Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 11

Kapitel 11,1: Christus setzt seinen Dienst fort 1

„Und es geschah, als Jesus seine Befehle an seine zwölf Jünger vollendet hatte, ging er von dort weg, um in ihren Städten zu lehren und zu predigen“ (Vers 1).

Nachdem der Herr Jesus den Jüngern seine Befehle gegeben hat, ist man überrascht zu lesen, dass Er selbst weiter tätig ist. Hatte Er nicht seine Jünger gerade an seiner Stelle ausgesandt, zu predigen und zu lehren? Trotz der Ablehnung durch die Obersten des Volkes lässt sich der Herr nicht aufhalten, auch weiterhin selbst zu lehren und zu predigen. Er gibt sein Volk (noch) nicht auf!

Aus diesem Vers lernen wir auch, dass bei allen Wundern und Zeichen, die der Messias vollbracht hat, seine mündliche Predigt die größte Bedeutung hatte. Er wollte nicht die Neugier der Menschen befriedigen und ihre äußerliche Bewunderung erreichen, sondern ihre Herzen und Gewissen. Er lehrte über das Alte Testament und predigte das Evangelium des Königreichs der Himmel.

So rahmen die Verse über den mündlichen Dienst des Herrn in Israel die Anwendungen anlässlich der Aussendung ein (9,35; 11,1) ein. Wenn auch die Verwerfung des Messias dazu führte, dass Er seine Jünger in alle Städte Israels aussandte, so blieb Er treu im Dienst und wandte sich an die Seinen. Mit was für einem Erfolg, das lernen wir im weiteren Verlauf des elften Kapitels.

Das Volk Israel lehnt seinen Messias ab (Mt 11,2–30)

Mit Kapitel 11 und 12 stehen entscheidende Weichenstellungen im Leben des Herrn Jesus vor uns. In Kapitel 11 lernen wir, dass sich das Volk Israel und seine Führer endgültig von Christus abwenden. Sie wollen Ihn nicht. In ihren Augen ist Er nichts anderes als ein Fresser und Weinsäufer. Das soll ihr König sein? Nachdem dann der Herr Jesus durch die Seinen abgelehnt worden ist, verwirft Er selbst sein irdisches, ungläubiges und von Gott abgefallenes Volk. Das finden wir in Kapitel 12. So ist das elfte Kapitel der Beginn dieser außerordentliche Krise für das Land durch die Schuld des Volkes Israel; das zwölfte Kapitel ist der große Wendpunkt, der ab Kapitel 13 sichtbar wird.

In unserem Kapitel sehen wir zunächst, dass sogar solch treue Männer wie Johannes der Täufer, die auf der Seite des Herrn Jesus stehen, zu zweifeln beginnen. Dafür ist Johannes der Täufer das prominente Beispiel (Verse 1–6). Wenn schon er als der größte von Frauen Geborene Zweifel an der Sendung Jesu hatte, wie viel schlimmer musste es dann um das allgemeine Volk bestellt sein.

Der Herr Jesus nimmt das zum Anlass, einerseits die Größe dieses Mannes zu bezeugen, andererseits aber auch ein vollkommen neues Zeitalter anzukündigen. Denn die Erwähnung von Johannes dem Täufer an dieser Stelle ist nicht zufällig. Sie steht im Zusammenhang mit der eigenen Ablehnung durch sein Volk. Der König verweist darauf, dass sowohl sein Vorläufer als auch Er abgelehnt worden sind (Verse 7–19).

Im Anschluss an diese Verwerfung spricht der Herr Gericht aus über die Städte, in denen Er die meisten Wunderwerke gewirkt hat. Diese stehen repräsentativ für das ganze, ungläubige Volk Israel. Zugleich ist dieses Gericht und die Verwerfung des Herrn jedoch Anlass, die Gnade und die Herrlichkeit des Herrn in einem bislang ungekannten Ausmaß zu offenbaren. Wenn der in Niedrigkeit gekommene Messias abgelehnt wird durch die Hochgestellten des Volkes, wendet sich der Herr den Unmündigen zu und offenbart sich nicht nur als Messias, sondern als der Sohn des ewigen Vaters, der diesen Unmündigen die Ruhe des Gewissens und im Anschluss daran Ruhe im Glaubensleben schenkt.

Verse 2–6: Die Fragen von Johannes dem Täufer – die Antwort des Herrn

„Als aber Johannes im Gefängnis die Werke des Christus hörte, sandte er durch seine Jünger und ließ ihm sagen: Bist du der Kommende, oder sollen wir auf einen anderen warten? Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Geht hin und verkündet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde werden wieder sehend, und Lahme gehen umher, Aussätzige werden gereinigt, und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird gute Botschaft verkündigt; und glückselig ist, wer irgend nicht an mir Anstoß nimmt!“ (Verse 2–6).

Wieder einmal wechselt Matthäus „die Zeit“. Denn die Frage von Johannes dem Täufer ist deutlich vor der Aussendung der zwölf Apostel gestellt worden. Wenn man diese Begebenheiten mit dem Markus- und Lukasevangelium vergleicht, stellt man fest, dass die Frage des Johannes unmittelbar nach der Heilung des Knechtes des Hauptmanns berichtet wird, die wir in Matthäus 8 hatten, und nach der Auferweckung des Sohnes der Witwe aus Nain (vgl. Lk 7). Das wird durch Lukas deutlich gemacht.

In Kapitel 4 hatten wir gelernt, dass Johannes ins Gefängnis geworfen worden war (Vers 12). Im 14. Kapitel werden wir den Bericht über den Tod von Johannes lesen. Hier wird uns eine Begebenheit aus der Gefängniszeit dieses außerordentlichen Dieners mitgeteilt.

Auch der Wegbegleiter von Paulus stellt oftmals verschiedene Begebenheiten zusammen, unabhängig davon, zu was für einer Zeit sie stattgefunden haben. Aber zuweilen verwendet er deutliche Zeitangaben; so auch hier: „Und diese Rede [der Auferweckung des Jünglings von Nain] über ihn ging aus in ganz Judäa und in der ganzen Umgebung. Und dem Johannes berichteten seine Jünger über dies alles. Und Johannes ...“ (Lk 7,17.18).

Die Chronologie des ersten Abschnitts

Man fragt sich, warum Matthäus diese Geschichte erst jetzt berichtet. Die Antwort ist mehrschichtig:

  1. Der Herr hatte seine zwölf Jünger zu seinem Volk ausgesandt. Johannes der Täufer gehörte nicht zu den Zwölfen, aber auch er war von Gott zum Volk Israel ausgesandt worden. So passen beiden Sendungen zusammen.
  2. Der Herr Jesus möchte in Verbindung mit Johannes dem Täufer einen Wechsel der Zeiten ankündigen. Dieser passt gerade an dieser Stelle sehr gut, weil der Herr im Begriff steht, von seinem Volk endgültig verworfen zu werden, so dass eine neue Zeitepoche anbrechen muss (vgl. Mt 11,11).
  3. Die Verwerfung des Herrn läuft zielgerichtet auf den Höhepunkt zu. Dazu passt auch, dass sogar der begnadete Vorläufer des Königs, Johannes der Täufer, zu einem gewissen Teil der Ablehnung des Königs beiträgt.
  4. Die Verwerfung des Königs und die seines Vorläufers gehören zusammen. Daher werden sie an dieser Stelle zusammengeführt.
  5. Wenn der König von seinem eigenen Volk abgelehnt wird, zeigt der Vater, dass für Ihn der Sohn einzigartig und einmalig ist. Dieser Kontrast zu jedem anderen Menschen wird noch eindrücklicher, wenn man Ihn im Vergleich zu den Besten und Größten Männern Gottes sieht.

Die Situation Johannes des Täufers

Es besteht für uns kein Anlass, auch nur in irgendeiner Weise abschätzig von Johannes dem Täufer zu reden. Wenn wir bedenken, in was für einer Zeit er lebte, und in was für einer Treue der Geist Gottes diesen Mann vorstellt, dann wissen wir, wie weit wir hinter ihm zurückbleiben. Zudem wollen wir uns erinnern, dass wir viel mehr Vorrechte und Offenbarungen des Herrn haben und kennen als er; und dennoch sind wir solche, die viel mehr zweifeln, als dies Johannes je getan hat. Dabei haben wir viel weniger Anlass dafür.

Dennoch finden wir in diesen Versen Worte aus seinem Mund, die bezeugen, dass er in dieser Situation nicht auf der Höhe seines früheren Glaubenslebens stand. Wir können das gut verstehen. Er selbst war der Vorläufer des wahren Königs. Er hatte Jesus angekündigt. Er hatte Ihm den Weg bereitet. Er hatte in wunderbarer Weise von Ihm gezeugt und von seinen Wundern gehört (oder diese sogar gesehen). Aber für seine Treue wurde Johannes dann ins Gefängnis geworfen.

Seine Wirkungszeit war dadurch sehr beschränkt. Wir haben soeben gesehen, dass diese Begebenheit schon vergleichsweise früh in der Dienstzeit des Herrn gewesen ist. Und Johannes muss sich schon längere Zeit in seinem Verließ befunden haben. Vielleicht hat er nicht einmal ein Jahr lang für Gott öffentlich tätig sein können. Sein Dienst begann, bevor der Herr Jesus den seinen anfing. Und schon in Matthäus 4,12 haben wir gelesen, dass Johannes ins Gefängnis geworfen wurde. Nach Markus 1,14 war das nur kurze Zeit nach der Versuchung des Herrn in der Wüste durch Satan. Das muss für ihn als Diener, der als Vorläufer des Herrn eingesetzt worden war, sehr bitter gewesen sein.

In seinem Gefängnis hört Johannes von den Wunderwirkungen des Herrn. Aber dieser kümmerte sich (scheinbar) nicht um den Täufer. Viele Wunder geschahen – aber kein einziges zugunsten von Johannes. Warum nicht? War Christus nicht gerade deshalb gekommen, um sein Königreich aufzurichten, wie Johannes anzukündigen hatte? Dann musste Er doch auch seinen Vorläufer befreien, damit dieser als Herold weiter für seinen Meister wirken könnte!

Aber gerade das geschieht nicht. Johannes muss weiter im Gefängnis sitzen. Keiner kümmert sich um ihn. Und auch der Herr Jesus nicht. Da stellt er sich die Frage: Was ist hier schief gelaufen? Ist Jesus vielleicht doch nicht der verheißene König? Sicherlich bestand auch im Herzen von Johannes dem Täufer wie bei den Jüngern des Herrn sehr stark der jüdische Gedanke und die dazu gehörende Hoffnung, dass das Königreich sofort in Macht und Herrlichkeit aufgerichtet würde ... Es ist interessant, dass sich Johannes nicht fragt, ob er selbst wirklich der Vorläufer des Herrn war. Er fragt sich, ob Christus der Messias ist. Unsere Schwächen führen eher dazu, an Gott als an uns zu zweifeln. Das sehen wir zum Beispiel bei Elia (1. Kön 19), auch bei Jeremia in manchen Lebensumständen der Verzweiflung oder im Leben Jonas.

So zeigen diese Verse, dass es nur den einen Vollkommenen gibt, auf den der Vater mit vollständigem Wohlgefallen blicken kann. Jesus, dieser eine, muss an dieser Stelle daher auch sein eigener Zeuge werden. Er zeugt von sich und von Johannes, empfängt aber kein Zeugnis von diesem. Dennoch offenbart Johannes dadurch, dass er seine Jünger direkt zu Jesus sendet, echtes Vertrauen auf den Herrn und sein Wort.

Das Zeugnis von Johannes

In Johannes 1,15 lesen wir, dass Johannes früher gesagt hatte: „Dieser war es, von dem ich sagte: Der nach mit Kommende hat den Vorrang vor mir, denn er war vor mir.“ In den Versen 29 und 30 heißt es: „Am folgenden Tag sieht er [Johannes der Täufer] Jesus zu sich kommen und spricht: Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt! Dieser ist es, von dem ich sagte: Nach mir kommt ein Mann, der den Vorrang vor mir hat, denn er war vor mir.“ „Und ich habe gesehen und habe bezeugt, dass dieser der Sohn Gottes ist“ (Joh 1,34).

In Johannes 3,29.30 hatte er bezeugt: „Der die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dasteht und ihn hört, ist hocherfreut über die Stimme des Bräutigams; diese meine Freude nun ist erfüllt. Er muss wachsen, ich aber abnehmen.“ Und in den beiden letzten Versen dieses Kapitels lesen wir vielleicht den Höhepunkt seiner Predigt: „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, hat ewiges Leben; wer aber dem Sohn nicht glaubt, wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt auf ihm“ (Joh 3,35.36), wobei diese letzten Worte möglicherweise direkte Bezeugungen des Geistes Gottes sind und nicht mehr von Johannes so ausgesprochen wurden.

Wir können also ausschließen, dass Johannes auf einmal nicht mehr wusste, wen er vor sich hatte. Aber lange Drangsale können das Herz bitter machen (vgl. Spr 13,12). Und so befand sich Johannes hier in einer Situation, durch die er offenbar in Glaubensnöte kam. Wir müssen bedenken, dass es ein Unterschied ist, als Bote des Herrn in furchtloser Weise das Wort des Herrn zu verkündigen, oder als verworfener Prophet im Verließ zu sitzen, ohne Hilfe, ohne Aktionsfeld, nur auf sich allein gestellt und in der Gefahr, sich ständig selbst in Frage zu stellen.

Wunderbar, dass er sich in dieser Glaubensübung, die vielleicht auch durch die Worte seiner Jünger zustande gekommen war, nicht mit seinen Zweifeln zufrieden gibt. Er weiß, an wen er sich wenden sollte. Deshalb lässt er seine Jünger zu dem Herrn Jesus gehen, damit diese Ihn über seine Zweifel befragen.

Christus wirkt die vorhergesagten Zeichen in einem Akt göttlicher Gnade

Die Antwort des Herrn ist mindestens ebenso wunderbar! Er lässt seinen treuen Knecht in dessen innerer Not nicht im Stich. „Geht hin und verkündet Johannes, was ihr hört und seht.“ Es gab ein zweifaches Zeugnis der Herrlichkeit des Herrn. Und wie immer nimmt das Wort den ersten, den höheren Platz ein. Die Zeichen waren eine Bestätigung des göttlichen Ursprungs seiner Worte. Nicht umgekehrt! Es kam letztlich darauf an, die Worte des Herrn anzunehmen. Sie waren es, die Johannes überzeugen konnten, wenn auch die dazu gehörenden Zeichen nicht fehlten. Der Herr geht in seiner Barmherzigkeit im Folgenden mehr auf die Zeichen ein. Aber auch über seine Botschaft gibt Er noch einmal etwas an seinen Vorläufer weiter.

„Blinde werden wieder sehend und Lahme gehen umher, Aussätzige werden gereinigt und Taube hören und Tote werden auferweckt und Armen wird gute Botschaft verkündigt“, lässt Er Johannes ausrichten. Warum? Hatte Johannes von diesen Wundern nichts gehört? Waren es nicht gerade diese Zeichen, die Johannes vielleicht zum Verzweifeln brachten, weil er nicht verstehen konnte, dass der Herr nicht auch ihn selbst befreite?

Ja und nein. Natürlich erinnern diese Wunder gerade an das, was von dem Messias vorhergesagt worden war. Ich erinnere noch einmal an Jesaja 35,5.6: „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und jubeln wird die Zunge des Stummen.“ „Und an jenem Tag werden die Tauben die Worte des Buches hören, und aus Dunkel und Finsternis hervor werden die Augen der Blinden sehen. Und die Sanftmütigen werden ihre Freude in dem Herrn mehren, und die Armen unter den Menschen werden frohlocken in dem Heiligen Israels“ (Jes 29,18.19).

„Ich, der Herr; ich habe dich gerufen in Gerechtigkeit und ergriff dich bei der Hand; und ich werde dich behüten und dich setzen zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen, um blinde Augen aufzutun, um Gefangene aus dem Kerker herauszuführen, und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen“ (Jes 42,6.7). Und in Jesaja 52,7 lesen wir: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße dessen, der frohe Botschaft bringt, der Frieden verkündigt, der Botschaft des Guten bringt, der Rettung verkündigt, der zu Zion spricht: Dein Gott herrscht als König!“

Tatsächlich lesen wir im Alten Testament an keiner Stelle, dass ein Blinder auf einmal sehen konnte oder ein Tauber hören konnte oder ein Lahmer umhergehen konnte. Zwei Aussätzige (Mirjam, Naaman) wurden gereinigt und Tote durch Elia und Elisa auferweckt. Warum dann sollten diese Bemerkungen, die ja offensichtlich die Erfüllung alttestamentlicher Vorhersagen sind, Johannes den Täufer zum Glaubensmut zurückfinden lassen?

Die Botschaft für Johannes

  1. Der Herr Jesus zeigt durch diese Verse ganz deutlich, dass Er die Erfüllung der alttestamentlichen Vorhersagen auf den König Gottes war.
  2. Der Herr spricht aber nicht von Wundern, die für sich stehen, sondern von Zeichen der Gnade, die Bedürftigen zugute kommen. Johannes war kein Blinder, Lahmer, Tauber (mehr). Er war in diesem Sinn niemand mehr, der diese Art von Barmherzigkeit nötig hatte. Er musste (noch einmal) lernen, dass jeder Mensch, auch ein treuer Gläubiger, von dem Herrn abhängig und letztlich fehlerhaft ist. Aber er hatte sich als Vorläufer schon dem König geöffnet – dieser war jedoch für die Kranken gekommen, die noch einen Arzt nötig hatten.
  3. Diese Gnade war besonders für die Armen tätig. Sie brauchten die gute Botschaft. Mit diesem Schlusspunkt macht Jesus deutlich, dass alle Wunder nur zu der Verkündigung der guten Botschaft, dem Evangelium, hinführen sollten. Das war das eigentliche Ziel Gottes. Und das hatte Johannes schon längst angenommen.

So verdeutlicht der Herr durch seine Worte, dass seine Zeichen nicht einfach Wunder waren, sondern die Gnade Gottes den Armen und Schwachen, den Kranken und Bedürftigen offenbarten. Der Herr wollte nicht mit Macht bewirken, dass sein Königreich beginnt, sondern wollte durch Zeichen der Gnade einen Weg zu den Herzen der Sünder öffnen. Wenn diese Ihn annehmen würden, könnte sein Königreich beginnen. Ansonsten würde Er verworfen werden.

„Der Geist des Herrn, des Ewigen, ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat, den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat, die zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, Freiheit auszurufen den Gefangen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen“ (Jes 61,1). Das erfüllte der Herr in der damaligen Zeit.

Glückselig

„Glückselig ist, wer nicht an mir Anstoß nimmt!“, ist die Schlussfolgerung des Herrn. Natürlich war dies ein zarter Hinweis auch an seinen Vorläufer, wieder zum Glauben zurückzufinden. Doch zugleich waren diese Worte die Bestätigung, dass es viele gab, die an Ihm Anstoß nahmen. Dieses Wort ist sehr weitreichend. Denn wer Anstoß nimmt, kommt zu Fall und erreicht das Ziel nicht. Das heißt, er geht letztendlich verloren! Man denke an Verse wie 1. Petrus 2,8: „Ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses“ – die sich, da sie nicht gehorsam sind, an dem Wort stoßen, wozu sie auch gesetzt worden sind.“

Weil das Volk der Juden sich an Christus stieß, denn sie wollten Ihn nicht als ihren König und Herrn annehmen, konnte das Königreich nicht in der ursprünglich von vielen Juden erwarteten Form beginnen. Sowohl der Vorläufer als auch sein König würden daher verworfen und getötet werden. Wer aber auch in dieser Verwerfung an dem Herrn festhalten würde, würde ein vollkommenes, inneres Glück besitzen. Und der Herr wollte, dass Johannes wieder dieses innere Glück zurückfindet. Wir dürfen sicher sein, dass der Meister dieses Ziel erreicht hat.

Der Mensch, die Juden, das Volk insgesamt wurden durch die damalige Situation auf die Probe gestellt. Wahres Glück sprach der Herr denjenigen zu, die sich durch das unscheinbare Äußere des Herrn und seine Zeichen der Gnade, die Er nie zu seinen eigenen Gunsten wirkte, nicht beirren lassen würden. Das ist im Übrigen bis heute so.

Verse 7–19: Christus kündigt einen Wechsel an und wird verworfen

In den nächsten 13 Versen lernen wir, dass der Herr Jesus die Frage von Johannes dem Täufer zum Anlass nimmt, einen kompletten Wechsel des Regierungshandelns Gottes anzukündigen (Verse 7–11). Während Er die zweifelnde Frage von Johannes nur im kleinen Kreis beantwortet, wendet Er sich jetzt an die Volksmenge, um ein großartiges Zeugnis über Johannes abzulegen. Eigentlich war es die Aufgabe des Vorläufers, die Herrlichkeit des Königs zu bezeugen. Aber in seinem Glaubenszweifel ist er dazu jetzt nicht in der Lage. So bezeugt der König die großartige Stellung seines Vorläufers!

Den Wechsel im Handeln Gottes erklärt der Herr dann dadurch, dass sowohl Christus als auch sein Vorläufer durch das Volk und besonders durch die Oberen des Volkes verworfen werden (Verse 12–19). Noch reagiert Er nicht mit Gericht; das folgt später. Aber zuerst zeigt Er, dass die Verwerfung des Königs Gottes die Ratschlüsse Gottes nicht zerstören kann. Gott hat immer einen Weg bis an sein Ziel.

Verse 7–11: Von Johannes zum Königreich der Himmel

„Als diese aber hingingen, fing Jesus an, zu den Volksmengen über Johannes zu reden: Was seid ihr in die Wüste hinausgegangen zu sehen? Ein Schilfrohr vom Wind hin und her bewegt? Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Menschen, mit weichen Kleidern bekleidet? Siehe, die die weichen Kleider tragen, sind in den Häusern der Könige. Aber was seid ihr hinausgegangen zu sehen? Einen Propheten? Ja, sage ich euch, sogar mehr als einen Propheten. Dieser ist es, von dem geschrieben steht: ‚Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht her, der deinen Weg vor dir bereiten wird.‘ Wahrlich, ich sage euch, unter den von Frauen Geborenen ist kein Größerer aufgestanden als Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Königreich der Himmel ist größer als er“ (Verse 7–11).

In diesen Versen lernen wir, wie der Herr mit seinen Dienern umgeht. Er behandelt eine Glaubensschwäche im kleinen Kreis und zeigt den Wert dieser Diener für Ihn vor allen Menschen. Wir neigen vielleicht manchmal dazu, die Kritik an anderen im großen Kreis weiterzugeben, während wir die Wertschätzung in der Privatsphäre weitertragen. Wir können hier vom Herrn lernen, auch wenn wir nicht die Aufgabe haben, die Arbeit eines anderen Dieners zu beurteilen (vgl. Mt 7,1).

Jesus nimmt die Frage von Johannes dem Täufer zum Anlass, von ihm vor den Menschen zu zeugen. Er belehrt uns darüber, dass Johannes in seiner beeindruckenden Treue und Herrlichkeit einer Zeit angehört, die sich jetzt ihrem Ende zuneigte: „bis jetzt“ (Vers 13). Ein gewaltiger Wandel stand also bevor.

Wer war dieser Johannes? Warum waren die Juden damals, als er in der Wüste predigte, in Scharen zu ihm hinausgelaufen? Der Herr Jesus gibt drei Möglichkeiten an:

  1. Wollten sie ein Schilfrohr sehen, das vom Wind hin und her bewegt wurde? Als ob Johannes ohne jede Bedeutung und vollkommen nutzlos gewesen wäre!
    Das Schilfrohr war ein Gerichtsurteil, dass Gott einmal durch den Propheten Achija in der Zeit Abijas, des Sohnes Jerobeam I., aussprechen ließ: „Und der Herr wird Israel schlagen, dass es wie das Rohr im Wasser schwankt; und er wird Israel herausreißen aus diesem guten Land, das er ihren Vätern gegeben hat, und wird sie zerstreuen jenseits des Stromes“ (1. Kön 14,15).
    Johannes war auch – trotz seiner vorübergehenden Glaubensschwäche – kein Mann, der ständigen Schwankungen unterworfen war (vgl. Eph 4,14). Er hatte von Gott einen Auftrag erhalten, den er auch gegen die Widerstände der Pharisäer und Schriftgelehrten ausgeführt hatte. Gegen- oder Rückenwind beeinflussten ihn in seinem Dienst überhaupt nicht!
    Ja, es war wahr, dass sich Johannes jetzt durch die schwierigen Umstände doch noch beeinflussen ließ. Aber der Herr Jesus spricht hier von genau dem Gegenteil. Er weiß, in was für Umständen sich sein Diener befindet. So lässt Er nicht zu, dass diese vorübergehende Glaubensschwäche zu falschen Gedanken bei anderen Menschen Anlass gibt. Wenn Er ihn im privaten Rahmen auch letztlich indirekt tadeln muss, stellt sich Christus in der Öffentlichkeit vor seinen Herold. Ein Beispiel für uns!
    Vielleicht ist dieses Wort „Rohr“ auch ein Hinweis darauf, dass Johannes nicht als ein Schriftprophet aufgetreten war, denn das Schilfrohr wurde damals anscheinend als Grundlage für das Schreibrohr verwendet. Aber Johannes hatte sich nicht in ein Zimmer verzogen, um zu schreiben, sondern war den Menschen Auge in Auge gegenübergetreten. – Was für eine Auszeichnung liegt in diesen Worten des Herrn zugunsten seines Dieners!
  2. Das „aber“ von Vers 8 macht deutlich, dass die Juden wussten, dass Johannes der Täufer kein Schilfrohr war, das hin- und herbewegt wurde. Deshalb waren sie nicht gekommen. Etwa wegen eines Menschen, der mit weichen Kleidern bekleidet war? Die Hinzufügung zeigt, dass es um solche ging, die in Königshäusern wohnten oder dort aus- und eingingen. Gehörte Johannes zu ihnen?
    Ja, er war der Herold eines Königs, des Messias Gottes! Und dennoch war er jemand, der sich ja gerade nicht für den Königshof in Jerusalem, nicht einmal für die Stadt Jerusalem entschieden hatte, sondern in der Wüste seinen Dienst verrichtete. Er machte es sich nicht bequem in Sesseln, wozu diese weichen Kleider passen. Nein, er diente in der Wüste, aß nicht am Königstisch, sondern Heuschrecken und wilden Honig; er hatte keine Königskleider an, sondern Kleidung aus Kamelhaar.
    Nicht seine Kleidung oder sein Gehabe zog die Menschen an, sondern seine moralische Ausstrahlung, eine Autorität, die sie von den Pharisäern offenbar nicht gewohnt waren!
  3. Auch die Kleidung war es also nicht, welche die Juden in die Wüste trieb. Was dann? Wollten sie einen Propheten sehen? Damit kommt der Herr Jesus zum Kernpunkt dessen, was Johannes wirklich war. Er beantwortet nicht die Frage, ob das wirklich der Beweggrund für die Menschen war, zu Johannes zu gehen. Aus Matthäus 3 wissen wir, dass viele ihre Sünden bekannten. Wir müssen aber annehmen, dass es noch mehr gab, die kein Interesse an einem Sündenbekenntnis hatten, um auf diesem Weg den Messias anzunehmen. Denn die meisten des Volkes lehnten Christus ab, wie wir gesehen haben, und waren sich auch keiner persönlichen Schuld bewusst.
    Aber wenn Johannes kein Schilfrohr und kein Königskind war, dann doch ein Prophet, der die Kennzeichen eines Propheten trug: Er lebte in der Gegenwart Gottes (vgl. 1. Kön 17,1), er war ein Mann des Gebets (vgl. 1. Mo 20,7) und er war der Mund Gottes (vgl. 2. Mo 7,1), der das aussprach, was Gott ihm aufgetragen hatte.

Johannes, größer als ein Prophet

Dabei belässt es Christus aber nicht. Wenn auch Johannes der Täufer in diesem Moment darin versagt hatte, in Christus den Messias Gottes anzuerkennen und so seine eigenen Jünger auf eine falsche Fährte setzte, so bezeugte der Herr in seiner Treue dennoch etwas von dem wahren Charakter des Täufers, den offenbar viele wegen dessen Gefangenschaft vergessen hatten.

Johannes war ein Prophet. Aber er war mehr als das. Denn er war derjenige Prophet, der nicht nur für Gott gesprochen hatte, sondern von dem andere Propheten im Vorhinein sogar gezeugt hatten. Das war etwas Besonderes. Wie immer ist der Herr selbst allerdings auch hier die besondere Ausnahme. Von Ihm war schon viele Jahrhunderte zuvor prophezeit worden, mehr als von Johannes: „Einen Propheten aus deiner Mitte, aus deinen Brüdern, gleich mir, wird der Herr, dein Gott, dir erwecken; auf ihn sollt ihr hören“ (5. Mo 18,15).

In dem Buch, das wohl als letztes der alttestamentlichen Bücher verfasst worden war, wurde von Johannes gezeugt: „Siehe, ich sende meinen Boten, damit er den Weg vor mir her bereite“ (Mal 3,1). Johannes der Täufer war die Erfüllung dieses Prophetenwortes, wie der Herr deutlich macht. Er war dieser Bote, der den Weg vor Christus her bereiten sollte und bereitet hat. Nur, dass die Menschen nicht bereit waren, auf diesem Weg dem Herrn zu folgen.

Auch Jesaja hatte von Johannes gezeugt: „Stimme eines Rufenden: In der Wüste bahnt den Weg des Herrn; ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott“ (Jes 40,3). Und wenn das Volk den Vorläufer und auch den Herrn Jesus Christus angenommen hätte, wäre Johannes der Täufer auch die Erfüllung von Maleachi 3,23 geworden: „Siehe, ich sende euch Elia, den Propheten, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare.“ Gerade der Abschnitt, mit dem wir uns jetzt beschäftigen, macht jedoch jedem klar, dass das Volk sowohl Johannes als auch den König selbst abgelehnt hat. So werden diese Worte noch einmal, in der Zukunft, in vollständiger Weise in Erfüllung gehen.

Der Herr schließt diesen Teil ab, indem er neben der Größe von Johannes dem Täufer die große Veränderung betont, die jetzt bevorstand. Was für ein Zeugnis: Es gab unter den von Frauen Geborenen niemand, der größer war als Johannes – den Herrn selbst natürlich ausgenommen. Warum war Johannes größer als alle anderen? Weil er so treu war? Nein, das ist nicht der Punkt hier, denn der Herr stellt keinen Vergleich der Treue und Hingabe von Johannes, Mose, Elia, David oder Jeremia an.

Es gab einen gewaltigen Unterschied zwischen Johannes und allen anderen: Nur ihm war es vorbehalten, den König zu sehen, ja sogar einzuführen. Die anderen Männer (und Frauen) Gottes hatten das Vorrecht, von dem Messias zu zeugen. Aber nur einer konnte der Vorläufer sein, derjenige, der Jesus als wahren König einführt. Und das war die Aufgabe, die Gott Johannes übertragen hatte. Johannes schätzte dieses Vorrecht sehr, so dass er davon spricht, dass er als Freund des Bräutigams hocherfreut war über die Stimme des Bräutigams (vgl. Joh 3,29).

Was kann es Größeres geben, als dem Volk zu zeigen: Seht her, hier ist der König Gottes für Euch! Das durfte Johannes tun; nur er. Und niemand hatte dem Herrn so nahe gestanden wie Er. Keiner hatte von Ihm ein so genaues und vollständiges Zeugnis abgelegt, auch von seiner Herrlichkeit. Denken wir daran, dass Johannes auch die ewige Sohnschaft des Herrn bezeugte, die kein Prophet des Alten Testaments kannte. Zudem war er – wie gesagt – derjenige, auf den sogar Weissagungen des Alten Testaments hinwiesen.

Und doch, fügt der Herr hinzu, ist der Kleinste im Königreich der Himmel größer als Johannes. Diese Aussage erstaunt. Sie unterstreicht noch einmal, dass es nicht um moralische Größe gehen kann. Denn wer würde heute (oder im 1000-jährigen Königreich) glauben, in moralischer Hinsicht mehr Hingabe zu zeigen als Johannes? Es geht auch nicht um die Größe des Glaubens. Wer von uns wollte sich mit diesem Mann vergleichen? Dennoch zeigt der Herr: Jeder, der sich im Königreich heutiger Prägung befindet, ist größer als Johannes.

Größer als Johannes

Wie kann man diese Aussage verstehen? Viele denken daran, dass wir heute, die wir als Jünger des Herrn in seinem Königreich leben und zugleich die Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes bilden, durch unsere Stellung viel enger mit dem Herrn verbunden sind als Johannes. Und das ist wahr. Kann es eine engere Verbindung geben als diejenige, die zwischen dem Haupt (dem Herrn) und seinen Gliedern (den Gläubigen der Gnadenzeit) existiert? Nein, das ist unmöglich.

Wir wollen für einen Moment daran denken, inwiefern wir diese Beziehung, diese Stellung, die aus uns Kinder Gottes gemacht hat, genießen? Johannes lebte in dem, was er von Gott anvertraut bekommen hatte. Dafür hat er alles gegeben und war bereit, sogar im Verließ zu sterben. Wir kennen Gott viel näher, nämlich als unseren persönlichen Vater. Wir sind seine Kinder, besitzen den Geist Gottes in uns wohnend. Wie prägt uns das? Wie genießen wir das?

Und doch bezieht sich der Herr an dieser Stelle nicht in erster Linie auf uns als Glieder des einen Leibes der Versammlung, auch wenn Er diesen Gedanken nicht ausschließt. Er spricht vielmehr von dem Königreich der Himmel. Denn die Versammlung bestand damals noch nicht und kommt an dieser Stelle auch noch nicht in Betracht. Wir müssen bedenken, dass Johannes der Vorläufer des Herrn war – nicht ein Nachläufer, also Jünger. Johannes gehörte nicht zu diesem Königreich, das der Herr aufrichten wollte.

Und bis Kapitel 13 ist – zunächst – unter dem Königreich der Himmel exakt das zu verstehen, was die Juden erwartet haben: die Aufrichtung des Reiches in Macht und Herrlichkeit. Königreich der Himmel – die Quelle befindet sich im Himmel, der Gegenstand, die Sphäre des Reiches auf der Erde. Erst durch die Verwerfung des Herrn hat dieses Königreich nach Matthäus 13,11 eine geheimnisvolle Gestalt angenommen.

Daher ist die erste Bedeutung dieser Verse: Der Kleinste in dem Königreich der Himmel mit dem König in der Mitte seines Volkes ist größer als der größte Mann des Alten Testaments, der zwar das Königreich angekündigt hatte, nicht jedoch Teil des Reiches war. Hinzu kommt, dass sich selbst ein Johannes der Täufer nicht auf ein vollbrachtes Werk am Kreuz stützen konnte. Er konnte nicht sagen: Alle meinen Sünden sind vergeben, ausgelöscht vor dem Angesicht des Ewigen. Heute jedoch darf dies jedes Kind Gottes sagen.

Natürlich ist es wahr, dass es einen fließenden Übergang gibt. So stellt dieses ganze Kapitel einen Übergangsabschnitt dar. Denn warum war Johannes nur der Ankündiger des Reiches, ohne in dieses hineingehen zu können? Weil er und der König verworfen wurden. Das wiederum ist der Anlass, dass dieses Königreich eine geheimnisvolle Gestalt annimmt. Zudem kündigt der Herr in diesem Vers, wie der Folgevers bestätigt, einen gewaltigen Wechsel an. Das Reich der Himmel, wie es dann kommen sollte, würde eine ganz neue Form annehmen, sodass seine Bürger allein durch ihre Stellung eine ganz andere Nähe zu dem Herrn und zu Gott haben sollten, als das jemals zuvor möglich gewesen ist. Daher folgt in Vers 12 auch dieses „bis jetzt“.

Abschließend, damit keine falschen Gedanken aufkommen: Jesus ist weit entfernt davon, der Geringste oder einer der Geringsten in diesem Königreich zu sein. Er ist der König, also der, von dem alle abhängig sind, dem alle in diesem Reich angehören. So kann man nicht einmal sagen, dass Er in diesem Königreich war; eher war das Königreich schon in Ihm „inbegriffen“. Es kam in seiner Person auf diese Erde (vgl. Lk 17,20.21), auch wenn das Königreich tatsächlich erst aufgerichtet wurde, als Jesus in den Himmel auffuhr. Dann begann es, zuerst in einer geistlichen Weise und für die Welt nicht erkennbar – wenn es auch in Zukunft sichtbar und in herrlicher Weise „materiell“ hier auf der Erde eingeführt werden wird, mit einem König, der hier auf diese Erde kommen wird: Christus, der Herr. Er war schon hier, wurde aber verworfen. So wird Er noch einmal wiederkommen, dann in Macht und Herrlichkeit.

Verse 12–15: Das Königreich der Himmel und Gewalt: Die Zeiten wandeln sich

„Aber von den Tagen Johannes' des Täufers an bis jetzt wird dem Königreich der Himmel Gewalt angetan, und Gewalttuende reißen es an sich. Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes. Und wenn ihr es annehmen wollt: Er ist Elia, der kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Verse 12–15).

Der zwölfte Vers hat es in sich und ist Gegenstand sehr unterschiedlicher Auslegungen. Der Herr bezieht sich auf die Zeit des ersten Auftretens von Johannes dem Täufer bis zu dem Augenblick, an dem Er gerade sprach. Das war eine Zeit von vielleicht nicht einmal einem Jahr. In den Versen zuvor haben wir schon gesehen, dass es eine Übergangszeit war.

In dieser Zeit wurde dem Königreich der Himmel Gewalt angetan, denn Gewalttuende rissen es an sich. Die beiden für uns am ehesten nachvollziehbaren Auslegungen möchte ich hier anführen 2:

  1. Die Treuen müssen Widerstände überwinden, um in das Reich hineinzukommen.
    Der ganze Abschnitt spricht von der Verwerfung des Herrn und seines Vorläufers. Der Widerstand nahm zu; man wollte weder den König noch seinen Herold. Und diejenigen, die sich zu Christus bekannten, konnten das nur gegen den erbitterten Widerstand der Pharisäer und Schriftgelehrten tun. Man denke beispielsweise an Johannes 7,45–53, wo die Volksmenge von den Obersten verflucht und auch Nikodemus persönlich angegriffen wurde, weil er sich auf die Seite Jesu stellte.
    In diesem Sinn war Gewalt, war Kraft nötig, um das Königreich einzunehmen, sprich in dieses Königreich hineinzugehen. Man musste bereit sein, alle Widerstände der Juden und ihrer Obersten zu überwinden. Nur durch Selbstverleugnung, das Aufnehmen seines Kreuzes (10,38), war man in der Lage, in dieses Königreich einzugehen.
  2. Pharisäer wollen das Königreich an sich reißen – aber nicht in Gott gewollter Weise
    Die zweite Möglichkeit, diesen Satz zu verstehen, besteht darin, in der Gewalt und in den Gewalttuenden besonders die Obersten der Juden zu sehen. Sie wollten wohl, dass der König in Israel herrscht. Aber ihr Ziel bestand darin, die Herrschaft der Römer abzuschütteln, um in Freiheit und Herrlichkeit leben und regieren zu können. Dabei aber vergaßen diese Menschen, dass es nur einen Weg gab, den Gott ihnen durch Johannes aufzeigte: Das war der Weg der Buße. Deshalb hatte er sie getauft; deshalb hatte er die Buße gepredigt; deshalb hatte er das Evangelium des Königreichs verkündigt.
    Aber die Juden und die Obersten wollten nicht auf Johannes hören. Sie wollten wohl ein Reich in Frieden und ohne heidnische Herrschaft, aber ohne Buße und Umkehr. So versuchten sie mit allen Mitteln, den wahren König zu verhindern (von Anfang an, vgl. Mt 2) und hinwegzutun, genauso wie sie alle Anstrengung unternahmen, seinen Herold zu beseitigen. Daher war er im Gefängnis; daher würde er geköpft werden. So rissen sie das Königreich, das Christus gehörte, mit Macht an sich, um sich niemand mehr unterordnen zu müssen.

Ich neige zu der Erklärung, die ich als zweites genannt habe, und zwar aus folgenden Gründen:

  1. Formal: Mir scheint, dass dieser Gedanke der Gewalt in erster Linie äußerlicher Natur ist. So wird dieser Ausdruck immer wieder verwendet. Und genau so verhielten sich die Pharisäer und die Obersten des Volkes. Sie verwendeten äußere Gewalt, um sich das Königreich anzueignen.
  2. Haltung: Bislang haben wir gelernt, dass man durch Buße, durch die Taufe und durch die Annahme des Evangeliums in das Königreich eingehen kann. Warum wird gerade auf diese Zeit bezogen jetzt auf einmal Gewalt nötig? Ist es nicht immer noch ein moralisches Beugen und Bekenntnis, das der Herr fordert?
  3. Zusammenhang: In diesem ganzen Abschnitt geht es darum, dass der Herr von den Juden verworfen wird und damit eine neue Zeit anbricht. Johannes ist dafür ein Beispiel (Verse 2–11.18), der Herr selbst (Vers 19), und beide zusammen (das Gleichnis der Verse 16.17). Und in diesen Zusammenhang stellt der Herr auch die Verse 12–14. Die Juden wollten sich vom Joch der Römer befreien, aber einen eigenwilligen Weg dafür wählen und nicht dem Herrn Jesus gehorsam sein.
  4. Folgeverse: Auch die Folgeverse passen sehr gut zur zweiten Auslegung. Johannes stellte die Schwelle zu einer neuen Zeit dar. Er bildete den Abschluss der Propheten und des Gesetzes. Es fällt auf, dass hier die Propheten vor dem Gesetz genannt werden. Das hängt sicher mit Johannes zusammen, der vom Herrn ja soeben als der größte der Propheten bezeichnet worden ist. Die alttestamentliche Zeit fand mit ihm seinen Abschluss. Wir können daher mit Recht sagen, dass Johannes und sein Dienst noch zum Alten Testament gehören. Aber Christus würde jetzt aufgrund der Verwerfung durch sein Volk etwas grundlegend Neues schenken: statt Gesetz käme jetzt die Gnade.
    Johannes war der im Alten Testament vorher gesagte Elia. Natürlich nicht in Person, sondern „wenn ihr es annehmen wollt“ – also geistlicherweise. Johannes war in der moralischen Kraft dieses Propheten aufgetreten. Aber das Volk wollte ihn nicht annehmen; sie wollten sich seiner Predigt, seiner Ermahnung und seiner Warnung nicht unterordnen. Das exakt war das Zeichen der Verwerfung Gottes und seines Messias. Und daher versuchten die Pharisäer, sich des Reiches zu bemächtigen. So warfen sie Elia hinaus.
  5. Zeit: Der Herr spricht von der Zeit von Johannes bis zum Augenblick, an dem Er sprach. Gerade das war die Zeit, in der die Verwerfung des Christus offenbar wurde; in der die Pharisäer und Obersten des Volkes mit aller Macht versuchten, dem wahren König den Zugang zu seinem Thron zu verwehren. Sie wollten herrschen, Christus sollte verhindert werden. Als der Verworfene wendet sich Jesus einem Überrest zu, der mit Ihm verworfen ist. Dieser versucht nicht, mit Macht dieses Königreich aufzurichten. Er ist bereit, mit Christus und um seines Namens willen zu leiden. Der Widerstand, der aus der ersten Erklärung (1., siehe oben) hervorgeht und der ja vorhanden war, würde auch in der Folgezeit weiter bestehen bleiben. Die Verwerfung des Herrn würde jedoch bereits mit Kapitel 12 dieses Evangeliums vollständig sein.
    Auch in dieser Zeit sollte der Eingang in das Königreich nicht auf eine gewaltsame Weise geschehen, sondern in moralischer Hinsicht.
  6. Eingang in das Königreich: Wie kommt man eigentlich in das Königreich der Himmel? Die Antwort gibt Johannes der Täufer: „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“ (Mt 3,2). Indem man sich unter das Urteil Gottes beugt, dass man zu einer Nation gehört, die Gott verunehrt hat, und indem man für sich persönlich diese Sünden bekennt, geht man in das Königreich ein. Das war ursprünglich für das ganze Volk so vorgesehen. Es ging also nicht so sehr um einen individuellen Eingang, sondern um den Eingang des Volkes. Und doch kam es auf den Einzelnen an.
    Der Herr Jesus bestätigt die Worte Johannes (4,17). In Kapitel 10 spricht Er noch einmal davon. Und dort zeigt Er bereits, dass die Boten genauso wie der Herr verworfen würden; ja dass ihnen Gewalt angetan würde.
  7. Art des Eingangs in das Königreich: Können wir wirklich sagen, dass der Sünder, der in das Königreich eingeht, mit Kraftanstrengung hinein kommt? Was hat denn derjenige, der in das Königreich eingeht, „zu bieten“? Was besitzt er in sich selbst, um die Berechtigung für den Eingang in das Königreich nachweisen zu können?
    Aus manchen Stellen im Neuen Testament, auch aus den Gleichnissen vom Schatz und von der Perle in Matthäus 13 lernen wir, dass wir Menschen überhaupt nichts besaßen, was wir einzubringen gehabt hätten, um den Herrn anzunehmen oder um in das Königreich einzugehen. Wir konnten im Glauben nur das mit offenen Armen annehmen, was der Herr uns schenkt. Alles ist Gnade. Wir waren kraftlos und ohne Energie, ohne irgendetwas zu besitzen, was wir hätten zum Einnehmen des Königreiches einsetzen können 3. Dieser Grundsatz gilt auch in Matthäus 11. Wo kommen Gewalt und Kraft her, die nötig sind, um das Königreich in Besitz zu nehmen? Man geht doch als „Empfänger“ und nicht als „Geber“ in das Königreich hinein. Derjenige, der in das Königreich hineinkommen möchte, hat nur eines zu bringen: seine Sünden. Er muss Buße tun 4.

Der Herr schließt diesen Teil seiner Worte ab, indem Er die auch an anderen Stellen des Wortes Gottes verwendeten Worte anschließt: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Er wendet sich an diejenigen, die bereit sind, im Unterschied zu den Obersten des Volkes zu handeln, indem sie sich unter die Worte des Herrn beugen, um in Buße und mit einem aufrichtigen Bekenntnis in das Königreich einzugehen. Letztlich waren seine Worte nur an solche gerichtet, weil sie nur von solchen in einer richtigen Gesinnung aufgenommen werden konnten.

So sammelt der Herr diejenigen um sich, die in seinem Volk übrig blieben, weil sie sich nicht der Masse anschlossen, die den Pharisäern und Schriftgelehrten folgen wollten. Die Übriggebliebenen stellen sich auf die Seite des Herrn. Sie haben ein waches Gewissen und ein Ohr für die Worte des Herrn. Sie nehmen Ihn in ihren Herzen an, weil sie die Botschaft des Elia verstanden haben.

Verse 16–19: Die doppelte und endgültige Ablehnung des Messias

„Wem aber soll ich dieses Geschlecht vergleichen? Es ist Kindern gleich, die auf den Märkten sitzen und den anderen zurufen und sagen: Wir haben euch auf der Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht gewehklagt. Denn Johannes ist gekommen, der weder aß noch trank, und sie sagen: Er hat einen Dämon. Der Sohn des Menschen ist gekommen, der isst und trinkt, und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund von Zöllnern und Sündern. – Und die Weisheit ist gerechtfertigt worden von ihren Kindern“ (Verse 16–19).

Während der Herr in Vers 12 besonders von der gewaltsamen Art der Pharisäer und Schriftgelehrten gesprochen hat, kommt Er jetzt in einem Gleichnis auf die Gleichgültigkeit dieser Menschen sowohl Johannes dem Täufer als auch sich selbst gegenüber zu sprechen. Er muss gewissermaßen einen Vergleichsmaßstab suchen, um diese bösen und letztlich gottlosen Menschen beschreiben zu können.

Das Bild, das Er dazu wählt, ist für jeden gut verständlich. Kinder spielen auf einem Marktplatz. Dort singen und tanzen sie, dort flöten sie und singen auch traurige Klagelieder. Mal spielen sie Hochzeit – mit Flöte und Tanz, mal Beerdigung – mit Klageliedern. Ihr Ziel ist es, andere nach der eigenen Pfeife tanzen zu lassen. Diese aber machen nicht mit.

Es ist bei diesem Gleichnis nicht notwendig, das freudige Flöten mit dem Kommen Jesu in Gnade und die Klagelieder mit dem Aufruf zur Buße von Johannes zu verbinden. Tatsächlich kann es sich in der ersten Gruppe, also bei der flötenden und Klagelieder singenden Kinderschar, nicht um den Herrn Jesus oder Johannes handeln. Denn Jesus vergleicht ausdrücklich „dieses Geschlecht“ der Pharisäer und ablehnenden Juden mit den Kindern, die flöten und Klagelieder singen. So kindlich oder sogar kindisch benahmen sich die Juden, die Johannes und den Herrn ablehnten.

Die Juden wollten einfach nicht akzeptieren, dass jemand kam, der nicht „nach ihrer Pfeife tanzte“. Weder Johannes ließ sich auf die Führung der Pharisäer ein, noch tat dies der Herr. Johannes war bereit, für seinen Auftrag zu sterben; der Herr ebenfalls.

Um ihre Vorrangstellung nicht zu verlieren, diskreditierten die Pharisäer sowohl den Herrn als auch Johannes. Weil dieser nicht mit ihnen zusammen aß und trank, sondern zur Buße und Umkehr aufrief und immer wieder warnte, beschimpften sie ihn und sagten: „Er hat einen Dämon.“

Auch der Herr hörte nicht auf die Anweisungen der Juden. So ging Er zu Zöllnern und Sündern, die bereit waren, ihre Sünden zu bekennen. Er verkündigte Gnade und Barmherzigkeit jedem, der sie annehmen wollte. Weil Er damit nicht auf die Vorgaben der Pharisäer hörte, denen das ein Gräuel war, nannten sie Jesus einen „Fresser und Weinsäufer, einen Freund von Zöllnern und Sündern“.

Was für ein Hochmut, was für eine Arroganz, ja was für ein Hass sprach aus diesen Worten. Johannes aß und trank nicht, weil er alles seinem Auftrag unterwarf, nämlich das Volk für seinen Messias vorzubereiten. Dafür war er bereit, sogar zu fasten. War er diesen Spott wert?

Bei Christus ist es noch schlimmer. Mit offenen Gnadenarmen kam Er zu seinem Volk und bot jedem, der bereit war die Gnade anzunehmen, Heil und Frieden an. Weil die Pharisäer jedoch das Heil exklusiv besitzen wollten, um die Vorrangstellung bewahren zu können, verspotteten sie ihren eigenen König.

Es ist sogar möglich, dass sie in vollem Bewusstsein Bezug nahmen auf 5. Mose 21,20. Dort ist davon die Rede, dass Eltern ihren Sohn vor das Gericht in Israel brachten: „Dieser unser Sohn ist unbändig und widerspenstig, er gehorcht unserer Stimme nicht, er ist ein Schlemmer und Säufer!“ Wollten sie das dem Herrn der Herrlichkeit vorwerfen? Ist es nicht bemerkenswert, dass in 5. Mose 21,22 dann von dem Fluchholz die Rede ist – von dem Platz, den die religiösen Führer für den Herrn Jesus vorgesehen haben?

Diese Menschen lebten mit sich selbst in vollkommenem Widerspruch. Sie waren bereit, sowohl Hochzeitslieder als auch Klagelieder zu spielen, solange es ihnen gelang, an der Macht zu bleiben. Sie waren bereit, einen Asketen genauso zu verwerfen wie denjenigen, der bereit war, mit allen zu essen. Wer nicht nach den Vorschriften der Pharisäer handelte, wurde verfolgt. Der Herr Jesus hat diese Verwerfung zutiefst empfunden. Er erkannte, dass die Ablehnung dem Höhepunkt entgegenging und abschließender Natur war. Daher schließt sich auch sofort das Gericht über die drei Städte Chorazin, Bethsaida und Kapernaum an.

Weisheit gerechtfertigt

Vorher aber finden wir noch diesen Kontrast zu den Pharisäern: „Und die Weisheit ist gerechtfertigt worden von ihren Kindern.“ Denn trotz der großen, ablehnenden Masse gab es auch zur Zeit des Herrn noch solche, die bereit waren, Ihn anzunehmen. Sie waren sozusagen Kinder der Weisheit, die dadurch Weisheit offenbarten, dass sie denjenigen, der die Weisheit in Vollkommenheit war, annahmen. Die Kinder auf dem Marktplatz hatten eigenwillig gehandelt. Die Pharisäer und Schriftgelehrten, dieses Geschlecht, hatte in purem Eigenwillen gegen Christus und die Seinen gehandelt.

Diese Übriggebliebenen dagegen, auf die der Herr hier anspielt und die Er motivieren möchte, hatten die Weisheit in Christus erkannt (vgl. 1. Kor 1,24) und waren Ihm gefolgt. Sie folgten wahrer Weisheit. Das waren die Zöllner und Sünder, die soeben noch von den Pharisäern geringschätzig behandelt worden waren. Durch ihr Verhalten rechtfertigten sie die Weisheit und gaben ihr, das heißt gaben der personifizierten Weisheit – dem Herrn Jesus (vgl. Spr 8) – Recht.

Erkennen wir an dieser Stelle übrigens, mit was für einer Liebe der Herr von seinem Knecht Johannes spricht? Soeben noch hatte dieser eine Glaubensschwäche gezeigt. Und doch erhebt der Herr ihn zu sich und verbindet das Zeugnis von Johannes mit dem Seinen. So lieblich ist die Art des Herrn, mit denen umzugehen, die sich Ihm zur Verfügung gestellt haben.

Verse 20–24: Das Gerichtsurteil über Israel (Chorazin, Bethsaida und Kapernaum)

„Dann fing er an, die Städte zu schelten, in denen seine meisten Wunderwerke geschehen waren, weil sie nicht Buße getan hatten. Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Bethsaida! Denn wenn in Tyrus und Sidon die Wunderwerke geschehen wären, die unter euch geschehen sind, längst hätten sie in Sack und Asche Buße getan. Doch ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als euch. Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden; denn wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären, die in dir geschehen sind, es wäre geblieben bis auf den heutigen Tag. Doch ich sage euch: Dem Land von Sodom wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als dir“ (Verse 20–24).

Der Herr zeigt im Matthäusevangelium, dass diese Ablehnung, dass Johannes ein Dämon beigemessen und Er selbst Fresser und Weinsäufer genannt wird, der Anlass dafür ist, dass Er selbst sein Volk verwerfen muss. Er tut das, indem Er symbolisch drei Städte verurteilt: Chorazin, Bethsaida und Kapernaum. Sie stehen repräsentativ für das ganze Volk.

Dabei ist wieder zu berücksichtigen, dass diese Begebenheit historisch gesehen viel später stattfand. Wenn Lukas an dieser Stelle chronologisch ist – und dafür spricht manches, wie man in Verbindung mit dem Frohlocken des Herrn sehen kann – dann hat der Herr diese Städte nach der Rückkehr der 70 Jünger (Lk 10) gescholten. Matthäus schreibt aber unter der Leitung des Geistes Gottes viel früher davon. Denn es war die Verwerfung des Herrn durch sein Volk, die dazu führte, dass der Herr selbst als Konsequenz sein Volk zur Seite stellen musste. Das werden wir besonders im 12. Kapitel erkennen.

Es ist gut zu verstehen, dass das Üben von Gericht für den Herrn Jesus sozusagen eine „fremde“ Sache ist. „Denn der Herr wird sich aufmachen wie beim Berg Perazim, wie im Tal bei Gibeon wird er zürnen: um sein Werk zu tun – befremdend ist sein Werk! – und um seine Arbeit zu verrichten – außergewöhnlich ist seine Arbeit!“ (Jes 28,21). Dieser Vers zeigt zwar in erster Linie, dass das Nutzen einer sündigen Zuchtrute über Israel, wie der Assyrer es war und sein wird, für Gott dieses fremde Werk war. Aber eines ist klar: Der Herr Jesus als der demütige Mensch möchte nicht richten und verurteilen. Aber wenn jede Bemühung der Gnade umsonst ist, bleibt Ihm kein anderer Weg. Dabei wollen wir bedenken, dass der Herr niemals Gericht übt, bevor Er nicht alle Mittel ausgeschöpft hat, um die Menschen von ihrem Weg abzubringen; bis Er genau gesehen hat, ob das Böse zu einem vollen Maß gekommen ist (vgl. 1. Mo 15,16; 18,20.21; 1. Thes 2,16). Aber wenn Er das Gericht vollzieht: Wer soll dann noch vor Ihm bestehen können?

Auch später zeigt der Herr noch einmal deutlich, dass Er einen anderen Herzenswunsch hat: „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind! Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel, und ihr habt nicht gewollt!“ (Mt 23,37).

Was für eine Liebe spricht aus diesen Worten. Eine Liebe, die vonseiten des Volkes der Juden unbeantwortet blieb. Nichts ist schmerzlicher für ein Herz als missverstandene, zurückgestoßene Liebe. Aber diese Empfindungen stellt der Messias zurück. Er ordnet sich auch im Gericht dem Willen seines Vaters unter, wie auch später noch deutlich werden wird.

Chorazin und Bethsaida

Als Erstes tadelt der Herr die Städte Chorazin und Bethsaida. Beide Dörfer, auch Kapernaum, lagen in Galiläa. Das war die Gegend, wo der Herr die meisten Zeichen vollbracht hat. So sind sie das Symbol der Verwerfung des Herrn durch sein Volk – man hatte in Judäa keinen Platz für Ihn. Zugleich sind sie aber auch das Symbol der Verwerfung des Volkes durch den Herrn. Denn Er wollte sich nicht dort niederlassen, wo man im Hochmut und in Gottlosigkeit (Pharisäer, usw.) lebte. Wenn selbst das verachtete Galiläa so mit dem verachteten König umging, wie sollte es da noch Hoffnung für das Volk Israel geben?

Chorazin war rund vier Kilometer nördlich von Kapernaum und dem nördlichen Teil des Sees Genezareth entfernt. Wir finden Chorazin nur an dieser und der Parallelstelle im Lukasevangelium erwähnt.

Bethsaida dagegen finden wir mehrere Male im Neuen Testament. Das aramäische Wort heißt wohl übersetzt „Haus des Fanges“, „Haus der Jagd“. Dieser Ort liegt nördlich des Sees Genezareth an der Stelle, an welcher der Jordan in den See mündet. Er ist ca. 1,5 km vom jetzigen Ufer des Sees entfernt. Das Gebiet um Bethsaida bedeckt eine Fläche von annähernd 80.000 Quadratmetern.

Wir wissen, dass es der Geburtsort von Philippus, Andreas und Petrus ist (vgl. Joh 1,44). Auf dem Schiffsweg nach Bethsaida kam der Herr den Jüngern in der 4. Nachtwache auf dem See wandelnd entgegen. Petrus erlebte das Wunder, auf dem Wasser gehen zu können. Die anschließenden Wunder müssen in der Umgebung von Bethsaida gewirkt worden sein (vgl. Mk 6,45–56).

Später hat der Herr dort einen Blinden geheilt (Mk 8,22–26). Wir denken noch einmal daran, dass es im Alten Testament keine einzige Erwähnung davon gibt, dass ein Blinder sehend geworden ist. Nach Lukas 9 (Verse 10–17; vgl. Mk 6,30–44) fand auch die Speisung der 5.000 Männer in der Nähe dieses Ortes statt. Der Herr hatte seine Jünger nach der Aussendung der 12, die wir in Matthäus 10 gesehen hatten, dort wieder in Empfang genommen und ausruhen lassen. Bethsaida war also nachweislich ein Ort gewesen, an dem wunderbare Zeichen durch den Messias gewirkt worden sind.

Über beide Orte ruft der Herr ein „Wehe“ aus. Die Menschen dieser Städte hatten trotz der bevorzugten Behandlung durch den Messias nicht Buße getan. Viele Wunderwerke begleiteten das Handeln des Messias. Ja, es handelte sich sogar um die Städte, in denen Jesus seine meisten Wunderwerke getan hatte. Und dennoch lehnten sie Ihn ab. Das unterstreicht noch einmal, dass der Herr nicht nur von den Obersten des Volkes Israel abgelehnt wurde. Es war das gesamte Volk – mit wenigen Ausnahmen – die Ihn nicht wollten, die nicht bereit waren, ihre Sünden zu bekennen und den traurigen Zustand des Volkes anzuerkennen, um Gott, ihren König, um Barmherzigkeit zu bitten.

Tyrus und Sidon

Mit diesen beiden „Wehe“ über Chorazin und Bethsaida verbindet der Herr dann einen bemerkenswerten Vergleich. Er spricht von Tyrus und Sidon, zwei heidnischen Städten, die wir aus dem Alten Testament kennen. Tyrus liegt im Süden Libanons, also nördlich von Israel, und ist die viertgrößte Stadt dieses Landes. Sidon liegt etwas weiter nördlich und ist nach Schätzungen die drittgrößte Stadt Libanons. Sidon wird im Alten Testament bereits in 1. Mose 10,15 als direkter Nachkomme Kanaans genannt und hat dann auch einen Platz in der Prophetie Jakobs in Bezug auf Sebulon (vgl. 1. Mo 49,13). Tyrus finden wir immer wieder im Alten Testament genannt. Besonders die Propheten beschäftigen sich mit dieser Stadt und dem dazugehörenden Reich und Herrscher.

Allerdings finden wir Hiram, den König von Tyrus, schon in der Zeit Davids erwähnt (vgl. z.B. 2. Sam 5,11). Durch das Bringen von Holz, Zimmer- und Mauerleuten ist er dort ein prophetischer Hinweis auf die Nationen, die in der Zukunft zur Herrlichkeit des Volkes Israel beitragen werden (vgl. Sach 6,15; Hag 2,7). Dazu gehörten im Übrigen auch die Sidonier (vgl. 1. Chr 22,4). Diese beiden phönizischen Städte werden im Alten und im Testament verschiedentlich zusammen genannt, besonders dann, wenn das Gericht Gottes erwähnt wird. Dabei scheint Tyrus eine gewisse Vorherrschaft vor Sidon gehabt zu haben.

Später wird diese Stadt zum Synonym der kommerziellen Macht dieser Welt. Dadurch, dass es sich um Hafenstädte handelte, waren sie zu regelrecht lasterhaften Städten geworden. Das Gericht wegen ihrer Sünden wird in Jesaja 23 und Hesekiel 26–28 angekündigt. In dem bekannten Abschnitt in Hesekiel 28, der in geheimnisvoller Weise über den Fall Satans spricht, dient der König von Tyrus als sein Gegenbild. Es war sein Hochmut, der ihn zu Fall brachte.

Aber gerade die Menschen aus diesen Städten, die so böse waren, hätten längst in Sack und Asche Buße getan, sagt unser Herr. Natürlich erinnert uns das sofort an Ninive (Jona 3). Diese Stadt hat die warnende Botschaft damals ernst genommen und eine wirkliche Umkehr erlebt.

In Tyrus und Sidon sind solche Wunderwerke nicht geschehen, wie die Juden sie erlebt hatten. Aber die Wunder hatten deren Herzen nicht erreicht. Im Gegenteil: Sie haben sich noch mehr verstockt und den Mann, der diese Wunder zu ihren Gunsten getan hat, verworfen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass wir immer wieder in den Evangelien lesen, dass Christus in die Gegend von Tyrus und Sidon ging (vgl. Mt 15,21; Mk 3,8; 7,24; Lk 6,17). Das war nichts anderes als ein Gerichtsurteil über Israel, Judäa und Galiläa.

Der Herr verankert hier das göttliche Prinzip, dass jemand, der mehr gesegnet ist als ein anderer, auch mehr Verantwortung trägt. Und wenn er dieser Verantwortung nicht entspricht, wird sein Gerichtsurteil auch härter ausfallen (vgl. Lk 12,47.48). Umgekehrt würde es Tyrus und Sidon erträglicher ergehen als Bethsaida und Chorazin am Tag des Gerichts. Wir verstehen, dass es auch hier wieder um die Menschen geht, nicht um die Bauten der Städte.

Kapernaum

Der Herr hat noch ein spezielles Wort über Kapernaum zu sagen. Diese Stadt verbindet Er nicht mit einer anderen. Denn Kapernaum war der zu Lebzeiten des Herrn vielleicht begnadetste Ort, den es überhaupt in Israel gab.

In Matthäus 9,1 hat der Herr davon gesprochen, dass es seine eigene Stadt ist. Hier hatte Er am Anfang seines Dienstes für längere Zeit gewohnt. Dadurch war diese Stadt „bis zum Himmel erhöht worden“, denn der Himmel war in der Person des Emmanuel zu ihr gekommen. Was haben sie aus diesem Vorrecht gemacht?

Das Urteil des Herrn spricht eine klare Sprache! „Bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden.“ Sie haben die Wunder als selbstverständlich angenommen, denjenigen jedoch, der diese Wunder gewirkt hat, verworfen und ausgestoßen. Ihn wollten sie nicht. So zieht Jesus einen noch vernichtenderen Vergleich als zuvor. Der Inbegriff von Unmoral – Sodom – hätte von seiner Unmoral gelassen, wenn der Herr solche Wunderwerke in der heidnischen Stadt gewirkt hätte. Erinnern wir uns für einen Moment: Abraham hatte im Gebet für diese Stadt alles getan, was er tun konnte. Aber die Bosheit war zur Vollendung gekommen (vgl. 1. Mo 18,20.21). So gab es keinen anderen Weg, als durch Feuerregen diese Stadt zu vernichten.

Schon in Matthäus 10,15 hatte der Herr einen Vergleich mit dem Gericht über Sodom und Gomorra gezogen. Dort noch im Vorgriff, und ohne den Vollzug des Gerichts abschließend festzulegen. Jetzt aber ist es schon so weit, dass Israel ein schlimmeres Gericht angekündigt wird als Sodom (vgl. auch Hes 16,48 ff.).

Wie schrecklich musste somit der moralische Zustand in Israel sein. Wenn die Juden schlimmer waren als die Menschen von Sodom, von Tyrus und Sidon, dann befand sich das Volk Gottes in einer gottlosen, ja ungöttlichen Verfassung. Zwar hatten sie den äußeren Namen, zu Gott zu gehören. Aber in ihrem Inneren waren sie – so viel sie auch von sich hielten – vollkommen verdorben. Was muss der Herr da innerlich empfunden haben, als Er auf diesen Zustand schaute!

Vielleicht stellt jemand die Frage: Warum hat Gott sich nicht an Tyrus oder Sodom in der Weise erwiesen, wie Er das bei Bethsaida und Kapernaum getan hat? Wenn Er doch hier sagt, dass sie längst in Sack und Asche Buße getan hätten! Nun wissen wir, dass Gott vollkommen gerecht ist. Dazu gehört auch, dass sich Gott entsprechend der Gnadenerweisung und der damit verbundenen Verantwortung vorstellt. Gott hat den Menschen in jeder Weise auf die Probe gestellt. Wenn Tyrus und Sodom die Vorzüge missbraucht haben, mit denen Gott sie als Schöpfer und in seiner Vorsehung überhäuft hat, so haben die Juden den bösen Herzenszustand eines Menschen offenbart, der alle Verheißungen Gottes besitzt und zum Bewahrer aller Aussprüche Gottes gemacht worden ist. Jedem begegnet Gott entsprechend der jeweiligen speziellen Situation; und das in vollkommener Gerechtigkeit. Kapernaum brüstete sich mit der Gabe, die es geschenkt bekommen hatte, verwarf aber den Geber dieser Gnadenerweisung.

Zum Schluss dieses Abschnitts möchte ich noch auf einen anderen Punkt hinweisen: Es ist wunderbar, die Vollkommenheit der Schrift an dieser Stelle zu sehen. Sidon und Tyrus gab es noch. Zwar hatten Nebukadnezar und auch Alexander der Große furchtbare Belagerungen angeordnet. Aber die Städte hatten überlebt. So ist bei diesen beiden Städten nicht davon die Rede, dass sie geblieben wären. Sie waren ja noch da. Aber Sodom war eingeäschert worden – diese Stadt gab es nicht mehr. Aber ihren Einwohnern wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als den Menschen von Kapernaum.

Wie erinnert uns das noch einmal an die hohe Verantwortung der Christen in dieser Welt. Das Gericht über das sogenannte christliche Europa wird schrecklich sein – davon spricht die Offenbarung immer wieder, wenn es um das Römische Reich und um den dritten Teil der Erde geht.

Verse 25–30: Der verworfene Messias enthüllt seine Herrlichkeit als Sohn des Vaters

„Zu jener Zeit hob Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn, und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht“ (Verse 25–30).

Damit kommen wir zu dem letzten Abschnitt dieses Kapitels. Er stellt eine wunderbare Enthüllung der Herrlichkeit des Herrn dar, die wir sonst nur vom Evangelisten Johannes kennen. Wenn der König verworfen wird, wenn die Seinen ihren eigenen Messias verwerfen – das ist mit „zu jener Zeit“ gemeint –, dann hat Gott eine Antwort, die unbeschreiblich ist: Er zeigt, wer dieser verworfene Messias in Wirklichkeit ist. Das aber wird nur denjenigen deutlich, die sich als Unmündige verstehen. So ruft die ständig zunehmende Verwerfung des Herrn in seiner vergleichsweise geringeren Herrlichkeit als Messias eine Offenbarung seiner höheren Herrlichkeit als der Sohn Gottes hervor. Der Himmel öffnet sich, wenn die Erde die Tür für Christus zuschließt. Wenn die Menschen Ihm seinen Platz auf der Erde verwehren, ist es der Herr des Himmels und der Erde, der Ihm das ganze Universum öffnet.

Wir werden hier Zuhörer eines sehr persönlichen Gebets des Herrn zu seinem Vater. Wie in Johannes 17 führt uns das in eine einzigartige Beziehung ein, die der Herr zu seinem Vater hatte. Vielleicht kann man das auch – im Sinn von Matthäus und Psalm 110 – so ausdrücken: Der Herr steht hier vor dem Herrn! Zugleich lernen wir hier – wie in Johannes 17 – dass der Herr sich einen Überrest absondert. Das sind solche, die sich trotz des allgemeinen Widerstands auf seine Seite stellen.

In diesen Versen erleben wir erneut, dass Matthäus, inspiriert von Gott, Abschnitte zusammenstellt, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten stattgefunden haben. Das Schelten der drei Städte wird mit der Aussendung der 70 Jünger verbunden, das Frohlocken des Herrn mit der Rückkehr der 70 (vgl. Lk 10,21.22). In Lukas 10 heißt es: „In derselben Stunde“ – dort finden wir somit einen direkten Zeitbezug.

Matthäus zeigt dadurch, dass er diese Verse hier an das Gericht der Städte anfügt, dass es einen inneren Zusammenhang mit diesem Schelten gibt. Das Gericht über die Städte ist die Folge der Verwerfung des Herrn durch diese Städte. Und das nimmt der Herr Jesus zum Anlass für einen Lobgesang seines Vaters. Was für eine Gesinnung hat unser Herr hier offenbart!

Wir erinnern uns an die prophetischen Worte, die Jesaja aussprechen durfte: „Ich aber sprach: Umsonst habe ich mich abgemüht, vergeblich und für nichts meine Kraft verzehrt; doch mein Recht ist bei dem Herrn und mein Lohn bei meinem Gott“ (Jes 49,4). Wir haben hier den Herrn vor uns, wie Er traurig ist, dass es keine Resonanz auf sein Wirken gab. Aber wir erleben Ihn nicht verzweifelt. Denn Er vertraute darauf, dass sein Gott Ihn in der richtigen Weise für seinen aufopferungsvollen Dienst belohnen würde.

„Und nun spricht der Herr; der mich von Mutterleib an zu seinem Knecht gebildet hat, um Jakob zu ihm zurückzubringen – und Israel ist nicht gesammelt worden; aber ich bin geehrt in den Augen des Herrn, und mein Gott ist meine Stärke geworden –, ja, er spricht: Es ist zu gering, dass du mein Knecht seiest, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Bewahrten von Israel zurückzubringen. Ich habe dich auch zum Licht der Nationen gesetzt, um meine Rettung zu sein bis an das Ende der Erde“ (Verse 5.6).

Wenn der Knecht Gottes sich umsonst abgemüht hat, um Israel an das Herz Gottes zurückzuführen, dann lässt Gott das nicht so stehen. Wenn Christus von denjenigen, zu denen Er gekommen ist, abgelehnt wird, dann weitet Gott den Bereich des Dienstes des Herrn. Er wird zum Licht der Nationen gesetzt, weit über das Land und die Einwohner Israels hinaus.

Etwas Vergleichbares finden wir in Matthäus 11. Wenn seine irdische Herrlichkeit angegriffen wird, offenbart der Vater die himmlische Herrlichkeit des Sohnes. Diejenigen, die für sich in Anspruch nahmen, weise und verständig zu sein, lehnten den Herrn ab. Aber für Christus ist das kein Anlass zu resignieren. Im Gegenteil. Er preist seinen himmlischen Vater dafür, dass Er das Heil vor denen verborgen hat, die meinten, sie hätten weder Rettung noch Christus nötig. Dafür aber gab es viele auf dieser Erde, die unmündig waren. Und ihnen hat der Vater sein Heil offenbart. Das war wohlgefällig vor Ihm. Was für eine Gemeinschaft und was für ein Vertrauen spricht aus diesen Worten des verworfenen Christus!

Die Offenbarung der Herrlichkeit des Sohnes

Wenn nun der Messias weder erkannt noch angenommen wurde, dann offenbart der Vater eine Herrlichkeit, die kein Mensch je voll erfassen kann, und eine Beziehung des Herrn zu seinem Vater, die einzigartig ist.

  1. „Alles ist mir übergeben von meinem Vater.“ Diese Aussage vermuten wir nicht im Matthäusevangelium. Johannes aber spricht davon: „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben“ (Joh 3,35). Zeigt das nicht auch, dass Johannes der Täufer ein solcher Unmündiger war, der nicht viel von sich hielt, und der deshalb eine solch wunderbare Offenbarung weitergeben darf?
    Wir lernen in dieser Aussage, dass der Herr Jesus der Sohn des Vaters ist. Er hat eine intime Beziehung zu dem Vater im Himmel, der ewiger Gott ist. Damit ist auch der Herr Jesus selbst ewiger Gott!
    Zudem erkennen wir, dass Ihm vom Vater alles übergeben worden ist: alle Autorität, alle Gewalt zur Gerichtsausübung, alles Geschaffene auf dieser Erde und auch die unsichtbare Welt. Er hat die Autorität, Menschen zu retten und zu verurteilen. Er bringt Menschen als Kinder Gottes zum Vater. Alles ist Ihm übergeben – es gibt keine einzige Ausnahme. Haben wir schon einmal so über die Herrlichkeit des Herrn nachgedacht? „Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren. Wer den Sohn nicht ehrt, ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat“ (Joh 5,22.23; vgl. auch Dan 7,13.14; Ps 8,6.7).
    Schon in Psalm 2, der prophetisch von dem Herrn Jesus als König spricht, lesen wir etwas davon, was Gott Ihm über Israel hinaus gibt: „Fordere von mir, und ich will dir die Nationen zum Erbteil geben und die Enden der Erde zum Besitztum. Mit eisernem Zepter wirst du sie zerschmettern, wie ein Töpfergefäß sie zerschmeißen“ (Ps 2,8.9). Und am Ende unseres Evangeliums bestätigt der Herr selbst noch einmal: „Und Jesus trat herzu und redete zu ihnen und sprach: Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf der Erde“ (Mt 28,18). Ihm ist alles übergeben worden!
  2. „Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater.“ Wenn der Herr in seiner demütigen Unterordnung seinen Vater den „Herrn des Himmels und der Erde“ genannt hat, so war Er sich dennoch immer seiner eigenen Herrlichkeit als Sohn des Vaters bewusst. Nur der Vater kann den Herrn Jesus, den Sohn, erkennen. Warum? Weil der Sohn Mensch und Gott in einer Person ist. Das kann kein Mensch erkennen und verstehen. Aber der Vater kann das. Wenn die Menschen in Christus nicht einmal den verheißenen Messias erkennen wollten, zeigt der Vater durch den Herrn hier, dass Er viel mehr ist, als „nur“ der Messias für Israel. Er ist der eingeborene Sohn des Vaters. Er ist Mensch und Gott in einer Person. Wir können begreifen, dass jemand Mensch ist. Wir können auch verstehen, dass es eine Person gibt, die ewiger Gott ist, auch wenn wir das nicht in der ganzen Tiefe erkennen können. Aber dass es jemanden gibt, der sowohl Gott als auch Mensch ist, das übersteigt unser Fassungsvermögen vollkommen. Das ist der Grund, warum im Alten Testament niemand in die Bundeslade schauen durfte, die aus Holz (ein Hinweis auf die Menschheit Jesu) und Gold (spricht von der Gottheit des Herrn Jesus) bestand (vgl. 1. Sam 6,19). Selbst der größte Mann, wie der Herr Johannes den Täufer vorher nennt, konnte Ihn nicht erkennen, wie er zweimal bestätigt (Joh 1,31.33).
    Jesus hat nicht nur eine einzigartige Beziehung zum Vater, sondern ist in seiner Person ebenso einzigartig! Die Person Jesu ist zu herrlich, um von dem Menschen ergründet oder verstanden zu werden! Er, der von Ewigkeit her eins mit seinem Vater war, dann in der Fülle der Zeit Mensch geworden ist, übertrifft in dem tiefen Geheimnis seines Wesens alle Erkenntnis, ausgenommen natürlich die des Vaters.
  3. „Noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will.“ Nur der Vater kann den Sohn wirklich erkennen. Aber auch nur der Sohn kann den Vater erkennen. Denn Christus ist Gott wie der Vater. Kein anderer Mensch hat diese Beziehung zum Vater, weil kein anderer Mensch Gott ist. Aber Er hat eine innere Kenntnis davon, was der Vater ist, denn sie sind eins und wesensgleich (vgl. Joh 10,30). Zugleich wohnt der Vater in dem Herrn Jesus (Kol 1,19; 2,9) – der Sohn weiß vollkommen, wer der Vater ist.
    Aber im Unterschied zum Sohn, der in seiner geheimnisvollen Natur nur vom Vater erkannt werden kann und in diesem Sinn nicht offenbart werden kann, offenbart der Sohn den Vater. Ohne Ihn hätten wir den Vater nie kennenlernen können. Es ist allein der Sohn, der den Vater offenbart. Auch das finden wir im Johannesevangelium: „Niemand hat Gott jemals gesehen; der eingeborene Sohn, der im Schoß des Vaters ist, der hat ihn kundgemacht“ (Joh 1,18). Dort geht es um Gott. Und der Sohn hat Gott offenbart. Weder das Gesetz noch die Propheten hatten den Vater offenbart. Dazu war nur der Eine imstande! Matthäus spricht von dem Vater. Auch Ihn, nicht nur Gott in seiner Absolutheit, hat der Herr offenbart. Es ist ein Beweis seiner unumschränkten Gnade. Niemand hatte einen Anspruch darauf. Wenn Er sich offenbarte, dann gegenüber demjenigen, wem irgend Er sich offenbaren wollte.
    Wenn das Volk den Herrn in seiner Herrlichkeit als Messias ablehnte, wurde es ihnen verwehrt, den Herrn in seiner höheren Herrlichkeit als Sohn des Vaters zu sehen und die Offenbarung des Vaters kennenzulernen. Das konnten nur solche, die sich zu den Unmündigen zählten. Und: Wer den Sohn ablehnte, lehnte damit auch den Vater ab. Wer aber den Vater ablehnte, lehnte damit Gott überhaupt ab. Das war die Konsequenz des Handelns der Juden!
    Wir haben gesehen, dass der Herr die Menschen zu Gott, zum Vater, brachte. Wir haben seine einzigartige Herrlichkeit gesehen. Jetzt lernen wir etwas davon kennen, dass Christus den Vater zu den Menschen brachte. Aber Er offenbart den Vater nur denjenigen, denen Er Ihn offenbaren will. Das eben sind diese Unmündigen, zu denen auch wir uns zählen dürfen.

Zweierlei Ruhe

Nachdem der Herr seine persönliche Freude und damit die höchste Herrlichkeit seiner Person vor dem Vater in einem Lobgesang ausgebreitet hat, ruft Er Menschen zu sich. Je größer der Herr, um so wunderbarer offenbart Er seine Gnade und Liebe. Wenn Er von seinem Volk abgelehnt wurde, bietet Er jetzt jedem Menschen, der kommen wollte, unabhängig von seiner Abstammung wahre Ruhe an.

Man könnte die Frage stellen: Wem offenbart Er den Vater und dessen Herrlichkeit? „Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben.“ Es sind nicht mehr nur die Juden, die Er anspricht. Jetzt lädt Er „alle“ ein, die sich eingestehen, dass sie sich (bislang vergeblich) abmühen, um wahre Ruhe zu finden, und die mit vielen Lasten beladen sind. Vielleicht kennen sie nicht die wahre Quelle ihres Elends, dass sie durch die Sünde von Gott entfernt sind. Aber wenn sie diese tiefe Ursache nicht kennen – Christus kennt sie. Und Er sieht in ihren Herzen eine gewisse Aufrichtigkeit, die Er zum Anlass nimmt, sie einzuladen.

Ist es von ungefähr, dass der Herr gerade dieses Wort für mühselig benutzt, wenn Er Johannes aufschreiben lässt, dass Er in Johannes 4 von der Reise „ermüdet“ war. War Er nicht auf die Erde gekommen und hatte die Mühe auf sich genommen, damit andere Menschen Ruhe für ihr Gewissen finden konnten?

Und wodurch waren diese Menschen beladen? Einerseits denken wir an das Gesetz, dass die gottesfürchtigen Juden zu halten suchten. Dazu sagte Petrus später: „Nun denn, was versucht ihr Gott, indem ihr ein Joch auf den Hals der Jünger legt, das weder unsere Väter noch wir zu tragen vermochten?“ (Apg 15,10). Das Gesetz war für solche, die Gott dienen wollten, eine sehr schwere Last. Andererseits aber waren es die Gesetzgelehrten, welche die Menschen mit schwer zu tragenden Lasten beschwerten (vgl. Lk 11,46). Aber der Herr wollte diese Elenden und Beladenen nicht umkommen lassen. Er war gekommen, um ihnen durch sein Werk am Kreuz von Golgatha Ruhe zu bringen.

Es ging Ihm nicht nur um eine Erleichterung, um Milderung der Umstände, sondern um das Schenken einer tiefen, inneren Ruhe. Hier führt Er das an dieser Stelle noch nicht weiter aus. Das Kreuz bringt Er erst später mit hinein. Hier zeigt Er nur, dass Er, der ewige Sohn, gerade für diejenigen gekommen war, die ganz unten waren. Ihnen brachte Er nicht vorübergehende Erleichterung, sondern ewige Ruhe des Herzens, den Frieden mit Gott. Ruhe finden die Menschen nicht einfach in seinen Lehren, sondern in seiner Person und in dem, was Er am Kreuz vollbracht hat.

Die Ruhe der Seelen

Aber damit nicht genug. Was würde aus denen werden, die Ruhe gefunden haben? „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen.“ Diesen Menschen wollte Er eine Ruhe schenken, die Er selbst während seines Lebens hier auf der Erde in vollkommener Weise genoss. Wodurch? Dadurch, dass Er sich in allem dem Willen seines Vaters unterordnete. Alles, was Christus tat, trug die Überschrift: „Ja, Vater, denn so war es wohlgefällig vor dir.“ Das war sein Ansporn, seine Gesinnung, sein Friede in allem Wirken, bei allem Widerstand „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“ (Heb 10,9). Auf seinem Weg auf dieser Erde hat Er immer alles aus der Hand seines Vaters angenommen, sogar den schrecklichen Kelch im Garten Gethsemane.

Ein Ausleger schreibt, dass diese Worte des Herrn die Botschaft des Apostels Paulus an die Philipper in einem Satz zusammenfasst: „Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war, der ...“ Bei Ihm finden wir Ruhe, bei Ihm sehen wir Ruhe, von Ihm kommt die Ruhe, nur Er schenkt diese Ruhe.

Er selbst war nicht unter einem Joch! Das macht die vorbildliche Begebenheit in 4. Mose 19 (Vers 2) ganz deutlich. Aber das, was Er selbst getan hat, ist sein Gebot für die Seinen, welche die Ruhe des Gewissens gefunden haben. In vollkommener Sanftmut und Herzensdemut hatte sich der Herr seinem Vater untergeordnet – Er vollkommen freiwillig. Wir dürfen dieses Joch über uns annehmen, denn so finden wir diese tägliche Ruhe für unsere Seelen. So werden wir – wie Er – in der Lage sein, in allen Umständen inneren Frieden zu bewahren. In dieser Gesinnung nach oben und in uns selbst werden wir frei sein, dem Vater in allem zu dienen.

Er gibt uns ein leichtes Joch: „Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“ Christus gibt uns keine Last wie die Pharisäer und Gesetzgelehrten. Seine Last ist leicht – es ist die geistliche Verantwortung, die wir gerne von Ihm annehmen. Er schenkt uns ein Gebot, das in Übereinstimmung mit dem ewigen Leben ist, das Er uns geschenkt hat. So dürfen wir Ihm frohgemut und ohne Angst nachfolgen. Er ist uns vorangegangen und hat uns die schweren Lasten am Kreuz von Golgatha abgenommen. Geht man zu weit, wenn man hinzufügt, dass Er sogar heute unsere leichte Last mitträgt, uns in allem unterstützt, was wir aus Liebe zu Ihm im Gehorsam seinem Vater gegenüber tun?

Schon im Alten Testament war die Ruhe der Seelen versprochen worden: „So spricht der Herr: Tretet auf die Wege und seht und fragt nach den Pfaden der Vorzeit, welches der Weg des Guten sei, und wandelt darauf; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“ (Jer 6,16). Aber diese Ruhe hat niemand gefunden, weil der Weg, auf dem diese Ruhe erreichbar ist, noch nicht offenbart war: Es ist die Offenbarung des Vaters durch den Sohn, die am Kreuz von Golgatha ihren Höhepunkt gefunden hat. Nur dieses Werk ist die Grundlage dafür, dass Menschen jetzt auch in ihren Seelen, in ihrem Leben, echte Ruhe erleben können.

Wahre Ruhe in unserem Glaubensleben werden wir dadurch finden, dass wir Ihm nachfolgen. Wenn jemand sanftmütig und von Herzen demütig ist, dann nimmt er den untersten Platz ein. Nichts kann ihn in einer solchen Stellung noch zu Boden werfen – da befindet er sich ja längst. Wer für sich genau an diesem Ort ist, hat den Platz vollkommener Ruhe für sein Herz gefunden. Im Übrigen: An diesem Ort gibt es noch viel Platz ...

Fußnoten

  • 1 Thematisch gehört dieser Vers noch zu Kapitel 10.
  • 2 Die in der Elberfelder Bibel (Version 2003/2005) in der Fußnote angegebene Möglichkeit der Übersetzung, das Königreich breche sich mit Gewalt Bahn, scheint nicht wirklich weiterzuhelfen. Denn man sieht wohl kaum in der Zeit von Johannes dem Täufer, dass sich das Königreich in großem Maß ausbreitete. Natürlich hatte der Herr viele Wunder getan. Aber das Ergebnis war eher, dass Er und sein Königreich abgelehnt wurden. So bricht es sich keine Bahn. Eher schon wird es zurückgedrängt und muss in einer verborgenen, geheimnisvollen Art starten, wie wir ab Kapitel 13 sehen werden.
  • 3 Manche mögen als ein Gegenbeispiel an Lukas 13,24 denken, wo von dem „Ringen“ die Rede ist, um durch die enge Tür einzugehen. Dieses Ringen meint jedoch nicht das Erwirken der ewigen Glückseligkeit, sondern ein ernstes Suchen danach.
  • 4 In Matthäus 28 lernen wir, dass Menschen heute durch die Taufe in den christlichen Bereich eingehen. Sie ist sozusagen die Tür in das Königreich. Auch die Taufe, das Bekenntnis zu dem gestorbenen Christus, das sich Einsmachen mit Ihm im Tod, ist in ihrer moralischen Bedeutung nicht grundsätzlich von einer Sinnesänderung, der Buße, unterschieden.
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