Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 12

Der Messias muss sein eigenes ungöttliches Volk verwerfen (Mt 12)

Im Verlauf des elften Kapitels haben wir gesehen, dass selbst der Vorläufer des Königs, Johannes der Täufer, Zweifel bekommen hatte, ob Jesus der verheißene Messias war. Danach wurde deutlich, dass die Obersten des Volkes als Repräsentanten des Volkes Israel sowohl den Vorläufer des Herrn als auch Ihn selbst verwarfen. Johannes bescheinigten sie, einen Dämon zu haben. Sie scheuten sich nicht, über den Herrn Jesus zu sagen, Er sei ein Fresser und Weinsäufer.

Diese Verwerfung nimmt Jesus zum Anlass, ein ernstes Gericht über Israel auszusprechen, indem Er ihre Städte stellvertretend für die Einwohner verurteilt. Dann wendet sich der Messias Israels denen zu, die aus Sicht der Schriftgelehrten und Pharisäer Unmündige waren. Aber es handelte sich um solche, die den Herrn Jesus im Glauben annahmen. Er gibt seinen Auftrag, den Gott Ihm gegeben hat, nicht auf. Auch wenn sein Volk Ihn nicht annehmen will, wendet Er sich denen zu, die dazu bereit sind.

Das zwölfte Kapitel fährt mit diesem Gedankengang fort. Es ist der Wendepunkt in diesem Evangelium und zugleich der Abschluss des ersten großen Teils dieses Buches. In diesem Abschnitt zeigt der Geist Gottes, in was für einer Liebe, Hingabe und Treue Gott in Jesus, Emmanuel, zu seinem Volk gekommen ist, um es zu Gott zu bringen. Dieses zwölfte Kapitel zeigt das noch einmal wie in einer Zeitlupe. Christus vollbringt zwei weitere Zeichen, die Wunder 13 und 14 in den Kapiteln 8 bis 12. Auch diese Zeichen hatten das Ziel, Segen für Israel und seine Einwohner zu bringen.

Der Herr begleitet diese Wunder mit Worten, um den Juden klar zu machen, dass Gott sie segnen möchte, wenn sie zu Ihm umkehren. Aber das Volk wollte nicht. Besonders die Führer nicht. Sie schreiben die Taten des Herrn dem Obersten der Dämonen zu, Satan. Sie wollen Christus töten. Sie lehnen Ihn und sein Werk ab und werden als Volk der Lästerung des Heiligen Geistes schuldig. Sie schreiben Satan die vollkommenen Handlungen des Herrn zu, die Er in der Kraft des Heiligen Geistes ausführte.

Als Konsequenz ihrer Bosheit muss Christus sein eigenes Volk verwerfen, das sich als vollkommen gottlos erwiesen hat. Satan bekommt sogar die Gelegenheit, in dieses Volk zu fahren. Das allerdings ist selbst heute noch zukünftig – es wird erst dazu kommen, wenn die Versammlung (Gemeinde) entrückt sein wird und die Gerichte Gottes über sein Volk kommen werden.

So haben wir in diesem Kapitel nicht so sehr Christus, der in der Gegenwart der Menschen wirkt, als vielmehr diese bösen Menschen Israels, die Ihn in seiner Gegenwart verwarfen. Der Herr Jesus, dem alles übergeben ist von seinem Vater, offenbart, dass das Gericht Israels schon beschlossen ist und kurz vor der Ausführung steht.

Die Ihn umgebene Generation war böse und ehebrecherisch. Sie hatte es gewagt, den Geist Gottes, der an anderer Stelle als Finger Gottes bezeichnet wird (vgl. 2. Mo 8,15; Lk 11,20), zu lästern. Jetzt gab es nur noch Gericht für diese Menschen. Sie würden Christus nicht mehr sehen. Denn Er würde sterben und den Augen seines Volkes verborgen sein, so wie die Brüder Josephs diesen erst wiedererkannten, nachdem sie ihre eigene Schuld bekannt hatten. Das Volk Israel wird Christus erst wieder im wahren Sinn des Wortes wahrnehmen können, wenn es mit der eigenen Schuld zu Gott geht und bekennt, dass es den Messias Gottes ans Kreuz gebracht hat. In der Zwischenzeit wendet sich der Herr als Sohn des Menschen anderen zu: den Nationen. Diese werden in einem gleichnishaften Bild in dem See gesehen, von dem Kapitel 13 Vers 1 spricht.

Die Beweisführung von Matthäus

An dieser Stelle wollen wir uns noch einmal kurz die Zielrichtung des Werkes Gottes, wie Matthäus es vorstellt, in Erinnerung rufen. Er beweist in seinem Evangelium, dass Christus wirklich der Messias Gottes ist. Das ist insofern von größter Bedeutung, als die Juden, die auf den Messias warteten, ja nicht nur auf Ihn als Person warteten, sondern auch darauf, dass Er sein Königreich des Friedens aufrichten würde, das im Alten Testament angekündigt worden war. Jetzt aber gab es dieses Reich nach der Kreuzigung Jesu überhaupt noch nicht. So musste für nachfolgende Generationen die berechtigte Frage aufkommen: Wie konnte Jesus wirklich der Messias sein, wenn Er doch sein Königreich als Herrscher gar nicht angetreten ist?

Die Antwort gibt der Geist Gottes durch den Evangelisten Matthäus auf großartige Weise. Matthäus zeigt von Anfang seines Evangeliums an, dass Christus als der Emmanuel, Gott mit uns, gekommen war. Aber sein Volk hat Ihn verworfen. War das überraschend? Es war ein kapitaler Fehler des Volkes Israel, den Messias zu verwerfen und ans Kreuz zu bringen. Aber unvorhergesehen war es nicht. Denn im Alten Testament finden wir eine Vielzahl von Ankündigungen, wie der Zustand dieses Volks sein würde. Und die bekannten Weissagungen in dem Propheten Jesaja, von denen wir die ersten der vier Leidensankündigungen des Knechtes Gottes in Matthäus 12 zitiert finden, zeigen deutlich, dass Gott diese Verwerfung seines Königs nicht nur kannte, sondern sie sogar in seinem Wort hat aufschreiben lassen (vgl. Dan 9,26).

Matthäus zeigt deshalb unter der Inspiration Gottes die Übereinstimmung der alttestamentlichen Prophezeiungen über Christus mit seiner Verwerfung, die heute immer noch andauert. Die Menschen, das Volk Israel und seine Führer sowie der Teufel sind nicht in der Lage, Gottes Heilsgedanken zu durchkreuzen. Satan ist ein mächtiger Feind. Aber gerade dieses Kapitel wird zeigen, dass es den Einen gibt, der sogar als Mensch mächtiger ist als der Teufel.

Wenn der König verworfen wird und sein Königreich (noch) nicht antreten kann, stimmt das mit dem Alten Testament durchaus überein. Dann heißt das eben nicht, dass Christus nicht der Messias Gottes ist. Es zeigt nur, dass Er diese Funktion noch nicht öffentlich angetreten ist. Das wird noch kommen, wie manche Gleichnisse dieses Bibelbuches zeigen und wie es im Alten Testament vorhergesagt worden ist.

Verse 1–30: Der letzte Appell an die Juden und ihre Obersten

In den ersten 30 Versen wendet sich Jesus noch ein letztes Mal an die Juden und ihre Führer, bevor Er sie dann endgültig verwerfen muss. Noch einmal vollbringt Er zwei Wunder und redet mit ihnen, um ihr Gewissen zu erreichen. Noch einmal zitiert Er das Wort Gottes und zeigt damit deutlich, dass Er der von Gott Auserwählte ist.

Es ist ein letzter Appell, bevor dann aber in Vers 31 das Gerichtsurteil kommt. Wie immer hat Gott die Menschen mehrfach gewarnt, bevor Er sie verurteilt und richtet. Was für einen Ausweg soll es dann noch für solche Menschen geben können, die Christus anklagen, in der Kraft Satans zu wirken? Eine solche Bosheit kann nur mit Gericht von oben beantwortet werden. Dennoch staunen wir, dass auch diese Unverschämtheiten von dem Herrn in Sanftmut hingenommen werden, ohne dass Er diese Angreifer sofort kraft seiner göttlichen Macht richtet.

Verse 1–8: Die Größe der Person des Herrn

„Zu jener Zeit ging Jesus am Sabbat durch die Kornfelder; es hungerte aber seine Jünger, und sie fingen an, Ähren abzupflücken und zu essen. Als aber die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat zu tun nicht erlaubt ist. Er aber sprach zu ihnen: Habt ihr nicht gelesen, was David tat, als ihn und die, die bei ihm waren, hungerte? Wie er in das Haus Gottes ging und die Schaubrote aß, die er nicht essen durfte noch die, die bei ihm waren, sondern allein die Priester? Oder habt ihr nicht in dem Gesetz gelesen, dass am Sabbat die Priester im Tempel den Sabbat entheiligen und doch schuldlos sind? Ich sage euch aber: Größeres als der Tempel ist hier. Wenn ihr aber erkannt hättet, was das ist: ‚Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer‘, so hättet ihr die Schuldlosen nicht verurteilt. Denn der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats“ (Verse 1–8).

In diesen ersten acht Versen stellt Matthäus einmal mehr die Würde der Person vor, die von den Pharisäern verworfen wurde. Der demütige Jesus war nicht irgendwer! Er war der Sohn des Menschen, Er war der Herr des Sabbats. Er war also derjenige, der das Sagen auch über diesen Tag hatte, weil Er ihn selbst gegeben hatte.

Der Evangelist leitet den Abschnitt mit einem Hinweis auf die Zeit ein: „Zu jener Zeit ging Jesus durch die Kornfelder“. Er sagte nicht: „danach“ oder „in diesem Augenblick“. Typisch Matthäus, könnten wir sagen, denn auch an dieser Stelle durchbricht er wieder die Chronologie. Wenn wir unser Evangelium mit dem nach Markus vergleichen, erkennen wir, dass diese Begebenheit sehr früh stattgefunden hat. Wir finden sie in Markus 2,23–35. Offenbar fand sie nicht lange nach der Belehrung des Herrn über die neuen und alten Flicken, den neuen und alten Wein statt (vgl. Mt 9,14 ff.). Das unterstreicht auch hier, dass der Geist Gottes durch diese Neuordnung in unserem Evangelium die Verwerfung Christi deutlich herausstellen möchte.

Gottes Gedanken zum Sabbat

An einem Sabbat, also an unserem Samstag, hungerte die Jünger. Der Sabbat spielte im Leben des Herrn eine wichtige Rolle. Und zwar nicht nur in dem Sinn, dass Er ihn natürlich nach den Vorschriften des Gesetzes hielt. Wir finden, wenn wir durch die vier Evangelien hindurchgehen, dass es gerade immer wieder die Sabbate waren, an denen Er Wunder des Segens tat und die Jünger und die Volksmengen belehrte.

Gott hatte den Sabbat gegeben, längst bevor es das Gesetz und erst recht bevor es die vielen zusätzlichen Ge- und Verbote der Juden gab. Zunächst sehen wir, dass Gott den siebten Tag für sich selbst als einen Ruhetag nach der Erschaffung der Erde in sechs Tagen einsetzte. Hatte Gott Ruhe nötig? Das ist gar nicht die Frage. Dennoch setzte Er diesen Tag zu seiner eigenen Ruhe ein. „Denn an ihm ruhte er von all seinem Werk, dass Gott geschaffen hatte, indem er es machte“ (1. Mo 2,3). In diesem Zusammenhang lesen wir auch, dass Gott diesen Tag segnete und heiligte, das heißt besonders für sich reservierte.

Der Sabbat selbst wurde dann in Verbindung mit dem Geschenk des Mannas eingeführt. „Sechs Tage sollt ihr es sammeln; aber am siebten Tag ist Sabbat, an dem wird es nicht sein“ (2. Mo 16,26). Er war – wie für Gott der siebte Tag – eine Ruhepause für das Volk Israel. Später wurde seine Beachtung in 2. Mose 20,8 ff. als Teil des Gesetzes vom Sinai zu einem direkten Gebot. Dort wies Gott sein Volk an, keine Arbeit zu tun. Aber auch dieses Verbot gab Gott dem Volk Israel nicht als Last, sondern als Segen. Dennoch wachte Gott darüber, dass seine Vorschrift eingehalten wurde, wie wir an dem Gericht über jemanden, der in bewusster Auflehnung gegen die Vorschrift Gottes am Sabbat Holz auflas, in 4. Mose 15,32 ff. erkennen können.

Sabbat – Sonntag

An dieser Stelle ist vielleicht auch ein kurzes Wort zu unserem Sonntag sinnvoll. Wir wissen aus Römer 10,4, dass Christus des Gesetzes Ende ist. Damit hat auch das Gesetz keine Wirkung mehr für einen Gläubigen. Denn er ist durch das Gesetz dem Gesetz gestorben (vgl. Gal 2,19). Das macht deutlich, dass ein Christ den Sabbat nicht hält 1.

Wer den Sabbat halten will, sollte sich bewusst sein, dass er von Gott im Zuge seines 7-Tage-Werkes der Wohnbarmachung der Erde für den Menschen und später als Gesetz seinem irdischen Volk als Teil des Gesetzes gegeben wurde. Die Schöpfung liegt unter dem Fluch der Sünde, und da das Volk Israel das Gesetz gebrochen hat, steht auch dieses Volk unter dem Fluch Gottes. Wer also diesen Tag hält, stellt sich unter einen dieser beiden Flüche.

Was ist nun mit dem Sonntag, dem ersten Tag der Woche (vgl. Apg 20,7), dem Tag des Herrn (vgl. Off 1,10)? Wir wissen, dass es der Auferstehungstag unseres Retters ist (vgl. Joh 20,1; Mk 16,2). Es ist der Tag, an dem die Christen in der apostolischen Zeit als Versammlung (Gemeinde, Kirche) versammelt waren (Apg 20,7). Es ist der Tag, den der Herr für die Christen „sanktionierte“, das heißt heiligte, für sich zur Seite stellte, ihm einen besonderen Sinn gab. Ist das unser Sabbat, den wir wie das Volk Israel den Sabbat halten sollen?

Die Antwort auf diese Frage lautet eindeutig: Nein! Wir sind von der Sklaverei des Gesetzes durch das Werk des Herrn nicht freigemacht worden, um ein neues Gesetz zu erhalten. Wir leben in der christlichen Freiheit, die keine gesetzlichen Ansprüche an uns stellt. Bestimmt nicht am Auferstehungstag des Herrn, der den Gläubigen von der Sklaverei des Gesetzes befreit hat! Es ist der dem Herrn gehörende Tag, an dem wir ganz besonders an Ihn denken. Zwar dürfen wir das letztlich an jedem Tag tun, aber Gottes Wort nennt unseren Sonntag Tag des Herrn und gibt ihm damit durchaus eine Sonderstellung. Dass wir in sogenannten christlichen Ländern an diesem Tag zum großen Teil die Freiheit haben, nicht arbeiten zu müssen, dürfen wir als Segen des Herrn annehmen. Aber auch die Sonderstellung des Tages des Herrn darf uns nicht dahin führen, anderen Vorschriften zu machen, was sie alles nicht tun dürfen.

Dass der Gläubige versucht, wenn er die Möglichkeit hat, an diesem Tag dort zu sein, wo der Herr nach Matthäus 18,20 in der Mitte der Seinen ist, braucht nicht betont zu werden. Aber wehe uns, wenn wir anderen ein Gesetz auferlegen wollten, sie dürften am Tag des Herrn dieses oder jenes nicht tun! Dann glichen wir den Pharisäern, die über das Wort Gottes hinausgehende Vorschriften erließen. An diesem Tag wird ein Christ gerne mit denen zusammen sein, die ebenso wie er selbst zur Versammlung Gottes gehören und durch das Blut Jesu für Gott erkauft worden sind.

Jemand hat die Beziehung von Sabbat und Sonntag einmal so ausgedrückt: „Israel wurde befohlen, den Sabbat zu halten. Die Versammlung hat das Vorrecht, den ersten Tag der Woche zu genießen. Der Sabbat war der Test für den moralischen Zustand in Israel. Der Sonntag ist der wichtige Beweis der ewigen Annahme der Versammlung. Der Sabbat offenbarte, was Israel für Gott tun sollte. Der Tag des Herrn zeigt vollkommen, was Gott für uns getan hat.“

Allerdings wäre es unverantwortlich, wenn man diesen Tag freiwillig dazu benutzen würde, dem Gewinn nachzueifern. Es gibt bestimmte Berufe, die auch am Sonntag Verpflichtungen mit sich bringen (z.B. Ärzte, öffentlicher Nah- und Fernverkehr, etc.). Wer aber keiner solchen von außen auferlegten Pflicht unterliegt, wird diesen Tag nicht zum Arbeiten nutzen, sondern dazu, um mit den Erlösten im Namen des Herrn zusammenzukommen.

Der Verworfene und der Sabbat

Wie kam es nun, dass die Jünger an diesem, von Gott eigentlich als Segenstag geschenkten, Sabbat hungerte? Allein dieser Punkt zeigt bereits, dass hier etwas nicht stimmte. Der Messias war auf der Erde und hatte seine Jünger um sich gesammelt. Warum wurden sie nicht in einer gebührenden Weise versorgt? Weil sie zusammen mit ihrem Meister verworfen wurden.

So kommt es, dass der Herr mit ihnen durch die Kornfelder ging und sie Ähren abpflückten. Das war nach 5. Mose 23,26 im Gesetz Gottes grundsätzlich gestattet worden. Wie viel mehr war das für den Herrn und seine Jünger gültig! Dennoch fällt auf, dass hier nur von den Jüngern die Rede ist. Hatte nicht auch Jesus Hunger? Ich zweifle nicht daran. Aber Er aß nicht von diesen Kornfeldern. Wir bewundern Ihn, dass Er auch in seiner Verwerfung oft nicht das tat, was Ihm eigentlich zustand, nur um keinen Anlass für irgendeinen Anstoß zu geben. Er besaß die Freiheit zu essen, aber Er verzichtete darauf, weil Er kein Gebot vom Vater dazu erhalten hatte (vgl. Mt 4,4).

Die fünffache Antwort Jesu auf diese Anschuldigung

Die Pharisäer nehmen das Handeln der Jünger zum Anlass, den Herrn zu kritisieren. Es sei nicht erlaubt, von den Ähren an einem Sabbat der Ruhe zu pflücken. Wenn man eine entsprechende Vorschrift im Alten Testament suchte, würde man vergeblich nachschauen. Denn es gibt sie nicht. Es handelte sich wieder einmal um eine Überlieferung, die den Geboten Gottes hinzugefügt worden war. Aber der Herr geht darauf gar nicht ein. Das hatte Er in Matthäus 5 ausführlich getan.

Hier führt Er als Gesetzgeber fünf Argumente an, um zu zeigen, dass Er (und seine Jünger) jedes Recht hatten, von den Ähren zu essen. Und dennoch nahm Christus dieses Recht für sich nicht in Anspruch:

a) Zunächst zeigt Er, dass der Prototyp eines Königs in Israel, David, anders gehandelt hatte, als die Pharisäer es forderten.

b) Auch die höchste Klasse in Israel, die Priester, handelten im Widerspruch zu den Anweisungen der Pharisäer, aber in Übereinstimmung mit Gott.

c) Der Herr ist größer als David und die Priester, ja sogar größer als der Tempel.

d) Die Vorschriften waren für Gott Mittel zum Zweck, nicht das absolute Ziel.

e) Jesus ist als Sohn des Menschen Herr über den Sabbat.

Menschen hätten hier vielleicht zunächst darauf hingewiesen, dass es gar nicht verboten war, Ähren zu pflücken, auch nicht am Sabbattag. Die Jünger verstießen eben gerade nicht gegen ein Gebot. Der Herr hätte auch noch einmal auf die Ungültigkeit ihrer Überlieferungen hinweisen können. Aber das entsprach an dieser Stelle nicht der göttlichen Weisheit. Was hat derjenige, der als Gesetzgeber dem Volk das Gesetz des Sabbats gegeben hatte, zu sagen? Wie immer benutzt der Herr Jesus als Waffe das Wort Gottes selbst und wendet es in göttlicher Weise auf die Situation an. Das hatte Er bei der Versuchung getan. Er tut es auch hier.

a) David, der König nahm sich Brote am Sabbat

Der Herr Jesus nennt zunächst das Beispiel Davids, das im ersten Abschnitt in 1. Samuel 21 aufgeschrieben worden ist. Diese Anführung ist gerade insofern im Matthäusevangelium von besonderer Wichtigkeit, als es hier um Jesus, den König Israels geht. Wenn David so handeln konnte, war es dann Christus nicht erst recht erlaubt, so etwas zu tun?

Dabei erkennen wir aus den Worten des Herrn keine Kommentierung dessen, was David getan hat. Er stellt nur die Handlung heraus, die eigentlich nicht erlaubt war (Vers 4), auf die es jedoch kein Handeln des Gerichtes gegeben hat, weder vonseiten des Priesters, noch vonseiten Gottes. Christus selbst hatte am Sabbat nicht von den Ähren gepflückt, aber David hatte an einem Sabbat im Vorbeigehen diese Brote gewissermaßen „gepflückt“ (vgl. 1. Sam 21,7.8). Durften die Jünger dies dann nicht auch tun?

David – das Bild des verworfenen Jesus

Der Vergleich mit David ist aber noch in einer zweiten Hinsicht bemerkenswert. Denn David war zu diesem Zeitpunkt in einer Situation, die der des Herrn sehr ähnlich war. David war der Verworfene, der von Saul zu Unrecht verfolgt wurde. Christus war jetzt der Verworfene, der zu Unrecht von den Hohenpriestern, Schriftgelehrten, Pharisäern, Sadduzäern und Herodianern verfolgt wurde. Sie stellten sich damit auf eine Stufe mit Saul! Ob sie das verstanden haben?

Wenn der wahre König verfolgt wird, wenn der Gesalbte Gottes, den Er seinem Volk gesendet hat, verworfen wird, was für eine Bedeutung haben dann noch die Vorschriften, die Gott seinem Volk gegeben hatte? Wenn „Gott mit uns“ verworfen wurde, hörten die von Gott dem irdischen Volk als heilig gegebenen Dinge auf, heilig zu sein. Was für einen Wert sollte der Sabbat als Tag des Segens noch haben, wenn der Segen Gottes rundweg abgelehnt wurde? Und wie konnte sich ein sündiges Volk, das seinen Messias verwarf, auf das Gesetz berufen, das gerade von diesem Messias zeugte und sogar von diesem gegeben worden war?

Aus Stellen wie 2. Mose 31,16.17 und Hesekiel 20,12–20 wissen wir, dass der Sabbat das Zeichen des Bundes zwischen dem Herrn und seinem irdischen Volk Israel war. Wir haben schon gesehen, dass der Sabbat vor dem Gesetz gegeben wurde. Aber durch das Gesetz erhielt er einen veränderten Charakter. Nach 2. Mose 20,8–11 handelt es sich um das vierte Gebot; dieses wird in dem 2., 3., 4. und 5. Buch Mose immer wieder angeführt als ein wesentlicher Bestandteil des Bundes Gottes mit seinem Volk. Wenn aber der König vom Volk verworfen und damit der Bund gegenüber Gott gebrochen wurde, was für einen Wert besaß dann dieses Zeichen des Bundes überhaupt noch für das Volk, das seinem Gott den Rücken zukehrte?

Man könnte an dieser Stelle auch ergänzen, wenn man den Zusammenhang von Kapitel 11 und 12 einbezieht: Wer die wahre Ruhe, auch die der Seele (11,28.29), gefunden hat, dem zeigt der Herr, dass er die gesetzliche Ruhe des Sabbats nicht nötig hat. Sie hatte für Gott Wert bis zum Kommen des Herrn. Denn Christus ist das Ende des Gesetzes (Röm 10,4). Aber nicht nur das. Durch das Gesetz konnte es überhaupt keine Ruhe geben. Denn dieses erweist ja gerade die Unfähigkeit des Menschen, Gutes überhaupt tun zu können. Das Gesetz stellt daher letztlich vor allem das unheilbare Verderben des Menschen fest und zeigt es ihm. Das wurde jetzt auch dadurch deutlich, dass das Gesetz nicht verhindern konnte, dass das Volk Gottes Gott und seinen König, Jesus Christus, verwarf. Dem begegnete Christus, indem Er die Gnade brachte. Nur auf diesem Weg gibt es Heilung! Dass der Sabbat im 1.000-jährigen Königreich wieder gehalten werden soll (Hes 45,17; 46,1.3.4.12), ist eine symbolische Erinnerung daran, dass Gott durch Christus wirklich Ruhe gebracht hat.

b) Die Priester wirkten in besonderem Maß am Sabbat

Der Herr bringt ein zweites Argument zugunsten seiner Jünger an. Jetzt bezieht Er sich nicht einfach auf die Vergangenheit und ein Beispiel, sondern auf eine direkt im Wort Gottes verankerte Notwendigkeit.

Hatte nicht Gott angeordnet, dass Aaron Sabbat für Sabbat die Schaubrote backen und vor dem Herrn zurichten sollte (vgl. 3. Mo 24,8)? Hatte sich der Hohepriester folglich wegen dieser „Arbeit“ versündigt und versündigte sich der aktuelle Hohepriester damit in den Augen der Pharisäer? Wie stand es mit den vielen Opfern, welche die Priester dem Herrn gerade am Sabbat zu opfern hatten (vgl. z.B. 4. Mo 28,9)? Wahrscheinlich war es gerade der Sabbat, wo mehr als sonst Opfer gebracht wurden, da hier das Volk Zeit zum Opfern hatte. Die Priester nun waren schuldlos, die Jünger aber nicht?.

Mit diesen beiden Hinweisen verdeutlicht der Herr Jesus die Selbstgerechtigkeit und Widersprüchlichkeit seiner Ankläger, die vorgaben, das Gesetz zu kennen. In Wirklichkeit zeigten sie nur, dass sie in völliger Unkenntnis Gottes und seines Messias lebten. Sprachen nicht auch die Opfer selbst von der Barmherzigkeit Gottes dem Menschen gegenüber, indem Er seinem Volk trotz dessen Sünden einen Weg wies, trotz der Sünden des Volkes von Gott angenommen zu werden? Das war ein Beweis der Liebe und Barmherzigkeit Gottes, nicht jedoch eine gesetzliche Haltung.

c) Christus – größer als der Tempel

Jesus ist aber mit diesen Menschen noch nicht fertig. Er hat noch weitere Botschaften an ihre Gewissen. „Ich sage euch aber: Größeres als der Tempel ist hier.“ Diese Aussage kommt völlig unerwartet. Man hätte vielleicht gedacht, der Herr würde sagen, dass Er größer als David und größer als die Priester ist. Aber Er spricht davon, dass Er größer als der Tempel ist. Wenn die Priester im Tempel gewissermaßen über dem Sabbat standen, stand der Tempel ebenfalls über dem Sabbat. Aber hier war jemand, der noch erhabener war als der Tempel.

David ging in das Haus Gottes hinein. Dort wohnte Gott! Der damalige König war nur ein „Angestellter“ Gottes, der für einen bestimmten Zweck in dieses Haus Gottes hineinging. Die Priester waren Diener der Hütte, des Hauses Gottes (vgl. Heb 8,5; 9,2.3.6.8) und dienten dem heiligen Gott, der dort thronte – nicht mehr und nicht weniger. Hier aber stand derjenige, der selbst größer war als der Tempel, denn Er ist Gott. Hier stand derjenige, der in dem Tempel wohnte und thronte, als dieser noch das Haus Gottes war. Hatte Er nicht das Recht, auch am Sabbat zu pflücken oder seine Jünger pflücken zu lassen? Noch einmal staunen wir, dass Er sich selbst nicht das Recht nahm, das Er besaß, für sich selbst zu pflücken. Erneut ist Er nur tätig zur Verteidigung seiner Jünger!

d) Gebote und Barmherzigkeit

Der Herr lässt noch ein viertes Argument folgen. Was war die Intention Gottes, als Er den Sabbat gab, und zwar längst, bevor es das Gesetz gab? Er wollte das Volk mit diesem Tag segnen. Was aber hatten die Pharisäer mit ihren Überlieferungen aus diesem Tag gemacht? Einen Tag der Knechtschaft, der Bürde, des Unterdrückens. War das jemals der Gedanke Gottes gewesen? Ganz bestimmt nicht!

Um das zu verdeutlichen, zitiert der Herr ein weiteres Mal Hosea 6,6 (vgl. Mt 9,13): „Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer.“ Gerade hatte Christus von diesen Opfern gesprochen, welche die Priester auch am Sabbat brachten. Aber Gott ging es nicht um die Opfer. Gott ging es um die Herzen der Menschen seines Volkes, die Er erreichen wollte. Nicht die Vorschriften über Opfer oder den Sabbat standen für Ihn im Vordergrund, obwohl Er selbst sie angeordnet hatte und auch darauf bestand, dass sie eingehalten wurden – seine Vorschriften! Aber sie waren Mittel zum Zweck, um das Volk zu Gott zu bringen. Gott war in Christus gerade aus Barmherzigkeit zum Volk gekommen und nicht, um Vorschriften in den Mittelpunkt zu stellen.

Die Pharisäer dagegen hatten aus den Vorschriften Gottes und besonders aus den selbst erdachten Erläuterungen und Ergänzungen – viele findet man im Talmud – das Wesen des von Gott eingerichteten Dienstes verdreht. Dadurch hatten sie die Menschen in die Irre geführt. Denn weder hatte Gott diese Verordnungen so gegeben, noch waren die Verordnungen als solche sein Ziel. Er suchte das Herz – Barmherzigkeit – des Volkes, nicht ein schematisches und äußerliches Einhalten von Geboten. Hätten die Pharisäer dies verstanden, hätten sie die Jünger des Herrn nicht verurteilt. Diese waren schuldlos; die Pharisäer dagegen schuldig! Sie wollten nicht verstehen, dass das ganze System, das auf dem Gesetz und den Opfergaben beruhte, durch sein Kommen in Gnade zur Seite gestellt wurde. Das zweimalige Zitieren von Hosea 6 unterstreicht diesen Punkt nachhaltig. Denn Barmherzigkeit ist das Gegenteil von Verurteilung.

e) Der Sohn des Menschen als Herr des Sabbats

Auch damit ist der Herr noch nicht am Ende. Diese Führer in Israel mussten noch eine weitere, für sie bittere Lektion lernen: „Denn der Sohn des Menschen ist Herr des Sabbats.“ Wie heuchlerisch, wenn man davon spricht, den Sabbat zu halten, während man den Herrn des Sabbats soeben verurteilte und zu Tode bringen wollte.

Jesus spricht hier nicht von sich als König und Messias, selbst nicht als Sohn Gottes, sondern als Sohn des Menschen. In Kapitel 8,20 hat sich der Herr zum ersten Mal mit diesem Titel bezeichnet. Nur Er selbst nennt sich so. Dort haben wir bereits gesehen, dass Er als der „Sohn des Menschen“ der von Israel verworfene König ist, der zum Segen für alle Nationen wird, jetzt aber verherrlicht zur Rechten Gottes thront.

Wenn der Herr sich hier erneut „Sohn des Menschen“ nennt, dann weist Er damit auf seine Verwerfung hin, die Er vonseiten der Pharisäern erfahren hat. Darüber hinaus deutet Er aber auch an, dass Er diese Verwerfung annimmt. Die Annahme dieser Verwerfung schloss aber mit ein, dass Er sein eigenes Volk, zu dem Er in Gnade gekommen war, verwerfen und zur Seite stellen muss. Dass das Volk Israel heute wirklich „verworfen“ ist, schreibt der Geist Gottes ausdrücklich durch den Apostel Paulus (Röm 11,15). Damit hat Israel seine Vorrangstellung in den Wegen Gottes und seines Messias verloren.

Die Verwerfung des Herrn offenbart aber immer auch seine moralische Herrlichkeit, die in einer zukünftigen Zeit gesehen werden wird. Schon das Alte Testament enthält den Hinweis, dass der Sohn des Menschen Herrscher ist über die ganze Welt (Dan 7; Ps 8), und zwar von Gott, dem Geber des Sabbats, dazu feierlich gesalbt. Als Sohn des Menschen ist Er der Herr über den Sabbat, den Er selbst gegeben hat. Er hat die Autorität, diese Vorschriften zu geben und wieder aufzuheben. Er hat das Recht und die Würde, Gehorsam von allen Menschen, auch den Juden, zu fordern. Wer waren sie, dass sie stattdessen Gehorsam von Ihm forderten?

So zeigen uns diese ersten Verse, wie der Herr in göttlicher Autorität diese Ankläger in ihre Schranken weist. In erstaunlicher Sanftmut und Ausführlichkeit widmet Er sich ihnen. Aber sie haben nicht auf Ihn und sein Wort hören wollen, wie wir in den nächsten Abschnitten leider sehen müssen.

Verse 9–14: Die Größe des Werkes des Herrn

„Und als er von dort weiterging, kam er in ihre Synagoge. Und siehe, da war ein Mensch, der eine verdorrte Hand hatte. Und sie fragten ihn und sprachen: Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen? – um ihn anklagen zu können. Er aber sprach zu ihnen: Welcher Mensch wird unter euch sein, der ein Schaf hat und, wenn dieses am Sabbat in eine Grube fällt, es nicht ergreifen und aufrichten wird? Wie viel vorzüglicher ist nun ein Mensch als ein Schaf! Also ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun. Dann spricht er zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus. Und er streckte sie aus, und sie wurde wiederhergestellt, gesund wie die andere. Die Pharisäer aber gingen hinaus und hielten Rat gegen ihn, wie sie ihn umbrächten“ (Verse 9–14).

Während es in den ersten 8 Versen mehr um die Person Christi ging, finden wir hier sein Werk im Vordergrund. Im ersten Abschnitt standen eigentlich die Jünger unter Beschuss. Jetzt greifen sie Christus selbst an. Der erste Abschnitt findet in den Kornfeldern statt, der zweite in der Synagoge der Juden. Im ersten Fall tadeln die Pharisäern den Herrn und Er antwortet ihnen. Hier nun fragen sie Ihn, um Ihn anklagen zu können. Auf seine Antwort und sein Wirken hin wollen sie Ihn dann umbringen. Da diese beiden Abschnitte in allen drei synoptischen Evangelien aufeinanderfolgen, steht die Belehrung der beiden Ereignisse offensichtlich miteinander in untrennbarer Verbindung.

Wieder ist der Sabbat der Anlass der Anklage. Aber hier finden wir nicht das Essen zum eigenen Nutzen, sondern das Wirken des Herrn zugunsten eines anderen. Wir hatten schon in Verbindung mit den ersten acht Versen gesehen, dass der ursprüngliche Gedanke Gottes in Verbindung mit dem Sabbat Segen und Ruhe war. Warum wirkte Gott dann in der Person des Herrn?

Die Antwort auf diese Frage finden wir in Johannes 5,17, also exakt in den Umständen, die uns auch in Matthäus 12 beschäftigen. Es heißt: „Jesus aber antwortet ihnen: Mein Vater wirkt bis jetzt, und ich wirke.“ Der Herr musste wirken, weil die Sünde in die Welt gekommen war und sich auch sein eigenes, irdisches Volk schuldig gemacht hatte. So konnte Gott nicht die ewige Ruhe antreten, von der die Einrichtung des Sabbattages gleichnishaft spricht, sondern musste wirken. Durch die Sünde hat der Mensch den Anteil an der Ruhe Gottes verworfen, die Gott ihm eigentlich zugedacht hatte. Aber Gottes Pläne kommen trotz der Sünde des Menschen zustande. Allerdings war es dazu nötig, dass Gott selbst sozusagen seine Ruhe unterbrach, um für den Menschen tätig zu sein. Dieses Wirken hat seinen Höhepunkt am Kreuz von Golgatha gefunden. Aber in gewisser Hinsicht ist der Herr auch heute noch tätig, bis alle, die sein sind, das Ziel ihrer Lebensreise erreicht haben werden.

Der Mann mit der verdorrten Hand – ein Bild von Israel

In der Synagoge trifft Jesus auf einen Menschen mit einer verdorrten Hand. Wir finden auch hier wieder einen Hinweis auf den Zustand des Volkes Israel. Es ist ihre Synagoge. Dieser Ort ist geradezu sinnbildlich für das religiöse Israel. Der Mann ist krank – und das, obwohl Gott der Arzt ist, der sein Volk heilt (2. Mo 15,26). Dieser Mann war nicht einmal in der Lage, Ähren zu pflücken und den Segen Gottes zu genießen. Er konnte nicht mit seinen Händen arbeiten, denn die Hand war verdorrt. So war das Volk Gottes in seinem aktuellen, bösen Zustand nicht in der Lage, den Segen Gottes zu genießen und für Gott tätig zu sein.

Im Gegensatz zum bösen Zustand des Volkes Israel steht die Heiligkeit des Sabbats, den Gott gegeben hatte. Die Pharisäer legten Wert auf das Einhalten des Sabbats, der Herr legte Wert auf die Heiligkeit im Leben. Dafür war Er bereit, auch am Sabbat Segen zu bringen. Das Volk war unfähig, Gott zu dienen (verdorrte Hand), und unwillig, den Messias anzunehmen. Das ist das Bild, das der Heilige Geist hier malt. Es gibt nur noch eine Hoffnung für einen wahren Sabbat: dass Christus ihn als Ergebnis seines Werkes auf Golgatha für die Menschen in der Zukunft wieder neu schenken wird, als wahre Ruhe.

In den ersten Versen haben wir gelernt, wie schuldig das Volk war. Hier erkennen wir, dass Christus sich dennoch nicht von seinem Volk abwenden möchte, sondern sogar an dem Tag, der eigentlich ein Ruhetag für Ihn sein durfte, für sie tätig ist, um sie wieder gesund zu machen und zu Gott zurück zu führen. Wenn sie gewollt hätten ...

Die Pharisäer und Schriftgelehrten kommen nun mit einer aus ihrer Sicht spitzfindigen und intelligenten Frage: „Ist es erlaubt, am Sabbat zu heilen?“ Was für eine Frage! Ist es gestattet, an einem Tag, den Gott zum Segen geschenkt hat, Segen zu erteilen? Was für eine Bosheit offenbart sich durch diese Frage. Sie selbst waren nicht in der Lage, diesen armen Mann zu heilen. Sie konnten ihm nicht helfen. Und sie wollten es auch nicht, dieser Mann war ihnen eigentlich gleichgültig. Aber hier gab es den Einen, von dem sie wussten und annahmen, dass Er heilen konnte und würde. Jetzt aber wollten sie Ihm mit Blick auf ihre eigenen Zusatzvorschriften eine Falle stellen, indem sie Ihm verwehren wollten, das Gute für diesen Menschen zu tun.

Sie hatten immer noch nicht gelernt und verstanden, dass der, mit dem sie es zu tun hatten, ihnen weit überlegen war. Sie kannten Ihn nicht. Wir erinnern uns dazu an die Worte des Herrn (Mt 11,27): „Niemand erkennt den Sohn als nur der Vater, noch erkennt jemand den Vater als nur der Sohn und wem irgend der Sohn ihn offenbaren will.“ Christus konnten und wollten die Pharisäer und Führer des Volkes nicht kennenlernen. Aber selbst den Vater im Himmel lernten sie nicht kennen. Denn der Herr offenbarte den Vater nur solchen, die bereit waren, Ihn anzunehmen. Niemand hat einen Anspruch auf diese Offenbarung. Es ist reine Gnade!

Die Juden wollten dem Herrn verbieten, am Sabbat tätig zu werden. In diesem Fall gibt der Herr nur eine kurze, aber eindrückliche Antwort. Kein Jude wäre auf die Idee gekommen, sein Schaf umkommen zu lassen, das an einem Sabbat in eine Grube gefallen ist. Ist denn der Mensch nicht viel mehr wert als ein solches Tier? Und war die Anstrengung für die Rettung eines Schafes für die Juden nicht viel größer als die Heilung des kranken Mannes für den Herrn?

Gesetz und Gnade

Die Wunder-Heilung war in den Überlieferungen der Juden nicht vorgesehen. Deshalb gab es im Unterschied zur Rettung beispielsweise von Kleinkindern etc. in den jüdischen Traditionen keine konkrete Vorschrift hierzu. Diesen Umstand wollten nun die Juden nutzen und dem Herrn eine Falle stellen. Er aber zeigt ihnen, dass sie überhaupt nicht begriffen, was der Gedanke Gottes über den Sabbat war. Sie erlaubten manches. Das jedoch, was viel mehr zum Segen der Menschen und damit zum Lob Gottes war, wollten sie verbieten. Sie waren durchdrungen von Eifersucht im Blick auf seine Macht über Satan, über dessen Einflüsse und Autorität. Sie wollten nicht hinnehmen, dass hier jemand vor ihnen stand, der ihnen an Kraft, Autorität und Macht in jeder Hinsicht überlegen war. Was aus ihrer Sicht nicht sein konnte, musste verboten werden. Das führte sie in die ständige Opposition gegen Ihn, auch wenn es zu Lasten der armen Menschen um sie herum ging. Deren Wohl aber interessierte sie nicht.

Christus besaß ein anderes Herz! Er war gekommen, um für die Schafe sogar sein Leben hinzugeben in den Tod (vgl. Joh 10). Und dann sollte Er diesen armen Mann hier einfach verkrüppelt stehen lassen? Das kam für Ihn nicht in Frage. Denn ein Mensch war, und das bestätigten auch die Juden, viel wertvoller als ein Schaf. So überführt der Herr diese Menschen aus ihren eigenen Überlegungen und Überlieferungen heraus. Gutes wirken und Segen hervorbringen durfte man auch in Israel sieben Tage lang. Wie viel mehr Gott, der die Quelle des Segens und auch der Geber des Gesetzes ist.

Die Wiederherstellung (Israels)

Der Herr wendet sich von den bösen und ungläubigen Menschen weg, um sich dem kranken Menschen zu widmen. Er vollbringt das Wunder nicht, ohne den Glauben dieses Mannes zu testen: „Strecke deine Hand aus!“ Der Herr fordert immer das Herz und den Glauben eines Menschen heraus, bevor Er ihn heilt. So auch hier. Was für einen Sinn hatte es, eine verdorrte Hand auszustrecken? Das war ja unmöglich. Aber der Herr fordert es – und der Mann hat den Glauben, das auch zu tun. So wurde die Hand wiederhergestellt und war gesund wie die andere.

Ist diese Ausdrucksweise nicht bezeichnend? Wir lesen nichts davon, dass dieser Mann einen Unfall gehabt hätte, der zu dem Verdorren seiner Hand geführt hatte. Und doch spricht der Geist Gottes von der „Wiederherstellung“ der Hand. Das scheint ein Hinweis darauf zu sein, dass der Herr schon damals mit dem Wunsch zu seinem Volk gekommen ist, dass dieses Buße tut, um wiederhergestellt zu werden. Leider war das Volk der Juden dazu nicht bereit. Daher muss die Wiederherstellung bis heute noch warten. Aber es wird der Zeitpunkt kommen, an dem die Übriggebliebenen des Volkes umkehren und ihre Sünden bekennen werden. Auf diesem Weg werden sie wiederhergestellt werden. Dann wird der Herr für sie der sein, „der da vergibt alle deine Ungerechtigkeit, der da heilt alle deine Krankheiten“ (Ps 103,3).

Die Reaktion der Pharisäer

Außerordentlich traurig ist die Reaktion der Pharisäer. Sie nehmen dieses Wunder erstmalig zum Anlass, den Herrn umbringen lassen zu wollen. Hier fassen sie den Beschluss, den sie nur wenige Monate später verwirklichen würden. Sie verwerfen Christus und erkennen nicht, dass sie damit ihr eigenes Urteil fällen. Wie böse ist der Mensch, dass er das Gutestun eines anderen zum Anlass nimmt, diesen umzubringen.

Es wäre besser gewesen, die Juden hätten sich nicht – im Widerspruch zu ihrem eigenen Gesetz – zusammengerottet, um Mordpläne zu überlegen. Es wäre zu ihrem eigenen Segen gewesen, wenn sie sich überlegt hätten, inwiefern ihre eigenen Hinzufügungen zu dem Gesetz Gottes „unerlaubt“ und im Gegensatz zu den Gedanken Gottes waren.

Aber Christus lässt sich von seinem Weg in Gehorsam seinem Vater gegenüber nicht abbringen. Er wirkt auch weiter, sogar für dieses Volk. Denn wer könnte den Herrn Jesus in seinem Wirken eingrenzen?

Verse 15 –21: Christus, der Knecht Gottes, sein Auserwählter

„Als aber Jesus es erkannte, zog er sich von dort zurück; und große Volksmengen folgten ihm, und er heilte sie alle. Und er gebot ihnen ernstlich, ihn nicht offenbar zu machen, damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: ‚Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat; ich werde meinen Geist auf ihn legen, und er wird den Nationen Gericht ankündigen. Er wird nicht streiten noch schreien, noch wird jemand seine Stimme auf den Straßen hören; ein geknicktes Rohr wird er nicht zerbrechen, und einen glimmenden Docht wird er nicht auslöschen, bis er das Gericht zum Sieg führt; und auf seinen Namen werden die Nationen hoffen‘“ (Verse 15–21).

In diesem dritten Abschnitt des Kapitels lernen wir, dass Jesus zwar von den Juden verworfen wurde, bei Gott, seinem Vater, jedoch der Auserwählte, der Geliebte war. Und dessen blieb sich der Herr auch in Zeiten bewusst, in denen Er auf dieser Erde mehr und mehr abgelehnt wurde. Diese Stelle wird durch den Heiligen Geist wohl deshalb zitiert, damit wir ein genaues Bild von der Stellung des Herrn sehen, ehe im weiteren Verlauf die Verwerfung des Herrn ihren Höhepunkt findet und in der Antwort die Verwerfung des Volkes stattfindet.

Wir bewundern unseren Herrn, dass Er die Mordbeschlüsse seiner Feinde nicht zum Anlass nahm, sie zu richten und zu vernichten. Er war mehr als nur Messias und Sohn des Menschen. Er ist Emmanuel, Gott selbst. So erkannte Er sofort die Absichten der Pharisäer und zog sich von ihnen zurück. Denn seine Stunde war noch nicht gekommen; Er hatte noch ein Werk hier auf der Erde zu verrichten.

Wie bei manchen anderen Situationen nutzen das die Volksmengen, um hinter Christus herzulaufen. Matthäus spricht hier von „großen Volksmengen“. Will er damit nicht andeuten, dass zwar die Führer den Herrn ablehnten, sehr, sehr viele aber wussten, dass Christus mehr war als nur ein normaler Mensch? Sie hatten erfahren und wollten weiter erfahren, dass Gott in Gnade und durch Wunder bei ihnen war. Leider waren auch diese großen Volksmengen letztlich mehr an dem äußeren Wundertun interessiert als an der Belehrung für ihre Herzen und Gewissen. Dennoch nimmt sich der Herr ihrer an und heilte sie alle. Dem Herrn ging es nie um sich selbst. Sein Herz war bei den Armen, den Kranken, denen Er helfen wollte. „Der umherging, wohl tuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38).

Die Führer des Volkes Israel wollten Christus umbringen. Christus beginnt von hier an, sein Zeugnis nach und nach zurückzuziehen. Zudem wollte Er auch jetzt nicht durch diese Zeichen bekannt werden. Ihm ging es nicht um Macht und Autorität, wie den Pharisäern. Er wollte schlicht den Willen seines Vaters ausführen. Daher gebot Er den Mengen sogar ernstlich, Ihn nicht offenbar zu machen. Er wollte seinem himmlischen Vater folgen, der schon im Alten Testament deutlich gemacht hatte, wer sein wahrer Knecht sein würde und wie Er sich verhalten sollte.

Wir finden in diesem 15. Vers noch ein weiteres Bild. In Vers 14 haben wir gelesen, dass die Pharisäer Christus umzubringen suchten. Das ist ein Hinweis darauf, dass sie es später wirklich tun würden. Was ist die Folge davon? Dass Christus seinen Segen nicht nur den Juden, sondern jedem Menschen anbietet. Volksmengen (wohl auch aus den Nationen) kommen so in den Genuss seines Werkes.

Das Alte Testament zeigt den wahren Knecht Gottes

„Siehe, mein Knecht, den ich erwählt habe, mein Geliebter, an dem meine Seele Wohlgefallen gefunden hat; ich werde meinen Geist auf ihn legen, und er wird den Nationen Gericht ankündigen.“ Passen diese Worte nicht gerade zur Botschaft von Matthäus, auch wenn die prophetische Bedeutung des zweiten Teils dieses Verses, wie Jesaja sie ausdrückt, natürlich weit über die damalige Zeit hinausreicht? Aber der Geist Gottes verwendet hier die Form, die auf eine vollständige Erfüllung hinweist (vgl. die Erklärungen zu Mt 1,22). Das heißt, dass Gott deutlich machen möchte, dass Christus in dieser Gesinnung und in dieser Weise damals auf die Erde kam.

Eigentlich war Israel der Knecht Gottes (vgl. Jes 49,3). Aber Israel war untreu geworden und hatte sich als unnützer Knecht erwiesen. Da kam Jesus auf die Erde. Gott selbst hat Ihn erwählt, sein Knecht zu sein. Aber Er war nicht einfach ein Knecht Gottes. Er war der Geliebte Gottes. „Mein Geliebter“, das sagt Gott von Ihm und in dieser Absolutheit von Ihm allein!

Gott hatte auch Israel geliebt: „Ich habe euch geliebt, spricht der Herr“ (Mal 1,2). Aber was hat dieses Volk aus der göttlichen Liebe gemacht? Sie haben Gott und seine Liebe mit Füßen getreten. Deshalb muss Gott hinzufügen: „Ich habe kein Gefallen an euch, spricht der Herr der Heerscharen“ (Mal 1,10). Gott spricht mit Abscheu über dieses widerspenstige Volk.

Und da sieht Er diesen einen Knecht. An Ihm hat Er Wohlgefallen, denn Er verherrlicht Gott in allem. Christus ist seine ganze Freude. Das kann Er nicht verschweigen und hat mehrfach den Himmel über dieser einen Person geöffnet, um auch der ganzen Welt mitzuteilen, dass Christus sein ganzes Wohlgefallen besitzt. Was für ein Unterschied zu dem Volk. Dieses findet keinen Gefallen an Christus und muss von Gott verworfen werden. Er dagegen besitzt das Wohlgefallen Gottes und wird vom Volk verstoßen.

Aufgrund seiner Widmung an Gott hat dieser seinen Geist auf Ihn gelegt. Das haben wir in Verbindung mit der Taufe schon gesehen. Natürlich wohnte der Geist Gottes von der Zeugung an in Christus, dem Geliebten. Im Bild des Speisopfers ist Er gemengt mit Öl. Aber Gott hat Ihm für seine Aufgabe auch sichtbar den Geist Gottes gegeben. Er hat Ihn gesalbt mit Öl, so dass Er mit der ganzen Autorität Gottes jetzt auch als Mensch zu seinem Volk reden kann. Aber nicht nur zu seinem Volk: „Er wird den Nationen Gericht ankündigen.“ Sein Mund öffnet sich mit Autorität zu allen Nationen.

Der Messias – für Israel und die ganze Welt

Wieder erkennen wir, dass der Messias in diesem Evangelium nicht nur zu seinem eigenen Volk spricht. Weil sein Volk Ihn verwarf, hat Er von Anfang an auch eine Botschaft an die Nationen. Zweimal werden sie vom inspirierten Schreiber in diesem Abschnitt erwähnt. Ihnen wird Er Recht und Gericht kundtun. Er lädt sie ein, zu Ihm zu kommen. Er zeigt ihnen, was das Recht Gottes ist. Er muss auch ihnen Gericht ankündigen, wenn sie nicht zu Gott umkehren und Buße tun. Aber Er hat eine gute Botschaft für sie. Was für ein Gerichtsurteil für das Volk Israel, dass Gott schon im Alten Testament hat niederschreiben lassen, dass sich der wahre Knecht Gottes an die Nationen wenden würde.

Der Charakter dieses Knechtes ist bewundernswert. Er hat nichts Lautes an sich. Wenn Menschen heute Gutes tun wollen, dann unter dem Motto: Tu Gutes und rede darüber. Nicht so Christus. Er würde nicht streiten – ob wir Gläubigen, die wir alle Diener des Herrn sind, diese Worte beherzigen (vgl. 2. Tim 2,24; Phil 4,5)? – und auch nicht schreien. Sein Wirken wäre nicht in erster Linie an die Öffentlichkeit gerichtet. Er zog nie die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich selbst, sondern ging stets in vollkommener Selbstverleugnung voran, demütig, aber in der Kraft des Geistes, um sein Werk der Liebe zu erfüllen. Jemand hat einmal gesagt: „Das Gute macht kein Geräusch, und das Geräuschvolle tut nichts Gutes.“

Christus wollte seinem Gott dienen und das Wohl der Menschen suchen. Das hat Er gerade in den Begebenheiten dieses Kapitels wieder bewiesen, zugunsten seiner Jünger, zugunsten des Mannes mit der verdorrten Hand, zugunsten der Kranken aus den großen Volksmengen.

Barmherzigkeit sogar gegenüber seinen Feinden

Was gibt es Wertloseres als ein geknicktes Rohr, das niedergetrampelt werden kann? Was ist geringer als ein glimmenden Docht, bei dem ein einziger Wassertropfen reicht, um ihn auszulöschen. Aber Christus wollte sich sowohl um das Rohr als auch um den Docht kümmern.

Ein geknicktes Rohr würde Er nicht zerbrechen. Ist es nicht ein Bild des Zustandes des Volkes Israels? Noch waren sie nicht vollständig abgerissen von Gott. Aber sie befanden sich in einem Zustand, in dem sie bereits abgeknickt waren. Und doch wollte Er nicht den Untergang seines Volkes. Christus war ja gerade gekommen, um das Volk von ihren Sünden zu erlösen (Mt 1,21). Dieses Ziel wollte und würde Er nicht aufgeben, auch nach seiner Verwerfung durch das eigene Volk nicht. Er ging wirklich an das Kreuz; und dort starb Er auch für sein eigenes Volk!

Auch den glimmenden Docht wollte Christus nicht auslöschen. In seinem Volk gab es noch solch einen Docht. Zwar war kein helles Licht mehr vorhanden, wohl aber noch ein kleines Glimmen. Hier würde Er den Docht nicht einfach erlöschen lassen. Christus hätte, um in dem Bild zu bleiben, mit einem kleinen Windstoß bewirken können, dass das ganze Volk verloren gewesen wäre. Aber das entsprach nicht der Gesinnung unseres Herrn. Er wollte erhalten, aufrichten, wiederbeleben, wiederherstellen. Deshalb war Er gekommen; das würde seine Lebensaufgabe auch weiter bleiben, selbst wenn sie Ihn das Leben kosten würde.

Das Ziel war: das Gericht zum Sieg führen. Das ist ein interessanter Ausdruck. Wie kann Gericht zum Sieg geführt werden? Gericht bedeutet doch Bestrafung oder sogar Vernichtung. So ist es. Aber hier sehen wir etwas von der Liebe unseres Retters. Das Gericht konnte nur dadurch zum Sieg geführt werden, dass der Richter selbst das Gericht auf sich nahm. Er würde sich an die Stelle des zu Richtenden stellen und das ganze Gericht ertragen. Das ist ein Hinweis auf das Kreuz. Und dadurch würde Er die Grundlage dafür schaffen, dass es auch für das Volk Israel in Zukunft wieder einen Sieg geben kann.

Der Segen der Nationen

Zum Schluss dieses Abschnitts weist der Herr durch dieses Zitat noch einmal darauf hin, dass Er sich nicht auf sein irdisches Volk würde einschränken lassen. Auch die Nationen kämen in den Genuss seines Segens, wie es Abraham angekündigt worden war. Die Nationen werden auf den Namen des Messias hoffen. Sie werden einmal erkennen, dass auch für sie nur in Christus Hoffnung auf ein Leben im Segen vorhanden ist. Auch dafür würde der Herr sterben!

Ob uns immer bewusst ist, dass nur in seinem Namen Hoffnung und Segen vorhanden ist? Christus erfüllt das Herz seines Vaters mit vollkommener Freude. Er möchte auch uns ausfüllen und unsere völlige Freude sein (vgl. Joh 15,11; 16,24). Ob uns seine Anerkennung auch grundsätzlich wichtiger ist als die von Menschen, die uns umgeben?

Verse 22–30: Ein letztes Wunder zugunsten seines Volkes

„Dann wurde ein Besessener zu ihm gebracht, blind und stumm; und er heilte ihn, so dass der Stumme redete und sah. Und alle die Volksmengen erstaunten und sprachen: Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids? Die Pharisäer aber sagten, als sie es hörten: Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus, als durch den Beelzebul, den Fürsten der Dämonen. Da er aber ihre Gedanken kannte, sprach er zu ihnen: Jedes Reich, das mit sich selbst entzweit ist, wird verwüstet; und jede Stadt oder jedes Haus, das mit sich selbst entzweit ist, wird nicht bestehen. Und wenn der Satan den Satan austreibt, so ist er mit sich selbst entzweit; wie wird denn sein Reich bestehen? Und wenn ich durch Beelzebul die Dämonen austreibe, durch wen treiben eure Söhne sie aus? Darum werden sie eure Richter sein. Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, so ist also das Reich Gottes zu euch gekommen. Oder wie kann jemand in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken bindet? Und dann wird er sein Haus berauben. Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut“ (Verse 22–30).

Nun kommen wir zum letzten Wunder, das der Herr Jesus nach dem Bericht von Matthäus zugunsten seines Volkes Israel getan hat, bevor die Verwerfung seiner Person vollständig war. Natürlich hat der Herr auch nachher noch Wunder in und für Israel getan. Aber sie tragen einen anderen, neuen Charakter. Noch wendet sich der Herr an sein Volk, um es als Ganzes zu gewinnen. Diese Begebenheit fand eine ganze Zeit nach dem statt, was wir in den vorigen Abschnitten gesehen haben. Beispielsweise folgt auf Vers 21 die Berufung der 12 Jünger, die Bergpredigt, die Heilung des Knechtes des Hauptmanns (8,5 ff.), die Auferweckung des Sohnes der Witwe Nains (Lk 7,11 ff.), auch die Frage von Johannes dem Täufer sowie das Gericht der Städte, das wir in Kapitel 11 gesehen hatten.

Der Besessene: Ein Bild des Volkes

Nun wird ein Besessener zu dem Herrn gebracht. Er trägt drei Kennzeichen: Er ist von Satan besessen und dadurch blind und stumm. Noch einmal finden wir in dieser Person eine bildhafte Beschreibung des Volkes Israel zur Zeit, als der Herr auf der Erde war. Es war von Satan, dem Starken eingenommen worden (vgl. Vers 29), weil sich das Volk von Gott abgewandt hatte. Dadurch hatte es von sich aus Platz für den großen Widersacher Gottes gemacht. Die Folge dieser Öffnung für den Teufel war, dass das Volk blind war. Es war blind über den eigenen Zustand der Sündhaftigkeit und Bosheit. Es war blind über Gott, den es nicht kannte, selbst als Er in Christus zu seinem Volk kam. Es war blind, weil der Herr diesem Volk seinen Vater nicht offenbaren konnte. Es war blind über die Notwendigkeit, Buße zu tun und den König anzunehmen.

Das Volk war auch stumm. Es war nicht in der Lage, Gott zu loben. Wie hätte auch Gott von solchen unreinen Lippen einen Lobpreis annehmen können? Aber dieses Volk war nicht einmal imstande, ein solches Lob auszusprechen. So war es vollkommen unnütz für Gott, wie das Holz des Weinstocks, das nur durch die Trauben Wert für Gott hatte (vgl. Hes 15,1–5).

Doch der Herr gibt sich mit diesem Zustand nicht zufrieden. Er will heilen, und Er heilt. Noch einmal zeigt Er seinem Volk ein Herz voller Barmherzigkeit, das dem Elend ein Ende setzen möchte. So wird es für das ganze Volk kommen, wenn Christus nach der Aufnahme seiner Versammlung (Gemeinde, Kirche) wieder neu Beziehungen mit seinem Volk eingehen wird. Er wird es heilen und zu Gott zurückbringen.

Dazu war man damals nicht bereit. Wohl finden wir ein Erstaunen der Volksmengen. „Dieser ist doch nicht etwa der Sohn Davids?“ Aber hatten sie nicht inzwischen so viele Zeichen von Ihm erlebt, dass sie nicht hätten fragen, sondern ausrufen müssen: „Dieser ist der Sohn Davids!“ Wir erkennen, dass das Volk, wenn es auch (noch) nicht feindlich gegen Christus steht, jedenfalls nicht in einer Weise zu Ihm steht, dass es Ihn direkt als Messias angenommen hätte. Sie waren blind und doch noch in der Lage, sich zu wundern. Immerhin unterscheiden sie sich damit deutlich von den Führern des Volkes.

Der Hass der Führer des Volkes tritt hervor

Diese Bewunderung führt jedoch nur dazu, den Hass der Führer des Volkes in der Gestalt der Pharisäer herauszufordern. „Dieser ...“, was für eine Geringschätzung hört man aus diesem Wort heraus! Diese Menschen konnten das Wunder nicht leugnen. Dazu waren die Dinge zu offensichtlich. Wenn sie anerkannten, dass es durch Gott gewirkt war, hätte es nur eine Konsequenz gegeben: sich dem Herrn Jesus anschließen und Ihn als Messias anerkennen. Jesaja 35,5.6 war ja vor ihren eigenen Augen erfüllt worden. Ist es von ungefähr, dass hier die Fortsetzung des Zitates aus Jesaja 42 seine Erfüllung findet? „Ich werde dich setzen zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen, um blinde Augen aufzutun, um Gefangene aus dem Kerker herauszuführen, und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen“ (Jes 42,6.7).

Aber diese Anführer wollten sich dem Messias nicht öffnen. Ihr Herz war voller Hass gegen Ihn, von dem sie annehmen, dass Er ihnen die Vorrangstellung inmitten des Volkes streitig machte. So lassen sie sich durch Satan dazu verführen, ihre Anklage zu wiederholen, die wir schon in Kapitel 9,34 ein erstes Mal gelesen haben: „Durch den Fürsten der Dämonen treibt er die Dämonen aus.“ Jetzt sind sie noch härter: „Dieser treibt die Dämonen nicht anders aus als durch den Beelzebul, den Fürsten der Dämonen.“ Sie lassen keine Alternative mehr zu. „Gott mit uns“ steht dort vor ihnen. Und sie werfen Ihm vor, von dem Obersten der Dämonen erfüllt zu sein, durch den Er die Dämonen austreibe! Dabei war sein Handeln geradezu der Beweis seines Sieges über den Teufel.

Dieses Mal übergeht der Herr diese Bosheit nicht mehr. Auch wenn die Pharisäer dieser Worte nicht öffentlich ausgesprochen haben, widersteht Christus ihnen jetzt ins Angesicht. Durch diese Worte besiegeln die Pharisäer ihren eigenen Zustand und bewirken ihr eigenes, endgültiges Gericht vonseiten Gottes.

Ginge es um Ihn selbst, hätte Er geschwiegen, wie Er es sogar am Kreuz getan hat. Aber es ging um die Ehre dessen, der sich hier nicht öffentlich verteidigen konnte: des Heiligen Geistes. Zudem war es nach Kapitel 9,34 bereits das zweite Mal, dass sie die Wunder, die Er in der Kraft des Heiligen Geistes tat, Satan zuschrieben. Damit war ein vollständiges Zeugnis ihrer Bosheit gegen den Geist Gottes gegeben. So bezieht der Herr Stellung. Damit zeigt Er, dass er nicht nur der wahre Messias ist, sondern Gott selbst. Denn diese Menschen hatten ihre Gedanken nicht offen ausgesprochen. Dennoch waren sie vor Ihm nicht verborgen. Er stellt diese bösen Menschen daher zur Rede. Erneut staunen wir, dass der Herr auf sehr sachliche Weise mit diesen Leuten argumentiert, allerdings nicht, ohne auch zugleich das Gericht bereits an dieser Stelle anzudeuten:

Die vollkommene Argumentation des Herrn

1. Zunächst zeigt der Herr die Absurdität des Argumentes auf. Wenn Er die Dämonen durch ihren Fürsten austriebe, so wäre das Reich der Dämonen entzweit. Selbst im irdischen Bereich würde sich ein vernünftige Gruppe von Personen nicht gegenseitig entzweien. Es wäre der Untergang der ganzen Gruppe. Waren diese Pharisäer wirklich der Meinung, dass Satan derart dumm ist? Er tritt doch nicht gegen seine eigenen Untertanen auf, die ihm zu Diensten stehen und seine Befehle ausführen.

2. In Vers 26 geht Jesus noch weiter. Er zeigt, dass ein solches Vorhaben letztlich nicht nur ein Affront gegen Untergebene wäre, sondern dass Satan dann eigentlich gegen sich selbst aufstehen würde. Wie könnte er seine Machtstellung bewahren, wenn er gegen seine eigenen Ziele, ja gegen sich selbst aufstünde?
Wir lernen aus diesem Vers im Übrigen manches über Satan. Er ist eine Person, nicht einfach eine Idee. Er hat ein Königreich und viele Untergebene. Die Dämonen sind sein Königreich. Wie wenig wissen wir von dieser schrecklichen Macht, von seinem Königreich, von seinen Agenten, die ihm zur Verfügung stehen und seine Aufträge ausführen, um das Leben von Menschen zu zerstören. Es ist gut zu wissen, dass diesem Feind am Kreuz heute der Kopf zermalmt worden ist und dass es sich um einen besiegten Feind handelt.

3. Der Herr hat ein weiteres Argument. Auch „eure Söhne“ hatten Wunder bewirkt. Wir denken an die kleine Jüngerschar des Herrn. Sie waren Juden, sie gehörten zum Volk Israel und waren in diesem Sinn „Söhne“, auch wenn der Herr sie hier sicher nicht zu den Pharisäern rechnet. Oder denken wir an den Mann, der nach Lukas 9,49 Dämonen austrieb und kein direkter Jünger des Herrn war. Auch er war offenbar ein Jude. Man kann auch an die 70 denken, von denen in Lukas 10,17 die Rede ist und die ebenfalls Dämonen ausgetrieben haben 2. Der Herr stand also bei weitem nicht allein da. Durch wen hatten diese Menschen Dämonen ausgetrieben? Wollten die Pharisäer gegen das eigene Volk aufstehen, um es anzuklagen, im Namen des Teufels tätig gewesen zu sein? Was für eine Unverfrorenheit, dies dem Herrn Jesus zu unterstellen und vorzuwerfen!

4. An dieser Stelle spricht der Herr auch von Gericht. „Sie werden eure Richter sein.“ Es waren solche, die als Diener Gottes und damit Diener des Herrn tätig waren. Sie hatten von Ihm den Auftrag und die Kraft dazu bekommen. Wenn Er im Namen Gottes Dämonen austrieb, dann auch sie. Wenn man Ihm vorwarf, durch Satan die Dämonen auszutreiben, warf man es letztlich auch ihnen vor. Daher würden sie als Richter auftreten. Denn sie konnten bezeugen, dass sie mit Satan genauso wenig zu tun hatten wie Christus. Und das würde ausreichen, um diese furchtbaren Ankläger zu verurteilen.

5. Auch damit beendet der Herr seine Argumentation noch nicht. Er zeigt, dass es nur eine Lösung geben kann, wenn man das vorherige verstehen will: Christus treibt die Dämonen durch den Geist Gottes aus, durch Gott selbst. In Lukas 11,20 spricht der Herr Jesus in diesem Zusammenhang davon, dass es der „Finger Gottes“ war, durch den Er handelte. Gott selbst war in seiner Person anwesend und wirksam. Und wenn es Gott war, der in Ihm wirkte, dann war das Königreich Gottes zu den Juden gekommen. Denn dieses Reich bekam seinen Charakter, seine Prägung durch Gott selbst. Gott hatte im Alten Testament angekündigt, sein Volk zu besuchen. Jetzt war Er da – dann musste das Königreich seinen Anfang genommen haben. Was für eine Anklage war das für die Juden. Gott war in Christus bei Ihnen; und sie sagten: Dieser Gott ist Satan!
Es fällt auf, dass Matthäus hier nicht von dem Königreich der Himmel, sondern vom Reich Gottes spricht. Hier geht es nicht um Regierung, sondern um den moralischen Charakter des Königreiches. Gott selbst war hier, denn es war ein göttliches Reich. So exakt ist Gottes Wort an jeder Stelle!
Während heidnische Zauberer Gottes Handeln in „Gottes Finger“ erkannten (2. Mo 8,15), schrieben die Führer des irdischen Volkes Gottes dieses Wirken Satan zu. Damit bewiesen sie, dass Gericht die einzig mögliche Antwort Gottes auf ihre Lästerung sein konnte.

6. Der Herr Jesus verwendet noch ein Gleichnis, um seine Gedanken zu unterstreichen. Er vergleicht das Volk Israel mit einem Haus. Es ist das Haus des Starken. Offenbar nennt der Herr Satan einen Starken. Denn der Teufel ist der „Fürst dieser Welt“ (Joh 12,31). Er ist der Weltbeherrscher dieser Finsternis (vgl. Eph 6,12). Stellen wir uns diese Ernüchterung für die Juden vor: Sie meinten, nicht nur die Führer Israels sondern der geistlichen Welt überhaupt zu sein. Und hier sagt ihnen der Herr, dass sie zum Haus des Starken, des Teufels gehören. Nicht sie sind die Führer, sondern Satan. Später würde Er sie noch Otternbrut nennen (Vers 34), direkte Nachkommen Satans. Der Zustand des Volkes war so, dass es viele Besessene dort gab. Sie alle gehörten zum Hausrat dieses Teufels.
Aber wie konnte man diesen Hausrat dem Teufel entreißen? Durch den Teufel selbst? Das wäre nicht nur unlogisch, sondern absurd. Man kann doch den Teufel nicht durch den Teufel berauben! Nein, man muss zunächst den Starken binden, um seinen Besitz wegnehmen zu können. Das hatte der Herr getan. In Verbindung mit den drei Versuchungen (Mt 4,1–11) hatte der Herr Satan das erste Mal besiegt und gebunden. Satan war aber noch nicht endgültig besiegt. Das geschah am Kreuz, als der Herr Satan nach der ersten Weissagung der Schrift (dass der Same der Frau dem Samen der Schlange den Kopf zermalmen würde) überwand und einen endgültigen Sieg über diesen Starken errang. Der Starke, denn Satan hatte gewaltige Macht, hatte einen Stärkeren gefunden. Christus hat dem, der die Macht des Todes besitzt, diese Macht entrissen, indem Er selbst den Tod erduldet hat (vgl. Heb 2,14.15).
Schon im Alten Testament war das Binden des Starken angedeutet worden. „Sollte wohl einem Helden die Beute entrissen werden? Oder sollten rechtmäßig Gefangene entkommen? Ja, so spricht der Herr: Auch die Gefangenen des Helden werden ihm entrissen werden und die Beute des Gewaltigen wird entkommen. Und ich werde den bekämpfen, der dich bekämpft; und ich werde deine Kinder retten“ (Jes 49,24.25) 3. Das hat der Herr während seines Lebens und endgültig durch sein Sterben bewirkt. Zur Aufrichtung des 1000-jährigen Reiches wird der Herr wieder mit Macht gegen Satan und seine Werkzeuge vorgehen (vgl. 2. Thes 2,8).
Jesus Christus hatte Satan die Freiheit des Wirkens genommen. Er hat ihn gebunden. Und dann hat Er begonnen, den Hausrat Satans zu rauben. Einen Menschen nach dem anderen, der besessen, blind, stumm, taub und krank war, hat Er geheilt. Ein Beutestück nach dem anderen musste der Starke freigeben. Was für ein Triumph der Barmherzigkeit Gottes! Aber der finale Sieg über Satan stand hier noch aus!
Man kann sich gut vorstellen, dass Christus hier kurz innehielt, um zu sehen, ob es vielleicht doch eine Reaktion unter diesen Menschen gab, in dem Sinn: „Du bist Christus, der Sohn Gottes.“ Aber darauf musste der Herr hier vergeblich warten. Man wollte Ihn nicht. So muss der Herr eine Entscheidung verlangen. Denn mit einer Halbherzigkeit kann Er sich nicht zufrieden geben.

7. Am Ende dieses Abschnitts macht der Herr den Pharisäern noch die Konsequenz aus seinem Handeln klar. „Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich, und wer nicht mit mir sammelt, zerstreut.“ In Markus und Lukas 9,50 finden wir einen sehr ähnlichen Ausspruch, der jedoch eine andere Stoßrichtung hat: „Denn wer nicht gegen uns ist, ist für uns.“ Das passt zu einem Diener und zu dem abhängigen Menschen. Er wollte sich nicht in den Vordergrund drängen. Er freute sich über jeden Dienst, der für Gott getan wurde. Da mochten Menschen nicht mit Ihm und seinen Jüngern unterwegs sein. Aber wenn sie nicht gegen den Herrn agierten, so waren sie letztlich für Ihn und so nützlich vor Gott. Denn Gott ist souverän, Kraft für den Dienst zu verleihen, wem Er will. Er kann diese Wirksamkeit auch Gläubigen geben, die sich äußerlich in einer falschen Stellung befinden.
Hier in Matthäus 12 geht es aber um eine andere Sache. Wer sich nicht auf die Seite des Messias stellen wollte, der inzwischen der verworfene König war – und die Pharisäer lehnten das ab – hatte keinen Platz im Königreich Gottes. Er war gegen Christus und damit in den Augen des Herrn und in den Augen Gottes in einem bösen Zustand. Damit verlor er jeden Segen, jeden Anspruch im Blick auf den Messias. Eine solche Person sammelte nicht für Gott, sondern zerstreute. Das war ein Werk der Verwüstung, das im Widerspruch zu Christus und seinem Wirken stand. Daher wollte es der Herr verhindern.
Diese Pharisäer nahmen einen sehr verhängnisvollen Platz ein! Denn was für eine Hoffnung gibt es für jemanden, der sich gegen Christus stellt? Der dafür sorgt, dass die Kinder Gottes zerstreut werden? Für ihn gibt es nur Gericht!
Diese Konsequenz ist bis heute wahr. Wer es ablehnt, sich auf der Seite des Herrn zu engagieren, zerstreut und behindert das Werk Gottes. Es gibt nur zwei Seiten: die des Herrn, und die Satans. Das sollten wir nicht vergessen. Der Herr malt hier ein schwarz-weißes Bild. Das ist auch in den Folgeversen wieder der Fall. Aber dieses Aufzeigen von deutlichen Kontrasten erleichtert es dem Zuhörer, sich wirklich entscheiden zu können.

Verse 31–50: Die Verwerfung des Herrn führt zum Gericht über das Volk

In diesen Versen offenbart der Herr in einer bestechenden Klarheit, dass sich die Pharisäer der Sünde der Lästerung des Heiligen Geistes schuldig gemacht haben. In Kapitel 9 hatten sie das bereits getan, und der Herr war in seiner Barmherzigkeit darüber hinweggegangen. In Kapitel 12,24 hatten sie diese Sünde jedoch noch einmal wiederholt. Nachdem der Herr bewiesen hatte, dass es unmöglich Satan sein konnte, in dessen Name Besessene geheilt wurden, kommt Er nun dazu, den Pharisäern zu zeigen, was für eine schreckliche Sünde sie mit diesem Vorwurf an Gott und dem Herrn begangen hatten.

Verse 31–37: Die Lästerung des Geistes

„Deshalb sage ich euch: Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden; aber die Lästerung des Geistes wird den Menschen nicht vergeben werden. Und wer irgend ein Wort redet gegen den Sohn des Menschen, dem wird vergeben werden; wer aber irgend gegen den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden – weder in diesem Zeitalter noch in dem zukünftigen. Entweder macht den Baum gut und so seine Frucht gut, oder macht den Baum faul und so seine Frucht faul; denn an der Frucht wird der Baum erkannt. Ihr Otternbrut! Wie könnt ihr Gutes reden, da ihr böse seid? Denn aus der Fülle des Herzens redet der Mund. Der gute Mensch bringt aus dem guten Schatz Gutes hervor, und der böse Mensch bringt aus dem bösen Schatz Böses hervor. Ich sage euch aber: Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden werden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts; denn aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verurteilt werden“ (Verse 31–37).

Der Auftakt dieser Worte mag uns nicht besonders wesentlich erscheinen. Aber er zeigt den gewaltigen Reichtum der Gnade Gottes (vgl. Eph 1,7). „Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden.“ Der Herr verdeutlicht, dass die Gnade Gottes so reich ist, dass es für jede Sünde die Möglichkeit der Vergebung gibt. Er verweist hier nicht auf den Weg, auf dem diese Gnade geschenkt wird. Aus anderen Stellen wissen wir, dass der Mensch seine Sünden bekennen muss (vgl. 1. Joh 1,9). Das muss von Herzen geschehen und eine Auswirkung in seinem Leben haben. Aber Christus ist am Kreuz im Hinblick auf jede Sünde gestorben, sei sie in den Augen der Menschen groß oder klein, handle es sich um Mord oder Lüge, um Unzucht oder Diebstahl, um egoistisches Handeln oder Neid. Wer zu dem Herrn mit der Bitte um Vergebung kommt, wird von Ihm angenommen. Jede Art und Kategorie von Sünde ist in diese Vergebungsbereitschaft Gottes eingeschlossen.

Doch gibt es eine einzige Ausnahme: „Aber die Lästerung des Geistes wird den Menschen nicht vergeben werden.“ Offenbar ist diese Sünde in den Augen Gottes derart abscheulich, dass Er dafür keine Vergebung anbieten kann. Dabei halten wir zunächst fest, dass Gott vollkommen gerecht ist. Wenn Er also diese eine Sünde besonders herausstellt, dann ist das gerecht und hat einen tiefen Grund.

Im Alten Testament hat Gott zwischen „Sünden aus Versehen“ (vgl. z. B. 3. Mo 4,2) und „Sünden mit erhobener Hand“ (vgl. 4. Mo 15,30) unterschieden. Für die erste Art von Sünden gab es ein Opfer und damit Vergebung, für die zweite dagegen nicht. Diese Unterscheidung finden wir im Neuen Testament nicht mehr. Allerdings finden wir eine besondere Anwendung dieser Unterscheidung durch den Herrn am Kreuz. Seine Kreuzigung war vonseiten der jüdischen Führer sicherlich eine „Sünde mit erhobener Hand“, da sie Ihn ganz bewusst und mit voller boshafter Absicht ans Kreuz brachten. Durch die Bitte des Herrn jedoch, „vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, verwandelte Er diese Sünde zu einer „Sünde aus Versehen“. Mit anderen Worten: Durch diese Bitte ermöglichte unser Herr – gerade derjenige, der von den Juden voller Hass ans Kreuz geschlagen wurde – dass Gott dem Volk vergeben kann und es in zukünftigen Tagen wieder neu als „sein Volk“ annehmen kann.

Damit aber bleibt die Frage bestehen: Warum gibt es dann diese eine Sünde, für die keine Vergebung möglich ist? Was ist an ihr so eklatant böse, dass Gott sie nicht vergibt?

Das Besondere an dieser Sünde wird zusätzlich noch durch einen zweiten Satz des Herrn unterstrichen: „Wer irgend ein Wort redet gegen den Sohn des Menschen, dem wird vergeben werden; wer aber irgend gegen den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden.“ Das heißt: Selbst ein Reden gegen die Person des Herrn Jesus Christus lässt den Weg der Umkehr und Bekehrung, der Vergebung, offen, nicht jedoch ein Reden gegen den Heiligen Geist. Diesen zu lästern, durch den allein die Bekehrung im Herzen eines Menschen bewirkt wird, bedeutet, sich in eine hoffnungslose Lage zu bringen. Denn man verschließt sich damit die einzige Tür zur Errettung, die existiert.

Eine Erklärung dafür finden wir vielleicht in Markus 3,30: „Wer aber irgend gegen den Heiligen Geist lästert, hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig – weil sie sagten: Er hat einen unreinen Geist“ (Verse 29.30). Der Herr Jesus hatte von sich gesagt, dass Er „die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe“ (Mt 12,28). Wir haben gesehen, dass Lukas die Austreibungskraft des Herrn als „den Finger Gottes“ bezeichnet. Während der Herr sich hätte wehren können, als Er angegriffen wurde, – Er tat das nicht, weil Er alles seinem Vater übergab –, konnte das der Geist Gottes nicht tun, denn Er war nicht in leibhaftiger Form auf der Erde. Gott aber lässt es nicht zu, dass Er, der von 1. Mose 1,2 an zugunsten des Menschen auf der Erde wirkte und jetzt in der Person des Herrn auf der Erde wohnte, ungestraft verlästert wurde.

Wie konnte Gott zulassen, dass der Geist Gottes als ein unreiner Geist bezeichnet wurde? Dass das, was göttlich war, unrein genannt wurde? Dass das, was vollkommen rein war, unrein sein sollte? Und zwar eine Person – der Heilige Geist – der nicht hörbar in diese anmaßende Verurteilung eingreifen konnte. Christus hätte sich öffentlich verteidigen können. Der Vater hatte seine Stimme schon erschallen lassen (Mt 3,17). Aber der Heilige Geist war der „dienstbare Geist“, der wirkte, aber nicht in der Öffentlichkeit auftrat. Daher war diese boshafte Verleumdung seiner Person und seines Wirkens so schlimm.

Wir müssen zudem bedenken, dass die Kraft und Reinheit des Geistes Gottes im Herrn Jesus vollkommen sichtbar wurde, während sie im Leben eines Christen immer wieder mit dem eigenen Versagen vermischt wird. Bei uns kann man den Heiligen Geist leider nicht in dieser reinen und offensichtlichen Form erkennen – bei Ihm war das aber bei jedem Schritt, bei jedem Wort, bei jeder Tat und ganz besonders bei jedem Wunder der Fall. So zeigt der Herr Jesus die Konsequenz dieser Art von Sünde: Es gibt keine Vergebung für das böse Reden der Pharisäer.

Bevor wir den weiteren Worten des Herrn Jesus zuhören, möchte ich noch auf zwei Fragen eingehen:

a) Ist die Lästerung des Geistes gleichzusetzen mit der Sünde gegen den Geist Gottes?

b) Ist die Lästerung des Geistes heute in dieser Form noch möglich?

a) Lästerung = Sünde gegen den Geist Gottes = Sünde zum Tod?

Das Thema der Lästerung des Geistes Gottes hat schon viele Gläubige beunruhigt. Habe ich nicht diese Sünde schon einmal begangen, als ich in ungeziemender Weise von Gott, dem Heiligen Geist gedacht oder gesprochen habe? Habe ich nicht schon gegen Ihn gesündigt?

Dazu ist zu sagen, dass jede Sünde, die ein Mensch begeht, eine Sünde gegen den Heiligen Geist ist (vgl. Apg 5,3.9). Denn jede Sünde ist eine Sünde gegen Gott; und der Heilige Geist ist Gott. Insofern richtet sich jede Sünde eines Menschen auch gegen den Heiligen Geist. Davon ist aber an dieser Stelle nicht die Rede. Hier geht es nicht um eine Sünde gegen den Heiligen Geist, sondern um die Lästerung des Geistes, also dass man Ihm böse Dinge zuschreibt in dem vollen Bewusstsein, dass dies nicht wahr ist.

Andere haben an die Sünde von Ananias und Sapphira gedacht. „Petrus aber sprach: Ananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den Heiligen Geist belogen ... hast?“ (Apg 5,3). Hier geht es in der Tat um eine ganz besondere Sünde. Johannes spricht in seinem Brief von der „Sünde zum Tod“ (vgl. 1. Joh 5,16.17). Es ist eine Sünde, die in den Augen Gottes offenbar so eklatant ist, dass Er einen solchen Gläubigen nicht mehr als Zeugen hier auf der Erde gebrauchen kann. Ein solcher Gläubiger erleidet unter der Zucht des Vaters den physischen Tod. Er ist dann aber im Paradies Gottes, denn es handelt sich um ein Kind Gottes. In Matthäus 12 dagegen muss jemand, der die Lästerung des Geistes begangen hat, den ewigen, den zweiten Tod erleiden. Das ist die Hölle!

b) Ist die Lästerung des Geistes heute noch möglich?

Ein zweiter Punkt hat viele Christen beschäftigt: Ist die Lästerung des Geistes Gottes heute noch möglich? Manche Christen leben mit der ständigen Angst, sie könnten diese Sünde begangen haben oder noch begehen. Dabei wollen wir uns die Worte des Herrn in unserem Evangelium einmal genau anschauen: „Wer gegen den Heiligen Geist redet, dem wird nicht vergeben werden – weder in diesem Zeitalter noch in dem zukünftigen.“

Der Herr Jesus bezieht sich somit auf zwei konkrete Zeiträume: ein aktuelles Zeitalter und ein zukünftiges. Wir haben bereits verschiedentlich gesehen, dass Matthäus immer wieder von verschiedenen Haushaltungen spricht, also Zeitepochen, in denen Gott in bestimmter Weise mit den Menschen handelt.

Was bedeutet „dieses“ und das „zukünftige“ Zeitalter?

Viele Ausleger sind davon überzeugt, dass Jesus „dieses Zeitalter“, in dem Er gerade lebte, auf die Zeit bezieht, in der Gott mit dem Menschen auf der Basis des Gesetzes vom Sinai handelte. In dieser Zeit des Alten Testaments aber war Gott in seiner Dreieinheit – Vater, Sohn, Heiliger Geist – noch nicht offenbart. Wie sollte man daher in dieser Zeit gegen den Heiligen Geist reden und damit die Lästerung des Geistes begehen? Daher verstehen andere unter „diesem Zeitalter“ die begrenzte Zeit, in welcher der Herr Jesus hier auf der Erde lebte. In dieser Zeit gab es für diese Sünde keine Vergebung. Warum nicht? Weil Gott in Christus jetzt selbst auf der Erde war, die Welt mit Gott versöhnend (2. Kor 5,19).

Wer dieses vollkommene Angebot, durch den Sohn Gottes in einer vollkommenen Weise offenbart und angeboten, mit einer Lästerung des Geistes beantwortete, für den gab es nur noch Gericht! Denn in diesen Jahren wirkte der Geist Gottes, durch den jedes von Gott anerkannte Werk vollbracht wird, in einer vollkommenen und Gott zu 100% verherrlichenden Weise in dem Herrn Jesus. Allein bei Ihm gibt es keine Beimischung von falschen Motiven und fleischlichen Elementen, denn Er besaß keine alte Natur.

Dann stellt sich die Frage, was mit dem zukünftigen Zeitalter gemeint ist. Ist es die Zeit, die damals noch zukünftig war, in der wir aber heute leben? Das kann nicht gemeint sein. Denn wir lesen beispielsweise in Hebräer 6,5: „die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters“. Dieses Zeitalter war also offenbar auch zur Zeit der (ersten) Christen noch zukünftig und bezieht sich auf die Zeit, wenn der Herr noch einmal auf diese Erde kommen wird (vgl. auch 1. Pet 1,11–13). Davon hatte der Herr schon in Kapitel 10,22.23 gesprochen. Er würde als Sohn des Menschen noch einmal auf die Erde kommen. In Kapitel 24,30.31 erläutert Er dieses Kommen in ausführlicherer Form.

Es fällt auf, dass derselbe Ausdruck 4, den der Herr Jesus in unseren Versen verwendet, an einer anderen, interessanten Stelle auftaucht: „Und er [Gott] setzte ihn [Christus] zu seiner Rechten in den himmlischen Örtern, über jedes Fürstentum und jede Gewalt und Kraft und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in diesem Zeitalter, sondern auch in dem zukünftigen, und hat alles seinen Füßen unterworfen und ihn als Haupt über alles der Versammlung gegeben, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Eph 1,20–23).

Diese Stelle zeigt, dass wir nicht immer automatisch darauf schließen können, wenn ein Wort an verschiedenen Stellen vorkommt, dass damit immer dasselbe gemeint ist. Aber zumindest fällt auf, dass Gott hier zweimal von einem aktuellen und einem zukünftigen Zeitalter spricht. In Epheser 1 ist deutlich, dass „dieses Zeitalter“ das Zeitalter der Gnade ist, das mit der Verherrlichung des Herrn zur Rechten Gottes begonnen hat. Während aber der Apostel Paulus von dem Segen in den zwei Zeitaltern spricht, weist der Herr Jesus in Matthäus 12 auf die Verantwortung in den dort genannten zwei Zeitaltern hin. Sowohl damals als auch in der Zeit des 1.000-jährigen Friedensreiches ist der Herr Jesus persönlich anwesend. Wer dann das perfekte, vollkommen durch den Heiligen Geist bewirkte Handeln des Herrn Satan zuschreibt, lästert den Heiligen Geist, der nicht öffentlich in Erscheinung tritt, und begeht die Sünde, von welcher der Herr Jesus sagt, dass sie nicht vergebbar ist. Denn die leibhaftige Gegenwart des Herrn ist etwas Besonderes (vgl. Lk 10,24), und in der Wirksamkeit des Geistes Gottes unvergleichlich.

Markus 3,28–30

Heißt das nun, dass es diese Sünde ausschließlich in diesen beiden Zeitaltern gibt? Dazu ist es notwendig, auch noch Markus 3,28–30 einzubeziehen. Das ist dieselbe Begebenheit, die in Matthäus 12 behandelt wird. Markus schreibt, ebenfalls inspiriert durch den Heiligen Geist: „Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden werden den Söhnen der Menschen vergeben werden, und die Lästerungen, mit denen irgend sie lästern mögen; wer aber irgend gegen den Heiligen Geist lästert, hat keine Vergebung in Ewigkeit, sondern ist ewiger Sünde schuldig – weil sie sagten: Er hat einen unreinen Geist“ (Mk 3,28–30).

Markus stellt diese Belehrung des Herrn also nicht in den Zusammenhang von Epochen (dieses Zeitalter, das künftige), sondern verbindet es mit der Aussage, dass diese Führer in Israel dem Herrn Jesus einen unreinen Geist, einen Dämon, zuschrieben. Dabei ist zu bedenken, dass Markus die Belehrungen des Herrn im Allgemeinen grundsätzlicher und nicht allein auf das Volk Israel beschränkt niederschreiben sollte. Ist es nicht auch heute wahr, dass jemand, der von dem Herrn Jesus sagt, dass dieser einen Dämon habe, dass dieser von einem unreinen Geist Satans bewohnt werde, eine solche Sünde begeht, die Gott nicht vergeben kann? Ein Gläubiger wird das nie tun. Denn es geht hier nicht um die Frage, ob man in schwachen Stunden und Lebensumständen so etwas einmal gedacht hat, sondern dass man dies ausdrücklich lehrt, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten es getan haben.

Wir dürfen in diesem Zusammenhang auch an die Worte des Herrn denken: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe“ (Joh 14,12). So wirkte der Heilige Geist sogar noch sichtbarer in den Jüngern, weil sie als sterbliche Menschen Werke taten, die eindeutig Gottes Werke waren. Natürlich waren sie schwache Menschen, die im Gegensatz zu Christus sündigten (vgl. Gal 2,11 ff.; Jak 3,2; usw.). Aber sie haben in der Anfangszeit des Christentums etwas von der Größe und Herrlichkeit des Herrn Jesus verkündigt. Wenn dann jemand diesem Fleisch gewordenen Wort zuschrieb, von Satan besessen zu sein, gab es für ihn keine Hoffnung. Das ist etwas anderes, als Christen zu verfolgen, wie Paulus das getan hat, oder durch ein (schwach verkündigtes) Evangelium schlecht über die Gläubigen und den Weg zu sprechen. Die Lästerung des Geistes bezieht sich darauf, dass jemand sagt, dass der in Christus wohnende Geist Gottes niemand anderes als Satan ist. Das aber wird niemand sagen, der Jesus Christus als Retter annimmt.

Sollte das für ängstliche Christen eine zusätzliche Erschwernis darstellen? Nein! Wenn wir aufgrund unserer Ängstlichkeit jede Ermahnung der Schrift, die mit Konsequenzen verbunden ist, streichen würden, machten wir die Bibel viel schmaler als sie ist. Der Herr stellt solche Konsequenzen wie zum Beispiel in Verbindung mit dem Weinstock (Joh 15) nicht vor, um Gläubige an ihrem Heil zweifeln zu lassen. Er entlarvt damit falsche Bekenner. Daher finden wir in Markus 3,28.29 auch keine Einschränkung dieses Gedankens. Christus lässt ihn dort in seiner ganzen Tragweite stehen. Macht uns das Angst? Nein, denn wie käme ein Gläubiger dazu, dem Satan etwas zuzuschreiben, was durch Gott gewirkt ist? Eine solche Angst ist einfach unbegründet!

Ein guter oder ein fauler Baum

Der Herr Jesus führt den Gedanken im Blick auf die Pharisäer noch weiter. Er sagt nicht, dass ein Gläubiger in eine solche Sünde fällt und dadurch wieder verlorengehen kann. Ein schlechter Baum ist nicht in der Lage, gute Früchte zu bringen. Dieses Thema hatte der Herr schon einmal in Kapitel 7 angesprochen. Dort ging es um die Unterscheidung zwischen wahren und falschen Jüngern. Hier in Matthäus 12 zeigt der Herr, dass die Pharisäer, die solche faulen Bäume waren, überhaupt keine guten Früchte hervorbringen konnten. Nur dann, wenn aus einem schlechten Baum ein guter Baum wird, kann er auch gute Früchte tragen.

Am äußeren Verhalten, an der Frucht, kann man einen Baum erkennen, ob er gut oder faul ist. Ein Mensch kann noch so oft behaupten, er sei gut, sei ein Christ, sei ein Gläubiger. Wenn sein Leben, sein Verhalten im Widerspruch zu dem Bekenntnis steht, so ist das Bekenntnis wertlos und Heuchelei. Nach Jakobus 1,18 ist eine neue Geburt, bewirkt durch den Willen Gottes und das Wort der Wahrheit, nötig, damit aus einem faulen Baum ein guter wird.

Das war bei den Pharisäern nicht der Fall. Der Herr kann sie nicht anders ansprechen, als: „Ihr Otternbrut!“. Diese Anrede kennen wir schon von Johannes dem Täufer (vgl. Mt 3,7). Das ist keine „Retourkutsche“ des Herrn an die Pharisäer. Es handelt sich leider um die Wahrheit, wenn Er diesen bösen Männern damit deutlich machen muss, dass sie Brut der Schlange, Kinder des Teufels sind. So reißt Er ihnen die fromme Maske vom bösen Gesicht. Wie sollten sie überhaupt in der Lage sein, Gutes zu reden, da sie doch böse waren. Ihre Herzen offenbarten sich in dem, was sie sagten. Denn der Mund sprach nur das aus, was sie in ihren Herzen überlegten. Und was würde der Herr etwas später sagen: „Denn aus dem Herzen kommen hervor böse Gedanken ... Lästerungen; diese Dinge sind es, die den Menschen verunreinigen“ (Mt 15,19.20).

Sie besaßen – im Unterschied zum Herrn Jesus und seinen Jüngern – einen bösen Schatz, aus dem sie Böses hervorbrachten. Davon war ihr Herz voll. Wie schön, wenn von uns das Gegenteil gesagt werden könnte: „Es wallt mein Herz von gutem Wort. Ich sage: Meine Gedichte dem König! Meine Zunge sei der Griffel eines fertigen Schreibers!“ (Ps 45,2).

Vielleicht benutzt der Herr Jesus mit diesem Bild sogar wieder einen Hinweis auf das ganze Volk Israel. Dann stünde der faule Baum für den Zustand des gesamten Volkes, der sich im Widerstand gegen Christus offenbarte. Ein solcher Baum kann nur faule Früchte hervorbringen. Deshalb konnte der Herr von diesem Volk auch nichts Gutes erwarten.

Unnütze Worte werden verurteilen

Der Herr Jesus schließt diese wichtigen Belehrungen mit einem grundsätzlichen Hinweis ab. „Ich sage euch aber: Von jedem unnützen Wort, das die Menschen reden werden, werden sie Rechenschaft geben am Tag des Gerichts; denn aus deinen Worten wirst Du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verurteilt werden.“ In Bezug auf die Pharisäer hatte der Herr von bösen Worten gesprochen, die Gott nicht vergeben würde. Ihm ging es aber nicht nur um böse Worte, sondern auch um unnütze Worte. Jedes einzelne Wort, das ein Mensch spricht, sei er ungläubig oder gläubig, wird ins Gericht kommen.

Gott geht nicht davon aus, dass ein Gläubiger unnütze Worte redet. Wenn er das aber tut, dann muss er am „Tag des Gerichts“ Rechenschaft darüber ablegen. Er selbst kommt nicht ins Gericht, weil schon ein anderer an seiner Stelle gerichtet worden ist (vgl. Joh 3,18). Aber „wir alle müssen vor dem Richterstuhl des Christus offenbar werden, damit jeder empfange, was er in dem Leib getan hat, nach dem er gehandelt hat, es sei Gutes oder Böses“ (2. Kor 5,10).

In Matthäus 12 kommt es auf die Worte an, die ein Mensch ausspricht. Wenn sie inhaltslos sind, wenn sie keinen Wert haben, wenn sie keinen Bezug zu Gott und seinem Sohn haben, bringen sie am Tag des Gerichts, der für einen ungläubigen Menschen das Tor in die ewige Finsternis sein wird, keinen Lohn. Denn wenn die Worte eines Menschen Jesus Christus außen vor lassen, zeigen sie, dass das Herz die Sünde der Person des Herrn vorzieht. Es ist sogar erstaunlich, dass der Herr davon spricht, dass der Mensch aus seinen Worten gerechtfertigt bzw. verurteilt wird. Diese Worte des Herrn stehen nicht im Widerspruch zu der Belehrung des Römerbriefes, dass ein Mensch nur auf der Grundlage des Blutes Jesu (Röm 5,9) bzw. durch Glauben (Röm 5,1) gerechtfertigt wird.

Der Herr spricht davon, wie später auch Jakobus, dass die Gerechtigkeit eines Menschen durch seine Worte und Taten sichtbar wird. Auch Paulus geht auf dieses Thema einmal ein: „Denn mit dem Herzen wird geglaubt zur Gerechtigkeit, mit dem Mund aber wird bekannt zum Heil“ (Röm 10,10). In diesem Sinn rechtfertigen Worte vor Menschen und verurteilen andererseits vor Menschen. Gute Worte zeigen, dass jemand gerecht ist. Denn ein böser Mensch kann keine guten Worte aussprechen. Böse Worte zeigen, dass jemand zu verurteilen ist.

Aus unserem praktischen Leben wissen wir, dass leider auch von neuem geborene Menschen sündigen und schlechte, faule Worte reden können. Das unterstreicht noch einmal den Gedanken, dass der Herr sich hier nicht an ängstliche, empfindsame Menschen richtet. Er nennt die Dinge, wie sie wirklich sind: schwarz-weiß. An uns ist es, als erlöste Menschen wirklich gute Worte auszusprechen und gute Frucht zu bringen. Wir sollten uns hier nicht an der Welt orientieren. In dieser gilt Meinungsfreiheit. Jeder darf das sagen, was er will. Das aber ist ungöttlich!

Verse 38–42: Ninive und die Königin des Südens als Richter der Pharisäer

„Dann antworteten ihm etliche der Schriftgelehrten und Pharisäer und sprachen: Lehrer, wir möchten ein Zeichen von dir sehen. Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen, und kein Zeichen wird ihm gegeben werden, als nur das Zeichen Jonas, des Propheten. Denn so wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein. Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas; und siehe, mehr als Jona ist hier. Die Königin des Südens wird auftreten im Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen, denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören; und siehe, mehr als Salomon ist hier“ (Verse 38– 42).

Die Pharisäer hatten offenbar nicht verstanden, dass der Herr Jesus ihnen ins Angesicht widerstanden hatte. So erweisen sie sich als solche, die wie der Besessene, der stellvertretend für den Zustand des Volkes Israel stand, blind sind. Sie erkennen weder, wer vor ihnen steht, noch was Er ihnen als Gerichtsurteil sagen muss. Sie geben sich keine Rechenschaft ab über ihren eigenen, bösen, verlorenen Zustand.

Die Pharisäer und Schriftgelehrten wollen vom „Lehrer“ ein Zeichen sehen. Sie sprechen Ihn in heuchlerischer Weise als „Lehrer“ an. In der Tat hatte Er als Lehrer zu ihnen gesprochen – sie hatten aber nicht hören wollen. Wie kommen sie überhaupt dazu, von Ihm ein Zeichen zu fordern? Hatten sie nicht inzwischen 14 Zeichen erlebt (Kapitel 8–12)? Wenn ihnen diese 14 Zeichen nicht reichten, wie sollte ein weiteres ihre Gewissen überzeugen, dass der Messias vor ihnen stand? Jemand hat einmal gezählt, dass der Herr insgesamt 46 Wunder getan hat, die uns mitgeteilt worden sind. Allein 33 davon waren in Galiläa geschehen, wo der Herr auch jetzt noch tätig war. Reichte das immer noch nicht?

Zunächst muss Jesus diesen Menschen noch einmal ihren wahren Charakter vorhalten: „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht begehrt ein Zeichen.“ Sie waren, wie Er zuvor schon anhand des Vergleiches mit Bäumen gezeigt hat, böse Menschen. Sie waren innerlich durch und durch schlecht und versuchten, auch andere in diesen Sumpf mit hineinzuziehen. Sie gaben zwar vor, die Treuen in Israel zu sein. In Wirklichkeit jedoch waren sie Ehebrecher. Denn sie sprachen zwar von ihrer Beziehung zu Gott. In Wahrheit aber dachten sie nur an sich und ihren eigenen Vorteil, ihre eigene Ehre. So leugneten sie in der Praxis ihre Beziehung zu Gott und stellten sich selbst an die Stelle Gottes. In gewisser Hinsicht erlaubten sie sich sogar, an die Stelle Gottes Satan zu setzen. Christus warfen sie vor, durch Satan Dämonen auszutreiben. Sie selbst waren jedoch seine Brut, die sich durch Satan inspirieren ließen.

Die Zeichen im Matthäusevangelium

Der Herr macht deutlich, dass diese widersprechenden Menschen keinen Anspruch auf ein weiteres Zeichen hatten. Und dennoch gibt Er ihnen noch ein letztes. Dreimal spricht Er in diesem Evangelium von Zeichen 5: Ein viertes Zeichen ganz anderer Art gibt einer seiner Jünger.

a) An dieser Stelle wird Jona als Zeichen des Todes und der Auferstehung genannt.

b) In Matthäus 16,4 wird der gleichen Gruppe von Widersachern auf die erneute Forderung nach einem Zeichen wieder nur Jona genannt. Dort ist Jona aber ein Zeichen für die Zukunft des Volkes Israel: So, wie Jona in dem Wasser für eine Zeit verschwand, würde das Volk Israel in dem Völkermeer der Nationen aufgehen und verschwinden. Bis heute ist das die Situation des Volkes Israel. Denn nur ein ganz geringer Teil der Juden ist nach Israel zurückgekehrt.

c) In der prophetischen Rede in Matthäus 24,3.30 spricht der Herr Jesus von dem Zeichen seiner Ankunft und dem Zeichen des Sohnes des Menschen. Wie in Kapitel 16 handelt es sich hier um eine Gerichtsankündigung für das ungläubige Israel.

d) Auch wenn dieses „Zeichen“ von einer ganz anderen Art ist, spricht der Evangelist unter diesem Namen davon: Nicht der Herr, wohl aber Judas Iskariot, hatte mit den Ältesten und Hohenpriester ein „Zeichen“ verabredet: einen verräterischen Kuss.

Was für eine Tragik, dass diese Menschen, zu denen wohl in der Gestalt der Ältesten auch die Pharisäer gehörten, selbst mit der Verabredung des „Judas-Zeichens“ den Tod des Herrn, die Zerstreuung des Volkes Israel in dem Völkermeer und das Gericht des Herrn an seinem Volk in künftigen Tagen bewirkt haben. Sie bekamen kein Zeichen – aber ihr Zeichen spricht bis heute!

Das Zeichen des Todes des Herrn

Das Zeichen, das Christus ihnen also dann doch gab, ist Jona. Auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht nicht so erscheint: Kann es ein größeres Zeichen als das geben, was auf den Tod des Herrn hinweist? „Denn so wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte in dem Herzen der Erde sein.“ Wer hätte gedacht, dass der untreue Jona durch seine Flucht und das Gericht Gottes über sein Weglaufen zu einem Bild von Christus werden würde?

Was für ein genaues Vorbild: Der Herr würde ebenfalls drei Tage und drei Nächte im Grab sein. Von Freitag bis Sonntag wäre Er in einer Gruft als der Gestorbene. Für manche ist diese Zählung eine Schwierigkeit. Denn im engeren Sinn war der Herr von Freitagabend bis Sonntagmorgen im Bereich des Todes, also zwei Nächte und einen Tag. Aber der Geist Gottes verwendet hier die jüdischen Zählweise, man kann sogar sagen: die ursprüngliche, wie wir sie schon in 1. Mose 1 finden, wo die Tage mit dem Abend beginnen. Und hier zählte man einen ganzen Tag – Tag und Nacht – wenn auch nur ein Teil des 24-stündigen Tages betroffen war.

Der Herr starb am Freitagnachmittag, bevor der Sabbat um 18 Uhr begann. So zählte der ganze Freitag mit. Und der Herr ist am Sonntagmorgen auferstanden – so zählte auch der ganze Sonntag mit – also insgesamt drei Tage. Wenn wir berücksichtigen, dass Gott schon auf dem ersten Blatt der Bibel so zählt – Abend und Morgen – dann wird es uns vielleicht leichter fallen, diese Zählweise anzunehmen.

Aber bedenken wir: Der Herr wollte diesen bösen Menschen kein Zeichen geben. Aber dann gibt Er doch eins, und was für eins! Es ist kein neues Wunder – also nicht das, was sie von Ihm verlangten. Nein, Er bezieht sich auf etwas, das historisch gesehen längst Vergangenheit war. Aber es spricht von den tiefsten Tiefen im Leben Jesu: von seinem Tod, und letztlich auch von seiner Auferstehung, denn Jona kam aus dem Wasser wieder heraus, so wie Christus aus dem Herzen der Erde wieder hervorkam, als Er auferstand.

Der Herr musste wirklich sterben; das musste Jona im Fisch nicht. Der Herr musste wirklich im Herzen der Erde sein. Seine Gruft stand auf dieser Erde. Im Garten, in der Nähe von Golgatha, musste Christus wirklich begraben werden. Was hat der Herr für uns auf sich genommen!

Vers 40 zeigt, dass dies alles nicht plötzlich und unerwartet kam. Gott hatte dies alles nicht nur längst gewusst, sondern der Tod des Herrn ist auch Teil seines Ratschlusses. Jona und seine Geschichte sind ein Hinweis darauf, dass Gott die Dinge nie aus den Händen geglitten sind. Paulus sagt später, dass dies alles schon so festgelegt worden war: „Dass Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften; und dass er begraben wurde und dass er auferweckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften“ (1. Kor 15,4).

Noch ein weiterer Punkt ist von Bedeutung: Jona wurde nach „seinem Tod“ zu den Nationen geschickt. Wir haben schon in Verbindung mit Vers 15 gesehen, was die Folge der Verwerfung und des Mordes an Christus war. Hier wird das noch stärker betont: Nach dem Tod und der Auferstehung wendet sich Christus den Nationen zu und nicht mehr seinem eigenen Volk. Was für eine Ohrfeige für dieses selbstgerechte Volk! Die Geschehnisse, von denen wir in Kapitel 13 lesen, würden diese Vorhersage schon in der damaligen Zeit weiter unterstreichen.

Zwei Gerichtsankündigungen für die Juden

Dieses Zeichen Jonas nimmt der wahre König zum Anlass, das Gericht über das Volk Israel auszusprechen. „Männer von Ninive werden aufstehen im Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen, denn sie taten Buße auf die Predigt Jonas hin.“ Jona ist wohl der einzige Prophet, der im Alten Testament nicht zum Volk Israel sondern direkt zu einer heidnischen Nation gesandt wurde. Aber im Unterschied zu den hasserfüllten Pharisäern, mit denen es der Herr zu tun hatte, waren die Niniviten bereit, umzukehren und Buße zu tun. Sie taten es sofort, als Jona gegen sie predigte.

Aber wer war dieser Mann im Vergleich zu Jesus? Es war ein untreuer Diener, der die eigene Ehre mehr suchte als die Rettung von Menschen. Es war ein Mann, der vor Gott weglief. Es war jemand, dem der Prophetenstatus wichtiger war als Menschenleben. Und dennoch hörten die Menschen in Ninive auf seine Gerichtsbotschaft.

„Und siehe, mehr als Jona ist hier.“ Vor den Pharisäern stand dagegen jemand, der nicht sich selbst, sondern die Ehre Gottes suchte. Der zur Rettung von Menschen gekommen war, besonders für sein eigenes Volk. Er war jemand, der immer in Gemeinschaft mit Gott lebte. Ihm ging es nicht um ein Amt, sondern darum, Menschen für Gott zu gewinnen. Und dennoch haben die Pharisäer und sein eigenes Volk nicht auf seine Botschaft der Barmherzigkeit gehört. Was für eine Tragik für sie! Deshalb werden diese Männer aus Ninive aufstehen im Gericht gegen die Juden und es mit Recht verdammen. Sie hatten weniger Kenntnis und hatten nur einen unvollkommenen Boten vor sich. Aber sie taten Buße. Wie groß muss da das Gericht der Pharisäer sein!

Der Bezug auf Jona unterstreicht auch noch einmal, dass der Herr seinem irdischen Volk nun keine gute Botschaft mehr ankündigen konnte, sondern nur noch das Gericht. Früher sprach Er davon, dass das Königreich der Himmel nahe gekommen war. In Vers 28 hatte Er noch einmal darauf hingewiesen, dass in Christus „das Reich Gottes zu euch gekommen“ ist. Aber eben nicht, um ein herrliches Königreich in äußerer Pracht aufzurichten. Jetzt war Er hier inmitten seines Volkes und entzweite (vgl. Mt 10,35). Sein Kommen bedeutete aufgrund der Ablehnung des Volkes inzwischen das Schwert (vgl. Mt 10,34). Statt des Nahens seines Königreiches nahte jetzt das Gericht.

Der Herr gibt noch ein zweites Beispiel: „Die Königin des Südens wird auftreten im Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen, denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören.“ Zu den heidnischen Niniviten ging Jona, der Prophet Israels, hin. Die heidnische Königin von Scheba (1. Kön 10) dagegen kam von sich aus zu Salomo. Jona hatte eine Botschaft des Gerichts. Die Königin hingegen wollte etwas von der Weisheit Salomos kennenlernen. Jona predigte die Buße. Bei der Königin dagegen ging es um echten Glauben und Glaubensenergie. Bei Jona gab es eine Botschaft, diese Königin bedurfte keiner persönlichen Botschaft, obwohl das Gerücht über Salomo und seine Weisheit zu ihr drang (1. Kön 10,7): Sie kam auch so. Sie kam einen weiten Weg, wie die Magier vom Morgenland (vgl. Mt 2). Diese Frau wurde bei Salomo nicht enttäuscht. Sie erlebte dort etwas von der Weisheit des Königs.

Die Herrlichkeit des Herrn: mehr als Jona und Salomo

„Und siehe, mehr als Salomo ist hier.“ Kann man Salomo mit Christus vergleichen? Salomo war weise. Christus ist die Weisheit. Salomo diente Gott. Christus ist Gott. Salomo war ein König. Christus ist der König. Aber im Unterschied zur Königin, die von fern zu Salomo kam, waren die Juden nicht bereit, zu Jesus zu kommen. Dazu mussten die Magier aus der Ferne herbeireisen. Die Pharisäer kamen nur zu Christus, um Ihn in eine Falle zu locken. Aber gegen diese göttliche Weisheit kamen sie nicht an. So wird die Königin des Südens einmal gegen die Pharisäer und die Widersacher Jesu auftreten. Denn mehr als Salomo ist hier. Diese unwissenden Heiden verstanden die Weisheit Gottes in seinem Wort und durch seine Knechte besser als diejenigen, die den Herrn selbst erlebten.

In diesen Versen zeigt der Herr, dass Er die Verwerfung des Volkes der Juden annimmt. Er würde sterben, wie Jona drei Tage und Nächte im Bauch des großen Fisches war. Aber diese Verwerfung wäre zugleich der Anlass für das Gericht an dieser bösen Nation. Wenn sie Christus verwarfen, mussten sie erleben, dass auch sie selbst von Ihm verworfen würden – mit elenden Folgen über viele Jahrhunderte hinweg! Zugleich aber ist die Verwerfung Israels der Anlass für den Segen der Nationen. Auch das scheint aus diesen beiden Bildern hervor.

Verse 43–45: Das Gleichnis vom bösen Geist und dem Haus

„Wenn aber der unreine Geist von dem Menschen ausgefahren ist, durchwandert er dürre Gegenden, sucht Ruhe und findet sie nicht. Dann spricht er: Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausgegangen bin; und wenn er kommt, findet er es leer, gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, böser als er selbst, und sie gehen hinein und wohnen dort; und das Letzte jenes Menschen wird schlimmer als das Erste. Ebenso wird es auch diesem bösen Geschlecht ergehen“ (Verse 43–45).

Im siebten Abschnitt dieses Kapitels erzählt der Herr seinen Zuhörern ein weiteres Gleichnis. Ein Gleichnis, das die Geschichte des Volkes Israel beschreibt. Er vergleicht das Volk mit einem Menschen und mit einem Haus. Der Mensch steht besonders für die Verantwortung vor Gott. Das Haus soll besonders als Wohnort dienen. Das Volk der Juden glich diesem Menschen, von dem der unreine Geist ausgefahren war.

Es stellt sich die Frage, was mit diesem unreinen Geist gemeint ist. Zur Zeit des Herrn waren Menschen, die einen unreinen Geist besaßen, von Satan bzw. einem Dämon besessen. Im Alten Testament finden wir Unreinheit immer wieder in Verbindung mit Götzendienst. Wir lesen beispielsweise im Propheten Hesekiel: „Menschensohn, das Haus Israel wohnte in seinem Land, und sie verunreinigten es durch ihren Weg und durch ihre Handlungen; ihr Weg war vor mir wie die Unreinheit einer unreinen Frau. Da goss ich meinen Grimm über sie aus wegen des Blutes, das sie im Land vergossen hatten, und weil sie es durch ihre Götzen verunreinigt hatten“ (Hes 36,17.18; vgl. auch 16,36; 18,6; 36,25; Sach 13,1.2).

Das Beispiel Hoseas

Der Mensch – das Volk Israel – war also eine Zeitlang durch Götzendienst gekennzeichnet. Aber dann fuhr dieser unreine Geist aus. Wann war das? Die geschah bei der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft nach Kanaan. Es ist auffallend, dass wir nach dieser Rückkehr nichts mehr von Götzendienst lesen. Einen ähnlichen Hinweis finden wir im Buch Hosea. Dieser musste ja eine Hure heiraten und später, nachdem sie Hurerei getrieben hatte, wieder zurückkaufen (Hos 1–3).

Nachdem Hosea seine Frau zurückgekauft hatte, lesen wir: „Du sollst mir viele Tage so bleiben, du sollst nicht huren und keinem Mann angehören; und so werde auch ich dir gegenüber tun. Denn die Kinder Israel werden viele Tage ohne König bleiben und ohne Fürsten und ohne Schlachtopfer und ohne Bildsäule und ohne Ephod und Teraphim“ (Hos 3,3.4). Immer wieder lesen wir, dass das Volk Götzendienst und Hurerei getrieben hatte. Aber nach der Rückkehr ins Land ist davon nicht mehr die Rede.

So war der Dämon aus dem Menschen ausgefahren und hatte sich neue Ruhestätten gesucht. Aber er war nicht fündig geworden. „Dann spricht er: Ich will in mein Haus zurückkehren, von wo ich ausgegangen bin; und wenn er kommt, findet er es leer vor, gekehrt und geschmückt.“ Hier wechselt also das Bild. Zuvor war von dem Menschen in seiner Verantwortung die Rede, der er nicht nachkommen konnte, weil er von Satan besessen war. Dieser verließ ihn, ohne dass der Mensch darauf einen persönlichen Einfluss hatte. Jetzt wird er, genau genommen das Volk, mit einem Haus verglichen. Und Satan versucht, dieses Haus zu besetzen.

Das gekehrte und geschmückte Haus

Er findet dieses Haus gekehrt und geschmückt vor. Das war tatsächlich der Zustand der Juden. Sie waren ein Volk unter der Führung von Pharisäern und Schriftgelehrten, die äußerlich die Vorschriften des Gesetzes, natürlich besonders die der Überlieferungen der Juden, hielten. Äußerlich war alles sauber und geschmückt. Alles war an seinem Platz. Alles wurde nach den Vorschriften getan. Aber die Führer und das Volk hatten eines versäumt: ihr Haus Gott als dem Wohnherrn zu öffnen. Denn sie erfüllten die Vorschriften nur äußerlich. Ihr Herz war weit entfernt von Gott. Das muss der Herr in Matthäus 15,8 aus Jesaja 29,13 zitieren.

Daher war dieses Haus zwar geschmückt, aber leer. Und das ist immer ein sehr großes Risiko. Wenn Menschen sich von anderen absondern (wie die Pharisäer), aber kein Ziel dabei verfolgen, sich nicht zu Gott bzw. Christus hinwenden, dann besteht die Gefahr, dass früher oder später ein ungebetener Gast einzieht. So wird man früher oder später extrem in einer Weise, die Gott nicht gefallen kann. Dies war bei den Juden geschehen, aber auch für uns gilt das. Es reicht nicht, äußerlich christliche Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Wir müssen uns wohl von der Welt und von dem Bösen absondern. Aber dieses „Kehren“ und „Schmücken“ reicht nicht aus. Wenn wir uns nicht hinwenden zu Christus, wird früher oder später ein unerwünschter Gast in unserem Haus auftauchen.

Nachdem der böse Geist gesehen hat, dass das Haus leer ist (es gibt also wieder Platz für ihn), geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit, die noch böser sind als er, um in diesem Haus zu wohnen. Das ist noch zukünftig, denn die Gnadenzeit wird an dieser Stelle ausgeklammert. Nach der Entrückung der Gläubigen, also auch der Versammlung (Gemeinde, Kirche), wird Satan zwei besondere Instrumente auf dieser Erde installieren. Von beiden lesen wir in Offenbarung 13: Das ist zunächst der Römische Kaiser; und als zweites wird Satan den Antichristen in Israel einführen. Er wird sogar als König dort angenommen (vgl. Dan 11,36; Joh 5,43). Dabei ist er der große Gegenspieler des wahren Königs – Jesus Christus.

So wird es zu einer vollkommenen Inspiration des Bösen (sieben böse, unreine Geister) in Israel kommen. Es handelt sich sogar um ein Übermaß des Bösen, wenn man bedenkt, dass es nunmehr inklusive des ursprünglichen bösen Geistes (Vers 43) acht unreine Geister sind. Das ist der abschließende Zustand Israels vor dem Gericht des Herrn. Das ist heute noch zukünftig. Der Antichrist wird sogar den Götzendienst wieder einführen und „den Gräuel der Verwüstung“ (Mt 24,14; vgl. Off 13; 2. Thes 2) in den Tempel stellen, offenbar ein Götzenbild des Römischen Kaisers, vor dem alle niederfallen müssen. Er wird das ganze Volk in die direkte Auflehnung gegen Gott und den wahren Messias führen. So wird tatsächlich das Letzte des Menschen – hier wechselt das Bild wieder zurück zu dem verantwortlichen Wesen, denn Israel kann sich nicht darauf berufen, dass es nichts dafür kann, dass es von Satan inspiriert wird – schlimmer sein als alles, was man vorher gesehen hat. Denn einen solchen Götzendienst und einen solchen Abfall von Gott hat es zuvor noch nie gegeben.

Dadurch wird ein furchtbares Gericht über das ungläubige Israel kommen, von dem das Alte Testament an verschiedenen Stellen spricht. Besonders die Macht Assyriens wird sich als Anführer gegen das Volk erweisen (vgl. z.B. Jes 7,17–20; 10,5–7; Hos 11,5–7).

Wie tragisch ist der Schlusssatz dieses Abschnitts: „Ebenso wird es auch diesem bösen Geschlecht ergehen.“ Diese Pharisäer und ihre Verbündeten mögen zwar keinen Götzendienst in äußerer Weise betrieben haben. Aber kann es etwas Schlimmeres geben, als den Sohn des Menschen, der von Gott als Messias auf diese Erde gesandt worden war, ans Kreuz schlagen zu lassen? Der Herr muss diese Menschen auf dieselbe Stufe mit den künftigen Götzendienern stellen, die bereit sind, den Anti-König, den Antichristen anzunehmen. Dies ist ein weiterer Hinweis auf das Gericht, das der Herr an diesen Menschen und an diesem Volk ausüben wird.

Verse 46–50: Der Sohn des Menschen hat eine neue Familie, ein neues Haus

„Während er noch zu den Volksmengen redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und suchten ihn zu sprechen. Es sprach jemand zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich zu sprechen. Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, meine Mutter und meine Brüder; denn wer irgend den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“ (Verse 46–50).

Die letzten Verse dieses Kapitels sind noch einmal eine Bestätigung des Gerichtes des Herrn über Israel. Zudem kündigen sie den Wandel der Beziehungen des Herrn an, wie er in Kapitel 13 dann vollzogen wird. Insofern führt der Herr in diesem Abschnitt etwas Neues ein, passend zu dem achten Abschnitt des Kapitels und dieses gedanklichen, größeren Sinnabschnitts. Denn die Zahl 8 wird in der Schrift immer wieder mit etwas Neuem verbunden, ohne dass ich aus diesem Punkt hier zu viel machen möchte. Denn wir haben im vorigen Abschnitt gesehen, dass dort die Zahl 8 in Verbindung mit den acht unreinen Geistern in negativer Hinsicht für ein Übermaß an Bosheit unter der Inspiration Satans stehen.

Eingeleitet wird der Abschnitt damit, dass der Herr zu den Volksmengen redete. Das ist interessant. Denn bislang hatte man den Eindruck, dass Er vor allem mit den Pharisäern gesprochen hatte. Aber die Botschaft, die der Herr mit diesen Worten an die Pharisäer verband, war von solch großer Wichtigkeit und zugleich breiter Anwendung, dass Er sich offensichtlich auch an die Volksmengen gewandt hatte. Sie alle sollten hören, dass sich seine Beziehung zum Volk Israel grundlegend änderte.

Nun lesen wir, dass die Mutter Maria und die Brüder des Herrn zu Ihm kamen. Auch sie suchten die Gelegenheit, einmal mit Ihm sprechen zu können. Offenbar lebte Joseph schon nicht mehr. Jedenfalls lesen wir nichts mehr von ihm. Die Familie des Herrn steht in diesen Versen symbolisch für die größere Familie des Messias, das Volk Israel. Es geht um die natürlichen Beziehungen des Herrn zu seinem Volk. Natürlich wissen wir, dass seine Mutter gläubig war. Seine Brüder jedoch waren zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch nicht bekehrt (vgl. Joh 7,5). Aus Apostelgeschichte 1,14 wissen wir, dass sich das durch das Kreuz des Herrn geändert hat.

Neue Beziehungen: Die geistliche Familie ersetzt die natürliche

Hier jedoch stehen die Mutter und die Brüder Jesu für seine natürlichen Beziehungen zu seinem irdischen Volk. Und diese erkennt der Herr nicht mehr an. Er verneint sie geradezu. „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“, fragt Er und sagt damit: Sie jedenfalls nicht. Somit spricht der Herr auch an dieser Stelle ein Gericht über sein eigenes Volk aus. Denn wenn Er diese Bindungen nicht mehr anerkannte, hatte Israel als Volk zunächst einmal keine Hoffnung mehr. Sie hatten keinen Anspruch mehr auf denjenigen, der als Messias zu ihnen gekommen war, den sie jedoch abgelehnt hatten. Ohne den Mittelpunkt, ohne Christus, gibt es kein Volk Gottes mehr.

Aus Markus 3,21.31 können wir erkennen, dass die Familienangehörigen des Herrn zu der damaligen Zeit insgesamt in einem schlechten Zustand waren. Das ist aber bei Matthäus kein Thema. Denn hier ging es nicht darum, ein Gericht über seine eigene Familie auszusprechen. Diese steht einfach symbolisch für das Volk Israel im Ganzen. Und diese Beziehungen beendet der Herr jetzt. Das heißt nicht, dass Er nicht seine Mutter weiter geehrt hat. Wenn wir daran denken, dass Er sogar am Kreuz in seinen größten körperlichen Schmerzen die seelischen Schmerzen seiner Mutter nicht überging, sondern sie Johannes anbefahl (vgl. Joh 19,26.27), zeigt uns dies das Herz unseres Herrn.

Der Herr wendet sich nun von seiner natürlichen Familie weg und hin zu seinen Jüngern: „Sieh da, meine Mutter und meine Brüder; denn wer irgend den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“

Es fällt auf, dass der Herr in der Erklärung die Reihenfolge wechselt. Im natürlichen Bereich steht die Mutter an erster Stelle. Aber der Herr ersetzt die natürlichen Beziehungen durch geistliche. Und da geht es um Brüder und Schwestern. Daher steht hier die Mutter wohl erst an dritter Stelle.

Die natürlichen Bindungen haben ein Ende: „Daher kennen wir von nun an niemand dem Fleisch nach; und wenn wir Christus dem Fleisch nach gekannt haben, kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr so“ (2. Kor 5,16). Stattdessen spricht der Herr jetzt von Beziehungen, die auf dem Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters gegründet sind. Das sind geistliche Beziehungen. Diese würden von nun an im Vordergrund stehen. Als seine „geistlichen Verwandten“ wollte Er nur solche anerkennen, die nach dem Muster der Bergpredigt gebildet waren. Damit hat der Herr eine neue Familie. Eine Familie von Menschen, die durch Gehorsam gekennzeichnet sind und zugleich eine Beziehung mit dem himmlischen Vater haben.

Zu dieser Familie können aber auch solche gehören, die früher zur natürlichen Familie des Herrn gehörten. Die Mutter Jesu beispielsweise gehörte dazu, denn sie war gläubig. So ist es auch in der heutigen Zeit für „die natürliche Familie des Herrn“, die Juden, möglich, Ruhe für die Seele zu finden und Teil der geistlichen Familie des Herrn zu werden. Wer den Willen des Vaters tun möchte (und sich zum Herrn Jesus bekehrt), gehört dazu, unabhängig davon, zu welcher Familie er früher einmal gehörte.

Was ist uns heute wichtig? Eine solche geistliche Beziehung? Dann stehen wir auf der Seite des Herrn. Für Ihn zählte von jenem Augenblick an vor allem diese Beziehungsebene. Deshalb geht Er aus dem Haus und setzt sich an den See (13,1), denn im Haus gibt es nur natürliche Beziehungen, außer Haus dagegen geistliche.

Fußnoten

  • 1 Dass die Gruppe der „Sieben-Tags-Adventisten“ den Sabbat zum Haupttag der Woche gemacht hat, zeigt deutlich, dass diese Menschen – wie viele andere Gruppierungen auf religiösem Gebiet – jüdische, alttestamentliche Elemente ins Christentum eingeführt haben.
  • 2 Offenbar gab es auch damals schon sogar Exorzisten, die sich in Geisteraustreibung übten. Davon lesen wir beispielsweise in Apostelgeschichte 19,13. Auf solche Menschen hat sich der Herr Jesus allerdings nicht bezogen.
  • 3 Konkret in Jesaja 49 werden wohl die beiden großen Feinde Israels in der künftigen Drangsalszeit, Assyrien und der Antichrist, gemeint sein.
  • 4 In Epheser 1 wird nur eine minimal andere Form im Grundtext verwendet.
  • 5 Vielleicht kann man auch noch das Zeichen seiner Jungfrauengeburt, von dem in Jesaja 7 die Rede ist, hinzunehmen. Zwar wird in Matthäus 1 nicht der Ausdruck „Zeichen“ verwendet. Aber dieses Wunder wird als Weissagung zitiert (1,22.23). Dann wäre auch die Geburt des Herrn, neben seinem Tod und dem Gericht, ein weiteres Zeichen.
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