Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 14

II. Der verworfene König und sein Weg zum Königreich in Herrlichkeit (Kapitel 14–17)

Mit Vers 53 beginnt ein neuer großer Abschnitt, der in Kapitel 17 endet. In Kapitel 12 haben wir gelernt, dass das jüdische Volk gerichtet und zur Seite gestellt wird. In Kapitel 13 finden wir als Folge, wie sich das Königreich angesichts der Abwesenheit des Königs entwickelt. Kapitel 13,53 bis zum Ende von Kapitel 14 zeigt dann, dass der Herr noch immer der Segnende ist, der Jahwe des Psalms 132. Er ist auf dem Berg, um zu segnen und in den ewigen Segen einzuführen. Im 15. Kapitel lernen wir, welchen Stand das Volk Israel eigentlich hätte einnehmen sollen – und wo sie moralisch in Wirklichkeit standen. Im 16. Kapitel führt der Herr die Versammlung ein, bevor Er in Kapitel 17 das Königreich in Herrlichkeit vorstellt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den von Matthäus immer wieder aufgegriffenen Wechsel der Epochen des Handelns Gottes mit den Menschen.

In Kapitel 12 haben wir vor uns gehabt, dass das Volk Israel und ganz besonders die Führer des Volkes Jesus in höchstem Maß verunglimpft und damit auch verworfen haben. Sie haben Ihm vorgeworfen, im Namen Satans Dämonen auszutreiben. Auf diese Bosheit konnte Jesus nur antworten, indem Er sein Volk – für eine Zeit – verwarf. Das verdeutlicht Er dadurch, dass Er in Kapitel 13 in sechs Gleichnissen vom Königreich der Himmel zeigt, dass die Aufrichtung seines Königreichs in Macht und Herrlichkeit verschoben werden müsse.

Anstelle dieses herrlichen Reiches würde sein Königreich jetzt eine geheimnisvolle Gestalt annehmen. Der König, der noch auf der Erde war, würde in den Himmel zurückkehren und von dort aus dieses Königreich regieren. Seine Knechte hier auf der Erde würden an seiner Stelle stehen, aber nicht, um zu regieren, sondern um das Evangelium zu verkündigen und um Zeugen für Gott zu sein. Zugleich würde der verworfene Herr etwas ganz Neues schaffen – die Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes (Kapitel 16).

In der Vollendung des Zeitalters würde der König dann seine Engel aussenden, um Gericht zu halten. Und dann würde Er auch als König wiederkommen, um sichtbar zu regieren (Kapitel 17). Diesen Punkt führt der Herr an dieser Stelle noch nicht weiter aus. Er zeigt in der Szene der Verklärung ein kurzes Bild davon; das Gericht selbst werden wir erst später in den Kapiteln 24 und 25 in einem weiteren, großartigen Panorama erklärt bekommen.


Die Gnade erschöpft sich nicht: Ein neuer Appell an die Juden (Mt 14)

Verse 1–13: Der falsche König (Herodes) verwirft den Vorläufer des wahren Königs

„Zu jener Zeit hörte Herodes, der Vierfürst, die Kunde von Jesus und sprach zu seinen Dienern: Dieser ist Johannes der Täufer; er ist von den Toten auferstanden, und darum wirken solche Kräfte in ihm. Denn Herodes hatte Johannes gegriffen, ihn gebunden und ins Gefängnis gesetzt, wegen Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte ihm gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, sie zu haben. Und er wollte ihn töten, fürchtete aber die Volksmenge, weil sie ihn für einen Propheten hielten. Als aber der Geburtstag des Herodes begangen wurde, tanzte die Tochter der Herodias vor ihnen, und sie gefiel dem Herodes; weshalb er mit einem Eid zusagte, ihr zu geben, was irgend sie erbitten würde. Sie aber, von ihrer Mutter angewiesen, sagt: Gib mir hier auf einer Schale das Haupt Johannes' des Täufers. Und der König wurde traurig, aber um der Eide und um derer willen, die mit zu Tisch lagen, befahl er, es zu geben. Und er sandte hin und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten. Und sein Haupt wurde auf einer Schale gebracht und dem Mädchen gegeben; und sie brachte es ihrer Mutter. Und seine Jünger kamen herzu, hoben den Leichnam auf und begruben ihn. Und sie kamen und verkündeten es Jesus. Als aber Jesus es hörte, zog er sich in einem Schiff von dort zurück an einen öden Ort für sich allein“ (Verse 1–13).

In Kapitel 13 hat der Herr Jesus sein eigenes Königreich vorgestellt. In diesen Versen erfahren wir etwas von dem Königreich dieser Welt. Christus wird aus dem Reich, das Ihm zusteht, hinausgeworfen. Das offenbart etwas von der Finsternis, die das weltliche Reich kennzeichnet.

In diesen Versen wird die Verwerfung des Herrn bestätigt. Denn der Mord an seinem Vorläufer und Herold bedeutet nichts anderes, als dass der Herr selbst ebenfalls verworfen ist. Wer seinen Vorläufer umbringt, wird nicht ruhen, bis er auch den König dieses Vorläufers beseitigt haben wird. Denn dieser ist der eigentliche Konkurrent um den Königsthron. Tatsächlich würde der Herr Jesus später noch mit dem bösen König Herodes zu tun haben. Dieser würde dann nicht die Macht besitzen, Jesus umzubringen. Aber geringschätzig behandeln konnte Herodes Ihn doch (vgl. Lk 23,11).

Herodes – ein Bild des Antichristen

Es handelt sich hier um Herodes Antipas, einen Sohn von Herodes dem Großen oder Herodes I., von dem wir in Matthäus 2 bereits gelesen haben. Dieser war kurz nach dem Kindermord, als er versucht hatte, auch Jesus umbringen zu lassen, unter großen Schmerzen gestorben. Sein Königreich wurde danach aufgeteilt und von sogenannten „Tetrarchen“2 regiert. Einer von ihnen war nun sein Sohn Herodes Antipas, dessen Herrschaftsgebiet Galiläa und Peräa umfasste. Er ist ein „leuchtendes“ Vorbild vom Antichristen, dem falschen König (das zweite Tier in Offenbarung 13). Während wir jedoch meistens Vorbilder im Blick auf das religiöse Handeln des Antichristen finden, ist Herodes mehr ein Bild von dem Antichristen in seiner politischen Macht und Falschheit. Auf diese Weise finden wir diesen bösen Menschen vor allem im Alten Testament vorhergesagt, während er im Neuen Testament als Ergänzung zum weltlichen Machthaber, dem Römischen Kaiser der Endzeit (das erste Tier in Offenbarung 13), vor allem als religiöses Oberhaupt in Erscheinung tritt. Es ist der Mann, der gegen Christus handelt, indem Er dessen Platz für sich beansprucht und sogar einnimmt. Der Herr spricht von diesem Menschen in Johannes 5: „Ich bin in dem Namen meines Vaters gekommen, und ihr nehmt mich nicht auf; wenn ein anderer in seinem eigenen Namen kommt, den werdet ihr aufnehmen.“ (Vers 43)

Wir sehen in diesen Versen aber auch, was sich nach der endgültigen Verwerfung des Herrn, die sich in dem Kreuz auf Golgatha widerspiegelt, auf der Erde abspielen sollte. Das heißt, dass wir in die Zeit blicken, in der das neue Zeitalter begonnen hat. Das Königreich der Himmel besitzt dann die geheimnisvolle Gestalt mit dem verworfenen König im Himmel. Das würde Satan ausnutzen und dafür sorgen, dass andere Könige auf der Erde das Sagen bekommen: die „Herodes dieser Welt“. Tatsächlich finden wir nicht von ungefähr, dass in der Apostelgeschichte ein Neffe dieses Herodes und damit ein Enkel von Herodes dem Großen gegen die Christen aufstehen würde. Von Anfang an war „das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam“ (2. Thes 2,7). Diese Gesetzlosigkeit wird ihre volle Offenbarung finden, wenn der Antichrist offenbart ist. Bis dahin sehen wir die Vorboten dieser Gesetzlosigkeit in geheimnisvoller, das heißt nicht offener Form, tätig. Satan hat nämlich von Anfang an seine Leute gegen Christus in Stellung gebracht. Und wie viele Johannes gab es nach Johannes dem Täufer, die dessen „Schicksal“ als Gefangene teilten.

Wie das Volk, so der König

Wenn wir wissen wollen, warum das Volk Christus verwarf und warum dann Christus das Volk zur Seite stellen musste, müssen wir uns diesen König anschauen. Gerechte warf er ins Gefängnis. Den Willen von Gottlosen erfüllte er. Er fürchtete die Menschen – nicht Gott. Und er ließ sich von seinen Gefühlen und Begierden treiben. Das war der Zustand des Volkes, dem er vorstand. Dabei gilt folgendes Sprichwort: Ein Volk bekommt den König, den es verdient. So repräsentiert dieser gottlose König ein gottloses Volk.

Es sind die beiden Grundarten der Sünde, die wir bei Herodes wiederfinden. In 1. Mose 6,11 lesen wir: „Und die Erde war verdorben vor Gott, und die Erde war voll Gewalttat.“ Verdorbenheit und Gewalttat sind die Kennzeichen dieser Welt und der Sünde überhaupt. Sie werden hier zum Kennzeichen von Herodes und damit des Volkes Israel. Dieser Mann findet Gefallen am Tanz seiner Tochter, was zum Mord an Johannes dem Täufer führt. Das ist nichts anderes als Gewalttat! Beides finden wir beim Volk der Juden in der damaligen Zeit wieder. Seine Verdorbenheit wird durch falsche Lehren und falsche Moral immer wieder deutlich gemacht. Und die Gewalttat gipfelt in dem Mord am Herrn Jesus.

Der Prophet, der seinen Herrn darstellte

Herodes hörte von den Zeichen, die der Herr Jesus getan hatte. Auch wenn Johannes der Täufer wohl kein einziges Zeichen vollbracht hat, erinnerte Herodes die Kunde von Jesus an diesen treuen Mann. Denn – und das lesen wir erst hier – er hatte Johannes umbringen lassen. Von diesem treuen Propheten hatten wir in Matthäus 3 gelesen, dass er als Vorläufer des Herrn Buße predigte und taufte und dann den Herrn Jesus als König in Israel einführen wollte. In Kapitel 11 haben wir gefunden, dass Johannes nur eine ganz kurze Zeit öffentlich dienen konnte, weil er ins Gefängnis geworfen wurde. Hier in Kapitel 14 erfahren wir nun, was Anlass für diese Gefangennahme war. Aber sein Dienst war so eindrucksvoll, dass die Nachricht von Jesus sofort mit dem Dienst von Johannes verbunden wurde. Die Frage, die sich an uns richtet, ist, ob man unseren Dienst auch direkt mit der Person und dem Werk des Herrn Jesus in Verbindung bringen würde.

Wir wissen nicht, in welcher Weise Herodes und die Herodianer dem jüdischen Glauben anhingen. In Markus 8,15 lesen wir, dass der Herr Jesus vom Sauerteig des Herodes spricht. Das zeigt den verderblichen Charakter von Herodes und seinen Nachfolgern. Da die Herodianer häufiger zusammen mit den Pharisäern als mit den Sadduzäern auftreten, ist nicht auszuschließen, dass sie tatsächlich eine Auferstehung der Toten für möglich hielten (vgl. Kap. 22,23). Jedenfalls schlug das Gewissen dieses Königs, als er vom Herrn Jesus hörte. So sehr war er offenbar betroffen, dass er dachte, Johannes der Täufer sei von den Toten auferstanden. Das ist schon ein bemerkenswertes Wort, denn eine Auferstehung aus den Toten war nur in Verbindung mit besonderen Auferweckungen (durch Elia bzw. Elisa) bekannt – und so etwas hätte sich im Blick auf Johannes sicher sehr schnell herumgesprochen.

Zudem war Herodes durchaus kein zimperlicher Mann. Er dürfte beispielsweise von den Mordplänen seines Vaters gewusst haben, als dieser versuchte, Jesus als kleines Kind auszurotten. Er selbst war ebenfalls ein hartgesottener Mensch. Wieso ließ er sich hier auf einmal so beeindrucken? Offenbar traf die Nachricht von Jesus, der zwar in seiner Heimatstadt verachtet wurde, den „Nerv“ mancher Menschen in der Ferne. Sogar ein abgestumpftes Gewissen wie das von Herodes ist auf einmal beunruhigt, obwohl er zu einem Geschlecht gehört, dass Auferstehungen eigentlich für unmöglich hielt. Herodes Agrippa II., ein Verwandter, musste sich einmal die Frage von Paulus anhören: „Warum wird es bei euch für unglaubhaft gehalten, wenn Gott Tote auferweckt?“ (Apg 26,8).

Matthäus – wie auch Markus und Lukas – nimmt diese Gelegenheit zum Anlass, um über die Ermordung von Johannes zu berichten. Der Herr schätzte die Treue dieses Mannes so sehr, dass wir von seinem Tod einen dreifachen Bericht finden. Er starb als Märtyrer.

Der wahre Charakter von Herodes

Herodes hatte die Frau seines Bruders, wahrscheinlich Herodes Boethos, auch Herodes Philippos I. genannt, genommen. Dieser Bruder hatte offenbar kein Herrschaftsgebiet erhalten und ist also nicht der gleichnamige Vierfürst. Johannes der Täufer hatte Herodes ernstlich bezeugt, dass Herodes, der selbst verheiratet war, durch diese Tat (doppelten) Ehebruch beging. Diese Anklage wollte Herodes nicht auf sich sitzen lassen und nahm Johannes daher gefangen, wahrscheinlich in der Bergfestung Machärus, die sich östlich des Toten Meeres im heutigen Jordanien befindet.

Man kann in Bezug auf diese Situation einen Vergleich mit David ziehen. Auch zu David kommt einmal ein Prophet, nämlich Nathan, der ihm seinen Ehebruch mit Bathseba vorhalten muss. Durch eine derartige Botschaft setzten Propheten sehr oft ihr Leben aufs Spiel. So war es bei Johannes dem Täufer. Wie aber reagiert David? Er beugt sich vor seinem Gott, bekennt seine Sünde und ist innerlich am Boden zerstört, so dass Gott ihm wieder Gnade schenken kann. Nicht so Herodes. Sein Gewissen war zweifellos getroffen. Aber bei ihm sehen wir weder Reue noch Umkehr.

Besonders scharf reagierte die Frau von Herodes – Herodias – auf den Vorwurf von Johannes. Daher lesen wir in Markus 6,19, dass sie diese Anklage nicht auf sich sitzen lassen wollte. So trieb sie ihren Mann an, Johannes zu töten. Matthäus, der von dem wahren König schreibt, zeigt uns hier, dass der falsche König selbst für diese Tötungsabsicht verantwortlich war, auch wenn seine Frau dahinter steckte, wie Markus berichtet. Denn Herodes machte sich diese Wut seiner unrechtmäßigen Frau zu eigen. – Wir sollten nicht übersehen, dass wir heute in einer Zeit leben, in der eine vergleichbare öffentliche Anklage zwar nicht mit dem Tod, wohl aber mit einer gerichtlichen Verurteilung geahndet werden kann, auch und gerade in einem scheinbar so christlichen Land wie Deutschland.

Herodes im Licht der Schrift

Herodes wurde nicht durch sein Gewissen davon abgehalten, Johannes zu töten. Man kann hier sicher die Worte des Herrn an Nikodemus anführen: „Dies aber ist das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht, denn ihre Werke waren böse. Denn jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht bloßgestellt werden.“ (Joh 3,19.20)

Man kann auch Worte der Söhne Korahs auf diesen Mann anwenden, die wir in Psalm 49 finden: „Doch der Mensch, der in Ansehen ist, bleibt nicht; er gleicht dem Vieh, das vertilgt wird. Dieser ihr Weg ist ihre Torheit … Man legt sie in den Scheol wie Schafe, der Tod weidet sei; und am Morgen herrschen die Aufrichtigen über sie; und ihre Gestalt wird der Scheol verzehren, fern von ihrer Wohnung.“ (Ps 49,13–15) Diese Könige werden wie Tiere beschrieben, so wie sich Herodes von seinen Trieben leiten ließ. Auch er wurde vertilgt – und was ist ihm geblieben von seiner Ehre?

Im Markusevangelium lesen wir, dass Herodes Respekt vor diesem Mann hatte, den er für gerecht und heilig hielt. Aber er hatte keine Kraft gegen die Sünde, da er sie letztlich liebte, „denn von wem jemand überwältigt ist, diesem ist er auch als Sklave unterworfen“ (2. Pet 2,19). Matthäus stellt diesen Mann in seinem eigentlichen Charakter seiner Königschaft dar. Er besaß keine Lebensprinzipien, keine bleibenden Werte – im Gegensatz zu Christus, der sich und seinem Wesen immer treu blieb. Herodes wollte Johannes töten, während der Herr den Jüngern angesichts der Volksmenge gesagt hatte, selbst die eigenen Feinde zu lieben.

Herodes fürchtete die Volksmenge – der Herr lebte vor seinem himmlischen Vater, wie Er es den Jüngern in Matthäus 6 auch aufgetragen hatte. Er tat das, was der Vater wollte, auch wenn es Ihn selbst den Tod kostete. Von einer Geburtstagsfeier des Herrn lesen wir überhaupt nichts, geschweige denn davon, dass Er auf leichtsinnige Weise einen Eid aussprach, wie Herodes es hier tat. Hatte der Herr in der Bergpredigt nicht deutlich vor dem Schwören gewarnt?

Die treibende Kraft bei Herodes

Herodes, der falsche König, lässt sich von seinen Augen leiten. Ihm gefällt der Tanz der „Tochter der Herodias“ (Vers 6; wie exakt ist übrigens auch hier wieder Gottes Wort: Sie war nicht seine Tochter, denn sie stammte aus der ersten Ehe seiner zweiten Frau.) Vorher ließ er sich von Menschenfurcht leiten (Vers 5) – deshalb handelte er nicht nach seinen Überzeugungen. Jetzt lässt er sich von seinen Gefühlen leiten (Vers 7), so dass er schwört, dem Mädchen zu geben, was auch immer sie erbitten würde. Aus Vers 9 können wir sogar schließen, dass Herodes von der Tochter seiner Frau derart fasziniert war, dass er nicht nur einmal diesen Schwur ausspricht. Wie warnt uns das davor, unsere Emotionen zu den Beherrschern unserer Worte und unseres Lebens zu machen. Und als nach diesem freigiebigen Angebot des Herodes dessen eigene Frau die Tochter instrumentalisiert und von ihm den Kopf des Johannes fordert, handelt er gegen seine eigenen, allerdings verborgenen Überzeugungen. So setzte sich seine Frau gegen ihren eigenen Mann durch, auch wenn sie wusste, dass er eine gewisse Achtung vor Johannes hatte. Aber wie in manchen anderen Fällen, die in der Schrift genannt werden, war auch hier der Mann schwächer als die Frau.

Als er diese grausame Forderung vernahm, war es wieder Menschenfurcht, die ihn dazu brachte, seinem Schwur zu entsprechen und Johannes tatsächlich enthaupten zu lassen. Obwohl sich das Mädchen wohl schon an manche Brutalität gewöhnt hatte, kann man sich nicht vorstellen, dass sie nicht einen Ekel angesichts des abgeschlagenen Kopfes empfand. Dieses Bild muss sie während ihres ganzen Lebens verfolgt haben: der ungerechte Mord an einem Gerechten, den sie und ihre Mutter verlangt hatten.

Die Jünger von Johannes

„Und seine Jünger kamen herzu, hoben den Leichnam auf und begruben ihn.“ Noch einmal lesen wir hier von den Jüngern des Johannes. Offenbar war er ein solch beeindruckender Mann, dass es noch immer Jünger von ihm gab, auch wenn er schon länger im Gefängnis saß und von Anfang an die Menschen auf den Herrn Jesus hinwies und zu Ihm führte. Selbst in Apostelgeschichte 19 lesen wir noch von Jüngern des Johannes. Zeigt uns das nicht etwas von der Treue dieses heiligen Propheten Gottes?

Wir lernen an dieser Stelle, dass es Gottes Wille ist, dass ein Gestorbener begraben wird. Diese Jünger zeigten Respekt vor der Person von Johannes, indem sie ihn – das ist seinen Leib – begruben. Sie hatten keine Angst, wie wir das später auch bei Nikodemus und Joseph von Arimathia in Bezug auf den Herrn Jesus finden. Genau wie ihr Meister fürchteten sie nicht die Verfolgung vonseiten des Herodes.

Am Anfang des Kapitels haben wir gelesen, dass die Nachricht der Taten Jesu zu Herodes kam. Seine Reaktion war, dass sein Gewissen schlug, ohne dass es nachhaltige Auswirkungen auf ihn gehabt hätte. Lukas berichtet davon, dass er Jesus sehen wollte. Aber er wollte nicht umkehren von seinen bösen Taten.

Jetzt lesen wir, dass die Nachricht von der Ermordung des Johannes zu Jesus kam. Die Jünger dieses treuen Propheten haben sich die richtige Adresse für ihre Mitteilung gesucht. Wer, wenn nicht Er, konnte sie in vollkommener Weise trösten? Und wie reagiert der Herr?

Die Reaktion Jesu auf die Ermordung des Johannes

„Als aber Jesus es hörte, zog er sich in einem Schiff von dort zurück an einen öden Ort für sich allein.“ Der Herr empfand, dass hier nicht nur ein treuer Mann verworfen und ermordet wurde. Er wusste, dass diese Ermordung ein Vorbote seiner eigenen, endgültigen Verwerfung durch das Volk darstellte. Die Schatten des Kreuzes zeichneten sich immer deutlicher ab. Denn wenn die Juden den Vorläufer des Königs hassten, wie viel schlimmer würde sich dieser Hass gegen den wahren König richten. Das sagt der Herr Jesus später einmal ausdrücklich: „Ich sage euch aber, dass Elia schon gekommen ist, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern an ihm getan, was irgend sie wollten. Ebenso wird auch der Sohn des Menschen von ihnen leiden. Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen sprach.“ (Mt 17,12.13)

Natürlich – Er war gekommen, um das Werk der Erlösung zu vollbringen. Und es ist auch wahr, dass Er als der ewige Gott längst wusste – ja schon zuvor wusste –, was auf Ihn zukommen würde. Er wusste auch, dass Johannes ermordet werden würde und dass er jetzt ermordet worden war. Aber nun hörte Er es durch diese Boten – und Er zog sich zurück. Kein Wort des Gerichts oder des Zornes Gottes kam über die Lippen dessen, der als der Sohn des Menschen jedes Recht dazu gehabt hätte. Er erduldet alles als der Stumme, der einmal wie ein Lamm zur Schlachtung geführt werden sollte.

Aus Markus 6,30 wissen wir, dass diese Mitteilungen mit der Rückkehr der Jünger von ihrer Wunder-Predigt-Mission zusammenfielen. Dort lernen wir, dass der Herr seinen Jüngern beibringen muss, dass es nicht auf äußere Wunderwerke ankommt, sondern dass die stille Gemeinschaft mit dem Vater letztlich das ist, was zählt. Denn als der vollkommene Diener bildet der Herr – passend zum Markusevangelium – seine Jünger hier im Dienst für Gott aus. Sie müssen lernen, zu sein wie ihr Meister.

Matthäus aber zeigt uns, dass sich der Herr in dem tiefen Bewusstsein, was auf Ihn selbst zukommen würde, zurückzog, um für sich allein zu sein. Dort in der Stille hat Er sicherlich im Gebet mit seinem Vater geredet. Er lehnte sich nicht gegen seine Verwerfung auf, sondern nahm sie aus der Hand des Vaters, der Ihn gesandt hatte. Aber diese Worte zeigen uns auch, dass die Welt für das Herz des Herrn Jesus nichts hatte.

Matthäus berichtet uns immer wieder, dass der Herr Jesus allein war bzw. sich zurückzog, um allein zu sein (vgl. z.B. auch Vers 23; 24,3). Das war der „Ort“, wo der von Gott gesandte Messias die Gemeinschaft mit seinem Vater pflegen konnte.

Verse 13.14: Der Verworfene verwirft nicht das Schwache

„Und als die Volksmengen es hörten, folgten sie ihm zu Fuß aus den Städten. Und als er ausstieg, sah er eine große Volksmenge, und er wurde innerlich bewegt über sie und heilte ihre Schwachen.“ (Verse 13.14).

Die Ruhe währte nicht lange, weil die Volksmengen sofort hörten, wo sich der Herr aufhielt. Und wieder stand der Herr seinem Volk zur Verfügung, obwohl es Ihn so deutlich abgelehnt hatte. Was für eine Barmherzigkeit und was für eine Selbstlosigkeit spricht aus diesem Handeln unseres Meisters! Er hatte Erbarmen mit denen, die „erschöpft und hingestreckt waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Mt 9,36).

Aber Christus stand seinem Volk nicht nur zur Verfügung. Er war innerlich bewegt und heilte die Schwachen, die offensichtlich krank daniederlagen. Das ist der wahre Messias – der König, der sich nicht um seine Ehre, sondern um die Armen und Geplagten seines Volkes kümmerte. Die Gleichgültigkeit Nazareths und die Bosheit des Herodes hatten Christus nicht verändert! Er erfüllte damit die prophetischen Worte aus Psalm 40,10.11: „Ich habe die Gerechtigkeit in der großen Versammlung verkündet; siehe, meine Lippen hemmte ich nicht – Herr, du weißt es! Deine Gerechtigkeit habe ich nicht im Innern meines Herzens verborgen; deine Treue und deine Rettung habe ich ausgesprochen, deine Güte und deine Wahrheit nicht vor der großen Versammlung verhehlt.“

Trotz des Widerstands blieb der Herr auf dem Weg, den sein Vater Ihm gesagt hatte. Der falsche König und die falschen Hirten lassen die Armen und Kranken liegen (vgl. Hes 34,4.21). Der Christus wird zwar von den Starken verachtet und verworfen, Er selbst aber gibt die Armen und Schwachen nicht auf. Bis zuletzt kümmert Er sich um sie, um ihre Herzen für Gott zu gewinnen.

Dass es Christus vor allem um ihre Seele und ihr Herz ging, lernen wir aus Markus 6,34. Dort ist von den Heilungen keine Rede, wohl aber von seinem Predigen. Der Herr hat sicher beides getan. Aber Matthäus zeigt uns mehr – in Übereinstimmung mit dem Thema seines Buches –, dass der Herr als Messias für sein Volk wirkte. Markus zeigt uns, dass der vollkommene Diener sah, was für diese Menschen besonders notwendig war: Sie hatten die Botschaft Gottes nötig. So predigt Er.

Verse 15–21: Ein Wunder der Gnade für sein Volk

„ Als es aber Abend geworden war, traten die Jünger zu ihm und sprachen: Der Ort ist öde, und die Zeit ist schon vergangen; entlass die Volksmengen, dass sie hingehen in die Dörfer und sich etwas zum Essen kaufen. Jesus aber sprach zu ihnen: Sie haben nicht nötig wegzugehen; gebt ihr ihnen zu essen. Sie aber sagen zu ihm: Wir haben nichts hier als nur fünf Brote und zwei Fische. Er aber sprach: Bringt sie mir her. Und er befahl den Volksmengen, sich auf dem Gras zu lagern, nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte auf zum Himmel und segnete sie; und er brach die Brote und gab sie den Jüngern, die Jünger aber gaben sie den Volksmengen. Und sie aßen alle und wurden gesättigt. Und sie hoben auf, was an Brocken übrig blieb, zwölf Handkörbe voll. Die aber aßen, waren etwa fünftausend Männer, ohne Frauen und Kinder“ (Verse 15–21).

Ein prophetischer Überblick

Die drei nun folgenden Begebenheiten – die Speisung, die Schifffahrt und der anschließende Segen in der Gegend Genezareths – zeigen uns nicht nur die Macht und Güte unseres Herrn und Retters. Sie belehren uns, ganz im Charakter dieses Evangeliums, über das Handeln des Messias-Gottes mit den Seinen.

Zuerst gibt der Evangelist uns, aber besonders dem Volk Israel damals, eine prophetische Schau auf das Handeln Gottes durch seinen Messias mit seinem irdischen Volk. Wenn sie Ihn angenommen hätten, wäre der machtvolle Segen ihre damalige direkte Zukunft gewesen. Zugleich zeigt der Herr, dass Er zwar sein Volk beiseite setzen musste, es aber nie aufgegeben hatte, solange seine eigene Verwerfung nicht endgültig durch die Kreuzigung ausgeführt und auch der nachträgliche Zeuge des Geistes Gottes, Stephanus, ermordet worden war.

Als das jedoch geschehen war, musste der Herr sein Volk zur Seite stellen. Das sehen wir bildlich in der nun folgenden Szene. Er „entlässt“ sein Volk und dringt darauf, dass seine Jünger – ein Hinweis auf die gläubigen, jüdischen Übriggebliebenen – in ein Schiff steigen, um an das gegenüberliegende Ufer zu fahren. Der Herr ist nicht bei ihnen, sondern auf dem Berg, was darauf hin deutet, dass Er jetzt im Himmel ist. Sie befinden sich auf dem See, also noch auf der Erde, und müssen sozusagen ohne Ihn durch die Schwierigkeiten der Zeiten gehen. Aber nach großen Nöten und Wellen – ein Hinweis auf die große Drangsalszeit (vgl. Mt 24,21) – wird Er wieder zu seinem Volk kommen. Dann, wenn Er zu seinem Volk gekommen ist, hören die Verfolgungen und Prüfungen sofort auf.

Aber der Herr kommt nicht allein – Er bringt Petrus mit, der zuvor aus dem Schiff ausgestiegen ist. Petrus ist hier ein Bild von der Versammlung, die zu Christus in die Herrlichkeit entrückt wird, bevor Er wieder sichtbar auf diese Erde kommt. Denn sie wird zusammen mit Christus auf die Erde zurückkommen (vgl. 1. Thes 3,13).

Was wird die Folge seines Wiederkommens sein? Zunächst Ruhe für sein Volk, dann aber auch Segen für die ganze Erde. Davon sprechen die letzten drei Verse dieses Kapitels.

Das einzige Wunder, das in allen Evangelien berichtet wird.

Die Speisung der 5.000 Männer zuzüglich Frauen und Kinder ist das einzige Wunder, das uns in allen vier Evangelien berichtet wird. Wir wissen, dass die Gefangennahme des Herrn, die Verhöre, die Kreuzesleiden, der Tod und die Auferstehung in allen vier Evangelien einen breiten Raum einnehmen. Von den Taten des Herrn aber wird ansonsten immer nur in bestimmten Evangelien berichtet. Daher dürfen wir schließen, dass in dieser Begebenheit, die viermal erzählt wird, eine ganze besondere Bedeutung liegt.

In der Einleitung hatten wir schon gesehen, dass jedes Evangelium einen bestimmten Plan, eine besondere Zielrichtung hat. So dürfen wir nicht meinen, dass die Speisung der 5.000 in allen vier Evangelien mit derselben Botschaft verbunden wird. Und dennoch gibt es eine Grundaussage in diesem Wunder, die bei allen Evangelisten dieselbe ist. Gott ist zu seinem Volk gekommen, um diesem sowohl die äußerlichen als auch die innerlichen Bedürfnisse zu stillen.

Worin liegen nun die Unterschiede in den vier Evangelien? Wenn man beispielsweise die Person unseres Retters in diesem Wunder betrachtet, so wird Er im Matthäusevangelium als Messias gezeigt, der dem Bedürfnis seines Volkes vollkommen zu begegnen weiß, zugleich aber seine Jünger als seine Untertanen im Königreich in die Pflicht nimmt, sich um das Wohl der Menschen zu kümmern (Mt 14,16). Im Markusevangelium sehen wir Ihn mehr als den vollkommenen Diener, der seine Jünger anhand dieses „Falles“ zu besseren und einsichtsvolleren Dienern erziehen will, damit sie lernen, wie man die Bedürfnisse anderer stillt, denn der Herr fordert seine Jünger immer wieder auf, tätig zu werden und nach den Broten zu sehen (Markus berichtet uns ausführlicher über die Unterhaltung des Herrn mit seinen Jüngern, Mk 6,35–38).

Im Lukasevangelium finden wir Ihn als den vollkommenen Menschen, der die Bedürfnisse der Menschen aus eigener Erfahrung als Mensch kennt. Diesen Bedürfnissen entspricht Er im Aufblick zu seinem Gott und in Abhängigkeit von Ihm. Lukas gibt den kürzesten Bericht (nur 6 Verse berichten über diese Begebenheit), weil bei ihm die Fürsorge im Mittelpunkt steht.

Im Johannesevangelium schließlich finden wir das vom Himmel gekommene Wort Gottes, Christus Jesus, den Sohn des Vaters, der selbst alles in die Hand nimmt und den Bedürfnissen der Volksmenge auf göttliche Weise begegnet. Der Herr selbst fordert die Jünger auf, sich um die Versorgung zu kümmern – Er muss nicht von seinen Jüngern daraufhin angesprochen werden (Joh 6,5). Diese Art der Betrachtung könnte man in gleicher Weise auf die Sicht der Jünger, der Volksmenge und der Umstände in allen vier Evangelien anwenden.

Abend

In Vers 15 lesen wir, dass es Abend geworden war. Diese Beschreibung der Tageszeit hat wohl gerade im Matthäusevangelium eine über die Zeitangabe hinausgehende Bedeutung. Der Herr hatte sich wiederholt an das Volk gewandt, um diesem im Hinblick auf die irdischen Bedürfnisse zu helfen. Aber das Volk wollte nicht. Selbst dann, wenn Christus Wunder auf Wunder getan hat, ließ dieses Wohltun die Herzen der Menschen kalt.

So glich das Volk dem Pharao, von dem Jeremia sagt: „Man rief dort: Der Pharao, der König von Ägypten, ist verloren; er hat die bestimmte Zeit vorübergehen lassen.“ (Jer 46,17) Das Volk hatte die von Gott gegebene Zeit verstreichen lassen, ohne Buße zu tun. So war es Abend geworden, und der Herr muss sich bald von seinem Volk abwenden. Nacht und Wüste – das sind Kennzeichen des Zustands Israels, übrigens bis heute. Leider müssen wir hinzufügen, dass dies inzwischen auch der Zustand der „christlichen Welt“ ist, wie wir sie heute kennen.

Wir bewundern unseren Herrn, dass Er noch einmal zugunsten seines Volkes tätig wird, bevor die Nacht anbricht. Aber auch das hat letztlich nichts genutzt. Für das Volk würde jetzt eine Nacht kommen, die erst mit der Erscheinung der Sonne der Gerechtigkeit (vgl. Ml 3,20) ein Ende finden wird. Viele Gerichte stehen für dieses Volk noch aus.

Die Gleichgültigkeit und Hilflosigkeit der Jünger

Die Jünger erkennen, dass es ein Problem gibt. Denn die Volksmenge war den ganzen Tag bei Jesus gewesen – und wie sollten sie jetzt am Abend ihren Hunger stillen? Dabei müssen wir bedenken, dass sie ihren Meister wohl bei seiner heilenden und rettenden Arbeit unterbrechen – vielleicht auch bei seinem Predigen, von dem wir im Markusevangelium lesen. Sie denken, sehr menschlich und vielleicht sogar in einer gewissen Fürsorge, dass die Leute ja irgendwie und irgendwann etwas essen müssen. Aber bei der Lösung dieses Problems beziehen sie ihren Herrn in seiner Allmacht nicht mit ein.

Für sie gibt es daher nur einen Ausweg: Diese Menschen sollten schleunigst nach Hause laufen. Wir müssen wohl nicht nur nach europäischem Standard davon ausgehen, dass die Volksmengen viel zu spät angekommen wären, um noch irgendetwas kaufen zu können. Dass der Herr allein in der Lage war, diese Menschen zu sättigen, kam ihnen keine Sekunde lang in den Sinn. Ob das bei uns immer so anders ist …?

So zeigt der Vorschlag der Jünger einerseits ihre Hilflosigkeit, andererseits aber auch ihre Rücksichtslosigkeit. Wie wenig waren die Herzen der Jünger in die Allgenugsamkeit der Gnade eingegangen, die in dem Herzen des Herrn Jesus vorhanden war. Hatten sie denn gar nichts von ihrem Meister gelernt, der sich immer wieder gerade um das Schwache seines Volkes kümmerte? Die Jünger hatten kein Herz der Fürsorge für diese Menschen, worin wir ihnen so oft gleichen. Weg von Jesus sollten die Menschen gehen; was für ein Vorschlag der Jünger! Ihnen war es offenbar egal, ob sie „auf dem Weg verschmachten“ (vgl. Mk 8,3). Hauptsache, sie mussten sich nicht um das Problem kümmern. Ihr Motiv war nicht, den Herrn zu entlasten, sondern diese Schwierigkeit loszuwerden.

Damit sind sie bei ihrem Herrn jedoch an der falschen Adresse! „Jesus aber sprach zu ihnen: Sie haben nicht nötig wegzugehen; gebt ihr ihnen zu essen.“ Damit zeigt der Herr seinen Jüngern die Ursache des Problems auf. Sie hatten für diesen Fall nicht vorgesorgt. Aber der Messias lässt sie nicht aus der Verantwortung heraus. Immer wieder zeigt Er ihnen im Verlauf dieser Geschichte, dass Er lieber ein geringeres Wunder täte, nur um sie einzubeziehen und in die Pflicht zu nehmen – denn natürlich hätte Er auch aus dem nichts heraus schaffen können.

Gebt ihr ihnen zu essen – das ist auch die Aufforderung, die der Herr heute an uns richtet. Die Seinen haben geistliche Speise nötig. Dafür möchte Er uns gebrauchen. Niemanden von seinen Jüngern lässt Er hier aus. Er spricht nicht zu Petrus und Johannes allein, Er wendet sich an alle. So auch heute. Und dasselbe gilt für die Bedürfnisse der Ungläubigen. Niemanden lässt Er außen vor. Wir alle stehen in der Verantwortung, die richtige Speise zur richtigen Zeit parat zu haben.

Vielleicht sind wir manchmal geneigt, im Unterschied zu den Jüngern auf unsere Kräfte und Fähigkeiten zu vertrauen. Da dürfen wir von den Jüngern lernen, dass wir selbst zu gar nichts in der Lage sind. Was haben wir schon dem Herrn anzubieten?

Den Herrn kennenlernen

Die Jünger sind ehrlich: „Sie aber sagen zu ihm: Wir haben nichts hier als nur fünf Brote und zwei Fische.“ Aber ist das wirklich nichts? Die Beurteilung, dass diese fünf Brote und zwei Fische nichts sind, ist menschlich und in Anbetracht der weit über 5.000 Menschen sicher rational. Aber wir dürfen nicht menschlich denken, wenn es um den Herrn, seinen Segen und um (geistliche) Nahrung geht. Es bleibt wahr, dass wir nüchtern sein müssen und auch unsere eigenen Kräfte nicht überschätzen dürfen. Der Herr hat uns einen Verstand und die Fähigkeit zu logischem Denken auch nicht gegeben, damit wir diese über Bord werfen. Aber Gott weist uns immer wieder darauf hin, dass der (persönliche) Glaube Mauern überwinden kann, die eigentlich unüberwindbare Hindernisse darstellen.

Kannten denn die Jünger nicht mehr die Wunder, die der Herr Jesus schon vollbracht hatte? Kannten sie nicht die Wunder, die im Alten Testament gewirkt worden waren? Gott wirkte durch Elia, dass das Mehl im Topf nicht ausging und das Öl im Krug nicht abnahm (vgl. 1. Kön 17,16). Durch Elisa hatte der Herr eine wunderbare Vermehrung des Öls in einem einzelnen Krug bewirkt (vgl. 2. Kön 4,4–6). Zudem wussten die Jünger, dass in Anwesenheit Elisas mit zwanzig Gerstenbroten und Jungkorn in einem Sack hundert Männer gesättigt worden waren (2. Kön 4,42–44). Kennen nicht auch wir manche wunderbare Wirkungen des Herrn in unserer heutigen Zeit, nicht nur, was die geistliche Speise für Gläubige betrifft? Wir dürfen dem Herrn vertrauen, dass Er gerade in den Situationen zu helfen bereit ist, in denen menschliche Kräfte letztlich nichts bewirken können.

Jesus entlässt seine Jünger nicht aus dem Dienst: „Bringt sie mir her“ – nämlich die Brote und Fische. Wir wissen nicht, mit welchen Gefühlen die Jünger dem Herrn Jesus diese wenigen Lebensmittel gebracht haben. Aus Johannes 6 lernen wir, dass es nicht einmal die Jünger waren, welche die Brote und die Fische dabei hatten, sondern ein kleiner Junge, der für sich vorgesorgt hatte. Aber sie tun das, was der Herr ihnen auftrug.

Ein Überblick über das Wunder

Im Folgenden möchte ich einen Überblick über das eigentliche Wunder geben, zu dem wir jetzt kommen, wie es in allen vier Evangelien dargestellt wird:

Speisungs-Wunder
1. Bibelstellen Matthäus 14,15–21; Markus 6,35–38

Lukas 9,12–17; Johannes 6,5–13

2. Volksmenge Es waren Juden
3. Zeitangabe Abend
4. Beginn des Wunders Jünger wollen Volksmenge wegschicken
5. Wer soll Speise geben? Jesus fordert die Jünger auf, Speise zu geben
6. Charakter Verantwortung
7. Anzahl an Broten 5 (Gerstenbrote)
8. Anzahl an Fischen 2
9. Lagerung auf Gras (zu je 50 und 100)
10. „Reste“ 12 Handkörbe voll
11. Beteiligte Menschen 5.000 Männer, neben Frauen und Kindern
12. Folgehandlung

Jünger werden auf den See weggesandt

Die bildhafte Bedeutung des Speisungswunders

1. Was ist die Kernaussage dieses Wunders?

Grundsätzlich scheint der Geist Gottes uns den Platz des Messias in seiner irdischen Herrlichkeit und seiner Sorge für sein Volk und die Menschen ganz allgemein zeigen zu wollen. Der Herr Jesus beweist in einer ersten Erfüllung von Psalm 132,15, dass Er in Wahrheit der Sohn Gottes, der König Israels, der Messias ist, der Speise schenken und die Armen sättigen wird.

Dieses Wunder hat einen deutlich dispensationalen Charakter, wie es im Matthäusevangelium auch an anderen Stellen zu finden ist. Der Messias ist von seinem Volk verworfen worden und setzt es für eine Zeit beiseite. Das wird in dieser Begebenheit illustriert: Nachdem Er der Volksmenge noch einmal einen Beweis seiner Fürsorge gegeben hat, sie aber letztlich doch nicht an Ihn glaubt, „entlässt“ Er sie (V. 22).

2. Was symbolisieren die Brote und die Fische?

Brot ist gebackenes Korn. Spricht das nicht vom Tod des Herrn Jesus als die Grundlage für die wahre Speise der Menschen, um sie ewig glücklich zu machen? Johannes gibt uns eine darüber hinausgehende Erklärung. Diese finden wir nicht bei Matthäus – aber sie ergänzt die Belehrung unseres Evangelisten. Denn aus Johannes 6 lernen wir, dass Er selbst das lebendige Brot aus dem Himmel ist (Joh 6,51). Auf der einen Seite finden wir Ihn in Johannes 12,24 im Bild des Weizenkorns, das durch den Tod gehend viel Frucht bringt. Das ist eine Belehrung, die man im Fest der Wochen – also der Gründung der Versammlung am Pfingsttag – wiederfindet. Die Versammlung Gottes nährt sich von Christus und ist ein Zeugnis des gestorbenen und auferstandenen Christus.

In Johannes 6,9 lesen wir nun, dass es sich bei unserem Wunder um Gerstenbrote handelte. Gerste ist das erste Korn, das reif wird, und es ist auch dasjenige, das bei dem Fest der Erstlingsgarbe (3. Mo 23,9–14) gebracht wurde. Das geschah am Tag nach dem Sabbat, also am Sonntag, dem Auferstehungstag unseres Herrn. Es scheint daher ein Hinweis auf seine Auferstehung zu sein. So dürfen auch wir uns von dem Auferstandenen nähren, der durch den Tod gegangen ist. Ohne den Sühnungstod wäre der Herr Jesus durch sein vollkommenes Leben zwar der Maßstab für uns Menschen, zugleich aber auch ein Grund der Verurteilung. Denn Er hat Gott gezeigt, dass ein Mensch Ihn verherrlichen kann – das hätte ewig für uns zur Anklage gedient. Weil Er aber für uns gestorben ist, kann auch der vollkommene Mensch Jesus tägliche Nahrung für uns sein, weil Er uns zugleich neues, ewiges Leben geschenkt hat, so dass wir Ihm nachfolgen können in einem Leben der Verherrlichung Gottes. Wir ernähren uns von unserem gestorbenen Retter, indem wir im Wort Gottes von seinem Leiden und Sterben lesen und uns dabei mit Ihm beschäftigen. Das wird uns zur Anbetung führen.

Gerste wurde übrigens geerntet, als Noomi nach Jahrzehnten der Abwesenheit nach Kanaan zurückkehrte (Rt 1). Dort traf sie bzw. Ruth auf Boas („in Ihm ist Stärke“), ein Hinweis auf den auferstandenen Herrn. Er wird sein irdisches Volk Israel nach Jahrhunderten der Verirrungen zum Segen zurückführen. Dazu ist es nötig, dass sie Ihn als ihren Messias anerkennen und sich gewissermaßen von Ihm nähren.

Während der Herr in Johannes 6 das Brot als Hinweis auf sich selbst erklärt, sagt Er zu den Fischen nichts weiter. Das macht uns vorsichtig in der Auslegung. Aus Johannes 21,9.13 wissen wir, dass der Herr bei einer späteren Gelegenheit noch einmal Fische (und auch Brot) für seine Jünger bereithält. Offenbar aß auch Er Brot (Honigscheibe) und Fisch (Lk 24,42.43; Joh 21,15). So hatten sie – im Bild gesprochen – Gemeinschaft miteinander im Genuss dessen, was seine Person darstellte. Es ist Nahrung, die von Ihm kommt. Und alles, was von Ihm geschenkt wird, spricht von seiner Herrlichkeit – auch in der geistlichen Anwendung. Könnte der Fisch ein Bild von Christus sein, der die Wasser und Fluten des Gerichtes Gottes über sich erduldet hat (vgl. Jona 2; Ps 42,8)? Sein Tod wird verglichen mit der Zeit, die Jona im Bauch des Fisches verbrachte (Mt 12,40). Dann hätten die Fische mit dem verworfenen, leidenden und gestorbenen Christus zu tun. Die Wassermassen des aufgewühlten Meeres (Jes 57,20) sind aufgestanden gegen den Herrn der Herrlichkeit (Ps 2,1–3; Apg 4,25–27).

Man könnte auch sagen, dass Christus uns nicht nur die grundlegende und notwendige Nahrung für unser Glaubensleben schenkt (die Brote), sondern darüber hinaus viel mehr, als wir benötigen (die Fische), so dass unser Tisch übervoll ist und der Becher überfließt (vgl. Ps 23,6).

Einen letzten Gedanken möchte ich mit den Broten und den Fischen verbinden. Um Brote herzustellen, muss man arbeiten – nämlich Korn backen. Fische aber wachsen von selbst, man muss sie nur noch angeln. So ist es auch im Dienst für den Herrn. Vieles, was ein Diener weitergibt, hat er sich in der Gegenwart Gottes „erarbeitet“, indem er die Bibel gelesen, zu dem Herrn gebetet und gute Erklärungen gelesen hat. In kürzerer oder längerer Arbeit hat er das dann so verarbeitet, dass daraus ein (hoffentlich) nützlicher Beitrag für andere hervorkommt (Brote). Aber es ist im Dienst auch immer wieder so, dass der Herr auf einmal etwas schenkt, wofür man gar nichts getan hat – es ist einfach eine Gabe von oben, die man weitergeben darf (Fische). Haben wir das nicht alles schon erlebt, z. B. in Gesprächen am Büchertisch?

3. Wovon sprechen die fünf Brote und die zwei Fische?

Zunächst einmal ergeben beide zusammen sieben und zeigen, dass die Fülle des Herrn im Schenken vollständig und vollkommen allen unseren Bedürfnissen genügt. Warum aber fünf Brote? Es könnte ein Hinweis sein auf das, was der Mensch zur Verfügung stellen kann, wenn der Herr ihn auffordert, die Bedürfnisse anderer Menschen zu stillen. Insofern könnte man sagen, dass die Zahl „fünf“ auch an dieser Stelle ein Bild der Schwachheit des Menschen ist, wenn er unter Verantwortung gestellt wird. Man wird feststellen, dass die Zahl „fünf“ auch an anderen Stellen mit dem Menschen in seiner Verantwortung, der er häufig nicht gerecht wird, und mit seiner Schwachheit zu tun hat. Denken wir grundsätzlich an die fünf Finger und Zehen einer Hand bzw. eines Fußes, an die fünf Sinne etc., denken wir weiter an die fünf törichten und die fünf klugen Jungfrauen. Übrigens hatte auch David gerade fünf Steine ausgewählt, um Goliath zu besiegen.

Die zwei Fische scheinen von der unendlichen Gnade des Herrn zu sprechen, die mehr gibt, als das, was wir nötig haben. Wir finden die Verbindung von Gnade mit der Zahl 2 auch in Johannes 4,43 und Lukas 10,35. Der Herr schenkt den Volksmengen ein wunderbares Zeugnis – auch davon redet die Zahl zwei immer wieder – von seiner unermesslichen Gnade.

4. Was kann man aus der Zahl 5.000 ableiten?

Die Zahl 5.000 lässt sich in die Faktoren 5 und 1.000=103 zerlegen. Die Bedeutung der 5 hatten wir schon bei den 5 Broten behandelt. Die Zahl 10, die hier in potenzierter Form vorliegt, wird in der Bibel häufig in Verbindung mit der Verantwortung des Menschen vor Gott gebraucht (10 Gebote, 10 Jungfrauen). Vielleicht kann man daher sagen, dass die Volksmenge noch einmal ein vollkommenes Zeugnis der Gnade des Herrn bekommen hat und nun unter der Verantwortung steht, dementsprechend zu handeln. Die folgenden Kapitel zeigen, dass diese Menschen dazu nicht in der Lage waren, sondern wieder nur ihre vollkommene Schwachheit (5) zum Vorschein kommt.

Wenn man diese Szene als Bild des Segens sieht, den der Herr Jesus im 1000-jährigen Reich schenken wird, dann mag man mit der Zahl 5.000 in ganz besonderer Weise den Ausdruck von Schwachheit verbinden. Obwohl der Mensch dann nicht mehr dem Einfluss des Teufels ausgesetzt ist – dieser ist gebunden (Off 20,2) –, ist er genauso schwach und sogar böse, dass er sich sofort nach dem Ende dieser Friedenszeit wieder vom Teufel verführen lässt und gegen Christus kämpft (Off 20,7–10).

Wenn wir uns nur die gewaltige Größe der Zahl 5.000 vor Augen halten, können wir auch daran denken, dass der Herr hier der Hirte ist, den wir aus vielen alttestamentlichen Bibelstellen kennen. „Und er ließ sein Volk wegziehen wie Schafe und leitete sie wie eine Herde in der Wüste“ (Ps 78,52). „Er wird seine Herde weiden wie ein Hirte, die Lämmer wird er auf seinen Arm nehmen und in seinem Schoß tragen, die Säugenden wird er sanft leiten“ (Jes 40,11; vgl. auch Ps 23). Er führt die große Schar der Seinen auf grüne Weide (nicht von ungefähr ist hier von Gras die Rede), um sie zu versorgen. Er kümmert sich um seine Schafe. Was für eine Zuversicht darf uns das geben!

5. Was bedeuten die zwölf Handkörbe?

Zunächst einmal hat man den Eindruck, dass mehr übrig bleibt als ursprünglich vorhanden war. Das muss uns beeindrucken. „Zwölf“ spricht wie die Zahl „sieben“ von Vollkommenheit (4x3; 4+3), bezieht sich jedoch in der Regel auf die vollkommene Verwaltung göttlicher Dinge, hier auf der Erde durch den Menschen. In diesem Wunder mögen die zwölf Handkörbe auf die Quellen der Kraft für den Armen in Israel in Gegenwart des Königs aufmerksam machen. Wie hier in diesem Wunder hat die Zahl „zwölf“ eigentlich immer mit der Erde zu tun, und zwar in einer vollkommenen Regierung (12 Apostel, 12 Stämme Israels), aber auch mit der Souveränität Gottes (12 Tore, 12 Grundlagen im neuen Jerusalem: Off 21,12–14).

Vielleicht zeigen diese Handkörbe auch, dass der Herr Jesus im 1000-jährigen Friedensreich die zwölf Stämme seines irdischen Volkes zum Segen der Menschen im Allgemeinen benutzen wird. Dabei werden sie durch die 12 Apostel (nicht den Apostel Paulus) angeführt, die aus dem Volk Israel stammten (Off 21,12). Sie werden auf Thronen sitzen und regieren. Sie werden zum Wohl des Volkes und der Welt handeln.

Für jeden der zwölf Jünger gab es einen Handkorb voll. Im allgemeinen Verständnis dieser Begebenheiten erkennen wir, dass, wenn sich der Herr an dieser Stelle zwar sozusagen ein letztes Mal an sein ganzes Volk wendet, er aber mit seinem Volk doch noch nicht abgeschlossen hat. Er hat es nicht vollständig aufgegeben. Es wird noch einmal eine Zeit geben, in der Er seinem irdischen Volk Speise bereiten wird. Daher bleibt etwas für den zukünftigen Segen seines Volkes hier schon übrig: für jeden Stamm sozusagen ein Handkorb voll.

Man könnte sich auch fragen, warum der Herr so viel neues Brot hervorgebracht hat, dass sogar noch etwas übrig bleibt. Ist das nicht Verschwendung? Wir lernen hieraus, dass der Herr immer mehr schenkt als das, was Menschen nötig haben. Jeder konnte sich nicht nur satt essen, sondern sogar noch mehr als das. Es gibt niemanden, dessen Bedürfnisse durch das Werk des Herrn und sein Wirken nicht gestillt werden könnten. So war es auch beim Passahlamm in 2. Mose 12. Das Lamm war nie zu klein für ein Haus, höchstens das Haus zu klein, um ein ganzes Lamm zu essen.

Darüber hinaus ist interessant, dass der Herr das Übriggebliebene aufsammeln lässt. Damit beugt er einer Verschwendung vor und lehrt uns eine gewisse Sparsamkeit – nicht im Austeilen, wohl aber im Verwalten. Er zeigt uns, auch in den kleinsten Dingen sorgsam zu sein. Und konnte der Herr mit diesen Brocken nicht genau die Bedürfnisse derjenigen – nämlich der Jünger – stillen, die jetzt nur für andere tätig gewesen waren? Christus sorgt dafür, dass keiner seiner Jünger leer ausgeht. Wer für Ihn tätig ist, wird von Ihm auch seine Speise erhalten, einen ganzen Korb voll.

Der Herr möchte auch nicht, dass seine Jünger denken, alles geschehe mit Hilfe von Wundern. Direkt nach dem Wunder sollen sie wieder auf ganz „natürliche Weise“ handeln und das einsammeln, was übrigblieb.

6. Wie kann man dieses Wunder nun auf die heutige Zeit beziehen?

Der Herr Jesus benutzt das, was der Diener des Herrn in seiner Schwachheit und Verantwortung vor Gott besitzt (5 Brote). Aber der Herr gibt seinen Dienern noch weit mehr aus seiner übervollen Gnade (2 Fische). Diese 2 Fische sprechen auch von dem Zeugnis, das die Jünger vor der Welt ablegen (für ein glaubhaftes Zeugnis benötigt man immer mindestens zwei). Der Herr nimmt nun das wenige, was in den Händen seiner Diener ist und verwandelt es in unfassbare Vielfalt und Größe. Dazu benutzt Er wieder seine Jünger, die das, was Er in seiner Vollkommenheit gibt, hier auf der Erde verwalten und weitergeben dürfen (12 Jünger, 12 Handkörbe). Sogar das, was übrig bleibt (12 Handkörbe), würde vollkommen für alle Bedürfnisse reichen.

7. Warum finden wir dieses Wunder als Einziges in allen vier Evangelien wieder?

Dieses Wunder hat ganz offenbar eine zentrale Bedeutung, und zwar sowohl im Hinblick auf die Herrlichkeit des Herrn, der hier als der Jahwe, der Herr des Alten Testaments, vor uns steht, als auch im Hinblick auf die Aufgaben, die Jünger für Ihn auf der Erde ausführen sollen. Der Herr tritt als Sohn Gottes auf, der aus seiner eigenen Fülle weitergibt. Er ist der Mensch, der die Bedürfnisse der Menschen an eigenem Leib erfahren hat. Er ist der Diener, der den Menschen zu Hilfe kommt. Und Er ist der Messias, der sein Volk retten möchte.

Dieses Wunder ist wie ein letztes großes Zeichen an das Volk. Das erkennen wir daran, dass der Herr dieses Zeichen nicht in Jerusalem und auch nicht in einer Synagoge tut, sondern an einem Platz, wo man den Messias am wenigsten vermuten würde: an einem öden Ort in der Wüste. Dadurch wird die Großartigkeit dieses Wunders noch mehr hervorgehoben.

Schließlich verbindet sich dieses Wunder des Herrn damit, dass Er unmittelbar danach sein Volk „entlässt“. Wie schon betrachtet, soll dadurch auf die endgültige Beiseitesetzung des Volkes hingewiesen werden. Im Bild war es das letzte Mal, dass sich der Herr an das ganze Volk wendet. Daher finden wir das Zeichen in allen vier Evangelien.

Praktische Überlegungen zu dieser Begebenheit

Zum Abschluss der Beschäftigung mit diesem Gleichnis möchte ich noch auf ein paar Einzelheiten eingehen. In Vers 19 zeigt der Herr, dass man nur dann in der Lage ist, seinen Segen aufzunehmen, wenn man Ruhe hat. Es ist vor allem Markus, der uns zeigt, dass die Volksmenge in 50 Reihen à 100 Menschen gelagert hat. Aber auch Matthäus zeigt uns, dass der Herr kein Gott der Unordnung ist.

Die Antwort der Jünger auf die Frage, was sie denn hätten, um die Volksmenge zu versorgen, zeigt, dass sie nicht verstanden hatten, dass es keine Frage ist, was man hat, sondern wen man hat. Der Herr Jesus bedeutet dem sündigen Fleisch von Jüngern genauso wenig wie einem ungläubigen Menschen. Dabei ist gerade seine Person der entscheidende Unterschied! Wenn Er im Mittelpunkt steht, ist immer Hoffnung da.

Der Segnende und seine Jünger

Wenn man sich in die Lage der Jünger hinein versetzt, muss die in Vers 19 berichtete Situation sehr angespannt gewesen sein. Sie haben mehr als 5.000 Menschen auf dem Boden lagern lassen. Dann gehen sie mit fünf Broten und zwei Fischen zu dem Herrn. Wenigstens die ersten Reihen müssen gesehen haben, dass es nur diese wenigen Brote gab. Dann dankte der Herr, wie Er immer wieder betete, selbst wenn Er sich unmittelbar danach als der Sohn Gottes offenbaren sollte (vgl. Joh 11,41). Ob die Jünger mit offenen Augen dem Gebet zugehört haben, um zu sehen, was mit den Broten und den Fischen passierte?

Wir wollen hier auch verstehen, dass nur der Segen des Herrn, hier also sein Gebet, die uns anvertrauten Gaben wirksam macht. Wir sollen das uns Anvertraute zu Ihm bringen. Aber an seinem Segen und an seinem Wirken ist alles gelegen! Das Wunder ist nicht von uns, sondern allein von Ihm abhängig!

Dann brach der Herr das Brot, wie Er es immer getan hat. Da geschieht das Wunder. Der Herr gibt einem Jünger nach dem anderen die Brote, von denen Er Stücke abbricht. Aber die Brote werden nicht kleiner. Von den Fischen lesen wir hier nichts weiter, aber auch sie sind an die Volksmenge gegangen. Der Herr erwartete von den Jüngern den Glauben, dass sie Ihm nicht nur die Brote gaben, sondern dass sie auch die Brote wieder mitnahmen3 – vielleicht in den 12 Handkörben, wo auch immer diese herkamen.

Der Segen hängt vom Herrn ab! – und verwendet unseren Besitz.

So wirkt der Herr auch heute nicht auf Vorrat, sondern erwartet von uns, dass wir das wenige, was wir haben, Ihm geben, damit Er es vervielfältigen kann. Er wünscht, dass wir damit zu Ihm kommen und anfangen auszuteilen, auch wenn noch nicht die eigentlich nötigen Nahrungsmittel-Mengen für 5.000 Menschen vorhanden sind. Nach und nach wird Er dann das schenken, was nötig ist. Das, was wir zur Verfügung haben, reicht ohnehin nie für die Bedürfnisse der Menschen bzw. der Gläubigen.

Was für eine Gnade, dass Er jeden von uns für dieses wunderbare Tun einsetzen möchte. Wir müssen nur dazu bereit sein. Denn ein bisschen hat jeder von uns, sonst wäre er nicht gläubig. Dann dürfen wir nicht auf uns und unser Weniges schauen, erst recht nicht meinen, wir besäßen viel oder könnten selbst segnen, sondern wir dürfen auf Ihn sehen, mit Ihm rechnen und Ihn wirken lassen. Auf diese Weise können auch wir heute noch zum Segen für andere sein.

Sicherlich sollten wir unser Unvermögen fühlen, wenn der Herr uns einen Dienst anvertraut. Aber wir sollten uns die Worte des Psalmisten zu Eigen machen: „Sie blickten auf ihn und wurden erheitert, und ihre Angesichter wurden nicht beschämt.“ (Ps 34,6) Und keiner von uns sollte sagen: „Ich bin aber noch so unwissend, und es gibt so viele andere, die es besser tun können.“ Das waren die Worte von Mose, als er den Auftrag des Herrn einfach nicht ausführen wollte: „Sende doch, durch wen du senden willst!“ (2. Mo 4,13). Jeder sollte einfach das geben, was er hat. Denn es ist nicht richtig zu warten, bis man vermeintlich „genug“ hat. Dann wartet man nämlich bis an sein Lebensende. Wir dürfen in allem mit dem Herrn rechnen – Er wird unsere geringen Gaben segnen, wie ja auch zu den besten Gaben sein Segen nötig ist.

Paulus sagt in anderem Zusammenhang: „Denn wenn die Bereitschaft vorhanden ist, so ist jemand angenehm nach dem, was er hat, und nicht nach dem, was er nicht hat.“ (2. Kor 8,12) Und im Buch der Weisheit lesen wir: „Da ist einer, der ausstreut, und er bekommt noch mehr; und einer, der mehr spart, als recht ist, und es ist nur zum Mangel. Die segnende Seele wird reichlich gesättigt, und der Tränkende wird auch selbst getränkt“ (Spr 11,24.25).

In einem Gleichnis in unserem Evangelium wird der Herr später noch deutlich machen, dass es darauf ankommt, die uns anvertrauten Talente für Ihn einzusetzen. Wir werden vermutlich alle zugeben, dass wir eher ein Talent erhalten haben, nicht zwei, fünf oder zehn. Aber es ist nicht richtig, das eine Talent zu verbergen bzw. zu vergraben. Wir sollen damit handeln – für unseren Herrn! Denn für Ihn ist nichts zu klein, wenn es Ihm gebracht wird. Ohne uns will Er nicht handeln, so wie Er hier nicht einfach ein Wunder aus dem Nichts tun wollte. Er hat das Schwache auserwählt (1. Kor 1,27), weil Er sich in dem Schwachen dieser Welt verherrlichen will. Dazu müssen wir aber alles, was wir besitzen, zuerst zu Ihm bringen, auch und gerade im Dienst für unseren Herrn.

Verse 22–33: Die Schifffahrt der Jünger – ein langer Weg der Übriggebliebenen

„ Und sogleich nötigte er die Jünger, in das Schiff zu steigen und ihm an das jenseitige Ufer vorauszufahren, bis er die Volksmengen entlassen habe. Und als er die Volksmengen entlassen hatte, stieg er auf den Berg für sich allein, um zu beten. Als es aber Abend geworden war, war er dort allein. Das Schiff aber war schon mitten auf dem See und litt Not von den Wellen, denn der Wind war ihnen entgegen. Aber in der vierten Nachtwache kam er zu ihnen, gehend auf dem See. Als aber die Jünger ihn auf dem See gehen sahen, wurden sie bestürzt und sprachen: Es ist ein Gespenst! Und sie schrien vor Furcht. Sogleich aber redete Jesus zu ihnen und sprach: Seid guten Mutes, ich bin es; fürchtet euch nicht! Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf den Wassern. Er aber sprach: Komm! Und Petrus stieg aus dem Schiff aus und ging auf den Wassern und kam zu Jesus. Als er aber den starken Wind sah, fürchtete er sich; und als er anfing zu sinken, schrie er und sprach: Herr, rette mich! Sogleich aber streckte Jesus die Hand aus, ergriff ihn und spricht zu ihm: Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? Und als sie in das Schiff gestiegen waren, legte sich der Wind. Die aber in dem Schiff waren, warfen sich vor ihm nieder und sprachen: Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!“ (Verse 22–33).

Nachdem der Herr Jesus einen Vorgeschmack auf das 1000-jährige Königreich gegeben hatte, das Er schon von je her für sein Volk vorgesehen hatte, zeigte Er nun, dass die Aufrichtung dieses Reiches verschoben werden musste. Diesen Gedanken finden wir hier stärker als in den anderen Evangelien. Wir haben schon gesehen, dass Er deshalb sein Volk „entlassen“ musste. Dieses Wort wurde in diesem Abschnitt schon einmal benutzt: Die Jünger wollten die Volksmenge bereits vor der Speisung entlassen (Vers 15); das aber ließ Christus nicht zu. Jetzt aber musste Er seine Jünger darüber belehren, dass seine Beziehung zu seinem Volk wirklich dem Ende entgegen ging. Das hatten auch die Jünger zu lernen. Wir lesen: „Und sogleich nötigte er die Jünger, in das Schiff zu steigen und ihm an das jenseitige Ufer vorauszufahren, bis er die Volksmengen entlassen habe.“ Er sonderte also seine Jünger von der Volksmenge ab, bevor Er der Masse des Volkes den Rücken zukehrte. Mit einem Volk, das seinen Messias ablehnte, durften die Jünger des Messias nicht länger verbunden bleiben.

Er musste sie „nötigen“. Offensichtlich wollten die Jünger nicht ohne weiteres aufbrechen. Warum nicht? Man könnte sich vorstellen, dass sie bei ihrem Herrn bleiben wollten. Das wäre sicher ein guter Gedanke gewesen. Aus dem Bericht von Johannes entnehmen wir jedoch, welche Situation damals vorlag: „Als nun Jesus erkannte, dass sie [die Volksmengen] kommen und ihn ergreifen wollten, um ihn zum König zu machen, zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.“ (Joh 6,15) Die Menschen wollten Jesus zum König machen. Ob das nicht auch für die Jünger die lange ersehnte Gelegenheit war, die sie immer wieder beschäftigte, jetzt bei einem anerkannten König zu bleiben?

Der Herr erkannte ihre Gedanken und ließ nicht zu, dass sie sich in falschem Glanz sonnten. Daher schickte Er sie fort, ja Er nötigt sie, an das jenseitige Ufer vorauszufahren. Er selbst wollte zunächst noch die Volksmengen „entlassen“.

Das prophetische Bild der Schifffahrt

Damit möchte ich das prophetische Bild erklären, das der Herr Jesus hier aufzeigt.

Der Herr auf dem Berg: Er verlässt sein Volk, das in Sünde lebt

Endgültig hat der Herr sein Volk, das im Bild der Volksmengen hier vor uns tritt, entlassen, als Er nach vollbrachtem Werk, also nach dem Tod und der Auferstehung, in den Himmel auffuhr, auch wenn Er sich in Person von Stephanus ein letztes Mal mit dem Angebot der Gnade und Umkehr an sein Volk wandte. Die Himmelfahrt Jesu ist ja etwas, was wir interessanterweise gerade bei Matthäus nicht finden. Dieses Auffahren in den Himmel finden wir in unserer Begebenheit allerdings vorgeschattet im Aufsteigen Jesu auf den Berg, wo Er dann allein war, um zu beten.

Dieses Beten hat eine positive Bedeutung. Aber das Weggehen bedeutete zugleich Gericht! „Ich werde davongehen, an meinen Ort zurückkehren, bis sie sich schuldig bekennen und mein Angesicht suchen. In ihrer Bedrängnis werden sie mich eifrig suchen.“ (Hos 5,15) Das sehen wir in diesem Abschnitt. Aber erst, wenn das Volk bzw. die gläubigen Übriggebliebenen des Volkes der Juden dazu kommen, in der Bedrängnis den Herrn zu suchen, wird Er sich ihnen wieder zuwenden und aus dem Himmel zu ihnen kommen – wie Er hier zu dem Schiff kam.

Die Nacht ist damit auch ein Bild der Zeit, in der Er abwesend ist. Sie spricht vom bösen Zeitlauf, in dem wir uns befinden. Sie weist aber auch auf die Zeit hin, in der das Volk Israel in Finsternis lebt und keine Beziehung zu seinem Gott im Himmel, dem Messias hat.

Der Herr auf dem Berg: Der Herr verwendet sich im Himmel für die Seinen

Wir lesen im Neuen Testament nichts davon, dass der Herr Jesus im Himmel beten würde. Aber wir lesen, dass Er sich dort für die Seinen verwendet (vgl. Röm 8,34; Heb 7,25). Wir wissen nicht, wie wir uns das konkret vorstellen können. Jedenfalls sollten wir nicht meinen, Christus müsse im Himmel auf die Knie fallen vor seinem Gott und Vater. Das ist ein abwegiger Gedanke, der durch keine Schriftstelle gestützt wird. Kraft seines vollbrachten Werkes steht Er dort vor Gott, seinem Vater. Wenn der Vater Ihn sieht, der für die Gläubigen gestorben ist, dann wirkt Gott in allem zugunsten seines geliebten Sohnes.

Die Jünger im Boot: die gläubigen Übriggebliebenen

Seine Jünger hat der Herr auf eine Schiffsreise an das gegenüberliegende Ufer geschickt – allein. In Matthäus 8 haben wir gesehen, dass der Herr eine Schifffahrt gemeinsam mit ihnen machte. Hier sind die Jünger ein Bild von den gläubigen Juden, die zum Herrn Jesus gehören, die Ihn aber nach seiner Himmelfahrt nicht mehr auf der Erde bei sich haben. So gilt beides: Einerseits ist Er bei ihnen („Siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ – Er macht sich mit den Seinen eins und ist bei ihnen). Andererseits ist Er auf dem Berg, sodass sie die konkreten Umstände allein erleben müssen. Aber sie wissen, dass Er im Himmel für sie da ist.

Die 12 mussten die Reise allein antreten, ohne Ihn. Aber Er kennt die Gefahren des Weges, den Er ja selbst „gegangen“ ist. Daher kommt Er denen, die Ihm auf diesem Weg „folgen“, im richtigen Augenblick zu Hilfe.

Das Schiff: das jüdische System

Die Jünger befanden sich in einem sicheren Schiff, das vielleicht ein Hinweis auf das jüdische System ist, zu dem die Jünger und damit die gläubigen Übriggebliebenen damals gehörten. In diesem ursprünglich von Gott gegebenen Judentum gab es eine gewisse Sicherheit, die auch dem Sturm und den Wellen trotzte.

Der Wind und die Not: die große Drangsal Jakobs

Von diesem Sturm und den Wellen lesen wir nicht sofort. Aber als sie mitten auf dem See waren, litt das Schiff Not von den Wellen. Manche denken bei dem See daran, dass er ein Symbol für die ungläubigen Nationen ist, die Israel umgaben, gewissermaßen umtosten und eine Gefahr für das Volk darstellten. Ich habe diesen Gedanken in Verbindung mit Kapitel 13,1 bereits erklärt. Aber vielleicht ist der See hier auch einfach ein Hinweis auf die Umstände, in denen sich das Volk Israel im Allgemeinen und der gläubige Überrest im Besonderen wiederfand und künftig befinden wird.

Bei der Erklärung zu Matthäus 10 haben wir bereits gesehen, dass der Herr Jesus später auch in Matthäus 24 die künftige Drangsal der Juden vorstellt. Jeremia spricht von der Drangsal Jakobs (Jer 30,7), der Herr Jesus von der großen Drangsal (Mt 24,21). Daniel erklärt in seinem Buch, dass es noch eine Jahrwoche – also sieben Jahre – großer Gerichte und Nöte für Israel geben wird (vgl. Dan 9,26.27). Das wird eine Zeit furchtbarer Gerichte sein, die es ihresgleichen noch nie gegeben hat. Der Herr Jesus sagt dazu: „Wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden.“ (Mt 24,22)

Die vier Nachtwachen – die Sonne der Gerechtigkeit

Aber der Herr Jesus wird wiederkommen. Das wurde den Jüngern nach seiner Himmelfahrt gesagt: „Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso kommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel.“ (Apg 1,11) So kommt der Herr in der vierten Nachtwache zu den Jüngern. In Markus 13,35 finden wir die Einteilung der Nacht in vier Nachtwachen:

  • a) abends: 18–21 Uhr
  • b) Mitternacht: 21–24 Uhr
  • c) Hahnenschrei: 0–3 Uhr
  • d) frühmorgens: 3–6 Uhr

Die letzte Zeit ist die sogenannte vierte Nachtwache. Das zeigt uns, dass wir es wirklich mit dem Ende der Zeitrechnung zu tun haben. Denn aus anderen Stellen wissen wir, dass der Herr Jesus auf die Erde als „Sonne der Gerechtigkeit“ kommen und somit ein neuer Tag anbrechen wird (vgl. Mal 3,20). Dabei wird der Herr Jesus als Sonne der Gerechtigkeit mit Gericht in Verbindung stehen, das dem Segen des 1.000-jährigen Reiches vorausgehen wird (vgl. 2. Sam 23,3.4; Off 1,16). Die vierte Nachtwache ist die Zeit vor dem Sonnenaufgang. Vor der Sonne ist der Morgenstern zu sehen. Als Erlöste der Gnadenzeit erwarten wir den Herrn Jesus in dieser Herrlichkeit, bevor der Tag anbricht. Er wird uns zu sich entrücken (Off 22,16.17; 1. Thes 4,16 ff.).

Für die gläubigen Übriggebliebenen aber ist diese Zeit die schlimmste Periode der Drangsalszeit. Dann wird der Herr Jesus zu seinem irdischen Volk zurückkommen. Das Resultat seines Kommens wird bemerkenswert sein: „Und als sie in das Schiff gestiegen waren, legte sich der Wind“ (Vers 32). Das Kommen des Herrn Jesus für sein Volk wird Ruhe und Frieden mit sich bringen. Denn Er wird alle Feinde seines Volkes besiegen und vernichten. Der Römische Kaiser, der sich mit dem Antichristen gegen das Volk Israel verbündet, wird dann mit diesem in den Feuersee geworfen werden (vgl. Off 19,19–21).

Eine furchtbare Drangsalszeit

Wir wissen, dass die Jünger ihren Messias erwarten werden. Sie halten Ausschau danach, wann der Messias mit seinen Füßen auf dem Ölberg stehen wird (vgl. Sach 14,4). Für sie wird der Herr also als Retter und Ersehnter erscheinen.

Die Tatsache, dass die Jünger den Herrn hier jedoch für ein Gespenst hielten, zeigt uns, wie groß die Not im Schiff gewesen sein muss. Sie waren nicht in der Lage, den Herrn sofort zu erkennen. Das spricht noch einmal deutlich davon, dass die Drangsalszeit, durch welche die gläubigen Juden künftiger Tage hindurchgehen müssen, furchtbar sein wird.

Aber die Jünger künftiger Tage, die viel schlimmere Drangsale und Verfolgungen erleben müssen, werden dabei auf ihren Messias warten, der sich ihnen am Ölberg offenbaren wird (vgl. Sach 14,4). Auch wenn die 12 Jünger den Herrn in dieser Schiffssituation für ein Gespenst hielten, so freuten sie sich doch, in dieser Person kurze Zeit später den Herrn der Herrlichkeit erkennen zu können. Wir wollen im Übrigen bei der Beurteilung der Jünger nicht vergessen, dass Jesus der erste Mensch war, der auf Wasser laufen konnte. Das musste, trotz aller Erfahrungen, mehr als überraschend für sie gewesen sein …

Die Ruhe nach dem Sturm – der Beginn des Friedensreichs

Nachdem der Herr das Schiff bestiegen hatte, „legte sich der Sturm“. Diese Stille deutet auf die Ruhe und Freude im 1000-jährigen Friedensreich hin. Hierüber prophezeit Maleachi: „Aber euch, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln. Und ihr werdet ausziehen und hüpfen wie Mastkälber.“ (Mal 3,20) Wir können uns wohl kaum vorstellen, was für eine gewaltige Freude für die gläubigen Juden mit dem Kommen des Herrn verbunden sein wird. Im Propheten Jesaja lesen wir vom Zornesausbruch des Herrn: „Im Zornesausbruch habe ich einen Augenblick mein Angesicht vor dir verborgen, aber mit ewiger Güte werde ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr; dein Erlöser … Meine Güte wird nicht von dir weichen und mein Friedensbund nicht wanken, spricht der Herr, dein Erbarmer“ (Jes 54,8.10).

Es gibt auch in Psalm 107 eine wunderbare Illustration dieser Zeit. „Die sich auf Schiffen aufs Meer hinabbegeben, auf großen Wassern Handel treiben … Er spricht und bestellt einen Sturmwind, der hoch erhebt seine Wellen … es zerschmilzt in der Not ihre Seele. Sie taumeln und schwanken wie ein Betrunkener, und zunichte wird all ihre Weisheit. Dann schreien sie zu dem Herrn in ihrer Bedrängnis, und er führt sie heraus aus ihren Drangsalen. Er verwandelt den Sturm in Stille, und es legen sich die Wellen. Und sie freuen sich, dass sie sich beruhigen, und er führt sie in den ersehnten Hafen. Mögen sie den Herrn preisen wegen seiner Güte und wegen seiner Wundertaten …“ (Ps 107,23–32). Das ist gut übertragbar auf die Geschichte der Juden. Die gläubigen Übriggebliebenen werden sich zu Gott wenden und Ihn in ihrer Not rufen. Dann führt Er sie in den ersehnten Hafen der Ruhe und Freude ein. Was für eine Veränderung wird das in ihrem Leben sein!

Der Glaube der gläubigen Übriggebliebenen

Diese gläubigen Juden werden dann vor dem Herrn, der als ihr Erlöser kommt und sie von allen Feinden befreien wird, niederfallen und Ihn anbeten: „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn!“ Im Blick auf die Jünger damals muss man fragen: Kannten sie Ihn denn wirklich noch nicht, dass sie angesichts dieses machtvollen Handelns so erstaunt waren (vgl. Mk 6,51)?

Wir können auch an Thomas denken, der bei der zweiten Zusammenkunft der Jünger acht Tage nach der Auferstehung des Herrn zu diesem sagte: „Mein Herr und mein Gott!“ (Joh 20,28) Thomas ist genauso wie Nathanael ein prophetisches Bild dieser gläubigen Übriggebliebenen. Nathanael sagte über den Herrn: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels.“ (Joh 1,49) Das sind die Worte, die später einmal der Überrest aussprechen wird.

So werden die gläubigen Juden den Messias als Erretter erleben. Denn Er wird sprechen: „Sie sind ja mein Volk, Kinder, die nicht treulos sein werden; und er wurde ihnen zum Erretter“ (Jes 63,8). Sie werden die Erfahrung machen, die Jesaja schon viele Jahre zuvor aufgeschrieben hat: „Und nun, so spricht der Herr; der dich geschaffen hat, Jakob, und der dich gebildet hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Wenn du durchs Wasser gehst, ich bin bei dir, und durch Ströme, sie werden dich nicht überfluten; wenn du durchs Feuer gehst, wirst du nicht versengt werden, und die Flamme wird dich nicht verbrennen. Denn ich bin der Herr, dein Gott, ich der Heilige Israels, dein Erretter … Weil du teuer, wertvoll bist in meinen Augen und ich dich lieb habe …“ (Jes 43,1–4).

Petrus – ein Bild der Versammlung

Aber es gibt „Größeres als dieses“. Das hat der Herr zu Nathanael gesagt, als dieser in dem Herrn den Sohn Gottes, das heißt den Messias, erkannte (Joh 1,50). Der Herr weist ihn darauf hin, dass er den Sohn des Menschen sehen würde. So zeigte der Herr bei dieser Schifffahrt ebenfalls, dass es etwas ganz Besonderes gibt, was mit Ihm gerade als Mensch in Verbindung steht.

  1. Erstens sehen wir, dass der Herr nicht alleine zu den Jüngern im Schiff kam. Er hatte Petrus bei sich. Aus Stellen wie 1. Thessalonicher 3,13 wissen wir, dass der Herr Jesus zusammen mit den Gläubigen des Alten Testaments und mit seiner Versammlung auf diese Erde zurückkommen wird: Euch aber mache der Herr „untadelig in Heiligkeit vor unserem Gott und Vater, bei der Ankunft unseres Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen.“ In 2. Thessalonicher 1,10 lesen wir: „… wenn er kommt, um an jenem Tag verherrlicht zu werden in seinen Heiligen.“ Er wird nicht allein kommen, sondern insbesondere seine Versammlung bei sich haben. Von dieser ist Petrus an dieser Stelle ein Bild.
  2. Diese Gläubigen der Gnadenzeit sind nicht so sehr durch Schauen als viel mehr durch Glauben gekennzeichnet. Das finden wir bei Petrus, der bereit war, die Sicherheit des Schiffes zu verlassen, um auf dem See gehend zum Herrn zu kommen. Wie anders als mit dem Begriff „Glauben“ könnte man diesen Schritt von Petrus bezeichnen. So haben sich die gläubigen Juden sehr schnell von dem sicheren Schiff, dem Judentum, verabschiedet (Heb 13,13: „Deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, außerhalb des Lagerns, seine Schmach tragend“) und sind aus dem „Schiff“ des jüdischen Systems gestiegen, um allein auf der Grundlage des Glaubens dem Herrn nachzufolgen, um ewig bei Ihm zu sein. Wir finden hier die christliche Stellung, die außerhalb des Judentums ist.
  3. Das „Schiff“ bestand aus dem „Gesetz der Gebote in Satzungen“ (Eph 2,15), die menschlich gesprochen viel Halt geben, aber für einen Christen nicht den adäquaten Schutz darstellen. Er ist durch den lebendigen Glauben und auf dem Grundsatz des Glaubens an den Herrn Jesus richtig aufgehoben, auch wenn das nach außen hin als unsicheres Terrain angesehen werden mag. So befiehlt Paulus später die Christen nicht einer Sammlung von Gesetzen an, sondern „Gott und dem Wort seiner Gnade“ (Apg 20,32).
  4. Das Wort Versammlung ist die Übersetzung des griechischen Wortes „ekklesia“, das Herausgerufene bedeutet. So wurde Petrus gewissermaßen aus dem Schiff herausgerufen, aus der Mitte der zwölf Jünger, um ganz bei dem Herrn zu sein. Für uns heißt das, dass wir aus dieser Welt, aus den Nationen und aus den Juden zu Ihm, zu Gott, herausgerufen worden sind.
  5. Leider ist auch der Weg der Versammlung, was ihren geschichtlichen Weg unter Verantwortung betrifft, keine „Erfolgsgeschichte“. Das erkennen wir sehr schnell, wenn wir Offenbarung 2 und 3 lesen. Judas spricht davon, dass das Kommen des Herrn für die Seinen nach 1. Thessalonicher 4,16 ein Akt göttlicher Barmherzigkeit ist (Jud 21); das spricht von einem äußerlich elenden Zustand. So ist der Weg der Versammlung durch viel Versagen gekennzeichnet. Das erkennen wir auch bei Petrus. So gewaltig sein Glaube war, dass er als einziger Mensch außer dem Herrn Jesus auf Wasser gelaufen ist, so beginnt er doch zu sinken. Aber genauso, wie der Herr Petrus nicht untergehen lässt, verlässt Christus auch die Versammlung nicht. Er muss sie tadeln: Kleingläubige! – aber seine Hand ist da, um sie zu retten.
  6. Manche haben gefragt, wann der Herr für seine Versammlung kommen wird. Aus Stellen wie Matthäus 25,6 – dem Mitternachtsruf, dass der Bräutigam da ist – bzw. Lukas 12,38, wo der Herr in der zweiten oder dritten Nachtwache kommt, denken manche, dass wir uns heute in der dritten oder vielleicht vierten Nachtwache befinden. Man darf aber nicht vergessen, dass sich Zeiten und Zeitpunkte ausschließlich auf sein Kommen auf diese Erde zur Aufrichtung seines herrlichen Königreichs beziehen, niemals jedoch auf sein Kommen für die Versammlung. Das wird uns z. B. beim Lesen von 1. Thessalonicher 4 und 5 deutlich. Daher sollte man nicht versuchen, die verschiedenen Bilder und Gleichnisse miteinander zu vermischen.
  7. Es gibt noch eine weitere schöne Verbindung mit der Versammlung. Denn der Herr ging erst „in“ das Schiff, nachdem Er mit Petrus zusammengetroffen war. Zuvor war Er nahe bei dem Schiff, nicht jedoch auf dem Schiff. So wird der Herr Jesus, wenn Er für seine Versammlung kommen wird, zwar selbst und persönlich vom Himmel herabkommen, aber seine Füße nicht auf die Erde stellen. Denn Er wird uns rufen und wir werden mit Ihm in den Wolken zusammen- treffen, in der Luft, wo Er uns dann in Empfang nehmen wird, um uns mit in den Himmel zu nehmen (1. Thes 4,17).

Die Versammlung im Matthäusevangelium

Das Bild der Versammlung wird an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt. Ist es jedoch von ungefähr, dass gerade derjenige, der hier bildlich die Versammlung vorstellt, zugleich derjenige ist, dem die erste Offenbarung über die Versammlung gegeben wird? Zudem ist es gerade Matthäus, der dieses Bild aufgreift und in Kapitel 16 und 18 als einziger Evangelist die Bemerkungen des Herrn Jesus über seine Versammlung wiedergibt. Denn Matthäus zeigt uns die unterschiedlichen Haushaltungen. Mit dem Weggehen des Herrn Jesus in den Himmel und dem Kommen des Heiligen Geistes auf diese Erde begann eine vollkommen neue Zeit. Sie wird beendet, wenn der Herr Jesus sagt: „Komm hier herauf“ (Off 4,1), also mit der Entrückung, von der wir in 1. Thessalonicher 4 lesen.

Was für ein Erleben muss es für die Jünger gewesen sein, als der Herr zusammen mit Petrus wieder in das Schiff stieg. Sie waren – fast – sprachlos, außer diesem Ausruf über den Sohn Gottes. Mit was für Augen sie Petrus angeschaut haben mögen? Darüber schweigt die Schrift, da sie keine Menschenverherrlichung möchte. Wir können wohl annehmen, dass nun die Nacht vorbei war. Vielleicht kamen die ersten Strahlen der Dämmerung vom Ufer her. So wird die furchtbare Angst der kleinen Herde der gläubigen Juden ein Ende finden, wenn Christus mit seiner Versammlung auf diese Erde kommt. Die Strahlen der Sonne werden groß und größer!

Praktische Lehren aus der Schifffahrt

Im Folgenden möchte ich noch einige praktische Punkte aus dieser Begebenheit ableiten. Im engeren Sinn, so habe ich versucht zu zeigen, finden wir in den Jüngern Belehrungen über den Weg der gläubigen Übriggebliebenen aus den Juden. Aber wir dürfen diese Verse auch auf uns und unsere Zeit anwenden.

Not in unseren Schiffen

Wie oft kann uns der Wind entgegen sein. Wohlgemerkt – hier befanden sich die Jünger auf einem Weg, den der Herr ihnen aufgetragen hatte. Gerade dann, wenn wir einen Auftrag vom Herrn bekommen haben, ist es leicht möglich, dass wir in widrige Umstände kommen. Einerseits prüft uns unser Herr, ob wir seinen Auftrag auch in Schwierigkeiten ausführen (1. Kor 16,9). Andererseits ist der große Widersacher des Herrn – Satan – ständig tätig. Er versucht immer zu verhindern, dass der Wille des Herrn in unserem Leben geschieht.

Im Gegensatz zu der vorherigen Schifffahrt (Mt 8,26), als der Herr den Wind schalt, hören wir von solchen Worten des Herrn in unserem Kapitel nichts. Dort kam der Wind somit deutlich von Satan, während wir das hier nicht mit Bestimmtheit sagen können. In jedem Fall ließ Christus diesen Sturm zu, wie Er das auch im Leben Hiobs tat, ja letztlich sogar guthieß, weil Er ein Ziel mit Hiob erreichen wollte und weil Er mit seinen Jüngern zum Ziel kommen möchte. Sie sollen allein auf Ihn vertrauen.

Gründe für Stürme im Leben von Gläubigen

„Sturm“ im Leben eines Gläubigen kann ganz unterschiedliche Ursachen haben.

  1. Stürme sind das normale Teil eines Christen in dieser Welt. Davon spricht Petrus in seinen Briefen (vgl. 1. Pet 4,12). Sie sind ein Zeichen, dass wir Gläubige sind und nicht zu dieser Welt gehören, die uns ablehnt und wie unseren Meister beseitigen möchte, wenn sie es könnte.
  2. Gott kann „vorsorglich“ „Stürme“ senden, damit wir vor dem Sündigen bewahrt werden. Ein Beispiel dafür ist Paulus (2. Kor 12).
  3. Gott züchtigt uns durch Stürme (vgl. Heb 12). Er tut es aus Liebe! Gott sieht eine Wurzel in unserem Leben, vielleicht auch einen Mangel im Blick auf das Widerstehen gegen das Böse, ohne dass dies für andere Menschen bereits sichtbar ist. Und dann benutzt Gott seine Zucht, um uns zu wappnen, damit wir nicht fallen bzw. dieses Problem (zum Beispiel Selbstgerechtigkeit) in unserem Denken und in unserer Gesinnung erkennen und verurteilen (vgl. Hiob).
  4. Stürme können eine direkte Folge eines Fehlverhaltens sein, wie es zum Beispiel Paulus erleben musste (Apg 21,26.27). Er hatte sich dazu verleiten lassen, als Christ in jüdische Gesetzesgebräuche zurückzukehren.
  5. Manchmal verbindet Gott durch Stürme in unserem Leben eine Botschaft an uns nahestehende oder umgebende Menschen. Mose wurde todkrank – aber die Botschaft richtete sich an seine Frau (2. Mo 4,24 ff.).
  6. Zuweilen möchte Gott durch schwere Umstände in unserem Leben das „Gold des Glaubens“ sichtbar machen. So handelte Er mit Abraham (vgl. 1. Mo 22; 1. Pet 1,6.7).
  7. Darüber hinaus sind „Stürme“ wie Krankheit in unserem Leben auch schlicht ein Erinnern daran, dass wir noch in der alten, ersten Schöpfung leben. Als Folge des Sündenfalls – nicht eigener Sünde! – können solche Stürme dann auftreten (vgl. Röm 8,22).

Stürme von Gott – Stürme von Satan

Manche Stürme sendet Gott direkt aus einem der obigen Gründe, manche lässt Er durch das Handeln von Satan zu. Satan kann uns herausfordern, wie er das bei Hiob getan hat. Wie gut ist es, dass wir wissen dürfen, dass er nur so viel tun kann, wie Gott zulässt. Wir sollten aber nicht übersehen, dass der Herr auch selbst – wie im Leben von Jona – Widerstand und Stürme herbeirufen kann, um falsche Weichenstellungen, die wir in unserem Leben vorgenommen haben, zu korrigieren. Denn Ihm liegt an uns.

Der Herr ist auch heute geistlicherweise auf dem Berg. Ich habe schon die beiden Stellen angeführt, die zeigen, dass Er sich im Himmel für die Seinen verwendet. Er tut das, damit sie nicht sündigen, damit die äußeren Umstände, die ihnen entgegen sind, sie nicht dazu bringen, zu sündigen und sich von Gott loszusagen. Wie gewaltig groß ist sein Dienst im Himmel. Keiner von uns würde den sicheren Hafen, den Himmel, erreichen, wenn Er nicht für uns tätig wäre.

Natürlich ist im absoluten Sinn das Werk Jesu am Kreuz vollkommen ausreichend zur Erlösung und Errettung derer, die an den Herrn Jesus glauben. Aber genau so, wie Petrus ohne das Wirken Jesu nicht wiederhergestellt worden wäre, würden auch wir durch unsere Sünden in den geistlichen Ruin getrieben. Wir würden viel öfter sündigen, wenn der Herr sich nicht als der Hohepriester für uns im Himmel verwenden würde, damit wir nicht sündigen (vgl. Heb 2,18; 7,25). Und wir würden nicht wieder aufstehen, wenn Er nicht, nachdem wir gesündigt haben, seinen Dienst als Sachwalter ausüben würde (vgl. 1. Joh 2,1.2). Sein heutiger Dienst ist von unschätzbarem Wert!

Im persönlichen und auch im gemeinsamen Glaubensleben können solche Stürme auftauchen. Wohl dem, der sich bewusst macht, dass der Herr uns nicht allein gelassen hat, sondern dass Er auf dem Berg für uns tätig ist. Dabei wissen wir aus Erfahrung, dass die Not manchmal lange andauern kann. Und lasst uns immer bedenken: Der Herr kennt unsere Übungen, „denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen, die versucht werden“ (Heb 2,18).

Bei den Jüngern kam der Herr erst in der vierten Nachtwache. So kommt Er auch bei uns zur rechten, aber nicht unbedingt zur schnellsten Zeit. Wir wünschten uns in der Regel, dass Er doch sofort kommen möchte, um uns aus der Not zu helfen. Aber nachher wissen wir, dass es gut war, dass Er nicht sofort gekommen ist. Nicht, dass wir uns wieder in eine solch schwierige Lage zurücksehnten. Aber wir durften doch Erfahrungen mit dem Herrn machen, die wir nicht mehr missen wollen und die wir nötig hatten. Denn der Herr – und Er allein – weiß, was gut für uns ist. Daher wollen wir uns gegenseitig zurufen, Ausharren und Geduld zu lernen, auch wenn die Not sehr groß und andauernd sein kann – wie hier bei den Jüngern.

Wir sollten aus dieser Begebenheit auch lernen, dass wir uns nicht selbst helfen können. Vielleicht haben wir uns schon angewöhnt, selbst Hand anzulegen, wenn der Herr nicht eingreift. Und bis zu einem gewissen Grad mag das auch helfen.

Wohl uns, wenn wir bereit sind zu warten. Saul war dazu nicht bereit. Samuel hatte ihm gesagt, dass vor dem Kämpfen gegen die Philister eine gemeinsame Opferung in Gilgal stattfinden sollte. Dazu würde er als Prophet kommen, aber es würde sieben Tage dauern (vgl. 1. Sam 13,8–15). Weil Saul aber merkte, dass sich sein Volk aus Angst davonmachen würde, nahm er die Dinge selbst in die Hand.

Unser Urteil über Saul könnte übermäßig hart sein. Hatte er nicht die von Samuel verlangten sieben Tage gewartet? Ja, das hatte er. Das war schon eine beeindruckend lange Zeit angesichts des aus Sicht des Volkes übermächtigen Gegners: der Philister. Ob wir bereit gewesen wären, überhaupt so lange zu warten? Sind wir heute einmal bereit, auf die Hilfe des Herrn ein paar Stunden oder Tage zu warten?

Bei Saul ging es um Leben und Tod – darum handelt es sich bei uns oft nicht. Aber Saul war eben nicht mehr bereit, noch länger auf Samuel zu warten. Und angesichts der bedrohlichen Umstände schlachtete er dann vor der Zeit die Opfer. Was war die Antwort des Herrn darauf: „Nun aber wird dein Königtum nicht bestehen“ (1. Sam 13,14). Wie dankbar dürfen wir sein, wie gnädig Gott oft mit uns heute spricht.

Christus – ein Gespenst?

Dann, in der vierten Nachtwache, kam der Herr Jesus zu seinen Jüngern. Aber wie Er kam, muss uns zur Bewunderung führen: „Er kam zu ihnen, gehend auf dem See.“ Die Jünger waren durch die Umstände gefangen und fühlten sich von diesen bedroht und niedergebeugt. Nicht so ihr Meister. Als der Schöpfer hatte Er sich schon mehrfach erwiesen. Das würde Er auch hier gleich noch einmal tun. Derjenige, der die Naturgesetze geschaffen hat, ist nicht an sie gebunden.

Aber das ist nicht alles, was wir bedenken müssen, wenn wir den Herrn hier auf dem See gehen sehen. Auch in seinem Leben und Dienst hat Er sich nie von den Umständen, dem „See“, beherrschen lassen. Er ging auf dem See, weil Er gekommen war, den Willen seines Vaters auszuführen. Da mochten die Umstände schwer oder leicht sein: Immer stand sein Vater und dessen Werk vor seinen Augen. Selbst der Widerstand kurz vor dem Kreuz veranlasste den Herrn nicht, sich von diesem Kurs abbringen zu lassen.

Schließlich denken wir an die heutige Zeit. Er ist derjenige, der im Himmel (auf dem Berg) für uns tätig ist. Von da aus kommt Er uns in unseren schweren Lebensumständen zu Hilfe. Er ist nicht gebunden durch Wetter, Wasser und Unruhe. Das alles kann Ihm nichts anhaben. Er kann auf dem Wasser gehen und Er kann die Wellen und den Wind plötzlich zum Schweigen bringen. Er ist der Herr und Christus von allem und über allem.

Wie reagierten die Jünger nun, als der Herr schließlich kam? „Es ist ein Gespenst! Und sie schrien vor Furcht.“ Obwohl sie schon eine ganze Zeit mit dem Herrn Jesus unterwegs waren, erkannten sie Ihn nicht. Nun können die meisten von uns nicht mitreden, wenn wir an die Situation der Jünger denken. Sie haben eine ganze Nacht ununterbrochen gerudert, und das nicht nebenbei. Wenn es heißt, dass das Schiff Not von den Wellen litt, dann handelte es sich nicht um ein laues Lüftchen! Und wer konnte erwarten, dass der Herr über den See gehend zu ihnen kommt!

Die Frage ist, wie es bei uns aussieht. Wenn man in schwieriger See ist und deshalb ständig im Gebet zu seinem Herrn schreit, sollte man Ihn auch als den Handelnden erwarten! Aber oft erkennen wir Ihn gar nicht, obwohl Er längst eine Antwort auf unsere Gebete gegeben hat oder gerade gibt. Im Gegenteil – wir erschrecken dann noch und halten sein Eingreifen nur für eine Wahnvorstellung.

Dabei wussten die Jünger genau, und wir wissen das auch, dass es keine Gespenster gibt. Aber dann, wenn auf einmal eine vollkommen unerwartete Situation eintritt, ist man oft nicht mehr in der Lage, nüchtern zu urteilen. Ob wir wohl wirklich auf das Eingreifen des Herrn warten und Ihn dann auch in den Umständen erkennen?

Die Antwort des Herrn

Es ist schön zu sehen, dass der Herr eine Antwort auf die Furcht der Jünger hat. Er lässt sie nicht im Stich, wie Er später auch Petrus nicht im Stich lassen würde. „Seid guten Mutes, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ Rund 100 Mal finden wir in der Bibel diese Ermunterung, sich nicht zu fürchten. Der Herr möchte weder, dass seine Jünger unter der Last der Umstände zusammenbrechen, noch dass sie erschrecken, wenn Er in wunderbarer Macht und Gnade zu ihren Gunsten eingreift. Er macht uns Mut, auszuharren und auf Ihn zu sehen. Noch hatte Er ja nicht den Wind und die Wellen beseitigt. Gerade deswegen brauchten sie weiter Mut.

„Ich bin es“ – was für eine Sicherheit geben diese drei Wörter! Er selbst war da und zeigt auch uns, dass Er nicht nur auf dem Berg ist, sondern direkt in unsere Umstände hineinkommt. Er war es, den sie doch kannten und von dem sie wussten, dass Er sie lieb hatte. Hier stand der „Ich bin“, Jahwe, ihr Bundes-Gott, auf ihrer Seite. Wie konnten sie da noch Furcht haben?

Weil Er es war, sollten sie sich nicht fürchten. Weder vor Ihm noch vor den Wellen noch vor unbekannten Gefahren. Wenn Er ihnen Mut zusprach und sogar bei ihnen war, was sollte sie dann noch beschädigen können? Dann war jede Furcht überflüssig. – So begegnet der Herr auch uns heute noch, um uns aufzurichten.

Der große Glaube von Petrus

Wir wissen nur von zwei Menschen in der langen Menschheitsgeschichte, die auf Wasser gelaufen sind: Christus und Petrus. Das deutet an, was für eine gewaltige Leistung Petrus hier vollbracht hat, genauer gesagt, was Jesus für ein Wunder für Petrus bewirkt hat. Wir alle trauen das Christus zu – „Im Meer ist dein Weg, und deine Pfade sind in großen Wassern, und deine Fußstapfen sind nicht bekannt“ (Ps 77,20) –, aber Petrus?

„Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, wenn du es bist, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf den Wassern. Er aber sprach: Komm!“ Wer von uns hätte diesen Mut gehabt? Petrus hatte ihn. Er ist nicht einfach aus dem Schiff ausgestiegen, um zu seinem Meister zu laufen. Er antwortete zuerst einmal auf die ersten Worte des Meisters und wartete dann auf den Auftrag zu kommen. Petrus war sich bewusst, dass der Herr hier die Gesetze der Schöpfung aushebelte. Kein Mensch kann auf Wasser laufen. Aber er sah, dass der Herr das tat. Und so bittet er seinen „Herrn“ – wann immer die Jünger Christus angesprochen haben, nannten sie Ihn Herrn oder Meister! – dass Er ihn rufe.

Petrus wusste, dass er nur dann wie sein Herr auf dem Wasser laufen konnte, wenn dieser ihm dafür den Auftrag gab. Und genau das wollte er – diesen Ruf erhalten. Was für ein Mut spricht aus seinen Worten, und was für ein Glaube muss letztlich doch vorhanden gewesen sein, sonst könnten wir uns nicht vorstellen, dass Jesus ihn wirklich herbeigerufen hätte. Manche meinen, dass Petrus aus Sensationslust oder Neugierde, aus übermäßiger Begeisterung auf dem Wasser zu seinem Meister laufen wollte. Sie fühlen sich bestätigt darin, dass Petrus tatsächlich begann zu sinken. Aber wir dürfen diese beiden Phasen seines Laufens auf dem Wasser nicht miteinander verbinden. Ohne Glauben hätte Petrus zunächst einmal nicht auf Wasser laufen können – der Unglaube kam später.

Der bekannte Bibelausleger Charles H. Mackintosh sagte hierzu einmal sinngemäß: „Warum haben wir so wenig Glaubenserfahrungen mit unserem Herrn? Weil wir nicht den ersten Schritt aufs Wasser wagen. Wenn Petrus nicht gewagt hätte, auf das Wasser zu treten, so hätte er diese Erfahrung in seinem Leben nie gemacht!“ Wir machen so wenig echte Glaubenserfahrungen, weil wir den Herrn so selten auffordern, uns einen konkreten Auftrag dieser Art zu geben.

Dabei geht es nicht darum, dem Herrn zu sagen: „Befiehl mir, dies oder das zu tun!“ Das könnte nämlich unserem Eigenwillen entspringen. Daher sind folgende Schritte wichtig, die wir bei Petrus hier erkennen können:

  1. Wer wirklich im Glauben handeln will, der muss sich sicher sein, dass der Wille vom Herrn kommt. Daher: „Wenn du es bist ...“ Es muss die vorsichtige, zurückhaltende und in gewisser Hinsicht an sich selbst zweifelnde Frage sein: „Bist du es wirklich? Nur wenn du mich dazu aufrufst, will ich es tun.
  2. Wer wirklich im Glauben handeln will, möchte gehorsam sein. Daher wartet er auf einen Auftrag des Herrn: „Herr, ... so befiehl mir ...“. Nur wer nicht im Eigenwillen, sondern im Gehorsam handelt, wird einen Glaubensschritt dieser Art gehen können.
  3. Wer wirklich im Glauben handeln will, hat den Herrn vor Augen: „zu dir zu kommen“. Es geht nicht um irgendein Handeln, um irgendeinen Auftrag. Es geht darum, dass wir zum Herrn gehen und dass Er das Ziel unseres Handelns ist. Ein schönes Vorbild finden wir in Philipper 3,12 ff. Wer im Glauben handelt, möchte da sein, wo Christus ist. Er möchte nicht selbst im Mittelpunkt stehen, sondern sieht von sich weg, um auf Ihn zu sehen und bei Ihm zu sein.
  4. Wer wirklich im Glauben handeln will, wird über den Umständen stehen bzw. gehen: „auf den Wassern“. Glaube bedeutet, nicht von Umständen bestimmt zu sein, sondern unabhängig von den Umständen zu handeln. Diese haben keine Gewalt über den Glaubenden, sondern das Ziel – Christus – bestimmt seinen Weg und sein Handeln.

Wir sehen in diesen Versen auch, dass die Initiative von Petrus ausgeht. Natürlich stützt der Herr Jesus unseren Glauben. Aber Er freut sich darauf, wenn wir einen Schritt des Glaubens beginnen, ohne Ihn dabei außen vor zu lassen. Warum lesen wir hier eigentlich nichts von den anderen elf Jüngern? Keiner von ihnen besaß den Glaubensmut, den wir bei Petrus erkennen. Äußerlich war es sicherer, im Schiff zu bleiben. Aber kann es einen besseren Platz geben, als zu dem Herrn Jesus hinzulaufen, selbst wenn es auf solch unsicherem Gelände wie Wasser ist?

Petrus sagte nicht: „Hilf mir dabei!“ Er sagte Ihm auch nicht: „Bitte mich …“ Petrus war sich bewusst, dass es eines ganz konkreten Befehls bedurfte, damit das wahr werden konnte, was wahr wurde. Denn dann stieg Petrus wirklich aus dem Schiff aus. Das war keine überhastete Aktion. Das alles war wohlüberlegt. Petrus rechnete mit seinem Meister und wurde nicht enttäuscht.

Wie schwer fällt es uns, die Sicherheit des Schiffes aufzugeben, um einfach im Glauben auf Christus auf dem Wasser zu gehen. Daran sehen wir, dass Petrus wirklich für den Glauben in Bezug auf das Unsichtbare steht. Er vertraute, dass der Herr auch bei ihm gegen jedes Naturgesetz handeln würde, so dass er auf dem Wasser laufen konnte. Christus allein muss die Kraft und der Beweggrund für solche Glaubenstaten sein: Wenn du es bist … Zugleich ist Christus das Vorbild, denn Er lief auf dem Wasser – so auch Petrus!

Schritte im Glaubensleben von Petrus

Als Jünger von Johannes dem Täufer war Petrus vermutlich durch diesen zur Buße gebracht worden. Eines bestimmten Tages führte ihn sein Bruder Andreas dann zu Jesus (Joh 1,42). So kam er in Verbindung zum Herrn. Später erhielt er von diesem den Auftrag, Menschenfischer zu werden. Was ging dem voraus? Petrus war vor Ihm auf die Knie gefallen, weil er seinen praktischen Zustand als sündigende Person erkannt hatte: „Geh von mir hinaus, denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr.“ (Lk 5,8) Dann bleibt er bei Jesus und wird sein Nachfolger – das ist tatsächlich die Voraussetzung, um dem Herrn zu dienen.

Hier finden wir nun, dass er erneut zu seinem Meister will. Denn Christus zieht ihn an. Und bei Ihm zu sein ist ihm viel wichtiger, als endlich aus dem Sturm ans andere Ufer gerettet zu werden. Hauptsache: bei seinem Meister sein! Aber – und das sehen wir dann sofort – das einzige, was er im Glaubensleben gerade nicht aus den Augen verlieren sollte, ist genau das, was auch wir immer wieder aus den Augen verlieren: die Person unseres Herrn Jesus Christus.

Petrus geht auf dem Wasser

„Und Petrus stieg aus dem Schiff und ging auf den Wassern und kam zu Jesus.“ Den Herrn zu bitten, ist eine Sache. Auf dem Wasser dann auch wirklich zu gehen, eine ganz andere. Petrus tut das. Hier ist er nicht der ungestüme Mann. Er hatte zunächst den Auftrag des Herrn abgewartet, um dann diesem auch Folge zu leisten.

Stellen wir uns diese Situation vor! Wind und Wellen umtoben das Schiff. Petrus trotzt diesen und steigt aus dem Schiff aus. Diese Erfahrung hat keiner der anderen Jünger gemacht, nur er. Und er geht auf den Wassern. Wir lesen nichts von vorsichtigen Schritten des Prüfens. Denn hier gibt es nichts zu prüfen. Petrus wusste genauso gut wie wir es wissen, dass man nicht auf dem Wasser gehen kann. Aber der Auftrag des Herrn war für ihn so überzeugend, dass er ihm Folge leistete.

Für uns ist es unbedingt notwendig, dass wir einen Auftrag des Herrn haben und erkennen, wenn wir etwas Bestimmtes für Ihn tun wollen. Wenn Er aber dann gesagt hat: „Komm!“ – dann sollten wir auch gehen, selbst wenn es aus menschlichen Erwägungen eigentlich unmöglich, unpassend oder sogar dumm ist. Würden wir nicht jedem sagen, der aus einem Schiff aussteigen wollte: „So dumm wirst Du doch nicht sein zu meinen, Du könntest auf dem Wasser laufen!“ Nur der Auftrag des Herrn machte diese Unmöglichkeit möglich.

Warum konnte Petrus auf dem Wasser gehen? Einmal, weil er dazu einen Auftrag des Herrn besaß, und zum zweiten, weil er auf den Herrn sah. Er ging zu Jesus, ja wir lesen sogar: „Er kam zu Jesus.“ Fast wäre er dort gewesen, da schaute er auf den starken Wind und fürchtete sich.

J. N. Darby hat darauf hingewiesen, dass es für Petrus (und uns) keinen Unterschied macht, ob es stürmt oder nicht. Unter beiden Umständen ist es unmöglich, auf dem Wasser zu laufen! Für jemanden, der im sicheren Schiff sitzt, ist es ein Unterschied, ob Wind kommt oder nicht. Für jemanden jedoch, der auf den Wassern läuft, spielt der Wind keine Rolle. Denn er hat es sowieso mit einer menschlichen Unmöglichkeit zu tun.

Das Entscheidende ist: Worauf schauen wir als Gläubige? Auf den Wind – oder auf Christus? Das ist natürlich leichter geschrieben als getan, aber es ist die Frage, die der Herr uns in diesem Abschnitt vorstellt.

„He did not let go my hand!” (Er ließ meine Hand nicht los!)

Als Petrus, vom Wind beeinflusst, weg von Christus sieht, ändert sich alles. Er beginnt zu sinken. Wir können uns kaum vorstellen, was es bedeutet, auf dem Wasser gehen zu können. Aber wir können uns gut vorstellen, was für eine Panik ausbrechen muss, wenn man mitten auf einer stürmischen See ist und zu sinken beginnt, und das noch in der Dämmerung. Dann nämlich hat man verloren. Dabei bleibt es ein Geheimnis, wie wir verstehen sollen, dass P (Ps 107,23etrus „auf den Wind sah“, der ja unsichtbar ist. Waren es die Wellen? Blickte er einfach aus Angst von seinem Meister weg? Wir wissen es nicht.

Was wir alle aber wissen, ist, dass der Herr unseren Glauben sucht und auch prüft. Und jemand, der im sicheren Schiff bleibt, ist insofern sicherer dran als jemand, der im Glauben über das Wasser geht. Aber er erlebt auch nicht die Erfahrung wahren Glaubens. Und er erlebt nicht die Macht und Zuwendung des Meisters, wie Petrus sie erfuhr.

Ich bin sehr dankbar, dass wir die Geschichte des Sinkens von Petrus hier finden. Sonst käme noch jemand von uns auf die Idee, dass dann, wenn man einen Schritt des praktischen Glaubensvertrauens gegangen ist, alles glatt und leicht geht. Die Glaubenserfahrung, die Petrus hier gemacht hat, konnte ihm niemand mehr nehmen. Aber auch nicht das Bewusstsein, dass nur ein einfältiger und ständiger Blick auf Christus vor dem Untergang rettet. Überhaupt ist es nur die starke Hand unseres Retters, die uns vor dem Untergang bewahren kann. Er kann uns über die Gesetze seiner Schöpfung erheben, selbst wenn wir zu zweifeln beginnen.

Petrus wusste, an wen er sich wenden musste, als er zu sinken begann. Er versucht nicht auf sinnlose Weise, selbst mit der Situation klar zu kommen oder die anderen in dem Schiff um Hilfe zu rufen. Er weiß, dass allein Christus ihm helfen kann. So ruft, ja schreit er: „Herr, rette mich!“ Und der Herr rettet ihn.

Ein amerikanischer Liedermacher (Don Francisco), der diese Begebenheit in Gedicht- und Liedform gebracht hat, beschreibt dieses doppelte Wunder und beendet das Lied damit, dass Petrus erst viel später erfasst hat, dass der Herr ihn nicht nur auf dem Wasser laufen ließ.

My insides turned to water and my mind went blank and numb.
I climbed across the gunwale looking straight into His eyes
But long before I reached His side, the wind began to rise
I forgot Him in an instant and I sank just like a stone
I cried out, „Jesus save me!“ and His hand was on my own.

„Oh man of little faith,“ He said, „what made you doubt My word.
Have you been this long with Me without knowing what you’ve heard?“
We climbed into the boat and all at once the wind was gone
The sea turned calm and gentle and the day began to dawn.
We knelt amazed and worshipped Him for the power He displayed
For all that we had seen had left us wondering and dismayed
It was not till after Pentecost I began to understand
That even when I doubted Him He did not let go my hand.

Die Macht des Herrn war auch und gerade dann da, als er zu sinken begann. Als die Zweifel aufkamen, streckte der Meister seine Hand aus, um Petrus zu ergreifen. Der Dichter sagt dazu: „Ich schrie laut: Jesus, rette mich! – und seine Hand hielt meine fest.“ Oft brauchen wir nach einer solchen Erfahrung Zeit, bis wir ein stückweit verstehen, was der Herr für uns getan hat. „It was not till after Pentecost that I really understand: Even when I doubted him, he did not let go my hand!“ (Es war erst nach Pfingsten, dass ich wirklich verstand: Auch wenn ich an Ihm nicht ganz vertraut hatte, ließ Er doch meine Hand nicht los!)

Der Herr war die ganze Zeit auf dem Wasser, in stürmischer See. Ihm konnte das Unwetter nichts anhaben. Aber Er ließ nicht zu, dass derjenige, der einen gewaltigen Glauben – weit über den seiner Jüngerkollegen hinaus! – offenbart hatte, im Wasser versank.

Es war nur noch eine kleine Strecke, die Petrus fehlte, um nicht mehr zum Herrn, sondern mit dem Herrn zu gehen. Henri Rossier spricht von „einer Minute weiteren Glaubens“ (es waren wohl nur Sekunden …), dann wäre Petrus nicht gesunken. Aber gerade das letzte Stück ist oft dasjenige, bei dem wir beginnen, in unserem Glauben zu scheitern. Oft ist es das schwerste. Aber der Herr gibt keinen der Seinen auf.

Der Tadel des Meisters

Vielleicht ist man als Leser enttäuscht, wenn man die Worte des Herrn hört: „Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ Hatte Petrus nicht einen gewaltigen Glauben offenbart? Zweifellos. Aber wenn der Herr sieht, dass jemand Glauben offenbart, möchte Er ihn dazu bringen, dass der „Glaube … vollendet“ werde (Heb 12,2; Jak 2,22).

Zu den elf Jüngern hatte der Herr hier nichts zu sagen. Sie hatten keine Glaubenserfahrung mit Ihm gemacht. Und müssen nicht auch wir beklagen, wie wenig Erfahrungen wir mit dem Herrn machen, weil wir Ihn so selten bitten: „Befiehl mir, zu dir zu kommen auf den Wassern“? Petrus hat seinen Meister in einer einzigartigen Weise kennengelernt, wie er Ihn vorher nicht kannte. Schreibt er davon nicht etwas in seinem Brief? „… die ihr durch Gottes Macht durch Glauben bewahrt werdet zur Errettung, die bereit ist, in der letzten Zeit offenbart zu werden“ (1. Pet 1,5). Er hatte diese Macht des Herrn kennengelernt, nicht pauschal, nicht allgemein, sondern ganz persönlich! Und das ist ein Wunsch, der für uns alle erfüllbar ist.

Noch einmal auf dem See

Das Gehen auf dem See war noch immer nicht vorüber. Wir finden darüber keine weitere Erwähnung, aber Petrus musste ja mit dem Herrn wieder in das Schiff zurück. Wir lesen nichts davon, dass der Herr ihn trug. Eine weitere Erfahrung ganz persönlicher Art war es für Petrus, mit dem Herrn zusammen auf dem Wasser zurück ins Schiff zu gehen – offenbar an seiner Hand.

Und in dem Moment, in dem sie das Schiff erreichten und hinein stiegen, legt sich der Wind. Eine wunderbare Erfahrung, die nicht nur Petrus, sondern auch die anderen machen dürfen. Wir alle gehören vermutlich zu denen, die keinen Petrus-Glauben besitzen. Aber auch uns lässt der Herr nicht im Stich. Er kommt in unsere Umstände, um in der vierten Nachtwache – gerade dann, wenn Er uns seine Gegenwart erleben lässt – diese Umstände zu verändern. Auf einmal schenkt Er vollkommene Ruhe und Rettung.

Ob wir dann auch vor Ihm niederfallen, dem Sohn Gottes? Petrus hatte mehr als das kennengelernt, aber er hatte seinen Herrn und Meister auch als den Sohn Gottes kennengelernt. Oft dürfen auch wir Ihn so erleben, wie Er uns nicht nur neuen Mut in schwierigen Umständen gibt, sondern dann auch die Umstände verändert. Er ist unser Herr – so huldigen wir Ihm.

Verse 34–36: Der Segen des 1000-jährigen Friedensreichs

„Und als sie hinübergefahren waren, kamen sie ans Land, nach Genezareth. Und als die Männer jenes Ortes ihn erkannten, schickten sie in jene ganze Gegend und brachten alle Leidenden zu ihm; und sie baten ihn, dass sie nur die Quaste seines Gewandes anrühren dürften: und so viele ihn anrührten, wurden völlig geheilt“ (Verse 34 –36).

Zum Abschluss dieses Kapitels erhalten wir dann noch einen wunderbaren Hinweis auf den Segen des 1000-jährigen Friedensreichs, das beginnen wird, wenn der Herr Jesus zu seinem Volk gekommen ist und es nach durchlebter Drangsalszeit gerettet haben wird. Dann wird Er als die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen mit Heilung in ihren Flügeln (vgl. Mal 3,20).

So lesen wir hier, dass aus der ganzen Gegend die Leidenden zu Ihm gebracht wurden. Nur die Quaste seines Gewandes (vgl. 4. Mo 15,37–40) wollten sie anrühren, und so wurden sie in wunderbarer Weise geheilt. Das werden die Menschen erfahren, die im 1000-jährigen Friedensreich – besonders am Anfang – zum Messias kommen werden. Jeder, der sich Ihm unterwirft, wird gerettet werden, oder wie es hier heißt, „völlig geheilt“ werden. Das wird eine wunderbare Zeit sein, wo die äußeren Krankheiten, die uns alle heute mehr oder weniger kennzeichnen, für alle diejenigen Vergangenheit sein werden, die sich zu dem Herrn Jesus wenden. Römer 8 zeigt uns, was für eine wunderbare Befreiung von Knechtschaft das sein wird (Röm 8,21).

Die Quaste zeigt uns, dass auch das 1000-jährige Reich mit dem Gesetz Gottes verbunden ist. Während wir heute dem Gesetz gestorben sind (vgl. Röm 7,6; Gal 2,19), so dass der Gläubige nicht unter Gesetz steht, wird das im 1000-jährigen Reich wieder anders sein. Aus Stellen wie Hesekiel 40–48, welche die Zeit des 1000-jährigen Friedensreichs charakterisieren, wissen wir, dass der neue Bund (vgl. Jer 31,31–34) das Volk wieder unter das Gesetz stellt. Aber der Segen ist nicht mehr davon abhängig, ob das Volk das Gesetz auch wirklich einhalten wird. Dennoch bekommen die einzelnen Gesetze wieder ihre Gültigkeit. Der Herr hatte die Quaste ausdrücklich angeordnet (4. Mo 15,40), damit sich das Volk an das Gesetz erinnert. Diese Gebote sind nicht die Lebensregel des Christen (vgl. Röm 10,4). Daher tragen Christen keine Quaste, und deshalb spricht diese Begebenheit in der prophetischen Sicht auch nicht von unserer heutigen Zeit.

Das Kapitel, das mit der traurigen Hinrichtung von Johannes dem Täufer begonnen hatte, endet somit in einer Szene größter Ruhe und herrlichen Glücks. Gerade in diesem Evangelium lesen wir immer wieder davon, dass der Herr Jesus auf diese Weise zum Wohl der Kranken und Schwachen tätig war (4,24; 8,16; 9,12; usw.). Wenn es doch so weitergegangen wäre … Aber es war nur ein kleiner Schimmer von dem, was einmal durch den Messias Wirklichkeit werden wird. Bis dahin würde noch eine lange Zeit vergehen, denn es gab zu viele Juden, die diesen Messias rundherum ablehnten, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden.

Aber genau an dem Platz, an dem Christus verworfen wurde, hier auf der Erde und besonders in Israel, wird Er einmal als Friedefürst erscheinen und angebetet werden. So wie es hier die Gegend war, wo Christus zuvor besonders verworfen worden war, wo Er die meisten Wunderwerke getan hatte und dennoch hinausgeworfen worden war – an diesem Ort verherrlichte Er sich an den Kranken und Schwachen.

Fußnoten

  • 2 Tetrarch heißt übersetzt Vierfürst. Dieser Titel wurde ursprünglich dafür vergeben, dass ein Reich in vier Teile aufgeteilt wurde und ein Tetrarch über den vierten Teil des Reiches regierte. Später wurde dieser Begriff etwas allgemeiner gefasst als Herrschaft über einen Teil eines größeren Reichsgebietes. Ein Stiefbruder von Herodes Antipas, Herodes Philippos, war ebenfalls Vierfürst und regierte über Ituräa, Golan und Trachonitis. Ein weiterer Bruder von Herodes Antipas war Herodes Archelaus, der genauso als Vierfürst über Judäa, Samaria und Idumäa herrschte.
  • 3 In Johannes 6 lesen wir, dass der Herr die Brote verteilte. In diesem Evangelium wird Er uns als Sohn Gottes gezeigt, der niemandes bedurfte.
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