Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 9

Werke der Gnade – die Ablehnung des Königs durch die Elite Israels (Mt 9)

Im achten Kapitel standen die Zeichen des Königs im Mittelpunkt, wodurch besonders seine Herrlichkeit hervorstrahlte. Im neunten Kapitel geht es jetzt nicht allein um seine Herrlichkeit – die sich auch hier in zweifacher Hinsicht zeigen wird –, sondern vor allem um sein Werk der Gnade. Deshalb wird hier (nach der Bergpredigt) zum ersten Mal von Sündenvergebung (V. 1–8), von der Annahme der Zöllner und Sünder (V.9–13) und vom Predigen des Evangeliums (V.15) usw. gesprochen. Trotz der Ablehnung durch das Volk und besonders durch die Elite der Juden wirkt der Herr in Gnade. Christus lässt sich in diesem Dienst nicht aufhalten. Gnade strahlt in einzigartiger Weise aus jedem einzelnen seiner Werke hervor. Und das umso mehr, als die Macht Satans und der Sünde in diesem Kapitel in siebenfacher Weise betont wird – wenn wir den letzten Abschnitt aus Kapitel 8 noch hinzunehmen, sogar in achtfacher Weise.

In Kapitel 8 ging es mehr um die Frage, wie das Volk als Ganzes das Wirken seines Königs aufnimmt. In Kapitel 9 sehen wir, wie die Vorsteher des Volkes, die Pharisäer und Schriftgelehrten, dem Christus Gottes begegnen. Um es vorwegzunehmen: Sie lehnen Ihn ab und bringen seinen Dienst sogar zum ersten Mal direkt mit Satan in Verbindung. Noch übergeht Christus diese Blasphemie und lässt sich nicht aufhalten, weiterhin Gnade zu üben. Aber der Zeitpunkt naht, an dem das Volk den eigenen König so sehr ablehnt, dass sich auch Christus seinerseits von seinem Volk abwenden muss.

Wie beim Kommentar zu Kapitel 8 wollen wir auch in Kapitel 9 zunächst auf die einzelnen Begebenheiten eingehen, bevor wir dann einige Themen behandeln, die sich wieder wie eine Linie durch das Kapitel ziehen.

Christus wirkt, ohne vor den Menschen groß sein zu wollen

Heute wie damals gibt es viele Menschen, für deren Charakter wir in der Apostelgeschichte ein passendes Beispiel finden: „Ein gewisser Mann aber, mit Namen Simon, der ... von sich selbst sagte, dass er jemand Großes sei“ (Apg 8,9). Christus gehörte nicht zu diesen Menschen. Er wollte nicht groß sein, sondern einfach das tun, was Ihm sein himmlischer Vater auftrug. Er selbst wurde abgelehnt, nahm diese Ablehnung aber als von Gott zugelassen an und beugte sich darunter. Wie es Matthäus beschreibt, beendet Er daher im Wesentlichen sein öffentliches Wirken, als die Ablehnung durch die Führer des Volkes deutlich wird (vgl. Mt 9,34). Jedoch wirkt Er weiter in Gnade (vgl. Mt 9,35 ff.). Der Rest des Kapitels ist bereits eine Einführung zu Kapitel 10, wo wir die Aussendung der Jünger vor uns haben. Weil Er abgelehnt wurde, sendet Er als Ausdruck seiner Gnade die Jünger aus, damit durch sie das Werk Gottes weiter geschehen könne.

Aber bis zu diesem Zeitpunkt wirkt Er, um sein Volk zu erreichen. Solange bleibt Er „Jesus, der von Nazareth, wie Gott ihn mit Heiligem Geist und mit Kraft gesalbt hat, der umherging, wohl tuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38). Genauso erleben wir Ihn in diesem Kapitel, dem wir auch die Überschrift geben können: „Der da vergibt alle deine Ungerechtigkeit, der da heilt alle deine Krankheiten“ (Ps 103,3). Wir erkennen hier die tätige Gnade Gottes in der Person Christi. Er tritt als Erlöser und Befreier auf – nicht im Hinblick auf die politischen Mächte, sondern im Hinblick auf die Macht Satans und des Bösen sowie in Bezug auf Krankheiten und Besessenheit.

Vers 1: Die eigene Stadt Kapernaum

„Und er stieg in ein Schiff, setzte über und kam in seine eigene Stadt“ (Vers 1).

Wie es scheint, ist der Herr Jesus „nur“ für die beiden Gergesener mit dem Schiff über den See Genezareth gefahren. Jetzt kommt Er wieder zurück, um in seiner eigenen Stadt zu wirken. Aus Kapitel 4,13 wissen wir, dass es sich hierbei um Kapernaum handelte. Was für ein Segen für diese Stadt, dass Emmanuel dort über einen langen Zeitraum tätig war!

Der Herr Jesus hatte diese Gegend und die von den Pharisäern verachtete Stadt ausgewählt, weil Er gerade für die Verachteten ein Licht sein wollte. Mit ihnen identifizierte Er sich. Das muss den Pharisäern und Schriftgelehrten, die so viel auf sich und auf die Hauptstadt Jerusalem hielten, ein Dorn im Auge gewesen sein. Denn es bedeutete Segen für diese missachtete Gegend.

Doch Segen ist immer auch mit Verantwortung verbunden. Nur zwei Kapitel später müssen wir lesen: „Und du, Kapernaum, die du bis zum Himmel erhöht worden bist, bis zum Hades wirst du hinabgestoßen werden; denn wenn in Sodom die Wunderwerke geschehen wären, die in dir geschehen sind, es wäre geblieben bis auf den heutigen Tag. Doch ich sage euch: Dem Land von Sodom wird es erträglicher ergehen am Tag des Gerichts als dir“ (Mt 11,23.24).

Nicht anders wird es den christlichen Ländern gehen. Gerade in Deutschland, wo Gott durch einen Reformator Martin Luther so viel wirkte, ist die Bibelkritik aufgekommen. So wird das Gericht Gottes über die abgefallene Christenheit auch in Deutschland einmal sehr schlimm sein!

Verse 2–8: Der Glaube der Freunde des Gelähmten

„Und siehe, sie brachten einen Gelähmten zu ihm, der auf einem Bett lag; und als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sei gutes Mutes, Kind, deine Sünden werden vergeben. Und siehe, einige von den Schriftgelehrten sprachen bei sich selbst: Dieser lästert. Und als Jesus ihre Gedanken sah, sprach er: Warum denkt ihr Böses in euren Herzen? Denn was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden werden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Gewalt hat, auf der Erde Sünden zu vergeben -. Dann sagt er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett auf und geh in dein Haus. Und er stand auf und ging in sein Haus. Als aber die Volksmengen es sahen, fürchteten sie sich und verherrlichten Gott, der den Menschen solche Gewalt gegeben hat“ (Verse 2–8).

Die Heilung des Gelähmten fand zeitlich weit vor der in Matthäus 8 berichteten Begebenheit mit den Besessenen statt (vgl. Mk 2,1 ff; Mk 5,1 ff.). Das zeigt uns noch einmal deutlich, dass es auch in diesem Kapitel nicht um eine chronologische Berichterstattung geht, sondern dass eine andere, von Gott inspirierte Reihenfolge vorliegt, durch die Er uns ganz bestimmte Belehrungen über seine Gedanken geben will.

Wie in Kapitel 8 stellen wir auch in diesem Kapitel fest, dass Matthäus oft deutlich weniger ausführlich ist als Markus. Matthäus geht es nicht so sehr darum, im Einzelnen den Zustand der betroffenen Personen zu beschreiben. Das ist mehr die Aufgabe von Markus, der dadurch den Umfang und damit die Einzelheiten des Dienstes des Herrn vorstellt. Matthäus hebt nur das hervor, was besonders charakteristisch für den jeweiligen Kranken ist und symbolisiert damit den Zustand des Volkes Gottes, wie wir bereits gesehen haben.

Hier geht es auch nicht darum, die Aktivitäten der vier Freunde des Gelähmten im Detail zu beschreiben, deren Zahl von Matthäus nicht einmal genannt wird. Dienstbelehrungen für Jünger finden wir mehr im Markusevangelium. Und doch lernen wir hier, dass die, die das neue Leben schon besitzen, denen helfen sollen, die es noch nicht haben. Jeder von uns kann etwas dazu beitragen, dass Sünder mit dieser heilenden Macht Jesu in Berührung kommen.

Denn das ist hier die gewaltige Botschaft: Jesus Christus vergibt Sünden! Und traurigerweise führt genau diese Tatsache zur ersten, offenen Ablehnung des Messias durch die hier anwesenden Schriftgelehrten, die zur Führungselite des Volkes gehörten. Bisher hatte Matthäus besonders die Autorität Jesu über den Teufel und seine Dämonen sowie über die Schöpfung und Krankheiten ganz grundsätzlich unterstrichen. Jetzt betont er, dass der Herr auch Autorität über Krankheiten als Folge der Sünde besitzt. Denn bevor der Heiland die Krankheit behandelt, geht Er erst auf deren tiefere Ursache ein: die Sünden! Offenbar nimmt Er aber nicht auf eine konkrete Sünde des Gelähmten Bezug, denn Er spricht allgemein von „deine Sünden“. Vielmehr zeigt Er, dass die Unfähigkeit und Kraftlosigkeit im Leben eines Menschen dessen Sünden als Ursache haben.

Im neunten Kapitel werden uns im Übrigen auch nicht so sehr die Unreinigkeit und der Charakter der Sünde vorgestellt, wie wir das in Kapitel 8 in bildhafter Weise gesehen haben. Hier geht es direkt und schwerpunktmäßig um die Vergebung von Sünden, weil der Mensch Schuld auf sich geladen hat. Diese Vergebung ist Voraussetzung dafür, dass sich echte Kraft im Leben eines Menschen entfalten kann. Der Geist Gottes hat sich die Frage der Vergebung bis zu diesem Kapitel aufbewahrt. Vergebung ist das alleinige Recht Gottes und hängt mit seinem Charakter als Richter zusammen, während die Reinigung vom Aussatz mehr mit seiner Heiligkeit verbunden ist.

Vergebung von Sünden – ein himmlischer Segen

Vielleicht sind wir geneigt, die Vergebung von Sünden allein als eine Botschaft für Sünder bzw. für junge Gläubige anzusehen. Dabei verkennen wir die gewaltige Wirkung dieser Sündenvergebung. Wir würden vielleicht vermuten, dass Vergebung eher ein Thema des Römerbriefs ist. Dort aber wird von Vergebung nur an einer Stelle gesprochen, und dabei sogar nur in Form eines Zitates aus dem Alten Testament.

Zwei zentrale Stellen zur Vergebung finden wir dagegen im Epheserbrief, in dem wir den Christen in den höchsten geistlichen Höhen finden, von denen das Neue Testament spricht: „In dem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (1,7). „Seid aber zueinander gütig, mitleidig, einander vergebend, wie auch Gott in Christus euch vergeben hat“ (4,32). Gerade, wenn es um unsere gewaltige Stellung in Christus Jesus geht, spricht der Geist Gottes von Vergebung. Das darf uns dankbarer machen für diese himmlische Segnung. Und es lässt uns dieses Ergebnis des Werkes Christi höher schätzen.

Jesus, wahrer Gott

Menschlich gesprochen können wir die Reaktion der Schriftgelehrten verstehen: „Dieser lästert.“ Denn nur Gott kann und darf Sünden vergeben. Aber hatten diese Menschen nicht längst erlebt, dass hier jemand wirkte, der wirklich Gott war? Wie hätte ein Mensch so viele Wunder in eigener Kraft vollbringen können?

Also: Nicht der Herr Jesus lästerte, sondern die Schriftgelehrten, weil sie wider besseres Wissen seine Göttlichkeit leugneten. Sie waren völlig vom Unglauben durchdrungen, sonst hätten diese „auserlesenen“ Führer den Test des Glaubens bestanden. Stattdessen nehmen sie den Segen Gottes zum Anlass, den Herrn zu kritisieren.

An dieser Stelle des Matthäusevangeliums beginnt die Widerstandsbewegung gegen den Herrn in deutlicher Form. Mehr und mehr werden sich die Vornehmen des Volkes, die Elite, von nun an gegen ihren König stellen, bis sie Ihn ans Kreuz gebracht haben. Sie zeigen jetzt nicht mehr nur ihren Hochmut und ihr Selbstvertrauen, sondern sie richten und verurteilen ihren Messias! Gleichzeitig nehmen die Zeichen des Herrn wegen ihres Unglaubens mehr und mehr an Häufigkeit ab. Wir haben das schon gesehen: Von den 14 Zeichen in den Kapiteln 8 bis 12 finden wir nur noch zwei nach Kapitel 9, und zwar in Kapitel 12. Doch in seiner Gnade hört der Herr nicht vollständig auf zu wirken.

Nun beweist Er, dass Er wirklich Gott ist, und zwar auf zweierlei Weise. Die Schriftgelehrten hatten nur „bei sich selbst“ gesprochen, ohne dass sie ihren Einwand offen geäußert hätten. Er aber erkennt ihre Herzen – und nur Gott kann in die Herzen sehen. Kein Mensch kann das, auch wir Christen nicht und müssen uns daher hüten, das Herz und die Beweggründe anderer beurteilen zu wollen. Der Herr aber ist Gott. So erkennt Er, dass Böses in den Herzen der Führer vorhanden war.

Zweitens beweist Er seine Göttlichkeit dadurch, dass Er den Gelähmten heilt. Und seine Antwort auf die Lästerung der Schriftgelehrten beinhaltet außerdem, dass Er sich gerade hierdurch legitimiert, Sünden vergeben zu dürfen. Er leitet dies durch eine Frage ein: „Was ist leichter, zu sagen: Deine Sünden werden vergeben, oder zu sagen: Steh auf und geh umher?“ Natürlich mussten die Schriftgelehrten zugeben, dass es leicht ist, zu sagen „Deine Sünden werden vergeben“ – denn ob dies wirklich geschehen war, konnte niemand nachprüfen. Dagegen würde sich jemand lächerlich machen, der zu einem Gelähmten sagt: „Steh auf und geh umher“, wenn dieser sich daraufhin nicht rühren würde.

Oder anders ausgedrückt: Es ist leicht, etwas zu behaupten, was niemand nachprüfen kann, aber „schwer“, etwas (voraus) zu sagen, was dann alle sehen und überprüfen können. So etwas würde niemand ernsthaft wagen, es sei denn, er wäre sich seines Erfolges völlig sicher. Aber der Herr Jesus „wagt“ es, auch das Schwerere, das Nachprüfbare zu sagen. Weil auf sein Wort hin der Gelähmte tatsächlich aufsteht, ist bewiesen, dass Er Gott ist. Und weil Er Gott ist, hat Er folglich auch das Recht, Sünden zu vergeben.1 Jetzt sind die Schriftgelehrten zum Schweigen gebracht und das Volk verherrlicht Gott..

Zusätzlich fällt auf, dass der Herr Jesus sich hier nicht „Sohn Gottes“ nennt, ja nicht einmal Christus (so stellt Er sich fast nie vor, außer in Lk 24,26.46). Er nennt sich vielmehr „Sohn des Menschen“. Natürlich ist wahr, dass nur Gott Sünden vergeben kann. Aber derjenige, der hier als Mensch vor den Schriftgelehrten stand, war niemand anderes als Gott. Aber das sagt Er nicht von sich, sondern offenbart es durch seine Werke.

Sündenvergebung – für die Erde, im Hinblick auf den Himmel

An dieser Stelle mag es angebracht sein, auf die Bedeutung von Sündenvergebung im Allgemeinen einzugehen. Die Schrift kennt das Vergeben von Sünden für diese Erde und im Hinblick auf die Ewigkeit. Gerade im Leben des Herrn ist – wie hier – immer wieder der Gedanke vorherrschend, „auf der Erde Sünden zu vergeben“. Er hatte und hat die Macht, auch Sünden im Hinblick auf die Ewigkeit zu vergeben. Aber gerade angesichts der Tatsache, dass die Voraussetzung dafür das Kreuz von Golgatha ist, welches ja noch künftig war, finden wir diese Art der Sündenvergebung kaum in den Evangelien.

Oft geht die Sündenvergebung im Hinblick auf das ewige Heil und die Sündenvergebung für die Erde „Hand in Hand“. Aber die Vergebung für die Erde ist eine vorübergehende, administrative Sündenvergebung, die wir auch in der Taufe finden. Petrus sagt am Pfingsttag: „Tut Buße, und jeder von euch werde getauft auf den Namen Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden“ (Apg 2,38) – nämlich für die Erde. Die Taufe rettet nicht für den Himmel!

Was bedeutet dann die Sündenvergebung für die Erde? Durch sie kommt man in den Bereich, der von Gott hier auf der Erde gesegnet ist. „Lasst euch retten von diesem verkehrten Geschlecht!“, sagt Petrus den Juden (Apg 2,40). Durch die Taufe, die Sündenvergebung für die Erde, würde Gott den Täufling nicht in den Bereich des Gerichts und der Strafe bringen, sondern ihn segnen. Das erlebte der Gelähmte. Er bekam die Sünden vergeben und wurde geheilt.

Nun stellt sich die Frage, ob dieser Mensch auch ewig gerettet ist, oder ob er sich noch bekehren muss. Aus diesen Versen erhalten wir auf diese Frage keine Antwort. Wir müssen bedenken, dass es sich hier um eine Übergangszeit handelte, in der zwar der Sohn Gottes auf der Erde lebte, das Erlösungswerk allerdings noch nicht vollbracht worden war. Jedenfalls bedeutet die Tatsache allein, dass der Herr ihm die Sünden „nur“ für die Erde vergab, keineswegs, dass dieser Mensch nicht auch für die Ewigkeit errettet worden war. Denn für alle alttestamentlich Gläubigen gilt, was Paulus schreibt: „zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes“ (Röm 3,25). Es ist keine Rede davon, dass Gott im Blick auf die Ewigkeit Sünden im Alten Testament vergeben hätte. Dennoch sind diese „vor dem Kreuz“ lebenden Gläubigen im Himmel, auch wenn sie im engeren Sinn noch keine Vergebung im Blick auf die Ewigkeit erfahren konnten. Dazu war es nötig, dass der Herr Jesus das Werk am Kreuz vollbrachte.

So auch bei dem Mann in unserem Abschnitt. Der Herr vergab ihm und er wurde geheilt. Das alles war Folge des Glaubens der Männer, die den Gelähmten zu Jesus brachten. Zweifellos konnten sie das nur tun, weil auch der Gelähmte selbst Glauben hatte. Sonst hätte er diese Aktion sicher nicht zugelassen. Aber der Glaube der anderen wird besonders betont. Nur auf der Grundlage von Glauben kann es Vergebung geben. „Jeder, der an ihn glaubt, empfängt Vergebung der Sünden durch seinen Namen“ (Apg 10,43).

Die Veränderung im Leben eines Menschen

Wir sehen die Veränderung im Leben des ehemals Gelähmten. Er nimmt sein Bett, an das er bislang gefesselt war, auf und kann gehen. Er geht in sein Haus. So ist es bei jemand, der gläubig geworden ist. Seine alten Gewohnheiten – sein Bett – kann er aufnehmen. Sie beherrschen ihn nicht mehr. In Worten der neutestamentlichen Lehre können wir das damit verbinden, dass „wir der Sünde gestorben sind“ und mit Christus begraben worden sind, indem wir mit Christus einsgemacht worden sind in der Gleichheit seines Todes, so dass „unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen“ (Röm 6,2.4–6). Der Erlöste ist befreit von alten Bindungen, er hat keine Beziehung mehr zur Sünde. So hat auch dieser Mann nun – dem Bild nach – Gewalt über die alten Bindungen. Das wird in seinem Leben sichtbar (er geht).

Besonders wichtig ist es, dass man in der eigenen Familie anfängt (er geht in sein Haus). Dort, wo man uns am besten kennt, wo wir täglich wohnen, müssen die Veränderungen in unserem Lebenswandel als erstes sichtbar werden. Dann haben wir auch Glaubwürdigkeit, nach draußen zu gehen, um anderen von dem erfahrenen Heil weiterzuerzählen.

Zum Schluss sehen wir, dass die Volksmengen anders reagieren als die Vornehmen des Volkes. Sie fürchten sich und verherrlichen Gott. Das ist positiv. Doch steht hier nicht, dass sie den Glauben gehabt hätten, dem Herrn Jesus nachzufolgen.

Sie haben zudem immer noch nicht erkannt, dass Jesus nicht einfach ein Mensch unter Menschen war. Hatte Gott den Menschen solch eine Gewalt gegeben? Nein, Gott war zu seinem Volk gekommen, Emmanuel, Gott mit uns, um selbst diese Gewalt auszuführen – als Gott und Mensch in einer Person. Er tat dies nicht für sich, oder um selbst groß zu sein, sondern um das Volk dazu zu gewinnen, Buße zu tun und im Glauben den Messias anzunehmen. Leider lesen wir hier nichts davon, dass das Volk dies getan hätte. Wir lesen auch nicht, dass sie dem Herrn zu Füßen fielen. Sie staunen – aber dabei bleiben sie stehen. Ist das nicht auch bis heute die Reaktion vieler Menschen, wenn sich Gott deutlich offenbart? Und wie reagieren wir, die wir an Ihn glauben, angesichts der vielen Wunder in unserem Leben?

Verse 9–13: Der Evangelist wird in die Nachfolge gerufen

„Und als Jesus von dort weiterging, sah er einen Menschen am Zollhaus sitzen, Matthäus genannt, und er spricht zu ihm: Folge mir nach! Und er stand auf und folgte ihm nach. Und es geschah, als er in dem Haus zu Tisch lag, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und lagen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Und als die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern? Als er es aber hörte, sprach er: Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das ist: ‚Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer‘; denn ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder“ (Verse 9–13).

In diesem Abschnitt offenbart sich die Gnade des Herrn in einer noch augenscheinlicheren Weise. In Kapitel 8 erwies Er seine Gnade, als ein heidnischer Hauptmann Ihn aufsuchte und um Hilfe bat. Hier aber geht Christus selbst auf einen Menschen zu, und zwar auf einen, der – schlimmer als ein Heide – vom Volk gehasst wurde: ein Zöllner! Und dann ruft Er diesen Zöllner auch noch in seine Nachfolge. Was für eine große Gnade zeigt sich hier! Aus diesem Mann sollte später der Evangelist Matthäus werden, der dieses Evangelium aufgeschrieben hat. Wie passend! Ein verschmähter Messias wendet sich in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes an die Heiden und (aus anderen Gründen) ebenfalls an verschmähte Zöllner und Sünder. Doch je mehr Jesus als der „Gott mit uns“ die Gnade Gottes offenbart und schenkt, umso stärker wächst der Widerstand der Führer des Volkes.

Der Abschnitt beginnt mit einer Zeitangabe: „Und als Jesus von dort weiterging ...“ Tatsächlich scheint es sich hier um eine historische Reihenfolge zu handeln – auf die Begebenheit mit dem Gelähmten folgt die Berufung des Matthäus. Dort fanden wir, wie der Herr Sünden vergibt, hier, wie Er einen Sünder dann in seine Nachfolge ruft. Diese Reihenfolge gilt auch heute noch.

Nur in diesem Evangelium wird der uns geläufige Name „Matthäus“ in der Berufungsgeschichte erwähnt. Er heißt übersetzt „Geschenk des Herrn“ (von Matitjahu – Geschenk Jahwes). Ist das nicht auch für das Evangelium, das dieser Mann unter der Leitung des Heiligen Geistes geschrieben hat, ein passender Name? Hier wird nicht sein ursprünglicher Name Levi erwähnt (vgl. Lk 5,27), um mehr das Ziel, zu dem er berufen wurde, in den Fokus zu stellen: Er sollte als ein „Geschenk des Herrn“ sowohl dem Herrn Jesus als Jünger als auch dem Volk Gottes als Evangelist gegeben werden.

Dieser Mann steht wieder stellvertretend für das Volk Israel. Er war ein Zolleinnehmer. Diese Menschen waren den Juden verhasst, mehr noch als die Heiden. Denn sie waren abtrünnige Juden, die mit der Besatzungsmacht, den Römern, kollaborierten. Sie mussten für ihre Arbeit einen bestimmten Betrag an die römische Regierung abgeben, den Rest der Einnahmen konnten sie behalten. Das führte häufig dazu, dass sie die Juden über Gebühr ausnahmen – ein zweiter Grund für den Hass der Juden.

Aber war das nicht der Zustand des Volkes? Haben sie nicht mit Herodes, einem Nicht-Juden, zusammengearbeitet? Schon im zweiten Kapitel lesen wir, wie die Schriftgelehrten und Pharisäer diesem gern bei Fragen zu Hilfe eilten. Gab das Volk Gott wirklich die Ehre und auch den Zehnten, wie Gott es vorgeschrieben hatte? Nein, sie behielten – wie die Steuereintreiber – gerne mehr als genug für sich selbst. Und im Blick auf die Kreuzigung war ihnen ein anderer Herodes in seiner Freundschaft mit Pilatus gerade recht.

Bei Matthäus kam der Augenblick, wo Jesus in sein Leben trat. Wir lesen nichts davon, dass Matthäus zu Christus hinging. Der Herr kam zu Matthäus. Berufung in die Jüngerschaft und auch in den Dienst geht immer von dem Herrn Jesus aus, nie von uns selbst. „Ihr habt nicht mich auserwählt, sondern ich habe euch auserwählt“ (Joh 15,16). Wir können uns nicht – wie an Hochschulen – um einen Ruf „bemühen“, bewerben. Berufung ist nichts als reine Gnade! Der Herr Jesus sagt uns, wenn Er den Augenblick für gekommen hält: „Folge mir nach!“ Diese wenigen Worte haben eine nachhaltige Wirkung auf Matthäus. Seine Reaktion, sein Gehorsam ist beeindruckend: „Und er stand auf und folgte ihm nach.“

Wahre Jüngerschaft

Im Neuen Testament finden wir zwei unterschiedliche Arten von Nachfolge. Einerseits ist jeder Mensch, der von Neuem geboren ist, zur Nachfolge des Herrn berufen: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir“ (Joh 10,27), sagt der Herr Jesus über sie. Dafür bedarf es keines besonderen Rufs des Meisters – das Schenken des neuen Lebens enthält diesen Ruf. Andererseits aber gibt es auch das Rufen in die Nachfolge des Herrn zu einem speziellen Dienst. Das sahen wir bei Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes bereits in Kapitel 4,18 ff. Auch in Johannes 21,19 lesen wir von einem solchen Ruf. In diesem zweiten Sinn kann man wahre Jüngerschaft anhand von fünf Punkten beschreiben:

  1. Der Herr ruft jemand in seine Nachfolge.
  2. Man hört diesem Ruf zu und ist innerlich überwältigt.
  3. Der Ruf des Herrn verändert den Berufenen. Man ist ein neuer Mensch mit neuen Aufgaben, die zu einem neuen Bereich gehören.
  4. Man ist gehorsam und folgt dieser Berufung, indem man „aufsteht“ und das tut, was Christus sagt.
  5. Nachfolge hat eine Person zum Inhalt: den Herrn Jesus. Man folgt nicht einer Lehre oder einer Idee, sondern einer Person. Nur, wer die richtige Blick- und Laufrichtung hat, ist wirklich ein Jünger Jesu.
Der Evangelist

Uns wird nicht weiter mitgeteilt, wie viel Zeit zwischen Vers 9 und 10 lag. Jedenfalls machte Matthäus eine Mahlzeit für „seinesgleichen“. Viele Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um bei ihm zu essen. Vielleicht war das sogar eine Tradition unter Zollbeamten, dass sie sich regelmäßig bei einem von ihnen zum Austausch trafen. Welcher Art die „Sünder“ waren, wird hier nicht weiter erörtert. Jedenfalls handelte es sich um Menschen, mit denen die Pharisäer und Schriftgelehrten keinen Umgang pflegten. Bei Matthäus fanden sie Aufnahme.

Es fällt auf, dass Matthäus nicht wie andere Evangelisten von einem „großen Mahl“ spricht (vgl. Lk 5,29). Er selbst hat offenbar schnell von der Demut seines Meisters gelernt und macht sich und seine Tätigkeit daher nicht groß.

Matthäus spricht anscheinend nur deshalb von dem Mahl, um den Widerstand der Pharisäer hervortreten zu lassen. Wie hochmütig und selbstgerecht ist deren Frage: „Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?“ Sie würden so etwas Verabscheuungswürdiges niemals tun! Tatsächlich aber aß der Herr nur mit denjenigen Zöllnern und Sündern, die von Ihm Rettung erfahren wollten und bereit waren, Ihm ihr Leben zu übergeben. Das ist auch heute noch zu bedenken, wenn man mit Ungläubigen geselligen Umgang pflegen will: Entweder hat man eine Aufgabe, ihnen das Evangelium zu verkündigen, oder man praktiziert mit ihnen eine Gemeinschaft, die Gottes Wort verurteilt (vgl. 2. Kor 6,15). Gott sieht das Herz an. Er sah in Matthäus und auch in den Sündern, die kamen, heilsbedürftige und suchende Menschen.

Es fällt auf, dass die Pharisäer nicht den Mut besitzen, den Herrn Jesus selbst anzusprechen. Sie suchen sich die aus ihrer Sicht schwächeren Jünger aus. Vermutlich erhoffen sie sich, hier leichteres Spiel zu haben. Aber sie müssen feststellen, dass der Herr selbst antwortet. Er übernimmt sozusagen die Regie, da die Jünger mit diesen Fragen überfordert sind. Auch wir erleben bisweilen, dass wir für das Handeln des Herrn verantwortlich gemacht werden. Wie beruhigend ist es dann, wenn der Herr selbst das Heft in die Hand nimmt und sich sozusagen schützend vor uns stellt!

Die Antwort des Herrn ist so einfach wie tiefgründig. Sie stellt letztlich eine Binsenweisheit dar und ist daher für jeden verständlich: „Nicht die Starken brauchen einen Arzt, sondern die Kranken.“ Die Pharisäer fühlten sich geistlich gesund und stark, obwohl sie keinen Deut besser waren als die Zöllner und Sünder. Daher sahen sie keine Notwendigkeit für einen Arzt. Die Zöllner und Sünder hingegen waren sich bewusst, dass sie einen Arzt nötig hatten. Sie vertrauten nicht auf eigene Werke, sondern bekannten ihre Sünden.

Die Botschaft von Hosea 6,6

Doch bei dieser Belehrung belässt es der Herr nicht. Er weist auf einen alttestamentlichen Vers hin: „Ich will Barmherzigkeit und nicht Schlachtopfer.“ Nur wenig später, in Kapitel 12, wird der Herr Jesus noch einmal diesen Vers zitieren. Er stammt aus Hosea 6. Dort spricht der Prophet zunächst von einer gewissen Umkehr des Volkes Israel. Dann heißt es in Vers 2, dass Gott das Volk zwar nach zwei Tagen2 wieder beleben und am dritten Tag aufrichten würde, doch kennt Er ihre Herzen. Wahre Gottesfurcht hatten sie sehr früh aufgegeben. Obwohl Er immer wieder Propheten geschickt hatte, wollte das Volk doch nicht hören. So würde auch diese Umkehr leider nicht von Dauer sein.

Daher sendet Er einen neuen Appell an ihre Herzen: „Denn an Frömmigkeit habe ich Gefallen und nicht am Schlachtopfer, und an der Erkenntnis Gottes mehr als an Brandopfern“ (Hos 6,6). Gott wollte mehr als nur eine äußere Form. Natürlich hatte Er die Opfer angeordnet. Aber ein rein formeller Opferdienst, ohne dass das Herz auf Gott ausgerichtet war, stellte einen Gräuel für Ihn dar.

Genauso handelten jetzt die Pharisäer. Sie legten großen Wert auf das Äußere, auf die formale Einhaltung des Gesetzes und besonders auf die vielen Zusatzgebote ihrer Überlieferungen. Aber der Herzenszustand war ihnen gleichgültig, ja musste ihnen gleichgültig sein, da er bei ihnen selbst überaus schlecht war.

Der Herr sagt ihnen deshalb, dass es nicht auf das Einhalten der Opfervorschriften ankommt, sondern auf die innere Haltung. Hier mussten sie dringend umlernen. Waren sie barmherzig, wenn sie die Zöllner und Sünder verachteten? Wo war ihre Frömmigkeit, wenn sie Jesus verurteilten, der in vollkommener Weise Gott diente, sich selbst aber als Vorbilder darstellten, obwohl ihnen Gottes eigentliche Forderungen der tätigen Liebe gleichgültig waren?

Sie meinten, gerecht zu sein. Doch der Herr muss ihnen sagen, dass Er nicht gekommen war, solche Menschen zu rufen. Er rief nur diejenigen zu sich, die sich als Sünder erkannten. Die Pharisäer waren äußerlich heilig und innerlich unrein. Sie beharrten auf ihrer äußerlichen Gerechtigkeit. Deswegen konnte der Herr ihnen nicht helfen. Für sie war Er dann nicht gekommen. Ihr Unglaube führte dazu, dass Er sie von jedem Segen ausschließen musste. Und nicht nur sie, sondern auch das ganze ungläubige Volk. Nicht mit ihnen aß Er, nicht ihnen offenbarte Er sich, sondern den Sündern und Zöllnern. Glücklicherweise aber gab es immer wieder Einzelne, deren Herz Er trotzdem erreichen konnte (Nikodemus, Joseph von Arimathia...).

Es fällt auf, dass der Herr den Hochmut und die Heuchelei dieser Menschen nicht in direkter Weise tadelt. Vielmehr rechtfertigt Er sein Wirken zugunsten der „Kranken“, also der Zöllner und Sünder. Ihm ging es eben mehr um diese Menschen, als dass Er sich um die selbstgerechten Pharisäer kümmerte, die sein Wort ohnehin nicht annehmen wollten. Er war voller Mitleid und Barmherzigkeit für diejenigen, die in aufrichtiger Buße zu Ihm kamen, mochten sie verbrochen haben, was es auch sei.

Verse 14–17: Das Alte muss dem Neuen Platz machen

„Dann kommen die Jünger des Johannes zu ihm und sagen: Warum fasten wir und die Pharisäer oft, deine Jünger aber fasten nicht? Und Jesus sprach zu ihnen: Können etwa die Gefährten des Bräutigams trauern, so lange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da der Bräutigam von ihnen weggenommen sein wird, und dann werden sie fasten. Niemand aber setzt einen Flicken von neuem Tuch auf ein altes Kleidungsstück; denn das Eingesetzte reißt von dem Kleidungsstück ab, und der Riss wird schlimmer. Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche; sonst zerreißen die Schläuche, und der Wein wird verschüttet, und die Schläuche verderben; sondern man füllt neuen Wein in neue Schläuche, und beide werden zusammen erhalten“ (Verse 14–17).

In diesem Abschnitt lernen wir, was ein großes Hindernis für die Pharisäer war. Sie konnten es nicht akzeptieren, dass Gott in der Person Jesu an Zöllnern und Sündern Gnade übte, also an Menschen aus den Nationen und Menschen aus dem Volk Israel, die in den Augen der Pharisäer „das Gesetz nicht kannten“ (vgl. Joh 7,49). Diese Pharisäer übersahen, dass gerade sie und das Volk Israel als Ganzes Gnade nötig hatten. Darüber hinaus ist Gnade nicht durch Menschen begrenzbar. So stand sie offen für alle, die auf der Grundlage dieser Gnade zu Jesus und zu Gott kommen wollten.

Interessant ist auch, dass hier die Fragesteller – wie im vorigen Abschnitt – nicht auf die Person(en) zugehen, deren Verhalten ihnen missfällt, sondern auf den Herrn. Wollten sie Ihn dazu bewegen, seine Jünger zu tadeln und damit zuzugeben, Er habe seine Jünger nicht ausreichend belehrt? Doch der Herr wird ihnen zeigen, dass sie selbst in ihren Überlegungen irregeleitet waren.

Offenbar hatten diese Jünger des Johannes ihrem Meister nicht gut zugehört. Er hatte nämlich gesagt: „Der die Braut hat, ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber, der dasteht und ihn hört, ist hoch erfreut über die Stimme des Bräutigams; diese meine Freude nun ist erfüllt“ (Joh 3,29). Passte dazu das Fasten? Aber in seiner Langmut erinnert der Herr Jesus sie noch einmal daran.

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass das Fasten der Jünger des Johannes wirklich ein Fasten war, das mit inneren Übungen verbunden war, im Unterschied zu dem rein äußerlichen Fasten vieler Pharisäer, das der Herr Jesus in Matthäus 6 anprangern musste. Aber sie hatten nicht verstanden, dass mit dem Herrn Jesus derjenige unter ihnen war, welcher der Anziehungspunkt aller Zuneigungen hätte sein sollen. Solange der Bräutigam bei ihnen war, gab es keinen Anlass zu fasten.

Es würden andere Tage kommen, wo Er von ihnen weggenommen sein würde. Dann gäbe es wirklich Anlass zu Trauer. Das ist die Zeit seiner endgültigen Verwerfung durch das Volk. Seinen Jüngern teilt der Herr Jesus später etwas mehr darüber mit: „Eine kleine Zeit, und ihr schaut mich nicht, und wieder eine kleine Zeit, und ihr werdet mich sehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, dass ihr weinen und wehklagen werdet, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Traurigkeit wird zur Freude werden ... Auch ihr nun habt jetzt zwar Traurigkeit; aber ich werde euch wiedersehen, und euer Herz wird sich freuen, und eure Freude nimmt niemand von euch“ (Joh 16,19–22).

Wir haben allerdings keinen Anlass, die Jünger des Johannes zu verurteilen (vgl. Mt 7,1). Ihr Meister hatte auch ständig gefastet (vgl. Mt 11,18). Daher dürfen wir davon ausgehen, dass sie nun nach dessen Gefangennahme (Mt 4,12) seinem Beispiel folgen wollten, denn sie hatten seine Treue kennen und schätzen gelernt. In Verbindung mit Kapitel 6 haben wir schon gesehen, dass auch das Alte Testament an verschiedenen Stellen das Fasten als eine vor Gott wohlgefällige Haltung erwähnt.

Von den Pharisäern wissen wir, dass sie freiwillig – allerdings als eine äußere Form – zweimal pro Woche fasteten (vgl. Lk 18,12). Vermutlich war das zu einer Pflicht geworden, der sogenannte treue Juden nachkamen. Wir lesen von einer solchen Regel zwar nicht im Blick auf die Jünger des Johannes, doch hatten sicher auch sie feste Fastenzeiten (vgl. Sach 8,19). Manche Ausleger glauben, dass der Anlass ihrer Frage darin liegen könnte, dass das Festmahl von Matthäus gerade auf einen ihrer Fastentage fiel – die Jünger Jesu aber nicht fasteten. Weil die Jünger von Johannes aufrichtige Nachfolger ihres Meisters waren, gibt ihnen der Herr in milder Weise eine Belehrung mit.

Möglicherweise fasteten sie auch gerade deshalb, weil ihr Meister im Gefängnis war – wie hätten sie angesichts dieser Umstände Freudenfeste feiern können. Die Tatsache, dass die Jünger des Johannes nach wie vor ihrem Meister anhingen und nicht zum Herrn Jesus gingen, lässt zudem erkennen, dass sie die Herrlichkeit des „Bräutigams“ noch nicht erkannt hatten. Bräutigam – was für ein Titel von Zuneigung und Beziehungen, der uns die wunderbare Schönheit des Herrn Jesus vorstellt!

Der Herr sagt hier nicht, wer die Braut ist. Wir haben schon weiter oben gesehen, dass es eine irdische Braut und eine himmlische Braut gibt: Israel und die Versammlung (Gemeinde, Kirche). Aber zu diesem Zeitpunkt war die Versammlung als himmlische Braut noch nicht offenbart. Daher meint Er hier die Beziehungen zu seinem Volk Israel (vgl. Jes 54,5–7; 62,4.5; Hos 2,16–20). Doch bedenken wir, in was für einem Zustand dieses Volk war! Christus aber sieht die treuen Übriggebliebenen stellvertretend für ganz Israel.

Wechsel der Haushaltungen

Es ist nützlich, in diesem Zusammenhang auf ein wichtiges Thema von Matthäus zurückzukommen. Immer wieder spricht Er von Haushaltungen (Epochen). Die Zeit unter Gesetz war eine andere Epoche als die Gnadenzeit. Israel stand unter dem ersten Bund, der ein Bund der Werke war. Denn Gott erprobte sein Volk durch Gesetze, ob es bereit (und in der Lage) wäre, Gott gehorsam zu sein.

Aber das Volk Israel zeigte von Anfang an, dass es außerstande war, diese Gebote zu halten. Diese Erprobung kam zu ihrem Höhepunkt, als Gott selbst als König und Mensch auf die Erde kam und prüfte, ob das Volk seinen Gott annehmen und Ihm dienen würde. Sie haben Ihn stattdessen an das Kreuz gebracht. Deshalb hat Gott sein Volk verworfen (vgl. Röm 11,15). Aber Er nahm die Kreuzigung Jesu auch zum Anlass, etwas ganz Neues, nämlich seine Gnade einzuführen. Gott schenkte dem Menschen, der sich selbst unter besten Bedingungen als böse erwiesen hatte, bedingungslose Gnade. Das ist der Charakter der heutigen Haushaltung.

Diesen Wechsel nun skizziert der Herr in den Versen 16 und 17. Er war gekommen, um Neues einzuführen. Er selbst verkörperte dieses Neue, während die Jünger des Johannes für das Alte standen, das mit dem Gesetz verbunden war. Sie konnten sich von dem Alten offenbar noch nicht lösen.

Das Gleichnis von dem neuen Flicken

Der Herr Jesus stellt das Neue anhand von zwei Bildern vor: dem neuen Tuch und dem neuen Wein. Auch wenn dies eine Besonderheit von Lukas ist, dass er immer wieder Doppelgleichnisse oder zwei zusammengehörende, sich ergänzende Begebenheiten zusammenstellt, finden wir das gelegentlich auch bei Matthäus. Die beiden Bilder liefern ein zusammenhängendes Ganzes, wobei das zweite nicht einfach eine Kopie des ersten ist, sondern ergänzende Hinweise enthält.

Zunächst geht es um ein altes Kleidungsstück und einen Flicken aus neuem Tuch. Um die Bedeutung richtig zu erfassen, muss man das Bild gut verstehen. Ein altes, oft gewaschenes Kleidungsstück besteht aus einem eingelaufenen Stoff. Dieser Stoff hat dadurch eine gewisse Härte erreicht; er ist nicht mehr elastisch. Wird nun, weil ein Loch entstanden ist, ein neuer Flicken darauf genäht, wird dieser nach einigen Waschvorgängen ebenfalls einlaufen. Wegen der fehlenden Elastizität des umliegenden Stoffes reißen beide Stoffe im Bereich der Nähte ein und das ursprüngliche Loch wird noch größer.

Dieses Bild benutzt der Herr Jesus, um eine geistliche Bedeutung zu vermitteln. Der Flicken aus neuem Stoff weist auf das Evangelium der Gnade hin, die Botschaft der Gnade, ein vollständig neues „System“, eine lebendige, himmlische Kraft. In 2. Korinther 5,17 heißt es dazu: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung, das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Wer dieses Neue aber mit dem alten System, mit dem Gesetz, mit den Geboten vom Sinai verbinden will, indem er sozusagen einen neuen Flicken auf ein altes Kleidungsstück näht, würde das Neue zum Zerreißen bringen und zugleich das Alte noch mehr verderben (vgl. Lk 5,36). Paulus spricht davon in Römer 11,6: „Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade“, sondern eine amputierte, zerstörte Gnade. Ihr wahrer Charakter als die Grundlage der Freiheit des Christen geht verloren. Aber nicht nur die Gnade wird zerstört, wenn sie mit dem sinaitischen Bund des Gesetzes verbunden wird, sondern auch das Gesetz wird seiner Kraft beraubt. Denn wenn das Gesetz durch Gnade verwässert und aufgeweicht wird, verliert es seine Schärfe und Kraft gegenüber dem Ungläubigen. Nach 1. Timotheus 1,5–9 richtet sich das Gesetz gerade an diesen. Es macht ihm deutlich, was in seinem Leben richtig und was falsch ist. Aber es gibt ihm keine Kraft, das Gute zu tun. Es verdammt den Ungerechten, ohne ihm einen Weg der Hoffnung zu weisen. So macht es den Fall des Sünders hoffnungslos. Doch nun war der Eine gekommen, der das Gesetz selbst verordnet hatte und daher auch das Recht hatte, etwas Neues einzuführen: den Grundsatz der Gnade, der das Gesetz nicht veränderte oder ergänzte, sondern ablöste.

Vielleicht hat dieses Gleichnis auch noch eine weitere Bedeutung, denn der Herr hat nicht nur das von Gott gegebene Gesetz im Blick, sondern muss auch immer wieder das gesamte, entartete Judentum anprangern. Die Juden meinten, Satzung um Satzung, „Flicken um Flicken“ dem von Gott gegebenen Gesetz hinzufügen zu müssen. Damit hatten sie, wie wir in der Bergpredigt gesehen haben, sogar das Gesetz und die Propheten beiseite gestellt. Wozu hatte das geführt? Damit hatten sie das Gesetz ungültig gemacht (vgl. Mt 15,6). Konnte dieses „jüdische System“ noch reformiert werden? Nein, der Herr macht klar: Das ist unmöglich. Es musste ein komplett neues Kleidungsstück geschenkt werden.

Der alte und der neue Wein

Das zweite Beispiel handelt vom Wein. Wein wurde damals zum Transport und vielleicht auch zum Lagern in Schläuche aus gegerbten Tierhäuten gegossen. Nach einer gewissen Zeit wurden diese Häute brüchig. Wenn nun in solche älteren Schläuche neuer Wein geschüttet wurde, der noch nicht fertig vergoren war und daher Gase entwickelte, wurden diese Schläuche unter Druck gesetzt – und die brüchigen Schläuche rissen auf und zerplatzten.

Der Herr bestätigt damit den Gedanken des ersten Bildes vom neuen Flicken auf dem alten Kleid, indem Er ein anderes Bild mit sehr ähnlichem Inhalt verwendet. Neuer Wein gehört nicht in alte Schläuche, weil auch damit beides zerstört wird. Das Neue – die Kraft der Gnade – gehört zu einem ganz neuen System, dem Evangelium der Herrlichkeit Gottes. Jede Vermischung mit dem Gesetz, mit alttestamentlichen oder selbstauferlegten Geboten zerstört alles. Es geht also nicht nur um Unterschiede in der äußeren Gestalt von Gnade und Gesetz, von dem Neuen im Vergleich zum Alten – darauf weist das Bild der Kleidung und des Flickens hin. Die innere Kraft des Neuen, das lebendige Prinzip, das Christus jetzt verbreitete (Wein), konnte in den alten Formen nicht bewahrt werden. An dieser Stelle sei noch einmal an Hebräer 5,126,2 erinnert. In Verbindung mit dieser Stelle haben wir gesehen, wie verheerend es für die aus dem Judentum stammenden Christen war, sich wieder auf alttestamentliche Anweisungen zu stützen, statt das durch Christus und sein Werk neu eingeführte Lebensprinzip zu verwirklichen.

Der neue Wein ist vielleicht ein Bild von der Freude (Ri 9,13) und von der Kraft wahren Christentums. Diese Kraft wird durch den Gärungsprozess deutlich, der sogar Schläuche zum Platzen bringt. Wenn sich das Christentum nun entwickelt (gärt), dann muss notwendigerweise die Enge des gesetzlichen Judentums platzen. Während es beim Bild des Flickens mehr darum geht, dass das alte Kleidungsstück in Verbindung mit einem Teil des Neuen – dem Flicken – nicht zu erhalten ist, zeigt uns das Bild des Weins, dass sogar das Neue komplett verloren geht, wenn man es mit dem Alten verbindet.

Das ist eine sehr aktuelle Botschaft, weil man – nicht nur bei den Galatern – immer wieder versucht hat, das Christentum mit dem Gesetz vom Sinai zu verbinden. Es gehöre sich für einen Christen, die zehn Gebote zu halten. Häufig wird auch behauptet, die Bergpredigt sei die Lebensregel des Christen, weil sie ein noch höheres „Gesetz“ als die zehn Gebote darstelle. Viele Gläubige stellen sich sogar eigene, zusätzliche Lebensregeln auf, die sie zu erfüllen suchen. Was für ein Irrtum, dies mit der christlichen Wahrheit zu verbinden! Vielleicht gibt es sogar keinen Bereich, in dem das Alte mit dem Neuen auf so schändliche Weise miteinander verbunden wurde wie in der Christenheit. Man beruft sich auf das Kreuz und seine Gnadenergebnisse und hängt gleichzeitig an äußeren, jüdischen und damit materiellen Aktivitäten. Ein wahrer Christ aber ist dem Gesetz gestorben (vgl. Gal 2,19). Denn wenn man Gnade mit Gesetz verbindet, geht das Wesen der Gnade verloren, nämlich dass alles nur auf der unverdienten Liebe Gottes beruht und nicht auf Werken.

Die wahre Lebenskraft des Christen entspringt dem Bewusstsein der Gnade, dem Leben in Gnade, dem Inanspruchnehmen der Gnade und dem Weitergeben der Gnade. Wer das für sein Leben einmal verstanden hat, führt kein leichtfertiges Leben, sondern ein Leben in christlicher Freiheit (vgl. Joh 10,9). Das ist ein herrliches Leben, in Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn. Ein solches Leben ist keines von Leichtfertigkeit und Gleichgültigkeit, sondern von ernsthafter Hingabe an Gott – aber auf dem Grundsatz der Gnade. Alles andere führt zurück in die Angst, Unsicherheit, den Zweifel an Gott und der Errettung.

Übrigens wird auch das Volk Israel etwas von diesem „Neuen“ kennenlernen. Davon spricht der Prophet Jesaja: „Und der Herr der Heerscharen wird auf diesem Berg allen Völkern ein Festmahl von Fettspeisen bereiten, ein Festmahl von Hefenweinen, von markigen Fettspeisen, geläuterten Hefenweinen. Und er wird auf diesem Berg den Schleier vernichten, der alle Völker verschleiert, und die Decke, die über alle Nationen gedeckt ist. Den Tod verschlingt er für immer; und der Herr, Jahwe, wird die Tränen von jedem Angesicht abwischen, und die Schmach seines Volkes wird er wegnehmen von der ganzen Erde. Denn der Herr hat geredet“ (Jes 25,6–8). Die Wiederherstellung Israels wird reine Gnadenerweisung Gottes darstellen.

Vergleich der Evangelien

Wenn man die Evangelien miteinander vergleicht (Matthäus, Mk 2,18–22; Lk 5,30–39), so stellt man fest, dass es viele Ähnlichkeiten in den Texten gibt. Matthäus betont die Nutzlosigkeit, das alte Kleid der jüdischen Haushaltung, das im Begriff stand, weggetan zu werden, mit einem Flicken der Gnade zu verschönern. Lukas betont, dass man keinen Flicken von einem neuen Stück Stoff abreißt, um ihn auf ein altes Kleidungsstück zu setzen. Man nimmt der Gnade also unweigerlich ein Stück weg, wenn man sie zur „Reparation“ des Alten verwenden will. Weiterhin sagt er, dass man dadurch das neue Stück „zerreißt“, dass also das Gesetz die Gnade zerstört, und dass auch beides überhaupt gar nicht zueinander passt. So gibt er also einen dreifachen Grund an, dass die Vermischung von Gnade und Gesetz eine Unmöglichkeit ist. Sie ist zum Schaden des Neuen, des wahren Christentums. Bei Matthäus liegt die Betonung darauf, dass das Alte nicht reformierbar, nicht wiederherstellbar ist.

Lukas fügt am Ende noch an, dass man nach dem Trinken des alten Weines den neuen nicht mehr will. Das, was wir im natürlichen Bereich gut verstehen können, da der alte Wein oft besser ist als der neue, hat im geistlichen Bereich eine negative Bedeutung. Wir lesen hier auch nicht, dass der alte Wein wirklich besser wäre. Das natürliche Herz ist in sich eher gesetzlich, es möchte sich an Formen und Gesetzen anlehnen. Sich Vorschriften aufzuerlegen und diese dann zu befolgen, befriedigt den alten Menschen. Dann ist er stolz, etwas erreicht zu haben. Und er fühlt sich sicher, weil er etwas getan hat, was ihn selbst zufriedenstellt (aber nicht Gott! – denn Er kann von dem Alten nichts annehmen, weil es Ihn und Christus ausschließt und weil es der Versuch ist, Gott mit natürlichen Mitteln, die durch die Sünde verdorben sind, zu befriedigen). Doch die Gnade ist heute der einzige Weg, zu Gott zu kommen. So zeigt uns Lukas das Herz des Menschen, Matthäus mehr den Wandel vom Alten zum Neuen. Markus zeigt vielleicht in Übereinstimmung mit dem Charakter seines Buches mehr den Wandel der Menschen, der Diener des Herrn, wenn sie vom Alten zum Neuen geführt werden.

Verse 18–26: Tod und Glaube – zwei ineinander verschachtelte Rettungen

„Während er dies zu ihnen redete, siehe, da kam ein Vorsteher und warf sich vor ihm nieder und sprach: Meine Tochter ist eben jetzt verschieden; aber komm und lege deine Hand auf sie, und sie wird leben. Und Jesus stand auf und folgte ihm, und seine Jünger. Und siehe, eine Frau, die zwölf Jahre an Blutfluss litt, trat von hinten herzu und rührte die Quaste seines Gewandes an; denn sie sprach bei sich selbst: Wenn ich nur sein Gewand anrühre, werde ich geheilt werden. Jesus aber wandte sich um, und als er sie sah, sprach er: Sei guten Mutes, Tochter; dein Glaube hat dich geheilt. Und die Frau war geheilt von jener Stunde an. Und als Jesus in das Haus des Vorstehers kam und die Flötenspieler und die lärmende Volksmenge sah, sprach er: Geht fort, denn das Mädchen ist nicht gestorben, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn. Als aber die Menge hinausgeschickt war, ging er hinein und ergriff ihre Hand; und das Mädchen stand auf. Und Kunde hiervon ging aus in jenes ganze Land“ (Verse 18–26).

Diese Begebenheit bestätigt auf eindrucksvolle Weise die beiden vorhergehenden Gleichnisse. Das Alte ist nicht reformierbar – Er führt etwas Neues ein. Das Alte – das wird durch die Tochter des Vorstehers und besonders ihr Umfeld vorgestellt. Sie gehört zu dem alten System – sie muss sterben. Dieses Ende ist unausweichlich. Es gibt – zunächst – keine Hoffnung für sie.

Wenn aber jemand im Glauben zum Herrn Jesus kommt und in Ihm den wahren Bräutigam und die Kraft, die von Ihm ausgeht, erkennt, wird er geheilt, so schwach auch immer der Glaube sein mag. Das ist das Neue, das in der blutflüssigen Frau vorgestellt wird. Ihr Glaube strahlt hervor, auch wenn man bei ihr das jüdische Element des „Berührens“ noch sehen kann.

Das Volk Israel wird aus dem Tod ins Leben übergehen (Hes 37)

Wir bewundern den Herrn. Trotz der Ablehnung und des Unglaubens seines Volkes gibt Er dieses nicht auf. Das wird durch sein Handeln mit der Tochter des Synagogenvorstehers vorgeschattet, die ein Bild Israels ist. Das Mädchen stirbt und ist tot, wird aber beim Kommen des Herrn auferweckt. So ist auch das Volk Israel in einen geistlichen Todesschlaf versunken, nachdem es seinen Messias verworfen hat. Doch in der Zukunft – nach der Entrückung der Versammlung – wird Er sich wieder mit seinem Volk beschäftigen, indem Er sich einen Überrest (auf-)erweckt. Das werden Juden sein, die Ihn im Glauben als Messias erwarten. Diese Treuen werden Ihn dann bei seinem Kommen auf diese Erde als Herrn und König annehmen. So kann Er sich zu ihnen bekennen. Es wird echtes, göttliches Leben in das Volk kommen. Das lesen wir in Hesekiel 37:

„Weissage über diese Gebeine und sprich zu ihnen: Ihr verdorrten Gebeine, hört das Wort des Herrn! So spricht der Herr, Jahwe, zu diesen Gebeinen: Siehe, ich bringe Odem in euch, dass ihr lebendig werdet. Und ich werde Sehnen über euch legen und Fleisch über euch wachsen lassen und euch mit Haut überziehen, und ich werde Odem in euch legen, dass ihr lebendig werdet. Und ihr werdet wissen, dass ich der Herr bin.

Und ich weissagte, wie mir geboten war. Da entstand ein Geräusch, als ich weissagte, und siehe, ein Getöse: Und die Gebeine rückten zusammen, Gebein an Gebein. Und ich sah: Und siehe, es kamen Sehnen über sie, und Fleisch wuchs, und Haut zog sich darüber obenher; aber es war kein Odem in ihnen. Und er sprach zu mir: Weissage dem Odem, weissage, Menschensohn, und sprich zu dem Odem: So spricht der Herr, Jahwe: Komm von den vier Winden her, du Odem, und hauche diese Getöteten an, dass sie lebendig werden! Und ich weissagte, wie er mir geboten hatte; und der Odem kam in sie, und sie wurden lebendig und standen auf ihren Füßen, ein überaus großes Heer.

Und er sprach zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Israel. Siehe, sie sprechen: Unsere Gebeine sind verdorrt, und unsere Hoffnung ist verloren; wir sind dahin. Darum weissage und sprich zu ihnen: So spricht der Herr, Jahwe: Siehe, ich werde eure Gräber öffnen und euch aus euren Gräbern heraufkommen lassen, mein Volk, und werde euch in das Land Israel bringen. Und ihr werdet wissen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufkommen lasse, mein Volk. Und ich werde meinen Geist in euch geben, dass ihr lebet, und werde euch in euer Land setzen. Und ihr werdet wissen, dass ich, der Herr, geredet und es getan habe, spricht der Herr“ (Hes 37,4–14).

Das ist es, was durch dieses Wunder des Herrn, die Totenauferweckung, prophetisch ausgesagt wird.

Es geht um Israel

Dass wir es hier mit einem Hinweis auf Israel zu tun haben, lässt sich aus zwei weiteren Einzelheiten ableiten:

  1. Der Vorsteher bittet den Herrn nicht, durch ein Wort zu heilen, sondern die Hand aufzulegen. Das Handauflegen kennen wir zum Beispiel von den Opferungen. Es ist etwas Sichtbares, wie z. B. das sichtbare Opfersystem Israels oder der für die Augen beeindruckende Tempel.
  2. Es ist von der „Tochter“ die Rede. In dem vorherigen Abschnitt haben wir von dem Bräutigam gesprochen und gesehen, dass keine Braut genannt wird. Hier finden wir zwar keine Braut, aber eine junge Frau. Von Töchtern und jungen Frauen lesen wir etwas im Alten Testament. In Micha 4,8 heißt es: „Und du, Herdenturm, du Hügel der Tochter Zion, zu dir wird gelangen und zu dir wird kommen die frühere Herrschaft, das Königtum der Tochter Jerusalem.“ In Zephanja 3,14–17 kann man nachlesen: „Juble, Tochter Zion; jauchze, Israel! Freue dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! Der Herr hat deine Gerichte weggenommen, deinen Feind weggefegt; der König Israels, der Herr, ist in deiner Mitte, du wirst kein Unglück mehr sehen. An jenem Tag wird zu Jerusalem gesagt werden: Fürchte dich nicht! Zion, lass deine Hände nicht erschlaffen! Der Herr, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein rettender Held.“ Als Auferweckte ist diese Tochter also ein direktes Bild der Gläubigen, der Übriggebliebenen in Israel, die einmal hier leben werden, um ihren Messias, den Herrn Jesus, anzunehmen.

Die Heilung der blutflüssigen Frau

Wenn das Volk Israel nun geistlich tot ist, gibt es dann keine Hoffnung mehr? Doch, für den Einzelnen gibt es nach wie vor Heilung. Das zeigt auf eindrucksvolle Weise die „eingeschaltete“ Begegnung mit der blutflüssigen Frau. Eine solche Zusammenstellung zweier Ereignisse ist einmalig in diesem Evangelium und hat daher eine tiefe prophetische Bedeutung.

Die Tatsache, dass diese kranke Frau die Quaste des Gewandes des Herrn anrührt, spricht dafür, dass auch hier ein Hinweis auf Israel gegeben wird. Denn das Vorhandensein der Quaste war eine von Gott gegebene Vorschrift für sein irdisches Volk: „Rede zu den Kindern Israel und sprich zu ihnen, dass sie sich eine Quaste an den Zipfeln ihrer Kleidung machen, bei ihren Geschlechtern, und dass sie an die Quaste des Zipfels eine Schnur aus blauem Purpur setzen; und es soll euch zu einer Quaste sein, dass ihr, wenn ihr sie anseht, euch an alle Gebote des Herrn erinnert und sie tut, und dass ihr nicht umherspäht eurem Herzen und euren Augen nach, denen ihr nachhurt, damit ihr euch an alle meine Gebote erinnert und sie tut und eurem Gott heilig seid“ (4. Mo 15,38–40; vgl. 5. Mo 22,12). Auch die Erwähnung, dass sie 12 Jahre lang krank gewesen ist, stellt einen Bezug zu diesem Volk dar (12 Stämme). Aber während die todkranke Tochter für das gesamte Volk steht, symbolisiert diese Frau mehr die einzelnen Personen des Volkes.

Sie kommt in einfältigem Glauben zu dem Herrn. Das ist der Weg, auf dem man in der Zeit des „Todes“ Israels – also der Gnadenzeit – jetzt Errettung empfängt. Und das gilt nicht nur für Menschen aus Israel, sondern auch für solche aus den Nationen. Man muss zu dem Heiland gehen und Ihn anrühren – das heißt eine Glaubensverbindung zu Ihm aufnehmen.

Die blutflüssige Frau rührt die Kleidung des Herrn an. Die Kleidung ist in der Schrift ein äußerlicher Hinweis darauf, wie es innerlich in einem Menschen aussieht (vgl. Sach 3,3; Jes 61,10). Diese Frau sah also in dem Lebenswandel des Herrn Jesus etwas von seiner inneren Herrlichkeit. Deshalb rührt sie Ihn an. Auch wir heute kommen deshalb zu dem Herrn Jesus, weil wir wissen, dass nur Er als der Vollkommene das für uns nötige Werk am Kreuz vollbringen konnte.

Ein Bild vom Glauben außerhalb Israels und der Nationen

Es fällt auf, dass diese Frau – im Unterschied zu dem Aussätzigen in Kapitel 8 – nicht zum Priester geschickt wird, obwohl in 3. Mose 15,28–31 steht, dass eine geheilte blutflüssige Frau mit einem Opfer zu dem Priester gehen sollte. Man fragt sich, warum der Herr Jesus hier offenbar keinen entsprechenden Befehl erteilt – zumindest lesen wir nichts davon. Aber allein die Tatsache, dass von einem solchen Auftrag keine Rede ist, zeigt wieder, dass der Wechsel der Haushaltung bevorstand. Oder, um mit den Worten der vorherigen Verse zu reden, dass Er nun etwas Neues einführt. Wer ab jetzt aus dem Judentum zum Glauben kommt, muss sich nicht mehr dem Priester zeigen. Er gehört zu einer ganz neuen Gesellschaft von Menschen, die außerhalb des Juden- und Heidentums stehen. Ihre Beziehung zu dem Herrn Jesus beruht allein auf dem Glauben an Ihn und sein Werk sowie auf seiner souveränen Gnade. Und in diesem neuen Sinn ist der Herr Jesus selbst der Priester. In Israel konnte Er das nicht sein, weil Er nicht aus dem Stamm Levi kam. Aber in einem übergeordneten Sinn ist Er heute dennoch Priester, und zwar nach der Ordnung Melchisedeks (Heb 7,21).

Die Tochter des Jairus

Danach wendet sich Jesus dem Haus des Vorstehers zu. Wir wissen aus anderen Evangelien, dass er Jairus hieß. Hier haben wir wieder nur einen ganz kurzen Bericht. Matthäus zeigt die Autorität dessen, der König Gottes hier auf der Erde ist, nicht so sehr die Details der Krankheit und der Lebensgeschichte dieses jungen Mädchens.

Der Herr Jesus trifft hier auf eine lärmende Volksmenge. Sie versuchen, die Trauer des Todes durch Musik und andere Hilfsmittel zu überspielen. Es ist ein biblisches Prinzip, mit den Weinenden zu weinen (Röm 12,15). Das finden wir schon im Alten Testament, zum Beispiel beim Haus Josephs (1. Mo 50,10.11). Auch die Freunde Hiobs weinte mit ihm (Hiob 2). Jeremia weinte über den gestorbenen König Josia (2. Chr 35,25). Aber im Laufe der Zeit wurde aus der Bekundung von echtem Mitgefühl und Trauer teilweise eine reine Form, die sogar so weit ging, dass man „berufsmäßige“ Klagefrauen anstellte (z.B. Jer 9,16.17; Amos 5,16). Um solch eine oberflächliche und rein äußerliche Trauer ging es auch hier. Dies wird an dem Verhalten der Menge deutlich, die – eben zuvor noch weinend – den Herrn verlachte (Vers 24). Daran konnte Jesus kein Gefallen haben und Er treibt sie hinaus, um allein mit den Eltern und seinen drei Jüngern bei dem Mädchen zu sein.

Auch heute ist es noch so, dass man Trauer zu überspielen versucht. Kürzlich las ich davon, dass in Brasilien viele Menschen bereit sind, umgerechnet bis zu 18.000 Euro für einen Beerdigungsevent auszugeben. Da geht es nicht mehr um Trauer, sondern darum, diese zu vertreiben. Hier stellen diese „Flötenspieler“ vorbildlich den Teil des Volkes Israel dar, der ohne jeglichen Glauben versucht, den „eigenen Tod“, den persönlichen traurigen Zustand, zu übertünchen. Aber sie können den Herrn Jesus nicht daran hindern, sein Werk an dieser Tochter zu tun.

Obwohl der Herr natürlich wusste, dass die Tochter gestorben war, sagt Er: „Sie schläft.“ So ist es auch mit Israel. Das Volk „schläft“ – aber der Herr wird sich wieder um sein irdisches Volk kümmern und es auferwecken. Wie muss es den Retter getroffen haben, dass sie Ihn wegen dieses Ausspruchs „verlachten“. Dies gehörte zu den Leiden, die Er während seines ganzen Lebens geduldig ertrug. „Er war verachtet ... von den Menschen, ein Mann der Schmerzen und mit Leiden vertraut“ (Jes 53,3) – Er, der Herr über Leben und Tod.

Es handelt sich hier um die zweite Totenauferweckung durch den Herrn Jesus. Das Kind der Witwe in Nain (Lk 7) hatte Er schon auferweckt; später wird noch Lazarus folgen (Joh 11). Was für eine gewaltige Kraft dafür notwendig ist, einen Menschen aus dem Tod ins Leben zu rufen, kann man nicht ausdrücken. Der Bibeltext sagt schlicht: „Und er ergriff ihre Hand; und das Mädchen stand auf.“ Das sind inhaltsschwere Worte, deren gewaltiges Ausmaß man nur erahnen kann, wenn man über den Gegensatz von Tod und Leben nachdenkt.

Kann man sich noch wundern, wenn man liest: „Und die Kunde hiervon ging aus in jenes ganze Land“? Wo gab es das, dass Tote auferweckt wurden? Das war allein durch göttliche Kraft möglich: „Denn wie der Vater die Toten auferweckt und lebendig macht, so macht auch der Sohn lebendig, welche er will“ (Joh 5,21).

Nur einer spricht nicht von diesen Vorgängen: der Handelnde. Sein Werk geht weiter. Die nächste Aufgabe wartet auf Ihn. Er wartet nicht auf die Bewunderung der Menschen. Er wartet auf solche, die sich Ihm im Glauben anschließen wollen. Der gewaltige Ruf vor Menschen ist nicht seine Sache. Er sucht das Herz, nicht das Erstaunen.

Zum Abschluss sei noch darauf hingewiesen, dass die Berichte im Markus- und Lukasevangelium wieder deutlich detaillierter ausfallen (Mk 5,21–43; Lk 8,40–56). Hier in Matthäus geht es dem Herrn darum, den Haushaltungswechsel zu zeigen. Im Markusevangelium lernen wir etwas über den großartigen Dienst des Herrn, der die Frau und das Mädchen nicht im Elend lassen will. Dort sehen wir immer wieder, dass die Patienten mit ihrer ganzen Krankheitsgeschichte beschrieben werden, wogegen Matthäus mehr den Arzt und seine Herrlichkeit darstellt. Im Lukasevangelium wiederum sehen wir das Mitgefühl eines Menschen, der die Elenden nicht ihrem Schicksal überlassen will. Er hat ein Herz für uns Menschen.

Verse 27–31: Zwei Blinde werden sehend

„Und als Jesus von dort weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien und sprachen: Erbarme dich unser, Sohn Davids! Als er aber in das Haus gekommen war, traten die Blinden zu ihm; und Jesus spricht zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie sagen zu ihm: Ja, Herr. Dann rührte er ihre Augen an und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben. Und ihre Augen wurden aufgetan; und Jesus gebot ihnen ernstlich und sprach: Gebt Acht, niemand erfahre es! Sie aber gingen umher und machten ihn bekannt in jenem ganzen Land“ (Verse 27–31).

Nun folgen noch zwei Begebenheiten, die thematisch zu den Belehrungen gehören, die wir bislang in diesem Kapitel betrachtet haben: die Heilung zweier Blinder und die Heilung eines Stummen. Ihre besondere Bewandtnis wird dadurch unterstrichen, dass sie ausschließlich im Matthäusevangelium zu finden sind. In beiden Fällen geht es in erster Linie darum, ein Bild des Zustands Israels zu zeichnen, wie der Herr ihn vorfand, als Er zu seinem Volk auf diese Erde als der Emmanuel, Gott mit uns, kam. Diese Ereignisse stellen uns zwei Formen des Widerstands gegen Christus vor. Aber sie zeigen dem Volk auch noch einmal Wege auf, gerettet und geheilt zu werden. Aus diesem Volk, das geistlich gesprochen blind war, könnte ein sehendes Volk werden; aus den Stummen könnte ein Volk werden, das Gott lobt und preist.

Dass erneut Israel im Blickfeld steht, wird durch die Erwähnung von „zwei“ Blinden deutlich.3 Schon bei den beiden Gergesenern haben wir gesehen, dass der Heilige Geist in unserem Evangelium von einem für einen Israeliten ausreichenden Zeugnis spricht, indem Er mindestens zwei Zeugen dieser Wunder benennt.

In seiner Blindheit war das Volk nicht imstande, das in der Person Jesu gekommene Licht zu erfassen. Nur unter der Einwirkung seiner Macht ist dies möglich. Davon lesen wir in Sacharja 12,10: „Und ich werde über das Haus David und über die Bewohner von Jerusalem den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen; und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen gleich der Wehklage über den einzigen Sohn und bitterlich über ihn Leid tragen, wie man bitterlich über den Erstgeborenen Leid trägt.“ Diese Wehklage ist für das Volk, das heute noch Prophezeiungen wie Jesaja 53 und Sacharja 12 und 13 nicht auf den Herrn Jesus beziehen will, die Voraussetzung dafür, dass sie sich selbst als diejenigen erkennen, die den wahren Messias ans Kreuz gebracht haben. Bis dahin haben sie eine „Decke“ auf ihrem Herzen: „Aber bis auf den heutigen Tag, wenn irgend Mose gelesen wird, liegt die Decke auf ihrem Herzen. Wenn es aber zum Herrn umkehren wird, so wird die Decke weggenommen“ (2. Kor 3,14.15).

Zum ersten Mal in diesem Evangelium lesen wir, dass Menschen den Herrn Jesus mit dem Titel anreden, den Er sich selbst in dem ersten Vers dieses Bibelbuches gegeben hat: Sohn Davids. Das ist insofern erstaunlich, als es sich um Menschen handelt, die den König gar nicht sehen konnten, die also nur vom Hörensagen wissen konnten, was dieser bislang alles bewirkt hat. Vers 27 leitet mit einer zeitlichen Bestimmung ein – „Als Jesus von dort weiterging“ – so dass wir sicher sein können, dass sich diese Begebenheit im Anschluss an die Auferweckung der Tochter des Jairus abspielte. Es waren also schon eine ganze Reihe von Wundern des Herrn geschehen, von denen diese beiden Männer erfahren haben konnten.

Obwohl die beiden Blinden also von Jesus nur hören konnten, hatten sie – im Gegensatz zu den Pharisäern, Schriftgelehrten und auch zum Volk im Allgemeinen – dennoch erkannt, wer hier wirkte. Wir können an das denken, was der Herr seinem zweifelnden Jünger Thomas sagte: „Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!“ (Joh 20,29) Und zu Martha sagte Er: „Wenn du glauben würdest, so würdest du die Herrlichkeit Gottes sehen“ (Joh 11,40). Genau das traf auf diese Blinden zu. Manchmal ist es für Menschen leichter, die Herrlichkeit des Herrn anzunehmen, wenn sie einer gewissen Einschränkung unterliegen. Vielleicht ist es auch einfacher, wenn man unleugbar hilfsbedürftig ist wie diese beiden Menschen. Sie kannten den König David aus den geschichtlichen Berichten des Alten Testaments und merkten offenbar sofort, dass hier derjenige vor ihnen stand, der in den Fußspuren dieses großen Königs lief. Es regierte zwar in Israel aktuell ein König – Herodes. Da dieser aber ein Edomiter war, gab es keinen Juden auf dem Thron Davids. Was für ein Beweis ihres Glaubens, dass sie Jesus diesen Platz zusprachen!

Sie kamen zur richtigen Person. Denn Jesus war wirklich der Sohn Davids, der die Weissagungen des Alten Testaments erfüllte: „Ich, der Herr, ich habe dich gerufen in Gerechtigkeit und ergriff dich bei der Hand; und ich werde dich behüten und dich setzen zum Bund des Volkes, zum Licht der Nationen, um blinde Augen aufzutun, um Gefangene aus dem Kerker herauszuführen, und aus dem Gefängnis, die in der Finsternis sitzen“ (Jes 42,6.7).

Diese blinden Männer traten zum Herrn Jesus, als Er „in das Haus gekommen war“. Sie waren Ihm bereits eine Weile mit Geschrei gefolgt, dann aber offenbar zu ihrem eigenen Haus gelangt und dort eingetreten. Welches andere Haus hätten sie sonst betreten können, ohne Aufsehen zu erregen? Genau in dieses Haus geht dann aber auch Jesus. Das scheint einen Grundsatz zu illustrieren: Der Herr öffnet für Menschen immer wieder den Weg, auf dem sie zu Ihm kommen und Heilung erfahren können. Er kommt zu ihnen – Er ist zu ihnen ins Haus gekommen, um sie zu heilen. Aber wollen muss der Mensch selbst. So auch hier. Christus tritt ins Haus ein, nachdem Er ihr Rufen gehört hat. Aber dann mussten diese Männer aktiv werden; darauf wartete der Herr. Und sie kamen und traten zu Ihm hin.

Glaube wird geprüft

Aber nicht genug damit. Er prüft auch ihren Glauben. Wenn es wenigstens einen kleinen Glauben gibt, lässt der Herr keinen Menschen im Stich. Wenn Er aber in göttlicher Weisheit sieht, dass ein großer Glaube vorhanden ist, dann prüft Er diesen, um ihn zum Vorschein kommen zu lassen. So auch hier. „Glaubt ihr, dass ich dies tun kann?“ Man möchte als Beobachter fragen: Was meint Er mit „dies“? Sie hatten ja lediglich um „Erbarmen“ gebeten. Aber zwischen dem Herrn und diesen Männern war klar: Erbarmen hieß nichts anderes, als dass Er aus Blinden Sehende machte.

Was für eine großartige Antwort geben die beiden: „Ja, Herr.“ Kürzer und prägnanter kann man nicht antworten. Sie trauen dem Herrn alles zu, auch zu ihren Gunsten. Sie sagen nicht: „Wenn du willst ...“, wie es der Aussätzige getan hatte (Mt 8,2). Sie haben volles Vertrauen zu Christus. Sie wissen, mit wem sie es zu tun haben: Mit ihrem Herrn! Ob das auch unsere Haltung ist, wenn wir zu Ihm kommen?

Christus rührt ihre Augen an und heilt sie: „Euch geschehe nach eurem Glauben.“ Sie hatten Glauben, und dieser wird belohnt. So handelt der Herr immer, wenn Er Glauben findet. Dieser wird geprüft und belohnt. Ob wir deshalb so wenig Gebetserhörungen haben, weil unser Glaube so schmal geworden ist? Wir leben in der Zeit, in welcher der Glaube das entscheidende Instrument in unserer Hand ist, im Unterschied zu der jüdischen Haushaltung, wo es mehr um Schauen und Anrühren ging. Doch ist unser Glaube oft viel kleiner als der dieser beiden Blinden, obwohl wir viel mehr besitzen: den Blick auf das vollbrachte Erlösungswerk. Eine solche Haltung ist traurig und verunehrt unseren Herrn.

Der Herr fordert Gehorsam

Der Herr Jesus möchte nicht, dass die Kunde von seinem Wirken durch diese Menschen weitergetragen wird. Wir haben schon zuvor gesehen, dass das Wirken des König-Jahwes nicht verborgen bleiben konnte. Aber Er wollte keinen Volksauflauf herbeiführen und die Neugier der Volksmengen weder erregen noch befriedigen. Er war gekommen, um den Bedürfnissen der Sünder zu entsprechen – das war seine Aufgabe. Daher gebietet Er diesen Männern sehr klar, nichts von ihrer Heilung herumzuposaunen.

Doch jetzt erkennen wir unser menschliches Herz. Eben noch hatten die beiden Menschen Ihn „Herrn“ genannt und damit deutlich gemacht, dass sie Ihm Gehorsam schuldig waren. Jetzt aber handelten sie im Gegensatz dazu und erzählen überall von ihrer wunderbaren Heilung. Man möchte – menschlich – sagen: Das ist doch verständlich! Wer eine solch große Rettung erlebt hat, der kann doch nicht schweigen. Schon recht. Aber wenn der Meister sagt: „Nein!“, dann haben wir zu schweigen, auch wenn wir noch so gerne reden wollen. Ob uns das immer bewusst ist, auch zum Beispiel bei Verkündigungen des Wortes Gottes? Nicht der, der für einen Dienst scheinbar prädestiniert erscheint, soll reden, sondern der, den der Herr für exakt diesen Augenblick dazu berufen hat.

Der Glaube dieser beiden Menschen ist gewaltig. Doch wird er überschattet und auch befleckt durch diese Handlung des Ungehorsams. Schade! Wie oft ist das auch in unserem Leben so: Eine Tat des Glaubens findet ihr Ende in einer Handlung des Ungehorsams. Wir sollten aus dieser Begebenheit auch in dieser Hinsicht lernen.

Verse 32–35: Die Heilung des Stummen wird Satan zugeschrieben

„Als sie aber weggingen, siehe, da brachten sie einen stummen Menschen zu ihm, der besessen war. Und als der Dämon ausgetrieben war, redete der Stumme. Und die Volksmengen verwunderten sich und sprachen: Niemals wurde so etwas in Israel gesehen. Die Pharisäer aber sagten: Durch den Fürsten der Dämonen treibt er die Dämonen aus. Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen“ (Verse 32–35).

Mit diesen vier Versen kommen wir zum vorerst letzten Wunder, von dem Matthäus spricht. Das ist kennzeichnend für die folgenden Abschnitte. Es ist traurig zu sehen, wie die Führer des Volkes auf das Wirken des Herrn reagieren: mit schrecklichster Ablehnung!

Das Volk Israel war nicht nur blind in Bezug auf Gott und den eigenen Zustand. Es war auch nicht in der Lage, Gott zu loben in einer Weise, die Gott annehmen konnte. Denn es war stumm wie dieser Mensch. So konnte das Volk nichts sagen über die Herrlichkeit, die ihm in Christus erschienen war, über die Liebe, die zu ihm gekommen war.

Wie gut, dass der Herr trotzdem helfen kann und will. Erneut wird ein Kranker zu Ihm gebracht. Das ist, wie wir schon durch andere Beispiele gesehen haben, kein Einzelfall:

  • „Und sie brachten zu ihm alle Leidenden, die von mancherlei Krankheiten und Qualen geplagt waren, und Besessene und Mondsüchtige und Gelähmte; und er heilte sie“ (Mt 4,24).
  • „Als es aber Abend geworden war, brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus mit einem Wort, und er heilte alle Leidenden“ (Mt 8,16).
  • „Und siehe, sie brachten einen Gelähmten zu ihm“ (Mt 9,2).
  • „Da brachten sie einen stummen Menschen zu ihm, der besessen war“ (Mt 9,32).

Später werden noch andere zu Ihm gebracht (Mt 12,22; 14,35; 19,13). Insgesamt gibt es somit sieben Beispiele, wo Kranke zu Ihm gebracht werden, die alle geheilt bzw. gereinigt werden. An keiner Stelle wird der Name der Träger und Führer genannt. Sie verrichten diesen wichtigen Dienst sozusagen verborgen und in aller Stille – aber sie tun ihn. Das ist beispielhaft für uns. Oft benutzt der Herr mehrere Menschen – gleichzeitig oder nacheinander – um einem Menschen nachzugehen, bis dieser bereit ist, sich „zu Ihm“ bringen zu lassen. Wohl dem, der solche Freunde besitzt.

Als dieser stumme Mann zu Ihm gebracht wurde, zeigt der Herr die Ursache seiner Stummheit an, auch wenn diese für andere Menschen nicht einsehbar war: Er hatte einen Dämon. Der Herr sieht eben tiefer – auch heute, wenn es um die wahren Ursachen für Krankheit und Versagen geht. Manchmal erkennen wir solche tieferen Gründe nicht, wenn wir selbst krank sind oder in Problemen stecken. Andererseits aber möge Gott uns davor bewahren, bei jedem Kranken sofort eine Sünde zu vermuten. Der Herr Jesus selbst macht an anderer Stelle klar (z. B. Joh 9), dass dieser Gedanke verkehrt ist. Aber es gibt immer wieder tiefergehende Ursachen für eine Krankheit. Dafür sollten wir uns die Augen öffnen lassen.

In diesem Fall lag die Ursache der Stummheit in einem Dämon. Dieser Hinweis lässt uns an die Ursache der „Stummheit“ des Volkes Israel denken. Sie waren für Gott unbrauchbar und nicht imstande, Ihn zu loben und anzubeten, weil sie Gott aus ihrer Mitte ausschlossen, dafür aber Satan und seine Instrumente aufnahmen. Sie öffneten sich den satanischen Einflüssen und verwarfen den von Gott gesandten Messias. Während wir keinen Hinweis finden, dass sich dieser Mensch von sich aus okkulten Einflüssen ausgesetzt hätte, ist das beim Volk Israel anders. Ihnen war die Gegenwart Satans lieber als das Wirken des Sohnes Gottes (vgl. Mt 8,28–34).

Aber es gibt die Möglichkeit, diesen Zustand zu beenden, wenn man seine Stummheit erkennt, seine Schuld einsieht und zum Herrn Jesus kommt. Dieser Mensch wird zu Ihm gebracht, aber der Herr behandelt nicht etwa die Stummheit als solche, sondern befreit ihn von der eigentlichen Ursache derselben: Er treibt den Dämon aus. Und was für ein Wunder: Sofort kann dieser Mann reden. Er muss es nicht erst lernen. So macht es der Herr auch in unserem Leben: Er geht bis an die Wurzel unseres Versagens und ist bemüht, uns zu einem umfassenden Bekenntnis zu führen. Dann können auch wir wieder ungehindert „reden“, das heißt Gott loben und preisen.

Diese wunderbare Heilung führt zu einer Verwunderung bei dem Volk: „Niemals wurde so etwas in Israel gesehen.“ Das war wahr! Aber was machte das Volk aus dieser Erkenntnis? Nahmen sie Christus als König und Herrn an? Fielen sie Ihm zu Füßen? Jesus sagt an anderer Stelle, dass Er selbst wusste, was in dem Menschen ist (Joh 2,24.25). Er erkannte, dass es nur eine Verwunderung, nicht aber eine Bewunderung seiner Person war. Seine Wunder kamen äußerlich an. Aber das Herz blieb unerreicht. Deshalb wollte der Heiland auch nicht, dass man seine Werke öffentlich machte!

Wenn man dann aber zur Reaktion der Pharisäer kommt, kann man nur erschrecken. Sie bringen den Herrn hier zum ersten Mal mit Satan in Verbindung. Hatten sie nicht erkannt, dass Gott hier in der Person Jesu zu seinem Volk gekommen war, „umhergehend, wohltuend und alle heilend, die von dem Teufel überwältigt waren; denn Gott war mit ihm“ (Apg 10,38)? Natürlich hatten sie das gesehen und erlebt. Sie wussten das auch in ihrem Inneren. Aber sie wollten sich dem Herrn nicht beugen, sondern auf ihren eigenen Vorrechten bestehen. Daher kommen sie in ihrer inneren Verblendung und Wut dazu, die Kraft des Heiligen Geistes als Kraft Satans zu bezeichnen. Was für ein Irrtum, was für eine Unverfrorenheit!

Jesus setzt seinen Dienst fort (Vers 35)

Man kann nur staunen, dass der Herr (noch) nicht auf diese Unverschämtheit und Gottlosigkeit reagiert. Seine Antwort, so wie Matthäus sie uns zeigt, ist, dass Er seinen Dienst in Demut weiter fortsetzt. Er verfolgt nicht die eigene Ehre, sondern die Ehre dessen, der Ihn gesandt hat. Daher hat Er aus Blinden Sehende gemacht, so dass sie etwas von der Herrlichkeit des Sohnes Gottes und damit auch des Vaters erkennen konnten. Deshalb hat Er den Stummen gesund gemacht, damit dieser mit dem eigenen Mund Gott loben und Ihm danksagen konnte.

Aus diesem Grund wirkt der verachtete, hinausgeworfene Christus auch jetzt weiter. Wir erinnern uns an Kapitel 4,23, wo dieser Vers in nahezu gleichem Wortlaut wiederzufinden ist. Dort ging es um eine Überschrift über den gesamten Dienst des Herrn in Israel. Jetzt wird dies noch einmal wiederholt. Der Herr diente seinem Volk.

  1. Zunächst einmal diente Christus den Seinen, indem Er in den Synagogen lehrte. Er legte das Wort Gottes aus, wie man es beispielsweise in Lukas 4 nachlesen kann. Es lag Ihm daran, dass die Juden seiner Zeit ein zunehmendes Verständnis über das hatten, was Gott ihnen durch sein Wort sagen wollte. Gott war mit Ihm – Er sprach die Botschaft Gottes zu seinem Volk aus.
  2. Dann predigte Er das Evangelium des Reiches. Denn trotz seiner Verwerfung hatte Er die Verkündigung dieses Königreich nicht aufgegeben. Obwohl die Obersten des Volkes ständig Widerstand leisteten, war es sein Wunsch, dass auf dieser Erde ein Reich aufgerichtet würde, in dem die göttlichen Gedanken verwirklicht werden. Es gab nur einen Weg in dieses Königreich: Buße und Bekehrung.
  3. Er heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen. Das steht nicht an erster, sondern an dritter Stelle. Nicht die Wunder standen im Mittelpunkt, sondern das Wort Gottes. Die Zeichen waren der Beweis, dass Gott in Christus wirkte, die Welt mit sich selbst versöhnend.

Die Selbstlosigkeit dieses Königs, der Gott ist, hätte jeden Menschen zur Bewunderung führen müssen. Dass es nicht so war, lesen wir in den folgenden Kapiteln.

Bevor wir uns aber mit dem Ende von Kapitel 9 (das thematisch zu Kapitel 10 gehört) und den weiteren Kapiteln beschäftigen, schauen wir uns zunächst noch wichtige Themen an, die sich durch die verschiedenen Abschnitte des 9. Kapitels ziehen. Wir nehmen den letzten Abschnitt von Kapitel 8 zu dieser Betrachtung hinzu, auch wenn wir ihn bereits ausführlich in Kapitel 8 überdacht haben. Er scheint thematisch sowohl zu Kapitel 8 als auch zu Kapitel 9 zu gehören.

Die Themen, die wir uns jetzt vornehmen, seien genannt:

  1. Die Macht des Bösen
  2. Die Gnade in ihrem Reichtum
  3. Die Zustandsbeschreibung des Volkes Israel
  4. Belehrungen zur Nachfolge
  5. Die Herrlichkeit der Person Christi

Die Macht des Bösen

1. Die Macht Satans (Kapitel 8,28–34)
In der Schlussbegebenheit von Kapitel 8 lernen wir die Macht Satans in Gestalt der Besessenen kennen. Satan ist imstande, Menschen vollkommen zu beherrschen, wenn sie sich ihm öffnen. Hier sehen wir auch, welche Folgen diese Macht Satans für einen Menschen und seine Umgebung hat. Alles ist vom Tod gekennzeichnet (Grüfte); niemand ist in der Lage, dieser Macht zu begegnen.

2. Die Macht der Sünden (Kapitel 9,1–8)
Die erste Begebenheit in Kapitel 9 stellt uns die Macht der Sünden vor. Ein Mensch, der in seinen Sünden lebt, ist unfähig, ein Leben in äußerer Kraft zu führen. Er ist wie gelähmt und nicht in der Lage, sein Leben selbst zu bestimmen. Die Ursache für Kraftlosigkeit und Hilflosigkeit besteht in den Sünden der Menschen. Der Herr Jesus sagt an anderer Stelle: „Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht“ (Joh 8,34). Wir können in diesem Zusammenhang an Mephiboseth denken, den Sohn Jonathans. Auch er war gelähmt. Er selbst war schuldlos an dem Unfall, der zu seiner Lähmung führte. So steht er stellvertretend für den natürlichen Menschen, der wegen seiner sündigen Natur der Macht der Sünden unterliegt, wobei er für seine sündige Natur nicht verantwortlich ist, wohl aber für seine Taten. Aber durch die Gnade Davids – durch die Gnade Jesu – wurde Mephiboseth zu einem im Glauben kraftvollen Mann. Im Unterschied zu Punkt 6 steht in diesem Fall die Ursache für die äußere Folge der Sündhaftigkeit – die Kraftlosigkeit – im Mittelpunkt: seine sündigen Taten, die den Menschen unfähig machen, Gott zu dienen.

3. Die Macht der Selbstgerechtigkeit (Verse 9–13)
Zunächst lernen wir hier, wie ein Mensch, hier Matthäus, in die Nachfolge des Herrn gestellt wird. In diesem Zusammenhang belehrt uns dieser Abschnitt über die Macht der Selbstgerechtigkeit, die Menschen in ihren Worten und in ihrer Gesinnung beseelen kann. Diese Pharisäer hielten sich für gesund und merkten nicht, dass sie von der Fußsohle bis zum Scheitel krank und sündig waren. In ihrer Selbstgerechtigkeit schauten sie auf die Zöllner und Sünder herab und merkten gar nicht, dass ihre Selbstgerechtigkeit sie gerade zu der Gruppe von Menschen gehören ließ, über die sie sich stellten – denn Selbstgerechtigkeit ist Sünde.

4. Die Macht des Gesetzes (Verse 14–17)
In diesen vier Versen lernen wir etwas über die Macht des Gesetzes und der Gesetzlichkeit. Der Herr Jesus deutet nicht nur an, dass Er etwas Neues schaffen würde, das im Gegensatz zu dem Gesetz stünde. Er zeigt in diesen Versen auch, dass eine Vermischung von Gnade und Gesetz nicht nur die Gnade zerstört, sondern zugleich den göttlichen Gedanken über das Gesetz nicht gerecht wird. Die Macht dieses Gesetzes zerstört die göttliche Gnade in ihrer Wirkung auf den Menschen, wenn sich jemand in der heutigen Gnadenzeit unter Gesetz stellt. „Wenn aber durch Gnade, so nicht mehr aus Werken; sonst ist die Gnade nicht mehr Gnade“ (Röm 11,6). Die Macht des Gesetzes ist so groß, dass wir als Gläubige aufgefordert werden, für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen (vgl. Jud 3), um diesen Glauben auf der Basis der Gnade nicht zerstört werden zu lassen. Auch an anderen Stellen zeigt Paulus, dass wir eine Vermischung von Gnade und Gesetz nicht zulassen dürfen (vgl. 1. Tim 1,5–9).

5. Die Macht des Todes (Verse 18–26)
Der Tod besitzt eine solche Macht, dass er jeden Menschen früher oder später in die Knie zwingt. So auch dieses Mädchen, das dem Tod nicht ausweichen kann. Der Tod ist zu jedem Menschen durchgedrungen (vgl. Röm 5,12) – das zeigt seine gewaltige Macht. Aber wie gut, dass wir wissen dürfen: „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise daran teilgenommen, damit er durch den Tod den zunichte machte, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel, und alle die befreite, die durch Todesfurcht das ganze Leben hindurch der Knechtschaft unterworfen waren“ (Heb 2,14.15).

6. Die unauslöschlichen, sichtbaren Auswirkungen der Macht der Sünde (Verse 20–22)
Auch die sündige Natur, der alte Mensch, übt eine gewaltige Macht über den Menschen aus. Das lernen wir in der Begebenheit mit der blutflüssigen Frau. Sie erlitt diese Krankheit aufgrund der Folgen der so genannten „Erbsünde“, die von Adam und Eva anfangend zu allen Menschen durchgedrungen ist (vgl. Röm 5,19). So, wie ihr Blutfluss nicht versiegte, kommt aus dieser von Adam geerbten sündigen Natur ständig das Böse, die sündige Tat, hervor. Diese Macht ist so groß, dass sich ein Mensch selbst bei größter Anstrengung nicht davon befreien kann. Während im Fall des Gelähmten die Ursache der Kraftlosigkeit – seine Sünden – betont wird, werden in diesem Abschnitt die Sünden als eine Folge der in dem Menschen wohnenden Sünde betont.

7. Die Macht der Sünde (Verse 27–31)
Es gibt in der Schrift einen Unterschied zwischen Sünde und Sünden (Punkt 6). Sünden sind die Taten, Sünde ist die Quelle, der Ursprung. Wir denken an Johannes 9, wo selbst die Jünger den Herrn angesichts der Blindheit eines Mannes fragten: „Wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?“ (Joh 9,1). Seine Blindheit, so nahmen die Jünger an, sei die Folge einer oder mehrerer Sünden dieses Mannes gewesen, was der Herr Jesus aber verneint. Stattdessen geht Er am Ende von Johannes 9 noch einmal auf die Ursache von Blindheit ein: „Wenn ihr blind wäret, so hättet ihr keine Sünde; nun aber, da ihr sagt: Wir sehen, bleibt eure Sünde“ (Vers 41). Die beiden Blinden in Matthäus 9 bitten den Herrn Jesus nicht darum, ihre Augen zu heilen. Ihnen geht es sozusagen nicht um die Folgen der Sünde, sondern um die Wurzel, die Sünde. Sie bitten um Erbarmen, um Barmherzigkeit. Sie erkennen, dass ihr persönlicher Zustand Barmherzigkeit vonseiten des Herrn nötig machte. So sehr hatte die Sünde Gewalt über den Menschen.

8. Die Macht des Unglaubens (Verse 32–35)
Die Führer des Volkes Israel hatten sich im Unglauben von Jesus abgewandt. Sie wollten nicht auf Gott und seinen Sohn, Jesus Christus, hören. Ihr Unglaube ist so groß – er kommt einem regelrechten Abfall von Gott gleich –, dass sie das Wirken des Geistes Gottes Satan zuschreiben. So groß kann die Macht des Unglaubens auf einen Menschen wirken, dass er das Gute böse nennen will. Was für ein Wunder der Gnade, dass die Antwort des Herrn nicht sofort Gericht ist, sondern dass Er in Treue weiter seinen Dienst tut (Vers 35).

Die Gnade in ihrem Reichtum

Der Herr setzt der Macht des Bösen den Reichtum seiner Gnade entgegen. Es ist gewaltig, wie diese Gnade in der Lage ist, das Böse zu überwinden – bis heute!

1. Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus (Röm 16,20)
In dem Abschnitt mit den zwei Gergesenern (Kapitel 8,28–34) haben wir die Macht Satans erkannt. Aber die Gnade kann diese Macht überwinden. Das finden wir in dieser Begebenheit, wo der Herr Satan seine Beute entreißt. „Der Gott des Friedens aber wird in kurzem den Satan unter eure Füße zertreten. Die Gnade unsers Herrn Jesus Christus sei mit euch!“ (Röm 16,20). Diese Gnade hat Christus eingesetzt, um die Besessenen zu befreien. Satan konnte sie nicht halten. Das Werk der Gnade war stärker.

2. Die vergebende Gnade (Eph 1,6.7)
Der Herr Jesus vergab dem Gelähmten (Verse 1–8) seine Sünden. Das kann nur auf der Grundlage des Erlösungswerkes des Herrn Jesus und durch die göttliche Gnade geschehen. In Christus hat uns Gott begnadigt, „indem wir die Erlösung haben durch sein Blut, die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade“ (Eph 1,6.7). Gott vergibt uns unsere Sünden, weil unser Retter die Strafe für diese Sünden in den drei Stunden der Finsternis am Kreuz auf sich genommen hat und gestorben ist (vgl. Heb 9,22). Selbst der Angriff der Agenten Satans, der Schriftgelehrten, war nicht in der Lage, dieses Werk der Gnade Gottes zu verhindern.

3. Die rettende Gnade (Eph 2,8.9)
Wer sich in Selbstgerechtigkeit sonnt, wie es die Pharisäer in Verbindung mit der Berufungsgeschichte Levis (Verse 9–13) getan haben, hat noch nicht erkannt, dass es keine Gerechtigkeit im Menschen gibt. Alles ist reine Gnade – wir haben nicht den Hauch eines Verdienstes. Niemand kann sich etwas auf sich selbst einbilden – es ist nur Ruin vorhanden. „Denn durch die Gnade seid ihr errettet, mittels des Glaubens; und das nicht aus euch, Gottes Gabe ist es, nicht aus Werken, damit niemand sich rühme“ (Eph 2,8.9). Die Kranken, die Sünder, sind sich dessen bewusst und suchen den Arzt, den Retter auf. Die Starken und Gesunden meinen, Gnade nicht nötig zu haben. So bleiben sie außerhalb des Bereichs der Gnade und werden nicht gerettet. Das heißt, sie gehen ewig verloren!

4. Die Gnade Gottes im Gegensatz zum Gesetz (Gal 2,21)
Wer auf das Gesetz vertraut und dieses zur Lebensregel für Christen machen möchte, der muss erkennen, dass er Gott gegen sich hat (Verse 14–17). Gott hat das Gesetz gegeben, aber Er hat auch die Gnade geschenkt. Für den gläubigen Christen hat Er das Gesetz beiseitegesetzt, da es die Gnade zerstört. „Ich mache die Gnade Gottes nicht ungültig; denn wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben“ (Gal 2,21). Die Gnade Gottes ist die richtige Antwort auf die gesetzliche Haltung des Menschen. Gott lässt eine Vermischung der Grundsätze von Gnade und Gesetz nicht zu. Neuer Wein gehört in neue Schläuche – darauf besteht der Herr Jesus.

5. Die Überfülle von Gnade (Röm 5,17)
Wenn der Tod wie bei der Tochter des Jairus seine Macht entfaltet (Verse 18–26), dann ist eine Überfülle an Gnade notwendig, um ihm die Beute zu entreißen: „Denn wenn durch die Übertretung des einen der Tod durch den einen geherrscht hat, so werden viel mehr die, welche die Überfülle der Gnade und der Gabe der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den einen, Jesus Christus“ (Röm 5,17). In Christus wird diese Überfülle der Gnade personifiziert, indem Er bereit ist, dieses Mädchen aufzuerwecken. Natürlich ist für eine solche Totenauferweckung auch eine Überfülle an Kraft und Macht notwendig, doch dürfen wir nicht übersehen, dass vonseiten Gottes auch eine Überfülle von Gnade vorhanden sein muss, um diesen Beweis der Macht des Todes und der Sünde zu zerstören.

6. Die Gnadengabe (Röm 5,16)
In dem Beispiel der blutflüssigen Frau haben wir gesehen, dass die alte, sündige Natur und der alte Mensch eine Macht über den unbekehrten Menschen haben (Verse 20–22). Um diese Macht zu brechen, reicht es nicht, nur etwas zu korrigieren. Eine direkte Gnadengabe ist notwendig. Die hat Gott in dem Herrn Jesus auch dieser Frau geschenkt: „Und ist nicht wie durch einen, der gesündigt hat, so auch die Gabe? Denn das Urteil war von einem zur Verdammnis, die Gnadengabe aber von vielen Übertretungen zur Gerechtigkeit“ (Röm 5,16). Durch die Sünde des Einen, Adam, ist die Sünde zu allen durchgedrungen. Die Folgen der Sünde spürt jeder Mensch in seinem Leben. Aber mit noch viel größerer Macht ist die Gnadengabe des Einen gekommen, der unsere vielen Sünden zum Anlass für unsere Rechtfertigung genommen hat. So hat der Herr dieser Frau die Gnadengabe eines neuen Lebens, einer neuen Natur geschenkt. Das wird bildlich deutlich dadurch, dass sie nicht mehr blutflüssig war.

7. Die überreichliche Gnade (Röm 5,20)
Die Macht der Sünde haben wir in den beiden blinden Menschen gesehen (Verse 27–31). Die Sünde, die dazu führt, dass der Mensch über den eigenen Zustand, das Licht und die Liebe Gottes blind ist, hält ihn in Gefangenschaft. Aber dann kam der Herr Jesus, der die Blinden sehend machte und der in seiner überreichlichen Gnade auch uns ein tiefes Verständnis gegeben hat. „Wo aber die Sünde überströmend geworden ist, ist die Gnade noch überreichlicher geworden, damit, wie die Sünde geherrscht hat im Tod, so auch die Gnade herrsche durch Gerechtigkeit zu ewigem Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn“ (Röm 5,20.21). Die Sünde war überströmend. Aber die Antwort Gottes ist noch gewaltiger – die Gnade ist überreichlich geworden.

8. Die überströmende Gnade (1. Tim 1,13.14)
In der Begebenheit, in welcher der Herr Jesus den Dämon des stummen Menschen austreibt, haben wir die Macht des Unglaubens aufseiten der Pharisäer gesehen, die nicht zugeben wollten, dass Gott in Christus hier wirksam war (Verse 32–35). Aber die überströmende Gnade Gottes übersieht hier den Unglauben, um den gepeinigten Menschen zu retten. Eine solche Art von Gnade kann sogar Herzen überwinden, die über eine zeitlang am Unglauben festhalten wollen. „Der ich zuvor ein Lästerer und Verfolger und Gewalttäter war. Aber mir ist Barmherzigkeit zuteil geworden, weil ich es unwissend im Unglauben tat. Über die Maßen aber ist die Gnade unseres Herrn überströmend geworden mit Glauben und Liebe, die in Christus Jesus sind“ (1. Tim 1,13.14). Ob vielleicht auch einer der hier lästernden Pharisäer noch durch die überströmende Gnade des Herrn berührt worden ist?

Die Zustandsbeschreibung des Volkes Israel

In diesen Abschnitten finden wir auch eine Beschreibung des Zustands des Volkes Israel. Diese mag niederschmetternd wirken. Aber das Großartige ist: Gott zeigt uns, dass es für ein solches Volk Rettung geben kann. Christus, der Gesalbte Gottes, ist der Garant dafür, dass das Volk Israel doch noch zu Heilung, Rettung und Glauben geführt wird. Es gibt eine gesegnete Zukunft für Israel, wie diese Begebenheiten fast ausnahmslos zeigen. Im Blick auf den moralischen und geistlichen Zustand, wie er hier sichtbar wird, haben wir Christen keinen Anlass, mit dem Finger auf das Volk Israel zu zeigen. Denn der heutige Zustand der Christenheit müsste mit noch düstereren Worten beschrieben werden.

1. Von Satan inspiriert (Kapitel 8,28–34)
Im ersten Abschnitt lernen wir, wie das Volk von Satan inspiriert und besessen ist. Den Beweis liefern zwei Männer, ein ausreichendes Zeugnis des Zustands des Volkes. Muss das Volk nicht von Satan besessen gewesen sein, wenn wir bedenken, dass es seinen eigenen, vollkommen gerechten König ans Kreuz bringt, der ihnen nichts als Gutes erwiesen hat?

2. Unfähig für Gottesdienst (Kapitel 9,1–8)
Der zweite Abschnitt zeigt uns den Gelähmten. Er ist durch völlige Kraftlosigkeit gekennzeichnet. So war auch das Volk unfähig, einen gottgemäßen Lebenswandel (gehen) zu verwirklichen. Ebenso war es unfähig, Gott zu dienen. Wir finden mehrere Bilder dieser Art in den Evangelien. Auch der Mann, der nicht in der Lage war, nach dem Wirken des Engels in den Teich Bethesda zu springen (Joh 5), ist ein solches Bild von Israel. Dann denke man an den Mann in Apostelgeschichte 3, der durch Petrus und Johannes geheilt wurde. Auch er repräsentiert Israel. Schließlich möchte ich noch auf Äneas in Apostelgeschichte 9 hinweisen, der ebenfalls durch Petrus geheilt wird.

3. Gott aus den Augen verloren (Verse 9–13)
In dem Zöllner Matthäus erkennen wir die wahren Interessen des Volkes. Es ging nicht um Gott, sondern um den eigenen Geldbeutel. Deshalb wurden die Zöllner ja auch gehasst, denn sie vereinnahmten häufig zu viel Geld. Die eigenen Interessen gingen denen Gottes vor. Wie wunderbar, dass es Rettung für das Volk geben wird. Das wird am Ende der Tage auch sichtbar werden. Wenn die Versammlung (Gemeinde, Kirche) nicht mehr auf der Erde sein wird, sondern entrückt ist, nimmt sich der Herr wieder in besonderer Weise seines Volkes an und wird es retten und – wie hier den Zöllner Levi – in seine wahre Nachfolge stellen.

4. Israel – das Alte (Verse 14–17)
Das Alte, die alten Schläuche, der alte Wein und die alten Kleidungsstücke, sie alle sind ein Hinweis auf das alte, ungläubige Israel, wie der Herr es vorfand, als Er auf diese Erde kam. Doch Er war gekommen, Neues zu schaffen: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Kor 5,17). Das lehnte das Volk Israel im Allgemeinen ab.

5. Der tote Zustand des Volkes – Rettung für den Glauben (Verse 18–26)
In dem toten Mädchen sehen wir ein Bild des wahren Zustands des Volkes: Es war tot für Gott. Neues Leben war notwendig – und in seiner göttlich großen Gnade will der Herr Jesus sein Leben dem Volk geben. Es wird noch dauern, bis es selbst erkennt, wie sehr es dieses neue Leben nötig hat. Der Ausdruck „Tochter“ bestätigt uns diese Symbolik: Im Buch Klagelieder finden wir ihn 18 Mal für das Volk Israel. Gott hat sich mit dieser Tochter verbunden – Er war ihr Mann geworden, aber sie hatte Ihn abgelehnt (vgl. z. B. Jes 54,1–6).
In der Zwischenzeit wird jeder, der im Glauben wie die blutflüssige Frau zu Christus kommt, geheilt und gerettet werden. Das ist ein Bild der heutigen Zeit, in der jeder, der den Herrn im Glauben anrührt, gerettet wird, er sei Jude oder Heide. Nach dieser Zeit der Gnade, die wie in dieser Begebenheit eine Einschaltung darstellt, nimmt Gott die unterbrochene Beziehung zu seinem Volk Israel wieder auf.

6. Die Blindheit des Volkes Israel (Verse 27–31)
An den beiden Blinden erkennen wir, dass das Volk vollkommen blind über den eigenen, toten, sündigen Zustand war. Das hatte Gott schon im Alten Testament vorhergesagt: „Führe heraus das blinde Volk, das doch Augen hat, und die Tauben, die doch Ohren haben!“ (Jes 43,8; vgl. auch Apg 28,25–28). Jeremia hatte prophezeit: „Lobsingt laut und sprecht: Rette dein Volk, Herr, den Überrest Israels! Siehe, ich bringe sie aus dem Land des Nordens und sammle sie vom äußersten Ende der Erde, unter ihnen Blinde und Lahme, Schwangere und Gebärende miteinander“ (Jer 31,7.8). So, wie diese beiden Blinden das Erbarmen des Herrn anrufen, wird Gott wieder Erbarmen für sein Volk aufbringen: „Er wird sich unser wieder erbarmen, wird unsere Ungerechtigkeiten niedertreten; und du wirst alle ihre Sünden in die Tiefen des Meeres werfen“ (Mich 7,19).

7. Unfähigkeit zum Gotteslob (Verse 32–34)
Eigentlich hätte das Volk der Juden seinem Namen Juda (= Preis, Gegenstand des Preises) Ehre machen sollen. Aber sie waren für Gott wie dieser Stumme, sie konnten keinen echten Lobpreis für Gott aussprechen. Er konnte ihre Lieder, ihre Opfer nicht annehmen. „Wäre doch nur einer unter euch, der die Türen verschlösse, damit ihr nicht vergeblich auf meinem Altar Feuer anzündetet! Ich habe kein Gefallen an euch, spricht der Herr der Heerscharen, und eine Opfergabe nehme ich nicht wohlgefällig aus eurer Hand an“ (Mal 1,10; Amos 5,23). Hinzu kommt, dass das Volk nicht einfach stumm war, sondern zugleich noch von Satan besessen. Das führt der Geist Gottes später noch ausführlicher aus (vgl. Mt 12,43 ff.). Sie hatten sich den Wirkungen Satans geöffnet, der einen falschen König (Herodes), falsche Priester (Annas, Kajaphas) und falsche Führer (Pharisäer, Sadduzäer, Herodianer) in Israel einführen konnte. Dadurch war das Volk insgesamt zum Schweigen verurteilt (Lk 19,39.40). Aber wie es beim Blinden Hoffnung gibt, so auch bei dem Stummen. Gott wird in dem Herrn Jesus Rettung schaffen und Augen und Mund auftun.

Belehrungen zur Nachfolge

Auch in diesen Abschnitten erhalten Jünger wieder eine reichhaltige Belehrung darüber, wie man aus einem Zustand des Unglaubens zu einem Jünger werden kann.

1. Die Grundlage: Befreiung von der Macht Satans (Kapitel 8,28–34)
In der ersten Begebenheit lernen wir, dass uns nur der Herr Jesus von der Macht Satans befreien kann. Wir selbst sind dazu nicht in der Lage. Er will jeden Menschen aus dem Machtbereich Satans bringen. Man muss nur zu Ihm kommen!

2. Anderen eine Hilfe sein (Kapitel 9,1–8)
Manche Menschen haben wie der Gelähmte keine Kraft – geistig, seelisch, körperlich – zu dem Herrn Jesus zu kommen. Viele wollen auch nicht. Aber wenn wir Menschen sehen, die hilflos sind, haben wir als Jünger eine Aufgabe, ihnen zu helfen. Entweder bringen wir sie zum Herrn Jesus, indem wir für sie beten oder ganz praktisch, in dem wir sie beispielsweise zu einer Evangelisationsveranstaltung mitnehmen, oder wir bringen den Herrn Jesus zu ihnen, indem wir ihnen von Christus, von seinem Evangelium und seiner Gnade erzählen.

3. Wirklich nachfolgen (Verse 9–13)
Wer ein Jünger des Herrn sein möchte, muss Ihm nachfolgen (wollen): „Folge mir nach!“, ruft der Herr bis heute denen zu, die Er als Jünger beruft. Er ruft jeden von uns, der im Glauben sein Werk am Kreuz von Golgatha für sich persönlich in Anspruch genommen hat. Ob dann auch über uns gesagt werden kann: „Und er stand auf und folgte ihm nach“?
Jüngerschaft kann auch beinhalten, mit „Zöllnern und Sündern“ zu essen. Hiermit ist nicht gemeint, Gemeinschaft mit Menschen zu pflegen, die in der Sünde leben. Aber wenn wir zu solchen Menschen gehen, um ihnen das Evangelium zu verkündigen – und das ist unser Auftrag –, dürfen wir eine solche Gemeinschaft genießen, wie wir sie hier bei unserem Herrn im Haus des Zöllners Matthäus sehen.

4. Zuneigungen zu Christus haben (Verse 14–17)
Jüngerschaft ist keine sterile Sache. Es geht um eine Person, die hier im vierten Abschnitt „Bräutigam“ genannt wird. Nachfolge wird nur dann dauerhaft und lebendig sein, wenn sie durch die Zuneigungen zu Christus motiviert wird. Das ist gerade heute so wichtig. Nicht die Abscheu von dem Bösen, so wichtig sie ist, darf uns inspirieren. Die Liebe zu Christus ruft und zieht uns im Dienst. Die Abscheu vom Bösen kommt dann von ganz alleine.
Jüngerschaft heißt auch, das Alte alt sein zu lassen und nicht wieder das Gesetz und seine Gebote hervorzuholen. Jüngerschaft heute findet auf dem Grundsatz der Gnade statt. Gesetzlichkeit führt zu falscher Enge und in die Sektiererei, Gnade dagegen in die Freiheit, dem Herrn mit Freuden zu dienen.

5. Im Verborgenen dienen (Verse 18–26)
Ein Jünger sucht nicht große Zuhörerscharen. Er dient und wirkt im Haus, wo die Menge keinen Zugang hat. Es mag so sein, dass es auch einmal einen Weg in die breitere Öffentlichkeit gibt. Aber das ist nicht das, was ein Jünger suchen sollte. Gerade, wenn es lärmt, sucht der wahre Jünger das Verborgene, um dem Einzelnen dienen zu können.

6. Den Einzelnen nicht übersehen (Verse 20–22)
Der Herr Jesus wurde von vielen Menschen umgeben. Aber Er hatte ein Auge für die einzelne Frau, die im Glauben zu Ihm kam. So übersieht der Jünger angesichts der vielen Bedürfnisse nicht das Suchen des Einzelnen. Gerade dafür lässt er sich den Blick schärfen.

7. Gehorchen (Verse 27–31)
Jünger sind nicht ihre eigenen Herren. Sie haben einen Herrn über sich. Was Er ihnen sagt, besitzt Autorität in ihrem Leben. Selbst wenn man als Jünger nicht alle Anweisungen des Herrn versteht, verwirklicht man sie. Die beiden geheilten Blinden haben leider nicht auf die Worte des Herrn gehört. Das mag menschlich verständlich sein, war aber dennoch Ungehorsam.

8. Gutes tun führt zur Verwerfung (Verse 32–34)
Obwohl der Herr Jesus von seinem Volk verworfen wurde, hörte Er nicht auf, ihnen Gutes zu tun. Und je mehr Er den Menschen half, umso mehr wurde Er abgelehnt. Ebenso wird es einem treuen Jünger ergehen. Er muss sich bewusst sein, dass das Ausführen des Willens Gottes oft den Hass und die Ablehnung der Welt hervorruft. So kann er das Los seines Meisters teilen.

Die Herrlichkeit der Person Christi

Offenbar präsentiert uns Matthäus bei jeder Begebenheit Herrlichkeiten unseres Herrn.

1. Sohn Gottes und Jesus (Kapitel 8,28–34)
In der ersten Begebenheit sehen wir den Herrn Jesus, wie Er von den Dämonen „Sohn Gottes“ genannt wird. Als Sohn Gottes hat Er Gewalt über die Dämonen und über Satan, der hinter ihnen steht. Ihm muss sich jeder und alles unterordnen, denn Er ist der Ewige. „Hierzu ist der Sohn Gottes offenbart worden, damit er die Werke des Teufels vernichte“ (1. Joh 3,8). Was für eine gewaltige Herrlichkeit kommt in dieser Macht zum Ausdruck! Doch ist Er als demütiger Mensch bereit, auf Bitten der ganzen Stadt, die zu Ihm nach der Heilung der beiden Besessenen kommt, aus der Gegend wegzugehen. Die Jünger – und auch wir? – hätten vielleicht wieder gerne nach „Feuer vom Himmel“ gerufen, um diese Stadt zu strafen (vgl. Lk 9,53–55). Aber ein solches Ansinnen hätte der Gesinnung des Herrn vollkommen widersprochen. Das ist Jesus, der seine äußerliche Herrlichkeit und Macht als Sohn Gottes zurückhält. Diese Gegensätze führen uns dazu, Ihn von Herzen anzubeten.

2. Sohn des Menschen und Gott (Kapitel 9, 1–8)
In der ersten Begebenheit in Kapitel 9 nennt sich der Herr Jesus ein weiteres Mal „Sohn des Menschen“. Das ist erstaunlich, denn Er spricht davon, dass Er Gewalt hat, Sünden zu vergeben. War nicht gerade dies der Angriffspunkt der Pharisäer und Schriftgelehrten, indem sie sagten, nur Gott könne Sünden vergeben? Damit hatten sie Recht – und deshalb leuchtet gerade die Herrlichkeit seiner Gottheit aus diesen Versen hervor. Denn hier war Gott mitten unter dem Volk, und zwar als Mensch. Als ein Mensch, der in Erniedrigung erschien und doch zugleich derjenige ist, der einmal über die ganze Erde, ja über alles Geschaffene regieren wird. Das ist der Sohn des Menschen. Einerseits hatte Er nicht, wohin Er sein Haupt legen sollte (8,20). Andererseits hatte Er die Autorität, Sünden zu vergeben. Denn das ganze Gericht ist in die Hände des Sohnes des Menschen gelegt worden (vgl. Joh 5,27).

3. Lehrer und Arzt (Verse 9–13)
Gegenüber Matthäus offenbart sich Jesus als der wahre Lehrer. Er ist der Lehrer, der Jünger beruft und belehrt. Das erkannten sogar die Pharisäer, denn sie sprachen den Jüngern gegenüber von „euer Lehrer“. Aber der Herr wollte nicht nur belehren. Er wollte heilen und retten. So nennt Er sich selbst hier „Arzt“, der zu Menschen gekommen ist, die sich ihrer „Krankheit“ der Sünde bewusst sind. Denn sein Augenmerk war nie allein auf die äußeren Krankheiten der Menschen gerichtet, sondern auch und besonders auf ihren inneren Zustand. Jeden, der zu Ihm kam, heilte Er in vollkommener Weise, äußerlich und innerlich.

4. Bräutigam und Christus (Verse 14–17)
In der nächsten Begebenheit nennt sich der Herr Jesus „Bräutigam“. Es spricht hier nicht von der Braut, wohl aber von sich. Ihm sollten die Zuneigungen seiner irdischen Braut – Israel – gelten und Ihm werden sie einmal gelten. Zugleich ist Er der Bräutigam der himmlischen Braut, der Versammlung, für die Er sich in Liebe in den Tod gegeben hat. Erwidern wir seine Liebe? Wir sehen unseren Herrn in diesen Versen aber nicht nur als Bräutigam. Er führt gewissermaßen ein neues Kleidungsstück und einen neuen Wein mit neuen Schläuchen ein. Diese stehen für das Neue, was in der Gnadenzeit in Christus als wahres Christentum eingeführt wird: Das ist die neue Schöpfung. Sie ist direkt mit Christus verbunden. Dieser Titel steht in diesem Zusammenhang nicht für den Messias auf der Erde, sondern für seine Verherrlichung zur Rechten Gottes: „Daher, wenn jemand in Christus ist, da ist eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2. Kor 5,17). In Christus, in dieser herrlichen Person, hat eine komplett neue Schöpfung ihren Anfang genommen.

5. Schöpfer und Messias (Verse 18–26)
Bei der Auferweckung der Tochter des Jairus erleben wir den Herrn Jesus in überragender Weise als Schöpfer. Wer anders als der Schöpfer kann einen Toten ins Leben rufen? Er hat sämtliches Leben ins Dasein gerufen, und so kann Er auch Gestorbenes wieder zum Leben erwecken. Zugleich ist Er der König, der als verheißener Messias nach seinem Volk, der Tochter Zions, sieht. Wir haben gesehen, dass sie einen Hinweis auf den gläubigen Überrest darstellt, der zum Leben erwacht. Der Messias ist gekommen, um sein Volk nicht im Elend zu lassen, sondern aus dem Tod aufzuerwecken.

6. Arzt und Mensch (Verse 20–22)
Eingewoben in den Bericht über die Auferweckung der Tochter des Vorstehers ist die Begebenheit der Heilung der blutflüssigen Frau. Hier erweist sich der Herr als wahrer Arzt, der die äußeren Leiden der Frau durch die richtige „Behandlung“ beendet. Er hatte von sich als von einem Arzt gesprochen, wenn auch in moralisch-geistlicher Hinsicht. Jetzt offenbart Er durch sein Handeln, dass Er in jeder Hinsicht der vollkommene Arzt ist.
Zugleich ist Er aber der Israelit, der wahre Mensch, der sich anrühren lässt und gegenüber dem Gesetz gehorsam ist, indem Er eine Quaste trug. Das unterstreicht seine Menschheit, die sich auch darin offenbart, dass er für die Menschen erreichbar und „anrührbar“ war.

7. Sohn Davids und Herr (Verse 27–31)
Die Begebenheit mit den zwei Blinden zeigt uns den Herrn als Sohn Davids. Mit diesem Titel bezeichnen Ihn diese beiden Menschen. Zu Anfang dieser Betrachtung über das Matthäusevangelium haben wir gesehen, dass dies der Titel ist, den wir als Überschrift über dieses Bibelbuch setzen könnten. Er ist der wahre Sohn Davids, der in Davids Fußspuren trat, wiewohl Er zugleich Herr Davids ist (vgl. Ps 110,1). Darf an dieser Stelle daran erinnert werden, dass es hier zum ersten Mal auf dieser Erde geschah, soweit die Bibel davon berichtet, dass ein Blinder sehend gemacht wurde? Im ganzen Alten Testament lesen wir von keiner Person, die blind war und sehend wurde. Dazu „musste“ Gott aus dem Himmel kommen – in der Person des Sohnes Davids.
Aber die beiden Männer erkennen sofort, dass Er nicht nur Sohn Davids ist, sondern auch ihr Herr. Sie sagen: „Ja, Herr“.

8. Jahwe, der Gott Israels (Verse 32–34)
In der letzten Begebenheit mit dem stummen Menschen erleben wir Christus als den Jahwe des Alten Testaments. Man mag an solche Stellen wie Jesaja 35,4–6 denken, wo der Herr spricht: „Sagt zu denen, die zaghaften Herzens sind: Seid stark, fürchtet euch nicht! Siehe, euer Gott kommt, Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden; dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch und jubeln wird die Zunge des Stummen.“ Als solcher hat sich der Herr erwiesen. Er kam zu seinem Volk, ihr Gott.

Fußnoten

  • 1 Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Es geht hier nicht um die Frage, was schwerer zu tun ist. Sünden vergeben und einen Kranken heilen ist beides gleich „schwer“, ja unmöglich für einen Menschen. Da für die Sündenvergebung das schwere Werk auf Golgatha nötig war, könnte man sogar sagen, dass sie „schwerer“ ist als eine Krankenheilung. Aber darum geht es hier nicht.
  • 2 Dies ist ein Hinweis auf die Zeit der Gnade. Auch im Lukasevangelium deuten die zwei Denare zur Versorgung des unter die Räuber Gefallenen auf diese Zeit hin (Lk 10,35).
  • 3 Es handelt sich hier nicht um die beiden Blinden bei Jericho, von denen wir in Matthäus 20,30 und in den anderen synoptischen Evangelien lesen.
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