Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 3

Kapitel 3 und 4: Der König wird in sein Reich eingeführt

Nachdem Kapitel 1 zeigte, dass Jesus der rechtmäßige König auf dem Thron Davids ist und alle Bedingungen erfüllt, um der Gesalbte Gottes in Israel zu sein, wurde in Kapitel 2 deutlich, wie Er von den Seinen aufgenommen worden ist. Die Repräsentanten des Volkes Israel kümmerten sich nicht um ihren König – und als sie gehört hatten, dass Er geboren war, versuchten sie, Ihn umzubringen. An ihrer Statt erweckte Gott Menschen, die aus dem entfernten Osten kamen, um den Messias Gottes anzubeten.

In den Kapiteln 3 und 4 berichtet Matthäus nun, wie der König bei seinem Volk eingeführt wird. Bekannte Könige hatten oft einen Herold, einen Vorläufer. So auch Christus. Sein Vorläufer kündigt Ihn an, dann tritt Er das erste Mal öffentlich auf. Schließlich, nachdem Er von dem großen Feind, dem Teufel, versucht worden ist, beginnt Jesus selbst seine Predigt, beruft Jünger und tut die ersten Wunder.

Kapitel 3: Das Reich der Himmel ist nahe gekommen

Rund 28 Jahre (vgl. Mt 2,16 und Lk 3,23) werden im Matthäusevangelium übersprungen. Die Jugendzeit Jesu ist hier nicht wichtig, weil Er in dieser Zeit nicht als der Messias und König in Israel auftrat. Überhaupt schweigt Gottes Wort fast ausschließlich über diese Zeit. Nur eine Begebenheit wird im Lukasevangelium berichtet, die deutlich macht, dass dieser Jesus wirklicher Mensch war und als solcher auch eine Jugendzeit hatte – und sie in einzigartiger Weise durchlebt hat.

Wie wir schon sahen, hatte der Herr Jesus seiner Königswürde entsprechend einen Vorläufer. Das war Johannes der Täufer, der jetzt hier im dritten Kapitel vor uns kommt. Johannes macht klar, dass sein Nachfolger Anspruch auf ein Königreich hat – dieses war nahe gekommen. Schließlich zeigen die letzten Verse, dass dieser König einmalig ist. Obwohl Er, wie wir gesehen haben, der Sohn Gottes ist, macht Er sich doch mit seinem sündigen Volk eins, das bußfertig zu Johannes dem Täufer kommt.

Dieser ganze Abschnitt – und das unterscheidet ihn von den Berichten in Markus und Lukas – steht in direkter Verbindung mit der Beziehung des Herrn, des Gottes Israel, zu seinem Volk. Während Lukas den Kreis deutlich weiter zieht (er spricht z.B. auch von den Zöllnern), legt Matthäus die Betonung auf diese Beziehung des Herrn zu seinem Volk.

Verse 1–12: Der Vorläufer bereitet das Volk Israel auf den König vor

In den ersten zwölf Versen dieses Kapitels tritt der Vorläufer des Königs in Erscheinung. Obwohl in seinem Werk und in seinen Worten zum Alten Testament und damit zu einer anderen Haushaltung gehörend, führt er in etwas ganz Neues ein und zu einer Person einer ganz neuen Ordnung hin. Im Unterschied zu dem Evangelium nach Lukas, wo die Geburtsgeschichte von Johannes erzählt wird – dort steht der Mensch Jesus im Vordergrund, der entsprechend auch einen Menschen als Vorläufer hatte – geht es Matthäus darum, dass Gott jemanden in das Amt des Vorläufers eines Königs berufen hat. Dieser Vorläufer als Person ist nicht wichtig – aber seine Aufgabe für den König ist von Bedeutung. Daher finden wir hier keine Beschreibung seiner Geburt, sondern schlicht sein erstes Auftreten.

Mit seinem Dienst verfolgt Johannes im Auftrag Gottes folgende Aufgaben:

  1. Der Herr des Alten Testaments, Gott selbst, stand im Begriff, sich seinem Volk zu offenbaren. Er war schon geboren, aber sein Volk hatte noch keine Kenntnis von Ihm genommen. So bereitete Johannes das Volk auf seinen Herrn und Gott vor, um den verheißenen König einzuführen.
  2. Der Herr selbst würde nicht nur als einfacher Mensch zu seinem Volk kommen – wie zunächst der Ausdruck „Gott mit uns“ aus Kapitel 1 deutlich machte. Nein, Er hatte darüber hinaus auch ein Königreich! Zu diesem Königreich sollten solche gehören, die sich zu Christus, dem König Gottes, bekannten. Johannes zeigt, wie man zu diesem Königreich gehören kann. Aber im Unterschied zu früheren Zeiten, in denen der Herr durch Könige auf der Erde herrschte, würde jetzt das „Königreich der Himmel“ eingeführt werden – der Himmel würde die Erde regieren.
  3. Johannes der Täufer muss denen, die nicht bereit waren, die Bedingungen Gottes für die Aufnahme in das Reich zu erfüllen, Gericht ankündigen. Er würde das Gericht nicht selbst ausführen, aber er kündigte dieses in Form der „Feuertaufe“ an. Er macht deutlich, dass dieses Gericht nahe war, genau wie der das Gericht Ausführende.

Zweifellos war die erste Aufgabe die vornehmste für Johannes. Genau deshalb wird er auch als der Größte „unter den von Frauen Geborenen“ bezeichnet, und zwar von dem Herrn Jesus selbst (Mt 11,11). Es gab keine größere und wichtigere Aufgabe, als den Messias selbst einzuführen. Ähnliches finden wir im Alten Testament in Bezug auf die Einführung großer Könige und Persönlichkeiten.

So war es die größte Aufgabe, die Samuel bei all seiner segensreichen Tätigkeit ausführen konnte, den König nach dem Herzen Gottes, David, zu salben und einzuführen (1. Sam 16). Für den Priester Jojada war die herrlichste Aufgabe, den kleinen Joas als König auf den Thron Davids zu setzen (2. Chr 23).

Diesen Gedanken dürfen wir auch für unsere Zeit in Anspruch nehmen: Gibt es im übertragenen Sinn für uns eine schönere Aufgabe, als den König (und Sohn des Menschen und Sohn des Vaters und Diener Gottes) in die Mitte der Menschen und der Gläubigen „einzuführen“ und Ihn vorzustellen? Wenn Er gesehen wird und wir Menschen aus dem Blickfeld verschwinden, haben wir die vornehmste Aufgabe tun dürfen, die man übernehmen kann!

Verse 1.2: Die Botschaft Johannes’ des Täufers

„In jenen Tagen aber kommt Johannes der Täufer und predigt in der Wüste von Judäa und spricht: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“ (Verse 1.2).

Der Übergang von Kapitel 2 zu Kapitel 3 mag ein wenig abrupt wirken. Aber wie schon gesagt, überspringt Matthäus hier auch eine Zeitspanne von rund 28 Jahren. Wenn es heißt: „In jenen Tagen...“, sind damit nicht die Tage von Kapitel 2,23 gemeint, denn diese lagen schon viele Jahre zurück. Nein, gemeint sind die Tage, von denen jetzt berichtet wird – die des Dienstes Johannes’ des Täufers.

Doch trotz der 28 Jahre des Schweigens scheint der Übergang doch in einer Hinsicht fließend zu sein: Denn die ganze Zeit war Jesus der Mann von Nazareth. Das zeigt Apostelgeschichte 10,37.38: „Das Zeugnis, das, angefangen von Galiläa, durch ganz Judäa hin ausgebreitet worden ist, nach der Taufe, die Johannes gepredigt hatte: Jesus, den von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohl tuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm.“ Genau dieser Vers überschreibt in eindrucksvoller Weise die Kapitel 3 und 4 des Evangeliums nach Matthäus. Und genau so wird Er im letzten Vers des zweiten Kapitels bezeichnet, als „Nazarener“.

In dieser Zeit also kommt Johannes der Täufer. Er war zu dieser Zeit wie auch der Herr Jesus ungefähr 30 Jahre alt. Was für eine Vorbereitung dieser Gottesmann erfahren hat, wissen wir nicht. Wir finden außer den Hinweisen auf die besonderen Geburtsumstände keine weiteren Hinweise über seine Jugend, bis er jetzt hier auftritt. Aufgrund von Lukas 3,2 dürfen wir annehmen, dass er seinen Wohnsitz in dieser Einöde der Wüste hatte, wo er jetzt auch auftrat.

Johannes predigt in der Wüste

Dass dieser Mann in der Wüste und nicht in Jerusalem auftrat, ist von großer Bedeutung. Schließlich war er der Sohn des Priesters Zacharias, so dass seine Aufgaben eigentlich in Jerusalem auszuführen waren.

Zudem wäre zu erwarten gewesen, dass der Herold des Königs in der Königsstadt, also in dem Regierungssitz in Jerusalem auftreten würde. Er hielt sich auch nicht bei den religiösen Führern des Volkes im Tempel auf, obwohl er Priester und Prophet Gottes war. Er war auch nicht im Tempel bei den Schriftgelehrten, obwohl er sicher besser als alle anderen im Gesetz Gottes Bescheid wusste. Außerdem gesellte er sich auch nicht zu den Hohen des Volkes, obwohl er, wie wir gesehen haben, der Größte von Frauen Geborene war. Aber nichts davon finden wir. Nein, er wirkte außerhalb des Lagers (vgl. Heb 13,13) und trennte sich von dem, was Juden in dieser Zeit hochhielten.

Anstelle Jerusalems gab Gott ihm einen Platz in der Wüste, mindestens 20 Kilometer entfernt, wenn wir den Jordan als Fixpunkt benutzen. Johannes lebte in der Wüste und predigte dort. Welcher Diener Gottes sucht sich wohl die Wüste als seinen Dienstort aus – da, wo eigentlich niemand ist? Wird dadurch nicht sofort deutlich, welchen Platz die Treuen in Israel einnehmen mussten, um Gott zu gefallen? Wenn Gott an diesem Ort durch Johannes zu dem Volk redete (vgl. Lk 3,2), und er dort draußen die göttliche Botschaft verbreiten sollte, dann lehnte Gott offensichtlich das religiöse System Jerusalems ab. Das und kein anderer war der Weg der Gerechtigkeit (Mt 21,32), den Gott anerkennen konnte.

Johannes der Täufer verwirklichte gewissermaßen die Worte, die Gott zu Jeremia gesprochen hatte: „Jene sollen zu dir umkehren, du aber sollst nicht zu ihnen umkehren“ (Jer 15,19). Man könnte fast sagen, dass Johannes durch seinen Dienstort das Volk an eine viel frühere Zeit erinnerte: „Geh und rufe vor den Ohren Jerusalems und sprich: So spricht der Herr: Ich gedenke dir die Zuneigung deiner Jugend, die Liebe deines Brautstandes, dein Wandeln hinter mir her in der Wüste, im unbesäten Land. Israel war heilig dem Herrn, der Erstling seines Ertrags; alle, die es verzehren wollten, wurden schuldig: Unglück kam über sie, spricht der Herr“ (Jer 2,2.3). Aber jetzt war das Volk selbst schuldig und musste Buße tun!

Auch an die Worte Gottes im Propheten Hosea über das Volk Israel kann in diesem Zusammenhang erinnert werden, auch wenn sie ihre eigentliche Erfüllung erst in der Zukunft finden werden: „Darum siehe, ich werde sie locken und sie in die Wüste führen und zu ihrem Herzen reden; und ich werde ihr von dort aus ihre Weinberge geben und das Tal Achor zu einer Tür der Hoffnung. Und sie wird dort singen wie in den Tagen ihrer Jugend und wie an dem Tag, als sie aus dem Land Ägypten heraufzog“ (Hos 2,16.17).

Bevor das Volk seinen König aufnehmen würde, war es nötig, zu seinem Herzen zu reden. Dafür war die Wüste der geeignete Ort, wo sie nicht durch ihre Kultur und andere Dinge von dem eigentlichen Ziel Gottes abgelenkt werden konnten. Es war der Ort des Ursprungs, wo das Volk Israel sozusagen seine Entstehungsgeschichte hatte. Durch die Wüste führte Gott damals sein Volk, um es in das Land zu bringen. Jetzt mussten sie gewissermaßen wieder zurück zum Ausgangspunkt, um von Gott angenommen zu werden.

Der Inhalt der Predigt

Die Predigt Johannes’ des Täufers war eine Bußpredigt. Er rief das Volk auf, Buße zu tun, also innerlich anzuerkennen, dass es gesündigt hatte und eine Sinnesänderung im Leben vornehmen musste. Grund für die Notwendigkeit der Buße war, dass das Königreich der Himmel – also das Königreich des Messias unmittelbar bevorstand. Dieser Zusammenhang zwischen der Buße und dem bevorstehenden Reich macht deutlich, dass Johannes das Volk – so wie es jetzt war – nicht mehr als Volk Gottes anerkennen konnte. Nur durch die Umkehr und Buße, also eine innere Gesinnungsänderung, würde Gott sie wieder annehmen können und sein Reich aufrichten. Der Aufruf zur Buße zur Aufrichtung des Reiches zeigt außerdem, dass es auch in Bezug auf das Reich des Messias letztlich nicht mehr um die Masse ging, nicht um alle – denn an keiner Stelle der Menschheitsgeschichte waren alle bereit, umzukehren. Hier kommen wir bereits zu dem, was im Alten Testament Überrest und die Übriggebliebenen genannt wird (vgl. 2. Kön 19,4; Jes 1,9; 10,20.21; usw.). Auch in das Reich des Messias würde nur ein bußfertiger Überrest eingehen.

Johannes predigte nicht die Gnade. Diese würde zwar später in dem Königreich auch gepredigt werden, aber erst, wenn es in seiner ganzen Form offenbart sein würde. Jetzt war es eine Predigt zur Buße und zum Gericht, die vor der Predigt der Gnade kommen musste. Diesen Grundsatz finden wir schon im Alten Testament vorgebildet: Wir erinnern uns daran, dass die Bundeslade und das Volk den Jordan durchqueren mussten. Die Bundeslade musste in den Wassern des Jordan zunächst still stehen. Niemand kann schadlos das Todeswasser des Jordan betreten, bevor die Lade nicht durch das Wasser gegangen ist. Christus musste zuerst diesen Tod erleiden, bevor dem Menschen die Gnade Gottes in Christus gepredigt werden konnte. So ruft Johannes zur Buße auf – er kann noch nicht die Gnade verkündigen, so lange Christus nicht gekommen ist und sein Werk vollbracht hat.

Übrigens: Johannes stand mit seiner Predigt nicht alleine, denn auch Jesus selbst predigte später exakt dasselbe: „Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“ (Kapitel 4,17). So erkennen wir, dass der Vorläufer und der König selbst in ihren Predigten übereinstimmten.

Die Situation der Führer des Volkes Israel

Wir müssen uns an dieser Stelle die Einstellung der Juden, besonders der Führer des Volkes Israel, vergegenwärtigen. Sie waren von sich selbst überzeugt – das haben wir schon in Kapitel 2 gesehen. Sie waren der Meinung, dass sie einen Anspruch auf die Herrschaft inmitten der Völker hatten. Sie glaubten sich auf dem richtigen Weg. Es war ja auch seit geraumer Zeit kein Prophet mehr in Israel tätig gewesen, der den Zustand des Volkes angeprangert hätte. Aber anstatt zu erkennen, dass die Ursache dafür nicht der vermeintlich gute Zustand des Volkes war, sondern dass es sich um ein Schweigen Gottes angesichts der unbeugsamen Gesinnung der Führer des Volkes und des Volkes im Allgemeinen handelte, waren die Vornehmen des Volkes von ihrem guten geistlichen Zustand sehr überzeugt.

Genau in diese Situation kam Johannes der Täufer und predigte, dass es nur einen Weg gab, Gott zu gefallen und das Königreich einzuführen: Buße tun, sich zu ändern, über den eigenen Zustand zu trauern. Das muss wie ein Hammerschlag in den Gewissen der Hohenpriester und Schriftgelehrten geschallt haben! Sie, die meinten, auf dem einzig richtigen Weg zu sein, mussten auf einmal hören: „Ihr müsst umkehren, innerlich und äußerlich. Nicht nur die Heiden müssen sich bekehren – auch die Juden! Ja, auch Ihr hochgestellten Pharisäer und Sadduzäer!“ Und dann brachte Gott ihnen diese Botschaft noch nicht einmal nach Jerusalem, sondern verbreitete sie in den Wüstengebieten Judäas. Das war schon eine Missachtung, die es in sich hatte!

Dennoch: Durch den Vorläufer lud der Herr Jesus jeden Juden und jeden Pharisäer ein in sein Königreich. Allerdings mussten die Juden akzeptieren, dass auch jeder Heide einen Platz in dem Königreich hat, wenn er bereit ist, sich zu bekehren.

Buße tun

Noch ein Wort zu dem Aufruf, Buße zu tun. Diese Botschaft hat sich bis heute nicht geändert. Wie wir aus Apostelgeschichte 17,30.31 entnehmen können, wird auch heute verkündigt: „Nachdem nun Gott die Zeiten der Unwissenheit übersehen hat, gebietet er jetzt den Menschen, dass sie alle überall Buße tun sollen, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis richten wird in Gerechtigkeit durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat, und er hat allen den Beweis davon gegeben, indem er ihn aus den Toten auferweckt hat.“ Bis heute ist diese innere Beugung und Sinnesänderung notwendig, um dem Gericht des Sohnes des Menschen am Ende der Tage entfliehen zu können.

Es ist auffallend, dass im Johannesevangelium das Wort „Buße“ kein einziges Mal auftaucht. Dabei ist es das Buch, das geschrieben wurde, „damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr glaubend Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20,31). Auch in den Briefen des Johannes finden wir „Buße“ nicht erwähnt. Das gilt sogar auch für den Römerbrief, in dem wir ja das Evangelium Gottes in umfassender Weise vorgestellt bekommen. Dort wird das Wort „Buße“ nur ein einziges Mal in Kapitel 2,4 erwähnt, und dort nicht als ein Aufruf, Buße zu tun, sondern als eine Wirkung der Güte Gottes.

Buße und Glaube gehören zusammen

Heißt das nun, dass wir heute keine „Buße“, keine Sinnesänderung nötig hätten? Natürlich doch! Aber es macht deutlich, dass diese Sinnesänderung und der Glaube an den Herrn Jesus Christus beides unabdingbare Voraussetzungen für eine Umkehr zum Herrn Jesus sind – beides gehört zusammen.

Wenn dem Gefängnisleiter in Philippi (Apg 16) gesagt wird: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden, du und dein Haus“, dann hat Paulus vorher sicher auch von Buße gesprochen. Der Glaube an diese herrliche Person Christi ist es, der uns heute rettet, denn wer vor Christus steht, der kann nicht anders, als sein bisheriges Leben zu verurteilen, also Buße zu tun.

Das Evangelium des Königreiches – das Evangelium der Gnade

Johannes predigte in der Wüste das Evangelium des Königreiches, was nur die Buße beinhaltete. Diese Predigt war insofern eine andere als die des Evangeliums heute. Man kann also das Evangelium des Königreiches (vgl. Mt 4,23; 9,35) und das Evangelium der Gnade (Apg 20,24) unterscheiden. Sie widersprechen sich nicht, aber der Inhalt des Evangeliums der Gnade Gottes, des Evangeliums des Christus, geht deutlich weiter als der des Königreiches. Dort wurde die Buße gepredigt, letztlich auch die Annahme des Messias. Die gute Botschaft bestand darin, dass das im Alten Testament angekündigte Königreich im Begriff stand, zu beginnen. Denn der König des Reiches war gekommen.

Das Evangelium der Gnade umfasst demgegenüber die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Christi (2. Kor 4,6). Das ist weit mehr. Es setzt voraus, dass Christus gestorben, auferstanden und verherrlicht ist. Zudem beinhaltet es auch, dass der Geist Gottes vom Vater und vom Herrn Jesus auf diese Erde gesandt wird, um in dem Gläubigen und in der Versammlung Gottes zu wohnen. Vergebung wird beim Evangelium der Gnade als Frucht einer durch Christus vollbrachten Sühnung verkündigt.

Verse 3.4: Der angekündigte Vorläufer

„Denn dieser ist der, von dem durch Jesaja, den Propheten, geredet ist, der spricht: ‚Stimme eines Rufenden in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht gerade seine Pfade.‘ Er aber, Johannes, hatte seine Kleidung aus Kamelhaar und einen ledernen Gürtel um seine Lenden; seine Nahrung aber war Heuschrecken und wilder Honig“ (Vers 3.4).

Dieser dritte Vers zeigt uns die Autorität, mit der Johannes der Täufer auftreten konnte. Aber es war keine Autorität, die er in sich selbst besessen hätte. Gottes Wort hatte von dem Vorläufer des Königs gezeugt, und zwar an mehreren Stellen. Hier in Matthäus 3 wird Jesaja 40 zitiert, wo es wörtlich heißt: „Stimme eines Rufenden: In der Wüste bahnt den Weg des Herrn; ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott!“

Matthäus lässt im Unterschied zu Lukas die Folgeworte aus: „Jedes Tal soll erhöht und jeder Berg und Hügel erniedrigt werden; und das Höckerige soll zur Ebene werden und das Hügelige zur Talebene! Und die Herrlichkeit des Herrn wird sich offenbaren, und alles Fleisch miteinander wird sie sehen; denn der Mund des Herrn hat geredet“ (Jes 40,3–5). Denn Matthäus geht es nicht um die Auswirkungen des Handelns des Herrn. Er beschränkt sich auf den Ruf zur Umkehr – und die war nötig, sollte das Volk Israel Segen bekommen. Lukas dagegen zeigt das Ergebnis des Dienstes des Johannes: Sie würden das Heil Gottes sehen. Lukas, der Evangelist der Freude, bringt die Fülle der göttlichen Gnade, nicht jedoch Matthäus, der hier den Schwerpunkt auf das Gericht legt.

Im Unterschied zu Markus und Lukas lesen wir bei Matthäus auch nicht, dass Johannes die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden gepredigt hätte. Denn Matthäus geht es darum zu zeigen, dass das Volk Israel umkehren musste. In ihrem Zustand waren sie nicht würdig, ihren König in Empfang zu nehmen. Sie mussten umkehren – um diese unbequeme Botschaft geht es dem Heiligen Geist in Matthäus.

Die Art des Zitierens ist in diesem Vers auffallend. Denn Matthäus sagt nicht, dass die Verse aus Jesaja 40,3 hiermit in Erfüllung gehen sollen. Tatsächlich geht es in Jesaja 40 darum, auf welchem Weg sich der Herr seinem Volk in der Zukunft zuwenden wird, um es in den Segen des 1000-jährigen Reiches einzuführen. Zuvor ist es eben nötig, dass das Volk Buße tut, seine Sünden bekennt und auf gebahnten Wegen zu Gott zurückfindet.

Matthäus macht aber deutlich, dass es um einen Rufenden geht, der hier seine Stimme hören lässt. Von ihm – Johannes dem Täufer – hatte Jesaja gesprochen. Das passt zu Matthäus 11,14, wo Johannes vom Herrn Jesus ausdrücklich „Elia“ genannt wird. Es geht dem Herrn nicht um die Person Elias, sondern um seinen Charakter. Die Person, die zur Zeit Jesu wirkte – also Johannes der Täufer –, und die Person, die einmal als Vorläufer des Herrn auf diese Erde kommen wird vor der Aufrichtung des Königreiches Christi nach Maleachi 3,23, sollte Elia sein – was den Charakter des Auftretens dieser Person betrifft 1. Der Charakter und die Predigt von Johannes dem Täufer entsprachen dem Geist Elias. Das heißt, dass Johannes wie Elia dem Volk Israel die Notwendigkeit von Buße und Umkehr gepredigt und zugleich das Gericht für diejenigen angekündigt haben, die sich Gottes Wort widersetzen würden. In diesem Sinn bezieht sich Jesaja 40 auf ihn. Allerdings wird dem Volk kein Prophet vorhergesagt, der in der Art und Weise von Elia Wunder vollbringen würde. Seine Arbeit und seine Wirkung sollte moralischer Natur sein 2.

Die Aufgabe des Vorläufers

Früher war es zuweilen nötig, dass ein Vorläufer die Steine aus dem Weg räumen und die Wege begradigen musste, damit der König ohne Stolpern oder mit freier Fahrt seinen Weg ziehen konnte. Dieses Bild wird hier aufgegriffen, allerdings in moralischer Hinsicht. Der Vorläufer des Christus musste die Steine falscher Gesinnung, die krummen Wege von Sünden anprangern und aus dem Weg räumen, damit der Messias in der rechten Weise empfangen werden konnte. Dazu rief er – denn Johannes war nur die Stimme eines Größeren. Er sah sich selbst nicht als etwas Größeres an (vgl. Joh 1,23) – er war zufrieden damit, nur die Stimme und nicht einmal der Mund des Herrn sein zu dürfen.

Johannes wollte und sollte das Volk auf den König vorbereiten. Dieser Aufgabe widmete er sich mit ganzer Hingabe, selbst wenn es in der einsamen Wüste sein sollte. Das Volk musste lernen, dass nicht nur die Heiden sich ändern mussten. Auch sie selbst werden vom Täufer aufgefordert, ihre Sünden zu bekennen und umzukehren – die Steine in ihrem Herzen und Leben wegzuräumen.

Die Kleidung des Johannes

Matthäus berichtet dann von dem äußeren Erscheinungsbild des Johannes. Diese Beschreibung scheint symbolischen Charakter zu haben. Seine Kleidung spricht von Selbstverleugnung, von Demut und niedriger Gesinnung, aber auch von Weihe und Absonderung vom sündigen Volk. Das Kamel war das Lasttier im Orient. Trug nicht Johannes der Täufer die Last des traurigen Zustands in Israel auf seiner Seele? Dabei war die Kleidung des Johannes „echt“ und nicht das Gewand eines Lügenpropheten, wie man es im Propheten Sacharja findet (Sach 13,4). Man kann demütig nach außen erscheinen, aber in Wirklichkeit innerlich von Gott weit entfernt sein.

Der um die Lenden gebundene Ledergürtel spricht von Dienst (denn ein Gürtel hielt das Gewand zusammen, so dass man besser Dienstarbeit tun konnte) und erinnert uns daran, das Johannes ständig im Dienst für Gott war, um das Herz des Volkes zu erreichen. Doch jetzt ging es nicht mehr darum wie bei Mose, dem Volk das Gesetz zu lehren. Es ging auch nicht wie bei Elia darum, das Volk zum Gesetz zurückzuführen. Ziel des Dienstes des Johannes war, dem Volk seinen schlechten, sündigen Zustand einsichtig zu machen und darüber Buße zu bewirken.

Johannes aß Heuschrecken – sie sind nach 3. Mose 11,22 reine Tiere. Diese Nahrung passte gut zur Wüste, wo er sich aufhielt, denn Heuschreckenplagen werden im Alten Testament oft mit Dürreperioden und Hungersnot verbunden; oft kommen sie gerade in solchen Zeiten in Schwärmen über das Land. Geistlich gesehen befand sich das Volk Israel in einem wüsten und dürren Zustand – und der Prophet machte sich damit eins, indem er sich in der Wüste aufhielt und zudem diese Heuschrecken aß. Zudem waren Heuschrecken Nahrungsmittel von armen Leuten, was schließlich Johannes’ Demut und den Verzicht auf Bequemlichkeit offenbart. Er hätte – menschlich gesprochen – als bekannter und angesehener Prophet sicher ein luxuriöses Leben in der Stadt führen können. Aber Johannes hatte nicht den Auftrag bekommen, an Orten zu wirken, wo Menschen versammelt waren. So aß er wilden Honig aus der Natur, getrennt von den Menschenmassen, einsam vor seinem Gott, dessen Wort ihm süß war (vgl. Ps 119,103).

Verse 5.6: Das Wirken Johannes’ des Täufers

„Da ging zu ihm hinaus Jerusalem und ganz Judäa und die ganze Umgebung des Jordan; und sie wurden von ihm im Jordan getauft, indem sie ihre Sünden bekannten“ (Verse 5.6).

Die Wirkung der Predigt des Johannes ist beeindruckend. Obwohl er sich nicht unter die Menschen in Jerusalem mischte, wirkte seine Predigt in tiefgreifender Weise. Menschen kamen zu ihm, um sich taufen zu lassen. Sie erkannten, dass hier jemand mit göttlicher Autorität sprach. Nicht, weil er Gott gewesen wäre, sondern weil Gott durch seinen Knecht zum Volk sprach. Die souveräne Macht des Heiligen Geistes bewirkte diese große Zuhörerschaft. Sein Dienst wurde zunächst vermutlich von der direkten Umgebung wahrgenommen, doch das sprach sich natürlich dann schnell herum. Viele kamen, sogar von Jerusalem, das mehr als 20 Kilometer entfernt liegt, und selbst aus ganz Judäa strömten die Menschen zu dem Täufer. Sein Dienst muss außerordentlich mächtig gewesen sein! So ist es immer, wenn Gott durch seine Werkzeuge sprechen kann, ohne dass menschliche Gedanken beigemischt werden.

Und doch war sein Dienst eigentlich schlicht: Er hielt keine großen Reden, welche die Menschen beeindrucken sollten und schmeichelte seinem Auditorium nicht, nein, er predigte die Buße und taufte jeden, der seine Sünden bekannte. Johannes ging davon aus, dass die Menschen in Aufrichtigkeit zu ihm kamen. So taufte er sie.

Es ist nicht ganz leicht zu erklären, wie die Handlung der Taufe entstanden ist. Manche meinen, dass es beispielsweise die sogenannte Proselytentaufe bereits im 1. Jahrhundert vor Christus gegeben habe. Zwar findet man bei Josephus 3 keinen Hinweis darauf, wohl aber in den Schulen der bedeutenden Schriftgelehrten Hillel und Schammai, die von deren Schülern zusammengetragen wurden. Hier hat es den Anschein, als sei diese Taufe des Übertritts eines Heiden zum jüdischen Glauben durch die rituelle Reinigungshandlung der Taufe institutionalisiert und üblich gewesen.

Wenn das wahr ist, mussten viele Juden die Handlung Johannes des Täufers wie einen direkten Affront begreifen. Denn wenn das, was für die unreinen Heiden notwendig war, um Jude zu werden, jetzt auch für Juden galt, um Gott zu gefallen, dann zeigte Johannes dem Volk unmissverständlich seinen sündigen und unreinen Zustand. Bestätigt wird dieser Gedanke später durch Stephanus in seiner ergreifenden Rede an die Obersten des Volkes der Juden. Er musste sie anklagen als „Unbeschnittene an Herz und Ohren“. Sie waren nur äußerlich Juden, innerlich stand es schlimm um sie, schlimmer noch als bei den unbekehrten Heiden. „Denn nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist…, sondern der ist eine Jude, der es innerlich ist, und die Beschneidung ist die des Herzens“ (Röm 2,28.29).

Aber wie gut: trotz dieser für Juden demütigenden Taufhandlung waren viele bereit, sich diesem Urteil Gottes zu unterstellen. Natürlich wissen wir nicht, wie viel sie verstanden haben. Sie begriffen jedenfalls, dass sie ihre Sünden bekennen mussten. Wir können sagen, dass auch dieses Wasser des Jordan damals bei Johannes – wie bei der christlichen Taufe – ein Bild des Todes war. Es war und ist das Urteil Gottes über die Sünde. Wer gesündigt hat, muss sterben. Das erkannten diese bußfertigen Juden gewissermaßen an.

Verse 7–9: Das Urteil über die Pharisäer und Sadduzäer

„Als er aber viele der Pharisäer und Sadduzäer zu seiner Taufe kommen sah, sprach er zu ihnen: Ihr Otternbrut! Wer hat euch gewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen? Bringt nun der Buße würdige Frucht, und denkt nicht, bei euch selbst zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater; denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag“ (Verse 7–9).

Nach einer gewissen Zeit müssen dann auch die Führer des Volkes Israel zu Johannes gekommen sein. Das scheint insofern zunächst bemerkenswert, als Johannes ja eine Taufe zur Buße ausführte. Sie, die Pharisäer und Sadduzäer, brauchten Buße? Kaum zu glauben, dass sie es wirklich meinten. Nein, wenn wir ihren stolzen Charakter in die Überlegungen mit einbeziehen, ist es wahrscheinlich, dass sie nur äußerlich, ja mit falschem Herzen, diese Handlung an sich vollziehen lassen wollten. Vielleicht wollten sie auch einmal da draußen in der Wüste „nach dem Rechten sehen“, wo doch das ganze Volk dorthin ging. Schließlich waren sie der Meinung, sie seien die Hirten und geistlichen Führer des Volkes.

In Bezug auf das Volk der Juden lesen wir kein einziges Mal, dass Johannes jemandem die Taufe verwehrt hätte, wobei er die Heuchelei der Pharisäer und anderer durchaus durchschaute (vgl. Lk 3,7). Das zeigt, dass er die Menschen durchaus richtig zu beurteilen wusste. Denn hier erkennen wir, dass dieser Knecht Gottes auch ein einsichtsvolles Urteil über die Führer des Volkes hatte.

Vielleicht war es auch in diesen Tagen modern, zu Johannes zu gehen. Oder die Pharisäer trieb ganz einfach die Neugier, denn man sprach sicher viel von Johannes. So kamen ganze Menschenmassen zu ihm. Da wollten auch die beiden Klassen von Menschen – die Pharisäer und die Sadduzäer, denen wir im Verlauf des Lebens des Herrn immer wieder begegnen – nicht zu kurz kommen und übersehen werden.

Dennoch: Was Johannes den Pharisäern und Sadduzäern hier sagt – und was er tut, das war schon sehr hart für diese Männer. Die „Taufe“ bestand im Alten Testament in erster Linie aus Waschungen (vgl. Heb 9.10), welche die innerliche und äußerliche Reinigung bedeuteten. Genau das macht Johannes jetzt den Pharisäern und Sadduzäern deutlich: Er offenbart schonungslos ihren inneren Zustand und ihre Heuchelei, in der sie zu ihm kamen. Indem er sagt: „Wer hat euch gewiesen, dem kommenden Zorn zu entfliehen“, sagt er ihnen gewissermaßen: „Ich kenne eure selbstgerechte Haltung! Ihr meint doch gar nicht ernsthaft, Buße nötig zu haben! Aber irrt euch nicht, auch ihr müsst euch reinigen lassen. So, wie ihr seid, kann Gott euch nicht annehmen.“ Beachten wir: Hier steht nicht, dass Johannes sie in ihrem Zustand wirklich getauft hat.

Die Pharisäer und die Sadduzäer

Die Pharisäer – das Wort heißt Abgesonderte – waren Traditionalisten, wie sie im Buche stehen. Unter ihnen gab es verschiedene Lehrschulen, die nebeneinander und gegeneinander arbeiteten, es gab also nicht nur eine Lehrmeinung bei den Pharisäern. Sie waren diejenigen, die das Gesetz hochhielten, in besonders strenger Weise auslegten und über die äußere Reinheit der Juden wachten, wenn nicht sogar herrschten. Letztlich sind die orthodoxen Juden heute nichts anderes als die geistigen Nachkommen der Pharisäer.

Die Sadduzäer waren in der damaligen Zeit die Liberalen. Sie hatten es geschafft, die Hohenpriester auf ihre Seite zu bewegen. Vermutlich kann der Name Sadduzäer auch auf Zadok zurückgeführt werden. Auf ihrer Seite stand eigentlich auch Herodes. So waren sie zugleich die Politiker der damaligen Zeit. Sie waren Rationalisten, die nur an das glaubten, was man sehen konnte. So leugneten sie die Auferstehung. Dabei waren sie aber nicht weniger religiös als die Pharisäer – das zeigt ihre Verbindung mit den Hohenpriestern. Aber sie waren der Meinung, dass sich die Theologie der Politik zu unterstellen hat.

Johannes’ Urteil über diese hochgestellten Gruppen

Diese beiden Klassen nun, die sehr viel von sich selbst, sehr wenig von der jeweils anderen Klasse und noch weniger von dem gemeinen Volk hielten, kamen zu Johannes. Dieser lässt das zu, erkennt jedoch ihr Herz und muss ihnen daher in aller Schärfe vorhalten: „Ihr Otternbrut!“ Allein diese Anrede ist schon von äußerster Schärfe. Diese hochgestellten und geehrten Menschen hielten sich für die eigentlichen Nachkommen Abrahams. Auf ihn würden sie sich immer wieder berufen. Jetzt wird ihnen entgegengerufen, dass sie Nachkommen der Schlange – also des Teufels sind! Das muss sie schwer getroffen haben.

Otternbrut! Johannes riss diesen vornehmen Menschen die Maske ab. Denn er durchschaute sie und ihre Haltung. Man muss unwillkürlich an den Fluch über die Schlange denken: „Ich werde Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zermalmen“ (1. Mo 3,15).

Jesaja spricht über den Zustand des Volkes der Juden unter dem satanischen Einfluss des Antichristen. „Denn eure Hände sind mit Blut befleckt und eure Finger mit Ungerechtigkeit; eure Lippen reden Lüge, eure Zunge spricht Unrecht: Niemand ruft Gerechtigkeit aus, und niemand rechtet in Treue; man vertraut auf Nichtigkeit und redet Falschheit; man ist schwanger mit Mühsal und gebiert Unheil. Schlangeneier brüten sie aus, und sie weben Spinngewebe: Wer von ihren Eiern isst, muss sterben, und wird eines zertreten, so fährt eine Otter heraus“ (Jes 59,3–5).

So steht die Schlange für Satan und seinen Einfluss, hier in Verbindung mit Lügenrede, Falschheit und Unheil. Es zeigt das Urteilsvermögen von Johannes, dass er erkennt, dass ein Unterschied zwischen ihrem äußeren Kommen in einer gewissen Unterwerfung und dem inneren, unbeugsamen Zustand dieser hochgestellten Leute bestand. Auf dieser Basis würde er diese Menschen nicht taufen. Denn die Taufe geschieht zwar äußerlich, doch hat diese äußere Handlung – damals wie heute – nur dann einen wirklichen Wert, wenn sie der Spiegel dessen ist, was innerlich in dem Getauften vor sich geht.

Bei Johannes handelte es sich um eine Taufe zur Buße – so war wirkliche, innere Umkehr nötig, wenn jemand getauft werden wollte. Und das hatten beide Gruppen, die Pharisäer und Sadduzäer nicht getan. Aber nur so würden sie dem Gericht Gottes, das über das Volk kommen würde, entfliehen können. Das bedeutet letztlich, dass das Volk der Juden und besonders die Führer des Volkes auf die Gnade Gottes angewiesen waren. Was für eine Demütigung für diese letzteren hochmütigen Menschen: auf die unumschränkte Gnade angewiesen zu sein, um in das Königreich der Himmel aufgenommen werden zu können. Dabei gibt es nichts Größeres, als Gegenstand der Gnade Gottes zu sein!

Wenn Gott Steine benutzt...

Johannes weist seine Widersacher darauf hin, dass Buße nicht verborgen bleibt. Sie würde eine angemessene Frucht im Leben eines Menschen zeigen. Es genügte eben nicht, dass man auf natürliche Weise ein Nachkomme von Abraham war. Später einmal muss der Herr Jesus diesen Menschen sagen, dass nur derjenige wirklich ein Nachkomme Abrahams ist, der auch die entsprechenden Werke vollbringt (Joh 8,39).

Aber damit ist Johannes mit seiner Botschaft noch nicht zu Ende. Er lehnt rundherum ab, dass die vor ihm Stehenden überhaupt den Anspruch hatten, sich Kinder Abrahams zu nennen. „Denn ich sage euch, dass Gott dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken vermag.“ Mit anderen Worten: Ihr nennt Euch zwar Kinder Abrahams, aber ihr seid es nicht. Doch Gott wird dem Abraham Kinder erwecken, und wenn Er es aus diesen Steinen tun muss.

Wofür stehen die Steine hier? Offenbar will Johannes der Täufer damit den Gegensatz zwischen den Nachkommen Israels und den Heiden illustrieren, die diese Steine versinnbildlichen. Diese hatten keinen Anspruch auf die Verheißungen Abrahams; sie waren und lebten in der Finsternis. Aber Gott würde sie erwecken, weil Ihn sein eigenes Volk mit einem unbußfertigen Herzen ablehnte; jedenfalls traf das auf die Führer des Volkes zu.

Hat der Geist Gottes für diese Erweckung aus Steinen nicht schon ein Beispiel durch die Magier gegeben, die nicht zum Volk gehörten? Sie gehörten zu den wahren Nachkommen Abrahams. Ihrer würde sich Abraham nicht schämen, wohl aber dieser Pharisäer und Sadduzäer. Wenn die Juden den Herrn verwerfen würden, würden „die Steine schreien“ (Lk 19,40), wie sie es durch die Magier taten, die vor Jesus niederfielen und Ihm huldigten. Gott konnte „Steinen“ Leben geben auf dem so einfachen Grundsatz des Glaubens. Nur solche, die im Glauben leben, sind wirklich Kinder Abrahams (vgl. Röm 4,16; Gal 3,29).

Nebenbei bemerkt: Es gab für die Juden in dieser Situation nur eine Möglichkeit, wirklich Frucht zu bringen. Es ging nicht um große Taten oder Worte. Die Frucht war jetzt davon abhängig, ob das Volk Buße tat und sich taufen ließ. Dadurch zeigten sie nämlich, dass sie – in ihrem natürlichen Zustand – vor Gott überhaupt nicht in der Lage waren, Frucht zu bringen. Aber durch die Buße erkannten sie das Gerichtsurteil Gottes über ihr Leben an – sie hatten den Tod verdient, den sie im Bild der Taufe auch auf sich anwandten. Das war die Frucht, die Gott suchte.

Verse 10–12: Die Taufen des Messias

„Schon ist aber die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum nun, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Ich zwar taufe euch mit Wasser zur Buße; der nach mir Kommende aber ist stärker als ich, dem die Sandalen zu tragen ich nicht wert bin; er wird euch mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen; dessen Worfschaufel in seiner Hand ist, und er wird seine Tenne durch und durch reinigen und seinen Weizen in die Scheune sammeln, die Spreu aber wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer“ (Verse 10–12).

Nun stellt Johannes den religiösen Führern eine direkte Gerichtsbotschaft vor. Das hatte er nicht getan, als das normale Volk zu ihm gekommen war. Aber in dem Moment, wo sich die Vornehmen des Volkes in so anmaßender Weise zu ihm bewegen, so dass er ihren Herzenszustand bloßlegen muss, kündigt er zugleich ein vernichtendes Gericht an. Wir wissen, dass sich weder die Pharisäer noch die Sadduzäer diese Ankündigung zu Herzen genommen haben. Sonst hätten sie sich im weiteren Verlauf anders verhalten.

Zunächst greift Johannes der Täufer das Thema „Frucht bringen“ auf. Johannes erklärt nicht, wie ein Sünder gerettet wird oder wie Gott Sünden vergibt. Aber wenn ein Mensch mit Gott verkehren möchte, muss er die Stellung einnehmen, die vor Gott angemessen ist. Das bedeutet Buße zu tun und Frucht zu bringen.

Johannes verschärft seine Ansprüche dann und weist darauf hin, dass die Axt des Gerichts bereits an die Wurzel der Bäume gelegt ist. Das ist keine Vorwarnung mehr, denn die Zeit der Geduld ist vorüber. Der Moment göttlichen Handelns war gekommen; das Gericht stand vor der Tür. Zunächst spricht er noch nicht davon, wer diese Axt in die Hand nehmen würde. Er spricht nur davon, dass sie schon an die Wurzel der Bäume gelegt sei, nicht an den Baum selbst, wie man hätte erwarten können. Dadurch wird deutlich, dass es nicht um das äußere Erscheinungsbild (den Baum selbst) geht. Die Wurzel des Bösen selbst ist im Blickfeld.

Das ist deswegen von Bedeutung, weil die Pharisäer und Sadduzäer sich besonders um ihr öffentliches Erscheinungsbild kümmerten. Vor allem waren sie der Meinung, dass sich umliegende Völker, die Heiden dieser Welt, taufen lassen mussten. Es war doch vorhergesagt, dass die Nationen nur durch Israel Segen bekommen sollten. Wenn der Messias kommen würde, um sein Volk zu befreien, dann war das mit Gericht für die anderen Nationen verbunden. Das hatten Jeremia und die Propheten immer wieder betont. So kamen diese selbstbewussten Führer des Volkes zu Johannes. Sie konnten nicht leugnen, dass hier eine Volksbewegung entstanden war. Dazu wollten auch sie gehören. Aber Böses – das war doch nicht bei ihnen vorhanden!

Die Wurzel ist entscheidend

Johannes muss sie aber gerade darauf hinweisen, dass das Entscheidende für jeden Menschen – sei er Jude oder Heide – die Wurzel seines Lebens ist. Denn der Zustand der Wurzel hat Auswirkungen auf das Verhalten. Eine gute Wurzel würde gute Frucht bringen, eine schlechte Wurzel schlechte Frucht. Ihr Leben zeigte, dass die Wurzel nicht gut war. So musste die Axt an der Wurzel des Übels angesetzt werden. Aber das Gericht wurde noch nicht ausgeführt, denn man liest nicht, dass die Axt die Wurzel schon abhaut. Dennoch – ihr Zustand machte das kommende Gericht unausweichlich. Die Axt war an die Wurzeln gelegt und blieb auch dort bis zur Ausführung des Gerichts. Wenn das Gericht vollzogen werden würde, wäre das Ergebnis, dass der Baum ins Feuer geworfen würde: unbrauchbar für Gott, für immer hinweggetan!

Da stellt sich die Frage, ob es nicht auch gute Wurzeln gab. Keine einzige! Denn die Wurzel ist beim Menschen nichts anderes als die sündige Natur. Für diese gibt es keine Hoffnung. Für sie gibt es auch nichts, das positiv zu deuten wäre. Die Axt muss an dieser Wurzel handeln.

So mussten die Pharisäer und Sadduzäer – aber letztlich alle – lernen, dass es nicht auf das äußere Erscheinungsbild ankommt, sondern auf den inneren wirklichen Zustand des Herzens. Vor den Augen der Menschen kann man vieles verbergen und sich anders geben, als man wirklich ist – aber der eine König des Himmels und der Erde durchschaut jeden. Er ist der entscheidende Richter!

Wer ist der Richter?

Im 11. Vers zeigt Johannes dann, wer das Gericht ausführen wird. Er nennt zwar keinen Namen, aber die Verbindung der nächsten Verse macht unmissverständlich klar: Es wird der nach ihm Kommende sein. Der Kommende ist der Messias und niemand anderes als Jesus Christus.

Johannes war ein Werkzeug in der Hand Gottes. Er rief das Volk zur Buße auf – deshalb taufte er mit Wasser zur Buße. Sein Dienst war aber nur eine Vorbereitung. Wenn die Menschen bereit wären, diese Buße zu tun, dann akzeptierten sie damit das Urteil Gottes über sich: ins Feuer geworfen zu werden, den Tod verdient zu haben. Genau das ist die Bedeutung der Taufe.

Aber der nach Johannes Kommende würde nicht einfach zur Buße aufrufen. Er würde die göttliche Einsicht haben zu unterscheiden, wer mit Segen (Taufe mit Heiligem Geist) und wer mit Gericht (Taufe mit Feuer) zu taufen wäre. Johannes wusste, dass er selbst diese Differenzierung nicht treffen konnte. Wohl aber Christus.

So ist sich Johannes des Unterschieds zwischen sich und der Würde des Christus bewusst:

  • Der nach ihm Kommende wäre stärker als er. Wir sollten dabei daran denken, was für einen starken Eindruck die Predigt des Johannes auf das Gewissen der Leute gemacht hat. Die Kraft seiner Predigt war so groß, dass sie sogar von weither kamen, um sich von ihm taufen zu lassen. Und doch war die Kraft des nach ihm Kommenden unvergleichlich höher.
  • Er wäre nicht einmal wert, dem Christus die Sandalen zu tragen oder abzunehmen. Kann man sich eine größere Demut des größten von Frauen Geborenen (vgl. Mt 11,11) vorstellen als einem anderen die Sandalen abzunehmen? Johannes ist uns hier ein großes Vorbild! Aber nicht einmal dieses untersten Dienstes fühlte er sich würdig, wenn es um den Herrn Jesus ging!

Die zwei Taufen

Johannes stellt nun seine Taufe zwei Taufen des Christus gegenüber. Er selbst vollzog nur eine äußerliche Taufe 4, wiewohl er sie nur ausführte, wenn er annehmen durfte, dass die Getauften auch bereit waren, die innere Bedeutung der Taufe auf ihr Leben anzuwenden. Aber Christus würde nicht einfach nur äußerlich taufen. Seine beiden Taufen haben vor allem eine innere Dimension.

Christus würde auf zwei verschiedene Weisen taufen: mit Heiligem Geist und mit Feuer. Der Herr Jesus würde nicht nur mit Gericht kommen – Er würde auch in göttlicher Kraft zum Segen von Menschen wirken. Was ist nun mit diesen beiden Arten der Taufe gemeint? Manche haben aufgrund dieser Zusammenstellung gedacht, dass sich beides auf Apostelgeschichte 2 bezieht: Dort wurden die im Obersaal versammelten Jünger mit dem Heiligen Geist getauft (vgl. Apg 1,5; 2,1–4; siehe ebenfalls Apg 11,16). Dabei setzten sich „Zungen wie von Feuer auf jeden Einzelnen von ihnen“ (Apg 2,2), womit man dann die Feuertaufe erklärt.

Was die Taufe mit Heiligem Geist betrifft, sehen wir in der Apostelgeschichte sicher eine erste Teilerfüllung. Doch Apostelgeschichte 1,5 macht deutlich, dass die Taufe mit Feuer in der Apostelgeschichte nicht gemeint sein kann. Sonst hätte der Herr Jesus die Feuertaufe dort ebenfalls erwähnt. Genau das aber geschieht nicht; und die bewundernswerte Genauigkeit des Wortes Gottes weist uns darauf hin, dass hier nur die Taufe mit dem Heiligen Geist gemeint ist, nicht jedoch die mit Feuer, auch wenn es beim Herniederkommen des Heiligen Geistes in Apostelgeschichte 2 die Erscheinung von „Zungen wie von Feuer“ gab.

Was kann dann aber unter der Taufe mit Feuer verstanden werden? Das Feuer ist in der Schrift immer wieder ein Symbol für Gericht. Das wird in Vers 12 noch einmal sehr deutlich, aber auch zum Beispiel in Matthäus 13,40: „Wie nun das Unkraut zusammengelesen und im Feuer verbrannt wird, so wird es in der Vollendung des Zeitalters sein.“ Besonders das Alte Testament ist voll von Stellen, in denen dieses Symbol des Feuers verwendet wird.

Zwei Taufen der Zukunft

Sehr hilfreich ist in diesem Zusammenhang Joel 3: „Und danach wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgießen werde über alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter werden weissagen... Und sogar über die Knechte und über die Mägde werde ich in jenen Tagen meinen Geist ausgießen. – Und ich werde Wunder geben im Himmel und auf der Erde: Blut und Feuer und Rauchsäulen; die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut, ehe der Tag des Herrn kommt, der große und furchtbare. Und es wird geschehen: Jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden; denn auf dem Berg Zion und in Jerusalem wird Errettung sein, wie der Herr gesprochen hat, und unter den Übriggebliebenen, die der Herr berufen wird“ (Verse 1–5).

In diesem Vers werden die beiden Taufen des Herrn Jesus nebeneinander gestellt. Einerseits eine Taufe mit Heiligem Geist, andererseits eine Taufe mit Feuer; einerseits Segen, andererseits Gericht. Genau so wird es am Ende der Zeiten kommen. Dann wird die Versammlung (Gemeinde, Kirche) im Himmel sein (vgl. 1. Thes 4,1–18). Gott wird sich speziell um Israel kümmern und das Volk der Juden durch eine große Drangsal (Mt 24,21) bringen. Das ist die Feuertaufe, das Gericht, das über das Volk ausgegossen wird. Diejenigen nun, die sich dann in Buße vor Gott beugen und ihre Sünden bekennen, wird Er annehmen. Über sie wird Er den Geist Gottes ausgießen (vgl. Hes 37,7–14).

Es geht in Matthäus 3 nicht um die Versammlung. Dazu kommen wir erst später in diesem Evangelium. Der Zusammenhang macht klar, dass bei der Taufe mit Heiligem Geist nicht das Ereignis aus Apostelgeschichte 2 gemeint sein kann. So scheint sich dieser Vers tatsächlich auf eine noch zukünftige Zeit zu beziehen, wenn Christus wieder auf diese Erde kommen wird – mit Gericht und Segen. Im Unterschied zu Johannes wird Er das in vollkommener Einsicht und mit vollkommenem Urteilsvermögen tun, wie Vers 12 deutlich macht: Alle Gottesfürchtigen segnen und alle Eigensinnigen, Hochmütigen und Bösen richten.

Die Taufe mit Heiligem Geist in Apostelgeschichte 2

Wie schon angedeutet bleibt dennoch wahr, dass Apostelgeschichte 2 eine Teilerfüllung dieser Weissagung des Johannes ist. Nicht von ungefähr führt der Herr Jesus sie ja in Apostelgeschichte 1 auch an. Es ist weiter auffallend, dass Petrus in seiner Rede Joel 3 zitiert (Apg 2,16–21), wobei er die Seite des Gerichts nicht erwähnt. Die „christliche“ Taufe mit Heiligem Geist ist im Übrigen die höhere, die größere, die herrlichere. Durch diese Taufe „sind wir alle in einem Geist zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden“ (1. Kor 12,13). Hier geht es um das Geheimnis der Versammlung Gottes, von der wir im Alten Testament nichts finden, die aber ein ewiger Gedanke Gottes für seinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, ist.

So weist dieser elfte Vers eigentlich auf beides, auf das erste und das zweite Kommen Christi hin, wobei er den Schwerpunkt auf das zweite Kommen in Macht und Herrlichkeit legt, ohne aber die Bildung der Versammlung an dieser Stelle auszuschließen. Was für ein Augenblick wird das sein, wenn der Retter von heute als Richter von morgen sein Gericht auf einer Erde ausüben wird, auf der Er vor 2.000 Jahren abgelehnt und ans Kreuz genagelt wurde!

Die Art des Gerichts Christi

Im zwölften Vers führt Johannes die Art des Gerichts Christi noch weiter aus. Es ist im Unterschied zu der Axt, die mehr eine persönliche Prüfung und ein individuelles Urteil zeigt, ein unterscheidendes Gericht an seinem Volk – zwischen den Gläubigen (Weizen) und der Spreu (den Ungläubigen). Niemand anderes als Er selbst ist der Mann, der das Gericht ausüben wird: „Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren“ (Joh 5,22.23, vgl. Apg 17,31). Die Menschen unterstehen somit dem Gericht des Sohnes des Menschen, der die Worfschaufel in seiner Hand hält. Er wird seine Tenne – sein eigenes Volk Israel und besonders den jüdischen Teil – reinigen. Das wird ein furchtbares Gericht sein: „Und ich werde den dritten Teil ins Feuer bringen, und ich werde sie läutern, wie man das Silber läutert [reinigt], und sie prüfen, wie man das Gold prüft. Es wird meinen Namen anrufen, und ich werde ihm antworten; ich werde sagen: Es ist mein Volk [meine Tenne]“ (Sach 13,9).

Diese Juden würden lernen müssen, dass der Kommende nicht einfach ein Mensch ist. Es würde der HERR selbst sein. Johannes konnte von seiner Tenne sprechen. Er würde handeln. Er würde der Emmanuel sein, der „Gott mit uns“. Was für ein Segen spricht aus diesen Worten! Aber zugleich ist dieser Name mit großem Ernst verbunden. Der Herr würde in seinem Haus aufräumen, und zwar gründlich!

Die Treuen, die Frucht bringen, stellen den Weizen dar, der in die Scheune gesammelt werden wird. Die Spreu symbolisiert den Teil des Volkes, der keine Buße getan hat, der Christus ablehnt und kein wahres Leben aus Gott besitzt. Diese Spreu wird verbrannt werden. Johannes benutzt einen starken Ausdruck – mit unauslöschlichem Feuer. Es handelt sich um ein bleibendes, unaufhörliches Gericht.

Ein Neuanfang in der Menschheitsgeschichte

Bleiben wir noch einen Moment bei diesem Vers stehen, denn wir haben hier einen besonderen Augenblick in der Geschichte des Menschen im Allgemeinen und des Volkes Israel im Besonderen.

Vor uns tritt hier gewissermaßen ein Neuanfang. Der Herr Jesus selbst stellt es später wie folgt dar: „Denn alle Propheten und das Gesetz haben geweissagt bis auf Johannes“ (Mt 11,13). Johannes stellt uns also das Ende einer Zeitperiode dar, nämlich der Zeit der Propheten und des Gesetzes. Johannes kündigt das Neue – das Königreich der Himmel – bereits an, wie wir in Vers 2 gesehen haben. Doch mehr Gewicht legt er in seiner Rede auf das Gericht (Axt und Feuer) und macht deutlich, dass die Geschichte des Volkes Gottes zu einem Abschluss kommt, und zwar zu einem Ende im Gericht!

Mit diesem Gericht lassen sich einige bedeutsame Feststellungen treffen:

  1. Es hat sich erwiesen, dass der Mensch nicht in der Lage ist, Gott zu gefallen und das zu tun, was Gott verherrlicht. Damit ist das Verlorensein des Menschen ein für allemal erwiesen. Selbst in den besten Umständen – Gott hatte sein Volk umzäunt (vgl. Mt 21,33; Eph 2,14) und ihm alles Nötige gegeben – zeigte er sich als nicht in der Lage, Gott wirklich zu dienen.
  2. Die Zeit ist zu Ende, in welcher der Mensch in seiner Verantwortlichkeit vor Gott geprüft wurde. Er hat sich als unfähig erwiesen, Gottes Ansprüchen gerecht zu werden.
  3. Diese Feststellung gilt nicht nur für das Volk Israel und die Juden, sondern für jeden Menschen. Denn sein Volk steht sozusagen exemplarisch für die ganze Menschheit, damit deutlich wird, dass der Mensch nicht in der Lage ist, Gott zu gefallen.
  4. In Christus hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Der letzte Adam (1. Kor 15,45) ist der Anführer eine ganz neuen Rasse von Menschen. Der zweite Mensch (1. Kor 15,47) bildet die Grundlage für ein himmlisches Menschengeschlecht. Dafür war es allerdings nötig, dass Er das Erlösungswerk für den Menschen vollbrachte. „Jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer“ (Heb 9,26).
  5. Gott prüft jetzt den Menschen nicht mehr darauf, ob er in der Lage ist, seine Forderungen zu erfüllen. Der Mensch hat endgültig bewiesen, dass er den Tod verdient hat. Wenn er zu Gott kommen möchte, ist dies nicht auf Basis eigener (vermeintlicher) Gerechtigkeit möglich, sondern nur auf der Grundlage des von Christus am Kreuz vollbrachten Werkes.

Verse 13- 17: Christus lässt sich im Jordan taufen

Die letzten Verse dieses Kapitels lassen uns nun einen Blick in die geöffneten Himmel tun. Wir finden hier eine wunderbare Offenbarung, wie es sie vorher noch nie auf der Erde gegeben hat. Wir dürfen Teilhaber einer Szene sein, die uns einen kleinen Einblick in die Beziehung des Vaters zu dem Sohn gibt. Es gebührt uns, diesen heiligen Boden mit gereinigten Herzen zu betreten.

Vers 13: Der Messias kommt zu Johannes

„Dann kommt Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, um von ihm getauft zu werden“ (Vers 13).

Dieser Vers leitet eine besondere Wendung in diesem Kapitel ein. Bislang haben wir den Vorläufer gesehen, der in Treue die Botschaft der Buße an das Volk weitergab. Aber Johannes war nur der Vorläufer, der für und auf den König vorbereitete. Dieser kommt jetzt. Wie würde Er wohl kommen? Was für herrliche Worte würde Er als erstes an sein Volk richten?

Erneut sind wir beeindruckt: Genauso wenig, wie Er in einem Palast zur Welt kam und für sich eine ehrwürdige Familie auswählte, tritt Er bei seinem ersten öffentlichen Erscheinen in großem Prunk auf. Im Gegenteil. Auch Er kommt in die Wüste zu Johannes. Er begibt sich an die Stelle, wo sich das bußfertige Volk befindet. Er bekennt sich damit zu denen, die sich als Sünder anerkennen. Nicht die sind seine Herrlichen, die so groß und vornehm taten wie die Pharisäer, sondern diese: „Du hast zu den Heiligen gesagt, die auf der Erde sind, und zu den Herrlichen: An ihnen ist all mein Gefallen“ (Ps 16,3). Damit bestätigt der Herr auf eindrucksvolle Weise das, was Er in Lukas 15,7 sagt: „Ebenso wird Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über 99 Gerechte, welche die Buße nicht nötig haben.“

Christus in Niedrigkeit

Auch an dieser Stelle in Matthäus 3 merken wir wieder, wie Jesus die Geschichte des Volkes Israel neu beginnt. Er war schon in Ägypten gewesen. Jetzt geht Er in die Wüste – dort, wo das Volk auf der Reise nach Kanaan 40 Jahre lang nahezu ununterbrochen versagt hatte. Und Christus? Seine Vollkommenheit in Liebe und Wahrheit strahlt erneut hervor.

Wir müssen bedenken: Johannes hatte Jesus in großer Würde, ja in richterlicher Herrlichkeit angekündigt. Man hätte jetzt jemanden erwarten können, der in großer Pracht daher kommt. Aber Er kam eben nicht in dieser majestätischen Form, sondern als Mensch unter Menschen, in vollkommener Demut! In seiner Demut geht Christus so weit, dass Er sich taufen lassen will. Wir müssen dabei noch einmal bedenken, was diese Taufe symbolisiert: Das Gericht Gottes über das Tun des Menschen ist der Tod (das Wasser der Taufe). Durch diese Wassertaufe erkennt man dieses berechtigte Urteil Gottes an und bekennt seine Sünden.

Traf das auf Christus zu? Musste Er ein Urteil über sich anerkennen? Hatte Er Sünden zu bekennen? Auf alle diese Fragen müssen wir mit einem deutlichen „Nein“ antworten. Er war von Beginn an, ja von Natur der Unschuldige und Sündlose. Für Ihn gab es kein Urteil und kein Gericht! Er hatte auch in seiner Jugendzeit nichts anderes als den Willen seines Gottes getan. Warum aber kam Er dann, um sich taufen zu lassen?

Christus identifiziert sich mit den Übriggebliebenen

Christus wollte sein Volk nicht nur durch seine Haltung der Güte trösten. Er wollte auch Anteil nehmen an ihren inneren Übungen, an den Schwierigkeiten, in denen sie waren. Er wollte sich ganz mit ihnen und ihrem Zustand eins machen, auch wenn es sich natürlich nicht um seinen eigenen Zustand handelte. Er konnte sich nicht mit den Gottlosen in Israel eins machen, was für einen großen Namen sie auch trugen. Aber mit den Elenden identifizierte Er sich, mit denjenigen, die ihren sündigen Zustand – wenn auch vielleicht nur in geringem Maß – anerkannten.

Er machte sich jetzt eins mit ihnen, damit Er sie später eins mit den Segnungen seiner Person machen konnte. Das ist eine Belehrung, die wir in den Opfern finden: Als Sündopfer machte sich Christus eins mit unserer Sünde und mit unseren Sünden – das ist das Handauflegen beim Sündopfer. Weil Er dieses Werk vollbracht hat, kann Er uns nun auch mit dem Wohlgeruch seiner Person vereinigen – das ist das Handauflegen beim Brandopfer.

So finden wir hier Christus, der die Sünden seines Volkes gewissermaßen zu den eigenen macht und sie in der Taufe bekennt.

Wenn es auch nicht im umfassendsten Sinn wahr ist, so gab es im Alten Testament mit Daniel und Esra (Daniel 9; Esra 9) auch Glaubensmänner, die an dem Zustand und den Sünden des Volkes schuldlos waren und diese anstelle des Volkes bekannten. Wohl selten trifft diese Schuldlosigkeit auf uns zu. Doch dürfen und sollten auch wir uns mit dem Zustand des Volkes Gottes heute eins machen. Wir werden dann zuerst unsere eigene Schuld als Anteil daran zu bekennen haben. Und dann dürfen wir auch in Fürbitte die Schuld des Volkes vor Gott bekennen.

Hier sehen wir, dass Christus nicht nur für uns kam. Das kam Er! Aber Er kam auch „mit uns“ – Gott mit uns. Er kam in die Mitte der Sünder, Er nahm unsere Stelle ein.

Verse 14.15: Christus stellt sich mit Johannes auf eine Stufe

„Johannes aber wehrte ihm und sprach: Ich habe nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir? Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt geschehen; denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Dann lässt er es ihm zu“ (Verse 14.15).

Auch Johannes kann es nicht fassen, dass Jesus sich von ihm taufen lassen möchte. Er selbst hatte ja diese Taufe nötig – er selbst musste als von Natur sündiger Mensch Buße tun und umkehren, um von Gott angenommen zu werden. Und da kommt der Eine, der keine Umkehr nötig hatte, der nichts zu bekennen hatte, zu ihm, um sich taufen zu lassen! Durch die Reaktion des Johannes haben wir von Anfang an das Zeugnis der Heiligkeit und Sündlosigkeit Jesu – hier durch Johannes und zwei Verse später durch Gott, den Heiligen Geist und den Vater selbst. Er ist der Einzige, der unbefleckt und vollkommen ist!

Dabei müssen wir bedenken, dass Johannes sofort erkannte, wer da zu ihm kam. Das ist insofern von Bedeutung, als die anderen Juden und insbesondere die Pharisäer und Sadduzäer nicht dazu in der Lage waren! Johannes aber steht hier auf der Höhe seines Glaubenslebens und erkennt – durch Gott geleitet – sofort, wen er vor sich hat.

Vorher hatte er gesagt, dass er nicht wert ist, dem Kommenden die Sandalen zu tragen; wie wir sehen, war das kein bloßes Lippenbekenntnis. Hier zeigt er, dass ihn genau diese Haltung auszeichnet. So lehnt Johannes es zunächst ab, Christus zu taufen. Aber der Herr Jesus erklärt Johannes in einer zu Herzen gehenden Weise, was Er jetzt tun möchte:

Die Gründe für die Taufe

  1. Lass es jetzt geschehen: Die Handlung des Johannes, den Herrn zu taufen, würde nicht zu einem beliebigen späteren Zeitpunkt angemessen sein, sondern nur gerade jetzt. Johannes der Täufer sollte „jetzt“ diese Dinge geschehen lassen. Es war nötig, bevor der Messias seinen öffentlichen Dienst beginnen konnte.
  2. Es gebührt uns: Hatte Johannes nicht soeben anerkannt, dass er im Vergleich zu Christus vollkommen unwürdig war? Das ist der Anlass für Christus, diesen demütigen Mann mit sich selbst zu verbinden. Er sagt gewissermaßen: „Uns beiden gebührt es, diese Taufe zu vollziehen“. Was für eine Herablassung, dass der Mensch gewordene Ewige hier Johannes auf seine eigene Stufe stellt.
  3. Uns: In gewisser Weise verbindet sich Christus sogar mit allen, die sich vor Ihm haben taufen lassen und damit Gott und sein Urteil als gerecht anerkannt haben.
  4. Alle Gerechtigkeit zu erfüllen: Dass der Heiland sich hier taufen ließ, war ein Akt der Gerechtigkeit. Christus musste sich nicht wegen Sünde in seinem Leben taufen lassen – Er war völlig ohne Sünde – sondern aus Gerechtigkeit. Dabei geht es hier nicht um eine Gerechtigkeit des Gesetzes. Es geht darum, dass es gerecht war, dass sich das sündige Volk unter die mächtige Hand Gottes beugte und sich taufen ließ, indem es seine Sünden bekannte. So sehr identifizierte sich Christus mit dem sündigen Volk, dass auch Er die Taufe an sich geschehen ließ – auch wenn Er keine Sünde zu bekennen hatte – und damit die Gerechtigkeit Gottes erfüllte. Es war die Herablassung des Sohnes Gottes, des Königs Israels, ja seine Liebe, sich hier auf die Ebene seines Volkes zu erniedrigen.
    Es war im Übrigen auch Gerechtigkeit, den wahren Zustand anzuerkennen, in dem selbst die Besten des Volkes Israel waren, wie Johannes, also Gottes Urteil gerecht zu nennen. Was war der Zustand? Das Bedürfnis von Sündenvergebung zu haben, die Notwendigkeit, die Sünden zu bekennen. Genau das bestätigt der Herr Jesus durch sein Einsmachen mit diesem Überrest.
  5. Erfüllen: In Matthäus 1,21 lesen wir von Christus: „Du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von ihren Sünden.“ Wenn der Messias für sein Volk sterben wollte, musste Er sich – allerdings freiwillig – in allem mit diesem sündigen Volk eins machen. Genau das tat Christus und nur so konnte Er diesen Vers und auch „alle Gerechtigkeit“ erfüllen. Durch die Taufe – sie spricht vom Tod – deutet Jesus an, was das Ende seines Weges sein würde: der Tod für sein Volk. Wenn Er sich schon hier mit seinem bußfertigen Volk identifiziert, dann würde Er auch das Ende des Weges, den Tod am Kreuz von Golgatha, auf sich nehmen.

Johannes der Täufer tut, was der Herr ihm sagt. Er zeigt prompten Gehorsam und führt diese hehre, einzigartige Aufgabe aus, den Einen, den Gerechten, den Reinen, den Sündlosen zu taufen.

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass der Herr Jesus auch an anderer Stelle noch etwas an sich vollziehen lässt, um „alle Gerechtigkeit zu erfüllen“, auch wenn der Inhalt des Aktes nicht auf Ihn zutraf. Er ließ sich beschneiden. Aber genauso wenig, wie Christus hätte Buße tun oder Sünden bekennen müssen, wäre die Beschneidung bei Ihm notwendig gewesen. Dennoch ließ Er es zu, am achten Tag beschnitten zu werden nach der Vorschrift des Alten Testaments (vgl. Lk 2,21–24 und 1. Mo 17,12).

Die Beschneidung ist das Wegschneiden eines Stückes des Fleisches des Mannes. Obwohl nur ein Stück abgeschnitten wird, drückt man damit aus, dass nicht nur der weggeschnittene Teil des Menschen, sondern – stellvertretend für den einen Teil – alles von dem Menschen für Gott unbrauchbar ist. Natürlich traf das niemals auf den Vollkommenen, unseren Herrn Jesus Christus zu! Dennoch lässt Er die Beschneidung zu, weil Er sich auch in diesem Punkt mit dem bußfertigen Teil des Volkes einsmachen wollte.

Es ist bewegend, seine vollkommene Herablassung anzuschauen. Dessen, der alles in allem erfüllt!

Verse 16.17: Gott ehrt den Einzigartigen auf einzigartige Weise

„Als aber Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf; und siehe, die Himmel wurden ihm aufgetan, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herniederfahren und auf ihn kommen. Und siehe, eine Stimme ergeht aus den Himmeln, die spricht: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe“ (Verse 16.17).

Bisher hatte der Herr Jesus alles bestimmt, Er war der Handelnde gewesen, hatte die Verantwortung über seine Taufe übernommen, was normalerweise beim Taufenden liegt. Und auch jetzt hat der Herr das weitere Geschehen in der Hand: Er steigt sogleich aus dem Wasser herauf.5 Christus stand eben nicht unter dem Gerichtsurteil Gottes und darin ist Er der Einzige! Weil Er aber dennoch bereit war, sich diesem Akt der Gerechtigkeit zu unterziehen, gab es eine prompte Reaktion Gottes.

Die Reaktion Gottes auf die Erniedrigung Christi

Wir finden keine Beschreibung der Taufe Jesu selbst. Aber wir finden den ausführlichen Bericht darüber, wie Gott auf diese demütige Haltung seines Sohnes reagierte.

Der Herr Jesus konnte sich auf die Stufe der bußfertigen Übriggebliebenen stellen. Er konnte sich mit Johannes dem Täufer einsmachen. Aber dennoch bleibt absolut wahr: Er steht nicht auf derselben Stufe. Das macht sein himmlischer Vater sofort deutlich 6. Er begegnet damit sofort möglichen Missverständnissen der Menschen, die hätten meinen können, dass Jesus dieses Taufbekenntnis nötig gehabt hätte. Nein – hier ließ sich der einzigartige Sohn taufen, der das Wohlgefallen des Vaters hatte und der hoch über jeden Menschen erhaben ist!

  1. Die Himmel wurden Ihm aufgetan. Hat es das schon einmal gegeben, dass sich die Himmel einem Menschen hier auf der Erde „auftaten“? Ja, in gewisser Weise gab es das schon einmal. In Hesekiel 1,1 lesen wir, dass sich die Himmel öffneten, um Hesekiel eine prophetische Vision zu zeigen. Tatsächlich ging es auch damals wie hier in Matthäus 3 um die Herrlichkeit Gottes. Aber es war nur eine Vision, die Gericht für das Volk Israel ankündigte.
    In Matthäus 3 dagegen geht es nicht um eine Vision. Hier tun sich die Himmel tatsächlich auf, um die Herrlichkeit eines Menschen in seiner Person und in seiner Beziehung zum Vater zu offenbaren.
  2. Und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herniederfahren und auf Ihn kommen. Hat es das schon einmal gegeben, dass der Geist Gottes auf einen Menschen herniedergefahren ist? Ja, in gewisser Weise gab es das mehrfach im Alten Testament. Man kann an 4. Mose 11,25 denken, wo der Geist Gottes auf die 70 Ältesten im Lager kam. Oder wo Er auf (über) Bileam kam oder auf gottesfürchtige Männer in Israel (vgl. z. B. 4. Mo 24,2; 1. Chr 12,19; 2. Chr 15,1; usw.).
    Aber an keiner Stelle war es so, dass der Geist Gottes in Person auf einen Menschen kam und auf ihm blieb. Hier bei Christus finden wir dagegen, dass der Geist Gottes als Person auf Ihn kam, und zwar, um dort zu bleiben! Das war eine „Salbung“ (mit Heiligem Geist), wie es bei einem König geschieht. Nicht, dass Christus hier schon gekrönt worden wäre. Das wird erst in der Zukunft geschehen. Aber im Bild wird Er hier schon gesalbt – wie auch David lange vor dem Antritt des Königtums gesalbt wurde.
  3. Und siehe, eine Stimme ergeht aus den Himmeln. Hat es das schon einmal gegeben, dass eine Stimme aus den Himmeln erging? Ja, in gewisser Weise hatte Gott mit Mose gesprochen. Sogar öffentlich bekannte Er sich zu Mose, als Aaron und Mirjam gegen diesen aufstanden. Auch zu anderen Menschen sprach Gott aus dem Himmel.
    Aber Gott bezeichnete keinen einzigen dieser Menschen als „geliebter Sohn“. Nur zu diesem Einen gab und gibt es diese Beziehung, die völlig einzigartig ist.
  4. Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe. Hat es das schon einmal gegeben, dass Gott jemand auf der Erde seinen Sohn nannte? Ja, in gewisser Weise hatte Gott das Volk Israel als seinen Sohn bezeichnet. Man denke beispielsweise an Hosea 11,1. Auch hatte Gott schon öfter sein Wohlgefallen gegenüber guten Werken von Gottesmenschen im Alten Testament ausgedrückt.
    Aber es gibt nur einen geliebten Sohn. Und es gibt nur Einen, von dem der Vater in dieser absoluten Weise sagen kann, dass Er Wohlgefallen an Ihm gefunden hat. Es gibt nur den Einen, der sich – ewiger Gott seiend – so sehr zu uns Menschen erniedrigte, dass Er sogar unsere Stelle einnahm. Da kann Gott, der Vater, nicht schweigen! Seinem Sohn gegenüber macht Er seine ganze Liebe und sein ganzes Wohlgefallen an Ihm deutlich, und zwar hier sogar öffentlich.

Angesichts dieser erhabenen Szene weist Matthäus – von dem Geist Gottes gewissermaßen aufgefordert – wie mit einem betonten Zeigefinger auf das Geschehen hin, und sagt: „Siehe“! Es war Gott derart bedeutsam, dass Er die Besonderheit dieses Ereignisses noch einmal unterstreicht.

Geöffnete Himmel über Christus

Geöffnete Himmel finden wir im Neuen Testament nicht nur einmal in Verbindung mit dem Herrn Jesus:

  1. Hier in Matthäus 3,16 öffneten sich die Himmel, weil der Vater nicht schweigen konnte, als sein Sohn sich in solch einer Weise erniedrigte und sich mit den bußfertigen Übriggebliebenen der Juden einsmachte. Als Er sich so mit ihnen identifizierte, machte Gott sofort deutlich, dass doch ein himmelweiter Unterschied zwischen den Juden und diesem Einen, seinem geliebten Sohn besteht. Er – und Er allein! – besitzt das vollkommene Wohlgefallen des Vaters.
  2. In Apostelgeschichte 7,56 öffneten sich die Himmel über Stephanus, damit er den verherrlichten Sohn des Menschen im Himmel sehen konnte. Dieser Blick in den Himmel auf den Herrn Jesus sollte zu seiner Ermutigung dienen. Christus hingegen brauchte nie einen Gegenstand im Himmel zur Ermutigung. Die Himmel öffneten sich Ihm selbst.7 Ähnlich wie bei Stephanus dürfen wir es heute erleben: Durch die geöffneten Himmel sehen wir Christus, wie Er jetzt in der Herrlichkeit ist, um auch dort für uns tätig zu sein.
  3. In Apostelgeschichte 10,11 und Offenbarung 4,1 finden wir die geöffneten Himmel in Verbindung mit der Versammlung. Petrus brauchte das Wunder geöffneter Himmel, um zu lernen, dass Christus sich in der Versammlung mit Gläubigen aus den Juden und Heiden verbindet. Aus der zweiten genannten Stelle sehen wir, dass Christus kommt – gewissermaßen durch geöffnete Himmel – um seine Braut, die Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes zu sich in den Himmel zu entrücken. Zwar ist davon direkt nicht die Rede, aber aus dem prophetischen Zusammenhang von Offenbarung 3 und 4 können wir die Entrückung der Gläubigen im Bild der geöffneten Tür im Himmel erkennen.
  4. In Offenbarung 19,11 öffnen sich die Himmel und der Sohn des Menschen kommt wieder auf die Erde zurück. Dann kommt Er nicht mehr in Demut und Niedrigkeit, sondern als der Herr der Herren und König der Könige, um hier zu regieren und sich alles zu unterwerfen.
  5. In Johannes 1,51 schließlich finden wir prophetisch, dass im 1000-jährigen Reich die Himmel geöffnet sein werden über dem Sohn des Menschen. Das erste Mal seit dem Sündenfall wird es eine bleibende Gemeinschaft zwischen Himmel und Erde geben können. Das bleibende Wohlgefallen des Himmels wird auf der Erde ruhen, weil Christus dann hier der Herrscher ist.

Schauen wir uns die fünf Punkte noch einmal genauer an, stellen wir fest, dass die geöffneten Himmel im neuen Testament immer mit dem Herrn Jesus zu tun haben. Er ist der Grund dafür, dass der Himmel nicht verschlossen bleiben kann.

Und auch nur Er ist hier in der Stelle in Matthäus 3 der Grund für den geöffneten Himmel und nicht etwa der Mensch oder das Volk Israel. Das Volk hatte vielleicht erwartet, dass der König bei seinem Kommen den ganzen Segen Gottes für sie bringen und sie befreien würde. Aber genau das finden wir nicht, weil es nicht zu dem hehren Auftrag des Herrn passte, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Nein, die Himmel öffnen sich über Christus, über Ihm allein, um Ihn zu segnen. Das ist der Ausgangspunkt seines Weges hier auf der Erde.

Christus wird mit Heiligem Geist gesalbt

Auch das Herniederkommen des Geistes Gottes ist ein besonderer Augenblick.

Natürlich besaß der Herr Jesus von Beginn seines Lebens an den Heiligen Geist, ja Er war von dem Heiligen Geist gezeugt worden. Aber hier haben wir den Menschen Jesus vor uns. Bevor Er seinen öffentlichen Dienst beginnt, salbt Gott, sein Vater, seinen Sohn sichtbar und in der Öffentlichkeit, damit jeder weiß: Dieser Mensch hat das Siegel Gottes. Er besitzt den Heiligen Geist und wird von diesem Geist Gottes in allem geführt, Er ist von Ihm geprägt.

Diese beiden Seiten – die Tatsache, dass der Heilige Geist seit der Geburt des Herrn in Ihm wohnte und dass Gott dennoch als ein öffentliches Zeugnis seinen Sohn mit dem Heiligen Geist salbte – finden wir sehr schön im Speisopfer vorgebildet. Dort ist immer wieder von dem Öl die Rede. Manchmal wird davon gesprochen, dass das Opfer mit Öl gemengt war (z. B. 3. Mo 2,4). Das erinnert uns daran, dass der Herr Jesus von Beginn seines Lebens an den Heiligen Geist besaß, dass Er von dem Heiligen Geist gezeugt worden (Mt 1,20) und völlig von Ihm „durchdrungen“ (gemengt!) war.

Aber manche Opfer wurden auch mit Öl begossen (z. B. 3. Mo 2,1) bzw. gesalbt (3. Mo 2,4). Und dies ist der Gedanke in Matthäus 3. Denn hier haben wir den Menschen Jesus vor uns, den der Vater vor seinem öffentlichen Auftreten sichtbar salbt (vgl. Apg 10,38). Das Öl, das über das Opfer gegossen wurde, war öffentlich sichtbar.

Hinzu kommt noch ein Vergleich, den man mit der Einweihung und Heiligung der Priester ziehen kann. Der Hohepriester wurde mit Öl begossen (2. Mo 29,7), bevor Blut auf ihn gesprengt wurde. Im Gegensatz dazu mussten seine Söhne zuerst mit Blut bestrichen werden (Vers 20.21). Erst dann konnte Öl auf sie gesprengt werden, was dann auch noch ein zweites Mal auf den Hohenpriester gesprengt wurde.

Während für uns zuerst das Opfer Jesu nötig ist, damit wir mit dem Geist Gottes versiegelt und gesalbt werden können, war das bei Christus nicht nötig. Er ist der Vollkommene, der ohne Blut gesalbt werden konnte, kraft des Wohlgeruchs seiner vollkommenen Person!

Der Geist Gottes wie eine Taube

Der Geist Gottes kam in Gestalt einer Taube auf den Herrn Jesus herab.

Die Taube kommt das erste Mal in der Bibel bei Noah vor, nachdem die Arche auf dem Gebirge Ararat auf Grund gelaufen war. Noah ließ eine Taube aus der Arche hinaus, aber sie konnte noch keinen Ruheplatz finden (1. Mo 8,9). Beim zweiten Mal hatte sie dann ein Olivenblatt im Schnabel (Vers 11). Erst beim dritten Mal fand die Taube einen Ort auf der Erde, um zu überleben, und kehrte nicht zur Arche zurück.

Doch den wahren Ruheort konnte die Taube erst finden, als Christus auf die Erde kam. Bis dahin konnte der Geist Gottes zwar wirken und immer wieder auf Menschen kommen, aber einen Ruheplatz fand Er allein in dieser Person, die allezeit – auch als Kind und Jugendlicher – nur das Gott Wohlgefällige getan hat.

Darüber hinaus denken wir daran, dass die Taube ein reines Tier war und auch als Opfer verwendet wurde. So sticht hier angesichts der Sünde der Menschen und der Bosheit der Führer des irdischen Volkes Gottes die Reinheit des Einen hervor, der, getrieben durch den Heiligen Geist, das wahre Opfer für Gott am Kreuz von Golgatha stellen sollte.

Schließlich gibt die Taube uns auch einen Hinweis auf den himmlischen Charakter des Herrn. Er war der vom Himmel Gekommene. Er kam aus dem Himmel, um auch wieder in den Himmel zu gehen.

Gott kann über seinen geliebten Sohn nicht schweigen

Der Vater kann angesichts dieser Demut Jesu nicht schweigen. Aus dem Himmel ruft Er allen Dabeistehenden zu: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“

Wir werden durch diese Worte an zwei Stellen im Alten Testament erinnert. Zunächst an den bereits zitierten Vers aus Psalm 2: „Der Herr hat zu mir gesprochen: Du bist mein Sohn“ (Vers 7). Es gab nur den einen Sohn – seinen Sohn. Dieser hatte sich so sehr erniedrigt, dass Er als Mensch auf diese Erde gekommen war. Es war sein eigener Sohn, den Er hier auf der Erde sein Leben führen sah und der eine ewige Beziehung zum Vater hatte.

Die zweite Stelle ist Jesaja 42,1, wo wir lesen: „Siehe, mein Knecht, den ich stütze, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat.“ Dieser Mensch, der sich von Johannes taufen ließ, war niemand anderes als der Auserwählte des Vaters, an dem dieser sein Wohlgefallen gefunden hatte. Der Sohn besaß das Wohlgefallen des Vaters vor Grundlegung der Welt. Und das änderte sich jetzt auch als Mensch auf der Erde nicht. Alles, was Er tat, rief das Wohlgefallen des Vaters hervor. Und zwar in solchem Maß, dass der Vater nicht schweigen konnte. Einzigartig stand der Sohn hier vor dem Vater – und das vor den Augen der vielen Menschen, die sich hier zu Gott bekannten.

Der Ausdruck „Auserwählter“ kann sich nur auf den Herrn Jesus als Mensch beziehen.Denn er zeugt davon, dass es mehrere gibt, unter denen Gott eine Auswahl trifft. Es gibt nur einen Sohn Gottes – es gibt keinen zweiten! Daher kann Christus nicht als „Gott, der Sohn“ hier gemeint sein. Menschen dagegen gibt es viele.8

Die erste Offenbarung der Dreieinheit Gottes in der Schrift

In diesen Versen 16 und 17 erleben wir zugleich eine Offenbarung, die es vorher noch nie gegeben hatte! Denn das erste Mal seit der Schöpfung des Menschen finden wir, dass der eine Gott sich in seinen drei Personen offenbart:

  • Der Sohn ist hier auf der Erde und lässt sich in göttlicher Herablassung als Mensch taufen.
  • Der Geist Gottes kommt aus dem Himmel hernieder und bleibt auf Christus.
  • Der Vater lässt seine Stimme erschallen, um sein Wohlgefallen über den Sohn auszudrücken.

Das ist keine Nebensächlichkeit! Noch nie vorher war in dieser Weise die Dreieinheit Gottes offenbart worden. Jetzt war der Zeitpunkt endlich gekommen, als hätte Gott lange darauf gewartet: Beim ersten öffentlichen Auftritt Jesu zeigt Gott uns, was in seinem Herzen ist: uns sein ganzes Herz in Christus durch den Heiligen Geist zu offenbaren.

Ein Bild der christlichen Stellung

Zugleich finden wir – sozusagen vorausblickend – in diesen beiden Versen die gewaltige christliche Stellung vorgeschattet. Der Epheserbrief zeigt uns deutlich, dass Gott uns „in Christus“ sieht. So dürfen wir in der Zeit der Abwesenheit des Herrn hier auf der Erde seine Stellung einnehmen: Das Wohlgefallen Gottes ruht auf uns und der Heilige Geist wohnt in uns.

Dabei dürfen wir bedenken, dass von diesem Zeitpunkt an der Name „Christus“ mehr bedeutet, als dass Er nur der König Israels und der erwartete Messias ist. Das ist Er auch. Aber Christus ist von hier an der Gesalbte Gottes, und zwar in dem Sinn, dass Er das ganze Wohlgefallen Gottes, seines Vaters, besitzt. Wenn von Gläubigen daher gesagt wird, dass sie „in Christus“ sind, dann ist damit nicht gemeint, dass sie in dem Messias wären, sondern ihren Platz in und ihre Beziehung zu der Person haben, welche die ganze Freude des Vaters ausmacht. So dürfen wir unsere christliche Stellung verstehen. Ist das nicht eine unvorstellbar hohe Auszeichnung?

Der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus hat uns auserwählt in Ihm vor Grundlegung der Welt – so sind wir seine Auserwählten (Eph 1,4). Christus ist der Sohn – wir sind zuvor bestimmt zur Sohnschaft durch Jesus Christus (Eph 1,5). Als Söhne haben wir diese einzigartige Beziehung zu Ihm: „Weil ihr aber Söhne seid, so hat Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt“ (Gal 4,6). Auch wir sind mit dem Heiligen Geist gesalbt worden: „Der uns aber mit euch befestigt in Christus und uns gesalbt hat, ist Gott, der uns auch versiegelt hat und das Unterpfand des Geistes in unsere Herzen gegeben hat“ (2. Kor 1,21.22).

Geliebte vom Vater

Wenn Gott sagt, dass der Herr Jesus sein geliebter Sohn ist, dürfen wir daran denken, dass der Vater auch uns liebt. Zunächst hat uns der Herr Jesus den Weg zum Vater gezeigt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater als nur durch mich“ (Joh 14,6). Dann hat Er uns beim Vater eingeführt: „Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater“ (Joh 20,17). Und Er hat uns die Liebe des Vaters offenbart: „Denn der Vater selbst hat euch lieb“ (Joh 16,27). „Damit die Welt erkenne, dass du mich gesandt und sie geliebt hast, wie du mich geliebt hast“ (Joh 17,23). „Und ich habe ihnen deinen Namen kundgetan und werde ihn kundtun, damit die Liebe, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen“ (Joh 17,26).

Was für ein Wunder der Gnade! Die Liebe, mit der wir geliebt werden, ist dieselbe Liebe, die auch den Sohn liebt! Wir sind jetzt „begnadigt in dem Geliebten“ (Eph 1,6).

Christus und der Christ: Gewaltige Unterschiede!

Es gibt aber einen ganz wesentlichen Unterschied zwischen Christus und uns. Damit meine ich nicht seine Sündlosigkeit. Aber auch das schon zeigt uns den Unterschied: Er erhielt diese Segnung aufgrund dessen, was Er ist. Wir erhalten diese Segnungen aufgrund seiner Liebe, Hingabe und seines Opfers – und durch den Glauben und die Bekehrung. Er hatte diese nicht nötig – aber wir!

Doch nicht nur unser sündiger Zustand macht den Unterschied aus. Christus wird immer der Eine bleiben, der Eingeborene, auch der Erstgeborene unter vielen Brüdern, was seine Menschheit betrifft. Außerdem bleibt wahr: Wir brauchen grundsätzlich einen Gegenstand vor unseren Augen, nach dem wir uns ausstrecken können. Das ist für uns vor allem der verherrlichte Mensch im Himmel, Christus Jesus, der unser Ziel ist. Christus hatte das nicht nötig! Er selbst war hier und bei anderen Gelegenheiten Der, auf den man schaute. Seinetwegen öffneten sich die Himmel. Seinetwegen kam der Geist Gottes auf die Erde. Seinetwegen kam die Stimme Gottes aus dem Himmel. Er selbst und sein Leben sind so einmalig, dass Er allein aufgrund seiner herrlichen Person im Mittelpunkt steht.

Mit diesem Abschnitt endet dann auch der eigentliche Dienst Johannes’ des Täufers. Er hat seine Aufgabe erfüllt – das Volk auf den Messias vorzubereiten. Er hat den Messias eingeführt in sein Volk. Jetzt konnte er „abnehmen“, Christus aber „zunehmen“, nämlich, was den Dienst dieser beiden Personen betrifft. Johannes hatte seinen Dienst erfüllt, der des Messias und Sohnes des Menschen nahm nun, was die Öffentlichkeit betrifft, seinen Anfang.

Anhang zu Matthäus 3: Das Königreich der Himmel

Da Johannes in Kapitel 3,2 von dem Königreich der Himmel spricht, seien hier kurz ein paar Gedanken zu diesem Begriff und ähnlichen Ausdrücken, wie sie in den Evangelien gebraucht werden, geäußert.

Bereits in der Einleitung haben wir den Begriff „Königreich der Himmel“ kurz gestreift. Im Neuen Testament finden wir sowohl das „Königreich Gottes“ als auch das „Königreich der Himmel“. Der zweite Ausdruck wird ausschließlich von Matthäus verwendet. Mit beiden Begriffen wird prinzipiell dasselbe ausgedrückt. Daher gibt es auch eine Reihe von Versen, in denen von Matthäus der Ausdruck „Königreich der Himmel“ und von Markus oder Lukas der Begriff „Königreich Gottes“ verwendet werden (vgl. z. B. Mt 4,17 mit Mk 1,14.15 und Lk 4,43 bzw. Mt 8,11 mit Lk 13,28.29 und 14,15).

Das „Königreich Gottes“, nimmt sowohl auf den äußeren Bereich des Reiches als auch auf den moralischen Inhalt des Königreiches Bezug. Der Ausdruck „Königreich der Himmel“ spricht demgegenüber in erster Linie von der äußeren Form des Reiches, ohne jedoch den moralischen Aspekt auszuschließen.

Das Königreich war zur Zeit, als der Herr Jesus auf der Erde lebte, noch zukünftig. Daher heißt es zum Beispiel hier in Matthäus 3,2: „Das Königreich der Himmel ist nahe gekommen“ – es war in seiner äußeren Form eben noch nicht da. Wenn dagegen allein die moralische Seite betont wird, verwendet auch Matthäus den Ausdruck „Königreich Gottes“: „Das Königreich Gottes (ist) zu euch gekommen“ (Mt 12,28). Gottes Wort ist genau!

In diesem – moralischen – Sinn kann der Ausdruck „Königreich der Himmel“ grundsätzlich durch „Königreich Gottes“ ersetzt werden – nicht aber umgekehrt. Denn während der Begriff „Königreich Gottes“ besonders auf denjenigen hinweist, der Herrscher in diesem Königreich ist – nämlich Gott, der in der Person des Sohnes Gottes (Psalm 2) das Zepter in der Hand hält und im Unterschied zu Königreichen von Menschen steht, weist der Ausdruck „Königreich der Himmel“ in erster Linie darauf hin, von wo aus dieses Königreich regiert wird: vom Himmel und nicht von der Erde aus. Das heißt nicht, dass das Königreich im Himmel wäre. Wenn Johannes predigte, dass das Reich der Himmel nahe gekommen sei, dann bedeutete dies einfach, dass ausgehend vom Himmel geherrscht werden würde. Die Erde würde bald nicht mehr sich selbst überlassen sein. Ein König, der aus dem Himmel kommen würde und himmlischen Charakters wäre, würde das Zepter übernehmen. Matthäus spricht 32-Mal von dem „Königreich der Himmel“, weil dieser Begriff besonders gut zu dem haushaltsmäßigen, also dispensationalen, epochenmäßigen Charakter des Matthäusevangeliums passt.

Die Juden erwarteten einen mächtigen Herrscher

Das ist insofern von Wichtigkeit, als die Juden, ja selbst Johannes der Täufer, wie Matthäus 11,3 deutlich macht, auf einen Messias warteten, der sein Königreich in Macht hier auf der Erde errichten und auf der Erde seine Herrschaft antreten würde. Der Herr Jesus kannte jedoch im Voraus ihren Unglauben und wusste, dass sie Ihn ablehnen und verwerfen würden. Daher war es unmöglich, dieses Königreich in dieser Form unmittelbar beginnen zu lassen. Außerdem wollte und musste Er zunächst das Erlösungswerk vollbringen.

So beginnt das Königreich der Himmel tatsächlich erst mit der Himmelfahrt des Herrn (und war also damals noch zukünftig). Das wird unter anderem aus den Worten des Herrn an seine Jünger in Matthäus 18,3 deutlich. Der Herr sagt seinen Jüngern, was für eine Gesinnung auch bei ihnen nötig war, um in das Königreich einzugehen. Noch waren sie offenbar nicht in diesem Reich, weil es noch nicht begonnen hatte. Erst mit der Himmelfahrt würde der Herr diese Erde vom Himmel aus regieren. Das heißt nicht, dass jeder seine Herrschaft auch anerkennen würde. Aber diejenigen, die sich zu Christus bekennen, und sei es nur dem Namen nach, gehören diesem Königreich an, wenn es für viele auch nur äußerlich sein mag.

Wichtig ist zu verstehen, dass das Königreich der Himmel oder Gottes nicht gleichbedeutend ist mit der Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes. Wenn es natürlich auch Berührungspunkte gibt – Matthäus 13,45.46 macht das sehr deutlich –, geht es doch um zwei deutlich zu unterscheidende Dinge. Die Versammlung ist die Gesamtheit aller Gläubigen in der Zeit zwischen der Niederkunft des Heiligen Geistes und der Entrückung, die das Werk des Herrn Jesus am Kreuz von Golgatha für sich persönlich in Anspruch genommen haben. Das Königreich der Himmel bzw. Gottes dagegen umfasst alle, die sich zu Christus bekennen, seien sie bekehrt oder nicht. Denn man kann sich auch äußerlich zu Ihm bekennen, ohne wahres Leben aus Gott zu besitzen. Mit einem Wort: Zum Reich können auch Ungläubige gehören, nicht jedoch zur Versammlung Gottes. Zudem gelten in diesem Königreich andere Grundsätze als in der Versammlung, was in Matthäus 13 deutlich wird. Dort sollten die Jünger das Reich nicht von dem Bösen reinigen, während wir in der Versammlung das Böse hinaustun müssen (vgl. 1. Kor 5).

Daniel und die regierenden Himmel

Indem Johannes der Täufer von dem Königreich der Himmel spricht, sagt er nichts, was den Juden hätte vollkommen unbekannt sein müssen. Denn auch Daniel sprach schon davon, dass der Himmel regiert. Der König Nebukadnezar musste lernen: „Dein Königtum wird dir wieder zuteil werden, sobald du erkannt haben wirst, dass die Himmel herrschen“ (Dan 4,23). Schon in Daniel 4,14 heißt es: „Die Lebenden [sollen] erkennen, dass der Höchste über das Königtum der Menschen herrscht und es verleiht, wem er will“. Das war für die Juden zur Zeit Daniels etwas vollkommen Neues. Denn bis dahin hatte Gott durch den König in Jerusalem auf der Erde regieren lassen. Zur Zeit Daniels konnte Gott aber keinen König in Israel mehr anerkennen, und selbst die Zeitrechnung würde sich nicht mehr von den Königen in Jerusalem ableiten. Von jetzt an würde Gott vom Himmel aus regieren.

Bereits in Kapitel 2,44 hatte Gott durch den Propheten Daniel deutlich gemacht, dass in den Tagen des Endes „der Gott des Himmels ein Königreich aufrichten“ würde, „das in Ewigkeit nicht zerstört und dessen Herrschaft keinem anderen Volk überlassen werden wird“. Nachdem alle Könige in Israel versagt hatten und auch die großen Herrscher der Weltreiche ebenso versagen würden, sollte der Gott des Himmels regieren – nämlich in seinem Königreich.

Auch Kapitel 7 greift diesen Punkt noch einmal auf. Dort wird sogar deutlich, wer dieses Königreich regieren wird: der verherrlichte Sohn des Menschen (Vers 14). Er, der nach Psalm 8 über alle geschaffenen Dinge gesetzt werden sollte, wird – aus dem Himmel herniederkommend (vgl. Joh 1,51 und Apg 7,56) – die ewige Herrschaft über dieses Königreich antreten. Sein Königreich ist nicht auf Israel beschränkt, sondern umfasst die ganze Erde, ist also universal (Dan 7,14.27). Das passt zu den Einleitungsworten unseres Evangeliums, indem der Herr Jesus „Sohn Abrahams“ genannt wird (Mt 1,1).

Wenn also von dem „Königreich der Himmel“ die Rede ist, so ist grundsätzlich dieses Reich gemeint. Dem muss allerdings vorausgehen, dass der Messias von seinem Volk verworfen wird und Er deshalb wieder in den Himmel auffährt. Von dort aus würde Er sein Volk regieren.

Das bedeutet aber zugleich, dass das Königreich der Himmel und das Königreich Gottes bis Matthäus 13 dieselbe Bedeutung haben, wenn auch die Schwerpunkte im Blick auf das Reich unterschiedlich gesetzt werden. Aber bis zur offensichtlichen und für alle deutlichen Verwerfung des Herrn werden beide Ausdrücke parallel verwendet, wie die Vergleichsstellen jeweils deutlich machen.

Fußnoten

  • 1 Es ist übrigens sehr interessant, dass Elia auch heute noch von den Juden in hohen Ehren gehalten wird. So wird bei jeder Passahfeier ein Becher mit Wein für Elia bereitgestellt sowie die Haustür geöffnet – er könnte ja nach dem Wort Gottes (Mal 3.23) jederzeit kommen. Und auch bei der Beschneidung eines Kindes wird wohl ein Stuhl für Elia freigehalten.
  • 2 Hierbei ist zu bedenken, dass es drei Perioden von Wunderwirkungen gab: Die erste war unter Mose, der dem Volk als Gesetzgeber unter der Hand Gottes gegeben wurde. Der zweite Zeitabschnitt war unter Elia und Elisa. Elia sollte das Volk zum Gesetz zurückführen – damit begann eine weitere Periode im Leben des Volkes Israel. Elia war dazu die Zuchtrute in der Hand Gottes – der einzige im Alten Testament übrigens, der nicht überzog, sondern in Abhängigkeit von Gott blieb, wenn auch mit Fehlern behaftet. Elisa wiederum wurde von Gott benutzt, um als Instrument der Gnade das Volk zu Gott zurückzuführen. Schließlich finden wir in dem Herrn Jesus den Beginn der dritten Periode – eines vollkommen neuen Zeitabschnitts nicht nur für die Juden, sondern für alle Menschen! Diese Perioden wurden stets durch Wunder eingeleitet. Johannes der Täufer dagegen wirkte am Ende eines Zeitabschnitts. Bei ihm finden wir keine Wunder. Erst in Offenbarung 11, wenn die zwei Zeugen tätig sein werden, finden wir sie wieder im Geist Moses und Elias, wo sie noch einmal in Verbindung mit Wundern auftreten.
  • 3 Josephus ist der bekannteste jüdische Geschichtsschreiber über die Zeit, in welcher der Herr Jesus gelebt hat. Hillel und Schammai gehören zu den bekanntesten jüdischen Schriftgelehrten, die die verschiedenen Traditionen geprägt haben.
  • 4 Durch die Wassertaufe wird niemand in dem Sinn errettet, dass er (heute) dadurch zur Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes gehört. Dazu ist die innere Umkehr und der Glaube nötig. Nicht die Taufe bekehrt, sondern das Wirken Gottes im Herzen eines Menschen, das ihn zum Glauben an den Retter Jesus Christus führt.
  • 5 Ist dieses „sogleich“ nicht auch ein Hinweis auf das, was nach dem Tod des Herrn am Kreuz geschah? Ja, Er musste drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein, prophetisch durch Jona dargestellt. Aber Er wurde „sogleich“ verherrlicht (Joh 13,32). Gott wartete nicht, seinen Sohn, der sich so sehr erniedrigt hatte, zu verherrlichen, aus den Toten aufzuerwecken und Ihm im Himmel den Platz größter Herrlichkeit zu geben.
  • 6 Ähnliches finden wir bei der Begebenheit auf dem so genannten Berg der Verklärung, als Petrus Mose und Elia, so großartig diese beiden Männer auch waren, auf eine Stufe mit dem Herrn stellen wollte. Genau in diesem Moment werden sie von der Wolke der Herrlichkeit Gottes überschattet und der Vater lässt keinen Zweifel daran, dass es nur den Einen gibt, auf dem sein ganzes Wohlgefallen ruht. Christus ist der Eine, einzigartig und in seiner Herrlichkeit allein vor dem Vater stehend!
  • 7 Es fällt auf, dass der Geist Gottes in Apostelgeschichte 7 ein anderes Wort für „öffnen“ verwendet als in Matthäus 3. Bei Christus öffnen sich die Himmel gewissermaßen von selbst. Bei Stephanus werden die Himmel ein wenig aufgemacht, um ihm diesen Blick zu ermöglichen.
  • 8 Allerdings sollte man in Verbindung mit Jesaja 42 die Seite der konkreten „Auswahl“ nicht zu stark betonen, denn das hebräische Wort (bachar) enthält keinen direkten Hinweis auf eine „Aus“-Wahl, wie das in dem deutschen (und auch griechischen) Wort der Fall ist. Nicht von ungefähr wird in dem einzigen neutestamentlichen Zitat von Jesaja 42,1 ff. die Septuaginta zitiert. Dort steht nicht „Auserwählter“, sondern „Geliebter“. Diese Übersetzung gibt sehr gut wieder, was der Auserwählte ist: Er steht einzigartig vor Gott. Die Grundbedeutung von „bachar“ scheint zu sein: vorzuziehend, vorgezogen, vorzüglich; daher: erwählt. Oft beinhaltet dieser Ausdruck den Gedanken des Aus-Erwählens, oft auch auserwählen aus einer Menge, von der nur ein Teil gewählt wird, z. B. 1. Mose 13,11; 2. Mose 17,9 usw. Allerdings geht der Gedanke des „Aus“-Erwählens erst aus dem Kontext hervor.
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