Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 17

Der verworfene König kommt als Verherrlichter im 1.000-jährigen Reich (Mt 17)

In Kapitel 16 haben wir nicht nur gesehen, dass die Verwerfung des Herrn Jesus endgültig ist, sondern auch, dass der Herr seine Verwerfung zum Anlass nimmt, Petrus und den Jüngern eine Offenbarung zu geben von dem, was im Herzen Gottes vor Grundlegung der Welt gewesen ist: von seiner Versammlung. Diese Offenbarung der Versammlung wird Petrus gegeben, nachdem er den Herrn Jesus als den Sohn des lebendigen Gottes erkannt hat.

In Kapitel 17 finden wir nun, dass der Herr seinen Jüngern – besonders drei von ihnen – eine weitere Offenbarung gibt. Dieses Mal geht es um die Herrlichkeit, die Jesus als der Sohn des Menschen im Königreich besitzen wird, wenn dieses in Macht und Herrlichkeit aufgerichtet werden wird. Schon am Ende von Kapitel 16 hat der Herr Jesus von diesem Kommen in seinem Reich gesprochen. Es ist das zweite Kommen des Herrn, das auch für uns noch zukünftig ist.

Daraus lernen wir, dass nicht nur die Versammlung das Volk Israel als Zeugnis Gottes auf der Erde ersetzt und dass auch nicht nur die Herrlichkeit des Sohnes des lebendigen Gottes an die Stelle seiner messianischen Herrlichkeit tritt. Auch das Königreich wird eine andere Gestalt bekommen als von den Juden angenommen. Es gehört nicht zum alten Bund, sondern zu einem neuen. Hier finden wir den Herrn nicht als Messias sondern als Sohn des Menschen. Er löst das alte System vollständig ab. Das Gesetz und die Propheten waren bis auf Johannes. Jetzt aber werden diese großen Instrumente Gottes für sein Volk abgelöst durch einen Größeren: durch Jesus allein. Damit vergehen die alttestamentlichen Schriften nicht. Aber der Herr würde nach und nach zeigen, dass schon in diesen Schriften der neue Bund angekündigt worden war.

Im Anschluss an diese Offenbarung zeigt der Herr dann, was für einen Zustand sein Volk haben wird, wenn Er auf diese Erde ein zweites Mal kommen wird, und was für einen Charakter seine heutigen und seine zukünftigen Jünger tragen werden.

16,28: Die Ankündigung einer Offenbarung des Königreichs

„Wahrlich, ich sage euch: Es sind einige von denen, die hier stehen, die den Tod nicht schmecken werden, bis sie den Sohn des Menschen haben kommen sehen in seinem Reich“ (Kapitel 16,28).

Wir haben schon am Ende von Kapitel 16 gesehen, dass der letzte Vers eigentlich zu Kapitel 17 gehört. Dennoch passt er auch zum vorherigen Vers. Jesus hatte von sich als vom Sohn des Menschen gesprochen und diese Herrlichkeit mit der seines Vaters verbunden, wenn Er als Mensch zusammen mit seinen Engeln zur Lohnvergabe kommen wird.

Diesen Gedanken greift Er jetzt auf. Der Herr möchte den Jüngern Mut machen. Er möchte ihnen zeigen, dass Er selbst sterben und auferstehen würde. Aber auch für die Jünger würde es ein Leben der Hingabe und Selbstverleugnung sein. Am Ende allerdings würde der Vater nicht nur dem Sohn des Menschen, sondern auch dessen Jüngern eine großartige Herrlichkeit schenken. Davon spricht Er in Vers 28.

Christus kann nur „einige“ von seinen Jüngern mitnehmen, gerade diejenigen, die durch ihren Dienst und ihre Hingabe eine besondere Treue immer wieder bewiesen hatten. Sie sollten den Tod nicht schmecken, bis sie den Sohn des Menschen haben kommen sehen in seinem Reich. Viele haben gerätselt, was damit gemeint sein könnte. Einige meinten, diese Jünger würden nicht sterben, bis der Herr Jesus sein Königreich aufrichtet. Das ist vergleichbar damit, dass nach der Aussage des Herrn über seinen Jünger Johannes („Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme“, Joh 21,22) manche dachten, Johannes würde nicht sterben. Wir können heute sicher sagen, dass diese Auslegung falsch ist, denn alle Jünger sind gestorben. Aber weder hat das Königreich des Herrn in äußerer Machtentfaltung begonnen – und gerade davon ist hier die Rede –, noch ist der Herr Jesus wiedergekommen.

Andere meinten, es könnte das Kommen des Herrn nach seinem Tod und seiner Auferstehung gemeint sein. Aber auch diese Erscheinung entspricht nicht dem Charakter der sichtbaren Entfaltung des Königreichs. Denn der Herr ist nur Gläubigen erschienen, nicht jedoch der Welt und den Menschen insgesamt. Wieder andere haben an die Zerstörung Jerusalems gedacht: Aber was für eine Herrlichkeit des Herrn und der Seinen steht damit in Verbindung? Wir müssen sagen: Keine!

Alles wird einfach, wenn wir der Führung des Geistes Gottes folgen. Er spricht davon, dass einige den Tod nicht erleben werden, bis sie den Herrn Jesus in einer bestimmten Weise gesehen hätten. Und genau in den Folgeversen kommt dann eine solche Herrlichkeit seiner Person vor uns, dass wir sicher sein können: Die Begebenheit in Kapitel 17,1–8 ist gemeint. Sonst nichts.

Es ist wahr: Oft kratzen wir nur an der Oberfläche dessen, was wir in der Schrift finden. Aber der Herr stellt die Dinge nicht kompliziert dar. Wir müssen oft viel schlichter denken. Das können wir bei Kindern lernen. Wenn wir der klaren Führung des Geistes Gottes folgen, werden wir Gottes Gedanken verstehen. Dann werden die Dinge sehr klar. So auch hier.

Auf drei Punkte dieses Verse gehe ich ein:

a) Der Herr Jesus wird hier erneut als Sohn des Menschen vorgestellt. Das zeigt, dass es nicht nur um seine Herrschaft über das Volk Israel geht, sondern um seine Herrlichkeit gegenüber der ganzen Schöpfung. Wir erblicken seine Autorität, die Er in der Zukunft auch als Mensch über alle Menschen haben wird. Wir haben diese Verbindung mit seinem Titel als Sohn des Menschen bereits gesehen.

b) Die Herrlichkeit des Vaters wird hier mit dem Reich des Herrn, der „in seinem Königreich“ kommen wird, verbunden. Die Herrlichkeit des Vaters und die des Sohnes gehören zusammen und sind untrennbar miteinander verbunden. Der Vater schenkt seine Herrlichkeit seinem Sohn, dem Sohn des Menschen. Dieser kommt in seinem Reich, und doch ist es nach Matthäus 13,43 kein anderes Reich als das des Vaters. Es sind nur unterschiedliche Blickwinkel. Hier sehen wir, dass Christus selbst der Herr in seinem Königreich sein wird. Dieses gehört niemand anderem als nur Ihm.

c) Das Kommen des Sohnes des Menschen steht direkt mit alttestamentlichen Vorhersagen in Verbindung. In Daniel 7 finden wir eine solche Weissagung: „Ich schaute in Gesichten der Nacht: Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie eines Menschen Sohn; und er kam zu dem Alten an Tagen und wurde vor ihn gebracht. Und ihm wurde Herrschaft und Herrlichkeit und Königtum gegeben, und alle Völker, Völkerschaften und Sprachen dienten ihm; seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergehen wird, und sein Königtum ein solches, das nicht zerstört werden wird“ (Verse 13.14). Diese Szene wird in den folgenden Verse unseres Evangeliums entfaltet.

Kapitel 17, Verse 1–8: Das Königreich en miniature

„Und nach sechs Tagen nimmt Jesus den Petrus und Jakobus und Johannes, seinen Bruder, mit und führt sie für sich allein auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihnen verwandelt; und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, seine Kleider aber wurden weiß wie das Licht. Und siehe, Mose und Elia erschienen ihnen und unterredeten sich mit ihm. Petrus aber hob an und sprach zu Jesus: Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten machen, dir eine und Mose eine und Elia eine. Während er noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke, und siehe, eine Stimme erging aus der Wolke, die sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; ihn hört. Und als die Jünger es hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. Und Jesus trat herzu, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht. Als sie aber ihre Augen erhoben, sahen sie niemand als Jesus allein“ (Verse 1–8).

In den ersten acht Versen dieses Kapitels dürfen wir einen Blick werfen auf die einzigartige Darstellung des Königreichs, wie drei Jünger sie mit dem Herrn Jesus erlebt haben. Woher wissen wir genau, das es sich um eine solche Entfaltung des Reiches handelt? Einmal haben wir das aus dem Zusammenhang der vorherigen Verse gesehen. Aber wir haben eine zusätzliche Bestätigung dieses Gedankens, eine inspirierte Auslegung dieser Begebenheit. Denn einer der damals anwesenden Jünger, Petrus, sollte später einiges über diese Herrlichkeit aufschreiben:

„Denn wir haben euch die Macht und Ankunft unseres Herrn Jesus Christus nicht kundgetan, indem wir ausgeklügelten Fabeln folgten, sondern als solche, die Augenzeugen seiner herrlichen Größe geworden sind. Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Herrlichkeit, als von der prachtvollen Herrlichkeit eine solche Stimme an ihn erging: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ Und diese Stimme hörten wir vom Himmel her ergehen, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren. Und so besitzen wir das prophetische Wort umso fester, auf das zu achten ihr wohl tut, als auf eine Lampe, die an einem dunklen Orte leuchtet, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“ (2. Pet 1,16–19).

Petrus und seine Mitjünger sind nicht irgendwelchen Erzählungen gefolgt, erst recht nicht Märchen oder Fabeln. Der Herr hatte ihnen in seiner Gnade sogar nicht nur vom Königreich erzählt – das hat Er natürlich öfter getan –, sondern Er hat sie auch teilhaben lassen an dieser zukünftigen Herrlichkeit. Sie waren direkte Augenzeugen seiner herrlichen Größe, die mit der „Macht und Ankunft“ – also mit der zukünftigen Gegenwart des Herrn auf dieser Erde – zu tun hat. Die Tatsache, dass Petrus auch die Stimme und die konkreten Worte des Vaters erwähnt, lässt keinen Zweifel zu, auf welche Begebenheit er sich bezieht. Er bestätigt auch noch einmal, dass die Jünger mit dem Herrn auf einem Berg waren, den er hier „heilig“ nennt. Diese Erscheinung sollte das Festhalten an dem prophetischen Wort und an dem moralischen Licht stärken, das dieses prophetische Wort über die Zukunft schon heute auf das Leben der Jünger des Herrn wirft. Immer wieder lernen wir im Neuen Testament, dass wir unser Leben aus der Perspektive der Zukunft heraus führen sollen.

Das prophetische Wort war an und für sich nicht neu. Das Alte Testament ist voll von Hinweisen, Weissagungen und Bildern über das 1.000-jährige Friedensreich. Aber hier konnten die Jünger dieses Reich – wenn auch nur kurz – regelrecht erleben. Gerade dadurch wurde dieses prophetische Wort des Alten Testaments befestigt und bestätigt für sie.

Der Bericht über die Verwandlung in den Evangelien

Wir finden den Bericht über diese sogenannte Verklärung (Verwandlung, das Strahlen) des Herrn in den drei synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas. Wir können gut verstehen, dass Johannes nicht davon berichtet. Denn er spricht von der ewigen, unübertrefflichen Herrlichkeit des Sohnes des Vaters, die Ihm von Ewigkeit zu Ewigkeit zu eigen ist. Markus zeigt uns, wie der Diener, der sich so sehr erniedrigt hat, in eine zukünftige Herrlichkeit gekleidet wird, die nicht mehr an diese Niedrigkeit erinnern lässt. Der Vater erweist seinem Knecht eine besondere Ehre. Markus betont besonders die Reinheit des Herrn. Und er zeigt, dass Gottes Antwort auf seine Reinheit hier auf der Erde auch darin besteht, diese einmal vor aller Welt in wunderbarem Glanz deutlich zu machen (vgl. Mk 9,3).

Lukas dagegen beschränkt sich nicht auf das zukünftige Königreich. Bei ihm heißt es daher auch nicht, dass der Sohn des Menschen „in seinem Reich“ kommt, sondern dass die Jünger „das Reich Gottes“ sehen würden (Lk 9,27). Er spricht von einer Szene, die bei uns heute schon Wirklichkeit sein kann. Er zeigt, wie wir im Reich Gottes eine himmlische Gemeinschaft als Gläubige mit dem Vater und dem Sohn „in der Wolke“ genießen dürfen. Daher ist auch von „etwa acht Tagen“ die Rede, nicht von den sechs Tagen, die Matthäus und Markus nennen. Das mag eine Frage der Ausdrucksweise sein, wie auch wir heute von acht Tagen – wir meinen eine Woche – sprechen, während sechs Tage den genauen Termin benennt. Aber die Zahl 8 ist immer wieder das Symbol für die Ewigkeit. Wenn es bei den Festen des Herrn einen achten Tag gab, dann steht dieser nicht für das 1.000-jährige Friedensreich, sondern für die dann beginnende Ewigkeit. Das ist der Bereich der neuen Schöpfung. Wir dürfen geistlicherweise schon heute in dieser neuen Schöpfung leben und die Gemeinschaft des Vaterhauses, von der Johannes 14,2 spricht, in der jetzigen Zeit vorweg genießen (vgl. Joh 14,23).

Lukas ist der Evangelist, der uns in die Briefe des Apostels Paulus einführt. Daher bezieht sich Lukas immer wieder, wenn Matthäus und Markus auf eine zukünftige Zeit hinweisen (gerade in den prophetischen Reden), auf die heutige Zeitperiode. In Lukas dürfen wir miterleben, dass der Vater seinem Sohn, dem vollkommenen Menschen Jesus Christus, durch diese Verwandlung eine Ermunterung auf dem Weg zum Kreuz schenkt, nachdem der Herr gerade zum ersten Mal von seinem Tod sprechen musste. Er stellt Ihm die vor Ihm liegende Freude vor, um deretwillen Er das Kreuz erduldete. Ausdrücklich heißt es hier, dass Mose und Elia „in Herrlichkeit“ erschienen (Lk 9,31), und zwar als Antwort Gottes auf die bewusste Abhängigkeit Jesu im Gebet.

Bei Matthäus finden wir einen weiteren Gesichtspunkt. Die Jünger waren sicherlich durch die Ankündigung des Todes des Herrn entmutigt. Die verkehrte Reaktion von Petrus beweist, dass sie nicht erfassten, was der Herr sagte, und sich mit dieser „Zukunft“ auch so nicht abfinden wollten. Da gibt ihnen Gott nicht nur einen Eindruck des Reiches Gottes, wie es bei Markus und Lukas heißt. Nein, Er lässt „sie den Sohn des Menschen kommen sehen in seinem Reich“ (Mt 16,28). So schenkt Gott ihnen eine großartige Ermutigung.

Nebenbei bemerkt sehen wir in der Tatsache, dass gerade derjenige der Evangelisten, der bei dieser Szene dabei war, als einziger nicht darüber berichtet, einen wunderbaren Beweis der Inspiration der Schrift. Die Frage ist nicht, wer menschlich gesprochen am passendsten für die jeweilige Berichterstattung ist. Der Geist Gottes kann sich über eine körperliche Anwesenheit hinwegsetzen, wenn es seinen göttlich vollkommenen Zielen entspricht.

Ein Blick auf das 1.000-jährige Friedensreich

Matthäus lässt uns einen Blick in die Zukunft tun – auf das 1.000-jährige Friedensreich, das Königreich in Macht und Herrlichkeit. Das wird durch die ersten Worte schon deutlich: „Und nach sechs Tagen …“ Das „und“ verbindet diesen Vers direkt mit Vers 28 im vorigen Kapitel, wo von dem Kommen des Sohnes des Menschen gesprochen wird. Die sechs Tage haben ebenfalls eine wichtige Bedeutung. Gerade die Tatsache, dass Lukas von „etwa acht Tagen“ im Unterschied zu Matthäus spricht, deutet an, dass in dieser Unterscheidung eine Bedeutung liegt. Wir wissen aus 1. Mose 1 und 2, dass Gott, der Herr, nach der Erschaffung der Erde in sechs Tagen am siebten ruhte. Der Sabbattag war der Tag der Ruhe. Dort ist er ein Vorbild auf Ewigkeit, in der Friede und Ruhe wohnen werden (vgl. 2. Pet 3,13). Das 1.000-jährige Friedensreich dagegen ist durch die Herrschaft des Sohnes des Menschen geprägt. Er wird eine verwaltende, segensreiche und von Gerechtigkeit geprägte Herrschaft ausüben (vgl. Jes 9,7). So schuf Gott den Menschen am sechsten Tag, und dieser sollte über das Geschaffene herrschen (1. Mo 1,28). Sechs Tage wurde gearbeitet. Sechs lange Tage mussten Gott und der Herr Jesus wirken (vgl. Joh 5,17). Aber diese Arbeit wird einmal in eine segensreiche Regierung der Gerechtigkeit münden, so dass Frieden sein wird.

Jesus nimmt die Jünger nach sechs Tagen mit auf einen hohen Berg. Er nimmt nicht alle Jünger mit, sondern Petrus und Jakobus und Johannes. Die drei, die in besonderer Weise von Ihm ausgewählt worden sind, bei der Auferweckung der Tochter des Jairus (vgl. Mk 5,37) und in Gethsemane (Mt 26,37) dabei zu sein sowie seiner prophetischen Rede zuzuhören (vgl. Mk 13,3, hier zusammen mit Andreas). Es waren zugleich die drei Jünger, die dem Herrn in besonderer Weise nahe standen und mit großem Eifer nachfolgten. Sie sollten ein ausreichendes Zeugnis davon geben können, was hier geschah – nicht nur zwei, sondern drei Zeugen.1 So erleben die drei Zeugen etwas von den Leiden des Herrn (Gethsemane), von der Auferstehungskraft Jesu (Tochter des Jairus), von dem Ratschluss Gottes für diese Erde (sog. Endzeitrede, vgl. Mk 13,3 ff.) und von dem künftigen Friedensreich.

Ein hoher Berg

Mit diesen drei Jüngern ging der Meister auf einen hohen Berg. Viermal finden wir den Herrn Jesus zusammen mit seinen Jüngern auf oder an einem Berg.2

  1. In Matthäus 5,1 lesen wir, dass Er ihnen dort die Grundsätze des Königreichs der Himmel verkündigt.
  2. In Matthäus 15,29 lesen wir, wie der Messias durch seinen Dienst und besonders durch Wunder Segen auf dem Berg verbreitet, der auch in Zukunft in seinem Reich von Ihm ausgehen wird.
  3. Hier nun werden wir Ohrenzeugen der bildhaften Verkündigung der Herrlichkeit des kommenden Königreichs. Der hohe Berg erinnert uns an die majestätische Größe des kommenden Königreichs, weit erhaben über alle Einrichtungen und Gedanken der Menschen, ja auch getrennt von ihnen.
  4. Und in Matthäus 28,16 sehen wir, dass der Herr von einem Berg aus seine Jünger als Boten seines Königreichs aussendet.

Viele meinen, dass es sich bei diesem Berg um den Berg Tabor handelt, der am Ostrand der Jisreelebene ist. Durch seinen isolierten Standort und seine Höhe von 588 Meter ist er sehr markant; der Gipfel liegt mehrere hundert Meter über der umgebenden Landschaft. Andere denken eher an den Hermon. Das ist ein 2814 m hoher Berg im Grenzbereich zwischen Libanon, Syrien und Israel, der drei Gipfel hat, und in der Nähe von Cäsarea Philippi liegt. Das zeigt: Wir wissen bis heute nicht, um welchen Berg es sich genau handelt.

Auf dem Berg erleben die Jünger eine einzigartige Szene. Der Herr wird verwandelt. Für einige Augenblicke wird außer Kraft gesetzt, was wir in Jesaja 53,2 lesen: „Er hatte keine Gestalt und keine Pracht; und als wir ihn sahen, hatte er kein Ansehen, dass wir ihn begehrt hätten.“ Jeder Gläubige wird diese Herrlichkeit in der Zukunft erleben – die drei Jünger durften schon damals einen Voraus-Blick auf diese Herrlichkeit tun.

Belehrungen über das Friedensreich

Was können wir aus dieser Szene der Herrlichkeit in Bezug auf das 1.000-jährige Friedensreich lernen? Und vor allem: Was erkennen wir im Blick auf die kommende Herrlichkeit des Sohnes des Menschen, der hier ganz offensichtlich im Mittelpunkt steht?

  1. Das Königreich wird insgesamt durch größte Herrlichkeit geprägt sein.
    Daher finden wir verschiedene Personen und Umstände mit dieser Herrlichkeit verbunden. Der Herr Jesus steht hier verherrlicht vor uns. Aber auch zwei Männer Gottes des Alten Testaments, die längst nicht mehr auf der Erde waren, kommen in verherrlichten Körpern auf den Berg und zum Herrn Jesus. Matthäus erwähnt, dass sowohl das Angesicht als auch die Kleider Jesu verwandelt wurden. Markus spricht nur von den Kleidern. Die Kleider sprechen von den Gewohnheiten und sind zugleich ein Hinweis auf die Stellung, die jemand einnimmt. Die Stellung des Herrn im 1.000-jährigen Königreich wird eine andere sein als diejenige, die Er damals in Niedrigkeit eingenommen hat. Er wird die Herrlichkeit eines göttlichen Königtums besitzen.
  2. Christus steht hier als wahrer König vor uns.
    „Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne.“ Das Angesicht spricht besonders von der persönlichen, äußerlich sichtbaren Herrlichkeit. Diese wird in Zukunft von der damaligen Erscheinung in Demut grundlegend verschieden sein. Natürlich war die moralische Herrlichkeit des Herrn immer dieselbe. Aber diese Herrlichkeit wird in Zukunft für alle sichtbar sein – leuchtend hell wie die Sonne.
    Aus Maleachi 3,20 erkennen wir, dass der Herr Jesus in dieser künftigen, hier vorhergesagten Zeit „als die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen wird mit Heilung in ihren Flügeln“. Für uns ist Er der Morgenstern, der vor Anbruch des Tages in der Nacht leuchtet und kommen wird. Denn wir leben geistlicherweise in der Nacht (vgl. Röm 13,12). Wir werden in der Nacht erleben, dass der Herr Jesus zu uns kommt, um uns in den Himmel zu führen (vgl. 1. Thes 4,16 ff.). Für das Volk Israel ist es jetzt ebenfalls Nacht. Denn sie haben keine Beziehung zu ihrem Gott. Aber nach der Nacht kommt der Tag – jedenfalls für das Volk Israel. Und dann wird der Herr Jesus für sie leuchten wie die Sonne. Es ist daher nicht von ungefähr, dass diese Charakterisierung als Sonne nicht bei Lukas oder Markus zu finden ist, deren Thema nicht in erster Linie das Friedensreich ist. Matthäus zeigt uns aber gerade diesen Charakter des Reiches. „Er hat der Sonne in ihnen ein Zelt gesetzt, und sie ist wie ein Bräutigam, der hervortritt aus seinem Gemach; sie freut sich wie ein Held, die Bahn zu durchlaufen. Vom Ende der Himmel ist ihr Ausgang, und ihr Umlauf bis zu ihren Enden; und nichts ist vor ihrer Glut verborgen“ (Ps 19,5–7). Herrlichkeit und Gericht werden so miteinander verbunden, wie es in der Zukunft auch der Fall sein wird.
  3. Christus wird nicht nur König, sondern Herrscher und Richter sein.
    Auch die Kleider des Herrn wurden weiß wie das Licht. Das zeigt uns, dass diese herrliche Erscheinung des Herrn nicht nur mit Frieden, sondern auch mit Gericht zu tun hat. Wenn wir die richterliche Offenbarung des Herrn in Offenbarung 1,16 ansehen, wo wir Ihn ebenfalls als den Sohn des Menschen sehen, „und sein Angesicht war, wie die Sonne leuchtet in ihrer Kraft“, dann zeigt uns das, dass das Kommen des Herrn mit einem Akt des Gerichts verbunden sein wird, nicht nur für die abgefallene Christenheit, sondern gerade für das abtrünnige Volk der Juden, wie wir in Matthäus 24 weiter lernen werden.
  4. Christus wird im Reich mit den himmlischen Gläubigen verbunden sein.
    Nur Matthäus spricht davon, dass das Angesicht des Herrn leuchtete. Diese Veränderung war für alle Anwesenden deutlich sichtbar. Dies erinnert uns auch an Matthäus 13,43, wo wir von den Söhnen des Reiches lesen, dass sie als Gerechte leuchten wie die Sonne im Reich ihres Vaters. Hier nun lernen wir, was die wahre Ursache für dieses Leuchten ist. Es ist das Strahlen des Messias, das zum Leuchten der Gerechten führen wird.
    Das wird durch die plötzliche Erscheinung von Mose und Elia unterstrichen. Wir können uns gut vorstellen, dass sie den Herrn in ihre Mitte nahmen. Denn Er ist der Mittelpunkt des Himmels und der himmlischen Wesen. Er wird auch im kommenden Reich der Herrlichste inmitten aller Gläubigen sein.
    Der Ausdruck „erscheinen“, den wir nach der Auferstehung des Herrn immer wieder in Bezug auf Ihn selbst finden (Lk 24,34; Apg 13,31; 1. Kor 15,5–8; 1. Tim 3,16), macht deutlich, dass es um verherrlichte Menschen geht.3 Diese beiden Männer stehen für die verherrlichten Gläubigen, die im Friedensreich zusammen mit dem Herrn Jesus als himmlische Menschen auf diese Erde kommen werden, um zusammen mit Ihm zu regieren. Mose ist der Prototyp für diejenigen Gläubigen, die heimgegangen sind und dann auferweckt werden, um bei Christus zu sein. Elia steht als einziger Israelit, der nicht sterben musste, sondern im Sturmwind in den Himmel geführt wurde, für diejenigen Gläubigen, die bei dem Kommen des Herrn Jesus leben werden und von Ihm verwandelt werden (vgl. 1. Thes 4,17).
    Diese Gläubigen werden in herrlicher Gemeinschaft mit dem Sohn des Menschen auf dieser Erde sein. „Sie unterredeten sich mit ihm.“ Es ist erstaunlich, dass wir nicht lesen: Und Er unterredete sich mit ihnen. Nein, sie leben in einer wunderbaren Freiheit, die ihnen nicht die Ehrfurcht vor ihrem Meister nimmt, die aber eine kühne Freiheit ist, so dass sie selbst mit Ihm eine Unterredung führen können. So herrlich wird auch unsere Zukunft sein. Wie schon gesagt, deutet Lukas an, dass wir dies sogar schon heute genießen können.
  5. Christus wird im Reich mit seinem irdischen Volk verbunden sein.
    Auf dem Berg sind aber noch andere Menschen: Petrus, Jakobus und Johannes. Diese drei Jünger sind ein Bild der künftigen treuen Übriggebliebenen aus den Juden, der irdischen Gläubigen, die den Herrn Jesus als Messias hier auf dieser Erde erwarten werden. Sie werden dadurch gekennzeichnet sein, dass sie sich nicht von dem falschen Propheten und König, dem Antichristen, verführen lassen. Zur Zeit Jesus war der König Herodes ein solcher unrechtmäßiger König, denn er war kein Jude, sondern Edomiter. So ist er ein Vorbild auf den Antichristen künftiger Tage. Was den künftigen Überrest betrifft, so werden sie dem Herrn Jesus treu bleiben und vor der Aufrichtung des Königreichs durch große Drangsale hindurchgegangen sein. Dann werden sie – nicht vom Himmel aus, aber – als „irdische“ Gläubige in das Königreich des Herrn Jesus hineingebracht werden. Auch sie erleben die wunderbare Regierung Christi.

Mose und Elia – die Repräsentanten des Alten Testaments

Mose und Elia sind jedoch noch Hinweise auf eine zweite, gerade in diesem Abschnitt sehr wichtige Sache. Mose war der Gesetzgeber des Volkes Israels. Immer wieder wird in diesem Evangelium das Gesetz Moses zitiert. Der Herr Jesus tut das selbst als Erster (vgl. Mt 4,4) und hat das bislang schon fünfmal getan. In Johannes 1,17 lesen wir zudem: „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben.“ Mose ist der große Gesetzgeber, natürlich unter der Hand Gottes. Elia dagegen ist der große Prophet. Das Alte Testament bezeugt das mehrfach. Er war der Prophet, der das Volk Israel, das sich von Gott weggewandt hatte, wieder zu Gott zurückführen wollte. So sehen wir auf dem Berg die beiden großen Repräsentanten des alten, jüdischen Bundes, gewissermaßen die Säulen des Alten Testaments. Wie schon gesagt, war der eine der einzige Jude, der ohne sterben zu müssen in den Himmel gebracht wurde. Der andere war der einzige Mensch, der jemals von Gott selbst beerdigt wurde.

Warum ist das so wichtig hier? „Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes“ (Mt 11,13). Diese Szene des 1.000-jährigen Reiches in unserem Abschnitt ist nicht nur ein wunderbares, herrliches Bild. Genauso wie wir in Matthäus 16 die Ablösung des Zeugen Israel durch einen neuen Zeugen, die Versammlung gesehen haben, lernen wir hier davon, dass die großen Instrumente Gottes im Alten Testament – das Gesetz und die Propheten – abgelöst werden. Hier nicht durch die Versammlung, sondern durch eine Person: „Jesus allein“ (Vers 8). Diesen Gedanken kann man mit Römer 3 verbinden: „Darum, aus Gesetzeswerken wird kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden; denn durch Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde. Jetzt aber ist, ohne Gesetz, Gottes Gerechtigkeit offenbart worden, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten: Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle und auf alle, die glauben“ (Verse 20–22).
Das Gesetz und die Propheten hatten ihren Dienst getan und erfüllt. Sie konnten das Volk nicht erretten, sondern nur aufmerksam machen auf die Sünde. Daher gehörten sie mit Johannes dem Täufer zum Alten Bund. Jetzt aber kam etwas ganz Neues durch den Herrn Jesus. Und diesen Wechsel finden wir gerade auf dem Berg der Verwandlung dargestellt, der im Blick auf das 1.000-jährige Friedensreich zeigt, dass Gott in Christus etwas Neues schaffen würde, von dem Er allerdings die Gläubigen des Alten Testaments nicht ausschließen wollte. Dieses Königreich wird durch einen neuen Bund gekennzeichnet sein, wie der Herr Jesus in Verbindung mit dem letzten Passah und der Einführung des Abendmahls deutlich machen wird. Und dieser neue Bund hat einen Mittelpunkt, eine Person: Jesus allein!

Verwandeln

An dieser Stelle noch ein Wort zum Ausdruck „verwandeln“ (Vers 2). Dieses Wort finden wir nur viermal in dem Neuen Testament, neben der Parallelstelle in Markus 9 noch in Römer 12,2 und 2. Korinther 3,18. Wir kennen aus der Biologie den Begriff „Metamorphose“. Diesen Ausdruck verwendet der Geist Gottes an dieser Stelle, um die Umgestaltung des Herrn auf dem Berg zu kennzeichnen. Diese Umgestaltung war äußerlich sichtbar, betrifft aber eine innere Verwandlung. Sie geht innerlich vor und wird dann nach außen erkennbar.

Bei dem Herrn Jesus war keine Veränderung von einem sündigen Zustand in einen sündlosen nötig, wie bei uns Sündern. Bei Ihm war auch keine Verwandlung in dem Sinn notwendig, dass Er – wie wir – innerlich in Übereinstimmung mit den göttlichen Gedanken gebracht werden musste. Bei Ihm bestand diese Verwandlung darin, von einem erniedrigten, leidenden, gehorsamen Knecht zu einem erhöhten, verherrlichten und herrschenden Sohn des Menschen verändert zu werden.

Bei uns aber ist eine grundsätzliche Veränderung nötig, die während unseres Glaubenslebens auf der Erde, bis wir nach Geist Seele und Leib errettet worden sind, als eine ständige Veränderung verwirklicht wird. Das zeigen die beiden oben genannten Bibelstellen. Unser Sinn muss verwandelt werden, um nicht von den Einflüssen dieser Gesellschaft sondern durch Gott selbst geformt zu werden. Und das ist am besten dadurch möglich, dass wir den verherrlichten Herrn Jesus anschauen. So werden wir von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt und leben in Übereinstimmung mit seinen Gedanken.

In der Realität der damaligen Szene waren Petrus und seine beiden Kollegen überfordert. Sie wussten nicht, was sie sagen und tun sollten. Statt zu schweigen und zu genießen, statt den Herrn machen zu lassen, kommt Petrus mit einem törichten Vorschlag: „Herr, es ist gut, dass wir hier sind. Wenn du willst, werde ich hier drei Hütten machen.“

Wer ist Jesus? Der geliebte Sohn des lebendigen Gottes!

Zunächst weise ich kurz auf die unterschiedlichen Titel des Herrn Jesus hin, die wir in diesem Zusammenhang in den drei synoptischen Evangelien finden. Matthäus spricht davon, dass Petrus Ihn „Herrn“ nennt. Markus zitiert Petrus mit dem Ausdruck „Rabbi“, Lukas mit dem Titel „Meister“. Matthäus benutzt den damals geläufigen (griechischen) Ausdruck für Herr oder Meister. Markus verwendet das Wort, dass die Jünger in ihren Unterhaltungen mit dem Herrn in aramäischer Sprache vermutlich verwendet haben: Rabbi. Es ist der Titel einer respektvollen Anrede an einen jüdischen Lehrer. Er ist der, der andere unterrichtet. Lukas hingegen verwendet das elegantere und klassischere, aber letztlich gleichbedeutende Wort für den Lehrer und Meister, das besonders von Autorität spricht.

Man kann kaum glauben, dass hier dieselbe Person wie in Kapitel 16,16 spricht. Petrus ist beeindruckt von der Szene, die er miterleben darf. Er sieht Personen in Herrlichkeit erscheinen und wird vielleicht schon damals an das erinnert worden sein, was diese Szene vorbildet: das 1.000-jährige Friedensreich. Jedenfalls zeugt sein Vorschlag, Hütten zu machen, von einer Erinnerung an das Laubhüttenfest, von dem wir in 3. Mose 23,33–43 lesen. Das war ein Fest der Ruhe und Freude, an dem acht tagelang viele Opfer der Dankbarkeit und Freude gebracht wurden (vgl. 4. Mo 29,12–38). Es war ein Fest der Ernte (vgl. 3. Mo 23,39) und weist hin auf die Zeit, in der Gott die Ernte seines Volkes – alle Erlösten seines irdischen Volkes – einsammeln wird. Sieben Tage wohnte das Volk in Laubhütten (3. Mo 23,43).

Tatsächlich hat dieses Fest bereits eine erste Erfüllung gefunden. Als Gott im Sohn Mensch wurde und als Mensch auf diese Erde kam, „zeltete Er unter uns“ (Joh 1,14). Aber das Volk war nicht bereit für diese Ruhe, in die der Herr Jesus sein Volk einführen wollte, wie wir wiederholt in diesem Evangelium gesehen haben. Deshalb gab es keine Freude und keinen Frieden, sondern das Kreuz auf Golgatha, und damit verbunden die Verwerfung Israels durch Gott (vgl. Röm 11,15).

Aber das ist nicht das Ende. Gott wird mit seinem irdischen Volk Israel sein Ziel erreichen. Er wird noch einmal auf diese Erde kommen und sein Volk besuchen. Dann wird es eine wunderbare Friedenszeit geben. „Und es wird geschehen, dass alle Übriggebliebenen von allen Nationen, die gegen Jerusalem gekommen sind, Jahr für Jahr hinaufziehen werden, um den König, den Herrn der Heerscharen, anzubeten und das Laubhüttenfest zu feiern“ (Sach 14,16).

Petrus wird damals diese Zusammenhänge noch nicht verstanden haben, weil der Geist Gottes noch nicht auf der Erde wohnte. Aber irgendwie wurde er an dieses Laubhüttenfest erinnert und schlägt vor, Hütten zu machen. Das Traurige an seinem Vorschlag war nicht, eine Hütte zu machen. Das Törichte war, drei Hütten zu machen, als ob Mose und Elia, so großartig diese Männer auch waren, auf derselben Stufe wie Christus stünden. Zwar nennt Petrus den Herrn noch an erster Stelle. Aber nur als einen von drei mehr oder weniger gleichwertigen Personen. Entweder erhob er diese fehlerbehafteten Menschen auf die Stufe des sündlosen Herrn Jesus Christus, oder er erniedrigte den einzigartigen Christus auf die Stufe von sündigen Menschen. Beides war für Gott untragbar.

Wie schnell sind auch wir heute dabei, ähnlich wie Petrus Vorschläge zu machen, was für den Herrn zu tun ist. Von Petrus sollten wir lernen, nicht vorschnell zu denken oder zu handeln. Auf den Herrn und die Weisung des Vaters zu warten, bedeutet nicht, untätig zu sein. Aber ein gewisses Abwarten schadet nie. Hier beispielsweise hatte der Herr kurz zuvor von seinem Tod gesprochen, nicht jedoch vom Wohnen in Laubhütten.

Der Vater greift ein – zugunsten seines Sohnes

Wie würde der Herr Jesus auf diesen törichten Vorschlag reagieren? Wir staunen, dass Er in bewundernswerter Demut schweigt. Nicht der Herr Jesus schreitet ein. Es ist Gott, der auf diesen Angriff gegen die Ehre und Herrlichkeit unseres Herrn antwortet. Jesus ist so demütig, dass Er nicht gegen diesen Angriff vorgeht. Aber der Vater kann nicht schweigen, wenn der Sohn sich so sehr erniedrigt oder die Ehre des Herrn erniedrigt wird. Als Jesus in den Jordan ging, um getauft zu werden, und dort wie einer von vielen anderen des Volkes Israel aussah, der durch die Taufe seine Sünden bekannte, machte der Vater unmittelbar und unmissverständlich klar, dass hier sein geliebter Sohn war, der nicht nur sündlos war, sondern zugleich sein ganzes Wohlgefallen besaß (vgl. Mt 3,17). Er war nicht einer von vielen. Er war der Eine.

Hier antwortet der Vater genauso eindrücklich. „Während er noch redete, siehe, da überschattete sie ein lichte Wolke, und siehe, eine Stimme erging aus der Wolke, die sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe; ihn hört.“ Die Antwort Gottes hat zwei Teile, die jeweils mit einem „siehe“ eingeführt werden. Noch während Petrus redete – Gott lässt ihn gar nicht ausreden, so gravierend ist dessen Fehler, so sehr ehrt der Vater hier seinen Sohn – kommt die göttliche Antwort.

  1. Gott benutzt ein alttestamentlich bekanntes Symbol seiner Gegenwart. Die Wolke, die nach 2. Mose 40,34 das Zelt der Zusammenkunft bedeckte und die Wohnung erfüllte und die nach 2. Chronika 7,1.2 auch den Tempel bewohnte, spricht von der direkten Gegenwart Gottes inmitten seines Volkes. Er wohnte in der Wolke bei seinem Volk. In diese Wolke konnte kein Mensch eintreten, weil er sofort vernichtet worden wäre.
  2. Durch das Beharren auf dem Götzendienst und den Abfall von Gott war es Gott nicht mehr möglich, inmitten seines Volkes zu wohnen. In Hesekiel 9–11 kann man nachlesen, wie daher dieses Symbol der Gegenwart Gottes inmitten seines Volkes, die Wolke, den Tempel und dann auch die Stadt verließ (und in den Kapitel 43.44, wie sie im 1.000-jährigen Friedensreich wieder zurückkommen wird).
    Diese Wolke war seitdem nie wieder zurückgekehrt. Hier auf einmal jedoch erscheint sie wieder und überschattet „sie“. Petrus nennt sie in seinem Brief „die prachtvolle Herrlichkeit“ (2. Pet 1,17). Lukas 9,34 können wir entnehmen, dass diese Wolke sowohl den Herrn Jesus als auch Mose und Elia überschattete, vielleicht sogar auch die drei Jünger. Das ist ein Wunder! Denn zum ersten Mal hören wir davon, dass Menschen in diese Wolke der Gegenwart Gottes eintreten können, ohne umzufallen und durch die Heiligkeit Gottes vernichtet zu werden. Im Alten Testament konnte der Hohepriester nur einmal im Jahr und dann nicht ohne Blut und Weihrauch4 in das Allerheiligste treten. Hier sehen wir Menschen, die ohne ein direktes Opfer und ohne Weihrauch Gott nahen können. Das Werk des Herrn Jesus ist auch hier die Grundlage, ebenso sein Wohlgeruch. Denn auch wenn sein Werk de facto noch nicht geschehen war, sah es Gott in dieser Szene doch schon als geschehen an. So war die Wirklichkeit praktischer Gemeinschaft von Gott mit erlösten Menschen in der Person des Herrn schon gekommen, sodass die materiellen Dinge wie Blut und Weihrauch nicht mehr nötig waren.
  3. Der Vater spricht aus dieser Wolke heraus. Das bestätigt noch einmal, dass diese Wolke ein Hinweis auf die Gegenwart Gottes ist. Der Vater hat eine Botschaft. Sie ist an die Jünger gerichtet und lautet: Mose und Elia, so großartig diese Instrumente in der Hand Gottes waren, sind nicht zu vergleichen mit seinem Sohn. Sie waren Sünder und fehlerhaft, Er dagegen der Vollkommene, Sündlose! Die Gnade mag Mose und Elia in die gleiche Herrlichkeit bringen, in welcher der Sohn Gottes immer war, und diese Männer an die Seite des Herrn Jesus stellen – aber es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen ihnen und dem Herrn.
    Petrus hätte das schon wissen können. Er hatte kurz vorher die Einzigartigkeit der Person des Herrn bezeugt (vgl. Mt 16,14). Nachdem Petrus jetzt so versagt und die Offenbarung des Vaters vergessen hat, stellt der Vater klar: „Dieser“ – und sonst niemand – „ist mein geliebter Sohn“. Er ist nicht nur ein Prophet, der das Sprachrohr Gottes ist. Er ist nicht der Größte von drei Männern Gottes, von drei Propheten. Er ist der Sohn, mit dem der Vater eine ewige Beziehung genießt. Er ist nicht einfach ein Mensch, welcher der königliche Messias auf der Erde ist. Er ist der ewige Sohn des ewigen Vaters. Er ist auch nicht ein Sohn unter vielen. Er ist der Eine, der vom Vater geliebt wird. An Ihm und an Ihm allein hat der Vater sein Wohlgefallen. Er ist einzigartig.
  4. „Ihn hört“. Mose und die Propheten hatten ihre Aufgabe, hatten ihre Funktion. Aber jetzt ist der Sohn gekommen. Er stellt das Alte Testament nicht zur Seite, aber Er ist die Erfüllung des Alten Testaments. Auf Ihn weisen diese Weissagungen hin. Daher wurde jetzt nicht das Gebot ausgesprochen, auf Mose und die Propheten zu hören. Sie müssen letztlich verblassen und verschwinden, wenn es um Ihn geht. Wir können das heute nicht mehr nachvollziehen – aber dieser Punkt wirkte wie ein Paukenschlag für jeden gläubigen Juden! Denn diese beiden Männer und das, was sie repräsentierten, war der ganze Stolz der Juden; darauf setzen sie ihr ganzes Vertrauen! Das alles aber musste verblassen, als der Sohn in Erscheinung trat.
    Auch der Vorschlag von Petrus zählte nicht. Er hatte aus eigenem Antrieb gesprochen. So standen seine Worte in einem Gegensatz zu den Gedanken Gottes. Es zählt nur noch: „Ihn“, und Ihn allein, „hört“. Es ist diese Aufforderung, die sich auch an uns richtet: Wir sollen auf Ihn und auf Ihn allein hören.5 Er hat uns viel gesagt. Auf alles das sollen wir hören. Und wir dürfen mit Ihm Gemeinschaft pflegen: „Und zwar ist unsere Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus“ (1. Joh 1,3).
  5. Das Verschwinden von Mose und Elia hat nichts damit zu tun, dass ihr Zeugnis wertlos wäre. Wie Petrus in seinem zweiten Brief sagt, könnte es kaum eine stärkere Bestätigung ihres Zeugnisses geben, als gerade durch diese Verherrlichung auf dem Berg. Denn diese Szene ist ja gerade die Erfüllung aller alttestamentlichen Weissagungen – auf diesen Augenblick hin haben sie prophezeit. Und es ist auch wahr, dass derjenige, der ein tiefes Verständnis der Gnade besitzt, einen viel größeren Respekt vor dem Gesetz hat als diejenigen, die Gnade und Gesetz miteinander vermischen und damit den Wert von beidem zerstören (vgl. Mt 9,16.17). Aber Mose und Elia waren nicht die Gegenstände des Zeugnisses Gottes, wie es Christus war. Zudem bezog sich ihr Zeugnis nicht auf himmlische Dinge, die jetzt durch den Sohn des Menschen, vom Himmel gekommen, sichtbar gemacht wurden. Sogar Johannes der Täufer weist darauf hin, dass diese himmlische Seite ein besonderes, einzigartiges Merkmal des Herrn ist (vgl. Joh 3,31–34). Der Herr Jesus selbst sagt dies ebenfalls von sich (Joh 3,13).
  6. Der Vater zeigt den Sohn in dieser Szene nicht als denjenigen, welcher der Liebe der Jünger würdig war, sondern als denjenigen, welcher der Gegenstand der Liebe und des Wohlgefallens des Vaters ist. So wird uns die Liebe des Vaters als Maßstab und Vorbild der unsrigen vorgestellt.
  7. Mit diesem Punkt einher geht auch, dass jeder Gedanke an eine Wiederherstellung des Alten, des alten Bundes, des alten Systems, verworfen wird. Jesus Christus als der Sohn des lebendigen Gottes und als der Sohn des Menschen erfüllt jetzt die Freude des Vaters und führt etwas Himmlisches, Neues ein. Alles andere muss weichen und wird nicht wieder hervorgeholt.

Jesus allein

Während wir hier keinen Hinweis darauf finden, was mit Mose und Elia geschah, sehen wir, dass die Jünger durch diese Ansprache des Vaters und den Eindruck der Herrlichkeit überfordert sind, auf ihr Angesicht fallen und sich sehr fürchten. Das ist immer die Folge, wenn das Fleisch in einem Gläubigen nicht durch Selbstgericht ganz praktisch den Platz im Tod zugewiesen bekommt: Man fürchtet sich. Hinzu kommt, dass die Jünger wussten, was das Erscheinen der Herrlichkeit Gottes im Alten Testament immer wieder bedeutete: Gericht für Sünder, die in der Gegenwart des heiligen Gottes standen (vgl. z.B. 4. Mo 12,5; 14,10; 16,19). Weder Gesetz noch Propheten konnten hier helfen. Aber der Herr!

Er lässt seine Jünger auch jetzt nicht fallen, sondern rührt sie an und macht ihnen neuen Mut: „Steht auf und fürchtet euch nicht.“ Sie brauchten keine Angst zu haben, denn sie hatten den bei sich, auf dem das ganze Wohlgefallen des Vaters ruht. Er rührte sie an – seine Hände ließen sie die Liebe des Vaters spüren, so wie einmal die Übriggebliebenen in Israel durch den Messias angerührt werden, wenn Er zu ihrer Rettung kommen wird.

„Als sie aber ihre Augen erhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.“ Der Vater hat dafür gesorgt, dass dem Herrn Jesus der Platz gegeben wird, der Ihm gebührt. Jetzt stellt Er sicher, dass auch die Jünger den richtigen Blick erhalten und bewahren. „Jesus allein“ – das ist die Herausforderung für uns selbst. Ihn kann man nicht groß genug machen! Einmal werden die gläubigen Juden auch diesen Blick finden, wie wir in Jesaja 53 und Sacharja 12,10 lernen. Jetzt galt das schon für die Jünger. Die Vision und die Erscheinung gingen vorüber – Jesus jedoch blieb!

Mose und Elia waren verschwunden. Auch die Szene der Herrlichkeit ist vorbei. Die Jünger waren noch nicht in der Lage, diese Herrlichkeit zu ertragen. Aber bis sie einmal kommen wird, bleibt der Eine, der durch die Zeiten hindurchführt: Jesus Christus. Es gibt eine größere Herrlichkeit als diejenige, die auf dem Berg sichtbar wurde. Das haben wir in Kapitel 16 gesehen. Aber jede Herrlichkeit gehört Ihm und ist etwas Besonderes in sich selbst. Denn es ist seine Herrlichkeit – und Er bleibt.

In dieser Begebenheit stellte Gott sicher, dass die Jünger nur noch Christus im Blickfeld hatten und keine Anstrengungen mehr hin zu Mose oder Elia unternahmen. Für uns gilt es, diese Lektion ganz praktisch zu lernen und unsere Augen nicht mehr von unserem Herrn zu wenden. Es kommt darauf an, Ihn zu sehen und anzuschauen. Ihn allein!

Verse 9–13: Das Kommen Elias vor der Wiederherstellung Israels

„ Und als sie von dem Berge herabstiegen, gebot ihnen Jesus und sprach: Sagt niemand das Gesicht, bis der Sohn des Menschen aus den Toten auferstanden ist. Und die Jünger fragten ihn und sprachen: Was sagen denn die Schriftgelehrten, dass Elia zuerst kommen müsse? Er aber antwortete und sprach: Elia zwar kommt und wird alle Dinge wiederherstellen; ich sage euch aber, dass Elia schon gekommen ist, und sie haben ihn nicht erkannt, sondern an ihm getan, was irgend sie wollten. Ebenso wird auch der Sohn des Menschen von ihnen leiden. Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen sprach“ (Verse 9–13).

Jesus verbot nicht nur, dass man Ihn weiter als den Christus verkündigte (vgl. Mt 16,20). Jetzt gebot Er auch, dass darüber hinaus diese Vision 6 weitererzählt würde, bis Er, der Sohn des Menschen, aus den Toten auferstanden sein würde. Die Jünger und das Volk erwarteten die Aufrichtung des herrlichen Königreichs Gottes. Nun mussten die Zwölf erkennen, dass ihnen nicht nur verboten wurde, von Ihm als Christus, dem König dieses Reiches, zu reden. Sie durften auch nichts von dem Charakter der Macht und Herrlichkeit dieses künftigen Königreichs weitergeben.

Der Herr konnte sich seinem irdischen Volk nicht mehr als Christus vorstellen. Er konnte ihnen aufgrund ihrer Ablehnung nicht einmal die Hoffnung auf eine herrliche Zukunft zeigen. Nur seinen Jüngern, die zu den gläubigen Übriggebliebenen gehörten, konnte Er Mut machen mit einem Blick auf diese Zukunft. Zugleich belehrt Er sie, dass Er dann nicht nur als Messias sondern als der Sohn des Menschen kommen würde. Als solcher würde Er zum Segen weit über Israel hinaus sein. Seine Erscheinung wird nicht die des Menschen Jesus sein, wie Er damals gekommen ist. Er wäre dann ein Mensch, der „aus den Toten auferstanden ist“. So finden wir hier – auch wenn Er nicht ausdrücklich auf seine Leiden hinweist wie in Kapitel 16,21 und später in Kapitel 17,22.23 – eine zweite Ankündigung seines Todes.

Die Frage der Schriftgelehrten zu Elia

Wieder hat man das Gefühl, dass die Jünger überhaupt nicht verstanden haben, was der Herr ihnen sagen wollte. Zwar waren sie den Worten ihres Meisters anscheinend gehorsam. Aber sie gehen überhaupt nicht auf diesen Hinweis des Herrn ein. Stattdessen sprechen sie über Elia.

Anscheinend nahmen sie die Meinung der Volksmengen, Jesus sei Elia (vgl. Mt 16,14) sowie die Erscheinung Elias auf dem Berg (vgl. Mt 17,3) zum Anlass, eine Bemerkung der Schriftgelehrten aufzugreifen, die diese im Beisein der Jünger immer wieder ausgesprochen hatten. Die Schriftgelehrten kannten sich gut im Alten Testament aus. Sie konnten viele Weissagungen zitieren. Was ihnen allerdings fehlte, war eine von Gott gegebene Einsicht und eine Unterwerfung unter das Gesetz. Das war ihnen nicht geschenkt, weil sie den Gesalbten Gottes ablehnten. So wussten sie intellektuell gut Bescheid, ohne diese Weissagungen richtig einordnen zu können.

Offenbar schauten aber auch die Jünger zu diesen Menschen hoch. Die Schriftgelehrten hatten sich einen Ruf inmitten der Juden erworben, der nicht spurlos an den Jüngern vorbeigegangen war. Wenn die Schriftgelehrten sich eine Meinung gebildet hatten, musste etwas daran sein. „Was sagen die Schriftgelehrten, dass Elia zuerst kommen müsse?“

Wie kamen diese Menschen zu der Frage nach Elia? Wir finden das hier nicht weiter erläutert, doch kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese bösen Menschen mit dieser Frage die Autorität des Herrn Jesus in Frage stellen wollten. Wenn Er wirklich der Messias gewesen wäre – und das hatten die Jünger doch gerade in besonderer Weise erlebt! –, hätte dann nicht zuerst Elia kommen müssen? Denn es war doch geweissagt worden, dass Elia vor dem großen Tag des Messias kommen sollte.

Der Herr Jesus ist auf diese Frage gewissermaßen vorbereitet. Er gibt eine vollkommene Antwort! „Elia zwar kommt und wird alle Dinge wiederherstellen; ich sage euch aber, dass Elia schon gekommen ist.“ Christus weist damit auf zwei verschiedene Zeitabschnitte hin:

Zwei Kommen von Elia


  1. Elia zwar kommt und wird alle Dinge wiederherstellen: Diese Aussage bezieht sich auf die Zeit kurz vor dem Kommen des Messias, wenn dieser sein Königreich in Macht und Herrlichkeit aufrichten wird (vgl. Mal 3,23). Dieses Ereignis liegt auch für uns noch in der Zukunft – und damit erst recht für die Jünger damals. Elia wird dann einen Zustand inmitten des Volkes erleben, der traurig ist und durch Entzweiung sogar inmitten der Familien geprägt ist. Es geht dabei also um den moralischen Zustand der Juden, der dann vorherrschen wird. In Apostelgeschichte 3,21 finden wir erneut den Hinweis auf die Wiederherstellung aller Dinge. Dort geht Petrus in seiner Rede allerdings nicht darauf ein, dass diese Wiederherstellung durch den zukünftigen Elia bewirkt wird, sondern führt sie auf die Ankunft des Sohnes des Menschen zurück.
  2. Elia ist schon gekommen: Elia war tatsächlich schon gekommen, aber sie – ein Wort scharfer Zurechtweisung der Schriftgelehrten und ihrer Freunde – „haben ihn nicht erkannt, sondern an ihm getan, was irgend sie wollten“. Die Jünger erkennen sofort, dass der Herr hiermit niemand anderes meint als Johannes den Täufer. Das hatte Er ja bereits in Kapitel 11,14 erläutert. Elia war längst gekommen, aber die Führer des Volkes Israel haben diesen Menschen in seinem wahren Charakter verkannt. Sie haben verstanden, dass er sie zur Buße aufforderte. Aber das lehnten sie ab. Sie verwarfen seine Botschaft und mit seiner Botschaft auch ihn selbst. So ist seine Ermordung durch Herodes letztlich eine zwangläufige Folge ihrer schon sehr früh sichtbaren Einstellung zu ihm.

In diesem Zusammenhang mag es nützlich sein, die verschiedenen Ankündigungen in Bezug auf Elia bzw. Johannes den Täufer im Alten Testament zu streifen. Wir haben das ansatzweise schon in Verbindung mit Kapitel 11 getan. Hier möchte ich die entsprechenden Stellen einmal vollständig zitieren.

Elia und Johannes der Täufer im Alten Testament

  1. Jesaja 40,3–5: „Stimme eines Rufenden: In der Wüste bahnt den Weg des Herrn; ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott! Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden; und das Höckerige soll zur Ebene werden, und das Hügelige zur Talebene! Und die Herrlichkeit des Herrn wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des Herrn hat geredet.“
    Diese Weissagung wird in Lukas 3,4.5 und in Matthäus 3,3 zitiert als ein direkter Hinweis auf Johannes den Täufer. Er hat diese Weissagung direkt erfüllt.
  2. Maleachi 3,1.2: „Siehe, ich sende meinen Boten, damit er den Weg vor mir her bereite. Und plötzlich wird zu seinem Tempel kommen der Herr, den ihr sucht; und der Engel des Bundes, den ihr begehrt: Siehe, er kommt, spricht der Herr der Heerscharen. Wer aber kann den Tag seinen Kommens ertragen, und wer wird bei seinem Erscheinen bestehen? Denn er wird wie das Feuer des Schmelzers sein und wie die Lauge der Wäscher.“
    Das Zitieren des ersten Teils von Vers 1 in Matthäus 11,10, Markus 1,2 und Lukas 7,27 zeigt deutlich, dass der erste Satz durch Johannes damals erfüllt wurde. Der zweite Teil dieses Verses in Verbindung mit Vers 2 zeigt jedoch ebenso klar, dass die eigentliche und endgültige Erfüllung der Weissagung in ihrer Gesamtaussage noch vor uns liegt. Sie wird geschehen, wenn der Herr Jesus noch einmal auf diese Erde kommen wird. Diesem Kommen geht das Feuer des Schmelzers und die Lauge der Wäscher voraus.
  3. Maleachi 3,23.24: „Siehe, ich sende euch Elia, den Propheten, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare. Und er wird das Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern wenden, damit ich nicht komme und das Land mit dem Bann schlage.“
    Dieser Vers wird im Neuen Testament nicht direkt zitiert. Er bezieht sich tatsächlich nicht auf Johannes den Täufer, sondern auf einen Propheten, der kurz vor dem zweiten Kommen des Herrn Jesus der Wegbereiter des Herrn sein wird, und zwar im Namen und Charakter Elias. Vielleicht wird er einer der zwei Zeugen sein – oder sie beide sind die Erfüllung der Weissagung Maleachis –, von denen man in Offenbarung 11,6 lesen kann. Diese beiden Zeugen werden in der Kraft von Mose und Elia auftreten, das heißt, sie wirken ganz ähnliche Wunder wie diese.
    Und doch gibt es eine Anspielung auf Maleachi 3,24 im Neuen Testament. Vor seiner Geburt war Johannes angekündigt worden als ein Mann, der „in dem Geist und der Kraft Elias“ auftreten würde (Lk 1,17). Sein Anliegen war eine moralische Erfüllung der Weissagung Maleachis. Denn Johannes sollte tätig sein, „um die Herzen der Väter zu den Kindern zu bekehren und Ungehorsame zur Einsicht von Gerechten“ zu bringen.7 Johannes ist dies nicht gelungen, weil das Volk so widerspenstig war.

Als Johannes im aktiven Dienst war, bekannte er, dass er nicht Elia sei (vgl. Joh 1,21). Denn er war nicht die eigentliche und endgültige Erfüllung der Vorhersagen des Alten Testaments. Wir müssen dabei nicht glauben, dass Elia noch einmal in Person auf diese Erde kommen wird, um zum Volk Israel zu reden und es zur Umkehr zu bringen. Nein, der Mann, der einmal kommen wird, wird ähnlich wie Johannes in der Kraft und im Geist Elias auftreten, aber kein auferstandener und verherrlichter Elia sein.

Ein Ausleger weist darauf hin, dass dieser Mann nicht in Amerika, Europa oder Australien erscheinen wird, sondern nach Israel kommen wird. Da, wo Elia damals zeugte und wo auch Johannes der Täufer war, wird der angekündigte Elia sein Zeugnis ablegen. Sein Dienst ist beschränkt auf das Land Israel. Er wird auch nicht die Kirche oder Christenheit reformieren, sondern, wie gesehen, innerhalb des Volkes der Juden eine Wiederherstellung bewirken.

Der Herr Jesus bestätigt auch an dieser Stelle noch einmal, dass Er als der Sohn des Menschen leiden müsse – genau so wie sein Vorläufer Johannes. Dies war auch in Übereinstimmung mit den alttestamentlichen Propheten. Ähnliches sahen wir am Anfang des 14. Kapitels, wo die Ermordung von Johannes dem Täufer ein Symbol für die Verwerfung und letztlich Ermordung Jesu war. Der Herr hatte immer das Ende seines Lebens hier auf der Erde, seinen Tod, vor Augen. Aber die Ermordung von Johannes erinnerte Ihn in besonderer Weise daran – so wie sicher jede Sünde Ihn an seinen Kreuzestod denken ließ. Wie muss es Ihn aber geschmerzt haben, dass seine Jünger offenbar wenig Anteil an seinen Empfindungen nahmen: Es heißt lediglich, dass sie seine Ausführungen über Johannes verstanden hatten.

Zum Schluss noch ein Vergleich zwischen Elia und dem Herrn. Es gibt ein dreifaches Kommen von Elia: Zunächst trat er natürlich als Prophet im Alten Testament auf. Dann kam er zur Zeit Jesu in der Person Johannes des Täufers. Schließlich wird er vor dem Kommen des Herrn in Person eines Dritten in Israel auftreten. Auch bei dem Herrn Jesus lesen wir von einem dreifachen Kommen: Er kam vor 2.000 Jahren auf diese Erde, um zu leiden und zu sterben. Er wird zur Entrückung aller Erlösten von Adam bis zum Ende der Gnadenzeit wiederkommen. Und Er wird auf diese Erde kommen, um in Macht und Herrlichkeit zu herrschen. Während aber für Elia drei Personen nötig sind, um dies alles zu erfüllen, bleibt der Herr immer derselbe. Er allein erfüllt das Herz und den Ratschluss Gottes!

Verse 14–21: Der traurige Zustand der Besten in Israel: der Jünger

„Und als sie zu der Volksmenge kamen, trat ein Mensch zu ihm und fiel vor ihm auf die Knie und sprach: Herr, erbarme dich meines Sohnes, denn er ist mondsüchtig und leidet schwer; denn oft fällt er ins Feuer und oft ins Wasser. Und ich brachte ihn zu deinen Jüngern, und sie konnten ihn nicht heilen. Jesus aber antwortete und sprach: O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Bis wann soll ich bei euch sein? Bis wann soll ich euch ertragen? Bringt ihn mir her. Und Jesus gebot ihm ernstlich, und der Dämon fuhr von ihm aus; und der Knabe war geheilt von jener Stunde an. Da traten die Jünger für sich allein zu Jesus und sprachen: Warum haben wir ihn nicht austreiben können? Er aber spricht zu ihnen: Wegen eures Unglaubens; denn wahrlich, ich sage euch, wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berg sagen: Werde versetzt von hier nach dort!, und er wird versetzt werden; und nichts wird euch unmöglich sein. Diese Art aber fährt nicht aus, als nur durch Gebet und Fasten“ (Verse 14–21).

In diesen Versen begegnen wir einem direkten Kontrast zu der Verwandlung des Herrn auf dem Berg. Dort war alles Herrlichkeit und Harmonie. Die Macht Satans war nicht zu erblicken. Alles war in vollkommener Übereinstimmung mit den Gedanken Gottes, wenn wir einmal von dem törichten Vorschlag von Petrus absehen. Hier dagegen ist die Macht Satans mit Händen greifbar. Zuerst führte der Herr die Seinen in die Herrlichkeit ein, danach kommt Er zusammen mit ihnen sozusagen wieder in diese Welt herab. Wieder offenbart Er seine Vollkommenheit, in diesem Fall durch sein vollkommenes Mitgefühl und seine erhabene Macht.

Damit zeigt uns der Herr Jesus erneut in vorbildlicher Weise, was in der Zukunft geschehen wird. Gott wird in Christus sein herrliches Königreich auf dieser Erde aufrichten (Mt 17,1–8). Er konnte das damals noch nicht tun, weil der Herr Jesus zunächst das Erlösungswerk vollbringen musste. So war es nötig, dass Christus starb und auferstand (Mt 17,9). Bevor Er seine Herrschaft aber antreten wird, kommt noch der „dritte“ Elia (Mt 17,10–13). Und wenn Er wiederkommen wird, wird das zum Segen seines Volkes sein, das Er gesund machen wird (Mt 17,14–21). Dass diese Begebenheit bei allen drei synoptischen Evangelisten direkt nach der Szene der Verwandlung des Herrn steht, verdeutlicht, dass es einen inneren Zusammenhang zwischen den beiden Abschnitten gibt.

Wir finden in der Begebenheit der Verse 14–21 einen Mann, dessen Sohn schwerkrank ist. Wir lesen von Jüngern, die nicht in der Lage sind, die ihnen vom Herrn übertragene Macht über Krankheiten einzusetzen (vgl. Mt 10,1). Wir sehen Satan, der seine ganze Macht dazu verwendet, Menschen in seine Gewalt zu bringen und dort zu halten. Aber da ist auch ein Mensch, der Gott selbst ist und diesem Elend in Macht und Gnade zu begegnen weiß.

Man fragt sich, warum dieser Abschnitt gerade an dieser Stelle steht und welche Bedeutung er in den verschiedenen Belehrungen des Herrn einnimmt. Bislang haben wir öfter gesehen, wie der geistliche Zustand inmitten des Volkes Israel war: sündig, elendig, ohne Gott und Gott nicht die Ehre gebend. Wir haben auch erkennen können, dass dieses Volk durch seine Führer vollkommen fehlgeleitet worden ist. Diese waren nicht nur elend, sie waren auch böse, lästerten Gott und den Herrn Jesus, und verwarfen Ihn in jeder erdenklichen Weise.

Die Jünger waren nicht besser als das übrige Volk

In diesem Abschnitt sehen wir nun, dass selbst die Jünger, die sich der Herr Jesus ausgesucht hatte, damit sie bei Ihm seien und Ihm dienten, letztlich nicht besser waren. Sie waren keine Ungläubigen wie die Führer des Volkes. Aber auch sie muss der Herr Jesus tadeln als ein „ungläubiges und verkehrtes Geschlecht“. Selbst die besten Leute des Volkes – im moralischen Sinn gesprochen – waren grundsätzlich nicht besser als das Volk. Auch sie zeigten durch ihren Lebenswandel und Unglauben, wie notwendig ein Erlöser für das Volk war. Auch sie brauchten einen Erlöser. Auch sie bewirkten durch ihren Unglauben, dass der Herr sein Königreich nicht sofort in Macht und Herrlichkeit aufrichten konnte. Er musste zunächst leiden und sterben und wird erst in Zukunft in Herrlichkeit regieren können. Daher finden wir sofort im Anschluss an diesen Abschnitt die zweite direkte Ankündigung der Leiden und des Todes des Herrn.

Zugleich stellt der Sohn dieses Menschen, der zu Jesus kommt, erneut den elenden und schlimmen Zustand des Volkes Israel vor. Emmanuel, Gott mit uns, war gekommen, um sein Volk in das herrliche Königreich einzuführen. Das Volk aber war sozusagen mondsüchtig und litt schwer. Das, was Gott vollkommen und zum Segen der Menschen erschaffen hatte – die Elemente dieser Erde – waren zu einer Bedrohung der Menschen geworden.

Vielleicht spricht der fehlende Hinweis auf die nähere Herkunft dieses Menschen, der einfach „Mensch“ genannt wird, noch von etwas Weiterem. Bislang lag der Fokus in diesem Evangelium auf dem Zustand des Volkes Israel. Jetzt, wo klar war, dass das Volk seinen König verworfen hatte und daher alle Ansprüche auf den König und sein Königreich verwirkt hatte, zeigte dieser König auf dem „Berg der Verklärung“, wie sein Reich einmal aussehen würde. Hätten dann nicht durch das Versagen der Juden die anderen Nationen ein Recht, in dieses Königreich einzugehen? Als Antwort darauf zeigt uns Gott in Form dieses Menschen, der weder Jude noch Heide genannt wird, dass es überhaupt niemanden gibt, der nicht unter der Macht Satans und der Sünde steht. Nicht nur das Volk Israel war durch die Sünde verunreinigt. Auch die Menschen im Allgemeinen waren gottlos und verloren und verwarfen den Herrn Jesus. Daher finden wir im Anschluss an diese Szene, dass nicht nur die Juden und ihre Führer den Herrn ans Kreuz brachten (Mt 16,21), sondern dass es ebenso die Menschen und damit die Heiden waren, die den Herrn töten würden (vgl. Mt 17,22.23). Alle Menschen sind vereint in ihrem sündigen, gottlosen Zustand.

Auf jeden Fall sehen wir hier – wenn wir den vorbildlichen Charakter dieser Abschnitte erkennen –, wie es in der Welt aussehen wird, wenn der König aus dem Himmel kommt, um sein Königreich auf der Erde aufzurichten. Was wird der Herr dann vorfinden? Er kommt auf eine Erde, die von Satan beherrscht und unterdrückt wird.

Aus Offenbarung 12,9 wissen wir, dass Satan während der Drangsalszeit auf die Erde geworfen wird, und zwar in der Mitte der von Daniel prophezeiten 70. Woche (vgl. Dan 9,27). Satan wird in einer bis dahin nicht gekannten Weise seine Macht ausüben, um wenn möglich Geist, Seele und Körper der Menschen zu zerstören. Genau davon ist die vor uns stehende Begebenheit ein Bild. Tatsächlich werden auch die verständigen Juden nicht in der Lage sein, die Menschen von der Macht Satans zu befreien. Sie müssen warten, bis der Sohn des Menschen auf die Erde kommen wird, um die Herrschaft Satans für immer zu beenden.

Manche Ausleger nehmen an, dass die Verklärung des Herrn in der Nacht geschah, weil dann das Strahlen seines Angesichts und seiner Kleider in besonderer Weise sichtbar wurde. Dadurch erklärt sich auch die Schläfrigkeit der Jünger, von der wir in anderen Evangelien lesen. So kann man auch verstehen, dass dieser Mensch im Anschluss an eine vielleicht besonders schlimme Nacht für seinen Sohn zu den Jüngern kam, die der Herr am Fuß des Berges zurückgelassen hatte.

Der Mensch hatte seinen Sohn zu den Jüngern gebracht, weil er hoffte und erwartete, dass diese den Jungen heilen und retten konnten. Man kann sich gut vorstellen, dass die Jünger einen besonderen Ehrgeiz an den Tag legten, um ihrem Meister (und auch den drei anderen Jüngern, den Führern unter ihnen) zu beweisen, dass sie auch gut alleine zurecht kommen. Wie tragisch dann das Resümee: „Sie konnten ihn nicht heilen.“ So sehr sich die Jünger auch anstrengten, waren sie nicht in der Lage, diesem Menschen zu helfen. Vermutlich haben sie es immer wieder erneut versucht! Mit Hände auflegen, mit Bedrohen, mit Gewalt – kein Ergebnis. Ihr Versagen vergrößerte sogar noch die Verzweiflung des Vaters. Er hatte auf Hilfe gehofft. Wenn aber nicht einmal die Jünger des großen Rabbis helfen konnten: Gab es dann überhaupt noch Hoffnung?

Die Ursache des Versagens der Jünger

Jesus zeigt, was die Ursache dieses Versagens war:

  1. „O ungläubiges und verkehrtes Geschlecht! Bis wann soll ich euch ertragen?“ Es gibt wohl keinen schärferen Verweis des Herrn an seine Jünger als diesen, wenn man von den Worten an Petrus in Kapitel 16 absieht. Der Herr spricht hier nicht von seinem Volk im Allgemeinen, sondern von denjenigen, die schon eine längere Zeit mit Ihm zusammen gewesen waren und von Ihm mit Macht ausgestattet worden waren, Kranke zu heilen (vgl. Mt 10,1).
  2. In 5. Mose 32,5 liest man davon, dass Mose das abtrünnige Volk Israel „ein verkehrtes und verdrehtes Geschlecht“ nennt. In Vers 20 nennt er es „ein Geschlecht voll Verkehrtheit“. In Apostelgeschichte 2,40 lesen wir, dass Petrus die Juden auffordert, sich „von diesem verkehrten Geschlecht retten“ zu lassen. In Philipper 2,15 schließlich nennt Paulus die ungläubigen Menschen um uns her „ein verdrehtes und verkehrtes Geschlecht“. Was für ein Verweis ist es dann, wenn der Herr seine Jünger an dieser Stelle mit diesem Titel bezeichnet!
  3. Sie waren keine Ungläubigen. Aber sie waren durch praktischen Unglauben gekennzeichnet. Und nicht nur das: Der Herr muss sie auch ein „verkehrtes“ Geschlecht nennen. Damit spricht Er von Menschen, die nicht geradlinig leben und handeln, sondern vom geraden Weg hinter dem Herrn Jesus her abkommen oder abgekommen sind.
  4. „Bis wann soll ich euch ertragen?“ Das erinnert uns an das Seufzen Moses: „Ich allein vermag dieses ganze Volk nicht zu tragen, denn es ist mir zu schwer“ (4. Mo 11,14). Während Mose jedoch Gott einen Vorwurf macht über den Unglauben des Volkes, tadelt der Herr die Jünger und ist weit davon entfernt, wie Mose aufzugeben. Der Herr ist nicht empfindungslos über unser Versagen! Im Gegenteil! Er fühlte diesen Unglauben viel stärker als Mose. Aber Er trägt diese Last auch weiter bereitwillig, um den Ratschluss Gottes auszuführen.
  5. Es ist schön zu lesen, dass der Herr den Hauptteil seines Tadels nur mit den Jüngern bespricht. Er muss sie bloßstellen (Vers 17), aber die konkrete Belehrung und Begründung ihres Versagens bespricht Er nur mit ihnen (Vers 19.20). Der Herr möchte unser Versagen nicht in die Öffentlichkeit zerren. Manchmal ist es nötig, die Dinge auch öffentlich klarzustellen. Immer jedoch ist eine über den Tadel hinausgehende Unterweisung in der Stille notwendig.
  6. Die Ursachen für das Versagen der Jünger, die der Herr Jesus in diesen Versen nennt, kann man also wie folgt zusammenfassen:
    a) Unglaube: Sie gebrauchten die vom Herrn Jesus übertragene Macht und Gnade nicht im Glauben, im schlichten und abhängigen Vertrauen auf Gott, sondern im Vertrauen auf sich selbst und die eigenen Anstrengungen. Was nutzt es, wenn der Herr die Macht auf die Erde brachte, wenn die Jüngern nicht den Glauben hatten, sie in seinem Sinn zu benutzen?
    b) Verkehrtheit: Sie taten nicht einfach, was sie beim Herrn Jesus gesehen hatten. Er führte seine Wunder im Gehorsam und in Abhängigkeit von Gott und unter Gebet aus. Sie aber gingen einen eigenen Weg, hatten eigene Überlegungen und Vorstellungen und versagten dadurch.
    c) In Vers 21 fügt der Herr hinzu, dass bei den Jüngern Gebet und Fasten fehlte. Um solche Wunder ausführen zu können, bedarf es also eines Zustands der Seele, der in Übereinstimmung mit dem Herrn ist. Die Jünger hatten aus dem Auge verloren, dass sie aus eigener Kraft niemanden heilen konnten. Ihnen fehlte das Bewusstsein der vollkommenen Abhängigkeit von Gott. Zugleich aber handelten sie ohne zu fasten. Das heißt, sie haben nicht alles aus ihrem Leben weggetan, was sie von der vollen Konzentration auf Gott und sein Wirken ablenkte. Wir haben uns schon in Verbindung mit Matthäus 6,16–18 Gedanken über das Fasten gemacht. Beim Fasten geht es nicht um den Verzicht auf böse Dinge, sondern auf solche, die für eine gewisse Zeit nicht lebensnotwendig sind, die aber in der Nachfolge des Herrn ein Hindernis sein können – auch wenn sie an und für sich nicht schlecht sind.
    In unserem Abschnitt zeigt der Herr somit, dass die Jünger weder der Beziehung zu ihrem Vater im Himmel noch der Beurteilung ihrer eigenen Person – wahres Selbstgericht – in gottgemäßer Weise entsprachen.

Das redet auch zu unseren Herzen. Wir werden die Gnade unseres Herrn – denn bei uns geht es nicht um Macht – nicht in kraftvoller Weise weitergeben können, wenn wir nicht durch wahrhaftes Vertrauen, durch echte Nachfolge und Nachahmung unseres Herrn, durch Abhängigkeit und Selbstgericht geprägt sind. Glaube heißt, dass wir uns das, was Gott uns schenkt – Macht, Gnade, Liebe, usw. – wirklich zunutze machen, indem wir fest darauf vertrauen, dass Er für jede Situation die richtige Antwort und die richtigen Mittel hat.

Glaube wie ein Senfkorn

Der Herr schließt noch eine weitere Belehrung über den Glauben an: „Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so werdet ihr zu diesem Berg sagen: Werde versetzt von hier nach dort!, und er wird versetzt werden; und nichts wird euch unmöglich sein.“ Dieses Gleichnis kann man vielleicht in zweierlei Hinsicht verstehen.

  1. In Matthäus 13,32 liest man, dass das Senfkorn kleiner ist als alle Samenkörner. Der Herr Jesus zeigt den Jüngern hier also, dass schon ein kleiner Glaube, wenn er aufrichtig und echt ist, ausreicht, um große Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Ein kleiner Glaube ist kein Kleinglaube, denn er ist echt. Kleinglaube ist zu beklagen, wenn man das, was man tun und glauben könnte, nicht tut, weil Sünde, Hochmut (das eigene Ich) oder Eigenwille im Weg steht.
    Kleiner Glaube dagegen ist dann vorhanden, wenn man sich der eigenen Unfähigkeit bewusst ist und damit zu Gott kommt. Genau das tat der Vater des mondsüchtigen Kindes hier. Das aktive Vertrauen mag noch gering sein, aber man weiß, dass man selbst nichts ausrichten kann. Es ist möglich, dass man sich nicht einmal bewusst ist, dass der Herr alles zu tun vermag (vgl. Mk 9,22). Aber man kommt doch zum Herrn Jesus in der Haltung, dass nur Er überhaupt helfen kann (vgl. Mk 9,24). Das ist genau der Parallelbericht über die Heilung des Mondsüchtigen. Während aber Unglaube Kraft in sich selbst sucht oder durch Sünde gar nicht zu Gott aufschaut, zeichnet sich ein kleiner Glaube dadurch aus, dass man Gott in die Situation hineinbringt
  2. Andererseits kann man auch daran denken, dass die Erwähnung des Senfkorns hier nicht notwendigerweise die geringe Größe des Glaubens angibt, sondern auch an eine weitere Eigenschaft des Senfs denken lässt. Es hat eine enorme Wuchskraft. In Kapitel 13 wird das unnatürliche Wachstum des Senfstrauchs betont. Dennoch wissen wir, dass der Schwarze Senf innerhalb eines Jahres bis zu zwei, manchmal sogar bis zu drei Metern hoch wachsen kann. Unter diesem Blickwinkel zeigt uns der Herr, dass der Glaube eine enorme Kraft entfalten kann. Er ist so stark, dass er sogar „Berge versetzen“ kann. Voraussetzung ist, dass wir nicht auf uns sehen, sondern unser ganzes Vertrauen auf unseren Gott, unseren Vater, setzen.

Der Herr Jesus verwendet hier Bildersprache, denn „Glaube“ kann nicht wie ein Senfkorn angefasst und abgemessen werden.8 Dadurch aber wird uns signalisiert, dass auch das „Berge-Versetzen“ bildlich zu verstehen ist. Der Berg ist hier ein Bild für große, menschlich unüberwindbare Hindernisse, die auf dem Weg des Jüngers auftauchen. Mit einem aufrichtigen Glauben, so klein er auch sein mag, kann aber jedes Hindernis zur Seite geschafft werden. Das ist die Botschaft der Worte des Herrn an dieser Stelle! „Nichts wird euch unmöglich sein.“ Was für eine Zusicherung!

Heißt das, dass wir jedes Hindernis in unserem Leben „wegbeten“ können? Natürlich nicht! Denn hier ist von Glauben die Rede. Als die Jünger mit dem Herrn im Boot Not litten (vgl. Mt 8,24) und als sie im Boot ohne den Herrn Not litten (vgl. Mt 14,24), war es Glauben, diesen Hindernissen mit Hilfe des Herrn standzuhalten. In beiden Fällen bedeutete echter Glaube nicht, den Wind wegzubeten, sondern um Kraft und Ausdauer zu beten. Haben die Jünger nicht trotz allen Widerstands letztlich ausgehalten?

Der Glaube ist also auch eine Hilfe vonseiten Gottes, um zu unterscheiden, wie mit dem Hindernis umzugehen ist, in welcher Weise das Hindernis überwunden werden soll. Wenn es aber der Wille des Herrn ist, dann kann mit Glauben sogar ein solch gewaltiges Hindernis wie ein Berg beseitigt werden. Wurde Petrus nicht aus dem Gefängnis befreit, obwohl er sogar zwischen zwei Soldaten gefesselt lag (vgl. Apg 12,6.7)? Auch der letzte Abschnitt unseres Kapitels ist ein weiterer Beweis dafür, wie ein Berg versetzt werden kann. Die Herausforderung für uns liegt heute darin,

  1. diesen echten, wenn auch kleinen Glauben zu verwirklichen, und
  2. dieses Unterscheidungsvermögen zu besitzen, um in der richtigen Weise für die Überwindung von Hindernissen zu beten.

Wir müssen verwirklichen, was Paulus geschrieben hat: „Alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“ (Phil 4,13) – in uns selbst ist keine Kraft, aber die Kraft Gottes in Christus Jesus können wir uns zunutze machen, wenn wir allein auf Ihn schauen und nicht auf uns selbst bauen. Darüber hinaus hat der Herr gesagt: „Meine Kraft wird in Schwachheit vollbracht“ (2. Kor 12,9). Wenn wir uns mehr bewusst wären, dass die Kraft des Herrn nur in äußerer Schwachheit vollbracht werden kann, würden wir weniger auf äußere Kraftentfaltung setzen und warten.

Auf Christus ist immer Verlass!

Wie großartig, dass der Herr Jesus dieses Versagen der Jünger nicht zum Anlass nimmt, den Mann, der zu Ihm kommt, und dessen Sohn einfach hängen zu lassen. Wie gut auch, dass dieser Mann, nachdem er von den Jüngern enttäuscht worden ist, nicht aufgibt, sondern zum Herrn geht. Er hatte letztlich mehr Glauben als die Jünger in diesen Umständen. Menschen werden andere Menschen am Ende immer enttäuschen – der Herr jedoch enttäuscht nie. Daher ist es auch für uns gut, unsere Kinder, unsere Nöte, ja uns selbst immer wieder zum Herrn Jesus selbst zu bringen.

Nachdem Er seine Jünger getadelt hat, nimmt Er sich des Knaben an. Er lässt den Jungen herbringen und muss „ernstlich“ gebieten, dass der Dämon, der in dem Jungen wohnte, ausfährt. Wir sehen, wie intensiv der Herr mit diesen Folgen der Sünde umgeht. Er treibt den Dämon nicht „so nebenher“ aus. Er verwirklicht in Vollkommenheit, was Er seinen Jüngern vorher tadelnd zeigen musste: mit Glauben Berge zu versetzen. Matthäus betont in diesen Versen besonders die Autorität des Herrn; daher wird die Heilung relativ kurz behandelt. Markus, der Jesus als vollkommenen Diener vorstellt, spricht sehr ausführlich über die Heilung als solche, um zu zeigen, wie der Diener vorgeht (vgl. Mk 9,20–27)..

Wir sehen, dass der Herr Macht über Satan hat und diese auch dazu verwendet, diesem seine Beute zu entreißen. Der Herr hatte das in Matthäus 12,29 (vgl. Lk 11,22) angekündigt. Jetzt vollzieht Er nach und nach diesen Schritt.

„Und der Knabe war geheilt von jener Stunde an.“ Was der Herr zu tun beginnt, gelingt immer, und zwar sofort. Hier haben wir die Wundermacht des Emmanuel vor uns, der diejenigen vollständig befreit, die zu Ihm kommen, um gerettet zu werden. Satan muss Ihm gehorchen. Die Diener Satans ebenfalls. Und so vollzieht der Herr ein Stück dessen, was für uns in seiner vollständigen Entfaltung noch zukünftig ist: die Befreiung der Schöpfung von den Folgen der Sünde (vgl. Röm 8,21.23).

Verse 22.23: Die zweite Ankündigung des Todes des Herrn

„ Als sie sich aber in Galiläa aufhielten, sprach Jesus zu ihnen: Der Sohn des Menschen wird in die Hände der Menschen überliefert werden, und sie werden ihn töten, und am dritten Tag wird er auferweckt werden. Und sie wurden sehr betrübt“ (Verse 22.23).

Der Herr hält sich wieder in Galiläa auf. Das war die Region, wo Er am meisten gewirkt hatte – Nazareth, Kapernaum, der See Genezareth – und wo man Ihn, obwohl die dort lebenden Menschen von den übrigen Juden selber verworfen wurden, in gleicher und sogar noch gravierender Weise verwarf.

Die zweite größere Ankündigung des Todes des Herrn – insgesamt schon die fünfte nach Kapitel 12,40; 16,21 ff; 17,9.12 – mag an dieser Stelle etwas unvermittelt wirken. Wenn man sich jedoch den Zusammenhang dieser Verse genauer anschaut, versteht man besser, wie passend diese beiden Verse hier sind. Der Hinweis auf die Lokalität bietet eine Erklärung. Denn Galiläa war verworfen in Israel – und der Herr der Verworfene in Galiläa. Ich möchte noch eine zweite Erläuterung geben:

In Kapitel 16 zeigt der Herr durch die erste Ankündigung, dass die Leiden vonseiten seines eigenen Volkes, das Ihn töten würde, die Grundlage für die Bildung der Versammlung sein würden. In unserem Kapitel zeigt Er nun, das seine Leiden und sein Tod die Grundlage für die aufgeschobene, zukünftige Aufrichtung des Königreichs in Macht und Herrlichkeit sind (Verse 1–8). Es ist kein Zufall, dass der Herr zuerst von seinem Tod als Grundlage der Versammlung spricht, denn sie gehört zu dem ewigen Ratschluss Gottes. Obwohl dies nicht auf das irdische Königreich des Herrn in Herrlichkeit zutrifft, vergisst Er es nicht und nennt es als Zweites. Die Jünger mussten nun lernen, dass selbst dieses Königreich nur auf der Grundlage seines Todes würde aufgerichtet werden können.

Interessanterweise gibt es hier eine Parallelität zu Kapitel 16. Dort führen der Unglaube und die Sünden der Juden zum Offenbaren der göttlichen Gedanken über die Versammlung, die keinen direkten Bezug zu Israel hat. Hier nun führen der Unglaube und die Sünden der Heiden – sie sind besonders mit den „Menschen“9 gemeint, was sich ja nicht auf Juden bezieht – zur Aufrichtung des Königreichs des Herrn in Macht und Herrlichkeit.

Jemand hat einmal zusammengestellt, was es ohne den Tod des Herrn nicht gäbe:

  1. ein Königreich in Herrlichkeit (Verse 1–8);
  2. Rettung für das Volk Israel (Verse 14–21);
  3. eine herrliche Zukunft, selbst nicht für die Besten des Volkes, die Jünger (Vers 17);
  4. eine Wiederherstellung der Beziehungen innerhalb des Volkes Israel (Vers 12);
  5. das Kommen Elias (Vers 11);
  6. Befreiung von der Macht Satans (Vers 18);
  7. die Versammlung (Gemeinde, Kirche; Kapitel 16);
  8. Gnade für Sünder und Erlöste.

Erneut nennt der Herr sich mit seinem bevorzugten Namen „Sohn des Menschen“. Und passend zu dem bereits erwähnten Kontext sagt Er, dass der Sohn des Menschen in die Hände von Menschen überliefert würde, die Ihn töten würden. Es ist nicht ausschließlich von Juden die Rede, sondern der Herr benutzt hier die allgemeine Formulierung „Menschen“, die sich sowohl auf Juden als auch auf Heiden beziehen kann. Erneut fügt Er dann hinzu, dass Er am dritten Tag auferweckt werden wird. Wenn Er zu den Jüngern von seinen Leiden spricht, fügt Er diese Hoffnung immer hinzu.

Haben die Jünger ihren Meister verstanden? Es hat den Anschein, dass sie erneut nur die eine Hälfte seiner Worte aufgenommen haben. Markus sagt das ausdrücklich: „Sie aber verstanden das Wort nicht und fürchteten sich, ihn zu fragen“ (Mk 9,32). Lukas verstärkt diesen Punkt noch (Lk 9,45). Durch die Berichterstattung von Matthäus erkennen wir nur, dass sie seinen Hinweis über die Auferstehung nicht erfasst haben. Natürlich war es traurig, dass der Herr sterben würde. Und deshalb konnten sie betrübt sein. Aber es scheint so, dass sie erneut nicht genau zugehört haben. So war der Herr auch hier in seinen Empfindungen letztlich allein. Denn wir lesen nicht, dass sie für Ihn oder mit Ihm betrübt waren. Sie dachten sicherlich daran, dass sie dann alleine zurückbleiben würden.

Was für ein Unterschied tritt zutage, wenn man später die Worte von Petrus liest, nachdem der Heilige Geist begann, in Ihm zu wohnen: „Jesus Christus, den ihr, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt, liebt; an welchen glaubend, obgleich ihr ihn jetzt nicht seht, ihr mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlockt“ (1. Pet 1,8). Große Traurigkeit wird hier ersetzt durch überschwängliche Freude. Diese ist nicht Ergebnis von Unnüchternheit, sondern beruht auf dem Glauben, der nicht sehen muss, sondern das Unsichtbare für wahr hält und so an dem festhält, der gestorben und auferstanden ist.

Verse 24–27: Sohn des Königs – Sohn Gottes

„ Als sie aber nach Kapernaum kamen, traten die Einnehmer der Doppeldrachmen zu Petrus und sprachen: Zahlt euer Lehrer nicht die Doppeldrachmen? Er sagt: Doch. Und als er in das Haus eintrat, kam Jesus ihm zuvor und sprach: Was meinst du, Simon? Von wem erheben die Könige der Erde Zoll oder Steuer, von ihren Söhnen oder von den Fremden? Petrus sagt zu ihm: Von den Fremden. Jesus sprach zu ihm: Demnach sind die Söhne frei. Damit wir ihnen aber keinen Anstoß geben, geh an den See, wirf eine Angel aus und nimm den ersten Fisch, der heraufkommt, tu sein Maul auf, und du wirst einen Stater finden; den nimm und gib ihnen für mich und dich“ (Verse 24–27).

Der Herr kommt mit seinen Jüngern noch einmal in seine Stadt, nach Kapernaum. Dort spielt sich eine Begebenheit ab, die wir nur im Matthäusevangelium finden. Es ist klar, dass sie dadurch eine besondere Bedeutung in Bezug auf den Schwerpunkt dieses Evangeliums haben muss. Wir fragen uns also, warum Gott diese Begebenheit und dieses Wunder gerade in unserem Evangelium platziert hat.

Wenn Gottes Wort keine konkrete Antwort auf eine solche Frage gibt, müssen wir vorsichtig sein, in Absolutheit zu antworten. Dennoch scheint mir Folgendes beim Lesen dieser vier Verse aufzufallen:

Warum steht die Begebenheit der Doppeldrachme gerade im Matthäusevangelium

Der Herr Jesus bezeichnet sich als König bzw. Königssohn (Vers 25) – das ist das Thema unseres Evangeliums. Zugleich zeigt Er in dieser Begebenheit, dass Er der im Alten Testament vorhergesagte Emmanuel, „Gott mit uns“, ist, denn:

  1. Er ist allwissend: Er weiß, was Petrus mit den Einnehmern der Doppeldrachme besprochen hat, obwohl Er nicht an diesem Gespräch teilgenommen hat.10
  2. Er ist allmächtig: Er ist in der Lage, den entsprechenden Betrag durch ein Wunder herbeizuschaffen.

Zudem verbindet der Herr hier seine Herrlichkeit als Jahwe, Emmanuel, mit der Herrlichkeit des Messias. Denn im Blick auf die Tempelsteuer, weswegen die Einnehmer der Doppeldrachme auf Petrus zukommen, ist der Herr der Sohn Gottes, der sich seinem Volk gegenüber als Jahwe offenbart hat. In seiner Begründung aber spricht der Herr von den Königen der Erde. Er selbst war König – aber nicht irgendeiner: Er war der Messias Gottes, der Gesalbte. Gerade deswegen passt diese Begebenheit so gut in dieses Evangelium. Zudem konnten Juden und Christen, die aus dem Judentum stammten, diese Hinweise über die Tempelsteuer besonders gut verstehen. Matthäus muss daher für sie auch keine weiteren Erläuterungen dazu machen.

Wir sehen an dieser Begebenheit auch, dass der Herr der Schöpfer ist. Das hängt natürlich mit seiner Allmacht eng zusammen. Er bestimmt über seine Geschöpfe, das sind hier die Fische. Er bestimmt über das Geld. „Mein ist das Silber und mein das Gold, spricht der Herr der Heerscharen“ (Hag 2,8). Er offenbart sich als der, durch den und für den alle Dinge geschaffen worden sind (Kol 1,16; Heb 1,3). Dennoch staunen wir darüber, dass Er sich auch als Schöpfer so demütig und unterordnend verhält.

  1. Dieser Schöpfer ordnet sich als Mensch den irdischen Obrigkeiten unter (Vers 27 b).
  2. Dieser Schöpfer ist so demütig, dass Er sich auf die Stufe von Petrus stellt und diesen auf seine Stufe erhöht: In der Person von Petrus versetzt Er seine Jünger in sein eigenes Verhältnis zu seinem himmlischen Vater, und das im Blick auf den Gott, der in dem Tempel angebetet wurde.
  3. Dieser Schöpfer wird von seinem Volk verachtet und verworfen. Doch auch als Verworfener identifiziert Er sich weiter mit den Seinen und zeigt, dass Er ein Sohn seines Volkes ist und bleibt. Aber war Er nur ein „Sohn seines Volkes“? Nein, Er war sein König, Gott selbst, Jahwe.
  4. Wenn der Herr von Söhnen spricht, kann Er sich nicht auf Söhne des Volkes Israel im Allgemeinen beziehen. Denn vom Volk wurde ja die Steuer erhoben. Er bezeichnet sich somit als Sohn dessen, dem der Tempel gehörte, als Sohn Gottes. Dennoch ist Er, der Sohn, bereit, die Tempelsteuer zu bezahlen. Zudem verbindet Er Petrus nicht nur mit sich selbst, sondern macht sich mit diesem eins, als ob sie beide „Söhne“ auf einem gleichen „Rang“ wären..

In Kapitel 18 im Anschluss an diese Begebenheit lesen wir, dass dieser König seinen Jüngern eine Belehrung über Erniedrigung und Demut gibt. Hier zeigt Er zuvor seine moralische Größe und seine freiwillige Erniedrigung.

Wir haben diese Eigenschaften Christi auch an anderer Stelle schon gefunden. Hier aber sind sie von besonderer Bedeutung, weil der Herr in den Kapitel 16 und 17 das Beiseitestellen seines Volkes sowie das Aufschieben der Herrlichkeit des Königreichs gezeigt hat. Am Ende dieser Kapitel zeigt der Herr jedoch, dass Aufschieben nicht Aufheben heißt. Der Herr bleibt weiter König bzw. Sohn. Er ist derjenige, dem das Reich gehört. Er wird diesen Titel und diese Ansprüche nicht aufgeben, auch wenn es für eine Zeit so aussehen mag.

Die Doppeldrachmen-Steuer

Erneut finden wir in diesem Abschnitt ein Beispiel dafür, dass sich seine Ankläger nicht direkt an den Herrn wandten, sondern seine Jünger angingen (vgl. z.B. Mt 9,11; 15,12). Bei ihnen vermuteten sie – zu Recht –, leichteres Spiel zu haben. In diesem Fall gehen die Einnehmer der Doppeldrachmen zu Petrus. Er war für Außenstehende offenbar als erster Jünger immer wieder zu erkennen. Bezeichnend ist auch, dass sie ihn nicht fragten, ob er selbst die Steuer bezahlt hätte – denn das hatte er offenbar nicht, weil der Herr später sagt: „… gib ihnen für mich und dich.“ Sie hatten es lediglich auf den Herrn Jesus abgesehen! Das zeigt ihre Unredlichkeit in dieser Sache.

Man fragt sich zunächst, was es mit dieser Doppeldrachme auf sich hat. Aus 2. Mose 30,11–16 wissen wir, dass bei Volkszählungen (Vers 12) eine Sühnabgabe von einem halben Sekel11 zu leisten war. Dieses Sühngeld war jedoch nie als eine zu wiederholende Abgabe gedacht.

Diese Zusatzabgabe wurde offenbar zur Zeit Nehemias erhoben: „Und wir verpflichteten uns dazu, uns den dritten Teil eines Sekels im Jahr für den Dienst des Hauses unsers Gottes aufzuerlegen: für das Schichtbrot und das beständige Speisopfer und für das beständige Brandopfer und für das der Sabbate und der Neumonde, für die Feste und für die heiligen Dinge und für die Sündopfer, um Sühnung zu tun für Israel, und für alles Werk des Hauses unsers Gottes“ (Neh 10,33.34).

Interessanterweise finden wir schon in 2. Chronika 24,6 unter der Regierung des gottesfürchtigen Königs Joas einen Hinweis auf eine solche Tempelabgabe: „Da rief der König Jojada, das Haupt, und sprach zu ihm: Warum hast du die Leviten nicht aufgefordert, aus Juda und Jerusalem die Steuer einzubringen, die Mose, der Knecht des Herrn, der Versammlung Israels für das Zelt des Zeugnisses auferlegt hat?“ Eigenartig ist dies insofern, als wir in 2. Mose 30,16, worauf sich Joas offenbar bezieht, keinen Hinweis auf eine wiederholte Abgabe finden.

Wahrscheinlich hat sich diese zusätzliche Abgabe dann später eingebürgert, so dass Nehemia darauf Bezug nehmen konnte, dann auch die Verantwortlichen für den Tempel zur Zeit Jesu. Gott hatte diese Steuer nicht eingeführt, hat sie dann aber geduldet. So wendet sich der Herr Jesus hier auch nicht gegen diese Steuer als solche, sondern dagegen, dass sie von Ihm gefordert wird. Nach jüdischer Tradition wurde dieser Steuer am Ende des Monats Adar (vgl. Esra 6,15; Est 3,7; ungefähr März) erhoben, offensichtlich aber ging es hierbei um eine Tempelsteuer, die jeder Israelit ab Vollendung des 20. Lebensjahrs zu zahlen hatte, um den Erhalt des Tempels zu gewährleisten. Nur die Priester erhoben den Anspruch, von dieser Steuer ausgenommen zu sein, weil sie selbst für den Tempel „arbeiteten“. Allerdings gab es Schriftgelehrte, die ihnen dieses Recht absprechen wollten.

Übrigens gibt diese Begebenheit durch den Bezug auf die Tempelsteuer einen gewissen Hinweis auf die Abfassungszeit des Evangeliums. Offensichtlich stand dieser Tempel noch und war auch diese Steuer für die Empfänger dieses Evangeliums noch aktuell. Wenn das so ist, müsste die Abfassung dieses Evangeliums vor der Zerstörung des Tempels erfolgt sein (vgl. auch Mt 5,23; 23,16 ff.; 24,1 ff.).

Der „alte“ Simon

Petrus, auf das Geben der Steuer seines Herrn angesprochen, weiß nichts anderes zu tun, als sofort zu antworten: „Doch“ – natürlich habe sein Meister diese Abgabe bezahlt. Dabei muss man allerdings bedenken, dass die Frage genau so gestellt wurde, dass als Antwort erwartet wurde: „Ja, gewiss!“12 Petrus hat wieder einmal vergessen, zuvor seinen Meister zu fragen, was dieser denn wirklich getan hat bzw. was dieser antworten würde. Und von einem Gebet zu Gott lesen wir auch nichts. Man kann sich gut vorstellen, dass der Gedanke von Petrus war: „Mein Herr ist ein guter Jude. Er ist der beste Jude! Also wird Er diese Abgabe schon bezahlt haben, denn Er ist ja in allem vollkommen.“ Petrus wollte nicht den Hauch des Eindrucks entstehen lassen, dass sein Herr die Abgabe übersehen oder vergessen habe – ein menschlich nachvollziehbarer Gedanke. Er wollte sicherstellen, dass nur das beste von seinem Meister gedacht wurde. Das Motiv war gut, aber es fehlte Petrus die Einsicht. Seine Antwort ist umso erstaunlicher, als er selbst ja – wie wir gesehen haben – die Steuer nicht bezahlt hatte

Bevor wir zu der Antwort unseres Herrn kommen, fällt noch der Titel auf, den diese Steuereintreiber dem Herrn geben: „euer Lehrer“. Aus diesen beiden Wörtern können wir Folgendes entnehmen:

  1. Diese Menschen hatten keine Beziehung zum Herrn Jesus. Es war nicht „unser“ sondern „euer“ Lehrer.
  2. Diese Menschen wollten sich dem Herrn Jesus nicht unterordnen. Er war nicht ihr Herr – er war für sie einer der vielen Lehrer, die es in Israel gab.
  3. Sie sahen in Christus nicht den König, nicht den Herrn, nicht Emmanuel, den Sohn Gottes, sondern nur einen Lehrer, jemanden, der andere belehrte und eine gewisse Weisheit besaß. Moralische Autorität wollten sie bei Ihm nicht anerkennen.

Aus dem 25. Vers lernen wir dann noch einmal, wer der Herr Jesus wirklich ist. Petrus kommt ins Haus, in dem der Herr anscheinend schon länger weilte. Er war offensichtlich nicht beim Gespräch von Petrus mit diesen Menschen dabei gewesen. Aber Er wusste alles, was sie miteinander besprochen haben. Er ist allwissend! Bevor Petrus irgendetwas zu Ihm sagen kann oder auch versuchen könnte, das entsprechende Geld zu beschaffen, kommt der Herr ihm zuvor, über das Thema zu sprechen. Es heißt ausdrücklich, dass Er diesem zuvorkam. Petrus musste eine weitere Lektion lernen – insofern war der Titel „Lehrer“ nicht verkehrt gewählt.

Freiheit für die Söhne

„Was meinst du, Simon? Von wem erheben die Könige der Erde Zoll oder Steuer, von ihren Söhnen oder von den Fremden?“, sind zwei Fragen des Herrn. Der Herr benutzt ein Bild, das nichts direkt mit der Tempelsteuer zu tun hat. Er spricht von Handels- bzw. Kopfsteuern, die der „politische“ König in seinem Land festlegen kann für alle seine Untertanen.

Handelssteuern werden in der Regel von Ausländern verlangt. In diesem Sinn könnte „Fremde“ sich auf Nicht-Israeliten beziehen. Dann wären die „Söhne“ alle Einheimischen. Da der Herr aber zugleich von der Steuer, offenbar der Kopfsteuer spricht, die gerade von den „Inländern“ zu zahlen ist, scheint sich der Herr doch mit dem Hinweis auf die „Fremden“ auf Aus- und Inländer und mit dem Hinweis auf die „Söhne“ auf die Familie des Königs zu beziehen. Es wäre absurd gewesen, wenn die Kinder des König Steuern hätten zahlen müssen, die letzten Endes an ihren Vater geht. Sie waren daher von dieser Pflicht ausgenommen.

Was möchte der Herr seinem Jünger nun vermitteln?

  1. Der Herr spricht Petrus mit seinem alten Namen an. Drückt das nicht sofort aus, dass Petrus nicht in der Kraft Gottes gehandelt hatte, sondern dass der „alte“ Petrus, das Fleisch des Jüngers, wirksam geworden war?
  2. Dennoch weist der Herr seinen Jünger in einer liebenswürdigen Weise zurecht. Wir lesen nicht, dass Er das vor den Steuerbeamten oder vor anderen Jüngern getan hätte. Er gibt Simon auch die Möglichkeit, seinen Fehler selbst zu entdecken und zu korrigieren, um für die Zukunft zu lernen.
  3. War der Herr eigentlich verpflichtet, diese Steuer zu bezahlen? Es ging um eine Steuer, die für den Tempel erhoben wurde, also mit dem religiösen System, mit dem jüdischen Gottesdienst, in Verbindung stand. Der Herr hätte sofort darauf hinweisen können, dass Er der Gott Israels, der Herr, war, für den die Tempelsteuer ja letztlich gegeben werden sollte. Aber das tut Er nicht sofort – Er benutzt einen Vergleich. Er möchte, dass Petrus selbst erkennt, wie abwegig es ist, diese Steuer von seinem Meister zu verlangen. Darauf hätte Petrus mit etwas Nachdenken auch kommen können.
  4. Zoll oder Steuern wurden doch nicht von der Familie der Könige erhoben, sondern von denjenigen, die nicht zur Familie gehörten. Bei diesem Ausdruck geht es hier nicht, wie wir gesehen haben, um Heiden, die nicht zum Volk Israel gehörten, sondern um solche, die nicht zur Familie des Königs gehörten.
  5. Der Herr verfolgt das Bild des Königs nicht weiter. Es ist zunächst nur ein Vergleich, der für Petrus und jeden anderen sofort einsichtig war. Die Lehre daraus aber bezieht Er jetzt auf die Tempelsteuer. Wem gehörte der Tempel – wer wohnte darin (eigentlich)? Gott. Also war sein Sohn, der Sohn Gottes, von dieser Steuer befreit. Der Herr sieht sich hier offenbar in der Stellung des Messias, des „Sohnes Gottes“ (Psalm 2), der von Gott als Sohn hier auf der Erde anerkannt wurde als Gottes Gesalbter.
  6. Wie schon erwähnt, verbindet sich der Herr mit seinem Jünger. Dieser hatte versagt. Das aber nimmt der Meister nicht zum Anlass, sich von diesem zu distanzieren. Nein, auch wenn Er hier deutlich zeigt, dass Er selbst der Sohn Gottes ist, so identifiziert Er sich mit Petrus und spricht von diesem und von sich als von „Söhnen“. Sie gehörten zur selben Familie. Was für eine Herablassung!

Petrus erkennt durch die Hinweise des Herrn sofort, dass er überhaupt nicht nachgedacht hatte, als er den Zollbeamten sagte, der Herr würde die Steuer bezahlen. Er selbst hatte doch nicht lange Zeit zuvor bezeugt, dass der Herr „der Sohn des lebendigen Gottes“ ist. Wie muss es ihn selbst beschämt haben, dass er das schon wieder aus den Augen verloren hatte.

„Demnach sind die Söhne frei“, fügt der Herr hinzu. Die Söhne sind nicht solche, die etwas zahlen müssen, sondern die mit ihrem Vater Erbgenossen sind. Ihnen wird gegeben, ihnen wird geschenkt, ihnen gehört alles!

Die Worte des Herrn erinnern mich an Johannes 8,36, wo wir seine Worte lesen: „Wenn nun der Sohn euch frei macht, werdet ihr wirklich frei sein.“ Wen der Sohn zum Freien erklärt, der ist frei. Und wer frei ist, der soll als Freier leben und sich nicht unter ein Joch bringen lassen!

Es ist bemerkenswert, dass unser Meister nicht von sich in der Einzahl spricht, sondern von Söhnen. Schon hier und erneut im Folgenden stellt Er Petrus und alle anderen Jünger in seiner vollkommenen Gnade auf eine Stufe mit sich selbst.

Der König und der Sohn Gottes: eine Person

Bevor wir zu dem Schlussvers dieses Kapitels kommen, schauen wir uns noch die beiden Seiten der Herrlichkeit des Herrn an, die der Herr Jesus hier selbst vorstellt. Zunächst spricht Er von den Königen der Erde. War Er nicht der wahre König, den Gott nach Psalm 2,6 auf der Erde als „sein König“ eingesetzt hatte? Das war Er! Nicht von ungefähr benutzt der Herr dieses Bild. Er möchte nämlich nicht nur zeigen, dass Er der Sohn Gottes ist, sondern dass der Sohn Gottes niemand anderes ist als derjenige, der als König Israels das unwiderlegbare Anrecht besaß, über Israel zu regieren.

Als Sohn dessen, welcher der Gott des Tempels in Jerusalem war, hatte Er zudem das Recht, alles, was in Verbindung mit dem Tempel stand, anzuordnen. Er war der Sohn über das Haus Gottes (Heb 3,6). Aber diese beiden „Personen“ – der König und der Sohn Gottes – waren keine zwei verschiedenen Personen. Es handelte sich um ein- und dieselbe Person. Das aber wollten weder die Tempeldiener noch die Schriftgelehrten noch die Juden anerkennen. Der Herr aber macht dies seinem Jünger und durch dieses Evangelium den Empfängern dieses Buches klar.

So steht der Herr auch in dieser Begebenheit in seiner vielfältigen Herrlichkeit vor uns. Er ist der Schöpfer. Er ist der wahre König, der Messias. Er ist der Sohn Gottes. Wir dürfen das anbetend bewundern.

Der Schöpfer und König erniedrigt sich

Der Schlussvers unseres Kapitels ist dann doppelt beeindruckend. Der Herr hatte soeben deutlich gemacht, dass Er diese Steuer nicht zahlen muss. Er war der Sohn Gottes, der frei war. Er war zudem der König Israels. Was für eine „Schuld“ hatte Er dann noch zu begleichen? Keine! Im Gegenteil: Er hatte das Recht, sowohl Zoll und Steuer als auch die Doppeldrachme einzunehmen.

Warum lesen wir dann, dass Er dennoch die Zahlung vornimmt? „Damit wir ihnen aber keinen Anstoß geben.“ Wenn unser Herr und Gott, der Herrscher und Gebieter über alles ist, in solch demütiger Weise gehandelt hat, wie viel mehr sind wir auch heute aufgefordert, solche Ansprüche von Menschen und in Besonderheit von der Obrigkeit zu erfüllen, auch wenn wir als Himmelsbürger (Phil 3,20) nicht mehr zur Erde gehören (vgl. Röm 13,5–7; 1. Pet 2,13–17). Wir sollten den Menschen dieser Welt nie einen Anlass zum Ärgernis oder zu Klagen geben.

Auch die Art und Weise, wie der Herr dafür sorgt, dass dieses Steuergeld beschafft wird, ist zu Herzen gehend:

  1. Der Herr hatte kein Geld bei sich. Er war hier auf der Erde der Arme! Wir lesen nicht von vielen Dingen, die Er besessen hätte. Wir lesen davon, dass Er „sein“ Kreuz trug. Wir lesen davon, dass „seine Kleider“ verteilt wurden. Nicht einmal einen Ort besaß Er, wo Er seinen Kopf hinlegen konnte. Und hier hatte Er nicht einmal eine Doppeldrachme, um sie für sich zu geben. Der Herr vertraute in allem darauf, dass sein Vater Ihm das geben würde, was Er nötig hatte, und zwar genau dann, wenn Er es nötig hatte.
  2. Der Herr vollbringt kein Wunder, durch das Er aus dem Nichts heraus das Geld herbeischafft. Der Herr tut ein Wunder, aber das Wunder besteht darin, dass Er auf das Bestehende zurückgreift. Er benutzt einen Fisch, so wie Gott für Jona einen Fisch bestellte und für Elia Raben. Dieser Fisch fand zur rechten Zeit am rechten Ort genau das Geldstück, das der Herr Jesus benötigte. Und er schwamm genau an der Stelle, wo Petrus seine Angel auswerfen würde. Der Herr greift seit der Schöpfung auf Bestehendes zurück; auch heute tut Er es, auch wenn Er als der Schöpfer-Gott weiter aus dem Nichts schaffen könnte.
  3. Wer würde einen Fisch zu seinem Bankier machen? Bei Gott sind alle Dinge möglich! Vielleicht kann man mit dieser Begebenheit auch den Gedanke an den Tod, mit dem der Fisch im Alten Testament verknüpft wird, als ein symbolisches Bild verbinden: Unsere ewigen Bedürfnisse werden durch den Tod Jesu beantwortet. Aus dem Wasser wurde der Fisch genommen, und aus den Tiefen die Bedürfnisse gestillt. „Tiefe ruft der Tiefe beim Brausen deiner Wassergüsse; alle deine Wogen und deine Wellen sind über mich hingegangen“ (Ps 42,8).
  4. Der Herr verbindet auch hier Petrus mit sich. Er stellt diesen erneut auf dieselbe Stufe wie sich selbst. „Gib ihnen für mich und dich.“ Der Herr war letztlich der Einzige, der direkt zur königlichen Familie gehörte. Aber Er zählt seine Jünger zu sich. Sie gehören zu Ihm. Er ist für sie wie ein Vater. „Für mich und dich“ – der Herr steht an der ersten Stelle, aber Er verbindet uns mit sich.
  5. Der Fisch bringt genau den Betrag, der zu zahlen ist: ein Stater, der zwei Doppeldrachmen entspricht. Das Wunder, das der Herr vollbringt, ist genau angemessen und passend: nicht mehr und nicht weniger, als der Herr benötigt für diese Steuer. Denn der Schöpfer des Universums lässt nichts umkommen.
  6. Selbst der größte Regierungsumfang, den Gott jemals dem gefallenen Menschen auf der Erde gegeben hatte – und zwar dem gewaltigen Herrscher Nebukadnezar, dem Haupt aus Gold (Dan 2) – umfasste nicht die Tiefe der Wasser und ihre unzähligen Bewohner. Nur dem Sohn des Menschen wird die Gewalt über das Wasser und die Fische geben. Schon in Psalm 8,9 wird das vorhergesagt – in unserer Begebenheit sehen wir diese Macht allerdings schon ganz praktisch offenbart. So musste der Herr auf diese Gewalt nicht warten, bis Er auferstanden war. Er erweist sich erneut als der ewige Gott und Gottes Sohn.

Mit diesem Abschnitt kann man noch einen weiteren Gedanken verbinden: Der Herr Jesus bezahlt das, was Ihm auferlegt wird, auch wenn Er nicht die Pflicht hatte, diese Steuer zu geben. Dadurch macht Er sich in seiner Gnade mit den gläubigen Übriggebliebenen des Volkes eins, von denen diese Doppeldrachme gefordert wurde. So wird seine moralische Schönheit, aber auch seine moralische Autorität sichtbar. Wer sich so demütig verhält, kann in vollkommener Weise über Erniedrigung sprechen.

Wir lernen aus diesem Verhalten des Herrn, dass wir nie auf unseren finanziellen Rechten bestehen sollten. Wenn Er es nicht getan hat, warum wir? Wie in dieser Szene wird der Herr uns das geben, was wir im Vertrauen auf Ihn bezahlen, auch wenn wir dazu nicht verpflichtet sind, es aber von uns gefordert wird. Es ist das große Wunder Christi und das praktische Wunder des Christentums, erhaben und zugleich demütig zu sein. Wir dürfen heute das Bewusstsein der Herrlichkeit genießen und durch diese Welt als Söhne der Herrlichkeit und Söhne Gottes gehen. Aber unser Herr ruft uns auf, demütig und sanftmütig zu sein, keinen Platz für sich oder Christus zu beanspruchen.

Matthäus 16.17 als Einführung zu den beiden Petrusbriefen

Zum Abschluss dieses interessanten Kapitels möchte ich noch auf eine schöne Verbindung der Kapitel 16 und 17 zu den beiden Petrusbriefen hinweisen:

  • Der 1. Petrusbrief gründet sich auf Matthäus 16, wo wir die Versammlung Gottes als das Haus Gottes finden. Das ist das große Thema des ersten Briefes von Petrus. Christus ist der Fels, auf dem die Versammlung ruht. Er ist der Sohn des lebendigen Gottes. Das zeigt Petrus in seinem Brief. Die Gläubigen sind durch die Auferstehung Christi aus den Toten zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren worden. Gerade in dieser Auferstehung ist die Macht des Lebens des lebendigen Gottes offenbart worden. Christus ist als der lebendige Stein die Grundlage, auf der alles ruht. Wir sind lebendige Steine, die zu einem heiligen Tempel im Herrn aufgebaut werden.
  • Der 2. Petrusbrief gründet sich auf Matthäus 17. Petrus erinnert ausdrücklich an die Herrlichkeit der Verklärung, die ein Beweis der Ankunft des Reiches des Sohnes des Menschen ist. Und damit steht das Gericht in Verbindung, das Petrus in seinem zweiten Brief sehr ausführlich ankündigt.

Fußnoten

  • 1 Interessanterweise verwendet Lukas eine andere Reihenfolge bei der Nennung der drei Namen als Matthäus und Markus. Schon bei der Nennung der drei in Verbindung mit der Auferweckung der Tochter des Jairus steht bei Lukas Johannes vor Jakobus. Offenbar bezieht sich der dritte Evangelist stärker auf die Aufgaben und die Stellung, die Petrus und Johannes später unter den ersten Christen eingenommen haben, während Matthäus und Markus die Reihenfolge der Berufung des Herrn (vgl. Mt 10,2) in den Vordergrund stellen.
  • 2 Zwei weitere Male lesen wir davon, dass der Herr auf einem Berg war. Nach Kapitel 4,8 maßte sich Satan an, den Herrn der Herrlichkeit auf einen sehr hohen Berg mitnehmen zu können, um Ihm alle Königreiche dieser Welt zu zeigen. Der Herr lässt das geschehen. Dann werden wir damit vertraut gemacht, dass wir es mit einem betenden König auf dem Berg zu tun haben (vgl. Mt 14,23). Dort war Er ganz allein.
  • 3 Markus nennt als ersten den Propheten-Diener Elia, denn Markus schildert uns den Propheten Jesus. Lukas spricht, passend zu seinem Thema, von zwei Männern, die kommen. Nicht beantworten kann man die Frage, wie man sich die Erscheinung der beiden Gläubigen des Alten Testaments vorstellen soll. Haben sie – für diese Szene – bereits Auferstehungskörper erhalten und mussten diese dann wieder abgeben? Gottes Wort schweigt darüber, so dass auch wir keine Spekulationen anstellen müssen, was danach mit diesen beiden Gottesmännern geschah.
  • 4 Weihrauch ist ein Hinweis auf die Grundlage der Versöhnung und auf den Wohlgeruch des Herrn Jesus für seinen Gott und Vater.
  • 5 Petrus lässt in seinem zweiten Brief bei der Beschreibung der Szene auf dem Berg diesen Hinweis „hört ihn“ aus, weil er dann nicht mehr nötig war. Inzwischen waren die Worte des Herrn Teil des Wortes Gottes – darauf war jetzt achtzugeben. Denn Christus spricht heute nicht getrennt von dem Wort Gottes zu uns. Hinzu kommt, dass, nachdem die Offenbarung des Neuen gekommen und bekannt war, diese Seite nicht mehr betont werden musste. Die Aufmerksamkeit sollte nun besonders auf das Wohlgefallen des Vaters an seinem Sohn gerichtet werden. Das war das Bleibende für die Jünger und ist es auch für uns heute.
  • 6 Der Ausdruck „Gesicht“ ist ein weiterer Hinweis darauf, dass die Begebenheit der Verklärung einen vorbildlichen Charakter trägt.
  • 7 Es ist interessant, dass die im Folgenden geschilderte Begebenheit gerade das Problem des Verhältnisses von Vater und Kind aufgreift. Der zu den Jüngern und dann zum Herrn Jesus kommende Mann hatte kein Verhältnis mehr zu seinem von einem Dämon besessenen Sohn. Aber der Herr „bekehrt“ sozusagen das Herz des Vaters zu seinem Kind und umgekehrt. Er erfüllt somit im Voraus das, was einmal der zukünftige Elia tun wird. Und es ist genauso bemerkenswert, dass der Herr Jesus auf dem Berg als der geliebte Sohn des Vaters gerade die Gunst und Gemeinschaft mit seinem Vater genoss – im Unterschied zum moralischen Zustand, der in Israel herrschte.
  • 8 Ich begründe die Annahme, dass es sich um eine Bildersprache handelt, an dieser Stelle ausdrücklich, weil ein Grundsatz der Schriftauslegung („Hermeneutik“) ist, dass die Schrift grundsätzlich wörtlich zu verstehen ist, wenn es keine deutlichen Signale dafür gibt, dass eine übertragende Bedeutung vorliegt. Dass es außer der buchstäblichen Bedeutung auch noch eine übertragene, bildliche Erklärung geben kann, ist darüber hinaus auch wahr.
  • 9 Hier bezeichnet der Herr Jesus diese Menschen nicht ausdrücklich als Heiden, jedoch werden wir in Kapitel 20 sehen, dass dort ausdrücklich von den Nationen die Rede ist.
  • 10 Es ist zwar nicht ganz auszuschließen, dass der Herr hier nicht weit entfernt von Petrus stand und das Gespräch mitbekommen hat. Dafür liefert der Bibeltext aber keinen Hinweis. Denn mehrfach lesen wir in den Evangelien, wie Juden einzelne der Jünger ansprachen, um eine Klage gegen den Herrn loszuwerden. Einmal heißt es dann ausdrücklich: „Als Jesus es hörte ...“ (Mk 2,17). Zudem ist nur von Petrus die Rede, dass er in das Haus eintrat (Vers 25). Offenbar war der Herr schon dort und erwartete seinen Jünger, der mit den Einnehmern allein gesprochen hatte.
  • 11 Eine Drachme, von der in unserem Text die Rede ist, war ¼ Sekel bzw. ¾ Denar, ein Doppeldrachme also ½ Sekel. Im Neuen Testament ist davon die Rede, dass der Tagesverdienst eines Arbeiters ein Denar war (vgl. Mt 20,2). Das heißt diese Jahresabgabe von einem Doppeldrachmen lag 1,5 Denar.
  • 12 Im Griechischen kann man durch die Form der Frage eine Antwortform sozusagen bewirken.
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