Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 20

Gott belohnt – in souveräner Gnade (Mt 20)

Im letzten Teil von Kapitel 19 haben wir gelernt, dass der Herr seine Jünger belohnt. Wer um seinetwillen bereit ist, in seinem Leben auf Annehmlichkeiten und Genuss irdischer Segnungen zu verzichten, wird von dem Herrn Jesus reich belohnt werden. Spätestens am Richterstuhl, oftmals auch schon im jetzigen Leben.

Heißt das, dass wir einen Anspruch auf diese Belohnung haben? Diese Frage wird im ersten Teil des 20. Kapitels beantwortet. Im Anschluss daran spricht Jesus zu seinen Jüngern erneut von seinem Leiden, seinem Tod und der Auferstehung. Johannes, Jakobus und ihre Mutter haben das nicht verstanden und kommen auf das Thema der Belohnung zurück, um den höchsten Platz an der Seite des Herrn zu fordern. Das wiederum bringt die anderen Jünger auf den Plan, die diesen Platz selbst am liebsten beanspruchen würden.

Die letzten Verse des 20. Kapitels gehören dann zum nächsten Teil des Matthäusevangeliums. In allen synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) beginnt der Weg ans Kreuz mit der Blindenheilung am Rand von Jericho. Diese stellt noch einmal einen Appell an das Volk dar, seinen Messias anzunehmen. Wir werden diese Verse daher zusammen mit dem 21. Kapitel anschauen.

Verse 1–16: Gott ist souverän, wie und wie viel Er gibt

Wir kommen hier zu dem zweiten Gleichnis vom Königreich der Himmel, das Matthäus im Anschluss an die Reihe in Matthäus 13 erzählt – also zu dem insgesamt achten. In Kapitel 18 hat uns der Herr gezeigt, dass Gnade ein wesentliches Kennzeichen des Christentums ist. Der von neuem geborene Christ hat Gnade geschenkt bekommen. Deshalb soll und wird er auch Gnade weitergeben und denen von Herzen vergeben, die gegen ihn gesündigt haben.

In diesen Versen führt der Herr Jesus dieses Thema fort. Erneut geht es um Gnade. Jetzt aber geht es darum, dass die Jünger im Königreich Empfänger souveräner Gnade sind. Sie haben keinen Anspruch auf Gnade – sonst wäre es keine Gnade. Sie vertrauen ihrem Gott, dass Er ihnen das schenkt, was gut für sie ist. Sie empfinden diese göttliche Gnade tief.

Das „denn“ zu Beginn des 20. Kapitels zeigt an, dass der Herr Jesus jetzt eine weitere Erklärung zu seinem Hinweis auf Belohnung geben möchte, womit Er das vorherige Kapitel abgeschlossen hatte. Es geht noch einmal um Erste und Letzte: Er möchte den Gedanken des Lohns auf ein wichtiges „zweites Standbein“ stellen. Dabei steht nicht der Lohn als solcher im Vordergrund, sondern das Recht und der Anspruch Gottes, nach der Ihm eigenen, souveränen Güte zu handeln. Ein menschlicher Maßstab für sein Handeln ist unangemessen. Gottes Souveränität tritt in den Vordergrund.

Verse 1–7: Das Anstellen der Arbeiter im Weinberg

„Denn das Reich der Himmel ist gleich einem Hausherrn, der frühmorgens ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Nachdem er aber mit den Arbeitern über einen Denar den Tag einig geworden war, sandte er sie in seinen Weinberg. Und als er um die dritte Stunde ausging, sah er andere auf dem Markt müßig stehen; und zu diesen sprach er: Geht auch ihr hin in den Weinberg, und was irgend recht ist, werde ich euch geben. Sie aber gingen hin. Er aber ging um die sechste und die neunte Stunde wieder aus und tat ebenso. Als er aber um die elfte Stunde ausging, fand er andere dastehen und spricht zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig? Sie sagen zu ihm: Weil niemand uns angeworben hat. Er spricht zu ihnen: Geht auch ihr hin in den Weinberg“ (Verse 1–7).

Gleichnisse haben die Eigenart, eine einfache Begebenheit aus dem natürlichen Leben als Grundlage für eine geistliche Belehrung zu benutzen. Dabei geht es nicht darum, jede Einzelheit der Geschichte in geistlicher Weise auszulegen. Gerade dadurch würde man die eigentliche Botschaft des Gleichnisses verkennen, die oftmals nur einen Hauptgedanken verfolgt.

Daher sollte man auch bei diesem Gleichnis nicht versuchen, beispielsweise den Denar zu vergeistlichen. Manche wie Martin Luther haben ihn als ein Symbol des ewigen Lebens oder der Errettung verstehen wollen. Das aber würde bedeuten, dass man sich das ewige Leben und die Errettung doch verdienen kann – ein Gedanke, welcher der Bibel völlig fremd ist. Alles ist Gnade (vgl. Eph 2,8). Andere meinten, dass hier betont wird, dass jeder denselben Lohn erhält. Das ist hier zwar der Fall, aber auch darum geht es in diesem Gleichnis nicht, besonders wenn man bedenkt, dass uns andere Abschnitte des Wortes Gottes das Gegenteil zeigen.

Auch sollte man nicht der Versuchung erliegen, jede einzelne Gruppe von Arbeitern (insgesamt fünf) einer bestimmten Zeitepoche zuzuordnen. Dann käme man zunächst in die Schwierigkeit, fünf Arbeitergruppen erklären zu müssen, von denen später aber nur zwei genannt werden, wenn es um die Belohnung geht. Zudem bleibt es dann nicht aus, spekulative Auslegungen anzubieten, die keine Grundlage in diesem Gleichnis oder anderen Textstellen des Neuen Testaments besitzen.

Was ist die schlichte Geschichte, die der Herr Jesus hier erzählt? Der Chef eines Weinbergs geht frühmorgens auf den Marktplatz, um Arbeiter für seinen Weinberg zu suchen. Er findet einige, mit denen er einen Vertrag abschließt. Sie arbeiten für einen Denar Lohn an diesem Tag in seinem Weinberg.

Später stellt er offenbar fest, dass diese Anzahl von Arbeitern nicht ausreicht, um die vorgesehene Arbeit befriedigend ausführen zu können. Daher geht er erneut auf den Markplatz, wo er um 9 Uhr (dritte Stunde), um 12 Uhr mittags und um 15 Uhr Arbeiter findet, die für diesen Tag noch keine Arbeit gefunden haben. Das „müßig stehen“ ist nicht so zu verstehen, dass diese Menschen faul gewesen waren. Sie hatten einfach noch keine Anstellung gefunden. Im Unterschied zu den Arbeitern frühmorgens, mit denen der Hausherr des Weinbergs einen Vertrag abschloss, verspricht er den Arbeitern, die er später findet, dass er sie angemessen bezahlen würde. Sie vertrauen ihm und arbeiten in seinem Weinberg mit.

Um 17 Uhr geht der Hausherr ein letztes Mal auf den Marktplatz. Offenbar war es damals üblich, 12 Stunden am Tag zu arbeiten. Noch immer gab es Männer, die keine Arbeit gefunden hatten. Vermutlich hatten sie sich darauf eingestellt, an diesem Abend ohne Lohn nach Hause zu gehen. Da erhalten sie die Chance, wenigstens noch eine Stunde zu arbeiten und dafür eine Entlohnung zu erhalten. Ihnen sagt der Hausherr schlicht: „Geht auch ihr hin in den Weinberg.“ Über Lohn wird überhaupt nicht gesprochen, geschweige denn verhandelt.

Verse 8–15: Die Entlohnung der Arbeiter

„Als es aber Abend geworden war, spricht der Herr des Weinbergs zu seinem Verwalter: Rufe die Arbeiter und zahle ihnen den Lohn, anfangend bei den letzten, bis zu den ersten. Und als die um die elfte Stunde Angeworbenen kamen, empfingen sie je einen Denar. Und als die ersten kamen, meinten sie, dass sie mehr empfangen würden; doch empfingen auch sie je einen Denar. Als sie ihn aber empfingen, murrten sie gegen den Hausherrn und sprachen: Diese letzten Arbeiter haben eine Stunde gearbeitet, und du hast sie uns gleichgestellt, die wir die Last des Tages und die Hitze getragen haben. Er aber antwortete und sprach zu einem von ihnen: Freund, ich tue dir nicht unrecht. Bist du nicht über einen Denar mit mir einig geworden? Nimm das Deine und geh hin. Ich will aber diesem letzten geben wie auch dir. Ist es mir nicht erlaubt, mit dem Meinen zu tun, was ich will? Oder blickt dein Auge böse, weil ich gütig bin?“ (Verse 8–15).

Am Abend – also gegen 18 Uhr – befiehlt dann der Herr des Weinbergs, die Arbeiter zu entlohnen. Er fängt mit den letzten an, vielleicht gerade deshalb, um den ersten eine Lektion zu erteilen, die dachten, vergleichweise den höchsten Lohn zu erhalten. Was erwarteten die Arbeiter, die um 17 Uhr mit der Arbeit begonnen hatten? Vermutlich rund 1/12 Denar. Sie wären damit sicher zufrieden gewesen. Sie hatten schlicht dem Herrn vertraut, dass er ihnen einen anständigen Lohn geben würde. Aber man ist erstaunt, dass sie zwölfmal soviel erhalten: Sie bekommen einen ganzen Denar. Soviel bekommen offenbar auch alle anderen, bis hin zu denjenigen, die von frühmorgens an auf dem Weinberg gearbeitet haben.

Unter menschlichen Gesichtspunkten werden wir das ungerecht finden. Denn ist es wirklich gerecht, dass diejenigen, die zwölfmal soviel gearbeitet haben wie die Letzten, trotzdem denselben Lohn erhalten wie die Letzten?

Die erstaunliche Antwort ist: Ja, das ist gerecht. Denn während die Ersten einen Vertrag über ihren Arbeitslohn geschlossen haben – und in diesem haben sie dem Lohn von einem Denar für den Tag zugestimmt –, hatten alle anderen darauf vertraut, dass sie adäquat entlohnt würden. So konnten sich die ersten nicht über ihren Lohn beschweren, denn sie bekamen genau das, was sie vereinbart hatten. Das war recht und gerecht. Und die Arbeiter, die später kamen, konnten zufrieden sein, denn sie hatten ihr Vertrauen zurecht auf den Herrn des Weinbergs gesetzt und keine Vertragsverhandlungen geführt.

Warum ist diese Bezahlweise nun gerecht? Der Arbeitgeber hat das Recht, mit dem Seinen zu tun, was er will. Wenn er Arbeitern mehr gibt, als was recht und billig ist, kann man ihm das zum Vorwurf machen? Das ist nicht ungerecht, sondern Gnade. Ist es nicht vielmehr so, dass wir meinen, gerecht sei nur das, was einem anderen im Blick auf mich und meine Gedanken keinen Vorteil gibt? Können sich Menschen nicht mehr darüber freuen, dass ein Herr anderen ein besonderes Geschenk macht und gütig ist?

Die geistliche Belehrung des Gleichnisses der Arbeiter im Weinberg

Soweit die Erklärung der natürlichen Vorgänge. Was für eine Belehrung aber wollte der Herr seinen Jüngern mit diesem Gleichnis geben? Ich glaube, dass es mehrere Linien gibt, an die wir denken können. Zunächst einmal belehrt der Herr seine Jünger darüber, dass Lohn kein Verdienst ist, sondern reine Gnade darstellt. In Verbindung mit einer der Hauptlinien dieses Evangeliums gibt es jedoch darüber hinaus auch eine dispensationale Erklärung mit der ich beginne.

Das Gesetz Israels – die Gnade für die Nationen

So, wie die ersten Arbeiter einen Vertrag mit dem Hausherrn abgeschlossen haben, war das Volk Israel einen Bund mit Gott durch das Gesetz eingegangen. Es handelte sich um einen zweiseitigen Vertrag, der zwischen diesen beiden Parteien geschlossen worden war. In 2. Mose 19,5.6 lesen wir: „Wenn ihr fleißig auf meine Stimme hören und meinen Bund halten werdet, so sollt ihr mein Eigentum sein aus allen Völkern; denn die ganze Erde ist mein; und ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein“ (vgl. auch 3. Mo 18,5). Daraufhin hatte das Volk Israel geantwortet: „Alles, was der Herr geredet hat, wollen wir tun!“ (Vers 8; vgl. auch 2. Mo 24,3.7). Wer eine gesetzliche Beziehung eingeht, kann nicht erwarten, auf der Grundlage von Gnade beschenkt zu werden. Sein Recht besteht in dem geschlossenen Vertrag.

Diese Auslegung auf das Volk Israel hin wird dadurch bestätigt, dass die Beziehung Gottes zu seinem Volk auch mit einem Weinberg in Verbindung gebracht wird – wie in diesem Gleichnis. In Kapitel 21 werden wir diesen Gedanken erneut finden. Jesaja spricht in Kapitel 5,1–7 davon, dass Gott Israel wie einen Weinberg gepflegt und behandelt hat. Während in dieser Weissagung deutlich wird, dass Israel vollkommen versagt hat und Gott nicht das gegeben hat, was Gott von seinem Volk erwarten konnte, geht es im Gleichnis in Matthäus 20 nicht um das Versagen des Volkes. Dort steht im Vordergrund, dass sich Israel mit einem Vertrag an Gott gebunden hat, und dass Gott dem Volk, wenn es treu wäre, einen Lohn versprochen hat: Leben im Königreich Gottes in Israel.

Gott hatte sich seinem Volk gegenüber aber nicht verpflichtet, ausschließlich Beziehungen mit Israel einzugehen. So hat Er das Recht und die Freiheit, auch mit anderen Menschen eine Beziehung zu beginnen. Das hatte Gott auch im Alten Testament immer wieder getan. Wir finden dort Hiob, der nicht zum Volk Israel gehörte. Wir lesen auch von Nebukadnezar, dem Herrscher des ersten Weltreichs außerhalb von Israel. Daniel sagt von diesem: „Du, o König, du König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, die Macht und die Gewalt und die Ehre gegeben hat; und überall, wo Menschenkinder, Tiere des Feldes und Vögel des Himmels wohnen, hat er sie in deine Hand gegeben und dich zum Herrscher über sie alle gesetzt“ (Dan 2,37.38).

Die souveräne Gnade Gottes wendet sich den Nationen und der Versammlung zu

Gott ist souverän, wen Er als Herrscher einsetzt und wen Er in seinem Dienst benutzt. Er hat sich mit seinem Volk Israel verbunden; später eben mit Nebukadnezar. Noch später, wie wir in unserem Evangelium bereits gesehen haben, hat Er die Nationen zum Segen erwählt (z. B. Mt 13,47–50; 15,32–39). Dann lesen wir von der Versammlung (Mt 16,18; 18,17), die ein ganz neuer Organismus ist, bestehend aus Juden und Heiden, die aus ihrer bisherigen Verwurzelung herausgenommen worden sind, um ein ganz neues Gebilde zu sein.

Ist der Hausherr – ein Bild von Gott selbst – nun daran gebunden, den Nationen und der Versammlung einen geringeren Lohn zu geben als dem Volk Israel, nur weil sich Gott mit diesem früher verbunden hat? Natürlich nicht. Gott ist souverän (vgl. Röm 9,21.22). Er kann sich mit Israel verbinden und zugleich anderen einen noch größeren Segen schenken. Wir wollen dabei nicht aus dem Auge verlieren, dass Gott in all seinem Tun gerecht ist. Schon Abraham gegenüber bestätigt Gott letztlich dessen Worte: „Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“ (1. Mo 18,25). Und auch aus Hebräer 6,10 wissen wir, dass Gott nicht ungerecht ist. Er wird jeden Dienst für Ihn in gerechter Weise belohnen.

Was ist denn dann der Unterschied zwischen der Beziehung Israels zu Gott im Vergleich zu der Beziehung, die wir heute und damit auch die Versammlung zu Ihm hat? Die Antwort finden wir in diesem Gleichnis: Israel ist vertraglich durch das Gesetz, durch den Bund, an Gott gebunden. Die Versammlung dagegen hat mit Gott keinen Bund geschlossen – und Gott auch nicht mit ihr. Sie ist schlicht die Empfängerin der göttlichen Gnade, die Gott den Seinen heute schenkt, „zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, womit er uns begnadigt hat in dem Geliebten“ (Eph 1,6). Wir haben keinen Anspruch, überhaupt keinen. Wir sind allein auf die Gnade Gottes angewiesen. Aber diese hat Er uns in überströmender Weise (Eph 1, 8) entgegengebracht, als wir noch tot waren (vgl. Eph 2,1.4.5).

Und die Gnade Gottes ist größer als der Bund Gottes. Dieser ist nämlich auf Bedingungen begrenzt. Gnade dagegen ist unbegrenzt. Sie trägt den Charakter des Wesens Gottes selbst, der unbegrenzbar ist. Daher konnte Gott Nebukadnezar ein größeres Reich geben als Salomo. Deshalb schenkt Gott seiner Versammlung „jede geistliche Segnung in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“ (Eph 1,3). So belohnt Gott das Vertrauen, das bedingungslos seiner Güte und Gnade entgegengebracht wird. Das kann nicht ungerecht sein, weil Gott sonst aufhören würde, Gott zu sein.

Die Letzten bekommen besondere Gnade geschenkt

Diesen Gedanken finden wir auch beim sogenannten verlorenen Sohn in Lukas 15. Er kehrt mit einem Sündenbekenntnis zurück und vertraut sich der Gnade und Barmherzigkeit seines Vaters an. Ist seine Freude nicht viel größer als die seines Bruders, der die ganze Zeit bei seinem Vater geblieben war, aber statt Freude Zorn empfindet? Hatte dieser nicht die ganze Zeit die Gemeinschaft seines Vaters genießen können (wenn er es denn gewollt und genutzt hätte)? So werden die am wenigsten favorisierten Menschen, die nur eine Stunde bei dem Herrn arbeiten konnten, zu den bevorrechtigtesten. Die Versammlung ist erst viele hundert Jahre nach dem Volk Israel in Erscheinung getreten. Das Volk konnte die Güte Gottes viel länger genießen. Dass sie es nicht getan haben, ist wahr. Aber sie hätten die Freigebigkeit Gottes lange genießen können. Die Versammlung kam viel später hier auf der Erde hinzu. Ihr gegenüber hat Gott in Christus seine ganze Gnade offenbart.

Wir finden in der Geschichte nach Pfingsten noch einmal, dass das Wort Gottes zuerst zum Volk Israel gepredigt wurde (Apg 2,29). Auch später verweist Paulus in Apostelgeschichte 13,46.47 auf diesen Umstand. Aber die Juden wollten den ganzen Ratschluss Gott nicht hören, sondern lehnten diesen ab. Genau das ist bis heute der Grund, dass das Volk Israel zürnt, wie wir es von den Arbeitern im Gleichnis sehen. In Apostelgeschichte 22,21.22 und 1. Thessalonicher 2,14 ff. lesen wir, dass der Neid darüber, dass sich Gott an die Nationen gewandt hat, der Grund für den Hass der Juden gegen Paulus war. Es ist der Grund bis heute, dass das Volk Israel im Unglauben verharrt.

Wenn wir diese Vergleiche zwischen Israel und den Nationen ziehen, wundern wir uns nicht, dass nur Matthäus unter der Leitung des Geistes Gottes dieses Gleichnis in seinen Bericht aufgenommen hat. Es passt genau zu der Botschaft, die er in seinem Buch zu verkündigen hat: Israel wird beiseite gesetzt, und der Segen kommt zu den Nationen; genau genommen zu der Versammlung, die aus Gläubigen besteht, die aus Israel und den Nationen entstammen. Der Herr betont in diesem Gleichnis somit die Souveränität der Gnade Gottes, die wirken kann, wie Er und zu wem Er es möchte.

Die Belohnung von Dienern ist das Ergebnis reiner Gnade

Damit bin ich bei der persönlichen Belehrung dieses Abschnittes für Jünger des Herrn, die zweifellos an erster Stelle in der Belehrungslinie des Herrn steht. Natürlich stellt der Herr nicht buchstäblich in der Weise Diener an, wie wir es in diesem Gleichnis finden. Der Herr hat jedem von uns eine Begabung und eine Aufgabe geschenkt. Somit ist jeder sein Diener.

In unserem Abschnitt liegt nun eine wichtige Lektion darin, zu verstehen, dass der Herr niemandem etwas schuldig ist. Haben wir vielleicht schon einmal gemeint, Er müsse uns doch für einen bestimmten Tag der Treue oder eine konkrete Tat des Gehorsams belohnen? Dann lernen wir hier, dass ein solcher Gedanke zu einer gesetzlichen Haltung gehört. Tatsächlich belohnt der Herr Treue. Aber wer meint, der Herr wäre uns etwas schuldig, befindet sich auf den Spuren von Petrus. Wir verdienen nichts – und doch bekommen wir alles geschenkt!

Wir sollen aus diesem Gleichnis auch lernen, dass wir nicht für Lohn arbeiten. Wir arbeiten für unseren Herrn. Er ist Motiv und Ziel, Grundlage und Herr. Wir sind natürlich auch keine Diener, die gegen Lohn wären. Wir sind Diener aus Liebe, eine Antwort auf seine Hingabe für uns. Das darf kein Diener aus den Augen verlieren. Aber das heißt nicht, dass der Lohn uns nicht motivieren und erfreuen darf. Denn Gott zeigt uns, dass Er uns belohnen will.

Es geht in diesen Versen im Übrigen nicht darum, das der Herr die Arbeit der ersten Arbeiter gering schätzte und die Arbeit der letzten herausragend fand. Der Herr wird – dessen dürfen wir sicher sein – keine Arbeit unterbewerten. Aber Er schätzt besonders den bedingungslosen, vertrauensvollen Glauben. Und den sehen wir bei der letzten Gruppe der Arbeiter ganz besonders hervorscheinen. Denn der Glaube und die Liebe als die Triebfedern zu einem Dienst sind für Ihn sehr wertvoll, nicht nur die eigentliche Arbeit, die getan wird.

Wichtig ist für uns, dass wir aufhören, uns mit anderen Dienern zu vergleichen und möglicherweise auch die Belohnung aneinander zu messen. Jeder Diener ist seinem Herrn ganz persönlich verantwortlich und hat keinen Anlass, auf andere Diener zu sehen. Darüber hinaus wollen wir es unserem Herrn überlassen, unsere Arbeit zu beurteilen. Wir sollten nicht den Lohn mit unseren Augen fixieren, auch wenn wir wissen, dass der Herr in derselben Gnade und nach seiner Gerechtigkeit niemand übersehen wird.

Wir sind beeindruckt, dass der Herr diese Selbstbezogenheit von Petrus in Kapitel 19,28 nicht rügt, sondern ihm einen großen Lohn vorstellt. Dennoch kann man nicht übersehen, dass die ersten 16 Verse von Kapitel 20 eine direkte und ergänzende Antwort des Herrn an seinen Jünger sind.1 Petrus hatte den Herrn darauf hingewiesen, dass er und die anderen Jünger doch sehr viel in der Nachfolge aufgegeben hätten. Der Herr macht dann deutlich, dass Er das, was um seinetwillen getan wird, wirklich belohnen wird. Aber jetzt Er fügt hinzu, dass niemand von sich aus einen echten Anspruch auf Lohn hat.

Petrus wird sich später noch einmal an diese Belehrung des Herrn zurückerinnert haben. Er und die anderen elf Jünger waren von Anfang an durch den Herrn berufen worden. Paulus war viel später erst „dazu gekommen“. „Am Letzten aber von allen, gleichsam der unzeitigen Geburt, erschien er [der auferstandene Christus] auch mir. Denn ich bin der geringste der Apostel, der ich nicht wert bin, ein Apostel genannt zu werden, weil ich die Versammlung Gottes verfolgt habe. Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin; und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen“ (1. Kor 15,8–10). Paulus war einer der „Letzten“. Aber der Herr hatte ihm in seiner Gnade eine größere Aufgabe gegeben und sicherlich auch den größten Lohn.

Die richtige Haltung für Diener

Was für eine Haltung sollten wir als Diener einnehmen? „So auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Lk 17,10). Ein Diener hat keine Ansprüche. Was er tut, ist seine Pflicht. Was er nicht tut, ist seine Schuld!

Wir wollen nicht den Lohn als Motiv nehmen, sondern den Herrn Jesus. Wer auf gesetzliche Weise dient, wird letztlich nicht glücklich werden. Das sehen wir bei den Arbeitern in diesem Gleichnis. Wir sehen es auch heute. Dabei brauchen wir uns nicht zu schämen, Belohnung als Ermutigung zu sehen: „Ihr wisst, dass ihr vom Herrn die Vergeltung des Erbes empfangen werden; ihr dient dem Herrn Christus“ (Kol 3,24). Ihm mit ganzem Herzen zu dienen ist alles andere als ein gesetzlicher Dienst. Wir wissen, dass der Lohn am Richterstuhl des Christus (vgl. 2. Kor 5,10) und im 1.000-jährigen Reich in Verbindung mit dem Offenbarwerden (vgl. 2. Thes 1,7) hier auf der Erde geschenkt werden wird.

Gott belohnt gerne. Aber Er tut es auf der Basis reiner Gnade! Belohnung ist aus seiner Sicht immer eine Ermunterung für solche, die aus höheren Beweggründen den Weg Gottes betreten haben und dadurch Leiden und Trübsalen ausgesetzt sind. Wenn wir das verstehen, sind wir auch in der Lage, uns über Lohn (schon heute) zu freuen, der einem Mitbruder oder einer Mitschwester geschenkt wird. Dann neiden wir niemand die Begabung – auch ein Geschenk des souveränen Gottes – oder die Belohnung, sondern freuen uns mit ihnen. Das kannten damals weder Petrus noch die anderen Jünger. Das werden wir im Verlauf dieses Kapitels noch deutlich sehen. Aber darin sind sie letztlich nur ein Spiegelbild unseres eigenen Verhaltens. Wie wenig gönnen wir oft unseren Mitgeschwistern ...

Wir werden also durch dieses Gleichnis davor gewarnt, den Lohn fleischlich zu missbrauchen. Noch einmal: Dieses Gleichnis will uns aber nicht lehren, dass jeder Diener denselben Lohn erhalten wird – hier einen Denar. Aus anderen Stellen wissen wir, dass jeder das als Lohn erhalten wird, was seiner Treue im Leben und Dienst für Christus entspricht (vgl. Lk 19,17.19). Das wird auch durch andere Stellen wie 2. Korinther 5,10 und 1. Korinther 3,14.15 bestätigt.

Vers 16: Die Schlussfolgerung des Herrn: Erste werden Letzte sein.

„So werden die Letzten Erste und die Ersten Letzte sein. Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte“ (Vers 16).

Der Herr Jesus zieht am Ende des Gleichnisses noch eine Schlussfolgerung. So, wie die letzten Diener im Verhältnis viel höher belohnt worden sind als die ersten, ist es auch im Königreich der Himmel: Die Letzten werden Erste sein und die Ersten Letzte. Jesus wählt hier die umgekehrte Reihenfolge von Kapitel 19,30. Man fragt sich unwillkürlich: Warum?

In Kapitel 19,30 stehen die Verantwortung und damit auch das Versagen von uns Menschen im Vordergrund. Viele Erste: Das sind diejenigen Diener, die vor den Augen der Menschen handeln. Das sind solche Menschen, die in den Augen der Menschen vornehm sind oder sein wollen. Sie müssen lernen, dass sie in der Reihenfolge Gottes hinten anstehen müssen.

Hier in Kapitel 20 spricht der Herr dagegen von der Reihenfolge in den Augen des souveränen Gottes. Für ihn sind diejenigen, die eigentlich an der letzten Stelle stehen, die Ersten. Sie bedient und belohnt Er in besonderer Weise. War das nicht auch wahr bei dem Räuber, der neben dem Herrn am Kreuz hing (vgl. Lk 23,42.43)? „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“, sagte der sterbende Retter ihm. So wurde ihm gewissermaßen ein erster Platz gegeben. Wir müssen lernen, die Maßstäbe Gottes an unser Leben und den Dienst anzulegen. „Gott aber kennt eure Herzen; denn was unter Menschen hoch ist, ist ein Gräuel vor Gott“ (Lk 16,15).

Ganz zum Schluss lesen wir dann noch: „Denn viele sind Berufene, wenige aber Auserwählte.“ Dieser Satz kommt auch noch in Kapitel 22,14 vor. Dort bezieht sich der Herr auf die Auserwählung zur Herrlichkeit, zur Errettung. Das ist in Kapitel 20 nicht der Fall. Hier bezieht er sich auf die Berufung zum Dienst und auf Belohnung. Man muss schon in den Dienst des Herrn berufen werden – auch diejenigen, die der Herr in der elften Stunde fand, hatten diese Berufung nötig.

Heute dürfen wir sagen, dass jeder Gläubige eine Berufung in den Dienst hat: „Je nachdem jeder eine Gnadengabe empfangen hat, dient einander damit als gute Verwalter der mannigfaltigen Gnade Gottes“ (1. Pet 4,10). In diesem Sinn sind die wenigen Auserwählten diejenigen, die sich allein auf die Gnade Gottes stützen.

In anderer Hinsicht mögen sie ein Hinweis auf die eher wenigen sein, die in den Händen des Herrn auserwählte Gefäße sind, die eine besondere Aufgabe im Weinberg des Herrn bekommen. Paulus gehörte dazu, auch Petrus und Johannes und noch wenige andere, vergleichbar mit den Helden Davids seinerzeit (vgl. 1. Chr 11,10).

Wir freuen uns, wenn wir auch heute solche Diener des Herrn erleben, die Er in außergewöhnlicher Weise als Evangelisten, Hirten und Lehrer in seinem Werk verwendet. Wir schauen dann nicht mit einem bösen Auge auf sie oder Gott, weil Er nicht uns dafür ausersehen hat. Wir freuen uns, dass Er alles zum Wohl der Menschen und seiner Versammlung tut. Seine Güte ist vollkommen – sie bedeutet unser persönliches und gemeinsames Glück, wenn wir Ihm vertrauen.

Jeder dagegen, der sich und seinen Dienst für besonders wichtig nimmt (im Vergleich zu anderen), beweist, dass er den Herrn Jesus gar nicht wirklich kennt. Er mag berufen sein – aber in diesem Sinn nicht auserwählt. Der Herr kann den Dienst eines solchen nicht anerkennen und annehmen. Wer sich und seinen Lohn in den Mittelpunkt seines Handelns stellt, ist Seiner nicht würdig. Paulus dagegen ging es darum, dem Herrn in seinem Dienst wohlgefällig zu sein (vgl. 2. Kor 5,9; 1. Kor 4,3–5). Er stellte sich selbst ganz in das Licht Gottes (vgl. 1. Kor 9,27).

Verse 17–19: Die fünfte Ankündigung des Todes und der Auferstehung des Herrn

„Und als Jesus nach Jerusalem hinaufging, nahm er die zwölf Jünger für sich allein zu sich und sprach auf dem Weg zu ihnen: Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden; und sie werden ihn zum Tod verurteilen und werden ihn den Nationen überliefern, damit sie ihn verspotten und geißeln und kreuzigen; und am dritten Tag wird er auferstehen“ (Verse 17–19).

Matthäus berichtet uns im Anschluss an das Gleichnis davon, dass der Herr Jesus noch einmal zu den Jüngern von seinem Tod und seiner Auferstehung spricht. Wenn der Herr Jesus zu den Jüngern von der Herrlichkeit und Lohn für Arbeit sprechen kann, dann nur, weil Er sich selbst auf dem Weg an das Kreuz befand. Das ist die Grundlage auch für jede Belohnung.

Zum letzten Mal verlässt Er vor seiner Kreuzigung die Gegend von Galiläa. Dort hatte Er in besonderer Weise zugunsten der Armen im Volk Gottes gewirkt. Dieser Segen würde jetzt ein Ende nehmen. Das hatten sich diese Menschen selbst zuzuschreiben. Denn sie waren es, die den Herrn der Herrlichkeit nicht annahmen, sondern regelrecht vertrieben.

Die Ausleger sprechen im Blick auf diese Verse von einer dritten, vierten oder sogar fünften Ankündigung. Man kann sogar von sechs Hinweisen sprechen, wenn man Kapitel 12 mit einbezieht. Das hängt davon ab, ob man jeden Hinweis auf seinen Tod als eigenständige Ankündigung rechnet oder nur die ausführlichen Hinweise:

Die Ankündigungen der Leiden, des Todes und der Auferstehung des Herrn Jesus

  1. 12,40: Der Herr Jesus sagt den Pharisäern und Schriftgelehrten in einer etwas geheimnisvollen Weise, dass Er wie Jona, der drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein würde – also der Gestorbene wäre.
  2. 16,21: Der Herr Jesus weist darauf hin, dass Er vonseiten der Vornehmen in Israel verfolgt und getötet werden, aber am dritten Tag auferstehen würde.
  3. 17,9: Hier finden wir den kurzen Hinweis, dass Er als der Sohn des Menschen aus den Toten auferstehen werde – also zuvor sterben müsse.
  4. 17,12: Wie Johannes der Täufer („Elia“) verfolgt wurde, müsse auch der Sohn des Menschen von den Juden leiden.
  5. 17,22.23: Der Herr Jesus kündigt an, dass Er als der Sohn des Menschen in die Hände von Menschen überliefert werden, getötet, aber auch am dritten Tag auferstehen würde. Hier findet sich der erste Hinweis auf die direkte Schuld der Menschen am Tod des Herrn.
  6. 20,17–19: Die Ausführlichkeit der Hinweise nimmt zu. Zunächst war es ein Vers, dann zwei Verse, jetzt sind es schon drei längere Verse, in denen der Herr Jesus seine Jünger auf seinen Tod und seine Auferstehung vorbereitet.
  7. 26,2: Unmittelbar vor den endgültigen Leiden weist der Herr Jesus seine Jünger ein letztes Mal darauf hin, dass Er als Sohn des Menschen überliefert wird, um gekreuzigt zu werden. Jetzt würde das Vorbild des Passah seine Erfüllung finden.

Das Hinaufgehen des Herrn im Matthäusevangelium

Bevor wir weiter auf die Einzelheiten dieser Ankündigung kommen, möchte ich noch auf das „Hinaufgehen“ des Herrn hinweisen. Schon in Verbindung mit Kapitel 4,1 haben wir gesehen, dass der Weg des Messias „hinaufging“. Dort wurde der Herr von Satan in die Wüste hinaufgeführt. An sieben Stellen in diesem Evangelium lesen wir jedoch, dass der Herr selbst hinaufging bzw. -stieg:

  1. 3,16: „Als Jesus aber getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf.“
    Der Herr Jesus erniedrigte sich und wurde Mensch. Gott erhöhte Ihn vor den Augen der Menschen.
  2. 5,1: „Als er aber die Volksmengen sah, stieg er auf den Berg.“
    Der Herr Jesus hatte auf dieser Erde immer den Platz moralischer Höhe. Seine Predigt macht das ganz deutlich.
  3. 14,23: „Und als er die Volksmengen entlassen hatte, stieg er auf den Berg für sich allein, um zu beten.“
    Der demütige Mensch, der sich anderen in seinem ganzen Leben zur Verfügung stellte, war zugleich der Erhabene – gerade, wenn Er zu seinem Vater betete.
  4. 14,32: „Und als sie in das Schiff [hinauf]gestiegen waren, legte sich der Wind.“
    Wenn der Herr Jesus einmal aus den Wellen der Stürme für Israel hervorkommen wird, kommt Rettung für sein Volk. Denn Er hat diese Stürme am tiefsten Platz, den es gibt – am Fluchholz – über sich selbst ergehen lassen müssen.
  5. 15,29: „Und als er auf den Berg gestiegen war, setzte er sich dort. Und große Volksmengen kamen zu ihm.“
    Dann wird Er auch aus der Höhe seiner Macht zum Segen der Volksmengen im 1.000-jährigen Reich tätig sein.
  6. 20,17: „Und als Jesus nach Jerusalem hinaufging ...“
    Zuvor war es aber nötig, dass Christus nach Jerusalem hinaufging. Immer höher, auch wenn es der tiefste Platz in seinem Leben sein sollte.
  7. 20,18: „Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und der Sohn des Menschen wird den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert werden.“
    Dieser Platz der Leiden des Herrn, ausgehend von Jerusalem, steht im Zentrum der Gedanken Gottes. Daher finden wir diese „Erhöhung“ des Herrn, wie sie von Gott beurteilt wird, aber gleichzeitig diese Erniedrigung in den Augen der Menschen, gleich zweimal erwähnt.

Der Herr sucht das Mitempfinden seiner Jünger über seine eigenen Leiden

Um diesen Höhepunkt der Leiden des Herrn geht es also in Matthäus 20. Jesus sieht sich hier in Vers 17 bereits auf seiner letzten Wegstrecke nach Jerusalem – obwohl der eigentliche Weg erst beginnend mit Vers 29 beschrieben wird.

Der Herr Jesus möchte allein mit denen über seinen Leidensweg sprechen, die mit Ihm ausgeharrt haben (vgl. Lk 22,28). Ihm liegt daran, dass die Seinen nicht überrascht sind, wenn Er zu Tode gebracht werden würde. Er kannte die Überlegungen seiner Jünger, dass sie – wie vorher auch Johannes der Täufer – darauf vertrauten, dass sich das Blatt noch wenden und Christus das Königreich in Herrlichkeit einläuten würde.

Zum ersten Mal differenziert der Herr hier zwischen den Juden und den Nationen. Je näher das Ende kommt, um so klarer offenbart der Herr, was passieren würde. Er wusste von Anfang an, was auf Ihn zukommen würde. Daher spricht Er auch nicht nur einmal von seinen Leiden. Sein Geist hatte den Propheten schon diese Leiden in die Feder diktiert (vgl. 1. Pet 1,11). Aber je näher das Kreuz kam, umso mehr weihte Er seine Jünger in das ein, was Ihm bevorstand. Sie sollten nicht durch die Ereignisse schockiert werden.

Die Juden – in gewisser Hinsicht das ganze Volk – haben den Herrn den Hohenpriestern und Schriftgelehrten überliefert. Genau genommen war es einer der 12 Jünger, Judas Iskariot, der diese furchtbare Tat auf sein Gewissen lud (vgl. Mt 26,48). Die Priester wiederum waren die besondere Klasse, die Gott zum Segen seines Volkes eingesetzt hatte. Genau diese hohen Menschen verbündeten sich nun gegen Gott und seinen Christus. Sie verurteilten den Herrn der Herrlichkeit zum Tod und überlieferten Ihn zur Ausführung dieses Gerichts den heidnischen Obrigkeiten um Pilatus und den Soldaten.

Es ist auffallend, wie der Herr Jesus gerade im Hinblick auf seine Leiden immer wieder von sich als dem Sohn des Menschen spricht. Er wird nicht nur als der Messias abgelehnt. Diese Ablehnung steht sicher im Vordergrund. Aber Er wird vonseiten seines Volkes in jeder Hinsicht abgelehnt, auch in seiner Eigenschaft als Sohn Abrahams, der zum Segen für die ganze Welt gekommen ist. Zudem verbindet dieser Titel, wie wir vorher schon gesehen haben (vgl. die Erklärungen zu Matthäus 16,13), die Erniedrigung und die Verwerfung Jesu mit seiner Erhöhung, die auf die Leiden folgt.

Nicht nur Judas und die Juden im Allgemeinen, nicht nur die Hohenpriester hatten ihre Hand bei dem Mord an Jesus im Spiel. Der Herr Jesus spricht hier zum ersten Mal ausdrücklich von der Verantwortung der Nationen. Diese würden die Verwerfung des Herrn vervollständigen, indem sie Ihn seelisch als auch körperlich misshandeln würden: sie würden Ihn verspotten und Ihn geißeln, also mit einer mit Haken versehenen Peitsche schlagen, und dann auch kreuzigen. Schon im Alten Testament finden wir prophetische Hinweise auf die Taten der Nationen an dem Herrn Jesus: „Denn Hunde haben mich umgeben, eine Rotte von Übeltätern hat mich umzingelt. Sie haben meine Hände und meine Füße durchgraben“ (Ps 22,17). Hunde waren unreine Tiere, die als Synonym für die gottlosen Heiden stehen.

Kreuzigen

Vermutlich überlesen wir im Allgemeinen das Wort „kreuzigen“. Denn uns ist die Tatsache, dass Jesus gekreuzigt wurde, sehr geläufig. Der Herr hatte zu seinen Jüngern bereits zweimal davon gesprochen, dass derjenige ein echter Jünger ist, der „sein Kreuz aufnimmt“ und Ihm nachfolgt. Das war, wie wir gesehen haben, ein Hinweis auf eine bekannte Vorgehensweise bei einer Kreuzigung.

An dieser Stelle möchte ich jedoch vor allem darauf hinweisen, dass der Kreuzestod an keiner Stelle im Alten Testament vorgesehen ist. Wir kennen den bekannten Hinweis auf das Fluchholz in 5. Mose 21,22.23: „Und wenn an einem Mann eine todeswürdige Sünde ist, und er wird getötet, und du hängst ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn jedenfalls an demselben Tag begraben; denn ein Fluch Gottes ist ein Gehängter.“ In Galater 3,13 verweist Paulus auf diesen Fluch, den Christus getragen hat, als Er am Kreuz hing.

Der Unterschied von 5. Mose 21 zu der Kreuzigung des Herrn ist jedoch wichtig: Die Vorschrift des Gesetzes besagte, dass ein zum Tode Verurteilter, an dem das Gericht zum Beispiel durch Steinigung vollzogen worden war, danach als eine Warnung und zu seiner Schande als Gestorbener an ein Holz gehängt werden konnte. Der Herr jedoch ist lebend an das Kreuz gehängt worden, um durch die Kreuzigung zu Tode zu kommen (wobei Er selbst sein Leben in den Tod gab).

Das ist der gleiche Unterschied, den wir auch in anderem Zusammenhang finden: Die Opfer des Alten Testaments wurden erst geschlachtet und kamen dann auf den Altar. Christus kam auf den Altar Gottes – das ist das Kreuz – in lebendem Zustand. Dort opferte Er sich seinem Gott; und der Höhepunkt dieser Hingabe ist der Tod, den Er freiwillig am Kreuz auf sich genommen, geschmeckt hat (Heb 2,9).

Wir erkennen also, dass die Hinrichtung des Herrn noch schmachvoller und noch brutaler, grausamer war als das, was Gott im Alten Testament beschrieben hat. Aus der Geschichte wissen wir von der Kreuzigung erst ab dem sogenannten Frühjudentum, unter Antiochus Epiphanes (das ist nach dem Tod von Nehemia und Maleachi). Antiochus Epiphanes hat diese Todesart offenbar als Terrormaßnahme gegen die Juden eingesetzt, die ihre Söhne gegen das Verbot des Königs beschneiden ließen. Auch die aus dem Makkabäeraufstand hervorgegangene jüdische Dynastie der Hasmonäer griff zu diesem extremen Mittel der Bestrafung. Es waren dann besonders die Römer, welche die Kreuzigung als Strafinstrument einsetzten.

Der Herr Jesus weist seine Jünger also darauf hin, dass Er diese von den Heiden erdachte und danach ins Judentum eingeführte grausame Hinrichtungsmethode erdulden würde. Und zwar, nachdem Er durch Geißelung und Verspotten schon Schmach und Leiden würde erduldet haben. Nur Matthäus spricht davon, weil dieser Kreuzestod ein besonderer Anstoß für die Juden war. Nach 1. Korinther 1,23 ist dann die Predigt dieses Kreuzes für die Juden anstößig geworden. Denn wie sollten sie akzeptieren, dass sie ihren eigenen Messias ans Kreuz gebracht hatten?

Dass Er danach aus den Toten auferstehen würde, hatte der Herr auch schon in Matthäus 16 und 17 dreimal bezeugt. Und zwar am dritten Tag, wie Er es zuvor schon den Schriftgelehrten und Pharisäern in Verbindung mit dem Zeichen Jonas (vgl. Mt 12,40) geheimnisvoll angedeutet hatte.

Das Unverständnis der Jünger

Aus den Folgeversen entnehmen wir, dass die Jünger dem Herrn Jesus gar nicht richtig zugehört haben. Diese Verse und besonders Lukas 22,22.24 zeigen uns, was der Grund dafür war: Während der Herr von seinem schmachvollen Tod, von seiner größten Erniedrigung sprach, gab es für die Jünger aus ihrer Sicht Wichtigeres zu diskutieren: wer von ihnen der Größte war, wer von ihnen den erhabensten Platz im Königreich würde einnehmen können. Wir haben keinen Anlass, auf die Jünger herabzublicken. Wie oft hören wir dem Herrn und seinem geschriebenen Wort nicht zu, obwohl Er eine so klare Sprache spricht. Unser Egoismus führt dazu, dass wir in erster Linie an uns selbst denken und kein Mitempfinden für Ihn aufbringen.

Die Botschaft des Herrn an seine Jünger war klar: Es warteten Erniedrigung, Selbstverleugnung, Schmach auf Ihn selbst – aber damit auch auf seine Jünger. Das ist nichts, was angenehm ist. Ob auch wir deshalb so wenig zuhören? Dabei ist diese Botschaft bis in unsere heutigen Tage so wichtig. Denn auch heute noch sind wir mit dem verworfenen Christus verbunden.

Die Jünger befanden sich in einem Zustand der Furcht und des Entsetzens (vgl. Mk 10,32). Sie waren nicht einmal in der Lage, diese Worte und Dinge richtig zu verstehen. Diese Botschaft blieb vor ihnen verborgen (vgl. Lk 18,34), weil sie nur an sich und wenig an den Herrn und seine Leiden dachten. Im Unterschied dazu wusste der Herr von Anfang an, was Ihm bevorstand. Aber Er war bereit, das alles um seiner Jünger willen (und auch um unsertwillen) auf sich zu nehmen.

Verse 20–23: Johannes und Jakobus denken an Erhöhung – der Herr an Erniedrigung

„Dann trat die Mutter der Söhne des Zebedäus mit ihren Söhnen zu ihm und warf sich nieder und wollte etwas von ihm erbitten. Er aber sprach zu ihr: Was willst du? Sie sagt zu ihm: Sprich, dass diese meine zwei Söhne einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitzen sollen in deinem Reich. Jesus aber antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, was ihr erbittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde? Sie sagen zu ihm: Wir können es. Er spricht zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und zur Linken, das steht nicht bei mir zu vergeben, sondern ist für die, denen es von meinem Vater bereitet ist“ (Verse 20–23).

Man ist ziemlich erstaunt, auf einmal von der Mutter von Johannes und Jakobus zu lesen. Sie wird auf interessante Weise eingeführt. Sie wird weder mit ihrem eigenen Namen genannt, noch wird sie als Mutter von Johannes und Jakobus bezeichnet. Der Geist Gottes nennt sie hier die „Mutter der Söhne des Zebedäus“. Deutet das nicht an, dass hier keine Glaubensfrau vor uns kommt, wiewohl sie vermutlich eine gläubige Frau war, sondern eine Frau, der es um die Ehre für sich, ihren Mann Zebedäus und ihre Kinder geht? Es geht um natürliche Beziehungen, die sie nutzen will, um vor den Augen der Welt eine machtvolle Stellung für ihre Familie zu sichern.

Es ist nie gut, wenn verwandtschaftliche Beziehungen mit den Gedanken des Königreichs oder der Versammlung vermischt werden. Wann immer solche Verbindungen in den Vordergrund kommen, ist große Vorsicht angesagt. Wenn es um Versammlungsentscheidungen geht oder wenn das Thema des Dienstes von Gläubigen angesprochen wird, sollten verwandtschaftliche Beziehungen keine Rolle spielen. Anders gesagt: In diesen Fällen sollten Verwandte sehr zurückhaltend sein bzw. sich ganz aus der (öffentlichen) Diskussion zurückziehen.

Die Mutter der beiden Jünger – vermutlich durch die Söhne auch noch angestachelt zu ihrem Ehrgeiz für diese (vgl. Mk 10,35) – kommt in einer Weise, wie wir sie bei einem Souverän eines Königreichs kennen. Sie wirft sich vor dem Herrn Jesus mit einer Geste der Huldigung nieder. Sie tut das aber nicht, um Ihm zu huldigen. Ihre Geste hat ein ehrgeiziges Ziel. Und das Ziel besteht darin, dass ihre Söhne den höchsten Platz inmitten des künftigen Königreichs haben sollen, wenn dieses in Macht und Herrlichkeit aufgerichtet sein wird. Man ist erstaunt, dass sie zwar zunächst in einer Haltung des Bittens kommt, dann aber in Wirklichkeit nicht einmal darum bittet oder wenigstens danach fragt. Sie fordert Christus direkt auf, diesen Platz an ihre Söhne zu vergeben. Auch wir stehen in Gefahr, einfach um äußerlicher Gesten willen zu meinen, der Herr müsste uns erhören. In dieser Begebenheit sehen wir, dass dies nicht der Fall ist.

Kein Tag großer Dinge

Der Herr Jesus hat sofort erkannt, dass sich Ihm diese Frau nicht einfach zu Füßen niederwerfen möchte. Daher fragt Er sie danach, was sie (wirklich) will. Denn Er möchte nicht, dass sie denkt, Er falle auf eine solche untertänige Geste herein. Diese Frau und ihre Söhne hatten vergessen, dass der Herr jetzt gekommen war, um in Demut den Ratschluss Gottes zu erfüllen. Jetzt war nicht der Tag großer Dinge (vgl. Jer 45,5), nach denen ein Jünger ohnehin nicht streben soll. Gott hasst Hochmut und das Streben nach großen Dingen. Petrus zeugt davon in seinem Brief (1. Pet 5,5) und zitiert Salomo (Spr 3,34). Auch Jesaja wusste von dieser Wahrheit Gottes zu berichten: „Der Herr der Heerscharen hat es beschlossen, um den Stolz jeder Pracht zu entweihen, um alle Vornehmen der Erde verächtlich zu machen“ (Jes 23,9).

Wir wollen auch bedenken, dass wir die sogenannte Größe vor Menschen nicht in die Ewigkeit mitnehmen können: „Fürchte dich nicht, wenn ein Mann sich bereichert, wenn sich die Herrlichkeit seines Hauses vergrößert. Denn wenn er stirbt, nimmt er das alles nicht mit; nicht folgt ihm hinab seine Herrlichkeit“ (Ps 49,17.18). Der Herr Jesus kann hier als Vorbild sprechen. Er selbst hatte nicht nach hohen Dingen gestrebt. Er war als Mensch in Erniedrigung gekommen.

Der Herr Jesus erkennt, dass dieser Wunsch, hoch hinaus zu wollen, nicht allein bei der Frau vorhanden war, sondern in gleicher Weise bei den beiden Jüngern Johannes und Jakobus, ihren Söhnen. So wendet Er sich in seiner Antwort an alle drei. „Jesus aber antwortete und sprach: Ihr wisst nicht, was ihr erbittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde?“

Der Herr sprach von Erniedrigung – die Jünger dachten an Verherrlichung

Der Herr hatte soeben von seinem Tod gesprochen. Die Jünger dachten dagegen nur – vielleicht in Verbindung mit den Worten des Herrn aus Matthäus 19,28 – an die Zeit äußerer Herrlichkeit. Jesus muss sie jetzt noch einmal an das, was Ihm bevorstand, erinnern. Und das waren Leiden und Tod. Wenn Er hier jedoch von dem Kelch spricht, den Er trinken würde, dann meint Er seine Leiden nicht in allgemeiner Form. Es geht Ihm um die Leiden seines Kreuzes. Denn davon hatte Er auf dem Weg nach Jerusalem gesprochen. Konnten sie diesen Weg gehen? Die Antwort ist klar: Nein, dazu waren sie nicht in der Lage. Sie bewiesen es dadurch, dass sie alle kurze Zeit später aus Angst flohen, als ihr Meister gefangengenommen wurde.

Außer Christus war „vor dem Kreuz“ niemand in der Lage, diese Leiden zu erdulden. Es stand eben jetzt nicht die Verherrlichung an, sondern es war ein Tag der Leiden. Für die Jünger galt und gilt dasselbe, was auch auf uns heute zutrifft: „Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,12). Das hatten Johannes und Jakobus noch nicht verstanden. So kommen sie zu einer erstaunlichen Antwort: „Sie sagen zu ihm: Wir können es.“ Sie wissen nicht, was sie da sagen. Sie kannten sich selbst nicht. Das mussten sie einige Zeit später lernen, denn wir lesen: „Da verließen ihn die Jünger alle und flohen“ (Mt 26,56).

Nicht nur Petrus litt unter Selbstüberschätzung, sondern auch diese beiden Jünger. Es ist ohnehin erstaunlich, dass niemand an den „ersten“ der Jünger, an Petrus dachte. Vielleicht glichen Johannes und Jakobus mit ihrer Mutter in diesem Sinn kleinen Kindern, die alles daran setzen, etwas als erster zu bekommen – in der Meinung, dann hätte man es den anderen weggeschnappt.

Wenn wir uns über die hohe Meinung der Jünger über sich selbst wundern, sind wir noch mehr erstaunt, wenn wir die Antwort des Herrn lesen: „Er spricht zu ihnen: Meinen Kelch werdet ihr zwar trinken, aber das Sitzen zu meiner Rechten und zur Linken, das steht nicht bei mir zu vergeben, sondern ist für die, denen es von meinem Vater bereitet ist.“

Wie in Kapitel 19,28 hören wir auch jetzt von Ihm keinen Tadel. Im Gegenteil, Er adelt seine Jünger, indem Er ihnen zugesteht, dass sie seinen Kelch trinken würden. Er spricht nicht nur davon, dass sie es könnten, sondern macht sogar klar, dass sie es tun würden. Wir verstehen sofort, dass Er nicht meint, dass sie jetzt auf einmal in der Lage wären, doch zusammen mit Ihm die Leiden des Kreuzes zu erdulden. Aber nach seinem Erlösungswerk wären sie tatsächlich in der Lage, durch das Geschenk des neuen Lebens, den Blick auf den verherrlichten Sohn des Menschen und den in ihnen wohnenden Heiligen Geist sogar Märtyrerleiden zu erdulden. Auch sie würden vonseiten der Menschen leiden. Der Herr erklärt das an dieser Stelle nicht weiter. Aber es ist klar, dass sie auch dann nicht in der Lage wären, den Kelch der Leiden bis in den Tod in eigener Anstrengung zu trinken. Göttliche Gnade würde sie dazu später befähigen, wie wir es bei Stephanus sehen (Apg 7,59).

Seinen Kelch trinken

In einem allgemeinen Sinn trifft das auf uns alle zu. Petrus zeigt uns das in seinem Brief: „Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt“ (1. Pet 2,21). So dürfen wir den Kelch Jesu trinken und die „Gemeinschaft seiner Leiden“ erleben (vgl. Phil 3,10). Auch wenn dies immer ein schwerer Weg ist, so sind diese Leiden, wenn man sie aus der Hand des Herrn annehmen kann, wie Er sie aus der Hand seines Vaters nahm, letztlich ein Geschenk von oben.

Für Paulus gab es ganz besondere Leiden, die seine Gemeinschaft des Kelches des Herrn ausdrückten: „Jetzt freue ich mich in den Leiden für euch und ergänze in meinem Fleisch das, was noch fehlt an den Drangsalen des Christus für seinen Leib, das ist die Versammlung“ (Kol 1,24). Seine Leiden im Hinblick auf den einen Leib, die Versammlung, stellten Drangsale des Christus dar, die der Meister nicht erleiden konnte, weil die Versammlung erst nach dessen Verherrlichung gebildet wurde. Was für eine Adelung der Leiden von Paulus!

Man kann nicht annehmen, dass Johannes und Jakobus an dieser Stelle überhaupt das Thema Leiden überdacht hatten. Sicher hofften sie nicht auf weitere Leiden. Aber für sie sollte ihre Bitte eine ganz konkrete Konsequenz haben. Jakobus wurde zum ersten Märtyrer der Apostel (Apg 12,2). Johannes sollte der (vermutlich) letzte Märtyrer der Apostel werden. Wir finden weder in der Bibel eine Aussage über den Tod von Johannes, noch gibt es ein eindeutiges außerbiblisches Zeugnis über seinen Heimgang. In Offenbarung 1,9 sehen wir aber, dass er als Zeuge, das heißt als Märtyrer (denn das ist die Übersetzung dieses Wortes) auf der Insel Patmos gefangen war.

Während Jakobus besonders von außen, von Ungläubigen, litt (und von Herodes umgebracht wurde), sehen wir bei Johannes, dass er besonders von innen – innerhalb der Christen – angegriffen wurde. Wir lesen von Diotrephes, der Johannes und die Seinen nicht annahm, weil er der Erste sein wollte in der Versammlung (3. Joh 9) (- genau das, was Johannes und Jakobus hier nach Matthäus 20 für sich beanspruchten.) Im 2. Johannesbrief lesen wir davon, dass Verführer in die Welt ausgegangen waren – offenbar ebenfalls aus der Mitte der Versammlung (Vers 7). Hinzu kamen bei Johannes die Drangsale von außen, die vermutlich unter der Herrschaft von Domitian über ihn kamen. So sehen wir, wie diese beiden Jünger tatsächlich den Kelch des Herrn getrunken haben.

Der Herr beanspruchte das Königreich nicht für sich

Damit ist der Herr aber noch nicht am Ende mit seinen Jüngern. Noch einmal erstrahlt die vollkommene Demut unsers Herrn. Seine Selbstverleugnung ging so weit, dass Er zwar Leiden weitergeben konnte, nicht aber die Macht für sich in Anspruch nahm, über Plätze in seinem Reich in Macht und Herrlichkeit zu verfügen. Er selbst nahm dieses Königreich aus den Händen seines Vaters an, wie es in Psalm 8 und Daniel 7 vorhergesagt worden war. Er verfügte über nichts auf dieser Erde, so dass Er auch keinen Ehrenplatz an Jünger zu verteilen hatte. Er gibt seinem Vater alle Ehre.

Heißt das, dass der Herr kein Recht hatte, über diese Plätze der Herrlichkeit zu verfügen? Das zu sagen wäre Blasphemie. Er ist Gott, gepriesen in Ewigkeit. Er besaß jedes Recht – auch über diese Plätze. Aber Er hat sich seiner (äußeren) Herrlichkeit entäußert, um ganz Diener und Mensch zu sein. So gewaltig ist seine frei gewählte Erniedrigung, dass Er „alles verkaufte“ und „sich selbst hingab“, um Gott zu verherrlichen. Er hatte nur das eine Ziel, den Vater in allem zu verherrlichen. Der Herr wollte den Platz der Herrlichkeit nicht vergeben. Aber Er hatte jetzt etwas moralisch Größeres für seine Jünger zu geben: den Platz an seiner Seite als der Leidende. Die höchste Ehre, die wir heute haben können, ist an seiner Seite als Leidende zu stehen: für und mit Christus.

Hier haben wir vermutlich den einzigen Fall, bei dem der Herr Jesus die Bitte von Müttern nicht erfüllen konnte. Wann immer es um den Segen für Kinder ging, war Er für die Bitten der Eltern und besonders der Mütter aufgeschlossen. Hier ging es jedoch nicht einfach um Segen, sondern um einen Platz der Ehre vor den Augen von Menschen. Und da konnte Er nicht auf das Herz einer Mutter Rücksicht nehmen, das selbst von Egoismus geprägt war.

Während diese Frau und die beiden Jünger für sich beanspruchten, was irgend sie sich aneignen konnten, gab der Herr der Herrlichkeit alles in die Hände seines Vaters. Selbst seine eigene Verherrlichung sieht Er als ein Geschenk seines Vaters an. Ob wir Ihm darin nachfolgen werden in dem kleinen Bereich, in den Er uns gestellt hat? Wir bewundern die vollkommene Selbstverleugnung des Herrn. Er möchte aber nicht, dass wir bei der Bewunderung stehen bleiben. Er stellt uns damit ein weiteres, wichtiges Kennzeichen des Königreichs der Himmel vor: Der Jünger verleugnet sich selbst.

Verse 24–28: Statt Neid soll den Jünger Dienstbereitschaft kennzeichnen

„Und als die Zehn es hörten, wurden sie unwillig über die zwei Brüder. Als Jesus sie aber herzugerufen hatte, sprach er: Ihr wisst, dass die Fürsten der Nationen diese beherrschen und die Großen Gewalt über sie ausüben. Unter euch soll es nicht so sein; sondern wer irgend unter euch groß werden will, soll euer Diener sein; und wer irgend unter euch der Erste sein will, soll euer Knecht sein – so wie der Sohn des Menschen nicht gekommen ist, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Verse 24–28).

Das Gespräch zwischen Johannes und Jakobus auf der einen Seite und dem Herrn auf der anderen Seite ruft die anderen Jünger auf den Plan. Sie sind unwillig geworden über die beiden Kollegen. Warum eigentlich? Dürfen wir annehmen, dass Petrus als der Erste der Jünger traurig darüber war, wie seine beiden Mitjünger überhaupt nicht verstanden haben, was den Herrn innerlich bewegte, als Er von seinem Tod und seinen Leiden sprach? War er entrüstet darüber, wie man so wenig Einfühlungsvermögen in die Situation des Herrn haben konnte?

Wir müssen leider sagen: Das Gegenteil ist der Fall. Petrus und die anderen Jünger sind neidisch auf ihre beiden Kollegen! Diese sind ihnen zuvorgekommen. Am liebsten hätten nämlich die anderen zehn diesen Ehrenplatz an der Seite des Herrn gehabt, wobei wir gar nicht wissen, ob es solch einen Ehrenplatz überhaupt geben wird. Möglicherweise befindet sich der Thron des Herrn in der Mitte der übrigen zwölf Throne, so dass jeder Apostel gleichweit von Ihm entfernt sein wird.

Jedenfalls neiden die zehn Jünger den beiden Mitjüngern Johannes und Jakobus diesen Ehrenplatz. Das können wir der späteren Diskussion der Jünger entnehmen. In Lukas 22,24 lesen wir sogar davon, dass sie sich angesichts des Todes des Herrn nicht schämten, darüber zu verhandeln, wer von ihnen der Größte sei. Solch kritische Reaktionen offenbaren oftmals das Herz derjenigen, die Kritik üben. Denn ihre Kritik ist nicht selten durch das getrieben, was sie für sich selbst wünschen. Ob wir so anders sind als die Jünger? Tatsächlich richten wir uns selbst, wenn wir andere richten. Das hat Jesus schon in der Bergpredigt in Matthäus 7,1.2 deutlich gemacht. Wie oft klagen wir unseren Bruder an wegen einer Sache, die wir selbst tun (wollten). Wie strahlt angesichts des Egoismus der Jünger die Selbstlosigkeit unseres Retters hervor, wenn wir diese Verse lesen!

Jesus wendet sich an das Gewissen seiner Jünger. Sie hatten aus der Begebenheit, als der Herr Jesus ein Kind in ihre Mitte gestellt hat, nichts gelernt. Jetzt hatten sie wohl untereinander gesprochen, ohne dass der Herr direkt dabei gewesen war. Er ruft sie herzu und zeigt ihnen, dass ihre Pläne denen der Herrscher der Nationen gleichen. Sie handelten, wie die Menschen dieser Welt handeln. Das waren ungläubige Menschen, die nicht an Gott glaubten und kein Interesse am Königreich der Himmel hatten. Dieses jedoch trägt grundsätzlich andere Kennzeichen als alle Königreiche dieser Welt. In der Welt ist es üblich, dass Menschen andere beherrschen und dass die Großen Gewalt über die Geringeren ausüben. Das kennen wir bis heute so.

Keine Herrscher im Königreich der Himmel

Im Königreich des Herrn dagegen soll es niemanden geben, der einen anderen beherrscht. Das mussten die Jünger noch lernen. Und es ist zu befürchten, dass auch wir diese Lektion noch nicht gelernt haben. In 2. Korinther 11,13 spricht Paulus von falschen Aposteln, die über andere herrschen wollen. In Vers 20 ergänzt er, dass es auch bei den Korinthern noch ein Knechten gab vonseiten solcher, die sich über andere erhoben. An Diotrephes haben wir schon gedacht. So kann es auch heute manche geben, die eine Gesinnung der Herrschsucht haben. Dem Herrn ist das zuwider!

Er lehnt nicht ab, dass man groß sein möchte. Aber Ihm ging es um wahre Größe. Er selbst ist der Größte gewesen, der je auf dieser Erde gelebt haben wird. Und doch war Er der demütigste Mann, den diese Erde je gesehen hat. So soll derjenige, der unter den Jüngern wirklich groß sein möchte, von sich aus eine Gesinnung eines Knechts einnehmen. Das passt zu der allgemeinen Belehrung, die wir immer wieder in der Schrift finden, dass der Weg zur Herrlichkeit (Größe) ein Weg ist, der durch Leiden führt.

„Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,12). Paulus war sogar von Herzen bereit dazu, die Gemeinschaft der Leiden des Herrn kennenzulernen, indem er seinem Tod gleichgestaltet würde – also auch im Blick auf den Märtyrertod. Der Weg des Herrn nach Philipper 2,5–8 ging über die größte Erniedrigung, die diese Erde je gesehen hat, zu der höchsten Herrlichkeit, die es für einen Menschen geben kann (Verse 9.10). Da sich niemand so sehr erniedrigt hat wie Er, wird auch niemand so hoch erhöht werden wie Er. Dieser Gesinnung der Demut sollten die Jünger nachfolgen. Auch wir dürfen uns das zum Vorbild nehmen.

Es ist auffallend, dass der Herr in Vers 26 ein anderes Wort für Diener verwendet als in Vers 27. In Vers 26 geht es mehr um die Tätigkeit des Dienstes, in Vers 27 um die Abhängigkeit von einem Herrn. Beides soll für uns wahr sein. Einerseits sollen wir wirklich tätige Diener im Reich Gottes sein. Andererseits sollen wir aber unsere Mitgeschwister als solche ansehen, denen wir uns von Herzen unterordnen, indem wir uns als ihre Knechte ansehen.

Christus als Vorbild für Jünger

In dem letzten Vers dieses Abschnittes zeigt sich der Herr Jesus dann als Vorbild für uns. „So wie“ sagt Er dort. Und wenn von Ihm die Rede ist als Diener, wird der Ausdruck verwendet, der in Vers 26 steht. Der Titel „Knecht“ (gr. doulos) wird kein einziges Mal auf den Herrn Jesus bezogen. Es heißt in Philipper 2,7 zwar, dass Er die Gestalt eines „Knechtes“ (gr. doulos) annahm – aber Er war nie Knecht – wohl aber Diener. Er tat das freiwillig und war nie in diesem Sinn „versklavt“. Bei Ihm stand immer die Tätigkeit des Dienstes im Vordergrund. Er konnte sich nicht von Menschen abhängig machen. Er hat sich seinem himmlischen Vater untergeordnet, nie jedoch von Menschen abhängig gemacht.

Was für einen Dienst jedoch hat der Herr hier auf der Erde ausgeführt! Als der Sohn des Menschen war Er nicht gekommen, um bedient zu werden. Er wollte nicht herrschen, sondern dienen. Er hätte das Recht gehabt zu herrschen. Aber dieses Recht hat Er für sich nicht in Anspruch genommen. Stattdessen hat Er gedient, von der ersten Minute seines Lebens an bis zur letzten. Dazu war Er gekommen. Als der Sohn des Menschen wird Er nach Psalm 8 einmal in großer Macht herrschen. Aber Er wollte sein Volk und die Menschen retten. Daher kam Er, um zu dienen. Sein Dienst gipfelte darin, dass Er sein Leben als Lösegeld für viel in den Tod gegeben hat.

So wird der Herr Jesus erneut das Vorbild für alle, die seine Jünger sein wollen. Im Unterschied zum Herrn besitzen wir in uns überhaupt keine Rechte vor Gott. Dennoch meinen wir oft, dass ein wenig Ehre für uns abfallen sollte. Wir wollen von unserem Herrn lernen, dessen ganzes Leben wahrer Dienst war.

Abgesehen von diesem Vorbildcharakter finden wir an dieser Stelle einen Hinweis auf die sühnenden Leiden. Darin ist der Herr uns kein Vorbild, denn nur Er konnte diese Sühnung bewirken. Aber das Erwähnen dieser Wirkung seines Werkes ist besonders. Davon lesen wir sonst nur sehr selten in den Evangelien. Vielleicht ist das Wort unseres Herrn in Verbindung mit der Einführung des Gedächtnismahls eine ähnliche Anspielung auf seinen Sühnungstod: „Dies ist mein Blut, das des neuen Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). Sonst finden wir eigentlich nur noch Andeutungen im Johannesevangelium, welche die Tragweite des Werkes des Herrn beschreiben.

Christus – das Lösegeld

Ich möchte versuchen, eine Erklärung dieses inhaltsreichen Satzes zu geben. Der Herr Jesus würde sein Leben als Lösegeld geben. Das weist auf ein Sühnungsmittel in Bezug auf die Sünden hin, welche wir Menschen getan haben. Er hat für uns Menschen das Lösegeld bezahlt, damit wir aus der Sklaverei der Sünde und Satans befreit werden konnten. Damit hat Er den Schuldpreis bezahlt, der nötig war, weil die Sünde zwischen dem Menschen und Gott stand. Denn Gott muss jeden Menschen verurteilen und richten, weil der Mensch ein Sünder ist und Gott jeden Menschen für die von diesem begangenen Sünden bestrafen muss: mit dem ewigen Tod, mit der Hölle.2

Wer aber zum Herrn Jesus kommt und seinen Tod am Kreuz von Golgatha als Rettungsmittel im Glauben annimmt (vgl. Joh 3,16), für den hat der Herr Jesus die Strafe der Sünden stellvertretend auf sich genommen. Für den hat Er sein Leben als Lösegeld gegeben.

Wir lesen hier, dass Er sein Leben als Lösegeld gab für viele – nicht für alle. Nur für diejenigen, die Ihn als Retter annehmen und Gott ihre Sünden bekennen, hat der Herr Jesus diesen Preis, dieses Lösegeld, bezahlt. Alle anderen bleiben unversöhnt und werden als Strafe für ihre Sünden die Hölle in alle Ewigkeit erleiden müssen. Daher kommt hier in Matthäus 20,28 und auch in Markus 10,45 der Gedanke der Stellvertretung vor uns. Der Herr Jesus hat sein Leben stellvertretend für uns gegeben, für diejenigen, die an Ihn glauben würden.

In diesem Zusammenhang muss man einen Vergleich mit dem Gedanken ziehen, der in 1. Timotheus 2,6 steht: „Christus Jesus, der sich selbst gab als Lösegeld für alle.“ Das ist kein Widerspruch zu Matthäus 20. In 1. Timotheus 2 wird in der deutschen Sprache dieselbe Präposition verwendet: „für“. Im Grundtext stehen jedoch zwei verschiedene Worte. In Matthäus 20 und in Markus 10 wird ein Verhältniswort benutzt, das man auch mit „anstelle von“ übersetzen kann. Daher der Gedanke der Stellvertretung. Paulus dagegen verwendet ein Wort, das man auch mit „im Hinblick auf“ übersetzen kann. Der Herr Jesus hat sein Leben im Hinblick auf alle Menschen gegeben. Denn sein Werk am Kreuz von Golgatha reicht aus für jeden Menschen. „Gott will, dass alle Menschen errettet werden“ (1. Tim 2,4). So wendet sich Gott durch das Werk Jesu Christi an alle Menschen – kein einziger wird ausgenommen. Die Botschaft erschallt allen Menschen, da das Werk des Herrn für alle Menschen ausreicht. Aber nicht alle sind bereit, Ihn als Retter anzunehmen. Nur für diejenigen, die Ihn so annehmen, hat Er auch stellvertretend sein Leben gelassen.

Zu was für einer gedanklichen Höhe kommt der Herr hier angesichts der Unwilligkeit und des Neids der Jünger. Wir staunen immer wieder, wie sich der Herr von dem Versagen der Jünger nicht die Freude nehmen lässt, ihnen die gewaltige Größe seines Werkes anzukündigen.

Fußnoten

  • 1 Es ist auch wahr, dass dieses Gleichnis die Pharisäer charakterisiert. Sie bildeten sich enorm viel auf ihre hohe, theologische Stellung ein. Sie meinten, sie hätten den größten Anspruch auf eine hohe Belohnung vonseiten Gottes. Der Herr muss ihnen hier zeigen, dass es andere gibt, die im Gegensatz zu ihnen allein auf seine Gnade ihr Vertrauen setzten. Diese würden nicht enttäuscht werden.
  • 2 Schon beim Gleichnis vom Schatz im Acker (Mt 13,44) ging es um das Lösegeld, das der Herr für uns bezahlt hat. Dort habe ich bereits darauf hingewiesen, dass die Frage, an wen der Kaufpreis bezahlt wurde, nicht erörtert wird. Sie ist fehl am Platz. Denn der Herr Jesus bezahlt diesen Preis nicht an jemand, der ihn sozusagen in die Hände nimmt, sondern Er erfüllt die gerechten Forderungen Gottes im Blick auf die Sünde, die den Tod und göttliches Gericht erfordert. Durch den Hinweis auf ein „Lösegeld“ soll einfach verdeutlicht werden, dass es den Herrn Jesus etwas gekostet hat, diese Forderungen Gottes zu erfüllen: seinen Tod. Er musste diesen Preis bezahlen, damit Gott Menschen vergeben kann. Damit keine Missverständnisse aufkommen, möchte ich betonen, dass der Herr nie etwas „von“ Satan gekauft oder irgendeinen Kaufpreis an den Teufel bezahlt hat. Satan besaß die Macht des Todes (Heb 2,14), und um ihm diese zu nehmen, musste Christus sterben. Aber an keiner Stelle ist die Rede davon, dass unser Retter Satan etwas bezahlt hätte. Das ist ein vollkommen abwegiger Gedanke!
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