Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 13

V. Die Geheimnisse des Königreichs der Himmel (Mt 13)

Mit den Worten aus Kapitel 12 schließt das Zeugnis des Herrn ab, das sich an das Volk Israel insgesamt richtet. Was für ein Ernst liegt darauf, wenn ein Zeugnis an ein Volk oder an eine Person zu einem Abschluss kommt. Dann gibt es auf der einen Seite Gericht. Auf der anderen Seite bleibt in den Wegen Gottes auch immer wieder eine Tür der Gnade. Das wird in Matthäus 13 bestätigt. Auch wenn dort ein gänzlich neuer Abschnitt beginnt, so wird doch der Blick auf die Situation des Volkes Israel nicht aufgegeben.

Wir haben am Ende von Kapitel 12 gesehen, dass die Führer des Volkes Israel den Herrn verworfen haben. Sie warfen Ihm vor, durch Satan die Dämonen auszutreiben. Als Antwort darauf nahm der Herr diese Verwerfung nicht nur an, sondern verwarf seinerseits das Volk der Juden und dessen Ansprüche an Ihn (vgl. Röm 11,15). Nicht mehr die natürlichen Brüder und Schwestern des Herrn standen Ihm nahe, sondern alle diejenigen, die den Willen des himmlischen Vaters taten.

Es ist natürlich wahr, dass die endgültige Verwerfung des Herrn und damit auch das Beiseitestellen des Volkes erst durch die Kreuzigung Jesu geschah. Bis zum Kreuz und selbst bis zur Verwerfung von Stephanus (Apg 7) finden wir weiter Appelle des Herrn an das Herz und Gewissen seines Volkes. Immer aufs Neue wendet Er sich in seiner göttlichen Barmherzigkeit an sein Volk. Aber schon hier zeigt uns der Geist Gottes in Verbindung mit Kapitel 12, dass die Verwerfung bereits vollständig klar und damit beschlossen ist.

Als Konsequenz wendet sich der Herr Jesus jetzt weg von seinem Volk Israel und geht stattdessen verstärkt auf die Menschen aus dem Heidentum zu. Das wird schon am Anfang des 13. Kapitels deutlich. Darin entfaltet Er eine tiefgreifende Veränderung. In einer Serie von insgesamt sieben Gleichnissen1 zeigt Er eine ganz neue Erscheinungsform des Königreichs der Himmel. Von Kapitel 3–12 war der Hinweis auf dieses Reich verbunden mit der Ankündigung, der König würde auf der Erde sein Reich in Macht und Herrlichkeit aufrichten. So war es im Alten Testament prophezeit worden, und so sollte es auch eigentlich in Erfüllung gehen. Die Verwerfung Christi brachte jedoch einen grundlegenden Wandel. Bis dahin hieß es immer wieder, dass es „nahe gekommen ist“. Davon lesen wir ab Kapitel 13 nichts mehr.

Nun zeigt der Herr Jesus, dass die sichtbare Aufrichtung dieses Königreichs aufgeschoben wird. Anstelle dieser öffentlichen Einführung wird das Reich in einer geheimnisvollen Weise einen verborgenen Anfang nehmen. Der König wird abwesend und im Himmel sein, seine Jünger und Untertanen somit ohne sichtbares Haupt auf der Erde. Denn ihr Herr wird – nach seinem Tod und seiner Auferstehung – im Himmel sein. So lehrt der Herr in diesen sieben Gleichnissen, wie sich die Dinge auf der Erde nach seiner vollständigen Verwerfung (und Himmelfahrt) entwickeln werden. Er wäre dann nicht mehr auf der Erde. Wird das besser sein als das, was Israel mit dem von Gott anvertrauten Zeugnis getan hat? Nein, der Herr zeigt, was der Mensch mit dem tun würde, was ihm von Gott durch Christus als Zeugnis anvertraut wird. Es ist leider dieselbe Geschichte, die wir von Erschaffung des Menschen an immer wieder erkennen müssen.

Es handelt sich um sieben zusammengehörende Gleichnisse. Somit gibt uns der Herr eine vollkommene und in sich abgeschlossene Übersicht über eine Sache, die Er das „Königreich der Himmel“ nennt. Wir werden das im Einzelnen sehen. Das heißt nicht, dass es nicht noch Ergänzungen zu diesem Thema gibt. In den Kapiteln 18, 20, 22 und 25 gibt es vier weitere Gleichnisse zum Königreich der Himmel. Zusammen mit den in unserem Kapitel zu findenden sechs Gleichnissen über das Reich der Himmel haben wir somit eine Serie von zehn Gleichnissen.2 Dieses Thema hat sehr viel mit der Verantwortung des Menschen vor Gott zu tun – daher zehn Gleichnisse. Nur Matthäus gibt uns diesen vollständigen Überblick über das Königreich der Himmel. Übrigens spricht auch nur er davon, dass es in Gottes Ratschluss etwas anderes gibt: die Versammlung (Kapitel 16 und 18). Damit deutet der Geist Gottes durch Matthäus auch die Unterschiede zwischen dem Königreich der Himmel und der Versammlung an.

Noch ein weiterer Hinweis, der zu ähnlichen Bemerkungen an früherer Stelle passt: Wir brauchen nicht davon auszugehen, dass Jesus die in Matthäus 13 genannten sieben Gleichnisse seinen Jüngern in einem direkten Verbund vorgelegt hat. Denn Lukas führt das Gleichnis vom Senfkorn und das Gleichnis vom Sauerteig nicht zusammen mit dem Gleichnis vom Sämann an, sondern erst in Kapitel 13. Schließlich ist sehr auffallend, dass die drei letzten der sieben Gleichnisse ausschließlich von Matthäus wiedergegeben werden. Markus dagegen fügt an der entsprechenden Stelle ein weiteres Gleichnis über den von selbst wachsenden Samen an, das nur in „seinem“ Evangelium vorkommt (Mk 3).

Gottes Auswahl ist immer treffend und vollkommen. Durch die Auswahl der sieben bzw. acht Gleichnisse in Matthäus 13 zeigt uns der Herr

  • die Quelle,

  • den Charakter,

  • das Verhalten und

  • die Probleme

der neuen Familie des Herrn. Das sind diejenigen, die sich zu Ihm und zum Vater durch Gehorsam bekennen, wie wir am Ende von Kapitel 12 gelesen haben.

Verse 1.2: Der Herr wendet sich von seinem Volk ab

„An jenem Tag ging Jesus aus dem Haus hinaus und setzte sich an den See. Und es versammelten sich große Volksmengen zu ihm, so dass er in ein Schiff stieg und sich setzte; und die ganze Volksmenge stand am Ufer“ (Verse 1.2).

Dem Übergang von Markus 3 zu 4 können wir entnehmen, dass Jesus das Gleichnis vom Sämann wirklich im Anschluss an seine Worte über seine Mutter und Brüder gehalten hat. Es ist die dritte große Rede unseres Evangeliums nach der Bergpredigt (Kapitel 5–7) und der Aussendungspredigt (Kapitel 10).

„An jenem Tag“, in der Zeit, als das Volk der Juden den Herrn Jesus hinauswarf, verließ Er das Haus. Hier handelt es sich nicht einfach um einen historischen, „lokalen“ Vorgang. Er hat augenscheinlich auch eine symbolische Bedeutung.

Das Haus wird oft als Inbegriff einer Familie verwendet. Man denke zum Beispiel an 2. Mose 12, wo wir die Anordnungen zur Passahfeier finden. In Matthäus 12 hatte der Herr soeben davon gesprochen, dass seine „alte“ Familie nationaler Verwandtschaft einer neuen Familie Platz machen muss. Daher verlässt Er die Familie der Juden. In diesem Sinn geht Er von seinem Haus fort. An anderer Stelle spricht Gott auch vom „Haus Israel“, so dass dieser Gedanke weitere Unterstützung in der Schrift findet. Man denke beispielsweise an Kapitel 10,6: „Geht aber vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (vgl. auch Mt 15,24).

In Matthäus 23,38 erkennen wir, dass der Herr ein Gericht direkt über das Haus Israels ausspricht: „Siehe, euer Haus wird euch öde gelassen; denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Christus verlässt sein eigenes Haus – ein radikaler Schritt mit weitreichenden Folgen für die Juden.

Die Stellung des Herrn verändert sich

Der Herr geht jedoch nicht nur als Person weg von seinem Volk Israel. Bis zu diesem Augenblick war das Haus (Gottes) und damit die Tätigkeit des Herrn mit Israel verbunden. Das ändert sich nun jedoch. Jesus wendet sich einem neuen Aufgabengebiet zu, indem Er sich an den See setzt. Der Herr verlässt nicht nur etwas; Er wendet sich auch etwas Neuem zu. Das heißt, an die Stelle des „Alten“ tritt etwas Neues. Auch das wird symbolisch in diesem Vers gezeigt.

„Wehe dem Getümmel vieler Völker – wie das Brausen der Meere brausen sie – und dem Rauschen von Völkerschaften – wie das Rauschen gewaltiger Wasser rauschen sie!“ (Jes 17,12). „Die Wasser, die du sahst, wo die Hure sitzt, sind Völker und Völkerscharen und Nationen und Sprachen“ (Off 17,15). Diese beiden Stellen mögen stellvertretend für andere belegen, dass der See ein Symbol für die Nationen ist. Wenn also sein eigenes Volk Christus verwirft, wendet Er sich den Nationen zu. In Matthäus 12 hatten wir schon in Verbindung mit Jesaja 49,6 gesehen, dass Gott diesen Gedanken bereits im Alten Testament niedergelegt hat.3

Am See gibt es sogleich viele Menschen, die Christus hören wollen. Wenn sein eigenes Volk sich als Ganzes von Ihm abwendet, gibt es viele einzelne Menschen, denen Christus sich zuwenden kann. Sie haben ein Ohr für das, was Gott ihnen durch Jesus Christus sagen lässt. Allerdings finden wir den Herrn nicht inmitten dieser Volksmengen, sondern Er steigt in ein Schiff, um vom See aus zu den Menschen zu reden. So zeigen diese ersten beiden Verse eine Distanz, die durch die Verwerfung des Herrn Jesus aufgekommen ist.

Symbolisch mag in diesen Worten auch enthalten sein, dass Christus nunmehr nicht mehr durch Berührung erreicht werden kann. Man kann an die Worte des Herrn in Johannes 20 denken: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater“ (Joh 20,17). Paulus bezieht diesen Gedanken später noch einmal auf den Herrn: „Daher kennen wir von nun an niemand dem Fleisch nach; und wenn wir Christus dem Fleisch nach gekannt haben, kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so“ (2. Kor 5,16). Die neue Beziehung ist nicht mehr der Natur nach – die Juden gehörten zum gleichen Volk wie Christus –, sondern rein geistlicher Art. Sie hat mit direktem Kontakt nichts mehr zu tun. Im Haus konnte Er „berührt“ werden – im Schiff bleibt Er dieser Nähe fern.

Was für eine Bedeutung hat nun diese Veränderung für den Fortlauf des Evangeliums? Drei Punkte erscheinen mir besonders wichtig:

a) Der König wird als abwesend gesehen. Bislang war noch davon auszugehen, dass der König letztendlich doch von seinem Volk angenommen würde. Durch die Verwerfung aber wurde zunehmend klarer, dass der König des Volkes hinausgeworfen und damit aus seinem eigenen Königreich entfernt würde. Der anwesende König wird somit zu einem abwesenden Regenten. Seine Abwesenheit hier auf der Erde bedeutet jedoch nicht, dass Er keinen Einfluss mehr ausüben könnte. Denn von nun an würde der Herr aus dem Himmel sein Königreich regieren – mit noch größerer Macht ausgestattet.

b) Wenn der König als Verkündiger des Evangeliums des Reiches auf der Erde ausfällt, müssen andere diese Aufgabe übernehmen. So sendet der Herr seine Knechte aus, an seiner Stelle für Ihn hier tätig zu sein. Das sind zunächst die Jünger; später dann alle diejenigen, die sich im Werk des Herrn verwenden lassen wollen.

c) Wenn der Herr fehlbare Menschen in seinem Dienst gebraucht, wird sofort klar, dass keine Vollkommenheit mehr da ist. Als der Herr hier seinem Vater diente, tat Er dies in makelloser Weise. Jetzt, wo es seine Diener sind, ist die Folge, dass auch Falsches und Böses in das Königreich hineinkommen kann. So würde das Reich zunehmend eine gemischte Sache werden, in der Gutes und Böses nebeneinander bestehen.

Gerade dieser letzte Punkt ist von großer Bedeutung. Bis heute gibt es manche Christen, die davon träumen, dass das Christentum die ganze Erde erobern wird. Sie glauben, dass sich das Gute durch die Christen auf der Erde zunehmend ausbreiten wird. Besonders dieses Kapitel, das neben der Bergpredigt vielleicht zu den bekanntesten Stellen des Neuen Testaments gehört, wird dazu (fälschlicherweise) immer wieder angeführt.

Dabei zeigen die ersten vier Gleichnisse, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Denn in jedem dieser vier Gleichnisse finden wir einen Hinweis auf den Einfluss des Bösen im Königreich der Himmel. Im vierten Gleichnis geht es sogar so weit, dass das Böse – der Sauerteig, wie wir noch sehen werden – die ganze Masse durchsäuert und prägt. Wir lernen hier also nichts von einer Aufwärtsbewegung, sondern von einer deutlichen Abwärtsbewegung. Das wollen wir von Anfang an im Auge behalten.

Verse 3–23: Das Gleichnis vom Sämann

„Und er redete vieles in Gleichnissen zu ihnen und sprach: Siehe, der Sämann ging aus, um zu säen; und als er säte, fiel einiges an den Weg, und die Vögel kamen und fraßen es auf. Anderes aber fiel auf das Steinige, wo es nicht viel Erde hatte; und sogleich ging es auf, weil es keine tiefe Erde hatte. Als aber die Sonne aufgegangen war, wurde es verbrannt, und weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es. Anderes aber fiel in die Dornen; und die Dornen schossen auf und erstickten es. Anderes aber fiel auf die gute Erde und gab Frucht: das eine hundert-, das andere sechzig-, das andere dreißigfach. Wer Ohren hat, zu hören, der höre!“ (Verse 3–9).

Mit diesem Vers beginnt die eigentliche Belehrung durch die sieben Gleichnisse des Herrn. Bis auf das erste Gleichnis tragen alle den Zusatz „das Königreich der Himmel ist gleich …“. Es handelt sich um folgende Gleichnisse:

  1. Der Sämann (Verse 1–23)

  2. Das Unkraut im Acker (Verse 24–30; 34–43)

  3. Das Senfkorn (Verse 31.32)

  4. Der Sauerteig (Vers 33)

  5. Der Schatz im Acker (Vers 44)

  6. Die Perle (Verse 45.46)

  7. Das Netz und die Fische (Verse 47–50)

Gliederungsmöglichkeiten dieser sieben Gleichnisse

Diese sieben Gleichnisse kann man auf verschiedene Weisen einteilen. Zunächst einmal gehören die ersten vier Gleichnisse zusammen, da sie uns etwas über die Annahme des Samens des Herrn und die Entwicklung des Königreichs zeigen, während die letzten drei mehr die innere Seite dieses Reiches vorstellen.

Dann kann man eine Unterscheidung machen, die zwischen (äußerer) Entwicklung und (innerem) Wert differenziert:

  1. Einleitung: der Sämann

  2. Die (äußere und innere) Entwicklung des Königreichs: das Unkraut im Acker; das Senfkorn; der Sauerteig

  3. Der innere Wert des Königreichs: der Schatz im Acker; die Perle; das Netz und die Fische

    Eine weitere Gliederung unterscheidet die Jünger im Königreich:

  1. Individuelle Jüngerschaft im Königreich: der Sämann; das Unkraut im Acker

  2. Das Königreich als Ganzes: das Senfkorn; der Sauerteig

  3. Der König dieses Königreichs: der Schatz im Acker, die Perle

  4. Die Aktivität der Dienstknechte: das Netz und die Fische

    Eine dritte Gliederung berücksichtigt besonders die epochenmäßige Seite dieser Gleichnisse:

  1. Der Anfang des Königreichs: der Sämann; das Unkraut im Acker

  2. Die Entwicklung des Königreichs: das Senfkorn; der Sauerteig

  3. Die unterschiedlichen Bereiche des Königreichs: der Schatz im Acker; die Perle; das Netz und die Fische

    Eine weitere Gliederungsmöglichkeit beschäftigt sich mit der Entstehung und der Entwicklung des Königreichs. In diesen Gleichnissen wird uns

  1. der Ursprung des Königreichs,

  2. seine Entwicklung – und zwar äußerlich und innerlich, sowie

  3. sein Niedergang geschildert.

Fast ein wenig nebenbei wird auch erwähnt, dass dieses Reich seine Erfüllung im Friedensreich finden wird, das in der Offenbarung das 1.000-jährige Königreich genannt wird. Dieses Reich wurde – von Anfang an – von Christus, dem Sohn des Menschen, gegründet. Er ist der Hauptakteur in diesem Reich. Aber wir müssen feststellen, dass auch sein großer Widersacher, Satan, dort Einfluss nimmt, da wir Menschen – eine dritte Gruppe – nicht wachsam gewesen sind.

Schließlich kann man, wenn man das achte Gleichnis vom Hausherrn doch einmal mit einbezieht, auch an folgende Symmetrie der Gleichnisse denken:

  1. Der Sämann (kein Gleichnis vom Reich der Himmel)

  1. Das Unkraut im Acker
    1. (1) Das Senfkorn

    1. (2) Der Sauerteig (verborgen)

      –––––––––––––––––––––––––––––––––

    1. (2) Der Schatz (verborgen)

    1. (1) Die Perle

  1. Das Netz, das ins Meer geworfen wurde
  1. Der Hausherr (kein Gleichnis vom Reich der Himmel)

    Die Trennlinie soll andeuten, dass die ersten Gleichnisse zur Volksmenge gesprochen wurden, während die zweite Gruppe (inklusive der Erklärung des Gleichnisses vom Unkraut im Acker) nur an die Jünger gerichtet wurde.

    Man muss bei der Beschäftigung mit Strukturen eines Abschnitts immer bedenken, dass Gliederungen nur den Versuch darstellen, eine gewisse Übersicht über einen Abschnitt zu erhalten. Fast jede Gliederungsvariante hat Vor- und Nachteile. Ein Hauptnachteil bei Gliederungsvorschlägen liegt darin, dass man jeweils nur einen „roten Faden“ durch einen Bibelabschnitt veranschaulichen kann und somit notwendigerweise andere Zusammenhänge übergehen muss. Da Gottes Wort nie eindimensional ist, muss man eines Überblicks wegen diesen Verlust in Kauf nehmen.

    Im Folgenden gehe ich durch die sieben Gleichnisse. Hier ist nicht der Platz, um jedes Detail zu besprechen, denn das würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Dazu verweise ich auf die äußerst intensive und empfehlenswerte Behandlung dieser Gleichnisse in „Er lehrte sie vieles in Gleichnissen“ (Band 1) von Christian Briem.

    Warum stellt der Herr den sechs folgenden Gleichnissen über das Königreich der Himmel eines voran, das nicht diesen Titel trägt? Offensichtlich stellt es eine Einleitung dar, ohne direkt den Charakter des Reiches zu offenbaren. Bevor das Reich der Himmel in seiner veränderten Form erklärt wird, zeigt der Herr Jesus zunächst, wie man überhaupt in dieses Reich hineinkommt, und was es für Hindernisse auf diesem Weg gibt. Genau das ist das Thema des Gleichnisses vom Sämann.

    Dass die nächsten drei Gleichnisse zusammengehören, wird durch die Wortwahl deutlich, „ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor“ bzw. „ein anderes Gleichnis redete er zu ihnen“. Hier geht es um die Entwicklung des Königreichs. Diese ersten (vier) Gleichnisse sprach der Herr zu den Volksmengen, nicht nur zu den Jüngern (vgl. Mt 13,34), während Er die nächsten Gleichnisse nur noch mit seinen Jüngern bespricht. Damit wird der schon in Vers 1 angedeutete Wechsel weiter verstärkt. Christus wendet sich im letzten Teil nicht einmal mehr an alle Nationen, sondern an diejenigen, die seinen Willen tun wollen (Mt 12,50) – an seine neue, geistliche Familie.

    Die dazu gehörenden drei nächsten Gleichnisse werden dann ebenso durch eine Einleitung miteinander verbunden: „Das Reich der Himmel ist gleich …“, „wiederum ist das Reich der Himmel gleich …“, „wiederum ist das Reich der Himmel gleich …“. Hier stellt uns der Herr den inneren Wert vor, den Er im Reich der Himmel sieht, selbst wenn er äußerlich nicht sichtbar sein mag.

Frucht bringen – Samen säen

Bis Kapitel 12 sehen wir, dass der Herr Jesus bei seinem Volk noch Frucht gesucht hat. Aus Jesaja 5,1.2 wissen wir, dass Gott Israel als einen Weinberg gepflanzt hat. Jetzt war Er gekommen, um Frucht in seinem Weinberg zu suchen und einzusammeln. Aber was fand Er? „Er brachte schlechte Beeren“ (Jes 5,2b). Damit gab sich Christus nicht zufrieden. Er wirkte in seinem Volk, um doch noch Frucht finden zu können. Alles, was Gott tun konnte, tat Er. Aber das Volk wollte nicht, wie wir gesehen haben. Es war nicht ein Hauch von Frucht vorhanden.

Daher finden wir den Herrn in Kapitel 13 auch nicht mehr als jemanden vorgestellt, der an seinem Weinberg nach Frucht sucht. Diese Frage war vollständig beantwortet: Es gab keine. Daher wählt Er eine neue Methode: Er sät neuen Samen. Er sucht nicht Frucht, sondern sät Samenkörner, die dann Frucht hervorbringen. Damit ist für Israel alles verloren. Denn der Herr sät nicht in seinem Weinberg, sondern geht auf ein weites Feld – hier finden wir keine Beschränkung auf Israel. Aber für die Nationen kam eine neue Zeit der Gnade, in der sie zum Gegenstand des Wirkens des Herrn wurden.

Es muss uns beeindrucken, dass derjenige, der das Recht besaß, als König die Frucht des Wirkens Gottes einzusammeln, das Versagen seines eigenen Volkes Israel nicht zum Anlass nimmt, dieses Volk zu richten und zu vernichten. Er hatte das Recht dazu, aber dieses Recht hat Er aufgegeben. Davon werden wir noch im Verlauf dieses Kapitels etwas lernen (zum Beispiel bei dem Kaufmann, der alles verkaufte). Was tut nun der Sohn Gottes, der König Israels, der von Seiten seines Volkes verworfen worden ist? Er fängt ganz von vorne an. Er sammelt nicht ein, sondern streut aus. Er kommt nicht als großer König, sondern als einfacher Landwirt. Er nimmt nicht sein Recht in Anspruch, sondern wird selbst zu dem Wirkenden. Das ist dein und mein Retter!

Der Herr spricht in diesen Versen von der sichtbaren und äußeren Wirkung seines Werkes als Sämann. Nur einmal nennt Er eine innere Ursache der ganzen Sache, wenn Er von der fehlenden Wurzel spricht. Aber selbst hier handelt es sich nur darum, dass Er eine Tatsache nennt, ohne weiter auf innere Übungen und Überlegungen usw. einzugehen. Es geht also hier nicht um das göttliche Wirken im Menschen als solches, um das, was den Samen keimen lässt, sondern darum, wie das Wort des Herrn in den Herzen der Menschen von diesen selbst aufgenommen wird. Es geht an dieser Stelle auch nicht um die Aufrichtung des Königreichs in Macht und Herrlichkeit.

Bevor wir im Folgenden mit der Auslegung des ersten Gleichnisses beginnen, wollen wir kurz darüber nachdenken, warum der Herr überhaupt in Gleichnissen zu den Menschen sprach.

Verse 10–17: Gleichnisse – ein Zeichen der Verwerfung des Volkes Gottes

„Und die Jünger traten herzu und sprachen zu ihm: Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen? Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Weil es euch gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu erkennen, ihnen aber ist es nicht gegeben; wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluss haben; wer aber nicht hat, von dem wird selbst das, was er hat, weggenommen werden. Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen; und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die sagt: „Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen; denn das Herz dieses Volkes ist dick geworden, und mit den Ohren haben sie schwer gehört, und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen wahrnehmen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile.“ Glückselig aber eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören; denn wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was ihr anschaut, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört“ (Verse 10 –17).

Jesus gibt zwei Gründe an, warum Er in Gleichnissen redet:

  1. das Gericht Gottes: Christus spricht von einem Gericht für das irdische Volk Gottes. Sie wollten den König, den Gott ihnen gesandt hatte, nicht annehmen. Dann hatte Gott ihnen auch nichts mehr zu sagen. Er redet daher von nun an in Gleichnissen, in einem Geheimnis, so dass sie nichts mehr verstehen können.

  2. Gott macht eine Unterscheidung: Denjenigen, die als Jünger des Herrn auf seiner Seite standen, wollte der Herr bestimmte Dinge trotz der im Allgemeinen nun geheimnisvollen Sprache verständlich machen. Der Herr unterscheidet also zwischen solchen, die Ihn ablehnen, und solchen, die Ihn aufnehmen. Entweder steht man drinnen oder draußen. Einen anderen Platz gibt es nicht! Alles entscheidet sich an der Frage: Wie stehst du zu Jesus Christus? So kann die Familie des Herrn diese Gleichnisse durchaus verstehen. Denn Gleichnissen haftet insofern eine gute Verständlichkeit an, als sie durch den Bezug zu alltäglichen Situationen im Grunde genommen nicht schwer zu verstehen sind. Man benötigt nur einen Schlüssel für sie. Und den gibt es nur für die Familie des Herrn.

Die Geheimnisse des Königreichs der Himmel

Der Herr spricht von Geheimnissen des Königreichs. Ein Geheimnis im Neuen Testament ist das, was im Alten Testament unbekannt war, im Neuen Testament aber durch Christus oder seine Diener, die es von Gott mitgeteilt bekommen haben, offenbart worden ist. Zugleich steht mit diesem Geheimnis jedoch noch etwas in Verbindung: Es zeigt, dass auch in der heutigen Zeit für Menschen, die nicht an Jesus Christus glauben, Dinge verborgen bleiben. Zunächst ist es nützlich zu verstehen, dass dieses Königreich eine Umschreibung der heutigen Christenheit ist4. Das wird im Verlauf der Gleichnisse von Matthäus 13 sehr deutlich. Es soll hier noch einmal betont werden: Das Königreich ist keine Beschreibung der Versammlung (Gemeinde, Kirche)! Sie wird an keiner einzigen Stelle „das Königreich der Himmel“ genannt, auch wenn sie in mindestens einem Gleichnis mit diesem Reich verbunden wird. Aber im Gegensatz zum Königreich gab es die Versammlung im Alten Testament nicht. Zu ihr gehören nur Gläubige, das heißt von neuem geborene Menschen. Wir werden sehen, dass dies bei dem Königreich anders ist. Denn dort gibt es echte und unechte Bekenner. Dass aber unterschiedliche Grundsätze in der Versammlung und im Königreich herrschen, macht das Gleichnis vom Unkraut im Acker sehr deutlich, wo das Böse nicht entfernt werden soll, während es in der Versammlung nicht geduldet werden darf (vgl. 1. Kor 5).

Wir haben schon Kennzeichen dieses Königreichs in Verbindung mit Kapitel 3 gesehen. Dass es sich nicht um ein Reich im Himmel handelt, sollte deutlich sein, weil immer von der Erde gesprochen wird. Der durchaus nicht falsche Ausdruck „Himmelreich“ (eine Zusammenfassung der Genitiv-Verbindung (zweiter Fall): Reich der Himmel), den Martin Luther im Deutschen eingeführt hat, könnte zu diesem falschen Gedankengang Anlass geben. Nein, es geht um ein Königreich auf der Erde, wo jemand über Menschen auf der Erde regiert.

An dieser Stelle füge ich eine kleine sprachliche Erklärung an, die gelegentlich in Verbindung mit dem zweiten Fall (Genetiv) verwendet wird. Sicherlich gibt es noch andere Unterscheidungen, aber diese scheint doch in Verbindung mit manchen Bibelstellen hilfreich zu sein, weil wir im Neuen Testament immer wieder zwei Hauptwörter finden, von denen eines im Genetiv steht. Dieser kann dann zum Beispiel objektiv verstanden werden (er ist der Gegenstand, das Objekt des Hauptwortes): Das Reich, das in den Himmeln ist. Oder der Genitiv kann subjektiv verstanden werden (er ist das logische Subjekt, der Ausgangspunkt des Hauptwortes): Das Reich, das aus den Himmeln regiert wird. Die zweite Bedeutung liegt in unserem Fall vor. Dieser Gedanke kann noch etwas weitergeführt werden: Es ist ein Reich mit himmlischen Charakter, das von dem regiert wird, der aus dem Himmel ist.

Der Herr spricht von „Geheimnissen des Reiches der Himmel“, denn dieses Königreich hat es jetzt mit einer gewissen „Verborgenheit“ zu tun:

  1. Der König tritt hier auf der Erde nicht in Erscheinung. Er ist verborgen, und zwar im Himmel. Eigentlich hatten die Juden erwartet, dass der König seine Herrschaft sichtbar hier auf der Erde antritt. Weil sie Ihn jedoch verworfen hatten, kehrte der König, Jesus Christus, nach vollbrachtem Werk am Kreuz in den Himmel zurück. So ist Er hier auf der Erde nicht sichtbar.

  2. Die Regierung bleibt eine verborgene. Eigentlich erwarteten die Juden, dass Gott durch seinen König eine sichtbare und machtvolle Herrschaft einführen würde. Aber nachdem Christus verworfen wurde, ist die Herrschaft Christi eine verborgene geworden. Er regiert auch heute, aber in einer indirekten, nicht für die Welt erkennbaren Weise.

  3. Das Königreich selbst ist verborgen. Denn wo ist es direkt zu sehen? Sicher mag man es in den Christen sehen, die hier auf der Erde leben. Aber man kann es nicht vergleichen mit dem Königreich der Juden unter David, Salomo und ihren Nachkommen. Allerdings wird dieses Königreich in künftiger Zeit wieder sichtbar werden, wenn der Herr Jesus als König auf diese Erde zurückkehren wird.

  4. Kann man nicht auch sagen, dass sogar die wahren Söhne des Reiches, die gläubigen Jünger und Christen, im Reich sehr bald „verborgen“ waren? In einer gemischten Masse von Gläubigen und Ungläubigen fällt es manchmal schwer, die wahren Gläubigen zu erkennen. „Der Herr kennt, die sein sind“, schreibt Paulus später an seinen Freund Timotheus im Blick auf eine Zeit moralischen und geistlichen Niedergangs (2. Tim 2,19 ff.).

  5. Schließlich ist die Art dieses Königreichs, wie es in Matthäus 13 dargestellt wird, sowohl im Alten Testament als auch in der heutigen Zeit verborgen. Nur, wer Christus als seinen Retter angenommen hat und sich durch das Wort Gottes und den Geist Gottes belehren lässt, hat Einblicke in diese geheimnisvolle Form des Königreichs der Himmel.

Gericht über das Volk Israel

Diese geheimnisvolle Gestalt des Königreichs der Himmel, von dem der König verworfen und damit abwesend war, konnte man also nicht im Alten Testament finden. Sie war dort unbekannt. Aber sie war letztlich nur die Folge davon, dass sich das Volk von seinem eigenen Messias abgewendet hatte, ja Ihn sogar verwarf. Dadurch würde demjenigen, der „hat“, noch dazu gegeben werden, so dass er im Überfluss leben konnte, während der, „der nicht hat“, selbst das, was er hat, verlieren würde (V. 12).

Das mag auf den ersten Blick etwas eigenartig klingen. Aber es ist die Folge eines selbst gewählten, bösen Weges. Wer den Herrn und sein Wort nicht annehmen wollte, der besaß nichts. Das, was er meinte zu besitzen, würde ihm weggenommen werden (vgl. Lk 8,18). Wer jedoch den Herrn und sein Wort aufgenommen hatte und Ihn somit besaß, konnte mit weiterem Segen von oben rechnen. So gibt (und nimmt) Gott, je nachdem, wie wir uns zu Ihm und seinem Wort und seinen Knechten stellen.

In dieser Verbindung zitiert der Herr Jesaja 6. Dort finden wir den Aussendungsauftrag für Jesaja, der „im Todesjahr des Königs Ussija“ die Herrlichkeit des Herrn gesehen hatte und für seinen Dienst gereinigt worden war. Das Ende des Lebens von Ussija war von geistlichem Hochmut gekennzeichnet, denn er opferte, obwohl er kein Priester war, auf dem Altar des Herrn. Zur Strafe wurde er bis zu seinem Tod aussätzig. Das ist ein treffendes Bild der Obersten und der Masse des Volkes Israel zur Zeit des Herrn Jesus. Diesen Menschen gegenüber trat der Herr nur mit Gleichnissen auf, die sie nicht entschlüsseln konnten.5

Wer nicht will, den zwingt Gott nicht. Aber er muss – wie die Juden – mit den entsprechenden Konsequenzen leben. Und die waren im Fall von Israel das Gericht, in der Finsternis zu sein. Sie liebten die Finsternis mehr als das Licht. Was ist dann der Nutzen von Licht für jemand, der seine Augen bewusst schließt? Licht bringt einem solchen nichts. So mochten die Juden mit ihren Ohren manches gehört haben, aber ihre Herzen waren für die Botschaft des Herrn verschlossen.

Der Herr stellt das ungläubige Volk in Vers 17 ausdrücklich in einen Gegensatz zu den Propheten. Diese waren treu gewesen und hatten Gottes Worte ausgesprochen. Aber sie lebten in einer Zeit, in der die Pläne Gottes noch nicht offenbart waren. Manches durften sie weissagen, aber sie konnten es, obwohl sie sich danach sehnten, nicht verstehen. Doch sie hatten ein Interesse an dem, was sie weissagten. Das zeigt uns auch Petrus (1. Pet 1,11). Und wir, haben wir ein Interesse an den prophetischen Schriften des Wortes Gottes?

Die Jünger hatten das Vorrecht zu sehen und zu hören. Der Herr nennt sie deshalb „glückselig“. Sie waren wirklich Bevorzugte, den König selbst zu sehen, auf den das Alte Testament immer wieder hinwies. Zudem durften sie nicht nur die Gleichnisse hören, sondern auch deren Erklärung, so dass sie Wissende waren. Die Propheten und Gerechten hätten es gerne gesehen und gewusst. Aber sie lebten in einer Zeit und in Umständen, wo das nicht möglich war. Im Gegensatz dazu hatten die Jünger den Inbegriff des Reiches Gottes – Christus – in ihrer Mitte. Und Er zeigte ihnen, wovon Gott im Alten Testament gesprochen hatte und was Er jetzt zu tun gedachte.

Das ungläubige Volk jedenfalls wollte von Gott gar nichts wissen, denn sie lehnten Ihn grundsätzlich ab. So wendet sich der Herr von ihnen ab. Denn wer kein Herzensinteresse an den Dingen des Herrn hat, sondern nur von seiner Neugier getrieben wird, erhält vom Herrn keine Antwort.

Verse 18 –23: Die Erklärung des Gleichnisses vom Sämann

„Hört ihr nun das Gleichnis vom Sämann. Sooft jemand das Wort vom Reich hört und nicht versteht, kommt der Böse und reißt weg, was in sein Herz gesät war; dieser ist es, der an den Weg gesät ist. Der aber auf das Steinige gesät ist, dieser ist es, der das Wort hört und es sogleich mit Freuden aufnimmt; er hat aber keine Wurzel in sich, sondern er ist nur für eine Zeit; wenn nun Drangsal entsteht oder Verfolgung um des Wortes willen, nimmt er sogleich Anstoß. Der aber in die Dornen gesät ist, dieser ist es, der das Wort hört; und die Sorge der Welt und der Betrug des Reichtums ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht. Der aber auf die gute Erde gesät ist, dieser ist es, der das Wort hört und versteht, der wirklich Frucht trägt; und der eine bringt hervor hundert-, der andere sechzig-, der andere dreißigfach“ (Verse 18–23).

Wenn wir uns jetzt dem Gleichnis vom Sämann zuwenden, das der Herr Jesus vor dem gerade genannten Hintergrund ausspricht, dann nehmen wir sogleich die Erklärung des Herrn mit hinzu. Denn welcher Sinn bestünde darin, das Gleichnis zunächst eigenständig zu deuten, wo eine göttliche Auslegung durch den Herrn bereits gegeben worden ist? Das gilt umso mehr, als der Herr im Unterschied zum zweiten Gleichnis, das Er ebenfalls erklärt, bei dem Gleichnis vom Sämann keine weiteren Gleichnisse vorstellt, bevor Er die Erklärung dazu gibt. Hier folgt die Erklärung des Gleichnisses auf Bitten der Jünger sofort.

Wir bedenken dabei: Die ungläubigen Menschen können dieses Gleichnis nicht richtig verstehen. Denn ihnen gegenüber offenbart der Herr seine Gedanken nicht. Seinen Jüngern gegenüber, mögen sie noch so schwach und unwissend sein, wie es die Jünger hier offenbaren, zeigt der Herr gerne, was sich hinter diesen Vergleichen versteckt.

Der Herr Jesus spricht die Gleichnisse zu den Volksmengen, die am Ufer standen. Dennoch wendet Er sich besonders seinen Jüngern zu, ohne allerdings die Volksmengen auszuschließen. Die Volksmengen können aus diesen Worten erkennen, dass hier jemand mit Vollmacht spricht. Verstehen können sie die Worte hingegen nicht. Die Jünger jedoch sollen zunächst verstehen und dann auch in ihren Herzen aufnehmen, was der Herr ihnen sagen möchte. Für sie waren diese Gleichnisse von großer Bedeutung. Ihre Hoffnungen auf die Aufrichtung des Königreichs in Herrlichkeit schwanden mit jeder weiteren Ablehnung des Königs durch sein Volk dahin. Was konnte dann von größerem Interesse für sie sein als die Natur und das Ende des vom Herrn Jesus eingeführten neuen Zeugnisses zu kennen? Auch wenn den Jüngern dieser Wandel gar nicht bewusst war, schenkt ihnen der Herr diesen neuen Blickwinkel.

Wenn Er hier von einem Sämann spricht, so ist es gut möglich, dass Er mit seinen Jüngern soeben beim Gang aus dem Haus an einem säenden Landwirt vorbeigekommen war. Vielleicht sah man von der Stelle aus, wo Jesus stand, einen Sämann. So greift Er einen den Jüngern gut bekannten Vorgang auf: Ein Sämann streut seinen Samen mit der Hand auf sein Feld.

Nun ist es wohl so, dass in Israel zumindest damals viele Felder nicht derart kultiviert waren, wie wir das heute kennen. Das Gelände war teilweise steinig, felsig, direkt am Wegesrand und zum Teil mit Dornen überdeckt. Dieses Bild benutzt der Herr, um seinen Jüngern und damit auch uns einen Eindruck davon zu geben, wie der geistliche Same, den der Herr ausstreut, von Menschen aufgenommen wird.

Der ausgehende Sämann

„Siehe, der Sämann ging aus, um zu säen“, lesen wir zunächst. Sogleich stellt sich die Frage, wer der Sämann ist. Das erklärt der Herr nicht weiter. Übrigens in keinem der Evangelien. Denn auch in Markus 4 und Lukas 8 finden wir auf diese Frage keine Antwort. Und dennoch kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass Jesus hier von sich selbst spricht. Das wird in seiner Erklärung des zweiten Gleichnisses vom Unkraut im Acker deutlich. „Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen“ (Mt 13,37). Christus ist derjenige, der den guten Samen auf das Feld wirft.

Dennoch ist es interessant, dass der Herr Jesus zunächst keine Erklärung dafür abgibt, wer der Sämann ist. Wenn wir zudem berücksichtigen, dass hier symbolisch vorgestellt wird, dass Er sich an die Nationen wendet, so könnte man zu Recht fragen: Wann hat Er das denn in den Evangelien getan? Die Antwort lautet: Immer mal wieder, aber nicht durchgehend. So erscheint das Nichterklären, wer mit dem Sämann im ersten Gleichnis gemeint sein kann, beabsichtigt. Denn der Herr würde diesen Dienst nicht so sehr selbst tun als vielmehr seine Diener benutzen, um den Nationen das Evangelium zu verkündigen. Es waren gerade die Jünger des Herrn, die nach dem Tod und der Auferstehung Jesu dazu ausgesandt wurden: „Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern … und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe (Mt 28,19). Ja, Er würde bis zur Vollendung des Zeitalters bei ihnen sein (Vers 20). Denn Er würde durch sie zu den Nationen reden. Aber nicht der Herr alleine, sondern auch seine Jünger würden diesen Auftrag ausführen, den Samen in seinem Namen auszustreuen.

Auch dieses „ausgehen“, um zu säen, unterstreicht noch einmal den Wandel, der in diesen Versen vor sich geht. Der Herr Jesus konnte nicht einfach säen. Er musste ausgehen, um zu den Nationen zu kommen. Ihnen wollte Er sein Wort verkündigen. Schon die Tätigkeit des Sämanns spricht von einem Zeugnis, das weit verbreitet werden soll.

Der Same und seine Bedeutung in den verschiedenen Evangelien

Sofort stellt sich die Frage, was der Same ist. Dies erklärt der Herr: „das Wort vom Königreich“. In Lukas 8 heißt es: „Der Same ist das Wort Gottes“ (Lk 8,11). Darum geht es. Der Herr streut das Wort Gottes aus. Er verkündigt und predigt nichts anderes als das Wort Gottes, von dem wir wissen, dass es die neue Geburt bewirkt. „Die ihr nicht wiedergeboren seid aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes“ (1. Pet 1,23). Nur dieses Wort überzeugt den Menschen in seinem Herzen umzukehren. Daher wollen auch wir nichts anderes predigen als dieses unverfälschte, vollkommene und mächtige Wort, das Felsen zerschlagen kann (Jer 23,29).

Der Herr nennt dieses Wort im Matthäusevangelium „Wort vom Königreich“. Das passt zu dem Thema, das Er in diesem Kapitel behandelt. Und es verbindet Kapitel 28,19 und damit auch die Jünger mit diesem Vers. Denn in diesem Evangelium wirbt Er um Jünger in seinem Königreich. Damit Menschen in sein Königreich eintreten, ist es nötig, dass diese das Wort vom Reich hören, in ihre Herzen aufnehmen und annehmen. Dann sind sie in der Lage, als Jünger zu leben. Daher spricht das „Wort vom Königreich“ von der Autorität dieses Wortes und davon, dass es an den Menschen Ansprüche stellt. Denn der Mensch soll sich durch dieses Wort grundsätzlich und dann in der Folge auch praktisch verändern. Es geht dem Herrn nicht um die Frucht des Gehorsams dem noch bestehenden Gesetz Moses gegenüber, sondern Er selbst spricht jetzt Worte, die die Jünger zum ewigen Leben führen.

Im Markusevangelium steht stärker im Mittelpunkt, dass der Herr seine Jünger darüber belehrt, was sie als seine Diener tun sollen: Sie sollen es Ihm nachmachen, einfach das Wort, das Ihnen von Gott aufgetragen wird, zu predigen. Daher wird der Same von Markus mit dem Wort verbunden, ohne dass dieses „Wort“ näher erklärt würde, wie Lukas es das „Wort Gottes“ nennt. Im Lukasevangelium steht der Herr Jesus als Mensch vor uns, der in der Kraft des Heiligen Geistes tätig ist. Was könnte Er anderes predigen als das reine Wort Gottes, um die Herzen der Menschen zu überwinden.

Die Gleichnisse und ihre Auslegungen durch den Herrn

In diesem Zusammenhang ist es gut, darauf hinzuweisen, dass die Erklärungen und Gleichnisauslegungen durch den Herrn immer über das ursprüngliche Gleichnis hinausgehen. Das betrifft das erste, das zweite und das letzte Gleichnis. In unserem Gleichnis beispielsweise wird in dem eigentlichen Gleichnis das Wirken des Sämanns betont. Er streut aus. In der Auslegung dagegen geht es um die Menschen, die den Samen des Wortes Gottes hören. Wie gehen sie damit um? Das ist eine über das ursprünglich genannte Gleichnis hinausgehende Sache. Denn dort sind es mehr die Umstände und äußeren Bedingungen, die das Aufgehen des Samens verhindern. In der Auslegung zeigt der Herr, dass es die Menschen selbst sind, die das Fruchtbringen des Samens verhindern. Dies wird auch dadurch deutlich, dass Er den Samen interessanterweise mit der Person identifiziert: „Dieser ist es, der an den Weg gesät ist …“ usw.

Wir müssen zunächst festhalten, dass der Same, der ausgestreut wird, genauso wie derjenige, der ihn ausstreut, vollkommen ist. Wenn also ein Same nicht aufgeht, liegt es nicht am Sämann und auch nicht am Samen. Es liegt allein an dem Menschen, der den Samen (das Wort) hört. Dabei ist von Bedeutung, wohin der Same fällt. An dieser Stelle sei noch einmal an die drei Personengruppen erinnert, die wir in Matthäus 12 gefunden haben:

  1. die Pharisäer und Schriftgelehrten, die im sichtbaren Widerstand gegen den Herrn und sein Wort lebten. Sie wollten Jesus nicht hören und erst recht nicht annehmen. Es sind die Feinde Christi.

  2. die natürliche Familie Jesu, die sich nicht offen gegen Jesus stellte, sich Ihm aber auch nicht direkt unterwarf. Es sind die Mitläufer und Gleichgültigen.

  3. die geistliche Familie des Herrn, die aus solchen bestand, die den Willen des Vaters des Herrn tun wollten und Ihn von Herzen aufnahmen. Es sind diejenigen, die Er Freunde nennt und die deshalb wahre Jünger sind.

    Diese drei Gruppen finden wir in dem unterschiedlichen Herzensboden wieder, der uns in diesem Gleichnis vorgestellt wird. Wir können an einzelne Personen denken, auch an Personengruppen. Letztlich müssen wir diese Verse sogar mit dem ganzen Volk der Juden verbinden. Sind die Böden nicht sogar ganz besonders ein Bild des inneren Zustandes des Volkes Israel, wie der Herr ihn auf der Erde antraf, als Er hier als Messias zu ihnen kam? Sie lehnten den Messias ab und glichen daher den ersten drei Bodenzuständen, auf die der Same fiel. Der Boden symbolisiert somit Menschen und ihren geistlichen Zustand vor Gott, ihre Haltung, die sie dem Wort Gottes gegenüber einnehmen.

Der Boden am Wegrand

Die erste Gruppe derjenigen, die in offener Feindschaft gegen Jesus lebten, wird durch den Wegboden dargestellt. Eine Möglichkeit, das Wort aufzunehmen, besteht darin, dass man das Wort nicht versteht. So sagt es der Herr. Was ist damit gemeint? Es geht hier nicht um solche, die geistig nicht in der Lage wären, den Herrn zu verstehen. Gemeint sind solche Menschen, die Ihn nicht verstehen wollen. Sie haben kein Interesse an Christus und seinen Gedanken. Sie lehnen Ihn schlichtweg ab. Bei ihnen gibt es keine Verbindung von Verständnis, Gefühlen und Gewissen, was die Beziehung des Herzens zu Gott betrifft. Das liegt nicht am Samen! Dieser ist allen Bereichen, der Natur und dem Zustand des Menschen angemessen. Er überwindet jeden Menschen, der zur Umkehr bereit ist.

Ihr Herz, für das sie selbst verantwortlich sind, bewirkt, dass der Böse kommen kann und alles wegreißt, was vom Herrn gesät worden ist. Wir werden sehen, dass die drei großen Feinde des Gläubigen, des Herrn und des himmlischen Vaters in diesem Gleichnis genannt werden. Hier ist es der Satan, der große Widersacher des Herrn, der Ihn berauben möchte, in dem er verhindert, dass der ausgestreute Same das Herz erreicht. Das kann Satan aber nur deshalb tun, weil die entsprechenden Hörer ihn dieses Werk verrichten lassen. Satan fällt es bei ihnen nicht schwer zu verhindern, echte und tiefe Eindrücke des Wortes Gottes überhaupt aufkommen zu lassen. Wir haben also hier den hoffnungslosesten Fall, den man sich vorstellen kann. Alles war null und nichtig, aber nicht wegen eines Fehlers im Samen, sondern wegen der eigenen Einstellung und der Aktivität Satans.

Denn Gott zwingt keinen Menschen, Christus anzunehmen. Wer nicht will, geht freiwillig in die Hände Satans, in denen sich jeder Mensch zunächst schon durch seine sündige Natur befindet. Gott möchte ihn daraus befreien. Aber wenn er nicht will, bleibt er dort und wird letztlich ewig den Feuersee erleiden müssen. Das macht dieses Gleichnis zugleich sehr ernst. Denn es ist mit Konsequenzen für den Menschen verbunden, seine ewige Bestimmung betreffend. Das war der Weg der meisten der Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie wollten nicht hören. Sie stellten sich bewusst gegen Jesus und wurden so mit Leichtigkeit eine Beute Satans. Er selbst konnte sie sogar als seine Instrumente gegen Christus einsetzen.

An dieser Stelle ist wichtig zu erkennen, dass der Herr Jesus in dem Gleichnis die Vögel als Symbol für Satan und seine Instrumente verwendet. In der Erklärung nennt Er ihn „den Bösen“ und charakterisiert damit diesen Feind Gottes. Diese Symbolik ist insofern von Bedeutung, als der Herr in einem späteren Gleichnis noch einmal von diesen Tieren spricht. Die Vögel scheinen also in diesem Kapitel insgesamt ein besonderer Hinweis auf satanische Aktivität zu sein, die dem Menschen alles wegnehmen möchte, was von Gott kommt.

Aber auch als Gläubige wollen wir uns der Botschaft dieses Gleichnisses nicht verschließen. Wer sein Leben in einer Weise führt, dass er dem Wort Gottes, das an sein Herz gerichtet wird, kein Gehör mehr schenkt, lässt zu, dass der Feind Jesu und damit der Feind der Gläubigen jeden Segen wegnehmen kann. Dann bleibt nichts mehr übrig, als wie ein Brandscheit aus dem Feuer gerettet zu werden. Man kann keine Frucht bringen, und Lohn gibt es dann ebenfalls nicht. Und der Genuss des ewigen Lebens hier auf der Erde in der heutigen Zeit wird auf ein Minimum reduziert. Was für eine Verunehrung dessen, der für uns am Kreuz gestorben ist. Kein wahrer Gläubiger kann sein Leben wieder verlieren. Aber alles andere kann man aufgeben und einbüßen!

Das Steinige

Der steinige Boden zeigt uns einen zweiten Feind. Es ist das Fleisch in dem Menschen, in seiner nach außen hin anziehenden Seite. Denn das Fleisch entdeckt, dass hier jemand das Wort verkündigt, der Autorität besitzt und von Gott kommt. Zu Ihm möchte es sich gesellen, aber ohne eine wirkliche innere Umkehr. Denn diese ist dem Fleisch vollkommen zuwider!

Hier spricht der Herr von einem (Herzens-)Boden, auf dem etwas Erde liegt. Sie verdeckt den eigentlich Untergrund – steiniges Gelände. Scheinbar handelt es sich um guten Boden. Aber in Wirklichkeit ist es ein unbrauchbarer Untergrund. Das spricht von einem Menschen, der dem Wort Gottes zuhört. Er stellt sich nicht öffentlich und bewusst gegen den Herrn, wie das auch das Volk im Allgemeinen nicht tat. Sie hörten Jesus gern, so lange Er Wunder für sie tat und in beeindruckender Weise mit ihnen sprach. Sie waren fasziniert von seinen Reden den Hohen des Volkes der Juden gegenüber. Aber kehrten sie um und stellten sich bewusst auf die Seite dessen, der von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten verworfen wurde? Offensichtlich wird das Gewissen dieser Menschen nicht erreicht. Denn wenn das Gewissen getroffen wird, gibt es nicht – wie hier – Freude über das Gehörte, sondern man ist innerlich betroffen. Wenn Christus das Evangelium predigt, führt Er den Sünder zunächst in das Licht Gottes. Das bringt diesen dazu, seine eigenen Sünden zu erkennen als etwas, was Gott zutiefst beleidigt, ja was das Kreuz des Herrn Jesus Christus nötig machte. Kann man sich darüber freuen? Nein, das führt zu einem Erschrecken über den furchtbaren, eigenen Zustand. Denken wir an Hiob, wie er sich in Staub und Asche demütigte. Oder an David, als er auf seine Sünde hingewiesen wurde. Deshalb durften beim Essen des Passahlammes auch bittere Kräuter nicht fehlen. Nach dieser Sündenerkenntnis folgt dann tatsächlich tiefe, wahre Freude darüber, dass man einen Retter gefunden hat. Aber das ist bei weitem nicht die erste Reaktion.

Menschen, die nach einer Wortverkündigung große Freude zeigen, muss man daher vorsichtig begegnen. Haben sie die Botschaft wirklich verstanden? Haben sie erkannt, worum es geht? Gerade in der heutigen Zeit, in der oft nur noch ein verkürztes Evangelium verkündigt wird, in dem die Notwendigkeit tiefer Reue und Umkehr oftmals fehlt, könnten leicht scheinbare Bekehrungen entstehen.

So zeigt sich, dass der Same nicht wirklich aufgeht. Es kommt ein Halm – aber es ist keine Frucht vorhanden. Denn es fehlt die Wurzel, es fehlt eine echte Neugeburt des Betroffenen. Das wird sichtbar, wenn der Glaube, der äußerlich bezeugt wird, durch Verfolgungen um des Wortes Gottes willen geprüft wird, durch Drangsale. Das war bei vielen Juden der Fall, wie uns der Hebräerbrief deutlich macht. Sie hatten erlebt, was für gewaltige Wunder geschahen, als Gott die Versammlung Gottes gebildet hat, wie Apostelgeschichte 2 berichtet. Zu solchen Menschen wollten sie gerne gehören, denn hier schien man auf der richtigen Seite zu stehen.

Aber viele Juden hatten keine wirkliche Bekehrung erlebt. Eine erste Freude und Begeisterung brachte sie dazu, sich zu den Christen zu bekennen. Aber als dann Verfolgungen kamen, mit denen sie nicht gerechnet hatten, kehrten sie den Christen schnell wieder den Rücken zu. Ihr Glaube wurde geprüft und als nicht im Wort Gottes gewurzelt erfunden. So gaben sie den Glauben preis, den sie nie wirklich besessen hatten. Und was ist ihr „Ziel“? Der Feuersee! Das macht den Ernst auch dieser Gruppe aus. Ob wir wohl, wenn auch „nur“ in unserem praktischen Leben, solche sind, die nicht bereit sind, zu dem Wort Gottes zu stehen, wenn Verfolgungen und Spott kommen?

Nach außen hin sieht zunächst alles gut aus. Es ist Erde da, der harte Felsboden ist nicht zu sehen. Vielleicht sieht es zunächst sogar besser aus als in vielen anderen Fällen, wo tatsächlich Frucht entsteht. Haben wir das nicht bei manchen Menschen erlebt, wo zunächst geradezu Begeisterung vorhanden war, die dann sehr schnell verpuffte? Vielleicht spricht dieser „Boden“ auch von solchen, die eine Form der Gottseligkeit besitzen – nach außen hin christlich aussehen – deren Kraft jedoch verleugnen (vgl. 2. Tim 3,5).

In dem Gleichnis wird die Verfolgung mit der Sonne, die aufgegangen war, verbunden (Vers 6). Vielleicht ist das auch ein Hinweis auf die Nation Israels, die einmal den Herrn Jesus als die „Sonne der Gerechtigkeit“ (Mal 3,20) erleben wird. Hier geht es um eine Zeit, in der die Versammlung in den Himmel entrückt sein wird und der Herr als Messias wieder mit seinem irdischen Volk eine Beziehung anbahnt. Dazu wird Er furchtbare Gerichte über diese Erde und besonders über die Juden bringen, wie wir in Kapitel 24 lernen werden. Dann werden alle diejenigen, die kein wahres Leben aus Gott besitzen, durch dieses Gericht umkommen „und verdorren“. Während die erste Gruppe erst gar keine Beziehung zu Gott und seinem Messias haben will, sieht sich diese zweite Gruppe äußerlich mit Christus in Verbindung. Aber sie wollen damit keine innere Umkehr verbinden – und gehen verloren!

Der Dornen-Boden

In dem dritten Teil des Gleichnisses lesen wir in dem ursprünglichen Bericht von überhaupt keiner Entwicklung des Samenkorns, das in die Dornen fiel. Die Dornen sind es, die aufschießen, nicht jedoch das Samenkorn. So wird das Wachstum des Samenkorns erstickt – es kann nicht aufgehen.

Hier finden wir den dritten Feind der Gläubigen – die Welt. Manchmal ist es der Feind direkt, der die Wirkung des Wortes Gottes zerstört. Zuweilen ist es das Fleisch des Menschen, das über kurz oder lang jede Wirkung des Wortes auslöscht. Oft aber ist es – wie hier – die Welt, die in unserem Fleisch einen Anknüpfungspunkt findet und so dem Wort keinen Platz lässt.

Die Dornen, die jedes Wachstum des Samens ersticken, werden vom Herrn mit zwei verschiedenen Dingen verglichen:

  1. Die Sorge der Welt. Hiermit sind nicht die Sorgen gemeint, die auf unser Gemüt drücken, weil wir nicht ein noch aus wissen. Das kann z. B. vor einer schwierigen Prüfung oder bei einer Krankheit der Fall sein. Nein, die Sorge der Welt heißt einfach die Beschäftigung mit der Welt und ihren Dingen. Wenn ein Mensch sein ganzes Sinnen auf diese Welt setzt, wird er jedes mögliche Wachstum des Wortes in seinem Herzen ersticken. Dafür gibt es keinen zeitlichen und auch keinen emotionalen Platz. Jede Auseinandersetzung mit der biblischen Wahrheit, mit der Botschaft über wahre Jüngerschaft, ist zerstört.

  2. Der Betrug des Reichtums: Immer wieder warnt die Bibel davor, reich werden zu wollen, seine Hoffnung auf Geld und Vermögen zu setzen. „Denn die Geldliebe ist eine Wurzel alles Bösen, der nachstrebend einige von dem Glauben abgeirrt sind und sich selbst mit vielen Schmerzen durchbohrt haben“ (1. Tim 6,10). Man denke auch an den reichen Jüngling. Seine Liebe zum Reichtum verhinderte, dass er ein Jünger des Herrn wurde (vgl. Mk 10,22). Gerade wenn das Herz eines Menschen am Reichtum dieser Welt hängt, stellt dies ein Hindernis für ihn dar, das Wort vom Königreich anzunehmen. So kann kein Same aufgehen, und der Mensch geht ewig verloren! Das ist die furchtbare Konsequenz.

    Es handelt sich nicht um Menschen, die sich öffentlich gegen den Herrn Jesus stellen. Sie gehören zu der Sorte der Mitläufer und äußeren Bekenner, die wir am Ende des vorigen Kapitels gesehen haben. Sie scheuen die Konsequenzen, die mit echter Nachfolge hinter dem Herrn Jesus her verbunden sind.

    Auch als Christen wollen wir uns sagen, dass die Welt und ihre Attraktivität uns daran hindern kann, das Wort Gottes in einem einfältigen Herzen aufzunehmen, um es zu tun. So kann es auch im Herzen eines Gläubigen dornigen Herzensboden geben.

    Im eigentlichen Gleichnis war davon die Rede, dass der Same erstickt wird. In der Erläuterung fügt unser Meister hinzu, dass dieser Same keine Frucht bringt. Frucht gibt es immer nur dann, wenn das Korn in der Erde stirbt und aufgeht. So ist Grundvoraussetzung für das Fruchtbringen eines Menschen, dass der Tod Jesus auf sein Leben angewendet wird. Nur wenn Christus persönlich und stellvertretend für einen Menschen gestorben ist und dieser dann auch geistlicherweise mit Christus gestorben ist (Röm 6), bringt er Frucht. Diese wird vom Sämann dann geerntet und genossen. Das ist das Ziel unseres Herrn für das Leben jedes Menschen, auch für unser Leben als Christen!

Die gute Erde

Zum Schluss kommt dann auch die gute Erde. Wir wollen uns daran erinnern, dass dies auch die Ansicht derjenigen widerlegt, die von einer dominierenden Rolle des biblischen Glaubens auf dieser Erde träumen. Nur ein Teil des ausgestreuten Samens führt zu Frucht, und dann noch nicht einmal stets in 100facher Weise. Wie schon gesagt hängt das nicht von dem Sämann ab. Er hat nicht nur vollkommenen Samen, sondern Er sät auch in vollkommener Weise. Es hängt vom Herzen eines jeden Zuhörers ab, was aus dem Samen wird. Das ist ein Trost für jeden Evangelisten und auch für jeden Verkündiger der biblischen Wahrheit. So sehr wir uns bewusst bleiben müssen, dass wir im Unterschied zu unserem Herrn nur in Schwachheit und fehlerhaft verkünden, so bleibt doch bestehen, dass es von der Herzensbereitschaft des Zuhörers abhängt, ob der Same des Wortes Gottes aufgehen kann.

Vers 23 zeigt uns die Voraussetzung dafür, Frucht zu bringen. Zunächst muss ein Mensch bereit sein, dem Wort zuzuhören. Dazu ist eine erste Grundbereitschaft nötig. Jemand, dem vor allem der Reichtum am Herzen liegt, hat dafür keine Zeit. Dann muss man das Wort verstehen (wollen). Damit ist nicht gemeint, dass man das Wort akustisch oder intellektuell verstehen muss, auch wenn das natürlich wahr ist. Aber das Wort Gottes ist so einfach für jeden Menschen zu verstehen, dass dies keine Hürde darstellt.

Mit verstehen ist daher gemeint, dass man die Botschaft Gottes verstehen will. Das allerdings ist eine hohe Hürde. Denn wer das Wort verstehen will, muss beispielsweise akzeptieren, dass er verloren ist und einen Retter nötig hat. Er muss einsehen, dass er ein Sünder ist und ewig verloren geht, wenn er nicht traurig ist über seine Sünden, eine Sinnesänderung vornimmt (Buße tut) und einen neuen Weg mit dem Herrn Jesus Christus gehen will.

Die Folge des Hörens und Verstehens ist dann, dass man das tut, was das Wort sagt. Das Leben bekommt eine ganz neue Richtung. Man hat einen neuen Herrn, auf den man sein Leben ausrichtet. So kommt wirklich Frucht aus der Ähre hervor. Aber auch diese Frucht kann sehr unterschiedlich sein, wie wir von Matthäus lernen.

Unterschiedliches Fruchtbringen – Unterschiede der Evangelisten

„Der eine bringt hervor hundert-, der andere sechzig-, der andere dreißigfach.“ Warum gibt es diese Unterschiede? Der Herr zeichnet hier kein theoretisches Bild. Denn in der Praxis des Lebens gibt es vielleicht einen unter 1.000, der sein Leben ganz in den Dienst des Herrn stellt (gibt es das überhaupt?). Andere haben die richtige Lebensausrichtung und versagen doch immer wieder darin, alles das wegzutun, was ein Hindernis für den Sämann ist, Frucht zu bewirken. Und dann gibt es solche, die noch viel von ihrem alten Ich wirken lassen. Aber selbst diese bringen Frucht – und darum geht es dem Herrn an dieser Stelle. Dennoch macht Er deutlich, dass es selbst bei denen, die gute Frucht hervorbringen, manche Hinderungsgründe für das Wirken des Geistes Gottes gibt.

Jedem Leser werden die Unterschiede zwischen den synoptischen Evangelien auffallen. Markus dreht die von Matthäus genannte Reihenfolge des Fruchtbringens um und beginnt mit dreißigfacher Frucht, um bei der hundertfachen zu enden. Lukas spricht nur von der hundertfachen Frucht.

Diese Unterschiede haben mit den verschiedenen Botschaften der Evangelisten zu tun. Matthäus spricht von der Entwicklung des Königreichs. Dieses nahm einen guten Anfang, als Christus in Vollkommenheit säte und am Anfang Tausende von Menschen zum lebendigen Glauben kamen. Aber nach und nach kam mehr und mehr Böses mit hinein, wie wir später sehen werden. So ist die Frucht abnehmend. Matthäus beschäftigt sich also an dieser Stelle weniger mit der Einzelperson als mit der grundsätzlichen Entwicklung dieses Königreichs.

Markus stellt uns die Belehrung für Diener vor. Ein Diener versteht am Anfang nur wenig. Aber er wächst in seinem Dienst, um mehr und mehr zuzunehmen. So ist das Ziel für einen Diener immer, mehr zu verstehen und in wachsender Treue zu dienen. Das wird durch das zunehmende Fruchtbringen angedeutet. Bei Lukas ist es Gott selbst, der sein Wort (das Wort Gottes) in das Herz einpflanzt. In seinem Evangelium steht die Gnade Gottes im Vordergrund. Sie hatte die Sünderin (Lk 7,36 ff.) und Maria Magdalene (Lk 7,2) usw. von ihren Sünden und Dämonen befreit. Diese Gnade ist immer vollkommen. So gibt es keine Unterscheidung in der Qualität und Quantität des Fruchtbringens. Es handelt sich um ein jederzeit vollkommenes und vollständiges Werk.

Damit sind wir am Ende des ersten Gleichnisses angelangt. Wir haben vier Gruppen von Menschen gefunden, die alle den Samen des Wortes vom Königreich hören, aber sehr unterschiedlich reagieren. Nur die letzte Gruppe entspricht der „Familie des Herrn“, wie wir sie am Ende des zwölften Kapitels kennengelernt haben. Sie hören das Wort, um es zu tun.

Verse 24–30: Das Gleichnis vom Unkraut im Acker

„Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Reich der Himmel ist einem Menschen gleich geworden, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während aber die Menschen schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut mitten unter den Weizen und ging weg. Als aber die Saat aufsprosste und Frucht brachte, da erschien auch das Unkraut. Die Knechte des Hausherrn kamen aber herzu und sprachen zu ihm: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn Unkraut? Er aber sprach zu ihnen: Ein feindseliger Mensch hat dies getan. Die Knechte aber sagen zu ihm: Willst du denn, dass wir hingehen und es zusammenlesen? Er aber spricht: Nein, damit ihr nicht etwa beim Zusammenlesen des Unkrauts zugleich mit diesem den Weizen ausrauft. Lasst beides zusammen wachsen bis zur Ernte, und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Lest zuerst das Unkraut zusammen und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber sammelt in meine Scheune“ (Verse 24–30).

Damit kommen wir zu den sechs Gleichnissen dieses Kapitels, die das Königreich der Himmel betreffen. Das Gleichnis vom Unkraut im Acker umfasst dabei, wie die Erklärungen des Herrn in den Versen 36 bis 43 zeigen, die gesamte Zeit von der Predigt Jesu bis zum 1000-jährigen Friedensreich, wenn das Königreich der Himmel auf dieser Erde einen gewissen Abschluss finden wird. Es weist auch auf das Wiederkommen des Messias als Sohn des Menschen sowie die Auswirkung seiner Gegenwart hin.

Es fällt auf, dass der Herr vor der Erläuterung dieses Gleichnisses den Jüngern noch zwei weitere Gleichnisse vorlegt. Das zeigt, dass diese drei Gleichnisse zusammengehören. Ich habe schon vorher versucht, deutlich zu machen, dass diese drei Gleichnisse besonders die (äußere) Entwicklung des Königreichs auf der Erde schildern. Diese Entwicklung kann auch von ungläubigen Menschen erkannt werden. Denn sie vollzieht sich vor ihren Augen. Daher spricht der Herr diese Gleichnisse vor den Ohren der Volksmengen.

Ein weiterer Grund für die Trennung der Erklärung dieses Gleichnisses von dem Vorstellen mag darin liegen, dass der Herr zeigen möchte, dass vor der Ausführung des Gerichtes, von dem Er in diesem Gleichnis spricht, eine bestimmte Entwicklung innerhalb des Königreichs stattfinden muss. Und diese wird in den beiden dazwischen eingefügten Gleichnissen gezeigt.

Nachdem der Herr dann in Vers 36 die Volksmengen entlassen hatte, geht Er in das Haus. Historisch dürfte es sich dabei um dasselbe Haus handeln wie in Vers 1. Dort ist Er aus diesem Haus heraus gegangen. Und dennoch steht das Haus in Vers 36 symbolisch mit etwas ganz anderem in Verbindung als in Vers 1. Im ersten Vers verlässt Jesus sozusagen das Haus Israels. Er wendet ihm den Rücken zu. In Vers 36 verlässt Er die Sphäre der Öffentlichkeit und wendet sich allein denen zu, die Ihm geistlicherweise nahe stehen, weil sie den Willen seines Vaters tun wollen. Das sind nach Matthäus 12 sein Bruder, seine Schwester und seine Mutter (vgl. Vers 50).

In dieser vertrauen Privatsphäre kann der Herr dann nicht nur das zweite Gleichnis erläutern, sondern auch drei weitere Gleichnisse zu seinen Jüngern sprechen, die nur für solche bestimmt sind, die zu Ihm gehören. Andere können das ohnehin nicht verstehen. Aber denjenigen, die Ihm nachfolgen wollen, zeigt Er, was seinem Herzen besonders wertvoll ist.

Insgesamt zeigt der Herr im Folgenden, dass das Wort Gottes – der Same – dazu diente, das Werk dessen zu erfüllen, den der Vater gesandt hatte. Das Reich würde nicht durch eine Machtausübung aufgerichtet, sondern dadurch, dass der Herr den Herzen der Menschen dieses Königreich und dessen Eingang verkündigte.

Zwei Seiten dieses Königreichs stellt der Herr dar: die Verantwortung des Menschen und auch die Wirkung, die durch das Säen des Wortes des Lichts in die Herzen der Menschen hervorgebracht wird. Von Anfang an macht unser Herr klar, dass dieses Königreich aufgrund des Versagens des Menschen, in dessen Hände der Herr die Verantwortung des Reiches übergibt, durch Vermischung geprägt ist. Das äußere Erscheinungsbild dieses Königreichs würde sehr schnell nicht mehr rein und schön sein, wie der Herr es uns hinterlassen hat, sondern sowohl Gutes als auch Böses enthalten.

Da ich es für nützlich halte, die Erklärung des Gleichnisses vom Unkraut im Acker bei der Besprechung dieses Gleichnisses gleich mit zu berücksichtigen, sollen an dieser Stelle die Verse 36 bis 43 ergänzt werden.

Verse 36–43: Jesus erklärt das Gleichnis vom Unkraut im Acker

„Dann entließ er die Volksmengen und kam in das Haus; und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut des Ackers. Er aber antwortete und sprach: Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen, der Acker aber ist die Welt; der gute Same aber, dies sind die Söhne des Reiches, das Unkraut aber sind die Söhne des Bösen; der Feind aber, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte aber ist die Vollendung des Zeitalters, die Schnitter aber sind Engel. Wie nun das Unkraut zusammengelesen und im Feuer verbrannt wird, so wird es in der Vollendung des Zeitalters sein. Der Sohn des Menschen wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle Ärgernisse zusammenlesen und die, welche die Gesetzlosigkeit tun; und sie werden sie in den Feuerofen werfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein. Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters. Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Verse 36–43).

Was für eine Botschaft verbindet der Herr Jesus mit diesem Gleichnis? Er zeigt die Entwicklung des Königreichs der Himmel an. Recht schnell gab es sowohl Böses als auch Gutes im Königreich, sowohl Söhne des Reiches als auch Söhne des Bösen. So war es nicht vonseiten Gottes beabsichtigt. Denn Gott hasst die Sünde und verbindet sich nicht mit dem Bösen. Aber so ist das „Reich der Himmel … geworden“ (Vers 24) unter der Verantwortung des Menschen.

Der Sämann in diesem Gleichnis wird mit dem Sohn des Menschen gleichgesetzt (Vers 37). Wir finden hier nicht den Messias – der wurde verworfen. Wir erkennen, dass der Sohn des Menschen tätig wird, wenn der Messias nicht mehr gewollt wird. Gerade als Sohn des Menschen steht Er in Beziehung nicht nur zum Volk Israel, sondern zu allen Nationen. Diese Öffnung zu allen Menschen hatten wir ja bereits in den ersten Versen erkennen können.

Der Sohn des Menschen sät guten Samen auf den Acker. Zunächst wird klar, dass der gute Same einen neuen Bedeutungsinhalt bekommt: „Der gute Same aber, dies sind die Söhne des Königreichs.“ So hat der Herr Jesus nicht nur das Wort gesät, sondern durch seine Arbeit als Sämann vielen Söhnen des Reiches den Eingang in das Königreich der Himmel besorgt. Diese Saat geht im Acker auf, der symbolisch für die Welt steht. Denn Christus hat seine Jünger nicht aus der Welt entfernt. Die Versammlung hat Er aus dieser Welt herausgenommen; nach Galater 1,4 auch die Gläubigen als solche. Aber als Jünger bleiben sie hier in der Welt, um ein Zeugnis vor anderen Menschen abzulegen.

Die Untreue der Jünger des Herrn

Der Herr hat nur guten Samen im Acker gesät. Er war es, der die Söhne in sein Reich berief. „Während aber die Menschen schliefen“. Nicht der Sämann schlief, sondern die Menschen. Sie, die eine Verantwortung übertragen bekommen hatten für den Acker, auf dem der gute Same der Söhne des Königreichs gesät worden war. Tatsächlich müssen wir feststellen, dass schon sehr früh unter den Christen das Böse Eingang fand. Denken wir nur an Ananias und Sapphira in Apostelgeschichte 5 – hier haben wir es mit Bösem als solchem zu tun – oder an Simon, den Zauberer, in Apostelgeschichte 8, das ist der böse Same, böse, ungläubige Menschen. Und in Apostelgeschichte 20 kündigt der Apostel Paulus an, dass von außen und von innen böse Einflüsse inmitten der Christen wirksam würden (vgl. Apg 20,29.30).

Nicht der Herr schlief, sondern seine Jünger wachten nicht über den Acker. Es ist hier nicht mehr von „einem Menschen“ die Rede, sondern von „Menschen“. Sie sind ein Sinnbild der Gläubigen, der wahren Jünger im Königreich der Himmel. Warum konnte das Böse inmitten der Gläubigen eindringen? Weil wir von Anfang an nicht wachsam waren und daher das Böse ins Reich hineinkommen ließen. Diese Unfähigkeit zum Wachen hat der große Feind des Volkes Gottes sofort ausgenutzt. Satan säte Unkraut mitten unter den Weizen.

Ist das nicht eine Erfahrung, die in der christlichen Zeit immer wieder gemacht wurde? Sobald der Herr Jesus unter den Menschen ein Werk auf der Erde begonnen hat, kam sofort Satan, um sein eigenes Werk daneben zu stellen, damit das Werk Gottes zerstört würde. Denken wir beispielsweise an die Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3. Gott wirkte Wunderbares im 2. Jahrhundert, als die Seinen durch Drangsale zu wahrer Treue geführt wurden. Sofort baut Satan eine Synagoge des Satans auf, welche die Wahrheit imitieren soll. Dasselbe finden wir auch im Sendschreiben an Philadelphia wieder. Satan hat leichtes Spiel, weil er immer wieder auf Jünger trifft, die schlafen und vergessen zu wachen.

So sehen wir hier sowohl die Zeit, in der Satan tätig war, als auch die Art und Weise, mit der Er dem Werk des Sämanns entgegenwirkt. Was die Zeit betrifft, so haben wir zwei Punkte zu erkennen:

1. Tätig wurde er sofort, nachdem der Herr Jesus seinen Samen ausgestreut hat. Das ist immer wieder beim Wirken Satans auffallend. Kaum hat der Sohn des Menschen ein Werk Gottes vollbracht, setzt Satan sein böses Werk diesem entgegen. Martin Luther soll einmal gesagt haben: Wenn der Herr eine Kirche baut, stellt der Teufel sofort seine Synagoge daneben. Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirkte beispielsweise schon fast von Anfang an, kaum, dass der Geist Gottes auf die Erde gekommen war (vgl. 2. Thes 2,9).

2. Satan konnte wirken, als die Menschen schliefen. Unser Versagen hat schon immer das Werk Satans ermöglicht und begünstigt.

Die Art und Weise des Wirkens Satans ist auch auffallend: Er sät etwas, das dem Weizen verblüffend ähnlich sieht und doch giftiges Unkraut ist. So tritt Satan immer wieder als ein Engel des Lichts auf (vgl. 2. Kor 11,14). Er verkleidet sich als jemand, der vorgibt, Licht von oben zu bringen, dabei bringt er nichts anderes als die Finsternis von unten!

Die Rolle Satans

Satan selbst „ging weg“. Er bleibt oft unsichtbar. Das ist das Gefährliche. Oft meinen wir, eine Sache wäre gar nicht so schlecht, und merken überhaupt nicht, dass Satan ihr Urheber ist. Nur dem Blick Gottes entgeht er nicht. Aber die Menschen schliefen, als er kam, und als sie wach wurden, war er längst nicht mehr zu sehen. Dafür war aber das Ergebnis des Wirkens Satans zu sehen: Unkraut. Hierbei handelt es sich um einen Lolch, der dem Weizen sehr ähnlich ist. Insbesondere, wenn dieses Unkraut noch klein ist, kann man es kaum von dem richtigen Weizen unterscheiden. Erst dann, wenn die Ähren beim Weizen sichtbar werden, stellt man fest, dass der Lolch eine andere Art von Ähren hat. Aber selbst in der Reife sind nur Kenner in der Lage, den Lolch wirklich vom Weizen zu unterscheiden. Dann ist es Unkraut. Aber nicht nur das. Es handelt sich um ein wirklich giftiges Gras, das nach dem Essen zu Symptomen führt wie Schwindel, Taumeln, Kopfschmerzen, Trübung des Denkvermögens und Verwirrung der Sinneswahrnehmungen bis hin zu Seh- und Hörstörungen sowie Beeinträchtigung des Sprachvermögens. Da die Körner von Lolch und Weizen ähnlich groß sind, kann man sie auch durch einen Siebevorgang nicht voneinander trennen. Dadurch verdirbt der Lolch durch seinen giftigen Pilz das Mehl.

So geht Satan zwar weg – sein Werk jedoch zeigt Früchte. Wir denken an Sprüche 6,10: „Ein wenig Schlaf, ein wenig Schlummer, ein wenig Händefalten, um auszuruhen – und deine Armut wird kommen wie ein Draufgänger und deine Not wie ein gewappneter Mann.“ Müssen wir bei diesem Werk Satans nicht auch daran denken, dass Paulus ihn den Gott dieser Welt (vgl. 2. Kor 4,4) und der Herr ihn mehrfach den Fürsten dieser Welt nennt (vgl. Joh 12,31; 16,11)? Sein Einfluss ist unübersehbar; auch die Folgen seines Tuns. So hat er viel Unkraut auf den Acker, diese Welt, gesät.

Satan hat Menschen benutzt, welche die Gläubigen wieder zum Judentum zurückbringen wollten. Auch gab es Philosophen, Theologen und viele falsche Lehrer (vgl. Kol 2,8; Jud 4, Galaterbrief). Immer hatte Satan das Ziel zu vermischen und zu zerstören. Nicht alles sah von Anfang an wie Gift aus. Aber oft war es Gift.

Der Herr erklärt, dass das Unkraut die Söhne des Bösen sind.6 So hat Satan von Anfang an Ungläubige unter die Christen mischen können. Neben Simon, dem Zauberer, können wir an Personen denken, die Paulus in seinem zweiten Timotheusbrief nennt: Menschen, die ungläubig waren, sich aber unter die Christen mischten. Diese Menschen müssen nicht notwendigerweise alle als (falsche) Lehrer auftreten. Allein ihre Anwesenheit dämpft die Wirkung des Evangeliums und des Zeugnisses der Christen auf der Erde. Gibt es heute in der Christenheit nicht jede Form von Religion, Theologie, Glaube und Aberglaube? Man denke nicht nur an die Menschen der Römisch-Katholischen Kirche und der Protestantischen Kirche, sondern auch an Mormonen, Koptische, Siebentags-Adventisten, Orthodoxe, Zeugen Jehovas, usw. Alles ist miteinander vermischt. Und so ist manches Gift im christlichen Bereich vorhanden.

Wir können dieses Unkraut aber auch als Folge der Aktivitäten dieser ungläubigen Menschen, die zur Familie Satans gehören, mit falschen und bösen Lehren verbinden. Denn die Söhne des Bösen haben nicht nur die Jüngerschaft negativ aufgemischt, sie haben auch die gute Lehre verdorben und Wahrheit mit Unwahrheit vermischt. Das kommt in einem späteren Gleichnis noch einmal vor uns.

Falsche Bekenner identifizieren und ausrotten?

Irgendwann merkten auch die Jünger, dass hier irgendetwas nicht stimmte. So kamen die Knechte des Hausherrn und wunderten sich: „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn Unkraut?“ Erstaunlicherweise denken sie nicht einen Moment daran, dass sie selbst für das Zulassen des Unkrautsäens verantwortlich sind. Aber sie wenden sich an die richtige Adresse. Der Herr lässt sie nicht im Unklaren darüber, wer das Unkraut gesät hat. „Ein feindseliger Mensch hat dies getan.“ Damit entlarvt Jesus die eigentliche Absicht Satans und seiner Knechte. Sie sind Feinde des Herrn, Feinde des Kreuzes, Feinde der Seinen, Feinde der Wahrheit. Und aus Feindseligkeit haben sie das Unkraut gesät.

Die Knechte haben natürlich jetzt ein Problem: Wie soll man mit dem Unkraut fertig werden? In unserem Garten gibt es nur ein Mittel dagegen: ständig das Unkraut rausrupfen. Wenn wir uns aber ein Feld vorstellen, in dem viele Weizenhalme vorhanden sind, dazwischen aber immer wieder Unkrauthalme hochsprießen: Was würde passieren, wenn man versuchte, das Unkraut herauszurupfen? Man muss bedenken, dass dies für die meisten erst erkennbar ist, wenn es sich nicht mehr nur um ein kleines Hälmchen handelt!

„Willst du denn, dass wir hingehen und es zusammenlesen? Er aber spricht: Nein, damit ihr nicht etwa beim Zusammenlesen des Unkrauts zugleich mit diesem den Weizen ausrauft.“ Der Herr sieht die unvermeidliche Gefahr für die Knechte, dass sie mit dem Unkraut auch Weizen ausraufen würden. Was hat das für eine Bedeutung im Königreich der Himmel? Wenn die Jünger unfähig waren, die Vermischung von Gläubigen und Ungläubigen zu verhindern, dann sind sie erst recht unfähig, die Ungläubigen inmitten der Gläubigen zu identifizieren, um sie aus dem Königreich der Himmel zu entfernen.

Wohlgemerkt: Wir reden hier nicht von der Versammlung Gottes, sondern vom Königreich. Denn 1. Korinther 5 macht sehr deutlich, dass für die Sphäre der Versammlung andere Grundsätze gelten: „Tut den Bösen von euch selbst hinaus“ (1. Kor 5,13). Die Versammlung muss handeln und den Bösen (und das Böse) ausschließen. Jünger im Königreich dagegen dürfen nicht „ausschließen“. Denn was würde es heißen, im Königreich auszuschließen? Es würde bedeuten, dass man diejenigen, die „Unkraut“ und damit Söhne des Bösen sind, aus dem Königreich hinauswerfen müsste. Dazu gäbe es nur zwei Wege:

  1. Man müsste diese Menschen zwingen, ihr christliches Bekenntnis aufzugeben. Das ist oftmals geradezu unmöglich, weil sie von sich behaupten, dass sie gute Christen, ja die eigentlichen Christen sind.

  2. Man müsste sie „aus dem Acker“, also der Welt, entfernen. Das bedeutet, man müsste sie töten. Diesen Weg hat die Römisch-Katholische Kirche viele Jahrhunderte gewählt. Es wird wohl jedem einsichtig sein, dass dies nicht der Weg Gottes ist. Denn es besteht die Gefahr, dass man damit die Falschen trifft. So war es gerade in den Verfolgungen zum Beispiel der Hugenotten, wo die Ungläubigen die Gläubigen töteten. Zudem, das allerdings erläutert der Herr nicht an dieser Stelle, nimmt man einem solchen Menschen die Möglichkeit, noch umzukehren, falls er sich tatsächlich noch nicht bekehrt hat. Welcher Gläubige wollte das auf seinem Gewissen haben?

    Nein, weder die Kreuzzüge noch sonstige Ausrottungsversuche haben die Billigung des Herrn. Nachdem das christliche Bekenntnis einmal zu einer gemischten Sache von Gut und Böse, von wahren und falschen Bekennern geworden ist, sollte „beides zusammen wachsen bis zur Ernte“. Während es in der Versammlung Gottes ein Mittel der Bewahrung vor dem Bösen gibt – Zucht, wie wir es in dem Neuen Testament finden – so dass das Böse nicht eindringen kann, gibt es das für das Böse in der Welt nicht. Hier wird das Böse mit dem Kommen des Herrn im Gericht weichen müssen – erst dann.

Die Ernte von Unkraut und Weizen

Der Herr lässt uns nicht im Unklaren darüber, was die Ernte ist: „Die Ernte aber ist die Vollendung des Zeitalters.“ Das Zeitalter endet, wenn Christus auf die Erde zurückkehren wird, um sein Königreich sichtbar, in Macht und Frieden, aufzurichten. Gerade davor findet die Ernte statt. Die Vollendung besteht in der Ausübung der verschiedenen Gerichtshandlungen des Herrn, die mit dieser Erscheinung verbunden sind.

Nun kommen wir allerdings zu einem Umstand, den ich schon in Verbindung mit dem ersten Gleichnis erwähnt habe, der aber bei diesem zweiten und später auch bei dem letzten von besonderer Bedeutung ist. Hier finden wir nämlich, dass die Auslegung des Herrn deutlich über das eigentliche Gleichnis hinausgeht und zusätzliche Elemente nennt, die unserem Herrn wichtig sind.

Im Gleichnis heißt es: „Zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen“. Damit bezieht sich der Herr Jesus noch nicht auf den Zeitpunkt der Ernte selbst, sondern auf eine unbestimmte, längere Zeit davor. Für diese Zeit gilt, dass der Herr den Schnittern, das sind nach Vers 39 die Engel, sagt: „Lest zuerst das Unkraut zusammen und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber sammelt in meine Scheune.“

Zunächst einmal spricht der Herr Jesus hier in einer Zukunftsform: „werde sagen“. Das zeigt, dass der Herr in seinem Gleichnis einen Zeitraum im Auge hat, der (aus damaliger Sicht) in der Zukunft liegt, auch wenn, wie immer wieder in seinen Gleichnissen, die Knechte am Ende des Gleichnisses dieselben Knechte sind, die auch schon am Anfang vorkommen. Denn es werden natürlich die zu Anfang gesäten Ähren geerntet. Der Herr hat den Seinen nie gesagt: Es dauert noch lange. Seine Worte waren immer wieder: „Ich komme bald.“

Offenbar spricht der Herr in Vers 30 also von Vorgängen, die sich über einen gewissen Zeitraum bis zur Vollendung des Zeitalters abspielen sollten. Dann würde der Herr seine Ernte einfahren – denn deshalb hat Er ja den Samen gesät. Er möchte die Frucht ernten, die Ihm zusteht. Dabei müssen wir allerdings berücksichtigen, dass sich die Ernte nicht auf das Einsammeln der Frucht beschränkt, sondern zugleich mit Gericht über diejenigen verbunden wird, die keine Frucht gebracht haben. Man denke an Stellen wie Offenbarung 14,14–16 oder auch an die Worte von Johannes dem Täufer in Matthäus 3,12.

In unserem Gleichnis steht das Beschäftigen mit dem Unkraut im Vordergrund. Die Schnitter beschäftigen sich vor allem mit dem Unkraut. Es wird in Bündel zusammengebunden, da es so schneller verbrannt werden kann. Die ungläubigen Bekenner werden für das Gericht zubereitet. Ob man dabei daran denken kann, dass sich ungläubige Christen oft in Kirchen oder bestimmten Sekten zusammenfinden, wird hier nicht näher erläutert. Wir müssen es offen lassen.

Das Ziel beim Zusammenlesen und Binden des Unkrauts ist, dieses zu verbrennen. Von dem Feuer lesen wir im eigentlichen Gleichnis noch nichts. Hier werden nur die Vorbereitungen getroffen. Im Unterschied dazu wird jedoch der Weizen zur Zeit der Ernte in die Scheune gesammelt. Wir können nicht sagen, dass die Ernte die Entrückung ist – aber sie schließt diese sicherlich nicht aus. Zwar ist die Entrückung nicht Gegenstand der Prophetie, und in Verbindung mit der Entrückung ist auch keine Rede von Engeln, doch dürfen wir in dem Einsammeln des Weizens einschließen, dass der Herr diejenigen, die unter den Christen wirklich sein sind, zu sich holt. Sie kommen in die himmlische Scheune Christi. Es wäre seltsam, wenn der Herr über das Königreich der Himmel zunächst in einer Form spricht, die sich deutlich auf die christliche Zeit bezieht, dann aber die christliche Ernte vollkommen außen vor lassen würde. Vielleicht drückt Er sich deshalb im Gleichnis selbst relativ allgemein aus.

Man kann auch nicht behaupten, dass die Scheune den Himmel oder das Vaterhaus darstellt. Denn interessanterweise wird der Gedanke der Scheune in diesem Evangelium schon in Matthäus 3 eingeführt. Dort spricht Johannes der Täufer davon, dass Christus auf der Erde Gericht üben wird, aber auch „seinen Weizen in die Scheune sammeln“ wird (Vers 12). So ist die Scheune ganz allgemein ein Ausdruck für den Ort, wohin der Herr Jesus die Seinen bringen wird: dahin, wo Er ist, sei es auf der Erde in sein Königreich, sei es in den Himmel, wo Er thront.

Besonders wertvoll ist es, dass wir von „meiner Scheune“ lesen. Der Herr bringt diejenigen, die Ihm treu waren, nicht einfach an irgendeinen Ort. Sie kommen zu Ihm, in seine Scheune. Denn Er hat an ihnen ein besonderes Interesse. Es mag viel Weizen sein. Aber wenn er dort ist, wo Christus ist, dann kommt er in eine Atmosphäre der Liebe und des Friedens. Wenn auch hier die Belohnung des Herrn, der Genuss seiner Ernte, im Vordergrund steht, dürfen wir diesen Punkt doch verbinden mit der Belohnung der Gläubigen.

Die über das Gleichnis hinausgehenden Erklärungen

Mit diesem positiven Einsammeln beendet der Herr das Gleichnis für die Allgemeinheit. Seinen Jüngern gegenüber hat Er zu der Ernte allerdings noch mehr zu sagen. In diesen zusätzlichen Erklärungen, die wie gesagt über das eigentliche Gleichnis hinausgehen, beschäftigt Er sich aber vor allem mit dem Gericht am Unkraut.

„Wie nun das Unkraut zusammengelesen und im Feuer verbrannt wird, so wird es in der Vollendung des Zeitalters sein“ (Vers 40). Hier ist nicht mehr von einem allgemeinen, unbestimmten Zeitraum die Rede, an dessen Ende dann das Gericht stehen soll (Vers 30). Hier spricht der Herr von dem Zeitpunkt bzw. der konkreten Zeitperiode, an dem bzw. in der das Gericht durch Engel ausgeführt werden wird. Diese „Vollendung des Zeitalters“ zeigt im Übrigen, dass das Königreich der Himmel sein Ende nicht mit der Entrückung finden wird, sondern auch darüber hinaus noch Bestand haben wird, bis der Herr Jesus sein Reich in großer Macht und Herrlichkeit einführen wird. Feuer ist in der Schrift immer wieder ein Bild von Gericht (vgl. z.B. Jes 66,15.16).

An dieser Stelle spricht der Herr Jesus nicht davon, dass Er das Gericht selbst ausführen wird. Wir wissen aus Offenbarung 19, dass Er selbst kommen wird, um am Ende das Gericht auszuführen. Mit dem Hauch seines Mundes wird der Antichrist gerichtet und dann in den Feuersee geworfen (vgl. 2. Thes 2,8; Off 19,20). In Matthäus 13 beauftragt der Herr als der Sohn des Menschen, dem der Vater Gewalt gegeben hat, Gericht auszuüben (vgl. Joh 5,27), Engel, um das Böse aus dem Königreich auszurotten. In der Offenbarung finden wir die Erfüllung davon, wenn hauptsächlich die Engel als ausführende Instrumente des Gerichtes Gottes gezeigt werden.

In Matthäus 24 lesen wir zudem, dass es der Sohn des Menschen selbst ist, der kommen wird. Dann wird Er seine Engel aussenden (Vers 31), um die Auserwählten zu versammeln. Das sind die Gerechten, die der Herr im Bild von Matthäus 13 in seine Scheune sammeln wird. In Matthäus 24 geht es um gläubige Juden, die sich zu dem Herrn Jesus bekennen werden, in Matthäus 13 in erster Linie um Christen, da sich der Herr Jesus auf die heutige Zeitperiode bezieht. Es ist nicht zu übersehen, dass Er immer wieder als Sohn des Menschen vor uns tritt. Wenn das Volk der Juden Ihn als Messias abgelehnt hat, muss es lernen, dass Er weit mehr ist, nämlich der Sohn des Menschen, der Gewalt über die ganze Erde und die auf ihr wohnenden Menschen hat, nicht nur über Israel.

Er besitzt auch Autorität, Engel auszusenden. „Sie werden aus seinem Reich alle Ärgernisse zusammenlesen und die, welche die Gesetzlosigkeit tun; und sie werden sie in den Feuerofen werfen.“ Aus diesen Worten lernen wir, dass es um die Menschen geht, die falsche Bekenner sind. Sie werden in den Feuerofen geworfen. Dabei werden sie hier als Täter der Gesetzlosigkeit bezeichnet. Nach außen hin gaben sie vor, Christen zu sein. In Wirklichkeit waren sie Sünder, die durch Gesetzlosigkeit gekennzeichnet waren. Ihr ganzes Leben war der Inbegriff dieser Gesetzlosigkeit.

Diese Verse in Matthäus 13 scheinen sich auch mit Offenbarung 14,14–20 zu verbinden: „Und ich sah: Und siehe, eine weiße Wolke, und auf der Wolke saß einer gleich dem Sohn des Menschen, der auf seinem Haupt eine goldene Krone und in seiner Hand eine scharfe Sichel hatte. Und ein anderer Engel kam aus dem Tempel hervor und rief dem, der auf der Wolke saß, mit lauter Stimme zu: Schicke deine Sichel und ernte; denn die Stunde des Erntens ist gekommen, denn die Ernte der Erde ist überreif geworden …“

Die Ausübung des Gerichts

Aber die Engel müssen auch „alle Ärgernisse“ wegschaffen, d. h. alles, was von dieser Gesetzlosigkeit befallen ist. Das lässt uns verstehen, dass der Herr nicht nur die bösen Menschen wegschaffen will, sondern auch das Böse, das durch sie und durch Satan verursacht worden ist. Das alles wird Christus aus diesem Weltall verbannen. An dieser Stelle wird nicht gesagt, was die Grundlage für diesen Reinigungsprozess ist. Aus Johannes 1,29 und Kolosser 1 wissen wir, dass Christus dafür sterben musste. Sein Werk ist die Grundlage für die Versöhnung aller Dinge. Das wollen wir nicht vergessen. So muss also auch alles Böse in den Feuerofen des Gerichts kommen. Wir denken an 1. Korinther 15,26: „Als letzter Feind wir der Tod weggetan.“ Dieser Vers unterstreicht, dass Gott nicht nur die Bösen, sondern auch das Böse von seinen Augen wegschaffen wird. Es wird ein vollkommenes Gericht sein!

Der Ort, an dem die falschen Bekenner (und alle Ungläubigen) ewig sein werden, ist furchtbar: „Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“ (Mt 24,51). Diese bildliche Beschreibung lässt einen erschauern, wenn man an die Zukunft dieser Menschen denkt. Denn dieses Weinen und Zähneknirschen, Ausdruck größter Qualen, Selbstvorwürfe und Angst, wird endlos sein: Es wird immer, immer, immer bleiben. Daher ist es so wichtig, dass wir unseren Missionsauftrag in Treue erfüllen und die Menschen überreden umzukehren (vgl. 2. Kor 5,11).

Das Königreich des Vaters

Wenn der Herr auch nicht mehr auf den Weizen in der Scheune eingeht, so beendet Er die Erklärung seines Gleichnisses doch wieder in positiver Weise. „Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters.“ Offensichtlich spielt Er hier auf seine eigenen Worte an, die Er zu Daniel gesprochen hat. In Daniel 12,1 spricht Er von einer „Zeit der Drangsal, wie sie nicht gewesen ist, seitdem eine Nation besteht bis zu jener Zeit“. In Vers 2 spricht der Sohn des Menschen von einem trennenden Gericht, wie wir es auch in Matthäus 13 gefunden haben. Die einen werden ewiges Leben ernten, die anderen erwachen zur Schande, zu ewiger Abscheu. „Und die Verständigen werden leuchten wie der Glanz der Himmelsfeste, und die, welche die Vielen zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne, immer und ewig“ (Dan 12,3).

Offenbar geht es darum, dass der Herr die Söhne des Reiches für ihre Treue damit belohnen wird, dass sie im 1000-jährigen Friedensreich himmlisches Licht auf der Erde verbreiten dürfen. Der Glanz seiner Gnade wird aus ihnen hervorstrahlen.

Es ist auch interessant, dass es hier nicht heißt: Dann werden die Gerechten aufgenommen werden (in die Scheune – von ihr war nur im Gleichnis die Rede). Denn in Wirklichkeit sind sie schon eine ganze Zeit im Himmel gewesen, auch wenn das hier nicht weiter entfaltet wird. Das lernen wir erst in 1. Thessalonicher 4. Und diejenigen, die in der Zeit der Drangsal zum Glauben kommen werden, haben ihren Platz auf der Erde – nicht in der (himmlischen) Scheune. Gottes Wort ist immer vollkommen! Wenn die Gläubigen wieder auf diese Erde kommen werden – und darum geht es hier – werden sie leuchten wie die Sonne.

Wir treffen in diesem Vers zudem zum ersten Mal auf den interessanten Ausdruck „Königreich ihres Vaters“. Schon in Verbindung mit Kapitel 6 (dem sogenannten „Vaterunser“) haben wir gesehen, dass das 1000-jährige Königreich mit dem Vater in Verbindung gebracht wird: „Dein [des Vaters] Königreich komme!“ In Matthäus 13 spricht der Herr Jesus von dem Zeitpunkt, dass es wirklich gekommen ist. Dort werden die Gerechten leuchten.

Es ist wunderbar zu sehen, dass der Herr dieses Reich nicht für sich beansprucht. Er ist der Sämann und der Auftraggeber der Engel. Aber es ist das Reich seines Vaters, der über allem steht. Das wird durch das Symbol der Sonne unterstrichen, denn diese stellt in der Bildersprache der Schrift die höchste Autorität dar (im Unterschied zum Mond, der abgeleitete Autorität, und den Sternen, die untergeordnete Autorität bedeuten). Dann wird tatsächlich auf dieser Erde kein Widerspruch mehr zum Himmel sein. Der Sohn des Menschen hat für seinen Vater alle Dinge geordnet.

Wir wissen aus anderen Stellen wie zum Beispiel Psalm 101,8, dass auch in diesem Reich noch Sünde vorkommt. Aber sie wird, wenn sie als öffentliche Auflehnung gegen Gott und seinen Christus geäußert wird, direkt gerichtet werden. Es ist nicht mehr möglich, sich dauerhaft gegen den Herrn und den Vater zu stellen. So verbindet Christus diejenigen, die sich auf seine Seite stellen und durch die Gerechtigkeit Gottes bekleidet worden sind, mit der höchsten Autorität – dem Vater.

Himmlisches Licht

Vielleicht spielt in dieser Erklärung, die mit den Geheimnissen des Königreichs der Himmel zu tun hat, auch die Unterscheidung zwischen himmlischen und irdischen Gläubigen eine Rolle. Ich bin darauf in Verbindung mit Matthäus 6 bereits eingegangen. Mir scheint jedoch nicht, dass dieser Gedanke hier im Mittelpunkt steht, denn in der Erklärung seines Gleichnisses redet der Herr nicht mehr vom Sammeln des Weizens in die Scheune. Der Herr drückt sich hier sehr allgemein aus. „Dann“ – Er spricht von dieser Zeit, nicht von einer bestimmten Gruppe von Gläubigen. Es scheint hier Platz für alle zu sein, die in das 1000-jährige Königreich des Vaters eingehen werden – seien sie himmlischer oder irdischer Natur, seien sie vorher in den Himmel entrückt worden oder lebend in das Reich eingegangen.

Nicht von ungefähr spricht auch Daniel von Sternen, die himmlisches Licht ausstrahlen (vgl. Dan 12,3), obwohl dazu solche gehören, die durch die Drangsal hindurch in dieses herrliche Reich hineingehen werden, also in diesem Sinn keine himmlischen Gläubigen sind. Der Herr weiß ihre Treue in einem solchen Maß zu würdigen, dass Er sie direkt mit seinem Vater im Himmel verbindet. Er nennt sie (praktischerweise) Söhne ihres Vaters, nicht nur seines Vaters (vgl. Mt 5,45). Was für eine Zukunft für diejenigen, die Gerechte sind.

Werfen diese Hinweise nicht auch Licht auf den Ausdruck „Söhne des Reiches (Vers 38)? Natürlich beziehen wir diesen Ausdruck zunächst auf die Erlösten der heutigen Zeit. Sie gehören wirklich zu dem Bereich, in dem der Herr Jesus vom Himmel aus regiert. Später werden sie im Reich ihres Vaters als Gerechte wie die Sonne leuchten. So weitet sich der Blick auf diese Söhne und zeigt, dass es diejenigen sind, die zu Lebzeiten des Herrn Jesus in seinem Reich gehorsam waren. Denken wir an Johannes den Täufer. Und es kommen die hinzu, die vor der Aufrichtung des Königreiches in Macht und Herrlichkeit bereit sind, um seinetwillen zu leiden. Sie alle hat der Herr im Blick. Denn der gute Same und das Unkraut sollten bis zur Ernte – nicht bis zur Entrückung – weiterwachsen (Vers 30). So lehrt uns der Herr hier, immer einen weiten Blick zu bewahren und nicht nur uns in diesen Bildern zu sehen.

Eine letzte Ermahnung hat der Herr noch für seine Jünger: „Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ Der Herr hat immer eine Absicht, wenn Er seinen Jüngern und auch uns Mitteilungen macht. Er möchte, dass wir Ihm zuhören, um ein entsprechendes Leben zu führen. Er wünscht auch, dass wir seine Gedanken verstehen, auch die, welche die Zukunft betreffen. Ob wir wohl ein Ohr haben, das Ihm mit Freude und einem Geist der Demut zuhört?

Verse 31.32: Das Gleichnis vom Senfkorn

„Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Reich der Himmel ist gleich einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte, das zwar kleiner ist als alle Samenkörner, aber wenn es gewachsen ist, ist es größer als die Kräuter und wird ein Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und sich niederlassen in seinen Zweigen“ (Verse 31.32).

Nach diesen zusätzlichen Erklärungen des Herrn über das Gleichnis vom Unkraut im Acker, die Er nur seinen Jüngern gegeben hat, denn sie sind Teil der Belehrung für seine geistliche Familie, kehren wir wieder „in die Öffentlichkeit“ zurück. Zwei weitere Gleichnisse legt der Herr den Volksmengen vor, deren Kenntnis der Herr bei seinen Jüngern voraussetzt, um das Gleichnis vom Unkraut im Acker richtig verstehen zu können.

Diese beiden Gleichnisse gehören zusammen und zeigen etwas von der Entwicklung, die dieses Königreich nehmen sollte. Das Gleichnis vom Senfkorn zeigt uns vor allem dessen äußere Entwicklung, das Gleichnis vom Sauerteig mehr seine innere Entwicklung.

Der Herr Jesus vergleicht das Königreich mit einem Senfkorn, das – wie Er sagt – kleiner als alle Samenkörner ist. Diese Bemerkung hat viele Bibelkritiker dazu veranlasst, die Bibel als falsch zu verurteilen. Man hat eingewendet, dass es viel kleinere Samenkörner als das Senfkorn gibt. Dabei hat man nicht bedacht, dass die Samenkörner des schwarzen Senfs (Brassica nigra) in den Gebieten des Mittelmeerraums (um Israel) rund 10 mal kleiner sind als die Senfkörner, die wir hier kennen.

Ob es nun das damals kleinste bekannte Korn war oder ob es sogar im absoluten Sinn das kleinste Korn ist: Der Herr verbindet damit eine wichtige Belehrung. Das Königreich bestand nach dem Tod, der Auferstehung und Himmelfahrt des Herrn aus seinen 11 bzw. 12 Jüngern und dann aus den 120 Jüngern, die im Obersaal (Apg 1,2) versammelt waren. Danach breitete es sich aus und wuchs mit zunehmender Geschwindigkeit.

Der Herr beschreibt in seinem Gleichnis jedoch eine Entwicklung, die in der Natur so nicht stattfindet. Denn der schwarze Senf wird normalerweise durchaus nicht zu einem Baum. Er bleibt ein Strauch. Und dieser Strauch nimmt üblicherweise keine solchen Ausmaße an, dass sich Vögel darunter dauerhaft niederlassen könnten. Er bleibt ein Gartengewächs.

Der Herr Jesus möchte die Jünger und damit uns bereits zu Beginn dieses Königreichs darüber belehren, dass die Christenheit – davon ist dieses Senfkorn ein Bild – in unnatürlicher Weise zunehmen würde. Wir können daran denken, dass unter Kaiser Konstantin dem Großen (272–337 nach Christus) das Christentum zur Staatsreligion erhoben wurde (312/313). Durch diese Begünstigung des christlichen Glaubens bekannten sich mehr und mehr Menschen dazu, die innerlich keine Bekehrung erlebt hatten. So breitete sich das Christentum in unnatürlicher Weise aus und bot einen Schutzraum für vielerlei Strömungen.

Viele Theologen meinen, dass die Entwicklung in diesen beiden Versen positiv zu sehen ist. Sie übersehen jedoch die markanten Hinweise, dass diese Entwicklung

  1. unnatürlich (statt mit einem Strauch haben wir es mit einem Baum zu tun),

  2. nach unten geht (weil der Ausdruck „Vögel des Himmels“ in der Bibel oft in einem negativen Sinn gebraucht wird).

a) Eine unnatürliche Entwicklung der Christenheit

Das Bild eines großen Baumes finden wir verschiedentlich in der Schrift. In Hesekiel 31,2–18 lesen wir davon, dass der König von Ägypten mit dem König von Assur verglichen wird, der wie ein riesiger Baum war. Aber sein Herz erhob sich und daher wurde er hinabgestürzt (Vers 18). In Hesekiel 17 ist in den letzten drei Versen ebenfalls von einem großen Baum – hier von einer Zeder – die Rede. Damit ist das Königreich des Sohnes des Menschen gemeint, das 1000-jährige Friedensreich, das Christus regieren wird. Und in Daniel 4,7–13 lesen wir davon, dass Nebukadnezar mit einem Baum verglichen wird. Dieses Symbol spricht also wiederholt davon, dass jemand eine Autorität auf der Erde darstellt, die über das gewöhnliche Maß hinausgeht. Ein solcher Herrscher regiert nicht nur über ein einziges Land, sondern über ein gewaltiges Reich.

So muss auch der Baum in Matthäus 13 gedeutet werden: Zunächst waren da die Christen, die nach der Himmelfahrt des Herrn unbekannt und unbeachtet auf der Erde lebten. Sie wurden verachtet und verfolgt. Doch nach und nach wurden diese Menschen akzeptiert und erhielten zunehmend Einfluss. Wie schon erwähnt, gelangten sie unter Konstantin dem Großen unter den Schutz des Römischen Reiches, ganz so, wie es im Sendschreiben an Pergamus vorausgesagt wird. Dadurch breitete sich das Christentum rasant aus. Das Papsttum wurde eingeführt und nun begann die Kirche sogar über die weltlichen Reiche zu herrschen. Hierauf bezieht sich das Sendschreiben an Thyatira.

War das eine gesunde, von Gott gewollte Entwicklung? Sicher nicht! Paulus spricht davon, dass er und seine Begleiter „Unbekannte“ waren (2. Kor 6,9). Er wurde zum Abschaum der Erde gerechnet (1. Kor 4,13), wie der „Kehricht der Welt“. Gerade den Korinthern machte er immer wieder deutlich, dass die Zeit des Herrschens für die Christen noch nicht gekommen war. Tadelnd schreibt er ihnen: „Schon seid ihr gesättigt, schon seid ihr reich geworden; ihr habt ohne uns geherrscht“ (1. Kor 4,8). Erst im 1000-jährigen Königreich werden wir (mit Christus) herrschen (vgl. Off 20,6), aber jetzt ist noch die Zeit des Leidens, nicht die eines „großen Baumes“.

b) Die Entwicklung geht nach unten.

Der geistliche Zustand des Königreichs verschlechtert sich. Diesen Punkt haben wir soeben schon berührt; er kam auch schon im Gleichnis vom Unkraut im Acker vor. Er wird noch unterstrichen durch die Erwähnung der Vögel des Himmels. Was ist mit diesen Vögeln gemeint?

Vögel kommen wiederholt in der Schrift vor. Im Unterschied zum Sauerteig, der in der Schrift stets negativ behaftet ist, kann man das bei den Vögeln nicht immer sagen. Manchmal sind sie eindeutig ein Symbol von Gericht (vgl. z. B. 1. Kön 14,11; 16,4; 21,24). Zuweilen mögen sie ein Symbol für die vielen Nationen darstellen (vgl. z. B. Hes 17,23; 31,6). Manchmal stellen sie auch einfach die großartige Schöpfungsvielfalt Gottes in Verbindung mit anderen Geschöpfen vor (vgl. z. B. Ps 104,12).

Oftmals jedoch sind Vögel direkt ein Bild vom Bösen, von satanischem Einfluss (vgl. z.B. 1. Mo 15,11; 40,17; Jer 5,27). Wir dürfen also nicht meinen, jedes in der Bibel verwendete Bild oder Symbol bedeute immer dasselbe. Der Zusammenhang allein lehrt uns die richtige Deutung.

Dieser ist in Matthäus 13 sehr offenkundig. In Vers 4 ist von Vögeln die Rede, die den guten Samen auffressen. Der Herr Jesus erklärt das in Vers 19 damit, dass der Böse – Satan – kommt und wegreißt, was in dem Herzen eines Menschen gesät war. Wenn nun dieses Symbol nur ein paar Verse später und in demselben gedanklichen Abschnitt wieder verwendet wird, so müssen wir das als Aufforderung verstehen, in dieselbe Richtung zu denken. Somit dürfen wir uns in der Deutung nicht allein darauf beschränken, dass das System derart gewaltig geworden ist, dass es zum Schutzraum für vielerlei Strömungen wird, sondern müssen berücksichtigen, dass diese Strömungen oft satanischem Einfluss unterliegen.

Es ist sicher nicht von ungefähr, dass dieser Gedanke von anderen Schriftstellen gestützt wird. In Offenbarung 18 finden wir eine Beschreibung der Römisch-Katholischen Kirche in ihrem Endzustand nach der Entrückung der wahren Christen. Da wird von ihr gesagt: „Gefallen, gefallen ist Babylon, die große, und ist eine Behausung von Dämonen geworden und ein Gewahrsam jedes unreinen Geistes und ein Gewahrsam jedes unreinen und gehassten Vogels“ (Vers 2).

Müssen wir nicht sagen, dass gerade die Römisch-Katholische Kirche schon heute eine Behausung vieler satanischen Einflüsse ist? Die Marienverehrung, die nicht in der Schrift zu finden ist, die Einführung eines Oberhauptes, obwohl dieser Platz nur Christus gebührt, um nur zwei gravierende Punkte zu nennen, sind Beispiele dafür. Das wird manchmal übersehen angesichts von einzelnen Äußerungen wichtiger Vertreter dieser „Kirche“, die man durchaus begrüßen kann.

Es stellt sich nun die Frage, ob diese Entwicklung zum Bösen rückgängig zu machen ist. Unser Gleichnis gibt für die Hoffnung auf eine kollektive Wiederherstellung keinen Anhaltspunkt. Auch die prophetischen kirchengeschichtlichen Hinweise in Offenbarung 2 und 3 nähren einen solchen Gedanken nicht.7 Interessant ist auch, dass es sich bei dem schwarzen Senf um eine einjährige Pflanze handelt, die nach Verlauf einer Saison (einem Jahr) keine neuen Blüten treibt, sondern vergeht. Die christliche Zeitperiode hatte am Anfang eine Blütezeit, wie uns die Apostelgeschichte zeigt. Recht schnell aber trat Verfall ein. Dieser wurde teilweise durch Erweckungszeiten unterbrochen. Solche „Wiederbelebungen“ beschränkten sich aber, selbst wenn sie wie im 19. Jahrhundert weltweit zu erkennen waren, nur auf Teile des christlichen Bekenntnisses.

So erkennen wir auch in unserem Gleichnis kein Anzeichen einer Wiederbelebung. Denn die Vögel des Himmels fliegen nicht zu diesem Baum, um später wieder wegzufliegen. Sie lassen sich dort nieder. Sowohl das Wort als auch die im Griechischen verwendete Zeitform zeigen deutlich, dass es nicht um eine punktuelle Sache geht. Diese Vögel bleiben und wohnen dauerhaft in den Zweigen des Baumes.

Der Herr hatte nie das Ziel, Satan und seinen Instrumenten einen Zufluchtsort zu bieten. Aber die Christen haben das leider zugelassen. Da wir als Erlöste auch Christen sind und zu dem großen Haus gehören, von dem Paulus in 2. Timotheus 2 spricht, was ein ähnlicher Gedanke wie der des riesigen Senfbaums ist, müssen wir unsere eigene Verantwortung in dieser Entwicklung erkennen. Wir sind dafür mit verantwortlich.

Die negative Gedankenlinie dieses Gleichnisses wird in dem nun folgenden, das mit dem Gleichnis vom Senfkorn ein Paar bildet, weiter unterstrichen.

Vers 33: Das Gleichnis vom Sauerteig

„Ein anderes Gleichnis redete er zu ihnen: Das Reich der Himmel ist gleich einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war“ (Vers 33).

Damit kommen wir zum vierten Gleichnis, das der Herr Jesus uns in Matthäus 13 vorstellt und das die erste Gruppe der Gleichnisse des Königreichs der Himmel abschließt, bevor der Herr dann nur noch mit seinen Jüngern im intimen Bereich des Hauses spricht.

Hier vergleicht der Herr das Königreich mit Sauerteig. An dieser Stelle lasse ich noch einen allgemeinen Gedanken einfließen. Bei jedem Gleichnis bezieht Christus ein Hauptwort direkt auf das Reich der Himmel. Hier ist es der Sauerteig, im vorigen Beispiel das Senfkorn, an anderer Stelle ein Mensch oder ein Kaufmann, usw. So wird aus den verschiedenen Puzzleteilen ein Gesamtbild, so dass wir die göttlichen Gedanken über das Königreich der Himmel besser erfassen können. Es wäre zu wenig, dieses Reich nur mit einem einzelnen Gleichnis erfassen zu wollen.

Auch dieses Gleichnis ist von vielen Theologen rein positiv erklärt worden. Der Sauerteig ist nach deren Meinung ein Bild des Evangeliums, die Frau von der Kirche. Sie bringe das Evangelium unter die Menschheit (drei Maß Mehl), bis die ganze Welt zum Glauben an das Evangelium gekommen sei. Dieser Gedankengang ist vollkommen unbiblisch. Er öffnet der antichristlichen Allversöhnungslehre Tür und Tor. Was wir in den bisherigen Gleichnissen gelernt haben, zeigt, dass es eine negative Entwicklung innerhalb dieses Königreichs gibt, indem das Wort des Herrn nur von einem Teil der Menschen angenommen wird und das Böse fast von Anfang an in das Königreich eingeführt worden ist. Vor diesem Hintergrund ist die „theologische“ Erklärung nicht haltbar.

Das wird auch deutlich, wenn man sich mit dem Sauerteig in der Schrift beschäftigt. An keiner einzigen Stelle ist dieser Begriff positiv belegt (vgl. 2. Mo 12,15; 3. Mo 2,11; Mt 16,6; 1. Kor 5,6.7; Gal 5,9; u. a.). Im Gegenteil. Beispielsweise durfte bei keinem Speisopfer Sauerteig verwendet werden.8 So kann wohl nicht davon ausgegangen werden, dass er ausgerechnet in Matthäus 13 und allein dort eine positive Bedeutung besitzt.

Sauerteig in der Bibel

Wovon spricht der Sauerteig? Er hat die Eigenschaft, durch seine Gärung von sich aus alles das zu durchsäuern und aufzublähen, womit er in Verbindung kommt.9 So ist es mit der Sünde. Sie breitet sich aus, wenn sie nicht gerichtet und bekannt worden ist. Es bedarf keiner Anstrengung, keiner zusätzlichen Energie, um Sünde zu verbreiten. Das tut sie von ganz allein.

Nur das Feuer (Hitze) kann die Verbreitung des Sauerteigs verhindern. Das weiß jede Hausfrau. So ist der Sauerteig ein Bild von ungerichteter Sünde, oftmals auch von böser Lehre. Es ist hilfreich, die verschiedenen Vorkommen von Sauerteig im Neuen Testament zu vergleichen:

  1. Matthäus 16,6 spricht vom Sauerteig der Pharisäer. Lukas 12,1 ergänzt, dass dieser Heuchelei ist. Auch geht es sicher um die Gesetzlichkeit, durch welche die Pharisäer gekennzeichnet waren.

  2. Matthäus 16,6 nennt auch den Sauerteig der Sadduzäer. Sie glaubten nicht an die Auferstehung und eine unsichtbare Welt. Sie waren Rationalisten. So spricht der Sauerteig hier vom Unglauben. Aus Matthäus 16,12 können wir schließen, dass die beiden ersten Punkte zu einer regelrechten Lehre weiterentwickelt worden sind. Während die Pharisäer daran denken lassen, dass die biblische Lehre zu einer reinen Form degeneriert und durch eigene Gebote angereichert wird, zeigen die Sadduzäer, wenn man besonders die christliche Epoche vor Augen hat, ein irdisches Christentum, in dem Auferstehung und das „Jenseits“ keine Rolle mehr spielen.

  3. In Markus 8,15 lesen wir vom Sauerteig der Herodianer. Das war die damals politisch führende Klasse. Hier kann man beim Sauerteig besonders an die Gleichförmigkeit mit der Welt im geistlichen Bereich denken. Auch das ist zu einer gewissen Lehre geworden. Offenbarung 2 nennt das die Lehre der Nikolaiten (vgl. Off 2,6; 3,14.15).

  4. In 1. Korinther 5,6–8 finden wir den Sauerteig böser Moral, böser Praxis.

  5. In Galater 5,9 lesen wir schließlich von dem Sauerteig böser Lehre, hier besonders von dem Stützen auf Werkgerechtigkeit, Gesetzlichkeit.

  6. Schließlich wird Sauerteig in unserem Vers genannt. Es ist das erste Vorkommen im Neuen Testament. Daher kann man es als eine Art Überschrift über das Thema Sauerteig verstehen, wo alle genannten Facetten mit eingeschlossen sind.

    In Verbindung mit Offenbarung 18,1–3, wo der Gedanke dieses und des vorhergehenden Gleichnisses aufgegriffen wird, mag man auch an Götzendienst (Dämonen) und Hurerei denken: Man dient einem falschen Gott und schenkt diesem die Zuneigungen, die allein Christus zustehen. Vielleicht kann man auch an die Verbreitung der Dogmen und Erlasse denken, die von den sogenannten Kirchen aufgestellt wurden, nachdem die Christenheit zur großen Macht auf der Erde (im Bild des Baumes) geworden war.

    Im Unterschied zu den ersten beiden Gleichnissen geht es hier nicht um die persönliche und tatsächliche Auswirkung des Wortes des Königreichs auf einzelne Personen, sondern um eine generelle Beeinflussung und Prägung eines bestimmten, hier abgegrenzten Bereichs (drei Maß Mehl) des Reiches der Himmel.

Das Feinmehl

Durch den Sauerteig werden die drei Maß Mehl durchsäuert und letztlich verdorben. Man kann sich fragen, wofür diese drei Maß symbolisch stehen mögen. Zunächst einmal handelt es sich um einen offenbar beschränkten Bereich, in dem der Sauerteig wirken kann. Das kann man auf den christlichen Bereich beziehen.

Allerdings ist dieser beschränkte Bereich gar nicht so klein, wie wir ihn uns im Allgemeinen vorstellen. Denn drei Maß Mehl umfassen immerhin rund 39 Liter – ob heute eine Frau schon einmal eine solche Menge bevorratet hat? So ist der Bereich des Königreiches der Himmel zwar beschränkt – immerhin haben wir es mit einem festgelegten Hohlmaß zu tun. Aber er ist von Gott nicht klein „konzipiert“ worden, wenn man das einmal so ausdrücken darf. Drei Maß Mehl ist auf der anderen Seite auch kein überraschend großes Maß, wenn man 1. Mose 18,6 als Vergleich heranzieht. Sara sollte drei Maß Feinmehl nehmen, um den Herrn und seine beiden Begleiter zu bewirten.

Wichtiger als die Menge ist sicher die Zahl. Die Zahl „3“ steht oft in Verbindung damit, dass der wahre Charakter einer Person oder Sache offenbart wird. Man denke an die Dreieinheit Gottes, an die dreiteilige Stiftshütte mit dem Allerheiligsten als Kubus (10 Ellen x 10 Ellen x 10 Ellen). Auch der Mensch wird mit einer Dreieinheit verglichen (vgl. 1. Thes 5,23). Nicht von ungefähr war das vollständige Zeugnis einer bösen Tat durch drei (mindestens zwei) Zeugen abzulegen. So sehen wir hier das christliche Zeugnis auf der Erde, wie Gott es ursprünglich gegeben und vorgesehen hat: 3 Maß Feinmehl.

Nun stellt sich die Frage, was für eine Bedeutung das Mehl bzw. das Feinmehl hat. Der Herr Jesus vergleicht sich in Johannes 12 mit einem Weizenkorn, das in die Erde fallen muss, um Frucht zu bringen. Solches Mehl wurde besonders für Speisopfer verwendet. Diese sprechen bildlich von der Person des Herrn Jesus in seiner Vollkommenheit, geprüft bis in den Tod. Wie schon erwähnt veranlasste Abraham seine Frau Sara, für den Herrn und seine Begleiter aus drei Maß Feinmehl einen Kuchen zu bereiten. Auch hier gibt es also eine Verbindung zwischen Feinmehl und dem Herrn Jesus. So könnte unser Gleichnis darauf hinweisen, dass in dem Königreich der Himmel, also im christlichen Bereich, die Lehre über die Person des Herrn Jesus durch die Sünde, durch falsche Lehre und Praxis, verdorben worden ist.

Johannes spricht von der „Lehre des Christus“ (2. Joh 9), die Lehre über seine Person, die gerade im christlichen Bereich mit Füßen getreten worden ist. Wer glaubt heute noch daran, dass Er Gott und Mensch in einer Person ist? Wer erkennt an, dass Er von einer Jungfrau geboren und von Gott gezeugt worden ist? Wer hält daran fest, dass Er vollkommen sündlos ist? Wer akzeptiert noch das leere Grab? Das alles zeigt, wie dieses Gleichnis heute längst seine Erfüllung gefunden hat.

Dabei können wir die drei Maß Mehl auch etwas allgemeiner verstehen. Die ganze Lehre, die der Herr Jesus in Verbindung mit seinem Königreich im Neuen Testament niedergelegt hat – sozusagen das Grundgesetz des Reiches –, ist durch die Sünde, durch falsche Lehre und falsche Praxis, verdorben worden. Wo findet man heute noch unter Christen, dass die Gedanken der Bergpredigt verwirklicht werden? Wo wird die Ehe noch in Reinheit erhalten? Wo gibt es noch echten Gehorsam dem Herrn Jesus Christus gegenüber? Alles Reine ist in der bekennenden Christenheit durch Sauerteig verunreinigt worden. Aber noch ist nicht alles vollständig durchsäuert. Denn die wahren Gläubigen sind noch immer auf der Erde. Erst wenn der Herr Jesus diese entrückt haben wird, wird sich auch dieser Säuerungsvorgang voll entfalten. Dann wird sich alles endgültig verderben, so dass der Herr die bekennende, aber christuslose Kirche aus seinem Mund ausspeien wird (vgl. Off 3,16).

Die Frau

Dieses negative Bild wird noch verstärkt durch den Hinweis darauf, dass eine Frau den Sauerteig nahm, um ihn unter das Feinmehl zu mengen. Unwillkürlich wird man an Sacharja 5,7 erinnert. Dort findet man eine Frau, die mitten in einem Epha sitzt. „Dies ist die Gottlosigkeit.“ Dann sieht man zwei Frauen, die das Epha nach Sinear bringen, das ist Babel, wo die Gottlosigkeit ihren Ursprung hatte.

Später würde nach Offenbarung 2 im Sendschreiben an Thyatira wieder eine Frau – Isebel – das Regiment übernehmen – das ist heute längst geschehen. Und der Endzustand der Römisch-katholischen Kirche wird in Offenbarung 17 und 18 mit einer Frau, einer Hure verglichen. So scheint die Frau in unserem Gleichnis ein Bild zu sein von dem verantwortlichen Element in der Christenheit, was über viele Jahrhunderte hinweg von der eben genannten Kirche dargestellt und übernommen worden ist. Es war ja auch gerade diese Kirche (zusammen mit der Protestantischen Kirche, in der mittlerweile sämtliche grundlegenden Wahrheiten der Heiligen Schrift geleugnet werden [können]), diese Hure, die dafür sorgte, dass die reine Lehre durch „Sauerteig“ verwässert und zersetzt wurde. Was für ein Gräuel muss das für den Herrn Jesus sein!

So erkennen wir, wie der Herr in diesem kleinen Gleichnis mit nur wenigen Worten eine innere Entwicklung des Reiches der Himmel anzeigt, die treffender nicht sein könnte. Dabei sollten wir uns bewusst sein, dass in Gottes Augen das, was den Namen Christi trägt, aber sich innerlich von Christus abwendet, viel schlimmer ist als alles andere in der Welt.

Verse 34.35: Das Reden in Gleichnissen

„Dies alles redete Jesus in Gleichnissen zu den Volksmengen, und ohne Gleichnis redete er nicht zu ihnen, damit erfüllt würde, was durch den Propheten geredet ist, der spricht: ‚Ich werde meinen Mund auftun in Gleichnissen; ich werde aussprechen, was von Grundlegung der Welt an verborgen war‘“ (Verse 34.35).

Zum Abschluss dieses öffentlichen Teils kommt der Schreiber unseres Evangeliums noch einmal auf die Tatsache zurück, dass der Herr Jesus nur in Gleichnissen zu den Volksmengen sprach. Matthäus gehörte selbst einmal zu diesen Volksmengen, bis der Herr ihn von seinem Arbeitsplatz weg in seine Nachfolge führte (Mt 9,9). Er war bereit, sich dem Herrn unterzuordnen. So gehörte er jetzt zur Familie Christi, zu den Jüngern, denen der Herr die Gleichnisse erklärte und mit denen Er auch „offen“ sprach.

Mit allen anderen aber redete der Herr nur in Gleichnissen. Dies wird sogar auf zweifache Weise betont („Er redete in Gleichnissen … und ohne Gleichnis redete er nicht“). Es stellt eine teilweise Erfüllung des alttestamentlichen Wortes aus Psalm 78,2 dar (vgl. dazu die Ausführungen zu Matthäus 1,23). Die Anführung dieses Zitats ist allein schon deshalb bezeichnend, weil der betreffende Psalm daraufhin den gesamten Weg und das Versagen des Volkes Israel bis zur Zeit des Königs David beschreibt.

Man kann dieses Zitat gut als eine Art Gerichtsausspruch über Israel verstehen, wie wir es in Verbindung mit den Versen 10 bis 17 schon gesehen haben. Denn diesen Psalm konnten die Zuhörer des Herrn gut verstehen. Die Worte des Herrn aber verstanden sie nicht, weil sie sich immer mehr von Gott weg bewegten.

Andererseits aber zeigt der Herr mit diesem Zitat auch, dass die Geschichte des Volkes Israel in Psalm 78 zugleich ein Bild seiner gesamten Geschichte ist, bis der Herr Jesus als Messias und „wahrer David“ in Erscheinung tritt. Insofern könnte man diesen Psalm – mit gewissen Einschränkungen – ebenfalls ein „Gleichnis“ nennen. Er liefert zugleich einen Hinweis auf die Regierungsarbeit des Herrn, der wie David (als noch Verworfener) im Hintergrund, also verborgen, tätig ist. In gleicher Weise sind die Gleichnisse in Matthäus 13 ein Bild der Geschichte des Christentums, auch wenn dies auf den ersten Blick für einen Juden der damaligen Zeit nicht erkennbar war. Auch heute kann man das nur verstehen, wenn man den Herrn Jesus als Retter angenommen hat und Ihm nachfolgt.

Die eigentliche Erfüllung von Psalm 78 steht uns allen noch bevor. Die Gleichnisart dieses Psalms findet allerdings schon heute seine Entsprechung in Matthäus 13. Wer außer dem Herrn Jesus könnte eine solche Verbindung ziehen?

Ein bisschen erinnert uns dieses Kapitel an Joseph. Dieser wurde von seinen Brüdern verworfen. Dadurch wurde er zu Zaphnat-Pahneach, was nach rabbinischer Interpretation „Offenbarer von Geheimnissen“ heißt. Der Herr Jesus wurde von seinem Volk verworfen und hat dann das ausgesprochen, was von Grundlegung der Welt an verborgen war. Nachdem Er also seinem Volk das Königreich angeboten hatte und die Juden dieses Angebot abgelehnt hatten, offenbart der Herr den Seinen, was nach dieser Zurückweisung und während der Zeit seiner Abwesenheit mit diesem Königreich passieren würde. Dadurch wurde klar, dass es nicht einfach das Königreich in der Weise sein könnte, wie es im Alten Testament offenbart und dem Volk Israel verheißen war, sondern dass es eine andere, eine geheimnisvolle Form annehmen würde. Die Erläuterungen dazu finden wir dann ab Vers 44.

Die Gleichnisse vom Schatz im Acker, der Perle und dem Netz mit den Fischen

Wir kommen jetzt zu den letzten drei Hauptgleichnissen dieses Kapitels. Wir haben schon in Verbindung mit Vers 36 gesehen, dass hier eine regelrechte Zäsur vorgenommen wird. Des Inhaltes wegen haben wir diese Erklärung direkt in Verbindung mit dem Gleichnis vom Unkraut im Acker besprochen. Aber eigentlich gehört diese Erklärung in das „Haus“. Sie wurde nur den Jüngern gegeben, denen, die nahe beim Herrn Jesus waren und seine geistliche Familie darstellten. Der Herr erzählt auch die nun folgenden drei Gleichnisse nur seinen Jüngern. Sie sind nicht für die Allgemeinheit, für die allgemeine bekennende Christenheit gedacht, sondern nur für solche, die sich entschieden auf die Seite des Herrn stellen, auch wenn immer noch die Möglichkeit besteht, dass hier – wie der Fall des Judas zeigt – Ungläubige dabei sein können.

Diese drei Gleichnisse zeigen den inneren Wert des Königreichs für den Herrn Jesus. Wir lernen auch etwas darüber, was sein eigentliches Ziel mit dem Königreich der Himmel ist. Wenn auch die vorherigen Gleichnisse den Schluss nahe legen könnten, dass wegen der eindringenden Sünde und durch ihren beherrschenden Einfluss alles ein Fehlschlag war: Dem ist jedoch nicht so.

Diese Gleichnisse offenbaren zudem das Motiv Christi, warum Er auf diese Erde gekommen ist und bereit war zu sterben. Deshalb wurden sie nicht in der Öffentlichkeit gesprochen. Die Volksmengen und auch heute die ungläubigen Menschen können diese Gleichnisse nicht verstehen. Für sie bleiben diese ein Geheimnis. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass gerade das Gleichnis vom Schatz im Acker und das von der Perle auf geradezu absurde Weise umgedeutet worden sind.

Wir machen Martin Luther, dem großen Werkzeug des Herrn in der Zeit der Reformation, keine Vorwürfe. Denn auch er hing dieser falschen Auslegung an. Wir verdanken diesem Mann die deutsche Bibel – natürlich verdanken wir sie in erster Linie unserem Herrn! Und dieser Mann Gottes hat manche Wahrheit des Wortes Gottes wieder ans Licht gebracht. Wie viele Theologen heute dachte auch er, dass der Schatz und die Perle Symbole für das Evangelium sind. Der Mensch bzw. der Kaufmann sind nach dieser Auslegung Bilder von einem Menschen, der alles in seinem Leben aufgibt, um das Evangelium kaufen zu können. Man kommt zu diesem Gedanken durch ein oberflächliches Lesen von Sprüche 2,4: „Wenn du ihn suchst wie Silber und ihm nachspürst wie nach verborgenen Schätzen, dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und die Erkenntnis Gottes finden.“ Aber wer so denkt, wirft gleich mehrere biblische Grundsätze über Bord.

Was hätte eine Mensch Gott anzubieten, was für einen Besitz hat er, den er verkaufen könnte, um das Evangelium zu kaufen? Er hat nichts! Aus Römer 3 lernen wir ganz deutlich, dass jeder Mensch ein Sünder ist, der von Gott nichts wissen will. Er hasst Gott und ist dessen Feind. Er sucht auch das Evangelium nicht, wie Perlen gesucht wurden. Er steht vor Gott vollkommen nackt dar und besitzt nichts, außer Bösem, Ungerechtigkeit und Sünden. Wenn er etwas besitzt, dann ist es vor Gott ein unflätiges Kleid (vgl. Jes 64,5). Somit ist diese Auslegung direkt gesetzlicher Art, indem der Mensch etwas zu seinem Heil beitragen zu können meint, um sich einen Platz im Königreich der Himmel zu erwerben. Das steht in direktem Gegensatz zu der gesamten neutestamentlichen Belehrung.

Auch der Appell des Herrn an den reichen Jüngling, seine ganze Habe zu verkaufen und sich dadurch einen Schatz in den Himmeln zu erwerben (Mt 19,21) ist kein Gegenargument. Der Herr will ja gerade zeigen, dass dieser Mann dazu überhaupt nicht in der Lage ist – wie eben kein Mensch dazu imstande ist. Es war der Test an jemand, der in der Einhaltung des Gesetzes vollkommen zu sein schien (vgl. Mt 19,20). Aber selbst er war nicht fähig, diese Aufforderung des Herrn zu erfüllen. Damit bewies er letztlich, dass er selbst gar nichts zu geben hatte. Und die Hinweise, die Paulus in Philipper 3,4–9 gibt, beziehen sich auf einen Gläubigen, dem Gott längst ewiges, göttliches Leben geschenkt hat. Das gilt auch für ähnliche Hinweise im Neuen Testament (vgl. Mt 6,20; Lk 16,1–13; 2. Kor 4,18; 1. Tim 6,9–11.17).

Der natürliche Mensch hat also nichts zu „verkaufen“ – aber er muss für das Evangelium auch gar nichts bezahlen. Im Gegenteil: Paulus sagt in Römer 3, dass wir umsonst gerechtfertigt werden. Alles andere würde ebenfalls einem gesetzlichen Christentum die Tür öffnen, vor dem Paulus im Galaterbrief in schärfster Weise warnt. Man kann an dieser Stelle sicher auch Jesaja 55,1.2 anführen: „He, ihr Durstigen alle, kommt zu den Wassern! Und die ihr kein Geld habt, kommt, kauft ein und esst! Ja, kommt, kauft ohne Geld und ohne Kaufpreis Wein und Milch …“ Das Evangelium ist nicht für Geld käuflich. Man muss es annehmen – kostenfrei. Das gilt auch heute noch so, wie der Schluss des Wortes Gottes deutlich macht (Off 22,17).

Und wie sollte ein Mensch die Welt (den Acker) kaufen, um das Evangelium zu besitzen? All das zeigt, wie unsinnig eine solche Auslegung wirklich ist. Er ist gar nicht dazu in der Lage. Nein, der Mensch und der Kaufmann sind jeweils Bilder vom Herrn Jesus. Er besaß in der Tat alles und hat alles verkauft, wie wir noch sehen werden.

Wenn man die allgemeine Entwicklung der Serie dieser Gleichnisse vor Augen hat, wird deutlich, dass der Herr in diesen drei Gleichnissen etwas anderes vorstellt als in den drei vorherigen. Dort wird Gutes und Böses parallel geschildert. Das trifft auf die Gleichnisse vom Schatz im Acker und von der Perle nicht zu. Hier wird der innere Wert gezeigt, den diese Dinge für den Herrn Jesus haben. Das zeigt, dass es nicht um den äußerlichen Lebenswandel bzw. die äußere Entwicklung des Königreichs geht, sondern dass der Herr offenbart, was sein Herz gefangen nimmt inmitten des Königreichs der Himmel.

Es muss uns beeindrucken, dass der Herr uns hier das Herz souveräner Gnade Gottes offenbart. Wenn Er die Versammlung Gottes und die Gläubigen sieht, denkt Er nicht in erster Linie an unsere Sünden und unser Versagen, auch wenn Er das (wie die vorigen Gleichnisse zeigen) nicht verschweigt. Nein, Er sieht in den Gläubigen einen großen Wert, einen unendlichen Schatz. Das zeugt von dem Reichtum und der Herrlichkeit seiner Gnade (vgl. Eph 1,6.7; 2,7).

Die zwei wesentlichen Sichtweisen zu den drei letzten Gleichnissen

Nun gibt es unter vertrauenswürdigen Auslegern zu diesen drei Gleichnissen dennoch leicht unterschiedliche Auffassungen. Diese möchte ich zunächst kurz streifen.

Viele Ausleger (wie z.B. J. N. Darby, W. Kelly, W. J. Hocking, F. B. Hole, Ch. Briem u. a.) sehen in den drei Gleichnissen eine einzige Gruppe von Gläubigen: die Versammlung Gottes. Sie wird hier nicht mit diesem Namen bezeichnet, weil es hier um das „Reich der Himmel“ und nicht um die Versammlung als solche geht. Diese Versammlung wird nach diesen Bibellehrern unter drei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet. Das Königreich der Himmel ist demnach ein Bild der Christenheit und umfasst sowohl wahre als auch falsche Bekenner. Inmitten dieser Christenheit sieht der Herr Jesus jedoch den wahren Kern des Reiches, die wahren Christen, in dreierlei verschiedener Hinsicht:

  1. im Schatz: Das sind die Gläubigen, betrachtet in ihrer Individualität und in herrlichem, persönlichem Charakter. Alle wahren Christen zusammen bilden diesen Schatz, der im Acker, in der Welt, verborgen liegt. Christus ist für jeden Einzelnen (Gal 2,20) und für uns (kollektiv, Eph 5,2) gestorben. Das Bild des Schatzes passt deshalb zu dieser Auslegung, weil er aus vielen wunderbaren Einzelteilen besteht.

  2. in der Perle: Das ist die Versammlung, gesehen in ihrer gemeinsamen, gesamthaften Schönheit und in ihrer Einheit. Alle wahren Christen bilden zusammen diese eine Perle, die nicht zerteilt werden kann. In Epheser 5,25 lesen wir, dass Christus die Versammlung (korporativ) geliebt hat und sich für sie hingegeben hat.

  3. im Netz und in den Fischen: Hier finden wir ein Bild von den Gläubigen am Ende der christlichen Zeitperiode. Es gibt Diener, die sich um die Gläubigen kümmern – die schlechten Fische überlassen sie dem Richter, der sie später richten wird.

    Einen anderen Gedankengang verfolgt eine insgesamt kleinere Anzahl von Auslegern (F. W. Grant, S. Ridout, A. C. Gaebelein, H. A. Ironside, L. M. Grant und andere). Sie sehen in diesen drei Gleichnissen ebenfalls den inneren Wert, den der Herr in den Gläubigen sieht, glauben jedoch, dass es sich um drei unterschiedliche Gruppen von Gläubigen handelt. Sie verbinden diesen Gedanken damit, dass Matthäus immer wieder die verschiedenen Epochen, die verschiedenen Regierungsarten Gottes (Haushaltungen) mit den Gläubigen einander gegenüberstellt. Sie sehen dann:

  1. im Schatz: Das sind die gläubigen Übriggebliebenen aus Israel, die sich am Anfang der Gnadenzeit und nach der Entrückung zum Herrn Jesus bekannten bzw. bekennen werden. Es ist das gläubige Israel/Juda.

  2. in der Perle: Das ist die Versammlung, in ihrer Schönheit und in ihrer Einheit gesehen. Dieses Gleichnis sehen also beide Gruppen einheitlich.

  3. im Netz und in den Fischen: Hier finden wir ein Bild der Gläubigen aus den Nationen, die nach der Entrückung der Versammlung zum Glauben kommen und sich zum Herrn Jesus bekennen werden.

    Im Folgenden möchte ich beiden Linien kommentarlos folgen, um abschließend (in einem Anhang) eine Gegenüberstellung wesentlicher Argumente und somit eine Bewertung vorzunehmen.

Linie 1: Drei Gleichnisse – eine Gruppe unter drei verschiedenen Blickwinkeln

Vers 44: Das Gleichnis vom Schatz im Acker

„Das Reich der Himmel ist gleich einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mensch fand und verbarg; und vor Freude darüber geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker“ (Vers 44).

Das Bild, das diesem Gleichnis zugrunde liegt, ist einfach zu verstehen. Im Orient war es nicht unüblich, im Blick auf bevorstehende Gefahren Wertgegenstände zu vergraben. Dazu gehörte Schmuck genauso wie andere Kostbarkeiten. Es heißt, dass reiche Menschen ihren Besitz in drei Teile aufsplitteten. Ein Teil wurde für den täglichen Bedarf verwendet, ein zweiter wurde als Vorsorge für nicht vorhersehbare Ereignisse (z. B. eine Flucht) aufbewahrt. Ein dritter Teil wurde an sicherer Stelle vergraben.

Bei Gleichnissen ist es wichtig, sich auf das zu beziehen, was gesagt wird – nicht auf das, was verschwiegen wird. Wir lesen nicht, wer den Schatz vergrub und warum diese Person so handelte. Es gibt auch keine Hinweise über Zeitpunkt und Dauer des ganzen Vorgangs. Nicht einmal von einem Suchen lesen wir hier – im Unterschied zum nächsten Gleichnis.

Der Herr Jesus hatte schon in Vers 38 in der Erklärung des Gleichnisses vom Unkraut im Acker gesagt: „Der Acker aber ist die Welt.“ Es gibt keinen Anlass, eine andere Erklärung dafür zu suchen, wenn der Herr in derselben Rede jetzt noch einmal vom Acker spricht. Daher dürfen wir davon ausgehen, dass Er auch in diesem Gleichnis mit dem Acker die Welt meint. In dieser Welt liegt ein Schatz verborgen, den Gott aber längst zuvor kannte. Damit sind nicht ungläubige Menschen gemeint, sondern Menschen, die Gott schon vor Grundlegung der Welt als solche erkannt hat, mit denen Er sich verbinden wollte. Mehr noch als das, Er hat sie aktiv auserwählt – was allerdings nicht Inhalt dieses Gleichnisses ist, denn hier ist nur vom „Erwerb“ des Ackers die Rede. Diese Menschen hat Gott nach Galater 1,4 aus dieser Welt herausgenommen. Ihr Wert für Gott bzw. hier für den Herrn Jesus wird dadurch deutlich, dass Gott sie sogar vor Grundlegung der Welt bereits auserwählt hat (vgl. Eph 1,4).

Es wird in diesem Gleichnis nicht gesagt, wer den Schatz vergraben hat oder wann und zu welchem Zweck er dies getan hat. Allerdings lesen wir, dass dieser Schatz gleich zweimal verborgen wird. Das will uns sicher die außerordentliche Besonderheit dieses Schatzes demonstrieren.

Interessant ist auch, dass der Herr den Acker an dieser Stelle nicht „seinen Acker“ nennt, wie Er das im Gleichnis vom Unkraut im Acker getan hat. Ist das nicht ein Hinweis darauf, dass Er sich erst durch sein Erlösungswerk die Welt (auch) als Mensch „erworben“ hat?

Der Mensch: Christus

Damit sind wir beim Kern dieses Gleichnisses. Denn der „Mensch“ ist niemand anderes als der Herr Jesus. Das ist auch im Vergleich mit den anderen Gleichnissen gut verständlich. Wir haben gesehen, dass Er in Bezug auf das Gleichnis vom Unkraut im Acker sagt: „Der den guten Samen sät, ist der Sohn des Menschen.“ Auch im ersten Gleichnis geht es in erster Linie darum, dass der Herr Jesus den Samen ausgestreut hat. Er ist der Sämann. Auch im Gleichnis vom Senfkorn dürfen wir davon ausgehen, dass Christus dieses Korn auf seinen Acker gesät hat.

Warum sollte in den Gleichnissen vom Acker und von der Perle jetzt auf einmal eine andere Person unter dem „Symbol“ dieses Menschen, der die Hauptrolle hier spielt, gemeint sein? Im Gleichnis vom Sauerteig finden wir nicht von ungefähr eine Frau und nicht diesen (einen) Menschen in der Hauptrolle. Wie wir sahen, ist sie kein Bild vom Herrn Jesus, sondern von den kirchlichen Systemen hier auf der Erde, von den Menschen, die sich unter dem Einfluss Satans befinden. Der Mensch aber und der Kaufmann im nächsten Gleichnis sind niemand anderes als Christus selbst.

So sah Er, dieser Mensch, als Er auf diese Erde kam, dass es in dieser Welt einen Schatz gab. Natürlich ist Christus zugleich der ewige Gott, der alles längst wusste. Aber hier wird Er uns als Mensch gezeigt, der diesen Schatz sah, als Er auf dieser Erde lebte. Das war auf den ersten Blick nicht erkennbar. Denn diese Welt als ein System, das von Satan beherrscht wurde, prägte jeden Menschen. Alle Menschen waren und sind Sünder (vgl. Röm 3,10). Aber Christus sah, dass es inmitten dieser Welt solche gibt, die an Ihn glauben würden. Und sie alle zusammen bilden für Ihn diesen einzigartigen Schatz. Kein Mensch hat in ihnen einen Schatz gesehen. Aber Christus!

Dieser Mensch fand den Schatz und verbarg ihn wieder. Als Er auf diese Erde kam, kannte Er bereits als der ewige Gott den Wert der Erlösten. Aber Er konnte ihn noch nicht offenbaren, bevor Er nicht das Erlösungswerk vollbracht hatte. Daher verbarg Er diesen Schatz gewissermaßen noch einmal, bis Er den „Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses unter den Nationen, das ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,26.27) offenbaren konnte. Es geht um diejenigen, die der Vater Ihm „aus der Welt gegeben“ hat (Joh 17,2.6).

Und was lesen wir von diesem Menschen: Aus Freude über das Finden des Schatzes „geht er hin und verkauft alles, was er hat“, um diesen Schatz im Acker zu besitzen. Das bewegt unsere Herzen. Denn hier ist ein Mensch bereit, um des Schatzes willen seinen gesamten Besitz zu verkaufen. Er kann den Schatz nicht unabhängig vom Acker kaufen. Aber sein Ziel ist nicht der Acker, nämlich die Welt (vgl. Vers 38), sondern der Schatz. Christus hat einen solchen Wert in jeder einzelnen Person gesehen, die zu seiner Versammlung gehören würde, dass Er bereit war, dafür alles aufzugeben. Diesen Gedanken finden wir wiederholt in der Schrift.

Der Reiche wurde um unsretwillen arm

„Denn ihr kennt die Gnade unsers Herrn Jesus Christus, dass er, da er reich war, um euretwillen arm wurde, damit ihr durch seine Armut reich würdet“ (2. Kor 8,9). Er war reich, denn Er besaß als der ewige Sohn Gottes alles, was jemand hätte besitzen können. Er ist der Schöpfer und der Herr. Aber um der Gläubigen willen war Er bereit, seine äußere Herrlichkeit abzulegen und arm zu werden. Was besaß Er, als Er auf dieser Erde lebte? Als es um das Bezahlen der Tempelsteuer ging, musste ein Fisch einen Stater herbeibringen (vgl. Mt 17,27). Nicht einmal einen Platz, um sich niederzulegen, hatte Jesus (vgl. Mt 8,20).

An anderer Stelle spricht Paulus davon, dass sich der Sohn Gottes „zu nichts machte“ [sich selbst entäußerte] (Phil 2,6). Er hat seine äußere, Ihm zustehende göttliche Herrlichkeit abgelegt, um als Mensch in Knechtsgestalt auf dieser Erde sein Leben zu führen, ohne aufzuhören, Sohn Gottes zu bleiben. Wenn Er in äußerer Pracht und Herrlichkeit gekommen wäre, hätte Er jeden Menschen, der Ihn nur angeblickt hätte, vernichtet. Denn Er „hat allein Unsterblichkeit, der ein unzugängliches Licht bewohnt, den keiner der Menschen gesehen hat noch sehen kann“ (1. Tim 6,16). „Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer“ (Heb 12,29). Wir haben eine viel zu geringe Vorstellung von der göttlichen Herrlichkeit unseres Herrn!

Aber das ist nicht alles. Der Herr Jesus hat nicht nur seine äußere Herrlichkeit abgelegt. Er hat auch alle Rechte, die Er besaß, für diesen Schatz dahingegeben. Er hatte das Recht als Schöpfer an seinen Geschöpfen. Wir müssen bedenken, dass hier von dem Acker, der Welt, dem geschaffenen Kosmos, gesprochen wird. Als Schöpfer besaß Er Anrechte an seiner Schöpfung. Nicht von ungefähr ist in Vers 24 und in Vers 31 von seinem Acker die Rede. Die Welt war keine eigentumslose Sache. Sie gehörte Ihm, dem Herrn der Herren. Aber sein Anrecht an dieser Welt hat Er aufgeben, denn ein Gestorbener hat keine Anrechte mehr – und hat die Welt doch zugleich durch seinen Tod am Kreuz von Neuem erworben (vgl. 2. Pet 2,1). Dadurch ist Er „aller Herr“, nicht nur der Herr der Erlösten (vgl. Apg 10,36). Er hat vom Vater Gewalt bekommen über alles Fleisch (Joh 17,2). Er gab sich auch als Lösegeld für alle in den Tod (1. Tim 2,6) – das ist der sühnende Aspekt seines Werkes, nicht der stellvertretende, der ausschließlich für bekehrte Menschen gilt (vgl. Mt 20,28).

Er hatte auch als König Anrechte an seinem Volk. Er hatte sie in der Person von Abraham ausgewählt, sein Volk zu sein. Er hatte sie aus Ägypten herausgeführt. Er besaß das Siegel Gottes, König dieses Volkes zu sein (vgl. Ps 2). Aber dieses Recht hat Er durch seinen Tod hingegeben. Denn wenn Er dieses Recht ausgeübt hätte, wäre vom Volk niemand übrig geblieben. Er hätte sie alle verurteilen und richten müssen.

Es gibt noch ein Recht, das der Herr Jesus besaß: das Recht zu leben. Nach 3. Mose 18,5 hat jeder Mensch, der alle Gebote Gottes tut, das Recht zu leben. Der Herr Jesus hat das Gesetz Gottes in jeder Hinsicht erfüllt, ja weit mehr als das getan. So besaß Er als einziger Mensch wirklich das Recht, nicht sterben zu müssen. Aber auch dieses Recht hat unser Retter aufgegeben und war bereit, ans Kreuz zu gehen und dort die Strafe der Sünde auf sich zu nehmen. Wenn Er das nicht getan hätte, wäre der Maßstab für uns Sünder noch viel höher gewesen. Gott hätte auf einen Menschen hinweisen und uns allen vorhalten können: „Hier ist einer, der meinen Willen in allem getan hat. Das ist der Maßstab für euch alle!“ Damit wäre unser Gericht noch furchtbarer gewesen. Aber unser Herr war bereit, sein Leben hinzugeben, um den Schatz zu erhalten.

So hat Er also alles aufgegeben, um diesen Schatz zu erwerben. Paulus bezeugt es dreimal, dass Er sogar „sich selbst“ hingegeben hat (vgl. Gal 2,20; Eph 5,2.25)!

Manche tun sich schwer mit dem Gedanken, der Herr habe alle seine Rechte (zum Beispiel auf das Königtum) aufgegeben. Aber es gilt zu bedenken, dass mit dem Tod eines Menschen überhaupt keine Rechte mehr an irgendetwas vorhanden sind. Und genau dazu war der Herr bereit: zu sterben! Dass Gott Ihm nicht nur diese Rechte, sondern viel weitergehende Macht in Auferstehung gegeben hat, ist wahr – Gott sei Dank! Aber dazu musste Christus erst alle diese Ihm gehörenden Rechte aufgeben. Er hat es aus Liebe getan.

Erkaufen – erlösen

Es ist interessant zu sehen, dass der Herr Jesus nicht einfach den Schatz, also die gläubigen Christen, erworben hat. Er hat auch und hier sogar zunächst den Acker gekauft, die Welt. Im Blick darauf schreibt Petrus in seinem zweiten Brief: „Auch unter euch werden falsche Lehrer sein, die Verderben bringende Sekten nebeneinführen werden und den Gebieter verleugnen, der sie erkauft hat, und sich selbst schnelles Verderben zuziehen“ (2. Pet 2,1). Petrus spricht also von Menschen, die den Herrn Jesus verleugnen, obwohl Er sie aufgrund seines Werkes auf Golgatha „erkauft“ hat. Das bereitet manchem Bibelleser Schwierigkeiten.

Es ist wichtig, den Unterschied zwischen Erkaufen und Erlösen zu verstehen. Nur derjenige, der Gott seine Sünden bekennt und sich somit bekehrt, erfährt die Erlösung von seinen Sünden. Nur für ihn ist der Herr Jesus stellvertretend in das Gericht Gottes gegangen, so dass es jetzt für ihn keine Verdammnis mehr gibt (vgl. Röm 8,1). Aber der Herr Jesus ist nicht nur für Menschen gestorben, die Ihn als Retter annehmen würden. Er hat auch die Sünden der Welt gesühnt (vgl. 1. Joh 2,2), das heißt, Er hat die Grundlage dafür gelegt, dass jeder zu Gott kommen kann, dass jedem das Evangelium angeboten werden kann. Das Werk reicht für jeden aus, der kommen will. Zudem ist dieses Sühnungswerk die Basis dafür, dass einmal alle Sünden aus diesem Universum hinweggetan sein werden, so dass Gott vollkommen in Bezug auf die Sünde befriedigt ist. Sie wird nicht mehr vor seinem Angesicht sein.

Als Folge dieser Sühnung hat der Herr Jesus zugleich alle Menschen „zurückgekauft“, die sich als Sünder in ihrem Leben von Gott losgesagt haben, um Sklaven Satans und der Sünde zu werden (vgl. Röm 6,17). Jetzt hat Er Anspruch an ihr Leben. Kein Mensch kann sagen, dass er frei ist, das zu tun, was ihm beliebt. Der Herr hat jeden Menschen durch sein Werk gekauft, so dass dieser Ihm gegenüber verantwortlich ist. Er ist nicht automatisch erlöst. Aber er gehört Jesus, der über ihn bestimmen kann. In diesem Sinn hat der Herr Jesus die Welt gekauft. Sie gehört Ihm, auch wenn Satan heute noch als Gott dieser Welt regiert (vgl. 2. Kor 4,4).

In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass Satan bei den Versuchungen des Herrn für sich die Autorität über alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit reklamierte (Mt 4,8.9). Er hat sie sich gewaltsam angeeignet (usurpiert). Und der Herr bestreitet das in dem Dialog mit Satan auch nicht. Am Kreuz aber hat der Herr diese Macht Satans nicht nur gebrochen, sondern ihm auch alle Rechte an dieser Welt weggenommen.

Unserem Herrn gehörte die Welt als Schöpfer ohnehin schon immer. Aber so hätte Er sie in Ewigkeit allein besessen. Genauso wie Adam seine Herrschaft über diese Erde mit Eva teilte, obwohl sie ihm persönlich übertragen worden war, so wollte Christus die Herrschaft über diese Erde nicht allein ausüben. Er wollte sie mit uns teilen. So erwarb Er das Recht an dieser Schöpfung ein zweites Mal – dieses Mal als Mensch, um diese Herrlichkeit mit seiner Versammlung, mit uns teilen zu können.

Ich füge noch ein abschließendes Wort zum Thema „Kaufen“ an. Dieser Ausdruck wird im Neuen Testament auf das Werk Christi am Kreuz bezogen (vgl. 1. Kor 6,20; 7,23; 2. Pet 2,1; Off 5,9; 14,3.4). Es deutet also auf den Tod des Herrn Jesus hin, wobei die Inanspruchnahme dieses Rechtes die Auferstehung und Verherrlichung unsers Herrn mit einschließt. Es geht letztlich um den Kaufpreis, den unser Retter zahlen musste, etwas, was uns zu Herzen geht.

Übrigens steht hier überhaupt nicht zur Debatte, an wen der Kaufpreis bezahlt wurde. Damit keine Missverständnisse aufkommen, möchte ich betonen, dass der Herr nie etwas „von“ Satan gekauft oder irgendeinen Kaufpreis an den Teufel bezahlt hat. Satan besaß die Macht des Todes (Heb 2,14), und um ihm diese zu nehmen, musste Christus sterben. Aber an keiner Stelle ist die Rede davon, dass unser Retter Satan etwas bezahlt hätte. Das ist ein vollkommen abwegiger Gedanke!

Die Freude des Herrn

Abschließend weise ich noch gerne auf die Freude hin, die der Herr Jesus empfand, als Er den Schatz gefunden hatte. Aus Hebräer 12,2 wissen wir, dass Jesus um der vor ihm liegenden Freude willen, der Herrlichkeit des Himmels, das Kreuz erduldete. Aber in Matthäus 13 lesen wir, dass Er Freude hatte, als Er den Schatz im Acker fand. Und diese Freude über den Schatz war so groß, dass Er an das Kreuz ging.

Ist es nicht auch bemerkenswert, dass der Sohn in den prophetischen Worten Salomos sagt: „Und meine Wonne war bei den Menschenkindern“ (Spr 8,31)? Der Herr kam und sah unsere Sündhaftigkeit, unser Elend. Aber Er sah in uns Menschen, die wir an Ihn glauben würden, auch einen gewaltigen Schatz, an dem Er große Freude besaß. So wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut (Lk 15,10).

Wir haben hier den Herrn Jesus als Mensch vor uns, der auf die Erde kam und sowohl vom Volk Israel als auch von den Menschen im Allgemeinen abgelehnt wurde. Und doch fand Er solche, die sich Ihm unterordnen wollten: „So viele ihn aber aufnahmen, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“ (Joh 1,12). Um sie zu erwerben, musste Er für die ganze Welt sterben (1. Tim 2,6). Und dazu war Er bereit.

Verse 45.46: Das Gleichnis von der Perle

„Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht; als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie“ (Verse 45.46).

Der Herr legt den Jüngern noch ein zweites, sehr ähnliches Gleichnis vor. Das, was vorher über den Menschen zu sagen war, trifft hier auf den Kaufmann zu. Das Zusammenstellen von zwei ähnlichen, zusammengehörenden Abschnitten ist besonders ein Kennzeichen von Lukas. Immer wieder fügt er Doppelgleichnisse und -begebenheiten zusammen. Aber auch Matthäus tut das. Beispielsweise zeigen die Worte in Matthäus 19,30 und in Matthäus 20,16, dass der letzte Abschnitt in Kapitel 19 und der erste in Kapitel 20 zusammengehören.

Damit bin ich aber auch schon bei einer Reihe von Unterschieden zu dem vorherigen Gleichnis, die man nicht übersehen sollte, auch wenn beide Gleichnisse ähnlich sind:

  1. Der Ausgangspunkt in Vers 44 ist der Schatz, der Ausgangspunkt in den Versen 45 und 46 ist der Kaufmann.

  2. In Vers 44 ist von einem Menschen die Rede, hier von einem Kaufmann.

  3. In Vers 44 kann der Schatz nur dadurch erworben werden, dass auch der Acker mitgekauft wird. Hier kauft der Kaufmann nur die Perle.

  4. Ein Schatz ist nicht dasselbe wie eine Perle.

  5. Der Mensch in Vers 44 findet einen Schatz, fast beiläufig, während der Kaufmann ausdrücklich schöne Perlen suchte und eine besondere dann fand.

  6. In Vers 44 wird zunächst in der normalen Vergangenheitsform berichtet, was der Mensch fand und verbarg. Als er dann aktiv wird, benutzt der Herr die Gegenwartsform. In Vers 45 dagegen verwendet der Herr die Gegenwartsform, um dann das Tun des Kaufmanns in der Perfekt- bzw. Vergangenheitsform zu beschreiben.

Der Schatz und die Perle – zwei zu unterscheidende Gleichnisse

Was haben diese Unterschiede für eine Bedeutung? Zunächst einmal erklären sie schon formal, dass die beiden Gleichnisse nicht dasselbe zeigen sollen. Wenn sie auch ähnlich sind, so unterscheiden sie sich doch an mehreren Stellen. Denn der Herr Jesus möchte seinen Jüngern in diesen beiden Gleichnissen dieselbe Sache – die Versammlung – von zwei ganz unterschiedlichen Seiten zeigen. In Vers 44 geht es besonders um den Schatz, den der Mensch findet. Hier wird der Herr Jesus in seinem Wesen als Mensch gezeigt, der auf dieser Erde etwas fand, was für ihn derart wertvoll war, dass Er alles dafür preisgab.

Im zweiten Gleichnis finden wir einen Kaufmann, der sich ein Urteil über den Wert von Perlen erlauben kann. Hier steht der Herr Jesus nicht so sehr in seinem Wesen als vielmehr in seiner Fähigkeit als Beurteiler vor uns. Er kann zwischen den verschiedenen Perlen und dieser einen, sehr kostbaren, unterscheiden. Er weiß, wovon Er spricht. Wir haben in Ihm denjenigen vor uns, der wirklich beurteilen kann, was der Wert der Perle ist. Er kam, um Perlen zu suchen. Er kam, wie wir in diesem Evangelium lernen, zu seinem irdischen Volk Israel, um Frucht zu suchen. Aber diese „Perle“ hat sich als wertlos herausgestellt. So suchte Er – in Ehrfurcht gesprochen – weiter. Und obwohl die Versammlung noch gar nicht da war, auch wenn in den Menschen, die diese Versammlung bilden, überhaupt kein Wert enthalten ist, besaß sie für Ihn eine unfassbare Anziehungskraft. Denn die Perle ist ein Bild der Versammlung.

Wenn wir von einem Kaufmann lesen, denken wir noch an etwas Weiteres. Ein Kaufmann ist in der Regel vermögend. Das trifft in höchstem Maß auf den Herrn Jesus zu. Er ist der Ewige, der Schöpfer, dem alles gehört. Er ist der Allmächtige, der als Mensch auf dieser Erde lebte. Ihm stand alles zu Gebote. Das ist derjenige, der sich um diese Perle kümmerte. Vergessen wir nie, dass Er, da Er reich war, um unsertwillen arm wurde (2. Kor 8,9).

Die Perle

Wenden wir uns zunächst dem Bild zu, das der Herr hier benutzt: der Perle. Viele Bibelausleger haben auf die Entstehung der Perle hingewiesen: Ein Fremdkörper wie ein Sandkorn oder Parasit (Schmarotzer) dringt in die am Meeresboden liegende Perlmuschel ein. Diese Verwundung führt zu einer Reaktion der Muschel, die diesen Fremdkörper nach und nach in eine immer stärker werdende Perlmuttschicht einhüllt.

Heute sind Forscher zum Ergebnis gekommen, dass es nicht einmal eines Fremdkörpers bedarf, um eine Perle zu bilden. Denn ein Sandkorn bereitet einer Muschel, die gewöhnt ist, am Meeresboden zu sein, aus ihrer Sicht keine Schwierigkeit. Bei Untersuchungen sogenannter echter Perlen, die also nicht künstlich erzeugt worden sind, hat man Beispiele gefunden, bei denen keine Fremdkörper in der Perle zu sehen waren. Daher nimmt man an, dass auch eine mechanische Verletzung das Aktivieren der Perlmuttschicht auslösen kann.

Das ist ein zu Herzen gehendes Bild dessen, was den Herrn Jesus betrifft. Sei es, dass wir daran denken, dass wir als Sünder der Anlass dafür sind, dass Er auf die Erde gekommen und gestorben ist, oder dass wir daran denken, dass es der Ratschluss Gottes war, den Christus erfüllen wollte und weswegen Er gestorben ist: Das Ergebnis seiner Leiden, und diese wollen wir immer vor Augen haben, ist das Bilden dieser einen Versammlung, von der Er das verherrlichte Haupt zur Rechten Gottes ist (vgl. Eph 1,22). Bald wird sich der Herr mit seiner Versammlung, seiner „Perle“ – schmücken. Das wird Er im Himmel tun – und dann sichtbar machen, wenn Er wieder auf diese Erde zurückkommen wird.

Eine Perle – eine besondere Familie

Aber vielleicht dürfen wir auch auf Epheser 3,15 verweisen, wo Paulus davon spricht, dass es viele verschiedene Familien in den Himmeln und auf der Erde gibt. Eine spezielle Familie, die dem Herrn Jesus besonders wertvoll ist, stellt die Versammlung dar. Andere Familien sind die Märtyrer in der Drangsalszeit, die Gläubigen aus Israel, die Gläubigen aus den Nationen, die nach der Entrückung der Versammlung zum Glauben kommen werden, usw. Aber hier zeigt der Herr, dass Christus inmitten der Menschen, die sich Christen nennen, diese eine Perle sieht: seine Versammlung.

Ein weiterer Gedanke ist, dass der Herr Jesus die Versammlung nicht beiläufig gefunden hat. Denn Paulus zeigt uns, dass sie zu dem Geheimnis gehört, „das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott, der alle Dinge geschaffen hat“ (Eph 3,9). Sie ist der ewige Gegenstand vor dem Herzen des Sohnes – wenn wir von seiner Liebe zum Vater einmal absehen –, der Ihn beschäftigt hat. Er ist auf diese Erde gekommen, um sie zu erwerben. Ihretwegen hat Er alles aufgegeben.

Wir müssen beim Betrachten des Bildes, das der Herr Jesus benutzt, natürlich auch die Grenzen eines Gleichnisses erkennen. Wir lesen hier, dass der Kaufmann beim Suchen schöner Perlen diese eine „gefunden“ hat. Das ist das Bild. Aber die Wirklichkeit ist, dass der Herr vor Grundlegung der Welt seinen Ratschluss im Blick auf die Versammlung gefasst hat.

Der Wert der Perle

Damit sind wir beim Wert, den diese Perle für den Kaufmann besaß – den die Versammlung für Christus besitzt. Wir lesen, dass der Kaufmann schöne Perlen suchte, an denen Er sich erfreuen wollte. Aber Er fand eine sehr kostbare Perle, die nicht nur schön war, sondern sein Herz durch ihren Wert erfüllte. Sie war teuer, aber sie war vor allem seinem Herzen teuer! Was für ein Wert steckt in der Perle für den Beurteiler:

  • Er suchte etwas Schönes.

  • Er fand eine Perle – das spricht von ausnehmender Schönheit und großem Wert.

  • Das reicht dem Kaufmann nicht, wenn er die Perle betrachtet. Obwohl der Ausdruck „Perle“ schon von Wert spricht, nennt er sie „kostbar“. Das ist eine Steigerung.

  • Auch das reicht ihm nicht. Sie ist „sehr kostbar“.

  • Selbst das ist ihm nicht genug: Diese Perle ist nicht nur sehr kostbar, es gibt nur eine einzige davon, was den Wert noch einmal steigert.

    Das ist die Wertschätzung, die unser Herr für seine Versammlung hat. In diesem Sinn gibt es für Ihn nicht Wertvolleres, nichts Größeres, nichts Schöneres, als diese eine Versammlung. Obwohl die Versammlung noch gar nicht auf der Erde existierte, hat Er doch ihren wunderbaren Wert gesehen. Warum? Weil diese Versammlung Ihn selbst widerstrahlt (vgl. Kol 3,11). Wir staunen, dass Er das gesehen, ja bewirkt hat gemäß der Herrlichkeit seiner Gnade.

    Was macht eigentlich ihren Wert aus? „Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Kol 1,27). Das ist das besondere: Christus selbst ist der einzigartige Wert der Versammlung, denn Er wohnt in der Versammlung. Aus Christus kommt auch der ganze Leib (vgl. Eph 4,15.16). Sie wird mit dem Reichtum des Christus verbunden (vgl. Eph 3,8). Der Wert der Versammlung besteht also darin, dass sie von der Herrlichkeit Christi erfüllt ist. Wir erkennen daraus, dass der Herr Jesus nicht nur gestorben ist, um unsere Bedürfnisse zu stillen, sondern um etwas für sich selbst zu erwerben, das seine eigene Herrlichkeit widerstrahlt.

    Aus Epheser 5,25 wissen wir, dass der Herr Jesus die Versammlung so sehr geliebt hat, dass Er sich selbst für sie in den Tod hingegeben hat. So wertvoll ist die Versammlung für Ihn! Zuerst sieht Christus den Wert jedes einzelnen Gläubigen für Ihn – im Schatz in ihrer Summe gesehen. Und dann schätzt Er als zweites wert, dass diese Gläubigen nicht einfach die Summe der Erlösten darstellen, sondern als Versammlung zu etwas ganz Besonderem, dem einen Leib, zusammengefügt worden sind.10

Die Einheit der Perle

Der Schatz bekommt seinen Wert durch die vielfältigen und unterschiedlichen Teile. Die Perle weist ihren Wert dadurch auf, dass sie eine wunderbare, unzerstörbare Einheit ist. Sie ist untrennbar, unteilbar – sonst wäre sie zerstört. So kommt man dazu, in der Perle die wunderbare Einheit der Versammlung zu sehen (vgl. Eph 4,4), die Gesamtheit der Erlösten in ihrem korporativen Charakter. Diesen einen Leib kann man nicht aufteilen. Wenn man das täte (und in der Praxis ist es leider geschehen), dann zerstört man letztlich das, was Gott in dieser wunderbaren Einheit gegeben hat.

An dieser Stelle füge ich noch eine höchstbemerkenswerte Eigenschaft des Perlmutt hinzu, die erst im Jahr 2014 entdeckt wurde. Perlmutt fasziniert nicht nur durch seinen irisierenden Glanz, das heißt dadurch, dass die Oberfläche je nach Perspektive in anderen Farben erscheint. Dieses Material besticht auch durch seine hohe mechanische Stabilität. Es besitzt nämlich einer Art Ziegel-und-Mörtel-Struktur. Perlmutt besteht zu 95 % aus Kalziumkarbonat, das in dünnen, übereinander gestapelten Plättchen vorliegt. Zwischen den Plättchen ist eine proteinhaltige Substanz. Dieser Aufbau ist offenbar entscheidend für die positiven Eigenschaften des Biominerals. Denn Perlmutt ist vermutlich dadurch rund dreitausendmal so robust wie reines Kalziumkarbonat. Mikroskopische Aufnahmen zeigen, dass ein Riss nicht einfach durch das Material hindurchläuft, sondern sich um diese Plättchen herumwinden muss. Er folgt somit einem Zickzackweg. Dadurch wird die Ausbreitung eines Risses früher oder später gestoppt. Ist das nicht ein bemerkenswerter „Hinweis“ darauf, dass Gott Risse, Spaltungen und Parteiungen in seiner Versammlung, dem einen Leib, stoppen möchte? Er sieht immer die Einheit, die eine Versammlung. Aber Er hat alles getan, dass diese Einheit ewig bestehen bleibt – auch schon auf dieser Erde.

Der Tod Christi war nötig

Wir haben bereits gesehen, dass der Herr Jesus sterben musste, um die Versammlung zu erwerben. Tatsächlich finden wir in diesem Gleichnis und auch in dem Bild der Perle – deutlich oder andeutungsweise – ein mehrfaches Bild seiner Leiden, seiner Erniedrigung und seines Todes.

  1. Sehen wir uns die Perle an. Auch die Perle spricht von seinem Tod. Denn zum Entstehen der Perle muss die Perlmuschel verwundet werden und zum Entnehmen der Perle muss sie getötet werden (vgl. Jes 53,5). Zunächst ist sie noch im Innern der Muschel. Erst dann, wenn die Muschel aufgebrochen und damit getötet wird, kann man die Perle finden. So musste auch der Herr Jesus zuerst sterben, damit diese kostbare Perle, die Versammlung, ans Licht kommen konnte. Das erinnert an Eva, die aus der Seite des in einen tiefen Schlaf gefallenen Adam genommen wurde, was ja ebenfalls ein bekanntes Bild von der Bildung der Versammlung ist.

  • Er ging hin: „Und sein Kreuz tragend, ging er hinaus zu der Stätte, genannt Schädelstätte (Joh 19,17). Er ging in den Tod!

  • Er verkaufte alles: In seinem Tod hat Er jedes Anrecht hingegeben. Wenn Christus schon im Gleichnis vom Schatz im Acker alles aufgegeben hat, um des Schatzes wegen den Acker zu kaufen, dann lernen wir in unserem Gleichnis, dass Er für diese eine Versammlung ebenso alles aufgegeben hat, was Er besaß, auch alle seine Ansprüche. Er starb auch nicht nur für unsere Bedürfnisse, sondern aus Liebe zu seiner Versammlung. Er sah an der Versammlung etwas Schönes, etwas Herrliches, und daher begehrte Er sie. Und vergessen wir nicht, dass der Herr die Versammlung stets in dieser Schönheit sieht: Er sah sie so vor Grundlegung der Welt; Er sieht sie heute so, und das wird in Ewigkeit so bleiben.

  • Er kaufte sie: Er musste einen Preis für die Perle, für die Versammlung bezahlen: Das ist sein eigenes Leben.

Wir beten unseren Herrn an, dass Er das alles auf sich genommen hat – für seine Versammlung, zu der wir als seine Erlösten zählen dürfen. Auch für sie gab er seine Rechte, die Er als Messias und Mensch besaß, auf. Gerade in Verbindung mit der Einführung der Versammlung lesen wir: „Dann gebot er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Christus sei“ (Mt 16,20). Er hatte das Recht, als Christus über sein Volk zu regieren. Aber für die Versammlung gab Er dieses Recht hin. Es sollte nicht mehr verkündigt werden, dass Er der Christus war – rechtmäßig war! So sehr hat sich der Herr für seine Versammlung erniedrigt.

Die Perle – die Versammlung

Abschließend weise ich auf vier Besonderheiten bei der Perle hin, die eine schöne Entsprechung im Blick auf die Versammlung und unser Verständnis davon haben:

  • Wenn man auf eine Perle schaut, kann man nie die gesamte Perle sehen und im Auge erfassen. Man sieht immer nur eine Seite und ihre Schönheiten. So ist das auch in der Glaubensrealität. Gott allein, der Herr Jesus als der Kaufmann, kann die Versammlung in ihrer gesamten Schönheit erfassen. Wir sehen immer nur eine Seite – zum Beispiel die des Hauses oder die des Leibes – und erfreuen uns daran. Dann sehen wir von einem anderen Blickwinkel aus eine andere Seite. Solange wir auf der Erde leben, erkennen wir „stückweise“ (1. Kor 13,9).

  • Die Perle bildet sich schichtweise. Eine Schicht Perlmutt folgt der anderen. Genauso so wächst die Perle seit Pfingsten (Apg 2) bis zur Entrückung. Immer wieder kommen neue Schichten hinzu. Natürlich waren die „ersten Schichten“ von 3.000 und dann 5.000 Gläubigen besonders „dick“.

  • Die Perle ist zu jeder Zeit „vollständig“. So ist die Versammlung (beispielsweise als Haus Gottes) nie eine Ruine. Auch wenn die Versammlung im Sinne des Ratschlusses Gottes noch nicht „vollständig“ ist – vielleicht sind noch nicht einmal alle geboren, die unter diesem Blickwinkel zur Versammlung des lebendigen Gottes gehören – so ist sie doch zu jeder Zeit eine komplette Versammlung. So ist es auch bei der Perle. Sie existiert immer als vollständige Perle, auch wenn noch weitere Schichten hinzukommen mögen.

  • Wenn dann schließlich diese Prozesse der Schichtbildungen abgeschlossen sind, nimmt sie der Kaufmann in die Hand und findet sein Wohlgefallen an ihr. Genauso wird es einmal mit der Versammlung sein: Christus wird sie „sich selbst verherrlicht darstellen, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei“ (Eph 5,27).

Wir haben es wirklich mit einem wunderbaren, vollkommenen Bild dessen zu tun, was die Versammlung Gottes für den Herrn Jesus darstellt.

Noch einmal: Schatz und Perle

Der Herr verwendet in beiden Gleichnissen unterschiedliche Zeitformen. Eine Erklärung hierfür ist nicht so einfach. Im Gleichnis vom Acker hat es den Anschein, dass es besonders um das Aufgeben von alledem geht, was der Mensch besaß. Daher wird das Hingehen, Verkaufen, Haben und Kaufen in einer Gegenwartsform geschildert (historische Präsensform), die eine in der Vergangenheit stattgefundene Handlung als gegenwärtig und damit lebendig beschreibt.

Beim Kaufmann sieht man, dass besonders das Suchen (Partizip Präsens) betont wird. Das Auge des Herrn war hier auf diese Erde gerichtet, um das zu finden, was sein Herz erfreute. Das hat Ihn schon vor Grundlegung dieser Welt beschäftigt. Sein ganzes Handeln danach ist eine Folge dieses Herzensentschlusses. Daher werden neben diesem Suchen die Ergebnisse seines Verkaufens (dramatisches Perfekt) unterstrichen.

Ausleger haben auch darauf hingewiesen, dass es im ersten Gleichnis um die Freude geht, die eine beständige, gegenwärtige ist, die auch mit dem Erwerb des Schatzes kein Ende findet. Im zweiten Gleichnis steht dagegen die Schönheit der Perle im Mittelpunkt. Und diese Schönheit war schon immer im Herzen des Herrn und hat auch sein Handeln bestimmt.

Vielleicht ist man erstaunt, dass der Herrn Jesus etwas „sucht“. Aber man darf das Suchen nicht mit Unkenntnis gleichsetzen. Diese gab es bei Gott und unserem Herrn nie. Suchen kann auch als Begehren in einem übertragenen Sinn verstanden werden. In diesem Sinn sucht der Vater Anbeter (Joh 4,23). Und der Herr begehrte eine Braut an seiner Seite, die der Gegenstand seiner Liebe sein würde.

Verse 47–50: Das Gleichnis vom Netz und den Fischen

„Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Netz, das ins Meer geworfen wurde und Fische von jeder Gattung zusammenbrachte, das sie, als es voll war, ans Ufer heraufzogen; und sie setzten sich nieder und lasen die Guten in Gefäße zusammen, aber die Schlechten warfen sie hinaus.“(Verse 47.48).

Auch im dritten Gleichnis dieser Serie wird noch einmal der verborgene Wert betont, den der Herr Jesus dem Königreich der Himmel bzw. den wahren Gläubigen in diesem Reich beimisst. Daher stehen in diesem Gleichnis, in dem gute und schlechte Fische genannt werden, allein die guten im Mittelpunkt.

Dieses Gleichnis betont nicht das Handeln des Herrn Jesus, sondern bezieht sich auf die Aufgabe, die von Dienern ausgeführt wird. Sie werfen das Netz des Evangeliums aus (vgl. Mt 4,19). Das Bild, das der Herr Jesus benutzt, ist wieder einfach zu verstehen. Offenbar wird ein großes Schleppnetz zwischen zwei Booten gespannt. Während diese Boote langsam ins Meer fahren, füllt sich dieses Netz mit Fischen der verschiedensten Gattungen.

Die ganze christliche Zeit wird hier in einem einzigen Fischzug zusammengefasst, als ob die christliche Zeit nur ganz kurz dauern würde. Wie so oft im Neuen Testament setzt die Schrift keine großen Zeiträume bis zum Wiederkommen Christi für die Seinen voraus. Daher umfasst der Herr in einem Wort die gesamte christliche Zeit. Er bezieht sich daher nicht auf das Werk Einzelner, sondern hat die ganze Zeit des Königreichs der Himmel vor sich, in der Christen nach und nach das Evangelium verkündigen. Sie sind von Jerusalem ausgegangen und dann in ganze Judäa, Samaria, ja bis an das Ende der Erde gekommen (vgl. Apg 1,8). Damit erfüllten sie den Auftrag des Herrn (vgl. Lk 24,46.47; Mk 16,15).

Petrus war sozusagen der erste Menschenfischer, dem noch viele weitere folgen sollten. Diese Fischer werfen das Netz aus, um „von jeder Art“, also aus jeder Nation (vgl. Off 5,9; 17,5), aus jeder Schicht, aus jeder Altersgruppe Menschen zum Herrn Jesus zu bringen. Ihre Aufgabe besteht nur darin, das Evangelium zu verkündigen. Sie können ihre Zuhörer nicht bekehren. Das muss jeder selbst tun. Aber das Evangelium weitersagen, vom Herrn Jesus zeugen, das können wir alle.

Das Netz hat eine begrenzte Kapazität: Es wird „voll“. Daraus lernen wir, dass nicht die gesamte Menschheit zu Christen wird. Nur ein gewisser Teil der Menschen bekennt sich zu Christus. Im weitesten Sinne müssen wir natürlich auch die spätere Verkündigung des Reiches durch den gläubigen Überrest der Juden mit einbeziehen.

Im zweiten Schritt werden die Fische dann ans Ufer heraufgezogen und gesichtet. Diese Sichtung findet statt, nachdem das Netz voll geworden ist. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass der nun angesprochene Prozess besonders am Ende der Periode stattfindet, die der Herr hier ins Auge fasst: der christlichen Zeit. Es sind die letzten Tage der Gnadenzeit, um die es hier geht. In den neutestamentlichen Briefen finden wir eine Reihe von Hinweisen für die letzte Stunde bzw. die letzten Tage (1. Joh 2,18; 2. Tim 3,1).

In das Netz sind gute und schlechte Fische gegangen. Da gibt es Hörer der guten Botschaft, die sich wirklich bekehrt haben. Das sind die guten Fische. Dann gibt es aber auch solche, die nur dem Bekenntnis nach Christen wurden. Das sind die schlechten Fische. Sie haben kein Leben aus Gott. Der Dienst der Knechte aber ist allein auf die guten Fische gerichtet. Mit ihnen beschäftigen sich die Fischer, denn es liegt ihnen daran, dass diese „in Gefäßen zusammen“ sind. Die schlechten werden einfach ausgeworfen.

Hier wird nicht erklärt, was das für Gefäße sind und was in ihnen passiert. Das ist nicht Thema dieses Gleichnisses. Aber aus dem Neuen Testament wissen wir, dass der Herr nicht möchte, dass die Gläubigen isoliert für sich ihr Leben führen. Sie sollen „zusammen mit denen, die den Herrn aus reinem Herzen anrufen“, ihr Leben führen (vgl. 2. Tim 2,22). Dazu ist es nötig, das sie sich von dem Bösen und im Bösen lebenden Menschen, seien sie auch Christen, wegreinigen (absondern, vgl. 1. Thes 5,22; 2. Tim 2,19.20.21; Heb 13,13; Off 18,4).

So könnte man die Gefäße als einen verborgenen Hinweis auf örtliche Zusammenkommen sehen, in denen die Gläubigen ihren Platz jeweils an ihren Orten (oder in der Nähe ihres Wohnplatzes) haben. Dort ist ihre „Herberge“, um einen ähnlichen Hinweis im Gleichnis vom barmherzigen Samariter aufzugreifen (vgl. Lk 10,34). Dort kümmert man sich um den jeweils anderen und findet einen Ort des Friedens und der Ruhe. Eine Illustration dieser Tätigkeit finden wir übrigens in Apostelgeschichte 19,9, wo Paulus die wahren Jünger absondert.

Aufgaben für die Diener des Herrn Jesus

Wir finden hier eine gewaltige Aufgabe für Diener des Herrn bis zur Entrückung der Gläubigen. Den Knechten wird nicht gesagt, sich mit den schlechten Fischen zu beschäftigen. Es ist wahr: Evangelisten haben den Auftrag, jedem Menschen das Evangelium zu verkündigen (vgl. Mt 28,19). Jeder darf, jeder soll ein Jünger des Herrn werden. Wir sollen auch für alle Menschen beten und hier keinen Unterschied machen (vgl. 1. Tim 2,1). Auch unechten christlichen Bekennern muss weiterhin das Evangelium gebracht werden. Aber darum geht es hier nicht. Wie eingangs erwähnt, steht hier – wie auch in den vorigen beiden Gleichnissen – der verborgene Wert des Reiches der Himmel im Fokus. Der Herr will vor allem zeigen, was für Ihn wichtig ist, nämlich die guten Fische. Mit ihnen, den (Jung-)Bekehrten, sollen sich die Diener des Herrn intensiv beschäftigen. Dazu setzen sie sich nieder, d. h. sie üben diese Aufgabe in Ruhe und Besonnenheit aus.

Auch in diesem Gleichnis wird wieder deutlich, dass es sich nicht um Gleichnisse handelt, die mit der Versammlung als solche zu tun haben. Alle diese Belehrungen beziehen sich auf das Königreich der Himmel, der Bereich, in dem die Autorität des Herrn wenigstens äußerlich anerkannt wird. Insofern ähnelt dieses Gleichnis in einer ganzen Reihe von Punkten dem des Unkrauts im Acker. In beiden Gleichnissen haben wir es mit Gutem und Schlechtem zu tun: mit Weizen und guten Fischen bzw. mit Unkraut (Lolch) und schlechten Fischen. Gesammelt wird alles im Acker bzw. in einem Netz. Zunächst finden sich das Gute und das Schlechte zusammen auf dem Acker bzw. im Netz, bevor es später getrennt wird. Beide Gleichnisse werden ergänzt durch eine zusätzliche Erläuterung des Herrn. Dadurch reichen beide Abschnitte über die heutige christliche Zeit hinaus. In beiden ist auch von Gericht die Rede, das von Engeln in der Vollendung des Zeitalters ausgeübt werden wird. Dieses Gericht bewirkt in beiden Fällen furchtbare Qualen: Weinen und Zähneknirschen.

Allerdings gibt es auch wichtige Unterschiede. Im Gleichnis vom Unkraut sollten sich die Knechte nicht abmühen, das Unkraut auszuraufen, sozusagen mit diesem zu handeln. In unserem Gleichnis aber geschieht doch etwas mit den schlechten Fische: Sie werden weggeworfen. Damit geht eine gewisse Entscheidung, ja Entscheidungsfähigkeit der handelnden Personen einher. Denn sie müssen unterscheiden, ob der „Fisch“ echt oder falsch ist. Mit den guten beschäftigt man sich dann. Die schlechten lässt der Fischer einfach beiseite.

Dieser Unterschied zwischen den beiden Gleichnissen könnte daran liegen, dass der Herr im ersten mehr das gesamte Königreich im Blick hat, während Er bei dem zweiten mehr auf den Einzelnen, auf den einzelnen Fisch das Gewicht legt. Zudem fasst der Herr beim Gleichnis vom Unkraut die gesamte Zeit ins Auge, während Er bei der Arbeit der Fischer an den Abschluss der christlichen Zeit denkt (als das Netz voll war). Da gilt dem einzelnen Gläubigen (den wenigen guten Fischen) das besondere Augenmerk des Hirtendienstes, damit diese wenigen im Glauben ermutigt und unterstützt werden. Die guten sind jeder Mühe wert! Darin wollen wir auch unsere Verantwortung sehen.

Verse 49–50: Die zusätzliche Erklärung des Herrn

„So wird es in der Vollendung des Zeitalters sein: Die Engel werden ausgehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern und sie in den Feuerofen werfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“ (Verse 49.50).

Wie beim Gleichnis vom Unkraut im Acker finden wir hier erneut, dass der Herr Jesus eine zusätzliche Erklärung gibt. Diese geht über die engere Bedeutung des eigentlichen Gleichnisses hinaus und zeigt den Jüngern, was das Ende derer ist, die falsche Bekenner im Königreich sind. Und hier wechselt der Gegenstand der Beschäftigung. Während es im Gleichnis die guten Fische waren, um die man sich kümmerte, sind es bei der weitergehenden Erklärung die schlechten Fische, die in den Feuerofen geworfen werden.

Dieser Wechsel geht offenbar mit einem zeitlichen Wechsel einher. Wie im Gleichnis vom Unkraut (Vers 40) spricht der Herr auch hier von „der Vollendung des Zeitalters“. Das ist die Vollendung des Zeitalters des Reiches der Himmel. Sie findet mit dem sichtbaren Wiederkommen des Herrn dieses Reiches statt, wenn Er sein Königreich auf dieser Erde in Macht und Herrlichkeit aufrichten wird. Dieses Kommen wird einhergehen mit furchtbaren Gerichten, die Er durch seine Engel über diese Erde und besonders die Ungläubigen bringen wird.

Wir müssen also bedenken, dass das Reich der Himmel auch nach der Entrückung (1. Thes 4) weiter fortbestehen wird. Auch dann wird es (wieder) Gläubige auf dieser Erde geben, genauso wie (vor allem) Ungläubige. Die Gläubigen werden nicht mehr Teil der Versammlung (Gemeinde, Kirche) sein, sondern gläubige Juden oder Gläubige aus den Nationen sein. Sie werden dem Evangelium des Reiches Gehör schenken. Sie werden von ungläubigen Juden und anderen Widersachern verfolgt werden und durch das Kommen des Herrn (vgl. Off 19,11 ff; Sach 14,4 ff.) gerettet werden. Zuvor werden es gerade Engel sein, die der Herr in seinen Gerichtswellen über die ungläubige Christenheit und die Juden senden wird (vgl. Mt 16,27; 2. Thes 1,7; Heb 1,7). Mit der Ausführung des Gerichts haben wir Gläubige nichts zu tun. Auch wenn wir einmal mit dem Herrn Jesus auf diese Erde kommen werden, wenn Er das Gericht ausüben wird (vgl. z.B. Off 19,11 ff.), so bleibt es immer sein Gericht. Wir begleiten Ihn nur.

Es sind hier also Engel und nicht Menschen, die als Boten und Stellvertreter Gottes tätig sind. Sie beschäftigen sich mit den Bösen. Wenn man einmal die Stellen vergleicht, in denen die Engel in Bezug auf das Ende genannt werden, so fällt auf, dass sie kaum genannt werden, wenn es um die Beschäftigung mit dem „Guten“ geht. Sie sind es aber, die immer wieder das Gericht ausüben. Eine Ausnahme bildet z. B. die heutige Zeit, wo sie besonders mit den „guten Fischen“ beschäftigt sind; sie dienen den Gläubigen (vgl. Heb 1,14). Im zukünftigen Zeitalter aber haben sie im Wesentlichen die Aufgabe, Gericht auszuführen (vgl. die Beschreibung ihrer Tätigkeiten in dem Buch der Offenbarung).

Hier wird außerdem bestätigt, dass die schlechten Fische symbolisch für böse Menschen stehen, die nicht an den Herrn Jesus geglaubt haben. Es erwartet sie dasselbe Gericht, das auch in dem nun mehrfach genannten Gleichnis vom Acker erwähnt wird: Sie werden aus der Mitte der Gerechten ausgesondert und in den Feuerofen geworfen. Das ist letztlich die Hölle, in die ungläubige Menschen einmal vom Herrn Jesus selbst geworfen werden (vgl. Off 20,15). Noch einmal wird ihre Zukunft genannt: Weinen und Zähneknirschen. An diesem Ort wird es furchtbar sein!

Die Erläuterungen zeigen aber auch, dass die „guten Fische“ (Vers 48) andere Menschen sind als die Gerechten (Vers 49) und dass die „schlechten Fische“ andere sind als die Bösen. Ihr Charakter gleicht sich – sie sind Ungläubige, die Gottes Wort und Botschaft ablehnen. Aber die guten Fische sind Gläubige in der christlichen Zeit, während die Gerechten Gläubige aus den Nationen und Juden in der siebenjährigen Drangsalszeit zwischen Entrückung und Erscheinung des Herrn sind. Dasselbe gilt für die schlechten Fische, die sich heute bewusst gegen Christus entscheiden, während die „Bösen“ diejenigen Menschen sein werden, die nach der Entrückung das Evangelium des Reiches ablehnen werden.

Linie 2: Drei Gleichnisse – drei verschiedene Gruppen von Gläubigen

Nachdem wir auf den letzten Seiten der Auslegungslinie gefolgt sind, die in den drei Gleichnissen ab Vers 44 dieselbe Gruppe von Gläubigen sehen, aber unter verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, wollen wir jetzt der anderen Überlegung folgen. Nach Auffassung dieser Bibellehrer zeigen uns diese drei Gleichnisse Hinweise auf drei verschiedene Gruppen von Gläubigen. Ausleger dieser Richtung betonen, dass der von Matthäus immer wieder nach vorne gebrachte Aspekt der verschiedenen Haushaltungen bzw. Dispensationen auch in diesen drei Gleichnissen wieder sichtbar wird.

Vers 44: Das Gleichnis vom Schatz im Acker

Nachdem der Herr in den ersten vier Gleichnissen mehr die äußere und innere Entwicklung des Königreichs der Himmel vorgestellt hat, zeigt Er jetzt, dass dieses Reich Bezug zu drei verschiedenen Personengruppen hat. Wie häufig im Matthäusevangelium beginnt der Herr Jesus mit dem gläubigen, zukünftigen Israel. Denn nach der Verwerfung des Herrn durch die Führer des Volkes und der darauf folgenden Verwerfung des Volkes durch Christus stellt sich gerade am Wendepunkt der Ereignisse in diesem Evangelium die Frage: Was wird dann aus Israel?

Der Herr gibt in diesem Gleichnis eine Antwort darauf: Auch dieses Volk hat eine Zukunft. Es ist wahr, für eine lange Zeit wird dieses Volk in der Welt verborgen und zerstreut sein, so dass niemand weiß, wo es eigentlich ist und wer Israelit ist. Von manchen Juden wissen wir heute, dass sie dieser Abstammung sind. Aber wo sind die übrigen Stämme?

Dennoch hat der Messias die Gläubigen in seinem Volk schon damals gesehen. Er kam in die Welt, aber die Seinen nahmen Ihn nicht an (vgl. Joh 1,11). Trotzdem sah der Herr in dieser Welt, dass es einmal wieder solche geben würde, die sich auf seine Seite stellen werden. Sie sind für Ihn wie ein Schatz. Zunächst wissen wir, dass nach der Verwerfung des Herrn seine Jünger und weitere Gläubige aus Israel sich auf seine Seite stellten. Auch nach der Entrückung der Versammlung wird es wieder solche geben, die für Ihn einen Schatz darstellen werden.

Das waren sie im Übrigen von Anfang an in den Augen des Herrn. Sie waren sein Eigentum aus allen Völkern (vgl. 2. Mo 19,5). Der Herr hatte sich gerade dieses Volk aus allen Nationen und Völkern als sein Eigentum erwählt (vgl. Ps 135,4). Sein Eigentum war es auch trotz des ständigen Versagens und der Abwendung von Gott in gewisser Hinsicht geblieben. Aber es war nicht mehr als Schatz erkennbar, denn durch seine Sünde war es nur ein kleiner Teil in Israel – der Rest war über die Erde verstreut. Und dennoch ist Er für sie alle gestorben: „Es ist euch nützlich, dass ein Mensch für das Volk sterbe und nicht die ganze Nation umkomme. Dies aber sagte er [Kajaphas] nicht von sich selbst aus, sondern da er jenes Jahr Hoherpriester war, weissagte er, dass Jesus für die Nation sterben sollte; und nicht für die Nation allein, sondern damit er auch die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte“ (Joh 11,50–52).

Im Unterschied zum Gleichnis von der Perle wird in diesem Gleichnis das Königreich mit dem Schatz verbunden – bei dem folgenden Gleichnis mit der Perle wird das Königreich einem Kaufmann verglichen. Passt das nicht wunderbar zu den beiden unterschiedlichen Gedanken: Israel und die Versammlung. Im Blick auf die Versammlung gibt es eine untrennbare Verbindung von Christus und seiner Versammlung, so dass der Apostel Paulus sogar die Versammlung als „den Christus“ bezeichnen kann (1. Kor 12,12). Im Blick auf das künftige gläubige Israel gibt es diese intime Beziehung nicht. Da ist das Volk der Bereich seiner Regierung – daher wird das Reich mit dem Acker und nicht mit dem Menschen verbunden.

Interessanterweise lesen wir in diesem Gleichnis nicht, dass der Schatz von dem Menschen sofort gehoben wurde. So hat auch Christus diesen Schatz nicht sogleich sichtbar gemacht. Aber Er sah und sieht ihn. Und seine Freude war angesichts der allgemeinen Ablehnung durch sein Volk so groß, dass Er bereit war, dafür alles aufzugeben, um sein Volk zu erwerben. Man kann an Stellen wie Jesaja 53 denken, wo wir die Übriggebliebenen künftiger Tage hören, wie sie erkennen, dass Christus gerade für sie gestorben ist. Das ist also am Ende der Tage. An anderer Stelle heißt es: „Man wird dich nennen: ‚Mein Gefallen an ihr’, und dein Land: ‚Vermählte’; denn der Herr wird Gefallen an dir haben, und dein Land wird vermählt werden. Denn wie der Jüngling sich mit der Jungfrau vermählt, so werden deine Kinder sich mit dir vermählen; und wie der Bräutigam sich an der Braut erfreut, so wird dein Gott sich an dir erfreuen“ (Jes 62,4.5; vgl. Jes 65,19; Zeph 3,17).

Nun stellt sich die Frage: Was hat der Herr aufgegeben, um Israel inmitten der Welt zu besitzen? Da das Volk Israel versagt hatte, konnte Christus sein eigenes Volk nicht erwerben. Er konnte die Regentschaft über sein Volk nicht antreten, sondern musste nun den schwierigen Weg gehen, die ganze Welt (der Menschen) durch seinen Opfertod zu erwerben. Dadurch und nur dadurch besaß Er dann auch ein neues Recht an dem Schatz, den noch niemand inmitten des Ackers erkennen konnte. Aber Christus sah schon, dass es einmal diese gläubigen Übriggebliebenen geben würde. So musste Er alle seine Anrechte an diesem Volk aufgeben, um es für sich neu zu erwerben.

Wir erinnern uns in diesem Zusammenhang daran, dass Abraham einmal einen ganzen Acker kaufen musste, um inmitten des Ackers seine Frau Sara zu begraben (1. Mo 23,17). Er kaufte das ganze Feld Ephrons, das bei Machpela vor Mamre lag. Und inmitten dieses Feldes war die Höhle von Machpela, in der er seine Frau begrub. Dazu passt auch, dass die Bundeslade zur Zeit Josuas den Namen trug: „Lade des Herrn, des Herrn der ganzen Erde“ – nicht nur Israels (vgl. Jos 3,13).

Wir denken oft an uns ganz persönlich und vielleicht noch an die Versammlung, für die der Herr Jesus sein Leben hingegeben hat. Hier lernen wir jedoch, dass Christus auch für sein irdisches Volk gestorben ist. Auch sein eigenes Volk hatte Er im Herzen, als Er an das Kreuz von Golgatha ging. Von ihnen spricht Er sogar an erster Stelle (vgl. Mt 1,21; Joh 11,51.52).

Verse 45.46: Das Gleichnis von der Perle

Das Gleichnis von der Perle zeigt – wie auch bei der anderen Sichtweise – in beeindruckender Weise die Hingabe des Herrn Jesus in den Tod, um seine Versammlung, diese eine Perle, zu erwerben. Da auch diese zweite Auslegungslinie zu diesem Gleichnis dieselben Gedanken hat wie die erste, brauchen wir hier nichts weiter dazu zu sagen.

Es ist wunderbar zu sehen, dass die Versammlung in der Mitte steht, nach Israel, vor den Nationen. Sie ist tatsächlich der Kernpunkt der Gedanken Gottes.

Während der Schatz im Acker, der Welt, der Erde, gefunden wurde, ist die Perle im Meer zu finden. So gehört Israel zu dem Land, der Erde, die durch die Offenbarung Gottes zu Ihm in Beziehung stand. Schon früher in diesem Evangelium haben wir gesehen, dass das Land (die Erde) symbolisch für den Bereich der Welt steht, der zu Gott eine Beziehung hatte (vgl. Mt 2,6; 5,5; vgl. Off 13,11). Die Versammlung dagegen ist aus dem Völkermeer der Nationen in besonderer Weise vom Herrn Jesus herausgewählt worden ist. Sie kommt überwiegend aus dem Bereich des Heidentums, wo es nie eine Beziehung zu Gott gab.

Wir haben schon Unterschiede zwischen den beiden Gleichnissen gesehen. Während der Schatz mit den Wegen Gottes zu tun hat, die gerade sein Handeln mit dem Volk Israel wesensmäßig kennzeichnen, sehen wir bei der Perle etwas von dem Ratschluss Gottes. Der Schatz ist eine Sammlung verschiedener Kostbarkeiten – wie das Volk Israel die Summe vieler Herrlichkeiten für den Herrn Jesus darstellt: jeder einzelne Stamm, jedes einzelne Erbteil hat Wert für Ihn. Dagegen sehen wir bei der Versammlung den Wert der Gläubigen in ihrer Einheit. Bei dem Schatz liegt mehr der Nachdruck auf ihrem Platz in der Welt: Das ist der Platz und die Aufgabe Israels, zum Segen aller Nationen zu sein. Bei der Perle sehen wir, was für einen Wert die Versammlung für den Kaufmann besitzt, unseren Herrn Jesus Christus.

Verse 47–50: Das Gleichnis vom Netz und den Fischen

Das dritte Gleichnis folgt nun – wie schon in den Kapiteln 8 und 9 sowie später in den Kapiteln 24 und 25 – chronologisch auf die Entrückung der Gläubigen, auch der Versammlung. Dann wird der Herr nicht nur mit Israel (dem Schatz im Acker) anknüpfen, sondern zugleich auch die Nationen einladen, sich zu Ihm zu bekehren. In Windeseile werden Boten Israels durch alle Staaten der Welt laufen, um das Evangelium des Königreichs zu verkündigen (vgl. z.B. Off 14,6.7; Mt 10; 24,14).

Diese Boten haben nicht viel Zeit. So werden sie das Evangelium verkündigen und sich weiter nur mit denen beschäftigen, die „gute Fische“ sind, weil sie diese gute Botschaft von Herzen annehmen werden. Für andere haben sie in dieser kurzen Periode von dreieinhalb Jahren keine Zeit. Diese guten „Fische“ werden gesammelt und zusammen in Gefäße gebracht. In Offenbarung 7 finden wir einen solchen Hinweis, wo nicht nur die 144.000 Versiegelten aus Israel genannt werden, sondern auch eine große Volksmenge von Gläubigen aus den Nationen (Off 7,9–12). Von einer Beschäftigung mit den schlechten Fischen lesen wir hier nichts. Diese werden ihrem Schicksal und dem Gericht Gottes durch seine Engel überlassen, wie wir es in der Offenbarung finden.

Die zusätzliche Erklärung des Herrn

Auch die zusätzliche Erklärung des Herrn ist in diesem Zusammenhang bemerkenswert, weil sie in Verbindung mit anderen Stellen zeigt, in was für einer Weise der Herr die Gläubigen in sein Reich einführt. Man liest hier: „Die Engel werden ausgehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern und sie in den Feuerofen werfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“

Offensichtlich werden also in der Gerichtszeit, von der das eigentliche Gleichnis gar nicht spricht, zunächst die Bösen aus der Mitte der Gerechten hinweggenommen, um gerichtet zu werden. Dann gehen die lebend bleibenden Gerechten, die das Evangelium angenommen haben, in das ewige Reich des Herrn ein. Diese Erklärung deckt sich mit dem, was Jesus später in seiner großen prophetischen Rede in Matthäus 24 und 25 vorstellt.

Zunächst heißt es: „Dieses Evangelium des Reiches wird auf dem ganzen Erdkreis gepredigt werden, allen Nationen zum Zeugnis“ (Mt 24,14). In einem weiteren Abschnitt lesen wir dann: „Dann werden zwei auf dem Feld sein, einer wird genommen und einer gelassen; zwei Frauen werden am Mühlstein mahlen, eine wird genommen und eine gelassen“ (Verse 40.41). Hier geht es noch um Juden, aber der Grundsatz gilt in dieser künftigen Zeit, wenn die Erlösten der Gnadenzeit bereits in den Himmel entrückt sein werden, auch darüber hinaus. Diejenigen, die gerichtet werden, kommen nicht in das Reich des Herrn hinein – so wie wir in unserem Gleichnis lesen, dass sie aus der Mitte der Gerechten ausgesondert werden, um in den Feuerofen geworfen zu werden. Die Gerechten dagegen bleiben und werden ins Königreich eingehen.

Bestätigt wird dieser Gedanke in dem Abschnitt, der sich direkt mit den Nationen beschäftigt (25,31–46). Auch dort finden wir die Gerechten und die Ungerechten versammelt. Sie werden dort als Schafe (die Gläubigen) und als Böcke (die Ungläubigen) gesehen. Die Ungerechten werden „hingehen in die ewige Pein, die Gerechten aber in das ewige Leben“ (Vers 46). Und wie wird das gehen? „Alle Nationen werden vor ihm versammelt werden, und er wird sie voneinander scheiden, so wie der Hirte die Schafe von den Böcken scheidet“ (Vers 32).

Ein Vergleich der beiden Auslegungslinien

Ich möchte an dieser Stelle diese sechs Gleichnisse des Königreichs der Himmel verlassen. In einem Anhang zu diesem Kapitel habe ich für denjenigen, der Interesse an einer Bewertung dieser beiden Auslegungslinien hat, einige Argumente angefügt. Sie sollen jedoch den Fluss dieser Auslegung nicht unterbrechen.

Muss man sich eigentlich entscheiden zwischen den beiden Auslegungen? Ist Gottes Wort nicht manchmal so vielseitig, dass auch zwei Gedankenlinien nebeneinander bestehen können und beide vom Herrn inhaltlich vorgestellt werden? Ich will das an dieser Stelle offenlassen. Jeder Leser mag für sich selbst vor dem Herrn zu einer Schlussfolgerung kommen, wenn er die drei Gleichnisse unter Gebet liest. Während wir Menschen schwach und begrenzt in unserem Aufnahmevermögen sind, ist das Wort Gottes vollkommen. Wie gut, dass wir uns darauf verlassen können!

Schlussgedanken zu den Gleichnissen

Hier kehre ich noch einmal kurz zur Struktur der sechs Gleichnisse des Königreichs der Himmel zurück. Bislang haben wir vor allem die sieben Gleichnisse (inkl. des Gleichnisses vom Sämann, das eine Einleitung zu den weiteren Abschnitten darstellt) zusammen betrachtet. Auch wenn man sich einmal nur die sechs Gleichnisse vom Königreich ansieht, findet man interessante Zusammenhänge.

Schon auf den ersten Blick fällt auf, dass das erste und das sechste Gleichnis gewisse Ähnlichkeiten aufweisen. In beiden Gleichnissen geht es darum, dass es Gute und Böse gibt, dass es Lohn und Gericht gibt. Im Gleichnis vom Unkraut im Acker wird im Gleichnis besonders das Gericht, in der Erklärung aber auch der Lohn für die Gerechten gezeigt. Im Gleichnis vom Netz und den Fischen sehen wir im Gleichnis selbst besonders das Beschäftigen mit den Guten, während in der Erklärung allein das Gericht an den Bösen gezeigt wird. Das ist somit spiegelbildlich.

Weiter haben wir gesehen, dass die beiden Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig zusammengehören, genauso wie die beiden Gleichnisse vom Schatz und der Perle. Man kann aber auch das zweite Gleichnis (Senfkorn) und das fünfte Gleichnis (Perle) miteinander verbinden. Im zweiten sehen wir, dass der Herr etwas zeigt, das in den Augen der Menschen gewaltig wird, in seinen Augen aber keinen Wert besitzt, ja sogar letztlich abscheulich ist, auch wenn Er das nicht weiter kommentiert. Im Gegensatz dazu ist die Perle äußerlich sehr klein, hat aber in seinen Augen einen gewaltigen Wert.

Schließlich finden wir beim dritten Gleichnis (Sauerteig), dass etwas Schlechtes die ganze Masse des Königreichs durchdringt. Im vierten Gleichnis (Schatz) dagegen sehen wir, dass ein Schatz dem gesamten Königreich, ja sogar der Welt, wenn er diese auch nicht durchdringt, einen besonderen Wert in den Augen des Herrn gibt. Für Ihn ist dieser Schatz prägend. Jeweils das Gegenstück – im dritten Gleichnis das Werthaltige, das im Königreich ja auch vorhanden ist, im vierten der Verfall – wird nicht genannt, um den Punkt, den der Herr vorstellen möchte, nicht zu verwässern.

Die genannte Struktur kann man Folgendermaßen veranschaulichen.

  1. Das Unkraut im Acker: Beschäftigung mit Gericht

  1. Senfkorn – wird großartig in den Augen der Menschen
    1. Der Sauerteig – Böses, Schlechtes

    1. Der Schatz – Wertvolles, Gutes

  1. Die Perle – ist großartig in den Augen des Herrn Jesus
  1. Das Netz im See: Beschäftigung mit dem Guten

Verse 51.52: Neues und Altes

„Habt ihr dies alles verstanden? Sie sagen zu ihm: Ja. Er aber sprach zu ihnen: Darum ist jeder Schriftgelehrte, der im Reich der Himmel unterrichtet ist, gleich einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt“ (Verse 51.52).

Nachdem der Herr Jesus diese sieben Gleichnisse seinen Jüngern gesagt und teilweise erklärt hat – wobei wir nicht entscheiden können, ob sie alle zur gleichen Zeit gesprochen wurden – wendet Er sich noch einmal an seine Jünger: „Habt ihr dies alles verstanden?“ Hier offenbart sich der Herr Jesus als vollkommener Lehrer. Er möchte seine Jünger nicht einfach mit ihren Fragen allein lassen, sondern gibt ihnen noch einmal die Möglichkeit, Unklarheiten zu benennen.

Die Antwort der Jünger überrascht: „Ja.“ Wir können heute angesichts mancher Äußerungen der Jünger sagen, dass sie bei weitem nicht alles verstanden hatten. Aber das war ihnen nicht bewusst. So können sie mit einem guten Gewissen „ja“ antworten. Der Herr rügt ihre naive Antwort auch nicht. Wir sollten für uns jedoch lernen, mit Vorsicht zu sagen, wir hätten „dies alles verstanden“. Wie viele Fragen bleiben bei uns offen! Es gibt noch viel Raum für geistliches Wachstum. Hinzu kommt, dass gerade im Blick auf diese Abschnitte so begabte Brüder wie Darby, Kelly, Hocking, Grant, Ridout, Gaebelein usw. unterschiedliche Auffassungen zu diesen Versen haben. Das macht uns zurückhaltend zu denken, wir hätten alles verstanden.

Der Herr Jesus erläutert nun mit einem letzten Vergleich die Art und Weise seiner Belehrung in den sieben Gleichnissen. Er verbindet sich in diesen beiden Versen in erstaunlicher Weise mit denen, die Ihm nachfolgten. Er ist der große Schriftgelehrte. Aber „jeder Schriftgelehrte“, der sich von dem Herrn Jesus belehren lässt, tut es Ihm gleich. Es reicht dazu nicht, Schriftgelehrter genannt zu werden. Davon gab es manche in der Zeit, als unser Herr hier auf der Erde lebte. Aber diese meint er gerade nicht.

Der Schriftgelehrte

Um Schriftgelehrter nach den Worten des Herrn zu sein, muss man im Königreich der Himmel belehrt worden sein. Das würde auf die Jünger zutreffen, wenn der Herr sein Werk vollbracht und nach dem Tod und der Auferstehung in den Himmel aufgefahren sein würde, um dann den Heiligen Geist auf diese Erde zu senden.

Jemand, der sich vom Herrn Jesus belehren lässt, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorbringt. Der Herr verwendet hier das Bild eines Hausherrn, der in seinem Haus über einen größeren Hausschatz verfügt. In diesem gab es alte und neue, jeweils wertvolle Dinge. So wird auch ein Lehrer des Wortes Gottes Neues und Altes hervorbringen. Gerade in der Anfangszeit des Christentums gab es viele Dinge, welche die Apostel und besonders Paulus lehrten, die eben im Alten Testament noch nicht bekannt waren. Die Geheimnisse im Neuen Testament gehören dazu. Das Alte ist das Reich, wie es im Alten Testament angekündigt war, das Königreich in Herrlichkeit. Das Neue dagegen ist das Königreich in dem Charakter, den es nach der Verwerfung des Königs angenommen hat, von der die Gleichnisses dieses Kapitels reden.

Es gab also Neues. Aber es gab auch eine ganze Reihe von weiterhin aktuellen Belehrungen, die im Alten Testament vorhanden waren. Wenn man beispielsweise den Hebräerbrief oder auch den Römerbrief anschaut, dann ist das regelrecht eine Beweisführung aus altbekannten Büchern des Alten Testamentes. In der Apostelgeschichte lesen wir mehrere Male, wie die Apostel oder Stephanus und andere ihre Belehrungen aus dem Alten Testament herleiteten (vgl. Apg 9,22; 18,28, wo direkt auf die alttestamentlichen Schriften Bezug genommen wird). Aber der Epheserbrief und der Kolosserbrief sind eben nicht aus dem Alten Testament ableitbar.

Das Neue

Unser Herr nennt zunächst das Neue, weil es auf den ersten Blick manche neue Belehrung gab, von welcher der Herr Jesus sprach und die auch seine Nachfolger verkündigen würden. Bruder F. B. Hole nennt in diesem Zusammenhang vier Punkte, die für die Jünger neu waren:

  1. Der Herr bedient sich einer neuen, gleichnishaften Form der Unterweisung. Diese neue Methode fiel den Jüngern auf, wie man dem zehnten Vers entnehmen kann.

  2. Der Herr zeigt in dem ersten Gleichnis eine neue Art des göttlichen Wirkens an. Der Herr sucht keine Frucht mehr am Weinstock, wie Gott das bislang immer getan hat, sondern geht selbst aus, um zu säen. Er stellt die Juden als Volk nicht mehr unter die Verantwortung, Frucht zu bringen, sondern sät in souveräner Gnade neu aus.

  3. Der Herr Jesus zeigt, dass das Königreich der Himmel eine neue, geheimnisvolle Gestalt annehmen würde, wie sie zuvor nicht bekannt war. So bekommt der Ausdruck „Königreich“ eine neue Bedeutung.

  4. Der Herr verkündigt auch neue Offenbarungen, in dem Er das ausspricht, was von Grundlegung der Welt an verborgen war (Vers 35). Wer kannte etwas von der äußeren Entwicklung des Königreichs in der heutigen Zeit? Wer kannte den Schatz, die Perle und die guten Fische im Netz, wie der Herr Jesus den inneren Kern und Wert des Königreichs beschreibt?

    Heute jedoch gibt es nichts Neues mehr zu verkündigen. Alles ist im Wort Gottes enthalten und daher schon 2.000 Jahre lang verfügbar. Wir wollen uns daher auch gar nicht bemühen, etwas Neues zu finden oder zu erfinden. Aber wir dürfen das, was vielleicht wieder verschüttet worden ist, für diejenigen, die es hören wollen, neu wertvoll machen. Das aber ist nicht der eigentliche Punkt in Matthäus 13.

Einleitende Gedanken zu den Kapiteln 13,53–15,39

Zuvor aber zeigt der Herr Jesus noch Folgendes:

  1. Der schlimme und traurige Zustand des Volkes muss noch mehrfach sichtbar werden, damit niemand auf die Idee kommen kann, der Herr habe im Affekt gehandelt, als Er das Volk zur Seite stellte (13,53–58; 14,1–13).

  2. Der Herr würde nie ohne ein Volk hier auf der Erde sein. Wenn die Seinen Ihn verwarfen, wollte Er sich andere erwählen, die an Stelle seines Volkes hier Zeugen auf der Erde sein sollten. Das sind die Nationen (Kapitel 15) und das ist die Versammlung (Kapitel 16).

  3. Auch wenn das Volk den Herrn verwarf, würde Er es sich nicht nehmen lassen, wo immer es möglich war, Wunder der Gnade und Barmherzigkeit zu vollbringen.

  4. Nachdem der Herr am Ende von Kapitel 12 gezeigt hat, wer seine wahre Familie ist, und nachdem selbst seine Vaterstadt Ihn am Ende von Kapitel 13 verworfen hatte, zeigt Er, welcher Weg für „seine Familie“, die Seinen, zu beschreiten war, während der König in den Himmel zurückgekehrt sein würde.

  5. Vor diesem Hintergrund zeigt uns der Anfang des 14. Kapitels den Weg derer, die sich auf die Seite des verworfenen Herrn und Königs stellen. Herodes und sein Königtum des Abfalls von Gott sind Hinweise auf den Fürsten dieser Welt und sein satanisches System. Sie werden die Treuen verfolgen. So, wie Johannes als Herold des Königs ermordet wurde, würde auch Christus, der Messias, beseitigt werden. So bereitet der Herr seine Jünger auf die Zeit seiner Abwesenheit vor, in der sie als seine Nachfolger von der Welt und ihren Führer ebenso verfolgt würden.

  6. Diese Verse zeigen uns auch prophetisch, was am Ende passieren wird, wenn noch einmal ein falscher König herrschen wird – der Antichrist. Dann wird dieser genauso wie Herodes die wahren Jünger Jesu verfolgen.

  7. Immer wieder stellt uns Christus ein Panorama des Wechsels der Haushaltungen und seines Handelns in den verschiedenen Zeitperioden mit den Gläubigen vor, die jeweils auf unterschiedliche Weise von Ihm regiert werden.

Verse 53–58: Als Prophet in der eigenen Stadt verkannt

„Und es geschah, als Jesus diese Gleichnisse vollendet hatte, begab er sich von dort weg. Und er kam in seine Vaterstadt und lehrte sie in ihrer Synagoge, so dass sie sehr erstaunten und sprachen: Woher hat dieser solche Weisheit und die Wunderwerke? Ist dieser nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria, und seine Brüder Jakobus und Joseph und Simon und Judas? Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher hat nun dieser das alles? Und sie nahmen Anstoß an ihm. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet ist nicht ohne Ehre, außer in seiner Vaterstadt und in seinem Haus. Und er tat dort nicht viele Wunderwerke wegen ihres Unglaubens“ (Verse 53–58).

Die Schlussverse dieses Kapitels zeigen, wie die Menschen der Heimatstadt unseres Herrn auf die Worte und das Wirken Jesu reagiert haben. Wenn wir den Bericht von Markus hinzuziehen (Mk 6,1–6), erkennen wir, dass der Herr schon nach der Heilung der Tochter des Jairus in seiner Heimatstadt diese Verachtung erleben musste (vgl. Mt 9,23–26). Bei Markus geht es darum, dass die Menschen den Dienst des vollkommenen Dieners ablehnten. Matthäus zeigt uns mehr, dass sie ihren Messias ablehnten, der in Wort und Tat zu ihnen gekommen war.

Anscheinend finden wir hier die zweite öffentliche Verwerfung des Herrn in seiner früheren Heimatstadt, wenn wir einmal von der ständigen Ablehnung des Herrn Jesus durch die Pharisäer und Schriftgelehrten absehen. Der Bericht in Lukas 4,16–30 scheint sich auf einen früheren Zeitpunkt im Dienst des Herrn zu beziehen als unser Text. Von Anfang an warf man Ihn aus der Mitte der Juden hinaus. Hier, nach Matthäus 13 und Markus 6, ist Christus offenbar nach Nazareth zurückgekehrt und erneut verworfen worden.

Obwohl Ihn die Juden abgelehnt haben und Er selbst sein eigenes Volk verwerfen musste, bemühte Er sich immer noch – bis ans Ende, ja sogar noch durch seine Diener in der Apostelgeschichte auch nach seinem Tod – um sein irdisches Volk. So lehrt Er sie in ihrer Synagoge. Von einer Synagoge Gottes ist keine Rede.

Trotz der Abneigung der Menschen lesen wir, dass die Worte des Herrn immer noch einen großen Eindruck machten. Das hatten wir schon in Matthäus 4,24 gesehen. Auch am Ende der Bergpredigt lesen wir: „Als Jesus diese Reden vollendet hatte, da erstaunten die Volksmengen sehr über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten“ (7,28.29). Immer wieder haben die Worte des vollkommenen Königs solche Eindrücke hinterlassen.

Christus – der Sohn des Zimmermanns

Aber was war die Folge dieser Eindrücke? Offenbar Neid und Missgunst. „Woher hat nun dieser das alles?“ Er hat doch keine Ausbildung und ist kein Gelehrter, sagten sie gewissermaßen. Sie wollten sich einfach nicht damit abfinden, dass einer der Ihren eben doch keiner von ihnen war, sondern jemand, der eine ganz andere Herkunft besaß. Sie neideten Ihm diese Stellung und dieses Charisma, auch diese Anerkennung vonseiten der Menschen. Alles das zeigt: Der König und sein Königreich werden in der Nähe und in der Ferne seines Heimatortes verworfen.

„Ist dieser nicht der Sohn des Zimmermanns?“ Was für eine Verachtung spricht aus diesen Worten! Sie wussten, dass Er nur der Sohn eines Zimmermanns war. Den kannten sie als einen einfachen, nicht beachtenswerten Menschen. Vermutlich war Joseph auch bereits gestorben, sonst würde man im zweiten Teil der Evangelien irgendeinen Hinweis zu seiner Person erwarten können.

Kann es auch sein, dass sie Ihn aus ihrem Land hinaustreiben wollten, weil sie wussten oder zumindest befürchteten, dass Er sie viel besser kannte, als wie sie Ihn zu kennen meinten – und das machte ihnen Angst? Er konnte in ihre Herzen sehen und sah dort den unbegründeten Hass. Ahnten sie, was für ein Urteil Er darüber und über sie selbst hatte?

Im Markusevangelium verspotten diese Menschen Jesus nicht nur angesichts seiner Abstammung, sondern auch wegen seines eigenen Berufes: „Ist dieser nicht der Zimmermann?“ (Mk 6,3). Was für eine Herablassung ist im Kontrast dazu die Tatsache, dass der Schöpfer des Universums sich bewusst dafür entschieden hat, in eine solch einfache Familie hineingeboren zu werden, um nicht Professor oder Schriftgelehrter, sondern schlicht Zimmermann zu werden! Wenn wir daran denken, dass Er ständig mit Holz gearbeitet hat – an ein Holz wurde Er gehängt! Dass Er ständig mit Nägeln gearbeitet hat – Nägel wurden durch seine Hände und Füße geschlagen! Von Beginn seines Arbeitslebens an wurde Er auch äußerlich immer wieder an sein Ende auf dieser Erde erinnert! Wir bewundern Ihn dafür.

Die Bewohner Nazareths wussten auch, dass seine Mutter und seine Brüder ganz einfache Leute waren, die sich in nichts von den anderen unterschieden.15 Das Verständnis dieser Menschen ging nicht über das hinaus, was das natürliche Herz wahrnehmen konnte. So erleben wir eine Geringschätzung, die diese Menschen zum Anlass nahmen, sogar Anstoß am Herrn Jesus zu nehmen. Dieses Wort bedeutet nicht, dass sie sich innerlich einfach über Ihn ärgerten. Sie nahmen Anstoß um den Preis ihres Lebens. Das heißt: Sie lehnten den Herrn als ihren König ab und gingen deshalb ewig verloren, weil sie damit den zurückwiesen, der zu ihrer Rettung gekommen war! So ernst ist es, wenn man sich gegen den Herrn Jesus stellt!

Der Prophet und seine Ehre

Jesus hat eine Antwort auf diese herablassenden und stolzen Fragen: „Ein Prophet ist nicht ohne Ehre, außer in seiner Vaterstadt und in seinem Haus.“ Selbst wenn ein Prophet vollkommen ist wie Christus, wird er in seiner Heimat abgelehnt. Die Menschen haben einen solchen Menschen von Kindesbeinen an gekannt. Sie wollen sich nicht damit abfinden, dass jemand ihresgleichen von dem großen Gott in besonderer Weise im Dienst benutzt wird. Es sind Neid und Missgunst, die hier eine große Rolle spielen. Denn warum soll ein anderer etwas Besonderes sein?

Ein Prophet, der zu einem Volk kommt, wird im Allgemeinen anerkannt. Aber man darf ihn nicht von Kindheit an kennen. Sonst wäre er ja „ganz normal“. So war das beim Herrn. Letztlich ist Er von allen abgelehnt worden, aber doch besonders von denen, die Ihn während seiner Jugendjahre umgeben hatten (vgl. Joh 7,5; Mk 3,21). Dazu gehörte auch seine Familie, seine Brüder. Das schmerzte unseren Retter! Aber Er nahm diese Verwerfung an. Auch darin sehen wir seine Vollkommenheit.

Auch in der christlichen Zeit erleben wir dieses Phänomen. Natürlich gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen Christus und uns. Er ist vollkommen – wir sind von Natur sündige Menschen. Bei uns können die Mitmenschen und auch die Christen manchen Schwachpunkt ausmachen, eine Vielzahl von Sünden aufzählen, die wir begangen haben. Aber ist es nicht so, dass ein Diener des Herrn oft mehr an anderem Ort und in anderem Land geschätzt wird als in der Heimat, wo man ihn von früher her kennt und wo ihm vielleicht Neid und Eifersucht entgegenschlagen, sicher auch seine Vergangenheit eine Rolle spielen mag? Wenn man die Berichte mancher Diener des Herrn liest und hört, stellt man fest, dass sich dieses Verhalten – leider – oft auch unter Gläubigen eingestellt hat.

Die Worte des Herrn haben, wie so oft in diesem Evangelium, auch eine Bedeutung im Hinblick auf die verschiedenen Haushaltungen. Wir haben am Anfang dieses Kapitels gesehen, dass der Herr Jesus „ aus dem Haus hinausging und sich an den See setzte“. Dort war das Haus ein Sinnbild des Volkes und Systems Israel. So auch hier. Der Prophet war zu seinem eigenen Volk gekommen. Aber „sein Haus“, das Haus Israel, wollte Ihn nicht. Sie nahmen Anstoß an Ihm. Der Prophet Gottes besaß keine Ehre bei den Seinen, seinem eigenen Haus, denn Er war dort der Verworfene.

Die Folgen der Ablehnung

Der Herr muss aus dieser Ablehnung Konsequenzen ziehen: „Und er tat dort nicht viele Wunderwerke wegen ihres Unglaubens.“ Der Herr hätte so gerne gerade in seiner Heimat gewirkt. Er konnte es nicht. Es lag nicht daran, dass Er keine Kraft mehr für solche Wunder gehabt hätte. Die war bei Ihm immer vorhanden gewesen. Aber moralisch sah Er sich außerstande, weiter für die Menschen seiner Stadt tätig zu sein.

Markus zeigt uns, dass der vollkommene Diener überhaupt nicht mehr in dieser Umgebung wirken konnte, weil das Volk Ihn dort ablehnte (vgl. Mk 6,5). Dann spricht Markus von einigen, wenigen Ausnahmen, wo Er doch etwas in dieser „alten“ Umgebung wirken konnte. Matthäus zeigt uns mehr, dass die Aufgabenbreite des Königs von Gott deutlich eingeschränkt worden ist. Aber als König konnte Er seine Aufgaben nicht ganz einschränken lassen. Denn Er hatte die Macht, auch weiter zugunsten seines Volkes zu wirken. Wo immer es möglich war – wenn es auch nicht viele Wunderwerke waren – tat Er das. Es war der Unglaube des Volkes, der Ihn daran hinderte, mehr zu wirken.

Das ist auch heute nicht anders. Wo der Unglaube – besonders in ehemals christlichen Gebieten – dazu führt, dass das Evangelium nicht mehr offen verkündigt werden darf, wird Gott nicht zum Segen wirken können. Wenn in unserem Land sogar unter christlicher Flagge die biblische Lehre verworfen wird, sind die Kanäle des Segens verstopft. Aber das gilt auch für solche, die bekennen, an den Herrn Jesus zu glauben. Wo wir durch praktischen Unglauben geprägt sind, kann Gott nur wenig segnen.

So endet das Kapitel traurig. Am Anfang stand der Sämann, der Glauben bewirken wollte und bewirken konnte. Am Ende stehen die Menschen, die so in ihrem Unglauben verharren, dass sie ein weiteres Wirken des Sämanns begrenzen. Gott sei Dank – Christus hat sich in der Ausführung seines Auftrags nicht beirren lassen.

Fußnoten

  • 1 Ein achtes Gleichnis am Ende des Kapitels (Vers 52) steht separat da und muss gesondert besehen werden. Der Grund liegt schlicht darin, dass sich dieses Gleichnis nicht in die Linie der ersten sieben einordnen lässt. Es stellt eher eine Bemerkung des Herrn dar, wie mit diesen sieben Gleichnissen umzugehen ist. Es ergänzt nicht die Belehrungen über das Königreich der Himmel, sondern zeigt einen Grundsatz für unser Kapitel an, den wir in Verbindung mit Vers 52 dann besprechen werden.
  • 2 Das erste Gleichnis in unserem Kapitel wird nicht Gleichnis des „Reiches der Himmel“ genannt, auch wenn es zweifellos in dieses einführt.
  • 3 Ausleger verweisen auf folgenden inneren Aufbau in diesen Kapiteln: In Kapitel 12 lernen wir, dass das jüdische Volk gerichtet und zur Seite gestellt wird. In Kapitel 13 finden wir als Folge, wie sich das Königreich angesichts der Abwesenheit des Königs entwickelt. Kapitel 14 zeigt dann, dass der Herr trotz der Bosheit Israels der Segnende auch für sein Volk bleibt, der Jahwe des Psalms 132. Er ist auf dem Berg, um zu segnen und um in den ewigen Segen einzuführen. Im 15. Kapitel lernen wir, welchen Stand das Volk Israel eigentlich hätte einnehmen sollen – und wo sie moralisch in Wirklichkeit standen. Im 16. Kapitel führt der Herr dann die Versammlung ein, bevor Er in Kapitel 17 das Königreich in Herrlichkeit vorstellt. Ich erinnere in diesem Zusammenhang an den von Matthäus immer wieder aufgegriffenen Wechsel der Epochen des Handelns Gottes mit den Menschen. Sie scheinen aus diesen Kapiteln hervor: Israel, Versammlung, Nationen.
  • 4 Man darf das Königreich der Himmel allerdings nicht allein als Hinweis auf die heutige, zum großen Teil ungläubige Christenheit beziehen. Wie schon früher gezeigt, verwendet nur Matthäus diesen Ausdruck, denn Matthäus hat dieses dispensationale Evangelium aus einer jüdischen Sicht geschrieben. Im Alten Testament sehen wir sozusagen die Zentrale, die Hauptstadt des Königreichs Gottes in Israel. Es wird das Königreich des Herrn genannt (vgl. z. B. Ps 22,29; Ob 21). Aber dieses Reich wurde Israel weggenommen. Sagt uns der Herr nicht hier im Matthäusevangelium, wenn Er die Geheimnisse dieses Königreichs einführt, dass die Zentrale des Königreichs von nun an im Himmel sein würde? Tatsächlich steht das Königreich Gottes mit der Autorität in Verbindung, die Gott in Christus als König aufgerichtet hat und die in Unterordnung Gott gegenüber (wo auch immer) ausgeübt wird. Die Autorität trägt nun jedoch nach der Verwerfung des Königs einen himmlischen Charakter, denn Christus ist aus dem Himmel gekommen und wieder in den Himmel aufgefahren. Manchmal sehen wir, dass alle Bekenner, die wenigstens äußerlich die Autorität Christi anerkennen, in diesem Königreich eingeschlossen werden, manchmal wird der Ausdruck nur für die wahren Gläubigen verwendet. Wo immer Christus – wenn auch nur äußerlich – bekannt wird, gibt es eine Verantwortung, die über diejenige des Restes der Welt deutlich hinausgeht! Auf jeden Fall ist der Eingang in das Königreich nicht identisch mit dem, was wir in den Schriften des Neuen Testamentes auch finden: neue Geburt oder Taufe des Heiligen Geistes zu dem einen Leib Christi. Diejenigen Gleichnisse in Matthäus 13, die vom Herrn Jesus im Haus gesprochen werden, zeigen nur die wahren Bekenner, bei denen Bekenntnis und Lebenswirklichkeit miteinander übereinstimmen.
  • 5 Es ist auffallend, dass diese Verse aus dem Propheten Jesaja nicht nur einmal im Neuen Testament zitiert werden. Johannes zitiert sie in Kapitel 12,40 ff. Er fügt jedoch hinzu: „Dies sprach Jesaja, weil er seine Herrlichkeit sah und von ihm redete.“ Der Herr, den Jesaja auf dem Thron sah, war niemand anders als der Herr Jesus Christus. Noch einmal werden diese Verse zitiert, von Paulus. In Apostelgeschichte 28 – ganz am Ende des geschichtlichen Berichtes über das Wirken des Heiligen Geistes in der Anfangszeit – spricht der Apostel diese Worte und fügt hinzu: „Es sei euch nun kund, dass dieses Heil Gottes den Nationen gesandt worden ist; sie werden auch hören“ (Vers 28). Das ist es, was der Herr mit seinen Worten bereits andeutet.
  • 6 Bei den Söhnen des Bösen geht es nicht um die Abstammung dieser Menschen, sondern darum, dass sie durch das Böse und den Teufel in ihrem Wesen und Handeln geprägt sind. In diesem Sinn finden wir auch die „Söhne des Ungehorsams“ (Eph 2,2) und die Kinder des Gehorsams (1. Pet 1,14) in Gottes Wort
  • 7 Vertrauenswürdige Bibelausleger sehen in den sieben Versammlungen (Gemeinden) in Offenbarung 2 und 3 Hinweise auf moralische und lehrmäßige Entwicklungen in der Kirchengeschichte. Die zuerst genannte Versammlung in Ephesus ist ein Hinweis auf die nachapostolische Zeit. Die letztgenannte in Laodizea steht für die letzte Zeit vor dem Kommen des Herrn zur Entrückung, die ungefähr 1848 begann. Sowohl in dem Brief an Thyatira als auch in denen an Sardes und Philadelphia ist ein Hinweis auf das Kommen des Herrn enthalten. Offenbar bestehen diese verschiedenen Strömungen innerhalb der Christenheit nebeneinander bis zum Kommen des Herrn, ohne dass es eine Wiederherstellung und Zusammenführung zu einem gemeinsamen Zeugnis gibt.
  • 8 Eine einzige Ausnahme bildet das Speisopfer beim Fest der Erstlingsgarbe (Fest der Wochen bzw. Pfingstfest; 3. Mo 23,17), weil hier die Bildung der Versammlung vorgeschattet werden soll, die ja aus ehemaligen Sündern besteht. Doch durfte dieses Opfer nicht auf den Altar gebracht werden (vgl. 3. Mo 2,12).
  • 9 Auch das ist noch einmal ein Hinweis darauf, dass es sich nicht um das Evangelium handelt. Denn dieses breitet sich überhaupt nicht von selbst aus. Es muss verkündigt werden! Und wenn das Evangelium mit jemandem in Verbindung kommt, ist noch lange nicht gesagt, dass diese Person zum Glauben an den lebendigen Gott kommt. Das wissen wir alle aus eigener Erfahrung sehr gut.
  • 10 Diese Reihenfolge finden wir im Übrigen auch im Epheserbrief. Zunächst wird der besondere Segen jedes einzelnen Gläubigen gezeigt (Schatz); zum Beispiel, dass er auserwählt worden ist vor Grundlegung der Welt (vgl. Eph 1,3–2,10). Bis auf eine Andeutung in Epheser 1,22 wird der gemeinschaftliche Segen (Perle) dann erst ab Kapitel 2,11 entfaltet. Er ist auch wunderbar und vollkommen – aber die persönliche Seite kommt zuerst.
  • 15 Das ist übrigens auch ein deutliches Zeichen, dass Maria nie eine Sonderstellung unter den Gläubigen oder den Menschen überhaupt eingenommen hat. Sie wurde – wie die Brüder des Herrn – nie auf eine Stufe mit dem Herrn gestellt. Im Gegenteil!
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