Der Herr ist Rettung

Kapitel 3: Gericht und Herrlichkeit Zions

Wie so oft in Gottes Wort zieht der Heilige Geist in diesem Abschnitt eine Verbindung von der Gegenwart bis hin zur Endzeit. Ein anderes Beispiel für diese Darstellungsweise in der Prophetie ist der Brief des Judas, der damit beginnt, dass sich zu damaliger Zeit „gewisse Menschen nebeneingeschlichen haben, die schon längst zu diesem Gericht zuvor aufgezeichnet waren“ (Vers 4), und von da einen großen Bogen bis zur Erscheinung des Herrn Jesus zum Gericht schlägt (Verse 14 und 15). Ähnlich ist es in dem aus Kapitel 3 und 4 gebildeten Abschnitt des Propheten Jesaja, der bei den damals bevorstehenden Ereignissen beginnt und mit der Wiederherstellung Zions im Tausendjährigen Reich endet.

Die Sünden der Führer und des Volkes (Kapitel 3, 1–15)

Der Herr, der Herr der Heerscharen (hebr. Adonai Jahwe Zebaoth) lässt zunächst ankündigen, dass Er von Jerusalem und Juda alles wegnehmen wird, worauf das Volk sich stützt und seine Existenz gründet. Als erstes werden Speise und Trank genannt (Vers 1). Gott hatte dies Seinem Volk für den Fall seines Ungehorsams bereits vor langer Zeit angedroht (5. Mo 11, 16f.; 28, 23ff.), und wir sehen, wie diese Ankündigung sich bei den Angriffen der Assyrer und der Babylonier erfüllte (Jes 37, 30; Klgl 2, 20).

Dann werden die Personen aufgezählt, die – zu Recht oder zu Unrecht (wie die Wahrsager und Zauberkundigen) – die Grundlage des Staates ausmachen: „Held und Kriegsmann, Richter und Prophet und Wahrsager und Ältesten; den Obersten über Fünfzig und den Angesehenen und den Rat und den geschickten Künstler und den Zauberkundigen“ (Verse 2 und 3). Auch diese Vorhersage erfüllte sich, als Nebukad-nezar „alle Obersten und alle kriegstüchtigen Männer“ in die Gefangenschaft führte, und in Jerusalem „nur das geringe Volk des Landes“ zurückblieb (2. Kön 24, 14).

Ein derart entblößter Staat wird in den Regierungswegen Gottes zum Spielball der Launen unreifer und unerfahrener Menschen (Vers 4; s. Pred 10, 16). Die Folge davon ist grenzenlose Verwirrung und gegenseitige Unterdrückung, wobei jede göttliche oder auch nur menschlich vernünftige Ordnung auf den Kopf gestellt wird (Vers 5). Die dadurch entstandene Anarchie ist nicht mehr rückgängig zu machen. Wenn auch einzelne erkennen, wie niederschmetternd der Zustand ist, so wenden sie sich doch nicht zu Gott um Hilfe, sondern an ihren „Bruder“, in der Meinung, er könne vielleicht wenigstens noch etwas retten oder aufhalten. Doch ist auch niemand mehr bereit, Verantwortung auf sich zu nehmen, selbst wenn er inständig darum gebeten wird. Die eigene Not („weder Brot noch Oberkleid“) wird als Entschuldigung dafür vorgeschoben, dass man weder „Wundarzt“ sein kann, um zu helfen und die „Wunden, und Striemen und frischen Schläge“ zu heilen (vgl. Kap. 1, 6), noch „Vorsteher des Volkes“ werden möchte, um der Anarchie zu steuern (Verse 6 und 7).

Der Geist Gottes zeigt nun die Wurzeln dieses totalen Niedergangs von Jerusalem und Juda auf. Alle Worte und Handlungen ihrer Bewohner sind gegen den Herrn gerichtet, und zwar mit der Absicht, Seiner göttlichen Herrlichkeit die Stirn zu bieten. Die „Augen seiner Herrlichkeit“ sehen jedoch die verborgenen Beweggründe des Herzens, denn es sind Augen „wie eine Feuerflamme“ (vgl. Off 1, 14), die in unbestechlicher Heiligkeit das Böse erkennen (Vers 8). Gott sieht den bösen und hochmütigen Gesichtsausdruck ebenso, wie Er die unverhohlenen Reden über ihre Sünden hört. Adam und Eva schämten und versteckten sich noch, als sie die erste Sünde begangen hatten, aber wie die Bewohner von Sodom keine Scham kannten, so verhalten sich auch die Bewohner von Juda und Jerusalem: „Von ihrer Sünde sprechen sie offen wie Sodom, sie verhehlen sie nicht“ (Vers 9; vgl. Kap. 2, 10). Gottes Urteil über sie lautet: „Wehe ihrer Seele! Denn sie bereiten sich selbst Böses.“

Der göttliche Grundsatz der Vergeltung – sowohl hinsichtlich des Guten wie des Bösen – verliert seine Gültigkeit nicht, auch wenn es vielleicht im Augenblick nicht danach aussieht (vgl. Röm 2, 5–11). Der kleinen Zahl von Gerechten im Volk wird es wohl ergehen, denn sie werden in der Zukunft die Frucht ihrer guten Taten genießen, während den Gesetzlosen (oder Gottlosen) durch ein nochmaliges „Wehe“ angedroht wird, dass es ihnen schlecht ergehen wird, denn sie werden für ihre bösen Taten den entsprechenden Lohn erhalten (Verse 10 und 11).

Und doch – es ist und bleibt das Volk des Herrn, das – wie Er klagend ausrufen muss – von kindischen, bösen Männern bedrückt und von Frauen beherrscht wird, während Er doch gefordert hatte, dass der König Seines Volkes sich eine Abschrift des Gesetzes machen sollte, um Ihn, den Herrn, zu fürchten und „alle Worte dieses Gesetzes und diese Satzungen ... zu tun; damit sein Herz sich nicht über seine Brüder erhebe und damit er vom Gebot weder zur Rechten noch zur Linken abweiche“ (5. Mo 17, 18–20). Mit den Leitern, die irreführen, sind die Propheten gemeint, über die Jesajas Zeitgenosse Micha das gleiche Urteil aussprechen musste (Mich 3, 5). Sie redeten jedem nach dem Mund, aber den rechten Weg, der den Gedanken Gottes entsprach, verschwiegen sie dem Volk (vgl. 1. Kön 22, 11t).

Doch der Herr sieht dies alles nicht nur, sondern Er ist auch der gerechte Richter, der einmal auftreten wird, „um die Völker zu richten“ (Vers 13). Alle ihre Taten sind in Seinen Büchern verzeichnet, und der Tag wird kommen, an dem der Vater durch Seinen Sohn Gericht ausüben lassen wird (vgl. Joh 5, 22. 27). Bei der Erscheinung des Sohnes des Menschen in Herrlichkeit werden alle Nationen vor Ihm versammelt werden und gerichtet werden (Mt 25, 31–46). Tausend Jahre später werden vor dem großen weißen Thron alle „Toten“ ihr ewiges Verdammungsurteil empfangen (Off 20, 11–15). Dieser Vers ist ein Beispiel für den „Zeitsprung“, den der Geist so häufig in den Weissagungen des Wortes Gottes macht, wenn Er von den damaligen Ereignissen ausgehend unseren Blick unmittelbar auf das Ende richtet.

In anderer Weise geht Gott jedoch mit Seinem irdischen Volk und dessen Ältesten und Fürsten ins Gericht, die eine ungleich größere Verantwortung tragen (Verse 14 und 15). Sowohl im Alten wie im Neuen Testament ist Sein Volk in besonderer Weise der Gegenstand Seiner Zucht, die manchmal die Form von Strafgerichten annehmen kann. Hesekiel musste hören, dass das Gericht Gottes über Sein Volk bei den alten Männern vor dem Tempel begann, und Petrus schreibt im Blick auf die Christenheit: „Denn die Zeit ist gekommen, dass das Gericht anfange bei dem Haus Gottes“ (Hes 9, 6; 1. Pet 4, 17). Das Gericht Gottes über Sein irdisches Volk und dessen Führer ist jedoch nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt, wenn es auch in der zukünftigen Drangsalszeit seinen Höhepunkt erreichen wird.

Die Gründe für das angekündigte Gericht werden in wenigen Worten zusammen-gefasst. Der Weinberg, den die Führer abgeweidet hatten, anstatt ihn zu hegen und zu pflegen, war das Volk, das sie materiell ausgebeutet hatten. „Denn der Weinberg des Herrn der Heerscharen ist das Haus Israel“ (Jes 5, 7). Auch hatten sie das Volk Gottes mit Verachtung und unbarmherziger Härte behandelt, so dass der Herr der Heerscharen (hebr. Jahwe Zebaoth), der alles sah, sie eindringlich fragte: „Was habt ihr, dass ihr mein Volk zertretet und das Angesicht der Elenden zermalmt?“ (Vers 15).

Die Sünden und das Elend der Frauen (Kapitel 3, 16–4, 1)

Doch nicht nur die Männer, die an der Spitze des Gemeinwesens standen, riefen den Zorn und schließlich das Gericht Gottes hervor. Setzt uns die ausführliche Beschreibung des Auftretens der stolzen „Töchter Zions“, der weiblichen Einwohner Jerusalems, insbesondere der Frauen der herrschenden Klasse, in Erstaunen? Den Augen Gottes, die die ganze Erde durchlaufen, entgehen auch solche Anzeichen einer fleischlichen Gesinnung nicht, die heute manchmal leichthin als bloße „Äußerlichkeiten“ abgetan werden (Verse 16–23). Hatte nicht schon Salomo die Vorzüge der „tüchtigen Frau“ in Sprüche 31 mit den krönenden Worten beschlossen: „Die Anmut ist Trug, und die Schönheit Eitelkeit; eine Frau, die den Herrn fürchtet, sie wird gepriesen werden“ (Vers 30)? Warum fordert Paulus die Schwestern auf, „sich in bescheidenem Äußeren mit Schamhaftigkeit und Sittsamkeit [zu] schmücken, nicht mit Haarflechten und Gold oder Perlen oder kostbarer Kleidung, sondern – was Frauen geziemt, die sich zur Gottesfurcht bekennen – durch gute Werke“ (1. Tim 2, 9. 10)? Warum ermahnt Petrus die gläubigen Frauen zu einem reinen Wandel, „deren Schmuck nicht der äußere sei durch Flechten der Haare und Umhängen von Goldschmuck oder Anziehen von Kleidern, sondern der verborgene Mensch des Herzens in dem unvergänglichen Schmuck des sanften und stillen Geistes, der vor Gott sehr kostbar ist“ (1. Pet 3, 2–4)? Weil das Äußere den inneren Zustand widerspiegelt. Und Gott sieht unsere Kleidung, unser Auftreten und unsere Blicke!

Ein besonderer Grund für die ausführliche Schilderung Jesajas, auf deren Einzelheiten wir nicht einzugehen brauchen, ist die wichtige Rolle, die den Frauen in den Häusern und Familien, insbesondere bei der Erziehung der Kinder zukommt. Wenn sie statt Gottesfurcht und Bescheidenheit eine derartige Hervorhebung der eigenen Person, gepaart mit Verschwendungssucht, an den Tag legen, was ist dann von der nachfolgenden Generation zu erwarten, der sie doch eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen sollen?

Die Strafe für das schamlose und hochmütige Verhalten der „Töchter Zions“ wird mit drastischen Ausdrücken angekündigt. „An jenem Tag“ (Vers 18), der nicht mehr allzu fern war, würden die Feinde des Volkes Gottes, die Babylonier, das Land und die heilige Stadt plündern und zerstören. Gott würde diesen Krieg dazu benutzen, den kostbaren Schmuck der vornehmen Frauen Jerusalems auf einen Schlag wegzunehmen. Statt des jetzigen Wohlgeruchs ihrer Parfüme würde Moder regieren, sie würden mit Stricken gebunden werden, ihre Haare würden geschoren werden, wie es bei Gefangenen üblich war, sie würden mit Sacktuch, der Kleidung des Elends, bekleidet sein, und schließlich als Sklavinnen gebrandmarkt werden (Vers 24).

Der Stadt Jerusalem, die er bereits in Kapitel. 1, 8 „Tochter Zion“ nennt, kündigt der Prophet schließlich an: „Deine Männer werden durchs Schwert fallen, und deine Helden im Kampf“ (Vers 25). Dann aber – als ob er sich traurig von ihr abwenden müsste – redet er nicht mehr zu ihr, sondern von ihr und klagt im Voraus über ihre Zerstörung und Plünderung, wie es später Jeremia angesichts der übrig gebliebenen Trümmer Jerusalems tut: „Und ihre Tore werden klagen und trauern, und entleert wird sie sich zur Erde niedersetzen“ (Vers 26; vgl. Jer 14, 2; Klgl 1, 1–4).

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