Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 19

Das Geistliche des Königreichs hebt die Schöpfungsordnung nicht auf (Mt 19)

In Kapitel 18 haben wir gesehen, dass das Königreich und die Versammlung zwar unterschieden werden, es aber dennoch Verbindungslinien zwischen beiden Bereichen gibt. So ist es auch in den Briefen des Neuen Testaments. Immer dann, wenn die Versammlung unter dem Blickwinkel der menschlichen Verantwortung gesehen wird, kommt die Belehrung über das Königreich ins Blickfeld. Im 19. Kapitel werden wir jetzt lernen, dass es in gleicher Weise Verbindungen zwischen dem Königreich und der Schöpfungsordnung Gottes gibt.

Der Herr Jesus hat etwas auf die Erde „gebracht“, das höher ist als die erste Schöpfung – nämlich eine neue Schöpfung. Aber damit hebt Er die erste Schöpfung nicht auf. Es ist sogar so, dass der wahre Wert der ersten Schöpfung erst gesehen werden kann, wenn man Teil der neuen Schöpfung ist. Diese entwertet die erste Schöpfung nicht, sondern stellt sie an den ihr zukommenden Platz.

Darüber hinaus finden wir im 19. Kapitel vier weitere Kennzeichen des Königreichs, in das der Herr Jesus seine Jünger und damit auch uns eingeführt hat. Ich habe diese Kennzeichen schon am Anfang des 18. Kapitels genannt. Es geht um die Gesinnung, die dem Reich der Himmel angemessen ist. Parallel dazu werden die Grundsätze offenbart, welche die menschliche Natur antreiben.

Mit den Belehrungen in Matthäus 19 überspringt der Evangelist eine Reihe von Ereignissen aus dem Leben unseres Herrn, die wir in Johannes 7–10 und in Lukas 10–18 mitgeteilt bekommen. Jeder Evangelist folgt der Linie, die der Geist Gottes in dem jeweiligen Evangelium aufzeigen will.

Verse 1.2: Ein letzter Abschied von Galiläa

„Und es geschah, als Jesus diese Reden vollendet hatte, begab er sich weg von Galiläa und kam in das Gebiet von Judäa, jenseits des Jordan. Und große Volksmengen folgten ihm, und er heilte sie dort.“ (Verse 1–2).

Wir haben gesehen, dass Matthäus in Kapitel 18 die vierte große Rede des Herrn in diesem Evangelium niedergeschrieben hat. In Kapitel 19 finden wir nun noch einmal bestätigt, dass er öfters verschiedene Begebenheiten zusammenfasst, um seine Botschaft über das Königreich zu vervollständigen. Es waren vermutlich unterschiedliche Reden, die er hier zu einer einzigen zusammenführt.

Der Herr Jesus verlässt zum letzten Mal vor seiner Kreuzigung Galiläa, dieses Gebiet, in dem Er am meisten gearbeitet hat und wo Er die längste Zeit seines Lebens gewohnt hat. Damit ist seine Verwerfung in diesem Bereich des Landes Israel endgültig. Er kommt in das Gebiet von Judäa, jenseits des Jordan. Wir erkennen daraus, dass sein Weg in Richtung Jerusalem geht, das in Judäa lag. Zugleich aber zeigt der Hinweis darauf, dass der Herr jenseits des Jordan war – also auf der Wüstenseite dieses Flusses – dass Er eine Botschaft aussprechen wollte, die nicht allein das Königreich zum Gegenstand hatte. Außerhalb der Grenzen sprach Er jetzt über einige wichtige Aspekte der Schöpfung:

  1. die Ehe, die Gott im Garten Eden gestiftet hat (1. Mo 2)
  2. die Familie, die zwar erst nach dem Sündenfall entstanden ist, aber auch zu dem Bereich der ersten Schöpfung gehört (1. Mo 4)
  3. der natürliche Mensch, wie Gott ihn geschaffen hat (1. Mo 1)

Der Herr zeigt diese drei Bereiche in ihrer Schönheit, wie sie in der natürlichen (nicht gefallenen), ersten Schöpfung zu finden sind:

  1. Die Schönheit der Liebe der ehelichen Verbindung, wo zwei Menschen zu einem werden.
  2. Die Schönheit der Offenheit und Lieblichkeit, des Vertrauens und des äußerlich Unverdorbenen kleiner Kinder, bei denen man die Sünde noch nicht so zum Vorschein kommen sieht.
  3. Die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit des natürlichen Menschen, die auch heute noch in Menschen zu sehen ist.

Dem steht aber gegenüber, dass in 1. Mose 3 der Sündenfall stattgefunden hat, so dass diese drei herrlichen Beweise göttlicher Schöpfung in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Deshalb erforscht der Herr den Zustand des menschlichen Herzens. Dieser hängt nicht vom Charakter des Menschen in seiner Schönheit aus der ersten Schöpfung ab, sondern von den Motiven, die den Menschen leiten.

  1. Die Herzenshärte der Menschen, die dazu geführt hat, dass Ehen geschieden werden. Diese Gesinnung finden wir besonders bei den Pharisäern.
  2. Die Verachtung der Kinder in den Herzen von Menschen, wie sie bei den Jüngern zum Vorschein kommt.
  3. Die Begierde des gefallenen Menschen, die seine Aufrichtigkeit überlagert.

Die neue Schöpfung überwindet das Problem der Sünde. In unserem Abschnitt wird allerdings nicht der Weg des Überwindens aufgezeigt – der Tod des Herrn Jesus, mit dem wir einsgemacht worden sind. Der Herr stellt nur das Ergebnis dar. Dabei übergeht Er die Zeit und die Stellung des Gesetzes, um zum Ursprung zurückzukehren und die göttliche Kraft zu zeigen, die in der neuen Schöpfung wirkt:

  1. Die Ehe eines Gläubigen, der zur neuen Schöpfung gehört, ist unauflöslich für die Erde und überwindet alle Schwierigkeiten.
  2. Jedes Kind ist Ihm willkommen, und auch dem, der zu Ihm gehört. Das Verachtete wird angenommen und gesegnet.
  3. Der irdische Besitz, der in Israel von großer Bedeutung war, weil er ein Beweis des Segens des Volkes Israel war, wird von solchen, die zur neuen Schöpfung gehören, gerne um des Herrn willen abgegeben. Für einen Gläubigen zählt Christus, und Er allein. Das ist die Folge der himmlischen Stellung der Gläubigen heute und ein neues Beispiel dafür, dass der Haushaltungswechsel in diesem Evangelium vorgestellt wird.

Zusammenhang der Bereiche des Königreichs und der Schöpfung

Wir sehen also in diesen Abschnitten, wie der Bereich der Schöpfung und der des Königreichs, der sich in der genannten Gesinnung der einzelnen Beteiligten widerspiegelt, miteinander verbunden werden. Königreich und Schöpfung werden unterschieden, können aber nicht voneinander getrennt werden. Christen leben in beiden Bereichen. Zugleich muss man bedenken, dass der Herr Jesus auch in diesem Kapitel vom Königreich im Licht dessen spricht (Vers 12.14.23), was bereits ab Kapitel 13 damit verbunden wird: Es ist ein Bereich, in dem der Herr Jesus wenigstens äußerlich als Herr anerkannt wird, wobei Er der vom Volk Israel und ganz grundsätzlich der von den Menschen Verworfene ist. Es geht hier nicht um das Reich im Sinne der ersten zwölf Kapitel, wo von der äußerlich sichtbaren Aufrichtung des Reiches die Rede war, die unmittelbar bevorstand, wenn das Volk seinen Messias annehmen würde.

Darüber hinaus lernen wir, dass die Gnade und die Herrlichkeit, die der Herr Jesus uns geschenkt hat, und die viel größer ist als alles, was die Gläubigen des Alten Testaments kannten, die natürlichen Beziehungen nicht aufhebt oder zur Seite stellt. Im Gegenteil. Sie bestätigen diese und stärken sie sogar noch, auch wenn dieses natürliche Band nur für diese Erde gilt. Allerdings werden diese Beziehungen wieder auf die ursprünglich von Gott gegebenen Charakterzüge zurückgeführt und von den menschlichen Zusätzen gereinigt, wie sie im Judentum eingeführt und gepflegt wurden. Wie angedeutet zeigen die Gnade und Herrlichkeit den Wert dieser Beziehungen, wie er vorher nicht bekannt gewesen ist. Deshalb finden wir im Neuen Testament gerade in den Briefen, welche die höchste Seite der Stellung der Gläubigen verkünden – im Epheser- und Kolosserbrief – den Bezug zu den natürlichsten Dingen in unserem Leben: Ehe, Familie, Beruf. Je höher die Gnade, umso stärker wird die Verantwortung, in den Dingen der ersten Schöpfung treu zu sein.

Bevor der Herr uns über diese Punkte belehren kann, zeigt uns der Text noch einmal, dass Er als Messias trotz der Ablehnung durch die Obersten und weite Teile des Volkes große Volksmengen anzog, die Ihm folgten. Wir wissen nicht, ob sie an dem Herrn oder an seinem Wunderwirken interessiert waren. Der Herr jedenfalls steht seinem Volk noch immer zur Verfügung. Er heilte erneut die erkrankten und von Dämonen belasteten Menschen. Wir werden an Apostelgeschichte 10,38 erinnert: „Jesus, den von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohl tuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm.“

Verse 3–12: Das Königreich hebt die Ehebeziehung nicht auf, sondern stärkt sie

Verse 3–6: Die Ehe in den Augen Gottes

„Und die Pharisäer kamen zu ihm, versuchten ihn und sprachen: Ist es einem Mann erlaubt, aus jeder Ursache seine Frau zu entlassen? Er aber antwortete und sprach: Habt ihr nicht gelesen, dass der, der sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Frau machte und sprach: ‚Deswegen wird ein Mann den Vater und die Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein.‘? Also sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Verse 36).

Erneut suchen die Pharisäer eine Gelegenheit, Jesus zu versuchen. Sie nehmen ihre Angriffe wieder auf, denn sie lassen keine Möglichkeit dazu aus, obwohl sie eigentlich inzwischen hätten wissen müssen, dass Christus ihnen nicht nur intellektuell, sondern in jeder Hinsicht überlegen war. Er war vollkommen – in moralischer, in theologischer und in praktischer Hinsicht. Sie dagegen waren egoistisch, ungerecht und heuchlerisch. Auch jetzt misslang ihnen ihr Anliegen, weil sie es wagten, sich auf der Grundlage menschlicher, weltlicher Weisheit mit göttlicher Weisheit zu messen.

Hier bieten sie dem Herrn eine Gelegenheit, die ursprünglichen, göttlichen Gedanken zu entfalten, die Gott im Herzen hatte, als Er dem Menschen bestimmte Einrichtungen geschenkt hat. Seit Kapitel 16,5 hatten wir von diesen Menschen nichts mehr gehört. Man fragt sich, wie sie überhaupt auf dieses Thema kamen. Vermutlich waren sie Ohrenzeugen der Bergpredigt (Mt 5,31), die zeitlich ja deutlich später als im Matthäusevangelium berichtet stattgefunden hat. Dort hatte sich der Herr schon einmal zum Thema „Ehe“ und „Ehescheidung“ geäußert.

Hier geht es nun um die Einrichtung der Ehe; genau genommen um die Frage, ob eine Ehe geschieden werden darf. In der damaligen Zeit, in der Frauen eine untergeordnete Stellung einnahmen, ging es besonders um das Entlassen von Frauen. „Ist es einem Mann erlaubt, aus jeder Ursache seine Frau zu entlassen?“, war ihre herausfordernde Frage.

Hierbei ist zu bedenken, dass es in der damaligen Zeit zwei große Strömungen mit widerstreitenden Meinungen unter den Rabbinern gab. Auf der einen Seite stand Hillel mit seiner Schule, der die Entlassung einer Frau bei nahezu jedem Grund für akzeptabel hielt. Bekanntestes und immer wieder angeführtes Beispiel ist, dass ein Mann seine Frau entlassen konnte, weil sie das Essen hatte anbrennen lassen. Gegenüber dieser liberalen Schule stand der konservative Schammai mit seiner Schule, der nur einen Grund für die Entlassung einer Frau akzeptieren wollte: wenn diese Ehebruch bzw. Unzucht (Hurerei) begangen hatte.

Die Pharisäer kamen, um den Herrn zu versuchen. Sie wollten Ihn ein weiteres Mal in eine Falle locken. Ob sie daher versuchten, Jesus an eine der beiden „Schulmeinungen“ zu binden, um Ihm widersprechen zu können, wie Ausleger gedacht haben? Sie wussten, dass der Herr der überragende Lehrer in Israel war, dem niemand an Einsicht und Klarheit nahe kam. Ihr Ansinnen blieb gleichwohl, Ihn in eine Außenseiterposition zu bringen. Sie handelten als Politiker, die eine Koalition gegen Jesus schmieden wollten. Vielleicht hofften sie, dass die Antwort des Herrn zugunsten einer der beiden genannten Schulen ausfallen würde, so dass dann sichergestellt war, dass es genügend Gegner dieser Auffassung gab, die dem Herrn entgegengehalten werden konnten. So würde es zu einem (gewünschten) Streit kommen, bei dem der Herr aus ihrer Sicht in die Defensive geraten würde. Aber auf diese Weise hätten sie letztlich nur die unter ihnen existierende Spaltung verfestigt. So müssen wir offenlassen, was der eigentliche Grund ihrer Frage war. Sie wollten jedenfalls den Herrn herausfordern.

Zurück zum Anfang

Vor diesem Hintergrund ist auffällig, dass der Herr überhaupt nicht auf die einzelnen Lehrmeinungen in Israel eingeht. Nicht einmal auf das Gesetz bezieht Er sich. Vielmehr stellt Er auf die Gabe der Ehe ganz am Anfang der Menschheit ab: „Habt ihr nicht gelesen, dass der, der sie schuf, sie von Anfang an als Mann und Frau machte und sprach: ‚Deswegen wird ein Mann den Vater und die Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein.‘? Also sind sie nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.“

Mit seiner Antwort belehrt der Herr Jesus uns heute auch darüber, wie wir uns der Beantwortung von praktischen Fragen nähern sollen: Wir müssen uns immer fragen, was Gott am Anfang getan oder gegeben hat und welche Zielrichtung Er dabei verfolgte – soweit die Bibel das offenbart. Der Herr gibt in diesen drei Versen eine Reihe von wichtigen Hinweisen:

  1. Gott selbst hat den Menschen erschaffen. Es war kein Zufall oder Ergebnis von Zufallsprozessen, sondern es gab einen Schöpfer. Vers 6 lässt keinen Zweifel darüber, dass Gott selbst der Schöpfer von Mann und Frau ist.
  2. Die Menschen sind unterschiedlich geschaffen worden. Zwei unterschiedliche Arten von Menschen hat Gott geschaffen: Männer und Frauen. Offenbar legt der Herr Jesus darauf Wert, dass es diese beiden Arten von Menschen gab und noch immer gibt. Sollten wir das heute nicht auch dankbar annehmen – mit allen Folgen, die aus dieser Unterschiedlichkeit hervorkommen?
  3. Von Anfang an ist der Mensch so geschaffen worden und hat so gelebt – von Anfang an bis zum Kommen des Herrn hat es hierin keine Veränderung gegeben. Die Ordnungsprinzipien Gottes haben somit Bestand, solange es die erste Schöpfung geben wird. Das, was in seinen Augen widernatürlich ist, verurteilt Er im Übrigen an anderer Stelle (vgl. Röm 1,27 ff.).
  4. Die Eheschließung bedeutet, dass ein Mann seine Eltern verlässt, und zwar sowohl den Vater als auch die Mutter, was davon spricht, dass es eine körperliche, seelische und geistige Trennung gibt. Damit ist nicht gemeint, dass es nicht auch nach der Eheschließung Beziehungen zu den Eltern gibt. Aber der Herr zeigt durch den Rückbezug auf 1. Mose 2,24, dass der Mann jetzt ein selbstständiges Leben in einer ganz neuen Beziehung führt. Er ist seinen Eltern nicht mehr als Kind untergeordnet und zu Gehorsam verpflichtet (vgl. Eph 6,1).
  5. Die neue Beziehung des Mannes, der bislang Sohn war, besteht zu einer Frau, der er anhängt, mit der er eine Beziehung eingeht. Diese Beziehung geht weit über die bisher zu seinen Eltern bestehende hinaus. Sie löst zugleich das engste Band ab, das er bislang mit seinen Eltern hatte.
  6. Die Einrichtung der Ehe ist das Zusammenfügen von Mann und Frau – niemals von Mann und Mann oder Frau und Frau, wie wir es in der heutigen Gesellschaft zunehmend finden.
  7. Zudem ist immer nur von zwei Menschen die Rede, die sich aneinander binden. Von drei, oder vier, die im Laufe der Zeit und nacheinander zusammenkommen, ist keine Rede. Weder Bigamie noch Ehescheidung waren von Gott vorgesehen!
  8. Die neue Beziehung von Mann und Frau ist so eng, dass beide zusammen wie eine neue, einzelne Person gesehen werden: Sie sind „ein Fleisch“. Sie werden also, obwohl sie natürlich als unterscheidbare Persönlichkeiten weiter bestehen bleiben, als eine neue Einzelpersönlichkeit angesehen. Diesen Gedanken unterstreicht der Herr Jesus ausdrücklich, indem Er betont, dass die beiden Menschen nicht mehr zwei getrennte Personen sind, sondern „ein [betont] Fleisch“.
  9. Ein zeitliches Ende der Beziehung wird nicht in Aussicht gestellt. Es gibt kein Ende dieser Beziehung, außer durch Tod. Sie werden – nämlich auf Dauer, bis an ihr Lebensende – ein Fleisch sein und damit ein Ehepaar bilden. Römer 7,2.3 ergänzt, dass die Frau sich durch einen Vertrag vor dem Gesetz an den Mann gebunden hat, bis einer der beiden stirbt. Umgekehrt gilt das ebenso.
  10. Der Herr Jesus zeigt hier, was Er später durch seinen Knecht aussprechen lässt: „Die Ehe sei geehrt in allem“ (Heb 13,4).

Ehescheidung kommt für Gott nicht in Frage

Der Meister zieht daraus eine klare Schlussfolgerung: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.“ Damit erklärt Er jeder Art und Ursache der Entlassung eine Absage. Er spricht absolut: Gott hat etwas zusammengefügt – die Ehe ist von Gott, jede konkrete Eheschließung ist in diesem Sinn von Gott autorisiert, selbst wenn sie nicht mit seinem Segen geschlossen wird – daher soll der Mensch nicht einmal daran denken, das von Gott Zusammengefügte zu trennen. Man erinnert sich an Maleachi 2,16: „Ich hasse Entlassung, spricht der Herr, der Gott Israels.“

Es erscheint mir wichtig zu sein, dass wir erkennen, dass Gott hier überhaupt keine Ausnahme vorstellt. Wenn Er die göttlichen Gedanken in positiver Weise offenbart, dann spricht Er überhaupt nicht von Ausnahmen, von Sonderfällen, sondern davon, was Gott geschaffen und gegeben hat und wie Er sich die Sache – hier die Ehe – vorstellt. Später muss Er auf einen Widerspruch der Pharisäer reagieren und zeigt, dass die Gnade Gottes auch im Blick auf die Ehe vorhanden ist. Hier aber nennt Er keinen Ausnahmetatbestand.

Man könnte jetzt die Frage stellen: Wenn Gott den Menschen warnt, das zu scheiden, was Gott zusammengefügt hat („soll“ der Mensch nicht scheiden, scheide nicht der Mensch), ist es dann doch unter gewissen Bedingungen und Umständen möglich, eine Scheidung zu vollziehen (so dass diese möglicherweise vor Gott anerkannt wird)? Auf diese Frage möchte ich kurz ein paar Antworten geben:

  1. Gott spricht hier in einer menschlich verständlichen Sprache. In Israel war es üblich, dass Männer ihre Frauen entließen und damit das schieden, was Gott zusammengefügt hatte. Insofern war hier auf der Erde de facto ein solches Scheiden immer wieder praktiziert worden.
  2. Gott sagt aber nicht, dass Er eine solche Scheidung (im Himmel) anerkennt. Er warnt davor, dass der Mensch etwas auseinander bricht, ohne dass Er über die Konsequenzen an dieser Stelle weiter spricht.
  3. Wenn Gott die menschliche Verantwortung betont, dann immer mit dem Ziel, dass der Mensch sich auch entsprechend verhält. Hier finden wir sogar einen klaren Befehl, den Gott dem Menschen auferlegt.
  4. Es geht also nicht nur um eine Warnung, sondern der Herr benutzt eine Befehlsform (Imperativ): Das scheide der Mensch nicht. Es ist letztlich nichts anderes als ein Verbot.
  5. Was dann passiert, wenn der Mensch sich diese Warnung nicht zu Herzen nimmt, behandelt der Herr Jesus an dieser Stelle nicht. Denn Er geht davon aus, dass der Mensch gehorsam ist.

Wenn Gott dem Menschen und besonders uns, seinen Jüngern, einen wichtigen Grundsatz vorstellt, ist es gut, diesen in seiner Absolutheit stehen zu lassen. Immer dann, wenn wir sofort beginnen, unsere Lebenserfahrung und -praxis mit ins Spiel zu bringen, werden wir den Grundsatz verwässern, statt uns an diesem göttlichen Grundsatz auszurichten.

Verse 7–9: Der Einwand der Pharisäer: Mose hat geboten

Das, was wir so oft tun, finden wir hier auch bei den Pharisäern. Sie sind nicht zufrieden mit der Antwort des Herrn, weil Er damit ihre Streitfrage, die sie untereinander haben, nicht klärend beantwortet, wie sie meinen. Sie haben Ihn nicht in die Ecke drängen können. Vor allem hat Er nicht ihre eigenen Überlegungen bestätigt. So haken sie in ihrem Eigenwillen nach:

„Sie sagen zu ihm: Warum hat denn Mose geboten, einen Scheidebrief zu geben und sie zu entlassen? Er spricht zu ihnen: Mose hat euch wegen eurer Herzenshärte gestattet eure Frauen zu entlassen; von Anfang an aber ist es nicht so gewesen. Ich sage euch aber: Wer irgend seine Frau entlässt, nicht wegen Hurerei, und eine andere heiratet, begeht Ehebruch; und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch“ (Verse 7–9).

Die Pharisäer meinen, noch einen weiteren Pfeil im Köcher zu haben. Sie verweisen auf das Gesetz, und zwar hier auf eine Zusatzbestimmung, die Mose in 5. Mose 24 gegeben hat. Dort liest man in den Verse 1–4: „Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet, und es geschieht, wenn sie keine Gnade in seinen Augen findet, weil er etwas Anstößiges an ihr gefunden hat, dass er ihr einen Scheidebrief schreibt und ihn in ihre Hand gibt und sie aus seinem Haus entlässt; und sie geht aus seinem Haus und geht hin und wird die Frau eines anderen Mannes; und der andere Mann hasst sie und schreibt ihr einen Scheidebrief und gibt ihn in ihre Hand und entlässt sie aus seinem Haus; oder wenn der andere Mann stirbt, der sie sich zur Frau genommen hat: So kann ihr erster Mann, der sie entlassen hat, sie nicht wieder nehmen, dass sie seine Frau sei, nachdem sie verunreinigt worden ist. Denn das ist ein Gräuel vor dem Herrn; und du sollst das Land nicht in Sünde bringen, das der Herr, dein Gott, dir als Erbteil gibt.“

Das Studieren dieser Verse zeigt, dass von einem „Gebot Moses“ keine Rede sein kann. Mose hatte nicht geboten, sondern etwas zugelassen. Genau genommen war sein Thema auch gar nicht allein die Entlassung einer Frau. Zunächst wollte er unter der Leitung Gottes verhindern, dass eine Frau aus nichtigen, nicht von Gott gebilligten Gründen entlassen wird. Zugleich verbot er die Wiederaufnahme seiner entlassenen eigenen Ehefrau. Der Herr greift diesen Gedanken auf. Er belegt das Heiraten einer gegen Gottes Willen entlassenen Ehefrau mit einem Verbot.

Hier haben die Pharisäer also die wahren Verhältnisse verdreht. Aber nicht nur das: Jesus weist darauf hin, dass es einen Grund für diese Worte von Mose gab: die Herzenshärte der Israeliten. Gott übte also in gewisser Hinsicht Nachsicht mit den Israeliten, weil Er sah, dass ein härteres Gesetz nur dazu geführt hätte, dass das halbe Volk im Widerspruch zum Gesetz Gottes gehandelt hätte. Damit hätten sie alle (hin)gerichtet werden müssen. Das offenbart uns, dass das Gesetz Gottes im Alten Testament in keiner Weise die volle Offenbarung des Herzens Gottes war. Manches war dem Unwillen und Versagen des Volkes geschuldet. So barmherzig war Gott mit seinem irdischen Volk. Er wollte es nicht vernichten, obwohl es so wenig seiner Heiligkeit entsprach.

Warum gibt es heute nicht die Vielehe?

Man mag fragen, ob es dann nicht auch angebracht ist, heute diese Barmherzigkeit zu üben. Ich habe schon einmal den Gedanken gehört, dass wenn Gott im Alten Testament den Männern gestattete, mehrere Frauen zu haben, warum das heute nicht mehr der Fall ist. So pervers können wir in unseren Herzen denken. Was eine Frau dazu denkt, interessiert uns dann nicht.

Zur Beantwortung dieser Frage müssen wir bedenken, dass die Offenbarung Gottes in Christus Jesus im Neuen Testament von einer ganz anderen Art und von einem ganz anderen Umfang ist als die im Alten Testament. Jetzt ist Gott vollkommen und vollständig offenbart worden – im Herrn Jesus, dem Sohn, wie wir in Hebräer 1 lernen. Nicht von ungefähr ist das Alte Testament in einer anderen Sprache geschrieben worden als das Neue Testament. Wir leben in einer anderen Zeit, wo wir uns nicht auf das Gesetz berufen dürfen, das – wie wir im Neuen Testament lernen – nur zum Fluch Gottes führt. Will etwa jemand zurück zur Zeit unter Gesetz mit Schatten, Teiloffenbarungen und dem Fehlen wahrer Gemeinschaft mit Gott, unserem Vater?

Das „Gebot“ Moses, das man lediglich „zwischen den Zeilen“ von 5. Mose 24,1 lesen kann, war letztlich ein Schutz für die Frau. Denn wenn sie von ihrem Mann einfach verstoßen worden wäre, ohne einen Scheidebrief zu besitzen, wäre sie hilf- und mittellos gewesen. Niemand hätte sie mehr als Ehefrau genommen – sie war keine Jungfrau mehr. Aufgrund des damals fehlenden Sozialsystems hätte sie also früher oder später als Sklavin geendet. Davor wollte Gott die Frauen bewahren. Hinzu kam, dass der entlassende Ehemann verpflichtet wurde, einen Grund für die Trennung anzugeben und damit seine Scheidungsabsichten schriftlich offenzulegen. Wollte er sich wirklich damit entblößen, ein nicht gelungenes Essen als Grund anzugeben?

Wir leben heute in einer Zeit, wo es nicht einmal mehr eines Scheidebriefes bedarf, um sich zu trennen. Unsere Gesellschaften sind so weit von Gott abgefallen, dass man sich oft schon dann trennt, wenn man keine Erregung mehr in einer Beziehung spürt; einmal abgesehen davon, dass oftmals nicht einmal mehr nach den Gedanken Gottes geheiratet wird. Auch unter Christen ist es leider „normal“ geworden, sich zu trennen, wenn man in Streit lebt oder sich „nur“ auseinandergelebt hat. Man ist nicht bereit, die Beziehung durch ein gegenseitiges Bekenntnis wieder zu heilen. Man sieht kaum noch Verantwortung füreinander oder für die gemeinsamen Kinder; vor allem leben wir so wenig vor Gott, der uns diese wunderbare Einrichtung der Ehe geschenkt hat. Das eigene Wohlgefühl steht an erster Stelle. Daher sind die hier vor uns stehenden Verse auch so ungemein aktuell!

Die Antwort des Herrn auf den Widerspruch der Pharisäer

Was gibt der Herr für eine Antwort auf den Einwurf der Pharisäer?

  1. Er zeigt den Herzenszustand derjenigen, die das Recht auf Entlassen ihrer Ehefrauen für sich beanspruchen. Ihre Herzen sind weit von Gott entfernt (Vers 8).
  2. Es war nicht der ursprüngliche Gedanke Gottes, Ehescheidung zuzulassen (Vers 8). Von Anfang an war es nicht so.
  3. Auch nachdem Gott diese Erlaubnis unter dem Gesetz gegeben hatte, war es nicht mehr als ein „gestatten“ – also nicht nach den Gedanken Gottes (Vers 8).
  4. Die Ehefrau zu entlassen, bedeutet nichts anderes, als Ehebruch vorzubereiten. Denn die Entlassung nimmt ein Mann deshalb vor, um eine andere Frau zu heiraten. Und genau das ist Ehebruch.
  5. Wer meint, eine Entlassene heiraten zu können, versteht die Gedanken Gottes nicht (oder er will sie nicht verstehen; Vers 9). Es ist ein Akt des Ungehorsams.
  6. Das besondere Augenmerk dieser Verse wird auf die Wiederheirat gelenkt. Gerade die Tatsache, dass man eine Person heiratet, die geschieden ist, wird von Gott verabscheut. Der Ehebruch liegt nicht in der Trennung – außer bei Hurerei. Der Ehebruch liegt darin, dass man jemanden heiratet, der nach Römer 7 und anderen Stellen bis an sein Lebensende an den ersten Ehepartner gebunden ist.

Die Ausnahme: nicht wegen Hurerei (Unzucht)

Damit kommen wir zu der immer wieder angeführten „Ausnahme“, die der Herr Jesus hier nennt. Er sagt: „Wer irgend seine Frau entlässt, nicht wegen Hurerei, und eine andere heiratet, begeht Ehebruch.“ Aus diesem Zwischensatz sind im Laufe der Jahre ganz unterschiedliche Schlüsse gezogen worden. Auf zwei Auffassungen von Bibelauslegern möchte ich im Weiteren eingehen:

  1. Es handelt sich hierbei um eine Ausnahme, welche die Ehescheidung bzw. das Entlassen eines Ehepartners zulässt. Wenn die Ehefrau (oder der Ehemann) in Hurerei (Unzucht) fällt, so ist der „unschuldige“ Teil frei, sich scheiden zu lassen und wieder zu heiraten.1
  2. Der Herr verweist hier darauf, dass Er nicht den Fall von Unzucht (Hurerei) behandelt, weil es für diesen Fall andere Vorschriften im Gesetz gab (vgl. 3. Mo 20,10; 5. Mo 22,22), die dann vor dem jüdischen Gericht auch zu behandeln gewesen wären. Ein solcher musste getötet werden, so dass dann die Ehe sowieso beendet gewesen wäre.2

Ich werde im Folgenden zeigen, dass wohl die Auffassung a) die zutreffendere ist.

Der Zusammenhang der Stelle

Wie immer bei der Beurteilung einer Frage ist der Zusammenhang der Stelle von Bedeutung. In Matthäus 18 haben wir im zweiten Teil gelernt, dass wir bereit sein sollen, Gnade zu üben. Wir werden aufgefordert zu vergeben, selbst wenn es sich um 490 Verschuldungen einer Person an mir handelt. Dieser Punkt wird vom Herrn Jesus in diesem Abschnitt unterstrichen. Die Ehe soll nicht geschieden werden. Denn Eheleute sollen sich in allem vergeben. Und wenn es 490 Mal am Tag sein sollte. Nur eine einzige Ausnahme nennt der Herr hier: Hurerei.

Der Herr sagt nicht, dass eine Ehe nicht auch nach einer solchen Sünde noch bestehen kann.3 Es wäre eine gewaltige Gnadenerweisung, wenn ein Ehepartner auch diese Demütigung erträgt. Und tatsächlich leben wir in einer Zeit der Gnade, in der diese durch Vergebung selbst eine so schlimme Sünde überwindbar macht. Aber der Eingriff in die Ehe ist beim Ehebruch so groß, dass der Herr dem Ehepartner, gegen den mit Hurerei gesündigt worden ist, nicht auferlegt, mit einer solchen Person weiter verheiratet zu bleiben. Der Herr verfolgt diese Ausnahme an dieser Stelle allerdings nicht weiter. Er gibt somit keine Anweisungen, was derjenige tun kann, dessen Ehe durch Hurerei zerstört worden ist. Wir müssen somit vorsichtig mit Schlussfolgerungen sein. Aber durch das ausdrückliche Erwähnen dieser Ausnahme wird deutlich, dass der Eheteil, gegen den in unzüchtiger Weise gesündigt wurde, kein Verbot der Wiederheirat erhält, ihm auch nicht gesagt wird, dass für ihn eine neue Heirat Ehebruch bedeutet.

Ausleger weisen darauf hin, dass der Akt des Ehebruchs und der Unzucht (Hurerei) die Ehe in einer solchen Weise in ihren Grundfesten zerstört, dass die Beziehung zwischen dem einen Mann und der einen Frau durch die geschlechtliche Beziehung zu einem anderen Menschen (oder noch schlimmer, zu Wesen ganz allgemein) zerstört worden ist. Die Ehe ist bereits gebrochen. Wir lesen beispielsweise in 1. Korinther 6,18: „Fliehet die Hurerei! Jede Sünde, die ein Mensch begehen mag, ist außerhalb des Leibes; wer aber hurt, sündigt gegen seinen eigenen Leib.“ Das zeigt die besondere Schwere der Sünde der Unzucht. Da in der Ehe zwei Menschen zu „einem Fleisch“ geworden sind, hat der Ehepartner, der Hurerei begangen hat, direkt gegen die Ehe als solche verstoßen. Denn auf einmal ist er mit einer dritten Person „ein Leib“ geworden (1. Kor 6,16).

Wenn man sich die Stellen im Alten Testament anschaut, die mit Ehebruch (also vollzogenem Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe) zu tun haben, dann erkennen wir sehr deutlich, dass Gott dieses anders behandelt hat als eine „normale“ Entlassung und Scheidung im Volk. Derjenige oder diejenige musste gesteinigt werden, wie wir gesehen haben. Die Sünde gegen den Ehepartner und gegen die Heiligkeit Gottes war in den Augen Gottes so gravierend, dass Er das Weiterleben einer solchen Person nicht dulden konnte. Gott selbst löste damit das Band der Ehe in einem solchen Fall auf. Das unterstreicht, dass Gott bei dieser Sünde die Auswirkungen auf das Band der Ehe ganz anders sah und sieht, als wenn es um andere Gründe des Trennens geht.

Ein weiterer Punkt ist, dass man nicht verkennen sollte, dass wir in einer Zeit der Gnade leben. Legt Gott einer Frau, deren Ehemann in Sünde fällt und die von ihm dadurch aufs Tiefste verletzt wird, geradezu gesetzlich auf, an diesen Mann gebunden zu bleiben? Wir wollen auf der einen Seite die ganze Kraft des Wortes Gottes aufrechterhalten, andererseits aber auch sehr vorsichtig sein, (zu) scharfe Schlussfolgerungen zu ziehen im Blick auf den nicht in Hurerei gefallenen Ehepartner.4

Wenn wir die Parallelstellen in Markus 10,9–12 und Lukas 16,18 hinzuziehen, können wir erkennen, dass der Herr dort den Grundsatz der Unauflösbarkeit der Ehe in – man möchte fast sagen – absoluter Weise aufstellt. Danach kämen wir nicht auf die Idee, der Herr würde eine Ausnahme zulassen.5 Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Herr Jesus diesen Grundsatz der Unauflösbarkeit der Ehe auch in unseren Versen sehr deutlich aufgestellt hat. Das war in der Antwort auf die Frage der Pharisäer in Vers 6. Danach jedoch erweitert Er im Hinblick auf die Nachfrage der Pharisäer diesen Grundsatz, indem Er die Ehescheidung als im Alten Bund geduldet, nicht aber von Gott gewünscht erklärt. In der weiteren Ausführung zeigt der Herr dann, dass es in der neuen Zeit, in der auch wir leben, solch ein Zulassen von Scheidungen nicht gibt – mit der einzigen Ausnahme der Unzucht.

Ergreift der Herr Jesus dadurch Partei für die Schammei-Schule der Pharisäer? Natürlich nicht! Denn Er hat nicht die Absicht, zwischen den verschiedenen Schulmeinungen der Juden zu vermitteln. Das ist überhaupt nicht sein Thema. Der Herr lässt sich ohnehin nie vor den Karren einer bestimmten Gruppe spannen. Er spricht die göttliche Wahrheit so aus, wie sie ist, unabhängig davon, ob ihr eine „Schule“ folgt oder nicht.

Weitere Gründe dafür, dass der Herr eine Ausnahme für die Ehescheidung nennt

Vielleicht handelt es sich bei diesem Zwischensatz im Blick auf die Hurerei darüber hinaus um einen Hinweis auf das Handeln Gottes mit seinem irdischen Volk Israel. Immer wieder haben wir gesehen, dass der Herr durch bestimmte Begebenheiten und Gleichnisse die Situation des Volkes Israel beschreibt. So auch hier: „Und der Herr sprach zu mir in den Tagen des Königs Josia: Hast du gesehen, was die abtrünnige Israel getan hat? Sie ging auf jeden hohen Berg und unter jeden grünen Baum und hurte dort. Und ich sprach: Nachdem sie dies alles getan hat, wird sie zu mir zurückkehren. Aber sie kehrte nicht zurück. Und ihre treulose Schwester Juda sah es; und ich sah, dass trotz all dem, dass ich die abtrünnige Israel, weil sie die Ehe gebrochen, entlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben hatte, doch die treulose Juda, ihre Schwester, sich nicht fürchtete, sondern hinging und selbst auch hurte. Und es geschah, wegen des Lärms, ihrer Hurerei entweihte sie das Land; und sie trieb Ehebruch mit Stein und mit Holz“ (Jer 3,6–9).

In diesem Sinn ist Gott nach 5. Mose 21,15 nach dieser Scheidung eine neue Ehe eingegangen – hat eine geliebte Frau in der Versammlung gefunden, von der wir in den Kapiteln 16 und 18 gesehen haben, dass sie den Platz Israels einnehmen sollte. So konnte niemand Gott „Ehebruch“ vorwerfen, wenn Er nach diesem abscheulichen Handeln Israels in Hurerei und Götzendienst seine Frau entlassen würde.6

Darüber hinaus lässt auch eine formale Betrachtung dieses Bibeltextes kaum eine andere Auslegung zu, als dass der Hinweis auf die Hurerei eine Ausnahme darstellt, durch welche die Ehe bereits gebrochen ist. Ich stelle diesen Punkt erst an das Ende unserer Überlegungen, weil es immer gut ist, aus dem Zusammenhang und weiteren Gesichtspunkten heraus zu einer Erklärung des Bibeltextes zu kommen. Es ist dann allerdings schön zu sehen, dass der formale Text die Auffassung stützt, dass der Herr hier wirklich eine Ausnahme formuliert. Denn manche haben versucht, im Sinn der weiter oben eingefügten Fußnote zu begründen, dass der Grundtext viele verschiedene Übersetzungsmöglichkeiten zulasse, von denen nur eine die Hurerei zu einer Ausnahme mache.7

Eine Frage der Versammlungszucht oder der Seelsorge?

Abschließend zu diesen Versen ergänze ich noch zwei weitere Punkte. Der Herr Jesus spricht an dieser Stelle nicht davon, wie die örtliche Versammlung mit jemandem zu handeln hat, der seinen Ehepartner entlässt, der sich scheiden lässt. Gleiches betrifft den Folgefall, dass jemand eine geschiedene Person heiraten möchte. Ein solches Thema wird uns in grundsätzlicher Weise in 1. Korinther 5 beantwortet. Ich füge allerdings sofort hinzu, dass jeder Fall ein Spezialfall ist, so dass man nie mit einer Schablone arbeiten kann, die sofort eine Handlung der Versammlung aufzeigt.

Wichtig ist, dass man mit Ehepaaren, bei denen substanzielle Probleme auftauchen, zunächst seelsorgerliche Gespräche führt. Gerade wenn Kinder vorhanden sind, ist sehr viel Weisheit nötig. Oftmals ist noch etwas zu retten, bevor eine Scheidung vollzogen wird. Dazu müssen beide Seiten natürlich wollen. Aber die Geschwister, die an einem Ort mit Ehepaaren zu tun haben, in denen es – wie man sagt – kriselt, haben eine große Verantwortung, hilfreich zu unterstützen. Jeder Dienst muss darauf ausgerichtet sein, die Eheleute wieder zusammenzubringen. Auch das Thema der Seelsorger wird hier vom Herrn nicht weiter erörtert, sondern wird an anderen Stellen der Bibel behandelt. Daher gehe ich hierauf jetzt nicht weiter ein.

Verse 10–12: Drei Wege des Unverheiratetseins

„Seine Jünger sagen zu ihm: Wenn die Sache des Mannes mit der Frau so steht, dann ist es nicht ratsam zu heiraten. Er aber sprach zu ihnen: Nicht alle fassen dieses Wort, sondern die, denen es gegeben ist; denn es gibt Verschnittene, die von Mutterleib so geboren sind; und es gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten worden sind; und es gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Reiches der Himmel willen. Wer es zu fassen vermag, der fasse es“ (Verse 10–12).

Die Jünger erkennen, dass der Herr dem Mann keine Freiheit einräumt, mit der Ehefrau zu handeln, wie er möchte. Daraus ziehen sie eine Schlussfolgerung, die beweist, dass sie dieses Problem nicht mit einer geistlichen Gesinnung betrachten, sondern menschlich oder sogar fleischlich beurteilen wollen. Ist es unter solchen Umständen wirklich nicht ratsam zu heiraten? Oder waren in der damaligen Zeit (und heute noch mehr) sogar die natürlichen Beziehungen durch die Sünde und den Egoismus des Mannes derart verdorben, dass man nicht einmal mehr bereit war, die Dinge mit den Augen Gottes zu sehen? War es denn ein Problem, wenn man seine Ehefrau nicht entlassen konnte? Man hatte doch geheiratet, um ein Leben lang mit dieser Frau verbunden zu sein.

Kannten die Jünger nicht auch aus eigenem Erleben – zumindest von Petrus wissen wir, dass er verheiratet war –, dass der Herr den Menschen mit dem Geschenk der Ehe eine wunderbare Einrichtung gegeben hat? Die Aussage der Jünger mutet uns seltsam an. Aber vielleicht hatten sie Beispiele vor Augen, wo Ehen derart unglücklich verliefen, dass ihn menschlich nur der Ausweg der Ehescheidung ratsam erschien.

Der Herr nimmt den Einwand der Jünger zum Anlass, ihnen noch eine grundsätzliche Belehrung über das Alleinbleiben mitzugeben, von dem sie gesprochen hatten. Er unterscheidet drei Fälle:

  1. Es gibt von Mutterleib an Verschnittene: Das sind Menschen, die vom Mutterleib an eine Krankheit haben, die es ihnen nicht möglich macht zu heiraten. Behinderte Menschen, in besonderer Weise auch geistig und stark körperlich behinderte Menschen usw. gehören hierzu.
  2. Es gibt Menschen, die von anderen Menschen verschnitten werden. Dabei handelt es sich um Menschen, die entweder körperlich, geistig und/oder seelisch misshandelt worden sind, oder die aufgrund einer missratenen Operation bzw. eines Unfalls in einen Zustand geraten, der ihnen eine Heirat unmöglich macht.8
  3. Dann spricht der Herr Jesus aber noch von einer dritten Gruppe von Menschen, bei denen Er das Verschneiden vergeistlicht. Das können wir daraus schließen, dass Er auch vom „geistlichen“ Königreich der Himmel spricht – nicht von einem körperlichen Zustand oder einem hier sichtbaren Reich.

Die Gabe des Alleinbleibens um des Dienstes des Herrn willen

Wir kennen diesen dritten Fall heute kaum noch. Es gibt nur sehr, sehr wenige Geschwister, von denen wir wissen, dass sie um des Königreichs der Himmel wegen – also um des Herrn willen – ganz bewusst auf eine Eheschließung verzichten, um dem Herrn ganz zu dienen. Paulus war ein solcher Bruder, wie wir aus 1. Korinther 7,7.28–32 schließen können. Es handelt sich also nicht um Christen, die gerne geheiratet hätten, aber entweder aufgrund von Absagen oder aufgrund des Mangels an richtigen (potenziellen) Ehepartnern nicht heiraten konnten.

Hier geht es um Geschwister, die wie Paulus den Dienst für den Herrn vor ihre menschlichen Bedürfnisse stellen. Sie sind durch die Gnade Gottes in der Lage, die eigentlich in der Natur der ersten Schöpfung liegenden Kräfte zu überwinden – es ist zweifellos der höchste Weg. Das aber können nicht alle fassen – denn es ist nur der Weg von wenigen, von Ausnahmen.

Nach 1. Korinther 7,9 müssen sie in der Lage sein, die im menschlichen Körper wohnende sehr starke sexuelle Kraft zu bewältigen, ohne sich ständig in Gefahr zu begeben. Sie haben also nach 1. Korinther 7,17 eine gewisse Gabe, alleine bleiben zu können. Wie hätte Paulus mit einer Ehefrau ständig unterwegs sein können, womöglich auch mit Kindern? „Der Verheiratete ist um die Dinge der Welt besorgt, wie er der Frau gefalle“ (1. Kor 7,33) – das ist seine Aufgabe. Es verhindert keinen Dienst für den Herrn, lässt ihn aber im Unterschied zum Unverheirateten nicht in so umfangreichen Maß zu.

Wichtig ist, dass wir verstehen, dass der Herr diesen Weg als ein Vorrecht und in keiner Weise als ein Sakrament, ein Gesetz oder eine Verpflichtung vorstellt. Paulus tut das auch nicht. Mit anderen Worten: Das sogenannte Zölibat hat keine Grundlage in der Bibel. Wenn jemand allein bleiben kann, dann ist das eine Gabe von oben, die er oder sie dankbar annehmen darf und sich ganz dem Herrn zur Verfügung stellen darf.

Ich selbst rede hier – wie die meisten anderen auch – sehr theoretisch. Eine gewisse Zeit in der Jugend haben wir alle natürlich diesen Status gehabt, wo wir keine Rücksicht auf Familienbande nehmen mussten. Aber hier treffen die Worte des Herrn zu: „Nicht alle fassen dieses Wort, sondern die, denen es gegeben ist.“ Solche Geschwister, die sich wirklich um des Königreichs der Himmel willen verschneiden9, können mitreden. Sie können erfassen, was dieser Weg bedeutet. Der Herr wird den bewussten Verzicht, den solche Geschwister eingehen, reich belohnen! „Wer es zu fassen vermag, der fasse es.“

Noch ein Wort im Blick auf Christen, die gerne heiraten würden, denen dieser Weg (nicht aus den ersten beiden Gründen) aber verwehrt ist. Sie gehören im engeren Sinn nicht zu der dritten Gruppe. Aber wenn sie bereit sind, diesen Weg dann aus der Hand des Herrn anzunehmen und mit seiner Hilfe zu gehen, dann dürfen sie den Segen dieser Gruppe auch für sich in Anspruch nehmen. Der Herr handelt in einer besonderen Fürsorge für sie, wenn sie innerlich zur Ruhe gekommen und glücklich in Ihm geworden sind.

Verse 13–15: Lasst die Kinder zu mir kommen

„Dann wurden Kinder zu ihm gebracht, damit er ihnen die Hände auflege und bete; die Jünger aber verwiesen es ihnen. Jesus aber sprach: Lasst die Kinder und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Reich der Himmel. Und er legte ihnen die Hände auf und ging von dort weg“ (Verse 13–15).

In diesen drei Versen zeigt uns der Herr, was für eine Wertschätzung Er gerade für diejenigen hat, die in unserer Gesellschaft so sehr verachtet werden. Wir lernen für unser Leben im Königreich, dass wir diejenigen, die verachtet und leicht übersehen werden, hochachten sollen. Schon in Kapitel 18 hatte sich der Herr mit den Kindern beschäftigt. Zuerst hatte Er sie als ein Beispiel für Demut und Aufrichtigkeit vorgestellt. Dann hatte Er sein Herz für diese Kleinen offenbart, indem Er Gericht über diejenigen aussprach, welche die Kleinen zu Fall bringen.

Es war eine alte Sitte unter Juden, ihre Kinder zu einem anerkannten Lehrer und gottesfürchtigen Mann zu bringen, damit dieser seinen Segen über diese ausspreche. Das Händeauflegen war dann das Symbol der Erfüllung des Segens über dem Kopf der Kleinen. Diese Sitte finden wir in diesen Versen ein stückweit wieder. Wir dürfen wohl annehmen, dass es sich um Juden handelte, die den Herrn Jesus als Lehrer anerkannten. Sie gehörten nicht zu denen, die Ihn verwarfen. Sonst hätten sie ihre Kinder wohl kaum zu Ihm gebracht.

Das Herz des Herrn für die Kleinen

Hier nun segnet der Herr die Kleinen. Wie schön, wenn Eltern ihre Kinder zum wahren Retter bringen. Der Herr ist nicht zu den Kindern gegangen – sie wurden zu Ihm gebracht. Seine Sanftmut und Gnade zog ihre Eltern und sie an, denn wir können davon ausgehen, dass nicht Fremde diese Kinder zu Jesus führten. Die Absicht vermutlich besonders der Mütter war es, dass der Herr den Kleinen die Hände auflegen und für sie beten solle. So wollten sie ihre Kinder ganz der Fürsorge dessen übergeben, der sich als Gott selbst erwiesen hatte und in der Lage war, die Kinder zu bewahren.

Das Auflegen der Hände ist ein Zeichen des Segens, der Identifikation des Herrn mit den Kleinen, um sie zu beschützen. Das Gebet ist ein Zeichen, dass die Mütter Wert darauf legten, dass Gott sich um ihre Kinder kümmerte. Ein besseres Vorbild als diese Frauen können wir uns in dieser Hinsicht nicht nehmen! Ob wir uns – wie diese Frauen – immer bewusst sind, wie notwendig, aber auch wie herrlich es ist, unsere Kinder zum Herrn Jesus zu bringen? Er allein kann sie bewahren und segnen, so wie es für sie gut und nützlich ist.

Lernen sollten wir auch aus dem Verhalten der Jünger. Sie hatten vermutlich im Sinn, den Herrn vor Kindergeschrei zu schützen. Brauchte ihr Meister keine Ruhe? Wie wenig kannten sie Ihn. Hatten sie nicht aus den früheren Belehrungen des Herrn gelernt (vgl. Kapitel 18)? Sie reagierten äußerst unwillig. Ob auch wir schon einmal schuldig waren, dass Kinder nicht zum Herrn Jesus vordringen konnten? Das beste Motiv, das wir hier den Jüngern unterstellen dürfen, ist verkehrt, wenn es das Herz und die Liebe des Herrn nicht kennt und berücksichtigt! Letztlich offenbarten die Jünger den Geist der Welt, als sie die Kinder wie etwas Bedeutungsloses behandelten.

Der Herr Jesus sieht das Verhalten der Jünger. Aber Er tadelt sie nicht auf direkte Weise. „Lasst die Kinder und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Königreich der Himmel.“ Er offenbart sein Herz. Wenn es um Menschen geht, haben die kleinen Kinder in ihrer Zartheit den ersten Platz in seinem Herzen. Er sieht ihre Demut, ihre Lernbereitschaft, auch ihr Vertrauen. Daher ist es für sein Herz eine Freude, bei Kindern zu sein. Das hat Er im vorigen Kapitel gezeigt. Er bestätigt dies jetzt. Sie sind die Gegenstände der Liebe des Vaters, der für sie seinen Sohn gab, damit der Sohn sie retten sollte. Niemand soll den Kindern daher verwehren, zu Ihm zu kommen. Das zeigt aber noch einmal auch unsere Verantwortung als Eltern, unsere Kinder zu dem Herrn Jesus zu bringen. Nur für diejenigen, die zu Ihm gebracht werden, gilt das „denn“ (solcher ist das Reich der Himmel).

Das Königreich der Himmel und die Kinder der Gläubigen

Manche haben gedacht, dass man diesen Satz so verstehen müsse: „Denn für solche ist das Reich der Himmel.“ Der Herr Jesus sagt aber: „Denn solcher – das heißt von solchen – ist das Reich der Himmel.“ Sie sind nicht das Ziel des Reiches, sondern sie sind im Königreich drinnen.

Man könnte fragen: Sind denn alle Kinder auf dieser Erde im Königreich der Himmel? Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein. Nur diejenigen, die zum Herrn Jesus gebracht werden, gehören dazu. Es geht also um die Eltern, die auf christlichem Boden ihre Kinder dem Herrn Jesus anvertrauen. Viele tun das nur äußerlich im Rahmen der kirchlichen Taufe (eigentlich ein Widerspruch in sich selbst, denn die Taufe ist keine Sache der Kirche, wird aber in den großen Kirchen so gehandhabt). Aber immerhin ist es eine äußere Weihe an den Herrn des Christentums.

Kinder, die in dieser Weise zu dem Herrn Jesus gebracht werden, gehören zum Königreich – sie sind in diesem Reich. Zu der Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes gehören nur diejenigen, die neues Leben aus Gott besitzen und sich bekehrt haben. Das Reich dagegen schließt die Familien derer ein, welche die Herrschaft Christi anerkennen. Kinder sind dem Herrn hierbei offensichtlich besonders willkommen. Er selbst legte ihnen die Hände auf.

Aus Stellen wie Matthäus 28,19 wissen wir, dass man durch die Taufe in das Königreich eingeführt wird (vgl. in Joh 4,1.2 den Gedanken der Jüngerschaft, der mit der Taufe verbunden wird). Tatsächlich wird ein Mensch durch die Taufe mit dem Herrn Jesus verbunden, und zwar mit dem gestorbenen und auf dieser Erde verworfenen Christus (vgl. Röm 6,3). Das ist der Herr Jesus von Matthäus 19. Denn wir haben verschiedentlich gesehen, dass der Herr Jesus in diesen Kapiteln längst der von seinem Volk Verworfene war.

Das kann man auch schön mit 1. Korinther 7,14 verbinden. Die Kinder einer gläubigen Mutter oder eines gläubigen Vaters sind „heilig“. Sie sind (äußerlich) gesegnet durch ihre Eltern und stehen unter dem heiligenden Einfluss einer gläubigen Mutter oder eines erlösten Vaters. Die Eltern nehmen den Segen dadurch wahr, dass sie ihre Kinder dem Herrn Jesus weihen, wie uns Hanna das mit Samuel deutlich vorgemacht hat, die ihren Sohn dem Herrn in seinem Heiligtum brachte und weihte. Die Taufe ist in gewisser Hinsicht solch eine Weihe an Gott.10 Das alles muss verbunden sein mit Gebet, mit dem Anvertrauen der jungen Seelen an Gott. Und es muss verbunden sein mit dem Hände auflegen, diesem Segnen der Kinder durch den Herrn Jesus, der sich persönlich mit ihnen identifiziert.

In diesem Sinn dürfen wir unsere Kinder in der Zucht und Ermahnung des Herrn Jesus erziehen (vgl. Eph 6,1–4). In diesen Versen geht es nicht um Kinder, die zur Versammlung Gottes gehören, weil sie an den Herrn Jesus glauben. Es geht um Kinder, die im Königreich der Himmel ihren Platz haben, in dem Bereich, in dem Jesus Christus Herr ist. Daher fühlen sie sich zu Ihm hingezogen. Es kommt noch hinzu, dass wir den Worten des Herrn durch Paulus an den Gefängniswärter vertrauen dürfen: „Glaube an den Herrn Jesus und du wirst errettet werden, du und dein Haus“ (Apg 16,31). Das ganze Haus eines Gläubigen steht unter dem rettenden Segen des Herrn, wenn die Eltern an den Herrn Jesus glauben. Diesen Glauben dürfen wir uns auch heute zu eigen machen und daran festhalten. So ehren wir unseren Herrn und Retter.

Sowohl in Markus 10,13 ff. als auch in Lukas 18,15 ff. lesen wir, dass der Herr im Blick auf Erwachsene zudem noch von der Aufnahme des Reiches Gottes wie ein Kind spricht. Matthäus hatte diesen Punkt schon in Kapitel 18 gebracht. Er wiederholt ihn hier in Matthäus 19 nicht mehr, weil die Belehrung an dieser Stelle die Kleinen selbst als solche betrifft, die zu dem Königreich der Himmel gehören.

In Matthäus 19 lesen wir dann vom Herrn Jesus nur noch weiter, das Er ihnen die Hände auflegte. Sein Segen sollte die Kinder begleiten. Warum finden wir kein Gebet des Herrn? Zeigt uns diese Tatsache nicht, dass der Herr Jesus selbst Gott ist? Wenn der Herr Jesus Wunder vollbrachte, lesen wir oft, dass Er vorher zu Gott betete – beispielsweise bei den Speisungen und bei der Auferweckung von Lazarus. Aber hier erkennen wir, dass Er mehr ist als der abhängige Mensch. Er ist Gott selbst, der in eigener Machtvollkommenheit segnen konnte. Denn das Höhere segnet das niedrigere (vgl. Heb 7,7). Unsere Kinder sind bei Ihm in guten Händen!

Verse 16–26: Wie kommt ein aufrichtiger Mensch ins Königreich der Himmel?

„Und siehe, einer trat herzu und sprach zu ihm: Lehrer, was muss ich Gutes tun, um ewiges Leben zu haben? Er aber sprach zu ihm: Was fragst du mich über das Gute? Einer ist gut. Wenn du aber ins Leben eingehen willst, so halte die Gebote. Er spricht zu ihm: Welche? Jesus aber sprach: Diese: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst kein falsches Zeugnis ablegen; ehre den Vater und die Mutter; und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Der Jüngling spricht zu ihm: Dies alles habe ich beachtet; was fehlt mir noch? Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib den Armen, und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben; und komm, folge mir nach! Als aber der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt weg, denn er hatte viele Besitztümer“ (Verse 16–22).

Im dritten Abschnitt dieses Kapitels lernen wir dann etwas darüber, wie ein Mensch in das Königreich der Himmel eingehen kann. Der Herr Jesus zeigt uns das am Beispiel eines Mannes, der als ein Bild des ersten Menschen vorgestellt wird in der Aufrichtigkeit der menschlichen Natur der ersten Schöpfung. Im Markusevangelium lesen wir, dass Jesus diesen Mann liebte (Mk 10,21). Der Herr liebte nicht die Sünde oder Sündhaftigkeit dieses Menschen. Er liebte ihn, weil Er etwas von der Schönheit der ersten Schöpfung in ihm sah. Dieser Mann war aufrichtig und ehrlich in dem, was er sagte. Und das erkennt der Herr an.

Auch wir dürfen bei Menschen heute, die etwas von dem Edlen der ersten Schöpfung zeigen, Gott darin sehen und das an ihnen schätzen. Bis heute ist etwas von den Strahlen Gottes in seiner Schöpfung zu sehen. Nicht alles ist durch die Sünde verschüttet worden. Gerade dadurch, dass wir in anderen Menschen anerkennen, was von Gott kommt, offenbaren wir den Geist des Herrn. Auch, was die Schöpfung als solche betrifft, dürfen wir mit Freude auf das schauen, was von Gott kommt. So dürfen wir zu Anbetern Gottes werden.

Das aber heißt nicht, dass die erste Schöpfung einen solchen Stellenwert bei uns haben sollte, dass wir allein ihretwegen Tausende von Kilometern an Reisen auf uns nehmen müssten, um alles das zu bewundern, was an der Schöpfung noch bewundernswert ist. William Kelly schreibt dazu: „Wenn auf meinem Weg, dem Herrn zu dienen, große und schöne Aussichten an meinem Augen vorbeikommen, glaube ich nicht, dass der, der mich in seinen Dienst berufen hat, will, dass ich meine Augen schließe. Der Herr selbst wies auf die Schönheit der Lilien hin ... Aber sollte ich deshalb weit und fern reisen, um das zu bewundern, was die Welt wertvoll findet?“

Wir wollen nicht übersehen, dass der in diesem Abschnitt vor uns kommende Mensch nicht nur für die Schönheit der Schöpfung Gottes steht, sondern zugleich den natürlichen Menschen offenbart, der in eigener Kraftanstrengung Gott gefallen möchte und auf einem solchen Weg den Segen Gottes gewinnen will, letztlich in den Himmel kommen möchte. Er ist der Prototyp für viele Menschen, die wissen, dass Gott so, wie sie sind, nicht mit ihnen zufrieden sein kann, die aber einen Retter ablehnen, weil sie meinen, Gott mit eigenen Mitteln zufrieden stellen zu können.

Verse 16–23: Kann ein Mensch das Gute tun?

Reicht dies im Leben eines Menschen aus, um in den Bereich des Segens Gottes zu kommen? Dazu gibt uns dieser Abschnitt eine Antwort. Matthäus berichtet uns nichts weiter über diesen jungen Mann. Nicht einmal sein Beruf oder seine Stellung werden uns genannt. Er kommt auf den Herrn Jesus zu und fragt ihn: „Was muss ich Gutes tun, um ewiges Leben zu haben?“ Offenbar war er selbstbewusst genug, um zu meinen, dass er in der Lage sei, ewiges Leben zu bekommen. Er war sich nicht sicher, ob er es besaß. Aber er wollte es gerne bekommen. Und er dachte, er hätte einen gewissen Anspruch auf dieses Leben, weil etwas Gutes in ihm wäre und er Gutes tun könne.

Er hatte noch nicht gelernt – das ist die Blindheit des natürlichen Menschen –, dass er noch nie eine in den Augen Gottes gute Sache hatte tun können. Er erkannte zwar, dass Jesus mehr besaß und war, als er selbst. Deshalb kam er zu Christus. Aber er war von sich so überzeugt, dass er es für möglich hielt, selbst so zu handeln und zu tun, wie Jesus es tat und wie Gott es von einem Menschen verlangte.

Unterschiede zwischen Markus und Matthäus

Im Markusevangelium lesen wir, dass dieser Mann den Herrn „guter Lehrer“ nannte. Daraufhin erwiderte der Herr, dass nur einer gut ist – Gott. Kein Mensch als solcher könnte gut genannt werden. Matthäus nennt nur die verkürzte Anrede „Lehrer“. Hier spricht der Mann davon, Gutes tun zu wollen, während Markus nur davon berichtet, dass dieser Jüngling ewiges Leben erben wollte.

Bei Markus geht es mehr um die Person des Herrn selbst – Er war eben mehr als ein guter Lehrer – Er war Gott. Der Mann sah in Ihm aber nur einen guten Menschen. Jesus begegnet diesem Menschen in Verbindung mit der Überzeugung, mit der dieser zu Ihm kam: auf der Grundlage des Gesetzes. Denn da Er Gott war, war Er auch der Gesetzgeber. Im Blick auf das Gesetz musste der junge Mann lernen, dass er von Geburt an verloren war und einen Retter brauchte. Er war nicht in der Lage, die moralischen Anforderungen dieser Gebote zu erfüllen, zum Beispiel nichts vorzuenthalten (Mk 10,19). Wenn es ums „Erben“ ging, konnte er tatsächlich nur die sündhafte Natur seines Vaters erben. Selbst das beste der Natur, seine Aufrichtigkeit, weswegen der Herr Jesus diesen Mann liebte, war überlagert von der Sünde. Den Himmel, den ebenfalls nur Markus erwähnt, konnte er so nicht erreichen.

Denn das Gesetz war ja gerade dazu gegeben worden, die Sündhaftigkeit des Menschen offenbar zu machen (vgl. Röm 3,20). Der Herr macht ihm daher zunächst deutlich, dass kein Mensch in sich so gut ist, dass er dem Maßstab des Gesetzes genügen kann, sondern dass nur Gott wirklich gut ist.

Hier im Matthäusevangelium scheint es mehr um das Tun des Menschen zu gehen. Dieser möchte das Gute tun, um das ewige Leben – also ein dauerhaftes Leben auf der Erde – zu bekommen, wie Gott es dem Menschen verheißen hat, wenn er das Gesetz halten würde. Er erwartet eine Belohnung sozusagen auf der Grundlage seines eigenen Wirkens. Diese liegt aber außerhalb der Reichweite des Menschen. Denn er ist nicht in der Lage, das Gesetz Gottes zu erfüllen.

(Ewiges) Leben – Gott ist gut

Interessant ist, dass Gott im Alten Testament bis auf eine Ausnahme nicht von ewigem Leben, sondern nur von Leben gesprochen hat, wenn es um das Halten des Gesetzes geht. „Und meine Satzungen und meine Rechte sollt ihr halten, durch die der Mensch, wenn er sie tut, leben wird“ (3. Mo 18,5). Dieser Wortlaut wird noch 4-mal im Alten Testament wiederholt (Neh 9,28; Hes 20,11.13.21). Paulus bestätigt es ebenfalls in Galater 3,12: „Das Gesetz aber ist nicht aus Glauben, sondern: ‚Wer diese Dinge getan hat, wird durch sie leben.‘“

Wenn im Alten Testament von dem Leben gesprochen wird, dann in dem Sinn, dass Menschen in das 1.000-jährige Friedensreich eingehen können. „Der Herr hat den Segen verordnet, Leben bis in Ewigkeit“, heißt es beispielsweise in Psalm 133,3. Oder in Daniel 12 lesen wir, dass Daniel gesagt wird: „Viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden erwachen: diese zu ewigem Leben und jene zur Schande, zu ewigem Abscheu“ (Vers 2). Auch hier geht es darum, dass Menschen auferstehen, um dann in das Friedensreich einzugehen.

Vielleicht hatte dieser Jüngling gehört, dass der Herr Jesus von ewigem Leben gesprochen hatte. Dessen Besitz ist sein erklärtes Ziel. War das nicht ein guter Wunsch? Ja, das war so. Aber der Herr Jesus erkannte das Herz, aus dem dieser Wunsch entstand. Es war von sich selbst überzeugt. Daher auch seine scharfe Antwort, die uns vielleicht auf den ersten Blick überaus hart erscheint: „Was fragst du mich über das Gute? Einer ist gut.“

Was will der Herr Jesus diesem Mann damit sagen? Er zeigt ihm, dass das Gute nur von dem getan werden kann, der wirklich gut ist. Und es gibt nur eine einzige Person, von der man wirklich sagen kann, dass sie gut ist. Das ist Gott. Daher kann auch nur Gott das Gute tun. Ein Mensch ist dazu nicht in der Lage. Auch dieser junge Mann nicht. Dennoch gab Gott einen Weg, auf dem es auch für Menschen möglich wäre, das Gute zu tun. Dazu aber musste man zuerst anerkennen, dass man selbst nicht in der Lage ist, Gott wirklich zu gefallen.

Wenn man Psalm 16 liest, ist man beeindruckt von der Demut des Herrn. Er ist Gott. Aber als abhängiger Mensch sagt Er dort im Vertrauen zu seinem Gott: „Du bist der Herr; meine Güte reicht nicht zu dir hinauf“ (Vers 2). So bestätigt Er die Güte, das Gute Gottes, und nimmt diese (dieses) als abhängiger Mensch nicht einmal für sich in Anspruch.

In Matthäus 19 lesen wir nun, wie der Herr Jesus trotzdem auf die Frage des jungen Mannes eingeht. „Wenn du aber ins Leben eingehen willst, so halte die Gebote.“ Der Herr spricht nicht vom ewigen Leben. Er verkündet diesem Mann auch nicht das Evangelium der Gnade. Denn dieser ist dafür noch nicht vorbereitet. Er hält sich an das Wort des Alten Testaments, das Er selbst gegeben hatte. Noch immer stellt Er die Menschen, ja die besten Menschen – zu denen auch dieser junge Mann gehörte –, unter die Verantwortung, das Gesetz zu halten.

Offenbar ist dieser Mann so von seiner eigenen Gerechtigkeit erfüllt, dass er nachfragt, welche Gebote er (besonders) halten solle. Er dachte, dass er die Gebote im Allgemeinen gut erfüllte. Jesus beschränkt sich darauf, die Gebote der zweiten Gesetzestafel zu nennen, die sich auf das menschliche Miteinander beziehen. Dieser Mann dachte nicht an seine Beziehung zu Gott, sondern nur an das Gute in sich selbst – und das betraf zuallererst die anderen Menschen: „Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst kein falsches Zeugnis ablegen; ehre den Vater und die Mutter; und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Es fällt auf, dass das zehnte Gebot, das Haus des nächsten nicht zu begehren, hier in einer abgewandelten Form genannt wird, den Nächsten zu lieben wie sich selbst (vgl. 3. Mo 19,18).

Gerechtigkeit tun

Man staunt darüber, dass dieser Mann, von dem Lukas sagt, dass er ein Oberster war, tatsächlich von sich behauptet, alle diese Gebote beachtet zu haben. „Was fehlt mir noch?“ Wie kann ein Mensch wirklich von sich behaupten, alle diese Gebote – also z. B. auch: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ – bislang gehalten zu haben? Dennoch schwingt in seinen Worten das Bekenntnis mit, dass er wohl irgendetwas Gutes noch nicht getan hat. Nur deshalb wendet er sich ja überhaupt an Jesus. Hat er vielleicht gemerkt, dass gerade die wesentliche Frage seiner Beziehung zu Gott nicht geklärt war? Der Herr lässt diese Aussage so stehen. Er erkennt die Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit dieses Mannes an, der sich offenbar wirklich bemühte, das ganze Gesetz zu erfüllen. Auch Paulus dachte dies von sich und schreibt später an die Philipper: „Was die Gerechtigkeit betrifft, die im Gesetz ist, für untadelig befunden“ (Phil 3,6).

Man darf diese Aussage natürlich nicht im absoluten Sinn verstehen. Römer 3 sagt sehr deutlich, dass es auf dieser Erde keinen Gerechten gibt. In Vers 12 heißt es dort, dass es keinen Menschen gibt, der Gutes tut – auch nicht einen einzigen. Aber dieser junge Mann und offenbar auch Paulus waren solche, die über einen längeren Abschnitt wirklich äußerlich nach den einzelnen Geboten gelebt hatten. Sie lebten äußerlich gerecht. Aber irgendwann kommt im Leben jedes Menschen der entscheidende Prüfstein. So auch hier bei diesem Mann: „Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib den Armen, und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben; und komm, folge mir nach! Als aber der Jüngling das Wort hörte, ging er betrübt weg, denn er hatte viele Besitztümer.“

Der Herr Jesus zeigt durch diese Antwort noch einmal, wer Er wirklich ist. Er kannte die Schwachstelle im Leben dieses Mannes. Dieser führte ein äußerlich gerechtes Leben. Aber um wirklich vollkommen zu sein, so dass Gott ihn annehmen könnte, musste er bereit sein, sich selbst vollkommen hinzugeben. In seinen Umständen bedeutete das, bereit zu sein, den gesamten Besitz für die anderen – seinen Nächsten – hinzugeben und dem Herrn Jesus nachzufolgen. Dazu fehlte diesem Mann der Glaube. Seine Reaktion bewies, dass er das Gebot aus 3. Mose 19,18 doch nicht vollständig befolgte. Wenn er seinen Nächsten wirklich geliebt hätte wie sich selbst, wäre er bereit gewesen, diesem auch seinen Besitz zur Verfügung zu stellen. Er musste – exemplarisch für alle Menschen – lernen, dass man tatsächlich nicht in der Lage ist, alle Mindestanforderungen Gottes zu erfüllen, wie sie im Gesetz ausgedrückt wurden.

Wäre er bereit gewesen, seine Habe den Armen zu überlassen, hätte er einen bleibenden Platz im Königreich des Herrn haben können, sogar einen Schatz in den Himmeln, wo ihn niemand hätte wieder hinausstoßen können.11 Zu diesem Verzicht auf sein Reichtum war er jedoch nicht bereit. Damit zeigte er seine wahre Natur.

Wenn man alles um des himmlischen Schatzes willen aufgibt, um zu dem verachteten Nazarener zu kommen und Ihm nachzufolgen, dann ist das beeindruckend. Aber was ist das im Vergleich zu dem, was den Sohn Gottes auf diese Erde herabführte? Er gab wirklich alles auf, um uns zu erlösen. Das ist und bleibt unvergleichlich. Aber selbst das viel Geringere, das Lieben des Nächsten, war zu viel für diesen jungen Mann, der in seiner eigenen Kraft auch gar nicht fähig dazu war. Der Reichtum half ihm vielleicht, das Gesetz äußerlich zu halten. Aber dieser Reichtum stellte für ihn ein Hindernis dar, das wahre Bedürfnis der Gnade Gottes zu erkennen. Denn er stand in seinem Herzen unter dem Joch des Reichtums, mit dem er sich innerlich untrennbar verbunden fühlte.

Reichtum und reich sein

Wir wollen bedenken: Es ist nicht sündig, reich zu sein. Das wissen wir zum Beispiel aus 1. Timotheus 6,17, denn dort werden die Reichen lediglich ermahnt, nicht auf ihren Reichtum zu vertrauen. Sie werden nicht aufgefordert, ihren Reichtum abzugeben. Insofern dürfen wir diese Verse in Matthäus 19 auch nicht falsch verstehen. Wir Christen werden nicht aufgefordert, unser gesamtes Vermögen abzugeben. Wir wissen, dass wir Gott sowieso gehören, und zwar mitsamt des irdischen Vermögens. Das heißt, dass wir das, was Gott uns für unser Leben anvertraut, in Gottesfurcht vor Ihm und für Ihn verwalten sollen. Aber wir lernen aus diesem Abschnitt, dass die Natur des Menschen, so liebenswert sie in ihrem Charakter auch sein mag, moralisch vollständig von Gott entfernt ist. Und das offenbarte sich an der Haltung dieses Mannes im Blick auf seinen Reichtum. Das wollte er nicht wahrhaben.

Es geht in diesen Versen nicht darum, wie wir als Christen leben sollen. Als solchen wird uns gesagt, dass wir nicht nach Reichtum streben sollen, weil uns diese Begierde aus der praktischen Gemeinschaft mit Gott wegtreibt (vgl. 1. Tim 6,9.10). In Matthäus 19 geht es darum, wie man Leben bekommen kann. Und hier zeigt der Herr schlicht, dass der Mensch von sich aus nicht in der Lage ist, sich Leben zu erwerben. Jeder hat sein eigenes „Problem“. Dieser Mann hatte das Problem, dass er an seinem Reichtum hing. Ein anderer hat eine andere Sucht. Gemein ist allen Menschen, dass sie von sich aus nicht in der Lage sind, das Leben zu erwerben. Das ewige Leben ist ein Geschenk Gottes: „Ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben“ (Joh 10,28).

Es kommt noch etwas Zweites hinzu. Man muss bereit sein, dem Herrn Jesus nachzufolgen. Dazu gehört Selbstaufgabe, denn Nachfolge bedeutet, dass derjenige unser Leben bestimmt, dem wir nachfolgen. Man gibt somit die Herrschaft über das eigene Leben ab. Das beinhaltet auch Entsagung. In Matthäus 8 haben wir gelernt, dass der Herr Jesus keinen Platz hatte, wohin Er sein Haupt legen konnte. Das gilt dann auch für die Jünger des Herrn. Der Herr Jesus selbst wird somit zum Entscheidungskriterium bei der Frage des Lebens.

Der junge Mann spürt, dass ihm doch noch etwas fehlt – das Wesentliche für sein Leben. Wir wissen nicht, ob er einmal zur Umkehr gekommen ist. Was wir wissen ist, dass er betrübt wegging, weil er an seinen Besitztümern hing. Er war nicht bereit, in die Nachfolge des Herrn einzutreten. Der Preis war ihm zu hoch. Wie tragisch, wenn auch heute jemand weiß, was ihm fehlt, weiß, dass er zu dem Herrn Jesus gehen muss, um Ihn als Retter anzunehmen, es aber nicht tut. Jesus hat diesem Mann alles gezeigt, was dieser brauchte, um Leben zu erhalten.

Der junge Mann als ein Bild des selbstgerechten Israels

Der Herr Jesus war nicht überrascht, als der junge Mann sich von Ihm abwandte, denn Er kennt das menschliche Herz. Zugleich aber fand Er in ihm ein Bild des Zustands des jüdischen Volkes wieder. Denn letztlich steht der junge Mann gerade in diesem Evangelium für die Selbstgerechtigkeit des jüdischen Volkes, das meinte, durch eigene Werke Gott zufrieden stellen zu können. Sie erkannten nicht, dass sie sich eigentlich von Gott wegwandten, indem sie meinten, ihr eigener Besitz und ihre eigenen Fähigkeiten seien wichtiger als der Gehorsam gegenüber Gott.

So war der Herr zwar nicht überrascht, dennoch aber war diese Begegnung keine Freude für Ihn. Denn Er wünscht, dass Menschen Ihm nachfolgen. Doch hierfür müssen sie bereit sein, ihre eigene Unfähigkeit zuzugeben. Diese Belehrung möchte der Herr seinen Jüngern im Folgenden noch weiter vertiefen.

Verse 23–26: Für Menschen unmöglich – für Gott möglich

„Jesus aber sprach zu seinen Jüngern: Wahrlich, ich sage euch: Schwerlich wird ein Reicher in das Reich der Himmel eingehen. Wiederum aber sage ich euch: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgehe, als dass ein Reicher in das Reich Gottes eingehe. Als aber die Jünger es hörten, erstaunten sie sehr und sagten: Wer kann dann errettet werden? Jesus aber sah sie an und sprach zu ihnen: Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich“ (Verse 2326).

Der Herr belehrt seine Jünger über die Gefahr, die mit Reichtum verbunden ist. Er sagt zunächst nicht, dass es für einen Reichen unmöglich ist, in das Königreich einzugehen. Aber es ist nicht leicht, sich von dem Reichtum (innerlich) zu lösen. Nicht von ungefähr weist Paulus darauf hin: „Denn seht eure Berufung, Brüder, dass es nicht viele Weise, nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Edle sind; sondern das Törichte der Welt hat Gott auserwählt, damit er das Starke zuschanden mache“ (1. Kor 1,26.27). Christus hat den Armen gute Botschaft verkündigt (vgl. Mt 11,5), solchen, die sich ihrer Armut bewusst sind und nicht meinen, sie selbst wären in der Lage, Gott zufrieden zu stellen.

Der Herr verschärft diesen Gedanken noch, indem Er den Vergleich eines Reichen mit einem Kamel zieht. Kann ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurch gehen? Das ist unmöglich. Wegen dieser Unmöglichkeit haben manche darüber nachgedacht, ob mit dem Nadelöhr nicht eine Felsspalte oder dergleichen verstanden werden kann. Aber die Belehrung des Herrn Jesus ist klar und passt zu einer bekannten jüdischen Redensart: Er stellt hier nichts anderes als eine Unmöglichkeit dar. Genauso wenig, wie ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchkommt, kann ein Reicher in das Königreich Gottes.

Man fragt sich unwillkürlich: Steht Vers 24 nicht im Widerspruch zu Vers 23? Ist es jetzt unmöglich oder schwer? Die Antwort liegt in dem bemerkenswerten Gebrauch der Ausdrücke Königreich der Himmel und Königreich Gottes. Der Herr verwendet nicht deshalb einen anderen Ausdruck, um eine Wiederholung zu vermeiden. Dahinter steckt ein tieferer Sinn! Abgesehen davon wissen wir natürlich und halten daran fest, dass es in Gottes Wort keinen einzigen Widerspruch gibt! Das ist eine Grundvoraussetzung dafür, Gottes Wort überhaupt richtig verstehen zu können.

Dass der Herr Jesus hier in Vers 24 von dem Reich Gottes spricht, fällt allein insofern auf, als Er in diesem Evangelium bis auf wenige Ausnahmen immer den Ausdruck „Reich der Himmel“ verwendet. Der Ausdruck „Reich Gottes“ kommt überhaupt nur fünfmal vor (Mt 6,33; 12,28; 19,24; 21,31; 21,43). In allen fünf Fällen spricht der Herr Jesus nicht von einer in erster Linie äußeren Form des Reiches, sondern von seinem moralischen Inhalt, von den moralischen Merkmalen des Reiches. So auch hier.

Wer an Reichtum hängt, kann nicht in das Reich Gottes eingehen

Es ist schon schwer, in die (äußerliche) Nachfolge des Herrn zu treten, wenn man viel Besitz hat und daran hängt. Im moralischen Sinn aber ist es sogar unmöglich. Wenn mir mein Besitz wichtig ist, kann mir nicht gleichzeitig der Herr Jesus wichtig sein. Das haben wir schon in Matthäus 6,24 gelernt: „Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Für jemanden, der reich ist und an diesem Reichtum hängt – er ist also durch den Reichtum geprägt und daher durch und durch ein „Reicher“! – gibt es keinen Platz für den Herrn Jesus. Er dient sich selbst.

Die Jünger mussten noch lernen, dass eine ganz neue Zeit anbrach. Es zählten im Unterschied zum Alten Testament nicht mehr die irdischen Reichtümer. Irdischer Besitz würde von jetzt an kein Beweis des Segens Gottes mehr sein. Was jetzt zählte, war das ewige Leben, der Besitz des Lebens des Herrn, seine Nachfolge. Es ging nicht mehr um materielle, sondern um geistliche Güter!

Die Jünger zogen sofort die richtige Schlussfolgerung: „Wer kann dann errettet werden?“ So war es: Niemand! Die Antwort des Herrn bestätigt genau dieses. „Bei Menschen ist dies unmöglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich.“ Ein Mensch ist nicht in der Lage, in das Reich Gottes hineinzukommen. Die Errettung ist nicht nur schwierig und unwahrscheinlich für den Menschen, sie ist unmöglich. Sie ist nur möglich, wenn göttliche Kraft sie bewirkt. Ein Mensch kann die Begierden des Fleisches durch eigene Anstrengungen einfach nicht überwinden. Er selbst ist der Inbegriff dieser Begierden. „Kann ein Kuschit seine Haut wandeln, ein Leopard seine Flecken? Dann könntet auch ihr Gutes tun, die ihr Böses zu tun gewöhnt seid“ (Jer 13,23).

Und doch gibt es viele Menschen, die dem Herrn dienen und damit in dem Bereich sind, wo Gott als Herr anerkannt wird. Wie ist das möglich? Allein dadurch, dass Gott selbst tätig wird. Er ist tätig geworden, indem Er den Herrn Jesus für uns in den Tod gegeben hat. Und jetzt ist Er es, der einen Menschen verändert, indem Er bewirkt, dass dieser von neuem geboren wird. Es ist wahr, dass der Mensch auf das Wirken des Geistes Gottes reagieren muss. Aber die neue Geburt kommt von oben. Gott selbst bewirkt sie durch sein Wort im Leben eines Menschen.

So ist es wunderbar zu sehen, dass uns die Briefe zeigen, wo und wie Menschen zu Gott finden. Wir lesen von Personen aus dem direkten Umfeld von Herodes (Apg 13,1); von Gläubigen aus dem Haus des Kaisers (Phil 4,22); von Priestern, die sich bekehrt haben (Apg 6,7); von Barnabas, dem Leviten (Apg 4,36), von Saulus von Tarsus, der zu den Füßen Gamaliels gelernt hatte (Apg 22,3). Gottes Macht und Gnade sind unübertrefflich!

Verse 27–30: Belohnung im Königreich der Himmel

„Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt; was wird uns nun zuteil werden? Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten. Und jeder, der verlassen hat Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Frau oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, wird hundertfach empfangen und ewiges Leben erben. Aber viele Erste werden Letzte und Letzte Erste sein“ (Verse 27–30).

Am Schluss dieses Kapitels gibt uns der Herr in seiner Antwort auf einen Einwand von Petrus noch eine weitere, wichtige Belehrung. Es gibt keinen Verdienst für Jünger im Königreich. Aber es gibt eine umfassende und großartige Belohnung. In die Nachfolge des Herrn tritt niemand ohne Belohnung ein. Wer bereit ist, für Ihn sein eigenes Leben aufzugeben, wird reich belohnt. Damit ist der Herr wieder bei der Herrlichkeit, die das 17. Kapitel einleitete.

Petrus tritt wieder einmal aus der Menge der Jünger heraus. Er hat genau gesehen, mit was für einer Selbstsicherheit dieser junge Mann aufgetreten ist. Und er hat das Ende gesehen, nämlich dass dieser Mann wieder zurückgekehrt ist in sein eigenes, altes Leben. Jetzt fragte sich Petrus, was sie eigentlich davon hatten, dem Herrn alles in ihrem Leben geopfert zu haben. Klingt nicht ein stückweit Selbstgerechtigkeit aus den Worten von Petrus? Bislang hatte er nach diesem Evangelium ein einziges Mal direkt geistlich gesprochen, nämlich als der Vater ihm eine besondere Offenbarung machte. Aber hier dreht sich sein Denken erneut nur um sich und das, was er getan hat. Hatte der Herr Jesus, dem er nachfolgen sollte und wollte, nicht viel mehr aufgegeben als er selbst?

Andererseits dürfen wir nicht gering darüber denken, was die Jünger aufgegeben haben. Sie hatten wirklich „alles verlassen“, um dem Herrn nachzufolgen. Würde es sich denn nicht gelohnt haben?

Vielleicht würden wir erwarten, wenn wir den Bibeltext nicht kennten, dass der Herr seinen Jünger zurechtweist. Das tut Er aber überhaupt nicht. Das zeigt uns, dass er die Hingabe seiner Jünger sehr schätzte. Er wusste besser als jeder andere, was sie wirklich für Ihn aufgegeben hatten. Und sie hatten es getan, ohne vorher eine Ankündigung einer Belohnung erhalten zu haben. Daher bestätigt Er die Worte von Petrus und schenkt seinen Jüngern einen wunderbaren Blick auf ihre Zukunft und auf ihre Belohnung.

Eine spezielle Belohnung für die 12 Jünger

„Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“ Der Herr Jesus spricht hier von der herrlichen Zukunft, wenn Er als der Sohn des Menschen regieren wird. Er beschränkt seine Herrlichkeit an dieser Stelle nicht auf die des Messias, der in Israel herrschen wird. Als der Sohn des Menschen wird Er nach Psalm 8 über das gesamte geschaffene Universum regieren.

Innerhalb dieser Regierung im 1.000-jährigen Reich wird das Land und Volk Israel einen besonderen Platz einnehmen. Davon spricht Jesus hier, wenn Er die zwölf Throne erwähnt, auf denen seine zwölf Jünger sitzen und die zwölf Stämme Israels richten werden. Wir wissen, dass Judas Iskariot, der Sohn des Verderbens, nicht dazu gehören wird. An seiner Stelle wird Matthias (Apg 1,26) dort sitzen. Bemerkenswert ist, dass der Herr hier deutlich macht, dass nicht nur die zwei zu jener Zeit anwesenden Stämme im Land sein werden. Alle zwölf Stämme werden dann wieder vereint sein!

Er selbst wird sich nicht auf seinen Thron setzen, so lange seine „Genossen“, seine Brüder nicht bei Ihm sind und mit Ihm erben können. Darauf wartet Er. Dazu gibt es eine biblische, zeitliche Ordnung. Zuerst muss die Versammlung auf der Erde vollendet sein, das heißt, sie wird zusammen mit den alttestamentlichen Gläubigen von Ihm in den Himmel aufgenommen (1. Thes 4). Dann wird diese Erde eine furchtbare Drangsalszeit erleben, die durch das Kommen des Herrn mit den Seinen enden wird. Dann wird Er alle seine Feinde niederschlagen, die sich hier gegen Ihn und sein Volk aufgelehnt haben. Danach erst wird Er sich auf seinen Thron setzen – das ist die Wiedergeburt, von der hier die Rede ist. Und das will Er nicht allein tun, sondern diesen Platz des Gerichts mit den Seinen teilen, die während seines Lebens auf der Erde (und in der heutigen Zeit, wo Er noch immer der Verworfene ist), seine Schmach geteilt haben.

Aber diese gewaltige Belohnung der Herrschaft über das Volk Israel wird ausschließlich den zwölf Jüngern zugesprochen. Es ist keine Aufgabe, die sie mit uns teilen werden. In Jesaja 32,1 wird diese Belohnung schon angedeutet: „Siehe, ein König wird regieren in Gerechtigkeit; und die Fürsten, sie werden nach Recht herrschen.“ Die Jünger werden in der Verwaltung des 1.000-jährigen Reiches den ersten Platz von Fürsten einnehmen.

Aus 1. Korinther 6,2 wissen wir, dass wir – besonders die Gläubigen aus den Nationen – die Welt richten werden. Ähnliches finden wir in Offenbarung 20,4 ff. Immer wieder finden wir die Zusicherung, dass Gott Menschen, die Ihm nachfolgen, belohnen wird: „Und dein, o Herr, ist die Güte; denn du vergiltst jedem nach seinem Werk“ (Ps 62,13). So gilt auch für uns der Grundsatz: „Wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (vgl. 2. Tim 2,12), wenn wir mitleiden, dann werden wir auch mitverherrlicht werden.

Aber die Belohnung wird für jeden unterschiedlich ausfallen. Sie hängt von der persönlichen Treue ab, die jeder von uns erwiesen hat. Doch in viel höherem Maß hängt unser zukünftiger Platz von der souveränen Gnade Gottes ab. Denn Er hat die Gläubigen in ganz unterschiedliche Familien Gottes gestellt (vgl. Eph 3,15). So hat der Herr die in Matthäus 19 genannte Aufgabe in Israel nur seinen zwölf Jüngern zugedacht. Sie haben mit dem Herrn in der schwierigsten Zeit, die man sich vorstellen kann, ausgeharrt: als Er auf der Erde war und ans Kreuz gebracht wurde. Da waren sie Ihm nachgefolgt, obwohl Er von seinem Volk verworfen wurde. So werden sie eine besondere Belohnung erhalten.

Die Wiedergeburt – nicht die neue Geburt

Der Herr Jesus spricht hier von der „Wiedergeburt“. Das ist ein Ausdruck, der nur noch ein zweites Mal im Neuen Testament vorkommt, nämlich in Titus 3,5. Was meint der Herr Jesus mit diesem Begriff? Er bezieht sich offensichtlich auf die Wiederherstellung des Volkes Israel, wenn zu Beginn des 1.000-jährigen Friedensreichs die zehn Stämme wieder in das Land Israel zurückkehren werden, nachdem sie gereinigt worden sind (vgl. Hes 36.37), und die zwei Stämme nach der großen Drangsalszeit durchs Feuer gereinigt worden sein werden. Dann wird Christus nicht mehr der Verworfene auf dieser Erde sein.

In dieser Zeit wird das Volk in einem vollständig neuen Zustand sein. Es handelt sich um eine ganz neue Ordnung der Dinge – es wird wie eine Wiedergeburt des Volkes sein. Damit ist also nicht die neue Geburt gemeint, die wir in Johannes 3 finden, sondern eine nationale Wiedergeburt. Das Volk wird wieder neu zum Leben erwachen und in einem neuen, gereinigten Zustand im Land sein. Diese gewaltige Veränderung geht damit einher, dass „auch die Schöpfung selbst freigemacht werden wir von der Knechtschaft des Verderbens zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Denn dieser neue Zustand hat nicht nur gewaltige Auswirkungen für das irdische Volk Gottes, sondern sogar für die gesamte Schöpfung.

Aus Titus 3,5 lernen wir, dass dieser neue Zustand von dem himmlischen Volk Gottes schon heute vorweggenommen wird. Denn wir gehören schon jetzt zu der neuen Schöpfung Gottes, wenn wir auch noch in der ersten Schöpfung leben und körperlich an diese gebunden sind. So dürfen wir jetzt bereits geistlicherweise Merkmale dieser Wiedergeburt tragen, was unseren Lebenswandel betrifft.

Das Geschenk des ewigen Lebens

Der Herr Jesus weist aber noch auf einen zweiten Teil der Belohnung für die Jünger hin. „Und jeder, der verlassen hat Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Frau oder Kinder oder Äcker um meines Namens willen, wird hundertfach empfangen und ewiges Leben erben.“ Der junge Mann hatte von ewigem Leben gesprochen. Hier erst nimmt der Herr Jesus diesen Gedanken auf. Es gibt wirklich nicht nur Leben, sondern sogar ewiges Leben! Das ist das Leben, das der junge Mann für sich begehrte und doch verfehlte. Denn er wollte Christus nicht nachfolgen, indem er seinen eigenen Besitz und sonstige Rechte aufgab, wie das die Jünger des Herrn getan haben.

Während der erste Teil der Belohnung ausschließlich auf die zwölf Jünger zutrifft, finden wir hier eine Antwort des Herrn auf die Hingabe seiner Jünger, die jeden Jünger zu jeder Zeit betreffen. Wer bereit ist, sein Eigentum, seine Ruhe, seine Wohnstätte, seine Beziehungen, seine Arbeitsstätte usw. aufzugeben, obwohl er ein Recht hat, diese in Anspruch zu nehmen, der bekommt vom Herrn einen vollen Lohn. Er wird dem Herrn nicht umsonst nachfolgen.

Der Herr zeigt Petrus aber durch diesen Vers auch, dass der Beweggrund für die Nachfolge nicht zweitrangig ist. Petrus hatte auf den Umstand hingewiesen, dass er und seine Jüngerkollegen alles verlassen hätten. Der Herr Jesus zeigt nun, dass Er nur einen einzigen Beweggrund als Grundlage für Belohnung gelten lassen kann: „um meines Namens willen.“ Das heißt nichts anderes, als dass der Jünger aus Liebe zu seinem Herrn und allein um seinetwillen in die Nachfolge Christi gehen sollte. Selbst die Belohnung, die Jesus hier als Ermutigung nennt, darf nicht zum eigentlichen Beweggrund werden. Sonst sind es letztlich doch egoistische Motive, die uns antreiben würden. Es geht um Ihn – und um Ihn allein!

Matthäus spricht im Unterschied zu Markus nicht von zwei verschiedenen Zeitpunkten bzw. Epochen, in denen dieser Lohn „ausgezahlt“ wird. Er spricht vom Ausmaß der Belohnung („hundertfach“) und vom Inhalt der Belohnung (ewiges Leben). Das war das große Ziel der alttestamentlich Gläubigen, wie wir gesehen haben. Sie hofften darauf, in das 1.000-jährige Reich einzugehen. Hier wird es den Jüngern verheißen.

Belohnung für Jünger

Wir Christen sind mehr als Jünger. Wir sind Kinder Gottes und wissen daher, dass wir im Vaterhaus sein werden. Aber auch der hier beschriebene Lohn für Jünger ist gewaltig und betrifft uns. Wir dürfen wissen, dass wir das Leben geschenkt bekommen, das den Himmel ausmachen wird. Johannes spricht zwar davon, dass wir dieses Leben geistlicherweise schon heute genießen dürfen (vgl. 1. Joh 5,13). Paulus und die anderen Apostel aber sehen das ewige Leben im Allgemeinen wie der Herr an dieser Stelle als ein Geschenk Gottes an die Gläubigen an, wenn sie umgestaltet und in Ewigkeit bei Ihm sein werden.

Hier spricht der Herr Jesus von der Seite der menschlichen Verantwortung. Und auch der müssen wir uns stellen. Sind wir bereit, um des Herrn willen zu verzichten? Steht Er an der ersten Stelle in unserem Leben? Wir verstehen gut, dass diese Verse nicht bedeuten, dass wir unsere Verantwortung in Ehe, Familie und Beruf vernachlässigen dürfen. Darum geht es nicht. Aber Er möchte an der ersten Stelle in unserem Leben stehen. Dann werden auch wir reich belohnt. Der Herr möchte unser Herz allerdings nicht allein aufgrund der Aussicht auf eine Belohnung besitzen. Dennoch stellt Er uns in seiner Gnade diese gewaltige Belohnung als Motivation für unser Leben vor, damit wir es Ihm weihen. Ob wir Ihm eine Antwort der Liebe und Dankbarkeit geben werden?

Wir lernen also, dass es im Leben eines Gläubigen nichts gibt, was er tut oder leiden muss, dessen nicht in dem Königreich gedacht werden wird. Das ist für uns ein sehr gesegneter Gedanke – aber er ist zugleich auch sehr ernst. Wenn auch unsere heutigen Wege nichts mit der Frage der ewigen Sündenvergebung zu tun haben, haben sie doch eine große Auswirkung auf das Zeugnis für Christus. So entscheiden sie über unseren künftigen Platz im Königreich. Wir dürfen die Lehre der Gnade nicht dazu benutzen, die Lehre über die Belohnung und Verantwortung zur Seite zu stellen. Immer soll Christus das einzige Motiv für unser Handeln sein.

Wir haben gesehen, dass der Herr Jesus in diesem Kapitel sein Licht auf Ehe, Familie und Besitz fallen lässt. Das sind drei Dinge, die in unserem Leben in dieser Welt einen sehr großen Platz einnehmen. Das Licht, was der Herr hierüber verbreitete, hat die Überzeugungen der Jünger grundsätzlich verändern müssen, wie wir den Versen 10, 13 und 25 entnehmen können. Ob nicht auch wir durch diese Belehrungen des Herrn unsere Überzeugungen neu dem Wort Gottes anpassen müssen?

Erste werden Letzte und Letzte Erste sein

Der letzte Vers stellt sowohl den Abschluss zu unserem Abschnitt als auch die Einleitung zum nächsten Kapitel dar. Im Königreich der Himmel müssen wir lernen, dass es nicht darauf ankommt, unter Menschen ein „Erster“ zu sein. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Nur derjenige, der bereit ist, auf dieser Erde der Letzte zu sein, wird im Königreich der Erste sein können. Nicht der äußere Schein zählt. Es geht auch nicht nach der Stellung, die jemand in dem alten, jüdischen System und vor den Menschen eingenommen hat. Die innere Gesinnung ist das Ausschlaggebende.

Der Herr selbst nahm den untersten Platz ein, wie wir Philipper 2 entnehmen können. Daher ist dieser Platz so wertvoll, wie ein Bruder geschrieben hat. Denn wenn wir bereit sind, diesen Platz einzunehmen, dann finden wir dort Ihn. Auch Paulus war bereit, diesen Platz einzunehmen, wie wir Philipper 3,7.8 entnehmen können. Ihm ging es allein darum, Christus zu gewinnen. Dadurch wurde aus ihm, dem Letzten, der Erste im Reich der Himmel, wenn wir von Christus, dem Herrn und König, absehen. Das darf auch für uns Ansporn sein, demütig und klein zu werden.

Fußnoten

  • 1 Hier würde der Zwischenteil bedeuten: Nicht wegen Hurerei – denn das ist nichts anderes als Ehebruch von dem „schuldigen“ Teil, so dass der Getrennte frei ist, wieder zu heiraten.
  • 2 Hier würde der Zwischenteil bedeuten, wenn man diesen Punkt etwas verallgemeinert: a) nicht wegen Hurerei – denn da geht es ja gar nicht um eine Entlassung, sondern um ein Übergeben an das Gericht, um ein Handeln nach den jüdischen Gesetzen, die das Todesurteil für den bedeuteten, der Hurerei beging. b) nicht wegen Hurerei – denn darauf will ich an dieser Stelle nicht eingehen c) nicht wegen Hurerei – denn der unzüchtige Ehepartner ist ja von sich aus gegangen (und wie soll man bei einer ehebrecherischen Frau oder einem solchen Mann wohnen). Dabei gilt es aber zu bedenken, dass mit der Trennung die Ehe nicht aufgelöst worden ist, so dass auch in diesem Fall anderweitige Wiederheirat Ehebruch bedeutet.
  • 3 Die deutsche Übersetzung des Wortes „moicheia“ ist Ehebruch. Dabei muss man wissen, dass der Gedanke „Bruch“, wie er im deutschen Wort ausgedrückt wird, so nicht im griechischen Wort buchstäblich enthalten ist (wobei an dieser Stelle nicht beurteilt zu werden braucht, ob es die Folge des Handelns sein kann). Moicheia, als das mit Ehebruch übersetzte Wort, bedeutet die geschlechtliche Gemeinschaft einer verheirateten Person mit einer Person, mit der sie nicht verheiratet ist.
  • 4 Es bleibt natürlich wahr, dass in einer Ehe, die sich auseinanderlebt, was möglicherweise ein Auslöser für Hurerei wird, die Schuld niemals allein auf einer Seite liegt. Dennoch ist kein noch so versagendes Verhalten des Ehepartners ein Grund, selbst Sünde zu begehen und Ehebruch zu betreiben. Allerdings muss sich die leidtragende Person (sie wird gelegentlich das „Opfer“ der Hurerei genannt) fragen, inwieweit sie mit dazu beigetragen hat, dass es zu einer derartigen Entfremdung und somit auch zu dieser Hurerei kommen konnte. Wenn sie sich dieses Versagens bewusst wird, wird sie selbst Buße tun und ein Bekenntnis ablegen. Dieser Eheteil wird dann nicht vorschnell selbst heiraten, sondern Zeit zur Umkehr des Ehepartners geben.
  • 5 Es gibt Ausleger, die in Bezug auf Markus 10,10.11 darauf verweisen, dass der Herr nicht an jeder Stelle die ganze Wahrheit offenbart. Man dürfe auch nicht die eine Stelle gegen die andere ausspielen. Die Texte ergänzen sich, so dass man zum Verständnis der Sache die verschiedenen Parallelstellen insgesamt anschauen müsse. Es ist jedenfalls interessant, dass sich der Herr im Markusevangelium nur an die Jünger im Haus wandte, die Ihn dort befragten. Die Pharisäer waren somit bei dieser Antwort nicht mehr zugegen. Im Matthäusevangelium lesen wir nur, dass „sie“ zu Ihm sagen. Es wird offen gelassen, wer das ist. Der Geist Gottes schränkt dadurch den Zuhörerkreis gedanklich nicht ein. Vielleicht ist das ein gewisser Hinweis darauf, dass der Herr zumindest nicht empfiehlt, diesen Weg der Entlassung und Wiederheirat zu wählen, selbst wenn Unzucht vorkommt? Erwartet Er von denen, die seine Jünger sind, eine übermäßige Portion Gnade und Vergebung?
  • 6 5. Mose 21 ist ein prophetisches Kapitel. Dort spricht Gott von der Zukunft Israels – aus damaliger Sicht. Die Verse 15 – 21 gehören zusammen und zeigen, dass Gott sein Volk wegen ihrer Sünden verstoßen hat. Dadurch repräsentiert die gehasste Frau das Volk Israel. Gott hat sich aus Liebe mit seinem Volk verbunden (5. Mo 7,8), sie als seine Ehefrau gewählt (vgl. Jer 2,2). Wegen des Götzendienstes und weitere Gottlosigkeiten hat Gott sie verstoßen (Jes 54,6) und mit den Nationen eine Beziehung der Liebe begonnen. Das ist heute die Versammlung Gottes, die nach Epheser 5 und Offenbarung 21 die Braut Christi ist. In 5. Mose 21 wird sie die geliebte Frau genannt. Während der heutigen Zeit liebt Gott Israel nicht (das ist hier die Bedeutung von „hassen“: nicht lieben), denn Israel ist heute nicht Volk Gottes.
  • 7 Drei wesentliche angeführten Gegenargumente (Trennung, Scheidung, Wiederheirat, W.J. Ouweneel), die sehr wissenschaftlich begründet werden und heute unter ernsthaften Christen gerne aufgegriffen werden, führe ich an: a) „Außer im Fall von Hurerei“, denn in diesem Fall seid ihr natürlich verpflichtet, nach den jüdischen Gesetzen und der jüdischen Gerichtsbarkeit zu handeln. Aber soll man wirklich annehmen, der Herr gründe seine Argumentation auf die Schöpfungsordnung, um dann auf einmal jüdische Gesetze als Beweis anzuführen? Das ist abwegig. b) „Außer im Fall“ (gr. epi mit Dativ) von Hurerei kann bedeuten: „abgesehen von“. Das aber ist eine grammatikalische Unmöglichkeit. Diese Übersetzung ist schlicht falsch. c) Es ist nötig, im Text (oder außerhalb) eine Begründung für „außer im Fall von Hurerei“ zu finden, damit man diesen Text richtig verstehen kann. Hier steht keine Begründung, man braucht sie auch gar nicht zu erwarten. Denn der Herr redet immer wieder in autoritativer Weise, ohne Begründungen anzugeben (vgl. Mt 13,57; Mk 5,37; Joh 5,19; Apg 20,23). Es ist auch zu hören, dass sich dieser „Ausnahmefall“ nur auf die Juden bezöge, während die Belehrung für Christen (aus dem Heidentum) allein Markus und Lukas zu finden sei. Dieses Argument verkennt jedoch, dass der Herr hier (wie auch in Matthäus 16 und 18 im Blick auf die Versammlung) ganz grundsätzlich Hinweise gibt, die auch für uns heute von Bedeutung und damit relevant sind.
  • 8 Man kann auch an die sogenannten „Eunuchen“ denken, kastrierte Jungen. Eine gewisse Anwendung dieses zweiten Falles liegt darin, dass Eltern ihre Kinder so erziehen, dass sie heiratsunfähig werden, weil die Eltern sie ganz an sich binden. Eine zweite Anwendung liegt vor, wenn nationale oder kulturelle Umstände es nicht möglich machen, dass jemand heiraten kann. Nehmen wir an, ein Mann lebt in einem Land, in dem es nur sehr wenige Geschwister gibt (vielleicht auch wegen des Niedergangs unter den Gläubigen), so dass es überhaupt nur sehr wenige potenzielle Ehepartner für einen solchen Gläubigen gibt.
  • 9 Um es noch einmal zu betonen: Hier geht es ausdrücklich nicht um eine künstliche Verschneidung zu einem Eunuchen!, sondern um eine geistliche Entscheidung, nicht zu heiraten
  • 10 Unabhängig davon lernen wir aus Markus 16,16 die normale, von Gott vorgesehene Reihenfolge: Glaube, dann Taufe.
  • 11 Natürlich ist kein Mensch in der Lage, sich den Himmel durch solche gute Werke zu erarbeiten. Das beweist ja gerade diese Begebenheit. Denn um seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, bedarf es einer göttlichen Natur. Die aber besitzt kein Mensch aus sich selbst heraus – diese neue Natur bekommen wir von Gott durch die neue Geburt. Und diese erfordert zuvor ein göttliches Werk im Herzen des Sünders – etwas, was wir nicht aus uns selbst bewirken können.
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