Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 15

Die Verwerfung Israels führt zur Versöhnung der Welt (Mt 15)

Dieses 15. Kapitel schließt nahtlos an die Kapitel 13 und 14 an. Wir haben gesehen, dass das Volk Israel seinen Messias verworfen hat. Die Folge war, dass Christus sein Volk ebenfalls zur Seite stellen musste. Dennoch nutzte Er jede Gelegenheit, die sich Ihm bot, den Juden Segen anzubieten.

In dem 15. Kapitel zeigt uns der Geist Gottes nun noch einmal, warum der Herr sein Volk richten musste. Jetzt sind es nicht so sehr ihre Werke als vielmehr ihre stolze, traditionsbewusste Heuchelei, die besonders bei den Führern des Volkes zum Vorschein kam (Verse 1–9) und ihr innerer Zustand (Verse 10 –20), der so verabscheuungswürdig war, dass es dafür nur Gericht geben konnte. Das Gericht über Israel führt jedoch zur Versöhnung der Welt (vgl. Röm 11,15). Diese finden wir in der Heilung der Tochter der kananäischen Frau vorgebildet (Verse 21–28). Heißt dies, dass das irdische Volk Gottes ohne Hoffnung ist? Sicherlich nicht. Daher schließt der Herr im Anschluss wieder eine große Heilung am See Galiläas an (Vers 29–31), die uns einen erneuten Blick auf den Segen am Anfang des 1000-jährigen Friedensreiches tun lässt.

Aber auch das ist noch nicht das Ende. Denn der Herr wird im 1000-jährigen Königreich nicht nur sein Volk, sondern alle Menschen, die Ihn annehmen wollen, segnen. Dieser Segen wird uns in der Speisung der 4.000 Männer zuzüglich Frauen und Kinder vorgestellt (Verse 32–39). Insgesamt finden wir in diesem Kapitel aber einen traurigen Zustand des Volkes. Wir sehen, dass die Juden sich des Namens Gottes und des Namens des Messias bedienten, um einen Mantel der Frömmigkeit anzuziehen, unter dem Bosheit und Gottlosigkeit ihr Spiel trieben.

Verse 1–9: Der äußere Zustand der Juden: Heuchelei

„Dann kommen Pharisäer und Schriftgelehrte von Jerusalem zu Jesus und sagen: Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Und warum übertretet ihr das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen? Denn Gott hat geboten und gesagt: ‚Ehre den Vater und die Mutter!‘ und: ‚Wer Vater oder Mutter schmäht, soll des Todes sterben.‘ Ihr aber sagt: Wer irgend zum Vater oder zur Mutter spricht: Eine Opfergabe sei das, was irgend dir von mir zunutze kommen könnte – der wird keineswegs seinen Vater oder seine Mutter ehren. Und so habt ihr das Gebot Gottes ungültig gemacht um eurer Überlieferung willen. Ihr Heuchler! Treffend hat Jesaja über euch geweissagt, indem er spricht: ‚„Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. Vergeblich aber verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.‘“ (Verse 1–9).

In diesen ersten neun Versen lernen wir etwas über den Zustand der Juden, dargestellt durch die Führer dieses Volkes. Der Herr Israels würde den Zustand des Volkes offenbaren, der sich als nackt und bedürftig herausstellte – im zweiten Teil des Kapitels ab Vers 21 würde sich der Herr selbst offenbaren und den nackten und bedürftigen Zustand derer zudecken, die in Aufrichtigkeit zu Ihm kommen.

Offenbar hatten einige Juden den Schriftgelehrten und Pharisäern etwas von der Speisung der 5.000 erzählt (Kapitel 14,14–21). Möglicherweise hatten die Pharisäer dann nachgefragt, ob auch die Jünger etwas von den Broten gegessen hatten, was noch einmal darauf schließen lässt, dass die 12 Handkörbe voller Brotreste den Jüngern als Speise dienten. Besonders wichtig war den Führern der Juden jedoch die Frage, ob die Jünger die Brote mit gewaschenen Händen gegessen hatten.

Mit was für einer Kälte treten sie vor den Herrn der Herrlichkeit! Wieder fällt auf, dass auch hier – ähnlich wie in Kapitel 12,2 – nur die Jünger beschuldigt werden, nicht jedoch der Herr. Hatte Er vielleicht gar nichts gegessen nach dem langen Tag, als Er die 5.000 Männer und ihre Frauen und Kinder mit dieser Wunderspeisung versorgt hatte?

Den Schriftgelehrten und Pharisäern ist die Autorität der Überlieferung der Ältesten so wichtig, dass sie um dieser Sache willen eigens aus Jerusalem zu Jesus kommen, um Ihm Vorwürfe zu machen. Gleichen sie nicht dem ersten König in Israel, Saul? Dieser wollte sich nicht darüber freuen, dass David die Feinde des Volkes Israel besiegen konnte, die Philister. Er nahm selbst solche Siege zum Anlass, gegen David aufzustehen, um ihn zu töten (vgl. 1. Sam 23). So auch hier: Die Führer in Israel freuen sich nicht über die Speisung der 5.000 Menschen, die Heilungen in Genezareth, sondern versuchen erneut, Jesus zu Fall zu bringen. So wie Saul fühlten sich auch diese Menschen in ihrer Ehre und Autorität angegriffen, dass es jemand gab, den Gott in größerem Maß benutzte als sie. „Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Ältesten?“ ist nicht nur eine Frage, sondern ein konkreter Vorwurf. Sie wollten immer noch nicht wahrhaben, dass vor ihnen der Gesetzgeber selbst stand, der Gott des Volkes Israel, der die Autorität besaß, sein Gesetz zu verschärfen, den tieferen Sinn anzugeben und auch die Traditionen der Ältesten in Israel als reine Menschengebote zu entlarven (vgl. Mt 5).

Den Juden ging es nicht um das Waschen schmutziger Hände. Wichtig waren ihnen eher ihre Zeremonien, hier also ein zeremonielles Waschen und die damit verbundene Autorität, die sie mit diesen Dingen ausüben konnten. Ihre Ältesten hatten irgendwann einmal das Gesetz eingeführt, dass ein Jude vor jeder Nahrungsaufnahme seine Hände zu waschen hatte. Im Talmud kann man nachlesen, dass es sich sogar um zwei Vorgänge handelte, also um ein zweimaliges Begießen der Hände. Es war im Übrigen ein genauer Ablauf des Reinigens von den jüdischen Rabbinern festgelegt worden.

Zuerst mussten die Hände rein gewaschen werden. Dann mussten die Fingerspitzen der zehn Finger zusammengehalten und hochgehalten werden, so dass das Wasser an den Ellenbogen herablief. Dann waren die Hände nach unten zu halten, damit das Wasser auch wieder nach unten ablief. Danach wurde frisches Wasser ausgegossen, während man die Hände wieder hochhob, unten noch zweimal, wenn die Hände wieder nach unten gehalten wurden. Die Waschung selbst wurde vollzogen, indem die Faust der einen Hand in der hohlen anderen Hand gerieben wurde.

Nachdem die Hände gewaschen worden waren, mussten sie, bevor man aß, nach oben gehalten werden. Wenn sie nach dem Essen gewaschen wurden, mussten die Hände dann nach unten gehalten werden, und zwar so, dass das Wasser nicht auf die Beine lief. Das Gefäß musste erst in der rechten, dann in der linken Hand gehalten werden. Das Wasser wurde zuerst auf die rechte und dann auf die linke Hand ausgegossen. Bei jedem dritten Mal mussten die Worte wiederholt werden: „Gesegnet bist du, der du uns das Gebot des Händewaschens gegeben hast.“ Es wurde intensiv darüber gestritten, ob der Becher des Segens oder das Händewaschen zuerst kam; ob das Handtuch auf den Tisch oder auf die Couch gelegt werden sollte; und ob der Tisch vor dem endgültigen Waschen sauber gemacht werden sollte oder erst danach.

Das Einhalten dieser überlieferten Regeln vermissten die Schriftgelehrten bei den Jüngern des Herrn. Ihnen ging es dabei offensichtlich nicht um den fehlenden Vorgang des Waschens als solchen, sondern darum, dass sie Gründe suchten, um den Herrn zu verunglimpfen. Dafür hatten sie diesen langen Weg auf sich genommen und zeigten damit, dass nicht nur sie, sondern Jerusalem, für das sie stehen, und Israel, für das Jerusalem steht, in einem bösen Zustand lebte.

Man mag sich fragen, woher diese Traditionen der Juden überhaupt kamen. Reichten die zehn Gebote des Herrn und die weiteren Ausführungsbestimmungen, die man von 2. Mose bis 5. Mose findet, nicht aus? Es wird letztlich der menschlichen Natur entsprosst sein, die dahin neigt, gerne Gebote aufzustellen und zu befolgen – zur eigenen, innerlichen Befriedigung.

Exkurs: Die Idee der Überlieferungen bei den Juden

Die Juden vor und während der Zeit des Herrn – jedenfalls die orthodoxen Schriftgelehrten und Pharisäer – glaubten daran, dass es sowohl ein geschriebenes Gesetz als auch ein mündliches Gesetz gebe. Sie gründeten diese Überzeugung auf 2. Mose 34,27 („Und der Herr sprach zu Mose: Schreibe dir diese Worte auf; denn entsprechend diesen Worten habe ich mit dir und mit Israel einen Bund geschlossen.“), indem sie lehrten, dass Mose zwar einen großen Teil der Belehrungen in das (schriftliche) Gesetz aufgenommen habe, ihm aber auch ein mündliches Gesetz gegeben worden sei.1 Dieses sei von Generation zu Generation weitergegeben und durch die Ältesten bewahrt worden. Sie waren sogar so anmaßend, das mündliche Gesetz über das schriftliche zu heben.

Einer ihrer Ältesten hat in dem sogenannten Traktat „Berachoth“ niedergelegt: „Die Worte der Schriftgelehrten sind lieblich über die Worte des Gesetzes hinaus. Denn die Worte des Gesetzes sind leicht und gewichtig, die Worte der Schriftgelehrten aber gewichtig.“ Die geschichtlichen Umstände machten es nötig – so die Verteidiger dieser Traditionen –, das mündliche Gesetz aufzuschreiben (im Talmud). In diesem können wir teilweise absurde Umschreibungen und böse Hinzufügungen zum Gesetz erkennen, die von den Alten unter dem Vorwand gemacht wurden, sie kämen von Gott. Das erinnert uns an manche Texte, die heute von einigen dem Wort Gottes hinzugefügt werden (Mormon, Suren, Verlautbarungen des Heiligen Stuhls, usw.).

An dieser Stelle wollen wir ein kurzes Beispiel für unsinnige Hinzufügungen anschauen. In 2. Mose 34,26 lesen wir: „Du sollst ein Böckchen nicht kochen in der Milch seiner Mutter.“ Das mündliche Gesetz hat dies ausgedehnt und bestimmt, es sei eine Sünde, zur gleichen Zeit Fleisch zu essen und Milch zu trinken. Die Ältesten gingen dann sogar so weit zu erklären, dass wenn ein Topf Milch überkoche und von der Milch etwas auf ein Stück Fleisch tropfe, dieses Fleischstück unrein werde und wegzuwerfen sei. Butter, die aus Milch gemacht wird, durfte ebenfalls nicht zusammen mit Fleisch gegessen werden …

Dieses Beispiel und die Strategie der Ältesten zeigt unmittelbar, wie unannehmbar ihre Überlieferungen waren. Sie waren nicht nur eine Hinzufügung zum Gesetz Gottes, sie standen teilweise sogar in direktem Widerspruch zu Anordnungen, die Gott gegeben hatte. Zudem hatten sie einen ganz bedeutenden Makel: Sie kamen nicht von Gott, sondern von Menschen, die meinten, Gottes Wort ergänzen zu müssen. Damit wurde jedes dieser Gebote zu einem Zeichen des Ungehorsams, wie der Herr im weiteren Verlauf noch zeigen wird.

Der Herr weist die Überlieferungen zurück

Die Antwort des Herrn erscheint auf den ersten Blick äußerst scharf: „Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Und warum übertretet ihr das Gebot Gottes um eurer Überlieferung willen?“ (Vers 3) „Diese Worte sind das Todesurteil für menschliche Traditionen und Überlieferungen, die für verbindlich in göttlichen Dingen erhoben werden“, schreibt ein Ausleger. Traditionen sind wie ein Schleier, der den Menschen den wahren Sinn des Wortes Gottes verhüllt.

Das Halten von Traditionen führt dazu, dass man Gott in äußerlicher Weise dienen möchte. Das ist der Charakterzug jeder fleischlichen Religion, welchen Namen sie sich auch beilegen mag. Sie ersetzt die Forderungen Gottes durch Formen, die das Fleisch befriedigen und den eigenen Willen gewähren lassen. Das Ganze bezeichnet der religiöse Mensch in seiner Verblendung dann noch als Gottesdienst, obwohl Gott gar nicht nach seinen Gedanken gefragt wird.

Wir selbst wollen ebenfalls aufpassen. Denn auch wir können sogar gute Auslegungen zu falschen Traditionen machen. Aber wenn wir sie recht nutzen, führen sie uns zu der eigentlichen Quelle zurück, zum Wort Gottes.

Man könnte fragen, ob denn das Gebot des Händewaschens nicht sinnvoll ist. Natürlich ist es nicht verkehrt, sich vor dem Essen die Hände zu waschen. Aber davon stand kein einziges Wort im Alten Testament. Und um das eigentliche Gebot ging es den Juden auch gar nicht, sondern um das Einhalten von menschlichen Gesetzen, die ihre eigene Autorität festigten. Ihre Vorschriften standen jedoch teilweise direkt, immer jedoch indirekt im Widerspruch zum Gebot Gottes. Denn eingehalten werden mussten die Gebote, die Gott gegeben hatte. Und wenn Traditionen zu Geboten erhoben werden, die Menschen einhalten müssen, dann werden sie den göttlichen Geboten automatisch gleichgesetzt oder sogar über sie erhoben. Das taten die Pharisäer mit diesen menschlichen Hinzufügungen und setzten damit letztlich die Gedanken Gottes beiseite. Aus diesem Grund verurteilt der Herr hier diese Überlieferungen der Juden. Dabei tritt Er nicht in eine abstrakte Diskussion über Traditionen ein, sondern wendet sich direkt an das Gewissen seiner Zuhörer.

Wie gesagt gingen die Juden tatsächlich oft so weit, sich durch ihre Überlieferungen direkt gegen Gottes Gebote zu stellen. Es war ihnen beispielsweise „erlaubt“, unreines Fleisch und unreine Getränke zu sich zu nehmen – im Gesetz Gottes ausdrücklich verboten (vgl. 3. Mo 11) –, solange man die Überlieferungen der Ältesten hielt und sich die Hände zeremoniell vorher wusch. Und dann wurde noch hinzugefügt, mit welcher Hand man sich zuerst waschen musste, usw. …

Das Thema Überlieferungen und Traditionen ist auch in der heutigen Zeit sehr aktuell. Denn es ist menschlich, alles mit menschlichen Überlegungen festzulegen, wenn Gott keine einzelnen Anweisungen gegeben hat. An dieser Stelle möchte ich gerne zwei Gedanken weitergeben, die William Kelly in seinen Auslegungen zum Markus- und Matthäusevangelium formuliert hat:

„Ein wichtiger Grundsatz im Wort Gottes lautet: Gott ist unendlich weise und heilig; wo Er nicht irgendeine ausdrückliche Vorschrift niedergelegt hat, heißt es: Wehe dem, der die Freiheit einschränkt! Im Gegensatz dazu nutzt der Mensch solche Lücken und erlässt dort, wo Gott kein Gesetz niedergelegt hat, sein eigenes. Aber Gott hatte keine Vollmacht zur Gesetzgebung gegeben; und die Hälfte aller Streitfragen und Spaltungen, die in der Christenheit aufgetreten sind, entspringen eben hieraus. Der Mensch nimmt in seiner Hast, Schwierigkeiten zu lösen, Zuflucht zu solchen Maßnahmen und will seinen eigenen Willen durchsetzen, wo Gott, anstatt irgendetwas ausdrücklich zu regeln, die Dinge zur Herzensprüfung offen gelassen und deshalb absichtlich auf ein Gebot verzichtet hat.“

„Der Herr weist sofort auf die offensichtliche Tatsache hin, dass sich die Schriftgelehrten und Pharisäer in ihrem Eifer für die Traditionen der Ältesten geradewegs gegen das klare, positive Gebot Gottes stellten. Ich glaube, dass dies die unveränderliche Folge von Tradition ist, egal bei wem sie gefunden wird. Wenn man sich die Geschichte der Christenheit anschaut und irgendeine Regel nimmt, die irgendwann eingeführt worden ist, wird man feststellen, dass sie diejenigen, die ihr folgen, in einen Gegensatz zu den Gedanken Gottes führt.“

Der Christ und Überlieferungen2

Wenn wir über die Frage nachdenken, welche Bedeutung und etwaige Gültigkeit Überlieferungen für uns Christen heute haben, müssen wir zunächst feststellen, dass der Herr Jesus hier ein Beispiel nennt, das offensichtlich im Widerspruch zu den Geboten Gottes stand. Er führt es deshalb an, weil die Juden ihre Traditionen häufig neben oder sogar über das Wort Gottes stellten. Damit waren diese Überlieferungen verkehrt und ein Gräuel in den Augen Gottes.

Oft wird es bei Christen nicht so weit gehen, doch auch wir müssen uns fragen, ob wir uns nicht ebenfalls Traditionen unterordnen, denen derart großes Gewicht beigemessen wird, dass ihre Einhaltung wie die eines Gesetzes verlangt wird. Manchmal stehen solche Traditionen im Widerspruch zu Gottes Wort, selbst wenn sie nicht mit einer konkreten Bibelstelle kollidieren. Oft geht es – wie bei den beiden Punkten in Matthäus 15 – um Vorschriften, die das äußerliche Verhalten betreffen.

Mancher Leser kennt wahrscheinlich aus seiner eigenen Erfahrung Beispiele von Traditionen, die äußere Kennzeichen und Verhaltensweisen von Menschen, Männern und Frauen, Ehepaaren und Familien betreffen. Es besteht die Gefahr, dass man ihnen einen geistlichen Wert gibt und sie damit auf eine Stufe mit Wortes Gottes stellt. Wir erkennen im Licht von Matthäus 15, dass solche Traditionen inmitten der Versammlung Gottes keinen Platz haben. Natürlich räumt Gott der fleischlichen Freiheit keinen Platz ein, tun und lassen zu wollen, was man selbst will. Aber in diesen Versen zeigt der Herr sehr deutlich, dass Überlieferungen und Traditionen, wenn sie zum Maßstab des Handelns und Lebens erhoben werden, im Widerspruch zu Gottes Wort stehen.

Immer dann, wenn die Bibel sich gerade im Neuen Testament sehr konkret zu einzelnen Punkten äußert, wie zum Beispiel bei dem Bedecken der Frau, wenn sie „betet oder weissagt“ (1. Kor 11,5), dürfen wir das aber nie Tradition nennen. Genauso wahr ist, dass wir zu manchen Fragen des Lebens durch den Zusammenhang und „Geist der Schrift“ eine deutliche Antwort erhalten, auch wenn ein Punkt nicht wörtlich erwähnt wird. Auch in vielen anderen Fällen mag es gute Gründe für die eine oder andere Handlungsweise geben. Wir dürfen daraus aber keine Überlieferung machen, die den Gläubigen als Gesetz auferlegt wird.

Des Herrn Beurteilung von menschlichen Überlieferungen

Gott möchte durch sein Wort und seinen Geist auf das Gewissen des Menschen einwirken. Daraus folgt, dass alles, was die direkte Einwirkung der Schrift vonseiten Gottes unterbricht, Sünde ist. Der Mensch stellt sich damit nämlich auf den Platz Gottes. Auf diese Weise können wir sehr gut unterscheiden, ob etwas von Gott ist oder nicht. Natürlich hat Gott Hilfsmittel gegeben, damit wir sein Wort besser verstehen können – diese Abhandlung soll genau diesem Ziel dienen. Aber nichts darf das göttliche Wort schmälern. Dieses ist das Mittel, das Gott gewählt hat, um sich mit Sündern zu befassen und um seine Kinder aufzuerbauen.

Die Überlieferung dagegen ist weder ein Hilfsmittel zum Verständnis der göttlichen Gedanken, noch geht sie von Gott aus: Sie hat ihren Ursprung im Menschen. Wir finden auch im Neuen Testament und in der christlichen Zeit bereits während des Dienstes des Apostels Paulus den Versuch, sie einzuführen.

In der Versammlung von Korinth sehen wir dafür ein Beispiel. Vielleicht war es der erste Versuch des Feindes, menschliche Überlieferung einzuführen. Die Korinther hatten erlaubt, dass Frauen in den öffentlichen Versammlungen predigten. Der Apostel musste dies öffentlich tadeln. Er fragt sie: „Ist das Wort Gottes von euch ausgegangen?“ Das scheint darauf hinzuweisen, dass die Korinther die Beteiligung von Frauen zu einer Regel, zu einem „Wort Gottes“ gemacht hatten, obwohl es ihren eigenen Überlegungen entsprang. Natürlich mochte es für Menschen überzeugende Argumente geben: Die Menschen mochten überlegt haben: Wenn Frauen Gaben haben – warum sollen diese nicht genutzt werden? Wenn jedoch das Wort Gottes das Reden der Frauen ausdrücklich untersagt, konnte es diese Gabe überhaupt nicht geben. Es erlaubt, dass eine Frau weissagt (vgl. Apg. 21,9). Aber es untersagt einer Frau zu lehren oder zu herrschen (1. Tim 2,12).

So zerstören Überlieferungen grundsätzlich die Autorität des Wortes Gottes und stellen dieses beiseite und machen das Wort Gottes ungültig.

Das Beispiel des Herrn: Ehre Vater und Mutter

Der Herr Jesus führt dann ein konkretes Beispiel an, das deutlich macht, wie sehr sich die Juden von den Geboten Gottes entfernt hatten. Er braucht nicht auf ein fingiertes Beispiel zurückzugreifen, wie es die Sadduzäer einmal taten, sondern kann sich beim „Schatz“ der Überlieferungen der Juden bedienen. Er benutzt dazu das fünfte Gebot vom Sinai: „Ehre den Vater und die Mutter“ (2. Mo 20,12) und: „Wer Vater oder Mutter schmäht, soll des Todes sterben“ (2. Mo 21,17). Das waren klare Gebote Gottes, die Er seinem Volk gegeben hatte.

Was hatten die Ältesten jetzt aus dieser Ansage Gottes gemacht? Sie hatten den Kindern – es geht hier nicht um kleine Kinder, sondern um erwachsene Kinder – die Möglichkeit gegeben, die Versorgung der Eltern zu umgehen: „Ihr aber sagt: Wer irgend zum Vater oder zur Mutter spricht: Eine Opfergabe sei das, was irgend dir von mir zunutze kommen könnte – der wird keineswegs seinen Vater oder seine Mutter ehren.“

Oft hatten älter gewordene Eltern die Unterstützung ihrer Kinder nötig. Denn damals gab es kein soziales Netz, wie wir es kennen, mit Rente und Pension. Deshalb hatte Gott das fünfte Gebot gegeben. Kinder sollten nicht nur Nutznießer der früheren Erziehung und Zuwendung der Eltern sein. Sie sollten dann später auch Verantwortung spüren und übernehmen, wenn die Eltern älter wurden und nicht mehr gut für sich selbst sorgen konnten.

Scheinbar weise Rabbiner hatten nun den Kindern eine Möglichkeit eingeräumt, dieses Gebot Gottes zu umgehen. Zwar bestärkten sie in vielen anderen Stellen die Notwendigkeit, die Eltern zu ehren. Aber wenn man das für die Versorgung der Eltern nötige Geld für eine Opfergabe des Tempels hörbar/sichtbar weihen würde, könnte dieses Geld nicht mehr den Eltern gegeben werden, denn es war damit dem Herrn geheiligt.

Letztlich spielte es keine Rolle, ob das Geld wirklich, dem Versprechen bzw. Schwur gemäß als Opfergabe zum Haus Gottes kam. Allein dadurch, dass man dem Geld das Ziel „Opfergabe“ zuwies, konnte man dieses Geld den Eltern nicht mehr geben, was auch immer man dann konkret mit diesem Geldbetrag unternahm. Das sah nach außen hin sehr fromm aus. Jemand stellt Gott und dessen Haus an die erste Stelle. In Wirklichkeit aber war es purer Ungehorsam dem Wort Gottes gegenüber. Denn Gott hatte geboten, die Eltern zu ehren und sich um sie zu kümmern. Wenn ein Israelit das für die Versorgung der Eltern nötige Geld Gott weihte, verachtete er Gottes Gebot und verunehrte damit den Gesetzgeber: Gott. Außerdem vernachlässigte er damit seine Eltern auf gehässige Weise.

Wie konnte Gott eine solche Opfergabe annehmen! Solch eine Anbetung ist wertlos für Gott. Man stand zwar vor den Augen vieler Menschen groß da; in den Augen Gottes aber war man ein Gesetzesübertreter. Das führt Jakobus in seinem Brief ebenfalls aus. „Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst ist dieser: Waisen und Witwen in ihrer Drangsal zu besuchen, sich selbst von der Welt unbefleckt zu erhalten“ (Jak 1,27). Wer meint, Gott dienen zu können, ohne seiner Verantwortung im irdischen Bereich nachzukommen, irrt und tritt Gottes Gebote mit Füßen.

Das offenbart Jesus in seiner Ergänzung: „Und so habt ihr das Gebot Gottes ungültig gemacht um eurer Überlieferung willen. Ihr Heuchler!“ Die Überlieferung, die so hoch gehalten wurde, erwies sich als ungöttlich und als direkter Widerspruch zu den Geboten Gottes. Diese Menschen hielten ihr eigenes Versprechen für wichtiger als das Befolgen des Wortes Gottes. Daher waren die Schriftgelehrten und Pharisäer in Wahrheit keine frommen Menschen, sondern Heuchler, die sich und ihre eigenen Gebote wichtiger nahmen als Gott. Sie gaben vor, die Seite Gottes zu vertreten, in Wirklichkeit jedoch lebten sie nur ihre eigenen Traditionen aus. Das war nichts anderes als Heuchelei. Wenn man nicht davor zurückschreckt, Gott um seine Rechte zu bringen, so wird man sich auch nicht scheuen, den Eltern ihr Recht zu verweigern.

Nebenbei bemerkt dürfen wir als Christen nicht vergessen, dass wir zwar nicht unter Gesetz stehen und somit das „Ehren der Eltern“ für uns nicht den Charakter eines „Gesetzes“ hat. Und doch führt Paulus gerade dieses „erste Gebot mit Verheißung“ an, um Kindern zu verdeutlichen, dass sie ihren Eltern gehorsam sein müssen. „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ hat in diesem Sinn bis heute eine moralische Kraft für Menschen, die Gott ehren wollen (vgl. Eph 6,1–3). Auch in seinem Brief an Timotheus unterstreicht Paulus, was für eine Bedeutung das Verhalten von (erwachsenen) Kindern zu ihren Eltern hat. Sie sollen für ihre Eltern sorgen, wenn dies nötig wird (vgl. 1. Tim 5,4.8). Wer das nicht tut, „ist schlechter als ein Ungläubiger“. Insofern tut ein Christ viel mehr als jemand, der das Gesetz versucht zu halten. Aber er tut es nicht als jemand, der ein Gesetz erfüllt, sondern als jemand, der das neue Leben wirken lässt.

Exkurs: Weihe und Gelübde in Israel

Mit ihren Vorschriften pervertierten die Führer in Israel das, was Gott in seiner Weisheit als eine Möglichkeit freiwilliger Gelübde in Israel gegeben hatte. Wir lesen davon in 3. Mose 27, in 4. Mose 6 und an anderer Stellen. In 2. Könige 12,5.6 finden wir ein Beispiel für solche freiwillige Gaben für Jahwe. Dazu gehört auch das Hebopfer. Es handelte sich um ein Opfer, das man vom Boden in Richtung Himmel hob und damit Gott weihte, Ihm anbot.

Das erste Hebopfer finden wir in 2. Mose 25,2 in Verbindung mit dem Bau der Stiftshütte, des Zeltes der Zusammenkunft während der Wüstenreise. Hier weihte das Volk Gott Gold, Silber, Kupfer usw. Später wurden Schlacht- und Speisopfer als Hebopfer gebracht.

Aus 3. Mose 27 lernen wir, dass man sich selbst bzw. jemand aus der Familie weihen konnte (Verse 1 – 8), ein Opfertier (Verse 9.10), ein unreines Tier (Verse 11 – 13), ein Haus (Verse 14.15) sowie ein Feld bzw. Ernten (Verse 16 ff.). In diesem Zusammenhang ist auch von „verbannen“ die Rede (vgl. 3. Mo 27,28.29). Im Auftrag des Herrn verbanntes Gut gehört Ihm – war Ihm geweiht, für Ihn reserviert. Verbannte Menschen dagegen mussten getötet werden. Schließlich finden wir das Nasir-Gelübde in 4. Mose 6, bei dem sich ein Israelit Gott auf eine bestimmte Weise weihen und absondern konnte.

Wie kann man sich das alles konkret vorstellen? Beim Hebopfer finden wir, dass Gott und dem Heiligtum wertvolle Materialien geschenkt wurden. Bei Menschen war es so, dass sie sich in besonderer Weise Gott im Dienst zur Verfügung stellten. Vielleicht kann man sich das so vorstellen, dass sie wie die Gibeoniter (Jos 9) besondere Aufgaben im Heiligtum übernahmen. Samuel könnte dafür ein Beispiel sein. Zwar war er von Haus aus Levit; aber nach 1. Samuel 1,28 weihten seine Eltern ihn Gott für einen Dienst in Verbindung mit dem Heiligtum.

Man konnte auch sein Haus dem Herrn zur Verfügung stellen. Vielleicht darf man die Wohnstätte für den Propheten Elisa im Hause der Sunamitin als ein Beispiel verstehen (vgl. 2. Kön 4,8 ff.). Auch Ernten wurden Gott geweiht und kamen so den Priestern und Leviten zugute. Geldgaben wiederum konnten nach 2. Könige 12 für das Ausbessern des Tempels benutzt werden.

Nie aber war es Gottes Gedanke, dass etwas, das Ihm zur Verfügung gestellt wurde, einem anderen Gebot (wie dem, die Eltern zu ehren) im Wege stand. Während das Ehren der Eltern ein verpflichtendes Gebot war, konnte ein Israelit freiwillig von dem Übrigbleibenden Gott ein Hebopfer oder ein Gelübde bezahlen.

Das Urteil Gottes über die Pharisäer

Im siebten Vers macht der Herr deutlich, welche Eigenschaft die Pharisäer und Schriftgelehrten mitsamt ihrem Bestehen auf menschliche Traditionen prägte: „ Ihr Heuchler! Treffend hat Jesaja über euch geweissagt, indem er spricht: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist weit entfernt von mir. Vergeblich aber verehren sie mich, indem sie als Lehren Menschengebote lehren.“ Sie waren Heuchler, die vorgaben, Gott zu dienen, in Wirklichkeit aber sich selbst dienten. Ihr Mund war wohl in der Lage, Gott (scheinbar) zu ehren. In ihrem Herzen jedoch waren sie weit entfernt von Gott. Deshalb war es ein vergeblicher Gottesdienst, der in den Augen Gottes keinen Wert besaß. Denn sie wollten nicht die Gebote Gottes verwirklichen, sondern ihre eigenen Überlegungen unter das Volk bringen.

Wie muss die selbstüberzeugten Führer des Volkes dieses vernichtende Urteil verärgert haben. Sie waren nicht bereit, umzukehren und Buße zu tun. Sie fühlten sich nur angestachelt in ihrem Zorn gegen den wahren Messias. Dabei übersahen sie, dass ihre Haltung letztlich sogar ein Gericht Gottes war. Wenn man das Zitat in Jesaja 29 im Zusammenhang liest, wird man erkennen, dass Gott das Volk aufgrund seiner Herzenshärte und seiner dauerhaft unbeugsamen Haltung des Ungehorsams zu geistlicher Blindheit verurteilt, die mit der Verhärtung des Herzens (vgl. die Verhärtung des Pharao) einhergeht. Leider gibt es auch heute dieselben Merkmale einer pharisäischen Haltung. Hüten wir uns, dass wir selbst keinen solchen Weg gehen. Sonst fallen wir unter dasselbe Urteil.

Verse 10–20: Der Messias zeigt die wahre Ursache für das Böse in Israel auf: ihr Herz

„Und er rief die Volksmenge herzu und sprach zu ihnen: Hört und versteht! Nicht was in den Mund eingeht, verunreinigt den Menschen, sondern was aus dem Mund ausgeht, das verunreinigt den Menschen. Dann traten seine Jünger herzu und sprachen zu ihm: Weißt du, dass die Pharisäer Anstoß genommen haben, als sie das Wort hörten? Er aber antwortete und sprach: Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerissen werden. Lasst sie; sie sind blinde Leiter der Blinden. Wenn aber ein Blinder einen Blinden leitet, so werden beide in eine Grube fallen. Petrus aber antwortete und sprach zu ihm: Deute uns dieses Gleichnis. Er aber sprach: Seid auch ihr noch unverständig? Begreift ihr nicht, dass alles, was in den Mund eingeht, in den Bauch geht und in den Abort ausgeschieden wird? Was aber aus dem Mund ausgeht, kommt aus dem Herzen hervor, und das verunreinigt den Menschen. Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen; diese Dinge sind es, die den Menschen verunreinigen, aber mit ungewaschenen Händen essen verunreinigt den Menschen nicht“ (Verse 10–20).

Jesus zeigt einen heiligen Zorn über diese äußerliche Heuchelei der Pharisäer. Dies veranlasst Ihn, die Volksmenge herzuzurufen, um ihnen eine wichtige Belehrung über die Verunreinigung und das Böse des Menschen zu geben. Der Herr belehrt nicht die Pharisäer und Schriftgelehrten. Diese bösen Menschen wollten vielleicht mit dem Herrn diskutieren. Aber in ihren Gewissen annehmen wollten sie die Botschaft Gottes nicht. Hier war es leider zwecklos, weiter zu sprechen.

Die Volksmenge jedoch war sozusagen Befehlsempfänger der bösen Führer des Volkes. Und die Menschen stellten sich unter die Gebote der Pharisäer, weil für sie sonst die Gefahr bestand, von diesen ausgestoßen zu werden, wie man der Begebenheit in Johannes 9 (V. 22) entnehmen kann (vgl. auch Joh 12,42). Daher wendet sich Jesus an das Volk, um ihnen die Verkehrtheit der Traditionen der Juden aufzuzeigen. Nicht Speisen oder schmutzige Finger verunreinigen den Menschen, was seine moralische Stellung vor Gott betrifft. Aber das, was aus seinem Mund hervorgeht und seinen Keim im Inneren des Menschen hat, dies ist es, was dazu führt, dass ein Mensch unrein vor Gott dasteht.

Auf diese Belehrung hin bekommt der Herr keine Antwort, jedenfalls keine direkte. Aber die Jünger fühlen sich offenbar sehr unwohl in ihrer Haut. Ob sie ein wenig mit den Gedanken der Pharisäer sympathisierten? Sie merken jedenfalls, dass die Pharisäer von den Worten des Meisters nicht begeistert waren. Hatten die Jünger denn anderes erwartet, als sie den Herrn hörten? Offenbar hatten sie von ihrem Meister noch nicht ausreichend gelernt, was für Gedanken Gott über diese heuchlerischen Menschen hatte.

Wenn die Pharisäer Anstoß an den Worten des Herrn nahmen, so offenbarten sie damit nur ihre innere Haltung und zeigten, wo ihr Leben enden würde. Denn wenn sie sich an Christus stießen, würden sie verloren gehen. Anstoß nehmen heißt nämlich, zu Fall kommen und liegen bleiben. Von den meisten der Pharisäer müssen wir angesichts ihres offensichtlichen Widerstands gegen Christus leider annehmen, dass sie den Himmel verfehlt haben.

Der Herr Jesus zeigt in seiner Antwort an die Jünger den wahren Charakter dieser Menschen. Dabei müssen wir bedenken, dass sich diese Charakterisierung nicht zufällig genau im 15. Kapitel unseres Evangeliums findet, nämlich weil der Herr hier eine Kennzeichnung des Zustandes des ganzen Volkes vornimmt. Dieses stand im Begriff, den eigenen Messias nicht nur zu verwerfen, sondern auch zu ermorden. Sie waren Heuchler, weil sie vorgaben, Gott zu ehren, den Christus Gottes jedoch ans Kreuz brachten. Nur wenige Kapitel später lesen wir, dass sie genau das getan haben.

Der geistliche Zustand der Führer und des Volkes

Hier nun lernen wir, dass die Führer in Israel kein neues Leben hatten und geistlich blind waren: „Jede Pflanze, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, wird ausgerissen werden. Lasst sie; sie sind blinde Leiter der Blinden. Wenn aber ein Blinder einen Blinden leitet, so werden beide in eine Grube fallen.“

Was für ein Urteil des Herrn: Die Pharisäer glichen Pflanzen, die der himmlische Vater nicht gepflanzt hat. Sie hatten im Gegensatz zu Christus keinen himmlischen Vater. Sie konnten nicht sagen: „mein himmlischer Vater“. Aber nicht nur das, sie hatten überhaupt keine Beziehung zu Gott. Denn Er hatte sie nicht gepflanzt, Er kannte sie nicht (vgl. auch Mt 7,23), Er konnte sie nicht annehmen. Daher würde Er sie aus seinem Königreich ausreißen, wie Pflanzen aus dem Boden gerissen werden. Das Ende dieser Menschen musste daher furchtbar sein. Der Herr deutet damit an, dass sie kein neues Leben hatten, keine neue Geburt erlebt hatten (vgl. Joh 3,5–7). Somit besaßen sie auch keinen Platz im Königreich Gottes.

Aber nicht nur das. Sie waren auch geistlich blind. Sie besaßen keine geistliche Einsicht in die Gedanken Gottes. Sie waren unwissend, auch wenn sie sich dem Volk gegenüber als Führer und Wissende ausgaben. Aber wenn ein Blinder andere Blinde leitet, kann dies nicht gut gehen. Beide fallen in eine Grube. Das Ziel, was sie erreichen wollen, können sie nicht finden. Es reicht eben nicht aus, zu meinen, man sei wissend, und sich als wissend zu bezeichnen. Wenn nicht wahre Kenntnis Gottes und Beugung vor Gott vorhanden ist, bleibt man blind und kurzsichtig (vgl. 2. Pet 1,9).

Natürlich waren nicht allein die Pharisäer blind. Auch das Volk der Juden war blind. Aber die Verantwortung der Pharisäer, die vorgaben, sehend zu sein und andere führen zu können, war ungleich höher. Allerdings erkannten sie nicht, dass sie selbst vollkommen blind waren, die Gedanken Gottes erkennen zu können (vgl. Joh 9,39–41).

Noch ein weiteres Wort des Herrn Jesus ist auffallend: „Lasst sie“ – diese Pharisäer. Es ist ein Wort furchtbaren Gerichts. Denn es bedeutet auch: Es hat keinen Zweck mehr, sich mit ihnen zu beschäftigen (Hos 4,17). „Lasst sie. Sie wollen ihren eigenen Weg ohne Gott gehen. Auf diesem Weg können wir ihnen nicht folgen, wir können ihnen aber auch nicht mehr helfen, da sie sich nicht helfen lassen wollen.“

Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen (Heb 10,31). Es ist aber auch furchtbar, wenn sich Gott von einem Menschen abwendet, weil dieser auf eine mehrfache Ansprache nicht hören will und sein Herz verhärtet. Den Pharisäern war nicht mehr zu helfen. Wehe dem, dem heute nicht mehr zu helfen ist, weil sich Gott von ihm nach einer wiederholten vergeblichen Ansprache an das Gewissen abwendet.

Das erneute Unverständnis der Jünger

Der Vergleich mit Markus 7 macht klar, dass das Unverständnis der Jünger nicht (allein) mit den Worten des Herrn über die blinden Leiter zu tun hatte. Ihre Frage bezogen sie auf das, was wir in Vers 11 lesen, nämlich die Verunreinigung, die nicht von außen, sondern von innen heraus geschieht. Wir können den Herrn in seiner Langmut nur bewundern, dass Er auf die Bitte des Petrus und der anderen Jüngern eingeht und in Geduld die eigentlich klaren Worte weiter erklärt. Der Herr tut das jedoch nicht, ohne die Jünger zu tadeln: „Seid auch ihr noch unverständig?“ Er fragt sie gewissermaßen: „Steht Ihr äußerlich auf derselben Stufe wie die Pharisäer, die nicht verstehen können, weil sie nicht zu meinem himmlischen Vater gehören? Aber Ihr seid doch meine Jünger, die ich immer wieder über diese Dinge belehrt habe. Begreift Ihr nicht, was ich Euch und den Volksmengen sage?“

Offenbar hatten sich die Jünger vom äußeren würdevollen Eindruck der Pharisäer beeinflussen lassen, so dass sie nicht in der Lage waren, eine nüchterne Beurteilung ihrer Lehren anhand des Alten Testaments vorzunehmen. Hatte das alles auf sie abgefärbt, dass auch sie sich diesen Menschengeboten angeschlossen hatten? Wer gibt von sich selbst zu, dass er gesetzlich ist („ich bin doch entschieden dagegen“)? Dass er äußere Formen über das innere Wesen stellt („das Äußere ist doch deshalb enorm wichtig, weil es den inneren Zustand offenbart“). Oder wer gibt zu, dass er weltlich ist („sind wir nicht zur Freiheit berufen worden?“)?

Die Jünger erkannten damals noch nicht – sicher auch aufgrund der Tatsache, dass der Geist Gottes noch nicht in den Gläubigen wohnte –, dass das Alte Testament sozusagen ein Bilderbuch der Wirklichkeit ist, die der Herr in diesem Moment einführte. Wir haben keinen Anlass, die Jünger geringschätzig zu beurteilen. Denn auch uns geht es oft so, dass wir die einfachen Belehrungen der Schrift kaum oder gar nicht begreifen. Und wie oft bleiben wir bei äußerlichen Punkten stehen, statt uns die innere Wirklichkeit einer Belehrung zu eigen zu machen. Spätestens, wenn es darum geht, sie in den Lebensalltag zu übertragen, versagen wir oft. Wie dankbar dürfen wir da sein, dass unser treuer Herr auch uns gegenüber so langmütig ist.

Das Herz als Ursprung des Bösen

„Begreift ihr nicht, dass alles, was in den Mund eingeht, in den Bauch geht und in den Abort ausgeschieden wird? Was aber aus dem Mund ausgeht, kommt aus dem Herzen hervor, und das verunreinigt den Menschen.“ Nicht das, was man isst, macht einen Menschen unrein vor Gott. Natürlich gab es im Judentum Speisen, die einen Menschen gemäß dem Gesetz verunreinigten. Auch durch ein bestimmtes Verhalten oder durch Berühren von Dingen wurde man verunreinigt. Doch diese Verunreinigungen wollte der Herr nun geistlich verstanden wissen. Selbst wir Christen können uns durch äußeres Verhalten innerlich verunreinigen (vgl. 2. Joh 11; 1. Kor 10,18–21). Aber auch dann ist die Verunreinigung letztendlich die Folge eines innerlichen Ungehorsams. Denn die äußerlich sichtbare Tat ist die Folge dessen, was wir innerlich denken, wie wir innerlich zum Wort des Herrn stehen.

Der Urheber jeder Tat ist das Herz. Und dieses war bei den Pharisäern gottlos. Der Herr zeigt in den Versen 19 und 20, was im Herzen vorhanden sein kann. Er bestätigt damit seine früheren Worte: „Ihr Otternbrut! Wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid? Denn aus der Fülle des Herzens redet der Mund“ (Mt 12,34).

Dass das Herz von Natur aus böse ist, konnten die Zuhörer schon im Alten Testament nachlesen. Und doch wird bis heute von vielen geleugnet, dass der Mensch von Natur aus böse ist: „Arglistig ist das Herz, mehr als alles, und verdorben ist es; wer mag es kennen? Ich, der Herr, erforsche das Herz und prüfe die Nieren, und zwar um einem jeden zu geben nach seinen Wegen, nach der Frucht seiner Handlungen“ (Jer 17,9.10). Hier wird das Problem des Herzens beschrieben, von dem nach Sprüche 4,23 die Ausgänge des Lebens sind. Zugleich wird das Herz hier mit den Handlungen verbunden, die den wirklichen Herzenszustand widerspiegeln.

Wenn das Herz böse ist, kommen auch nur böse Taten hervor. Wenn das Herz durch Gott verwandelt wurde, werden das auch die Handlungen widerspiegeln. Oft sind es die Worte, die den wahren Zustand des Herzens offenbaren. Daher spricht der Herr in Vers 18 vom Mund – und wir wissen aus unserem eigenen Leben, dass unser Mund viel von dem zeigt, was in unserem Inneren los ist. Zwar kann man manches schauspielern, aber auf Dauer ist das nicht möglich. In Jakobus 3 lernen wir, was alles durch den Mund ausgedrückt werden und passieren kann.

Wenn man den Zustand des Herzens erkennt, hört man auf zu meinen, durch menschliche Anstrengungen könne man den Menschen verbessern. Etwas, was böse ist, kann nicht durch fleischliche Versuche besser werden. Es muss in und vor den Augen Gottes beseitigt und gerichtet werden. Man kann das Fleisch nicht verbessern – es ist vollständig wertlos vor Gott.

In Vers 19 nennt der Herr sieben Beispiele, die das Böse des Herzens offenbaren. Hier gab es nichts zu beschönigen: „Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen; diese Dinge sind es, die den Menschen verunreinigen.“ Diese sieben Punkte sind nur exemplarisch vom Herrn ausgewählt worden. Sie fassen in präziser Weise den Zustand des Volkes zusammen.

Die Offenbarung eines bösen Herzens

  1. Böse Gedanken: Das Herz, das unabhängig von Gott arbeitet, bringt Gedanken hervor, die das Böse suchen. Sie wollen das Schlechte für den anderen, ihm Böses tun. Die Gedanken sind nur der Spiegel des Herzens! Und sie sind der Ausgangspunkt der anderen bösen Handlungen der Pharisäer und Schriftgelehrten.
  2. Mord: Der Mord ist natürlich eine äußerliche Handlung. Aber sie entspringt dem Herzen eines Menschen, das den anderen Menschen nicht ertragen kann, weil er vielleicht Fähigkeiten besitzt, die ich nicht habe. Oder, weil er mir etwas getan hat, was ich nicht weiter ertragen will. Einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, ist ein furchtbarer Gedanke, der im Herzen entwickelt wird. Kain ist dafür ein Beispiel.
  3. Ehebruch: Der Herr hat dem Menschen die Ehe geschenkt. Aus 1. Mose 2,24 und Stellen wie Maleachi 2,16 lernen wir, dass Gott die Trennung von Ehepaaren verabscheut. Ich habe meinem Ehepartner versprochen, ihn bis an mein Lebensende zu lieben. Verkehre ich dann aber in intimer Weise mit einer anderen Person, mit der ich nicht verheiratet bin, ist dies Ehebruch! Gott verabscheut Ehebruch.
  4. Hurerei: Man könnte auch sagen: Unzucht. Hier wird diese Handlung unterschieden von Ehebruch. Dieser ist sozusagen ein Spezialfall von Hurerei. Es geht um jeden außerehelichen, intimen Verkehr von Mann und Frau, um jede gleichgeschlechtliche Partnerschaft oder auch um den Gräuel, dass Menschen mit Tieren verkehren oder Kinder sexuell missbrauchen. Gott hat nur die Ehe als Ort des intimen Zusammenseins von Mann und Frau geschenkt. Wer eine Frau außerhalb der Ehe begehrt, zeigt, dass sein Herz weit von Gott entfernt ist.
  5. Diebereien: Wer Dinge haben möchte, die ihm nicht gehören und auch nicht zustehen, zeigt, was für ein böses Herz in ihm steckt.
  6. Falsche Zeugnisse: Wie leicht sind wir unehrlich, wenn wir um ein Zeugnis gebeten werden. Wie oft lügen wir, um besser dazustehen, als es wahr ist. Ein Mensch, der als falscher Zeuge auftritt, offenbart sein böses Herz, das die Wahrheit nicht zu suchen scheint.
  7. Lästerungen: Das ist vielleicht das Schlimmste. Wer Gott lästert oder Autoritäten lästert, die Gott eingesetzt hat, macht sich im Blick auf Gott schuldig. Er ist nicht bereit, sich Gott und den von Ihm gegebenen Regierungen unterzuordnen. Er lässt sich durch Satan inspirieren, den großen Lästerer. Es geht um böses und unzutreffendes Reden über andere. Ein Herz, das sich so über Gott erhebt, kann nur böse in sich selbst sein.

Der Vergleich mit Markus 7,21–23 zeigt, dass diese sieben Punkte nur Beispiele sind. Es scheint, dass es sich um Beispiele handelt, die den Charakter des Judentums in besonderer Weise beschreiben. Sie hatten böse Gedanken über Gott und seinen Messias. Sie standen kurz davor, ihren eigenen Messias zu ermorden. Sie wollten das schon viel früher, als es ihnen dann gewissermaßen gelang. Sie betrieben Ehebruch, indem sie ihre eigentliche Beziehung zu dem Herrn leugneten. Aber nicht nur das, sie ließen sich mit jedem Götzen ein, der sich ihnen anbot. Raubten sie Gott nicht die Ehre und sogar die Opfer, die Ihm zustanden, wie Maleachi verschiedentlich zeigt? Verbanden sie sich nicht mit den heidnischen Befehlshabern und Soldaten, um Christus zu beseitigen? Als sie Christus ans Kreuz bringen wollten, waren sie sich nicht zu schade, falsche Zeugnisse auszusprechen. Und als Er am Kreuz hing, wagten sie es sogar, Ihn zu verlästern. Das war der wahre Zustand der Elite des Volkes Israel, der ein Spiegelbild des Zustands des ganzen Volkes war. Sie ehrten Gott mit den Lippen, aber ihr Herz war weit entfernt davon, sich Gott unterzuordnen.

Weil das so war, gab es für den Herrn nur eine Konsequenz: Er musste sich von diesem Volk abwenden. Das finden wir in Vers 21 dokumentiert.

Verse 21–28: Die Gnade wendet sich den verworfenen Heiden zu

„Und Jesus ging aus von dort und zog sich zurück in das Gebiet von Tyrus und Sidon; und siehe, eine kananäische Frau, die aus jenem Gebiet hergekommen war, schrie und sprach: Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter ist schlimm besessen. Er aber antwortete ihr nicht ein Wort. Und seine Jünger traten herzu und baten ihn und sprachen: Entlass sie, denn sie schreit hinter uns her. Er aber antwortete und sprach: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. Sie aber kam und warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Er aber antwortete und sprach: Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen. Sie aber sprach: Ja, Herr; und doch fressen die Hunde von den Brotkrumen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: O Frau, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du willst. Und ihre Tochter war geheilt von jener Stunde an“ (Verse 21–28).

Nachdem der Herr Jesus den bösen Zustand der Führer der Juden und damit auch des Volkes offenbart hat, wendet Er sich erneut (vgl. Kapitel 13,1) von seinem Volk weg und öffnet den Weg für die Nationen. Er geht in das Gebiet von Tyrus und Sidon. Dieser Ortswechsel ist bedeutsam, denn Tyrus und Sidon sind, was die biblische Geschichte betrifft, keine unbekannten Orte. Tyrus und Sidon liegen im heutigen Libanon, also im Norden von Israel.

In seiner Scheltpredigt hatte der Herr in Matthäus 11 beide Städte zusammen erwähnt: „Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunderwerke geschehen wären, die unter euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan. Doch ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als euch“ (Mt 11,21.22). Damit werden die Sünden von Tyrus und Sidon auf eine Stufe mit denen von Chorazin und Bethsaida gestellt, nur dass der Herr nicht selbst dort gewirkt hatte. Es war also keine unbelastete Gegend, in die der Herr ging.

Und wenn man die Prophetie im Alten Testament anschaut, war gerade Tyrus der Inbegriff von Hochmut, Unzucht und Götzendienst, auch von Reichtum und Handel (vgl. Hes 28 – die Weissagung über Tyrus und Satan; Jes 23; Hes 26). Tyrus und Sidon gehörten zu Kanaan (1. Mo 10,15 ff.) und sind damit schon in den Fluch Noahs eingeschlossen: „Verflucht sei Kanaan! Ein Knecht der Knechte sei er seinen Brüdern!“ (1. Mo 9,25).

Aus Steinen werden Kinder geboren

Nach Josua 19,29 ging das Erbteil von Aser bis nach Tyrus. Eigentlich war es die Aufgabe des Volkes Israel gewesen, auch in diesen Regionen die Kanaaniter auszutreiben: „Denn mein Engel wird vor dir hergehen und wird dich bringen zu den Amoritern und Hethitern und den Perisitern und den Kanaanitern, den Hewitern und den Jebusitern; und ich werde sie vertilgen“ (2. Mo 23,23; vgl. auch 5. Mo 7,1). Aber das Volk hat sich als untreu erwiesen und diesen Auftrag nicht vollständig ausgeführt. Das wird sich einmal ändern, wenn der Messias wieder zu seinem Volk zurückkehren wird. Aber wenn Er als Sohn Davids regieren wird, werden die Kanaaniter keinen Platz in Israel haben (vgl. Joel 4,17; Sach 14,21).

Der Herr hat eine Botschaft für Menschen, die eigentlich gar keinen Platz in seinem Reich hatten. Auch wenn der Herr im 1.000-jährigen Reich die Nationen segnen wird, heißt es doch von den Kanaanitern: „Und es wird an jenem Tag kein Kanaaniter mehr im Haus des Herrn der Heerscharen sein“ (Sach 14,21). Aber die Gnade ist stärker als der Fluch und überwindet ihn. Das sehen wir an der Frau, die aus dieser Gegend zu dem Herrn Jesus kommt. Gerade ihretwegen war Er gekommen, weil Er ihren Glauben sah und herausfordern wollte.

In Matthäus 3,8.9 hatten wir schon gesehen, dass Johannes der Täufer die Juden warnte: „Bringt nun der Buße würdige Frucht, und denkt nicht, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater; denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag.“ Der Augenblick dafür war jetzt erneut gekommen. Die Juden waren zu stolz, sich innerlich unter das Gebot Gottes und den Messias zu beugen. Daher wendet sich der Herr „den Steinen“ zu. Und aus ihnen kämen Kinder für Gott hervor, die Ihm dienen würden.

Eine kananäische Frau kommt zu Jesus und schreit zu Ihm: „Erbarme dich meiner, Herr, Sohn Davids! Meine Tochter ist schlimm besessen.“ Was für einen Glauben gab es in dieser Frau, dass sie als Fremde zu dem Messias Israels kommt! Sie weiß, dass nur Er helfen kann; deshalb scheut sie sich nicht, Ihn aufzusuchen, ja Ihn um Hilfe für ihre Tochter anzuschreien. Denn diese ist schlimm dran, sie ist von einem Dämon besessen. So war der Zustand der Heiden: Satan war ihr Fürst. So ist auch unser Zustand gewesen, wie wir Epheser 2 entnehmen können.

Die eigene Stellung und der eigene Zustand müssen erkannt werden

Man mag ein wenig über die Reaktion Jesu erstaunt sein: „Er aber antwortete ihr nicht ein Wort.“ War denn kein Glaube bei dieser Frau vorhanden? Gab es in ihrem Leben etwas, was nicht in Ordnung war und den Herrn dazu brachte, ihr nicht zu antworten? Nein, der Grund für das Schweigen des Herrn lag an etwas anderem. Diese Frau gehörte nicht zum Volk Israel. So hatte sie auch keine Ansprüche auf den Segen Israels. Wie kam sie dazu, Jesus „Sohn Davids“ zu nennen? Sie gehörte nicht zu den Kindern Davids, zu dem Volk Davids. So war Christus auch nicht „ihr“ Messias.

Es könnte sein, dass sie hoffte, Ihn durch diese Anrede günstig zu stimmen.3 Wenn ich diesen Herrn als König und Herrn anspreche, mag er mir vielleicht wohlgesonnener sein und den notwendigen Hilfsdienst ausführen, mögen ihre Gedanken gewesen sein. Aber sie hatte nicht verstanden, dass der Sohn Davids (zunächst) zu seinem eigenen Volk gekommen war, zu dem sie aber gar nicht gehörte. Und somit war hier eine Spur von Unaufrichtigkeit vorhanden, die der Herr bloßlegen muss.

Die Frau stellte sich somit auf einen Boden, der nicht der ihre war. Sie musste lernen, dass sie überhaupt keinen Anspruch auf eine Heilung durch den Herrn besaß. Denn welche Verheißungen hatte Gott für die Kanaaniter gemacht? Welcherart auch die Ratschlüsse Gottes sein mochten, die in Verbindung mit der Verwerfung des Herrn offenbart wurden (vgl. Jes 49,4–6), blieb Christus doch der Diener der Beschneidung, um den Auftrag Gottes an das Volk Israel zu erfüllen. Denn Gott wollte die Verheißungen an die Erzväter erfüllen. Diesen Auftrag gab unser Herr bis zum Ende dieses Evangeliums nicht auf.

Dennoch war bei dieser Frau Glaube vorhanden; sonst würden wir unseren Herrn nicht in dieser Weise reagieren sehen. Der Mut dieser Frau, so zu dem Herrn zu kommen, zeigte Ihm nämlich, dass sie die Lektion lernen würde, die Er ihr erteilen wollte, und Er sie damit nicht überforderte. Daher handelt Christus so hart, wie wir sicher empfinden, und setzt diese Prüfung sogar noch weiter fort.

Die Jünger – die Frau

Die Jünger des Herrn hatten das jedoch nicht erkannt. Sie sahen nur, dass dort eine Person auftrat, die dem Herrn scheinbar zur Last fiel, denn Er antwortete ja nicht. Daher wollten sie kurzen Prozess machen: „Entlass sie, denn sie schreit hinter uns her.“ Noch immer kannten sie das Herz ihres Meisters nicht, der nicht etwa deshalb schwieg, weil Er mit dieser Frau nichts zu tun haben wollte, sondern weil Er sie über ihre eigene Stellung und Rechtelosigkeit belehren wollte. Das müssen übrigens auch wir lernen: „Deshalb erinnert euch daran, dass ihr, einst die Nationen im Fleisch, die Vorhaut genannt werden von der sogenannten Beschneidung, die im Fleisch mit Händen geschieht, dass ihr zu jener Zeit ohne Christus wart, entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung, keine Hoffnung habend, und ohne Gott in der Welt“ (Eph 2,11.12).

Diese Frau lernte schneller als die Jünger, so wie auch wir oftmals erleben, dass Menschen, die neu zum Glauben geführt werden, schneller in der Schule Gottes lernen als wir, die wir vielleicht Kinder gläubiger Eltern sind und von Kind auf in die Bibel eingeführt werden. Jesus antwortete seinen Jüngern: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Diese Antwort ist eigenartig. Denn warum wendet sich der Herr damit an die Jünger, nicht an die Frau?

Musste der Herr auch den Jüngern noch beibringen, dass Er nicht einfach zu dem Haus Israel, sondern zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gekommen war? Dachten auch sie noch immer, dass das Volk gar nicht so schlecht war, wie der Herr es ihnen gerade zuvor (Verse 1–20) gezeigt hatte? Wer sich als verloren ansah in seinem Haus, konnte Rettung bekommen. Der hatte sogar einen Anspruch auf Hilfe vonseiten des Herrn.

Der Sohn Davids ist auch der Sohn des Menschen, der den Nationen Gnade schenkt

Jesus hatte natürlich nicht von ungefähr gerade diesen Satz ausgesprochen. Denn Er richtete sich nicht nur an die Jünger, sondern auch an die Frau, die dabeistand. Sie scheint sofort erfasst zu haben, was der Herr auch ihr damit sagen wollte. Er konnte sich nicht an diese Frau wenden, denn Er war nicht zu ihr, der Fremden, gekommen. Aber wenn Er eine Botschaft an die verlorenen Schafe seines eigenen Hauses hatte, schloss Er die Fremden nicht vom Zuhören aus. Wenn sie in der richtigen Herzenshaltung zuhörten, würden sie einen reichen Segen erhalten. Denn der Sohn des Menschen überschreitet die Grenzen des Judentums. Und schon immer war es möglich, sich mit dem Volk Gottes einszumachen. Gerade dann, wenn man sich selbst als verloren ansah, konnten sich die Arme des Retters öffnen. Das zeigt auch die Geschichte der Rahab deutlich (Jos 2; 6,25).

Die Frau ist nicht beleidigt. Wie hätten wohl die Pharisäer auf eine solche Abfuhr des Herrn, einfach zu schweigen, reagiert? Und die Jünger? Auch wir sollten uns die Frage stellen, ob wir aus Trotz oder Resignation nicht sehr schnell aufgeben. Nicht so diese Frau! Sie spricht weiter mit dem Herrn Jesus, lässt aber nun den Titel „Sohn Davids“ und damit ihre Ansprüche an den Messias fallen und wirft sich vor dem Herrn einfach in ihrer Hilflosigkeit nieder: „Herr, hilf mir!“

Der Herr hatte sie durch seine harte Ansprache zu dem Bewusstsein ihres wahren Platzes vor Gott geführt. Sie verstand, dass sie keine Ansprüche auf den Messias Israels besaß. Sie wusste auch, dass sie verloren war und dass sie Hilfe nötig hatte. Das sagt sie dem Herrn. Er erkennt, dass sie einsichtig und demütig ist.

Aber noch immer kann Er ihr nicht helfen. Sie muss noch lernen, dass sie selbst auf seine direkte Hilfe keinen Anspruch hatte. Rechtlos zu sein bedeutet ja, überhaupt keinen Anspruch zu besitzen. Es genügt nicht, die eigene Not zu erkennen und einzugestehen. Es reicht auch nicht das Bewusstsein, dass der Herr Jesus der Not entsprechen konnte – das wusste diese Frau von Anfang an. Nein, man muss in die Gegenwart dessen treten, der helfen kann, obwohl man nicht einmal Anspruch auf irgendeine Hilfe hat. Alles ist Gnade! Denn diese Gnade kann sich sogar über den Fluch erheben, den Gott selbst über dieses Volk angesichts seiner zur Reife gekommenen Sünde aussprechen musste.

Ob uns das immer bewusst ist, dass wir ebenso wie diese Frau nach Epheser 2 auf überhaupt nichts irgendeinen Anspruch hatten? Wenn Er uns dennoch geholfen hat, dann aus reiner Gnade. Gnade trägt genau diesen Charakter: Die Liebe Gottes wendet sich Menschen zu, die nichts sind und keinen Anspruch auf sie geltend machen können.

Der Herr Jesus zeigt der Frau, dass sich seine Hilfe zunächst und in erster Linie an sein eigenes Haus Israel richtete: „Es ist nicht schön, das Brot der Kinder zu nehmen und den Hunden hinzuwerfen.“ Die Frau versteht sofort, was Christus ihr damit sagen möchte. Sie ist in ihrem Herzen inzwischen so klein geworden, aber damit auch so offen für die Belehrungen des Herrn, dass sie erkennt, dass sie – die Fremde – nichts anderes als ein Hund ist: ein unreines, unwürdiges, verächtliches Wesen, ein Mensch ohne Ansprüche. Das Volk Israel dagegen, das sind die Kinder, die Anspruch auf das Brot Gottes hatten. Aber in ihrem Glauben ergreift sie, dass Gott auch aus Steinen, sogar aus unreinen Tieren Kinder erweckt.

Der Herr Jesus ist damit aber noch nicht zufrieden. Er weiß, dass diese Frau bereit ist, in ihrem Glauben noch weiter zu gehen. Sie stellt gewissermaßen eine Vorerfüllung des Wortes von Petrus dar: „Die ihr jetzt eine kurze Zeit, wenn es nötig ist, betrübt seid durch mancherlei Versuchungen; damit die Bewährung eures Glaubens viel kostbarer als die des Goldes, das vergeht, aber durch Feuer erprobt wird, befunden werde zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi“ (1. Pet 1,6.7). Der Herr prüfte den Glauben dieser Frau, wie Er viele hunderte Jahre zuvor den Glauben von Abraham getestet hatte, um diesen umso herrlicher hervorstrahlen zu lassen.

Bewährung im Glauben strahlt heller als Gold

Das erkennen wir aus der demütigen Antwort dieser Frau: „Sie aber sprach: Ja, Herr; und doch fressen die Hunde von den Brotkrumen, die von dem Tisch ihrer Herren fallen.“ Wieder spricht sie Jesus nicht als Messias an, sondern als Herrn. Sie bleibt sich bewusst, dass Er Autorität über sie hat. Und sie gibt zu, dass sie zu exakt den Hunden gehört, von denen Jesus gesprochen hat. Sie ist zufrieden mit den Brotkrumen, die vom Tisch herunterfallen. Diese Reste der Mahlzeit der Kinder, also des Volkes Gottes, reichen aus, um auch die Heiden mit dem Segen zu versorgen, den sie nötig haben.

Sie macht keine Ansprüche mehr geltend, sie bekennt sich zu der verworfenen Stellung der Heiden und nimmt dankbar die Gnade an, die Gott ihr schenken möchte. Eine hohe Meinung von sich selbst ist oft gepaart mit schwachem Glauben, eine demütige Gesinnung dagegen mit starkem Glauben.

Eine solche Haltung gab es nicht in Israel! Schon einmal hatte der Herr von einem großen Glauben gesprochen. Nur einmal! Und auch in diesem Fall war es ein Heide, der sich durch großen Glauben ausgezeichnet hatte: „Wahrlich, ich sage euch, selbst nicht in Israel habe ich so großen Glauben gefunden“ (Mt 8,10) sagt der Herr von dem heidnischen Hauptmann, der Ihm zutraute, ein Wunder auch aus der Ferne zu vollbringen, und der sich zugleich nicht für wert erachtete, dass der Herr unter sein Dach trat.

So zeigen diese beiden Fälle großen Glaubens, dass die Betroffenen voller Demut waren und zugleich ganz mit dem wunderbaren Eingreifen des Herrn zu ihren Gunsten – genau genommen zugunsten des Knechtes oder der Tochter – rechneten. Im Vergleich dazu erkennen wir den Unglauben des Volkes, den Kleinglauben der Jünger und den Abfall der Führer des Volkes Israel.

Wir finden in der Schrift noch andere Beispiele, die man zusammen mit dem Glauben und der Demut dieser Frau nennen kann.

  • Man mag an den sogenannten „verlorenen Sohn“ in Lukas 15 denken. Er steht für den künftigen Überrest des Volkes Israel, der zurückkehren wird, denn das Volk hat alle Ansprüche an Gott und den Messias durch die eigene Schuld verwirkt und muss gewissermaßen auf dem Boden, auf dem jetzt diese kananäische Frau zu Jesus kam, zu seinem Messias kommen. So wusste der verlorene Sohn, dass er keine Ansprüche auf die Liebe des Vaters besaß: „Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen“ (Lk 15,21). Was war die Antwort des Vaters? Er gab ihm das beste Kleid, einen Ring und Sandalen.
  • Ähnlich beugt sich auch Mephiboseth vor David: „Was ist dein Knecht, dass du dich zu einem toten Hund gewandt hast, wie ich einer bin?“ (2. Sam 9,8). Und was war die Antwort von David? Er nahm ihn zu sich, damit er beständig mit ihm an seinem Tisch essen sollte.

Auch der Herr kann nicht anders, als auf diesen Glauben der Frau zu antworten. „Und ihre Tochter war geheilt von jener Stunde an.“ So antwortet der Herr auch auf den Glauben heute, selbst wenn Er uns keine Gesundungswunder versprochen hat. Wer jedoch im Glauben auf den Herrn vertraut, wird Wunder in seinem Leben erfahren, auch wenn er keinen Anspruch darauf hat. Demut ist dafür unabdingbare Voraussetzung.

Verse 29–31: Segen im 1000-jährigen Königreich auch für Israel

„Und Jesus ging von dort weg und kam an den See von Galiläa; und als er auf den Berg gestiegen war, setzte er sich dort. Und große Volksmengen kamen zu ihm, die Lahme, Blinde, Krüppel, Stumme und viele andere bei sich hatten, und sie legten sie nieder zu seinen Füßen; und er heilte sie, sodass die Volksmenge sich verwunderte, als sie sah, dass Stumme redeten, Krüppel gesund wurden, Lahme umhergingen und Blinde sahen; und sie verherrlichten den Gott Israels“ (Verse 29–31).

Während sich der erste Teil dieses Kapitels mit dem Abfall Israels und dessen Beiseitesetzung beschäftigte, stellte uns der zweite Teil den Ruf der Heiden und ihre Rettung vor. Der dritte Teil offenbart nun die noch künftige Haushaltung: das Zeitalter des öffentlich anerkannten Königreiches in Macht.

Immer wieder zeigt uns der Evangelist Matthäus, dass der Herr trotz der Verwerfung durch sein Volk und seiner Verwerfung des Volkes zu diesem zurückkehrt. Sein Herz ist bei den Seinen, auch wenn das Herz seines Volkes nicht mehr bei Ihm ist. Aber Christus sieht voraus, dass sie einmal ihren kranken Zustand erkennen, einsehen und bekennen werden, um so zu dem Messias zu kommen, der sie heilen wird.

Zuerst haben wir gesehen, dass der Zustand der Juden so schlimm war, dass der Herr ihn in allem verurteilen muss. In diesem Zustand hat das Volk seinen Messias ans Kreuz gebracht. Daraufhin hat sich Christus als der Sohn des Menschen den Heiden zugewandt (Verse 21–28), die in den Genuss des Heils Gottes kamen. In dieser Zeit leben wir heute. Paulus sagt von dieser Zeit: „Es sei euch nun kund, dass dieses Heil Gottes den Nationen gesandt worden ist; sie werden auch hören“ (Apg 28,28).

Aber auch diese Periode wird vorübergehen, und dann wird der Herr wieder neu zu seinem irdischen Volk kommen, genau genommen zu den gottesfürchtigen Übriggebliebenen, die auf ihren König warten. Das finden wir prophetisch in den Versen 29 bis 31 vorgebildet.

Der Herr kommt nach Galiläa zu den Armen seiner Herde, die in Finsternis wohnen (vgl. Jes 8,23–9,6). Seine Gegenwart und sein Wirken sind für diese Menschen das Licht Gottes, das ihre Finsternis vertreibt.

Jesaja 29 und Matthäus 15

Wir hatten schon gesehen, dass Jesus den Pharisäern gegenüber Jesaja 29 als eine Art Gerichtsurteil zitiert. In den drei jetzt vor uns stehenden Versen handelt es sich zwar nicht direkt um ein Zitat aus Jesaja 29. Und doch greift der Heilige Geist den Gedankengang des Propheten wieder auf. In Jesaja liest man von Gericht, aber auch von einer Segensverheißung. Gleiches sehen wir hier in Matthäus 15.

„Ist es nicht noch eine ganz kurze Zeit, dass der Libanon sich in einen Baumgarten verwandeln und der Baumgarten dem Wald gleichgeachtet werden wird? Und an jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören, und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen. Und die Sanftmütigen werden ihre Freude in dem Herrn mehren, und die Armen unter den Menschen werden frohlocken in dem Heiligen Israels“ (Jes 29,17–19). Jesaja spricht von dem Heiligen Israels, Matthäus weist auf den Gott Israels hin, den die Juden verherrlichten (Mt 15,31).

Noch einmal erinnern uns diese Verse an Jesaja 35: „Er selbst [Gott] kommt und wird euch retten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jubeln wird die Zunge des Stummen. Denn es brechen Wasser hervor in der Wüste und Bäche in der Steppe“ (Verse 4–6). Es wird eine wunderbare Zeit sein, wenn alle Kranken zu Ihm gebracht werden, der sie heilen wird. Nach Sacharja 14,4 wird der Herr auf den Ölberg kommen, um sein Volk zu retten und zu segnen. So finden wir Ihn auch hier auf einem Berg, um seinem Volk das Heil zu bringen.

Dann wird das Volk erkennen, dass ihr Messias derjenige ist, „den sie durchbohrt haben“ (Sach 12,10). Sie werden wehklagen und die Erfüllung des großen Sühnungstages erleben (3. Mo 23,26–32). Sie werden über ihre Sünden trauern und erkennen, warum sie krank und hilflos sind. Ihre eigenen Sünden haben sie dahin gebracht, wie Gott es durch Mose vorhergesagt hatte: „Wenn du nicht darauf achtest, alle Worte dieses Gesetzes zu tun, die in diesem Buch geschrieben sind, dass du diesen herrlichen und furchtbaren Namen, den Herrn, deinen Gott, fürchtest, so wird der Herr deine Plagen und die Plagen deiner Nachkommenschaft außergewöhnlich machen: große und andauernde Plagen und böse und andauernde Krankheiten. Und er wird alle Seuchen Ägyptens über dich bringen, vor denen du dich fürchtest; und sie werden an dir haften“ (5. Mo 28,58–60). Nun aber nehmen sie Ihn auf als ihren Retter, indem sie ihre Sünden bekennen.

Jeder, der zu Ihm kommt, um sich Ihm zu unterwerfen und seine segnende Hand zu erleben, wird geheilt werden. Was für einen Vorgeschmack durften die Juden damals erleben. „Und sie verherrlichten den Gott Israels.“ Das wird auch im 1000-jährigen Königreich des Herrn so sein. Das lesen wir in Jesaja 61,1–3. Alles, was der Herr damals getan hat und auch in Zukunft tun wird, verherrlicht den Gottes Israels. Dieser Titel ist ein bemerkenswerter Ausdruck der Treue Gottes gegenüber seinem Volk, obwohl dieses Ihn so verunehrt hatte – den Gott des Himmels. Er steht auch weiter zu seinem Volk als der Gott Israels und wird sie – einmal – in den Segen des Friedensreichs einführen.

Verse 32–39: Christus – der Segen für alle Menschen, die Ihn annehmen wollen

„Als Jesus aber seine Jünger herzugerufen hatte, sprach er: Ich bin innerlich bewegt über die Volksmenge; denn schon drei Tage weilen sie bei mir und haben nichts zu essen; und ich will sie nicht hungrig entlassen, damit sie nicht etwa auf dem Weg verschmachten. Und die Jünger sagen zu ihm: Woher nehmen wir in der Einöde so viele Brote, um eine so große Volksmenge zu sättigen? Und Jesus spricht zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Sie aber sagten: Sieben, und wenige kleine Fische. Und er gebot der Volksmenge, sich auf der Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote und die Fische, dankte und brach und gab sie den Jüngern, die Jünger aber gaben sie den Volksmengen. Und sie aßen alle und wurden gesättigt; und sie hoben auf, was an Brocken übrig blieb, sieben Körbe voll. Die aber aßen, waren viertausend Männer, ohne Frauen und Kinder. Und als er die Volksmengen entlassen hatte, stieg er in das Schiff und kam in das Gebiet von Magada“ (Verse 32–39).

Dem wunderbaren Segen für das Volk Israel folgt ein noch größerer Segen, der den universalen Segen Gottes für die Menschen vorstellt.4 Der Herr hatte die Tochter der kananäischen Frau geheilt. Er hatte viele Kranke geheilt. Nun segnet Er alle, die sich bei Ihm aufhalten, wo auch immer sie herkommen mochten.

Es folgt hier das zweite Speisungswunder, bei dem man sich natürlich sofort fragt, worin der Unterschied zu der ersten Speisung liegt. Dazu greife ich auf die Tabelle zurück, die ich schon teilweise bei der ersten Speisung (Kap. 14,14–21) verwandt habe und die diese Unterschiede deutlich macht.

Ein Vergleich der Speisungswunder

Speisungen 1. Wunder 2. Wunder
1. Bibelstellen Mt 14,15–21; Mk 6,35–38;
Lk 9,12–17; Joh 6,5–13
Mt 15,32–38; Mk 8,1–9
2. Volksmenge Juden auch Nationen
3. Zeitangabe am Abend (eines Tages) nach 3 Tagen
4. Beginn des Wunders Jünger wollen die Volksmenge wegschicken Jesus will die Volksmenge speisen
5. Wer soll Speise geben? Jesus fordert die Jünger auf, Speise zu geben Jesus will ihnen selbst Speise geben
6. Charakter Verantwortung Gnade
7. Anzahl an Broten 5 (Gerstenbrote) 7
8. Anzahl an Fischen 2 wenige kleine Fische
9. Lagerung auf Gras (zu je 50 und 100) auf der Erde
10. „Reste“ 12 Handkörbe voll 7 (große) Körbe voll
11. Beteiligte Menschen 5.000 Männer, neben Frauen und Kindern 4.000 Männer, neben Frauen und Kindern
12. Folgehandlung Jünger werden auf den See weggesandt Jesus fährt zusammen mit seinen Jüngern im Schiff

Die Bedeutungen der Speisungswunder

  1. Was ist die Kernaussage beider Wunder?
    Grundsätzlich scheint der Geist Gottes uns den Platz des Messias, Christus, in seiner irdischen Herrlichkeit und seiner Sorge für sein Volk zeigen zu wollen. Der Herr Jesus beweist in einer ersten Erfüllung von Psalm 132,15, dass Er in Wahrheit der Sohn Gottes, der König Israels, der Messias ist.
  2. Warum gibt uns Gott zwei ähnliche Begebenheiten?
    Weil Er uns damit ein doppeltes Zeugnis des künftigen Segens im 1000-jährigen Reich sowohl für das Volk Israel als auch für die ganze Welt, für alle Nationen, geben kann.
  3. Was unterscheidet beide Wunder?
    Das erste hat einen haushaltsmäßigen Charakter, wie wir diesen in diesem Evangelium immer wieder finden. Nachdem der Herr sein Volk für eine Zeit beiseite setzen musste, weil es Ihn verworfen und ans Kreuz gebracht hat, wird Er im 1000-jährigen Friedensreich wieder zu seinem Volk zurückkommen. Er wird es zuvor durch Drangsale zur Umkehr, Einsicht und zum Bekenntnis führen. Dann kann Er es in vollkommener Weise segnen und sogar zu einer vollkommenen Regierung über die Erde anleiten. Das Speisungs-Wunder selbst ist eine Vorwegnahme dieses Segens, denn der Herr verlässt die Jünger danach, um auf den Berg zu gehen – ein Bild von der heutigen Zeit.
    Beim zweiten Wunder scheint im Vordergrund zu stehen, dass der Herr in seiner eigenen, vollkommenen und souveränen Gnade aus seiner Fülle Segen schenkt. Die Zahl 7 weist in der Bibel immer wieder auf Vollständigkeit und Vollkommenheit hin. So bleibt Christus nach diesem Wunder bei den Seinen und fährt zusammen mit ihnen im Schiff zum nächsten Zielort. Dieser Segen wird – prophetisch gesprochen – seine vollkommene Erfüllung ebenfalls im 1000-jährigen Friedensreich finden, wenn Er nicht nur sein irdisches Volk Israel, sondern die ganze Welt – darauf weist die Zahl 4 hin – segnen wird. Aber schon heute ist Er dieser Segnende, der keine Grenzen von Familien, Nationen oder Völkern kennt, sondern alle vollkommen (geistlich) speist, die zu Ihm kommen.
    Das erste Speisungswunder muss im Norden des Sees Genezareth stattgefunden haben. Es ist von naheliegenden Dörfern die Rede, sicherlich Julias, Bethsaida, Kapernaum und Umgebung. So bestand der größte Teil des Publikums hier aus Juden. Das ist bei dem zweiten Speisungswunder anders. Nach Markus 7,31 befand sich der Herr nun in der Dekapolis, also östlich des Jordan. Daher dürfte hier ein erheblicher Teil der Volksmenge aus Mischvolk und Nationen bestanden haben. Das passt auch zu der Botschaft dieses Wunders, zu dem Segen, der sich nicht auf Israel beschränkt, sondern für alle Nationen geschenkt wird.
  4. Wer ist der Handelnde?
    Es ist auffallend, dass die Jünger beim ersten Speisungswunder die zunächst Aktiven sind. Sie kommen auf den Herrn zu, weil sie erkennen, dass die Speisung der Volksmenge ein Problem ist (Mk 7,35). Im Johannesevangelium finden wir wiederholt, dass der Herr als der Initiator und Handelnde vorgestellt wird – so auch bei diesem Bericht. Offenbar hat Er nach den Einleitungsworten der Jünger Philippus besonders geprüft (Joh 6,5). Aber der zeitliche Hinweis in Markus 7 zeigt deutlich, dass zunächst die Jünger aktiv waren. So arbeiten alle drei synoptischen Evangelisten heraus, dass die Jünger die Volksmenge loswerden wollten, während das Herz des Herrn dazu nicht bereit war. Er stellt die Jünger unter Verantwortung, weil Er sie auffordert, den Menschen Speise zu geben.
    Im zweiten Wunder ist das anders. Dort geht tatsächlich alles vom Herrn aus. Er will segnen und die Menschen „voll“ entlassen. Diese Unterscheidung passt auch zu der prophetischen Bedeutung der Ereignisse. Wenn es um die Juden geht, so stellt der Herr sein Volk und dort besonders die Verständigen unter Verantwortung (vgl. Dan 11,33). Wenn es aber um den universellen Segen künftiger Tage geht, der auch die Nationen einschließt, so handelt der Herr von sich aus. Alles geht von Ihm selbst aus.
  5. Drei Tage
    Der Herr weist seine Jünger darauf hin, dass die Volksmenge schon drei Tage bei Ihm weilt und nichts zu essen hat. Nun aber will Er sich ihrer annehmen und sie mit Brot sättigen. Die Zahl Drei ist in der Bibel im Allgemeinen ein Symbol für die Offenbarung oder Bestätigung des wahren Charakters einer Person, einer Sache oder eines Vorgangs. Das sehen wir z. B. an der Tatsache, dass es drei Personen der Gottheit gibt oder dass der Herr Jesus drei Tage im Grab war. Da gerade der Tod Jesu und seine Auferstehung mit der vollen Offenbarung des Wesens Gottes verbunden sind – Er ist Licht und Liebe – werden diese beiden Glaubensfundamente verschiedentlich mit der Zahl Drei verbunden. Man denke zum Beispiel an die drei Stunden der Finsternis. Am dritten Tag ist Er auferstanden, und so können wir hier folgende Anwendung machen: Erst auf der Grundlage seines vollbrachten Werkes am Kreuz, das Christus durch seine Auferstehung siegreich vollendet hat, kann Er den Menschen neues Leben und dauerhaften Segen schenken.
    Diese drei Tage erinnern uns auch an eine Weissagung Hoseas: „‚Kommt und lasst uns zu dem Herrn umkehren; denn er hat zerrissen und wird uns heilen, er hat geschlagen und wird uns verbinden. Er wird uns nach zwei Tagen wieder beleben, am dritten Tag uns aufrichten; und so werden wir vor seinem Angesicht leben ... Sein Hervortreten ist sicher wie die Morgendämmerung; und er wird für uns kommen wie der Regen, wie der Spätregen die Erde benetzt’“ (Hos 6,1–3). In einer solchen Weise kam der Herr damals zu seinem Volk. So wird Er erneut kommen, nicht nur für sein Volk, von dem Hosea spricht, sondern auch für die ganze Erde. Sein Segen wird die Erde benetzen und zu Frieden und Glück führen.
    Bedenken wir auch, dass der Herr die einzelnen Tage exakt gezählt hat. Er hatte vierzig Tage lang gefastet und wusste wirklich, was Hunger für einen Menschen bedeutete. Niemals schickt Er einen Menschen hungrig fort, der sich bei Ihm aufhält.
  6. Was symbolisieren die Brote und die Fische?
    Die Bedeutung der Brote und der Fische haben wir uns ausführlich bereits in Verbindung mit dem ersten Speisungswunder angesehen (Seite 491). Einen Unterschied zu der ersten Speisung muss man allerdings berücksichtigen. Von der zweiten Speisung berichten nur Matthäus und Markus. Hier finden wir dieses Mal keinen Hinweis auf die Getreideart der Brote. Es ist zwar möglich, dass sie wieder aus Gerste hergestellt worden sind. Konkret wissen wir das allerdings nicht. Da es sich offensichtlich um eine spätere Jahreszeit handelt (Markus berichtet beim ersten Mal vom grünen Gras, beim zweiten Mal nicht mehr), kann es sich sehr wohl auch um anderes Getreide gehandelt haben.
    Es fällt auf, dass es im Unterschied zum ersten Wunder keine genau bezeichnete Anzahl von Fischen gab – wenige kleine Fische. Erneut lesen wir bei Matthäus nichts von Resten der Fische, die übrig blieben. Denn das, was der Herr an außergewöhnlichem Segen (Fischen) schenkt, reicht Er so dar, dass es exakt passend ist. Er ist jedem ganz speziell und persönlich zugedacht.
  7. Wie sind die sieben Brote und die sieben (großen) Körbe zu deuten?
    Wie schon gesagt spricht die Zahl „sieben“ an vielen Stellen von göttlicher Vollständigkeit und Vollkommenheit. Beim zweiten Wunder steht der Mensch (als Instrument Gottes) nicht so sehr im Vordergrund wie beim ersten Speisungswunder. Dieses Mal wird das Handeln Jesu besonders betont, während die Jünger beim ersten Wunder wesentlich stärker bei der Ordnung der Volksmenge und beim Finden der Brote beteiligt waren. Im Mittelpunkt stehen der Herr und sein Mitleid für das Volk. Er reicht entsprechend ihren Bedürfnisse vollkommen dar. Und selbst das, was „übrig bleibt“, entspricht einem vollkommenen Charakter und somit dem Geber. So war Fülle an Brot zur Nahrung da, es reichte vollkommen aus für alle Menschen, die dort versammelt waren. Sogar das Übermaß ist ein vollkommenes.
  8. Wofür stehen die 4.000 Männer?
    Christus weiß den Bedürfnissen aller Menschen zu begegnen. Dies passt auch zu der Zahl vier, in der wir die Universalität vorgestellt bekommen (4 Himmelsrichtungen; 4 Flüsse im Garten Eden; 4 Ecken der Erde, Off 20,8; 4 Evangelien; ...). Aber wenn Gott heute etwas schenkt, dann stellt Er den empfangenden Menschen immer unter Verantwortung (10). Hier sogar aufgrund des überreichen Segens und Gebens unter eine besondere Verantwortung, wie man an der Zahl Drei in der Zerlegung 1000 = 103 erkennen kann (vgl. oben die Auslegung der „Drei Tage“).

Schlussgedanken zur zweiten Speisung

Dieser letzte Abschnitt von Kapitel 15 zeigt uns, dass Christus von sich aus zum Segen der Menschen tätig ist. Alles geht von Ihm aus. Wir erkennen hier das Herz des Herrn, der innerlich bewegt ist und die Menschen segnen möchte. Noch einmal sehen wir, wie die Jünger – im Gegensatz zu der kananäischen Frau – wenig Glauben hatten. Sie hatten offensichtlich noch nicht gelernt, dass ihr Meister Herr jeder Situation ist, so dass auch die Speisung von über 4.000 Menschen für Ihn kein Problem darstellt. Er hatte doch bereits eine noch größere Volksmenge gesättigt! Später muss Er seinen Jüngern erneut diese beiden Wunder ins Gedächtnis rufen, als sie vergessen hatten, Brote mitzunehmen (Kap. 16,5–12), und Markus schreibt: „Denn sie waren durch die Brote nicht verständig geworden, denn ihr Herz war verhärtet.“ (Mk, 6,52) Wie schnell vergessen auch wir die Güte und Allmacht unseres Gottes, wo Er uns doch so oft schon geholfen hat!

Auch die größten Wunder vollbringt der Herr Jesus in Abhängigkeit von seinem himmlischen Vater. Er selbst offenbarte sich als der Herr des Alten Testaments, als der Gott des Himmels und der Erde. Und doch dankte Er seinem himmlischen Vater für das, was dieser Ihm gab. Was für eine Demut dessen, der in sich selbst der Höchste von allen und allem ist!

Während der Herr Jesus nach der ersten Speisung seine Jünger aufforderte, alleine in ein Schiff zu steigen, geht Er jetzt mit ihnen. „Und als er die Volksmengen entlassen hatte, stieg er in das Schiff und kam in das Gebiet von Magada.“ Alles geschieht in Ordnung und Ruhe. Und dann begleitet der Herr seine Jünger (vgl. Mk 8,10), um in Abhängigkeit von seinem Vater zusammen mit ihnen die nächsten Schritte zu gehen.

Die 7 Wunder in Matthäus 14 und 15

In den Kapiteln 8 bis 12 berichtete Matthäus von 14 Wundern des Herrn Jesus. Sie führten aber nicht dazu, dass das Volk seinen Messias, von Gott gesandt, annahm. In Kapitel 13 fanden wir Ihn als den Verworfenen, der seinerseits diese Verwerfung annahm. Dennoch wurde Er nicht müde, für sein Volk zu wirken. Nicht von ungefähr fanden wir daher sieben weitere Zeichen in den Kapiteln 14 und 15:

  1. Die Heilung der Schwachen (14,13.14)
  2. Die Speisung der 5.000 (14,15–21)
  3. Das Gehen auf dem Wasser und Stillen des Windes (14,22–33)
  4. Die Heilung aller Leidenden (14,34–36)
  5. Die Heilung der Tochter der kananäischen Frau (15,21–28)
  6. Die Heilung der Lahmen, Blinden, Krüppel, Stummen (15,29–31)
  7. Die Speisung der 4.000 (15,32–39)

Aber auch diese Zeichen hinterließen keinen nachhaltigen Eindruck bei dem Volk und seinen Führern. Die Verwerfung des Herrn schritt weiter voran!

Fußnoten

  • 1 Interessanterweise gibt es diese beiden Teile – schriftliche und davon zu unterscheidende mündliche Überlieferung – auch im Islam.
  • 2 Man muss an dieser Stelle anfügen, dass nicht immer, wenn es im Neuen Testament um „Überlieferungen“ geht, die Traditionen von Menschen gemeint sind. In 1. Korinther 11,2, 2. Thessalonicher 2,15 und 3,6 geht es um göttlich inspirierte Belehrungen des Apostels Paulus. Diese Überlieferungen sind also nichts anderes als Gottes Wort, das uns durch die Apostel und Propheten in inspirierter Weise „überliefert“ worden ist. Der Zusammenhang macht deutlich, dass in Stellen wie Galater 1,14 oder Kolosser 2,8 menschliche Überlieferungen gemeint sind.
  • 3 Vielleicht ist das auch der Grund, schreibt William Kelly, dass es heute manche ängstlichen Personen gibt, die nicht wissen, was mit ihren Sünden ist und die deshalb immer wieder das „Vater unser“ (Mt 6) beten, damit Gott ihnen positiv gesonnen ist. Sie kommen zu Gott als zu ihrem Vater und bitten Ihn, mit ihnen als mit Kindern zu handeln. Aber genau diese Stellung genießen sie gar nicht. Sind sie Kinder? Können sie wirklich sagen, dass Gott ihr Vater ist? Gerade davor würden sie zurückschrecken (obwohl das für jeden wahr ist, der Jesus Christus als seinen persönlichen Retter annimmt). Sie wünschten, dass es so ist, aber sie haben Angst, dass es nicht so ist. Daher haben sie auch kein „Recht“, auf dieser Grundlage zu dem Vater zu kommen.
  • 4 Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich handelt es sich nicht um einen universalen Segen für alle Menschen unabhängig davon, ob sie sich bekehren und den Herrn Jesus als Retter annehmen. Buße und Bekehrung sind in der Schrift immer Grundvoraussetzung dafür, dass Gott Menschen dauerhaft segnen kann. Die Allversöhnungslehre lehnen wir auf der Grundlage der Bibel entschieden ab! Aber der Segen des Herrn, den wir in diesen abschließenden Versen von Kapitel 15 finden, wird ohne Einschränkung und Bedingung vorgestellt. Es ist der souveräne Herr, der auf diese Weise segnet.
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