlassen haben (Vers 7). Erst dann kann der Gesetzlose offenbar werden. Denn auf der Erde kann es keine Koexistenz vom Heiligen Geist und dem Gesetzlosen, dem Antichristen, geben. Erst wenn der Antichrist als Gesetzloser offenbar geworden ist, kann der Herr Jesus in Macht und Herrlichkeit erscheinen. Aus 1. Thessalonicher 4 wissen wir jedoch, dass die Gläubigen zu dem Herrn Jesus kommen werden, ohne dass dies für diese Welt sichtbar werden wird (vgl. 1. Thes 4,15–17). Wenn plötzlich unzählige Menschen vermisst werden, werden die Ungläubigen, inspiriert durch Satan, bald eine plausible Erklärung verbreiten. Die Erscheinung des Herrn jedoch geschieht zusammen mit uns gläubigen Christen (vgl. 1. Thes 3,13; 4,14). Wir Christen kommen also nicht in diese Drangsalszeit hinein. Wir werden vor den Drangsalsjahren in den Himmel entrückt, um am Tag des Herrn zusammen mit Ihm auf diese Erde zu kommen, wo wir zusammen mit Christus über Israel und die gesamte Welt regieren werden.

Drangsal in Jerusalem und Judäa

Mit anderen Worten: Diese Dinge betreffen uns nicht, jedenfalls nicht direkt, weil wir dann nicht mehr auf der Erde leben werden. Damit stellt sich die Frage: Warum beschäftigen wir uns dann überhaupt damit? Die Antwort kann nicht lauten: weil diese Dinge so faszinierend sind. Das sind sie zweifellos. Aber das Entscheidende für uns Christen ist: Unser Herr hat ein großes Interesse an diesen Dingen, vor allem an seinen treuen Übriggebliebenen. Er wird mit großer Sympathie an die Treuen denken, die so schwer leiden müssen. Er geht jedoch davon aus, dass diejenigen, die Er seine Freunde nennt (vgl. Joh 15,15), dieselbe Sympathie dafür haben. Denn der Herr Jesus spricht von solchen, die mit Ihm verbunden sind. Es sind Gläubige, die leiden müssen, für die der Herr Jesus gestorben ist. Zudem und vor allem geht es darum, dass diese Erde darauf vorbereitet werden muss, dass der Herr der Herren und König der Könige erscheinen wird. Das ist der Herr Jesus. Und alles das, was unseren Herrn interessiert, sollte uns ebenso interessieren.

Der Herr spricht in diesen Versen von Judäa und Jerusalem. Die Aufforderung des Herrn betrifft also nicht einfach Juden und Israeliten auf der ganzen Welt. Er bezieht sich konkret auf Juden, die in Judäa wohnen werden. Dort steht der Tempel, und dort werden die Verfolgungen eine Schärfe haben, die größer ist als an allen anderen Orten der Welt.

Der heilige Tempel wird durch einen abscheulichen Götzendienst geschändet werden. Bildergötzen kennen wir schon heute: sogenannte Heilige und – noch schlimmer – Bilder von Christus, vor denen Menschen niederfallen. In Zukunft aber wird es einen Gipfelpunkt dieses Götzendienstes geben: Lebende Personen werden sich als Götzen, als Götter, verehren lassen (vgl. Off 13,14.15). Dann wird sich die Weissagung erfüllen, die in Kapitel 12,43–45 zu lesen ist. Es wird nicht nur ein unreiner Geist in Israel sein, sondern insgesamt acht böse Geister erfüllen das Haus Israels. Es ist eine Potenz der Gottlosigkeit und Bosheit. Das wird allerdings nicht nur eine menschliche Bosheit sein, sondern eine direkt satanische Gesetzlosigkeit, von Satan bewirkt und geprägt.

Die Aufstellung des Götzenbildes im Tempel soll den gottesfürchtigen Juden ein Zeichen sein. Sie werden erkennen, dass die vom Herrn Jesus und den Propheten des Alten Testaments vorhergesagte große Drangsal begonnen hat. Somit kann ihre persönliche Sicherheit allein dadurch bewirkt werden, dass sie aus Jerusalem und Judäa fliehen. Denn dort wird der „Ofen der Trübsal“, der Feuerofen (Dan 3), am heißesten brennen. Es ist ganz offensichtlich, dass diese Hoffnung durch Flucht eine jüdische Hoffnung ist. Christen wird an keiner Stelle gesagt, dass sie ihr Leben durch die Flucht aus Jerusalem (oder aus einem anderen Ort) retten können.

Vielleicht ist es in der heutigen Zeit auch angebracht, einmal darauf hinzuweisen, dass man über die Kehrseite nachdenkt: Rettung gibt es nicht dadurch, dass man nach Jerusalem „flieht“. Der hier genannte „heilige Ort“ ist heute eben nicht heilig. Abgesehen davon gibt es dort aktuell nicht einmal einen Tempel. Jerusalem wird erst dadurch wieder „heiliger Ort“ genannt, dass dort ein Tempel steht. Allerdings wird dort in der konkret gemeinten Zeit ein götzendienerischer Tempel des Antichristen stehen. Es wird somit eine vollständig unheilige Stätte sein.

Ein jüdischer Überrest in Jerusalem

Nun ist es interessant, wer genau zur Flucht aufgefordert wird. Der Gräuel der Verwüstung steht an heiligem Ort, also im Tempel. Das ist mitten in Jerusalem. Zur Flucht aufgefordert aber werden „die, die in Judäa sind“. Es hat nicht den Anschein, dass der Herr hier speziell von den gläubigen Juden in Jerusalem spricht, sondern vielmehr von den Gläubigen um Jerusalem herum – im Gebiet Judäas.

Das unterscheidet die künftige Zeit im Übrigen von der Flucht, zu welcher der Herr Jesus die Gläubigen in Verbindung mit der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. aufruft. Die entsprechenden Anweisungen findet man, wie gesehen, in Lukas 21. Dort sagt der Herr ausdrücklich: „Dann sollen die, die in Judäa sind, in die Berge fliehen, und die, die in ihrer Mitte sind, sollen hinausziehen, und die, die auf dem Land sind, sollen nicht in sie hineingehen“ (Vers 21). Offensichtlich meint der Herr mit „in ihrer Mitte“ Jerusalem, und dass niemand nach Jerusalem mehr hineingehen sollte. Eine solche Unterscheidung und Konkretisierung finden wir aber nicht in Matthäus 24. Das legt nahe, dass der Herr im Blick auf die Zukunft die Bewohner von Jerusalem von dem Fluch ausschließt.

Aus Offenbarung 12 wissen wir, dass es in der künftigen Zeit sowohl gläubige Juden gibt, die Gott außerhalb ihres Landes bewahren wird, als auch solche, die innerhalb des Landes weiter an Ihn glauben werden. Zunächst wird in Kapitel 12,6 von der Frau gesprochen, die für 1.260 Tage in die Wüste flieht und von Gott dort ernährt und beschützt wird. Dann aber ist in Vers 17 nicht nur von der Frau die Rede, sondern auch von „den Übrigen ihrer Nachkommenschaft, die die Gebote Gottes halten und das Zeugnis Jesu haben“. Das könnte ein Hinweis auf die Juden in Jerusalem und möglicherweis in Galiläa sein. Allerdings führt der „Drache“ (das ist ein Titel für Satan) gegen sie Krieg, so dass vermutlich viele von ihnen umkommen werden.

Gibt es weitere Hinweise darauf, dass gläubige Juden in Jerusalem bleiben werden? Offenbarung 11,3 spricht von zwei Zeugen, die in den 1.260 Tagen weissagen werden. Und ihr Zeugnis wird ausdrücklich mit dem Tempel (Vers 1) verbunden. Dann lesen wir in Jesaja 28.29 von der Belagerung Jerusalems durch den Assyrer, einen alten und zugleich künftigen Feind des Volkes Israel. Dieser wird besonders Jerusalem belagern und zertreten (vgl. Jes 10,11.12; 28,14). Dort aber wird ein Überrest von Gläubigen sein (Jes 28,5).

Der König des Nordens – der Assyrer

Was der Grund dafür ist, dass der Herr die Bewohner Jerusalems nicht zur Flucht auffordert, ist nicht so leicht anzugeben. Möglicherweise ist der Feind dort zu dicht bei den Bewohnern, dass eine Flucht für sie den sofortigen Tod bedeuten würde. Denn selbst diejenigen, die weiter weg vom Zentrum wohnen, werden ja zu höchster Eile aufgefordert.

Es gibt sicher noch weitere Gründe. Im Unterschied zum Jahr 70 n. Chr., wo das Gericht Gottes über Jerusalem einen (zwischenzeitlich) endgültigen Charakter trug, wird das in der Zukunft anders sein. Der Assyrer, der König des Nordens, wird Jerusalem zwar zweimal belagern (vgl. Jes 28.29), aber nicht endgültig einnehmen. Denn der Herr Jesus selbst wird kommen und die Stadt von diesem bösen Feind befreien.

Zudem wird Gott gerade durch die treuen Gläubigen ein gewisses Gegengewicht gegen diesen assyrischen Belagerer bewirken. Denn der König des Nordens wird seine erste Belagerung nur als Zwischenstation benutzen, um weitere Eroberungszüge Richtung Ägypten vorzunehmen (vgl. Dan 11,40 ff.). Dann aber wird er Gerüchte aus dem Osten und dem Norden hören und nach Jerusalem zurückkehren. Diese Gerüchte stammen unter anderem daher, dass sich der gläubige Überrest in Jerusalem gegen die Besatzung stemmen wird. Zudem kommt der vermutlich in Moab beschützte Teil des Überrestes außerhalb des Landes zurück nach Jerusalem. So benutzt Gott auch die Gläubigen in Jerusalem, um diesen Feind aus dem Norden in das Land zurückzubringen, wo er vom Herrn Jesus besiegt werden wird (vgl. Joel 2,20; Jes 30,30–33).

Die eilige Flucht

Diese drohenden Gefahren verdeutlichen, wie wichtig die Eile bei dieser Flucht für diejenigen ist, die als Gläubige in Judäa wohnen. Wenn sich jemand auf dem Dach seines Hauses befindet und mitbekommt, dass dieses Götzenbild aufgestellt wird, soll er nicht einmal in sein Haus hineingehen. Er muss die außen befindliche Leiter oder Treppe benutzen, um zu fliehen. Sonst besteht die große Gefahr, dass er zu viel Zeit verliert und noch von dem Antichristen und seinen Soldaten gefasst wird. Dann wird es für jede Flucht zu spät sein. Wer daher auf dem Feld ist, soll nicht mehr nach Hause laufen, selbst wenn er nur seine Arbeitskleidung trägt. Besser, ohne weitere Kleidung in Sicherheit zu sein, als mit Kleidung direkt ermordet zu werden. Schrecklich muss diese Zeit für die Schwangeren und Mütter von Säuglingen sein. Denn sie sind nicht in der Lage, eine längere Flucht ohne Unterbrechung zu überleben. Für sie ist eine solche Flucht derart beschwerlich und damit aussichtslos, dass viele von ihnen dem Feind anheimfallen werden.

Diese Hinweise zeigen, wie dringlich es in dieser Zeit sein muss, aus Jerusalem wegzukommen. Die Verfolgungen werden selbst für unser Empfinden, die wir von furchtbaren Kriegen und Verfolgungen wissen (Judenverfolgung im Dritten Reich, Kriege in Afrika, Iran/Irak, Naher Osten) unvorstellbar groß sein. Wie sollen Schwangere und stillende Mütter sie überstehen können? Wenn Satan selbst die Verfolgung von Menschen organisiert (vgl. Off 12,13), dann ist größte Eile bei der Flucht angesagt.

Flucht in die Wüste – nach Moab?

Offenbar werden die Juden dann in eine bergige Wüste fliehen, wo ein ihnen von Gott bereiteter Platz ist (vgl. Off 12,6). Aus Offenbarung 12,13 sehen wir, dass es Satan selbst ist, der die Verfolgung dieser Übriggebliebenen aufnimmt. Die dort genannte Frau ist die Mutter des Sohnes, der alle Nationen weiden soll mit eiserner Rute (Vers 5). Das ist ein deutlicher Hinweis auf den Herrn Jesus (vgl. Ps 2,7–9). Der Herr Jesus ist als Jude aus dem Volk Israels geboren worden. So wird durch diese Verse erneut deutlich, dass es sich um eine Flucht von Juden handeln muss. Auch aus Hesekiel 20,35 wissen wir, dass die Treuen der Juden in die Wüste fliehen werden, bis der Zorn Gottes vorüber ist (Jes 26,20).

Einige Bibelerklärer nehmen an, dass Moab der Ort sein wird, zu dem Israel fliehen wird. In Psalm 60,10 und 108,10 spricht Gott zum Beispiel davon, dass Moab das Waschbecken für Israel ist. Dann wäre der Ausdruck „Wüste“ bildlich zu verstehen als ein Hinweis auf die Trennung von allem Genuss und Wohlstand. Dort wird Gott ihr Herz reinigen, um ganz allein auf den Christus Gottes zu warten. In Jesaja 16 lesen wir, dass zu Moab gesagt wird: „Sendet die Lämmer des Landesherrschers von Sela durch die Wüste zum Berg der Tochter Zion ... Mache deinen Schatten der Nacht gleich am hellen Mittag, verbirg die Vertriebenen, den Flüchtling offenbare nicht! Lass meine Vertriebenen bei dir weilen, Moab! Sei ein Schutz vor dem Verwüster! – Denn der Bedrücker hat ein Ende, die Zerstörung hat aufgehört, die Zertreter sind aus dem Land verschwunden“ (Jes 16,1–5). Offenbar war Moab schon zu Zeiten Nebukadnezars ein solcher Zufluchtsort gewesen (vgl. Jer 40,11.12).

Von diesem Zufluchtsort in Moab gibt es zudem ein Vorbild. Denn David hat seinen Vater und seine Mutter zum König von Moab gebracht, bevor er selbst die Zeit größter Verfolgungen unter Saul erleiden musste (vgl. 1. Sam 22,3.4). Ein weiteres schönes Vorbild dieser Zuflucht ist im übrigen Elia, auch wenn seine Zuflucht im Norden Israels und nicht im Osten (Moab) lag. In den dreieinhalb Jahren der regenlosen Zeit wurde er zunächst von Raben und später von einer Witwe versorgt (vgl. 1. Kön 17.18).

Wahrscheinlich ist diese Zuwendung Moabs der Grund dafür, dass Gott dem eigentlich so gottlosen Volk der Moabiter am Ende der Tage Gnade erweisen wird. Von den Moabitern durfte selbst in Ewigkeit kein Nachkomme in die Versammlung Israels kommen (vgl. 5. Mo 23,4; Neh 13,1). Aber anscheinend durch diese Hilfestellung wird es für dieses Volk doch noch Hoffnung geben (Jer 48,47).

Verse 20–22: Unvergleichliche Drangsal

In den drei nun folgenden Versen finden wir deutliche Hinweise, dass

  1. die Drangsal sich auf Juden (und nicht Christen) bezieht.
  2. es sich um eine Drangsal handelt, die in dieser Intensität noch nie da gewesen ist.
  3. Gott auch in dieser Drangsal barmherzig seinem irdischen Volk der Juden gegenüber bleiben wird.
Eine jüdische Drangsal

Zunächst finden wir in Vers 20 den Hinweis darauf, dass die Jünger beten sollen. Gebetsgegenstand ist, dass dieser Tag, an dem der Antichrist das Götzenbild in den Tempel stellen wird, nicht an einem Sabbat, also an einem Samstag, ist. Dieser Tag hat ausschließlich eine besondere Bedeutung für Juden, wenn man einmal von christlichen Sekten wie den Sieben-Tags-Adventisten absieht. Dadurch wird sehr klar, dass diese Drangsal über Juden kommen wird, nicht über Christen.

Der Herr fordert seine Jünger somit zum Gebet auf. Das heißt sicherlich, dass Er den Jüngern dieser Zeit zusichert, dass Gott dieses Gebet erhören wird. Daniel spricht in seinen Weissagungen mehrfach von den „Verständigen des Volkes“ (Dan 11,33.35; 12,3.10). Damit sind im Gegensatz zu den „Verständigen“ im Matthäusevangelium (11,25), die zwar menschlich verständig waren, nicht aber den Messias verständig annahmen, gläubige Jünger gemeint. Sie sind in den Schriften unterwiesen und haben ein Herz für den Messias Gottes. Sie sind es, die das Volk im Gesetz und den Propheten unterweisen werden, um sie zu Jüngern zu machen.

Daher werden sie auch die Jünger im Vorhinein auffordern, dafür zu beten, dass diese Drangsalszeit nicht an einem Sabbat beginnt. Dieses Gebet wäre ja zu spät, wenn das in Vers 15 genannte Ereignis stattfindet. Warum dieses Gebet im Blick auf den Sabbat? Der sogenannte Sabbatweg (vgl. Apg 1,12) war auf sechs Stadien oder rund 1.110 Meter begrenzt.

Dieser vom Herrn genannte Gebetsgegenstand ist für Juden verständlich. Denn Antiochus Epiphanes hatte sich die Sabbat-Gebote der Juden zunutze gemacht. Um die Stadt Jerusalem zu zerstören und möglichst viele ihrer Einwohner hinzuschlachten, erstürmte sein Feldherr die Stadt am Tag des Sabbats. Da durften die Juden nicht arbeiten und kriegen. Dadurch richtete er ein großes Blutbad an. 1973 starteten Ägypten und auch Syrien an dem größten Feiertag Israels, dem Jom Kippur, das ist der Sühnungstag nach 3. Mose 16, den sogenannten Jom-Kippur-Krieg und konnten sich durch die Feiertagssituation anfänglich erhebliche Vorteile erkämpfen.

Eine unvergleichliche Drangsal

Die Drangsal trifft die Juden in Israel und ist zudem eine Bedrängnis, wie sie noch nie zuvor existiert hat. „Denn dann wird große Drangsal sein, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird“ (Mt 24,21). Wenn man in Daniel 12,1 nachliest, steht dort etwas sehr Ähnliches: „Es wird eine Zeit der Drangsal sein, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit. Und in jener Zeit wird dein Volk errettet werden, jeder, der im Buch geschrieben gefunden wird.“ Auch der Prophet Joel erinnert daran, dass diese Drangsal einzigartig sein wird: „Ein Tag der Finsternis und der Dunkelheit, ein Tag des Gewölks und der Wolkennacht. Wie die Morgendämmerung ist es ausgebreitet über die Berge, ein großes und mächtiges Volk, wie seinesgleichen von Ewigkeit her nicht gewesen ist und nach ihm nicht mehr sein wird bis in die Jahre der Geschlechter und Geschlechter“ (Joel 2,2).

Es kann nur eine Drangsal geben, die unvergleichlich ist. Daher müssen sich diese Stellen auf dieselbe Zeit beziehen. Das bestätigt noch einmal: Die von Daniel genannten Geschehnisse sind keine anderen als diejenigen, die der Herr hier in Matthäus 24 nennt und die in der Offenbarung genannt werden. Joel bezieht sich auf den Tag Jahwes (Joel 2,1) – genau darum geht es in diesen Gerichten: Der Herr Jesus, Jahwe, wird erscheinen in Macht und Herrlichkeit.

Wenn ich sage, dass diese Drangsal unvergleichlich ist, dann vor allem deshalb, weil es sich nicht einfach um einen Krieg zwischen Menschen handelt. Wir haben hier den Zorn Gottes vor uns, der vom Himmel her offenbart und ausgeführt wird (vgl. Rö 1,18). Es handelt sich in der Offenbarung um Gerichtsschalen über die Nationen, in unseren Versen aber werden sie über die Juden in Israel ausgeschüttet. Denn sie waren es, die Christus verwarfen und ans Kreuz brachten. „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder“, haben sie gesagt (Mt 27,25). Das werden sie in diesen künftigen Jahren erleben müssen.

Wenn ein Deutscher davon schreibt, dass diese Drangsal unvergleichlich ist, denkt man natürlich unwillkürlich an die Zeit des Dritten Reiches zurück. Die Verfolgung, welche die Juden in dieser Zeit erlebt haben, war furchtbar. Dadurch ist ja auch der Begriff des Holocausts (= Brandopfer) geprägt worden. Aber das, wovon der Herr Jesus hier spricht, ist viel, viel schlimmer. Das gibt uns einen gewissen Eindruck davon, wie grausam die Qualen sein müssen, die dann auf die Juden zukommen werden.

Der Holocaust wird auch künftigen Generationen präsent bleiben. Das zeigt noch einmal, dass sie in größter Hast aufbrechen werden, um zu fliehen. Eine andere Richtung als die nach Osten (Moab) werden sie dann nicht kennen. Dass sich der Herr nicht auf die Zerstörung Jerusalems unter Titus bezieht, sollte klar sein. Da war Gott gegen Israel – und Er hat es verwüstet, weil es den Messias ermordet hat. Aber in der Zukunft wird Er sich zwar gegen das abtrünnige Israel stellen, zugleich aber die Rettung seines eigenen, gläubigen Überrestes des Volkes sein, wie Daniel in den Kapitel 10 und 12 deutlich macht. Das war damals nicht so. Da wurde man durch die Taufe vor dem Gericht auf dieser Erde gerettet (vgl. Apg 2,40).

Die Barmherzigkeit Gottes

Zugleich lernen wir hier aber auch etwas über die Barmherzigkeit Gottes. Er weist sein Volk an, dafür zu bitten, dass die Flucht weder im Winter noch an einem Sabbat stattfindet. Im Winter könnte ein Weglaufen durch die Wetterumstände sehr schwierig werden. An einem Sabbat kann das Volk überhaupt nichts tun. Und der Gott voller Barmherzigkeit möchte diese Bitte gerne erhören. Jetzt ergänzt der Herr, dass diese Tage der Drangsal verkürzt werden. Denn sonst würde „kein Fleisch“ errettet werden. Die eigentliche Strafe Gottes über sein Volk müsste angemessenerweise endlos dauern – so groß ist die Schuld, die dieses Volk auf sich geladen hat. Aber das würde bedeuten, dass niemand, auch keiner der wahren Jünger, überleben könnte. Das aber will Gott nicht. Denn Er möchte sein Volk retten. Daher begrenzt und verkürzt Er diese Drangsal auf die genannte Zeit von dreieinhalb Jahren bzw. 42 Monaten oder 1.260 Tagen.

Diese Zeit wird nicht um des Volkes insgesamt willen verkürzt, sondern allein „um der Auserwählten willen“. Gott hat die im Auge, die an Ihn glauben, die an Ihm festhalten, die Er von Grundlegung der Welt an auserwählt hat (vgl. Off 13,8). Er sieht ihre Drangsal. Er sieht den Druck, der durch die acht bösen Geister ausgeübt wird. Er zählt ihre Tage, jeden einzelnen Tag, wie Er dieses Maß auch bei den Gläubigen der Versammlung in Smyrna genau festgelegt hat (vgl. Off 2,10).

Paulus bestätigt diese Barmherzigkeit Gottes in Römer 9,28, wenn er dort von einer abgekürzten Sache redet, damit der Überrest gerettet werden kann. Es wird nur ein Überrest errettet werden (Vers 27). Aber diesen möchte Gott aus seinem Volk gerne gewinnen. Daher verkürzt Er diese Tage. Daniel bestätigt das, wenn er davon spricht, dass Michael, der große Fürst, für das Volk Daniels aufsteht, um es der Rettung Gottes zuzuführen (vgl. Dan 12,1).

Es ist wunderbar, wenn man den Unterschied zwischen heute und der Zukunft betrachtet. Heute dehnt Gott seine Gnade und die Zeit der Gnade aus, um so viele zu retten, die sich noch retten lassen (vgl. 2. Pet 3,9). Beim Gericht dagegen wird Er sich beeilen. Nicht, dass der Schuldige ohne Strafe davonkäme. Aber Gott hat die Seinen im Blick, die wirklich auf seiner Seite stehen. Ihnen wird Er auch durch die Verkürzung einen Weg der Rettung öffnen.

Noch ein Wort zu den Auserwählten. Wir lernen hier: Nicht nur Christen sind auserwählt – sie sind es vor Grundlegung der Welt (Eph 1,4). Wir sehen hier, dass auch Juden Auserwählte waren und sein werden, ja sogar Menschen aus den Nationen wie Melchisedek, Jethro und andere. Was die Juden betrifft, so spricht Paulus in Römer 11,5.7.28 sehr deutlich von diesen Juden.

Verse 23–26: Verführung und böse Zeichen

Schon in Verbindung mit Vers 5 haben wir gesehen, dass in der ersten Hälfte der 70. Jahrwoche Daniels Verführer aufstehen werden, die sich als Christus ausgeben werden. Offenbar werden diese Verführer in der zweiten Hälfte überhandnehmen. Der Teufel weiß, dass die Ankunft Christi kurz bevorsteht (Off 12,12 b). Daher wird er mit allen Mitteln versuchen zu verwirren. Wir haben gesehen, dass er zu Beginn der großen Drangsalszeit, also in der Mitte der 70. Jahrwoche, aus dem Himmel geworfen werden wird (vgl. Off 12,9). Sein Ziel auf der Erde wird sein, die Auserwählten zu verführen und zu verfolgen. Zugleich will er verhindern, dass aus dem ungläubigen Israel weitere Juden gerettet werden.

Wie schon heute wird Satan auch in Zukunft mit zwei Mitteln angreifen: als brüllender Löwe und als listige Schlange, der als Engel des Lichts auftritt (2. Kor 11,14). Im Brief an Smyrna sehen wir beide Kennzeichen (vgl. Off 2,9.10). Hier in der großen Drangsal ebenfalls.

Die Jünger werden mit einer wohl begreiflichen Sehnsucht die Ankunft Christi erwarten, um allen diesen Leiden und Verführungen enthoben zu werden. Aber diese Erwartung könnte sie dazu verleiten, auf Verführer zu hören. Die große Gefahr kommt dadurch auf, dass diese falschen Christi aufstehen werden und große Zeichen und Wunder vollbringen können (vgl. Off 13,14). So sollen diese satanischen Zeichen den Ungläubigen andeuten: „Jetzt kommt Rettung für Euch!“ Denn es ist nicht sofort erkennbar, dass sie von unten kommen. Aber sie sind weder von Gott bewirkt, noch führen sie zu Rettung. Das Gegenteil ist der Fall: Die Juden werden zunehmende Drangsal und Gerichte erleben. Schließlich ergießt sich über das ungläubige Israel das vernichtende Gericht des Sohnes des Menschen. Für sie kommt keine Rettung, aber auch für die Auserwählten Juden wird sie noch hinausgezögert.

Das Wirken des Antichristen

Der Hauptverführer und Vollbringer von Wundern wird zweifellos der Antichrist selbst sein (vgl. 2. Thes 2,9.10). Er und seine Nachahmer vollbringen keine falschen Zeichen, es sind böse Wunder. Aber diese werden Wirklichkeit sein, tatsächliche Wunder. Es sind böse Zeichen, weil sie von Satan inspiriert sind und nicht von Christus. Man muss davon ausgehen, dass es Wunder sind, die vergleichbar sind mit denen, die der Herr Jesus vollbracht hat, als Er auf dieser Erde war. Es gibt nur zwei Arten von Zeichen: Die einen sind von oben und werden auch in dieser Zeit vollbracht werden (vgl. Off 11,6). Die anderen sind von unten, direkt von Satan inspiriert. Und um diese handelt es sich hier. Daher sind es sogar „große Zeichen und Wunder“ (vgl. Off 13,13), weil sie den Anschein von göttlicher Herkunft haben und Christus imitieren.

Gerade dadurch ist die Gefahr der Verführung so groß. Die Jünger warten auf Christus – und da treten auf einmal Menschen auf, die genau derartige Wunder tun. Deshalb lesen wir kurze Zeit später, dass der Herr Jesus eindeutig zeigt, wie Er kommen wird. Aus Daniel 9–12 sowie aus der Offenbarung wird zudem der genaue Zeitabschnitt deutlich, den die Drangsalszeit umfassen wird. Sie beginnt mit dem Aufstellen des Götzenbildes, und sie endet mit seiner öffentlichen, für alle sichtbaren Erscheinung. Der Herr warnt die Auserwählten, damit diese vor Täuschungen bewahrt werden, die auf den ersten Blick so glaubwürdig erscheinen.

Eigentlich sollten solche Verführungen für uns Christen keine Gefahr bedeuten, weil wir wissen, dass der Herr Jesus uns entrücken wird. Er wird dann nicht für alle Menschen sichtbar kommen und auch nicht (zuvor) in der Öffentlichkeit auftreten. Leider muss man sagen, dass sich heute schon viele Christen durch äußere Erscheinungen blenden lassen (siehe die Pfingstbewegung der charismatischen Bewegung). Wie viel mehr stehen die Juden später in der Gefahr, die wirklich auf einen in der Öffentlichkeit auftretenden Christus warten, diesen Verführungen zu erliegen. Denn sie befinden sich in einer solchen Not, dass sie sich leicht jedem Strohhalm zuwenden. Genau das ist das Ziel von Satan und seinen falschen Propheten.

Der Herr hat es seinen Jüngern vorhergesagt, damit sie gewappnet sind, wenn diese Situation eintritt. Das ist ein Beweis des großen Vertrauens und der Liebe des Herrn zu den Seinen (vgl. 1. Mo 18,17). Denn Er möchte die Seinen im Vorhinein einweihen in seine Pläne, damit sie zur bestimmten Zeit nicht entmutigt werden und nach seinem Wort handeln.

Der Herr wird im Unterschied zu Johannes dem Täufer nicht in der Wüste erscheinen. Er wird auch nicht in einem Gemach ankommen und verborgen bleiben. Sein Kommen ist mit einem öffentlich sichtbaren Erscheinen verbunden. Sacharja sagt uns, dass Er mit seinen Füßen auf dem Ölberg stehen wird (vgl. Sach 14,4). Zugleich denken wir noch in einem anderen Zusammenhang an Johannes den Täufer. Dieser hat im Unterschied zu diesen falschen Christi von Anfang an darauf hingewiesen, dass er nicht der Christus war (vgl. Joh 1,20).

Abschließend zu diesem Punkt sei kurz darauf hingewiesen, dass es eine böse Lehre der „Zeugen Jehovas“ ist, dass der Herr Jesus im Jahr 1918 „im Verborgenen“ wiedergekommen sei (in Gemächern). Es ist immer wieder erstaunlich, wie der Herr Jesus gerade in diesem Evangelium aktuelle Irrlehren entlarvt: In Kapitel 23 ist es die Anmaßung der Römisch-Katholischen Kirche, einen Menschen Vater, Rabbi etc. nennen zu lassen. Hier findet die genannte böse Lehre der Zeugen Jehovas ihre Antwort. Zudem haben wir schon früher gesehen, dass der Herr für die gläubigen Christen kommen wird, ohne seine Füße auf die Erde zu stellen. Denn wir werden Ihm in der Luft begegnen, wohin Er uns rufen wird. Dort werden wir Ihm begegnen, um allezeit bei Ihm im Himmel, im Haus seines Vaters, zu sein. Auch von daher ist diese Lehre der „Zeugen Jehovas“ vollkommen unbiblisch.

Verse 27.28: Die Ankunft des Sohnes des Menschen

Am Ende dieses langen Abschnitts zeigt der Herr Jesus kurz an, wie Er kommen wird. Er kommt nicht im Verborgenen. Seine Wunderzeichen, die Er als verworfener Sohn des Menschen5 vollbracht hat, wird Er so zunächst nicht wiederholen. Aber Er wird wie der Blitz kommen, der vom Osten ausfährt und bis zum Westen leuchtet. Und wie ein Blitz zum Unwetter führt und verbrennt und tötet, so wird auch sein Kommen sein.

Es wird öffentlich für alle Menschen sichtbar sein. Man braucht, wie wir gesehen haben, nicht wieder in die Wüste zu Johannes zu kommen. Nein, so wie ein Blitz von überall zu sehen ist, wird auch das Kommen des Herrn für jeden zu sehen sein. Es wird unübersehbar sein. Hier ist im Übrigen nicht von der römischen Armee die Rede, gegen die der Herr künftig siegen wird (vgl. Off 19,19 ff.). Das wird dem Kommen auf den Ölberg vorausgehen. Er spricht auch nicht von der römischen Armee zur Zerstörung Jerusalems kurz nach seiner damaligen Himmelfahrt. Denn diese kam im Jahr 70 nach Christus nicht vom Osten, und Titus leuchtete auch nicht bis zum Westen. Es geht allein um die künftige Ankunft, das heißt Gegenwart, des Sohnes des Menschen hier auf der Erde. Sie bedeutet in ihrem ersten Akt das Gericht über die schuldigen Menschen und ist zugleich Rettung für die Seinen (vgl. Sach 14,3 ff.). Von diesem zweiten Teil sprechen aber erst die kommenden Verse.

Der Herr Jesus führt das Gericht über die schuldigen, ungläubigen Juden und auch über die verdorbene Menschheit hier nicht weiter aus. Dafür müssen wir andere Stellen heranziehen, zum Beispiel Jesaja 10,22.23; 28,22; Daniel 9,27; 12,11.12. Gott wird ja als Zuchtrute Israels in der Drangsalszeit besonders Assyrien benutzen (vgl. Jes 10,5). Dieses Instrument in seiner Hand wird wegen seiner Bosheit durch Christus gerichtet werden (vgl. Jes 30,30–33; 31,4–8; 59,19.20).

Der Blitz fährt aus vom Osten. Das ist die Himmelsrichtung des Aufgangs der Sonne. Wir wissen, dass der Osten vom Kommen Christi aus und in der Herrlichkeit spricht. In Kapitel 17,2 war die Sonne dieses Symbol der Herrlichkeit des Herrn in seinem kommenden Königreich. In Lukas 1,78.79 lesen wir davon, dass „die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes“ sichtbar wird, „in der uns besucht hat der Aufgang [das ist dasselbe Wort wie Osten in unserem Vers6] aus der Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten“. Das ist nichts anderes als ein Hinweis auf das erste Kommen Jesu aus der Herrlichkeit – sozusagen ebenso von Osten her – um das Volk zu erretten. Damals wollte es diese Rettung nicht annehmen. In der Zukunft wird es diese gläubigen Übriggebliebenen geben, die den Herrn mit größter Sehnsucht empfangen, aufnehmen und anbeten werden.

Das Aas und die Adler

Der Herr Jesus schließt diesen Abschnitt mit einem eigentümlichen Vers ab: „Wo irgend das Aas ist, da werden sich die Adler versammeln.“ Man fragt sich, wovon der Herr Jesus hier spricht. Manche haben geglaubt, die Versammlung sei das Aas. Aber die Versammlung ist im Gegensatz zum Aas nicht unrein, sondern heilig und rein in den Augen Gottes (vgl. Eph 1,4 ff.; 5,26 ff.). Sie ist mit Christus durch den Heiligen Geist verbunden und damit ein lebendiger, lebender Körper, nicht ein totes Aas! Die Christen sind auch keine Instrumente Gottes im Gericht, wie wir das hier bei den Adlern finden.

Nein: Wenn wir diesen Vers auf Israel beziehen, wird alles klar. Die ungläubigen Juden bilden den toten Teil Israels, dieses Aas. Dieser Teil wird bei der Ankunft des Sohnes des Menschen durch ein plötzliches Gericht heimgesucht und gerichtet werden. Das Aas ist in seiner Unreinheit also ein Bild des verdorbenen Teils in Israel. Das sind alle, die dem Tier, dem Antichristen folgen. Die Adler sind ein Symbol für das Gericht, das der Herr Jesus durch sein Kommen über diese Menschen bringen wird.

Vermutlich benutzt der Herr hier ein Bild, das Er schon Hiob gegenüber verwendet hat. In Hiob 39,30 lesen wir vom Adler: „Und seine Jungen schlürfen Blut, und wo Erschlagene sind, da ist er.“ Vorher heißt es, dass er seine Nahrung auf Felszacken und den Spitzen der Berge erspäht und weit in die Ferne schauen kann. Dann erjagt er in Windeseile seine Beute. Das ist ein lebendiges Bild davon, dass sich alle Nationen gegen Jerusalem versammeln werden, um dieses zu besiegen: „Siehe, ein Tag kommt für den Herrn, da wird deine Beute in deiner Mitte verteilt werden. Und ich werde alle Nationen nach Jerusalem zum Krieg versammeln; und die Stadt wird eingenommen und die Häuser werden geplündert und die Frauen vergewaltigt werden; und die Hälfte der Stadt wird in die Gefangenschaft ausziehen, aber das übrige Volk wird nicht aus der Stadt ausgerottet werden“ (Sach 14,1.2). Der Herr Jesus selbst wird die Adler in und um Jerusalem versammeln. Es ist sein Gericht an dem gottlosen Volk, das Ihn an das Kreuz gebracht hat.

Mit Vers 28 schließt dieser Teil der jüdischen Weissagung. Er ist eine Warnung für die Jünger vor den Gefahren jeder Art in der Zeit der großen Drangsal. Ab Vers 29 finden wir dann das direkte Eingreifen Gottes in der Person des Sohnes des Menschen im Gericht.

Verse 29–31: Das Zeichen der Ankunft des Sohnes des Menschen

„Sogleich aber nach der Drangsal jener Tage wird die Sonne sich verfinstern und der Mond seinen Schein nicht geben, und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte der Himmel werden erschüttert werden. Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; und dann werden alle Stämme des Landes wehklagen, und sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit. Und er wird seine Engel aussenden mit starkem Posaunenschall, und sie werden seine Auserwählten versammeln von den vier Winden her, von dem einen Ende der Himmel bis zu ihrem anderen Ende“ (Verse 29–31).

In den Versen 29–31 geht es um das Kommen des Sohnes des Menschen. Es ist die Antwort auf die Frage der Jünger nach dem Zeichen der Ankunft des Sohnes des Menschen. In allen drei synoptischen Evangelien ist in den prophetischen Endzeitreden die Erscheinung des Sohnes des Menschen der Hauptgegenstand. Matthäus aber arbeitet diesen Punkt ganz besonders heraus.

In diesen drei Versen lernen wir etwas über

  1. die Umstände, die mit dem zweiten Kommen des Herrn Jesus in Verbindung stehen (Vers 29)
  2. das Zeichen des Sohnes des Menschen und den Charakter seines Kommens (Vers 30)
  3. das Handeln des Herrn mit den gläubigen Übriggebliebenen (Vers 31).

Vers 29: Die Umstände in Verbindung mit dem Kommen des Herrn

Die Erschütterungen, von denen wir in Vers 29 lesen, sind die Erfüllung der Weissagungen von Haggai 2,6.7: „Denn so spricht der Herr der Heerscharen: Noch einmal, eine kurze Zeit ist es, da werde ich den Himmel erschüttern und die Erde und das Meer und das Trockene. Und ich werde alle Nationen erschüttern, und das Ersehnte aller Nationen wird kommen, und ich werde dieses Haus mit Herrlichkeit füllen, spricht der Herr der Heerscharen“ (vgl. Heb 12,26.27).

Äußerliche Erschütterungen

Das Kommen des Herrn Jesus muss also mit gewaltigen Erschütterungen einhergehen. Es muss sich um enorme Kräfte handeln, die hier wirksam werden. Da in Matthäus 24 bereits zuvor von Erdbeben, Hungersnöten und Seuchen die Rede war, kann man auch hier an eine buchstäbliche Erfüllung dieser Vorhersagen denken. Offenbar wird das Sonnensystem regelrecht ins Wanken geraten.

Schon im Alten Testament finden sich Hinweise darauf, dass derartige Umwälzungen in Verbindung mit den Drangsalen Judas auftreten werden. Joel berichtet uns davon, dass sich Sonne und Mond verfinstern und die Sterne ihren Glanz zurückhalten (Joel 4,15; vgl. Joel 3,3.4; Apg 2,19.20). Ähnliche Andeutungen finden sich auch in Hesekiel 32,7.8 und in Jesaja 13,9.10.

Jesaja spricht auch an anderen Stellen von solchen Veränderungen: „Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde; und an die früheren wird man sich nicht mehr erinnern, und sie werden nicht mehr in den Sinn kommen ... Denn siehe, der Herr wird kommen im Feuer, und seine Wagen sind wie der Sturmwind, um seinen Zorn zu vergelten in Glut und sein Schelten in Feuerflammen. Denn durch Feuer und durch sein Schwert wird der Herr Gericht üben an allem Fleisch ... Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir bestehen ...“ (Jes 65,17; 66,15.16.22). Dieser neue Himmel und die neue Erde beziehen sich nicht auf den ewigen Zustand wie in Offenbarung 21,1, sondern auf die von dem Herrn Jesus vorgenommene Reinigung von Himmel und Erde bei der Einführung des 1.000-jährigen Friedensreichs.

Diese Sicht wird auch noch durch eine weitere Bibelstelle unterstützt: „Und es werden Zeichen sein an Sonne und Mond und Sternen, und auf der Erde Bedrängnis der Nationen in Ratlosigkeit bei dem Tosen und Wogen des Meeres“ (Lk 21,25).

Erschütterungen von Regierungen

Die Verfinsterung der Sonne und des Mondes sowie das Vom-Himmel-Fallen der Sterne scheinen aber nicht ausschließlich buchstäblich oder auch symbolisch gemeint zu sein. Eine Hilfe geben uns die ähnlichen Beschreibungen im Buch der Offenbarung.

Gerade das Buch der Offenbarung zeigt uns, dass das Herunterfallen der Lichtträger symbolische Bedeutung haben muss. Denn in diesem Buch finden wir, dass Gegenstände und Gestirne fast durchgehend als Symbole verwendet werden und anders nicht verstanden werden können. Wir müssen daher auch in unserem Abschnitt daran denken, dass der Herr nicht nur von äußerlichen Zeichen in der Schöpfung spricht, sondern auch vom Ausbrechen anarchischer Zustände.

Wir hatten in Verbindung mit den ersten Versen des Abschnittes Offenbarung 6 hinzugezogen. Dort sieht man in den Versen 12 und 13, dass offenbar jede Autorität zerstört werden wird. In Offenbarung 16, wo uns die letzten Schalengerichte (die dritte Gerichtsserie nach den Siegel- und Posaunengerichten) mitgeteilt werden, lesen wir in Vers 10, dass das Reich des Tieres verfinstert wird. Die Verse 12–16 zeugen dann noch einmal von den Zeichen und der Unreinheit durch den Antichristen und den Römischen Kaiser. Zusammen mit anderen Kriegsheeren werden sie um Jerusalem versammelt werden, um in dem Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen, besiegt und verurteilt zu werden.

In den letzten Versen dieses Kapitels finden wir dann noch Naturwunder. Es ist von Blitzen, Donnern und Erdbeben die Rede, „wie es nicht geschehen ist, seitdem die Menschen auf der Erde waren, solch ein Erdbeben, so groß“. Hier geht es um ein kollektives Gericht und den Fall Babylons. Dieses Gericht geht offenbar mit der Zerstörung von Autoritäten einher, so dass es zu einer Art Anarchie kommen wird.

Autoritäten werden abgesetzt und zerstört

Unmittelbar nach bzw. am Ende der dreieinhalbjährigen Drangsalszeit werden offenbar die Regierungssysteme erschüttert und von Grund auf zerstört werden. So werden die äußeren Wunder mit gewaltigen politischen Veränderungen auf der Erde verbunden sein. Die Verfinsterung von Sonne und Mond und das Herabfallen der Sterne deutet neben dem Wegbrechen von Autoritäten auch die Ratlosigkeit an, die sich bei Regierungen breitmachen wird.

Die Sonne ist die höchste „Autorität“, die es gibt. Sie dient als Lichtträger der Beherrschung des Tages (vgl. 1. Mo 1,16). Der Mond „beherrscht“ die Nacht als abgeleitete Autorität (sein Licht hängt von der Sonne ab). Die Bedeutung der Sterne als Lichtträger der Nacht wiederum ist eher untergeordnet (vgl. Ps 136,8.9). Man kann diese Lichtträger als Symbole für menschliche, politische Autoritäten verstehen. Dann werden alle diese Autoritäten, die der Herr auf der Erde in der heutigen Zeit gegeben hat (vgl. Rö 13,1), offenbar ins Wanken geraten.

Gott hatte den Nationen in der Person Nebukadnezars und seiner Nachfolgern Macht gegeben. Nach ihnen benennt Er in seinem Wort die Zeit, nachdem das Volk Israel das Vorrecht verwirkt hatte, Mittelpunkt der Erde zu sein (vgl. Dan 2,37–39; 5. Mo 28,13.44). Nebukadnezar war das Haupt von Gold. Er war gewissermaßen wie die Sonne zur höchsten Autorität auf dieser Erde ernannt worden. Aber er und besonders seine Nachfolger in Babel, die Meder-Perser, die Griechen und später auch die Römer haben sich alle von Gott abgewandt. Daher wird Gott ihnen die Herrschaft wegnehmen. Die Sonne wird verfinstert werden wie der Mond. Diese Macht wird Gott dem Herrn Jesus als Sohn des Menschen übertragen, der in Gerechtigkeit und Vollkommenheit regieren wird (vgl. Dan 2,44; 7,13.14.26.27). In dem Augenblick, in dem Er erscheinen wird, werden alle irdischen Mächte dastehen als solche, die ihre Aufgabe verfehlt haben: in Finsternis.

Vers 30: Das Zeichen des Sohnes des Menschen und der Charakter seines Kommens

Nach den in Vers 29 beschriebenen Vorzeichen wird nun der Herr selbst am Himmel als Zeichen erscheinen., und zwar „auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit“. Wenn die Jünger eine Person auf diese Weise kommend wahrnehmen, wissen sie: Es ist wirklich unser Messias! – noch bevor Er die Erde betreten wird, denn es ist ein Zeichen „am Himmel“. Manche denken daran, dass dieses Zeichen in Verbindung mit der Schechinah, der Wolke der Gegenwart Gottes im Alten Testament, zu sehen sein wird.

Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass es nicht heißt, dass diese Welt ein Zeichen sehen wird. Der Herr hatte wiederholt darauf hingewiesen, dass Er diesem bösen und ehebrecherischen Geschlecht kein Zeichen geben konnte. Aber seinen Jüngern gibt der Herr die zu ihrer Leitung notwendigen Hinweise. Sie, die ihren Messias erwarten, werden wissen: Jetzt kommt Er zu unserer Errettung. Die ungläubigen Juden und alle anderen ungläubigen Menschen werden das nicht verstehen. Nur für die Gläubigen künftiger Tage wird der Glanz der Herrlichkeit Dessen, den die Welt verachtet hat, deutlich zeigen, wer der Kommende ist. Für sie ist das alles ein echtes Zeichen, ein Hinweis auf das, was jetzt passieren wird. Bevor Christus da ist, sehen sie diese Wolke seiner Gegenwart und erwarten die Rettung. Für alle anderen wird Er ganz unerwartet kommen. Sie erkennen somit kein Zeichen, sondern werden in dem Moment, wo Christus als der richtende Sohn des Menschen erscheinen wird, durch seine Gegenwart gerichtet werden. Das wird für sie ein entsetzlicher Augenblick sein, denn er bedeutet Gericht.

Der Herr Jesus wird als der Sohn des Menschen kommen. Mit diesem Titel steht Gericht in Verbindung, wie der Herr Jesus selbst einmal sagt: „Und er [der Vater] hat ihm Gewalt gegeben, Gericht zu halten, weil er des Menschen Sohn ist“ (Joh 5,27). Dieses Gericht wird Er zum Teil an Engel delegieren (in der großen Drangsalszeit), zum Teil aber auch persönlich ausführen, wenn Er zum Beispiel den Antichristen und den Herrscher des Römischen Reiches in den Feuersee wirft (Off 19,20) und den Herrscher des assyrischen Reiches mit dem Hauch seines Mundes vernichten wird (Jes 59,19).

Wir wissen aus einigen bereits zitierten Bibelstellen, dass der Sohn des Menschen nicht alleine auf die Erde kommen wird. „Wenn der Christus, unser Leben, offenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit“ (Kol 3,4). Wir werden an seiner Seite stehen, wenn das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen wird.

„Und dann werden alle Stämme des Landes wehklagen“. Diesen Vers kennen wir schon aus Sacharja 12,10–14, wo es unter anderem heißt: „Und ich werde über das Haus David und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen; und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben und werden über ihn wehklagen gleich der Wehklage über den einzigen Sohn und bitterlich über ihn Leid tragen, wie man bitterlich über den Erstgeborenen Leid trägt. An jenem Tag wird die Wehklage in Jerusalem groß sein ... Und wehklagen wird das Land, jede Familie für sich ...“ Auch Johannes zitiert diesen Vers in Offenbarung 1,7. Der Zusammenhang dieser Verse zeigt, dass es eine Wehklage des Herzens von Gläubigen ist. Sie sind sich bewusst, dass sie diejenigen waren, die Christus ans Kreuz gebracht haben. So ist das Kommen des Herrn – dieses Zeichen – ein Symbol der Gnade für den Überrest und die Familien, die übrigbleiben. Sie werden in persönlicher Buße wehklagen.

Der Ausdruck „Stämme des Landes“ kann auch allgemeiner verstanden werden. Denn das Wort, das oft mit „Land“ übersetzt wird, bedeutet auch „Erde“. Im Blick auf die Juden und die in Vers 31 erwähnten Auserwählten könnte der Hinweis auf die „Erde“ noch einen schönen Gedanken einbeziehen: Nicht nur die Juden im Land, sondern die Israeliten insgesamt warten auf den Messias. Wenn sie nun das Zeichen des Sohnes des Menschen, wie gesagt vermutlich die Schechinah, sehen werden, werden alle gläubigen Israeliten, wo immer sie sich aufhalten, zur Wehklage geführt werden. Das könnte dann die Einleitung dazu sein, dass der Herr seine Engel aussendet, um sie in Israel zu versammeln.

Die Ungläubigen dagegen werden plötzlich erkennen, dass der Sohn des Menschen für sie nur Gericht bringen wird. Daher werden sie wehklagen und jammern und in Selbstmitleid zerfließen, nicht aber Buße tun. Dafür ist es jetzt ohnehin zu spät. Die ganze Erde wird bestürzt sein. Das gilt besonders für die ungläubigen Juden im Land. Sie erkennen die Macht des Sohnes des Menschen, der gekommen ist, sie zu richten. „Siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn ... Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker und Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nicht zerstört werden wird“ – das ist der Charakter seines Kommens (Dan 7,14; vgl. auch Off 19,11–16).

An diesem Tag wird der Zorn des Lammes (vgl. Off 6,16) über das verdorbene Israel ausgeschüttet werden. Der Apostel Paulus beschreibt dieses Kommen als ein Kommen eines Diebes. Er erscheint unerwünscht und unerwartet, und Er bringt für die Verlorenen plötzliche und starke Schmerzen, wie Geburtswehen, die über eine schwangere Frau kommen (1. Thes 5,1.2).

Die Zeichen, die mit Christus in Verbindung stehen

Zum Abschluss der Beschäftigung mit diesem Vers möchte ich noch auf zwei Punkte eingehen, die direkt mit dem Herrn Jesus zu tun haben:

a) Der Herr Jesus spricht nur zwei Tage später, am späten Donnerstagabend, zu dem Hohenpriester sehr ähnliche Worte: „Von jetzt an werdet ihr den Sohn des Menschen zur Rechten der Macht sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen“ (Mt 26,64). Das ist die Antwort des Herrn auf die Frage, ob Er der Christus sei, der Sohn Gottes. Wie in Johannes 1,49–51 zeigt der Herr, dass es etwas Größeres gibt, als der Christus, der Sohn Gottes (auf der Erde) zu sein. Dieser Titel betont nicht seine ewige Sohnschaft und Gottheit, sondern zeigt, dass der Mensch, den Gott hier als König über Israel eingesetzt hat, Gott ist. Er ist aber auch der Sohn des Menschen, der zur Rechten Gottes thront und als solcher auf die Erde zurückkommen wird, um Gericht auszuüben. In diesem Sinn handelt es sich bei den Worten des Herrn um eine Ankündigung des Gerichts über Israel und seine Führer.

b) In Bezug auf den Herrn Jesus lesen wir von drei Zeichen:

  1. Das erste Kommen Jesu: „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen“ (Jes 7,14; Mt 1,22.23; vgl. Lk 2,12; Off 12,1).
  2. Der Tod Jesu: „Kein Zeichen wird ihm [dem bösen und ehebrecherischen Geschlecht] gegeben werden als nur das Zeichen Jonas, des Propheten. Denn so wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein“ (Mt 12,39.40; vgl. Mt 16,4).
  3. Das zweite Kommen Jesu: „Und dann wird das Zeichen des Sohnes des Menschen am Himmel erscheinen; ... sie werden den Sohn des Menschen kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit Macht und großer Herrlichkeit“ (Mt 24,30).

Vers 31: Das Handeln des Herrn mit den gläubigen Übriggebliebenen

In Vers 31 lernen wir dann, dass der Herr nicht nur nach Jerusalem kommen wird zu den Seinen, die auf Ihn warten. Er wird zudem seine Engel aussenden, damit sie seine Auserwählten auf der ganzen Erde zusammensammeln. Sie sind bis zu diesem Zeitpunkt ganz zerstreut. Daher werden sie von den vier Winden hergeholt, also von Osten und Westen, Norden und Süden, vom einen Ende der Himmel bis zu ihrem anderen Ende. Das irdische Volk Gottes hält sich ja nicht nur im Staat Israel auf, sondern ist weltweit zerstreut. Aus allen 12 Stämmen Israels werden die „Auserwählten“, also die Gläubigen, gesammelt. Dann können sie in das Königreich des Herrn eingehen, um im Land Israel zu wohnen. Von dort wird der Segen in die ganze Welt ausgehen (vgl. Sach 14,8).

Diese Sammlung wird im Alten Testament mehrfach vorausgesagt: Aus Jesaja 11,12 wissen wir, dass „die Vertriebenen Israels und die Zerstreuten Judas“ zusammengebracht und von den vier Enden der Erde gesammelt werden. Der Prophet bestätigt das noch einmal in Kapitel 18: „In jener Zeit wird dem Herrn der Heerscharen ein Geschenk dargebracht werden: ein Volk, das geschleppt und gerupft ist, und von einem Volk, wunderbar, seitdem es ist und weiterhin, eine Nation, von Vorschrift auf Vorschrift und von Zertretung ... zur Stätte des Namens des Herrn der Heerscharen, zum Berg Zion“ (Jes 18,7; vgl. auch Jer 16,14.15; 31,10–12; 50,4.5). Auch im Neuen Testament lesen wir davon, dass ganz Israel gerettet wird (Rö 11,26).

Der Rückruf durch die Posaune Gottes

Das Mittel des Rückrufs und Sammelns der Auserwählten ist die Posaune. Das erinnert uns an das Einführen dieses Mittels in Israel in 4. Mose 10,1–107. Die ganze Gemeinde Israel wurde durch diesen Ton versammelt. In 3. Mose 23,24.25 finden wir dann das Fest des Posaunenhalls. Das ist die prophetische Vorhersage dieser Zeit, wenn der Herr sein irdisches Volk wieder versammeln wird, um es nach Israel zu bringen. Dann folgt der Sühnungstag, an dem die Israeliten wehklagen werden über ihre Sünden (vgl. Sach 12,10–14). Im Anschluss feiern sie dann das Laubhüttenfest. Das ist der Hinweis auf das 1.000-jährige Friedensreich.

Jesaja drückt diese Handlung des Herrn so aus: „Und es wird geschehen an jenem Tag, da wird in eine große Posaune gestoßen werden, und die Verlorenen im Land Assyrien und die Vertriebenen im Land Ägypten werden kommen und den Herrn anbeten auf dem heiligen Berg in Jerusalem“ (Jes 27,13). Anscheinend werden in einem ersten Schritt die zerstreuten Juden und Israeliten aus der Umgebung von Israel gesammelt werden. Aus dem weiter oben zitierten Vers aus Jesaja 11,12 lernen wir, dass ein zweiter Schritt folgen wird. Das ist die Sammlung der Juden und Israeliten, die an den Messias glauben, aber auf der ganzen Welt zerstreut wohnen.

Gesammelt werden die „Auserwählten“, von denen Jesaja schreibt, dass der Jüngling als Hundertjähriger sterben wird. Diese Gläubigen haben eine segensreiche Zeit vor sich: „Wie die Tage des Baumes sollen die Tage meines Volkes sein, und meine Auserwählten werden das Werk ihrer Hände verbrauchen. Nicht vergeblich werden sie sich mühen, und nicht zum jähen Untergang werden sie zeugen; denn sie sind die Nachkommen der Gesegneten des Herrn, und ihre Sprösslinge mit ihnen“ (Jes 65,20–25).

Wir haben schon gesehen, dass man die Auserwählten, von denen der Apostel Paulus verschiedentlich spricht (z. B. 1. Thes 1,4; 2. Thes 2,13) und die Auserwählten des künftigen, gläubigen Israel nicht miteinander verwechseln darf. Wir sind heute zu einer himmlischen Herrlichkeit auserwählt worden (Eph 1,4–6), die gläubigen Juden und Israeliten sind zu einem herrlichen Anteil an den Segnungen der Reiches Christi auf der Erde auserwählt (Jes 65,22).

Der Dienst der Engel

Der Herr Jesus setzt für den Dienst des Zusammenrufens Engel ein. Auch heute sind sie dienstbare Geister (Heb 1,14), die den Gläubigen dienen. Aber sie treten in aller Regel nicht äußerlich in Erscheinung. Das wird sich ändern, wenn es um die Gerichte der Endzeit geht, aber auch wie hier im Blick auf die Segnungen der Auserwählten in Israel. Das machen Stellen wie Hebräer 1,6; 2. Thessalonicher 1,7.8 und die Gleichnisse in Matthäus 13 (z.B. Verse 41.49) deutlich.

Mit diesem Vers schließt die endzeitliche Geschichte Israels und der Juden insbesondere. Was in den nächsten Versen folgt, ist keine historische Entfaltung mehr, sondern ein Gleichnis mit einem anschließenden Appell an das Herz und Gewissen der Jünger. Denn Gott berichtet uns nie von geschichtlichen Entwicklungen, um unsere Neugier zu befriedigen. Immer verbindet Er damit ein Ziel. Er möchte unsere Herzen und Gewissen formen, damit wir Ihm treu nachfolgen. Das gilt auch für die künftigen Jünger aus Israel.

Der Faden der prophetischen Geschichte wird erst in Kapitel 25,31 wiederaufgenommen. Diese Verse stellen in gewisser Weise die Fortsetzung von Kapitel 24,31 dar. Wie Kapitel 24,31 das Sammeln Israels nach der Erscheinung des Sohnes des Menschen darstellt, so finden wir in Kapitel 25,31 eine Sammlung der Nationen. Sie steht in Verbindung mit einer Gerichtssitzung über die Heiden.

Verse 32–44: Das Zeichen der Vollendung des Zeitalters

„Von dem Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon weich wird und die Blätter hervortreibt, so erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist. Ebenso auch ihr, wenn ihr dies alles seht, so erkennt, dass es nahe an der Tür ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist. Der Himmel und die Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen. Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel der Himmel, sondern der Vater allein. Denn wie die Tage Noahs waren, so wird die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Denn wie sie in jenen Tagen vor der Flut waren: Sie aßen und tranken, sie heirateten und verheirateten – bis zu dem Tag, als Noah in die Arche ging und sie es nicht erkannten –, bis die Flut kam und alle wegraffte, so wird auch die Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Dann werden zwei auf dem Feld sein, einer wird genommen und einer gelassen; zwei Frauen werden am Mühlstein mahlen, eine wird genommen und eine gelassen. Wacht also, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Das aber erkennt: Wenn der Hausherr gewusst hätte, in welcher Wache der Dieb kommen würde, so hätte er wohl gewacht und nicht erlaubt, dass sein Haus durchgraben würde. Deshalb auch ihr, seid bereit! Denn in einer Stunde, in der ihr es nicht meint, kommt der Sohn des Menschen“ (Verse 32–44).

In den Versen 32–44 beantwortet der Herr Jesus die dritte Frage der Jünger. Sie hatten Ihn nach dem Zeichen der Vollendung des Zeitalters gefragt. Dieses „Zeichen“ nennt Er ihnen hier in Form eines Gleichnisses. Zugleich deutet Er ihnen die Scheidung von Gläubigen und Ungläubigen an, die mit dem zweiten Kommen des Sohnes des Menschen einhergeht.

Es folgen zunächst zwei Vergleiche. Während der eine aus dem äußeren Bereich, der Schöpfung, entnommen ist, stammt der andere aus dem Alten Testament. Der Herr verdeutlicht den Jüngern noch einmal, dass es sich bei der großen Drangsal nicht um ein „gewöhnliches“ Gericht unter der Vorsehung Gottes handelt. So handelt Gott heute. Solche Prüfungen gibt es mal an diesem und mal an jenem Ort. Darum aber geht es bei dieser Drangsal nicht. Es wird deutlich: Ob man innerhalb oder außerhalb eines Hauses ist, wo auch immer man wohnt (vgl. die Verse 16–18): Es gibt keinen Schutz für diejenigen, die keine Beziehung zum Messias Gottes haben. Sie hören nichts von einem Aufruf zur Flucht, sie werden gänzlich unter das Gericht Gottes kommen (vgl. Vers 21.28).

Verse 32.33: Das Gleichnis vom Feigenbaum

Mit Vers 32 beginnen eine Reihe von Gleichnissen bzw. gleichnishaften Reden. Allerdings gehören die Verse 32–44 noch zu dem jüdischen Teil. Erst ab Vers 45 geht es um eine ganz andere Epoche im Handeln Gottes, um das neue Thema des christlichen Bekenntnisses.

Der Feigenbaum ist ein Gleichnis über die Juden. Es geht um das Volk als Nation, wie wir schon in der Begebenheit in Matthäus 21,18–22 gelernt haben. Dort stellt der Feigenbaum das ungläubige, abspenstige Volk Israel dar. Das ist in Kapitel 24 etwas anders. Zwar handelt es sich hier ebenfalls um das Volk Israel, aber es geht speziell um dessen Wiederherstellung. Während es für das untreue Israel keine Hoffnung gibt (vgl. Mt 21,19), wird Israel als Nation neu entstehen aus gläubigen Juden, die durch die Drangsalszeit hindurchgegangen sind. Sie sind diejenigen, die den Herrn Jesus als ihren Messias angenommen haben.

Die zwei Phasen der Wiederherstellung

Sie werden, wie dieses Gleichnis lehrt, in zwei zeitlichen Phasen wieder zum Volk Gottes werden. Zunächst haben wir den Frühling, in dem die Blätter hervorgetrieben werden. Das hat seinen Beginn in der heutigen Zeit. Jetzt gibt es zwar noch keine Frucht in Israel, weil es sich um ein ungläubiges Volk handelt, das noch ohne Gott lebt. Aber es befindet sich schon jetzt im eigenen Land, jedenfalls ein Teil des Volkes. So gibt es schon Blätter. Auch in der ersten Zeit nach der Entrückung wird diese Phase fortbestehen.

Davon spricht auch der Prophet Hesekiel in Kapitel 37. In den ersten 14 Versen berichtet er in einer Weissagung von der nationalen Wiederherstellung Israels. Dort rücken Gebeine zusammen, um zu einem Menschen zu werden. Es sind zunächst nur einzelne Knochen, die plötzlich zusammenrücken. Dann wachsen Sehnen und Fleisch darüber, und schließlich wird das Ganze mit Haut bedeckt. Dass es dabei tatsächlich um die Wiederherstellung Israels geht, wird in Vers 11 deutlich: „Und er sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel.“

Dann folgt eine zweite Phase. Es kommt Lebensodem in diesen Körper. Der Herr Jesus nennt es in seinem Gleichnis „Sommer“. Das ist die Zeit der Früchte, die heute offenbar schon nahe ist. Aber sie ist noch nicht da. Es ist die Zeit, in der die Juden nicht nur im Land leben, sondern auch durch Buße und Umkehr zur Annahme ihres Messias geführt werden. Erst dadurch bringen sie Frucht für Gott.

Jeremia spricht ebenfalls von dieser Zeit der Hoffnung, wo es wieder neu „gute Feigen“ in Israel geben wird: „Der Herr ließ mich sehen: Und siehe, zwei Körbe Feigen waren vor dem Tempel des Herrn aufgestellt ... Und das Wort des Herrn erging an mich, indem er sprach: So spricht der Herr; der Gott Israels: Wie diese guten Feigen, so werde ich die Weggeführten von Juda, die ich aus diesem Ort in das Land der Chaldäer weggeschickt habe, ansehen zum Guten ... Und ich will ihnen ein Herz geben, mich zu erkennen, dass ich der Herr bin; und sie werden mein Volk, und ich werde ihr Gott sein; denn sie werden mit ihrem ganzen Herzen zu mir umkehren“ (Jer 24,1–7).

Die neuen Blätter sprechen also in dem gleichnishaften Bild in Matthäus 24 von der neuen Geburt Israels. Der wiedererstehende Feigenbaum wiederum greift ein Bild Hiobs auf: „Denn für den Baum gibt es Hoffnung: Wird er abgehauen, so schlägt er wieder aus, und seine Schösslinge hören nicht auf“ (Hiob 14,7). Daher ist das Bild des Baums so passend. Denn er ist das Bild der Hoffnung, weil er in erstaunlicher Weise immer wieder ausschlagen kann.

Es ist auffallend, dass Lukas (Kapitel 21,29) nicht nur von dem Feigenbaum (Israel) spricht, sondern „alle Bäume“ erwähnt. Das tut er, weil er sich nicht auf Israel beschränkt, sondern auch die Nationen im Blickfeld hat. Denn nicht nur Israel wird eine Zukunft haben. Auch die dieses Volk umgebenden Nationen haben eine Zukunft. Dafür müssen sie die Boten Israels aufnehmen und ihre Botschaft annehmen. Darüber lesen wir mehr in Kapitel 25,31 ff.

Den Jüngern sagt der Herr Jesus in Vers 33, dass sie dieses Zeichen erkennen sollten. Wenn dieses alles mit Israel, dem Feigenbaum, passieren wird, ist deutlich, dass „es“, nämlich die Vollendung des Zeitalters „nahe an der Tür“ ist. Das ist nichts anderes als das Kommen des Sohnes des Menschen. Mit anderen Worten: Dann werden diese Dinge kommen, die in den vorherigen Versen beschrieben worden sind.

Die Jünger künftiger Tage sollen also lernen, dass mit dem Zusammenwachsen Israels das Kommen des Herrn nahe ist. Gemeint ist die zweite Phase seines zweiten Kommens zur Aufrichtung des Königreichs. Die Voraussetzungen dafür sind also erstens die nationale Wiedererstehung Israels (was für uns bereits Vergangenheit ist) und zweitens die geistliche Umkehr der Übriggebliebenen in Juda. Das steht noch aus und wird erst im Laufe der sieben Drangsalsjahre offenbar werden.

Der Hinweis auf den Sommer zeigt im Übrigen die Hoffnung, die für die gläubigen Juden mit dieser Phase der Wiederherstellung verbunden ist. Es ist die Zeit, in der die Sonne hell und warm scheint. Dann kommt die Sonne der Gerechtigkeit mit Heilung in ihren Flügeln (Mal 3,20). „Ein Herrscher unter den Menschen, gerecht, ein Herrscher in Gottesfurcht; und er wird sein wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht, ein Morgen ohne Wolken: Von ihrem Glanz nach dem Regen sprosst das Grün auf der Erde“ (2. Sam 23,3.4). So spricht David prophetisch von dieser wunderbaren Zeit für Israel – und für den Herrn Jesus, der dann endlich den Ihm gebührenden Platz auf der Erde erhalten wird.

Verse 34.35: Vergängliches und nicht Vergängliches

Dem Gleichnis vom Feigenbaum fügt der Herr Jesus nun eine zweifache Warnung an die Jünger in Israel hinzu.

1. „Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschehen ist.“ Wenn der Herr Jesus von „diesem Geschlecht“ spricht, meint Er nicht die damals lebenden ungläubigen Führer in Israel. Er bezieht sich auch nicht auf eine spezielle Generation. Nein, Er meint sozusagen eine bestimmte Klasse, eine Art von Menschen in Israel, nämlich die ungläubigen, untreuen und sich gegen Gott und seinen Messias auflehnenden Juden. Er verwendet den Ausdruck „Geschlecht“ oder „Generation“ also nicht zeitlich, sondern moralisch. Auch an vielen anderen Stellen ist dies die Bedeutung von „Geschlecht“ (Ps 12,8; 22,31; 49,20; 5. Mo 32,5.20; Spr 30,11–14; Mt 11,16; 12,39.45).
Die Jünger sollten sich also darauf einstellen, dass erst mit dem Wiederkommen des Herrn Jesus das ungläubige Israel gerichtet werden wird. Zu allen Zeiten würde es somit ein „solches Geschlecht“ geben. Sie mussten nicht damit rechnen, dass sich der allgemeine innere Zustand der Juden bessern würde.

2. Das aber ist nicht alles. Niemand sollte sich der Illusion hingeben, das Gericht könnte noch irgendwie geändert und abgemildert werden. Nein, es wird genau so eintreffen, wie Er es ihnen beschrieben hat. Es soll sich niemand täuschen: Zwar werden Himmel und Erde vergehen, doch die Worte des Herrn bleiben ewig bestehen. Das geht noch weiter als das, was Er in der Bergpredigt in Kapitel 5,18 über das Gesetz gesagt hat. Dieses würde so lange Bestand haben, bis Himmel und Erde vergehen. Die Worte des Herrn aber haben Bestand in Ewigkeit.

Das ist mit einem großen Ernst verbunden. Denn die Worte, auf die sich Jesus hier konkret bezieht, sind Worte des Gerichts. Dieses Urteil wird also mit Sicherheit ausgeführt. Darauf konnten sich die Jünger verlassen.

Verse 36–42: Die Umstände der Ankunft des Sohnes des Menschen

Der Herr Jesus hat die Wiedererstehung Israels und die Sicherheit seiner Worte bestätigt. Nun zeigt Er seinen Jüngern die Umstände, die mit seiner Ankunft in Verbindung stehen. Dazu vergleicht Er die künftige Zeit mit den Tagen Noahs und verwendet zugleich ein zweites Bild aus den täglichen Umständen der Juden.

Zunächst jedoch weist Er darauf hin, dass der genaue Tag seines Kommens nicht vorhersehbar ist. Niemand weiß von jener Stunde, nicht einmal die Engel. Es ist der Vater allein, dessen souveräne Entscheidung und dessen Ratschluss Tag und Stunde der Vollendung des Zeitalters festgelegt haben. In Markus 13,32 lesen wir sogar, dass nicht einmal der Sohn diesen Tag und diese Stunde weiß. Dort wird der Herr Jesus als Mensch und Diener gesehen, der auf den Ruf und die Entscheidung seines Gottes, seines Vaters, wartet. Hier im Matthäusevangelium dagegen geht es um den Messias Gottes. Wir wissen, dass der Herr Jesus nicht nur Mensch ist, sondern zugleich der ewige Sohn Gottes. Er weiß als Gott, der Sohn, alles. Denn Er ist wie der Vater Gott, und zudem sind (ist) Er und der Vater eins (vgl. Joh 10,30).

Das Kommen des Herrn wird eine jähe Überraschung für die sorglose Welt sein. Denn sie ahnt nichts von seinem Kommen. Aber nicht einmal die Jünger sollten sich um diese Zeiten und Zeitpunkte kümmern (vgl. Apg 1,7). Sie hatten nun mit ganz anderen Aufgaben zu tun.

Zeiten und Zeitpunkte stehen im geheimen Rat und in der Gewalt des Vaters. Man hat den Eindruck, dass Gott die Jünger deshalb über diesen Zeitpunkt im Unklaren lässt, damit die Betroffenen ununterbrochen wachsam sind. Sie sollen nicht erst dann anfangen zu wachen, wenn ein ihnen bekannter Zeitpunkt gekommen ist.

Nun gibt es für den aufmerksamen Bibelleser ein gewisses Problem, das mit diesem Vers und dem Parallelvers in Markus 13,32 in Verbindung steht. Aus Daniel 9, Offenbarung 12,6, Matthäus 24,15 und anderen Stellen können wir entnehmen, dass das Wiederkommen des Herrn in Macht genau 1.260 Tage nach dem Aufstellen des Gräuels im Tempel stattfinden muss. Warum kann dann niemand von diesem Tag und von dieser Stunde wissen? Drei Erklärungsversuche könnten eine Hilfestellung bieten:

1. Der Herr Jesus meint mit Tag und Stunde den Ausgangspunkt dieser gesamten Drangsalszeit. Es ist ja auffallend, dass Er dies nicht in Verbindung mit den konkreten Ereignissen sagt, sondern erst nach dem Vergleich mit dem Feigenbaum. Wachen sollen die gläubigen Juden nicht erst am Ende der Drangsalszeit, sondern immer. Und das Gericht beginnt nicht erst mit dem Kommen des Herrn, sondern mit Beginn der 70. Jahrwoche Daniels.

2. In dem Buch der Offenbarung spricht der Herr Jesus von der Drangsalszeit in drei verschiedenen Aufteilungen: Manchmal spricht Er von 1.260 Tagen, andererseits aber auch von 42 Monaten und von dreieinhalb Jahren (eine Zeit, [zwei] Zeiten und eine halbe Zeit). Jeweils wird ein anderer Aspekt dieser Zeit betont. Wenn Er beispielsweise von Tagen spricht, betont Er seine tägliche Fürsorge für die Seinen. Jeder Tag ist gezählt. Vermutlich gehen wir zu weit, wenn wir meinen, dass der Herr „auf den Tag“ nach 1.260 Tagen kommen wird. In den Evangelien wird zuweilen derselbe Zeitabschnitt einmal mit 6 und einmal mit 8 Tagen angegeben. Hinzu kommt, dass die 1.260 Tage an keiner Stelle konkret auf das Wiederkommen des Herrn Jesus bezogen werden, sondern auf das Bewahren Israels in einem Schutzraum, bevor es nach Jerusalem zurückgeholt wird (Off 12,6), bzw. auf das Zeugnis der beiden Zeugen (Off 11,3). Sind nicht die Zeichen, die auf ihre Auferstehung folgen, vergleichbar mit denen, die wir in Matthäus 24,29–31 gelesen haben?

3. Zu diesen Überlegungen passt, das Daniel uns in Daniel 12,11 von 1.290 Tagen berichtet, dann sogar von 1.335 Tagen. Das lässt auch eine gewisse Zeitspanne offen, innerhalb derer der Herr Jesus kommen und sein irdisches Volk von seinen Drangsalen befreien wird. „Von jenem Tag aber und jener Stunde weiß niemand, auch nicht die Engel der Himmel, sondern der Vater allein.“

Während die Erklärungen 2. und 3. in einem engen Rahmen von bis zu zweieinhalb Monate bleiben, kann man bei der ersten Erklärung von einem tatsächlich in vielerlei Hinsicht unbestimmten Zeitpunkt sprechen. Man fragt sich ja immer wieder, ob die 70. Jahrwoche Daniels unmittelbar mit der Entrückung beginnt. Dieser Hinweis des Herrn deutet an, dass wir davon nicht ausgehen müssen.

Verse 37–39: Das Beispiel Noahs

Der Herr vergleicht die Umstände seines Kommens mit denen der Tage Noahs. Auch dieser lebte am Ende eines Zeitalters – so wie die Jünger der Zukunft. Und wie Noah und seine Familie gerettet wurden, so werden auch später die Übriggebliebenen Israels gerettet werden (vgl. Zeph 3,11–13). Denn Noah musste durch die große Not der Flut „hindurchgehen“, wie auch die gläubigen Juden durch die Drangsalszeit hindurchgerettet werden. Henoch dagegen wurde von Gott entrückt, bevor die Flut kam. So werden auch wir, die wir als Christen zur Versammlung Gottes gehören, vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, bewahrt und zuvor entrückt. Noah ist ein prophetischer Hinweis auf die treuen Juden künftiger Tage, Henoch dagegen ein Bild der Gläubigen der Gnadenzeit.

Wie war die Situation damals bei Noah: Es lief alles seinen gewohnten Gang. Die Menschen heirateten, sie aßen und tranken, bis der Tag kam, als Noah in die Arche ging. Dann wartete Gott in seiner Barmherzigkeit sogar noch weitere sieben Tage (1. Mo 7,10), bis Er das Gericht sandte. So lange hatten die Menschen noch immer Zeit, umzukehren und sich retten zu lassen. Leider haben sie diesen Aufschub nicht genutzt. Sie erkannten nicht, dass ihr Ende unmittelbar bevorstand. Nicht nur das Ende eines Zeitalters, sondern zugleich Gottes Urteil über sie und ihr Leben. Das bedeutete für sie den physischen Tod. Äußerlich war nichts zu sehen von diesem Ende. Aber das Gericht kam überraschend schnell über sie. Das erinnert uns an die Situation in den kommenden Gerichten, welche die ungläubigen Menschen sogar zum Anlass nehmen, Gott zu lästern (vgl. Off 16,9).

Das einzige Mittel, das Unsichtbare zu erkennen, besteht darin, es zu glauben. Man muss das für wahr halten, was Gott uns in seinem Wort mitteilt. Nur durch den Glauben wird man errettet. Sehen ist zu spät! Das galt damals in der Zeit Noahs. Das wird in der kommenden Zeit der Gerichte gelten. Und das gilt auch heute.

Es ist auffallend, dass der Herr hier in Bezug auf die Zeit Noahs nicht von unmoralischen Dingen spricht. Er nennt nur rechtmäßige (vgl. im Unterschied dazu 1. Mo 6). Aber die große Sünde war (vgl. Mt 24,35), dass die Menschen das Wort Gottes außen vor ließen. Wer dieses Wort durch Gleichgültigkeit (vgl. auch 2. Pet 3,3–7) ignoriert, wird früher oder später das Gericht Gottes erleben.

So war es auch damals: Die Flut kam und raffte alle weg. Genauso wird es bei der Ankunft des Sohnes des Menschen sein. Es ist interessant, dass Jesus hier nicht von seinem zweiten Kommen spricht, sondern von seiner Gegenwart (Ankunft, Vers 39). Er belehrt uns über seine plötzliche Anwesenheit. Aber im Unterschied zu seinem ersten Kommen wird Er nicht wieder den Weg der Demut und Verwerfung gehen und anschließend in den Himmel auffahren. Er wird dann seine Regierung beginnen, die kein Ende haben wird. Für die ungläubigen Menschen heißt das: Gericht – wie für die Zeitgenossen Noahs.

Verse 40.41: Genommen – gelassen

Der Herr Jesus benutzt dann einen zweiten Vergleich. Dabei geht es im Unterschied zu Kapitel 25,31 ff. nicht um ein Sitzungsgericht, sondern um ein auswählendes, unterscheidendes Gericht vom Himmel her. Viele haben auch an dieser Stelle wieder an die Entrückung gedacht: Die einen werden in den Himmel entrückt, die anderen bleiben hier auf der Erde zurück, um dann nach 2. Thessalonicher 2 irgendwann dem Gericht anheimzufallen.

Der Zusammenhang dieser Verse lässt eine solche Auslegung allerdings nicht zu, denn die Entrückung hat zu diesem Zeitpunkt längst stattgefunden. Wir befinden uns ja hier am Ende der großen Drangsal (vgl. Vers 21). Der Herr Jesus spricht ab Vers 27 von seinem Kommen, um das Königreich in Macht und Herrlichkeit aufzurichten. Dazu kommt Er nach Offenbarung 19,11 zusammen mit denjenigen, die Er nach 1. Thessalonicher 4 zu sich in den Himmel entrückt haben wird.

Wenn Er in Vers 37.39 die Ankunft (Gegenwart) des Sohnes des Menschen vorstellt, geht es um seine Gegenwart als Herrscher im künftigen Königreich auf der Erde. Zu diesem Zeitpunkt leben Menschen aus den Juden und aus den Nationen hier auf der Erde. Einer wird genommen, ein anderer gelassen. „Genommen“ werden kann nicht meinen, entrückt zu dem Herrn – denn es geht um die Einführung in das Reich in machtvoller Weise. Zwar benutzt der Herr hier nicht den Ausdruck von Vers 39 (wegraffen). Aber durch den Bezug auf seine Ankunft wird deutlich, dass diejenigen, die genommen werden, offensichtlich nicht ins Königreich eingehen. Dasselbe galt für diejenigen, die zur Zeit Noahs genommen wurden und starben. Gelassen wurden damals nur Noah, seine Frau, seine drei Söhne und deren Ehefrauen.

Diejenigen, die „gelassen“ werden, bleiben somit zurück. Sie sind diejenigen, die in den Segen der künftigen Tage eingehen. Noah blieb und wurde nicht gerichtet, seine ungläubigen Zeitgenossen dagegen wurden „genommen“, und zwar im Gericht. So ist es auch in diesen Versen 40 und 41. Es werden Menschen an demselben Ort und in denselben Umständen sein. Einer wird durch Gericht hinweggenommen. Der andere wird gelassen, weil er ein gläubiger Jude ist und daher in den Segen des ewigen Königreichs des Sohnes des Menschen eingeht.

Dass der Herr Jesus hier von alltäglichen Umständen spricht wie dem Feld und dem Mühlstein, soll einfach verdeutlichen, dass es ein plötzliches Gericht ist. Dieses wird die Ungläubigen treffen, wo auch immer sie sich befinden werden. Diese Örtlichkeiten und diese scheinbare Ruhe sind kein Widerspruch zu den in den vorherigen Versen genannten Drangsalen, die es in Israel geben wird. Denn es geht dem Herrn in den Versen 32–44 nicht um bestimmte historische Vorgänge. Es handelt sich um einen Aufruf zur Wachsamkeit für die Jünger (Verse 42–44). Um diese Aufmerksamkeit zu erreichen, verwendet Er für die Juden verständliche alltägliche Umstände, die seine Botschaft verdeutlichen.

Der Herr spricht hier also weder von der Versammlung noch von den damals lebenden Aposteln. Auch von ihnen erlebten praktisch alle Verfolgungen. Wahrscheinlich mussten alle den Märtyrertod erleiden. Aber genau davon spricht Christus an dieser Stelle nicht. Er nimmt vielmehr, wie in Vers 34 und auch in Kapitel 23 zwei Personen bzw. Personengruppen als Repräsentanten für zwei Klassen von Juden: solche, die an den Messias glauben und auf Ihn warten, sowie solche, die sich mit dem Antichristen und damit gegen Gott verbunden haben. Diejenigen Juden, die treu waren, werden dann die Erlösung von diesem ungläubigen Volk erleben. Sie dürfen sich von jetzt an der Segnungen erfreuen, die daraus sogar für die ganze Erde hervorkommen werden (vgl. Jes 65.66.; Dan 10–12).

Verse 42–44: Der Aufruf zur Wachsamkeit

In diesen drei Schlussversen des ersten großen Abschnitts dieser Rede wendet der Herr prophetische Gegebenheiten auf das Verhalten seiner Jünger an. Das ist immer das Ziel biblischer Weissagung. Wenn man diese drei Verse mit dem folgenden Abschnitt vergleicht, könnte man vielleicht geneigt sein, beides miteinander zu verbinden. Denn auch dort geht es um Wachsamkeit. Aber während diese drei Verse von der Wachsamkeit der gläubigen Juden sprechen, kommt ab Vers 45 eine ganze andere Personengruppe vor uns. Beide müssen wachen – aber jeweils in ihrer Zeit und in ihren konkreten Umständen.

Der Teil der prophetischen Endzeitrede des Herrn, der sich mit Israel beschäftigt, endet mit der Befreiung der Gerechten. Sie werden aus der Mitte eines abtrünnigen und ungläubigen Volkes gerettet. Dieser Abschnitt enthält sowohl das Gericht der Selbstsicheren in Israel als auch der Gleichgültigen dieser Welt.

Man hat den Eindruck, dass diese Übergangsverse über die engere Botschaft an Juden ein stückweit hinausgehen. Sie sind eine Anspielung auf eine weitergehende Sphäre als die der Juden in Judäa oder in Israel. Das Ziel ist offenbar eine praktische Warnung an die Gottesfürchtigen auf der Erde, wo und wann auch immer sie leben mögen. Sie sollen sich als Jünger des Herrn „bereit“ halten für die Ankunft des Sohnes des Menschen. Sie sind gewarnt und ermuntert worden. Jetzt werden sie abschließend ermahnt zur Wachsamkeit im Blick auf den kommenden Herrn. Nur so werden sie den Verführern entkommen. Zugleich dürfen sie dann voller Vertrauen vor dem Sohn des Menschen stehen, wenn Er kommen wird. Der Herr wiederholt noch einmal, dass sie den Tag seines Kommens nicht wissen (können). Deshalb sollten sie sich grundsätzlich bereithalten. Wachsamkeit muss mit Ausdauer verbunden sein.

Das Gleichnis vom Dieb

Vers 43 enthält ein Gleichnis. Denn für Gläubige kommt der Herr Jesus nicht im eigentlichen Sinne wie ein Dieb. Das wird an keiner Stelle des Neuen Testaments so gesagt. Ein Dieb kommt nämlich sowohl unerwartet als auch unerwünscht. So kommt der Herr für die ungläubigen Menschen. Sie wollen Ihn nicht und sie rechnen auch nicht mit Ihm. Sie wohnen auf der Erde und suchen ihre Erfüllung auf dieser.

Doch für die gläubigen Juden kommt Christus weder unerwartet noch unerwünscht. Im Gegenteil: Sie werden sein Kommen geradezu herbeisehnen, da es sie aus größten Nöten befreien wird. Und doch kommt Er für sie in einer Hinsicht unerwartet. Sie kennen nämlich den Tag seiner Ankunft nicht genau (obwohl sie auf Ihn warten). Nur das will der Herr seinen Jüngern hier zeigen. Ein Hausherr weiß nie, wann ein Dieb kommt. Er kann in der ersten Nachtwache von 18–21 Uhr kommen, genauso aber auch in der zweiten, der dritten oder erst in der vierten. Daher ist ein Hausherr aufgerufen zu wachen. Er soll dem Dieb keine Möglichkeit lassen, ein unbewachtes Haus vorzufinden. Das ist die Deutung dieses Gleichnisses.

Die Zeit mag für die Jünger sehr lang sein. Dennoch sollen sie wachsam bleiben. Sie sollen immer und dauerhaft auf ihren Herrn, den Sohn des Menschen warten. Nur dann sind sie wirklich bereit für Ihn. Und allein darauf kommt es für sie an.

Außerdem sind diese Worte des Herrn natürlich auch ein Aufruf an ungläubige Menschen, umzukehren und sich zu Ihm, dem Messias Gottes, zu wenden. Denn bis zu seinem Kommen haben auch die ungläubigen Juden noch die Möglichkeit, sich zu ihrem Messias zu bekehren.

Fußnoten

  • 1 Der entsprechende, sehr ähnliche gehaltene Abschnitt im Markusevangelium ist allgemeiner und nicht so speziell jüdisch gehalten. Das unterstützt den Gedanken, diese Worte des Herrn auch auf Christen anzuwenden.
  • 2 Die Historisch-kritische Methode ist eine vor allem im 19. Jahrhundert entwickelte Methode zur Untersuchung besonders biblischer Texte. Mit Hilfe dieser Vorgehensweise soll der Bibeltext in seinem damaligen historischen Kontext verstanden und ausgelegt werden. Zu dieser Methode gehört zu überlegen, welche Teile des Bibelbuchs „echt“ sind, welche dagegen später hinzugefügt werden. Man geht also davon aus, dass der Text nicht wörtlich inspiriert (von Gott eingegeben) worden ist. Viele Verse werden auf diese Weise auf eine rein historische oder lokale Bedeutung reduziert, so dass ihnen die Allgemeingültigkeit genommen wird. Diese Vorgehensweise ist angesichts des vielfachen Hinweises auf die Inspiration des biblischen Textes durch Gott als böse und letztlich als Rebellion gegen Gott abzulehnen (vgl. z.B. 2. Tim 3,16; Mt 5,18; 2. Pet 1,21). Mehrfach wird zudem ausdrücklich davor gewarnt, von dem Wort Gottes irgendetwas wegzunehmen oder ihm hinzuzufügen (vgl. Off 22,18.19; 5. Mo 13,1; usw.). Das heißt nicht, dass es keinen Nutzen dadurch gibt zu bedenken, in was für einer Zeit der jeweilige Schreiber geschrieben bzw. an wen er sich ursprünglich gewendet hat. Aber die Aufnahme in das ewige Wort Gottes bedeutet, dass sowohl die historische als auch die lokale Beschränkung überwunden wird.
  • 3 Es ist sehr auffallend, dass gerade die am meisten angezweifelten Ereignisse und Text im Alten Testament durch Hinweise im Neuen Testament bestätigt werden. Dazu gehört neben den Weissagungen Daniels der redende Esel Bileams und der Fisch, der Jona aufnahm (2. Pet 2,16; Mt 12,40).
  • 4 Wer sich mit diesen Einzelheiten einmal beschäftigen möchte, dem seien detaillierte Bibelauslegungen über das Buch Daniel empfohlen.
  • 5 Wir haben verschiedentlich gesehen, dass der Titel „Sohn des Menschen“ von der Erniedrigung, also den Leiden des Herrn Jesus spricht. Zugleich redet er aber auch von seiner Verherrlichung zur Rechten Gottes und von seiner Herrschaft auf dieser Erde im 1.000-jährigen Friedensreich. Hier steht der letzte Punkt im Vordergrund. In den beiden Kapiteln 24 und 25 kommt dieser Titel genau siebenmal vor und zeigt die vollkommene Herrlichkeit dieser Person, der dann seine ewige Herrschaft auf der Erde antreten wird – über Juden und die Nationen: Kapitel 24,27.30 (2x).37.39.44 und Kapitel 25,31.
  • 6 Auch in Matthäus 2,1.2.9 wird dieses Wort verwendet, wenn vom Morgenland die Rede ist.
  • 7 Dort steht in der Septuaginta, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, das in hebräischer Sprache verfasst worden ist, dasselbe Wort wie hier in Matthäus 24.
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