Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 8

Jesus vollbringt Zeichen für sein Volk und wird verworfen (Mt 8–12)

In den Kapiteln 8 bis 12 kommen wir zu einem sehr wichtigen Abschnitt in der Berichterstattung des Evangelisten Matthäus. Der dem Volk Israel angekündigte Messias ist geboren worden – Gott mit uns (Kapitel 1 und 2). Wir haben gesehen, dass Er als König nach der Einführung durch seinen Vorläufer und im Anschluss an die Versuchungen vonseiten Satans einen dreifachen Dienst in Israel tat (Kapitel 3 und 4). Danach stellte der König zunächst die Grundsätze seines Königreichs vor (Kapitel 5–7). Jetzt finden wir, dass

  • Er auf Basis dieser Grundsätze mit seinem Volk handelt und
  • Ihnen offenbart, dass Er ihr Gutes, ihr Heil sucht,
  • Er bis zu seiner Verwerfung ein geduldiges Leben des Zeugnisses für seinen Gott führt.

Er ist als Jahwe tätig, der Herr, und ist doch zugleich der gehorsame Mensch Jesus, der den Zugang in sein Königreich für die Heiden ankündigen wird, dessen Errichtung Er als ein Geheimnis in dieser Welt seinen Jüngern im voraus bekannt macht (vgl. Mt 13).

In diesen fünf Kapiteln entscheidet sich die Zukunft des Volkes Israel, genau genommen der Nachkommen der sogenannten Übriggebliebenen, die in der Zeit Serubbabels aus dem Exil in Babylon zurück in das Land Israel gekommen sind. Wie werden sie ihren Messias aufnehmen?

Wir haben schon in den Kapiteln 2 und 3 Andeutungen für das Verhalten des Volkes gesehen, das jetzt Wirklichkeit werden sollte. In den nächsten fünf Kapiteln vollbringt der Herr Jesus ein Zeichen nach dem anderen – die meisten direkt zugunsten seines Volkes. Das war in vielfacher Hinsicht die Erfüllung von Weissagungen des Alten Testaments im Blick auf den Messias. So hätte Ihn sein Volk als Messias erkennen können und annehmen müssen.

Wir sehen in diesen Kapiteln, dass sie ihren eigenen König, auf den sie so lange gewartet haben, trotzdem verwerfen und ablehnen. Der Gipfel der Ablehnung besteht darin, dass die Führer des Volkes der Juden das vollkommene Wirken des Herrn Jesus, das in der Kraft des Heiligen Geistes getan wurde, dem Obersten der Dämonen zuschreiben: Beelzebul, also Satan. In Kapitel 12 lesen wir, dass Jesus zu dieser Bosheit in deutlicher Weise Stellung nimmt. Er zeigt, dass seine Verwerfung vonseiten seines eigenen Volkes dazu führt, dass Er diese Verwerfung nicht nur annimmt, sondern als Antwort das Volk der Juden verwerfen (vgl. Röm 11,15) und sie zur Seite stellen würde. Das finden wir in Kapitel 13.

Die Zeichen des Messias

Jesus kam also zu seinem Volk mit unzählbaren Zeichen. Zunächst kann man die Frage stellen, warum der Herr Jesus eine Vielzahl von Zeichen vollbracht hat.

Manche denken daran, dass der Herr Jesus dadurch beweisen wollte, dass Er wirklich der Messias Gottes für sein Volk war. Diese Überlegung übersieht jedoch, dass der Herr Jesus die Menschen nicht durch äußere Taten beeindrucken, sondern ihre Herzen und Gewissen erreichen will. Dazu passen seine Worte zu Thomas: „Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!“ (Joh 20,29). Nein, der Herr wollte das nicht beweisen – das hatte Er nicht nötig und war auch nicht seine Absicht.

Warum tat Er dann trotzdem so viele Zeichen? Hier einige überlegenswerte Aspekte:

  1. Christus konnte nicht anders. Wir müssen bedenken, wen wir vor uns haben: Emmanuel, Gott mit uns. Wenn der Mensch gewordene Sohn Gottes Krankheit, Elend und Leid bei Menschen sieht, kann Er nicht anders, als sein Herz voller Barmherzigkeit zu öffnen, um den Menschen zu helfen. Man denke an die Stelle im Alten Testament: „Und seine [des Herrn] Seele wurde ungeduldig über die Mühsal Israels“ (Ri 10,16).
  2. Christus ist Gott selbst. Wenn Gott handelt, dann handelt Er immer in göttlich großer Gnade. So wendet Er sich dem Sünder zu, wenn dieser bereit ist, Gott aufzunehmen. Ihm hilft Er gerne und vollbringt so Wunder nach Wunder.
  3. Das Ziel von Christus war es immer, den Vater zu verherrlichen (vgl. Joh 17,4). Wann immer der Herr Jesus ein Zeichen tun konnte, um den Vater zu verherrlichen, hat Er es getan. Manchmal konnte Er keine Wunder tun, weil dies nicht zur Ehre Gottes gewesen wäre.
  4. Der Herr Jesus hat nur das getan, was Ihm der Vater aufgetragen hat: „Meine Speise ist, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe“ (Joh 4,34). Der Herr Jesus hat nur dann Wunder getan, wenn Er dazu den Auftrag vom Vater bekommen hat.
  5. Dem äußeren Elend von uns Menschen konnte der Herr nur dadurch begegnen, dass Er Wunder über Wunder tat. Anders war uns nicht zu helfen. Christus sah unser Elend und wollte uns nicht in diesem Elend lassen. Daher tat Er viele Wunder. Es waren Handlungen der Macht Gottes, der in Güte diese Welt besuchte.

Weil es dem Messias und Herrn also nie um sich selbst ging, sondern immer um die Ehre seines Vaters und um das Wohl seines Volkes und der Menschen, hat Er übrigens kein einziges Wunder zu seinen eigenen Gunsten getan..

Die 14 Zeichen

Nachdem wir nun einige Anhaltspunkte gesehen, warum der Herr Jesus Wunder getan hat, liste ich im Folgenden die Zeichen auf, von denen in diesen Kapiteln gesprochen wird. Es handelt sich um 14 Wunder:

  1. Kapitel 8,2–4: Die Reinigung des Aussätzigen. Jesus rührt den Aussätzigen an.
  2. Kapitel 8,5–13: Die Heilung des Knechts des Hauptmanns. Jesus heilt durch sein gesprochenes Wort. Der Glaube „berührt“ Ihn.
  3. Kapitel 8,14.15: Die Heilung der Schwiegermutter von Petrus vom Fieber. Er rührt sie an.
  4. Kapitel 8,16.17: Die Heilung aller Leidenden. Er heilt durch sein gesprochenes Wort.
  5. Kapitel 8,23–27: Das Schelten von Wind und See. Er vollbringt auch dieses Zeichen durch sein gesprochenes Wort.
  6. Kapitel 8,28–34: Die Heilung von zwei Besessenen. Seine Anwesenheit und sein Wort führen dazu, dass die Dämonen ausfahren und in Schweine fahren.
  7. Kapitel 9,1–8: Die Heilung eines Gelähmten. Er heilt durch ein gesprochenes Wort sowohl Körper als auch Seele. „Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch“ (Jes 35,6).
  8. Kapitel 9,20–22: Eine Blutflüssige wird geheilt. Sie rührt Jesus an.
  9. Kapitel 9,23–26: Ein soeben gestorbenes Mädchen wird auferweckt. Jesus ergreift sie bei der Hand.
  10. Kapitel 9,27–31: Zwei Blinde werden sehend. Er rührt ihre Augen an. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan“ (Jes 35,5).
  11. Kapitel 9,32–34: Ein besessener, stummer Mensch wird geheilt. Er heilt durch sein Wort. „Jubeln wird die Zunge des Stummen“ (Jes 35,6).
  12. Kapitel 9,35: Jede Krankheit und jedes Gebrechen wird geheilt. Er heilt durch sein Wort. „Der Geist des Herrn, Herrn, ist auf mir, weil der Herr mich gesalbt hat, den Sanftmütigen frohe Botschaft zu bringen, weil er mich gesandt hat, die zu verbinden, die zerbrochenen Herzens sind, Freiheit auszurufen den Gefangenen und Öffnung des Kerkers den Gebundenen“ (Jes 61,1).
  13. Kapitel 12,9–14: Eine verdorrte Hand wird wieder gesund. Er heilt durch sein Wort.
  14. Kapitel 12,22: Ein blinder und stummer Besessener wird von Ihm geheilt. Er heilt durch sein Wort. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden ... jubeln wird die Zunge des Stummen“ (Jes 35,5.6).

Es fällt auf, dass in den Kapiteln 8 und 9 hintereinander 12 Zeichen berichtet werden. Jesus hat alles getan, um dem Volk Heil zu bringen: innerlich und äußerlich. Auch aus diesem Grund finden wir diese außergewöhnliche Anzahl von Zeichen. 12 Zeichen: Sozusagen für jeden einzelnen Stamm des Volkes hat der König-Jahwe ein Zeichen vollbracht. Aber das Volk lehnte den eigenen König ab. So werden die Zeichen weniger und weniger, bis schließlich in Kapitel 12 direkt Gericht angekündigt wird. Der König wird verworfen, so dass das Königreich in seiner eigentlichen Form verschoben werden muss. So müssen Israel und auch die Nationen zusammen mit der seufzenden Schöpfung warten, bis die in Jesaja 35 in wunderbarer Weise beschriebene Herrlichkeit des Königreichs und des Königs Wirklichkeit wird.

Die vierzehnfache Ablehnung des Königs

Vor diesem Hintergrund wollen wir uns kurz die Verwerfung Jesu durch das Volk anschauen. Diese findet in diesen Kapiteln nicht nur ihren besonderen Ausdruck, sondern hat ebenfalls 14 Stationen:

  1. Kapitel 8,4: Wo ist das Bekenntnis des Hohenpriesters, dass Gott hier ein Wunder gewirkt hat?
  2. Kapitel 8,34: Die Bewohner der Stadt, in der die beiden Besessenen geheilt worden waren, wollen den Retter nicht. Er soll weggehen.
  3. Kapitel 9,3: Die Heilung des Gelähmten nehmen die Schriftgelehrten zum Anlass, Christus Lästerung vorzuwerfen.
  4. Kapitel 9,11: Die Berufung von Matthäus benutzen die Pharisäer, um Christus zu kritisieren.
  5. Kapitel 9,14: Die Jünger des Johannes kritisieren den Herrn, seine Jünger fasteten nicht ausreichend.
  6. Kapitel 9,24: Die Worte Jesu, dass das gestorbene Mädchen nur „schläft“, beantwortet die Volksmenge damit, dass sie Ihn verlachen.
  7. Kapitel 9,31: Die geheilten Blinden sind der Anweisung Jesu ungehorsam, dieses Wunder nicht bekannt zu machen.
  8. Kapitel 9,34: Das Zeichen, einen stummen, besessenen Menschen zu heilen, nehmen die Pharisäer zum Anlass, Ihm vorzuwerfen, Er treibe die Dämonen durch Dämonen aus.
  9. Kapitel 11,3: Sogar Johannes der Täufer zweifelt daran, dass die vom Herrn vollbrachten Wunder ausreichen, um Ihn als den Kommenden zu offenbaren.
  10. Kapitel 11,19: Das Volk nennt den Herrn Jesus einen „Fresser und Weinsäufer, einen Freund von Zöllnern und Sündern“.
  11. Kapitel 12,2: Die Pharisäer kritisieren den Herrn, dass seine Jünger am Sabbat Ähren abpflücken.
  12. Kapitel 12,14: Die Pharisäer halten angesichts der Heilung des Menschen mit der verdorrten Hand Rat gegen Christus, wie sie Ihn umbringen können.
  13. Kapitel 12,24–37: Die Pharisäer schreiben das Wundertun Jesu dem Obersten der Dämonen, Beelzebul zu.
  14. Kapitel 12,38: Die Pharisäer verlangen von dem, der Zeichen über Zeichen getan hat, ein Zeichen als Beweis seiner Messias-Rechte. Damit verwerfen sie alle seine bislang vollbrachten Wunder.

Diese Hinweise zeigen, dass der Herr Jesus nicht nur in Vollkommenheit und in einer vollkommenen Zahl Zeichen vollbracht hat, sondern dass auch seine Verwerfung eine vollkommene ist. Es gibt keine Gruppe, die sich an dieser Verwerfung nicht beteiligt hätte. Vom ganzen Volk inklusive der Führer wird der Herr Jesus als Messias abgelehnt.

Abschließend sei einleitend zu diesen fünf Kapiteln noch bemerkt, dass Kapitel 10 eine Einschaltung darstellt. Wir finden hier weder ein Zeichen noch einen direkten Ausdruck der Ablehnung Christi. Stattdessen finden wir in diesem Kapitel die zweite große Rede des Herrn, die uns im Matthäusevangelium vorgestellt wird.

Die Zeichen des Königs – die Heilsgeschichte auf dieser Erde (Mt 8)

Das achte Kapitel dieses Evangeliums hat es in sich. In sieben Abschnitten stellt sich der König seinem Volk nicht durch vollkommene Worte (Kapitel 5–7), sondern durch vollkommene Taten vor.

Besonders auffällig ist, dass Matthäus hier sieben Abschnitte in einen direkten Zusammenhang stellt, obwohl wir aus dem Markusevangelium wissen, dass diese Begebenheiten in ganz anderer zeitlicher Reihenfolge und teilweise weit auseinander liegend geschehen sind. Schon früher haben wir gesehen, dass sich Matthäus durchaus nicht an die Chronologie hält; er tut das deutlich weniger als Markus und Johannes, die im Allgemeinen die historische Reihenfolge wählen. Gerade Markus wählt immer wieder Zeitworte als Verbindungen zwischen den einzelnen Abschnitten, so dass man bei ihm sehr gut die Chronologie nachvollziehen kann. Lukas wählt eine Reihenfolge, die man mit dem Attribut „moralisch“ bezeichnet hat. Er gruppiert Begebenheiten, Wunder und Belehrungen des Herrn, die einen gewissen inneren Zusammenhang haben.

Die „Chronologie“ von Matthäus

Matthäus jedoch weicht noch mehr von der zeitlichen Reihenfolge ab. Er tut das dann, wenn es für seine inhaltliche Gedankenführung notwendig ist. Sein großes Thema, das gerade auch dieses Kapitel prägt, ist die Lehre des unterschiedlichen Handelns Gottes mit den Menschen, manchmal Haushaltungen oder Dispensationen genannt. So gruppiert er Begebenheiten, Zeichen und Reden des Herrn zusammen, die für eine bestimmte Zeit prägend sind wie beispielsweise bei der Bergpredigt (Kapitel 5–7), oder er stellt bestimmte Abschnitte zusammen, welche die Abfolge verschiedener Epochen sichtbar machen (wie in Kapitel 8, das jetzt vor uns steht).

Dass wir in Kapitel 8 Begebenheiten finden, die zeitlich zu sehr unterschiedlichen Zeitpunkten stattgefunden haben, möchte ich jetzt kurz zeigen. Vielleicht gibt es kein anderes Kapitel in diesem Buch, in dem so stark von der Chronologie abgewichen wird. Es ist auffallend, wie präzise der Geist Gottes immer wieder die Feder des Evangelisten Matthäus geführt hat, bei dem oftmals überhaupt keine zeitliche Beziehung zwischen den einzelnen Begebenheiten hergestellt wird.

  1. In Vers 1 lesen wir, dass der Herr vom Berg herabgestiegen war und Ihm große Volksmengen folgten. Dass Vers 2 einen ganz anderen Zeitpunkt betreffen muss, verdeutlicht die Anweisung in Vers 4. Denn was für einen Sinn ergibt das Gebot an den Gereinigten, sich nach seiner Reinigung außer dem Priester niemandem zu zeigen, wenn hier die Volksmengen dabei gewesen wären, wie Vers 1 unterstellt? Vers 2 wird auch nicht mit einem Zeitwort eingeleitet, so dass wir die Bestätigung finden, wie vollkommen die göttliche Inspiration ist.
    Wir finden dieses Wunder am Ende des ersten Kapitels bei Markus wieder. Nach Markus 1,39 hat Jesus diesen Aussätzigen geheilt, als Er das erste Mal nach Galiläa gezogen ist. Dieses Zeichen hat Jesus also vor der Bergpredigt vollbracht.
  2. Die Heilung des gelähmten Dieners fand dann viel später statt. Markus berichtet von ihr nicht, wohl aber Lukas in Lukas 7. In Kapitel 6 finden wir bei Lukas einen Teil der Bergpredigt. Dann wird mit einem direkten Zeitbezug („Nachdem er alle seine Worte vor den Ohren des Volkes beendet hatte ...“) dieses Wunder erzählt. Wir sehen also, dass diese Heilung offenbar direkt nach der Bergpredigt stattfand.
  3. Die Heilung der Schwiegermutter von Petrus sowie die Wunder am Abend darauf gehören dann wieder zu den Zeichen, die Jesus ganz am Anfang in Kapernaum getan hat, sogar noch vor der Heilung des Aussätzigen (Mk 1,21–34).
  4. Die Gespräche mit dem „Möchtegern-Jünger“ und mit dem (anderen) Jünger fanden dann wieder sehr viel später statt, nämlich erst nach der sogenannten Verklärung des Herrn (vgl. Mk 9,1 ff. und Lk 9,57 ff., wo wir eine zeitliche Verbindung zum Vorhergehenden finden).
  5. Die dann folgende Schifffahrt war wieder deutlich früher (vgl. Mk 4,35 ff.) und fand im Anschluss an die in Matthäus 13 und Markus 4 aufgezeichneten Gleichnisse des Herrn, zum Beispiel über den Sämann, statt.
  6. Nur die Heilung der Besessenen ist dann auch im Markusevangelium im direkten Anschluss an die Schifffahrt verzeichnet. Alleine hier folgt Matthäus also der historischen Abfolge.

Dass Matthäus in solch krasser Weise von der eigentlichen zeitlichen Reihenfolge abweicht, muss bedeutsame Gründe haben. Bibelkritiker verweisen gerne darauf, dass sich entweder Matthäus oder Markus schlichtweg vertan haben müssten. Einerseits propagieren sie, dass der eine vom anderen abschrieben habe. Andererseits versuchen diese gottlosen Menschen darzulegen, dass sich der eine oder der andere vertan und Fehler eingebaut habe.

Wir, die wir die Vollkommenheit des Wortes Gottes bewundern, wissen es – dem Herrn sei Dank – besser. Wenn der von Gott inspirierte Schreiber Matthäus von der zeitlichen Reihenfolge abweicht, dann will uns Gott durch diesen Evangelisten eine besondere Belehrung schenken – diese Abweichung ist gerade ein großartiger Hinweis auf die Inspiration Gottes. So muss die Reihenfolge eine besondere Botschaft mit sich bringen, die es zu verstehen gilt.

Ich möchte im Folgenden einige Hinweise geben und Vorschläge wiedergeben, die vertrauenswürdige Ausleger zusammengetragen haben. Wir werden mit diesem Ziel mehrfach durch die sieben Abschnitte gehen und versuchen, Gedankenlinien zu erkennen, die der Herr uns in diesem Kapitel vorstellt:

  1. 1. Die Einzigartigkeit der Person Christi
  2. Die Lehre über unterschiedliche Arten des Handeln Gottes (Epochen, Haushaltungen)
  3. Die unterschiedlichen Kennzeichen der Sünde
  4. Glaube in seinen unterschiedlichen Ausprägungen
  5. Belehrungen für die Jüngerschaft

Bevor wir diese zentralen Linien in Kapitel 8 verfolgen, sehen wir uns aber kurz die beschriebenen Ereignisse im Einzelnen an und versuchen, sie zu erläutern und einige praktische Belehrungen aus ihnen zu ziehen.

Belehrungen aus Kapitel 8

Vers 1: Vom Berg herab

„Als er aber von dem Berg herabgestiegen war, folgten ihm große Volksmengen“ (Vers 1).

Der Herr Jesus hat seine Jünger in großer Ausführlichkeit über die Grundsätze des Königreichs belehrt und führt sie jetzt zurück ins „praktische Leben“, vom Berg herab. Hier beweist sich, wer ein Jünger im Reich ist, aber auch, dass Er der von Gott gesandte König ist, der das, was Er sagt, auch in seinem eigenen Leben verwirklicht.

Der Eindruck, den der Herr in den Herzen der Zuhörer hinterlassen hat, bringt die Volksmengen dazu, Ihm zu folgen. Ihnen ist deutlich geworden, dass hier jemand mit göttlicher Autorität spricht (vgl. Mt 7,28.29). Daher wollen sie weitere Belehrungen erhalten.

Verse 2–4: Die Heilung des Aussätzigen

„Und siehe, ein Aussätziger kam herzu, warf sich vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen. Und er streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will; werde gereinigt! Und sogleich wurde er von seinem Aussatz gereinigt. Und Jesus spricht zu ihm: Gib Acht, sage es niemand; sondern geh hin, zeige dich dem Priester, und bring die Gabe dar, die Mose angeordnet hat, ihnen zum Zeugnis“ (Verse 2–4).

Wie kam es, dass jemand, der eigentlich vom Gesetz Gottes her isoliert leben musste, zum Herrn Jesus kam? Wir können das nur dadurch erklären, dass unser Meister den Ruf hatte, auch die problematischsten Fälle lösen zu können und niemand, sei er auch noch so verunreinigt, hinauszuwerfen. Wohl uns, wenn wir das von Ihm kennengelernt haben. Wie gut, wenn wir selbst solche sind, die nicht als hart bekannt sind, sondern als Jünger, die immer ein offenes Ohr haben.

Es war schon ein bedeutsamer Glaube, dass dieser Mann dem Herrn zutraute, ihn vom Aussatz heilen zu können. Es gab in der Geschichte nur ein Beispiel: das von Naaman1. Trotzdem war sich dieser Mann sicher, dass Jesus ihn heilen könnte, nur war er sich nicht sicher, ob der Herr das auch tun wollte. Aber wenn jemand mit einem Funken Glauben zum Herrn kommt, wird Er eine solche Seele nie enttäuschen! „Ich will!“

Es fällt auf, dass hier nicht von einer Heilung sondern von einer Reinigung die Rede ist. Aussatz ist ein bildlicher Hinweis auf Sünde. Wir brauchen nicht nur Errettung, Heilung. Wir brauchen auch Reinigung, da unser alter Mensch durch und durch verdorben ist. Ohne Reinigung gibt es kein neues Leben für einen Menschen!

Es beeindruckt auch sehr, dass der Herr diesem Mann aufträgt, die Anforderungen des Gesetzes zu erfüllen. Wir haben schon in Kapitel 5 gesehen, dass der Herr das Gesetz nicht auflöst und nie in Widerspruch zu ihm handelt. Hier vollbrachte Er als der ewige Gott das Wunder, einen Aussätzigen zu reinigen, und zwar nicht dadurch, dass der Aussätzige jetzt über den ganzen Körper hinweg aussätzig war, was nach 3. Mose 13.13 auch möglich gewesen wäre. Nein, der Aussatz war völlig verschwunden! Aber obwohl die Heilung so offensichtlich war, fordert Jesus diesen Mann auf, sich dem Priester zu zeigen und die nach dem Gesetz vorgeschriebene Gabe zu bringen. Das ist für uns von Bedeutung. Auch heute handelt unser Herr nie im Widerspruch zu seinem Wort. Genauso wenig fordert Er einen Gläubiger dazu auf, das zu tun.

Als Leser dieser Verse fragt man sich: Warum verbietet der Herr diesem Mann, von diesem Wunder weiterzuerzählen? Im Markusevangelium könnte man sagen: Weil der Diener nicht bekannt werden möchte. Hier steht vielleicht mehr im Vordergrund, dass der Messias nicht durch das Weitererzählen als Messias erkannt werden will. Die Menschen sollen direkt das Wirken des Gesalbten Gottes erleben und zum Glauben kommen. Nicht Gerüchte, nicht eventuelle Übertreibungen der Wunder, sondern die Botschaft des Königs selbst soll die Menschen erreichen. Auch als König ging es Ihm um das Herz, nicht um ein äußerliches Bewundern.

Abschließend noch ein kurzes Wort zum Vergleich der Berichterstattung in den verschiedenen Evangelien. Matthäus ist insgesamt am kürzesten. Bei ihm scheint es um die „Fakten“ zu gehen, und vor allem um die Zusammenstellung der sieben Wunder, wie wir sie in Kapitel 8 finden. In Markus 1,40–45 scheint es besonders um die Haltung und die Empfindungen des vollkommenen Dieners und um die Reaktion des Aussätzigen auf seine Heilung zu gehen. Der Geist Gottes zeichnet hier ein sehr genaues Bild, in was für einer Gesinnung der Herr heilte. Die dort genannte Ergänzung („innerlich bewegt“) findet man nicht in Matthäus und Lukas. Aber auch die Reaktion des Geheilten wird ausführlich beschrieben, der trotz ernstester Ermahnungen nicht gehorsam war. Bei Lukas (Lk 5,12–16) scheint besonders die Wirkung dieses Wunders auf andere im Blickfeld zu stehen. Die Rede über Ihn verbreitete sich in einer Weise, dass sich große Volksmengen versammelten, um Ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden.

Verse 5–13: Die Heilung des Gelähmten von den Nationen

„Als er aber nach Kapernaum hineingegangen war, kam ein Hauptmann zu ihm, der ihn bat und sprach: Herr, mein Knecht liegt zu Hause gelähmt und wird schrecklich gequält. Und er spricht zu ihm: Ich will kommen und ihn heilen. Und der Hauptmann antwortete und sprach: Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein Dach trittst; sondern sprich nur ein Wort, und mein Knecht wird geheilt werden. Denn auch ich bin ein Mensch unter Befehlsgewalt und habe Soldaten unter mir; und ich sage zu diesem: Geh!, und er geht; und zu einem anderen: Komm!, und er kommt; und zu meinem Knecht: Tu dies!, und er tut es. Als aber Jesus es hörte, verwunderte er sich und sprach zu denen, die nachfolgten: Wahrlich, ich sage euch, selbst nicht in Israel habe ich so großen Glauben gefunden. Ich sage euch aber, dass viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Königreich der Himmel, aber die Söhne des Königreichs werden hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein. Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: Geh hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde geheilt in jener Stunde“ (Verse 5–13).

Diese zweite Begebenheit zeigt in besonderer Weise den großen Glauben des hilfesuchenden Hauptmanns. Es ist sehr erstaunlich, dass hier eine heidnische Person zum Herrn Jesus kommt. So etwas finden wir nur noch ein einziges Mal, nämlich bei der kanaanäischen Frau (Mk 7,24 ff.), wo in gleicher Weise der „große Glaube“ hervorgehoben wird.

Der Herr war sofort bereit, zu diesem Hauptmann zu kommen – und gab diesem dadurch Gelegenheit, seinen Glauben noch deutlicher zu zeigen. Dessen Einwand ist nämlich bewundernswert: Er glaubte fest daran, dass der Herr nur durch ein einziges Wort heilen konnte – und zwar aus der Ferne, denn er fühlte sich nicht würdig, Ihn unter seinem Dach zu empfangen. Wenn wir uns erinnern: Herodes befand das Kindlein Jesus nicht für würdig zu leben. Er wollte es umbringen. Satan erdreistete sich, den Herrn Jesus zu versuchen. Von dem Priester in den vorherigen Versen lesen wir keinen einzigen Hinweis, dass er die Herrlichkeit des Messias gewürdigt hätte. Dieser Mann hier jedoch war sich bewusst, wen er vor sich hatte. Wir wissen nicht, wie viel er verstanden hat. Aber der Herr besaß in seinen Augen eine solche Würde, dass das eigene Dach, das eigene Haus, dieser Würde nicht wert war.

Nun zu seinem Glauben: Er traute dem Herrn sogar zu, den Knecht, den Jesus noch nie gesehen hatte, durch ein einziges Wort zu heilen. Dieser Glaube an das Wort basierte auf dem Glauben an die Person. Ein solcher Glaube ehrt den Herrn. In seiner Antwort erkannte Jesus diesen Glauben an: „Wahrlich, ich sage euch“ – also mit einer besonderen Bestätigung durch diese „Amen“ (wahrlich) unterstreicht der Sohn Gottes seine Worte –, „selbst nicht in Israel habe ich so großen Glauben gefunden“. Wieder einmal (vgl. die Magier in Kapitel 2) übertrifft ein sogenannter Heide die Juden an Hingabe und Glauben. Das „verwundert“ den Herrn – ebenso wie er sich bei den Bewohnern seiner Vaterstadt „verwunderte ... über ihren Unglauben“ (Mk 6,6). Und wir erleben, dass dieser Mann die volle Wirkung jener Macht genießen darf, die sein Glaube Jesus zuschreibt.

In Vers 9 finden wir einen interessanten Vergleich: „Auch ich“, sagt der Hauptmann. Er war ja kein besonders hoher Soldat, sondern gerade einmal über rund 100 Soldaten gestellt. Aber auch er hatte es in doppelter Hinsicht mit Befehlsgewalt zu tun: Einerseits war er Befehlsempfänger, andererseits aber war er jemand, der Befehle austeilte. Das traf auch auf Jesus zu. Einerseits war Er als der Gehorsame gekommen, der sich in allem dem Willen seines Gottes unterordnete. Andererseits war Er derjenige, der den Jüngern – in diesem Abschnitt sogar den Dämonen, den Krankheiten, dem Wind – Befehle erteilte.

So verglich dieser Hauptmann seine eigene Situation mit der des Herrn Jesus. Wenn er seinen Knechten Befehle erteilen konnte, warum sollte das der Herr nicht auch tun können, da Er doch viel mächtiger war? Das verstand dieser Mann, so wenig er sonst vom Herrn Jesus kennen mochte. Wie können wir davon lernen, dass ein schlichter Glaube oft ein sehr großer Glaube ist!

Die Beurteilung der Nationen und der Juden

In den Versen 11 und 12 lesen wir dann von einem Gerichtsurteil des Herrn. Zunächst urteilt Er darüber, dass viele Menschen aus fernen Ländern – von Osten und Westen – kommen würden und mit den drei Erzvätern Abraham, Isaak und Jakob nicht nur ins Königreich eingehen würden, sondern direkte Gemeinschaft mit ihnen pflegen könnten. Das ist die Erfüllung der Segnungen an Abraham: „In dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter der Erde! (1. Mo 12,3). „In deinem Nachkommen werden sich segnen alle Nationen der Erde“ (1. Mo 22,18). Dieser Hauptmann ist ein Prototyp derjenigen, die von den Nationen mit dem wahren Abraham, dem Herrn Jesus, dem Gesalbten Gottes, gesegnet werden sollten.

Wie erschreckend dann aber in Vers 12 das Urteil über Israel: „Aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“ Diejenigen, die sich selbst so hoch einschätzten, die sich etwas auf ihre Blutsabstammung einbildeten, in ihrem Inneren jedoch weit entfernt waren vom Herrn Jesus und Ihn letztlich ablehnten, würden hinausgeworfen werden. Es gab viele Heiden, die in dieses Reich eingeführt würden, obwohl die „Söhne des Reiches“ auf sie herabblickten. Andererseits gab es viele Söhne, für die das Königreich eigentlich vorgesehen war, die hinausgeworfen werden würden.2 Ihre Bestimmung ist die äußerste Finsternis, wo es keinerlei Beziehung zu Gott gibt und sich der Mensch in einer endgültigen, ewigen Isolation befindet: Er sieht nichts, hört nichts, denn alles wird von der Finsternis verschluckt. Das ist ein schreckliches, nicht endendes Dasein. Weinen und Zähneknirschen lassen ein wenig erahnen, wie furchtbar dieser Bestimmungsort sein muss, an dem jeder landen wird, der den Herrn Jesus als Retter und Herrn ablehnt.

Wie gut, dass diese Verse positiv enden: Der Glaube dieses Hauptmanns hat den Arm Gottes bewegt. Sein Knecht war geheilt, nicht erst, als der Mann wieder nach Hause kam, sondern in dem Moment, in dem sich der Glaube offenbarte. Der Glaube ist bis heute eine gewaltige Waffe in der Hand jedes Gläubigen, der auf den Herrn vertraut.

Zum Schluss noch ein Wort zu den anderen Evangelien. Nur noch Lukas berichtet von diesem Zeichen (Lk 7,1–10). Er beschreibt, dass der Hauptmann seine Bitte durch Älteste der Juden ausrichten lässt, die dem Herrn dessen Wohltaten für die Juden und seine „Würdigkeit“ vorstellen. Später, als Jesus schon nahe zum Haus gekommen war, sendet er Freunde zu ihm. Matthäus lässt diese Feinheiten weg, weil er alles, was zur Ehre der Juden beitragen könnte, übergehen möchte. Denn er verdeutlicht besonders die Ablehnung des Herrn vonseiten der Juden. Daher beschränkt sich dieser Bericht auf den Glauben des Hauptmanns.

Verse 14.15: Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus

„Und als Jesus in das Haus des Petrus gekommen war, sah er dessen Schwiegermutter fieberkrank daniederliegen. Und er rührte ihre Hand an, und das Fieber verließ sie; und sie stand auf und diente ihm“ (Verse 14.15).

Die nächsten zwei Verse zeigen uns die Heilung der Schwiegermutter von Petrus. Hier finden wir nur einen sehr kurzen Bericht. Er sah sie fieberkrank, was keine „erhöhte“ Temperatur war, sondern eine Grippe, die ohne Eingreifen des Herrn zum Tod geführt hätte – und Er heilte sie. Ihre Antwort besteht im Dienen. Das muss auch heute noch die Antwort jedes Menschen sein, der vom Herrn Jesus geheilt worden ist. Es wäre vollkommen unnatürlich, wenn jemand, der dem Herrn sein Leben, seine Heilung verdankt, achtlos an Ihm vorübergeht.

Wenn man die Berichte der Evangelien vergleicht, so zeigen uns Markus und Lukas (Mk 1,29–31; Lk 4,38.39), dass andere Menschen den Herrn auf die Schwiegermutter von Petrus und ihre Krankheit hinweisen. Bei Markus sehen wir besonders, wie der Diener tätig war zum Wohl der Frau. Bei Lukas werden besonders die Umstände der Heilung betont – wie der wahre Mensch mit dieser Krankheit verfährt. Bei Matthäus geht es wieder darum, dass die Herrlichkeit des Messias hervorscheint. Dazu ist es nur nötig, sein Wunderwirken zu beschreiben.

Verse 16.17: Das Heilen aller Leidenden

„Als es aber Abend geworden war, brachten sie viele Besessene zu ihm; und er trieb die Geister aus mit einem Wort, und er heilte alle Leidenden, damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: ‚Er selbst nahm unsere Schwachheiten und trug unsere Krankheiten.‘“ (Verse 16.17).

Diese beiden Verse zeigen eine wunderbare Erfüllung der Prophetie von Jesaja 53,4. Sie sind insofern von großer Bedeutung, als sie deutlich machen, dass sich Jesaja 53,4 nicht auf das Kreuz sondern auf das Leben des Herrn bezieht. In Jesaja 53,4 heißt es: „Doch er hat unsere Leiden getragen, und unsere Schmerzen hat er auf sich geladen.“ Die Septuaginta benutzt erstaunlicherweise für Leiden das Wort „Sünden“. Damit würde sich dieser Vers tatsächlich auf die drei Stunden der Finsternis beziehen, wo der Herr am Kreuz die Sünden derjenigen getragen hat, die Ihn als Retter und Herrn annehmen würden.

Eigentlich ist aber in Jesaja 53,4 von Leiden und Schmerzen die Rede. Christus hat diese nicht am Kreuz, sondern während seines ganzen Lebens getragen. Das macht die Heilungen besonders eindrucksvoll. Wir lernen nämlich dadurch, dass Christus nicht einfach als mächtiger Gott geheilt hat. Er hat die Leiden auf sich genommen. Er hat sich innerlich eins gemacht mit den Leidenden, Er hat sich unter ihr Schicksal gestellt und diese Folgen der Sünde – denn Krankheiten gab es vor dem Sündenfall nicht – auf sich genommen. Nie hat Er leichtfertig einen kranken Menschen geheilt. Immer hat Er innerlich unter diesen Folgen der Sünden geseufzt und Mitleid mit den Kranken und Leidenden gehabt. „In all ihrer Bedrängnis war er bedrängt, und der Engel seines Angesichts hat sie gerettet“ (vgl. Jes 63,9).

Christus hat nie einen Menschen von seinem Leid befreit, ohne mit seinem Herzen und seinen Gefühlen, die menschlich und göttlich zugleich waren, Anteil am Elend und der Not zu nehmen. Er selbst empfand den Schmerz. Man denke nur an die Auferweckung des Lazarus. Er rief ihn nicht ohne weiteres aus dem Grab hervor. Das tat Er erst, nachdem Er denen, die ihren Bruder beweinten, sein ganzes Mitgefühl bezeugt und den Beweis gegeben hatte, dass Er die Macht des Todes, die durch den Ungehorsam des Menschen auf allen lastet, selbst tief empfunden hatte.

Der Vergleich der Evangelien zeigt, dass Markus davon spricht, dass viele geheilt wurden, Lukas davon, dass Er jeden heilte, Matthäus, dass Er alle heilte (Mk 1,32–34; Lk 4,40.41). Sind das Widersprüche? Keineswegs! Markus zeigt uns die Menge, die zum Diener kam: Es waren viele, nicht wenige. So sehr war der Diener beansprucht. Lukas zeigt uns, dass der Mensch Jesus Christus sich um jeden einzelnen kümmerte. Matthäus zeigt uns, dass der König keinen derjenigen, die zu Ihm kamen, ohne Heilung wieder nach Hause gehen ließ. Sie alle wurden geheilt. Wunderbarer Herr!

Verse 18–22: Der Sohn des Menschen und zwei Jünger

„Als aber Jesus eine große Volksmenge um sich sah, befahl er, an das jenseitige Ufer wegzufahren. Und ein3 Schriftgelehrter kam herzu und sprach zu ihm: Lehrer, ich will dir nachfolgen, wohin irgend du gehst. Und Jesus spricht zu ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester, aber der Sohn des Menschen hat nicht, wo er das Haupt hinlege. Ein anderer aber von seinen Jüngern sprach zu ihm: Herr, erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu begraben. Jesus aber spricht zu ihm: Folge mir nach und lass die Toten ihre Toten begraben“ (Verse 18–22).

Durch die sensationellen Heilungen angezogen versammelt sich eine große Volksmenge um den Herrn. Dieser aber nimmt das zum Anlass, sich zu entfernen. Vermutlich wären viele von uns in einer solchen Situation geneigt gewesen, nun erst recht länger zu bleiben. Aber dem Herrn geht es nicht um die Massen – auch als König nicht. Ihm geht es um die Herzen. Hier erkennt Er, dass sie wegen der Wunder gekommen sind, und nicht, um Ihn als König anzunehmen. Daher verlässt Er diesen Ort und fährt mit den Jüngern ans andere Ufer des Sees Genezareth.

Dort begegnet Er zwei Menschen, zwei Jüngern. Genau genommen handelte es sich allerdings bei dem ersten gar nicht um einen wirklichen Jünger, sondern um einen, der gerne Jünger wäre. Dieser, ein Schriftgelehrter, war offenbar durch das machtvolle Wirken Jesu angezogen worden – immer eine Gefahr, wenn wir durch äußere Werke fasziniert werden. Es ist zwar gut, wenn ein solcher Mensch erkennt, dass er beim Herrn Jesus denjenigen gefunden hat, der wirklich helfen kann. Aber dieser in der jüdischen Nation zu der herausragenden Klasse gehörende Mann ist sich seiner Hilfsbedürftigkeit gar nicht bewusst. Er möchte dem Herrn in eigener Kraft und vielleicht auch um des eigenen Vorteils willen folgen. Er ist so von sich überzeugt, dass er meint, dass er dem Herrn überallhin nachfolgen könnte. Wer das meint – auch heute – ist auf einem Irrweg. Selbst ein treuer Jünger kann nur bis zum nächsten Schritt denken. Den Rest überlässt er seinem Herrn, dem er in allem vertraut.

Der Herr antwortet dem Schriftgelehrten in einer sehr scharfen Weise. Selbst solche Tiere, die viel umherlaufen müssen, um ihre Beute zu finden – Füchse –, und sogar Vögel, die wir eigentlich eher in der Luft als in ihrem Nest kennen, haben ihre Orte, wo sie sich ausruhen können. Aber Jesus besaß so etwas nicht.

Der Sohn des Menschen

Der Herr Jesus nennt sich hier zum ersten Mal „Sohn des Menschen“. Dieser Titel betont seine Menschheit und steht zugleich sowohl mit Leiden als auch mit Herrlichkeit in Verbindung. Das wird man feststellen, wenn man die vielen Vorkommen dieses Titels einmal miteinander vergleicht.

An dieser Stelle geht es um die Leiden Jesu. Stellen wir uns vor: Er

  • ist Emmanuel, Gott mit uns ist (Kap. 1);
  • wird mit Gold, Weihrauch und Myrrhe verehrt (Kap. 2);
  • tauft mit Heiligem Geist (einer göttlichen Person) und mit Feuer: Folglich muss Er Gott sein (Kap 3);
  • wird von Engeln bedient (Kap. 4);
  • redet als König und erklärt sein Königreich (Kap. 5–7);
  • wirkt göttliche Zeichen, die kein Mensch vollbringen kann (Kap. 8).

Diese Person steht nun als Sohn des Menschen vor uns. Hier ist Er jemand, der nicht einmal über einen Platz verfügt, wo Er seinen Kopf hinlegen kann. Was für einen Weg der Erniedrigung hat dieser Gesalbte Gottes gewählt. Gott hat sein Haupt gesalbt – der Mensch hat für dieses Haupt keinen Platz übrig.

Damit meint der Herr nicht, dass Er nirgendwo hätte schlafen können. Wir lesen zwar tatsächlich nur in dem folgenden Abschnitt davon, dass Er geschlafen hat. Bis auf einen Hinweis auf seine Übernachtung in Bethanien gibt es sonst keinen Anhaltspunkt in den Evangelien, dass Er nachts geschlafen hätte – obwohl auch Er das als vollkommener Mensch sicherlich getan hat. Nein, Er will hier ausdrücken, dass Er auf der Erde nur als Fremdling lebte, der verworfen war und kein Zuhause kannte.

Nachfolge heißt bis heute, diesen Platz mit Christus zu teilen. Ein Jünger muss sich bewusst sein, dass er nirgendwo wirklich willkommen ist. Wenn das praktisch so ist, darf er nicht aufgeben – sonst ist er kein wirklicher Jünger! Wie viele „Christen“ gibt es heute, die zwar gute Taten tun wollen, aber keinen wahren Glauben an den Herrn Jesus besitzen. Es reicht nicht, sich äußerlich zu Jesus zu bekennen. Nur der, der Ihn als Retter und Herrn annimmt, kann in Wahrheit sein Jünger sein – und dann auch den Platz der Verwerfung mit Ihm teilen.

Dem zweiten Mann muss der Herr Jesus eine andere Lektion erteilen. Er war ein Jünger – so steht es im Text. Aber er hatte falsche Prioritäten. Christus zeigt, dass Er, der Herr, an erster Stelle kommen muss: vor dem Ehepartner, vor der Familie. Trotzdem müssen wir natürlich unserer Verantwortung in den irdischen Beziehungen unbedingt nachkommen. Denn die Aufforderung des Herrn: „Lass die Toten ihre Toten begraben“ soll ja nicht heißen, dass die irdischen Beziehungen keinen Wert mehr haben und von solchen, die Ihm nachfolgen, vernachlässigt werden könnten! Nein, das ist nicht die Belehrung unseres Meister. Wenn wir bedenken, wie Er in tiefen Leiden am Kreuz – kurz vor den drei Stunden der sühnenden Leiden! – noch an die Not seiner Mutter denkt (vgl. Joh 19,27), verstehen wir, dass ein Vernachlässigen natürlicher Beziehungen unmöglich nach seinen Gedanken sein kann. Dafür also darf man diesen Vers nie entschuldigend anführen. Davor muss sogar ausdrücklich gewarnt werden.

Nein, unser Herr muss diesen Mann, der offenbar gerade seinen Vater verloren hat, belehren, dass dann, wenn der Herr ruft, dieser Ruf Priorität besitzt. Selbst die größten Ansprüche im natürlichen, familiären Bereich dürfen uns nicht davon abhalten, dem Ruf des Herrn den ersten Platz zu geben. Er kommt immer zuerst. Es bleibt allerdings die Frage bestehen, warum der Herr nicht sagt: „Begrabe deinen Toten später“. „Tote“ können wir als einen Hinweis auf solche verstehen, die zu den Toten gehören, selbst wenn sie physisch noch leben – es sind also Ungläubige. Diese können nur mit ihren irdischen Beziehungen beschäftigt sein, weil sie keine himmlischen Beziehungen besitzen können, wie der Apostel Paulus später deutlich machen wird (Epheser- und Kolosserbrief). Der Herr belehrt seine Jünger somit, dass dasjenige, was die Ungläubigen kennzeichnet (nämlich an ihre irdischen Beziehungen zu denken), einen wahren Jünger des Herrn nicht mehr kennzeichnen sollte. Er sollte durch seine Beziehung zum Herrn geprägt sein.

Wir finden diese Unterhaltung nur in den Evangelien nach Matthäus und Lukas (Lk 9,57–62). Dabei spricht nur Matthäus davon, dass es sich beim ersten Mann um einen Schriftgelehrten handelte. So wird noch einmal besonders die Abgrenzung dieser Menschen vom wahren Schriftgelehrten, dem Herrn deutlich. Nur Matthäus erklärt uns zudem, dass der zweite Mann ein Jünger war. Auch das verstehen wir. Denn um Jüngerschaft geht es in Matthäus – nicht in Lukas. Lukas dagegen erzählt uns, dass der Herr dem zweiten Mann den Auftrag gab, das Reich Gottes zu verkündigen. Das ist ein großes Thema im seinem Evangelium. Zudem spricht Lukas von einem dritten Mann, der dem Herrn nachfolgen wollte. Ihm musste der Herr deutlich machen, dass es im Reich Gottes kein Zurück gibt. Man muss vorher wissen, wofür man sich entscheidet.

Verse 23 -27: Die Schifffahrt mit dem Herrn im Boot

„Und als er in das Schiff gestiegen war, folgten ihm seine Jünger. Und siehe, ein großes Unwetter erhob sich auf dem See, so dass das Schiff von den Wellen bedeckt wurde; er aber schlief. Und die Jünger traten hinzu, weckten ihn auf und sprachen: Herr, rette uns, wir kommen um! Und er spricht zu ihnen: Was seid ihr furchtsam, ihr Kleingläubigen? Dann stand er auf und schalt die Winde und den See; und es trat eine große Stille ein. Die Menschen aber verwunderten sich und sprachen: Was für einer ist dieser, dass auch die Winde und der See ihm gehorchen?“ (Verse 23–27).

Im sechsten Abschnitt finden wir dann die Schifffahrt, in der wir vom schlafenden Herrn zusammen mit seinen Jüngern lesen. Sowohl das Fieber der Schwiegermutter von Petrus als auch dieses Unwetter waren keine Kleinigkeiten. Das Fieber konnte zum Tod führen. Dieses Unwetter hatte es ebenfalls in sich. Wir müssen bedenken, dass die Jünger erprobte Fischer waren, die sicher manchen Sturm in ihrer Arbeitszeit erlebt hatten. Aber das, was jetzt auf sie zukam, kannten sie vermutlich noch nicht, wenn wir ihre Reaktionen überdenken. Sie waren wirklich am Rand der Erschöpfung – es ging hier um Leben und Tod.

Sicher fragten sich die Jünger auch, wieso sie gerade jetzt in einen derartigen Sturm gerieten. Waren sie denn auf einem eigenwilligen Weg? Hatte nicht der Meister selbst ihnen sogar befohlen, ans andere Ufer überzusetzen (V. 18)? Es musste also einen anderen Grund geben. – So kann es auch uns gehen! Ein „Sturm“ in unserem Leben weist nicht automatisch darauf hin, dass wir etwas falsch gemacht haben. Das kann natürlich der Fall sein, ist aber keineswegs die Regel. Jedoch sollten wir in jedem Fall darüber nachdenken, was Gott uns mit einer solchen Prüfung sagen will.

In dieser Situation wecken die Jünger ihren Meister auf. Er schläft! Das beeindruckt uns. Wie kann Er bei einem solchen Unwetter schlafen? Das Argument, dass Er ja wusste, was passieren würde, zählt nicht. Denn es verkennt, dass Er als wahrer Mensch geschlafen hat. Also als solcher, der einfach in allem seinem Vater vertraute. Was für eine Ruhe strahlt aus seinem Verhalten. Wenn wir doch daraus für uns selbst lernen würden!

Es gibt aber noch eine zweite Seite, die vielleicht stärker im Markusevangelium vor uns steht. Wer in einem solchen Sturm schläft, muss wirklich erschöpft sein. Der Diener, der Meister war unentwegt im Dienst für seinen Gott und zugunsten der Menschen gewesen. Ununterbrochen. Jetzt, auf dem Schiff, schläft Er. Das Beeindruckende: Auch im Schlaf dient Er – in diesem Fall den Jüngern und uns, die wir von Ihm lernen wollen.

So verständlich der Ruf der Jünger ist: Wir kommen um!, so deutlich zeigt er doch zugleich, wie sehr wir Menschen von uns selbst eingenommen sind. Wenn die Jünger umkämen, käme dann nicht ihr Herr zusammen mit ihnen um? Konnten sie nach den bisherigen Erfahrungen wirklich glauben, dass das Boot untergehen konnte? Die Gefahr war real – aber auch derjenige, der die Gefahr bannen kann. „Rette uns, wir kommen um!“ – sie dachten nur an sich.

Die Jünger hatten die Wunder und die Belehrungen des Herrn erlebt. Der Herr war in ihrer Mitte. Aber sie mussten auch innerlich und persönlich erleben, dass die Gnade des Ewigen zu ihnen gekommen war. Daher erhielten sie jetzt diese Lektion vonseiten ihres Meisters. Offensichtlich wurde dieser Sturm von Gott deshalb zugelassen, damit die Jünger im Glauben erprobt würden und neu die Gnade Gottes und ihren Meister kennenlernten. Die Jünger kannten den Herrn. Aber ihnen fehlte das Bewusstsein seiner Herrlichkeit. Wenn dieses vor unseren Herzen steht, können wir auf Ihn warten!

Man fragt sich auch: Wieso erwarteten die Jünger nicht alles vom Herrn, obwohl sie Ihn so gut kannten im Unterschied zum Hauptmann, der tatsächlich alles vom Meister erwartete? So sehen wir, dass große Kenntnis allein nie ein Hilfsmittel im Glauben ist. Sie muss wirklicher Besitz des Herzens werden, um sich auswirken zu können.

Der Meister greift ein

Im Markusevangelium lesen wir, dass der Herr den Seinen sofort hilft, indem Er den Sturm und den Wind zum Schweigen bringt. Hier im Matthäusevangelium lernen wir, wie das Ganze zeitlich abgelaufen ist. In diesem gewaltigen Sturm hat der Meister noch die Zeit, seine Jünger zu tadeln. Mussten sie nicht auch dadurch erkennen, dass der Sturm, so gewaltig er sein mochte, dem Herrn und den Seinen nichts antun konnte? Wie oft muss der Herr auch uns als Kleingläubige tadeln, weil wir Ihm nicht vertraut haben!

Dann stand Er auf und schalt die Winde und den See. Die Tatsache, dass Er bedrohte und schalt, zeigt deutlich, dass die Winde nicht von Gott kamen, sondern vom Widersacher. Der sucht jede Gelegenheit, dem Herrn und den Seinen zu schaden. Er kann es nicht tun, wenn die Seinen ihren Herrn mit im Boot haben und Ihm vertrauen.

Das Wunder, das der Herr vollbringt, ist zweifach:

  1. Der Herr gebietet Sturm und Wellen. Das kann kein Mensch, das kann nur der Schöpfer. Der Schöpfer hat nicht nur ins Dasein gerufen. Er hält auch alles im Gleichgewicht. Er hat die Macht, zu verändern und sogar zu zerstören oder zu beenden. Und kein Kreislauf dieser Erde bricht zusammen. Hier greift Er durch Veränderung in seine Schöpfung ein.
  2. Wenn ein Sturm aufhört, werden die hohen Wellen noch lange existieren. Aber der Herr hat hier nicht einfach den Sturm beendet. Sogleich hören auch die Wellen auf, gegen das Boot zu schlagen. Es tritt eine große Stille ein. Das, was der Herr macht, macht Er vollkommen. Wir fallen vor unserem Schöpfer nieder.

Die Menschen verwundern sich – offensichtlich auch die Jünger. So kannten sie den Herrn noch nicht. Hätten sie Ihn nicht so kennen müssen? Auch wir kennen den Herrn schon so lange und kennen Ihn doch oft nicht wirklich. Wie oft sagen wird. „Wer ist denn dieser?“ Der Herr wartet darauf, dass wir Ihn mehr und mehr kennenlernen.

Diese Überfahrt wird uns in den drei synoptischen Evangelien mitgeteilt. Markus (Mk 4,35–41) zeigt uns mehr die Umstände. Sie nehmen den Herrn mit, wie Er war, und es gab auch andere Schiffe. Der Herr ist von seinem Dienst gekennzeichnet – so fuhr Er mit. Entscheidend ist für den Diener, dass er in dem Schiff ist, wo sich der Meister befindet. Nur Markus berichtet von der Anklage der Jünger: „Liegt dir nichts daran ...?“ Die Diener, die Jünger warfen dem Herrn vor, Er habe sie allein gelassen.

Lukas (Lk 8,22–25) spricht davon, dass die Jünger wirklich in Gefahr waren. Das ist die menschliche Seite, die er betont. Auch in Bezug auf die Glaubensfähigkeit unterscheiden sich die Evangelisten. Matthäus spricht von dem Kleinglauben der Jünger, Markus davon, dass sie keinen Glauben hatten – gerade für Diener ist es so wichtig, durch Glauben geprägt zu sein. In Lukas finden wir die Frage, die wieder zu der menschlichen Seite passt und ins Innerste geht: „Wo ist euer Glaube?“ Ob er wohl bei uns vorhanden ist?

Verse 28–34: Die Heilung der Besessenen

„Und als er an das jenseitige Ufer gekommen war, in das Land der Gergesener, kamen ihm zwei Besessene entgegen, die aus den Grüften hervorkamen, sehr wütend, so dass niemand auf jenem Weg vorbeizugehen vermochte. Und siehe, sie schrien und sprachen: Was haben wir mit dir zu schaffen, Sohn Gottes? Bist du hierher gekommen, um uns vor der Zeit zu quälen? Es war aber fern von ihnen eine Herde vieler Schweine, die weidete. Die Dämonen aber baten ihn und sprachen: Wenn du uns austreibst, so sende uns in die Schweineherde. Und er sprach zu ihnen: Geht hin. Sie aber fuhren aus und fuhren in die Schweine. Und siehe, die ganze Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See, und sie kamen in dem Gewässer um. Die Hüter aber flohen und gingen in die Stadt und verkündeten alles, auch das von den Besessenen. Und siehe, die ganze Stadt ging hinaus, Jesu entgegen, und als sie ihn sahen, baten sie, dass er aus ihrem Gebiet weggehe“ (Verse 28- 34).

In der siebten Begebenheit lernen wir dann, wie der Herr zwei Besessenen in Barmherzigkeit begegnet. Es fällt auf, dass Matthäus im Unterschied zu Markus und Lukas von zwei Besessenen spricht – jene nennen nur eine Person. Dabei beziehen sie sich wohl auf denjenigen der beiden, der in besonderer Weise unter der dämonischen Macht stand. Matthäus dagegen spricht von beiden und liefert damit das von Gott geforderte Mindestmaß an Zeugen für diese Heilung. „Auf zweier Zeugen Aussage oder auf dreier Zeugen Aussage hin soll eine Sache bestätigt werden“ (5. Mo 19,15; vgl. Mt 18,6). Wir werden noch an anderen Stellen dieses Evangeliums sehen, dass Matthäus von zwei Personen spricht, wo andere Evangelisten nur einen Menschen erwähnen. Das war für die Empfänger des Matthäusevangeliums, Juden, von großer Wichtigkeit. Denn Gott hatte ihnen diese Zeugenzahl vorgegeben. So gab es ein ausreichendes Zeugnis für die Macht des Herrn über den Feind. Ob das der einzige Grund dafür ist, dass wir hier von zwei Menschen lesen? William Kelly schreibt: „Ich maße mir nicht an zu sagen, dass dies der einzige Grund ist. Fern sei es von mir, den Geist Gottes auf die schmalen Grenzen unseres Gesichtsfelds zu beschränken! Niemand möge annehmen, dass ich, wenn ich meine eigenen Überzeugungen darlege, den anmaßenden Gedanken hege, als seien diese genannten die einzigen Beweggründe für Gott!“

Der Herr Jesus befindet sich hier im Land der Gergesener – das ist östlich des Sees Genezareth. Es gehörte zu der damaligen Dekapolis, dem Gebiet der zehn Städte, die zum größten Teil östlich des Sees lagen. Heute ist das Land der Gergesener der nördliche Teil der Golanhöhen. Dieses Gebiet war nicht nur von Juden besiedelt, sondern ein Mischgebiet. Viele Heiden hatten dort ihre Heimat gefunden, und es gab auch Mischehen, also Ehen zwischen Juden und Heiden.

Hier trifft Jesus auf Menschen, die sich auf Friedhöfen aufhielten. Dort, wo die Toten lagen, lebten sie. Sie selbst waren geistlich tot, und das prägte auch ihre Umgebung, ihr ganzes Wesen. Allerdings gibt es auch für solche Menschen Hoffnung, selbst wenn sie, wie in diesem Fall, gewalttätig und sogar von Dämonen besessen sind.

Hier lernen wir nicht so sehr die List des Feindes und sein Wirken auf die Begierden des Menschen, sondern vor allem seine Macht kennen. Diese beiden Menschen befanden sich unter der direkten Macht Satans. Wir sollten uns bewusst machen: Diese Macht ist größer als die Kraft des Menschen. Der Mensch kommt gegen sie nicht an! Und er will ihr auch nicht widerstehen. Aber es gibt jemanden, der stärker ist als diese mächtigen Geister: Christus, der Herr! Er hatte den Starken gebunden – jetzt raubt Er ihm seine Beute.

Immer dann, wenn Dämonen während der Wirkungszeit des Herrn spürten, dass eine Veränderung anstand, wurden sie besonders aktiv. So auch in diesem Fall. Als der Herr hier ankam, quälten die Dämonen ihre Opfer ganz besonders. Sie waren es, die aus den beiden Männern herausschrien: „Was haben wir mit dir zu schaffen, Sohn Gottes?“

Der Sohn Gottes

Wir haben schon gesehen, dass Jesus sich in diesem Kapitel zum ersten Mal „Sohn des Menschen“ nennt. Hier wird Er nun das erste Mal „Sohn Gottes“ genannt. Eigentlich hätte der Priester in den ersten vier Versen bekennen müssen: „Du bist der Sohn Gottes!“ Er hat dies versäumt. So waren es die Dämonen, welche nach Satan (Mt 4,3.6) die Ersten sind, die dies erkannten und anerkannten.

Der Herr Jesus kann das Zeugnis dieser Dämonen nicht annehmen. Er geht auch in keiner Weise darauf ein. Jakobus sollte später aufschreiben: „Du glaubst, dass Gott einer ist, du tust recht; auch die Dämonen glauben und zittern“ (Jak 2,19). Die Dämonen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Das flößt ihnen eine unglaubliche Angst ein. Aber immerhin: Wenn Menschen dem Herrn die Anerkennung versagen – diese Wesen wissen, mit wem sie es zu tun haben!

Die Frage „Bist du hierher gekommen, um uns vor der Zeit zu quälen?“ offenbart auch, dass diese Dämonen ein Bewusstsein davon haben, dass ihr Gericht an einem bestimmten Zeitpunkt vorgenommen werden wird. Aber sie wissen auch, dass es noch nicht so weit war.

Wissen auch unsere ungläubigen Mitmenschen, dass es für sie einmal ein Gericht geben wird? Wir können niemand zwingen, an den Herrn Jesus zu glauben. Das muss jeder für sich selbst, in gewisser Hinsicht „freiwillig“ entscheiden. Aber wenn wir doch das Bewusstsein dafür schärfen könnten, dass es einen Tag der „Heimsuchung“ geben wird (vgl. Lk 19,44; 1. Pet 2,12), einen Tag der Abrechnung. Es ist immer noch besser, sich aus Angst vor dem Gericht zu bekehren, als sich überhaupt nicht zu bekehren.

Aus den Versen 30–32 lernen wir, dass Dämonen offenbar einen Körper brauchen, um tätig werden zu können. Jedenfalls suchten sie, nachdem ihnen durch das Kommen Jesu sofort klar wurde, dass sie diese beiden Menschen verlassen müssten, einen anderen Zielort. Die Herde Schweine war ihnen recht – diese unreinen Tiere, die hier gehalten wurden. Wie das mit dem jüdischen Glauben derer zusammenpasst, die in dieser Gegend lebten, wird nicht weiter erläutert. Juden jedenfalls hätten dieses Fleisch unreiner Tiere nicht essen dürfen (vgl. 3. Mo 11,7). Warum sie sich dann solche Tiere hielten? Wollten sie damit etwa Geschäfte mit Heiden machen?

Wir lesen dann, dass die Herde in den See stürzte. Es wird nicht klar, ob dies das Ziel der Dämonen war, um Jesus aus dieser Gegend zu vertreiben, oder ob dies ein Beweis ist, dass auch die Mächte Satans nicht in der Lage sind, alles zu beherrschen. Jedenfalls wird dieses Ereignis zum traurigen Anlass, dass die Menschen dieser Stadt – vielleicht Gadara – lieber mit diesen beiden besessenen, gewalttätigen Männern leben wollten als mit einem heilenden, rettenden Herrn. So finden wir hier eine weitere Station der Ablehnung des Herrn. Er tat Gutes. Dafür feindeten ihn die Menschen an. Man wird unwillkürlich an Psalm 109,4 erinnert: „Für meine Liebe feindeten sie mich an; ich aber bin stets im Gebet.“ Der Herr war auch mit Macht gekommen, um die Welt und den Menschen von der Gewalt des Feindes zu befreien. Aber die Welt hat Ihn nicht gewollt. Denn der Mensch ist nicht nur ein Sklave Satans, sondern in seinem Innern zugleich ein Feind Gottes. Er lehnt Gott ab. So unterwirft er sich lieber Satan als Gott – was für eine schreckliche Entscheidung!

Es ist beeindruckend zu sehen, dass der Herr, der mit den Dämonen die größten Mächte auf dieser Erde vertreiben kann, sich dennoch unter das Urteil dieser ungläubigen Menschen stellt und weggeht. Er will gebeten sein. Wenn Er zu einem ungebetenen Gast wird, geht Er, denn Er zwingt sich niemandem auf. Das zeigt seine Demut. Aber dies zeigt auch den Ernst der Handlung dieser Menschen auf. Gott sei Dank – Er würde wiederkehren und sogar Frucht durch die Geheilten vorfinden (vgl. Mk 7,31–37).

Die anderen Evangelisten

Wenn wir die beiden anderen über diese Heilung berichtenden Evangelien Markus und Lukas mit dem Bericht von Matthäus vergleichen, stellen wir fest, dass Matthäus am kürzesten ist. Er berichtet diese Begebenheit in nur sieben Versen. Lukas (Lk 8,26–39) nimmt sich 14 Verse „Zeit“, Markus (Mk 5,1–20) sogar 20. Im Matthäusevangelium geht es besonders darum, die Herrlichkeit des Herrn und seines Handelns zu zeigen. Bei Markus geht es darum, das Ausmaß der Krankheit des Betroffenen darzustellen und auch die gewaltige Veränderung, die der Diener in seinem göttlichen Dienst bewirkt.

Lukas stellt besonders den schlimmen Zustand des Menschen vor, um die Barmherzigkeit des Meisters zu zeigen. Markus und Lukas machen auch den Auftrag des Herrn an den Geheilten deutlich, vor Ort ein Zeugnis für Christus zu sein. Matthäus schweigt darüber. Zum einen spricht seine Herrlichkeit als König für sich allein, unabhängig davon, ob jemand von Ihm zeugt oder nicht. Zum anderen scheint es so, dass nur einer der beiden Geheilten innerlich so überwältigt war, dass er wirklich ein Zeugnis von der Herrlichkeit des Herrn ablegen konnte. Das aber hätte nicht zu der Belehrung gepasst, die uns der Geist Gottes über die verschiedenen Haushaltungen (Epochen) in der Abfolge dieser Abschnitte geben wollte, worauf ich im Folgenden eingehen werde. Wie wir schon gesehen haben, spricht Matthäus als Einziger von zwei Personen, in Übereinstimmung mit den Anforderungen des Gesetzes an eine ausreichende Bezeugung. Genau dieses doppelte Zeugnis aber wäre verloren gegangen, wenn nur einer der beiden von seiner Befreiung Zeugnis abgelegt hätte.

Nun folgen die bereits angekündigten fünf Linien, die ich in Kapitel 8 erkennen kann:

  1. Die Einzigartigkeit der Person Christi
  2. Die Lehre über unterschiedliche Arten des Handeln Gottes (Epochen, Haushaltungen)
  3. Die unterschiedlichen Kennzeichen der Sünde
  4. Glaube in seinen unterschiedlichen Ausprägungen
  5. Belehrungen für die Jüngerschaft

Die Einzigartigkeit der Person Christi

In erster Linie sind wir an der Herrlichkeit der Person des Messias interessiert. Sie wird uns in einem einzigartigen Panorama in diesen verschiedenen Abschnitten vorgestellt. Wenn der Geist Gottes uns mehr die Augen der Herzen für diese Person öffnen könnte, würden wir vermutlich mehr seiner Schönheiten im Wort Gottes erkennen. Schon die Beschäftigung mit diesen 34 Versen zeigt uns eine einzigartige Vielfalt der Herrlichkeit unseres Meisters!

1. Jesus, der Jahwe des Alten Testaments (Verse 1–4)
Das Beeindruckende an der Heilung des Aussätzigen ist, dass im Alten Testament kein einziger Israelit erwähnt wird, der nach den Anweisungen des „Gesetzes des Aussatzes“ (3. Mo 13.14) von seinem Aussatz gereinigt worden wäre (die Fälle Naaman und Mirjam haben wir schon behandelt). Aber jetzt, wo der Herr Jesus auf der Erde war, wurden erstmals Aussätzige aus Israel gereinigt.

Durch den Aussatz war ein Mensch in den Augen Gottes unrein (vg. 3. Mo 13,45.46). Aus 4. Mose 19,22 wissen wir zudem, dass alles, was ein Unreiner anrührte, und jeder, der einen Unreinen anrührte, ebenfalls unrein wurde. Schließlich sagte der König von Israel, als der aussätzige Naaman zu ihm kam: „Bin ich Gott ..., dass dieser zu mir sendet, einen Mann von seinem Aussatz zu befreien?“ (2. Kön 5,7).

So zeigt die Tatsache, dass der Herr Jesus hier einen Aussätzigen reinigt, dass Er eine Macht besitzt, die kein anderer vor Ihm hatte, ja, die nur der Gott Israels, Jahwe, haben kann. Und dass Er durch die Berührung des Aussätzigen nicht unrein wurde, sondern der Aussätzige rein, ist ein weiterer Beweis, dass Er Jahwe, der Herr ist. Er ist derjenige, der von sich sagt: „Ich bin der Herr, der dich heilt“ (2. Mo 15,26). Seine Macht zeigte sich darin, dass Er heilen konnte; seine Gnade und Liebe bestand darin, dass Er heilen wollte! So finden wir Christus hier als den wahren Jahwe, den Herrn, der zu seinem Volk kommt, um es von seiner Unreinheit, von seinen Krankheiten, zu heilen. Er lässt denjenigen, der aufgrund seines Aussatzes „fern“ war und isoliert leben musste, herzutreten, um ihn in die Gemeinschaft seines Volkes zu bringen. Das konnte nur einer: der Herr! Niemand könnte den Messias auf das Niveau eines normalen Menschen herabziehen und dem von Mose gegebenen Gesetz unterordnen. Er ist der Gesetzgeber, der über dem Gesetz steht, das Er selbst gegeben hat. Es ist natürlich auch wahr, dass Er von einer Frau und unter Gesetz geboren wurde (vgl. Gal 4,4). Aber dieser demütige und abgelehnte Nazarener ist zugleich Jahwe, der Herr! So finden wir hier beide Seiten seiner herrlichen Person: Nur ein Mensch kann einen anderen „berühren“. Zugleich muss dieser Mensch der Ewige sein, der durch die Berührung von Unreinheit nicht unrein wird, sondern das Unreine reinigt. Das Gesetz stellt den Aussätzigen ins Abseits. Aber der Gesetzgeber ist größer als das Gesetz und bringt den Aussätzigen in seiner göttlichen Gnade zu Gott, zu sich selbst.

2. Jesus, des Sohn Abrahams (Verse 5–13)
In der nächsten Begebenheit werden wir an den ersten Vers dieses Evangeliums erinnert: „Buch des Geschlechts Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ Der Segen Gottes für Abraham war, dass durch ihn alle Nationen gesegnet werden sollten (vgl. 1. Mo 12,3; 18,18; 22,18). Das finden wir hier. Der Segen Jesu reicht weit über die Grenzen Israels hinaus. Hier ist es ein heidnischer Hauptmann und dessen Knecht, die den Segen des Herrn Jesus erfahren. Sie sind nur ein Symbol für die vielen anderen Heiden, die durch Christus gesegnet werden: „Ich sage euch aber, dass viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Reich der Himmel“ (Mt 8,11). So finden wir hier eine Erfüllung der Weissagung Jakobs an Joseph: „Die Schösslinge treiben über die Mauer“ (1. Mo 49,22).

Der Sohn Abrahams ist zugleich Gott, der Herr. Bei Ihm war keine Anwesenheit notwendig, um heilen zu können. Er brauchte nur ein Wort auszusprechen, und es geschah. Gott kann nicht dadurch eingeschränkt werden, dass Er sich an einem bestimmten Ort aufhält. Sein Wort reicht aus, um alles das zu tun, was es zu tun gibt.

3. Jesus, der Sohn Davids (Verse 14.15)
Wenn sich der Herr Jesus aufgrund der Verwerfung durch sein Volk den Nationen zuwendet, heißt das nicht, dass Er sein eigenes Volk vergisst. Es wird eine Zeit kommen, in der Er sich seinem Volk wieder ganz zuwenden wird – als der Sohn Davids. Das finden wir in der dritten Begebenheit, wo Er die Schwiegermutter des Petrus, also eine „Blutsverwandte“, heilt. So wird Christus einmal sein Volk heilen – noch einmal haben sie diese Rettung nötig. Ein wunderbares Bild der Zuwendung des Sohnes Davids zu seinem Volk.

4. Jesus, der Knecht Gottes und König Israels (Verse 16.17)
Ausgehend von der Wiederherstellung seines eigenen Volkes, ausgehend von Jerusalem wird der Herr Jesus zum Segen und Heil aller Menschen sein. Damit erfüllt Er die Vorhersagen des Propheten Jesaja in den Kapiteln 52 und 53, wo wir Christus als den leidenden Knecht Gottes finden: „Siehe, mein Knecht wird einsichtig handeln; er wird erhoben und erhöht werden und sehr hoch sein“ (Jes 52,13). Dieser Erhöhung würde jedoch das Kommen des Knechtes Gottes in selbst gewählter Erniedrigung vorausgehen. In Matthäus 8 werden beide Seiten in beeindruckender Weise miteinander verbunden. Darüber hinaus sehen wir, wie der König sich um sein Volk kümmert. Das, was wir im Einzelnen in Jesaja 35,5.6 lesen, findet eine zusammenfassende Erfüllung in dem hier beschriebenen Dienst des Herrn.

5. Jesus, der Sohn des Menschen und Herr (Verse 18–22)
Zum ersten Mal in diesem Evangelium finden wir hier diesen Titel: Sohn des Menschen. Bezeichnenderweise nennt nur Er selbst sich so. Er nimmt Bezug auf Psalm 8,5 und Daniel 7,13, wo von des „Menschen Sohn“ die Rede ist. Dieser Titel spricht von der Erniedrigung und den Leiden Christi (Er „hat nicht, wo er das Haupt hinlege“, vgl. auch z. B. Mt 17,12; 20,28) und von dessen Verherrlichung (z. B. Mt 19,28; 24,30). Der Titel macht einerseits unmissverständlich klar, dass der Herr Jesus ein Mensch ist, denn ein „Sohn des Menschen“ muss logischerweise ebenfalls Mensch sein. Andererseits besagt dieser Titel auch, dass Er der „Typus“ von Mensch ist, den Gott eigentlich wollte. Denn Er hatte die Eigenschaften, die Gott Adam ursprünglich gegeben hatte: im Bild Gottes und nach seinem Gleichnis zu sein (1. Mo 1,26), ohne Sünde – aber das alles ohne je ein Geschöpf gewesen wäre. An diesem Menschen hatte Gott vollkommenes Wohlgefallen. Als Sohn des Menschen ist sein Wirken jedoch nicht auf Israel beschränkt, sondern wird auf die ganze Erde ausgeweitet. Das wird in Psalm 8 sehr deutlich (vgl. auch Mt 16,13.27.28). Seine Herrlichkeit (zunächst in den Leiden, dann in der Erhöhung) wird für alle Menschen sichtbar gemacht.

Durch seine Worte weist der Herr uns auf die extreme irdische Armut hin, die Er auf sich genommen hat. Er war nicht als Reicher gekommen; auch nicht als jemand, der hier auf der Erde reich werden wollte. Sein Weg war der Weg der Abhängigkeit von Gott. Gerade in den Psalmen wird Er uns in prophetischer Weise immer wieder so vorgestellt. „Ich aber bin elend und arm“ (Ps 40,18). „Ich bin müde vom Rufen“ (Ps 69,4). „Ich aber bin ein Wurm und kein Mann“ (Ps 22,7). Aber diese Verse im Matthäusevangelium sprechen auch von seinem Tod. Ausleger haben darauf hingewiesen, dass der Ausdruck „hinlegen“ wieder am Kreuz von Golgatha erwähnt wird, als der Retter sein „Haupt neigte“, um sich in die Hände seines Vater zu übergeben. So finden wir hier also die erste Ankündigung aus dem Mund des Herrn, dass sein Weg ein Weg der Leiden ist, kein Weg äußerer Herrlichkeit und Anerkennung.

Trotzdem ist Jesus als Sohn des Menschen zugleich auch Herr, derjenige, der Jünger beruft, Jüngern gegenüber Autorität ausübt, von Jüngern Gehorsam fordert. Er ist der Herr und Meister seiner Jünger!

6. Jesus, der Schöpfer und Mensch (Verse 23–27)
In der dann folgenden Begebenheit, in der Jesus den Sturm und den See bedroht und die in allen drei synoptischen Evangelien berichtet wird, erkennen wir, dass Er zugleich Schöpfer und Mensch ist. Als wirklicher Mensch schläft Er im Schiff – als Schöpfer greift Er in seine Schöpfung ein. Er hat die Macht zu schaffen und zu verändern. Er hat Gewalt über Wind und Wetter. „Was für einer ist dieser, dass auch die Winde und der See ihm gehorchen?“

7. Jesus, der Sohn Gottes (Verse 28–34)
In dem siebten und abschließenden Abschnitt erleben wir dann, dass dieser Mensch Jesus Gott selbst ist, Gott der Sohn, „der Sohn Gottes“. Hier finden wir diesen Namen unseres Herrn zum ersten Mal als Ausruf in der Bibel. Schon der Herr der Dämonen, Satan, hatte ihn in fragender, herausfordernder Weise benutzt (Mt 4,3.6), nicht aber in ausdrücklicher Bestätigung.

Für nur zwei Personen nimmt Er einen langen Weg auf sich. Das ist etwas, was wir auch oft im Johannesevangelium finden, wo der Herr uns vornehmlich als Sohn Gottes vorgestellt wird. Die Herrlichkeit seiner Person strahlt in besonderem Maß hervor, wenn Er sich Zeit nimmt für den Einzelnen!

Und welcher Mensch hat Autorität über die Dämonen, die Engel und Diener Satans? Das wissen auch diese furchtbaren Wesen: „Was haben wir mit Dir zu schaffen, Sohn Gottes?“, fragen sie. Auch hier wieder war es für einen Juden ganz klar: Der Ausdruck „Sohn Gottes“ heißt nicht „Kind“, sondern weist darauf hin, dass die Person als „Sohn“ von derselben Art ist wie Gott – eben Gott selbst sein muss. Das mag heute von vielen, auch von Theologen, geleugnet werden. Damals gab es jedoch keinen Zweifel daran: Wenn jemand sich Sohn Gottes nennen ließ, bekannte er sich dazu, Gott zu sein. Das tut der Herr Jesus. Er darf es tun, weil Er Gott ist. Er besteht sogar darauf (vgl. Mk 2,7.10). Aber genau darauf gründen die Juden später ihre Anklage, um von Pilatus das Todesurteil über Ihn zu erwirken (vgl. Joh 19,7). – Ja, Er ist Gott, gepriesen in Ewigkeit!

Die Lehre über unterschiedliche Arten des Handelns Gottes (Epochen, Haushaltungen)

Diese sieben Abschnitte geben uns nicht nur ein Zeugnis der vollkommenen Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus. Sie zeigen auch etwas über die verschiedenen Heilsperioden, die verschiedenen Zeiten, in denen Gott auf unterschiedliche Weise mit den Menschen, mit seinem Volk, handelt. Die Tatsache, dass der Geist Gottes in diesen Abschnitten die Chronologie zugunsten eines anderen Leitgedankens zur Seite stellt, sollte uns verdeutlichen, dass diese Reihenfolge eine besondere Bedeutung besitzt.

1. Christus kommt zu seinem Volk.
In dem ersten Abschnitt lesen wir, dass der Messias vom Berg herabstieg, begleitet von den Volksmengen seines Volkes. Dann wird berichtet, dass ein Aussätziger zu Ihm kam. Dieser steht symbolisch für das Volk Israel, zu dem der Gesalbte Gottes gekommen war. Was war der Zustand des Volkes: aussätzig. Es gibt im Alten Testament keine Krankheit bzw. Unreinheit, die in drastischeren Worten beschrieben wird als der Aussatz (vgl. 3. Mo 13.14). Eine Krankheit, die einen Menschen vollkommen isolierte und ihm keinen Zugang zu irgendeinem anderen Menschen ermöglichte. Das war und ist der Zustand des Volkes Israel: „Das ganze Haupt ist krank, und das ganze Herz ist siech. Von der Fußsohle bis zum Haupt ist nichts Gesundes an ihm“ (Jes 1,5.6). Sie hatten die Propheten abschließend abgelehnt (vgl. Maleachi). Jetzt standen sie davor, ihren eigenen König zu verwerfen. Nicht Gott stand bei ihnen im Mittelpunkt, sondern ihre eigene Ehre (vgl. Mt 6,1–18).

Und dennoch: Der König kommt zu seinem Volk, um es zu heilen, zu retten. Wir erinnern uns an Matthäus 1,21: „Er wird sein Volk erretten von ihren Sünden.“ Als König Israels richtet Er sich dabei nach dem von Ihm selbst gegebenen Gesetz, das verlangte, dass sich der Geheilte dem Priester zeigte (3. Mo 14,2). Aber das Volk will das Gesetz nicht tun und lehnt Gott und seinen König, Jesus Christus, ab, wie wir das ja schon aus mehreren Stellen der ersten sieben Kapitel entnehmen konnten.

2. Christus bringt das Heil zu den Heiden.
Wie schon erläutert, fand diese Begebenheit viel, viel später als die Reinigung des Aussätzigen statt. Aber gerade diese Zusammenstellung beider Wunder macht klar, was der Geist Gottes uns lehren will: Der Herr hat seinem Volk gezeigt, was Er für sie hätte tun können, wenn sie – wie der Aussätzige – zu Ihm gekommen wären. Aber Israel war sich seines Aussatzes nicht bewusst, es wollte sich nicht eingestehen, wie sein Zustand war. Nicht nur das: Es lehnte den eigenen Herrn ab, der zu ihm gekommen war, nicht nur „obwohl“ Er Gott war, sondern gerade weil Er göttlicher Natur war. Wenn aber das Volk Israel den Messias ablehnte, dann ist der Fall Israels der Anlass zum Heil der Nationen (vgl. Röm 11,11). So auch hier. Wir lesen nichts davon, dass der Priester es dem Herrn anerkennt, dass hier Gott und nicht einfach ein Mensch gewirkt hat. So brachte der Herr das Heil zu denjenigen, die bislang keine Beziehung zu Gott hatten – zu den Nationen.

Wir finden hier also einen Wechsel im Handeln Gottes mit Menschen: das Abschneiden des fleischlichen Samens Israels wegen seines Unglaubens und die Einführung von zahlreichen Gläubigen aus den Nationen im Namen des Herrn. Sie werden hier durch den heidnischen Hauptmann repräsentiert. Während das Kennzeichen des Volkes Israel war, dass Christus den Aussätzigen anrührte – die jüdische Religion war auf das Sichtbare, Anfassbare ausgerichtet – so finden wir hier als große Tatsache den Glauben dieses Mannes. Ihm genügte das gesprochene Wort Gottes vonseiten des Herrn. Das ist das Kennzeichen unserer heutigen Zeit. Wir sehen nicht und dennoch glauben wir (vgl. 1. Pet 1,8; Heb 11,1). So stellt diese Begebenheit bildlich die heutige Zeit der Gnade dar, geprägt durch den Glauben an den Unsichtbaren. Wir sehen hier noch nicht, dass Christus Israel verlassen hätte, und hier wird auch noch nicht die Versammlung Gottes eingeführt – das alles kommt später. Aber der Herr führt etwas Neues ein: Wenn das Volk Israel vollkommen versagte, öffnete Gott die Tür für die Heiden. Auch die Heiden waren, was ihren Zustand betrifft, „krank“. Sie waren gelähmt und damit nicht in der Lage, Gott zu dienen. Aber Christus kam, um uns aus diesem Zustand zu befreien.

3. Aber Christus gibt sein Volk nicht auf!
„Denn ich will nicht, Brüder, dass euch dieses Geheimnis unbekannt sei, damit ihr nicht euch selbst für klug haltet: dass Israel zum Teil Verhärtung widerfahren ist, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist; und so wird ganz Israel errettet werden“ (Röm 11,25.26). In der heutigen Zeit wendet sich die Gnade Gottes allen Nationen zu – Israel eingeschlossen. Wenn aber die Vollzahl der Nationen eingegangen ist, wird sich Christus wieder seinem Volk zuwenden. Denn die Christenheit ist kein bisschen besser als die damals lebende jüdische Nation. Wenn der Abfall der Christen von Christus das volle Maß erreicht haben wird, knüpft Gott wieder mit dem jüdischen Volk an. Dafür aber müssen sie durch eine große Drangsalszeit (vgl. Mt 24,21) hindurchgehen. So sehen wir, dass die Schwiegermutter von Petrus, dem Apostel der Beschneidung (Gal 2,8), fieberkrank daniederliegt. Es geht um die Blutsverwandtschaft, der sich Christus zuwendet. Sie wird anfangs in einem Zustand sein, der durch Fieber geprägt ist. Aber der Herr wird sein Volk aus der Drangsal befreien und retten – durch Anrühren. Wieder haben wir das sichtbare Zeichen der Anrührung, wie es typisch ist für die Juden. Dann ist sein Volk bereit, Gott und seinem Christus zu dienen.

Die wunderbare Botschaft dieses Abschnittes ist: Christus gibt sein Volk nicht auf; Er wird sich wieder um sein irdisches Volk kümmern. Sie mögen den Eindruck haben, vergessen worden zu sein: „Und Zion sprach: Der Herr hat mich verlassen, und der Herr hat mich vergessen.“ Aber Gott hat eine Antwort auf diesen Kummer des Volkes. Es werden nur die Übriggebliebenen, ein Überrest, sein, dem Er sich offenbaren kann. Solchen im Haus, die sich auf die Seite der Jünger des Herrn, ja des Messias selbst stellen. Und ihnen sagt der Herr: „Könnte auch eine Frau ihren Säugling vergessen, dass sie sich nicht erbarmte über den Sohn ihres Leibes? Sollten sogar diese vergessen, ich werde dich nicht vergessen. Siehe, in meine beiden Handflächen habe ich dich eingezeichnet; deine Mauern sind beständig vor mir“ (Jes 49,14–16). So dürfen wir erkennen, dass trotz der reichhaltigen Gnade Gottes für die Nationen seine Zuneigungen zum irdischen Volk Israel nicht außer Kraft gesetzt werden. Das Volk liegt noch „fieberkrank“ danieder. Aber der Augenblick kommt, wo sich der Messias wieder um sein Volk kümmern und es von seiner Krankheit befreien wird. Das aber ist nötig, um es in den Segen des 1000-jährigen Friedensreichs einzuführen.

4. Die Wiederherstellung Israels ist die Basis für den Segen der Welt.
Nicht nur Israel wird im 1000-jährigen Reich von Gott gesegnet werden. Ausgehend von Israel wird Christus den Segen über die ganze Erde bringen. In diesen Versen finden wir keinen Hinweis auf die Zugehörigkeit derer, die zum Herrn gebracht werden. Die Völker werden sich künftig als Feinde Gottes erweisen, besessen von satanischer Macht, beherrscht von dem ersten und zweiten Tier aus Offenbarung 13, dem Römischen Kaiser und dem Antichristen. Aber Christus wird auch unter den Nationen viele retten können, ausgehend von Jerusalem. „Und es wird geschehen an jenem Tag, da werden lebendige Wasser aus Jerusalem fließen, zur Hälfte zum östlichen Meer und zur Hälfte zum hinteren Meer; im Sommer und im Winter wird es geschehen. Und der Herr wird König sein über die ganze Erde; an jenem Tag wird der Herr einer sein und sein Name einer“ (Sach 14,8.9). Dann wird auch das ganze Volk Israel gesund sein: „Dann wird die Beute des Raubes ausgeteilt in Menge, sogar Lahme plündern die Beute: Und kein Einwohner wird sagen: Ich bin schwach. Dem Volk, das darin wohnt, wird die Schuld vergeben sein“ (Jes 33,23.24). Die Völker werden nach Jerusalem ziehen und aus dem Gesetz belehrt werden (vgl. Jes 2,2–4; Mich 4,1.2).

Nach diesem Überblick über die verschiedenen Epochen bis hin zum 1.000-jährigen Reich schließt der Geist Gottes dieses Thema mit drei wichtigen, moralischen Belehrungen ab, die gewissermaßen „Rückgriffe“ darstellen:

5. Nur die Jünger, welche die Schmach Christi teilen, werden ins Königreich eingehen.
Man könnte nun fragen: Wer ist es, der in dieses 1000-jährige Friedensreich eingehen wird. Dieser fünfte Abschnitt gibt darüber Auskunft. Nur diejenigen, die sich auf die Seite des verworfenen Sohnes des Menschen stellen, werden einen solchen Zugang haben. Der Herr hatte keinen Platz hier auf der Erde, wo Er Ruhe gefunden hätte. Das gilt auch für seine Jünger – besonders für die, die in der Drangsalszeit leben werden. Es handelt sich um Juden, denn die Christen werden vor der Stunde der Versuchung bewahrt werden (vgl. Off 3,10). Für sie wird gelten: Der Herr kommt an erster Stelle. Es wird in dieser Zeit viele Märtyrer geben. Ja Bruder wird gegen Bruder und Eltern gegen Kinder und umgekehrt auftreten. Nur derjenige, der den Herrn an die erste Stelle setzt, ist ein wahrer Jünger.

Im Schriftgelehrten, der sagt, er wolle dem Herrn nachfolgen, sehen wir auch wieder ein Bild von Israel. Nachdem der Herr Jesus gezeigt hat, was für einen Segen es für Israel und darüber hinaus geben wird (V. 16.17), betont Er, dass dafür aber eine radikale Änderung in dem inneren Zustand des Volkes nötig sein wird. Dieser Mann zeigt uns den Hochmut und die Anmaßung Israels, die dachten, die Gegenwart Jesu brächte äußeren Gewinn, Reichtum und Herrlichkeit. Das Gegenteil war jedoch der Fall. Nur, wenn das Volk dazu kommt, sich vor seinem Gott zu demütigen und sich einzugestehen, dass es überhaupt nicht in der Lage ist, Ihm zu dienen und nachzufolgen, kommt Rettung. Dann wird es den Ruf des Herrn in die Nachfolge hören.

Man kann diese Verse darüber hinaus auch so verstehen: Bis zum Zeitpunkt, dass der Herr auch von den Heiden vollständig verworfen werden wird, so dass Er auch ihnen das endgültige Gericht ankündigen muss, verbirgt Er sich. So lange erhebt Er seine Stimme nicht auf den Straßen – Demut, die Taube, ist sein Kennzeichen (vgl. Jes 42,1–4). Wenn Ihm jemand nachfolgen will, musste er alles verlassen. Denn nur dann findet er zu dem Platz, wo der verworfene Christus sich befindet.

6. Christus bringt seine Jünger durch die Drangsalszeit hindurch.
Die schon erwähnte schreckliche Drangsalszeit hat es „in sich“. Sie wird hier mit einer Schifffahrt durch ein großes Unwetter verglichen. Die Jünger waren erfahrene Fischer und hatten manchen Sturm erlebt. Dieser hier ging über ihr Vermögen. Das wird auch in der Drangsalszeit so sein. „Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Fleisch errettet werden; aber um der Auserwählten willen werden jene Tage verkürzt werden“ (Mt 24,22). Diese Zeit wird furchtbar sein. Die gläubigen Übriggebliebenen der Juden werden der Macht Satans im ruhelosen Völkermeer, das einem wilden Ungestüm gleicht, ausgesetzt sein (vgl. Jes 57,20). Aber Christus wird diejenigen, die Ihm treu verbunden sind, durch diese Zeit hindurchretten. So werden sie das andere Ufer erreichen und in das 1000-jährige Friedensreich eingehen. „Die sich auf Schiffen aufs Meer hinabbegeben, auf großen Wassern Handel treiben ... Er spricht und bestellt seinen Sturmwind, der hoch erhebt seine Wellen. Sie fahren hinauf zum Himmel, sinken hinab in die Tiefen; es zerschmilzt in der Not ihre Seele. Sie taumeln und schwanken wie ein Betrunkener, und zunichte wird all ihre Weisheit. Dann schreien sie zu dem Herrn in ihrer Bedrängnis, und er führt sie heraus aus ihren Drangsalen. Er verwandelt den Sturm in Stille, und es legen sich die Wellen. Und sie freuen sich, dass sie sich beruhigen, und er führt sie in den ersehnten Hafen“ (Ps 107,23–30). Erst mit dem Wiederkommen des Herrn wird die „große Stille“ eintreten.

7. Die Untreuen aber gehen in die ewige Verdammnis!
Das Volk wird erkennen müssen, dass es von Satan besessen war. Christus war gekommen, um das Volk von Satan zu befreien. Er hat es bei denjenigen getan, die Ihm folgen wollten. Davon sind die beiden Besessenen ein Bild. Sie sind Repräsentanten des gläubigen Überrests, den der Herr hier auf der Erde finden wird. Aber das Volk im Allgemeinen hat sich als untreu erwiesen, so dass Satan wieder eindringen konnte: „Dann geht er hin und nimmt sieben andere Geister mit sich, böser als er selbst, und sie gehen hinein und wohnen dort; und das Letzte jenes Menschen wird schlimmer als das Erste. Ebenso wird es auch diesem bösen Geschlecht ergehen“ (Mt 12,45).

Die Übriggebliebenen müssen erkennen, dass sie Satan gefolgt sind; dass er ihr Herrscher gewesen ist und das Volk durch den Antichristen am Schluss unterjocht hat. Wenn sie das bekennen, werden sie, wie diese beiden Männer, von den Dämonen befreit. Diese fahren dann in die Schweine. Wie wir in Kapitel 7 gesehen haben, sind das unreine Tiere. Aus Sicht der Pharisäer waren das die ungläubigen Heiden. Der Herr Jesus dreht das Symbol jedoch um und zeigt, dass diese unreinen Tiere – sonst tatsächlich ein Symbol für die Heiden – zu einem Symbol für den Zustand des unwilligen, ungläubigen Volkes geworden sind. Das sind die gottlosen und gotteslästerlichen Juden, die den Herrn verwarfen und verwerfen werden! Alle diejenigen, die sich in der Drangsalszeit von Christus lossagen und den Bund des Antichristen mit Satan gutheißen, werden wie diese Schweine umkommen. Eine schreckliche Zukunft in der Hölle wird sie erwarten.

Diese Begebenheit zeigt uns auf eindrückliche Weise, in welch starker Weise Satan in der Drangsalszeit wirken wird. Nach Offenbarung 12 wird er aus dem Himmel geworfen. Er und seine Dämonen werden dann in vorher nicht gekannter Weise die Erde und ihre Bewohner drangsalieren. Nur wer sich in die Retterarme des Messias wirft, wird gerettet werden – durch die Drangsalszeit hindurch, sofern er nicht als Märtyrer sterben muss.

So erkennen wir, dass der Herr in diesen wenigen Abschnitten ein umfassendes Bild der Geschichte der Gläubigen und Ungläubigen in dieser Welt zeichnet. Was für ein Herz hat unser Heiland für sein Volk Israel, auch wenn es Ihn damals ans Kreuz gebracht hat.

Die unterschiedlichen Kennzeichen der Sünde

In den sieben Abschnitten können wir auch verfolgen, welche gravierenden Auswirkungen die Sünde im Leben von Menschen hat. Die Sünden, die wir begehen, unterscheiden sich voneinander in ihrem Charakter.

1. Aussatz – ein Bild von ungerichteter Sünde sowie von Eigenwillen und Hochmut
Der Aussatz ist in der Schrift immer wieder ein Bild von der befleckenden, verderblichen Macht der Sünde. Das Kennzeichen des Aussatzes ist, dass er sich ausbreitet (auf dem eigenen Körper) und im Sinn von Verunreinigung auch ansteckend ist für andere.4 So ist es auch bei ungerichteter Sünde. Wenn ein Mensch Sünde in seinem Leben zulässt, ohne sie zu bekennen – das gilt auch für einen Gläubigen – dann breitet sie sich in seinem Leben aus. Eine Sünde bereitet den Weg für die nächste. Das lernen wir aus dem Leben vieler Menschen der Bibel; man denke nur an die Lügen Jakobs, die weitere Lügen „notwendig“ machten (vgl. 1. Mo 27). Darüber hinaus sehen wir im Neuen Testament, dass Sünde ansteckend ist. Wenn Sünde beispielsweise in einer örtlichen Versammlung (Gemeinde, Kirche) nicht gottgemäß bereinigt wird, hat sie sich als ansteckend erwiesen. Auch andere werden von ihr verunreinigt – im Bild des Sauerteigs (vgl. 1. Kor 5,6; Gal 5,9).

Wenn man sich die Beispiele von Aussätzigen im Alten Testament anschaut (Mirjam, Gehasi, Ussija/Asarja), kann man bei ihnen noch folgende gemeinsame Kennzeichen erkennen: Mirjam (und Aaron) waren eifersüchtig und neidisch auf die Stellung von Mose (4. Mo 12). Sie sahen sich selbst in derselben Position wie Mose („Hat Gott nicht auch mit uns geredet?“) – war das nicht Hochmut? Bei Ussija (oder Asarja; 2. Chr, 26,16) war es der Hochmut des Herzens, der ihn zu der großen Sünde brachte, in den Tempel zu gehen, um zu opfern. In seinem Eigenwillen und vielleicht in einer gewissen Eifersucht auf die Aufgaben der Priester opferte er. Gehasi war im Eigenwillen hinter Naaman hergelaufen, nachdem Elisa diesem nicht gestattet hatte, Geld für die Heilung zu geben. Gehasi jedoch wollte es für sich haben und meinte in seinem Stolz, ein Recht darauf zu besitzen.

Eigenwillen und Hochmut – sind das nicht zwei wesentliche Eigenschaften von Sünden, die wir aus unserem eigenen Leben kennen? Wenn sie nicht bekannt werden und man nicht davon lässt, breiten sie sich aus. Es war der Hochmut Evas, sich über die Anweisungen Gottes zu stellen, und ihr Eigenwille, in Unabhängigkeit von Gott zu handeln. Beides war die Ursache dafür, dass die Sünde in diese Welt kam (vgl. 1. Mo 3). Bis heute breiten sich diese Sünden aus. Sogar schon vor der Erschaffung des Menschen war es der Hochmut, der Satan zu Fall brachte (vgl. Hes 28,16.17).

2. Gelähmt sein – ein Bild von der Kraftlosigkeit als Folge der Sünde
In der zweiten Begebenheit lernen wir etwas über die Folge der Sünde. Diese macht den Menschen kraftlos – er kann nicht laufen (vgl. Apg 14,8). Er ist nicht in der Lage, ein Leben zu führen, das Gott ehrt und Ihn zum Mittelpunkt hat. Alles dreht sich um den Menschen selbst. Gott beschreibt das folgendermaßen: „Denn Christus ist, da wir noch kraftlos waren, zur bestimmten Zeit für Gottlose gestorben“ (Röm 5,6). Der Gottlose ist durch Kraftlosigkeit geprägt. Aber auch ein Gläubiger kann kraftlos werden, wenn er sündigt und die Sünde nicht bekennt. War Lot noch in der Lage, für Gott zu handeln, als sein Leben durch Sünde und die Vermischung mit dieser Welt geprägt war (1. Mo 19)? Was für eine Kraft hatte Simson, als er infolge seiner Sünde im Schoß Delilas lag (vgl. Ri 16,16)?

3. Fieber – ein Bild innerer Unruhe als Folge der Sünde
Fieber hat zur Folge, dass ein Mensch innerlich keine Ruhe mehr hat. Dadurch ist er nicht mehr in der Lage, sich zu konzentrieren. Satan nimmt dem Menschen die innere Ruhe und beschäftigt ihn mit allem möglichen, damit er sich nicht mit seiner Zukunft und der Notwendigkeit der Bekehrung auseinandersetzen kann. Diese Verantwortung kann der Mensch natürlich nicht auf den Teufel abwälzen – er ist selbst dafür verantwortlich, dass er sündigt bzw. als Sünder nicht nach Gott fragt. „Ja, als ein Schattenbild geht der Mensch umher; ja, vergebens ist er voll Unruhe; er häuft auf und weiß nicht, wer es einsammeln wird“ (Ps 39,7). Aber diese Unruhe verstärkt sich – und das gilt auch wieder für Gläubige –, wenn der Mensch sündigt.

Wenn man die Ursache des Fieber analysiert, stellt man fest, dass der Körper durch einen Krankheitserreger derart damit beschäftigt ist, sein Gleichgewicht wieder zu finden, dass er keine Ruhe mehr gibt, bis die Krankheit besiegt ist. Im übertragenen Sinn ist der Mensch durch die Sünde so mit sich beschäftigt, dass er nicht in der Lage ist, das zu tun, wofür Gott uns Menschen geschaffen hat: Ihm zu dienen. Aber eigentlich gibt es für den Menschen keine Ruhe, bis er sich bekehrt hat – wobei er allerdings erkennen muss, dass er sich nicht selbst erlösen kann, sondern einen Retter nötig hat.

Auch für den Gläubigen vergeht die „Unruhe“, die durch die Sünde ausgelöst wird, erst wieder, wenn die Sünde bekannt und die praktische Gemeinschaft mit dem Vater wieder hergestellt worden ist.

4. Leidende – die Sünde führt nicht zum Glück, sondern zu Leid
Eine weitere Folge der Sünde ist, dass sie den Menschen leiden lässt. Das ist grundsätzlich sogar für die ganze Schöpfung wahr, trifft aber auf den Menschen und die Gläubigen speziell auch zu: „Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung mitseufzt und mit in Geburtswehen liegt bis jetzt. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir die Erstlinge des Geistes haben, auch wir selbst seufzen in uns selbst“ (Röm 8,22.23).

Wenn wir an den sogenannten verlorenen Sohn in Lukas 15 denken, führten ihn seine Sünden zu regelrechten Qualen (Vers 16.17). Der Mensch verspricht sich inneres Glück von einem Leben in Sünde – das Gegenteil ist wahr, selbst wenn er zeitweise den Eindruck gewinnen mag, es laufe alles reibungslos und besser als bei Gläubigen (vgl. Ps 73,3.17.27).

Auch ein Gläubiger fügt sich nichts anderes als Leid zu, wenn er in Sünde fällt (vgl. Lot, 1. Mo 19; 2. Kor 2,7).

5. Selbstüberschätzung und falsche Prioritäten
Aus dem Gespräch zwischen dem Herrn Jesus und den zwei Menschen können wir zwei weitere Folgen der Sünde erkennen. Der erste Mann war nicht von dem Herrn Jesus gerufen worden. Aber er selbst meinte, dass er einen guten Jünger abgebe. Der Herr Jesus musste diesem Schriftgelehrten zeigen, dass er sich gar nicht kannte. Er überschätzte seine eigenen Fähigkeiten. So gibt es viele religiöse, aber ungläubige Menschen, die sich selbst überschätzen in ihrer Fähigkeit, Gott zufrieden stellen zu können. Dieses falsche Selbstbild ist ebenfalls eine Folge der Sünde; man denke nur an den Pharisäer in Lukas 18,11.

Zweitens werden wir hier vor der Gefahr gewarnt, unsere Prioritäten falsch zu setzen. Der sündige Mensch denkt an sich und seine Interessen. Erst dadurch, dass er seine Sünden bekennt und gläubig wird, ist er in der Lage, Gott und den Herrn Jesus an die erste Stelle zu setzen. Das sehen wir beispielsweise aus der Unterhaltung des Herrn mit der Frau am Jakobsbrunnen (Joh 4).

Sünde im Leben eines Gläubigen hat dieselben Folgen. Man wird immer egoistischer.

6. Sünde führt zu Angst und Kleinglauben
Die Jünger sind zweifellos keine Ungläubigen gewesen (bis auf Judas Iskariot), und dass sie in diesen Sturm gerieten, war auch – wie wir bereits gesehen haben – nicht die Folge einer Sünde. Aber in diesem „Panorama“ über Sünde kann man vielleicht doch eine Anwendung machen: Sünde im Leben eines Menschen führt nämlich auch dazu, dass dieser ängstlich und kleingläubig (wenn nicht sogar ungläubig) wird. Das wiederum bewirkt, dass man Christus in den Umständen außer acht lässt und Ihm nicht zutraut, helfen zu können. Man verkennt den wahren Charakter der Person des Herrn Jesus Christus vollständig. Menschen dieser Gesellschaft sehen in Christus zum Teil noch einen ehrenwerten oder vorbildlichen Menschen. Aber mehr billigen sie Ihm nicht zu!

Wieder gilt der genannte Grundsatz auch für einen Gläubigen. Ungerichtete Sünden in seinem Leben lassen den Herrn und seine Macht aus dem Blickfeld schwinden. Man gerät in Angstzustände und der Glaube sinkt auf Null. Hinzu kommt, dass man sich ein falsches Bild von Christus macht: Man sieht Ihn auf einmal als seinen Richter, obwohl gerade Er unser Gericht getragen hat. Man sieht Ihn vielleicht auf einmal als harten Herrn, obwohl Er seine Gnade in unübertrefflicher Weise offenbart hat. Aber noch einmal: Nicht jeder „Sturm“ in unserem Leben ist die Folge einer Sünde! In diesem Sinn offenbaren die Jünger an dieser Stelle auch nicht direkt Sünde. Jedoch wird in jedem Fall unser Vertrauen auf Gott geprüft.

7. Besessen – Herrschaft Satans über den Menschen als Folge der Sünde
Durch die Sünde hat der Mensch einen anderen Herrn in sein Leben eingelassen: nicht mehr Gott, sondern Satan. Dieser ist durch die Sünde zum Fürsten dieser Welt geworden (vgl. Joh 12,31; 14,30; 16,11). Er ist dadurch der „Gott“ dieser Welt: „... die verloren gehen, in denen der Gott dieser Welt den Sinn der Ungläubigen verblendet hat, damit ihnen nicht ausstrahle der Lichtglanz des Evangeliums der Herrlichkeit des Christus, der das Bild Gottes ist“ (2. Kor 4,3.4). So, wie der Pharao in 2. Mose 5–14 nicht bereit war, das Volk Israel freizugeben, so will auch Satan den Menschen nicht freigeben. In diesen Besessenen erkennen wir somit den entsetzlichen Zustand des Menschen unter der Macht Satans. Das ist uns nicht immer so bewusst. Aber der Zustand des Menschen ist bis heute noch ebenso schrecklich, wie es in dieser Begebenheit geschildert wird. Wie gut, dass es Christus gibt, der stärker ist. Er hat dem Starken die Beute entrissen (Lk 11,21.22). So kann Er dem Satan auch hier zwei Seelen entreißen.

Übrigens – wenn ein Gläubiger Satan auch nicht mehr im absoluten Sinn unterworfen ist, so kann der Teufel uns doch in Teilbereichen, in denen wir Sünde zulassen, wieder in eine gewisse Knechtschaft führen. Daher ist es so wichtig, dass wir auch als Gläubige unsere Sünden bekennen und von ihnen lassen.

Glaube in seinen unterschiedlichen Ausprägungen

Dieses Thema wird vielleicht nicht in jeder Begebenheit sehr deutlich behandelt. Aber es ist auffallend, dass auch der Glaube in diesem Kapitel eine große Rolle spielt.

1. Lückenhafter Glaube
Im ersten Fall sehen wir einen Mann, der wohl glaubte, dass der Herr Jesus diese Wunder tun konnte, der aber (noch) nicht glaubte, dass Er es auch tun wollte. Bei diesem Mann war Glaube vorhanden, sogar eine erhebliche Portion von Glauben, da er nicht zweifelte, dass der Herr das außergewöhnliche Wunder der Reinigung eines Aussätzigen vollbringen könnte. Aber es mangelte an der vollen Glaubenskraft – wie so oft auch bei uns.

Damit soll nicht gesagt werden, dass es für uns nicht angebracht ist, im Gebet bei einer Bitte zu ergänzen, „wenn Du willst“. Wir wollen Gott nichts abtrotzen. Doch scheint im Fall dieses Aussätzigen ein gewisser Zweifel vorhanden gewesen zu sein.5

2. Großer Glaube
Der Hauptmann dagegen hatte einen großen Glauben (Vers 10), auch wenn er den Herrn Jesus vielleicht nur ganz wenig kannte. Aber das, was er wusste, führte zu einem überwältigenden Glaubensbekenntnis. Übrigens: Großer Glaube ehrt Gott! Dennoch bleibt wahr, dass auch schon der schwache Glaube rettet. Das ist ein Trost für uns alle!

3. Glaube
In der Begebenheit der Heilung der Schwiegermutter von Petrus lesen wir keinen besonderen Hinweis auf den Glauben. Hier ist der Herr von Anfang an der Wirkende. Hier sehen wir – allerdings mehr im Markusevangelium – den Glauben von anderen, die den Herrn auf diese kranke Frau hinweisen. Dasselbe gilt für die Begebenheit, wo die Menschen Kranke und Leidende zu Christus brachten.

4. Fehlender Glaube
Bei dem Mann, der sich selbst erkühnte, dem Herrn Jesus nachzufolgen, müssen wir feststellen, dass überhaupt kein Glaube vorhanden war. Auf den Hinweis des Herrn, dass die Nachfolge große Entbehrung bedeutet, hören wir nichts mehr von dem Mann. Hat er aufgegeben, weil bei ihm der grundsätzliche Glaube fehlte?

5. Kleinglaube
In der Begebenheit auf dem Schiff muss der Herr seine Jünger tadeln: „Was seid ihr furchtsam, ihr Kleingläubigen?“. Bei ihnen war nur ein kleiner Glaube vorhanden, obwohl sie den Herrn eigentlich schon gut hätten kennen müssen! Ist das nicht ein Spiegelbild unseres eigenen Glaubenszustandes?

6. Abfall vom Glauben
In der letzten Begebenheit lernen wir, dass es Menschen gibt, die den Herrn Jesus nach einem Wunderwerk zu ihren Gunsten sogar ganz ablehnen und Ihn aus ihrer Gegend fortbitten. Das ist ein Bild – wie zuvor im Blick auf die Schweine schon gesehen – vom Abfall von Christus. Wer das Wirken Gottes durch den Herrn Jesus gesehen und genossen und sich dennoch gegen Ihn entscheidet, fällt vom Glauben ab (vgl. Heb 6,4–8). Ihn erwartet ein ewiges Gericht!

Belehrungen für die Jüngerschaft

Als Letztes wollen wir noch einen „Rundgang“ unternehmen, um für uns, die wir Jünger des Herrn sein wollen, Belehrungen zu erhalten.

1. Jüngerschaft setzt Sündenvergebung voraus
Wer ein Jünger des Herrn Jesus werden möchte, muss zuerst von seinem Aussatz, von seinen Sünden gereinigt worden sein. Anders kann man kein wirklicher Jünger Jesu sein. Es gibt auch niemanden, der uns von dieser Unreinheit heilen kann, als nur Er.

2. Jüngerschaft führt zu Gemeinschaft
Die zweite Begebenheit zeigt uns eine wunderbare erste Folge der Sündenvergebung: Ein Jünger steht nicht allein auf dieser Erde, sondern hat Gemeinschaft mit anderen Jüngern. Das war die Antwort des Herrn auf den großen Glauben: „Ich sage euch aber, dass viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Reich der Himmel.“ Jünger sind nie isoliert, sondern dürfen gemeinsam für den Herrn tätig sein.

3. Jüngerschaft führt zu Dienstbereitschaft
Wer ein Jünger des Herrn Jesus sein will, muss bereit sein, Ihm zu dienen. In dem Augenblick, in dem die Schwiegermutter des Petrus geheilt war, trat sie in seinen Dienst ein. So muss es auch bei uns sein: Wenn wir Jünger des Herrn sein wollen, heißt das letztendlich, dass wir Ihm auch dienen wollen. Wer nicht für den Dienst bereit ist, kann nicht sein Jünger sein.

4. Jüngerschaft führt dazu, dass man andere zu Christus bringt
In diesen beiden kurzen Versen sehen wir das Wunderwirken des Herrn, das alle Bedürftigen umfasst. Dem Jünger stehen zwar die göttlichen Hilfsquellen offen; er selbst aber ist in seiner Wirkungskraft begrenzt. Wir müssen jedoch den Glauben daran haben, dass der Herr nicht nur alles zu tun vermag, sondern seine Hilfe auch allen, das heißt jedem einzelnen, zuwendet. In diesem Bewusstsein bringt der Jünger möglichst viele Menschen zu Ihm, damit Er sie heilen kann.

Das bedeutet, dass man den Herrn Jesus als jemand kennengelernt hat, der seine Macht nicht ohne persönliche Zuwendung ausübt. Er macht sich eins mit den Nöten der Schwachen und Kranken, indem Er ihre Schwachheiten und Krankheiten auf sich nimmt. Er hat als Hoherpriester daher ein vollkommenes Mitempfinden und ist aus eigener Erfahrung fähig, jede einzelne Not zu lindern.

5. Jüngerschaft setzt eine Berufung voraus und ist durch Selbstverleugnung geprägt
Ein Jünger muss in den Dienst berufen werden. Man kann sich nicht selbst berufen. Natürlich ist es wahr, dass jeder Jünger eine Aufgabe hat im Königreich Gottes (vgl. 1. Pet 4,10). Aber für jede konkrete Aufgabe muss der Jünger vom Herrn persönlich berufen werden. Man kann sich nicht selbst als „zuständig“ erklären. Das musste der Mann hier erst lernen.

Vom zweiten Mann dieser Verse lernen wir, dass ein Jünger – es handelte sich um jemand, der „Jünger“ genannt wird – sich selbst verleugnen und seine eigenen Belange zurückstellen muss. So richtig es ist, dass wir als Kinder oder Verwandte uns nahe stehende Personen beerdigen, so bleibt doch die Vorrangstellung des Herrn im Blick auf unser Leben bestehen. Ein „zuvor“ kann es nur für den Herrn geben. Der Herr stellt also nicht die irdischen Aufgaben des Jüngers in Frage. Aber Er verneint, dass eine irdische Beziehung oder eine irdische Aufgabe Vorrang hat und „zuvor“ geschehen muss. Der Jünger muss die Gefahr erkennen, die durch die natürlichen Bindungen und Aufgaben in dieser Welt ausgehen und sich zwischen Christus und die Seele drängen wollen.

6. Jüngerschaft ist mit Nöten und Glaubensprüfungen verbunden
Die Jünger im Schiff mussten lernen, dass auch ein Leben im Gehorsam mit Prüfungen verbunden ist. Der Herr war in das Schiff gestiegen und hatte seine Jünger mitgenommen. So waren sie auf dem richtigen Weg. Sie mussten jedoch lernen, dass sie deswegen nicht von Nöten und Glaubensprüfungen verschont werden würden. Aber sie wussten, dass ihr Meister mit im Boot war. Dieses Bewusstsein ist für einen Jünger unabdingbar. Er muss wissen, dass der Herr ihn nie allein lässt, mögen die Schwierigkeiten noch so groß sein. Wer sich dessen bewusst ist, weiß, dass sein „Boot“ nicht untergehen kann. Echtes Glaubensvertrauen bedeutet auch, es dem Herrn zu überlassen, wann Er uns aus schwierigen Umständen rettet. Geduld und Ausharren – beides brauchen wir als Jünger.

7. Jüngerschaft hat einen klaren Blick für den Charakter dieser Welt
Ein Jünger muss wissen, dass es ihm nicht besser gehen wird als seinem Meister. Wenn Christus trotz Wundertaten zugunsten der Menschen abgelehnt und gebeten wird, aus ihrem Gebiet wegzugehen, so wird es auch seinen Jüngern nicht anders gehen. Wer nicht bereit ist, vonseiten der Gesellschaft, sei sie religiös oder nicht, abgelehnt zu werden, ist nicht bereit für die Jüngerschaft des Herrn.

Fußnoten

  • 1 Es gab noch einen zweiten Fall: Mirjam. Sie stellt aber einen Sonderfall darf, weil ihr Aussatz durch ein direktes Eingreifen Gottes zustande kam – wie auch ihre Heilung.
  • 2 In Matthäus 13,38 spricht der Herr noch einmal von „Söhnen des Reiches“. Dort sind aber die wahren Söhne gemeint, die Glauben besitzen. Denn diejenigen, die sich im Unglauben etwas auf ihre natürliche Abstimmung einbildeten, hatte der Herr mit Kapitel 13,1 sozusagen hinter sich gelassen.
  • 3 Im Grundtext ist „ein“ betont. Soll das andeuten, dass dieser Schriftgelehrte sich von seinen Kollegen abhob, indem er eine Beziehung zum Herrn Jesus wahrnehmen und Ihm nachfolgen wollte, im Gegensatz zu anderen, die Ihn vollständig ablehnten? Wahrscheinlicher ist es, dass dieser „eine“ von dem „anderen“ unterschieden werden soll, der in Vers 21 auftritt.
  • 4 Manche haben die Lepra-Krankheit mit Aussatz verbunden. Die Schrift gibt uns dafür aber keinen Hinweis. Lepra überträgt sich wahrscheinlich als Tröpfcheninfektion. Von einer solchen Übertragung der Krankheit lesen wir in 3. Mose 13.14 nichts. Hinzu kommt, dass wir keinen Hinweis in der Schrift finden, dass Aussatz zum Tod führt; im Gegenteil, wenn jemand gänzlich übersät war mit Aussatz, wurde er für „rein“ erklärt (3. Mo 13,13). Lepra dagegen endete in früheren Jahrhundert oft tödlich, weil der Kranke kein Gefühl mehr für weitere Infektionen hatte und über keine ausreichenden Widerstandskräfte verfügte.
  • 5 Die Tatsache, dass der Herr in seinen Gebeten in Gethsemane sagte, „wenn du willst“, hat nichts mit zweifelndem Vertrauen zu Gott zu tun. Er wusste genau, dass es nicht Gottes Wille war, den Kelch an Ihm vorübergehen zu lassen. Aber als heiliger Mensch konnte Christus wiederum nicht wollen, zur Sünde gemacht zu werden.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht