Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 7

Die Beziehungen eines Jüngers und wahre Jüngerschaft (Matthäus 7)

Im siebten Kapitel finden wir die letzten vier der zehn Teile der Bergpredigt. In Kapitel 5 hat der Herr Jesus besonders die Kennzeichen echter Jünger behandelt. Im sechsten Kapitel hat Er über das praktische Leben eines Jüngers gesprochen. Im abschließenden Kapitel zeigt der Herr die Beziehungen, in denen der Jünger steht. In Kapitel 6 sind die Jünger besonders in die Beziehungen zum Vater, der in den Himmeln ist, eingeführt worden. In Kapitel 7 werden die Jünger über ihre Beziehungen zu anderen Jüngern, zur Welt, aber auch wieder zu ihrem himmlischen Vater belehrt.

Darüber hinaus werden die Jünger nicht im Unklaren darüber gelassen, dass es viele gibt, die sich zwar Jünger nennen oder so genannt werden. In Wirklichkeit aber sind die meisten von ihnen keine echten Jünger. Der Herr möchte verhindern, dass wahre Jünger überrascht werden, wenn sie inmitten anderer Jünger auf einmal reine Bekenner entdecken, die kein Leben aus Gott besitzen. Um die Urteilsfähigkeit wahrer Jünger zu schärfen, zeigt Er ihnen, dass es in seinem Königreich von Anfang an sowohl wahre als auch falsche Jünger geben wird.

Man könnte diesem Kapitel auch die Überschrift geben: Warnung vor falschen Maßstäben. Im Einzelnen geht es um folgende Aspekte:

  1. Die Beurteilung bzw. das Richten anderer Jünger (V. 1–5)
  2. Die Beziehung des Jüngers zu dieser Welt (V. 6)
  3. Die Beziehung des Jüngers zu Gott (V. 7–12)
  4. Wahre Jünger – falsche Jünger (V. 13–29)

Wie in Kapitel 6 spricht der Herr auch in diesem Kapitel in absoluter Weise. Wer das berücksichtigt, wird die Belehrungen des Herrn in diesem Kapitel leichter verstehen können. Das Gute wird dem Bösen direkt gegenübergestellt, der richtige Weg dem falschen, der wahre Jünger dem falschen, das richtige Zuhören dem falschen. In der Praxis mag es zwar manche Schattierungen der vorgestellten Grundsätze geben. Diese lässt der Herr Jesus jedoch absichtlich beiseite, um das Wesentliche ins Licht zu stellen.

7. Die Beurteilung anderer Jünger: richten (V. 1–5)

„Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet; denn mit welchem Urteil ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden. Was aber siehst du den Splitter, der in dem Auge deines Bruders ist, aber den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Oder wie kannst du zu deinem Bruder sagen: Erlaube, ich will den Splitter aus deinem Auge herausziehen; und siehe, der Balken ist in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge heraus, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen“ (Verse 1–5).

In den ersten fünf Versen lernen wir etwas darüber, wie das Verhältnis von Jüngern untereinander aussehen sollte. Wir werden vor der Neigung des natürlichen Herzens gewarnt, andere zu richten und an ihnen herumzukritisieren. Wir sollten bedenken, dass Gott in seinem Regierungshandeln während unseres Lebens mit uns so verfährt, wie wir mit anderen umgehen.

Kein Jünger ist vollkommen – im Unterschied zum Meister. Dennoch ist der Maßstab die Vollkommenheit des himmlischen Vaters (Kapitel 5,48). An diesem vollkommenen Maßstab sollen wir uns messen und ausrichten, auch für die Belehrungen in diesem Kapitel.

Jeder der zwölf Jünger des Herrn konnte sich die Frage stellen: Wie gehe ich mit den Verfehlungen anderer Jünger um? Aus dem weiteren Verlauf des Kapitels wissen wir, dass es sogar falsche Jünger und falsche Propheten geben kann. Was dann? Genau das behandelt der Herr im Folgenden.

Darüber hinaus bezieht sich der Herr auf Handlungsweisen der Pharisäer und Schriftgelehrten, die Er immer wieder anprangert. Sie waren Menschen, die sich herausnahmen, alle anderen Menschen nach zum Teil selbst aufgestellten Maßstäben zu beurteilen und zu richten. Dagegen wendet Er sich in scharfer Weise.

Das zentrale Thema, das der Herr Jesus aufgreift, ist das Richten anderer Jünger, also das Be- und Verurteilen des Bruders. Es ist wichtig, diese Belehrung in die weiteren Anweisungen des Neuen Testaments zum Thema Richten und Beurteilen einzuordnen, um nicht zu falschen Schlüssen zu kommen. Daher wird in Anhang II der Frage nachgegangen, ob ein Gläubiger überhaupt richten darf. Dort geht es auch um die verschiedenen Arten des Richtens. Das Ergebnis ist: Ja, wir haben in bestimmten Beziehungen sogar die Pflicht, auf der Grundlage von Gottes Wort Beurteilungen vorzunehmen.

Verse 1.2: Richten in der Bergpredigt

Nun stellt sich aber die Frage, was in Matthäus 7 gemeint ist, wenn den Jüngern gesagt wird: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“

Das Richten von Motiven

Im Neuen Testament gibt es viele Stellen, die direkt dazu auffordern, andere zu beurteilen und zu richten (vgl. Anhang I). Daher schlägt eine Reihe von Auslegern vor, die Verse in Matthäus 7 auf das Richten von Motiven zu beziehen, denn das ist nach 1. Korinther 4,5 eindeutig verboten: „So urteilt nicht irgendetwas vor der Zeit, bis der Herr kommt, der auch das Verborgene der Finsternis ans Licht bringen und die Überlegungen der Herzen offenbaren wird.“

Obwohl der Herr Jesus als Sohn Gottes alles im Vorhinein wusste, hat Er als Mensch gewartet, bis das Böse offensichtlich wurde. Wusste Er nicht von Anfang an, dass der Teufel, der Ihn in der Wüste versuchte, der Satan (das heißt übersetzt: der Widersacher) war? Er wusste das. Dennoch nennt der Herr ihn erst dann so, als dieser sich völlig als sein Widersacher offenbart hatte (vgl. Mt 4,10). Das war bei der dritten Versuchung der Fall.

Wusste Christus nicht von Anfang an, was in dem Herzen seines Jüngers Judas war? Dieser wurde von Beginn an durch seinen Unglauben und seine Habsucht motiviert. Dennoch deckte das der Herr nicht auf, sondern wartete, bis sich Judas als sein Feind und Widersacher offenbart hatte bzw. durch Gott als solcher entlarvt worden war. Erst in Verbindung mit der Szene, in der dieser sich als solcher für alle sichtbar offenbarte, spricht der Herr auch darüber.

Nur im Johannesevangelium, wo Er uns als der Sohn Gottes vorgestellt wird und alles im Vorhinein weiß, entlarvt Er selbst Judas schon weit vor dem Verrat und nennt ihn einen Teufel (Joh 6,70). Gott weiß ohnehin alles und alle Beweggründe des Herzens sind vor Ihm offenbar. Wir lernen daraus für uns. Auch wir dürfen nicht Vermutungen über Beweggründe aufkommen lassen, bis das Böse offenbar geworden ist.

Das Richten von Personen außerhalb des Bereichs der Versammlung

Wir haben an anderer Stelle bereits gesehen, dass die Bergpredigt das Königreich der Himmel und nicht die Versammlung behandelt. Das Richten derer, die „drinnen sind“ (Versammlung, Gemeinde), wird andererseits ausdrücklich befohlen (siehe Anhang II). Daher denken einige Bibelausleger, dass der Herr in Matthäus 7 das Richten von Personen außerhalb der Beurteilungsaufgaben durch die Versammlung (vgl. 1. Kor 5) meint. Nicht wir, sondern Er allein habe das Recht, diese zu richten. Wir dagegen sollten in Bezug auf solche Personen an Stellen wie 1. Korinther 13 denken: Die Liebe sucht immer das Gute des anderen. „Sie glaubt alles, sie hofft alles“ (Vers 7).

Dabei wird allerdings übersehen, dass sich der Herr in der Bergpredigt an Jünger richtet. Diese müssen überhaupt erst einmal erkennen, ob der, mit dem sie es zu tun haben, zur Versammlung Gottes gehört oder nicht. Das allein setzt also eine sorgfältige Beurteilung, ein „Richten“, voraus, denn dann hätten wir ja die Verantwortung zu unterscheiden, ob jemand „drinnen“ ist (und z. B. nach 1. Kor 5 zu beurteilen ist), oder „draußen“. Das zeigt schon, dass wir ein Beurteilen nicht nur im Blick auf diejenigen nötig haben, die, weil sie Kinder Gottes sind, zur Versammlung Gottes gehören.

Das öffentliche Richten durch den Einzelnen

Eine dritte Erklärung scheint mir den Kern der Belehrung des Herrn zu treffen: Er geht gegen den Richtgeist der Pharisäer vor und verbietet geradezu jeden Richtgeist bei seinen Jüngern. Es fällt auf, dass die Einleitung zu diesen Versen sehr allgemein, ja fast absolut ist: „Richtet nicht!“ Das passt zu der absoluten Redeweise, die der Herr in diesen Versen immer wieder gebraucht: schwarz-weiß. Im weiteren Verlauf dieser Verse wird sich herausstellen, dass der Herr Jesus das Beurteilen als solches nicht verbietet. Es muss allerdings in der rechten Gesinnung und am richtigen Platz geschehen. Aber zunächst sagt Er absolut: „Richtet nicht“ – also überhaupt nicht.

Um das richtig zu verstehen, müssen wir versuchen, uns in die Situation der Jünger zurückzuversetzen. Was werden sie darunter verstanden haben? Der Herr hatte schon in den Kapiteln 5 und 6 die Haltung der Pharisäer kritisiert, mit all ihrem Tun die Öffentlichkeit zu suchen. So wollten sie vor den Augen anderer Wohltaten vollbringen, um in einem guten Licht dazustehen. Will der Herr seine Jünger nicht auch diesmal vor dem falschen Verhalten dieser Heuchler warnen? Die Pharisäer meinten, in einem negativen „Richtgeist“ alles und jeden beurteilen zu können, und das auch noch hörbar, öffentlich.

Die Pharisäer und ihr Richtgeist

Der Fehler der Pharisäer war nun nicht, dass sie für sich selbst ein Urteil über andere fällten, sondern dass sie dies in fleischlicher Weise taten. Ihr Urteil war aus ihrer Sicht endgültig und unanfechtbar. Es musste von allen geteilt werden. Daher wollten sie dieses Urteil auch der Öffentlichkeit aufzwingen. Vor beidem warnt uns der Herr Jesus hier: vor einem allgemeinen Richtgeist, und davor, das persönliche Urteil publik zu machen, sei es in kleinerer oder größerer Gruppe. Das wird deutlich, wenn man die Hinweise über die Pharisäer in diesem Evangelium verfolgt:

  • „Und als die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Lehrer mit den Zöllnern und Sündern?“ (Mt 9,11). Sie meinten nicht nur, ein Urteil fällen zu können, mit wem ein frommer Jude – hier: der Herr Jesus Christus – essen durfte. Sie wollten ihrer Entrüstung auch vor den Jüngern Luft machen.
  • „Die Pharisäer aber sagten: Durch den Fürsten der Dämonen treibt er die Dämonen aus“ (Mt 9,34; vgl. Mt 12,24). Sie maßten sich an, beurteilen zu können, wie der Herr Jesus Wunder vollbrachte. Nicht genug damit, sie wollten damit auch die öffentliche Meinung über Ihn bestimmen.
  • „Als aber die Pharisäer es sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat zu tun nicht erlaubt ist“ (Mt 12,2). Wieder glaubten die Pharisäer, ein Urteil fällen zu können und sogar andere vor dem Herrn verklagen zu müssen.
  • „Dann kommen Pharisäer und Schriftgelehrte von Jerusalem zu Jesus und sagen: Warum übertreten deine Jünger die Überlieferung der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen“ (Mt 15,1.2). Hier sehen wir deutlich, dass es nicht nur um ein Urteil als solches geht. Diesen bösen Menschen ist es wichtig, dieses Urteil auch anderen mitzuteilen. Sie kommen dafür extra aus Jerusalem nach Galiläa.
  • „Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben sich auf den Stuhl Moses gesetzt“ (Mt 23,2). Diese Worte unseres Meisters fassen gut zusammen, was die Pharisäer sich anmaßten: Sie wollten wie Mose Lehrer und Richter sein – und zwar in der Öffentlichkeit. Der Herr verurteilt dies aufs Schärfste.

Noch ein Wort zum Richtgeist. Arend Remmers hat die Gefahren des Richtgeistes in fünf Punkten zusammengefasst.1

  • Unbesonnenheit, weil man urteilt, bevor man die Zusammenhänge genau kennt;
  • Ungerechtigkeit, weil man die Motive des anderen nicht kennen kann, ohne mit ihm in brüderlicher Liebe gesprochen zu haben;
  • Hochmut, weil der so Richtende sich über den Bruder stellt;
  • Heuchelei, weil man Liebe und Eifer für den Herrn als Deckmantel für das eigene Ansehen nimmt;
  • Unbarmherzigkeit, weil offenbare Schwachheiten nur zu leicht als „Böses“ ausgelegt werden.

Wir sehen also, dass der Herr Jesus die Jünger in Matthäus 7 davor warnt, nicht wie die Pharisäer alles in einem Richtgeist beurteilen zu wollen. Noch schlimmer wäre es, diese Meinung auch noch in verurteilender und richtender Weise öffentlich zu verbreiten, wie es die Pharisäer taten.

Ergänzende Belehrungen von Jakobus und Paulus

Das wird durch die späteren Belehrungen von Jakobus unterstrichen. Wenn man einmal den Brief des Jakobus mit der Bergpredigt vergleicht, stellt man fest, dass er viele Belehrungen der Bergpredigt aufgreift. Dazu gehört auch das Thema des Richtens. In Kapitel 4,11–13 sagt er: „Redet nicht gegeneinander, Brüder. Wer gegen seinen Bruder redet oder seinen Bruder richtet, redet gegen das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter. Einer ist der Gesetzgeber und Richter, der zu erretten und zu verderben vermag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest?“

Diese Verse unterstreichen somit die Warnung vor dem Richtgeist. Er wird hier verbunden mit dem Gegeneinander-Reden. Es geht also nicht allein um das Urteil im Herzen, sondern darum, dies anderen ausdrücklich mitzuteilen. Zudem nennt uns Jakobus in dem vorherigen Abschnitt Ursachen für ein solches Kritisieren: Neid und Streit. Jakobus verweist darauf, dass es einen anderen Richter gibt: Gott. Er ist der Gesetzgeber und Ihm steht das Recht zu richten zu. Wer sich anmaßt, richten zu können, setzt sich somit auf den Thron des Gesetzgebers. Was für eine Selbsterhöhung stellt das aus der Sicht Gottes dar!

Es gibt noch einen weiteren bemerkenswerten Abschnitt, der uns vor dem Richten warnt. Das ist Römer 14. Dort geht es um Schwachheiten, die wir gegenseitig tragen und nicht richten sollen. Dabei ist unerheblich, ob wir stark im Glauben sind (auch verachten ist letztlich eine Art von „Richten“) oder schwach: „Wer isst, verachte den nicht, der nicht isst; wer aber nicht isst, richte den nicht, der isst … Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden … Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern richtet vielmehr dieses: dem Bruder nicht einen Anstoß oder ein Ärgernis zu geben“ (Röm 14,3.10.13).

Gottes Rechte – negative Beispiele

Gott hat sich das Richten vorbehalten, was den Einzelnen betrifft. Das gilt insbesondere für die Zeit, in der das Volk Israel unter Gesetz stand. Aber selbst damals hatte Gott Richter eingesetzt, die in einem öffentlichen Urteil die Taten in seinem Namen richten mussten. Hier gab Er sehr konkrete Anordnungen, damit diese Gerichte Gott gemäß stattfanden (vgl. 3. Mo 19,15.16). Und auch damals kam es auf die Gesinnung an, in welcher der Israelit den Bruder beurteilte (vgl. 3. Mo 19,17.18). Aber der Brief des Jakobus, der sich an Christen wendet, die nicht mehr unter Gesetz stehen, unterstreicht, dass dieser Grundsatz dauerhafter Natur ist. Es steht dem Einzelnen nicht zu, in einem Richtgeist und schon gar nicht öffentlich andere zu beurteilen.

Wir sehen im Alten Testament das Beispiel der drei Freunde Hiobs, die meinten, diesen gerechten Mann Gottes be- und verurteilen zu dürfen. In 1. Korinther 4,3 zeigt Paulus, dass das letzte Urteil im Blick auf Verwalter und Diener allein dem Herrn zusteht, nicht den Gläubigen. Ein großer Teil des elften Kapitels seines zweiten Briefs an die Korinther ist diesem Thema gewidmet. Die Korinther hatten sich von falschen Aposteln anstacheln lassen, den Dienst und die Autorität von Paulus be- und verurteilen zu wollen. Es stand ihnen nicht zu, ein solches Urteil zu fällen. In ihrem Fall waren sie zudem zu einem völlig falschen Ergebnis in ihrer Beurteilung gekommen.

Unterschiede zwischen Versammlung und Königreich der Himmel

Später, im zweiten Gleichnis von Matthäus 13, kommt der Herr Jesus selbst noch einmal darauf zu sprechen, dass im Königreich der Himmel andere Grundsätze herrschen als in der Versammlung Gottes. Dort lesen wir, dass der Feind Unkraut gesät hatte. Jetzt entstand die Frage: Soll das Unkraut zusammengelesen werden? Der Meister aber sagt: „Nein, damit ihr nicht etwa beim Zusammenlesen des Unkrauts zugleich mit diesem den Weizen ausrauft“ (Mt 13,29). Die Schnitter würden in der Zeit der Ernte das Unkraut zusammenlesen. In der Erklärung des Herrn wird deutlich, dass die Engel im Auftrag des Sohnes des Menschen in der Vollendung des Zeitalters, das ist am Ende der Drangsalszeit, diejenigen zusammenlesen werden, welche die Ungerechtigkeit tun. Dann und erst dann wird das Gericht, das Richten der (bösen) Jünger, stattfinden. Vorher ist dieses nicht angebracht, denn selbst der einsichtigste Christ hat nicht das allwissende, objektive Beurteilungsauge unseres Herrn. Menschen sind nicht in der Lage, in letzter Konsequenz zu entscheiden, was Unkraut ist und was Weizen. In der Versammlung Gottes dagegen haben wir die Pflicht, das Böse und den Bösen auszuschließen (1. Kor 5).

Es ist auch bemerkenswert, dass das für Richten verwendete Wort erst wieder in Kapitel 19,28 auftaucht. Dort ist von der Zeitperiode die Rede, in der die Jünger das Volk Israel richten werden: „Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, auch ihr werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf seinem Thron der Herrlichkeit sitzen wird, auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten.“ Dann – aber erst dann – werden Jünger das Recht haben, in Gemeinschaft mit dem Herrn ein öffentliches Urteil zu fällen. Dass es in Kapitel 19 um ein öffentliches Urteil geht, macht das Aufstellen der Throne der öffentlichen Regierung deutlich.

Bei all diesen Überlegungen ist es somit wichtig, sich noch einmal vor Augen zu halten, dass der Herr Jesus hier keine Anweisungen für die Versammlung Gottes erteilt (im Unterschied zu Mt 18; 1. Kor 5; u. a.). Er gibt hier Belehrungen für das Königreich der Himmel. Bei ihnen sind nicht gemeinsame Segnungen und Verantwortlichkeiten das Thema, sondern besonders persönliche Pflichten dem Herrn Jesus gegenüber. Wenn Er also davor warnt zu richten, schließt das nicht aus, dass Gottes Wort an anderer Stelle und in anderem Zusammenhang zum Beurteilen und Richten auffordert. Ein Jünger aber hat weder die Aufgabe noch das Recht, einen anderen in dessen Dienst, Aufgaben und Wirken als Diener und Jünger zu beurteilen. Das steht allein dem Herrn des Jüngers zu bzw. im Sinne der Bergpredigt dem Vater im Himmel.

Natürlich – wenn es um Fragen des gemeinsamen Weges geht, ist der Diener oder der Jünger ein Bruder unter Brüdern, der dem Urteil der Versammlung unterliegt. Wenn er uns dient, so haben wir nach 1. Thessalonicher 5, 1. Johannes 4,2. Johannes, 2. Petrus 2 und anderen Stellen zu prüfen, wie und womit er kommt, also auch den Inhalt seiner Botschaft. Falls das, was er bringt, im Widerspruch zu Gottes Wort steht, müssen wir „urteilen“ (1. Kor 14,29) und notfalls Widerspruch einlegen.

Wenn es um seine Person als Jünger und Diener oder um die Art des Dienstes geht, den er vom Herrn empfangen hat, überlassen wir jedes Urteil dem Herrn. Er ist ein unbestechlicher und ausgewogener Beurteiler jedes Jüngers. Ein Jünger ist seinem Herrn, ein Diener seinem Auftraggeber verantwortlich. Hier haben wir kein Recht, zwischen den Herrn und seinen Jünger zu treten. Das heißt nicht, dass wir keine brüderlichen Ratschläge erteilen können. Aber der Diener ist und bleibt seinem Herrn verantwortlich.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann man sagen: In den Versen 1 und 2 geht es vor allem darum, dass ein Jünger kein Recht besitzt, mit einem Richtgeist auf einen anderen Jünger herabzuschauen. Wer in dieser Gesinnung andere Jünger verurteilt, ist dem Herrn ungehorsam. Besonders schlimm ist es, wenn dies hörbar und öffentlich geschieht. Das gilt auch uns heute. Kein Jünger hat den Auftrag, den Platz des Richters einzunehmen, denn jeder Jünger ist seinem Meister verantwortlich. Ein Jünger hat nicht die Aufgabe, mit einem Richtgeist auf den anderen herabzuschauen und diesen dann vor anderen zu bewerten. Seine Aufgabe ist es, selbst den Auftrag auszuführen, den der Meister ihm gegeben hat. Wir denken beispielsweise an den Jünger, der dem Herrn nicht zusammen mit den zwölf Jüngern nachfolgte (vgl. Mk 9,38–40; Lk 9,49). Der Herr Jesus wehrt das kritische Urteil seiner Jünger ab. Es war nicht ihre Aufgabe, andere zu verurteilen. Sie sollten treu sein. Der Herr würde sich schon um die anderen Jünger kümmern.

Diese Haltung, für andere zu beten und sie nicht von oben herab zu be- bzw. verurteilen, bewahrt uns auch vor der Gefahr, uns mit anderen Jüngern zu vergleichen. Diesem Fallstrick waren die Jünger erlegen, als sie darüber sprachen, wer von ihnen wohl der Größte sei (vgl. Mk 9,34). Wenn man gar nicht erst anfängt, andere Jünger zu richten, braucht man sich mit ihnen auch nicht zu vergleichen.

Gründe, warum ein Jünger nicht richten sollte

In den Versen 1 und 2 nennt der Herr Jesus auch eine Reihe von Gründen, warum man sich eines öffentlichen Urteils über den Mitjünger und des Richtgeistes enthalten sollte.

Mein Richten hat einen direkten Einfluss auf meine Beurteilung durch den Herrn. Diese Beurteilung wird endgültig am Richterstuhl stattfinden. Man könnte das auch mit der Vollendung des Zeitalters verbinden (Mt 13,39.40.49). Aber das ist nicht alles. Schon heute leben wir unter der Regierung des Vaters, der mit uns in unserem täglichen Leben danach handelt, wie wir unser Leben führen.

Der Herr Jesus weist uns daher darauf hin, dass unter anderem unser Urteil über andere die Grundlage für seine Beurteilung unserer Person sein wird. Das sollte uns vorsichtig machen. Zwar haben wir es mit einem Herrn der Gnade zu tun. Wenn aber ein Mensch einen anderen in einem Richtgeist hart beurteilt (vgl. Mt 18,32 ff.), wird auch der Herr ihn mit dieser Härte beurteilen. Ohnehin urteilt er „vor der Zeit“ und widersetzt sich damit den Anordnungen des Geistes Gottes (vgl. 1. Kor 4,5).

Mit anderen Worten: Wenn wir andere in unserem Herzen richten und das dann auch kundtun, bringen wir Gericht über uns selbst. Der Herr wird uns nach Vers 2 unseren Maßstab an andere vorhalten. Die Maßstäbe, die wir für andere ansetzen, müssen auch die Maßstäbe für unser eigenes Leben sein – was dann Thema von Vers 3 ist. Wir denken zurück an die Segensaufforderung von Kapitel 5: „Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit zuteil werden“ (Vers 7). So handelt ein wirklicher Jünger, der von seinem Meister gelernt hat.

Paulus weist auf diesen Zusammenhang unter einer etwas anderen Überschrift in seinem Brief an die Galater hin: „Was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten“ (Gal 6,7). Das gilt auch im Blick auf das Richten. Hier kommt noch hinzu, dass es einem Jünger oft gar nicht bewusst ist, dass er andere viel schärfer beurteilt als sich selbst. Wer daran denkt, wird vorsichtiger im Urteil anderer.

Verse 3–5: Hindernisse für ein ausgewogenes Richten

Durch die Verse 3–5 wird bestätigt, dass es dem Herrn nicht darum geht, überhaupt kein Urteil im Blick auf andere zu fällen. Wie wir gesehen haben, sind wir immer wieder zum Beurteilen aufgefordert, allerdings in der rechten Gesinnung. Ein Richtgeist gehört nicht dazu. Es kommt hinzu, dass es leider Hindernisse in unserem eigenen Leben gibt, derer wir uns dabei bewusst sein sollten. Diese stellt der Meister seinen Jüngern vor.

Den Balken im eigenen Auge übersehen (Vers 3)

Eigene Schwächen und Fehler, Sünden, übersieht man leicht oder verharmlost sie als „Schwachheit“. Beim anderen aber urteilt man schärfer. Das passt nicht zusammen und führt dazu, dass man kein ausgewogenes Urteil fällt, das den Kriterien der Schrift entspricht.

Der Herr betont hier, dass ein Jünger, der durch einen Richtgeist geprägt ist, nicht in der richtigen Gesinnung handelt. Er ist daher gar nicht in der Lage, den anderen sachgerecht zu beurteilen. Ich mag zwar einen Holzsplitter im Auge des anderen sehen. Aber gerade dann, wenn ich mich besonders auf die Fehler der anderen konzentriere, übersehe ich oft mein eigenes Versagen. In meinem eigenen Auge mag nicht nur ein Splitter sein, sondern sogar ein ganzer Balken.

Der Hinweis auf einen Balken mag wie eine Übertreibung klingen. Und natürlich ist es aus Platzgründen unmöglich, im Auge tatsächlich einen Balken zu haben. Aber der Herr Jesus zeigt hier, wie blind wir in Bezug auf unsere eigenen Verfehlungen sein können, während wir bei anderen glasklar zu erkennen meinen, was sie falsch machen.

Fehlendes Selbstgericht (Vers 4)

Mit Vers 4 stellt uns der Herr die Frage: Kann ich als Jünger, der ich in der eigenen Nachfolge des Herrn so oft mangelhaft agiere, meinem Mitjünger überhaupt eine Hilfe sein? Wenn ich durch einen Balken in meinem Auge gar nicht klar sehen kann, wie kann ich dann in der Lage sein, einem anderen einen Splitter herauszuziehen (vgl. Röm 2,1–3)? Wenn der Geist Gottes mich mit meinem eigenen Leben beschäftigen muss, wie kann Er mich in dieser Situation benutzen, um anderen Jüngern zu helfen? So etwas ist – auch wenn Gott in seiner Souveränität sogar das bewirken kann – eigentlich eine Unmöglichkeit.

Umso wichtiger ist, dass ich meinen geistlichen Zustand und meine Handlungen in das Licht Gottes bringe. Ich muss alles das, was nicht in Übereinstimmung mit Ihm ist, sofort im Selbstgericht Gott, dem Vater, bekennen und wegtun. So ziehe ich mir den Balken aus meinem Auge, der mich grundsätzlich behindert, klar zu sehen.

Das eigene Versagen übersehen – das des anderen anprangern: Heuchelei (Vers 5)

In Vers 5 zeigt uns der Herr, dass wir durch das Richten anderer (leicht) zu Heuchlern werden. Wenn in meinem eigenen Leben Dinge nicht in Ordnung sind, dann mag ich nach außen hin vorgeben, fromm zu leben. Der Herr sieht aber durch meine falsche Frömmigkeit hindurch und muss mich verurteilen. Heuchelei liegt im Übrigen auch dann vor, wenn wir – wie die Pharisäer – über Dinge predigen, die wir selbst gar nicht verwirklichen (vgl. Mt 23,3). Sie gaben durch ihre Lehren vor, selbst treu zu sein. In Wirklichkeit aber lebten sie nicht nach diesen Lehren. Sie wussten, was richtig war, handelten jedoch nicht danach. Das ist in den Augen Gottes böse.

Vielleicht treten wir besonders scharf im Urteil gegen andere auf, um uns selbst in unseren Verirrungen zu schützen, die durch ein hartes Urteil nicht so auffallen. Der Herr nennt jemanden, der so handelt, „Heuchler“. Das ist ein sehr harter Ausdruck, den Er üblicherweise für die Pharisäer und Schriftgelehrten verwendet. Hier jedoch macht Er deutlich: Auch ein Jünger wird zu einem solchen Heuchler, wenn er vorgibt, die Sünde zu hassen und sich anmaßt, einem anderen „behilflich“ sein zu können, obwohl er sie in seinem eigenen Leben zulässt. Jeder Gläubige steht in Gefahr, punktuell in seinem Leben Heuchelei zuzulassen. Der Ausdruck „Heuchler“ meint jedoch diese böse Eigenschaft in ihrer vollen Ausprägung. Sie war bei den Pharisäern vorhanden, die offenbar der Anlass für diese Warnung sind und uns in ihrem Kritikgeist deshalb als warnendes Beispiel dienen.

Im Blick auf das Richten sollten wir noch Folgendes Bedenken: Wie leicht ist es möglich, jemanden auf eine Sünde hinzuweisen, und wenig später feststellen zu müssen, dass man gerade selbst – vielleicht sogar in demselben Punkt – versagt hat. Das muss uns dazu bringen, uns zu demütigen. Wir müssen dann bekennen, dass wir in diesem Zustand gar nicht in der Lage waren, ein Gott gemäßes Urteil über den Mitbruder auszusprechen. Von einer Hilfe kann noch weniger gesprochen werden.

Anderen eine Hilfe sein

Vor dem Hintergrund dieser Argumentation stellt sich die Frage: Kann man denn ohne ein (begründetes) Urteil, vor dem ja in gewisser Weise gewarnt wird, überhaupt einem anderen helfen, der durch den Fehltritt eines Splitters geprägt ist? Müsste dann nicht jede Hilfestellung unterbleiben, die ja eine Beurteilung des Zustandes oder bestimmter Handlungen eines anderen Jüngers voraussetzt? Der Meister zeigt uns, dass wir uns als Jünger tatsächlich gegenseitig helfen können. Wenn wir das so wichtige Selbstgericht in unserem eigenen Leben verwirklichen, können wir auch unseren Mitjüngern eine Hilfe sein. Jemand hat einmal gesagt: Das nützlichste Richten ist das Selbstgericht! Manchmal hat allein dieses schon bewirkt, dass der andere von sich aus den Splitter aus seinem Auge gezogen hat.

Man kann seinem Mitjünger dann eine Hilfe sein, wenn man selbst eine gute und geistliche Gesinnung hat. Das bestätigt auch Galater 6,1, wo Gott von „Geistlichen“ spricht, die jemand helfen, der von einem Fehltritt übereilt worden ist. Der Herr spricht somit geistlich gesinnte Gläubige an, etwas zu beurteilen. Diesen Gläubigen wird es jedoch nicht darum gehen, einfach ein Urteil über andere auszusprechen und sich dann wieder zurückzuziehen. Sie haben es nicht auf dem Herzen, jemanden zu verurteilen, sondern sie wollen ihm helfen: „Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geist der Sanftmut, wobei du auf dich selbst siehst, dass nicht auch du versucht werdest“ (Gal 6,1). Der Geistliche ist in der Lage, ein ausgewogenes, auf dem Wort Gottes basierendes Urteil über den Zustand und die Hilfsnotwendigkeit einer anderen Person zu fällen. Er soll es in Sanftmut und in dem Bewusstsein tun, dass er selbst jeden Moment ebenfalls fallen kann, wenn er sein Fleisch wirken lässt.

Wie geschieht die vom Herrn angesprochene Hilfe? Sicherlich nicht dadurch, dass ich jemanden öffentlich verurteile. Das Gegenteil zeigt uns der Meister in Johannes 13, indem er seinen Jüngern die Füße wäscht. Dadurch hat Er uns ein Beispiel hinterlassen. Jemand, der einem anderen die Füße wäscht, spricht nicht darüber, selbst wenn es andere – wie in Johannes 13 – miterleben. Diese Gesinnung wird durch das Niederknien beim Waschen der Füße versinnbildlicht. Für uns, die wir selbst immer wieder sündigen, gilt dieser Unterschied zum Herrn Jesus: Wir dürfen nie vergessen, dass wir in derselben Sache oder auch in anderen Bereichen unseres Lebens ebenso versagen wie der Bruder. Wir können noch viel tiefer fallen als der Mitjünger. Hilfe bedeutet, das Wort Gottes auf sein Leben anzuwenden, um neue Klarheit und auch Erfrischung zu erhalten. Das ist das Gegenteil von einem Richtgeist. Selbst wenn wir einen Splitter im Auge unseres Nächsten sehen, sollen wir in Barmherzigkeit handeln.

8. Die Beziehung des Jüngers zu dieser Welt: Hunde (V. 6)

„Gebt nicht das Heilige den Hunden; werft auch nicht eure Perlen vor die Schweine, damit sie diese nicht etwa mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen“ (Vers 6).

Der Herr Jesus hat seine Jünger darüber belehrt, wie sie sich anderen Jüngern gegenüber verhalten sollen. Jetzt spricht Er davon, wie ein Jünger im Blick auf die Welt handeln soll. Man fragt sich zunächst, worin der Zusammenhang von Vers 6 zu den vorherigen Versen besteht. Vielleicht liegt er darin, dass die Jünger in den ersten fünf Versen davor gewarnt werden, zu kritisch und zu engherzig über andere Jünger zu denken und zu reden. In Vers 6 dagegen wird die gegensätzliche Gefahr angesprochen, dass man auf eine zu offene und leichtfertige Weise mit ungläubigen Menschen über göttliche Themen spricht.

Davon spricht der Herr Jesus, wenn Er die Jünger warnt, das Heilige den Hunden zu geben. Der Hund war wie auch das Schwein (vgl. 3. Mo 11,7) für den Israeliten ein unreines Tier. Beispielsweise durfte der Kaufpreis eines Hundes nicht in das Haus des Herrn kommen – es wäre ein Gräuel für Gott gewesen (vgl. 5. Mo 23,19). Verschiedentlich werden Hunde als Synonym für die Nationen, Heiden benutzt (vgl. Ps 22,17; Jes 13,22; Mt 15,26). Auch in Offenbarung 22,15 wird von Hunden gesprochen. Das sind dort Menschen, die keine Beziehung zu Gott haben. Diese Menschen waren ungläubig und lehnten Gott als ihren Herrn ab.

Der Meister spricht hier also von Menschen, die „unrein“ sind – das macht auch der Bezug zu dem Heiligen deutlich. Er wendet das Bild des Hundes hier jedoch nicht auf Heiden an. Er spricht überhaupt nicht von einer bestimmten Menschengruppe. Für die Juden waren die Heiden und die Zöllner, die sich mit der Besatzungsmacht der Römer einsmachten, solche „Hunde“ (vgl. Mt 11,19; Apg 10,28). Für Johannes den Täufer dagegen waren die heuchlerischen Führer der Juden solche unreinen Menschen, die er mit Otternbrut verglicht (vgl. Mt 3,7). Der Apostel Petrus wiederum nannte Menschen, die sich zum Christentum bekannt hatten, dann aber ohne Bekehrung in ihr altes Umfeld zurückgingen, Hunde und Schweine (vgl. 2. Pet 2,22).

So kann man wohl sagen: Jeder, ob Jude oder Heide, der von dem wahren Gott des Himmels nichts wissen wollte und seinen Messias ablehnte, wird hier mit einem Hund bzw. mit einem Schwein verglichen. Wenn die Pharisäer und Schriftgelehrten, diese Aussage so verstanden haben, mussten sie diese als Affront verstehen, da sie sich rein fühlten. Von ihnen waren sicher auch einige in der Volksmenge vertreten und sie besaßen eine „Antenne“ dafür, dass der Herr Dinge auf sie bezog. Hunde und Schweine verabscheuten sie. Aber der Herr lehrte nicht das, was die Menschen hören wollten, sondern das, was der Vater Ihm auftrug.

Jesus spricht also nicht (nur) von solchen, die einen moralisch verwerflichen Lebenswandel führen. Er spricht von allen Menschen, die meinen, ohne Gott auskommen zu können. Dazu gehörten auch die Pharisäer, denen die eigenen Überlieferungen wichtiger waren als das Wort Gottes. Bei ihnen hatten die eigenen Überzeugungen Vorrang vor dem, was Gott durch Christus sagen ließ.

Das Heilige

Solche Menschen sind gefühllos gegenüber allem Guten – es steht im Widerspruch zu ihrer Natur. Sie sind nicht heilig, und daher sind die heiligen Dinge Gottes auch nicht für sie bestimmt! Damit sind wir bei der Frage, was eigentlich „das Heilige“ ist. Es ist das, was Gott gehört und was in Übereinstimmung mit der Natur Gottes ist, der heilig ist. Sicher nicht von ungefähr finden wir diesen Ausdruck im Alten Testament immer wieder in Verbindung mit dem Heiligtum. Dort gab es „das Heilige“, den vorderen Teil der Stiftshütte (vgl. Heb 9,2). Die Geräte wurden „das Heilige“ genannt (vgl. 4. Mo 4,15.20). Auch das Opferfleisch war „das Heilige“ (vgl. 3. Mo 19,8). Passenderweise geht es hier um das Friedensopfer, also um das Opfer, durch das Gott Gemeinschaft mit dem geheiligten Volk haben konnte. Das aber galt nicht für Menschen, die unrein waren und sich nicht geheiligt hatten.

Heilig heißt nichts anderes als für Gott abgesondert, für Ihn zur Seite gestellt, im Wesen anders als die Welt. Wie kann man das, was Gott für sich selbst bestimmt hat, unreinen Menschen geben? Es wäre ein Affront gegen Gott. Aber dieser Gesichtspunkt steht in diesen Versen nicht einmal im Vordergrund. Hier spricht der Herr davon, dass das Heilige und die Perlen (hier vielleicht ein Hinweis auf den Wert jedes einzelnen Teils von dem, was den Stempel Gottes trägt) zerstört und missachtet werden.

Die Predigt von himmlischen Dingen an Ungläubige

Wie kann man die Anordnung des Herrn hier konkret verstehen? Einige Ausleger denken daran, dass der Gläubige zwar den Ungläubigen das Evangelium verkünden sollte, aber nicht die gesamte Wahrheit des Neuen Testaments. Ausgenommen sei der Teil, den sie als Gottlose ohnehin nicht verstehen können, weil sie dieses Heilige verachten und mit Spott versehen würden. Man kann zum Beispiel an die Wahrheit über die Versammlung Gottes denken (die Perle, vgl. Mt 13,46), an die Souveränität und Auserwählung (Eph 1,4), an die Sohnschaft der Gläubigen, die Kindschaft und an den Besitz des Heiligen Geistes. Wenn dann die herrliche Wahrheit des Wortes Gottes verspottet oder gelästert wird, werden gewissermaßen Perlen zertreten.

Nun bedarf es in dieser Hinsicht geistlichen Unterscheidungsvermögens. Widerstand ist nicht immer ein Hinweis darauf, dass man die Predigt einstellen sollte. Der Herr Jesus ist in der Art und Weise, wie Er mit Menschen umgegangen ist, unser großes Vorbild.

Wer von uns hätte mit der Frau am Jakobsbrunnen über Anbetung gesprochen (Joh 4)? Manche hätten das vielleicht in die Kategorie von Vers 6 eingeordnet. Natürlich handelte es sich bei ihr um eine Frau, die über religiöse Themen eine gewisse Kenntnis besaß und sogar vom Kommen des Messias wusste (vgl. Joh 4,20.25). Aber hätten wir nicht gedacht, zuerst müsse man dieser Frau klarmachen, dass sie in Unmoral lebt (sie lebte mit einem Mann zusammen, ohne mit ihm verheiratet zu sein, Joh 4,17.18), bevor man mit ihr über geistlich so anspruchsvolle Themen wie Anbetung reden könne? Aber der Herr in seiner Weisheit wusste, worüber Er mit dieser Frau reden konnte. Hinzu kommt, dass sie selbst das Thema Anbetung eingeführt hatte.

Ein anderes Beispiel finden wir in Johannes 6,44.65. Der Herr Jesus spricht dort zu Ungläubigen (wenn auch in etwas verborgener Form) von der Souveränität Gottes. Das ist ein bis heute selbst unter Christen kaum richtig verstandenes Thema. Könnten wir nicht leicht denken, dass ein Gespräch über die Auserwählung „Perlen vor die Säue werfen“ ist? Offensichtlich sah der Herr das anders.

Wenn wir bei dem Heiligen und den Perlen an die himmlische Wahrheit des Neuen Testaments denken, so ist es nicht verwunderlich, dass der Herr die Belehrungen in beiden Beispielen nicht weiter ausführt. Denn viele Teile der neutestamentlichen Wahrheit waren noch nicht bekannt. Erst etliche Jahre später sollte u. a. Paulus diese Teile der herrlichen Wahrheit verkünden, nachdem sie ihm und anderen Aposteln durch Gott offenbart worden waren.

Bei alledem lernen wir, dass wir immer sehr genau prüfen müssen, wem wir welche Schönheit des Neuen Testaments in welcher Weise vorstellen. Der Herr hat über diese großartigen Aspekte der Wahrheit auch nicht zu jeder Zeit mit jedem gesprochen.

Das Heilige geben

An dieser Stelle wollen wir uns noch einem zweiten Gedankengang in Verbindung mit diesem Vers widmen. Unheiligen soll das Heilige nicht gegeben werden – also gerade das, was Gott ausmacht. Gott ist ein heiliger Gott (vgl. 3. Mo 11,44; Jos 24,19). Was könnte der Herr über die genannten Punkte hinaus meinen, wenn Er davor warnt, Perlen vor Schweine zu werfen? Wenn man Ungläubige an den Segnungen der Beziehung eines Jüngers mit seinem Vater in den Himmeln Anteil nehmen lässt, besteht folgende Gefahr: Diese Ungläubigen zertreten die Perlen und zerreißen das Zeugnis der Gläubigen. Das tut man auch, indem man diese ungöttlichen Menschen aufnimmt und keinen Unterschied zwischen Heiligen und Unheiligen macht. Dann tut man so, also ob die heiligen Segnungen auch den Ungläubigen gehörten. Man wirft die herrlichen Perlen göttlicher Segnungen vor die Schweine. Diese zertreten die Perlen – sie können gar nicht anders, weil sie diese nicht wertschätzen können – und zerreißen die Gläubigen. Zwei Beispiele aus dem Alten Testament illustrieren diesen Gedanken:

  1. Simson (Ri 16): Zunächst verband er sich mit einer Philisterin, Delila, die zu den Feinden des Volkes Gottes gehörte. Er zeigte damit, dass es aus seiner Sicht offenbar keinen Unterschied zwischen Unheiligen und Heiligen gibt. Das führte dazu, dass er ihr nach vielem Drängen sein Herz kundtat und sie damit an seinem Glaubensgeheimnis Anteil nehmen ließ. Er hatte etwas Heiliges „Hunden“, die dies gar nicht verstehen können, hingeworfen. Was passierte? Delila zertrat diese Perlen unter ihren Füßen, indem sie dieses Geheimnis seinen Feinden verriet. Diese zerrissen den Mann, der sich mit ihnen äußerlich verbunden hatte.
  2. Lot (1. Mo 19): Anfangs machte er sich durch seinen Aufenthalt in Sodom mit den dort lebenden ungöttlichen Menschen eins – vermutlich war sogar seine Frau von dort. Deshalb hing sie so sehr an dieser Stadt, dass sie sich gegen das Gebot Gottes umdrehte, als sie zusammen mit Lot vor dem Gericht über Sodom floh.
    Als „Gerechter“ war Lot gleichsam eine „Perle“ unter den gottlosen Einwohnern dieser Stadt, sogar in seiner eigenen Familie. Doch als es darauf ankam und er seinen Schwiegersöhnen das Wort Gottes vorstellte, war er in ihren Augen wie einer, der Scherz treibt, und sie „zertraten“ ihn und seine Botschaft, indem sie sich über ihn lustig machten. Warum? Weil sein Leben nicht zu seinem Bekenntnis der Heiligkeit passte. Er war ein Heiliger („Gerechter“, 2. Pet 2,7.8). Aber dadurch, dass er sich in den Toren Sodoms aufhielt und dort sogar als Führungsperson tätig war – als Richter (1. Mo 19,9) – war von diesem Bekenntnis nichts zu sehen. So gab er das Heilige den Hunden. Wenn Gott nicht in unfassbarer Barmherzigkeit eingegriffen hätte und sogar mehr getan hätte, als das was Abraham erbeten hatte (vgl. 1. Mo 18,32), wäre Lot zerrissen worden. Durch die Engel aber rettete Gott den armen Lot aus ihren Händen (1. Mo 19,4.9).
    Wir sehen: Wer sich mit gottlosen Menschen verbindet, gibt das Heilige den Hunden und wirft den Schweinen die Perlen Gottes vor.

Dabei gilt es zu bedenken: Wer zu den „Schweinen“ oder „Hunden“ gehört, muss kein moralisch verwerfliches Leben führen. Es können menschlich sehr edle Menschen sein – aber ohne Gott! „Und ihr sollt mir heilig sein, denn ich bin heilig, ich, der Herr; und ich habe euch von den Völkern abgesondert, damit ihr mein seid“ (3. Mo 20,26). Gott will keine Vermischung des Heiligen mit dem Unheiligen. Das Heilige soll von dem Unheiligen unterschieden werden (vgl. 3. Mo 10,10; Hes 22,26). Wenn das nicht mehr der Fall ist, wird das Heilige früher oder später zertreten und zerrissen.

Konsequenz: Keine Gemeinschaft von Gläubigen und Ungläubigen

Als Konsequenz aus der Belehrung dieses Verse kann man folgern: Der Herr verwirft an dieser Stelle jede Gemeinschaft von Jüngern mit Gottlosen, von Menschen, die Gott angehören, mit solchen, die Ihn ablehnen. Auch dadurch gibt man das Heilige, das uns anvertraut worden ist, an Ungläubige. Sie ziehen es in den Dreck und zertrampeln es oft sogar unter den Füßen. Das, was Gott wichtig ist, würde von Unheiligen besudelt.

Das ist ein sehr wichtiger Grundsatz, den es auch für uns heute noch zu berücksichtigen gilt. Gott hasst die Vermischung von Gläubigen mit dieser Welt. Er hat uns aus der Welt herausgenommen (vgl. Gal 1,4) und für sich selbst geheiligt (vgl. 1. Pet 1,2). Gott macht eine Trennung zwischen Welt und Nicht-Welt. Sie passen nicht zusammen.

„Wenn jemand von den Ungläubigen euch einlädt und ihr wollt hingehen …“ (1. Kor 10,27). Dieser Vers zeigt, dass es einer konkreten Motivation bedarf, zu Ungläubigen zu gehen. Diese Motivation kann doch nur sein, sie mit dem Evangelium Gottes bekannt zu machen. Jeder andere Grund vermischt die Grundsätze von Heiligkeit und Gottlosigkeit. „Welche Gemeinschaft hat Licht mit Finsternis … Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen?“ (2. Kor 6,14.15). Jakobus drückt das so aus: „Wisst ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes“ (Jak 4,4).

Der Schaden ist sogar ein Doppelter:

  1. Das Heilige, die Perlen, werden zertreten und ihres Wertes beraubt. Die Menschen dieser Welt erkennen, dass wir Gläubige sind, selbst wenn wir noch so fehlerhaft leben. Ihr Urteil wird dann sein: Diese Menschen, die von sich sagen, dass sie Heilige, für Gott Abgesonderte sind, pflegen Gemeinschaft mit uns, die sie als Unheilige, als Ungläubige bezeichnen. Das Heilige wird damit in den Augen der Welt unheilig und wird dieser gewissermaßen in die Hände gegeben. Ist uns das klar, wenn wir als Jünger des Herrn gemeinsame Sache mit der Welt machen? Das kann die theologische, die kulturelle, die sportliche, die philosophische, die politische oder eine andere Welt sein.
  2. Wir selbst erleiden einen Schaden: Die Schweine zerreißen uns. Offenbar spielt der Herr hier nicht auf das Haustier, sondern auf wilde Schweine an. Sie zerstören das Zeugnis des Gläubigen und zerreißen seinen Glauben. Wie oft ist ein Gläubiger, der angefangen hat, sich mit der Welt einzulassen, in seinem Glauben geistlich und moralisch zugrunde gegangen?

Es gibt eine sehr aktuelle Anwendung dieser Belehrung: In manchen Versammlungen (Gemeinden, Kirchen) werden heute sogenannte Gästegottesdienste gefeiert. Ungläubige und Gläubige sollen gemeinsam Gott lobsingen. Lobpreislieder werden gemeinsam angestimmt. Es gibt ja in dieser Hinsicht keinen fundamentalen Unterschied, redet man sich ein. Wie aber können ungläubige Menschen den Vater anbeten? Man wirft ihnen die Perlen christlicher Anbetung vor die Füße. Als Ungläubige aber können sie mit diesen Perlen nichts anfangen, weil es neues Leben bedarf, um als Anbeter vor Gott treten zu können. Daher zertreten sie diese Perlen, verachten das Heilige und alles nimmt Schaden. Auch wenn Gott in seiner Souveränität solche unbiblischen Veranstaltungen zur Bekehrung eines Menschen nutzen kann – ihr Fundament steht im Widerspruch zu diesem Vers.

Vers 6 sollte im Übrigen schon zu Lebzeiten des Herrn, zum Beispiel in der Aussendung der Jünger in Matthäus 10, seine Anwendung finden. „Wer irgend euch nicht aufnimmt noch eure Worte hört – geht hinaus aus jenem Haus oder jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen“ (Vers 14). Wer sich dem Gott des Himmels und seinen Jüngern nicht öffnen wollte, mit dem sollte es keine Gemeinschaft geben. Wir dürfen daraus natürlich keineswegs den falschen Schluss ziehen, dass die Verkündigung des Evangeliums an Ungläubige verkehrt wäre. Im Gegenteil! Das ist und bleibt der Auftrag an die Gläubigen. Wir sollen immer und überall Zeugen Jesu sein. Wo immer möglich sollten wir die gute Botschaft auch mündlich (oder schriftlich) in geeigneter Form und unter der Leitung des Geistes Gottes weitergeben. Dieses Vorrecht dürfen wir uns nicht nehmen lassen.

Der Hund und die gewaschene Sau

Abschließend zu diesem Teil möchte ich kurz auf einen Vers in 2. Petrus 2 eingehen, der die beiden Tiere, die Christus hier erwähnt, noch einmal in einem Atemzug nennt: „Es ist ihnen aber nach dem wahren Sprichwort ergangen: Der Hund kehrte um zu seinem eigenen Gespei und die gewaschene Sau zum Wälzen im Kot“ (Vers 22).

Petrus spricht hier von Ungläubigen, die sich für eine Zeit den Gläubigen angeschlossen hatten. Äußerlich gehörten sie dazu – aber innerlich blieben sie Ungläubige, Ungöttliche. Die von ihm gewählte Ausdrucksweise ist sehr markant. Der Hund kehrt zurück zu dem Ort, wo er etwas erbrochen hat. Er fühlt sich bei dem wohl, was von ihm selbst stammt. Das Schwein mag gewaschen worden sein – aber seinem Naturell entsprechend kehrt es in den von ihm selbst verursachten Dreck zurück.

So wird noch einmal eindrucksvoll bestätigt, dass Menschen, so fromm sie eine Zeitlang auch erscheinen mögen, unheilig bleiben, wenn sie sich nicht bekehren. Diesen Menschen das Heilige anzuvertrauen, indem man sich mit ihnen verbindet, führt zu Unheil. Man meint vielleicht, sie dadurch zu gewinnen, dass man sie an den Segnungen des Gläubigen teilhaben lässt. Aber das Ergebnis ist nur Schaden.

9. Die Beziehung des Jüngers zu Gott: Bitten (V. 7–12)

Im Verlauf der Bergpredigt haben wir schon Manches über das Verhältnis des Jüngers zu Gott gelernt. In Kapitel 6 steht beim „Vaterunser“ der vertraute Umgang mit dem Vater im Vordergrund. Im letzten Abschnitt von Kapitel 6 geht es darum, das praktische Vertrauen zu dem Vater in bewusst gelebter Abhängigkeit zu verwirklichen.

In den Versen 7–12 lernen wir nun, dass der Jünger eine „Anlaufstelle“ hat, wo er mit allem hingehen kann, was ihn beschäftigt. Er ist sich dabei bewusst, dass er gänzlich von Gott abhängig ist. Er soll andere Jünger nicht kritisieren und mit der Welt keine gemeinsame Sache machen. Er kann sich immer an Gott wenden und sich auf Ihn verlassen, denn Er ist ein gebender Gott. Oder, wie Jakobus sagt: „Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, von dem Vater der Lichter“ (Jak 1,17). Der gebende Gott will allerdings gebeten werden. Der Bittende wird dann erfahren: „Ehe sie rufen, werde ich antworten; während sie noch reden, werde ich hören“ (Jes 65,25).

Verse 7.8: Der Vater gibt auf das Bitten seiner Jünger

„Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch aufgetan werden. Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet, und dem Anklopfenden wird aufgetan werden“ (Verse 7.8).

Diese beiden Verse zeigen den Jüngern, dass der Vater ihre Bitten gerne hört. Er ist ein guter Herr (vgl. Ps 118,29), der gerne gibt, finden lässt und aufmacht. Alle drei genannten Tätigkeiten weisen in dieselbe Richtung. In ihrer Intensität sind sie ansteigend.

Wenn der Jünger den Vater um etwas (Gottgewolltes) bittet, so gibt der Vater gerne. Wenn der Jünger gewissermaßen nach einer Sache ringt, ja sie intensiv bittend sucht, wird der Vater diese schenken. Wer so inständig sucht, wird finden. Wer dann sogar direkt anklopft, steht unmittelbar vor dem Vater, denn ihm wird aufgetan werden. Diese bewusste Abhängigkeit von Gott ist Voraussetzung, um Ihm wohlgefällig leben zu können. Er steht bereit, den Seinen in allen Umständen zu helfen, wenn sie Ihn darum bitten. Diese Abhängigkeit muss dann natürlich mit einem geistlichen Willen und geistlicher Energie im Leben des Jüngers zusammengehen. Eigenwille wäre völlig fehl am Platz.

Die Ermahnung an die Jünger und damit auch an uns liegt in der Aufforderung zu bitten. Gott möchte unsere Bitten hören. Dann, so verheißt Er uns, antwortet Er. Wenn wir in unserer Haltung zu erkennen geben, dass wir von Ihm abhängig sind, öffnet Er die Schleusen des Himmels, um uns zu segnen. Aber bitten, suchen und anklopfen – das müssen wir schon selbst tun. Wir sollten uns auch nicht immer damit zufrieden geben, einfach nur zu bitten. Zuweilen ist es nötig, intensiver mit Gott zu sprechen und sozusagen direkt anzuklopfen. Dennoch sollten wir dem Vater nichts abringen wollen. Aber was für eine Begegnung mit dem Vater, wenn wir anklopfen: Er selbst öffnet uns die Tür!

Noch ein abschließendes Wort zu den drei Tätigkeitswörtern, das sich aus dem gerade Gesagten ergibt: Der Herr stellt uns hier eine gewisse Steigerung vor. Vom Bitten geht es über das Suchen zum Anklopfen. Es ist, also ob er uns dazu motivieren will, praktisch immer näher zu dem Vater zu gehen. Wir sollen zunehmend Energie einsetzen, um von Ihm Antworten zu erhalten. Er gibt gerne!

Verse 9–11: Der Vater gibt seinen Jüngern Gutes

„Oder welcher Mensch ist unter euch, der, wenn sein Sohn ihn um ein Brot bitten wird, ihm etwa einen Stein geben wird, oder auch, wenn er um einen Fisch bitten wird, ihm etwa eine Schlange gegeben wird? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater, der in den Himmeln ist, denen Gutes geben, die ihn bitten!“ (Verse 9–11).

Der Herr Jesus hat den Grundsatz verdeutlicht, dass der Vater unsere Bitten hört, um sie auszuführen. Jetzt zeigt er in den nächsten drei Versen, dass Er konkrete Antworten gibt. Vor allem ist wahr, dass seine Antwort darin besteht, Gutes zu geben. Der Herr benutzt dazu einen Vergleich. Ein Vater wird seinem hungrigen Sohn ein Brot, um das dieser bittet, nicht vorenthalten. Wenn dieser um einen Fisch bittet, wird der Vater ihm keine gefährliche bzw. ungenießbare Schlange geben (auch wenn heute Schlangen zuweilen als Delikatessen verkauft werden – aber das war früher anders).

Wenn nun schon irdische Väter, die oft versagen (wie viele ja aus eigener Erfahrung wissen!), den Kindern Gutes nicht vorenthalten, wie viel weniger wird unser himmlischer Vater das tun (Ps 84,12b). Er ist gut und tut Gutes (Ps 118,29; 119,68). Wenn ein Jünger seinen himmlischen Vater um etwas bittet, was gut für ihn ist, wird der Vater eine solche Bitte gerne erhören.

Das heißt aber zugleich, dass der Vater seinen Kindern keine Dinge gibt, die zu ihrem Schaden sind. Der Vater gibt Gutes, nur was zum Nutzen für seine Kinder ist. Und was geschieht, wenn wir böse oder nutzlose Dinge erbitten? Jakobus zeigt ja, dass Jünger tatsächlich manchmal übel bitten (vgl. Jak 4,3). Wenn Gott dann derartige Bitten erhört, tut Er es zu unserer Erziehung: „Da gab er ihnen ihr Begehr, aber er sandte Magerkeit in ihre Seelen“ (Ps 106,15). Doch im Allgemeinen erhört der Vater solche törichten Bitten nicht. Ihm sei Dank dafür!

Die Gabe des Geistes Gottes in Lukas 11

Der Unterschied der Berichterstattung zwischen Matthäus und Lukas ist auffallend. Lukas spricht in diesem Zusammenhang von der großen Gabe des Heiligen Geistes, die der Vater auf Bitten der Jünger geben würde. Wir wissen, dass wir heute um diese Gabe nicht mehr bitten müssen – denn der Geist Gottes ist hier auf der Erde.

Lukas hatte den Auftrag, das Evangelium für Heiden zu schreiben. In Übereinstimmung damit nennt er den Herrn Jesus den Sohn des Menschen, der den Menschen das schenken möchte, was sie nötig haben. Das große Bedürfnis von erlösten Menschen mit neuem Leben war es, den Heiligen Geist auf dieser Erde zu empfangen.

Vers 12: Schlussfolgerung: Gutes tun

„Alles nun, was irgend ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso! Denn dies ist das Gesetz und die Propheten“ (Vers 12).

Zum Abschluss dieses neunten Teils weist der Meister seine Jünger noch auf einen Grundsatz hin. Sie sollen von dem Vater lernen, der ihnen bereitwillig Gutes erweist und das auch gegenüber den sie umgebenden Menschen tun. Auch in diesem Kapitel finden wir wieder die zwei Seiten, die von Beginn der Bergpredigt an vor uns standen: auf der eine Seite, Gerechtigkeit zu tun (Verse 1–11), und auf der anderen Seite, das Wesen des Vaters zu offenbaren (Vers 12).

Jeder Mensch weiß, was er selbst gerne von anderen Menschen erfährt: Liebe, Respekt, Hilfe, und noch vieles mehr. Der Herr Jesus fordert uns hier auf, genau dieses den anderen zu erweisen. Wir sollen also keine „Konsumenten-Haltung“ haben, sondern eine Gesinnung, anderen dienen zu wollen.

Wie viel weniger zwischenmenschliche Beziehungen wären heute gestört, wenn man nicht auf den ersten Schritt des anderen warten, sondern selbst auf ihn zugehen würde. Wenn man ihm Gutes erwiese, statt darauf zu warten, dass der andere Gutes tut. Diesen Grundsatz sollten wir gerade dann verwirklichen, wenn wir Geschwistern gegenüberstehen, mit denen wir erfahrungsgemäß leicht in Konflikt geraten. Auch manche zerbrochene Ehe würde heute vielleicht noch bestehen, wenn man nicht in erster Linie das Verhalten des Ehepartners kritisiert hätte, sondern selbst in Liebe und Hilfe aktiv geworden wäre.

Auch Petrus geht in seinem Brief auf diesen Grundsatz ein: „Und wer ist es, der euch Böses tun wird, wenn ihr Eiferer für das Gute geworden seid?“ (1. Pet 3,13) Durch Gutes tun wird ein Jünger oft schon in seinem Leben hier auf der Erde Gutes ernten.

Wir wollen bei den Worten des Herrn bedenken: „Denn dies ist das Gesetz und die Propheten“ – das ist das Alte Testament. Es handelt sich hier also noch nicht einmal um ein typisch christliches Gebot. Der Herr bestätigt nur das, was schon im Alten Testament gelehrt wird (vgl. z. B. 3. Mo 19,18). Es war den Jüngern also längst bekannt. Damit verliert dieser Anspruch jedoch nicht an Bedeutung. Er offenbart die Barmherzigkeit des Meisters, dass Er zu dieser Zeit von seinen Jüngern noch nicht mehr verlangte. Die Kenntnis der christlichen Wahrheit zeigt, dass diese Belehrung bei weitem nicht an die Höhe der Unterweisungen des Neuen Testaments heranreicht. Trotzdem stellt sie einen hohen Anspruch an unser Leben. Man muss sich fragen, ob wir diesen Grundsatz verwirklichen – geschweige denn den viel höheren Maßstab wahren Christentums!

Manche haben diesen Vers die goldene Regel des Christentums genannt. Wir haben gesehen, dass dies abwegig ist, weil es eine Zusammenfassung der alttestamentlichen Botschaft ist. Darüber hinaus haben viele Christen die „negative“ Formel zu verwirklichen gesucht: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Zwischen diesen beiden Versionen besteht nicht nur ein semantischer Unterschied. Die Aufforderung des Herrn Jesus geht viel weiter als die negative Version, die übrigens dem Talmud, also den gesammelten Überlieferungen der Juden, entstammt.

Der Herr Jesus zieht mit diesem Vers eine Verbindung zum letzten Teil des Kapitels 5. Dort zitierte Er ebenfalls das Alte Testament und ging dann auf die Ergänzungen durch die Juden ein, um schließlich den wahren Sinn, das eigentliche Ziel der alttestamentlichen Gebote, zu zeigen. Die von heutigen Christen verwendete negative Formulierung passt tatsächlich zu dem Gesetz vom Sinai, das in vielen Teilen negativ formuliert war („Du sollst nicht“). Es stellte jedoch nur eine Mindestanforderung Gottes an den Menschen dar. Wenn man aber das Negative nicht tat, hatte man noch lange nicht das Positive getan. Das aber war das eigentliche Ziel, der Sinn der von Gott gegebenen Gebote. Deshalb nennt der Herr Jesus in diesem zwölften Vers das Positive. Er fordert seine Jünger auf, das Gute zu tun: So würden sie die göttlichen Gedanken verwirklichen können.

10. Wahre Jünger – falsche Jünger: Pforte, Früchte, Herr, Haus (V. 13–29)

Nachdem der Herr Jesus die Beziehung der Jünger untereinander, zu Ungläubigen und zu Gott angesprochen hat, fügt Er einen wichtigen Schlussteil an. Offensichtlich wollte Er die Jünger vor Gefahren warnen. Diese Warnungen sind Ihm so wichtig, dass Er die Bergpredigt mit insgesamt vier Warnungen beschließt.

Mancher mag sich Jünger nennen und sich sogar zu Christus bekennen. Aber die Mehrheit davon gehört letztlich zu den Feinden des Königs. Dieser Tatsache muss man klar ins Auge sehen, so erschreckend sie auch ist. So bereitet der Herr uns darauf vor, in einer nüchternen Beurteilung die Echtheit eines Bekenntnisses zu prüfen, ohne einem fleischlichen Richtgeist anheimzufallen (vgl. V. 1). Er möchte verhindern, dass die Jünger falsche Vorstellungen davon haben, was die Echtheit und Falschheit von Jüngern betrifft. Zwar soll ein Jünger im Sinne von Vers 1 den anderen nicht richten. Ihm soll aber doch bewusst sein, dass es durchaus einer nüchternen Beurteilung der Echtheit eines Bekenntnisses bedarf.

Vielleicht kann man auch sagen, dass der Blick des Herrn Jesus in diesen Schlussversen seiner Bergpredigt über die Jünger hinausging. Er sah die Volksmenge und wollte vermeiden, dass sich jemand einer Illusion hingab und alle Verheißungen dieser Predigt ohne Weiteres auf sich bezog. Leider ist das in der Namenschristenheit gang und gäbe. Wenn aber kein wahres Leben, keine echten Früchte vorhanden sind, wenn die Grundlage des Felsens fehlt, bleibt am Ende nichts von ihrem Bekenntnis übrig. Solche Menschen haben keine Beziehung zum Vater. Der Herr Jesus wird ihnen einmal sagen müssen: Ich habe euch niemals gekannt.

Verse 13.14: Die enge und die weite Pforte

„Geht ein durch die enge Pforte; denn weit ist die Pforte und breit der Weg, der zum Verderben führt, und viele sind, die durch sie eingehen. Denn eng ist die Pforte und schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind, die ihn finden“ (Verse 13.14).

Zunächst spricht der Herr Jesus davon, dass es nur zwei Pforten gibt. Wieder ist seine Sprache schwarz-weiß, Er stellt also Gegensätze oder Kontraste dar. Eine schmale Tür führt über einen Weg zum Leben – nicht zum Himmel, darum geht es in der Bergpredigt nicht. Eine andere Tür ist weit und führt über einen breiten Weg direkt zum Verderben. Auf dem breiten Weg befinden sich viele Menschen, auf dem anderen dagegen nur wenige.

Viele denken vermutlich an die bekannte, beeindruckende Zeichnung vom schmalen und breiten Weg. Diese Darstellung schmückt zwar das Gleichnis Jesu aus, enthält aber doch wesentliche Elemente: Zum einen sind dort zwei Pforten gezeigt, die darauf hinweisen, dass man eine Entscheidung für den Weg am Anfang trifft – nicht am Ende. Wer durch die enge Pforte geht, bekennt sich zu Christus und folgt Ihm nach. Das sind Jünger, die bereit sind, auf dem bergigen, schwierigen und schmalen Pfad zu gehen, der zum Himmel führt.

Dann sieht man viele Menschen, die sich durch die verlockenden Angebote am Rande des breiten Weges anziehen lassen. Das Durchschreiten der breiten Pforte ist ein „Bekennen“ für einen Weg ohne Christus, auch wenn man sich äußerlich zu Ihm bekennt. Es ist ein Leben ohne Gehorsam dem Herrn Jesus gegenüber. Solche Menschen laufen geradewegs auf die Hölle zu. Diese beiden Ziele – Himmel oder Hölle – müssen jeden, der das Bild sieht, ins Herz treffen. Man kann sich nur auf dem einen oder anderen Weg befinden – einen Mittelweg gibt es nicht.

Es geht dem Herrn Jesus allerdings nicht darum zu zeigen, dass auf dem breiten Weg gewaltige unmoralische Verlockungen für den Menschen angeboten werden. So zeigt es zwar die bekannte Zeichnung, und das ist zwar auch für das Leben des natürlichen Menschen. Davon aber spricht Christus hier nicht. Wie auch sonst in der Bergpredigt wendet Er sich an Jünger bzw. solche, die sich selbst als Jünger bezeichnen. Mit diesem Gleichnis will Er deutlich machen, was wahre Jüngerschaft voraussetzt und was für eine Lebenseinstellung sie verlangt.

Die Belehrung der schmalen und der weiten Pforte

Der Herr wendet sich wie in der gesamten Bergpredigt an Jünger. Er verkündet ihnen nicht, wie man sich bekehrt. Aber zu Beginn des Abschnitts, in dem Christus wahre und falsche Jünger gegenüberstellt, beginnt Er damit, dass Er zeigt, wie man eigentlich Jünger wird. Das betont die Verantwortung dessen, der sich zu seinem Meister bekennen möchte. Daher handelt es sich bei der engen Pforte nicht um ein Bild der Gnade, die ein Ungläubiger finden muss und von Gott geschenkt bekommt.

Die Gnade ist nicht eng – sie ist vielmehr sehr weit, so weit, dass sie jeden Menschen einschließt, der zum Retter kommen möchte. Und doch hat die Pforte auch mit Gnade zu tun. Denn ohne das Bewusstsein und die Annahme der Gnade Gottes kann man nicht durch diese enge Pforte gehen, wie wir noch sehen werden. Und deswegen sind es nur wenige, die durch diese enge Pforte gehen, weil viele die Gnade ablehnen.

Die enge Pforte zeigt den Charakter der Nachfolge. Am Anfang steht eine Entscheidung für den Meister. Das ist die Pforte. Wir erinnern uns daran, dass der Herr Jesus selbst von sich sagt: „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden“ (Joh 10,9). Christus ist der Weg: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Es gibt nur diesen einen Weg, Nachfolger des Herrn Jesus zu werden: zu erkennen, dass man nicht fähig ist, Ihm in eigener Kraft nachzufolgen, so dass man eine Bekehrung, wahre Umkehr und Sinnesänderung, nötig hat.

Nun stellt die enge Pforte nicht die Bekehrung zu Gott dar, durch die ein Sünder zu einem Erlösten wird. Auch in diesem Gleichnis geht es ja um Jünger. Aber selbst bei einem Jünger, der wirklich Jünger Jesu ist, steht eine Entscheidung für den Herrn am Anfang der Nachfolge. Diese ist notwendigerweise mit Umkehr und Buße verbunden. Gerade das war die Erfahrung, die Petrus machte, als er in die Nachfolge des Meisters eintrat (vgl. Lk 5,8–11).

Eng ist die Pforte deshalb, weil man auf den Ruf des Meisters angewiesen ist; man kann nicht selbst bestimmen, was man tun will. Man ist auch abhängig vom Vater (Verse 7–12). Das Fleisch, das eigene Ich, muss praktischerweise verleugnet werden; in eigener Werk-Gerechtigkeit kann man dem Herrn Jesus nicht gefallen. Zudem handelt es sich um eine Pforte des Selbstgerichts – durch diese Pforte passt nur ein Mensch hindurch, der nichts von sich selbst mitnehmen will. Alles, was er an Selbstbewusstsein, Selbstgerechtigkeit, eigenen Überlegungen, eigenen Gesetzen, eigener Treue, eigenem Verdienst mitbringen möchte, muss draußen bleiben. Das macht das Eingehen so schwierig. Und deswegen benötigen wir auch Gottes Gnade für diesen Weg. Wer nicht bereit ist, das alles aufzugeben und Buße zu tun über sich und seinen bisherigen Lebensweg, wird die andere Pforte wählen. Und diese führt ins Verderben.

Aber auch, nachdem man durch die schmale Pforte hindurchgegangen ist, wird der Weg nicht breiter. Das Bewusstsein der eigenen Unfähigkeit und der Abhängigkeit von der Gnade des Herrn muss man sich auf dem Weg erhalten. Wer das tut, befindet sich auf einem Weg zum Leben. Erinnern wir uns: Wir sind noch immer bei der Magna Charta des Königreichs der Himmel, das auf dieser Erde aufgerichtet wird. Bei dem Ziel des Weges handelt es hier daher nicht um den Himmel. Es geht vielmehr darum, in das ewige Leben des Königreichs des Herrn Jesus Christus einzugehen. Dazu gibt es nur diesen einzigen Weg.

Dieser Pfad ist nicht „gepflastert“ mit Steinen eigener Gerechtigkeit, wie die Pharisäer meinten und entsprechend handelten (Kapitel 6,1–18). Da gibt es keine Ehre für den Jünger, die er vonseiten anderer Menschen bekommen könnte. Es gibt auch keinen materiellen Gewinn, den man auf diesem Weg erzielen könnte (Kapitel 6,24). Zudem gibt es keinen Platz dafür, sich über andere zu stellen, die man richtet und verurteilt (Kapitel 7,1–5). Es gibt aber Gehorsam gegenüber Gottes Wort (Kapitel 5,17–48). Es gibt eine bewusste Abhängigkeit vom Vater (Kapitel 6,25–34). Und es gibt Aufgaben im Blick auf die Erde und die Welt (Kapitel 5,13–16). Vor allem ist ein solcher Jünger bereit, um der Gerechtigkeit und um Christi willen zu leiden (Kapitel 5,1–12). Dieser Weg ist und bleibt schmal – aber er macht wahrhaft glücklich, weil er mit Christus verbindet. Das Auge des Jüngers ist einfältig und allein auf Christus gerichtet (Kapitel 6,22.23). Man weiß, dass es nicht um vergängliche Schätze geht, sondern darum, Schätze im Himmel zu sammeln.

Eine Anwendung auf uns heute

Wenige Menschen finden diesen Weg. Das zeigt den biblischen Grundsatz, dass es nie auf Zahlen ankommt. Nicht da, wo viele sind, ist der Weg Gottes (vgl. 2. Mo 23,2). Hier ist es gerade das Gegenteil. Es sind nur wenige, die diesen Weg suchen. Wer ihn sucht, wird ihn finden (vgl. Vers 7). Es ist ein Weg, der mit Selbstverleugnung und mit einem Bekenntnis beginnt und wieder mit Selbstverleugnung und dann mit Selbstgericht weitergeht. Daher ist er nicht begehrt – das Auge vieler Bekenner sucht einen anderen. Sie wollen ihre eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen mit einbringen. Sehr wenige Prediger in der christlichen Welt kennen diesen Weg und verkündigen ihn. Wer das tut, muss den Blick von sich selbst weg hin auf Christus allein lenken – und das passt dem natürlichen Menschen nicht. Man spricht im Allgemeinen lieber über angenehmere Dinge für das Fleisch, die Natur des Menschen.

Auf dem breiten Weg befinden sich sehr viele Menschen. Sie meinen, das Gute tun zu können; sie sind davon überzeugt, dass ihre eigenen Werke dem Herrn gefallen. Sie strengen sich ja an, mit eigener Kraft Gott ihr eigenes Leben anzubieten. Aber das ist nichts als die breite Pforte, durch die sie auf einen Weg gehen, der dieselben Kennzeichen trägt wie die Pforte. Er ist breit und bietet Platz für eigene Gedanken und das eigene Ich. Solche Menschen leben dabei meistens nicht in großer, moralischer Verderbnis. Nein, es sind die anständigen Menschen, diese Pharisäer, die das Gesetz Gottes zu tun vorgeben und meinen, andere belehren zu können. Doch letztlich ehren sie nur ihr eigenes Fleisch und kommen sich dabei noch gottesfürchtig vor. Ihr Weg führt ins Verderben.

Wohlgemerkt: Es gibt nur zwei Pforten und zwei Wege. Einen Mittelweg gibt es nicht. Es gibt auch keine Verbindung zwischen den beiden Wegen. Man muss sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden und dann durch die entsprechende Pforte gehen. Jeder Mensch befindet sich auf einem der beiden Wege – entweder auf dem Weg zum Leben, oder auf dem zum Verderben. Wenn man sich nicht entscheiden will, geht man automatisch durch die breite Pforte und auf dem breiten Weg! Der führt ins Verderben. Das ist nicht ein zeitliches Verderben, sondern es geht um das ewige Verderben. Die Entscheidung über die Ewigkeit wird an der Pforte im Diesseits getroffen.

Heißt das nun, dass jemand, der einmal den Weg durch die weite Pforte gewählt hat, keine Möglichkeit mehr besitzt, durch die enge Pforte zu gehen und auf den anderen Weg zu kommen? Natürlich nicht! Eine „Umentscheidung“ ist jederzeit möglich, solange Gott einen nicht aus diesem Leben abgerufen hat. Man kann allerdings nicht einfach von einem Weg auf den anderen springen. Es gibt nur eine Möglichkeit: Man muss durch das Eingangstor – also die enge Pforte – hindurchgehen. Über einen anderen „Weg“ kann man auf den schmalen Weg nicht gelangen.

Es geht hier nicht um die Frage, ob sich jemand, der durch die weite Pforte gegangen ist, nicht mehr bekehren kann. Es ist in diesem Leben immer möglich, durch die enge Pforte einzugehen auf den schmalen Weg. Genauso ist es auch wahr, dass mich die Entscheidung in meinen Jugendjahren, dem Herrn nachzufolgen, nicht dazu bringen darf, mich auf dieser Entscheidung auszuruhen.

An dieser Stelle wollen wir uns noch vor einer falschen Enge warnen lassen, die der Herr Jesus hier nicht meint. Man kann Menschen auch Lasten auferlegen, welche die Pforte enger machen, als sie ist. Der Herr will gerade nicht, dass wir meinen, wir kämen auf den schmalen Weg, wenn wir bestimmte Dinge tun oder lassen. Das gilt auch für Dinge, die wir uns selbst oder anderen auferlegen. Nein, es ist gerade das Kennzeichen der breiten Pforte, dass man sich selbst Gesetze macht. Man meint dann, das Einhalten dieser Gesetze würde für den Himmel und das Leben reichen. Aber das ist der falsche Ansatz. Er führt durch die weite Pforte, durch die eigene Gesetze und Überzeugungen passen. Nein, der Herr möchte, dass wir uns eingestehen, dass wir selbst gar nichts tun können. Das ist die enge Tür. Durch sie passen keine Werke, derer ich mich vor Gott rühmen möchte und die mir einen Platz im Himmel sicherstellen sollen. Durch sie passe ich nur, wenn ich einfach Gottes Angebot der Gnade an den Sünder annehme.

Die Belehrung bei Lukas

Lukas stellt, wie so oft, mehr die moralischen Aspekte in den Vordergrund, wenn er in Kapitel 13 diese bildliche Sprache wiedergibt. Bei Matthäus geht es um die Frage, ob sich ein Mensch in den Bereich des Segens Gottes hineinbewegt: Man geht durch die schmale Pforte und ist im Bereich des Segens und erntet das Leben. Oder man geht durch die breite Pforte und endet im Verderben.

In der Belehrung des Herrn im Lukasevangelium geht die Frage nach der Errettung der Menschen voraus (Lk 13,23). Dort spricht Er besonders vom Ringen, um einzugehen. Es ist ein Herzenskampf notwendig, um durch die enge Tür eingehen zu können. Er zeigt nicht, dass die Tür zu eng sein könnte, sondern dass sie irgendwann verschlossen ist. Daher ist es so wichtig, rechtzeitig einzutreten. Das aber ist mit der inneren Herzenstätigkeit der Bekehrung und Umkehr einer wahren Sinnesänderung (Buße) verbunden.

Verse 15–20: Falsche Propheten und ihre Früchte

„Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, innen aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Sammelt man etwa von Dornen Trauben oder von Disteln Feigen? So bringt jeder gute Baum gute Früchte, aber der faule Baum bringt schlechte Früchte. Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte bringen, noch kann ein fauler Baum gute Früchte bringen. Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Deshalb, an ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Verse 15–20).

Im zweiten Abschnitt spricht der Herr von falschen Propheten. Das ist nicht dieselbe Gruppe wie in den Versen 13 und 14. Wenn man an eine Verbindung dieser Verse denkt, dann könnte man unter den falschen Propheten diejenigen verstehen, welche die Menschen auf den breiten Weg führen. Sie stellen die breite Pforte als den Eingang zu einem Weg vor, der zum bestmöglichen Ziel führt. Solche Propheten geben vor, Gottes Wort zu reden. In Wirklichkeit aber sind sie das Sprachrohr Satans.

Im Alten Testament finden wir viele Beispiele von falschen Propheten. Petrus weist auf sie hin und verbindet das mit einer Warnung vor falschen Lehrern, die in der christlichen Zeit ihre bösen Lehren verbreiten (2. Pet 2,1). Eine Reihe anderer Stellen zeigen, dass solche Menschen im Laufe unserer christlichen Zeit immer wieder aufstehen werden (vgl. z. B. Röm 16,18; Kol 2,8; 1. Tim 4,1; 6,20; 1. Joh 4,1–3; 2. Kor 2,17; 11,13–15; Tit 1,10.11).

Der Herr Jesus warnt seine Jünger davor zu glauben, es handele sich um Menschen, die sich offen als Instrumente Satans bezeichnen. Nein, „sie kommen in Schafskleidern zu euch“. Durch dieses Bild wird deutlich, dass die falschen Propheten sich verstellen und nicht ihre wirklichen Absichten offenbaren. Gerade das macht sie so gefährlich. So gleichen sie Jannes und Jambres (2. Mo 7,11), die das nachahmten, was Mose, der Prophet Gottes, gezeigt hatte. In Wirklichkeit aber waren sie Feinde des Volkes Gottes.

Die falschen Propheten gehören nicht zu dem wahren christlichen Bereich. Johannes nennt sie Antichristen: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so würden sie wohl bei uns geblieben sein; aber damit sie offenbar würden, dass sie alle nicht von uns sind“ (1. Joh 2,19).

Paulus warnt in seiner Ansprache an die Ältesten aus Ephesus ebenfalls vor solchen Menschen: „Ich weiß, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch hereinkommen werden, die die Herde nicht verschonen. Und aus euch selbst werden Männer aufstehen, die verkehrte Dinge reden, um die Jünger abzuziehen hinter sich her“ (Apg 20,29.30). Was ist das Bewahrungsmittel? Er befiehlt sie Gott und dem Wort seiner Gnade an. Dieses Wort ist die sichere Grundlage, um alles in der rechten Weise beurteilen zu können und sich nicht verführen zu lassen.

Die vielfachen Hinweise auf falsche Propheten zeigen, wie gefährlich sie sind. Es besteht nämlich die Gefahr, dass die wahren Jünger sie nicht erkennen. Diese falschen Propheten stellen sich nämlich als Engel des Lichts dar und ahmen damit ihren großen Meister, Satan, nach (vgl. 2. Kor 11,14). Sie tun so, als ob sie dazugehören würden und als Hirten für die Herde tätig sind. Aber sie verfolgen nur ein Ziel: die Herde zu zerstören. Sie legen das Wort Gottes aus – aber in falscher Weise. Sie treten in Schafskleidern auf. Oft beginnen sie mit einer kleinen, fast zu übersehenden Abweichung. Aber später, wenn sie manche hinter sich hergezogen haben, entpuppen sie sich als das, was sie sind: reißende Wölfe.

Wir dürfen nicht schon bei einer falschen Äußerung eines Predigers meinen, er sei ein falscher Prophet. Dennoch dürfen wir den Ernst dieser Warnung des Herrn nicht übersehen: Wie viele lassen sich blenden und meinen, es handle sich doch um „so liebe Personen“. Dass sie mitreißende Vorträge halten können und in den Augen von Menschen hingebungsvolle Diener sind, mag so sein. Aber das ist dann Blendwerk. Oftmals erkennen wir erst viel später – vielleicht zu spät! – ihren wahren Charakter.

Hinweise für die Jünger in der Drangsalszeit

Wir dürfen an dieser Stelle nicht verkennen, dass es sich zunächst um Hinweise für die Jünger handelt, die zu den treuen jüdischen Übriggebliebenen zählen. Nicht von ungefähr finden wir in diesem Evangelium einen weiteren Hinweis genau zu dieser Gruppe. Der Herr Jesus hat besonders seine Jünger vor Augen, die in den schrecklichen Tagen künftiger Verfolgungen leben werden. In diesen Tagen werden viele aufstehen, um die Treuen zu Fall zu bringen. Sie wollen die Ungläubigen für immer verführen: „Und diejenigen, die gottlos handeln gegen den Bund, wird er [der Antichrist] durch Schmeicheleien zum Abfall verleiten … und viele werden sich ihnen mit Heuchelei anschließen“ (Dan 11,32.34).

In seiner prophetischen Rede über die große Drangsalszeit, in welche die Juden noch kommen werden, sagt der Herr Jesus den Treuen: „Und viele falsche Propheten werden aufstehen und werden viele verführen … Dann, wenn jemand zu euch sagt: ‚Siehe, hier ist der Christus!’, oder: ‚Hier!’, so glaubt es nicht. Denn es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen und werden große Zeichen und Wunder tun, um so, wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen“ (Mt 24,11.23.24). Diese Verse zeigen deutlich, wie schwer der Kampf für die Treuen in Zukunft sein wird, um auf dem schmalen Weg zu bleiben. Reißende Wölfe, falsche Propheten, werden mit großer Überzeugungskraft tätig werden, um das zu verhindern.

Das Entlarvungsmittel: die Früchte

In den Versen 16 bis 20 gibt der Herr seinen Jüngern Hinweise, wie sie die falschen Propheten entlarven können. Wie wir schon gesehen haben, verstehen es diese bösen Leute meisterlich, sich zu verstellen. Außerdem tragen sie oft einen besonders edlen Charakter und treten nicht etwa in harter oder aggressiver Weise auf. Ihre Worte erscheinen angenehm und interessant. Vielleicht sind sie zuweilen in ihrem Charakter edler als solche, die das Wort Gottes in echter, unverfälschter Weise verkündigen. Die vom Herrn Jesus genannten Unterscheidungsmittel sind auch für die heutige Zeit wichtig, damit wir uns nicht täuschen lassen.

Wie also kann man falsche Propheten erkennen? Der Herr Jesus benutzt wieder einen Vergleich, hier aus der Botanik (Pflanzenkunde). Jeder weiß, dass Trauben nur von einem Weinstock und nicht von einem Dornstrauch hervorgebracht werden. Feigen sind auch nie die Früchte einer Distel, sondern eines Feigenbaums. Diese natürlichen Zusammenhänge kann man geistlich übertragen. Ein guter Baum – ein wahrer Jünger – bringt gute Früchte hervor, der faule Baum – ein falscher Prophet – dagegen schlechte Früchte. Umgekehrt kann ein guter Baum keine schlechten Früchte bewirken und ein fauler Baum auch keine guten.2 Es ist auffallend, dass hier zwei Gewächse des Fluches (vgl. 1. Mo 3) ausgesprochenen Zeichen des Segens gegenübergestellt werden. Zwischen beiden gibt es keine Verbindung, keine Gemeinschaft.

Wenn man also nicht erkennen kann, ob es sich um eine Distel oder um einen Feigenbaum handelt, muss man sich die Früchte anschauen. Genauso ist es in der Beurteilung der Propheten. Ein falscher Prophet bringt schlechte Früchte hervor, ein wahrer Prophet gute.

Was sind Früchte?

Früchte im Dienst eines Propheten sind die Worte und Lehren, die er verkündigt. Er mag in seinem Auftreten und in seiner Erscheinung noch so edel und liebenswürdig sein: Die Früchte offenbaren, was dahinter steht. Es sind die Worte der Propheten, die zeigen, ob es sich um eine „Distel“ bzw. einen „faulen Baum“ handelt, oder um einen „Weinstock“ bzw. einen „guten Baum“. Wenn die Worte teilweise im Widerspruch zu den Aussagen des Wortes Gottes stehen, dann sind sie Disteln und offenbaren, dass der Prophet ein falscher ist. Wenn sie aber in Übereinstimmung mit Gottes Wort sind, handelt es sich um gute Früchte.

Früchte beziehen sich nicht auf den Lebenswandel dieser Menschen. Auch ein wahrer Prophet kann in seinem Leben versagen – und wie oft ist das bei uns der Fall! Ein falscher Prophet wiederum kann oft sehr liebenswürdig erscheinen und ein anständiges Leben führen. Nein, es geht um die Worte.

Früchte im Dienst eines Propheten können sich dann auch auf das Ergebnis der Lehren des Propheten beziehen, auf das, was sie bewirken. Wenn die Lehre zu Christus, dem Meister führt; wenn sie die Zuhörer nicht hinter dem Propheten sammelt, sondern auf Christus hinweist; wenn der Prophet klein in den Augen der Zuhörer wird, Christus dagegen groß und verherrlicht wird; wenn die Lehre das Wohl der Jünger im Auge hat; wenn Christus in allem verherrlicht wird, dann handelt es sich um gute Früchte. Wenn das Gegenteil der Fall ist und die Seele mit menschlichen Konstrukten, mit Philosophie und weltlichen Theorien genährt wird,– auch wenn die Abweichung von Gottes Wort am Anfang nur unmerklich sein mag, muss man daraus schließen: Es ist eine schlechte Frucht – also muss der Baum faul sein. Es ist ein falscher Lehrer. Wenn sich die Worte eines Predigers in erster Linie an den Intellekt und an den Stolz des Menschen richten, ist besondere Vorsicht angebracht. Dann gibt der Redner vor, ein Prophet Gottes zu sein. In Wirklichkeit aber ist er jemand, der in eigenem Namen oder sogar als Instrument Satans tätig ist.

Es gibt eine interessante Stelle in den Belehrungen des Apostels Paulus, die dieses Thema aufgreift. Die Verse in 1. Korinther 3,12–17 sind nicht deckungsgleich mit Matthäus 7,15 ff., da Paulus zunächst von Gläubigen und ihren Werken spricht. Aber in gewisser Hinsicht wendet der Apostel durch den Hinweis auf gute oder schlechte Baumaterialien diese Verse der Bergpredigt auf das Wirken im Haus Gottes an. Auch dort geht es um Ergebnisse, um Früchte des Wirkens. Entweder sind sie bleibender Art, oder sie sind vergänglich. Wenn die Folge des Wirkens ist, dass jemand sogar den Tempel Gottes verdirbt – durch falsche Lehren zerstören sie das Wirken Gottes – so wird Gott selbst eingreifen. Er wird sie verderben. Damit ist die ewige Verdammnis gemeint.

Noch ein abschließendes Wort zu der Frucht, von der unser Meister hier spricht. Sie zeigt, welcher Art der Baum ist, der sie hervorbringt. Das überträgt der Herr auf das Leben eines Menschen. Die Frucht enthüllt den wahren Charakter des Baums, der sie hervorbringt. Entweder ist der Baum gut, oder er ist faul. Wie so oft spricht der Herr hier schwarz-weiß. Es geht nicht darum, dass ein wahrer Jünger des Herrn Jesus nicht auch einmal versagen könnte. Leider ist das oft bei uns der Fall. Es geht auch nicht darum, ob jemand, der einmal schlechte Früchte hervorgebracht hat, wirklich ungläubig ist. Paulus weist uns darauf hin, dass es Zeiten gibt, in denen gilt: „Der Herr kennt, die sein sind“ (2. Tim 2,19), obwohl sie äußerlich vielleicht nicht als Kinder Gottes zu erkennen sind. Nein, der Herr zeigt uns hier den Grundsatz, nach dem wir diejenigen zu beurteilen haben, die als Propheten zu uns kommen. Und da gilt, ist die Frucht gut, ist der Baum gut, ist die Frucht schlecht, brauchen wir dem Propheten weiter kein Ohr zu leihen.

Interessanterweise nennt der Herr Jesus nur Früchte von „guten Bäumen“: Trauben und Feigen. Er gibt dagegen keine konkreten Früchte bei den nutzlosen Bäumen wie Dornen und Disteln an. Der Herr kann das, was bei ihnen hervorkommt, nicht als Früchte bezeichnen. Sie sind in seinen Augen unbrauchbar. Sie mögen echten Trauben noch so ähnlich sein wie falsche Geldscheine den echten – aber es sind und bleiben falsche.

Auf das Ende schauen

Der 19. Vers zeigt einen weiteren wichtigen Beurteilungsgrundsatz: Man muss auf das Ende schauen. Das, was Gott über das Ende einer Person oder Sache sagt, wirft Licht darauf, wie wir uns heute dieser Person gegenüber verhalten und unser Leben ausrichten sollten. Das ist im Übrigen ein Grundsatz, den wir verschiedentlich in Gottes Wort verankert finden (vgl. 1. Thes 3,11–13; Phil 3,17–21; u. a.). Damit ist nicht einfach gemeint, bis zum Ende abzuwarten. Wir sollen schon jetzt auf den Ausgang eines Menschen sehen, auf das, wohin sein Weg führen wird. Dieser Belehrung des Herrn nach können wir das, indem wir seine Früchte beurteilen.

Wie kann man das konkret machen? Indem man Gottes Wort studiert und bedenkt, was es im Blick auf solche falschen Propheten und falschen Bekenner sagt. Wenn also Worte, die ein Prophet spricht, prinzipiell nicht mit Gottes Wort übereinstimmen, handelt es sich um einen falschen Propheten. Dessen Ende ist das Feuer. Daher sollte niemand meinen, es sei gleichgültig, ob man solch einem Propheten noch zuhört oder nicht. Wenn Gottes Urteil das ewige Gericht ist, dann sollten wir uns kompromisslos von einer solchen Person abwenden. Nicht von ungefähr wird uns aufgetragen, die Geister zu prüfen, ob sie aus Gott sind. Wenn sie es nicht sind, ziehen wir die entsprechenden Konsequenzen.

Der Jünger sollte bedenken, dass jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, irgendwann abgehauen und ins Feuer geworfen wird. Ein falscher Prophet wird keinen Bestand haben – Gott wird ihn eines Tages abhauen lassen. Das hatte schon Johannes der Täufer so gesagt (Mt 3,10). Ein solcher kommt ins Gericht Gottes. Es kann sein, dass er auf dieser Erde sehr alt wird. Wenn er aber nicht Buße tut und umkehrt zu Gott, wird er ins ewige Gericht kommen. Seine Bestimmung ist das Feuer. Hier erklärt Christus noch nicht, dass es sich letztlich um das ewige Feuer, den Feuersee handelt. Das lernen wir später. Aber dieser Ort, so die ernste Belehrung, ist das Ende jedes falschen Propheten. Er mag vorgeben, aus der Gegenwart Gottes zu reden, in Wirklichkeit aber ist er von Satan inspiriert.

Deshalb wollen auch wir nicht auf die Attraktivität, die Begabung, das Charisma eines Propheten schauen, sondern auf die Frucht: Stimmt das, was er predigt, grundsätzlich mit Gottes Wort überein? Führt er zu Gottes Wort und zum Herrn Jesus? Ist Christus der Dreh- und Angelpunkt aller Aussprüche? Wenn nicht, sollen sich die Jünger vor einer solchen Person hüten. Sie sollen sich erinnern, dass Gott diesen Baum abhauen und ins Feuer werfen wird. Daher sollten wir nicht meinen, klüger als Gott zu sein und uns seinen falschen Lehren aussetzen zu können.

Satan ist nicht so töricht, augenscheinlich schlechte Menschen als Werkzeuge innerhalb des christlichen Bekenntnisses zu verwenden. Aber selbst das tut er manchmal. Es ist vielleicht dann seine Taktik, wenn das christliche Bekenntnis so schwach geworden ist, dass nicht einmal offensichtlich schlechte Menschen auffallen.

Wenn er jedoch als Verführer tätig ist, dann benutzt er die scheinbar „Guten“ unter seinen Knechten. Es ist sinnlos, in einem solchen Fall alle Punkte aufzuzählen, die doch positiv am Auftreten einer solchen Person sind. Eine solche Betrachtung schadet nur, weil man sich dadurch leicht blenden lässt. Und genau das ist das Ziel dieser gefährlichen Wölfe.

Verse 21–23: Falsche Bekenner

„Nicht jeder, der zu mir sagt: ‚Herr, Herr!’, wird in das Königreich der Himmel eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist. Viele werden an jenem Tag zu mir sagen: Herr, Herr, haben wir nicht durch deinen Namen geweissagt und durch deinen Namen Dämonen ausgetrieben und durch deinen Namen viele Wunderwerke getan? Und dann werde ich ihnen erklären: Ich habe euch niemals gekannt; weicht von mir, ihr Übeltäter!“ (Verse 21–23).

Der Meister fährt fort, indem er nach den falschen Propheten die falschen Bekenner entlarvt. Zwischen beiden Gruppen gibt es eine Verbindung. Der Herr Jesus spricht auch bei den falschen Bekennern davon, dass sie „geweissagt“ haben und durch seinen Namen Wunder vollbracht haben. Dadurch wird deutlich, dass falsche Propheten zugleich falsche Bekenner sind. Dennoch handelt es sich bei den falschen Bekennern um eine größere Gruppe. Auch bei ihnen greift Er den Gedanken der Früchte auf. Nicht jeder ist ein Anführer, wie es die falschen Propheten sind. Aber es gibt manchen, der sich äußerlich zu Christus bekennt und Jesus sogar „Herr“ nennt, für den Er aber nicht wirklich Herr ist. Wie kann das sein?

Man mag zwar „Herr“ oder sogar zweimal „Herr“ sagen. Wenn dies jedoch nicht mit der Wirklichkeit des Lebens übereinstimmt, dann nützt es nichts. Nur „wer den Willen meines Vaters tut“, hat einen Platz in dem kommenden Königreich der Himmel, also im 1.000-jährigen Reich. Das Königreich ist nämlich kein Ort der freien Entfaltung des menschlichen Willens, sondern ein Bereich, in dem Christus Autorität besitzt und diese auch ausübt. Man kann also seine eigene Treue zum Herrn sehr laut bekunden, in Wirklichkeit aber keine lebendige Glaubensverbindung zu Ihm haben.

Ich habe euch niemals gekannt!

Es mag Jünger geben und gegeben haben, die sogar geweissagt und Wunder getan haben. Der Herr spricht sogar davon, dass es viele sein werden. Sie alle haben vorgegeben, auf der Seite des Herrn zu stehen. In Wirklichkeit aber haben sie ihr eigenes Werk, ja sogar das Werk des Teufels getan. Ohne eine echte Bekehrung erlebt zu haben, nannten sie sich zum Beispiel „Christen“ – aufgrund der christlichen Taufe. Wir haben schon gesehen, dass es auch am Ende in der Drangsalszeit solche falschen Propheten und Diener geben wird. Sie alle haben gemein, dass sie sich äußerlich zu Christus zählen. Das werden sie Ihm am Tag des Gerichts gewissermaßen sagen. Aber Er wird ihnen dann antworten: „Ich habe euch niemals gekannt!“ Es heißt nicht: „Ich kenne euch nicht mehr!“ Nein, Er hat sie noch nie gekannt, also noch nie eine wirkliche Beziehung zu ihnen gehabt. Sie sind Übeltäter, Menschen, die Täter der Gesetzlosigkeit waren.

Dazu gehört beispielsweise Judas, den der Herr Jesus „Sohn des Verderbens“ (Joh 17,12) nennt. Er hatte Wunder getan. Er gehörte zu den Zwölfen. Er war der Kassierer, vermutlich immer wieder direkt neben dem Herrn Jesus platziert. Aber innerlich war er ein Feind Jesu, der Ihn überlieferte und so ein furchtbares Instrument Satans wurde. Judas ist ein trauriges Beispiel für diesen Vers. Er selbst hat diese Worte des Herrn mit seinen eigenen Ohren gehört, ohne Konsequenzen für sein Leben zu ziehen. Das ist die Tragik seines Lebens.

Es mag auch Menschen geben, die persönlich sehr edle Dinge vollbracht haben – als Jünger, als Christen. Vielleicht haben sie im kirchlichen Auftrag viel Gutes getan, haben viel Geld gespendet für arme Menschen, haben viele Predigten gehalten. Doch waren sie Täter der Gesetzlosigkeit, weil sie dies alles ohne Christus taten. Ihr Motiv und ihr Ziel waren nicht diese herrliche Person. Letzten Endes haben sie sich selbst gesucht. Das ist nichts anderes als Eigenwille.

Jener Tag

Wie schrecklich wird ihr Ende „an jenem Tag“ sein (V. 22). Das ist das zweite Kommen des Herrn, wenn Er auf diese Erde zurückkommen wird, um sein Königreich öffentlich aufzurichten und seine Herrschaft sichtbar anzutreten.

„Jenen Tag“ kann man gut mit dem Richterstuhl des Christus in Verbindung bringen. Denn vor diesem Richterstuhl gibt es drei verschiedene Gerichtssitzungen:

  1. Der Richterstuhl des Christus (im engeren Sinn; 2. Kor 5,10): An dieser ersten Sitzung werden ausschließlich die Gläubigen von Adam an bis zur Entrückung im Himmel offenbar werden. Dort wird also niemand erscheinen, von dem der Herr in diesen drei Versen in Matthäus 7 spricht.
  2. Der Thron der Herrlichkeit (Mt 25,31 ff.): An diesem zweiten richterlichen Thron des Herrn stehen nur Menschen aus den Nationen. Nach einer Drangsalsperiode, die nach Daniel 9,26.27 eine Periode von sieben Jahren umfasst, wird der Herr Jesus aus dem Himmel auf diese Erde zurückkommen – das ist sein zweites Kommen. Das ist seine Erscheinung. Eine seiner ersten Handlungen wird das Gericht der Lebendigen sein (vgl. 1. Pet 4,5; 2. Tim 4,1; Apg 10,42)).
    In dieser Zeit wird der Herr Jesus auch Gericht bringen über die ungläubigen Juden (vgl. Sach 14,5; Jes 5,25).
  3. Der große weiße Thron (Off 20,11). Alle falschen Bekenner, die im Laufe der Jahrhunderte von Christi Kommen bis zum Schluss gelebt haben und leben werden, kommen vor dieses abschließende Gericht. Hier stehen nur Ungläubige. Sie alles sind einmal gestorben und erwarten im Hades das ewige Gericht (vgl. Lk 16,23; Off 20,13.14). Sie werden – wie alle Ungläubigen – bei dieser letzten Sitzung des Richterstuhls erscheinen müssen.

„Weicht von mir!“, wird der König dann diesen bloßen Bekennern endgültig am großen weißen Thron sagen. Sie werden ewig von Christus und Gott getrennt sein. Das ist das Teil des Feuersees. In ihrem Leben hatten sie oft den Namen Jesu auf ihren Lippen. In seinem Namen mögen sie viele Dinge getan haben. Aber sie haben in ihrem Leben gezeigt, dass sie nicht wirklich zu Ihm gehören wollten. Sie haben es versäumt, den Willen des Vaters zu tun. Dieser Wille besteht zunächst darin, Buße zu tun und sich zu bekehren.

Jünger sollten sich keiner Illusion hingeben: Sie sind von vielen umgeben, die sich nur so nennen, in Wirklichkeit aber keine Jünger des Herrn sind. Viele nennen sich heutzutage Christen, aber mit Christus wollen sie eigentlich nichts zu tun haben. Oder sie sind überzeugt, dass sie Ihm mit ihren guten Taten, mit ihren Gebeten, mit ihrem regelmäßigen Kirchbesuch, mit ihrem edlen Lebenswandel imponieren können. Der Herr Jesus zeigt uns, worauf es wirklich ankommt und woran man echte Jünger erkennen kann: an dem Gehorsam dem Willen des Vaters gegenüber. Diesen Willen finden wir in Gottes Wort ausgedrückt.

Verse 24–27: Das Haus auf Felsen oder auf Sand

„Jeder nun, der irgend diese meine Worte hört und sie tut, den werde ich mit einem klugen Mann vergleichen, der sein Haus auf den Felsen baute; und der Platzregen fiel herab, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stürmten gegen jenes Haus an; und es fiel nicht, denn es war auf den Felsen gegründet. Und jeder, der diese meine Worte hört und sie nicht tut, der wird mit einem törichten Mann verglichen werden, der sein Haus auf den Sand baute; und der Platzregen fiel herab, und die Ströme kamen, und die Winde wehten und stießen an jenes Haus; und es fiel, und sein Fall war groß“ (Verse 24–27).

Damit kommen wir zu dem letzten Teil der Belehrung des Herrn. Er hatte vor

  1. der falschen Pforte und dem falschen Weg,
  2. vor falschen Propheten, und
  3. vor falschen Bekennern

gewarnt. Zugleich hatte Er auf das Erkennungsmerkmal von wahren Jüngern hingewiesen:

  1. Selbstgericht,
  2. gute Früchte und
  3. Gehorsam.

Jetzt warnt der Herr schließlich vor einer falschen Grundlage des Lebens und zeigt ein viertes Erkennungsmerkmal für wahre Jünger: Beständigkeit in Prüfungen. Im Leben jedes Christen kommen früher oder später Prüfungen auf. Dann zeigt sich, wer echt ist und wahren Glauben besitzt. Das sind Menschen, welche die Worte des Herrn nicht nur gehört haben, sondern sie auch ausführen. Es kommt also nicht auf das Hören oder Wissen oder sogar die Ausübung wunderbarer Kräfte an. Entscheidend ist es, den Willen Gottes aus einem gehorsamen Herzen heraus zu tun.

Man kann diesen letzten Abschnitt auch als Schlussermahnung zu der gesamten Bergpredigt auffassen. Der Herr hatte zu seinen Jüngern und den darüber hinaus zuhörenden Volksmengen nicht gesprochen, um eine schöne Lehre zu predigen. Es ging Ihm darum, dass Menschen von Herzen als seine Jünger leben. Ein Jünger ist durch wahren Gehorsam geprägt. Und ein echter Jünger hat ein Fundament, auf dem er steht. Das ist die Botschaft des Herrn an dieser Stelle.

Wir haben schon vorher gesehen, dass der Glaube Früchte trägt. Das ist das große Thema von Jakobus. Hier sehen wir, dass die Frucht das beständige „Tun der Worte“ des Meisters ist. Echter Glaube bleibt nicht verborgen. Er äußert sich darin, dass man im Gehorsam tätig wird. „Denn wer irgend den Willen meines Vaters tut, der in den Himmeln ist, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter“ (Mt 12,50). Und wer die Worte des Herrn tut, der offenbart, dass sein Fundament stabil und bleibend ist.

Um diese Belehrung zu illustrieren, vergleicht der Herr zwei Menschen miteinander. Beide waren sehr aktiv, sogar erfolgreich, denn sie bauten ein Haus. Beide hatten die Bauanweisungen des Meisters gehört. Beide waren von ihrem Vorgehen überzeugt. Das Ergebnis ihrer Bemühungen sah bei beiden äußerlich gleich aus: Sie besaßen nun ein Haus, das fest stand, jedenfalls fest zu stehen schien. Aber nur einer hatte bleibenden Erfolg. Das ist der Mann, den der Herr Jesus als „klugen Mann“ bezeichnet. Er hat sein Haus auf einem soliden, stabilen Untergrund gebaut: auf einem Felsen.

Die Festigkeit dieses Hauses wurde auf dreierlei Weise getestet:

  1. von oben durch einen Platzregen,
  2. von der Seite durch Winde und
  3. von unten durch Wasserströme.

Alle drei Prüfungen konnten nur beweisen, dass das Haus sicher gebaut und fest war. Niemand konnte dem Haus etwas anhaben.

Der Fels – Christus und sein Wort

Wenn man über das Symbol „Fels“ nachdenkt, fällt der Blick unweigerlich auf den Herrn Jesus. Wir wissen aus Matthäus 16,18, dass der Herr Jesus selbst der Fels ist, auf dem sogar die Versammlung Gottes ruht. Wenn wir 1. Korinther 10,4 heranziehen, wird noch einmal bestätigt, dass der Felsen ein Bild von Christus ist. Gibt es eine sicherere Grundlage als Christus, den Sohn des lebendigen Gottes? Ihn kann niemand zerstören, und wer auf Ihm „gebaut“ hat, der hat ein sicheres Fundament. „Vertraut ewig auf den Herrn; denn in Jah, dem Herrn, ist ein Fels der Ewigkeiten“ (Jes 26,4).

Durch seine Worte in Vers 24 zeigt der Herr Jesus, dass Er Gott ist. Zuvor hatte Er davon gesprochen, dass man nur in das Königreich eingehen kann, wenn man den Willen seines Vaters tut. Jetzt spricht Er davon, dass man seine Worte hören und tun muss. Damit misst der Herr Jesus seinen Worten dieselbe Autorität bei wie dem Willen des Vaters. Zugleich stellt Er sich damit auf eine Stufe mit dem Vater. Er kann das tun, weil Er Gott ist. Deshalb finden wir auch im Nachhinein den Hinweis, dass seine Worte eine solche Autorität ausstrahlten, dass sogar die Volksmengen verwundert vor Ihm standen (Vers 28).

Der Herr Jesus verbindet nun hier den Felsen als Grundlage damit, dass jemand seine Worte hört und tut. In diesem Sinn engt Er das allgemeine Symbol (Fels = Christus) ein Stück weit ein. Es scheint Ihm hier darum zu gehen, den Felsen als ein Symbol für seine Worte zu verstehen, die das Fundament des Glaubenshauses sind. Der kluge Mann zeichnet sich dadurch aus, dass er Täter der Worte des Herrn ist. Daher kann man den Felsen hier mit den Worten des Herrn vergleichen, also mit dem Wort Gottes. Wer sein Lebenshaus auf diesem Wort aufbaut, indem er es hört und tut, der ist sicher. Das Haus – das ist sein Leben, sein Glück, seine Zukunft, seine Hoffnung, seine Sicherheit, sein Glaube, seine Jüngerschaft – kann nicht umgestürzt werden. Dabei steht das Leben auf der Erde im Vordergrund, das für den Jünger durch ein solides oder eben durch ein wackeliges Fundament gekennzeichnet ist. Aber man kann diese Sicherheit gewiss auch auf die Ewigkeit beziehen.

Auch der Glaube des Jüngers wird erprobt:

  • von oben, vielleicht ein Hinweis auf die Prüfungen, die Gott zulässt;
  • von der Seite, vielleicht ein Hinweis auf Prüfungen vonseiten der Menschen;
  • von unten, vielleicht ein Hinweis auf die Aktivitäten Satans.

Prüfungen kommen – aber das Haus, der Glaube und das, was dazugehört, bleiben beim Klugen fest. Er weiß, dass er ein Fundament besitzt, das unzerstörbar ist. Wer sollte das Wort Gottes, das ewig bleibt (vgl. 1. Pet 1,25) aushebeln können? Wer sollte Christus beseitigen können, da Er den Tod besiegt hat (vgl. 2. Tim 1,10)?

Jemand, der das Wort nicht nur hört, sondern auch tut, ist sicher. Jakobus führt das in seinem Brief weiter aus: „Seid aber Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen …“ (vgl. Jak 1,22–25). Nicht nur an dieser Stelle macht der Geist Gottes deutlich, dass es nicht reicht, das Wort zu hören, sondern dass wir es auch befolgen sollen. Wer zwar die Worte des Herrn gehört hat, sie aber für sich verwirft oder nicht nach ihnen handelt, den vergleicht Christus mit einem törichten Mann. Auch er baut ein Haus. Auch er hat Vorstellungen über ein richtiges Leben und darüber, wie er Gott mit seinen eigenen Werken gefallen kann. Für eine Zeitlang gehen sein Werk und Leben gut.

Aber irgendwann kommen auch bei ihm diese Erprobungen von oben, von der Seite und von unten. Dann fällt alles wie ein Kartenhaus zusammen. Am Anfang kann manches gut aussehen – so ist das auch bei dem Samenkorn des Wortes Gottes, das auf das Steinige gesät ist und schnell aufgeht. Ein Mensch nimmt das Wort mit Freuden auf. Weil es aber keine Wurzel in sich hat, besteht die „Pflanze“ nur für eine kurze Zeit, bis Verfolgungen kommen (vgl. Mt 13,5.6.20.21). Aber wenn nach einer schweren Prüfung nichts übrig bleibt, was nützt es? Dann ist der Fall des Hauses groß. Verglichen mit den großen Anstrengungen, das Haus zu bauen und dem Stolz, in eigener Überlegung alles selbst geschafft zu haben, handelt es sich um einen großen Sturz.

Was bleibt für den törichten Mann übrig? Nichts! Seine Gedanken und Vernunftschlüsse, seine Traditionen und Errungenschaften haben sich als wertlos, als nicht tragfähig erwiesen. Er hat sich allein auf Menschen und ihre Lehren gestützt, nicht auf das Wort Gottes. Ihm war er nicht gehorsam. Aber Menschen und ihre Lehren sind wie Sand, der davonschwimmt. Das ist das Urteil Gottes über jemand, der dem Wort Gottes nicht von Herzen gehorsam sein will. Wenn ein solcher Mensch nicht noch rechtzeitig ein Haus auf dem Felsen baut und von seinem falschen Weg umkehrt, wird er verloren gehen.

Bis heute gibt es diese beiden Arten von Zuhörern. Wieder kann man an Judas Iskariot denken. Auch er hat die Worte des Herrn gehört. Dreieinhalb Jahre hat er fast täglich göttliche Belehrungen erhalten, Worte, die im Unterschied zu unseren Worten vollkommen waren. Worte, an denen es nicht lag, dass sie sein Herz nicht erreichten. Aber er wollte nicht. Die Worte Jesu bestimmten nicht sein Leben. Christus war für ihn nicht lebensentscheidend. So baute er auf Sand – „und sein Fall war groß.“

Der Herr spricht auch hier wieder kontrastreich und kompromisslos: entweder – oder. Entweder man hat auf den Felsen gebaut oder auf Sand, mit den entsprechenden Konsequenzen. Doch der zweite Teil des Gleichnisses, wo es um die Torheit geht, lässt sich auch auf echte Jünger anwenden. Auch sie können, selbst wenn sie grundsätzlich diesen Felsen als Grundlage gewählt haben, im praktischen Leben manchmal nur Hörer, nicht jedoch Täter des Wortes Gottes sein. Dann wird auch dieser Teil des Lebens irgendwann wie ein Kartenhaus zusammenklappen. Was für ein Verlust für uns und unsere Familie, vielleicht sogar für unsere Umgebung, wäre das!

Der Schluss dieses Abschnitts und der eigentlichen Belehrungen der Bergpredigt ist wie ein Posaunenhall. Es dauert, bis er verhallt ist: „Und es fiel, und sein Fall war groß.“ Niemand kann an diesen eindrucksvollen Worten des Herrn einfach vorbeigehen. Sie sind ein Aufruf, die Lebensgrundlage des persönlichen Lebens noch einmal sorgfältig zu prüfen. Wer sich mit Sand zufriedengibt, wird diesen Fall erleben müssen, früher oder später. Und der Fall wird groß sein!

Schluss (Mt 7,28.29)

„Und es geschah, als Jesus diese Reden vollendet hatte, da erstaunten die Volksmengen sehr über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie ihre Schriftgelehrten“ (Verse 28.29).

Damit sind wir am Schluss dieser beeindruckenden, ersten Rede des Königs in dem Evangelium der Königschaft Jesu angekommen. Auch wir Christen haben etwas darüber gelernt, welche Kennzeichen uns als Jünger des Meisters, unseres Herrn Jesus Christus, prägen sollen. Wir haben gesehen, wie unser Leben als Jünger aussehen soll und welche Beziehungen wir haben. Was ist unsere Reaktion auf diese Rede? Welchen Eindruck hat sie in unserem Leben hinterlassen?

Die Volksmengen waren gar nicht die erste Zielgruppe dieser Rede. Aber sie hatten konzentriert zugehört. Sie erkannten: Der hier gesprochen hatte, war mehr als die Schriftgelehrten. Er war jemand, der Vollmacht, das heißt Autorität, besaß.

Er war im Unterschied zu den Pharisäern in der Lage, nicht nur das Gesetz wiederzugeben, sondern zugleich den inneren Wert und das Ziel des Wortes Gottes zu verdeutlichen. Zudem besaß Er Vollmacht, nicht weil Er wie die Pharisäer zu einer bestimmten Gruppe von Menschen gehörte. Er besaß eine moralische Autorität aufgrund seiner einzigartigen Person und durch sein Lebensvorbild. Er war jemand, der das tat, was Er lehrte: „Da sprachen sie zu ihm: Wer bist du? Jesus sprach zu ihnen: Durchaus das, was ich auch zu euch rede“ (Joh 8,25).

Hier stand jemand vor den Menschen, der wirklich aus der Gegenwart Gottes redete. Sicher, Er war Gott. Aber Er stand hier als Mensch, von Gott als König gesalbt, vor ihnen. Er sprach das aus, was Er selbst zu hundert Prozent als Mensch verwirklichte.

Das waren die Worte, die Er zu den Jüngern redete, damit sie nicht nur von seiner Rede lernten, sondern Ihm, ihrem Meister, auch nachfolgten. Sie sollten Ihn nachahmen. Eine Herausforderung, die auch uns heute noch gilt!

Ausblick

Der Herr hatte mit diesen Worten den Volksmengen und besonders seinen Jüngern deutlich gemacht, was die göttlichen Grundsätze seines Königreichs sind. In den Kapiteln 8–12 lesen wir dann, wie Er sich als Messias Israels erwies und zum Wohl seines irdischen Volkes tätig war. 14 Wunder werden uns in diesen fünf Kapiteln mitgeteilt. So offenbarte Er sich als der wahre Emmanuel. Aber das Volk und besonders dessen Führer lehnten Ihn ab. So verwundert es nicht, dass wir in diesen fünf Kapiteln auch 14 Beispiele für die Verwerfung des Herrn finden. Der Gipfelpunkt bestand darin, dass sie Ihm vorwarfen, die Dämonen durch Satan auszutreiben.

Der Herr Jesus erduldet diese Verwerfung. Er zeigt ab Kapitel 13, dass sich seine Botschaft von nun an auch an die Nationen richten würde. Dennoch wollte Er in seiner Gnade die Juden weiterhin segnen. Das hat Er auch getan (Speisung der 5.000 und 4.000, sieben Wunder in Kapitel 14 und 15; u. a.). Durch seine Verwerfung war jetzt der Weg „hinauf nach Jerusalem“ vorgezeichnet, wo Er leiden und sterben sollte. Außerhalb der Stadt hat Er dann das Erlösungswerk vollbracht, verworfen von seinem Volk. Schließlich hat auch Er das Volk verworfen. Beispielsweise zeigte Er sich nach seiner Auferstehung nur noch denen, die an Ihn glaubten. Kein ungläubiger Jude war mehr dabei. Das Letzte, was sie von Ihm sahen, war seine Kreuzigung und Grablegung. Sie werden Ihn erst wiedersehen, wenn Er sein Reich in Macht und Herrlichkeit aufrichten wird (Sach 12,10).

Ihnen und damit letztlich auch uns hat Er eine großartige Botschaft hinterlassen, womit dieses wunderbare Evangelium schließt: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Mt 28,20).

Du bist mein Herr

Dir will ich folgen, wohin Du gehst,
stets bei Dir bleiben, wo Du auch stehst.
Du bist mein Meister, mein Gott, mein Herr,
Du bist mein Retter, den ich verehr’!

Du gabst Dein Leben bis in den Tod,
Du hast gelitten in größter Not.
Wo ist die Antwort, die Dir gebührt,
wo ist der Jünger, der Dich stets ehrt?

Du suchst nach Herzen, Dir zugewandt,
die für Dich schlagen, oft unerkannt,
die sich Dir weihen mit ganzer Kraft,
es ist nur Gnade, die solches schafft.

„Dein Kreuz nimm täglich – komm, folge mir!
Wenn du in Not bist, bin ich bei dir.“
So machst Du Jüngern voll Liebe Mut,
die Du erworben mit Deinem Blut.

Dir will ich folgen, Du bist es wert,
einsichtig dienen, von Dir belehrt,
nicht an mich denken, denn Du allein
sollst für mich Vorbild und Führer sein.

Fußnoten

  • 1 Die Bergpredigt (Arend Remmers), S. 146, Christliche Schriftenverbreitung, Hückeswagen
  • 2 An dieser Stelle müssen wir vor einer falschen Anwendung dieses Bildes warnen. Manche wollen aus diesem Bild ableiten, dass ein Gläubiger nicht mehr sündige. Der Herr Jesus sage doch, dass ein guter Baum keine schlechten Früchte hervorbringen könne. Aus vielen anderen Stellen wissen wir, dass Gläubige ermahnt werden, nicht zu sündigen. In 1. Johannes 2 lesen wir, dass es vorkommen kann, dass ein Gläubiger sündigt. Das steht nicht im Widerspruch zur Bergpredigt. Wenn ein Jünger sündigt, befindet er sich nicht in einem Normalzustand. Von diesem spricht der Herr hier und nicht über die traurige Ausnahme, dass ein Gläubiger sündigt oder in Sünde fällt.
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