Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 10

Die Aussendung der 12 zum Predigen und Heilen in Israel (Mt 9,35–11,1)

Im nächsten Abschnitt lernen wir, wie der Messias die Verwerfung seiner Person (die Anfänge davon finden wir in Kapitel 8) und seines Werkes (Kapitel 9) zum Anlass nimmt, sich selbst zurückzuziehen. Zwar gibt Er sein Werk in Israel nicht auf (Kapitel 10) – aus Liebe! Aber Er setzt nun Diener als Instrumente ein, damit nicht dadurch, dass das Volk Ihn als Person ablehnt, das Werk verhindert wird. Es ist gewissermaßen dieser Gedanke: Vielleicht werden sie auf seine Jünger hören und durch deren Werk und Dienst zur Umkehr kommen.

Er ist letztendlich dennoch bereit, auch als Verworfener seinen Dienst im Anschluss an die Aussendung der zwölf Apostel in eigener Person fortzusetzen (Kapitel 11,1). Allerdings zeigen die beiden folgenden Kapitel 11 und 12, dass sein Dienst leider auch weiterhin nicht angenommen wird. Das Volk und besonders die Führer des Volkes lehnen Ihn weiterhin ab. Sie schreiben seine Taten und die von Johannes dem Täufer Satan zu. So verwerfen sie den Herold und seinen Meister. Aber der Sohn des Menschen lässt sich nicht aufhalten, seinen himmlischen Vater zu offenbaren.

Die Antwort auf diese Verwerfung des Herrn durch sein Volk ist schließlich die Verwerfung des Volkes durch Gott (Ende des 12. Kapitels). Auf einen derartigen Unglauben und ablehnenden Hass des Volkes kann Gott nur mit Gericht antworten. Er stellt die Blutsverwandten Jesu, die bildlich sein Volk darstellen, beiseite und führt eine ganz neue Familie, die Familie Gottes, ein. Das führt dazu, dass der Herr in Kapitel 13 als Sämann eingeführt wird, der nicht an seinem eigenen Weinstock – dem Volk Israel – Frucht sucht, sondern eine Saat für alle Menschen und Völker ausstreut. Das gibt dem Königreich der Himmel einen ganz neuen Charakter.

Nach diesem Überblick nun zurück zu Kapitel 9.

Verse 36–38: Der Anlass der Aussendung

„Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und hingestreckt waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte aussende“ (Verse 36–38).

Die Verwerfung des Herrn hatte begonnen. Man hatte sein Wirken diffamiert, indem man es Satan zuschrieb und die Kraft des Geistes Gottes als Macht Satans bezeichnete. Der Herr ging äußerlich über diese Bosheit hinweg. Aber Er ändert nun sein Vorgehen. Bislang war Er selbst sozusagen in der ersten Reihe tätig gewesen. Jetzt aber sendet Er seine Jünger aus. Wenn die Menschen Ihn ablehnten, gab es noch die Möglichkeit, dass man an seiner statt seine Jünger annahm.

Der Herr wollte sein Volk nicht aufgeben. Er sah dessen traurigen Zustand. Wir haben das schon symbolisch an manchen Krankheiten gesehen, die symptomatisch für den Zustand des Volkes stehen. Dies ließ den Herrn innerlich nicht kalt. Er nahm die Krankheiten „auf sich“, bevor Er sie heilte. Er machte sich eins mit den Kranken und heilte nicht „von oben herab“.

So ist das auch hier: Er ist „innerlich bewegt“ über die Volksmengen, die da „erschöpft und hingestreckt“ vor Ihm standen. Sie waren Ihm – vielleicht tagelang – nachgefolgt und glichen nun in ihrer körperlichen Erschöpfung Schafen, die keinen Hirten haben.

Schafe mit und ohne Hirten im Alten Testament

Hirtenlose Schafe werden bereits verschiedentlich im Alten Testament erwähnt, das erste Mal in 4. Mose 27: „Und Mose redete zu dem Herrn und sprach: Der Herr, der Gott der Geister allen Fleisches, bestelle einen Mann über die Gemeinde, der vor ihnen her aus- und einzieht und der sie aus- und einführt, damit die Gemeinde des Herrn nicht sei wie Schafe, die keinen Hirten haben“ (Verse 15–17). Was war geschehen? Jahwe hatte Mose mitgeteilt, dass er wegen seines Ungehorsams, den Felsen zu schlagen, statt mit ihm zu reden, nicht in das Land Kanaan hineinkommen werde. Mose ist darüber zwar sehr traurig, wie wir an anderer Stelle lesen. Aber wichtiger ist ihm zunächst, dass das Volk dadurch keinen Schaden erleidet. Daher bittet er Gott darum, dass er einen anderen Führer über das Volk bestelle, der es als Hirte (nicht als Zuchtmeister!) in das Land führe.

Die Analogie ist offensichtlich. Zwar hatte der Herr Jesus im Gegensatz zu Mose keinen Fehler begangen. Aber die Obersten des Volkes der Juden und letztlich auch das Volk lehnten Ihn ab, und so musste Er quasi wie Mose das Feld räumen. Das Volk hatte sich also selbst führerlos gemacht, indem sie den von Gott gesandten Führer und Hirten nicht akzeptierten. Durch eigene Schuld irrten sie nun ohne Hirten durch die Gegend. Das aber wollte der Herr mit seinem Hirtenherz verhindern. Daher bemüht Er sich weiter um das Volk und gibt letztendlich sogar als der gute Hirte sein Leben für die Schafe.

In diesem Sinn trägt die Bitte Moses auch einen prophetischen Charakter. Gott hatte Josua auf das Gebet Moses hin als neuen Führer des Volkes Israel bestellt. Aber Er sah viel weiter und erfüllte die sozusagen prophetische Bitte Moses in einem viel umfassenderen Sinn, indem Er Christus auf diese Erde als Hirte der Schafe sandte.

Ahab – der falsche Hirte

Ein zweites Mal finden wir den Hinweis auf Schafe, die keinen Hirten haben, in sehr ernstem Zusammenhang. Ahab zog in seinen letzten Kampf. Vorher befragte er auf Josaphats Bitte hin den einzigen noch anwesenden Propheten Jahwes: Micha. Dieser erklärte ihm: „Ich sah ganz Israel auf den Bergen zerstreut wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und der Herr sprach: Diese haben keinen Herrn; sie sollen jeder in sein Haus zurückkehren in Frieden“ (1. Kön 22,17.18; 2. Chr 18,16).

Ahab verstand es sofort: Er würde im Kampf sterben! Das Volk würde dann keinen Hirten mehr haben. Aber stimmt es nicht nachdenklich, dass sie dann „in Frieden“ in ihr Haus zurückkehren sollten? Wie konnten sie Frieden haben, wenn ihr König und „Hirte“ gestorben war? Ist das nicht ein Hinweis darauf, dass sie in Ahab eigentlich gar keinen richtigen Hirten hatten? Hier haben wir es im Gegensatz zu Josua und Mose tatsächlich mit einem falschen Hirten zu tun. Hesekiel und noch später Sacharja würden über solche falschen Könige und Hirten prophezeien. Ahab ist ein Bild des falschen Königs, der in der Endzeit als Antichrist auftreten wird. Solche Könige kümmern sich nicht um das Volk, sondern um die eigene Ehre. Durch seine Sünden hatte Ahab das Gericht über sich, den Tod, heraufbeschworen. Daher war es seine persönliche Schuld, dass sein Volk nun ohne Hirten dastand. So wird auch der künftige Antichrist sein Volk im Stich lassen und einfach aus Israel fliehen (vgl. Sach 11,17), wenn die Umstände für ihn gefährlich werden. Daraufhin wird ihn der Herr Jesus richten (vgl. Off 19,20).

In Jeremia 23,2 ff. zeigt Gott, dass den falschen Hirten nicht einfach vorgeworfen wird, dass sie versagen. Sie werden dafür verantwortlich gemacht, dass sich die Herde zerstreut. Zu der Zeit, als Christus hier auf der Erde lebte, waren es die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die Pharisäer und Sadduzäer, die als Führer Israels dafür verantwortlich waren, dass das Volk ohne gottgemäße Führung war und in die Irre lief. Sie kümmerten sich überhaupt nicht um das Volk und dessen Bedürfnisse. Ihnen ging es allein um die eigene Ehre.

Hirten welche die Herde vernachlässigten

„So spricht der Herr, Jahwe: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Ihr esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle, das fette Vieh schlachtet ihr; die Herde weidet ihr nicht. Die Schwachen habt ihr nicht gestärkt und das Kranke nicht geheilt und das Verwundete nicht verbunden und das Versprengte nicht zurückgeführt und das Verlorene nicht gesucht; und mit Strenge habt ihr über sie geherrscht und mit Härte. So wurden sie zerstreut, weil sie ohne Hirten waren; und sie wurden allen Tieren des Feldes zum Fraß und wurden zerstreut. Meine Schafe irren umher auf allen Bergen und auf jedem hohen Hügel; und über das ganze Land hin sind meine Schafe zerstreut worden, und da ist niemand, der nach ihnen fragt, und niemand, der sie sucht“ (Hes 34,2–6).

Diese Anklage traf nicht nur den Kern des Zustands zur Zeit Hesekiels, sondern auch zur Zeit Jesu. So wird es wieder sein, wenn der Antichrist und weitere falsche Christi in Israel regieren werden, bevor Er als der Christus Gottes auf diese Erde kommen wird, um eine vollkommene gerechte und fürsorgliche Führung in Israel zu übernehmen.

Hirtenlos zur Zeit Jesu

Der Herr Jesus handelte ganz anders als diese bösen Menschen. Auch heute noch wirkt Er in vollkommen gegensätzlicher Weise. Er ist ein Hirte, der sich wirklich um seine Schafe kümmert. Das hat Er jetzt „zwei Kapitel lang“ bewiesen. Wenn Er zum Beispiel sieht, dass sein Volk Ihn ablehnt, dann sendet Er eben seine Jünger aus, damit das Volk nicht umkommt. So groß ist seine Barmherzigkeit, so liebevoll sein Herz trotz der Verletzungen, die Ihm zugefügt worden sind.

Der Herr sah, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten Ihm nur mit Hass entgegenkamen. Und das, obwohl sie bei Ihm keinen Anlass für ihre Ablehnung fanden, denn Er war der Vollkommene, der Sündlose, Gottes eigener Sohn, der wahre Hirte der Schafe. Bei all dieser Ablehnung übersahen sie ihre eigentliche Aufgabe, Hirten für das Volk zu sein. So war es – nicht nur an diesem Tag – erschöpft, hirtenlos, krank und geplagt. Das sah der Herr – und deshalb war Er gekommen und sandte jetzt seine Jünger zum Wohl der Schafe aus.

Die Gesinnung des vollkommenen Hirten ist immer wieder beeindruckend. Solange der Türhüter (vgl. Joh 10,3) die Tür noch offen hielt, wollte der Hirte seinen Schafen dienen. Solange Ihm der Zugang zu seinem Volk gestattet war, diente Er diesem unermüdlich.

Wir dürfen daraus aber auch eine Anwendung für die heutige Zeit ziehen. Die Gnade und Barmherzigkeit unseres Hirten ist unendlich groß. Selbst die schlimme Behandlung durch die Obersten des Volkes führte nur dazu, dass Er sich in Mitleid um seine Schafe kümmerte. Er hatte kein Mitleid mit den Sünden, sondern mit den Menschen, die durch Schwäche und Krankheiten geplagt wurden. So ist das auch bei uns. Was für einen guten Herrn haben wir!

Arbeiter aussenden

Bevor Er nun seine Jünger in die Ernte aussandte, wies Er auf die Notwendigkeit der Aussendung hin. Wenn hier von Ernte die Rede ist, dann geht es dem Herrn um Menschen, denen Er das Evangelium verkündigen wollte. Wenn sie diese gute Botschaft annehmen würden, wären sie gewissermaßen Frucht, die Er seinem Gott als Ernte schenken könnte. Christus sah trotz der Ablehnung eine große Ernte. Für Ihn war jeder einzelne Mensch wie eine große Ernte. Und es gab viele, denen dieses Evangelium des Königreiches bislang noch nicht verkündigt worden war.

Zweifellos klingt in diesen Versen auch die Verkündigung des Evangeliums an, die durch die jüdischen Sendboten in der großen Drangsalszeit stattfinden wird (vgl. Mt 24,14; Mt 25,34–45). Darauf weisen sicherlich auch die Worte des Herrn in Johannes 4,35–38 hin. Dort ist interessanterweise im Unterschied zu unserer Stelle auch vom Säen die Rede. So bezieht sich der Herr in Matthäus wohl darauf, dass die vielen Propheten, die Gott gesandt hatte, und vor allem Er selbst als der Bote Gottes gesät hatten. Trotz der Tatsache, dass Er selbst verworfen worden war, sah Er eine große Ernte – seine Ernte. Da aber der Umfang der Ernte in Matthäus 10 auf Israel beschränkt bleibt, während die Aussendung in Matthäus 24.25 alle Nationen einschließt, finden wir in unserem Abschnitt lediglich eine Andeutung dessen, was einmal in Zukunft geschehen wird.

Angesichts der großen Ernte und der wenigen Arbeiter war es notwendig, dass die Jünger dafür beteten, dass der Herr zusätzliche Arbeiter aussende. Das dürfen wir bis heute tun. Denn der Herr möchte, dass Menschen die gute Botschaft hören. Es besteht bei diesem Gebet allerdings eine „Gefahr“: Wenn jemand den Herrn bittet, dass Er Arbeiter aussende, dann könnte der Beter selbst „getroffen“ werden und von seinem Herrn als solch ein Arbeiter ausgewählt werden. So jedenfalls war es hier: Der Herr weist seine Jünger darauf hin, dass sie um Arbeiter beten sollten. Das tun sie – und prompt werden sie selbst ausgesandt (Kapitel 10). So „gefährlich“ kann es sein zu beten. Denn wer für Arbeiter betet, hat ein Herz für die Ernte; und wer ein Herz für die Ernte hat, ist gewillt und unter Umständen auch geeignet, diese Ernte einzusammeln – wenn nicht andere Gründe wie zum Beispiel gesundheitliche dem entgegenstehen.

In unserer Zeit ist die Ernte scheinbar gering – aber auch damals hörten nur wenige auf den Appell Jesu. In den Augen des Herrn ist die Ernte dennoch groß, weil Er die Vielen sieht, die ohne Ziel und Sinn durchs Leben stolpern. Leider ist es heute wie damals wahr, dass es nur wenige gibt, die bereit sind, sich als Arbeiter der Ernte aussenden zu lassen. Aber der Herr Jesus sucht solche, die sich senden lassen.

Kapitel 10: Die Aussendungspredigt der 12 Apostel

Im zehnten Kapitel finden wir nun die zweite große Predigt des Messias in diesem Bibelbuch. Sie ist nicht so lang wie die Bergpredigt, aber genauso bemerkenswert. Der erste Teil dieser Predigt (Verse 1–15) zeigt uns,

  1. welche Vollmacht und Kraft der Herr Jesus denjenigen gibt, die Er aussendet (Vers 1),
  2. wen Er aussendet (Verse 2–4),
  3. zu wem Er seine Apostel sendet (Verse 5.6),
  4. welche Botschaft sie weiterzugeben hatten (Verse 7.8),
  5. mit welcher Ausstattung sie unterwegs sein sollten (Verse 9.10),
  6. den Charakter der Aussendung (Verse 11–14),
  7. die Reaktion der Empfänger dieser Botschaft (Vers 15).

Die Reaktion auf diese Predigt würde, so macht der Herr Jesus klar, letztlich Ablehnung sein (vgl. Hes 3,7). Zur Zeit der Erfüllung der ersten Predigt, die wir in Matthäus 5 – 7 lesen und die von seinem Königreich auf der Erde spricht, würde Christus noch bei seinen Jüngern sein, denn Er war ja zu den Zeitpunkt noch auf dieser Erde. Dieses Königreich hatte schon zu seinen Lebzeiten auf der Erde Bestand. Die Verwerfung der Jünger, wie sie in der zweiten Predigt deutlich wird, ist zugleich ein Spiegelbild der Verwerfung seiner selbst. Daher schließt Er noch einen zweiten Teil (ab Vers 16) an.

Während der Zeit, den der zweite Teil der Predigt beschreibt, würde der König nicht mehr auf der Erde sein. Der Fokus der Predigt ab Vers 16 liegt vielmehr darauf, dass der Sohn des Menschen wieder auf diese Erde zurückkommen wird (Vers 23). In diesem Abschnitt lernen wir,

  1. in welcher Haltung die Apostel handeln sollen (Vers 16),
  2. was die Apostel von Seiten ihres Volkes und der Menschen im Allgemeinen zu erwarten haben (Verse 17.18),
  3. wer die Kraftquelle der Apostel sein wird (Verse 19.20),
  4. was die Folge treuer Apostelschaft sein wird (Verse 21.22),
  5. welcher Art die Beziehung der Apostel zu dem Sohn des Menschen ist (Verse 23–25),
  6. warum sich die Apostel nicht vor den Menschen fürchten sollen (Verse 26–28),
  7. dass der Vater seine Gesandten bewahrt (Verse 29–31),
  8. was wahres und was falsches Bekenntnis ist, mit welchen Folgen (Verse 32–36),
  9. welche Priorität es im Leben eines Gesandten geben muss (Verse 37–39), und
  10. dass die Aufnahme der Gesandten des Messias für den Lohn ausschlaggebend ist (Verse 40–42).

Kapitel 10,1–15: Die Aussendung der 12 Apostel und ihr Dienst zu Lebzeiten des Herrn

In den ersten 15 Versen dieses Kapitels lernen wir also etwas von der Aussendung und dem Dienst der Apostel, während der Herr noch bei ihnen war. Viele haben diese Verse ohne weiteres auf die christliche Zeit angewendet. Ein genauer Vergleich dieses Abschnittes mit anderen Schriftstellen zeigt jedoch deutlich, dass eine solche Anwendung in die Irre führt.

Das bedeutet natürlich nicht, dass sich nicht Grundsätze auf die Christenheit übertragen ließen. Aber wer wollte z.B. die Anweisung ausführen, den Staub von den Füßen gegen eine Stadt zu schütteln, die das Evangelium der Gnade nicht annehmen will? Haben die Apostel das etwa in der Apostelgeschichte getan?

Nein, diese Predigt ist ausschließlich an jüdische Gesandte geschrieben worden, die zu Juden gehen sollten. Denn wir finden im Neuen Testament das Bild von verlorenen Schafen nirgends auf die Nationen bezogen. Die Heiden, denen die Apostel in der christlichen Zeit das Evangelium verkündigten, werden stattdessen in dem Bild von Hunden bzw. Hündlein gesehen (vgl. Mt 15,26). Es ist von grundlegender Bedeutung, diese Unterschiede zu verstehen, um diese Predigt richtig einordnen zu können.

Der Herr Jesus gibt seinen 12 Jüngern hier den Auftrag, zu Juden zu gehen, um ihnen zum letzten Mal anzukündigen, dass das Königreich der Himmel nahe gekommen ist. Wenn sie den König jetzt aufnehmen würden, könnte Er sein Königreich aufrichten. Wenn aber nicht, würde Gericht die Folge sein. Und so ist es gewesen: Das Volk hat die Predigt abgelehnt, den eigenen König ans Kreuz gebracht und den Zeugen des Geistes Gottes – Stephanus – gesteinigt. So blieb nur noch das Gericht übrig: die Zerstörung Jerusalems.

Vers 1: Der Herr vertraut seinen Jüngern Gewalt an

„Und als er seine zwölf Jünger herzugerufen hatte, gab er ihnen Gewalt über unreine Geister, sie auszutreiben, und jede Krankheit und jedes Gebrechen zu heilen“ (Vers 1).

Im ersten Vers erkennen wir etwas von der Autorität Jesu. Eigentlich geht es darum, dass den Jüngern Gewalt übertragen wird. Aber wer ist in der Lage, eine solche Gewalt anderen zu übergeben, wenn nicht jemand, der über diese Gewalt selbst verfügt, ja eine viel größere Autorität haben muss, wenn Er davon etwas an andere weiterzugeben vermag. Trotz seiner Niedrigkeit ist Er der Herr der Ernte, der aussendet und Gewalt überträgt. So, wie der Vater Ihn gesandt hatte, sandte Er jetzt auch die Jünger aus (vgl. Joh 17,18). Später kommt der Herr auf diesen Gedanken noch einmal zurück (Mt 10,40).

Im Unterschied zum Markus- und Lukasevangelium lesen wir hier nichts von der Berufung der Apostel in seine Nachfolge. Wir haben gesehen, dass der König in Kapitel 4 vier Personen in seine Nachfolge ruft; Matthäus, der Schreiber des Evangeliums, folgt in Kapitel 9. Aber die Auswahl der 12 Apostel als solche finden wir hier nicht. Im Lukasevangelium betet der abhängige Mensch in der Nacht zu seinem Vater, um am nächsten Morgen seine Jünger auszuwählen. Im Markusevangelium lesen wir, dass Er als Sohn Gottes erkannt worden war. So hat Er Autorität, Menschen in seinen Dienst zu rufen, damit diese dem vollkommenen Knecht dienen.

Man fragt sich, warum gerade Matthäus, wo wir den König und seine Jünger finden, nicht von dieser Wahl und Berufung spricht. Vielleicht liegt es daran, dass Er als König kraft seiner Person diese Autorität besitzt. So, wie wir im Johannesevangelium keine Berufung der Jünger finden, denn der Sohn Gottes sendet, wen Er will, so sind dem König grundsätzlich alle Jünger zum Gehorsam verpflichtet. Er muss keine Wahl treffen – wie der Mensch oder der Diener. Ihm müssen sich alle, die zu seinem Königreich gehören, unterordnen. Tatsächlich fand die Wahl und Einsetzung der zwölf Apostel vor der Bergpredigt statt (vgl. Mk 3,13–19; 6,7–11; Lk 6,12–16; 9,1–9).

Der Herr gibt seinen Jüngern Gewalt über jede Krankheit und sogar Autorität, unreine Geister, also die Dämonen Satans, auszutreiben. Noch einmal: Diese Übertragung zeigt uns etwas von der Autorität und Herrlichkeit dessen, der die Gewalt anderen schenkt. Sie zeigt uns, dass der Herr beruft, versorgt, aussendet, alles bestimmt, unterstützt, ermutigt, ermahnt und auch belohnt. Es ist sein Handeln!

Zugleich zeigt dieser erste Vers, dass es sich nicht um eine Aussendung für die christliche Zeit handelt. Dazu ist es notwendig zu verstehen, dass die Wunderwerke überhaupt nicht christlicher Natur sind. Diese Aussage mag auf den ersten Blick eigenartig klingen, da die christliche Zeit ja gerade mit großen Wunderwirkungen und Sprachenreden eingeläutet wurde. Aber Paulus macht in 1. Korinther 14 durch das Zitieren von Jesaja 28 (Vers 21) ganz deutlich, dass die Wunderwirkungen ein Gericht an Israel und damit eine Botschaft für die Ungläubigen in Israel darstellten.

Zudem heißt es in Hebräer 6,4–6: „Denn es ist unmöglich, diejenigen, die einmal erleuchtet worden sind und die himmlische Gabe geschmeckt haben und des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind und das gute Wort Gottes und die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben und abgefallen sind, wieder zur Buße zu erneuern.“ Die Wunderwerke, die in der Anfangszeit des Christentums bewirkt wurden, gehören also zum zukünftigen Zeitalter – das ist das 1000-jährige Reich. Sie tragen dessen Charakter – nicht den des Christentums. Diese Werke stehen im Übrigen mit der Tatsache in Verbindung, dass der Satan gebunden ist (im 1000-jährigen Königreich, Off 20,2.3), bzw. dass ihm die Beute entrissen wird (wie damals, als der Herr sein Volk aus der äußeren Macht Satans zu befreien begann). Als der Herr hier auf der Erde war, tat Er als der Emmanuel, Gott mit uns, Wunder und ließ Wunder wirken, die im Vorgriff auf diese Zeit getan wurden. Denn der Herr wollte sein Volk gerade in dieses Königreich hineinführen. Wenn sie Ihm geglaubt hätten, wäre es so gekommen. Das Verwerfen der Boten des Herrn bedeutete jedoch nichts anderes, als den Herrn, Emmanuel selbst, zu verwerfen.

Viele Christen hängen heute sehr stark an den Wunderwirkungen. Dabei gehören sie nicht zu unserer Zeit, sondern zu einer Zeit, in der wir längst in den Himmel entrückt sein werden. Dann werden wir mit dem Sohn des Menschen auf diese Erde kommen, um als himmlisches Volk diese Wunder des Herrn zu erleben.

Verse 2–4: Der Herr sendet seine 12 Jünger als Apostel aus

„Die Namen der zwölf Apostel aber sind diese: der erste, Simon, der Petrus genannt wird, und Andreas, sein Bruder; und Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Lebbäus, mit dem Beinamen Thaddäus; Simon, der Kananäer, und Judas, der Iskariot, der ihn auch überlieferte“ (Verse 2–4).

In diesen drei Versen nennt uns Matthäus nun die zwölf Apostel, die der Herr Jesus aussendet. Noch einmal wird Petrus mit seinem ursprünglichen Namen eingeführt; auch ein begabter Diener und Apostel soll nicht vergessen, woher er kommt. Petrus wird hier „der erste“ genannt. Bis zum Ende seines Lebens hatte Petrus eine Sonderrolle unter den zwölf Aposteln. Auch Johannes 21 verdeutlicht das. Der Herr legt dafür hier die Grundlage. Er selbst hatte ihm diesen Platz gegeben. Allerdings lesen wir an keiner Stelle, dass Petrus für sich selbst eine Vorreiterrolle beansprucht hätte. Als Paulus ihm ins Angesicht widerstand (vgl. Gal 2), nahm er diesen Tadel an.

Außer Petrus und Andreas kennen wir Jakobus und seinen Bruder Johannes gut. Es ist interessant, dass hier an erster Stelle jeweils zwei Brüderpaare stehen. Wie wir wissen, spielen Verwandtschaftsverhältnisse im Königreich Gottes keine bedeutende Rolle, im Unterschied zum Volk Israel, wo die Abstammung von großer Wichtigkeit war. Aber verwandtschaftliche Beziehungen müssen auch heute nicht unterdrückt werden. Es ist sogar schön, wenn leibliche Brüder an einem Strang ziehen und gemeinsam für den Herrn tätig sind.

Durch die Zusammenstellung der Brüderpaare stellt der Herr auch seine späteren Worte in Vers 37 in den richtigen Zusammenhang. Die Tatsache, dass man mit einem leiblichen Bruder innerlich verbunden ist, wird nicht getadelt. Entscheidend ist aber, dass man auch innerhalb von Verwandtschaftsverhältnissen die richtige Priorität erkennt: Der Herr kommt immer an der ersten Stelle. Das heißt nicht, dass die Familienbande dadurch ausgeschaltet werden. Aber wo immer wir jemanden zwischen uns und den Herrn stellen, sind wir des Herrn nicht mehr würdig. Das ist ein sehr wichtiger und ernster Gedanke.

Matthäus nennt sich hier erneut „Zöllner“. Nicht nur auf Petrus traf zu, dass dieser seine Vergangenheit nicht übersehen sollte. Auch Matthäus war sich bewusst, woher er kam. Er wollte das als Schreiber dieses Evangeliums nicht verleugnen, sondern als eine persönliche Lehre mit in sein Glaubensleben hinein nehmen. Nach den weiteren Jüngern, von denen wir nur wenige durch bestimmte Taten kennen, wie Philippus, Bartholomäus (Nathanael) und Thomas wird als letztes noch Judas, der Iskariot, genannt. Zum ersten Mal lesen wir hier das, was uns immer wieder begegnen wird: „Judas, der Iskariot, der ihn auch überlieferte.“

Auch diesen Judas, den Feind Gottes und den Feind Jesu, sendet der Herr aus in die Ernte. Mit was für Gedanken mag der Herr diesen Mann angesprochen haben, um ihm Autorität über Krankheiten und böse Geister zu geben? Wie furchtbar, dass der Herr von Anfang an das Ende dieses bösen Mannes wusste – dennoch hat Er ihn als einen der Apostel ausgesandt.

An Christus lag es nicht, dass Judas zum Verräter wurde. Wir erinnern uns an Jesaja 1,2: „Hört, ihr Himmel, und horche auf, du Erde! Denn der Herr hat geredet: Ich habe Kinder großgezogen und auferzogen, und sie sind von mir abgefallen.“ In dieser Weise hat sich der Herr dreieinhalb Jahre intensiv um Judas Iskariot gekümmert. Er hat diesem Mann jedes Vertrauen entgegengebracht, dass man einem Menschen schenken kann. Sogar zum Schatzmeister hat Er Judas bestimmt. Aber Judas wollte seinen Meister nicht anerkennen. Auch die Wundertaten, die er vollbringen durfte, haben ihn nicht von dem falschen Weg abgebracht. Das zeigt uns übrigens, dass Wunder in sich selbst keine Bekehrung bewirken. Wenn sich das Herz eines Menschen nicht ansprechen lassen will, ist alles andere vergeblich.

Die Aussendung des ungläubigen Judas Iskariot zeigt uns auch, dass es von Anfang an falsche Jünger gab. Die Schrift macht klar, dass es dies auch bis zum Ende geben wird. Immer war das christliche Zeugnis auch durchwandert von solchen, die sich als Jünger ausgaben, in Wirklichkeit jedoch Ungläubige und Feinde Christi waren. Kein wahrer Jünger, kein Gläubiger sollte hier Illusionen erliegen. Schon im Alten Testament lernen wir das. Da prophezeite in Saul auf einmal jemand, der ungläubig war. Da gab es Bileam, der eine wunderbare Weissagung aussprechen sollte und doch kein Leben aus Gott besaß. Nicht anders war es zu neutestamentlichen Zeiten. Paulus weist darauf auch in seiner Abschiedsrede an die Ältesten von Ephesus (Apg 20) hin.

Die Berufung und Aussendung in den anderen Evangelien

Während im Markusevangelium jeder einzelne Jünger als Berufener betont wird – daher das wiederholte und, und ... – finden wir hier bei Matthäus immer Paare. Die Apostel werden auch, wie wir es in Markus 6,7 finden, zu je zwei und zwei ausgesandt. Das ist ein ausreichendes Zeugnis an das irdische Volk Gottes, eben ein letzter Appell an ihr Gewissen. Wir haben schon verschiedentlich gesehen, dass bei Matthäus immer wieder zwei Menschen auftauchen, wo in anderen Evangelien nur ein einzelner Zeuge erwähnt wird.

Bei Markus geht es in der „Einzelaufstellung“ vielleicht besonders darum, dass der Herr jeden einzelnen seiner Diener ganz persönlich beruft und in seiner Aufgabe wertschätzt. Lukas, der auch die Einzelnen als Einzelpersönlichkeiten nennt, zeigt wohl mehr, dass der Herr für jeden Einzelnen in der Nacht zuvor intensiv gebetet hatte. Er trug jeden ganz persönlich auf seinem Herzen; auch Petrus, der Ihn dreimal verleugnen sollte und Judas Iskariot, der die Unverfrorenheit besitzen sollte, den Meister zu verraten. Bei Matthäus – so scheint es – soll deutlich werden, dass der Herr jeweils zwei Jünger zusammenstellt, damit sie seinen Auftrag ausführen können.

Die 12 Apostel im Neuen Testament

An dieser Stelle noch kurz ein Wort über die 12 Apostel. Nach dem Selbstmord von Judas gab es nur noch 11 Apostel. Viele Theologen haben es für einen Fehler gehalten, dass Petrus durch Los einen Ersatz für Judas Iskariot gesucht hat (Apg 1). Dabei befand sich Petrus, der zu dieser Zeit noch nicht den Heiligen Geist in sich wohnend besaß (dieses wunderbare Ereignis finden wir erst in Apostelgeschichte 2), auf sicherem Boden. Denn im Alten Testament finden wir immer wieder, dass in Zweifelsfällen Gott durch das Los befragt wurde und die Entscheidung von Ihm kam (Spr 16,33).

Die Auffassung, Paulus sei der eigentliche 12. Apostel, geht fehl. Seine Mission unterschied sich grundlegend von derjenigen der Zwölf. Er war direkt aus der Herrlichkeit berufen worden (vgl. Apg 9), sie auf der Erde (Mt 10). Nach Epheser 4,11 hatten auch die Zwölf noch eine himmlische Berufung erlebt; aber das war ihre zweite Berufung. Paulus war der Apostel der Vorhaut, Petrus dagegen der Apostel der Beschneidung (vgl. Gal 2,7). Paulus hat das Geheimnis der Verwaltung der Versammlung Gottes anvertraut bekommen (Eph 3), Petrus und die anderen hatten bis zuletzt eine stark auf Israel konzentrierte Aufgabe.

Diese Unterscheidung finden wir auch weiter in unserem Evangelium: In Matthäus 19,28 lesen wir: „Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“ Selbst im Neuen Jerusalem wird es eine solche Unterscheidung geben: „Und sie hatte eine große und hohe Mauer und hatte zwölf Tore, und an den Toren zwölf Engel, und Namen darauf geschrieben, welche die der zwölf Stämme der Söhne Israels sind ... Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundlagen, und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes“ (Off 21,12–14). Die 12 Apostel (nicht Judas Iskariot, sondern Matthias, Apg 1,26) haben somit eine direkte Beziehung bis ins 1000-jährige Reich, wovon die Verse in Offenbarung 21 sprechen, zu dem Volk Israel. Dies trifft dagegen auf den Apostel Paulus nicht zu.

Verse 5.6: An wen wendet sich der Meister durch seine Apostel?

„Diese zwölf sandte Jesus aus und befahl ihnen und sprach: Geht nicht auf einen Weg der Nationen, und geht nicht in eine Stadt der Samariter; geht aber vielmehr zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Verse 5.6).

In den Versen 5 und 6 lernen wir etwas über die Empfänger der Botschaft des Herrn durch seine Apostel. Diese Verse zeigen deutlich, dass es sich nicht um eine christliche Aussendung handelt, sondern dass der Herr eine jüdische Botschaft verbreiten lässt.

Zunächst betont der Geist Gottes, dass Jesus alle zwölf Jünger ausgesendet hat. Auch Judas, so müssen wir das verstehen, wurde mit auf diese Reise geschickt. Was für eine Prüfung für diesen Mann, inwieweit er in der Lage wäre, Glauben und Gottesfurcht zu heucheln.

Den Aposteln – das Wort heißt ja nichts anderes als Gesandte – befiehlt der Herr, nicht zu den Nationen zu gehen. Auch wenn wir in Kapitel 9 schon deutlich erlebt haben, wie der Messias mehr und mehr abgelehnt wird, dass Ihm sogar vorgehalten wird, Er treibe die Dämonen durch den Teufel aus, lässt sich der Herr nicht davon abbringen, den Juden noch eine weitere, eine letzte Botschaft mitzugeben. Der Herr „weicht denjenigen noch nicht aus“, zu denen Er (nach der Botschaft des Matthäusevangeliums) vom Vater zuerst gesandt worden war. Nein, Er beauftragt seine Apostel ausdrücklich, sich nicht an die Nationen zu wenden, sondern zu den jüdischen Städten zu gehen. Sie dürfen sich nicht auf einen Weg zu den Heiden machen, nicht einmal zu den Samaritern gehen. Diese waren eine Art Mischvolk von Juden und Nationen. Der Auftrag an die Jünger war, sich an Juden zu richten.

Das unterstreicht, dass es sich nicht um eine Aussendung im christlichen Sinn handelt. Sie steht im Kontrast zu der Aussendung des Herrn am Ende dieses Evangeliums: „Geht nun hin und macht alle Nationen zu Jüngern und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie, alles zu bewahren, was ich euch geboten habe“ (Mt 28,19.20).

Die verlorenen Schafe des Hauses Israel

Nicht die Nationen und die Samariter, zu denen der Herr an anderer Stelle gegangen ist (vgl. Joh 4), waren die Empfänger der Botschaft der Apostel, sondern „die verlorenen Schafe des Hauses Israel“. Dieser Ausdruck macht klar, dass es nur um das Volk Israel geht. Damit handelt es sich um eine begrenzte Region und Personenanzahl, ja sogar um eine beschränkte Zeitepoche.

Manche haben den Begriff „verlorene Schafe“ auf Christen angewendet und den Zusatz „des Hauses Israel“ als Hinweis auf die Versammlung (Gemeinde, Kirche) vergeistlichen wollen. Aber an keiner Stelle finden wir einen entsprechenden Hinweis. Wir haben schon auf Matthäus 15 hingewiesen. Da wiederholt der Herr den Ausdruck, dass Er nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt sei, und stellt den Schafen die Hündlein gegenüber – was auf die Heiden hinweist.

Es ist wahr, dass auch Menschen aus den Nationen als Schafe bezeichnet werden. Aber dann nicht im Sinn von „verlorenen“ Schafen. In Johannes 10,16 spricht der Herr Jesus davon, dass Er noch „andere Schafe“ habe – nämlich Gläubige aus den Nationen. In Matthäus 25,32 werden Schafe von Böcken geschieden – auch da handelt es sich um die Nationen. Aber die Schafe sind dort die Gläubigen aus den Nationen, keine verlorenen Schafe wie hier in Matthäus 10 und 15. Und das Schaf in Lukas 15 wird von dem Hirten gefunden und ist als Zielpunkt der Belehrung nicht (mehr) verloren.

Als Verlorene brauchten wir Heiden einen Retter. Und nachdem wir durch Ihn gerettet worden sind, nennt Er uns dann Schafe, aber an keiner Stelle verlorene oder zerstreute Schafe. Wenn Petrus in seinem ersten Brief (1. Pet 2,25) noch einmal von Schafen spricht, die in die Irre gingen, handelt es sich wiederum um Juden!

Darüber hinaus fällt auf, dass der Herr Jesus hier überhaupt nicht von seinem Tod spricht. Dieser ist die Grundlage für die Verkündigung des Evangeliums der Gnade. Das finden wir in der Apostelgeschichte und auch in den Briefen immer wieder betont. Aber gerade darum geht es an dieser Stelle nicht.

Warum nennt Christus die Menschen des Volkes Israel „verloren“? Vielleicht spielt Er hier auf Jeremia 50,6.17 an: „Mein Volk war eine verlorene Schafherde: Ihre Hirten leiteten sie irre auf verführerische Berge ... Israel ist ein versprengtes Schaf, das Löwen verscheucht haben.“ Der Messias nimmt bereits vorweg, was sich in vollem Maß erst später offenbaren würde: Er war zu einem Volk gekommen, dass sich durch falsche Führer in die Irre hatte leiten lassen. Sie waren moralisch, innerlich verloren. Sie brauchten einen Retter: Deshalb war der Messias als Jesus, als Retter des Herrn für sein Volk (vgl. Mt 1,21) gekommen. Ob sie sich dessen bewusst waren oder nicht: Sie waren verloren und auf einem falschen Weg. Aber der Herr hat ein solches Mitgefühl mit ihnen, dass Er sie nicht in der Irre zurücklassen wollte. Gerade daher sandte Er seine Jünger aus, damit sie einen erneuten Appell an die Herzen dieser Menschen richten sollten.

Verse 7.8: Die Botschaft der 12 Apostel

„Geht aber hin, predigt und sprecht: Das Königreich der Himmel ist nahe gekommen. Heilt Kranke, weckt Tote auf, reinigt Aussätzige, treibt Dämonen aus; umsonst habt ihr empfangen, umsonst gebt“ (Verse 7.8).

Auch die Botschaft, welche die Apostel aufgetragen bekommen, beweist erneut, dass es sich nicht um einen christlichen Auftrag handelt. Der Auftrag umfasst die folgenden Teile:

  • a) Sie sollten hingehen. Der Herr fordert die Jünger auf, sich aufzumachen. Natürlich kann und soll man auch im eigenen Haus und in dessen Nähe die Botschaft des Herrn weitergeben. Aber oftmals ist der Auftrag des Herrn damit verbunden, sich aufzumachen und an einen bestimmten Ort zu gehen, um die Botschaft weiterzugeben. Das kostet Energie und die Bereitschaft, die Bequemlichkeit des eigenen Hauses aufzugeben, vielleicht auch für eine gewisse Zeit den Genuss der häuslichen Atmosphäre.
  • b) Sie sollten predigen. Es reichte nicht, ein gottesfürchtiges Leben zu führen. Die Jünger waren Gesandte, die eine bestimmte Botschaft weitergeben sollten.
  • c) Sie sollten sagen, dass das Königreich der Himmel nahe gekommen war. Warum? Weil der König da war und sein Reich aufrichten wollte. Wenn die verlorenen Schafe des Hauses Israel diese Botschaft angenommen hätten, hätte das Königreich in seiner ursprünglich geplanten Form begonnen. Das war die Absicht des Kommens Jesu. Die irdischen Verheißungen aus dem Alten Testament sollten ihre Erfüllung finden.
  • d) Zur Unterstützung der mündlichen Predigt sollten die Apostel Kranke heilen, Tote auferwecken, Aussätzige reinigen und Dämonen austreiben. Das alles waren äußerliche Heilungen, die im Alten Testament, wie verschiedentlich schon gezeigt, als Hinweise auf die Ankunft des Messias vorhergesagt worden waren. In Verbindung mit Hebräer 6,5 haben wir gesehen, dass es nicht Zeichen der heutigen Zeit sondern des zukünftigen Zeitalters sind. Was für ein Zeugnis, das dadurch noch viel größer war, dass Jesus nicht selbst handelte, sondern die Kraft seinen Jüngern übertrug.

Im Unterschied zu der Predigt Jesu und der Johannes des Täufers fehlt hier die Predigt des Evangeliums und der Aufruf zur Buße (3,2; 4,17). War das schon jetzt vergeblich geworden? Jedenfalls hatten die Jünger die schlichte Aufgabe, die Gegenwart des Königs, der sein Königreich aufrichten wollte, wenn Ihn die Seinen annehmen wollten, zu verkündigen.

Predigt und Wunderwirkungen: Eine Botschaft für Christen?

Noch ein Wort sei ergänzt für solche, die meinen, Wundertaten seien auch heute zumindest in Verbindung mit der Predigt des Evangeliums nötig und angebracht. Wir haben schon gesehen, dass sich diese Predigt ausschließlich (!) an Juden richtet. Wir haben auch durch den Vers in Hebräer 6 gelernt, dass die Wunder nicht zu der heutigen Zeit, sondern zum zukünftigen Zeitalter gehören. Abgesehen von den ersten Tagen des Christentums lesen wir überhaupt nichts mehr von Wunderheilungen.

Die späteren Briefe schweigen vollständig zu diesem Thema. Der Hebräerbrief spricht sogar schon in der Vergangenheitsform, wenn Wunderwirkungen genannt werden (vgl. Heb 2,4). Timotheus wird nicht gesagt: „Predige das Wort, heile Kranke, wecke Tote auf!“, sondern schlicht: „Predige das Wort“ (2. Tim 4,2). Das ist die Anweisung, die bis heute gilt.

Verse 9.10: Die Ausstattung der Apostel

„Verschafft euch nicht Gold noch Silber, noch Kupfer in eure Gürtel, keine Tasche auf den Weg, noch zwei Unterkleider, noch Sandalen, noch einen Stab; denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert“ (Verse 9.10).

Nachdem der Herr den Jüngern eine Botschaft aufgegeben hat, zeigt Er ihnen, dass sie in allem auf Ihn vertrauen sollen. Sie waren von Ihm abhängig. Er selbst war in ihrer Nähe, so würde Er auch für sie sorgen. Sie konnten sich in allem auf Ihn verlassen. Sie hatten umsonst empfangen, so sollten sie auch umsonst weitergeben. Der Herr hatte ihnen die Predigt anvertraut. Sie hatten sich diese nicht ausgedacht, sondern Er hatte sie damit beauftragt. Sie besaßen keine Autorität in sich selbst, sondern Er hatte ihnen Gewalt über Krankheiten und Besessenheit gegeben.

Da sie also alles „kostenlos“ geschenkt bekommen hatten, sollten sie bereit sein, alles auch kostenlos weiterzugeben. Daher untersagte der Meister ihnen, sich Gold und Silber und Kupfer auf der Reise zu verschaffen. Sie sollten schlicht ihre Botschaft weitergeben – bestimmt nicht gegen Bezahlung. Sie sollten aber auch nichts mitnehmen, denn der Herr würde dafür sorgen, dass sie versorgt werden.

Daher benötigten sie auch keine Tasche, um Dinge einzustecken, sei es Nahrung, Getränke oder Wechselkleider. Alles, was sie nötig hätten, würde auf ihrer Reise zur Verfügung gestellt werden. Daher brauchten sie auch keine Wechselkleider, keine zusätzlichen Sandalen oder einen weiteren Stab. Sie würden zur rechten Zeit alles Nötige bekommen. „Denn der Arbeiter ist seiner Nahrung wert.“ Diejenigen, zu denen sie kamen, würden ihnen nach der Annahme der Botschaft auch die materiellen Bedürfnisse stillen. Warum? Weil die gute Hand des Meisters mit ihnen war.

Unterschiede bei der Ausstattung in den Evangelien

Jeder aufmerksame Leser wird feststellen, dass diese „Verbote“ in den verschiedenen Evangelien unterschiedlich ausfallen.

In Markus erlaubt der Herr auf (dem) Weg einen Stab, in Lukas verbietet der Herr, auf dem Weg einen Stab mitzunehmen, in Matthäus sollen sie sich keinen Stab verschaffen. Eine Erklärung dieser Unterschiede ist nicht ganz leicht, vor allem dann, wenn man verstehen will, in was für einer Hinsicht bzw. in was für einem Zusammenhang der Herr sowohl das eine als auch das andere gesagt hat.

Im Matthäusevangelium steht die Botschaft der Jünger im Mittelpunkt. Sie sollten predigen und heilen. Dabei sollten sie auf den Herrn vertrauen und sich nicht um einen Stab kümmern, um sich einen solchen zu verschaffen. Sie brauchten keinen (zusätzlichen). Bei Markus geht es darum, dass der Diener, wenn er unterwegs ist, seinen normalen Wanderstab benutzen durfte. Aber er sollte sich nicht um andere Dinge kümmern. Der Herr würde für seine Diener sorgen, ohne dass Er ihnen die Erleichterung auf den Wegen verbot.

Im Lukasevangelium verwendet der Herr, wenn Er von dem Weg spricht, den Artikel. Vielleicht spricht Er damit von dem ersten, konkreten Weg, den Er die Jünger sendet, bevor sie von der ersten Stadt an selbst über die weiteren Wege entscheiden mussten. Sie würden schon einen Stab bekommen, wenn es soweit war. Aber zunächst sollten sie als solche, denen der Herr Gewalt und Kraft gegeben hat, ohne jedes Hilfsmittel aufbrechen. Der Herr würde für sie sorgen.

Einen zweiten Unterschied gibt es in Bezug auf die Sandalen. Im Markusevangelium erlaubt der Herr Sandalen, im Matthäusevangelium sagt Er den Aposteln, dass sie sich nicht einmal Sandalen verschaffen sollten. Allerdings verwenden Markus und Lukas verschiedene Wörter. Bei Markus sind es vielleicht mehr die einfachen Sandalen, die als Wanderschuhe erlaubt waren. Bei Matthäus ist es dann die möglicherweise etwas komfortablere Variante (dort wird der gebräuchliche Begriff verwendet), die sich die Apostel nicht verschaffen sollten.

Man kann auch in Verbindung mit den Sandalen diese Unterscheidung machen: Den Jüngern war es nicht verboten, Sandalen zu tragen, wenn sie unterwegs waren. Aber sie sollten sich keine verschaffen, also keine zusätzlichen kaufen oder auf andere Weise Schuhwerk suchen. Denn ihr Herr würde dafür sorgen, dass sie nicht auf den Wegen an ihren Füßen verletzt werden.

Was auch der Grund für diese Unterschiede sein mag – wir wissen durch den Glauben, dass das Wort Gottes keine Widersprüche enthält.

Jüdische Aussendung – christliche Aussendung

An dieser Stelle sei noch darauf hingewiesen, dass der Herr Jesus selbst die Art der Ausstattung und die Art der Aussendung am Ende seines Lebens verändert hat. Einerseits haben wir gesehen, dass in Matthäus 28 der Auftrag dahingehend verändert wird, dass die Apostel (dann ohne Judas Iskariot) auch zu den Nationen gehen sollen.

Darüber hinaus finden wir in Lukas 22 einen wichtigen Hinweis: „Und er [Jesus] sprach zu ihnen [den Jüngern]: Als ich euch ohne Geldbeutel und Tasche und Sandalen sandte, fehlte es euch wohl an etwas? Sie aber sagten: An nichts. Er sprach aber zu ihnen: Aber jetzt, wer einen Geldbeutel hat, der nehme ihn, und ebenso eine Tasche, und wer keins hat, verkaufe sein Oberkleid und kaufe ein Schwert“ (Lk 22,35.36).

Der Herr Jesus bereitet seine Jünger auf eine Zeit vor, in der Er nicht mehr bei ihnen sein würde. Bislang war Er ihr Schutz, ihre Hilfe. Natürlich würde Er es auch weiterhin bleiben, aber doch nicht mehr in unmittelbarer Weise von der Erde aus. So sollten sie nicht unnüchtern sein, was ihre Bedürfnisse und ihren Schutz betraf. Sie sollten die Kosten überschlagen und mit Besonnenheit handeln. Das ist gewissermaßen der Auftrag auch an uns.

Prinzipien für unseren Dienst aus Matthäus 10

Zum Abschluss dieser Verse sei noch darauf hingewiesen, dass es bestimmte Prinzipien für den christlichen Dienst gibt, die man auch in diesen Versen wiederfindet. Aber die eigentlichen Grundsätze finden wir in den Briefen des Neuen Testaments. Deshalb haben sie auch Gültigkeit für uns heute.

  1. Der Herr beruft in den Dienst und der Herr sendet aus (vgl. Eph 4,11).
  2. Der Herr bestimmt den Umfang des Dienstes eines bestimmten Dieners, auch seinen Inhalt (vgl. 1. Kor 12,8 ff.)
  3. Der Herr bestimmt die Zielgruppe des Dienstes eines Dieners (vgl. Gal 2,7)
  4. Der Diener soll auf seinen Herrn vertrauen, auch was die äußeren Bedürfnisse betrifft (vgl. Phil 4,12.13).
  5. Der Arbeiter ist seiner Nahrung wert. Wir, die wir Empfänger eines Dienstes sind, tragen die Verantwortung, die äußeren Bedürfnisse eines solchen Dieners zu stillen (vgl. 1. Kor 9,14; Gal 6,6).
  6. Der Arbeiter hat selbst von dem Herrn eine Aufgabe oder eine Begabung „umsonst“ anvertraut bekommen. Sie gehört nicht dem Diener, sondern seinem Herrn. Also gibt er auch „umsonst“ und verlangt nichts für seinen Dienst. Das Evangelium ist kostenfrei (vgl. 1. Kor 9,18)!
  7. Der Arbeiter hat seine Aufgabe und Begabung „umsonst“ anvertraut bekommen. Nichts ist von ihm, sondern alles vom Herrn. Paulus sagt dazu an einer Stelle: „Was aber hast du, das du nicht empfangen hast?“ (1. Kor 4,7). Alles – auch jeder Dienst – ist die Gnade unseres Herrn. Wir brauchen uns auf nichts etwas einzubilden!

Verse 11–14: Der Charakter der Aussendung

„In welche Stadt aber oder in welches Dorf irgend ihr eintretet – forscht nach, wer darin würdig ist; und dort bleibt, bis ihr weggeht. Wenn ihr aber in das Haus eintretet, so grüßt es. Und wenn nun das Haus würdig ist, so komme euer Friede darauf; wenn es aber nicht würdig ist, so wende sich euer Friede zu euch zurück. Und wer irgend euch nicht aufnimmt noch eure Worte hört – geht hinaus aus jenem Haus oder jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen“ (Verse 11–14).

Auch diese vier Verse unterstreichen den jüdischen Charakter der Sendung. Die Apostel sollten in ein Dorf oder eine Stadt gehen und nachforschen, ob diese würdig ist. Das heißt nichts anderes, als dass sie prüfen sollten, ob die Menschen dieses Ortes bereit wären, die Predigt des Königreiches der Himmel anzunehmen und ein Leben der Gottesfurcht zu führen. Wenn sie dies täten, würde der Herr sie als „würdig“ bezeichnen. Dann sollten die Apostel den Gruß und den Segen des Friedens auf eine solche Stadt bringen. Mit Gruß ist natürlich nicht gemeint, „guten Tag“ zu sagen. Der Gruß in der damaligen Form war eine Segensbezeugung. Und diese ist hier auch gemeint.

Zwar hört man auch in der heutigen Zeit immer wieder, dass Personen – wie der sogenannte Papst der Römisch-Katholischen Kirche – ein Land oder eine Stadt segnen. Davon lesen wir allerdings nichts in den Briefen des Neuen Testaments. Es handelt sich dabei um einen durch und durch jüdischen und damit alttestamentlichen Brauch. Dazu gehört beispielsweise auch das Küssen des Bodens, als ob die Erde irgendeine Verheißung in unserer christlichen Zeit besäße. Das war im Alten Testament anders und wird auch im 1000-jährigen Friedensreich wieder anders sein.

Wenn die Menschen einer Stadt nun nicht bereit wären, die Botschaft der Apostel anzunehmen, und das würde durch das Haus repräsentativ deutlich, in das die Apostel eintreten würden, dann sollten die Jünger den Segen des Friedens von dieser Stadt wegnehmen und gewissermaßen wieder mitnehmen, bis sie an einen Ort kämen, der des Segens würdig wäre. Aber nicht nur das. Sie sollten aus dem Haus und der Stadt hinausgehen und den Staub als ein Gericht von ihren Füßen schütteln.

Das Gericht, das aus diesen Worten spricht, mag für uns Europäer nicht sehr deutlich sein. Aber durch das Schütteln des Staubes von den Füßen wurde einer solchen Stadt Gericht angekündigt. Sie hatte ihre Chance verspielt, das war damals den Lesern des Evangeliums sofort klar. So war die Aussendung der Zwölf nicht nur eine Verkündigung und Wunderwirkungs-Sache. Sie war auf direkte Weise mit Gericht verbunden.

Es sollte jedem Leser klar sein, dass es sich bei diesem, vom Herrn Jesus angeordneten Brauch, um eine jüdische Sache handelt. In unserer heutigen Zeit werden wir gerade nicht dazu aufgerufen, in irgendeiner Weise in Verbindung mit der Verkündigung des Evangeliums der Gnade Gottes Gericht auszusprechen. Wir kündigen das Gericht Gottes durch den Sohn des Menschen an, das ist wahr. Aber wir selbst handeln nicht in gerichtlicher Weise. Vielmehr bitten wir die Menschen immer und immer wieder, den Herrn Jesus als Retter und Herrn anzunehmen. Das ist unser Auftrag heute. Wir verkündigen, dass der Herr Frieden gemacht hat, wir verkündigen kein Gericht!

Dagegen spricht auch nicht, dass der Apostel Paulus zusammen mit Barnabas, als sie von den Juden in Antiochien vertrieben und abgelehnt wurden (Apg 13,51), den Staub von ihren Füßen gegen die Juden abschüttelten und nach Ikonium weiterzogen. Hier zeigten die beiden Boten gewissermaßen selbst zu Beginn der Gnadenzeit noch einmal, dass die Juden durch ihr bewusstes Verharren in der Verstockung gegen Christus und sein Evangelium der Gnade Gericht über sich brachten. Daher war hier dieses Zeichen durchaus angebracht.

Vers 15: Die Reaktion der Empfänger der Botschaft

„Wahrlich, ich sage euch, es wird dem Land von Sodom und Gomorra erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als jener Stadt“ (Vers 15).

Der Herr Jesus zeigt sofort, wie die Reaktion der Juden sein würde. Streng genommen spricht der Meister nur von einer Stadt, welche die Apostel nicht aufzunehmen bereit ist. Doch ist dieser fünfzehnte Vers zugleich eine Zusammenfassung der Reaktionen, auf die sich die Jünger einstellen mussten. Weil die Juden genau in dieser Weise handeln würden, muss der Herr noch den zweiten Teil des Kapitels, der mit dem sechzehnten Vers beginnt, anschließen.

Denn die Verwerfung der Jünger ist nur ein Spiegelbild der Verwerfung des Messias. Diese Verwerfung würde ihren Gipfelpunkt in der Kreuzigung Jesu finden. Deren Konsequenz wiederum würde sein, dass der Herr die Erde verlassen würde, so dass das Königreich der Himmel in einer ganz neuen, geheimnisvollen Art eingeführt würde. Dies würde dann zur Folge haben, dass die Jünger allein auf dieser Erde zurückgelassen würden.

Der Herr Jesus kündigt somit das Gericht über Israel an. Dieses Gericht wäre gravierender als das Gericht über Sodom und Gomorra. Sofort musste sich jedem Juden die Frage stellen: Kann es ein noch schlimmeres Gericht geben als den Feuerregen, der Sodom und Gomorra vernichtet hat? Was kann noch schlimmer sein als dieser moralische Abfall, der sich in der Homosexualität Sodom und Gomorras offenbarte?

Der Herr spricht an dieser Stelle genau genommen nicht von dem vergangenen Gericht Sodoms. Er verweist auf einen Tag in der Zukunft, an dem Gericht geübt werden wird. Dieser Tag liegt auch für uns noch in der Zukunft. Dabei hat die Gerichtssitzung am Richterstuhl des Christus mehrere Phasen. Klar ist, dass nicht Städte, sondern deren Einwohner, also Menschen, be- und notfalls verurteilt werden (vgl. Jer 49,18).

Wenn aber da Gericht an Sodom und Gomorra damals schon so furchtbar war, wie schlimm muss dann das Gericht über solche sein, die den Herrn und seine Boten abgelehnt haben (und noch ablehnen werden)! Denn wenn auch die Bewohner von Sodom und Gomorra große Sünder waren, so werden sie sich doch nicht dafür verantworten müssen, ein solch hohes Vorrecht verachtet zu haben, wie es die Städte Israels erlebt haben und noch erleben werden.

Diese Warnung spricht der Herr Jesus in diesem Vers aus. Sein eigenes Volk hat diese Warnung nicht ernst genommen. Viele von ihnen, besonders die Führer, werden daher gerade dieses Gericht einmal erleben. „Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen“ (Heb 10,31).

An dieser Stelle sei kurz bemerkt, dass die Verse in Kapitel 10 ab Vers 15 nur im Matthäusevangelium vorkommen. Das zeigt noch einmal, dass es hier um ein Thema geht, das ganz besonders mit der Botschaft von Matthäus über den Messias Israels zusammenhängt. Es handelt sich nicht um eine Botschaft für die Nationen oder um Belehrungen für den Dienst der Gläubigen, sondern um eine Botschaft an Juden – in verschiedenen Zeitepochen.

Verse 16–42: Die erweiterte Aussendungspredigt für die 12 Apostel

Wir haben gesehen, dass die Juden die 12 Apostel nicht aufnehmen würden. Ablehnung und Hass wären die Reaktion auf die Predigt der Apostel. Das hat auch der Herr Jesus erfahren müssen, bis Er ans Kreuz geschlagen und getötet wurde. Weil das Volk Ihn ablehnte, lehnte Er das Volk schließlich ab und verbarg sich vor diesem im Himmel.

Aber auch dort wollte Er sein Volk noch nicht aufgeben. Er sandte auch weiterhin Boten zu den Seinen, um diese zur Umkehr zu bringen. Davon lesen wir jetzt ab Vers 16. Es handelt sich um eine prophetische Rede.

Nachdem das Volk auch den letzten Zeugen, Stephanus, ermordet hatte, wandte sich der Herr endgültig den Nationen zu. Aber es wird der Zeitpunkt kommen, wo die Vollzahl der Nationen eingegangen sein wird (vgl. Röm 11,25). Dann wird sich der Herr wieder seinem irdischen Volk Israel zuwenden und Boten aussenden, bis Er als der Sohn des Menschen wieder auf diese Erde kommen wird (vgl. Mt 10,23).

Um diese beiden Zeitepochen geht es nun in dem zweiten Teil der Predigt Jesu. Dieses Thema wird in Kapitel 24 noch einmal aufgenommen. Auch dort steht die Wiederkunft des Sohnes des Menschen auf die Erde im Fokus. Während in Kapitel 10 mehr die Sendung an die Juden im Vordergrund steht, gibt uns der Herr in den Kapiteln 24 und 25 ein prophetisches Panorama über Israel, die Christenheit und die Nationen, wie wir es immer wieder in diesem Evangelium finden.

Vers 16: Die Haltung der Apostel in ihrem Dienst

„Siehe, ich sende euch wie Schafe inmitten von Wölfen; so seid nun klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben“ (Vers 16).

Der Herr leitet diese zweite Predigt ein, indem Er den Jüngern klar macht, mit was für einer Haltung sie auf die Verwerfung durch die Juden reagieren sollten. Sie hatten nicht zurückzuschlagen, sondern ihrem Meister nachzufolgen. So, wie Er sich verhalten hatte, sollten auch sie leben.

Er lässt sie nicht im Unklaren darüber, dass sie es mit Wölfen zu tun haben würden. Gerade die Führer des Volkes würden sich so verhalten. Waren es nicht die Führer, die den Herrn ans Kreuz gebracht hatten? Waren es nicht die Führer wie Saulus, die Stephanus ermordeten, auch wenn sich dieser später im Unterschied zu den sonstigen Führern des Volkes bekehrte? Es waren Raubtiere wie Wölfe, die ihre Beute nicht verschonen würden. Die Apostel waren dagegen wie Schafe, die scheinbar wehrlos diesen Wölfen gegenüber standen.

Wir lesen nichts davon, dass sich die Schafe wehren sollten. Sie sollten sich bewusst sein, dass sie menschlich gesprochen keine Gegenwehr leisten konnten. Stattdessen sollten sie einfach ihrem Herrn vertrauen, der ihnen Hilfe leisten würde. Das sehen wir später. Sie sollten in derselben Stellung sein wie ihr Meister und in dieser Stellung dieselben Charakterzüge wie Er offenbaren: Klugheit und Transparenz.

Was ihre eigene Haltung betrifft, so sollten sie klug sein wie die Schlangen. Der Herr hebt hier nicht die Verschlagenheit, sondern die Klugheit der Schlange hervor. Die Apostel sollten also nicht verschlagen überlegen, wie sie mit menschlichen Mitteln den Führern des Volkes eins auswischen könnten. Aber sie sollten auch nicht töricht agieren und sich von vornherein den bösen Menschen ausliefern.

Sie hatten mit bösen Reaktionen zu rechnen. Sie sollten einen Weg suchen, auf dem sie trotz des Widerstandes Menschen erreichen könnten. Sie sollten gleichzeitig den Fallen, die ihnen die Juden stellen würden, aus dem Weg gehen. Wenn es einmal sinnvoll wäre zu schweigen, sollten sie auch das erwägen.

Dabei sollten sie nicht hinterlistig und falsch auftreten. Denn mit Falschheit würden sie den Teufel und seine Nachfolger imitieren. In ihren Motiven und in ihrem Handeln galt es, transparent zu sein, um den Widersachern keinen Angriffspunkt zu bieten.

Das ist auch ein Wort an uns in der heutigen Zeit. Wir erleben manche Widerstände. Da ist es angebracht, sich klug zu verhalten. Wir sollen mit jedem Widerspruch zu Gottes Wort klug und ohne Falsch umgehen. Das ist nicht einfach. Aber das hilft uns, weise zu handeln. Das gilt beispielsweise auch im Blick auf die gesetzlichen Ver- und Gebote zum Thema Erziehung von Kindern.

Dabei wissen wir, dass beide Eigenschaften zusammen – Klugheit und Geradlinigkeit – nur selten vereint sind. Oft sind kluge Leute solche, die mit einer gewissen Verschlagenheit ihre Ziele verfechten. Andererseits handeln solche, die ohne Falsch leben, nicht selten unklug. Das zweite ist besser als das erste! Aber der Herr möchte, dass seine Jünger klug und transparent handeln.

Verse 17.18: Die Reaktion der Menschen auf die Predigt der Apostel

„Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch an Synedrien überliefern und euch in ihren Synagogen geißeln; aber auch vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen und den Nationen zum Zeugnis“ (Verse 17.18).

Der Herr spricht ein sehr ernstes Wort. Die Apostel sollten sich vor den Menschen hüten, also gerade vor den Adressaten ihrer Botschaft. Denn die Reaktion auf die Predigt des Evangelium des Reiches würde sein, dass die Apostel und andere Prediger an Synedrien überliefert würden – also an die oberste Gerichtsbarkeit in Israel – und sogar gegeißelt, also mit Widerhaken ausgepeitscht werden. Der Herr spricht von der Reaktion auf die Predigt der Apostel und weist damit in verborgener Weise zugleich darauf hin, wie Er selbst behandelt werden würde.

Jesus präzisiert „die Menschen“ an dieser Stelle nicht. Konkret ging es natürlich um die Juden und ihrer Führer. Aber diese Juden repräsentierten nur die ungöttliche Menschheit im Allgemeinen. Den Menschen war grundsätzlich nicht zu trauen – vor ihnen musste man sich hüten. Wie gesagt, konkret ging es um die Obersten der Juden, die weder die Boten noch deren Botschaft aufnehmen wollten.

In der Konsequenz dieses Handelns der Juden würde der Herr den Auftrag der Apostel ausweiten. Eigentlich waren sie nur zu den verlorenen Schafen in Israel ausgesandt. Durch die Verurteilung aber würden sie vor Statthalter und Könige gestellt, die gerade nicht jüdischer Herkunft waren. Eigentlich waren diese Menschen in Hoheit ein Gräuel in den Augen jedes Juden. Denn sie waren der Beweis davon, dass das Volk versagt hatte, so dass Gott sie heidnischen Königen auslieferte. Jetzt aber benutzen die Obersten des jüdischen Volkes diesen Umstand, Prediger aus den eigenen Reihen vor Gericht zu stellen.

Gerade dadurch kam das Evangelium auch an Heiden. Das zeigt Paulus später im Römerbrief. Hier deutet der Herr diesen Umstand nur an. Wir wissen, dass dies in der Apostelgeschichte in Erfüllung gegangen ist. Gerade der Apostel Paulus – keiner der Zwölf! –, der für den Mord an Stephanus mitverantwortlich war, sollte ein Mann sein, der so vor Königen Zeugnis ablegte. So würden Menschen, die eigentlich nicht zu den Empfängern der Predigt des Herrn gehörten, die gute Botschaft und ein Zeugnis an ihr Gewissen hören.

Was für eine Ehre für die Apostel, um „meinetwillen“, um des Namens Jesu willen, diese Leiden erdulden zu dürfen. Schon in den ersten Versen der Bergpredigt haben wir dieses Thema vor uns gehabt. Jetzt mussten die Jünger lernen, dass es sich nicht um Theorie, sondern um echte Wirklichkeit handelte.

Verse 19.20: Die wahre Kraftquelle in Verfolgungen

„Wenn sie euch aber überliefern, so seid nicht besorgt, wie oder was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde gegeben werden, was ihr reden sollt. Denn nicht ihr seid die Redenden, sondern der Geist eures Vaters, der in euch redet“ (Verse 19.20).

In diesen Verfolgungen würden die Apostel nicht umhin kommen, auch zu bezeugen, warum sie predigten. Aber sie sollten sich keine Sorgen darüber machen, was sie in welcher Weise sagen sollten. Sie brauchten sich auch nicht zu beunruhigen, was ihre Worte für sie an negativen Folgen haben könnten. Ja, sie sollten klug dabei vorgehen. Aber sie sollten nicht vor lauter Angst, das Falsche zum falschen Zeitpunkt zu sagen, die Aussage verweigern. Denn sie hätten jemanden auf ihrer Seite, der stärker ist als alle und alles in dieser Welt.

Der Geist Gottes stünde auf ihrer Seite. Das heißt nicht, dass sie durch diese göttliche Person vor Verfolgungen und dem Märtyrertod immer bewahrt blieben. Aber Er würde ihnen das geben, was sie in der speziellen Situation reden sollten. Sie bräuchten dafür nicht alles mögliche zu analysieren und auswendig zu lernen. Sie könnten Gott einfach vertrauen.

Nicht sie selbst redeten dann, sondern der Heilige Geist. Was für eine Verheißung für solche, die in großen Verfolgungen nicht wussten, was sie wie sagen sollten; die vielleicht in derartigen Umständen auch voller innerer Angst waren. Es geht hier um ein machtvolles Zeugnis von Gott selbst. Er würde handeln zugunsten der Seinen und durch sie reden. Er würde sie inspirieren.

In der Apostelgeschichte finden wir wunderbare Beispiele dieser Führung durch den Heiligen Geist: Petrus und Johannes in Apostelgeschichte 4,8–12 und 5,27–32. Stephanus in Kapitel 7 sowie Paulus in Kapitel 24,10–21 und 26,1–29.

Es fällt auf, dass der Geist Gottes hier „Geist eures Vaters“ genannt wird. Das ist ein einmaliger Ausdruck, den der Herr verwendet. Dieser Titel des Geistes Gottes spricht von Beziehungen. Sie hatten die Beziehung zu ihrem Vater in den Himmeln. Der Geist dieses Vaters würde ihnen in den so schwierigen Umständen helfen. Was für ein Trost und was für eine Ermutigung!

Verse 21.22: Die Folgen treuer Apostelschaft im persönlichen Bereich

„Der Bruder aber wird den Bruder zum Tod überliefern und der Vater das Kind; und Kinder werden sich erheben gegen die Eltern und sie zu Tode bringen. Und ihr werdet von allen gehasst werden um meines Namens willen. Wer aber ausharrt bis ans Ende, der wird errettet werden“ (Verse 21.22)

Der Herr lässt seine Apostel nicht im Unklaren darüber, dass es auch im persönlichen Bereich gravierende Folgen einer treuen Apostelschaft geben würde. In den eigenen Familien würden Jünger, die in Treue von dem Herrn und seiner Botschaft zeugten, angegriffen und gehasst werden. Der Bruder würde den eigenen Bruder und sogar der Vater das Kind bzw. umgekehrt nicht verschonen. Selbst in den Tod würden sich Familienangehörige gegenseitig bringen.

Wodurch konnte das soweit kommen? Wenn einer aus der Familie die heilbringende Botschaft annahm, ein anderer aber nicht, konnte ein Klima des Hasses entstehen. Gerade in Verfolgungszeiten würde dies dazu führen, dass man innerhalb der Familie den Druck nicht mehr aushielt und, um die eigene Haut zu retten, den anderen verriet.

Aus der Zeit des Dritten Reichs wissen wir, dass so etwas vorgekommen ist. Auch in den Verfolgungszeiten der letzten Römischen Herrscher war es so. Aber diese Zeiten werden nach der Entrückung der Versammlung in ungeahntem Ausmaß noch einmal wiederkommen. Auch dann werden wieder, wie wir im weiteren Verlauf dieser Verse sehen werden, jüdische Boten ausgesandt. Wenn sich Menschen bekehren, werden sie von ihren eigenen Familienangehörigen umgebracht.

Zudem sagt der Herr eine Atmosphäre des Hasses voraus. Wer treu ist, wird gehasst werden. Ein wenig später zeigt der Herr, dass dies direkt mit Ihm selbst zusammenhängt. Hier sagt er nur noch einmal, dass dies um „seines Namens willen“ sein wird. Es sind Leiden, die Er in ganz besonderer Weise wertschätzt, weil sie für Ihn erduldet werden. Wir wollen dabei nicht vergessen, dass Er viel mehr für uns getan hat!

Hier zeigt der Herr zum ersten Mal, dass es darauf ankommt, „bis ans Ende“ auszuharren. Nur wer das Ende erreicht – das ist letztlich die Einführung des 1000-jährigen Friedensreiches, also das Kommen des Sohnes des Menschen, wie der nächste Vers klarmacht –, der wird errettet werden. Es gibt manche, deren Ausharren in den Märtyrertod geführt hat. Aber so lange ein Jude noch nicht ermordet wurde, musste er bis ans Ende ausharren.

Diese Ermahnung, „bis ans Ende“ auszuharren, mag auch mit der Gegenwart von Judas Iskariot zusammenhängen. Er war ein falscher Jünger, ein falscher Apostel. Er war lange Zeit dabei. Aber bis ans Ende würde er nicht ausharren. So wird er zu einem Beispiel für die Klasse von Menschen, über die der Herr hier spricht. Zugleich ist er eine Mahnung an alle, die sich äußerlich zu Christus bekennen, innerlich aber kein Leben aus Gott haben.

In der christlichen Zeit werden wir auch aufgefordert, treu zu sein und zu bleiben. Aber für uns gilt, dass wer sich bekehrt hat, dem Herrn in Ewigkeit angehört. „Der Herr kennt diejenigen, die sein sind“ (2. Tim 2,19). Hier geht es nicht darum, dass wir bis zum Ende treu sind, um errettet zu werden, auch wenn der Herr davon ausgeht, dass ein Gläubiger genau das tut. In der heutigen Zeit wird der errettet, der Gott seine Sünden bekennt (vgl. 1. Joh 1,9).

Verse 23–25: Die Beziehung der Apostel zum Sohn des Menschen

„Wenn sie euch aber verfolgen in dieser Stadt, so flieht in die andere; denn wahrlich, ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen ist. Ein Jünger steht nicht über dem Lehrer, und ein Knecht nicht über seinem Herrn. Es ist dem Jünger genug, dass er sei wie sein Lehrer und der Knecht wie sein Herr. Wenn sie den Hausherrn Beelzebul genannt haben, wie viel mehr seine Hausgenossen!“ (Verse 23–25).

Nachdem der Herr Jesus die schwierigen Folgen treuer Apostelschaft vorgestellt hat, zeigt Er in den nächsten drei Versen die Beziehung der Jünger zu ihrem Herrn, hier als Sohn des Menschen gesehen.

Die Apostel sollten sich nicht einfach den Verfolgern hingeben. Sie hatten das Recht und die Freiheit zu fliehen. Gerade durch die Verfolgungen und die Zerstreuungen würden sie die Botschaft des Königreiches der Himmel sehr weit verbreiten können. Dabei sollten sie sich bewusst sein: Sie würden mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, bis der Sohn des Menschen gekommen ist.

Dieser Hinweis zeigt klar, dass der Herr in diesen Versen über eine andere Zeit redet als in den ersten 15 Versen. Dort war der Herr ja zugegen. Hier würde Er als Sohn des Menschen wiederkommen. Es handelt sich also um sein zweites Kommen, wenn Er aus dem Himmel als der verherrlichte Sohn des Menschen wieder zurück auf diese Erde kommen wird. Dieses Kommen wird plötzlich geschehen wie ein Blitz (vgl. Mt 24,27). Das Gericht Jerusalems und die Zerstreuung des Volkes würde den Dienst, der in dem hier von dem Evangelisten gezeigten Augenblick begann, für eine Zeit beiseite setzen. Das, was in der heutigen Zeit, also in der Zwischenzeit passiert, ist nicht Gegenstand dieser Belehrungen des Herrn Jesus. Auf diese Zwischenzeit geht unser Evangelist später ein, indem er die Versammlung (Gemeinde, Kirche) einführt.

Über den Titel „Sohn des Menschen“ haben wir bereits nachgedacht. Lukas gibt uns über diesen Sohn des Menschen weitere Einzelheiten, denn dieser Titel ist universell und passt besonders gut zu Lukas. Matthäus spricht mehr von der Verwerfung Emmanuels – die Folge ist, dass Er der Sohn des Menschen ist (vgl. die Erklärungen zu Matthäus 8,18 ff.). Der Titel spricht manchmal von seiner Erniedrigung und Verwerfung, manchmal von seiner Erhöhung wie hier, manchmal auch von beiden Seiten. Der Sohn des Menschen wird seine Herrschaft über alles Geschaffene antreten wenn Er wieder auf diese Erde kommen wird. Die Apostel sollten aber wissen, dass Er wiederkommt. In den Verfolgungen würde ihnen leicht der Atem ausgehen können. Denn die Verfolgungen werden, wie wir aus Matthäus 24 und der Offenbarung wissen, sehr hart sein. Sie werden – und das beschämt uns Christen, die wir weit von einem solchen Ziel entfernt sind – sehr, sehr vielen Städten das Evangelium des Königreiches verkündigen. Aber sie werden es nicht schaffen, bis zu Ende zu kommen. Ihr Meister wird zu ihrem Schutz, zu ihrer Rettung, vorher zurückkommen.

So wird das zu Zeiten des Herrn unvollendete Zeugnis der Seinen von den Juden wieder aufgenommen werden. Aber auch dann bleibt es unvollendet. Denn das künftige Zeugnis der Sendboten wird durch die Wiederkunft des Herrn wieder nicht beendet werden können. Der Herr selbst wird dann das Zeugnis in vollkommener Weise abschließen und an jenem Tag alles das vollbringen, was dem Menschen anvertraut worden ist, was aber durch die Schwachheit oder Bosheit des Menschen kaputt gegangen ist. Dann wird alles durch den Spross Israels in herrlicher Weise vollendet werden. Wie gesagt – der Herr geht über die Zeit der Nationen, der Versammlung Gottes hier auf der Erde, stillschweigend hinweg. Sie steht hier nicht im Fokus der Gedanken des Herrn.

Doch auch schon zu Lebzeiten des Herrn ging die Predigt in gewisser Hinsicht zu Ende. Denn Er ließ sein Zeugnis durch den Widerstand des Volkes beenden (vgl. Mt 16,20). Nach der Sammlung der Nationen wird dieses Zeugnis neu aufgenommen werden und ein nochmaliges, dann endgültiges Ende finden. Dieses Ende wird vollständig erfüllt sein, nachdem der Herr seine Jünger – gemeint sind diejenigen künftiger Tage – noch einmal ausgesandt haben wird. Der Herr sendet seine Jünger aus, um ein letztes Zeugnis für sein Volk so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Aber sie werden nicht angenommen werden. Irgendwann wird auch für das Volk der Juden die Tür verschlossen sein. Dann ist das „heute“ endgültig vorbei: „Denn er ist unser Gott, und wir sind das Volk seiner Weide und die Herde seiner Hand – Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verhärtet euer Herz nicht“ (Ps 95,7.8).

Leiden der Apostel um Jesu willen

Jesus verbindet diesen prophetischen Hinweis mit einer moralischen Belehrung. Vielleicht fragten sich die Jünger (und werden es sich in Zukunft die Boten fragen): Warum müssen wir so leiden. Dann zeigt der Herr ihnen nicht nur, dass sie um des Herrn willen leiden würden. Er macht ihnen deutlich, dass sie in gleicher Weise leiden werden, wie Er damals während seines Lebens gelitten hat, natürlich ausgenommen seiner Sühnungsleiden. Er war der Lehrer, sie die Jünger und sie standen nicht über Ihm. Wenn Er litt, so war es natürlich, dass auch sie leiden mussten. Wenn sogar der Herr leiden musste, konnten sie verstehen, dass sie als seine Knechte ebenfalls leiden mussten.

So durften die Knechte ihren Herrn nachahmen. Wir verstehen, dass es nicht darum geht, Ihn in seiner äußeren Art und in dem, was Er alles getan hat, nachzuahmen. Denn wie könnte der Knecht alles das tun, was sein Herr in seiner ganz anderen Stellung tut? Aber Knechte dürfen und sollen die Gesinnung, die moralischen Werte ihres Meisters nachahmen. So würden sie leiden wie Er. Das adelt ihr Leben!

Der Herr verwendet dann ein Wortspiel. „Wenn sie den Hausherrn Herr des Hauses [Beelzebul] genannt haben, wie viel mehr seine Hausgenossen!“ War nicht der Herr Jesus der Hausherr in Israel? Er ist der Herr, der Jahwe, der Bundesgott seines Volkes. Diesen stellten die Führer in Israel auf die Ebene eines anderen Hausherrn, des Herrn über das Haus der Dämonen. Was für eine Unverfrorenheit und Unverschämtheit, was für eine Bosheit gegenüber dem wahren, von Gott gesandten Messias!

Aber wenn es Ihm so ergangen war, wie viel mehr sollte es den Hausgenossen so gehen. Denn vor ihnen würden die Knechte Satans, des Beelzebul, noch weniger Respekt haben. Daher würden sie die Jünger des Herrn nicht nur so bezeichnen, sondern darüber hinaus auch verfolgen und umzubringen suchen. Darauf sollten sich die Apostel gefasst machen.

Matthäus spricht hier nur die Tatsache als solche an. Johannes, der von den intimen Beziehungen der Gläubigen zu dem Herrn Jesus spricht, zeigt die Nähe der Jünger in diesen Verfolgungen zu ihrem Meister noch viel stärker. In dem wunderbaren Gebet des Herrn in Johannes 17 lesen wir: „Die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie ich nicht von der Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt wegnehmest, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen“ (Joh 17,14.15).

Schon in Johannes 15 lesen wir die Worte des Sohnes des Vaters: „Wenn die Welt euch hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihre lieb haben; weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt auserwählt habe, darum hasst euch die Welt. Erinnert euch an das Wort, das ich euch gesagt habe: Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr. Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“ (Verse 18–20). In 1. Johannes 3,13 lesen wir: „Wundert euch nicht, Brüder, wenn die Welt euch hasst.“ Das ist also auch für uns die Folge der Zugehörigkeit zum Meister.

Verse 26.27: Furcht vor den Menschen ist unbegründet

„Fürchtet euch nun nicht vor ihnen. Denn es ist nichts verdeckt, was nicht aufgedeckt, und verborgen, was nicht erkannt wird. Was ich euch sage in der Finsternis, redet in dem Licht, und was ihr hört ins Ohr, verkündet auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht zu töten vermögen; fürchtet aber vielmehr den, der sowohl Seele als Leib zu verderben vermag in der Hölle“ (Verse 26–28).

Mit Vers 26 kommt der Herr auf seine Warnung in Vers 17 zurück. Dort hatte Er gesagt: „Hütet euch aber vor den Menschen, denn sie werden ...“. Es sollten besonders die Menschen, die Führer des Volkes Israel sein, die den Aposteln das Leben zerstören wollten. Davor sollte jeder gewarnt sein. Jetzt fügt der Herr hinzu: „Fürchtet euch nun nicht vor ihnen“. Wenn man auch gewarnt ist, so sollte man sich dennoch nicht vor diesen Menschen fürchten. In Vers 28 führt Er nun weiter aus, warum die Furcht vor diesen Menschen verkehrt ist.

Dafür gibt Christus drei Gründe an:

  1. Den ersten Grund hatte Er schon genannt: „Ich habe denselben Weg genommen. Wenn ich das Ziel erreiche, dann auch Ihr, wenn Ihr an mich glaubt und mir treu bleibt.“
  2. Alles wird einmal ans Licht gebracht werden. Der Herr Jesus deutet diesen Punkt nur an. Offenbar bezieht Er sich letztlich auf den Richterstuhl des Christus (2. Kor 5,10). Dort werden alle Angriffe auf die Gläubigen, in welcher Zeit auch immer sie gelebt haben mögen, offenbar gemacht. An diesem Richterstuhl (für die Ungläubigen ist dies der große weiße Thron, Off 20,11 ff.) wird ein gerechtes Gericht gesprochen!
    Wenn es Menschen gab, die andere verfolgt haben, um ohne Gott zu herrschen, werden sie dort von dem Sohn des Menschen bestraft und verurteilt werden. Andere wiederum, die zu Unrecht leiden mussten und verfolgt wurden, werden für ihre Treue belohnt werden. Es gibt nichts, nicht einmal die verborgensten Motive, die dort nicht offenbar werden.
    Der Treue weiß also, dass er zwar während seines Lebens verkannt sein und verfolgt werden mag. Aber das Entscheidende ist nicht, was seine Verfolger mit ihm machen und von ihm halten. Ausschlaggebend ist die Beurteilung des Ewigen, der ein gerechtes und endgültiges Urteil aussprechen wird. Warum sollte man sich dann vor den Menschen auf der Erde fürchten, die den ewigen Lohn gar nicht beeinflussen können?
  3. Im Anschluss an dieses Argument zeigt der Herr, dass die Menschen, die andere auf der Erde töten können, nur Macht über den Körper haben. Sie können den Leib töten, aber den Menschen in seiner Persönlichkeit – davon spricht hier die Seele – nicht antasten. Aber es gibt jemanden, der Macht nicht nur über den Körper, sondern über die gesamte Persönlichkeit, den ganzen Menschen, hat – Gott.
    Wer bedenkt, dass Gott und nur Er allein Autorität hat, die Zukunft des Menschen in seiner Gesamtheit zu bestimmen, also nicht nur bezüglich seines Körpers, der weiß genau, dass diese Instanz viel wichtiger ist. Es ist keine Kleinigkeit, wenn von einem Gläubigen das Leben hier auf der Erde gefordert wird, wenn man ihm nachstellt bis aufs Blut. Das wollen wir, die wir im Moment in einer Gegend wohnen, wo es solche Gefahren nur sehr, sehr selten gibt, nicht übersehen. Aber Menschen können uns „nur“ töten. Damit bringen sie uns letztlich auf direktem Weg in die Herrlichkeit. Denn der Tod ist für einen Gläubigen die Tür in die glückselige Ewigkeit.
    Wenn ein Mensch jedoch vor dem Richter jedes Menschen steht, der Seele und Körper verderben kann, dann geht es um alles: Wenn er verurteilt wird, heißt das ewiges Verderben, ohne eine Chance der Umkehr und des Wiedergutmachens. Verderben heißt nicht Vernichtung und Zerstörung der Existenz. Es bedeutet das Vollziehen des göttlichen Urteils mit ewigem Bestand. Daher ist dieser Punkt so ernst!
    Für die Juden haben diese Worte eine besondere Bedeutung. Denn für sie bestand das Glück darin, lebend in das Königreich eingehen zu können. Wenn sie aber durch Verfolger getötet würden, was dann? Würden sie dann um ihr Glück gebracht werden? Der Herr zeigt hier, dass die Jünger die tödlichen Verfolgungen nicht fürchten sollten. Denn es gibt etwas, das wichtiger ist als das Töten des Körpers. Der Zielort der Seele entscheidet darüber, wo der Mensch sein wird: in der Herrlichkeit oder in der Hölle. Der eine Ort bedeutet ewige Freude, der andere ewige Qualen! An anderer Stelle (in der Offenbarung) lernt der gläubige Jude, dass er – wenn er in den Verfolgungen künftiger Zeiten getötet wird, das Königreich sogar von einer viel höheren Seite aus kennenlernen wird. Er wird dann vom Himmel aus kommend zusammen mit dem Herrn Jesus regieren dürfen. So sehr schätzt der Herr die Treue derer, die ihr Leben nicht mehr lieben als ihren Herrn und König.
    Ist nicht auch Stephanus ein wunderbares Beispiel für diesen Vers? Seine Peiniger waren in der Lage, ihm das Leben zu nehmen. Aber der innere Friede in diesen Leiden machte offenbar, dass er als Person von ihnen nicht verdorben werden konnte. Stephanus war sich bewusst, dass es einen anderen gab, der Seele und Körper zu verderben vermag. Aber dieser große Gott stand auf seiner Seite. Daher der innere Friede, der die Qualen erdulden konnte.

Diese Verse zeigen uns übrigens klar, dass die Seele nicht wie der Körper dem Tod unterworfen ist. Denn zu verderben und auch der ewige Tod bedeuten nicht das Ende der Existenz. Die Seele wird sowohl bei den Gläubigen als auch bei den Ungläubigen ewig weiter existieren. Wir finden in der Schrift zwar nicht den Ausdruck „Unsterblichkeit der Seele“, aber den Gedanken finden wir, zum Beispiel an dieser Stelle. Niemand sollte deshalb einem Trugschluss erliegen und meinen, irgendwann gäbe es keine Strafe mehr für den Sünder.

Reden und offenbar machen

Zwischen den beiden letzten Gründen ermahnt und ermutigt der Herr seine Jünger und diejenigen, die in Zukunft in deren Aufgaben eintreten würden. Wenn der Herr am Ende alles offenbar machen wird und nichts verborgen bleibt, dann sollten sie schon jetzt alles das, was der Herr ihnen im Verborgenen gesagt hat, in Kühnheit und Offenheit weitergeben. Es gibt nichts, was ein Jünger fürchten sollte, als nur zu sündigen und Gott zu betrüben.

Da irgendwann ohnehin alles offenbar werden wird, konnten die Jünger schon damals öffentlich das verkündigen, was der Herr ihnen in der Finsternis, also im Verborgenen, bzw. ins Ohr, also im privaten Umfeld, gesagt hatte. So würde ihre Treue zu Gott und auch alles andere ans Licht gebracht werden. Zugleich würde der Herr den geheimen Plänen ihrer Feinde begegnen, die alles in der Finsternis bewahren wollten.

Gerade dadurch würden sich die Jünger als treue Apostel erweisen und ihren Herrn durch Ehrfurcht ehren. Wir wollen dabei noch einmal bedenken, dass sich das Schwergewicht dieser Verse auf eine Zeit bezieht, die auch für uns noch zukünftig ist. Nachdem der Herr von den Juden abgelehnt worden ist (und Er eine Zeit der Gnade als Einschaltung gegeben hat), wird Er sich durch die in diesem Abschnitt erwähnten Boten wieder an sein Volk wenden. Auch diese Boten werden wieder verfolgt werden, bis der Sohn des Menschen in Herrlichkeit wiederkommen wird.

Verse 29–31: Der Vater bewahrt seine Boten

„Werden nicht zwei Sperlinge für einen Cent verkauft? Und doch fällt nicht einer von ihnen auf die Erde ohne euren Vater; an euch aber sind selbst die Haare des Hauptes alle gezählt. Fürchtet euch nun nicht; ihr seid vorzüglicher als viele Sperlinge“ (Verse 29–31).

Der Herr weiß um die harte Zeit, die auf die Apostel (zukünftig) zukommen wird. Deshalb ermutigt Er sie immer wieder, die sie erwartenden Verfolgungen zu erdulden und festzustehen. Jetzt fügt Er noch die Fürsorge des Vaters hinzu. Auch wenn wir die Dreieinheit Gottes in ihrer vollen Kraft erst in den Briefen offenbart finden, und obwohl sich diese Rede auf eine Zeit bezieht, die der christlichen vorausgeht bzw. nachfolgt – und die Offenbarung der Dreieinheit Gottes hängt direkt mit der Versammlung Gottes zusammen, also mit der heutigen Zeit – finden wir in diesen Versen doch alle drei Personen der Gottheit als Hilfen der Jünger aufgeführt. So sehr hängt das Herz Gottes an ihnen; so sehr weiß Er ihr Ausharren in den Drangsalen wertzuschätzen!

Wir erinnern uns an die Bergpredigt, wo Christus schon einmal auf die Fürsorge Gottes für seine Schöpfung hingewiesen hat. Dort ging es um Nahrung (Vögel) und Kleidung (Blumen). Jetzt spricht Er von der Bewahrung vor dem Tod.

Was gibt es, das in den Augen der Menschen wertloser und beachtungsloser sein könnte als zwei Spatzen? Ein Cent, aber für diesen geringen Betrag bekommt man gerade zwei Spatzen. So wertlos sind diese Vögel in den Augen der Menschen. „Und doch fällt nicht einer von ihnen auf die Erde ohne euren Vater.“ Für jeden einzelnen sorgt der himmlische Vater. Er sieht jeden einzelnen der Milliarden Spatzen. Und nur, wenn Er es zulässt, fällt einer auf die Erde, das heißt stirbt dieser.

Wenn der Vater sich so um diese geringen Tiere kümmert, wie viel mehr um diejenigen, die um seinetwillen leiden und ein gefährliches Zeugnis ablegen. Von den Jüngern – und das dürfen wir sicher auf uns anwenden – sind selbst die Haare des Hauptes gezählt. Damit will der Herr nicht andeuten, dass der Vater wisse, wie viele Haare jeder seiner Jünger habe. Auch das ist wahr. Sondern Er will klarmachen, dass Er sogar für jedes einzelne Haar der Seinen sorgt und keinem der Haare etwas „passiert“, ohne dass der Vater dies zulässt. Wie viel mehr kümmert Er sich um das Leben jedes der Seinen!

Welche Mutter wäre wohl in der Lage und willens, die Haare ihrer Kinder zu zählen? So erkennen wir, dass die Liebe des Vaters viel größer ist als die Liebe von Menschen, mögen sie anderen noch so nahe stehen. Auch David hatte die Fürsorge Gottes schon kennengelernt: „Denn hätten mein Vater und meine Mutter mich verlassen, so nähme doch der Herr mich auf“ (Ps 27,10).

Ist das nicht Anlass genug für sie, sich nicht zu fürchten? Jeder der Jünger weiß doch, dass er in den Augen Gottes viel vorzüglicher ist als „viele Sperlinge“. Wenn der Vater sich so um jeden einzelnen Spatz sorgt, noch viel mehr um „viele Spatzen“, dann ist seine Fürsorge für Menschen viel, viel größer, und erst recht die Sorge um die Seinen, die um seinetwillen leiden. Erneut zeigt der Herr die Beziehung der Jünger zu Gott, nämlich zum himmlischen Vater, der sich um die Seinen kümmert.

Verse 32–36: Die Folgen von wahrem und falschem Bekenntnis

„Jeder nun, der sich vor den Menschen zu mir bekennen wird, den werde auch ich bekennen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist. Wer aber irgend mich vor den Menschen verleugnen wird, den werde auch ich verleugnen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist. Denkt nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein“ (Verse 32–36).

Im letzten Teil dieser Predigt geht es nun um das Bekenntnis. Das machen besonders die Verse 32–36 deutlich. Das Bekenntnis eines Menschen kann wahr oder falsch sein. Das war allen Empfängern des Evangeliums nach Matthäus klar. Denn einer der zwölf Apostel, die der Herr ausgesandt hatte, war ein falscher Apostel. Judas lebte schon nicht mehr, als Matthäus schrieb. Er hatte sich äußerlich zu Jesus bekannt, bis die Prüfung kam, bei der das Bekenntnis bis aufs Äußerte getestet wurde. Da stellte sich heraus: Es war nur ein Pseudo-Bekenntnis.

So wird es auch in der Zukunft sein. Es gibt solche, die sagen, dass sie treue Juden sind. Aber das müssen sie durch ihre Predigt offenbaren. Nur derjenige, der sich vor den Menschen zu dem Herrn Jesus Christus, dem Messias, bekennen wird, wird auch vom Herrn Jesus im Himmel bekannt werden. Wunderbar ist die Fürsorge des Vaters auf der Erde und das Bekenntnis des Herrn im Himmel für den treuen Jünger.

Bis heute lehnen die Juden ab, dass Jesus der im Alten Testament vorhergesagte Messias ist. Wer sich also vor den Menschen – hier besonders den Juden – zum Herrn Jesus bekennt, wird von ihnen gehasst und verfolgt werden. Das macht deutlich: Es gehört Furchtlosigkeit und Mut dazu, sich zu Ihm zu bekennen.

Diese Furchtlosigkeit hatte der Herr den Jüngern zugesprochen. Er hat ihnen deutlich gemacht, dass selbst der Vater im Himmel für sie sorgt. Wenn das so ist, dann mussten sie Mut haben, um Ihn vor den Menschen zu bekennen. Was für einen Lohn gibt das: Für das, was die Jünger hier auf der Erde tun würden, gäbe es eine gewaltige Reaktion im Himmel. Der Herr würde einen solchen Namen vor dem Vater bekennen.

Aber der Herr spricht auch in Klarheit von dem umgekehrten Fall. Wer nicht bereit sein wird, sich zu Ihm zu bekennen, den wird auch Er nicht vor dem Vater bekennen. Das sind Ungläubige, solche, die kein Leben aus Gott besitzen! Solche Menschen mögen eine Zeitlang äußerlich zu den Bekennern gehören. Wenn es aber auf ein persönliches Zeugnis ankommt, verleugnen sie und offenbaren ihren wahren Charakter. Christus wird eine solche Person verleugnen, das heißt deutlich machen, dass Er keine Beziehung zu ihr hat. Zu wem Christus keine persönliche Beziehung hat, der geht ewig verloren. So wichtig ist das Handeln der Menschen hier auf der Erde für ihre ewige Bestimmung.

Dem Herrn geht es in diesen Versen nicht um Einzeltaten. Das grundsätzlich Bekenntnis zu Ihm auf der Erde würde zeigen, dass eine solche Person Leben aus Gott besitzt. Zu einer solchen Person bekennt sich der Herr.

Doch wird das Bekenntnis der Jünger an dieser Stelle direkt auf eine konkrete Treue der Jünger auf der Erde bezogen. So wertvoll ist dem Herrn dieses Bekenntnis. Bedenken wir: Christus wurde abgelehnt und man bekannte sich nicht zu Ihm, als Er als Mensch auf diese Erde kam und inmitten seines Volkes lebte. Wenn es zukünftig in ähnlichen Umständen solche geben wird, die sich freimütig zu Ihm bekennen, dann wird Er sich im Himmel vor seinem Vater zu ihnen bekennen. Ihr Lohn wird nicht verloren gehen.

Die Folgen des Bekenntnisses zu Jesus

Die Jünger sollten sich aber bewusst sein, dass ein solches Bekenntnis Folgen auch auf der Erde haben würde. Sie stellen mit ihrer Predigt nicht nur das Volk, sondern auch ihre eigenen Hausgenossen auf eine Probe. Das sagen die Verse 35 und 36 aus, die uns auf den ersten Blick überraschen. Wir alle kennen die Worte aus Matthäus 20,28: „Der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ Er wollte doch Frieden und Glück bringen! Wie passt es da hinein, dass Er gerade nicht gekommen ist, Frieden zu bringen, sondern Schwert und Entzweiung?

Oder man denke an andere Stellen wie: „In der herzlichen Barmherzigkeit unseres Gottes hat uns der Aufgang aus der Höhe besucht, um denen zu leuchten, die in Finsternis und Todesschatten sitzen, um unsere Füße auf den Weg des Friedens zu richten“ (Lk 1,78.79). „Herrlichkeit Gott in der Höhe und Friede auf der Erde, an den Menschen ein Wohlgefallen!“ (Lk 2,14). „Das Wort, das er den Söhnen Israels gesandt hat, Frieden verkündigend durch Jesus Christus“ (Apg 10,36). „Und er kam und verkündigte Frieden, euch den Fernen, und Frieden den Nahen“ (Eph 2,17). „Indem er Frieden gemacht hat durch das Blut seines Kreuzes“ (Kol 1,20). „Wenn jemand meine Worte hört und nicht bewahrt, so richte ich ihn nicht, denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu erretten“ (Joh 12,47).

Wie kann man diese Gegensätze zusammenbringen? Die Antwort zeigt, dass es nur scheinbare Widersprüche sind. Tatsächlich ist der Herr Jesus auf diese Erde gekommen, um Frieden zu bringen. Er wollte seinem Volk äußeren Frieden bringen. Noch mehr war es sein Ziel, dem Menschen inneren Frieden mit Gott zu schenken. Was ist passiert? Das Volk Israel hat den Herrn Jesus abgelehnt und ans Kreuz gebracht. Aber auch die Menschen dieser Welt im Allgemeinen haben Christus abgelehnt: „Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn und die Welt kannte ihn nicht. Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ (Joh 1,10.11). Diese Ablehnung brachte das Gericht, von dem Christus hier spricht.

Hat der Herr das Ziel seines Kommens, Frieden zu bringen, aufgegeben? Nein! Durch das Kreuz, das den Gipfelpunkt seiner Ablehnung durch den Menschen darstellte, hat Er jedem, der als Sünder zu Gott kommt und Jesus Christus als Retter annimmt, inneren Frieden gebracht, sei er Jude oder Heide.

Was die äußere Seite jedoch betrifft, so hat Er seinem irdischen Volk Israel keinen Frieden bringen können. Sie haben Ihn aus ihrem Land, aus ihrem Erbteil, hinausgeworfen. So muss dieser Friede noch warten, bis der Sohn des Menschen wiederkommen wird, um sein Königreich auf dieser Erde aufzurichten.

Bis zu dieser Zeit wird die Entscheidung, sich auf die Seite des Messias zu stellen, gerade das Gegenteil von Frieden auslösen. Solange ein Mensch noch mit Schuld beladen ist, wird ihm der Herr ohnehin keinen Frieden schenken. Das ist die Aussage dieser beiden Verse. Wir haben schon vorher gesehen, dass die Welt die Jünger hasst. In diesen Versen sehen wir, dass ihn sogar seine engste Umgebung hassen wird, wenn er sich persönlich auf die Seite des Messias stellt. Und zwar genau dann, wenn sein Bruder, sein Vater, seine Hausgenossen diese Entscheidung nicht ebenfalls treffen. Es mag sogar das Schwert sein, dass den Jünger umbringt!

Niemand sollte denken, dass durch das Kommen Jesu alles schön und herrlich geworden ist. Ja, dies wird das endgültige Ergebnis sein: „Denn so spricht der Herr: Siehe, ich wende ihr Frieden zu wie einen Strom, und die Herrlichkeit der Nationen wie einen überflutenden Bach, und ihr werdet saugen; auf den Armen werdet ihr getragen und auf den Knien liebkost werden“ (Jes 66,12). Aber bis zu diesem Zeitpunkt hat das Kommen des Herrn zunächst den Effekt, dass es Entscheidungen fordert. Wenn jemand sich für Christus entscheidet, wird er vonseiten seiner ungläubigen Umgebung gehasst werden und Schwert und Unfrieden ernten. Umgekehrt, wer sich gegen den Herrn Jesus entscheidet, wird ebenso erleben müssen, dass Schwert und Unfrieden in seiner Umgebung herrschen werden.

So hat das Kommen Jesu zu persönlichen Entscheidungen geführt. Er wünschte nicht das Schwert und Unfrieden. Aber das natürliche Ergebnis der Kenntnis des Christus ist das Schwert. An Ihm kann niemand gleichgültig vorbeigehen. Wer das scheinbar tut, hat in Wirklichkeit eine Entscheidung gegen Jesus Christus gefällt. Gerade die heutige Zeit beweist das. Toleranz wird groß geschrieben. Von allen wird Toleranz verlangt. Aber wehe, jemand stellt sich entschieden auf die Seite Jesu. Dann wird er – wenn auch in Deutschland oftmals nur psychisch – die konkrete Ablehnung seiner Mitmenschen erfahren, und zwar oft sogar von Christen. In dieser Hinsicht hat das Kommen Jesu keinen Frieden, sondern Entzweiung und Schwert gebracht.

Und im heutigen Deutschland?

Die Frage – auch wenn sie kein Thema in diesen Versen ist – stellt sich für uns Christen (in dem friedlichen Deutschland): Sind wir bereit, uns in unserem toleranten Land auf die Seite des Herrn zu stellen, auch wenn das mitleidiges Lächeln und Spott, manchmal auch Hass, hervorruft? Sind wir bereit, selbst wenn unsere Familien nicht mitziehen, nahe Verwandte das Schwert „ziehen“, zu diesem Bekenntnis zu stehen?

Verse 37–39: Die Prioritäten im Leben eines Jüngers

„Wer Vater oder Mutter mehr lieb hat als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr lieb hat als mich, ist meiner nicht würdig; und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Wer sein Leben findet, wird es verlieren, und wer sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden“ (Verse 37–39).

Die Entscheidung, sich zu dem Messias Gottes zu bekennen, hat Folgen für das Miteinander von Menschen. Das haben wir in den letzten Versen gesehen. Es gibt Entzweiung und Hass. Das wird nur jemand auf sich nehmen, der die richtigen Prioritäten in seinem Leben um seines Herrn willen setzt. Darum geht es jetzt in den Folgeversen.

Gott hat uns Familien gegeben – das lesen wir schon auf den ersten Blättern der Bibel. Kann es dann richtig sein, diese zu vernachlässigen? Die Antwort ist ein klares: Nein! Man kann sich nie auf den Herrn berufen, wenn man seine Familie alleine sitzen lässt. Wer beispielsweise geheiratet hat, darf mit geistlichen Argumenten nie zu begründen versuchen, es gäbe Wichtigeres zu tun, als sich um die Familie zu kümmern.

Was sagt uns dann dieser Vers? Er zeigt, dass der Herr an der ersten Stelle im Leben eines Jüngers kommen muss. Ein Bekenntnis zu Christus ist nur dann wirklich wahr, wenn Christus auch die erste Stelle im Leben dieses Menschen einnimmt. Wer also seine Eltern oder seine Kinder mehr lieb hat als den Herrn, ist seiner nicht würdig.

Wir erinnern uns noch einmal an die Worte aus dem ersten Teil der Predigt. Die Apostel sollten danach forschen, ob die Häuser und Dörfer würdig seien. Es geht nicht um eine momentane Würdigkeit, sondern darum, die Worte des Messias und seine Person anzunehmen. Wenn also jemand des Messias' nicht würdig ist, dann hat er Ihn überhaupt nicht lieb, hat gar keine Beziehung zu Ihm. Das mag hart klingen. Aber der Herr lässt die Jünger nicht im Unklaren über die Wahrheit Gottes. Genauso ist es – schwarz-weiß! Wer also, zum Beispiel, um seine familiäre Ruhe bewahren zu können, den Herrn und seinen Auftrag nicht an die erste Stelle in seinem Leben stellt, ist des Herrn nicht würdig.

Wir verstehen, dass es zu einem solchen Hass letztlich nur bei ungläubigen Familienangehörigen kommen kann. Aber wer von uns kennt nicht solche Fälle, wo zumindest in der erweiterten Verwandtschaft Ungläubige existieren? Manchmal können sie gehörigen Druck ausüben! Dann soll der Jünger seinem Herrn trotz allen Widerstands treu bleiben.

Sein Kreuz aufnehmen

Der Herr führt diesen Gedanken weiter und spricht davon, dass ein Jünger seiner nicht würdig ist, wenn er nicht bereit ist, sein Kreuz aufzunehmen, um Ihm nachzufolgen. Diese Aussage scheint, wenn auch nur in indirekter Weise, der erste konkrete Hinweis des Herrn auf sein Ende auf dieser Erde zu sein. Christus hatte ein Kreuz zu tragen. Wenn von dem Kreuz die Rede ist, dann geht es nicht um Krankheiten, die jemand zu erleiden hätte, oder um schwierige Umstände, in die Menschen kommen. Dann könnte ja jeder Mensch, ob gläubig oder nicht, sein Kreuz tragen.

Nein, das Kreuz ist ein Hinweis auf den Tod. Damals war es üblich, dass die Verurteilten das Kreuz, ein Holz, trugen und kurze Zeit später exakt an jenem Kreuz hingerichtet wurden. Es war also das zur Schau stellen der zum Tode Verurteilten, die vor der Volksmenge ihren letzten Weg bis zu ihrem Kreuzestod zurücklegen mussten, verspottet, hämischen Blicken ausgesetzt. Jemand, der sein Kreuz trägt, trägt die klaren Zeichen eines zum Tod Verurteilten. Dieses Bild verwendet der Herr, um den Jüngern klar zu machen: Nur wer bereit ist, in seinem Leben auch mit der letzten Konsequenz zu rechnen, ist des Herrn würdig.

Christus musste Spott und Schmach erleiden. Das soll auch der Jünger ertragen können. Christus wurde abgelehnt. Dazu soll auch der Jünger bereit sein. Den Herrn haben sie sogar getötet. Falls nötig, muss auch der Jünger zu dieser Konsequenz bereit sein.

Es geht in diesen Versen um die Sendboten, die in künftigen Tagen von Israel ausgehend in die ganze Welt gehen, um zur Buße aufzurufen und das Kommen des Sohnes des Menschen und seines Königreiches anzukündigen. Diese Apostel müssen wirklich damit rechnen, dass ihre Botschaft zum Anlass genommen wird, sie umzubringen. Wie viel leichter haben wir es da im Vergleich zu ihnen! Wer dann sein Leben retten will – und das kann er nur auf Kosten eines treuen Bekenntnisses tun – wird sein Leben letztlich sogar verlieren. Denn er wird nicht in das 1000-jährige Friedensreich eingehen können. Er hat seine Beziehung zu dem Messias verleugnet. Wer aber bereit ist, sogar für sein Bekenntnis und damit um des Namens Jesu willen zu sterben – also sein Leben zu verlieren -der wird sein Leben wiederfinden und vom Himmel aus an dem Friedensreich teilhaben.

Zu einem solchen Bekenntnis und Einsatz ist Mut nötig. Wer sein Leben dagegen liebt, ist „feige“. So können wir das Urteil Gottes in Offenbarung 21,8 verstehen: „Den Feigen aber und Ungläubigen und mit Gräueln Befleckten und Mördern und Hurern und Zauberern und Götzendienern und allen Lügnern – ihr Teil ist in dem See, der mit Feuer und Schwefel brennt, welches der zweite Tod ist.“ Wir sehen, was für eine Bedeutung für die Jünger in der Zukunft die Frage ihres Bekenntnisses und ihrer Lebensprioritäten haben wird.

Vere 40–42: Die Aufnahme der Gesandten des Messias

„Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, wird eines Propheten Lohn empfangen; und wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, wird eines Gerechten Lohn empfangen. Und wer irgend einem dieser Kleinen nur einen Becher kaltes Wasser zu trinken gibt in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren“ (Verse 40–42).

Der Messias beschließt seine Rede, oder wie es in Kapitel 11,1 heißt, seine Befehle, mit einem Blick auf die Gegenseite. Bislang hatte Er von den Jüngern, von den Aposteln und ihrem Dienst gesprochen. Jetzt wendet Er sich denjenigen zu, welche die Botschaft der Jünger hören und aufnehmen sollten.

Die Aufgabe der Empfänger der Botschaft der Jünger ist ähnlich schwer wie die der Jünger selbst. Denn sie leben in einem Umfeld, das den Messias und Gott und sein Wort vollkommen ablehnt. Wer sich unter solchen Umständen auf die Botschaft einlässt, die der Herr Jesus verkündigen lässt, wird reichen Lohn erhalten.

Der 40. Vers ist wie eine Überschrift über die letzten drei Verse und zeigt eine wunderbare Kette von Gedanken. Wer den Boten des Herrn aufnimmt, nimmt nicht einfach einen Menschen auf. Er nimmt den auf, der die Boten ausgesandt hat. Das ist der Herr Jesus selbst, der wahre Messias. Aber damit hört der Herr nicht auf. Er adelt die Aufnahme des Boten noch mehr. Denn wer Ihn aufnimmt, hat damit den aufgenommen, der Christus gesandt hat: Das ist sein himmlischer Vater. Ist das mehr als Christus aufnehmen? Ja und nein.

Nein, denn der Herr ist ewiger Gott. In diesem Sinn ist die Aufnahme des Vaters natürlich nicht mehr als die Aufnahme der gesegneten Person unseres Herrn. Und tatsächlich nähert sich Matthäus an dieser Stelle Johannes ein bisschen an, der von dem ewigen Sohn des ewigen Vaters spricht. Gleichzeitig aber ist das Aufnehmen des Vaters mehr als das „bloße“ Aufnehmen des Messias: Denn der Herr steht hier besonders als Mensch, als der Messias Gottes auf der Erde, vor seinen Jüngern. Dieser Messias ist von seinem Gott und Vater gesandt worden. In diesem Sinn sagt der Herr: Wer meine (menschlichen) Boten aufnimmt, nimmt mich, den verherrlichten (aber hier auf der Erde verworfenen) Sohn des Menschen auf. Damit hat er aber noch mehr getan: Er hat den ewigen, himmlischen Vater aufgenommen. Gibt es in dieser Hinsicht einen größeren Segen, als den Vater selbst aufzunehmen? Den Gedanken und Segen der Aufnahme der Sendboten führt der Herr nun an zwei Beispielen aus. Wer die Boten als Propheten aufnimmt, wird in den Augen des Herrn selbst als ein Prophet angesehen. Die Propheten standen bei den Menschen nicht nur, was ihre Stellung betrifft, in hohem Ansehen. Propheten waren dadurch gekennzeichnet, dass sie vor dem Herrn standen (vgl. 1. Kön 17,1). Gott hatte eine ganz besondere Beziehung zu diesen Männern und Frauen. Diese Beziehung würde Er auch mit denen haben, welche die Propheten in seinem Namen aufnehmen.

Dasselbe gilt für die Aufnahme der Gerechten. Wenn die Empfänger der Botschaft nicht nur erkannten, dass der Herr seinen Propheten mit einer Botschaft an das Gewissen der Zuhörer gesandt hatte, sondern dass es eine gerechte Botschaft mit einem Aufruf zur Buße war – dadurch nehmen sie den Boten als einen Gerechten auf – werden sie selbst von dem Vater im Himmel als Gerechte anerkannt.

Man fragt sich, warum der Lohn so groß ist. Denn die Empfänger der Botschaft des Herrn waren ja keine Propheten und Gerechten. Aber der Vater erkennt an, dass es in einem bösen Umfeld, das Gott und seinen Messias ablehnt, äußerst schwierig ist, Boten als Propheten und Gerechte (an)zuerkennen. Aus diesem Grund spricht Er über solche, die zur Aufnahme der Botschaft und damit zur Buße bereit sind, ein so großartiges Urteil aus.

Dabei kommt es natürlich darauf an, wie man diese Boten aufnimmt. Simon, der Pharisäer, nahm Jesus wohl in sein Haus auf. Aber er erkannte in Ihm keinen Propheten und hatte nur Verachtung für Ihn übrig (vgl. Lk 7,36.39). So hatte er seinen Lohn verloren.

Kritik an den Propheten und Dienern

Diese Verse sollten uns Christen zu einer Warnung dienen. Sie beziehen sich zwar nicht auf uns. Dennoch enthalten sie eine wichtige Belehrung. Wie gehen wir mit den Dienern um, die der Herr uns schickt? Wie leicht geraten wir in eine Kritik-Haltung, in der wir ihre Worte, ihr Leben und ihre Gesinnung kritisieren. Dadurch dringt ihre Botschaft nicht zu uns vor. Letztlich kritisieren wir damit den, der sie gesandt hat: Das ist der Herr Jesus selbst!

Wie viel leichter würden wir es ihnen und uns machen, wenn wir mehr bereit wären, die Botschaft der Knechte des Herrn anzuhören und anzunehmen, um sie in unserem Leben zu verwirklichen. Denn der Herr hat ein Ziel mit uns, wenn Er uns seine Knechte schickt.

Auf der anderen Seite sollten wir den Knechten des Herrn auch nicht schmeicheln! Auch eine solche Reaktion ist unwürdig und bringt nur Schaden mit sich. Wir dürfen dem Herrn für seine Diener danken und uns als „würdig“ erweisen. Das ist für uns und auch für die Diener das beste und zugleich zur Ehre unseres Herrn.

Das Handeln des Vaters gegenüber seinen Jüngern

Abgeschlossen wird diese Rede des Herrn durch ein drittes Beispiel, das aber auch für sich allein steht. „Und wer irgend einem dieser Kleinen nur einen Becher kaltes Wasser zu trinken gibt in eines Jüngers Namen, wahrlich, ich sage euch: Er wird seinen Lohn nicht verlieren.“ Die „Kleinen“, Geringen, sind die gläubigen Boten Judas (vgl. Mt 24,14.; 25,40), die das Evangelium des Königreiches verkündigen. Sie mögen noch so klein oder gering in den Augen der Menschen aussehen, in den Augen des Herrn sind sie weitaus mehr als das. Aber da sie hier aus der Sicht der Menschen genannt werden, heißen sie „Kleine“, „Geringe“.

Durch diesen Vers macht der Herr einige wichtige Grundsätze seines Handelns deutlich:

  1. Die äußere Tat zeigt das an, was in dem Inneren wahr ist. Wir haben in der Bergpredigt gesehen, dass der Mensch in der Lage ist zu heucheln. Aber davon geht der Herr nicht aus. Grundsätzlich ist das, was jemand äußerlich tut, ein Spiegelbild dessen, was in seinem Inneren vor sich geht. Wenn also hier jemand eine äußerliche Hilfe leistet, dann deshalb, weil er sich innerlich auf die Seite dessen stellt, der die Boten sendet – des Herrn. Der Herr kann vollkommen beurteilen, ob etwas in aufrichtiger Liebe getan wird. Wir müssen, wenn nicht das Gegenteil offenbar geworden ist, prinzipiell davon ausgehen, dass etwas ehrlich und aufrichtig getan wird.
  2. Nicht die Tat an sich wird belohnt, sondern die Gesinnung, die dahinter steht. Deshalb spricht der Herr davon, dass es Lohn gibt, wenn jemand „in eines Jüngers Namen“ etwas tut, das heißt, wenn er es tut um des Jüngers willen. Man kann aus Eigeninteresse heraus so etwas tun, aus sozialer Überzeugung, aus eitler Überlegung, auch wenn es am Ende der Tage in der Zeit von Drangsalen kaum denkbar ist, dass man dann so etwas tut. Aber dem Herrn ist das Motiv so wichtig, dass Er auch davon an dieser Stelle noch einmal spricht.
  3. Durch eine einzige Tat zeigt man, ob man Leben aus Gott besitzt oder nicht. Wenn einem einzigen dieser Boten Wasser gegeben würde, wäre das Grund genug für den Herrn, einen solchen Menschen zu belohnen.
  4. Auch nur der Hauch einer guten Tat zeigt, dass Gott etwas in dem Leben bewirkt hat. Hier ist es nur ein Becher kaltes Wasser. Aber allein diese scheinbar nichtige Regung ist in den Augen Gottes so wertvoll, dass Er sie reichlich belohnt.
  5. Es kommt auch auf das Äußere an. Wir haben in der Bergpredigt gesehen (Kapitel 6), dass es in erster Linie auf das Innere ankommt. Das heißt aber nicht, dass das Äußere belanglos ist. Das Äußere zeigt nicht nur, was in dem Inneren wahr ist. Es ist dem Vater so wichtig, dass Er hier nicht auf das Innere eingeht, sondern die äußere Tat belohnt. Natürlich weiß Er, ob das Innere hinter dem Äußeren steht. Aber das findet hier keine weitere Erwähnung.
  6. Der Vater belohnt das, was für Ihn getan wird. Es ist etwas Großartiges, dass Gott belohnt. Eigentlich tut der Mensch nur das, was er zu tun schuldig ist: Gott gehorchen, seine Boten aufnehmen. Wer dürfte für eine Selbstverständlichkeit Lohn verlangen? Der Vater ist aber so freigiebig, dass Er selbst eine solche Pflicht auf unserer Seite von sich aus belohnt. Er ist ein guter Gott!

So schließt das Kapitel, das mit dem Aufruf an die Jünger begonnen hat, mit dem Lohn für Jünger und solche, welche die Jünger aufnehmen. Es ist das Ziel des Vaters, seine Kinder zu belohnen. Das war damals so und ist auch heute nicht anders. Wo immer Er etwas Belohnenswertes findet, schenkt Er Lohn. Belohnenswert ist es, Christus und die Seinen aufzunehmen. Die Person Jesu hat für Gott einen solchen Wert, dass alles, was in einer Welt, die Christus verworfen hat, für Ihn getan wird, für Gott eine unermessliche Bedeutung hat und eine entsprechende Belohnung finden wird.

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