Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 16

Der verworfene König führt seine Versammlung ein (Mt 16)

Nachdem wir in Kapitel 13 gesehen haben, dass der verworfene Herr eine Vorschau über die Entwicklung des Königreichs der Himmel gibt, auch über den inneren Wert, den der Herr darin findet, hat uns Kapitel 14 in einer bildhaften Form den Überblick über die Zeit der Gnade vorgestellt. In Kapitel 15 konnten wir lernen, dass der Herr sich angesichts der Bosheit der Führer des Volkes Israel von diesem abwendet, um den Segen zu den Nationen zu bringen.

Der Unglaube der Juden, repräsentiert durch ihre Führer, offenbart sich auch in Kapitel 16 noch einmal. Diese Verhärtung nimmt der Sohn Gottes zum Anlass, seinen Jüngern zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit die göttlichen Gedanken über sein „Meisterwerk“ (wie es von Auslegern genannt worden ist), nämlich die Versammlung (Gemeinde, Kirche) des Herrn und Gottes, zu offenbaren. Es handelt sich „nur“ um eine Ankündigung, die in Kapitel 18 noch ergänzt wird. Die eigentliche Bildung der Versammlung finden wir in der Apostelgeschichte, die Lehre über die Versammlung in den Briefen des Apostels Paulus. Die Ankündigung der Versammlung führt dazu, dass sich der Herr noch mehr von den Juden zurückzieht, den Jüngern zugleich jedoch noch eine wichtige Belehrung über wahre Jüngerschaft mitgibt.

Kein anderer Evangelist als nur Matthäus spricht von der Versammlung. Das ist sehr passend, denn Matthäus wendet sich an Juden, für die das Beiseitestellen des irdischen Volkes Gottes mitsamt ihres von Gott gegebenen Gottesdienstes ein regelrechter Schock war. Ihnen macht Er deutlich, dass Gott nun eine neue Sache einführt, die den alten Gottesdienst und auch das irdische Volk Gottes für eine Zeit hier auf der Erde ersetzen würde. Es ist Matthäus, der die verschiedenen Haushaltungen betont. Daher ist er das von Gott inspirierte Werkzeug, von diesem Meisterwerk Gottes zu sprechen.

Während uns Kapitel 15 die Gnade zeigt, die Gott in der Person seines Sohnes den Nationen erweist, geht Kapitel 16 über diesen Gedanken hinaus. Hier werden wir Zuhörer des Ratschlusses Gottes, der vor Grundlegung der Welt gefasst wurde und nun das erste Mal Menschen mitgeteilt wird durch eine göttliche Person, die zugleich Mensch ist. So machen wir hier geradezu wegen des furchtbaren Unglaubens und Abfalls der Führer des Volkes Israel einen großen Schritt nach vorne, was das Offenbaren der göttlichen Gedanken betrifft.

In diesem Kapitel werden wir folgende Belehrungen des Herrn erhalten:

  1. Die endgültige Verwerfung des Herrn Jesus (Verse 1–12)
  2. Das Bekenntnis, dass Christus der Sohn des lebendigen Gottes ist (Verse 13–17)
  3. Das Bauen und die Sicherheit der Versammlung (Vers 18)
  4. Das Ende des Zeugnisses an das Volk der Juden (Verse 19.20)
  5. Den Tod und die Auferstehung des Herrn (Verse 21–23)
  6. Der Weg des Jüngers (Verse 24– 26)
  7. Das Wiederkommen Christi (Verse 27.28).

Verse 1–4: Kein Zeichen für ein abtrünniges Volk Israel

„Und die Pharisäer und Sadduzäer kamen herzu, und um ihn zu versuchen, baten sie ihn, ihnen ein Zeichen aus dem Himmel zu zeigen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Wenn es Abend geworden ist, sagt ihr: Heiteres Wetter, denn der Himmel ist feuerrot; und frühmorgens: Heute stürmisches Wetter, denn der Himmel ist feuerrot und trübe Das Aussehen des Himmels wisst ihr zwar zu beurteilen, aber die Zeichen der Zeiten könnt ihr nicht beurteilen? – Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen, und kein Zeichen wird ihm gegeben werden als nur das Zeichen Jonas. Und er verließ sie und ging weg“ (Verse 1–4).

Noch einmal hatte sich Jesus in göttlicher Gnade seinem Volk gegenüber gezeigt, als Er die Volksmengen von 4.000 Männern zuzüglich Frauen und Kindern gesättigt hatte. Was für eine Reaktion würde diese Barmherzigkeit bei dem Volk und seinen Führer auslösen? Das lesen wir in den ersten Versen dieses Kapitels.

Zwei Gruppen von Juden, die sich grundsätzlich als Konkurrenten feindlich gegenüberstanden, machen gemeinsame Sache: die Pharisäer und die Sadduzäer. Während die Pharisäer besonders durch Heuchelei (vgl. Lk 12,1) und Gesetzlichkeit gekennzeichnet waren (vgl. Mt 15,1–20), stehen die Sadduzäer für Modernismus und Rationalismus. Sie glaubten nicht an eine Auferstehung (vgl. Mt 22,23), sondern nur an das, was sie sehen und anfassen konnten.

Wie traurig und gefährlich, wenn sich zwei feindliche Gruppen zusammentun in der Ablehnung einer bestimmten Person. Ein solches Zweckbündnis kann nie von Dauer sein und verfolgt meistens zerstörerische Zwecke. Auch heute kann man erleben, wie sich eigentlich feindliche Menschen verbinden, um gegen Christus und diejenigen, die Ihm treu nachfolgen wollen, zu opponieren. Und zukünftig werden sich die Menschen wieder vereinen, um gegen Christus und sein irdisches Volk anzukämpfen (vgl. Ps 2,2).

So auch hier. Das Ziel der Pharisäer und Sadduzäer ist es, Christus zu versuchen. Diese beiden Gruppen kamen eigentlich nie in aufrichtiger Gesinnung zu dem Herrn. Sie wollten Ihn herausfordern, um Ihn zu Fall zu bringen. Ob sie ihren Einfluss unter dem Volk durch seine Wunder, seine Autorität und seine transparente Ehrlichkeit schwinden sahen und Ihn deshalb herauszufordern suchten? „Sie baten ihn, ihnen ein Zeichen aus dem Himmel zu zeigen.“ Auf diese Herausforderung konnten sich diese beiden miteinander verfeindeten Gruppen einigen. Die Pharisäer wollten ein Wunder sehen; für die Sadduzäer war diese Versuchung akzeptabel, weil sie nicht an Himmlisches glaubten und daher davon überzeugt waren, dass der Herr kein solches Zeichen tun konnte. Dabei hatte er schon so viele unbestreitbar vollbracht …

Wunder

Vermutlich glaubten die Führer des Volkes, sich auf biblischem Boden zu befinden. So werden sie sich auf den Propheten Maleachi berufen haben, der in Maleachi 3,23.24 vor dem Kommen des wahren Messias das Auftreten Elias vorhersagte. Gerade dieser Prophet war ein großer Zeichenprophet. Solche Zeichen sind schon immer für sensationslüsterne Menschen faszinierend gewesen.

Man muss auch bedenken, dass es Zeichen in Israel immer mal wieder gegeben hat. Ich erinnere an Josua, für den ein Tag durch ein Wunder Gottes verlängert wurde (vgl. Jos 10,12 ff.), an Elia, für den Feuer vom Himmel fiel (vgl. 1. Kön 18,36 ff. und 2. Kön 1,10) usw. Aber diese Zeichen wurden Männern Gottes gegeben, die im Glauben auf Gott vertrauten und das immer wieder bewiesen hatten. Hinzu kommt, dass die Pharisäer und Sadduzäer offenbar ein Zeichen forderten, das alle bisherigen in den Schatten stellen sollte. Es musste „aus dem Himmel“ kommen. Aber woher sollten ihrer Meinung nach die bisherigen Zeichen gekommen sein: von der Erde? Von Satan?

Der Herr Jesus geht zunächst scheinbar nicht auf diese boshafte Herausforderung ein. Und doch erteilt Er in göttlicher Würde diesen bösen Menschen eine Abfuhr. Wollten sie damit sagen, dass der Herr bislang nur Zeichen „von der Erde“ getan hatte? Wir haben schon gesehen, dass allein in den Kapiteln 8 bis 12 von 14 Wunder des Herrn berichtet wird. In den Kapiteln 14 und 15 haben wir weitere sieben Wunder vor uns gehabt. Und noch immer wollten diese sektiererischen Menschen ein Zeichen aus dem Himmel sehen?

Der Herr war und ist nicht bereit, Sensationslust zu befriedigen. Als Messias war Er nicht gekommen, um auf der Basis von Wundern angebetet zu werden. Wunder sind es nicht, die Menschen zur Bekehrung führen, auch wenn der Herr Wunder getan hat, um das Wort Gottes zu erfüllen und Gott zu verherrlichen. Aber Ihm kam es immer auf der Herz an.

Das Wetter-Gleichnis des Herrn

Jesus antwortet ihnen mit einer Art Gleichnis. Die Pharisäer und Sadduzäer waren in der Lage, aufgrund des Aussehens des Himmels – diesen Blick auf den Himmel greift der Herr aus der Versuchung dieser Menschen auf – eine Wettervorhersage zu geben. Das war offenbar eine besondere Spezialität damals. Es gibt nämlich Berichte aus dem Talmud, dass zum Beispiel am letzten Tag des Laubhüttenfestes aller Augen auf die Richtung des Rauches achteten, der von den Opfern aufstieg. Und je nach Richtung freuten sich die Armen (über eine vermutlich schlechte Ernte, so dass die Reichen nicht noch reicher wurden) oder die Reichen (über eine vermutlich gute Ernte).

In den irdischen, materiellen Dingen des Lebens waren sie zu Hause. Das sind auch heute viele Menschen, die in materiellen Themen sehr bewandert sind. Aber die Zeichen der Zeit verkennen sie, wenn sie meinen, es sei Friede und Sicherheit (vgl. 1. Thes 5,3), aber das plötzliche Erwachen beim Ausbrechen des Gerichts sie ereilen wird.

So auch bei den Pharisäern und Sadduzäern. Was war ihre eigentliche Aufgabe als Führer des Volkes Gottes? Sie sollten geistliche Leiter sein. Aber auf ihrem ureigensten Gebiet waren sie blind und taub: „Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen“ (vgl. Mt 13,13–15). Durch ihre Frage bewiesen diese Menschen, dass die von Christus angeführte Weissagung Jesajas wie die Faust aufs Auge zu der geistlichen Gesinnung dieser Leute passte.

Manche Ausleger haben sich gefragt, ob diese Bildersprache des Herrn auch eine geistliche Belehrung für die Pharisäer beinhaltete. Nun darf man nicht den Schluss aufgrund von Matthäus 13,13 ziehen, dass der Herr überhaupt nicht mehr „wörtlich“ mit diesen Menschen geredet hat. Auch müssen nicht alle Bilder, die der Herr verwendet, notwendigerweise eine geistliche Bedeutung besitzen. Und dennoch gibt es gerade bei diesen beiden gleichnishaften Bildern eine geistliche Beziehung, die exakt zu der damaligen Situation passt. Daher erscheint es mir sinnvoll, sie an dieser Stelle anzuführen.

Schauen wir uns zunächst die wörtliche Bedeutung an: Der abendliche feuerrote Himmel in Israel kommt daher, dass der Wind Wolken nach Westen über das Mittelmeer abgetrieben hat, so dass die Sonne dahinter besonders rot erscheint. Das ist normalerweise ein Zeichen dafür, dass am nächsten Tag schönes Wetter ist, denn der Regen kommt eher vom Westen, also vom Mittelmeer, nicht von Osten.

Das war ein Bild von der Tatsache, dass Christus zu seinem Volk gekommen war, um es zu segnen und in das Königreich einzuführen. So wäre es gekommen, wenn das Volk seinen Messias angenommen hätte. Aber das Gegenteil war der Fall, wie wir in dem ersten Teil dieses Evangeliums gesehen haben. So kam jetzt der Abend für das Volk, dem die Nacht folgen sollte, eine Nacht, die für das Volk nunmehr schon 2.000 Jahre währt. Sie ist nicht das Ergebnis des Wunsches Christi, sondern der Sünde des Volkes!

Weil es für das Volk „Abend“ war, zeigt der Herr auch noch das bekanntermaßen schlechte Wetter an. Wenn nämlich frühmorgens der Himmel feuerrot ist, hat der Wind während der Nacht die Wolken vom Meer über das Land getrieben, so dass die Sonne dahinter nun rot erscheint. Das jedoch lässt stürmisches Wetter erwarten.

Das stand dem Volk nunmehr bevor. Die Wolken hatten sich zusammengetrieben durch die Verwerfung des Messias. Sie würde den Höhepunkt in seiner Kreuzigung erreichen. Dann allerdings kämen unwetterähnliche Zeiten auf das Volk zu, die in der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 nach Christus einen ersten Höhepunkt finden würden, und in einem latenten und zuweilen stark aufbrandenden Antisemitismus in vielen Ländern weitere Gipfelpunkte erreichen sollte. Der Herr wird nach Matthäus 24 noch einmal zu seinem Volk kommen – auch dann wird es zunächst ein „feuerrotes“ Gericht über das ungläubige Volk geben. Das wird wirklich ein Zeichen sein, wie man in Matthäus 24,30 nachlesen kann! Dann aber kommt Er auch für seinen leidenden Überrest zum Segen: aus dem Osten. Er wird nämlich auf dem Ölberg für sie erscheinen (Sach 14,4).

Zum zweiten Mal das Zeichen Jonas

So gab der Herr diesen Fragestellern anstelle eines Zeichens eine deutliche Warnung mit auf den Weg. „Sie sind blinde Leiter der Blinden“ (Mt 15,14), hatte der Herr über sie gesagt. Diese Warnung schließt Er nun in gewisser Weise mit dem Hinweis auf das Zeichen Jonas ab. „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen, und kein Zeichen wird ihm gegeben werden als nur das Zeichen Jonas.“ (vgl. Mt 12,39) Was für eine Zurechtweisung! Dieses Geschlecht – das heißt alle diejenigen, die in dieser Weise durch puren Unglauben gekennzeichnet waren und sich offen gegen den Herrn Jesus stellten und in späteren Zeiten in derselben Weise handeln würden – trug zwei Kennzeichen:

  1. Sie waren böse. Das beschreibt ihren inneren Zustand, ihre Gesinnung, die sie inzwischen viele Male offenbart hatten. Sie waren solche, die sich als Elite des Volkes Gottes sahen. Der Herr muss ihnen sagen, dass sie Ungöttliche waren, deren ganzes Wesen im Widerspruch zu Gott stand.
  2. Sie waren ehebrecherisch. Das bedeutet, dass sie Heuchler waren, wenn sie vorgaben, als Führer des Volkes Gottes eine lebendige Beziehung mit Gott auszuleben. Stattdessen pflegten sie das eigene Ich, waren Instrumente Satans und ließen sich mit solchen Menschen ein, die Feinde Gottes waren. Das war in den Augen Gottes nichts anderes als Ehebruch.

Diese Worte des Herrn Jesus beinhalten einen Rückbezug auf manche Prophetien im Alten Testament, in denen Gott die Bosheit und ehebrecherische Haltung seines irdischen Volkes seinen Geboten gegenüber beklagt. Stellvertretend hierfür sei Jesaja 57,3–5 zitiert: „Und ihr, naht hierher, Kinder der Zauberin, Nachkommen des Ehebrechers und der Hure! … Seid ihr nicht Kinder des Abfalls, Nachkommen der Lüge, die ihr für die Götter entbranntet unter jedem grünen Baum, die ihr Kinder in den Tälern schlachtetet unter den Klüften der Felsen?“ (vgl. auch Jes 50,1; Jer 3,8; 9,2; Hes 16,32.38; 23,45; Hos 2,1–7; 3,1; 7,4).

Wie konnte Christus ihnen ein weiteres Zeichen geben, nachdem sie die vielen bereits gezeigten Wunder offenbar in ihrem Widerstand gegen Ihn einfach ablehnten und als normale Gesundungen etc. darstellen wollten? Der moralische Zustand des Volkes war schon ein Zeichen an sich, und zugleich der Beweis, dass das Gericht unmittelbar bevorstand. Das Kommen des Herrn auf diese Erde war sogar das größte Zeichen – Ihn aber lehnten sie ab. Auch 21 Wunder reichten ihnen nicht aus. Ein 22. hätte diese Gesinnung auch nicht geändert. Wer Christus und sein Tun nicht hören und anerkennen will, wird auch durch die offensichtlichen Beweise der Gottheit des Herrn nicht überzeugt werden.

Das erinnert an die Worte Abrahams an den reichen Mann, die uns in Lukas 16 berichtet werden, als dieser wünschte, dass Lazarus zu den noch lebenden Verwandten gehe, um sie dringend zu warnen. „Er sprach aber zu ihm: Wenn sie nicht auf Mose und die Propheten hören, werden sie auch nicht überzeugt werden, wenn jemand aus den Toten aufersteht“ (Lk 16,31). Hier nun war der Sohn Gottes selbst zugegen. Wer nicht auf Ihn hören will, den werden auch keine 100 Zeichen überzeugen. In Wahrheit waren sie, wie Johannes das von Anfang an erkannt und deutlich gemacht hatte, „Otternbrut“, die von Satan inspiriert war. Immer wieder bewiesen sie diesen Zustand.

Daher gibt der Herr diesen Menschen kein anderes Zeichen als das, was Er ihnen schon einmal gegeben hat: das Zeichen Jonas (vgl. Mt 12,39.40). Bei dieser ersten Mitteilung des Zeichens erläutert Jesus das Zeichen: „Denn so wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein.“ Nach den weiteren Wundern ist der Herr noch nicht einmal bereit, eine solche Erläuterung zu geben. Es ist das Zeichen Jonas. Wer diese Warnung verstehen will, mag sie sich zu Herzen nehmen. Wer nicht, der wird die Konsequenzen auf sich nehmen müssen.

Das Beiseitestellen Israels und die Predigt der Nationen

Die Pharisäer und Sadduzäer wollten die „Zeichen der Zeiten“ nicht verstehen. Sie hätten es gekonnt, wenn sie sich dem Herrn unterworfen hätten. Aber sie wollten es nicht. Es besteht die Gefahr, dass auch wir Christen durch einen gleichgültigen Lebenswandel nicht mehr in der Lage sind, die Zeichen der Zeiten zu erkennen. Dabei spricht der Apostel Paulus davon, dass wir sie eigentlich erkennen müssten: „Und dieses noch, da wir die Zeit erkennen, dass die Stunde schon da ist, dass wir aus dem Schlaf aufwachen sollen … Die Nacht ist weit vorgerückt und der Tag ist nahe …“ (Röm 13,11–14). Das ist ein Appell an unsere Herzen!

Das Zeichen Jonas spricht vom Tod und von der Auferstehung des Herrn. Das ist die Predigt, die Christus seinem Volk noch einmal gibt. Gerade durch den Tod und die folgende Auferstehung könnten sie erkennen, dass Er den Auftrag Gottes ausführte.

In Matthäus 16 hat das Zeichen Jonas jedoch noch eine weitere Bewandtnis, wie wir schon beim Überdenken von Kapitel 12 gesehen haben. Es ist ein ähnlicher Gedanke wie der, den der Herr in Lukas 11,30 anführt. Jona war für eine Zeit im Meer verschwunden. Das würde dem Volk Israel widerfahren, nachdem sie den Herrn Jesus an das Kreuz gebracht hätten. Ihre Zerstreuung unter den Nationen, dem Völkermeer, wäre die Rettung für die Nationen (vgl. Röm 11,15).

Dieser Untergang Israels ist – wie die Fahrt Jonas im Fisch für die Niniviten – eine eigene Botschaft. Sie wird nach der Einschaltung der Verse 5 bis 12 in Vers 13 auch wieder aufgenommen. Denn Jona ist ein Bild auf den Herrn, der aus dem Tod kommend den Nationen das Evangelium predigte. Das war zugleich eine Gerichtsbotschaft für das Volk Israel, das mit dem Tod Jesu beiseite gesetzt wurde. Diese Verwerfung bleibt bestehen, bis die Vollzahl der Nationen eingefahren sein wird (vgl. Röm 11,25).

Jesus verlässt Israel!

Jesus unterstreicht diese Botschaft durch sein Handeln: „Und er verließ sie und ging weg.“ Er macht noch einmal deutlich, dass das Volk vor einem gravierenden Wechsel stand. Als der vom Volk Verworfene nahm Er diese Verwerfung an und wendete sich anderen zu – den Nationen. Das sehen wir ab Vers 13. Auch Er verwarf in diesem Sinn sein Volk, sein eigenes Volk!

Seinen Jüngern hatte Er das schon in Kapitel 15,14 gesagt: „Lasst sie“. Jetzt lässt auch Christus sie – was für ein Gerichtsurteil!

Wieder einmal sehen wir, dass Matthäus immer wieder auf diesen Wechsel der Haushaltungen zu sprechen kommt. Das sehen wir bei weitem nicht so deutlich bei Markus und Lukas. Aber Matthäus zeigt mehrfach in diesem Abschnitt, dass sich die Zeiten grundsätzlich ändern würden. Dieses Verlassen ist nicht einfach ein „Auf Wiedersehen“ sagen. Es handelt sich um ein deutliches Zeichen des Weggehens und Wegwendens. Der Herr kann sein Volk nicht mehr als Volk Gottes anerkennen. Der Zeugnischarakter dieses Volkes für Gott geht dem Ende entgegen!

Das hängt natürlich direkt mit den Führern des Volkes Gottes zusammen. Schon Sacharja hatte auf diesen Umstand hingewiesen: „Und ich vertilgte drei Hirten in einem Monat. Und meine Seele wurde ungeduldig über sie, und auch ihre Seele wurde meiner überdrüssig. Da sprach ich: Ich will euch nicht mehr weiden; was stirbt, mag sterben, und was umkommt, mag umkommen; und die Übrigbleibenden mögen einer des anderen Fleisch essen“ (Sach 11,8.9).

Manche Ausleger denken bei diesen drei Hirten an die drei führenden Gruppen in Israel: Pharisäer, Sadduzäer und Herodianer (bzw. Schriftgelehrte). Der Herr offenbart hier nicht, wie Er sie vertilgen würde. Aber sie hätten keine Zukunft. So lässt der Herr hier zwei dieser drei Gruppen stehen und wendet sich den Nationen zu. Das Volk dagegen folgt seinen Führern und kommt mit diesen um.

Gründe für das Weggehen des Herrn

Warum kann der Herr diesen radikalen Schnitt an dieser Stelle ziehen? Es handelt sich letztlich um eine Art Wiederholung der Szene aus Matthäus 13,1. Bis dahin hatte der Herr 14 Wunder für sein Volk getan – ohne Wirkung. Wenn es eine Wirkung gab, dann seine radikale Verwerfung, die des Messias.

In den Kapiteln 14 und 15 hatte der Herr nun noch einmal sieben Wunder für sein Volk getan. Und wieder blieb die Wirkung aus. Erneut führte sein Handeln nur dazu, dass sich die Führer des Volkes direkt gegen Jesus stellten. So blieb dem Gesalbten Gottes letztlich nichts anderes übrig, als sein Volk zu verlassen. Wir lesen immer wieder, mit was für einem Herzen voller Traurigkeit der Herr das getan hat. „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,11). So konnte auch Er die Seinen, die sich als Nachfolger Satans erwiesen, nicht mehr annehmen. Er verlässt sie.

Dieses Verlassen ist zugleich die Antwort auf eine in diesem Evangelium nunmehr in siebenfacher Weise zu findende Ablehnung durch diese beiden Gruppen von Juden: die Pharisäer und die Sadduzäer:

  1. Matthäus 9,11: „Und als die Pharisäer es sahen [das Zu-Tisch-Liegen der Sünder und Zöllner mit Jesus], sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?“ Das ist der erste Angriff der Pharisäer gegen Christus. Sie verwerfen seine Gnade für Sünder und Zöllner.
  2. Matthäus 9,34: „Die Pharisäer aber sagten: Durch den Fürsten der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“ Damit verwerfen sie die Person und die Kraft des Heiligen Geistes, durch die und durch den Christus hier auf der Erde wirkte.
  3. Matthäus 12,2: „Als aber die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat zu tun nicht erlaubt ist.“ Damit verwerfen diese Menschen die Nachfolger des Herrn Jesus.
  4. Matthäus 12,14: „Die Pharisäer aber gingen hinaus und hielten Rat gegen ihn, wie sie ihn umbrächten.“ Damit verwerfen die Pharisäer den Segen des Herrn und den Herrn des Sabbats.
  5. Matthäus 12,24: Die Pharisäer aber sagten, als sie es hörten: Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch den Beelzebul, den Fürsten der Dämonen.“ Damit stellen die Pharisäer den Herrn und vor allem den Geist Gottes auf eine Stufe mit Satan, seinem Widersacher.
  6. Matthäus 15,1: „Dann kommen Pharisäer und Schriftgelehrte von Jerusalem zu Jesus und sagen: Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Ältesten?“ Damit verwerfen die Pharisäer die Gebote des Herrn.
  7. Matthäus 16,1: „Und die Pharisäer und Sadduzäer kamen herzu, um ihn zu versuchen.“ Damit verbanden sich Feinde, um gegen Christus aufzutreten und ihn zu Fall zu bringen. Sie rebellieren gegen den Gesalbten Gottes. Das ist das Kennzeichen von jemand, der Gott oder seinen Christus „versucht“.

Nach dieser siebenfachen Verwerfung kann Christus nichts anderes tun, als sich von diesen bösen und ehebrecherischen Menschen abzuwenden. In ehebrecherischer Weise verbinden sich zwei Feinde miteinander, um ihren noch größeren Feind – Gott in der Person des Herrn Jesus – zu bekämpfen. Darauf kann es nur das Gericht Gottes geben, sie nicht mehr als Teil seines Volkes anzuerkennen.

Verse 5–12: Der Einfluss falscher Lehrer auf die Jünger des Herrn

„Und als die Jünger an das jenseitige Ufer kamen, hatten sie vergessen, Brote mitzunehmen. Jesus aber sprach zu ihnen: Gebt Acht und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer. Sie aber überlegten bei sich selbst und sagten: Weil wir keine Brote mitgenommen haben. Als aber Jesus es erkannte, sprach er: Was überlegt ihr bei euch selbst, Kleingläubige, weil ihr keine Brote mitgenommen habt? Versteht ihr noch nicht, erinnert ihr euch auch nicht an die fünf Brote für die fünftausend und wie viele Handkörbe ihr aufgehoben habt, noch an die sieben Brote für die viertausend, und wie viele Körbe ihr aufgehoben habt? Wie, versteht ihr nicht, dass ich euch nicht von Broten sagte: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer? Da verstanden sie, dass er nicht gesagt hatte, sich zu hüten vor dem Sauerteig der Brote, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer“ (Verse 5–12).

Bevor der Herr die konkreten Folgen der Verwerfung Israels zeigt, lässt Er uns nicht im Unklaren darüber, was für eine gefährliche Wirkung durch die falschen und bösen Lehren der Pharisäer und Sadduzäer für wahre Jünger ausgehen kann.

Der Anlass für diese Belehrung war offensichtlich, dass die Jünger vergessen hatten, Brote auf eine Reise mitzunehmen. Der Herr geht nicht auf diesen Mangel ein, dessen Bedeutung wir in dieser Weise heute vielleicht kaum nachvollziehen können. Die Jünger damals mussten jedoch für jede Mahlzeit vorsorgen, wenn sie unterwegs waren. Oftmals wussten sie sicher nicht, wie lange es dauern würde, bis sie wieder an einer Stelle wären, wo man Brote kaufen konnte. So dachten sie zunächst an die materiellen Brote. Denken nicht auch wir oft in erster Linie an unseren Köper und das Materielle, anstatt auf das viel wichtigere Geistliche zu sinnen?

Der Herr will seine Jünger aber nicht über materielle Dinge belehren. Sie dagegen verstanden ihren Meister wieder einmal nicht, weil nicht nur die Pharisäer und Schriftgelehrten, sondern auch sie selbst so sehr mit irdischen, materiellen Dingen beschäftigt waren. Der Herr gibt ihnen eine geistliche Belehrung über falsche Lehre; sie jedoch denken nur daran, dass sie keine ausreichenden Nahrungsmittel mitgenommen hatten.

Die Jünger waren im Unterschied zu den Pharisäern und Sadduzäern keine Feinde des Herrn und auch nicht bösartig. Aber der Herr muss sie „Kleingläubige“ nennen. Sie hatten bei sich selbst überlegt, ohne direkt auf ihren Meister zuzugehen. Es ist immer gefährlich, sich um sich selbst zu drehen und sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das zeugt von einem schlechten Gewissen.

Der Zweifel an der Fürsorge des Herrn für die Seinen

Aber wenn der Herr den Jüngern auch ihren kleinen Glauben nennen muss – und wie oft muss Er das auch bei uns tun –, so neigt Er sich doch zu ihnen herab. Er zeigt ihnen nämlich zunächst, dass jede Sorge um die materielle Versorgung vollkommen unnötig war. Sie hatten doch inzwischen schon zweimal erlebt, in was für einer wunderbaren Weise der Herr 5.000 und dann auch 4.000 Menschen versorgt hatte. Warum zweifelten sie daran, dass Er dies immer wieder auch für sie tun könnte?

Allerdings sollten wir bedenken, dass wir keinen Grund haben, mit Fingern auf die Jünger zu zeigen. Wie oft haben wir selbst die gütige Hand unseres Herrn erlebt. Aber schon kurze Zeit später scheinen wir alles vergessen zu haben. Leider hat uns Erfahrung oft nicht klug gemacht. Wir sind so sehr mit unseren materiellen Bedürfnissen und Sorgen beschäftigt, dass wir keinen Blick mehr für das Unsichtbare haben, kein Vertrauen zu unserem Herrn im Himmel, dass Er immer in der Lage ist, uns zu versorgen, wie und wo Er will. Dieses Vertrauen dürfen wir neu entstehen lassen. Wir müssen lernen, nicht von unseren menschlichen Überlegungen bzw. überhaupt vom Menschen auszugehen, um dann zu versuchen, uns zu Gott zu erheben. Besser gingen wir immer von der Sichtweise Gottes aus, der sich dem Menschen gegenüber in wunderbarer Weise offenbart. Aber solange wir nicht die Beziehung von allem zu Christus bzw. die Beziehung von Christus zu allem ins Auge fassen, können wir gar nichts richtig verstehen. Die Offenbarung Gottes in Christus unberücksichtigt zu lassen war, schon immer ein großer Fehler der Menschen.

Was war nun die eigentliche Zielrichtung der Belehrung des Herrn? Er wollte seinen Jüngern klar machen, dass die Bosheit der Pharisäer und Schriftgelehrten sehr leicht auch auf wahre Jünger übergreifen kann. Allein der Unglaube – man könnte auch sagen: die Konzentration auf den Verstand – der Jünger in den Umständen der fehlenden Brote zeigt deutlich, dass diese Gefahr wirklich vorhanden ist. Auch heute sind wir in Gefahr, falschen Lehrern nicht sofort Einhalt zu gebieten und zu meinen, mit unserem Verstand alles beurteilen zu können.

Die Lehre der Pharisäer und Sadduzäer

Seit jeher war es für Gläubige leichter, einen bösen Lebenswandel und eine falsche Moral zu entlarven als eine falsche Lehre. Schon Richter 17–21 zeigen dieses Phänomen. In den Kapiteln 17 und 18 finden wir die falsche Lehre, geistlichen Götzendienst. Kein Aufruhr ist zu sehen angesichts dieses Wegwendens von Gott. Als es aber um Homosexualität und falsche Moral ging (Kapitel 18–21), finden wir einen regelrechten Aufschrei im Volk.

Bis heute ist es so, dass moralische Sünden, wie wir sie in 1. Korinther 5 finden, wesentlich leichter von uns als Sünde empfunden werden als falsche Lehre. Wir erkennen sie oft erst sehr spät; und dann haben wir davor bei weitem keine solch große Abscheu wie vor falscher Moral. Wie wichtig ist es hier, sich das Empfinden durch die Bibel prägen zu lassen!

Der Herr warnt nun hier vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer. In der Parallelstelle in Markus 8,15 warnt Er auch vor dem Sauerteig der Herodianer. Das ist die Lehre der Freizügigkeit und Weltlichkeit. Man kann fragen, warum Matthäus diesen Punkt nicht wiedergeben sollte. Eine Antwort scheint darin zu liegen, dass Matthäus hier den Rahmen der bösen Lehren geben soll. Er beschreibt sozusagen die konservative Richtung böser Lehren (Pharisäer) und die liberale Richtung böser Lehren (Sadduzäer), welche die beiden äußeren Markierungslinien böser Lehren aufzeigen. Markus spricht von der Lehre der Herodianer, die eine besondere Gefahr in politischer Hinsicht darstellt, aber irgendwo zwischen dem Gedanken der Sadduzäer und dem der Pharisäer liegt. Zudem scheint es dem Geist Gottes in unserem Evangeliums besonders um die religiösen Gefahren zu gehen.

Was bedeuten diese bösen Lehren?

Was ist nun unter diesen beiden bösen Lehren zu verstehen? Wir haben schon in Verbindung mit Kapitel 13 gesehen, dass Sauerteig das Böse in seinem fortschreitenden, nicht aufzuhaltenden Charakter beschreibt. Es ist eine Lehre, die sich ihren Weg gewissermaßen selbst bahnt. Daher ist sie so gefährlich. Denn sie benötigt kaum Katalysatoren, die sie weiterbefördern. Sie ist in ihrem Wesen so attraktiv, dass es einer direkten Kraftanstrengung bedarf, um sie zum Stillstand zu bringen (Feuer, Hitze, der Tod des Herrn).

  • In Lukas 12,1 wird die Lehre der Pharisäer als Heuchelei bezeichnet. Aus Matthäus 15 erkennen wir, dass es sich dabei besonders um religiöse Traditionen, Zeremonien und Rituale handelt, die über das Wort Gottes gestellt werden. Es ist also das Vorgeben von echter Lehre, Religiosität und Gottesfurcht (Heuchelei), was in Wirklichkeit jedoch menschliche Gebote und menschliche Traditionen sind, die anderen auferlegt werden und das Wort Gottes zur Seite stellen. Es geht um den Buchstaben und nicht um die Gesinnung. Es ist ein Wegnehmen des Wortes Gottes und ein Hinzufügen. Es ist damit auch ein Widerspruch zu den Geboten Gottes. Es sind Traditionen ohne Christus, ohne Gott!
    Diese Lehre ist deshalb so gefährlich, weil sie den menschlichen Empfindungen entspricht. Das Fleisch des Menschen ist dafür empfänglich. Der Mensch sehnt sich nach einem menschlichen Rahmen für sein Handeln. Und Menschengebote sind deswegen so anziehend, weil das Gewissen durch sie nicht berührt wird. Wenn man sie tut, entgeht man einer Strafe, egal, mit was für einem Motiv man handelt. Dadurch werden sie den Geboten Gottes oft vorgezogen.
  • Die Lehre der Sadduzäer ist genauso gefährlich. Die Sadduzäer stellten die direkte Gegenbewegung zu den Pharisäern dar. Sie glaubten nicht an die Auferstehung (vgl. Mt 22,23), sie leugneten alles Übernatürliche, was nicht mit dem menschlichen Verstand erklärbar war. Damit waren sie auf der einen Seite Freidenker und Modernisten, sowie auf der anderen Seite Rationalisten und Materialisten. Sie vertraten eine Lehre ohne Christus und ohne Gott. Der Himmel kam bei ihnen nicht vor. Die Hölle natürlich auch nicht. Sie waren durch Unglauben gekennzeichnet (Ap 23,8).

Paulus zeigt den Kolossern in seinem Brief, wie wir diese beiden Denkrichtungen nach der Himmelfahrt des Herrn bezeichnen können: In Kolosser 2,16–23 haben wir die Lehre der Ritualisten und Traditionalisten, die bestimmte Tage und Zeremonien über das Wort Gottes und die Person des Herrn stellen. In Kapitel 2,8 haben wir die Philosophen und die modernen Theologen, die ohne Gott und sein zuverlässiges Wort auskommen. Moderne Theologie ist oftmals nichts anderes als Philosophie, nur dass sie diese mit dem Namen Gottes zu verbinden sucht. Das ist letztlich noch schlimmer, weil es einen Anschein von Gottseligkeit gibt, man in Wirklichkeit aber für Gott und seinen Christus keinen Platz hat.

Beide Denkrichtungen treiben bis heute ihr Spiel. Sie sind „tätig“, um die Christen zu verwirren und von der einfältigen Nachfolge hinter dem Herrn Jesus abzuziehen. Daher müssen auch wir uns warnen lassen, weder die Traditionen noch die rationalistischen Lehren mit ihrem Freidenkertum unser Denken und Handeln beeinflussen zu lassen. Beides ist sehr gefährlich und führt vom unserem eigentlichen Ziel weg: dem Herrn Jesus zu dienen.

Verse 13–20: Der Sohn des lebendigen Gottes kündigt den Bau der Versammlung an

„Als aber Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi gekommen war, fragte er seine Jünger und sprach: Wer sagen die Menschen, dass ich, der Sohn des Menschen, sei? Sie aber sagten: Die einen Johannes der Täufer; andere aber Elia; und wieder andere Jeremia oder sonst einer der Propheten. Er spricht zu ihnen: Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei? Simon Petrus aber antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist du, Simon, Bar Jona; denn Fleisch und Blut haben es dir nicht offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist. Aber auch ich sage dir: Du bist Petrus; und auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Königreichs der Himmel geben; und was irgend du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was irgend du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein. Dann gebot er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Christus sei“ (Verse 13–20).

Mit diesen Versen kommen wir zu einer weiteren, entscheidenden Wende in diesem Evangelium. In Kapitel 13 hatten wir bereits gesehen, dass der Herr symbolisch das Haus (Israels) verlässt, um sich an den See (der Nationen) zu begeben. In den jetzt vor uns stehenden Versen sehen wir nicht nur, dass sich der Herr von Israel wegwendet. Er gibt Israel nunmehr auf als den Träger der Verheißungen und Zeugen Gottes hier auf der Erde. An seine Stelle tritt eine neue Schöpfung, die nicht Teil der ersten, sondern Teil der zweiten, himmlischen Schöpfung ist. Wie bereits erwähnt, haben es Ausleger Gottes „Meisterwerk“ genannt: die Versammlung (Gemeinde, Kirche).

Jesus nimmt diesen Wechsel nicht irgendwo in Israel vor. Allein schon die Ortswahl zeigt, wie es um Israel bestellt war. Der Herr kam in das Gebiet von Cäsarea Philippi. Das ist ein Ort ganz im Norden von Israel, rund 40 Kilometer nördlich des Sees von Galiläa (Genezareth), am Fuß des Hermon, an der Grenze zum Libanon und zu Syrien; gewissermaßen heidnisches Land.

Auch der Name dieses Ortes ist bedeutsam. Der Sohn von Herodes dem Großen, der Tetrarch Philippus, errichtete hier die Hauptstadt seines Herrschaftsgebiets. Wie einige andere Orte (z.B. Caesarea Maritima an der Mittelmeerküste) wurde die Siedlung zu Ehren des römischen Kaisers (Caesar) „Caesarea“ benannt; zur Unterscheidung erhielt der Ort den Namenszusatz „Philippi“, denn Philippus wollte sich mit dieser Stadt auch selbst einen Namen machen.

So steht dieser Ort für die Fremdherrschaft Israels (Caesarea), für den Hochmut in Israel (Philippi) sowie für die Usurpation des Landes durch fremde Könige (Herodes und Philippus). Israel war hochmütig geworden, wie die Führer des Volkes soeben noch bewiesen hatten. Aber es war gar nicht mehr in der Lage, das von Gott geschenkte Land selbst zu regieren und zu verwalten. Die Königsherrschaft hatten sie längst an andere abgeben müssen.

An diesem Ort fragt Jesus seine Jünger: „Wer sagen die Menschen, dass ich, der Sohn des Menschen, sei?“ Er kannte die Antwort schon, keine Frage. Aber Er wollte den Jüngern bewusst machen, mit was für einer Unsicherheit die Juden Ihn beurteilten. Zugleich wollte Er ihren Glauben sichtbar machen, indem Er ihnen die Gelegenheit gab, die Wahrheit auszusprechen. Denn wenn sie auch zuweilen nur einen kleinen Glauben besaßen, hatten sie doch Glauben.

Die Meinungen in der Volksmenge über die Person Christi

Wenn man die Antwort der Jünger hört, so könnte man auf den ersten Blick beeindruckt sein von dem Urteil der Menschen. Hier geht es nicht um die Meinung der Pharisäer und Sadduzäer. Sie lehnten Jesus rundweg ab, wie wir immer wieder gesehen haben. Der Herr wollte die Meinung der Volksmengen, die sich bislang noch nicht feindlich, wohl aber oftmals gleichgültig seinem Wirken gegenüber gezeigt hatten, offenbar machen. Was war deren Urteil? „Sie aber sagten: die einen Johannes der Täufer; andere aber Elia; und wieder andere Jeremia oder sonst einer der Propheten.“ Waren dies nicht alles Personen höchsten Ansehens in Israel? Gewiss!

  1. Johannes der Täufer war allen noch in Erinnerung geblieben. Der Herr selbst hatte ihn als den Größten von Frauen geborenen Menschen bezeichnet (vgl. Mt 11,11). Er hatte zwar keine Wunder vollbracht, aber sein Wirken besaß eine solche moralische Kraft, dass sich nicht einmal die Pharisäer und Sadduzäer dieser Autorität zu entziehen wussten (vgl. Mt 3,7; 21,26).
  2. Elia war der Inbegriff des Propheten im Alten Testament. In einer geradezu einmaligen Furchtlosigkeit trat er in Israel auf und vollbrachte viele Wunder. Sogar Regen konnte er für dreieinhalb Jahre verhindern, Feuer vom Himmel werfen lassen! Zudem ist er nie gestorben, sondern im Sturmwind in den Himmel aufgefahren (2. Kön 2,11).
  3. Jeremia war der Prophet, der das längste Bibelbuch geschrieben hat (nicht nach Kapiteln gerechnet, sondern nach der Textlänge). Zwar war sein Einfluss offenbar vergleichsweise gering gewesen, denn weder der König noch das Volk hörten auf die Worte dieses Mannes. Dennoch war zumindest im Nachhinein sehr deutlich geworden, dass Gott aufseiten dieses Mannes stand. Allein unser Bibelbuch zeigt mindestens zwei Erfüllungen der Weissagungen von Jeremia (2,17; 27,9).
  4. Einer der Propheten: Die Menschen wollten sich nicht festlegen. So waren sie sich nicht einig, ob Jesus vielleicht doch einer der anderen bekannten Propheten war. Diese standen in Israel insgesamt in einem sehr hohen Ruf, wenn man auch, wie bei Jeremia erwähnt, oftmals nicht auf ihre Hinweise reagieren wollte und sie sogar hingerichtet hatte. Aber die Klasse der Propheten wurde doch insofern geachtet, als man zugab, dass sie von Gott selbst besonders begabt worden waren. Und hinterher berief man sich gerne auf sie (vgl. Mt 23,29).

Waren die Meinungen also nicht sehr beachtlich, die wir hier lesen? Auf den ersten Blick schon. Aber in Wirklichkeit war das Gegenteil der Fall. Denn einerseits waren sich die Menschen nicht einig, wer hier vor ihnen stand. Jeder hatte seine eigene Meinung, und offenbar hatte keiner von ihnen erkannt, dass hier „mehr als Jona“ und „mehr als Salomo“ (vgl. Mt 12,41.42) vor ihnen stand. Andererseits hatte diese personale Zuordnung im Blick auf Propheten keine nachhaltige Wirkung auf die Volksmengen ausgeübt. Denn warum nahmen sie dieses besondere Werkzeug Gottes dann nicht an und beugten sich unter seine Worte?

Das schlechte Gewissen der Volksmenge

Das Nennen dieser vier Personengruppen zeigt zugleich, dass die Volksmengen letztlich doch ein schlechtes Gewissen hatten, wie sie mit Männern Gottes und auch mit dem Herrn umgingen:

  1. Johannes der Täufer war, wie das Volk wusste, ermordet worden. Aber schon Herodes dachte, dass Johannes in der Person Jesu aus den Toten auferstanden sei (vgl. Mt 14,1). Dabei hätte er genauso wie das Volk wissen können und müssen, dass Jesus längst lebte, als Johannes noch tätig war. Aber das schlechte Gewissen ließ weder Herodes noch die Juden, die sich Gott nicht unterwerfen wollten, klare Gedanken über diese von Gott gesandte Person fassen.
  2. Elia war ein Gerichtsprophet für sein eigenes Volk. Er hatte die eigentümliche Aufgabe, durch das Verhindern von Regen Gericht über das Volk Israel zu bringen. Von diesem Gericht sprach unser Herr schon im ersten Abschnitt unseres Kapitels. Hatte das Volk instinktiv das Bewusstsein, dass das Wirken Jesu letztendlich Gericht für das Volk Israel bedeutete?
    Zudem war Elia angekündigt als der Vorläufer des Messias (vgl. Mal 3,23.24), der den großen und furchtbaren Tag des Herrn einläuten würde. Das war ein Tag des Gerichts, der mit der Rute Gottes verbunden war!
  3. Jeremia wurde von manchen als derjenige verstanden, der Jesaja 53 erfüllt hätte oder erfüllen würde. Man berief sich auf Jeremia 11,19, was eine Erfüllung von Jesaja 53,7 darstellen sollte. Damit gab es eine Verbindung von Jeremia mit dem Messias, von dem Jesaja in diesem Kapitel spricht. Auch wenn diese Deutung verkehrt ist, zeigt dieser Hinweis, in was für einer hohen Achtung dieser Prophet jedenfalls nach seinem Tod gestanden hat. Sein Buch zeugt davon, dass auch er ein regelrechter Ankündiger der Gerichte Gottes über sein Volk war.
  4. Zum Schluss noch „ein“ Prophet. Die Juden wussten, dass in 5. Mose 18,18 ein Prophet, Mose gleich, angekündigt worden war. So war es eine besondere Ehre – vermeintlicherweise –, wenn Jesus auf die Stufe dieses Propheten gestellt wurde. Und tatsächlich kam diese Vorstellung der Wirklichkeit am nächsten.

Aber diese unterschiedlichen Namensnennungen zeigen doch, dass die Volksmengen nicht erkannten, dass hier Emmanuel vor ihnen stand, Gott selbst, der zu seinem Volk gekommen war. Genau genommen waren sogar alle Vergleiche Beleidigungen der Person Jesu. Wenn man an den bestmöglichen Vergleich – an Johannes den Täufer – denkt, dann hatte der Herr Jesus von diesem gesagt: „Unter den von Frauen Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer“ (Mt 11,11). Es war der größte Gläubige im Alten Testament. Aber was fügte der Herr hinzu? „Der Kleinste aber im Reich der Himmel ist größer als er.“ Wenn aber in dem damals noch kommenden Königreich selbst der Kleinste größer sein würde als Johannes, wie verletzend musste dann dieser Vergleich für den Herrn, den Herrn der Herrlichkeit gewesen sein. Wie offenbarte die Nennung dieser Namen, dass das Volk keine Ahnung hatte, wer in Ihm wirklich vor ihnen stand. Petrus und seine Mitjünger hatten nur die besten Namen genannt, die im Volk genannt wurden – der Herr war ja auch Fresser und Weinsäufer genannt worden (Mt 11,19)!

Wie traurig, dass unser Herr so verkannt wurde. Aber man muss neues Leben besitzen, um Ihn im rechten Licht sehen zu können (Joh 17,3). Auch heute gehen die Meinungen über Jesus weit auseinander. Die wenigsten erkennen in Ihm den ewigen Sohn Gottes, der Mensch geworden ist. Wie freut sich der Herr dann darüber, dass es noch solche gibt, die seine Herrlichkeit bewundern.

Bevor wir zum Ausspruch von Petrus kommen, müssen wir noch den Titel überdenken, den der Herr sich hier gibt. Er fragt die Jünger ja nicht, welche Meinung die Menschen ganz generell von Ihm haben, sondern von Ihm, dem Sohn des Menschen. Warum nennt Er sich gerade hier mit diesem Titel?

Der Sohn des Menschen

Folgende Punkte verbinden sich mit diesem Ausdruck, den der Herr, wie wir schon früher gesehen haben, immer wieder für sich selbst verwendet1:

  1. Der Titel „der Sohn des Menschen“ weist mehr als jeder andere Titel darauf hin, dass Jesus wirklich Mensch ist. Er wird nicht Sohn eines Menschen oder Sohn der Menschen genannt, sondern der Sohn des Menschen. Damit ist nicht so sehr gemeint, dass Er in Wahrheit nur eine Person als Mutter hatte, nicht jedoch einen menschlichen Vater, obwohl das wahr ist und vielleicht ebenfalls in diesem Ausdruck (wegen der gewählten Einzahl „des“) steckt. Aber Er ist nicht einfach Sohn von Menschen. Sohn des Menschen heißt, dass Er der Inbegriff dessen ist, was „Mensch“ sein bedeutet. Davon spricht nämlich das Wort „Sohn“. Wenn von Sohn die Rede ist, ist damit nicht das Kind von jemandem gemeint, sondern derjenige, der exakt den Charakter trägt von der Person, von der er Sohn ist. Jesus ist nicht einfach Sohn irgendeines Menschen. Er ist der Sohn des Menschen schlechthin. Wenn man jemanden sucht, der Mensch ist, so wie Gott ihn geschaffen hat und wie Gott ihn wollte, dann Er! Wobei wir immer zu berücksichtigen haben, dass Er im Unterschied zu uns kein Geschöpf ist.
    Das unterscheidet Christus auch von Daniel und Hesekiel, die im Alten Testament jeweils als „Menschensöhne“ bezeichnet werden. Sie waren Söhne von Menschen. Auch da war es ein besonderer Titel, aber nicht in dieser Exklusivität, wie wir es hier bei dem Herrn finden. So finden wir in diesen Bezeichnungen dieser beiden Propheten – wie im Deutschen – keinen Artikel, wie er bei dem Herrn verwendet wird, um ganz speziell auf Ihn hinzuweisen.
  2. Durch diesen Titel wird der Herr nicht mit dem irdischen Volk Gottes in Israel verbunden, sondern der Horizont ist viel weiter gefasst und schließt alle Menschen ein. Gerade dieser Gedanke ist im Zusammenhang von Matthäus 16 von großer Bedeutung. Denn der Herr hatte sich soeben von den Führern des Volkes Israel und damit vom Volk insgesamt abgewandt. Er stand unmittelbar davor, eine Offenbarung vorzunehmen, die sich auf die Versammlung bezog, die mit dem Beiseitesetzen der Vorzugsstellung des Volkes Israel verbunden war. Der Sohn des Menschen öffnet den Blick für alle Nationen, für alle Menschen.
  3. Als Sohn des Menschen ist Jesus ein leidender Mensch (vgl. Vers 21; vgl. Mt 8,20; 12,40), aber auch ein danach verherrlichter Mensch, wie ebenfalls Vers 21 zeigt (vgl. Vers 27; Mt 19,28). So steht dieser Titel mit den Leiden am Kreuz und mit der Herrlichkeit danach in Verbindung. Nicht von ungefähr finden wir direkt im Anschluss an diesen Abschnitt die erste Ankündigung des Herrn, dass Er leiden und sterben müsse, aber auch auferweckt werden würde.
  4. Der Sohn des Menschen ist auch der Richter der Menschen. Das wird aus Stellen wie Matthäus 25,31, Johannes 5,27, Offenbarung 1, 13 und 14, 14 deutlich. Derjenige, der hier auf der Erde gelitten hat, ist zugleich derjenige, der das Gericht an denjenigen ausführen wird, die Ihn hier haben leiden lassen. Schon in unserem Kapitel (in Vers 27) wird dieser Charakterzug des Sohnes des Menschen aufgegriffen. Er kommt, um Vergeltung im Positiven und im Negativen zu üben.
  5. Der Titel „Sohn des Menschen“ spricht auch von der Herrschaft, die der Herr Jesus über alles Geschaffene ausüben wird. Diesen Gedanken findet man schon im Alten Testament in Psalm 8: „Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Sohn, dass du auf ihn Acht hast? Denn ein wenig hast du ihn unter die Engel erniedrigt; und mit Herrlichkeit und Pracht hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herrscher gemacht über die Werke deiner Hände; alles hast du unter seine Füße gestellt“ (Ps 8,5–7; vgl. auch Ps 80,18). Auch der Prophet Daniel spricht von dieser Herrschaft (vgl. Dan 7,13.14). Matthäus greift diesen Gedanken auf uns spricht zum Beispiel in Kapitel 24,30 von dieser Herrschaft. In Hebräer 2 wird dieser Gedanke noch einmal bestätigt.

Der Herr Jesus stellt seine Jünger auf eine Probe

Nachdem sich Jesus mit der Bezeichnung als Sohn des Menschen schon von Israel entfernt hat, geht Er noch weiter. Zunächst stellt Er seine Jünger auf die Probe. Die Menschen hatten durch ihr Urteil bewiesen, dass sie keine Ahnung hatten, wen sie wirklich vor sich hatten. Würden die Jünger ihnen gleichen? „Er spricht zu ihnen: Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei?“ In Kapitel 17,4.5 werden wir lernen, dass Petrus sich in einer Hinsicht nicht von dem Volk unterschied. Dort stellte er den Herrn tatsächlich auf eine Stufe mit Propheten wie Mose und Elia. Hier jedoch finden wir etwas anderes. So ist das bei uns Gläubigen leider immer wieder: Wenn wir uns vom Geist Gottes leiten lassen, erkennen wir große Herrlichkeiten des Herrn Jesus. Wenn wir dem Fleisch die Oberhand lassen, wird unser geistlicher Blick verdunkelt sein.

Nur einer der Jünger reagiert sofort auf diese Frage des Herrn. Manches Mal sieht man Simon Petrus in fleischlichem Übereifer handeln. Hier jedoch nicht. Er sagt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Ist das eine besonders erwähnenswerte Aussage? Vers 17 unseres Kapitels macht sehr klar, dass es sich in der Tat um etwas ganz Besonderes handelt, was Petrus hier gesagt hat.

Wir wollen das im Folgenden kurz zu verstehen suchen. Denn die Beurteilung des Herrn lautet: „Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist du, Simon, Bar Jona; denn Fleisch und Blut haben es dir nicht offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist.“

Warum nennt der Herr seinen Jünger Petrus an dieser Stelle „glückselig“, also gesegnet durch wahres Glück von oben? Er macht deutlich, dass Petrus hier eine Aussage getroffen hat, die er sich nicht als Mensch von Fleisch und Blut, also als ein Mensch der ersten Schöpfung, selbst ausdenken konnte. Nur eine göttliche Offenbarung vonseiten des Vaters Petrus gegenüber machte es möglich, eine solche Bezeichnung des Herrn Jesus vorzunehmen. Glückselig war Petrus deshalb, weil er diese Offenbarung des Vaters bekam, auf sie hörte und keine eigenen Gedanken einzuflechten suchte.

Die Aussage von Petrus

Was aber war so Besonderes an der Aussage von Petrus?

  • „Du bist der Christus“ – das war keine neue Offenbarung und Aussage. Das war längst im Alten Testament bekannt. In Jesaja 61,1 lesen wir: „Der Geist des Herrn, Herrn, ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat [das ist nichts anderes als der Ausdruck: Christus, Gesalbter], den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen …“ Jesus ist der wahre Gesalbte, von dem Jesaja hier spricht. Auch Daniel sprach von diesem Messias (das ist das hebräische Wort für König, Christus). In seiner faszinierenden Prophetie über die 70 Jahrwochen spricht der Prophet davon, dass der Messias weggetan werden und nichts haben würde. Das ist das Kreuz Jesu! – Wir sehen, die Aussage, „Du bist der Christus“, ist überhaupt nichts Neues für einen Juden. Denn auch Nathanael hatte den Herrn längst als den „König Israels“ er- und anerkannt (Joh 1,49), als der Herr noch vor seinem öffentlichen Dienst stand.
  • Gott, Sohn Gottes: Auch diese Seite der Person des Herrn war nicht unbekannt. In Psalm 2,7 heißt es beispielsweise davon: „Der Herr hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.“ In Apostelgeschichte 4,25–28 lesen wir, dass Petrus gerade diesen Psalm direkt auf den Herrn Jesus bezieht. Von Ihm ist in diesem Psalm die Rede! Dabei gilt es zu bedenken, dass der Herr in diesem Ausspruch über den Sohn Gottes nicht in seiner ewigen, wesenseigenen Gottheit gesehen wird, sondern als der von Gott ankündigte König, der das Siegel und die Salbung Gottes trägt; der auf dieser Erde als der Gesalbte Gottes anerkannt und eingesetzt wurde. Diese Bedeutung verbindet sich mit der Ankündigung Gabriels an Maria: „Das Heilige, das geboren werden wird, wird Sohn Gottes genannt werden“ (Lk 1,35). Auch hier geht es nicht um den ewigen Gott, sondern darum, dass der Mensch, der geboren werden sollte, Jesus, von Gott als der Gesalbte anerkannt würde. Das ist durchaus in Übereinstimmung damit, dass Er der ewige Gott ist, doch dieser Ausspruch betont diese Seite nicht. Auch Nathanael bekannte den Herrn Jesus als Sohn Gottes, nämlich als den König, der von Gott Autorität und Siegel besaß. Aber der Herr Jesus zeigt ihm, dass seine Herrlichkeit als Sohn des Menschen größer ist als diese Seite seiner Sohnschaft (vgl. Joh 1,49–51).
    Schon der Prophet Jesaja spricht von dem kommenden Messias als Sohn Gottes. „Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen“ (Jes 7,14). Gott selbst würde also als „Gott mit uns“ von einer Jungfrau geboren auf diese Erde kommen. Oder, wie es kurze Zeit später heißt: „Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und man nennt seinen Namen: Wunderbarer, Berater, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Friedefürst“ (Jes 9,5). Dieses Kind wäre also nicht einfach ein Mensch unter Menschen, auch nicht nur der Sohn des Menschen, sondern der starke Gott selbst.

Nun stellt sich die Frage: Wenn doch der Herr Jesus sowohl als Messias als auch als Sohn Gottes, also als Gott selbst, im Alten Testament angekündigt worden war, was liegt dann an besonderem Inhalt in diesem Bekenntnis vor, das Petrus hier ausspricht?

Die Offenbarung des Vaters über seinen Sohn

Der Hauptpunkt scheint darin zu liegen, dass Petrus von Christus als vom Sohn des lebendigen Gottes spricht. Was liegt in dieser Aussage verborgen? Sie bedeutet, dass der Herr nicht nur der im Alten Testament angekündigte Sohn Gottes ist, von Gott als Sohn hier auf dieser Erde anerkannt. Nein, Christus ist selbst der ewige Gott, der Gott, der Leben in sich selbst besitzt, nicht nur durch die Salbung von oben. Er ist die Quelle des Lebens, der Lebensspender, derjenige, der das göttliche Leben anderen weitergeben kann. Diese Vollmacht besitzt nur der ewige Gott, der in sich selbst Leben hat.
Diese Aussage finden wir im Alten Testament nicht wieder. Natürlich war bekannt, dass der Herr, der Ewige, Leben hat. In 5. Mose 5,26 spricht Mose von dem „lebendigen Gott“. Auch Hiskia spricht von dem lebendigen Gott (vgl. Jes 37,4). Aber wir lesen an keiner Stelle, dass der Messias als der ewige Gott gezeigt wird, der selbst in eigener Lebenskraft souverän ist.

Hier ist also nicht nur vom Sohn Gottes die Rede. Hier wird deutlich, dass der Sohn – wir haben weiter oben gesehen, dass dieser Titel nicht meint: Kind, sondern dass der Sohn den Charakter dessen trägt, von dem er Sohn ist – selbst als der lebendige Gott beschrieben wird. Es ist das Ziel des Geistes Gottes, dass wir dieses Bewusstsein bekommen: Jesus Christus ist der ewige, der lebendige Sohn Gottes. So schreibt es auch der Apostel Johannes in seinem Brief: „Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Verständnis gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen; und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben“ (1. Joh 5,20).

Diese Tatsache, dass der vor den Jüngern stehende Mensch Jesus, der kurz zuvor noch von den Pharisäern und Sadduzäern versucht worden ist, der ewige, lebensspendende Gott ist, hatte bislang niemand gesagt. Es ist eine himmlische Wahrheit, die Petrus sich nicht ausdenken konnte, die er auch nicht durch die Betrachtung des Lebens des Herrn hätte verstehen können. Es war eine direkte Offenbarung des Vaters nötig, damit Petrus zu dieser gewaltigen Aussage kommen konnte. Bis heute gibt es viele Christen, die nicht in der Lage sind, diese Herrlichkeit in dem Herrn Jesus zu erkennen, obwohl die Wahrheit nun schon 2.000 Jahre lang bekannt ist.

Wir brauchen nicht zu glauben, dass Petrus damals schon verstanden hat, was er hier ausdrücken durfte. Aber er war das Werkzeug, das Gott benutzen konnte, weil Petrus in der konkreten Situation nicht fleischlich handelte und dachte, sondern einfach das weitergab, was ihm der Vater unmittelbar vor dem Aussprechen dieser gewaltigen Wahrheit offenbart hatte. Wir wollen jedoch bedenken, dass Glaube nötig war, persönlicher Glaube, um diese Herrlichkeit des Herrn Jesus auszusprechen. Denn Petrus reproduziert hier nicht einfach, was er gehört und gelernt hat. Es ist sein eigener, geistlicher Besitz geworden, den er hier weitergeben darf, selbst wenn er dessen Bedeutung sicher erst nach dem Kommen des Heiligen Geistes auf die Erde erfasst hat. Ein Mensch kann den ganzen Umfang dieser Aussage ohnehin nicht ergründen.

Leben aus dem Tod

Der Herr Jesus spricht an anderer Stelle selbst davon: „Denn wie der Vater Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn gegeben, Leben zu haben in sich selbst; und er hat ihm Gewalt gegeben, Gericht zu halten, weil er des Menschen Sohn ist“ (Joh 5,26.27). Hier wird auch die wichtige Beziehung zwischen dem Sohn des Menschen und dem lebendigen Gott deutlich. Nicht mit dem Messias sondern mit dem Sohn des Menschen in seinem Charakter der Zuwendung zu allen Menschen wird dieser Wesenszug des Herrn verbunden. „Sohn des lebendigen Gottes“ ist kein Titel, den der Herr sich erworben hätte. Es ist ein ewiger Wesenszug seiner Person, der von dem Augenblick an auch im Blick auf Ihn als Mensch wahr war, als Er durch Gott gezeugt geworden war.

Das ist aber noch nicht alles. Gerade die weiteren Verse machen deutlich, dass die hier offenbarte Wahrheit eine direkte Beziehung zum Tod des Herrn aufweist. Petrus geht über das Kreuz und das Grab hinaus, wenn er diesen Titel des Herrn nennt. Es handelt sich um Auferstehungsleben, das hier mit dem Herrn Jesus verbunden wird. Paulus drückt das in einem Brief so aus: „Als Sohn Gottes in Kraft dem Geist der Heiligkeit nach durch Toten-Auferstehung erwiesen“ (Röm 1,4). Diese Lebenskraft des Herrn, die Autorität, auch als Mensch Leben in sich selbst zu besitzen, hat sich erwiesen, als Er am Kreuz gestorben war. Denn gerade als Sohn besaß Er die Fähigkeit, Kraft und Autorität, in eigener Machtvollkommenheit wieder aufzuerstehen.

Dort mag man beginnen zu zweifeln: Wo ist denn dieses Leben, das göttliche Leben, wenn Er sterben musste? Die Antwort ist so einfach wie ergreifend: Gerade in seinem Tod hat der Herr bewiesen, dass Er diese Kraft in sich selbst besitzt. Er ist nämlich kraft seines unauflöslichen Lebens selbst auferstanden aus den Toten. „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen“ (Joh 10,17.18).

Christus hat nicht nur den Tod besiegt, sondern zugleich Leben und Unverweslichkeit ans Licht gebracht (vgl. 2. Tim 1,10). Dass Jesus Christus aus dem Tod Leben hervorgebracht hat, und zwar nicht Leben, das Ihm geschenkt worden wäre, sondern Leben, das Er selbst besaß und erwiesen hat, beweist, wie wahr die Worte von Petrus sind. Zugleich bestätigen sich damit die Aussagen des Herrn, die wir in Matthäus 11 betrachtet haben: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen offenbart hast“ (Vers 25). Und nicht nur das: „Niemand erkennt den Sohn, als nur der Vater.“ Gewaltig ist hier, dass der Vater etwas von dieser Herrlichkeit, die wir nur bewundern können, den Seinen offenbart hat.

Prüfung und Wertschätzung

Wir haben gesehen, dass der Herr Jesus seine Jünger in gewisser Hinsicht prüft. Diesen Test macht der Herr gewissermaßen auch mit uns heute. Denn Er wünscht, dass wir ein hörbares Bekenntnis aussprechen von dem, was wir glauben und an Ihm erkennen können. Ob wir – im nachhinein – ein Bekenntnis aussprechen, das wir von Paulus in 1. Timotheus 3,16 finden: „Und anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottseligkeit: Er, der offenbart worden ist im Fleisch, ist gerechtfertigt im Geiste, gesehen von den Engeln, gepredigt unter den Nationen …“?

Natürlich wissen wir, dass der Herr Jesus dieses Bekenntnis damals wie heute nicht nötig hat. Er weiß, wer Er ist. Er wusste auch, was die Jünger glaubten. Aber Er freut sich über Jünger, die Ihn in seiner Herrlichkeit kennen und bekennen. Deshalb ist die Antwort des Herrn auf die Aussage von Petrus genauso gewaltig wie die Offenbarung des Vaters an Petrus.

Der Herr spricht Petrus nicht nur „glückselig“. Er macht nicht nur deutlich, dass eine solche Aussage nicht auf menschlichen Überlegungen beruhen kann – Fleisch und Blut, der Inbegriff des menschlichen Daseins (vgl. z.B. Eph 6,12; Gal 1,16). Er zeigt auch, dass es eine göttliche Offenbarung aus dem Himmel war, die Petrus in die Lage versetzte, diese gewaltigen Worte über den Herrn Jesus auszusprechen.

In diesem Zusammenhang ist von Bedeutung, wie der Herr seinen Jünger anspricht: „Simon, Bar Jona“. Simon war der alte Name von Petrus, bevor er den Herrn Jesus kennenlernte (vgl. Joh 1,42). Er war der Sohn (Bar) Jonas. Aber aufgrund seiner Abstammung, selbst wenn sie mit einem für Juden so bedeutungsvollen Namen wie Jona verbunden war, hatte Petrus diese Gedanken nicht bekommen. Nein, dazu bedurfte es einer Offenbarung Gottes, die mit einem ganz anderen, einem neuen Namen für diesen Mann in Verbindung stand: mit Petrus. Der Herr selbst hatte ihm diesen Namen gegeben – jetzt füllt Jesus diesen neuen Namen mit einer besonderen Botschaft.

Eine neue Offenbarung – von dem Herrn Jesus: die Versammlung

Nicht nur Vers 16, sondern auch der 18. Vers ist von besonderer Bedeutung. Wenn man sich hier jede einzelne Aussage des Herrn anschaut, ist man überwältigt von der Fülle, die in diesem Vers zu finden ist: „Aber auch ich sage dir: Du bist Petrus; und auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen.“

Zunächst möchte ich gerne aufzeigen, dass der Herr in den Vers 18 eine gewisse Parallelität zu den Versen 16 und 17 gelegt hat.

  1. Der Vater hatte Petrus etwas offenbart – hier offenbart der Herr Jesus eine bislang unbekannte Sache, ein Geheimnis.
  2. Der Vater hatte Petrus den wahren Namen des Herrn Jesus offenbart: Er ist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Der Herr nunmehr gibt Petrus dessen Namen, einen neuen Namen: Du bist Petrus.
  3. Der Inhalt der Offenbarung war, wer der Herr Jesus wirklich ist. Und auf der Grundlage dieser Person, des ewigen Sohnes Gottes, offenbart der Herr Jesus seinem Jünger Petrus jetzt, dass Er etwas ganz Neues schaffen würde, die Versammlung (Gemeinde, Kirche).

Diesen drei Punkten werden wir uns noch näher widmen, wenn wir die einzelnen Teile des Verses vor uns haben. Zuvor erscheint es mir jedoch noch wichtig, auf einen besonderen Aspekt hinzuweisen. Petrus bekam die Offenbarung über die Versammlung, nachdem er von der Herrlichkeit der Person des Herrn Jesus gezeugt hat. Das ist ein Grundsatz der Schrift: Je mehr die Person des Herrn Jesus und seine Herrlichkeit vor unseren Herzen steht, desto mehr werden wir von der ganzen Wahrheit des Wortes Gottes verstehen. Gott wird sie uns offenbaren.

Wenn Christus unsere Herzen nicht erfüllt, wird unsere Erkenntnis über die biblische Wahrheit gering bleiben. Je höher unsere Wertschätzung Christi ist, desto mehr geistliche Energie besitzen wir auch, die Welt zu überwinden. Wenn ein Gläubiger geistlicher ist als ein anderer, dann hängt das unmittelbar mit der Kenntnis und Wertschätzung der Person Christi zusammen. Jede Kraft im Lebenswandel und im Zeugnis eines Christen hängt von der Wertschätzung ab, die er Christus entgegen bringt.

Das erkennen wir auch daran, dass Petrus glückselig genannt wird, bevor die Rede von der Versammlung ist. Christus muss jenseits der Versammlung gesehen und anerkannt werden – Er ist viel wichtiger als die Versammlung. Zunächst und vor allem muss Christus von jedem ganz persönlich erkannt werden. Dann im zweiten Schritt geht es auch um seine Versammlung.

Sohn und Vater stehen auf einer Stufe

  1. „Aber auch ich sage dir“: Mit diesen fünf Wörtern (bzw. vier im Grundtext) stellt sich der Herr Jesus auf dieselbe Stufe wie der Vater. Der Vater hatte etwas offenbart und gesagt – jetzt auch der Sohn. Der Sohn ist nicht geringer oder weniger Gott als der Vater. So, wie der Vater Gott ist, sind auch der Heilige Geist und der Sohn Gott. So konnte der Herr Jesus mit voller Autorität sagen: Auch ich … Der Herr Jesus war nicht nur auf der Erde, um Gott und auch den Vater zu offenbaren. Das ist wahr (vgl. Joh 1,18). Aber der Herr konnte auch in eigener Machvollkommenheit als der ewige Gott reden. Das tut Er hier. Es wichtig, dass wir das verstehen, weil es sofort den Charakter der Versammlung aufzeigt, die der Herr jetzt offenbaren würde. Sie hat nicht in erster Linie mit dem Menschen Jesus zu tun, sondern ist auf einer göttlichen, himmlischen Offenbarung und Grundlage gebaut worden.
  2. „Du bist Petrus“: Nur große Machthaber haben Namen verändert. Wir kennen das von Nebukadnezar, der die Namen von Daniel und seinen Freunden veränderte (vgl. Dan 1,7). Ähnliches taten Neko, der König von Ägypten, und andere Könige. Aus Johannes 1,42 und Markus 3,16 wissen wir, dass der Herr Jesus schon viel früher diese Namensänderung vorgenommen hat. Denn Er ist der oberste Machthaber. Daher hat Er ein Recht dazu. Jetzt bestätigt Er diese frühere Namensgebung und verbindet sie mit einer besonderen Botschaft.
    Wir erkennen, dass der Herr seinem Jünger nicht einfach als Ausdruck seiner Macht einen neuen Namen gab. Dieser Name hat einen herrlichen „Inhalt“. Petrus (gr. petros) bedeutet Stück eines Felsens, Stein. Petrus ist also nicht ein oder der Fels, sondern ein Teil davon. Zugleich zeigt die frühzeitige Namensgebung durch den Herrn, dass Gott längst im Voraus wusste, was Er diesem Jünger offenbaren wollte und dass es die Wahl Gottes war, nicht eine zufällige Verkettung günstiger Umstände im Leben von Petrus.

Die Versammlung hat ein felsenfeste Grundlage

  1. „Und auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen“: Zunächst fällt auf, dass unser Herr nicht einfach weiterspricht mit „auf diesen Felsen …“, sondern ein „und“ einfügt. Das ist ein erster Hinweis darauf, dass Er keinesfalls vorhat, die Versammlung auf die Person Petrus zu bauen, sondern dass er hier einen zusätzlichen Gedanken offenbart. Darüber hinaus sagt Er nicht: „auf dir“ oder „auf diesem“ (nämlich dem Stein, Petrus), sondern der Herr führt ein neues, weiteres Wort ein, das „Petrus“ (gr. petros) zwar ähnlich ist, aber sich davon unterscheidet.
  2. Der Herr sagt: auf diesem Felsen (gr. petra). Wenn man diese Aussage etwas umschreiben wollte, könnte man sagen: Auf diesen Felsen, wovon du, Petrus, ein Stein oder ein Teil bist, werde ich meine Versammlung bauen.
    Dass Jesus nicht Petrus als Grundlage der Versammlung meint, wird auch durch die Wahl des Demonstrativpronomens („diesen“) deutlich. Dadurch, dass dieses Pronomen im Grundtext vorangestellt wird, macht der Herr deutlich: Auf diesen einen, nicht auf irgendeinen anderen, nein auf diesen Sohn des lebendigen Gottes – und damit kein Zweifel darüber aufkommen kann, fügt Er hinzu: nämlich den Felsen (und nicht dem Stein davon) – werde ich meine Versammlung bauen.
    Dass dieser Fels Christus selbst ist, wird auch durch andere Stellen deutlich gemacht. Paulus schreibt, inspiriert durch den Geist Gottes, in 1. Korinther 10,4, wenn er von dem Felsen in der Wüste spricht: „Der Fels aber war der Christus.“ Christus ist Gott – so ist der Fels göttliches Material: „Der Fels: Vollkommen ist sein Tun; denn alle seine Wege sind recht“ (5. Mo 32,4).
  3. Die Versammlung hat ein sicheres Fundament: Sie ruht auf dem Felsen, auf Christus. Aber sie ruht nicht auf dem Messias Israels und auch nicht auf dem Menschen Jesus. Sie ruht auf Ihm, dem ewigen, dem lebendigen Gott. Das ist die Bedeutung dieses Verses. Denn der Fels bezieht sich auf die neue Offenbarung, die der Vater Petrus gegeben hatte, als dieser vom Sohn des lebendigen Gottes sprach. Das wird im letzten Teil unseres Verses auch noch einmal deutlich. Das Fundament ist deshalb so stabil, weil es göttlich, ewig und himmlisch ist. Es ist wahr, dass der Mensch Christus Jesus das Haupt des Leibes der Versammlung ist (vgl. Kol 1,18; Eph 4,15). Aber davon spricht der Herr hier noch nicht. Das ist das Geheimnis, das Paulus erst später offenbaren sollte. Hier geht es um das Fundament und dann um den Baumeister. Und beides ist der Herr Jesus als der ewige Gott.

Die Versammlung hat einen vollkommenen Eigentümer und Baumeister

  1. „Meine Versammlung“: Wir finden den Ausdruck Versammlung (gr. ekklesia, Herausgerufene) mehrfach in der Schrift, hier jedoch zum ersten Mal. In seiner großen Rede spricht Stephanus von der „Versammlung in der Wüste“ (Apg 7,38), also von einer jüdischen Versammlung. In Ephesus finden wir später eine heidnische Versammlung (Apg 19,32), die in Verwirrung war. Beide Beispiele aber haben nichts mit der Ekklesia zu tun, von welcher der Herr Jesus an dieser Stelle spricht. Sie sind nicht vergleichbar mit den Herausgerufenen, die der Herr für sich und für Gott haben wollte und haben würde. Diese neue Versammlung, von der Er hier spricht, ist seine Versammlung, eine Versammlung von Menschen, die Er selbst zusammenführen würde. Das zeigt, dass Er selbst diese Versammlung schaffen würde. Sie ist, wie gesagt, sein „Meisterwerk“.
    Bis zu diesem Zeitpunkt gab es in diesem Sinn keine Versammlung oder Kirche. Es gibt keine alttestamentliche Kirche; es gibt auch keine allgemeine Kirche aller Gläubigen Alten und Neuen Testaments. Es gibt aber die Kirche des lebendigen Sohnes Gottes.
  2. Wer gehört zu dieser Versammlung? Auch wenn wir das natürlich nur angedeutet finden – die Lehre über die Versammlung finden wir erst in den Briefen des Apostels Paulus –, geben uns diese Verse schon einen ersten, wichtigen Hinweis darauf.
    Es sind Herausgerufene (ek-klesia). Es sind solche, die aus einer alten Umgebung herausgerufen werden, um zu einer neuen Einheit zusammengeführt zu werden. Sie mögen Juden oder Heiden sein, jetzt bilden sie zusammen die Versammlung des Sohnes Gottes.
    Es sind Steine (petros) – wie Petrus hier genannt wird. Sie haben keine Existenzberechtigung außerhalb des Felsens, aus dem sie genommen werden, denn sie sind aus demselben Material wie der Fels, ja sie sind gewissermaßen Teil des Felsens. So haben die Gläubigen, die zur Versammlung gehören, ewiges, göttliches Leben, das der Herr ihnen geschenkt hat.
    Sie gehören von nun an auch praktisch zu dem Herrn Jesus. Es ist seine Versammlung, das heißt die Gläubigen gehören direkt zu Ihm. Das bedeutet auch, dass ihr Leben persönlich und gemeinsam in Verantwortung vor Ihm geführt werden muss.
  3. Wer ist der Baumeister der Versammlung? Wir wissen aus anderen Stellen des Neuen Testaments, dass die Versammlung Gott gehört (vgl. 1. Kor 1,2) und von Gott gebildet und gebaut wird (vgl. 1. Kor 12,24). Der Herr Jesus ist Gott. Daher ist es kein Widerspruch, wenn wir hier lesen, dass der Herr Jesus die Versammlung baut und dass Er der Eigentümer der Versammlung ist. Er ist ihr Architekt, ihr Planer, ihr Baumeister und ihr Eigentümer. Kein anderer hatte diese „Idee“ – Er, der Sohn des lebendigen Gottes, hat sie vor Grundlegung der Welt als seine Versammlung bestimmt.
    Christus ist auch der Baumeister des irdischen Hauses Gottes, des irdischen Volkes Israel. Davon spricht der Prophet Nathan zu David in 2. Samuel 7,12.13: „Wenn deine Tage erfüllt sein werden und du bei deinen Vätern liegen wirst, so werde ich deinen Nachkommen nach dir erwecken, der aus deinem Leib kommen soll, und werde sein Königtum befestigen. Der wird meinem Namen ein Haus bauen; und ich werde den Thron seines Königtums befestigen in Ewigkeit.“ Aber dabei geht es um ein irdisches Königtum, ein irdisches Königreich. Die Versammlung dagegen ist eine himmlische Schöpfung.

Voraussetzung: Tod, Verherrlichung des Herrn sowie Sendung des Heiligen Geistes

  1. Wann wurde die Versammlung gebaut? Der Herr Jesus spricht hier in der Zukunftsform: „Ich werde bauen“. Die Versammlung gab es damals noch nicht. Es gab auch noch keine Wurzeln der Versammlung, wie es manche meinen, indem sie sagen, die Versammlung sei das geistliche Israel. Das alles wird durch diesen einen Vers direkt widerlegt. Der Herr würde die Versammlung erst noch bauen. Durch den Schlussteil dieses Verses und durch Vers 21 wird angedeutet, dass die Versammlung erst gebaut werden konnte, nachdem der Herr Jesus den Tod und Satan besiegt hatte. Er musste zuvor sterben.
    Das wird durch Epheser 1 bestätigt, wo wir finden, dass zunächst die Macht vorgestellt wird, die an Christus wirkte in seiner Auferstehung, bevor das erste Mal in diesem Brief über die Versammlung Gottes gesprochen wird (vgl. Eph 1,20.22). Aus Apostelgeschichte 1.2 wissen wir zudem, dass der Herr Jesus zur Rechten Gottes verherrlicht werden und danach den Heiligen Geist auf diese Erde senden musste. Erst dann – an Pfingsten – konnte die Versammlung wirklich gebaut werden.
  2. Der Ausdruck „bauen“ fällt auf. Damit wird die Versammlung hier als ein Bauwerk gesehen, das der Herr Jesus baut. Dabei steht hier wie in Epheser 2,20–22 das göttlich vollkommene Bauen des Herrn Jesus im Vordergrund. Das, was Er tut, ist immer vollkommen. So kommen nur „Steine“, die aus dem Felsen gehauen wurden, in dieses Bauwerk. Kein Ungläubiger kann sich hier einschleichen. Im Unterschied dazu wird dieses Bauwerk im Neuen Testament zuweilen auch als das Werk der Gläubigen hier auf der Erde gesehen, das unter menschlicher Verantwortung gebaut wird (z. B. 1. Kor 3,10–15). Dann ist das Ergebnis nicht vollkommen, sondern von der Treue des Menschen abhängig. Hier sind viel Versagen, Sünden und sogar Zerstörung zu beklagen. Aber diesen Gesichtspunkt stellt der Herr Jesus in Matthäus 16 nicht vor.
    Nur Christus selbst baut an dieser Versammlung. Petrus hat diesen Punkt gut verstanden, so dass er auch in 1. Petrus 2,4.5 nicht davon spricht, dass die Gläubigen bauen, sondern dass sie „aufgebaut werden“. Es ist die souveräne Arbeit des Herrn und Gottes, das Haus zu bauen. Unter diesem Blickwinkel haben wir Menschen keinen Anteil am Werk dieses Hauses.
  3. Auffallend ist auch, dass dieser Ausdruck „bauen“ bereits in 1. Mose 2 vorkommt. „Und Gott der Herr ließ einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er entschlief. Und er nahm eine von seinen Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch; und Gott der Herr baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau, und er brachte sie zu dem Menschen“ (Verse 21.22). Tatsächlich ist Eva ein Vorbild auf die Versammlung. So, wie sie „gebaut“ wurde (in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta, steht an dieser Stelle tatsächlich dasselbe Wort wie in Matthäus 16), hat der Herr Jesus auch seine Versammlung gebaut. Das schöne ist, dass es einen zweiten Vergleichspunkt gibt. Eva ist aus Adam „entnommen“ worden. So sind die Steine, welche die Versammlung bilden, ebenfalls aus dem Felsen, aus Christus, entnommen. Sie sind seiner Natur teilhaftig, haben dasselbe Leben wie Er, tragen seinen Charakter. Und damit verbindet sich ein dritter Gedanke. Adam „entschlief“ – das war die Voraussetzung dafür, dass Eva geschaffen werden konnte. Auch die Versammlung konnte nur entstehen, weil Christus „entschlief“. Das spricht von seinem Tod am Kreuz, den Er auf sich genommen hat aus Liebe zu seiner Versammlung (vgl. Eph 5,25).

Ein himmlisches Meisterwerk, das nicht zerstörbar ist

  1. „Und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen.“ Mit dieser Aussage schließt dieser inhaltsreiche Vers. Weder der Tod noch derjenige, der die Macht des Todes hat, das ist der Teufel (vgl. Heb 2,14), können irgendetwas gegen die Versammlung des Sohnes des lebendigen Gottes ausrichten. Hier geht es nicht um den Ort, wo die Verlorenen sind. Die „Pforten“ oder Tore sprechen vom Sitz der Verwaltung und Regierung. Stellen wie Ruth 4,1–6 zeigen das. Hier ist also der Regent des Hades und des Todes gemeint. Das ist Satan. Aber er kann die Versammlung nicht überwältigen. Sie hat ein sicheres Fundament – den Felsen, Christus. Sie hat einen vollkommenen Baumeister – Ihn selbst, den Sohn des lebendigen Gottes. Er hat den Tod überwunden und den zunichte gemacht, der die Macht des Todes hat (vgl. Heb 2,14). Daher kann die Versammlung nie mehr getrennt werden von Ihm, ihrem Retter und Eigentümer. Sie ist in diesem Sinn unbezwingbar. Das können wir nur verstehen, wenn wir den Gedanken von Epheser 2 und nicht den unserer Verantwortung in 1. Korinther 3 mit diesen Versen verbinden. Denn unser Handeln hat alles zerstört. Aber Gott sei Dank – das, was Er tut, ist und bleibt vollkommen. Dadurch lässt Er nicht zu, dass Satan die Versammlung überwältigt, genauso, wie Er nicht zuließ, dass Balak und Bileam das Volk Israel durch einen Fluch zerstörten (vgl. 4. Mo 24–26). Was für eine Sicherheit für die Versammlung liegt in diesen Worten!1
  2. Mit diesem neuen Bauwerk ist eine sehr ernste Seite für das Volk Israel verbunden: Bislang war das Volk Israel der Zeuge Gottes auf der Erde. Nachdem der Herr sich von seinem Volk abwenden musste, vollzog Er mit diesem großartigen neuen Bauwerk zugleich das Gericht an seinem irdischen Volk. Anstelle seines irdischen Volkes würde jetzt diese Versammlung als sein Zeuge auf der Erde dienen. Israel hat somit aufgehört, Leuchter Gottes zu sein. Denn der Sohn des lebendigen Gottes hat sich einen neuen Leuchter gewählt: die Versammlung. Zur Zeit der Unterredungen, die wir in Matthäus 16 finden, war sie noch zukünftig. Aber die Offenbarung der göttlichen Gedanken zeigt, dass dieser Schritt nun unaufhaltbar war. Später erklärt der Herr das in dem Gleichnis vom Weinberg: „Den Weinberg wird er an andere Weingärtner verpachten, die ihm die Früchte abliefern werden zu ihrer Zeit“ (Mt 21,41). Bemerkenswerterweise verwendet der Herr hier ein ähnliches Bild von Felsen und Stein, wenn Er von dem verworfenen Stein und dem Eckstein spricht.
  3. Abschließend darf noch eine schöne Seite vor uns kommen, die hier angedeutet wird: Die Versammlung muss himmlischer Natur sein. Alles, was auf der Erde ist, wird einmal „begraben“ werden, selbst die Schöpfung als solche. Die Versammlung dagegen kann vom Tod nicht angetastet werden. Als Erklärung dafür bleibt nur: Sie ist himmlischer Natur. Sie kommt aus dem Himmel, sie gehört zum Himmel, sie wird ihren ewigen Aufenthaltsort im Himmel haben. Menschen, auch Gläubige, gehen heim. Aber die Versammlung bleibt. Und wenn die Erde nicht mehr der passende Aufenthaltsort für sie sein wird, geht sie, verbunden mit dem in ihr wohnenden Heiligen Geist, in den Himmel. Als Braut Christi wird sie ewig bei Ihm, ihrem geliebten und sie liebenden Bräutigam sein.

Petrus greift diese Offenbarung in seinem Brief auf

Petrus muss von diesen Aussagen überwältigt gewesen sein. Wir wissen nicht, wie viel er davon verstanden hat. Aber eines wissen wir: Er hat dieses Thema nicht vergessen. Denn in seinem ersten Brief spricht Er von den Steinen, von denen auch er einer war (petros). Zwar benutzt er hier das vom Herrn Jesus in Matthäus 21,42 ff. verwendete Wort für Stein, nicht „petros“. Dennoch ist augenscheinlich, dass er mit den „lebendigen Steinen“ auf diese Offenbarung des Herrn zurückkommt. Noch ein weiteres Wort hat Petrus nachhaltig beeindruckt: lebendig. Er durfte sagen, dass der Herr Jesus der Sohn des lebendigen Gottes ist. In seinem Brief spricht er von:

  • einer lebendigen Hoffnung (1. Pet 1,3);
  • dem lebendigen Wort Gottes (1. Pet 1,23);
  • dem lebendigen Stein, das ist Christus selbst (1. Pet 2,4);
  • lebendigen Steinen, das sind er und alle Gläubigen (1. Pet 2,5);
  • dem lebendig gemachten Herrn, nachdem Er gestorben war (1. Pet 3,18).

Paulus sollte später ebenfalls dieses Wort aufgreifen, wenn er von der Versammlung des lebendigen Gottes schreibt (1. Tim 3,15). So haben wir die Versammlung des Sohnes des lebendigen Gottes, was von der lebendigen Kraft des Herrn spricht, und die Versammlung des lebendigen Gottes. Es ist dieselbe Versammlung, und wir wissen, dass Vater und Sohn eins sind (vgl. Joh 10,30).

Der Baumeister und sein Bauwerk

Bevor ich auf eine sehr traurige Verdrehung der in diesen Versen offenbarten Wahrheit eingehe, möchte ich Vers 18 kurz als einen großartigen Architektenplan des Herrn Jesus, des Sohnes des lebendigen Gottes, veranschaulichen:

  1. Der Architekt:
    Ich sage dir“ – der Sohn des lebendigen Gottes, ist der Offenbarer und der Entwickler, der Architekt des nun folgenden, großartigen Planes Gottes.
  2. Das Baumaterial:
    „Du bist Petrus“: Das zu bauende Haus besteht aus lauter lebendigen Steinen, von denen Petrus einer ist. Nur solche Steine, neugeborene Menschen, werden zu diesem Bauwerk verwendet.
  3. Das Fundament:
    „Und auf diesen Felsen“: Dieses Bauwerk steht auf einem sicheren, vollkommenen Fundament. Es ist unzerstörbar, vollständig, fest. Es ist Christus (vgl. 1. Kor 3,11).
  4. Der Bauherr:
    „werde ich bauen“: Der Bauherr steht in der Mitte der Auflistung seines Bauwerks. Er ist es, der dieses Bauwerk beaufsichtigt, der es sich erdacht hat, der die Anweisungen gibt. Er baut – niemand anders!
  5. Der Eigentümer:
    „meine“: Die Versammlung, dieses großartige Bauwerk, gehört niemand anderem als dem Herrn Jesus selbst. Er ist der Eigentümer, Ihm gehört die Versammlung. So stehen Bauherr und Eigentümer – dieselbe Person – im Mittelpunkt dieses Verses!
  6. Das Bauwerk:
    „Versammlung“: Christus spricht von einem Bauwerk. Die Versammlung ist eine Schöpfung, eine Neuschöpfung. Sie gehört nicht zur ersten, sondern zur neuen Schöpfung. Sie ist der Ausdruck der großartigen Gedanken und Vollkommenheit Gottes.
  7. Die Bautätigkeit:
    „bauen“: Es entsteht nichts von selbst. Es muss gebaut werden, und Christus selbst führt dieses Bauen durch. Aber unter welcher Voraussetzung? Um bauen zu können, musste Er zuerst sterben, auferstehen und in den Himmel auffahren. Das alles ist Vergangenheit, und wir werden es nie vergessen! Aber dann, mit der Sendung des Heiligen Geistes auf diese Erde, begann seine Bautätigkeit – und Er übt sie bis heute aus. Er nimmt die Steine und fügt sie zu einem vollkommenen, zu jeder Zeit vollständigen Bauwerk zusammen. Nie sehen wir eine Ruine, immer ist alles in Maßarbeit vollkommen schön.
  8. Die Sicherheit und Stabilität des Bauwerks:
    „Und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen“: Die Sicherheit des Bauwerks wird durch den Architekten, das Fundament, den Bauherrn, den Eigentümer sicher gestellt. Es ist eine Sicherheit, die auch darauf beruht, dass es sich um ein Werk der zweiten Schöpfung handelt. Nichts kann dieses Wunderwerk antasten. Der Tod Jesu ist die Grundlage der Sicherheit, daher kann auch die unsichtbare Schöpfung dieses Werk nicht antasten. Es hat Ewigkeitswert!

Es ist nicht von ungefähr, dass vier der hier aufgelisteten Punkte und Funktionsträger auf eine einzige Person führen. Im natürlichen Leben sind Architekt, Bauherr, Eigentümer und Bauende meistens nicht dieselben Personen. Und wenn wir das Fundament und die Sicherheit des Werks noch hinzuzählen, stehen sechs der acht Punkte mit Christus in direkter Verbindung. Er ist alles für seine Versammlung – sie ist für Ihn eine Herzensangelegenheit.

Die falsche Lehre der Römisch-Katholischen Kirche

Abschließend zu diesem Vers möchte ich noch zeigen, dass die Römisch-Katholische Kirche gerade diese Worte in mehrfacher Weise falsch verstanden bzw. sogar verdreht hat und dadurch eine böse, falsche Lehre verbreitet:

  1. Die Versammlung ruht auf dem Felsen, nicht auf dem Stein Petrus: Die Römisch-Katholische Lehre gründet ihr Festhalten an Päpsten als Nachfolger von Petrus unter anderem auf die falsche Auslegung, dass der Herr hier gesagt habe, die Versammlung ruhe auf diesem schwachen, versagenden Menschen und Apostel. Was für eine armselige Grundlage hat sich dieses System hier ausgesucht. Petrus war ein hervorragendes Werkzeug in den Händen des himmlischen Vaters und des Herrn Jesus, viel treuer als wir alle. Aber schon die nächsten Verse unseres Kapitels zeigen, wie sündig er war, so dass der Herr ihn sogar mit Satan ansprechen musste. Was für ein Licht wirft das auf die Unfehlbarkeitslehre, die sich die Päpste zugeschrieben haben.
  2. Abgesehen davon finden wir im Neuen Testament, dass nicht Petrus sondern Paulus das Geheimnis der Verwaltung der Versammlung anvertraut worden ist. Es ist geradezu die Ironie Gottes: Die Römisch-Katholische Kirche hat sich bei der Auswahl des Apostels vertan.2 Denn Petrus spricht in seinen Briefen nicht einmal das Wort „Versammlung“ aus; und auch in seinen Predigten finden wir keinen einzigen Hinweis darauf. Petrus hatte in der Versammlung keinen anderen Platz als jeder andere Gläubige – denselben Platz, den auch jeder Gläubige heute einnehmen darf. Er war als Apostel zweifellos ein besonderes Werkzeug in der Hand Gottes, stand aber nicht über der Versammlung.
  3. Der Herr Jesus hat hier keinen Stellvertreter für sich auf der Erde eingerichtet. Er hat Petrus schlicht einen Auftrag gegeben, von dem wir in Matthäus 18 und Johannes 20 sehen, dass Er ihn auch auf andere Personen erweiterte.
  4. Die Versammlung wird hier in ihrer Vollkommenheit gesehen, was Grundlage, Wesen, Darstellung und Baumeister betrifft. Die Römisch-Katholische Kirche hat dagegen die Seite der Verantwortung des Menschen, wie sie in 1. Korinther 3 vorgestellt wird, und die Seite des göttlichen Wirkens, miteinander vermischt. Bis heute meint sie, die biblische Versammlung (Gemeinde, Kirche) sei (allein) sichtbar in der Römisch-Katholischen Kirche, in dem Arbeiten und Wirken dieser „Kirche“. In Wirklichkeit gibt es viele Gläubige außerhalb dieses Systems. Man muss sich sogar fragen, wie viele lebendige Steine es innerhalb dieser Kirchenmauern geben mag. Das, was Päpste und ihre Anhänger gebaut haben, bewirkte letztlich den Ruin der wahren Kirche Gottes, des lebendigen Organismus, der aus allen Gläubigen besteht. Diese irdische Kirche, mag sie es noch so oft wiederholen, ist nicht die Kirche des Sohnes des lebendigen Gottes.
  5. Die Versammlung hat ein ewiges, himmlisches Fundament. Ihr Wesen ist nicht von dieser Welt. Die Römisch-Katholische Kirche dagegen hat ein Reich hier auf dieser Erde aufgebaut, das einmal als Babylon, die Hure, gerichtet und zerstört werden wird (vgl. Off 17.18). Als „Vatikan“ hat sie nicht nur eine Bank und andere menschliche Einrichtungen, sondern sie versteht sich auch als eine weltliche Macht.
  6. Versammlung und Königreich sind zwei verschiedene Dinge. Dieser Gedanke hat bereits mit Vers 19 zu tun. Hier hat die Römisch-Katholische Kirche eine Vermischung vorgenommen, in dem sie keinen Unterschied zwischen den Vorrechten der göttlichen Versammlung und der Verantwortung des einzelnen Gläubigen macht. Taufe und andere sogenannte Sakramente, die mit der Versammlung Gottes nichts zu tun haben, werden in das kirchliche System eingebracht. Sogar das Seelenheil verknüpft diese sogenannte Kirche mit der Mitgliedschaft an ihrem Kirchensystem.

Die Schlüssel des Königreichs

Damit kommen wir zu dem Vorrecht und der Verantwortung, die der Herr Petrus überträgt. „Ich werde dir die Schlüssel des Königreichs der Himmel geben; und was irgend du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was irgend du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein.“

Dieser Vers ist nicht leicht zu verstehen, wenn man den Zusammenhang besieht. In Vers 18 hat der Herr von der Versammlung und ihrem unangreifbaren Fundament gesprochen. Jetzt aber überträgt der Herr seinem Jünger Petrus eine Aufgabe im Königreich der Himmel. Das zeigt deutlich, dass es nicht mehr einfach um die Versammlung als solche geht. Mit Schlüsseln baut man nicht, sondern man verwaltet und regiert. Das Königreich wird auch nicht gebaut; selbst Christus „baut“ es nicht. Er ist der König davon, sei es sichtbar auf der Erde oder für Menschen unsichtbar im Himmel.

Petrus sollte Schlüssel dieses Königreichs bekommen und darin eine Aufgabe wahrnehmen, die der abwesende König im Himmel nicht hier auf der Erde ausführen konnte. Auch an dieser Stelle benutzt der Herr die Zukunftsform, die zeigt, dass es um Aufgaben geht, die damals in der Zukunft lagen, offenbar in der Zeit, in welcher der Herr Jesus die Versammlung bauen würde. Wir haben schon gesehen, dass diese Versammlung zwei Seiten hat:

  1. die göttliche Seite (Eph 2,20–22; 1. Pet 2,4–6), in der das vollkommene Wirken Gottes gezeigt wird. Hier gibt es keinen Makel, alles entspricht dem göttlichen Handeln, göttlichen Maßstäben.
  2. die menschliche Seite (1. Kor 3,10–15), in der die Verantwortung des Menschen gesehen wird. Manche Gläubige handeln Gott gemäß, andere, letztlich leider alle, versagen in ihrem verantwortlichen Wirken am Haus Gottes.

Diese zweite Seite finden wir an manchen Stellen im Neuen Testament wieder, beispielsweise in Offenbarung 2 und 3, wo der „Weg“ der Kirche auf der Erde beschrieben wird. Unter dem Blickwinkel der Verantwortung von uns Menschen gesehen geht alles dem Ruin entgegen, den wir in der Beschreibung der Versammlung in Laodizea wiederfinden.

Diese Seite hat mit dem Königreich der Himmel zu tun. Wir haben schon früher gesehen, dass es dabei nicht um den Himmel geht. Petrus hat keine Schüssel erhalten, um an einer Himmelspforte zu stehen, durch die er Menschen in den Himmel lässt oder zurücksendet. Diesen Gedanken kennt die Bibel nicht. Dieses Königreich ist auf der Erde. Und wenn der Weg der Versammlung auf dieser Erde betrachtet wird, man könnte auch sagen, das Zeugnis der Versammlung als Leuchter für Gott hier auf der Erde, dann berühren sich die beiden Themen: Versammlung und Königreich. Im Königreich geht es mehr um die persönliche Seite eines Christen, in der Versammlung steht dagegen der gemeinschaftliche Aspekt im Vordergrund.

Petrus hat Aufgaben im Königreich übertragen bekommen. Er bekam sie ganz persönlich. Er hat Menschen nicht bekehrt, denn er konnte Menschen nicht das Heil zusprechen oder absprechen. Und doch hat er für diese Erde eine regierende Aufgabe bekommen, was die Aufnahme von Menschen in den Bereich der Christenheit betraf. Nicht die Versammlung regiert und herrscht in diesem Reich. Aber einzelne Gläubige haben vom Herrn in der Anfangszeit der Gnadenzeit eine solche Funktion übertragen bekommen. Das erkennen wir an dem Symbol des Schlüssels. Besonders die Taufe scheint hier eine wichtige Funktion zu haben.

Schlüssel

Wenn wir „Schlüssel“ in der Schrift finden, stellen sie einen Hinweis auf eine Regierung dar. In Jesaja 22,22 geht es um die Regierung, die der Herr Jesus als der wahre David im 1000-jährigen Reich ausüben wird. Dieser Gedanke wird vom Herrn selbst in Offenbarung 3,7 im Sendschreiben an Philadelphia aufgegriffen. Er öffnet Türen und schließt andere. Er hat die Autorität und Kompetenz zu diesem regierenden Handeln hier auf der Erde. Dabei spricht der Schlüssel im Unterschied zum Schwert nicht von Regierung in Macht und Gericht, sondern mehr von einer Verwaltung, die jemand übernimmt.

So war es auch bei Petrus. Es ist nicht zu übersehen, dass er in der Anfangszeit des Christentums eine solche Funktion unter den Aposteln wahrgenommen hat. Wir finden, wie er die Tür in Apostelgeschichte 2 für diejenigen Juden aufschließt, die bereit waren, sich von ihren ungläubigen Verwandten zu trennen, um sich aus dem Judentum in das Christentum – in das Königreich der Himmel – zu begeben: „Lasst euch retten von diesem verkehrten Geschlecht!“ (Apg 2,40). Später tat Petrus dasselbe für die Samariter (Apg 8,14–17) und für die Heiden (Apg 10,34–48).

So schloss Petrus für die verschiedenen Gruppierungen von Menschen, die damals unterschieden werden konnten, die Tür auf, um in das Königreich der Himmel eintreten zu können. Keiner war zu Beginn, nachdem der Herr Jesus in den Himmel aufgefahren war, in diesem Bereich, außer den Jüngern des Herrn. Und eine Gruppe nach der anderen wurde von Petrus hineingelassen: nicht in den Himmel, auch nicht zur Bekehrung, wiewohl Petrus die Buße und den Glauben an Jesus predigte. Denn die Autorität, Menschen in den Himmel hineinzulassen, besitzt nur Gott selbst. Er allein schenkt Menschen ewiges Leben.

Aber in den Bereich des Segens auf dieser Erde – und das ist kein anderer Bereich als die Versammlung Gottes, gesehen unter dem Blickwinkel der Verantwortung des Menschen – führte Petrus die Menschen, die kommen wollten. Solche, welche die Herrschaft des Herrn anerkennen würden, egal ob es Juden oder Heiden waren, bekamen Zutritt zu diesem Reich. Ihnen öffnete Petrus die Tür.

Erkenntnis (Belehrung) und Taufe

Nun haben Ausleger darauf hingewiesen, dass Petrus „Schlüssel“ (in der Mehrzahl) und nicht nur einen Schlüssel bekommen hat. Die Frage ist, ob dieser bildliche Begriff in dieser Weise wörtlich ausgelegt werden muss, was die Anzahl der Schlüssel betrifft. Grundsätzlich müssen wir nicht von mehreren Türen ausgehen. Es gibt eine Tür, durch die man in das Königreich der Himmel eintreten kann. Insofern musste Petrus nicht drei verschiedene Schlüssel betätigen, um Juden, Samariter und Heiden zu Christus zu führen.

Dennoch ist von Schlüsseln die Rede. Man mag das auf die drei aufeinanderfolgenden Etappen beziehen (Apg 2.8.10), bei denen Gläubige der Versammlung hinzugetan wurden. Vielleicht kann man bei mehreren Schlüsseln auch an Folgendes denken. Jesus spricht zu den Gesetzgelehrten in Lukas 11,52: „Wehe euch Gesetzgelehrten! Denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen; ihr selbst seid nicht hineingegangen, und ihr habt die gehindert, die hineingehen wollen“ (vgl. auch Mt 23,13). Dann könnte man unter einem Schlüssel die Erkenntnis verstehen, die notwendig ist, um den richtigen Weg zu gehen. Mit anderen Worten: Petrus hat die Aufgabe übertragen bekommen, die Menschen über den Weg zu belehren, den sie gehen müssen, um in dieses Königreich hineinzugehen.

Diesen Gedanken kann man mit Matthäus 28,18–20 verbinden. Dort sagt der Herr Jesus: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde. Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe.“

Der eine Schlüssel ist dann die Lehre und Belehrung, durch die man die Nationen zu Jüngern macht und ihnen Erkenntnis weitergibt. Die Pharisäer hatten Menschen den Zugang zu dieser wahren Erkenntnis verwehrt. Sie meinten, selbst weise zu sein (auch wenn der Herr Jesus verschiedentlich deutlich macht, dass sie letztlich töricht waren), wollten aber diese Weisheit nur in ihren eigenen Reihen zulassen. Das einfache Volk benötigte aus ihrer Sicht diese Einsicht nicht. Das kennen wir auch heute in einer großen Kirche, die im Widerspruch zu Gottes Wort behauptet, dass nur die Kirche lehren darf (obwohl die Kirche belehrt wird). Diese Lehre bleibt inmitten des „Klerus“, während das einfache Volk angeblich kein Recht besitzt, Lehrfragen zu besprechen. So steht diese Kirche in der Tradition der Pharisäer.

Matthäus 28,19 zeigt dann noch einen zweiten Schlüssel. Diesen stellt nach diesem Vers die Taufe dar, durch die ein Mensch zumindest äußerlich zu einem Jünger des Herrn wird und somit in das Königreich eingeht. Die Tatsache, dass der Herr hier seine Macht mit dem Tun der Jünger verbindet, wie das in Matthäus 16,19 mit dem Handeln von Petrus verbunden wird, könnte eine Bestätigung dieses Gedankengangs sein.

Allerdings gilt es zu bedenken, dass in Matthäus 28 alle Jünger angesprochen werden, in Matthäus 16 dagegen nur Petrus. Zudem gibt der Herr, was die Schlüssel betrifft, in Matthäus 16 keine konkrete Auslegung, die wir eigentlich erwarten müssten, wenn der Herr mit den Schlüsseln eine besondere Belehrung für uns verbinden wollte, die über ein grundsätzliches Handeln in regierender Verwaltung hinausgehen sollte. Zudem lesen wir an keiner Stelle, dass Petrus selbst getauft hätte. Wir lesen nur, dass er Anweisung gab, Menschen zu taufen.

Das Binden und Lösen

Petrus erhält jedoch nicht nur Schlüssel. Er bekommt auch Autorität zum Binden und Lösen hier auf der Erde. Was auch immer in der heutigen Zeit mit dem Himmel zu tun hat und dort getan wird, hat nichts mit dieser verwaltenden Aufgabe von Petrus (und später der von der Versammlung, Mt 18,18) zu tun. Darüber hat niemand auf der Erde Macht. Petrus konnte Dinge auf der Erde binden und lösen – und nur dort!

Was ist nun mit dem Binden und Lösen gemeint? Die Jünger damals wussten das sicher sofort einzuordnen. Wir können wohl vor allem an zwei Dinge denken, die von den Rabbinern mit dem Binden und Lösen verbunden wurden und daher den Jüngern geläufig waren:

  1. Petrus bekam die Autorität, in der Verkündigung die Gebote zu benennen, die vom Herrn Jesus stammten und damit Gültigkeit für die Jünger hatten; das ist das „Binden“ der Gebote auf die Jünger. Man kann dieses Binden mit Matthäus 28,20 verbinden, wo es heißt: „Lehrt sie zu bewahren, was ich euch geboten habe.“ Das Lösen betrifft die Kehrseite. Wenn es sich um Menschengebote handelte wie die von den Schriftgelehrten (vgl. Mt 15,2), so konnte Petrus diese als vom Menschen stammend benennen, mit der Konsequenz, dass sie nicht zu halten waren. In diesem Sinn wurden diese Gebote gewissermaßen von den Jüngern gelöst.
    Es ist klar, dass es nicht darum geht, dass Petrus festlegen konnte, welche Anweisungen „Gottes Gebote“ waren und welche nicht. Gott selbst hat das festgelegt. Und für uns ist das ganze Wort Gottes bindend in seiner Autorität über unser Leben. Aber damals war das Wort Gottes noch nicht als Buch vollendet in den Händen der Christen. So bekam Petrus die Autorität übertragen, für Menschen deutlich zu machen, was von oben kam und was nicht.
  2. Ein zweiter Gedanke, der damals mit dem Binden und Lösen verbunden wurde, ist das Binden von einem Bann auf Menschen. Wenn jemand ein Gebot übertreten hat, dann konnte aufgrund des Gesetzes ein Bann über so jemanden ausgesprochen werden, so dass er keine Gemeinschaft mehr mit dem Volk Gottes pflegen durfte. Wenn jemand ein ausreichendes Bekenntnis abgelegt hatte, konnte er wieder in die Gemeinschaft des Volkes Gottes aufgenommen werden. Das ist die Erklärung, die wir aus Matthäus 18,18 kennen. Vielleicht ist Hiob 42,9.10 ein alttestamentlicher Hinweis auf diese Autorität, die Gott damals selbst wahrnahm, die Petrus jedoch hier im Neuen Testament übertragen bekommen hat.

Praktische Beispiele des Bindens und Lösens

Wie muss man sich das bei Petrus jetzt ganz praktisch vorstellen? Wir finden in der Apostelgeschichte, dass Petrus in Apostelgeschichte 2,40.41 den Menschen, die in Aufrichtigkeit Buße getan hatten, eine Art Sündenvergebung zuspricht, und zwar allein für diese Erde. Das ist der Gedanke der Taufe. Darum wurden diejenigen, die sich von dem damals lebenden verkehrten Geschlecht retten ließen und zu dem Herrn Jesus wandten, getauft. Petrus hat keine Autorität über Sündenvergebung für den Himmel. Diese liegt allein bei Gott. Aber was die Erde betraf, bekam er von dem Herrn eine solche Autorität übertragen. Zugleich waren diese Menschen dadurch – was die Darstellung der Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes betrifft – in praktischer Gemeinschaft mit den Gläubigen. Von einer speziellen Aufnahme (oder Zulassung), wie wir sie heute im Allgemeinen kennen, lesen wir in der Anfangszeit des Christentums noch nichts. Denn wer sich zu dem Herrn Jesus bekannte, wollte mit den Gläubigen zusammen den Herrn anbeten. Verschiedene kirchliche Wege, wie wir sie heute leider kennen, gab es damals noch nicht.

In Apostelgeschichte 3,17 verkündet der Apostel Petrus, dass die Juden den Herrn Jesus in Unwissenheit ans Kreuz gebracht hatten. Damit befreit er sie von dem Bann, mit erhobener Hand gesündigt zu haben (vgl. 4. Mo 15,30.22). Das wäre nämlich eine Sünde gewesen, für die es kein Opfer der Vergebung gab. Diese Autorität besaß nicht jeder Jünger. Petrus bekam sie hier vom Herrn speziell übertragen.

In Apostelgeschichte 5 sehen wir, dass Petrus einen Bann auf Ananias und seine Frau Sapphira bindet. Sie hatten den Heiligen Geist belogen, und Petrus bindet diese Sünde und ihre Folgen auf diese beiden Gläubigen. Wer hier die Frage der ewigen Errettung hineinbringt, kann weder das Handeln von Petrus verstehen noch das Handeln Gottes, diese Menschen zu töten (eine Sünde zum Tod, vgl. 1. Joh 5,16). Ein solcher Gedanke würde nur Verwirrung stiften, denn er versteht nicht, dass diese Zucht Gottes keineswegs bedeutet, dass Ananias und Sapphira nun ewig verloren wären.

Gerade diese Handlung von Petrus verdeutlicht übrigens sehr schön, was der Herr Jesus seinem Jünger hier sagt: Es würde im Himmel gebunden bzw. gelöst sein, was er auf der Erde band bzw. löste. Petrus bindet die Sünde auf diese beiden Personen. Der Himmel – das heißt der Vater im Himmel – erkennt dies an und bestätigt es, indem Er diese beiden Menschen von der Erde wegnimmt. Das, was Petrus tat, war auch im Himmel gebunden. So bestand die Autorität von Petrus im positiven wie im negativen Sinn mit weit reichenden Auswirkungen.

Ähnliches finden wir in Apostelgeschichte 8, wo der Zauberer Simon sich zwar äußerlich auf die Seite der Nachfolger des Herrn gestellt hatte, innerlich aber weit von Gott entfernt war. Sein einziges Ziel war es, große Machtwunder zu tun – jetzt im Namen des Herrn. Petrus bindet die Sünde an diesen bösen Mann und sagt: „Dein Geld fahre samt dir ins Verderben, weil du gemeint hast, dass die Gabe Gottes durch Geld zu erwerben sei! Du hast weder Teil noch Anrecht an dieser Sache“ (Apg 8,20.21).

In diesem Sinn kann man den zweiten Teil von Matthäus 16,19 auch als eine praktische Erklärung des ersten Teils verstehen, so dass man gar nicht weiter überlegen muss, was unter den Schlüsseln im Einzelnen zu verstehen sein mag. Zugleich zeigen uns diese praktischen Erwägungen, dass die Gedanken des Königreichs und der Versammlung zwar klar unterschieden werden müssen, letztlich aber nicht zu trennen sind.

Den Zusammenhang von Versammlung und Reich haben wir schon in Matthäus 13 gesehen, wo der Herr das Königreich der Himmel direkt mit der Perle, der Versammlung, verbindet. Hier in Matthäus 16 sehen wir es in Bezug auf die Offenbarung, die der Herr Petrus macht. Und wenn wir uns näher mit dem Thema „Versammlung“ beschäftigen, werden wir sehen, dass die göttliche Seite der Versammlung immer wieder neben die Seite unserer Verantwortung gestellt wird. Und dann sind wir sogleich bei dem Thema „Königreich der Himmel“.

Daher gehören die Belehrungen von Matthäus 16; 19; 18; 18 und Johannes 20,23 zu einem gemeinsamen Themenkreis. In Matthäus 16,19 führt der Herr den Gedanken des Bindens und Lösens ein und zeigt, dass in der Anfangszeit besonders Petrus diese Aufgabe übertragen bekam. Später würde dann nach Matthäus 18 die Versammlung dieses Binden und Lösen übernehmen. Nach dem Kreuz bestätigt der Herr, dass in der Anfangszeit gerade die Apostel Autorität zum Lösen und Binden bekamen (vgl. Joh 20,23). Denn die Versammlung war soeben erst gebildet worden und musste zunächst durch die Apostel belehrt werden, was Binden und Lösen eigentlich bedeutet.

Petrus und die anderen Apostel waren der Versammlung allerdings nur in der Anfangszeit gegeben. Heute gibt es keine Apostel mehr. Ihre Aufgaben werden nun im Blick auf die Versammlung nicht mehr von Einzelnen, sondern von der Versammlung insgesamt wahrgenommen. Es scheint, als ob Petrus in Matthäus 16 letztlich als Repräsentant der anderen Jünger gesehen wird, für die er ja dieses großartige Bekenntnis des Herrn Jesus ausgesprochen hat. Denn der Herr hatte nicht Petrus, sondern die Jünger insgesamt danach gefragt, was sie von Ihm zu sagen wussten.

Und die Jünger in Johannes 20,19–23 sind wiederum ein Bild der ganzen Versammlung, die nach ihrer Etablierung auf der Erde diese Aufgabe von den Aposteln übernehmen würde.

Im Blick auf Matthäus 16 halten wir fest, dass Petrus sicher stärker als die anderen Jünger die Aufgabe bekommen hat, regierende Verantwortung auf der Erde zu übernehmen. Später sehen wir, dass auch Paulus in dieser Autorität tätig war, indem er Menschen dem Satan überlieferte, wenn es notwendig war. Das war keine Aufgabe, die er sich wünschte. Aber wenn es notwendig war, so war er bereit, diese Autorität auszuüben. In 1. Korinther 5,5 schreibt er dies den Korinthern, in 1. Timotheus 1,20 schreibt er seinem Mitarbeiter Timotheus, dass er diese züchtigende Handlung ausführen solle.

Bindet sich der Himmel an falsche Entscheidungen?

Zum Schluss möchte ich noch auf die Frage eingehen, ob der Himmel sich auch an falsche Entscheidungen hier auf der Erde bindet. Dieser Punkt ist natürlich in Verbindung mit Matthäus 18,18 besonders wichtig, wenn es um Versammlungsentscheidungen geht. Aber schon hier spielt dieser Punkt hinein, weil es um eine fehlbare Person, nämlich Petrus geht, dem eine Entscheidungskompetenz zugebilligt wird, die solch gewaltige Auswirkungen hat, dass sich sogar der Himmel an diese Entscheidungen hält.

Die Frage hierbei ist: Bindet sich der Himmel an ein falsches Lösen oder Binden, das hier auf der Erde geschieht? Als erste Reaktion möchte man schnell sagen: Nein, das ist unmöglich. Im Himmel kann nichts Bestand haben, was unbiblisch und damit im Widerspruch zu Gott steht.

Dennoch erscheint mir eine solche Antwort zu kurz gegriffen: Es geht hier nicht um Fragen des Ratschlusses Gottes, der natürlich immer in vollkommener Übereinstimmung mit den Gedanken und Wünschen Gottes steht. Im Alten Testament gibt es manche Beispiele, dass Gott entsprechend den Worten eines Führers des Volkes Gottes handelte, auch wenn diese Worte nicht in Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes waren (vgl. z.B. 4. Mo 11,14) oder in einer inneren Verfassung ausgesprochen wurden, die nicht geistlich war (vgl. z.B. 4. Mo 16,15).

Mein Eindruck ist, dass es in Matthäus 16,19 um die Frage von Autorität geht. Autorität hat der Herr Jesus seinem Jünger Petrus übertragen. Und gerade diese Autorität würde im Himmel Anerkennung finden. Gleiches gilt für die Versammlung (Mt 18,18) und auch für die Jünger insgesamt (vgl. Joh 20,23).

Natürlich geht der Herr davon aus, dass Petrus in Übereinstimmung mit der ihm übertragenen Verantwortung diese Autorität ausübt und sich an Gottes Wort hält. Aber dieser inhaltliche Punkt steht hier nicht im Mittelpunkt. Gott hat es gefallen, Petrus und später anderen eine Autorität zu übertragen. Und an diese delegierte, weitergegebene Autorität hält Er sich.

Dass es notwendig ist, falsch angewandte Autorität zu korrigieren, ist in der Schrift immer wieder zu finden. Aber diese Korrektur muss grundsätzlich von demjenigen ausgehen, der die Autorität übertragen bekommen hat. Paulus konnte Petrus, wie wir in Galater 2 lesen, ins Angesicht widerstehen. Aber korrigieren musste sich Petrus dann selbst und entsprechend, um in unserem Bild zu bleiben, die Tür wieder neu aufmachen.

Die Versammlung löst das Volk Israel als Zeuge auf der Erde ab

Der Abschnitt endet mit einem bemerkenswerten Gebot bzw. Verbot des Herrn: „Dann gebot er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Christus sei.“ Diese Anweisung des Herrn können wir nur in Verbindung mit den vorherigen Versen gut verstehen. Der Herr hatte sich von den Führern des Volkes Israel weggewandt. Er hatte danach etwas gänzlich Neues eingeführt, seine Versammlung. Diese würde das Volk Israel als Gottes Zeugen auf der Erde ersetzen.

Damit war auch das Zeugnis Gottes an sein Volk beendet. Er hatte diesem seinen König gesandt (vgl. Röm 15,8) – aber sie hatten Ihn abgelehnt. Nun würde es eine solche Botschaft nicht mehr für das irdische Volk Gottes geben. Es hatte aufgehört, Volk Gottes zu sein. Wir wissen, dass dies endgültig erst mit der Kreuzigung und der Beiseiteschaffung des letzten Zeugen des Geistes Gottes, Stephanus, der Fall sein würde. Aber was den Grundsatz betrifft, hatte Gott dem Volk Israel von jetzt an keine spezielle Botschaft mehr auszurichten.

Ab diesem Zeitpunkt war der Herr nicht mehr der Christus, der Messias des Volkes Israel, sondern der Sohn des Menschen für alle Nationen, der Sohn des lebendigen Gottes, der seine Versammlung baut. Das war – für das Volk Israel – eine sehr ernste Botschaft. Es ist letztlich eine Gerichtsankündigung.

Wir Christen dürfen nicht vergessen, dass mit dem christlichen Bekenntnis etwas Ähnliches passieren wird. Das sehen wir in Offenbarung 3, wo wir davon lesen, dass der Herr der Versammlung in Laodizea (Off 3,14 ff.) ausrichten lässt, dass Er sie aus seinem Mund ausspeien würde. Denn bei ihr fehlt die Wirklichkeit göttlichen Lebens. Laodizea steht für den Zustand in der bekennenden Kirche, der heute vorherrscht und auch bei dem Kommen des Herrn Jesus zur Entrückung noch vorhanden sein wird. Dann gibt es keine wahre Kirche mehr auf der Erde. Für das Volk Israel wird es danach eine neue Chance geben, den Herrn Jesus als Messias anzunehmen, jedenfalls für die gottesfürchtigen Übriggebliebenen. Für die Christenheit gibt es eine solche zweite Chance nicht. Sie wird nie wieder als Zeuge Gottes und des Sohnes des lebendigen Gottes hier auf der Erde eingesetzt werden. Ihr Gericht steht kurz bevor.

Verse 21–23: Die erste Ankündigung des Herrn, dass Er sterben und auferstehen würde

„Von da an begann Jesus seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem hingehen müsse und von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten vieles leiden und getötet und am dritten Tag auferweckt werden müsse. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihn zu tadeln, indem er sagte: Gott behüte dich, Herr! Dies wird dir nicht widerfahren! Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh hinter mich, Satan! Du bist mir ein Ärgernis, denn du sinnst nicht auf das, was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist“ (Verse 21–23).

Es ist eigentümlich, dass unser Herr gerade in Verbindung mit der Ankündigung der Versammlung und dem Verbot, den Juden zu verkünden, dass Er der Christus sei, zum ersten Mal davon spricht, dass Er leiden und getötet und auferweckt werden müsse.3 Dies zeigt, dass es die Versammlung nur auf der Grundlage des Todes des Herrn Jesus geben konnte. Das dürfen auch wir nie vergessen!

Es macht aber auch deutlich, dass die Verwerfung des Herrn Jesus hiermit unabwendbar war, wenn sie auch noch nicht vollständig vollzogen war. Der Herr zeigt den Jüngern, dass es jetzt nur noch diesen einen Weg zum Wohl der Menschen gab: Leiden und Tod. Dass dieser Tod mit den Juden direkt in Verbindung stand, macht die Erwähnung von Jerusalem deutlich. An diesem Ort würde Er zum Tod verurteilt werden. Es musste die Hauptstadt der Juden sein, wo der König der Juden sterben sollte.

Erkennen wir, dass wir hier den Sohn des lebendigen Gottes vor uns haben? Nur Er wusste im vorhinein, was auf Ihn zukommen würde. Kein Mensch kann vorher sagen, was mit ihm passiert. Das liegt allein in Gottes Hand. Aber der Herr war kein „normaler“ Mensch, obwohl Er vollkommen Mensch war. Er ist Gott selbst und war genau mit diesem Ziel gekommen, am Kreuz für andere Menschen zu sterben.

„Von da an“ – eine ganz neue Zeitrechnung begann. Der Herr hatte abgeschlossen mit der alten Zeit und beginnt eine neue Zeit, die mit seiner Versammlung in Verbindung steht. Zunächst werden noch einmal die drei Hauptgruppen genannt, die für den Tod des Herrn verantwortlich sein würden. Es sind die Führer des Volkes der Juden. Die Ältesten, die zur Zeit Josuas noch dafür sorgten, dass das Volk in Gottesfurcht lebte (vgl. Ri 2,7), waren hier die Ersten, die den Herrn verurteilten. Die Hohenpriester, von denen es ohnehin nur einen einzigen geben sollte und die schon durch die Missachtung dieser Vorschrift zeigten, was ihnen das Gebot Gottes wert war, machten sich mit diesen Führern eins. Diejenigen, die Gott vor dem Volk vertreten sollten, brachten denjenigen, der sich als der Sohn des lebendigen Gottes, also als Gott selbst erwiesen hatte, ans Kreuz. Mit diesen beiden Gruppen schlossen nun auch noch die Schriftgelehrten einen Pakt, sie, die aus den Schriften des Alten Testaments hätten wissen können und müssen, wer der Messias ist und dass nur Jesus dieser König sein konnte.

Wie großartig aber auch, dass der Herr sofort darauf hinweist, dass Er nach seinem Leiden und Sterben auch auferweckt werden müsse. Diese Hoffnung stellt der Herr seinen Jüngern sofort neben die traurige Botschaft.

Wir müssen im Übrigen bedenken, was das für ein harter Schlag für die Jünger war, die immer damit gerechnet hatten, dass ihr Meister die Herzen und Gewissen der Juden würde erreichen können. Sie rechneten auch in dieser Situation noch damit, dass Jesus sein Reich in Macht und Herrlichkeit aufrichten würde. Stattdessen aber sprich Er jetzt vom Tod: „Nein“, sagt Er ihnen gewissermaßen, „ich werde leiden und sterben müssen. Aber das ist nicht das Ende. Ich werde Leben aus dem Tod hervorbringen – so, wie Du, Petrus, von mir als dem Sohn des lebendigen Gottes gesprochen hast.“

Satan in der Gestalt des Petrus

Petrus kann nicht stehen lassen, was der Herr über sich und das Ende seines irdischen Lebens sagt. Hier lernen wir ihn von einer ganz anderen Seite kennen als in den vorherigen Versen. Dort war er das Sprachrohr des Vaters. Kaum zu glauben, dass ein solcher Gläubiger nur kurze Zeit später ein Satan, ein Widersacher des Herrn werden kann. So sind wir Menschen, so sind wir Gläubigen! Man kann die größten Offenbarungen erhalten haben, man kann mit der größten geistlichen Gabe ausgestattet sein, und dennoch komplett fleischlich denken und handeln. Petrus tat das in diesem Augenblick.

„Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihn zu tadeln, indem er sagte: Gott behüte dich, Herr! Dies wird dir nicht widerfahren!“ Wir können Petrus – menschlich – sehr gut verstehen. Soeben hatte er sagen dürfen, wer sein Herr wirklich ist: der Sohn des lebendigen Gottes. Wie konnte er da akzeptieren, dass dieser lebensspendende Herr, der Leben in sich selbst besitzt, sein Leben verlieren sollte? Das konnte und durfte nicht sein. Musste er nicht auch jetzt wieder, so könnte er gedacht haben, das Sprachrohr des Vaters werden, indem er seine feste Überzeugung weitergab?

Aber Petrus wurde hier nicht durch den Heiligen Geist geleitet, sondern durch seine Gefühle. Vermutlich dachte Petrus auch an seine eigene Zukunft. Vielleicht hatte ihn das Lob Jesu, das heißt die Anerkennung, dass das, was er gesagt hatte, nicht von ihm selbst, sondern direkt vom himmlischen Vater stammte, doch innerlich ein wenig hochleben lassen und vor den anderen Jüngern stolz gemacht. Jetzt wollte er beweisen, dass er wirklich stärker war als seine Mitjünger. Wenn sie „schwach“ schwiegen – er nicht! Er wollte mannhaft Widerstand leisten gegen eine solche, aus seiner Sicht falsche Überlegung des Herrn. Und: War das vielleicht eine weitere Prüfung, der sie der Herr unterzog?

Zudem waren die Jünger, wie wir immer wieder sehen, solche Männer, die einen klaren Blick für das Diesseits hatten. Wenn der Herr als König seine Herrschaft jetzt antreten würde, wären sie seine Minister. Hier würde manches an Ehre für sie abfallen. Wenn aber der Herr starb, würde für sie nichts übrig bleiben. Vermutlich waren Petrus und die anderen Jünger wie auch wir oft nur mit einem Ohr bei der Sache. Von der Auferstehung hatte er wahrscheinlich gar nichts mehr gehört. Es reichte, dass der Herr von dem Tod sprach – und das passte Petrus nicht.

Was galt es zu tun? Natürlich: dem Herrn wehren, damit Er von seinem – aus Sicht der Jünger falschen – Plan abrückte. Petrus benutzt dazu sehr starke Worte: „Gott behüte dich, Herr!“ Das heißt eigentlich: „Gott sei dir gnädig!“ – eine Redewendung, die in 2. Samuel 20,20; 23,17 mit „Fern sei es“, also mit „auf keinen Fall!“, übersetzt wird.

Ohne die Wortstudie von „Gott sei dir gnädig!“ an dieser Stelle zu weit treiben zu wollen, ist es auffallend, dass Petrus gerade diese Wortwahl trifft. Denn diesen Ausdruck finden wir auch in Hebräer 8,12: „Denn ich werde ihren Ungerechtigkeiten gnädig sein, und ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken“ und in der Septuaginta zum Beispiel in 4. Mose 14,19: „Vergib doch die Ungerechtigkeit dieses Volkes nach der Größe deiner Güte.“ Gnade in diesem Sinn kann nur Gott üben. Er tut dies gerade in Verbindung mit der Vergebung von Sünden und Ungerechtigkeiten.

Petrus war sich nicht bewusst, dass er damit den Herrn vor dem Erlösungswerk „verschonen“ wollte. Ohne den Tod Jesu hätte es keine Vergebung, keine Rechtfertigung, keine Erlösung, keine Rettung, keine Versammlung und keine Hoffnung gegeben. Hätte Petrus daran gedacht, hätte er den Herrn zweifellos nicht „getadelt“. Stellen wir uns das vor: Derjenige, der den Wind und die Wellen getadelt hat, wird hier von seinem eigenen Geschöpf zurechtgewiesen! Petrus ist sich immerhin bewusst, dass er einen Höheren vor sich hatte, als er selbst war. Denn er spricht nicht direkt vor den anderen Jüngern zum Herrn, auch wenn diese nach Markus 8,33 in direkter Nähe standen. Petrus nahm seinen Herrn beiseite, um ihm seine Sicht der Dinge vorzustellen. Aber er nimmt sich das Recht heraus, den Herrn sehr zu tadeln. Martin Luther hat das übersetzt mit: „Er fuhr ihn an.“ Petrus war offenbar aufgeregt und aufgebracht. Er war der Meinung, dass der Herr hier auf einem falschen Weg ist. Der Herr! Damit hatte der erste der Jünger seine Kompetenzen bei Weitem überschritten!

Der scharfe Verweis des Herrn

Die Antwort des Herrn mag uns erstaunlich hart vorkommen. Zunächst bewundern wir seine Ruhe, in der Er sich an Petrus wendet und ihm antwortet. Dann aber sind wir betroffen von den Worten: „Geh hinter mich, Satan! Du bist mir ein Ärgernis.“ Das Besondere an dieser Anrede des Herrn ist, dass es außer der Person Satans nur einen Menschen gibt, der als „Satan“, als Widersacher, persönlich bezeichnet wird. Das ist Petrus. Von Judas sagt der Herr später, dass er ein Teufel, ein Verleumder, sei (vgl. Joh 6,79). Aber dort ist nicht die Rede von dem Teufel! Der Herr spricht von einem Teufel. Satan aber ist ein Name, der Name einer Person.

Petrus wird direkt als „Satan“ bezeichnet. Warum? Weil er für den Herrn ein Ärgernis war. Das heißt nicht, dass der Herr Jesus sich über Petrus „ärgerte“ und aufgeregt war, wie wir diesen Ausdruck heute verstehen könnten. Ein Ärgernis ist ein Fallstrick, durch den jemand zu Fall kommt. Wir wissen nicht, was Satan im Blick auf den Herrn genau im Ziel hatte. Denn der Teufel kannte den Ratschluss Gottes nicht. Er wusste nicht, dass das Kreuz die Grundlage der Erlösung vieler Menschen sein würde. Was er wollte, war die Pläne Gottes zu zerstören und den Herrn Jesus zu beseitigen. Er wusste allerdings nicht, was sein Tun letztlich bewirkte.

Petrus nun erwies sich durch das, was er gerade tat, als Widersacher Gottes und des Herrn. Satan war der große Widersacher des Herrn. Das hatte er schon zu Beginn des öffentlichen Dienstes des Herrn gezeigt, als er Ihn dreimal versuchte. Seine erste Handlung als Satan, als er sich als dieser Feind Gottes offenbarte, bestand darin, Gott gleich sein zu wollen und gegen Gottes Anweisungen zu handeln (vgl. Hes 28,15 ff.). Nun war er tätig, um Jesus zu beseitigen. Dazu benutzte er die Menschenmassen. Zugleich versuchte er, den Herrn von dem Weg des Gehorsams abzubringen. Und dieses Ziel Satans sprach Petrus an dieser Stelle aus. Wir können nicht sagen, dass er von Satan instrumentalisiert wurde, denn der Teufel konnte gar nicht wissen, was genau hier geschah. Aber Petrus behinderte – wie Satan – den Herrn auf seinem Weg zum Kreuz. Daher musste er hinter den Herrn treten.

Natürlich wäre das Leben des Herrn viel leichter gewesen, wenn Er sofort sein Königreich aufgerichtet hätte, ohne zu sterben. Das hatte Satan dem Herrn in der dritten Versuchung „schenken“ wollen. Aber dann wäre Er vom Weg des Gehorsams seinem himmlischen Vater gegenüber abgewichen. Und daher war dieser Vorschlag ein Ärgernis, das den Herrn auf einen Weg der Unabhängigkeit führen würde.

Deshalb, und offensichtlich nur deshalb nennt der Herr Petrus an dieser Stelle Satan. Denn exakt das war das große Ziel Satans, den Herrn von dem Weg des Gehorsams auf einen Weg der Sünde zu führen. Petrus und die anderen Jünger haben viel Versagen während des gut dreijährigen Dienstes des Herrn gezeigt. Aber an keiner anderen Stelle wird einer von ihnen Satan genannt. Hier jedoch, weil Petrus – zwar unwissentlich, aber ausdrücklich – direkt gegen den Weg der Erlösung, den Ratschluss Gottes, vorgeht. Das machte sein Auftreten so dramatisch. Deshalb wollte der Herr Satan aus seinem Blickfeld hinwegbringen und befiehlt: „Geh hinter mich, Satan!“ Petrus sollte nicht absolut verschwinden, aber doch mit seinem bösen Ansinnen aus den Augen des Herrn wegtreten. Denn diese waren auf das Ziel gerichtet, dass der Vater seinem Sohn für diese Erde gegeben hatte: das Kreuz und die anschließende Auferstehung.

Eine Unterscheidung dürfen wir allerdings nicht übersehen: Als Satan selbst den Herrn angriff, wies ihn dieser mit den Worten ab: „Geh hinweg, Satan!“ (Mt 4,10). Mit dieser bösen Persönlichkeit wollte der Herr nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Mit Petrus dagegen pflegte Er weiterhin Gemeinschaft, wie man es schon sechs Tage später auf dem Berg der Verwandlung4 sehen kann (Mt 17,1 ff.).

Wir wollen deutlich sehen, dass wir nie das Recht besitzen, eine andere Person „Satan“ zu nennen. Nur der Herr konnte das kraft seiner Autorität und seiner Vollkommenheit tun. Und Er tat dies nur in diesem einen Fall, wo es um seinen Weg der Erlösung ging. Wir sollten uns hüten, jemand in irgendeiner Weise mit dem Namen Satans in Verbindung zu bringen. Natürlich können wir in dem einen oder anderen Fall erkennen, dass Satan wirkt oder sogar Satanismus praktiziert wird. Das aber ist etwas anderes, als eine Person Satan zu nennen.

Dann zeigt Jesus noch deutlich die Motive, die Er bei Petrus entdeckt hat. Wir wissen, dass wir Motive nicht beurteilen dürfen. Der Herr aber kann sie erkennen. „Du sinnst nicht auf das, was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist.“ Petrus hing offensichtlich (zusammen mit seinen anderen Jüngern) immer noch an der menschlich faszinierenden Idee, der Herr würde jetzt sein Reich in großer Macht aufrichten, so dass auch sie als Jünger einen wichtigen Platz in der Öffentlichkeit würden einnehmen können. Aber gerade das war nicht der Weg Gottes. Petrus verstand dies offenbar nicht, vielleicht aber wollte er es sogar nicht verstehen. Ihm war das Diesseits wichtig, sein eigenes Ansehen und das, was vor Menschen zählt. Aber Gott hatte einen anderen Weg vor. Später erst erkannte Petrus ihn als den einzig richtigen. Hier aber musste er noch dazulernen.

Verse 24–27: Der Weg des Herrn bestimmt den Weg der Jünger

„Dann sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach. Denn wer irgend sein Leben erretten will, wird es verlieren; wer aber irgend sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden. Denn was wird es einem Menschen nützen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber seine Seele einbüßt? Oder was wird ein Mensch als Lösegeld geben für seine Seele? Denn der Sohn des Menschen wird kommen in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun“ (Verse 24–27).

Schon in Kapitel 10,38.39 hatten wir diese Ermahnung gesehen, die der Herr Jesus hier noch einmal seinen Jüngern mitgibt. Allein die Tatsache, dass der Herr nun wieder nicht mehr allein zu Petrus spricht, sondern zu allen Jüngern, zeigt an, dass die Haltung von Petrus auch die anderen Jünger kennzeichnete. Sie alle hofften darauf, dass der Herr jetzt in mächtiger Weise seine Königsherrschaft antreten würde. Die Antwort des Herrn ist: „Ich werde leiden und sterben. Und Euer Weg ist der gleiche. Ihr könnt das Erlösungswerk nicht vollbringen. Aber Ihr sollt meine Jünger sein und euer Kreuz aufnehmen. Nur so seid Ihr wahrhaft meine Jünger!“

In Matthäus 10 ging es besonders um das Setzen der richtigen Prioritäten im Leben eines Jüngers. Natürliche Beziehungen haben keinen Vorrang vor der Beziehung des Herrn, so wichtig sie an und für sich auch sind. Aber der Herr kommt vor allem anderen (ohne dass das andere dadurch vernachlässigt werden dürfte).

In Matthäus 16 geht es mehr um die grundsätzliche Lebensausrichtung des Jüngers. Der Herr wünscht, dass wir Ihm wirklich nachkommen. Das heißt, dass wir den Weg, den Er als Menschen gegangen ist, auch gehen wollen: ein Leben für Gott, ein Leben in Absonderung vom Bösen und bösen Menschen, ein Leben in Gemeinschaft mit den Gläubigen. Christus geht sogar davon aus, dass wir seinem Weg folgen wollen. Dazu aber ist eine innere Haltung nötig, die wir bei unserem Meister sehen: Man muss sich selbst verleugnen und sein Kreuz aufnehmen und dann auch konsequent seinen Weg gehen. Gerade das ist „Nachfolge“, wie der Herr sie uns zeigt. Während das „Nachkommen“ den äußeren Weg bezeichnet, weist uns „Nachfolge“ auf die innere Haltung und deren Konsequenzen hin. Der Herr nennt dazu drei Schritte, die wir uns kurz ansehen:

Drei Schritte der Jüngerschaft

  1. Sich selbst verleugnen: Der Jünger sieht nicht auf sich, genauso wie der Herr nicht sich selbst verherrlichen wollte. Der Jünger weiß, dass es nicht um ihn geht, sondern allein um den Herrn. Nicht die eigene Person steht im Mittelpunkt, sondern sein Meister, dem er nachfolgen möchte. Das eigene Ich hat in der wahren Jüngerschaft keinen Platz. Es steht einem Jünger bei seiner Nachfolge nur im Weg. Denn wer sich wichtig nimmt, kann nicht bereit sein zu leiden (es sei denn, er möchte dadurch im Mittelpunkt stehen, und dann ist das keine Nachfolge des Herrn). Sich selbst verleugnen heißt auch, aufzuhören, sich selbst zu leben.
    Schon dieser erste Punkt, den wir nicht „trainieren“ können, weil wir das nur mit einer fleischlichen Anstrengung täten, sondern der schlicht das Wegschauen von sich selbst bedeutet, ist eine große Herausforderung in unserem Leben. Der Herr lässt diese Ermahnung unmittelbar auf seine Worte an Petrus folgen, der noch nicht gelernt hatte, sich selbst zu verleugnen. Man darf sich im Selbstgericht nicht verschonen. Wenn man das täte, verschonte man das Fleisch. Das hätte zur Folge, dass dieses wirksam würde.
  2. Sein Kreuz aufnehmen: Landläufig wird hierunter verstanden, das jeder so sein Kreuz, sein „Päckchen“ zu tragen hätte. Der eine plagt sich mit ständigen Rückenschmerzen herum, der nächste ist seit einigen Jahren arbeitslos und der dritte ist depressiv. Nun sind alle diese drei Beispiele sehr ernst zu nehmen und nicht einfach vom Tisch zu wischen. Sie sind Teil dessen, was wir die (im positiven Sinn) züchtigende Hand unseres Vaters nennen, die Teil seines regierenden Handelns mit uns ist. Aber das ist es nicht, was der Herr meint, wenn Er uns ermahnt, unser Kreuz aufzunehmen.
    Es geht auch nicht um das Kreuz des Herrn – also den Weg der Erlösung, den Er für uns gegangen ist. Diese Erlösung hat Er allein am Kreuz für uns vollbracht. Aber das war eine einmalige Sache, die nur Er als der vollkommen Sündlose tun konnte!
    Nein, wir selbst sollen unser Kreuz aufnehmen. Wir müssen uns kein Kreuz suchen! Wer sich selbst verleugnet, für den kommt das Kreuz geradezu automatisch. Wenn im Altertum bei den Römern jemand gekreuzigt wurde, musste er sich selbst das Kreuz bis an den endgültigen Kreuzigungsort tragen. Er ging so durch die Stadt und wurde von allen Menschen, für die das ein Schauspiel war, gesehen, verspottet und gedemütigt. Wir wissen aus Johannes 19,17, dass auch Jesus sein eigenes Kreuz trug!
    Wer nun in einer solchen Weise beladen zu seinem Todesort ging, wusste, dass sein Leben zu Ende ging. So sollen auch die Jünger des Herrn mit ihrem eigenen Leben abgeschlossen haben. Damit ist nicht wie bei a) das Fleisch des Jüngers gemeint, ohne dass dieses ausgeschlossen wäre. Aber ein Jünger sollte in dieser Welt, das heißt von und in dieser Gesellschaft, nichts mehr erwarten. Er hat mit den Freuden und Schönheiten, den Genüssen und Vorzügen dieser Welt abgeschlossen. Sein Ziel liegt in einer anderen Welt, und seine Freude ist eine himmlische. Dass dies mit Leiden verbunden ist, weil man nicht verstanden wird, weil man als ein Ausgestoßener gilt, weil man keine Gemeinschaft mehr in dieser Welt sucht, versteht sich von selbst und ist wesentlicher Teil des Bildes des „Kreuzes“. Ob wir in dieser Hinsicht schon mit dieser Welt abgeschlossen haben? Das heißet ja nicht, dass wir nicht die von Gott gegebenen Freuden des irdischen Lebens annehmen dürfen, wozu auch Ehe, Kinder und seine Schöpfung zählen. Aber auch hier gilt, dass diese nicht unser ganzes Sinnen und Trachten ausmachen dürfen.
  3. Christus nachfolgen: Nun kommt noch das Ziel, das der Jünger verfolgen soll. Er hat einen Vorläufer: Jesus Christus, seinen Herrn. Diesem und niemand anderem soll er folgen. Nur Er ist unser Meister, von dem wir lernen und geführt werden. Er ist unser Vorläufer, den wir nachahmen, der uns inspiriert, der uns vorgemacht hat, wie unser Leben aussehen soll. Wir folgen nicht Jüngern, auch nicht dieser oder jener Versammlung, sondern allein Christus. Ein Jünger muss bereit sein, Ihm auf seinem Weg zum Kreuz zu folgen. Nur dann sind wir wirklich auf dem Weg Jesu! Es ist eine sehr gefährliche Sache, an Jesus zu glauben, ohne Ihm nachzufolgen. Denn Christen sind durch ihre Bekehrung andere Menschen, als sie es vorher waren. Wer das nicht praktisch auslebt, muss sich fragen, ob er wirklich Christ ist.

In diesen drei Punkten sehen wir also, wie unsere Gesinnung sein soll:

  • uns selbst gegenüber: sich selbst verleugnen;
  • dieser Gesellschaft gegenüber: sein Kreuz aufnehmen;
  • dem Herrn gegenüber: Ihm nachfolgen.

Wir werden dem Herrn nur dann nachfolgen (können), wenn wir uns selbst und dieser Gesellschaft gegenüber die richtige Gesinnung haben. In allen drei Bereichen haben wir dazuzulernen. Denn wie oft steht unser eigenes Leben, meine Seele, mein Ich, im Vordergrund, das wir zu retten suchen. Wer aber sein irdisches Leben zu retten sucht, wird es letztlich verlieren. Das heißt, er wird das eigentliche Ziel, wofür Gott ihn vorgesehen hat, nicht erreichen.

Das Leben des Jüngers

Wer bereit ist, selbst auf Kosten seines eigenen Lebens dem Herrn nachzufolgen, weil es dem Jünger auf nichts anderes ankommt als auf die Wertschätzung des Meisters, ja darauf, Ihn zu verherrlichen in seinem Leben, der wird das Ziel seines Lebens erreichen. Es geht nicht darum, das Leben einfach aufs Spiel zu setzen. Unser Ziel als Jünger ist es, um des Herrn willen bereit zu sein, unser Sinnen nicht auf das irdische Leben zu setzen, sondern auf den Herrn und seine Nachfolge. Dieses Motiv hat Bestand vor Gott.

Thema dieser Verse ist nicht, wie man ein Jünger wird. Der Herr spricht zu solchen, die bereits Jünger sind. Daher müssen sie nicht ihr Leben einsetzen, um vom Herrn gerettet oder als Jünger angenommen zu werden. Der Herr formuliert hier einfach seinen Anspruch an diejenigen, die als seine Jünger eine Beziehung zu Ihm haben.

Dieser Ausspruch über das Leben des Jüngers kommt insgesamt – mit geringen Abweichungen – sechsmal in den Evangelien vor. Vermutlich waren es vier verschiedene Gelegenheiten, wo der Herr über das Retten und Verlieren des Lebens gesprochen hat. So wichtig war Ihm dieser Gedanke der Jüngerschaft (je zweimal in Matthäus und Markus und je einmal in Lukas und Johannes).

In einer Einschaltung führt der Herr diesen Gedanken nun fort, indem Er ein Extrem zeigt. Es ist unmöglich, die ganze Welt zu gewinnen und zu vereinnahmen. Aber nehmen wir den Fall an, dass ein Mensch das schaffte: Was für einen Nutzen hätte er davon, wenn er seine Seele dafür einbüßt, das also, was in den Augen Gottes unauflösbar ist und ewig besteht. Damit ist nicht gemeint, dass er stirbt, sondern dass man das eigentliche Ziel des Lebens verpasst. Das wird zu dauerhaftem Schaden sein. Wenn es sich um einen Menschen handelt, der sich nicht bekehrt hat, dann geht er ewig verloren. Wenn er bekehrt ist, dann wird er keinen Lohn mitnehmen können in die Ewigkeit. Darauf kommt der Herr in Vers 27 zu sprechen. Denn bei Jüngerschaft geht es auch um Lohn und Belohnung.

Zuvor möchte ich noch auf das interessante Wort des Herrn im zweiten Teil von Vers 26 eingehen. „Oder was wird ein Mensch als Lösegeld geben für seine Seele?“ Der Herr spricht nicht davon, was wir als Lösegeld annehmen für unser Leben, sondern was wir Gott dafür anbieten können, als Gegenwert für die notwendige Rettung unserer Seele. Die Antwort, die der Herr hier nicht ausspricht, lautet schlicht: Nichts! Selbst der Besitz der ganzen Welt reicht nicht aus, um das zu begleichen, was wir durch die Sünde in unserem Leben angerichtet haben.

Leben für Leben muss bezahlt werden. Das zeigt uns den Wert, den unsere Seele in den Augen Gottes besitzt. Sie ist unsterblich – und nichts haben wir Menschen für diesen unendlich hohen Wert anzubieten. Wir können nur dankbar das Werk des Herrn Jesus dafür annehmen; das allerdings geht über die Belehrung dieses Verses hinaus.

In Anlehnung an Offenbarung 18,13, wo wir lernen, dass Babylon – also der Endzustand der römisch-katholischen Kirche – sogar Handel mit Menschenseelen trieb, kann man an dieser Stelle darauf hinweisen, dass auch heute manche Kirchen der Meinung sind, man könne doch etwas für die eigene Seele, für das Leben, anbieten. Das ist nichts anderes als Handel mit dem Leben von Menschen zu führen. Das kirchliche System mag daran verdienen. Aber dies geschieht auf Kosten der wertvollen Seelen, die um den Preis ihres Lebens auf eine falsche Spur geschickt werden!

Der Lohn für Jünger

In dem letzten Vers, der zu diesem Abschnitt gehört, kehrt Jesus zu den Gedanken von Vers 25 zurück. Wenn jemand bereit ist, sein Leben um des Herrn willen zu verlieren, dann wird er dafür großen Lohn erhalten. Dieser Vers ist eine Ermutigung für Jünger, dass sie nicht für immer einem verworfenen Christus nachzufolgen haben. „Denn der Sohn des Menschen wird kommen in der Herrlichkeit seines Vaters mit seinen Engeln, und dann wird er jedem vergelten nach seinem Tun.“ Die Belohnung gibt es also im 1.000-jährigen Friedensreich.

In dieses Reich kommt der Herr zusammen mit seinen Engeln. Hier offenbart Er noch nicht, dass auch wir, die Gläubigen der Gnadenzeit, also seine Versammlung, mit Ihm auf die Erde kommen werden (vgl. 2. Thes 1,10). Auch seine Engel werden dabei sein. Das wird dann keine Zeit der Verleugnung, der Leiden, des Kreuzes sein, sondern eine einzigartige Herrlichkeit, auch für uns. Es ist die Herrlichkeit, die der Vater seinem Sohn, dem Sohn des Menschen, schenken wird, der einmal hier gelitten hat und verachtet war, dann aber mit himmlischer Herrlichkeit bekleidet sein wird.

Es gab eine Zeit, von der wir in Philipper 2,7 lesen, wo sich der Sohn Gottes zu nichts machte – das heißt sich selbst der äußeren Herrlichkeit entäußerte, die Ihm immer zu eigen war und die Er dem Wesen nach auch nicht abgelegt hat, ja nicht ablegen konnte. Aber äußerlich sichtbar war das nicht. So sehr hat Er sich erniedrigt. Aber diese Zeit ist heute für Jesus längst beendigt. Sichtbar werden wird das allerdings erst, wenn Er mit seinen Heiligen und mit seinen Engeln in Herrlichkeit auf diese Erde kommen wird.

Typischerweise spricht Matthäus von der Herrlichkeit des Vaters. Denn alles, was der Herr hier tut, war zur Ehre seines Vaters, war im Auftrag seines Vaters. Daher wartet Er auch darauf, dass sein Vater Ihn mit dessen Herrlichkeit, die letztlich jedoch keine andere ist als die Herrlichkeit des Sohnes Gottes, bekleiden wird. Der Sohn kommt mit der Herrlichkeit des Himmels, um dann als der Sohn des Menschen auf dieser Erde zu regieren, wie der nächste Vers zeigt.

Wir haben in diesem Kapitel schon gesehen, wie charakteristisch dieser Titel „Sohn des Menschen“ für die künftige Zeit ist. Nicht der Messias kommt wieder, um Lohn zu geben, sondern der Sohn des Menschen, dem wir nachfolgen und der sein Reich, seine Herrschaft, antreten und sein Gericht hier auf der Erde ausüben wird.

Er wird jedem vergelten nach seinem Tun, wie wir auch aus Offenbarung 22,12 lernen. Es kommt also ganz offensichtlich auf das Tun an, wenn es um Belohnung geht. Es ist nicht wichtig, was Jünger für gute Gedanken haben, was aus ihrer Sicht getan werden könnte oder was andere gut tun können und sollen. Entscheidend ist, was man selbst getan hat. Auch Gebet für andere und das Werk des Herrn ist in diesem Sinn „Tun“. Ein Jünger muss aktiv sein – sonst handelt es sich nicht um einen Jünger. Das zeigt der Herr hier deutlich an. Ob Er uns als solche findet, die für ihren Herrn und Meister, den Sohn des Menschen, der sie erlöst hat, tätig sind?

Der letzte Vers unseres Kapitels gehört eigentlich zu Kapitel 17, was den Inhalt betrifft, so dass wir ihn in Verbindung mit dem nächsten Abschnitt anschauen werden.

Die Arten des Unglaubens in diesem Kapitel

In seinen Auslegungen über das Wort Gottes, genannt Synopsis, geht J. N. Darby am Ende in sehr interessanter Weise auf die verschiedenen Arten des Unglaubens ein, den man in diesem Kapitel finden kann. Ich gebe diese wichtige Belehrung gerne skizzenhaft und etwas erweitert wieder.

  1. Die stärkste Form des Unglaubens ist die vollständige Ablehnung des Herrn als Messias und Emmanuel, die wir bei den Pharisäern und Sadduzäern finden. Sie lehnen Christus und seine Zeichen ab und fordern in ihrer Dreistigkeit ein Zeichen vom Himmel. Das ist nichts anderes als Abfall von Christus und Gott. Der Eigenwille dieser Menschen stand im Mittelpunkt ihres Handelns und sollte von Gott befriedigt werden.
  2. Die zweite Form des Unglaubens finden wir in den Jüngern. Sie hatten einen vergesslichen Unglauben, indem sie die Werke des Herrn nicht mehr in praktischer Erinnerung hatten. Ihr Kleinglaube (Vers 8) war fehlendes Zutrauen in die Wundermacht ihres Herrn.
  3. Die dritte Form des Unglaubens ist die Gleichgültigkeit, die wir in den Meinungen der Volksmenge sehen. Sie glaubten, dass Jesus kein normaler Jude war. Selbst in ihren Augen war Er mindestens ein Prophet. Aber ihre Ignoranz und Gleichgültigkeit siegte über ein Herz, das sich Ihm im Gehorsam verschreiben wollte.
  4. Schließlich finden wir bei Petrus noch den Unglauben des Fleisches, das auf das sinnt, was der Menschen ist, nicht auf das, was Gottes ist. Das Fleisch im Gläubigen kann sich nicht zu Gott erheben, sondern zieht sich und andere nach unten, wenn es freie Bahn erhält.

Fußnoten

  • 1 Zu diesem Punkt gibt es noch eine zu Herzen gehende Parallele im Alten Testament. Manche Ehefrauen von Männern Gottes sind Vorbilder auf die Versammlung Gottes. Eva, die Frau von Adam, gehört dazu. Ein schönes Beispiel ist auch Rebekka, die Ehefrau von Isaak. Wir wissen, dass sie gestorben ist. Aber eine Mitteilung über ihren Tod suchen wir im Alten und Neuen Testament vergeblich. Soll uns das nicht andeuten, dass die Versammlung nicht dem Tod unterliegt? Viele Gläubige sind in den vergangenen fast 2.000 Jahren gestorben (heimgegangen). Die Versammlung ist in ihrer Existenz dadurch nie beeinträchtigt worden. Wenn der Augenblick kommt, dass der Herr Jesus wiederkommt, dann werden die lebenden Gläubigen verwandelt werden (1. Thes 4,17). Und die Versammlung? Sie wird von einem Augenblick auf den nächsten im Himmel sein. Der Tod hat sie nie „berührt“ und wird es auch nie tun. Die Amme Rebekkas, die mit ihr zu Isaak gezogen war (1. Mo 24,59), starb (1. Mo 35,8). Sie ist ein Bild des Zeugnisses der Versammlung auf der Erde, das tatsächlich zu Ende gehen wird. Aber die Versammlung als solche hat mit dem Tod nichts zu tun.
  • 2 In diesem Zusammenhang ist es interessant zu sehen, dass Petrus in der Apostelgeschichte Jesus als Christus verkündigt, als den angekündigten Sohn Davids (vgl. z.B. Apg 2,31.36; 3,18.20; 5,42). Stephanus erweitert dann den Blick am Ende seiner Leiden, wenn er davon spricht, dass er den Sohn des Menschen sieht (vgl. Apg 7,56). Erst Paulus verkündigt Jesus als Sohn Gottes, das aber sofort nach seiner Bekehrung (vgl. Apg 9,20). Hieran sehen wir, dass Petrus zwar die Offenbarung der Herrlichkeit des Sohnes des lebendigen Gottes und der Versammlung bekam, dass seine Hauptaufgabe jedoch das Königreich der Himmel war, nicht die Versammlung, während die Hauptaufgabe von Paulus in der Verwaltung der Versammlung bestand, beauftragt durch Gott selbst und den Herrn Jesus Christus.
  • 3 Genau genommen handelt es sich nicht um die erste Ankündigung. Denn schon in Matthäus 12,41 hat Er den Pharisäern und Schriftgelehrten gezeigt, dass Er als der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein würde. Aber dort spricht Er noch nicht deutlich von seinen Leiden, sondern mehr in einer geheimnisvollen Weise von seinem Tod.
  • 4 Wahrscheinlich hat sich der Ausdruck „Berg der Verklärung“ durch die Bibelübersetzung Martin Luthers eingeprägt. Er benutzte für das Wort „verwandeln“ (Vers 2) den Ausdruck „verklären“.
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