Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 6

Das Leben der Jünger im Königreich (Matthäus 6)

Im fünften Kapitel ging es um die ersten drei Teile der Bergpredigt. Der Herr Jesus nannte die Kennzeichen der Jünger. Der Charakter der Jünger (Teil 1; 5,1–12) passt zu der Stellung und zu Aufgaben, die sie im Königreich der Himmel haben (Teil 2; 5,13–16). Danach wurde die Frage nach der Beziehung der Jünger zum Alten Testament beantwortet: Sie sollen ihre (neue) Stellung und die damit verbundenen Aufgaben in Übereinstimmung mit Gottes Wort wahrnehmen (Teil 3; 5,21–48).

In Kapitel 6 kommen wir jetzt zu den nächsten drei Teilen der Bergpredigt. Hier lernen wir etwas über das Leben der Jünger inmitten dieses Königreichs. Sie sind nicht passiv, sondern spiegeln etwas davon wider, wie Gott mit uns Menschen handelt. Konkret geht es um

  1. die praktische Gerechtigkeit (V. 1–18),
  2. die Lebensausrichtung (V. 19–24) und
  3. das Vertrauen eines Jüngers zum himmlischen Vater (V. 25–34).

Praktisch gerecht kann man nur dann leben, wenn man die richtige Lebensausrichtung hat. Zugleich ist dafür wahres Vertrauen zu dem himmlischen Vater nötig. Sonst kann man in seinem Leben nicht als Nachfolger des Meisters bestehen.

Die ersten beiden Abschnitte umfassen jeweils drei Unterpunkte, der dritte Teil bildet eine größere Einheit. Dadurch entsteht folgende Struktur:

1.) a) Wohltätigkeit
1.) b) Gebet
1.) c) Fasten
2.) a) Schätze im Himmel
2.) b) Das Auge – die Lampe des Leibes
2.) c) Zwei Herren
3.) Das Vertrauen zum himmlischen Vater

4. Die Aktivität der Jünger im Königreich: praktische Gerechtigkeit (V. 13–16)

„Habt aber Acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht vor den Menschen übt, um euch vor ihnen sehen zu lassen, sonst habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater, der in den Himmeln ist“ (Vers 1).

In den ersten 18 Versen dieses Kapitels wird uns die gottgemäße Aktivität von Jüngern gezeigt. Sie sollen praktisch gerecht leben. Von Gerechtigkeit war auch schon in Kapitel 5 die Rede. Auch dort ging es um praktische Gerechtigkeit, aber mehr als ein objektiver, absoluter Maßstab für das Handeln der Jünger. Wichtig für den Jünger ist jedoch nicht allein, was er tut, sondern auch, warum und wie er es tut. Somit sind seine Beweggründe und die Art und Weise seines Handelns entscheidend. Darüber erhalten wir Belehrungen in Kapitel 6.

Unsere Beweggründe sind für die Beurteilung unserer Aktivität durch unseren himmlischen Vater von größter Bedeutung. Kapitel 5 zeigte uns mehr den äußeren Rahmen, in dem sich ein Jünger bewegen soll. Kapitel 6 betont die Blickrichtung des Jüngers: Nur dann, wenn wir etwas mit einem Motiv tun, das unserem Vater im Himmel gefallen kann, ist es gut. Diese Einschränkung ist nicht negativ und bedeutet keine gesetzliche Enge. Sie kommt einfach daher, dass ein treuer Jünger ohnehin nur das tun möchte, was seinem Meister und was dem himmlischen Vater gefällt. Und das will er mit den richtigen Motiven verwirklichen. Insofern geht Kapitel 6 weiter als Kapitel 5 – es enthält einen noch erhabeneren Grundsatz. Hier haben es Jünger direkt mit dem Vater zu tun, der im Verbogenen sieht und unsere Herzen beurteilt.

Unser Vater ist ein Gott der Gerechtigkeit. Er übt Gerechtigkeit, Er sieht Gerechtigkeit, Er belohnt Gerechtigkeit. Alles in diesem Kapitel ist von dieser Gerechtigkeit geprägt. Es ist besonders die von Gott bewirkte Gerechtigkeit im Inneren des Jüngers, die hier betont wird. Diese Gerechtigkeit äußert sich allerdings in konkreten Taten.

Die Jünger werden in diesem Vers daher aufgefordert, ihre praktische Gerechtigkeit nicht auszuüben, um Menschen zu beeindrucken. Entscheidend ist nicht, was die Menschen sagen, sondern wie Gott unser Handeln beurteilt. Den Menschen können wir etwas vormachen, unserem himmlischen Vater aber nicht. Daher sollten wir uns an Ihm und seinem Wort orientieren.

Zwar fällt es uns leichter, auf Menschen und ihre Reaktion zu sehen, weil wir dabei unmittelbar eine Antwort auf unser Tun bekommen. Die wesentliche Beurteilungsinstanz ist jedoch unser himmlischer Vater. Er und Er allein spricht das Urteil über unser Handeln. Es spricht von Kurzsichtigkeit, auf das Lob von Menschen zu achten, denn diese können unsere Motive oft überhaupt nicht erkennen. Sie reagieren auf unsere äußere Erscheinungsweise und die Taten, die sie sehen. In unser Herz können sie nicht schauen.

Bei allem, was wir tun, muss unsere eigene Person in den Hintergrund treten. Weil uns das naturgemäß schwerfällt und wir zu wenig an unseren Vater im Himmel denken, sind die Ermahnungen in diesem Kapitel immer wieder nötig. Lassen wir uns warnen, die Ehre und das Ansehen bei Menschen (Gläubigen) mehr zu lieben als die Ehre bei Gott (vgl. Joh 12,43). Wirklichen Lohn empfangen wir nur, wenn unser Tun ganz für Gott war. Und Er beurteilt nicht in erster Linie das äußerliche Verhalten, sondern vor allem, ob wir uns durch den Beweggrund des Gehorsams und der Liebe zu Ihm leiten lassen.

Praktische Gerechtigkeit

Wenn wir von praktischer Gerechtigkeit sprechen, dann sei noch einmal gesagt, dass sie sich unterscheidet von der grundsätzlichen Gerechtigkeit, die wir vor Gott besitzen. Diese betrifft unsere christliche Stellung. Wir sind Gerechte geworden durch das vollbrachte Werk des Herrn Jesus am Kreuz von Golgatha: „Durch den Gehorsam des Einen werden die vielen in die Stellung von Gerechten gesetzt werden“ (Röm 5,19). Nach Römer 3,26 handelt Gott gerecht, wenn Er „den rechtfertigt, der des Glaubens an Jesus ist.“ Aber das ist nicht das Thema von Matthäus 6. Hier geht es darum, dass Jünger praktisch gerecht leben, also in Übereinstimmung mit den göttlichen Gedanken, wie sie ihnen offenbart worden sind. Das praktische Leben soll damit in Übereinstimmung sein.

Der Herr nimmt in diesem Abschnitt Bezug auf das, was Er auch in Kapitel 5,20 gesagt hat: „Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten nicht bei weitem übersteigt, werdet ihr nicht in das Königreich der Himmel eingehen.“ Auch dort ging es nicht um eine stellungsmäßige Gerechtigkeit. Diese besitzt man nicht mehr oder weniger, sondern man hat sie – oder man hat sie eben nicht. Wenn es jedoch um unser praktisches Handeln geht, gibt es Abstufungen.

Wer in erster Linie deshalb aktiv wird, weil er Menschen beeindrucken will, der verwirklicht diese praktische Gerechtigkeit nicht. So jemand sollte wissen, dass ihm die Bewunderung vonseiten der Menschen als Lohn angerechnet wird. Von Gott kann er keine weitere Belohnung erwarten. Der Jünger ist entweder auf den echten Lohn im Himmel bedacht oder er sucht Anerkennung bei den Menschen. Wenn Letzteres der Fall ist, wird er himmlischen Lohn nicht mehr erhalten.

Der himmlische Vater

An dieser Stelle sei noch einmal darauf hingewiesen, dass der Ausdruck „der Vater, der in den Himmeln ist“ eine gewisse Distanz vermittelt, die einem Gläubigen der christlichen Epoche etwas fremd erscheint. Zwar hat sich die Tatsache als solche nicht geändert – unser Vater ist in den Himmeln. Doch wird Er in den Briefen des Neuen Testaments, die unsere christliche Stellung beschreiben, nie so genannt. Unsere Beziehung zum Vater ist die unseres Herrn Jesus Christus. Sein Gott ist unser Gott, sein Vater ist unser Vater (vgl. Joh 20,17). Eine solche Nähe war den Jüngern damals noch unbekannt. Uns dagegen wird gesagt, dass unsere Herkunft, Stellung und Zukunft himmlischer Natur bei dem Vater sind. Der Apostel Paulus lehrt uns, dass Gott „uns hat mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christus Jesus“ (Eph 2,6). Unser Gott und Vater ist der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er ist im Himmel – wir auch, in Christus Jesus. Denn als Erlöste haben wir ein himmlisches Wesen und Leben geschenkt bekommen. Das war für die Jünger zu der Zeit Jesu anders.

Es fällt auf, dass der „Vater“ in diesen ersten 18 Versen, wo die Tätigkeiten der Jünger im Königreich beschrieben werden, zehnmal erwähnt wird (im ganzen Kapitel zwölfmal). Zehn ist die Zahl der menschlichen Verantwortung, wie man zum Beispiel daran erkennen kann, dass Gott seinem irdischen Volk Israel Zehn Gebote gegeben hat. Das unterstreicht noch einmal, dass wir alles, was wir tun, in Verantwortung vor unserem himmlischen Vater tun sollen. Er ist der Maßstab, das Motiv und der Belohner unseres Handelns. Ihn sollen wir in allem, was wir tun, vor Augen haben, um Ihn zu verherrlichen. Zugleich drückt der Name „Vater“ eine ganz persönliche Beziehung des Jüngers zu Gott aus, eine Beziehung wie zu einem Vater. Das ist ein wichtiger Grundsatz dieser Bergpredigt.

In den Versen 2 bis 18 wird uns nun die praktische Gerechtigkeit in dreierlei Hinsicht vorgestellt:

  1. gegenüber unseren Mitmenschen: Wohltätigkeit üben (Almosen geben).
  2. gegenüber Gott: Gebet
  3. gegenüber uns selbst: Fasten

In allen drei Fällen finden wir einen ähnlichen Aufbau der Belehrungen des Herrn:

  1. Zuerst zeigt der Herr jeweils, wie sich wahre Jünger nicht verhalten sollen. Sie sollen in den verschiedenen Aktivitäten nicht so handeln wie die Pharisäer, die für und vor Menschen schauspielern.
  2. Dann belehrt der Herr, wie man sich stattdessen verhalten soll. In allen drei Fällen heißt es hier: „Du aber“, was verdeutlich, dass es sich um Anweisungen an jeden Jünger persönlich handelt.
  3. Abschließend spricht der Herr von dem Lohn des Vaters: „Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“.

Es fällt auf, dass der Herr bei seinen Belehrungen über das Gebet – also im mittleren Teil – einen Anhang an diese Belehrungen anschließt. In den Versen 7–15 gibt Er positive Anweisungen über das Gebet. Das zeigt, dass Gott dem Gebet einen besonderen Wert beimisst.

Man hat zudem den Eindruck, dass der Herr beim Gebet nicht nur an das persönliche Gebet denkt, sondern darüber hinaus seine Belehrungen auch auf gemeinschaftliche Aktivitäten ausweitet. Während Er in den beiden anderen Aspekten der praktischen Gerechtigkeit (Wohltätigkeit und Fasten) nach einer grundsätzlichen Einleitung (6,1: „ihr“; 6,16: „ihr“ Jünger) persönlich wird und bleibt (6,2 – 4: „du“; 6,17.18: „du“), kehrt Er bei dem Gebet ab Vers 7 wieder zu dem „ihr“ zurück. Bis Vers 15 bleibt Er bei diesen Belehrungen an seine gesamte Jüngerschaft.

Verse 2–4: Praktische Gerechtigkeit gegenüber anderen Menschen: Wohltätigkeit

„Wenn du nun Wohltätigkeit übst, sollst du nicht vor dir herposaunen lassen, wie die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, damit sie von den Menschen geehrt werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wenn du Wohltätigkeit übst, so lass deine Linke nicht wissen, was deine Rechte tut; damit deine Wohltätigkeit im Verborgenen bleibt; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“ (Verse 2–4).

Die erste Art praktischer Gerechtigkeit, über die der Herr hier spricht, ist also das Ausüben von Wohltätigkeit bzw. das Geben von Almosen. Bemerkenswert ist hier die Verbindung von Gerechtigkeit (Vers 1) und Barmherzigkeit (V. 2–4). Es handelt sich nicht um Gegensätze, sondern beides gehört bei Gott zusammen. Rabbiner wie der bekannte Hillel haben schon in der Zeit vor Christus ein vom Gerechtigkeits-Begriff (zädäq) abgeleitetes Wort (zedaqa) für Almosen und Wohltätigkeit verwendet. Auch in dem alttestamentlich apokryphen Buch Jesus Sirach (7,10; vielleicht aus dem 2. Jahrhundert vor Christus) gibt es eine entsprechende Verwendung dieses Begriffs. Offenbar hat der Herr Jesus diesen Begriff hier übernommen. Wahrscheinlich versteht der orthodoxe Jude unter dem Stichwort „Gerechtigkeit“ grundsätzlich eine Handlung und hier oft das Geben von Almosen. Schon zum zweiten Mal betont der Meister in diesen Versen, dass die Jünger Gerechtigkeit bzw. Wohltätigkeit nicht vor den Augen der Menschen ausüben sollen (Verse 1 und 2).

In unserer heutigen Gesellschaft wird viel von sozialen, karitativen und kirchlichen Spenden gesprochen. Ein wichtiger Grundsatz, der sich dazu in der Öffentlichkeit festgesetzt hat, lautet: „Tu Gutes und rede darüber!“ Der Herr Jesus lehrt uns hier das Gegenteil. Wir sollen eben nicht vor uns her posaunen, wenn wir einem anderen Menschen, der es nötig hat, Geld oder Lebensmittel oder sonstige Unterstützung schenken.

Heuchler

Es gab Menschen, die, noch bevor sie die Hand zum Spenden öffneten, dies laut verkündigten. Christus nennt sie „Heuchler“. Warum sind solche Menschen Heuchler? Die Antwort liegt darin, was Wohltätigkeit üben eigentlich bedeutet: Man hilft einem oder mehreren Menschen, damit es ihnen besser geht. Man hat ihre Bedürfnisse auf dem Herzen, nicht die eigenen. Wohltätigkeit üben ist daher das Gegenteil von Egoismus.

Wenn ich jedoch meine Taten vor mir her posaune, dann tue ich nichts anderes, als mich selbst in den Augen der Menschen groß zu machen. Ich bringe diejenigen, die ich unterstütze, in ein Abhängigkeitsverhältnis zu mir, jedenfalls dann, wenn die Empfänger der Spende und der Spender voneinander wissen.1 Jeder weiß jetzt, dass ich sie unterstützt habe. Damit fühlen sie innerlich eine Verpflichtung mir gegenüber. Das aber will der Herr vermeiden! Wohltätig sein heißt, sich um das Wohl eines anderen zu kümmern. Vor sich her posaunen heißt dagegen, sich Ansehen zu verschaffen. Heuchelei bedeutet also in diesem Fall Eigenliebe unter dem Deckmantel der Nächstenliebe.

Dazu ein Beispiel aus unserer heutigen Zeit: Vor einiger Zeit wurde eine Aktion reicher Menschen gestartet, die Hälfte ihres Vermögens für gute Zwecke zu spenden. In dieser Verbindung wurden die Namen der Wohltäter in der Presse herumgereicht. Das ist letztlich nicht ohne Eigenliebe gewesen. Es ist ein Kennzeichen des menschlichen Herzens, dass es die schönsten und besten Dinge, die Gott gibt, dazu verwendet, sich selbst zu ehren. Die größte Gabe Gottes – hier: die Möglichkeit, Gutes zu tun –, die wir mit Dankbarkeit annehmen sollten, kann dazu missbraucht werden, das egoistische Herz zu befriedigen.

Es fällt auf, dass die Heuchler in den ersten 18 Versen mehrfach erwähnt werden, ohne dass der Herr Jesus eine bestimmte Personengruppe nennt. Allerdings fielen die Pharisäer und Schriftgelehrte besonders oft durch die schlechte Eigenschaft der Heuchelei auf. Siebenmal wird in den Evangelien der Ausdruck „Heuchler“ direkt mit diesen beiden Gruppen verbunden (Mt 23,13.15.23.25.27.29; Mk 7,6). Es gibt keinen Zweifel, dass sich der Herr Jesus auch dieses Mal auf sie bezieht. Doch bleibt der Herr sehr allgemein, damit niemand, der mit diesen falschen Beweggründen handelt, sich selbst ausschließen kann. Tatsächlich betrifft es alle Menschen; wir alle stehen in Gefahr, uns heuchlerisch zu benehmen.

Religion ohne Herz

Wir erkennen aus diesen Versen (und auch aus dem gesamten Abschnitt bis Vers 18), dass der Glaube an Gott für viele Juden zu einer rein äußerlichen Angelegenheit geworden war. Sie erfüllten äußerlich bestimmte Normen, ihr Herz jedoch war weit von Gott entfernt. Vielleicht geschah diese äußerliche Erfüllung aufgrund der vielen von den Juden zusätzlich zum Gesetz aufgestellten Vorschriften. Auf deren Beachtung wurde sehr viel Wert gelegt, und diese drückten sich größtenteils nur in äußeren Verhaltensweisen aus. Auf jeden Fall sucht unser himmlischer Vater nie das Äußere (allein), sondern immer zuerst das Herz!

Offenbar gab es damals viele, die so dreist waren, sogar die Synagogen für diese egoistische Handlung zu missbrauchen. Sie ließen ihren Namen in den Synagogen ausrufen und kündigten an, dass sie an diesem und jenem Tag an dem und dem Ort stehen würden. Alle, die bedürftig wären, sollten dann zu ihnen kommen. Jeder in der Synagoge wusste: Hier ist ein mildtätiger Mensch, der anderen großmütig Geld und sonstige Güter schenkt. Der Empfangende war dem Geber damit zeit seines Lebens zu Dank verpflichtet.

Andere stellten sich vermutlich in Verbindung mit einer Veranstaltung in den Synagogen auf die Gassen – wahrscheinlich die kleinen Straßen, in denen die Armen wohnten. Hier konnten sie ihre scheinbar edle Haltung zur Schau stellen und von den Menschen geehrt werden. Das war eine große Show-Veranstaltung und zeigte nichts anderes als ihre Selbstgerechtigkeit. Wie schon gesagt macht der Herr hier deutlich, dass sie damit ihre „Belohnung“ bereits erhalten hatten. Wer den Lohn bei Menschen sucht, braucht ihn nicht mehr bei dem himmlischen Vater zu suchen. Jemand hat einmal die Frage gestellt, wie viele Almosen und Wohltätigkeit es wohl heute gäbe, wenn alles derart im Verborgenen geschähe, dass niemand etwas davon erführe.

Verse 3.4: Verschwiegenheit – Demut

In den Versen 3 und 4 lernen wir vier wichtige Lektionen. Sie betreffen das Ausüben von Wohltätigkeit und auch allgemein die Hingabe an unseren himmlischen Vater:

  1. Es besteht kein Anlass, sich auf Gutes tun etwas einzubilden. Der Herr macht deutlich, dass man sozusagen selbst nichts vom eigenen Tun für den Herrn wissen sollte. Das ist natürlich menschlich unmöglich. Wenn ich etwas für einen anderen Menschen gegeben habe, weiß ich es. Aber der Herr macht uns deutlich: Nicht einmal meine Linke soll wissen, was die Rechte tut.
    Hier steht nicht: Mein linker Nachbar soll nicht wissen, was meine Rechte tut. Damit würde der Herr nur wiederholen, was Er schon gesagt hat, nämlich dass man nicht vor sich her posaunen lassen soll. Nein, Er sagt, dass nicht einmal meine linke Hand wissen soll, was die rechte gegeben hat. Er will damit sagen, dass wir nicht nur nicht darüber reden sollen, sondern auch nicht weiter daran denken sollen. Wie leicht kreisen unsere Gedanken ständig um das, was wir so alles an Gutem getan haben. Wie leicht sind wir geneigt, uns selbst etwas darauf einzubilden. Und vielleicht hätten wir auch gar nichts dagegen, wenn es andere erfahren würden. Wir vergessen dann, dass alles das, was wir geben, ohnehin nicht uns selbst gehört, sondern unserem Schöpfer. Wenn Er uns etwas anvertraut hat, dann war es seine Weisheit, die dies getan hat. Aber es ist uns nur anvertraut und könnte uns morgen wieder genommen werden.
    Also gibt es keinen Anlass zu meinen: „Ich habe aber eine gute Tat vollbracht!“ Wie sagt der Herr einmal seinen Dienern: „So auch ihr, wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren“ (Lk 17,10). In dieser Haltung sollen wir Almosen geben: Wir haben das getan, was wir unserem Herrn ohnehin schulden. Darauf, eine Schuld beglichen zu haben, braucht man sich wirklich nichts einzubilden. Paulus motiviert uns zudem: „Einen fröhlichen Geber liebt Gott“ (2. Kor 9,6). Ein solcher sucht keine Ehre für das, was er getan hat.
  2. Wir sollen alles daran setzen, dass auch andere nicht von unserem Tun sprechen. Unsere Wohltätigkeit soll im Verborgenen bleiben. Wenn wir davon nichts mitteilen, können es andere nur über den erfahren, dem die Wohltat galt. Diesen könnten wir nun bitten, nicht darüber zu sprechen, wenn er weiß, wer ihm geholfen hat. Man muss ja nicht nur an materielle Hilfe (Geld) denken. Wohltätigkeit ist auch, wenn jemand zum Beispiel einer Familie in äußerlichen Dingen (Wäsche, Versorgung der Kinder, Wohnung, Garten) hilft.
    So können wir Nachfolger unseres Meisters werden. Immer wieder lesen wir davon, dass Er nach dem Vollbringen eines Wunders gebot, nichts davon in die Öffentlichkeit zu bringen: „Und er gebot ihnen dringend, dass niemand dies erfahren solle“ (Mk 5,43). Wir vollbringen keine Wunder. Umso wichtiger, dass wir darauf achten, dass das Wenige, das wir durch seine Gnade zu tun in der Lage sind, im Verborgenen bleibt.
  3. Ein Jünger des Herrn darf auf den Lohn schauen: „und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“. Aber er soll den Lohn zur richtigen Zeit erwarten: am Richterstuhl des Christus (vgl. 1. Kor 4,5). Er soll den Lohn von dem Richtigen erhalten: vom Vater! Wir dürfen uns bewusst sein, dass der Vater im Verborgenen sieht. Das, was den Augen der Menschen verschlossen bleibt, wird vom Vater gesehen.
    Seine Wertschätzung liegt besonders auf dem, was im Verborgenen geschieht. Das tut man nicht für die eigene Ehre und um von anderen geehrt zu werden, sondern aus Liebe zu dem Bedürftigen. Motiv sollte auch die Liebe zum Vater im Himmel sein, den man ehren möchte. An seiner Belohnung sollte uns gelegen sein, denn Er schenkt einen bleibenden Lohn. Jeder Lohn von Menschen ist schnell verbraucht und reicht nicht weit. Zudem verhindert er – wie wir gesehen haben –, dass man Lohn von oben bekommt.
  4. Das Geben ist für den Jünger Jesu nicht einfach eine Pflicht, sondern entspringt der Liebe des Vaters. Gott liebt es zu geben. Weil wir seine Natur haben, geben auch wir gerne weiter. Wer selbst Verzicht üben lernt, wird neue Quellen des Segens erleben.

Geben in der Praxis

Abschließend sei noch kurz angemerkt, dass man auch das Geben für Diener des Herrn möglichst im Verborgenen vornimmt. Allerdings wird diese „Unterstützung“ nicht Wohltätigkeit genannt, weil sie für uns Christen eine moralische Pflicht darstellt (vgl. Gal 6,6; 1. Kor 9,14). Am besten ist es sogar, dass nicht einmal der, dem die Wohltat gilt, von dem Absender etwas weiß. Wenn man jemand persönlich Geld gibt, so kann es sein, dass man ihn in die Situation bringt, sich dem Geber gegenüber verpflichtet zu fühlen. Möglicherweise lässt er dann in Gegenwart des Gebers eine gewisse Vorsicht walten und vermeidet es, vielleicht notwendige Ermahnungen auszusprechen.

Am besten also weiß der Empfänger nicht, von wem er etwas erhalten hat (auch wenn sich dies vielleicht manchmal nicht vermeiden lässt). So kann er dem Herrn dafür danken, fühlt sich nur Ihm gegenüber „verpflichtet“ und muss nicht auf Menschen schauen. Der Geber selbst bleibt im Verborgenen und erhält seinen Lohn vom Vater, der im Verborgenen sieht. Das ist der höchste Lohn, den es gibt!

Hilfe in materieller Not war zur Zeit Jesu, als es noch keine Krankenversicherung und keine Sozialsysteme gab, eine absolut notwendige Sache. Das gibt es in diesem Maß heute nicht mehr. Dennoch muss man nur die Augen und Herzen öffnen, um materielle Nöte und Bedürfnisse zu sehen. Diese gibt es in unserer postmodernen Gesellschaft auch heute noch.

Verse 5–15: Praktische Gerechtigkeit gegenüber Gott: das Gebet

In den folgenden elf Versen geht es um den Kernpunkt praktischer Gerechtigkeit. Schon beim Üben von Wohltätigkeit haben wir gesehen, dass das richtige Motiv entscheidend ist: Liebe zu unserem Vater und zum Nächsten. Wir können nur dann praktisch gerecht leben, wenn wir unser Leben vor dem Angesicht Gottes führen. Dieser Grundsatz wird in den nun folgenden Versen auch in unserem Gebetsleben deutlich.

Das Gebet ist mit dem Atmen der Seele verglichen worden. Im Gebet wenden wir uns an Gott, unseren Vater und haben Gemeinschaft mit Ihm. Daher sollen wir uns von niemand anderem als von Ihm selbst darin leiten lassen. Wenn Er vor unseren Herzensaugen steht, werden wir gerecht handeln und dann wird das Gebet nicht zu einer Form und erst recht nicht zu einer Schau. Was für eine Heuchelei, wenn man in einem Gebet Worte äußerlich an Gott richtet, deren Beweggrund ist, dass sie von anderen Menschen gehört werden! Das gab es nicht nur bei den Pharisäern damals. Heuchelei steckt auch in unseren Herzen.

Wie schon in der Einleitung zu den ersten 18 Versen bemerkt, gibt der Herr nun ab Vers 7 zusätzliche grundlegende Belehrungen über das Gebet. Damit unterstreicht Er die Bedeutung der Abhängigkeit eines Jüngers von seinem himmlischen Vater. Er wünscht, dass wir uns dessen mehr bewusst und entsprechend Beter sind. Dabei führt Er auch das sogenannte „Vaterunser“ ein. Damit aber niemand auf die Idee kommt, dieses einfach nachzuplappern, fügt Er unmittelbar und ohne weiteren Übergang eine zusätzliche Erklärung an. Der Inhalt der Verse 5–15 lässt sich wie folgt strukturieren:

  • Verse 5.6: Warnung vor Heuchelei beim Beten
  • Verse 7.8: Warnung vor Plappern beim Beten
  • Verse 9–13: Mustergebet „Vaterunser“
  • Verse 14.15: Vergebungsbereitschaft

Verse 5.6: Warnung vor Heuchelei beim Beten

„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler; denn sie lieben es, in den Synagogen und an den Ecken der Straßen stehend zu beten, um sich den Menschen zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wenn du betest, so geh in deine Kammer, und nachdem du deine Tür geschlossen hast, bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist, und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“ (Verse 5.6).

In diesem ersten Teil über das Gebet warnt der Herr davor, das Gebet als Instrument zu benutzen, um andere zu beeindrucken:

  1. Zunächst erkennen wir, dass das persönliche Gebet gemeint ist (Vers 6) – bei einem öffentlichen Gebet können wir nicht in unsere Kammer gehen.
  2. Darüber hinaus können wir diesen Versen jedoch nicht entnehmen, dass der Herr das öffentliche2 Gebet verbietet. In Kapitel 18,19 steht ja gerade, dass mit dem gemeinsamen, öffentlichen Gebet besondere Verheißungen verbunden sind.
  3. Das dreimalige „Du aber“ in den Versen 3,6 und 17 zeigt, dass es auf ein ganz persönliches Verhalten ankommt. Es liegt an jedem von uns persönlich, sich so zu verhalten, dass der Herr sein Ja und seinen Lohn geben kann.
  4. Der Herr zeigt uns, dass wir nicht versuchen sollten, uns in einem Gebet an andere zu richten. Im Gebet sprechen wir zu Gott, unserem Vater, oder zum Herrn Jesus. Er ist Adressat unserer Bitten und Danksagungen. Wann immer wir meinen, mit dem Gebet eine Botschaft an andere – an unsere Kinder beim Gebet in der Familie, an Gläubige in einem öffentlich gesprochenen Gebet – verbinden zu müssen, haben wir das falsche Instrument gewählt. Dann würden wir wie die Pharisäer vor den Menschen beten.
  5. Für das persönliche Gebet hat der Herr Jesus einen passenden Ort: die Kammer3 mit einer verschlossenen Tür. Dadurch vermeidet man das Zur-Schau-Stellen des Gebets.
  6. Das Gebet ist Teil des vertrauten Umgangs zwischen dem Vater im Himmel und dem Gläubigen: „Denn der Verkehrte ist dem Herrn ein Gräuel, aber sein Geheimnis ist bei den Aufrichtigen [eigentlich: sein vertrauter Umgang ist mit den Aufrichtigen]“ (Spr 3,32). Gott liebt das vertraute „Gespräch“ mit dem Gläubigen. Wir haben es auch immer wieder nötig, und zwar außerhalb des geschäftigen Treibens des Alltags.
    Das Gebet bietet uns Menschen die Möglichkeit, wichtige Fragen und Bedürfnisse persönlich mit Gott zu besprechen und Ihm vorzulegen. Damit ist es eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen uns und unserem Vater im Himmel. Wer in die Öffentlichkeit geht, um seine Gebetsfertigkeit vor anderen zu zeigen, hat ein ganz anderes Ziel, einen ganz anderen Beweggrund: Er möchte von Menschen bewundert werden. Er ist ein Heuchler, der seine Vertrautheit mit Gott prahlerisch vor anderen zeigen möchte. Das steht im Widerspruch zu dem eigentlichen Sinn und Zweck eines Gebets. Darin bittet man um seine Hilfe, um seinen Segen, um seine Barmherzigkeit. Das macht uns ganz klein vor uns selbst und auch vor anderen. Wer daher versucht, seine persönlichen Gebete in die Öffentlichkeit zu bringen, hat letztlich gar keinen vertrauten Umgang mit Gott – denn dieser führt in die Stille.
  7. Damit sagt der Herr Jesus nicht, dass wir nicht auch an Orten ein persönliches Gebet sprechen können, wo wir nicht allein sind. Er selbst hat das getan (vgl. Lk 9,18). Am Steuer des Autos, am Arbeitsplatz in einer schwierigen Situation, usw. gibt es keine Barriere vonseiten Gottes, dass wir nicht auch beten könnten. Wir können überall und zu jeder Zeit beten. Das gilt auch für ein öffentliches Restaurant, wo man persönlich oder zusammen mit anderen Gläubigen einkehrt. Es ist hier angebracht, Gott, unserem Vater, aus dessen Hand wir jede Mahlzeit annehmen, dafür zu danken. So können wir ein öffentliches Zeugnis unseres Glaubens ablegen („Salz der Erde“). Die einzige Barriere soll für uns sein, nicht als Betende, also als fromm Tuende, in der Öffentlichkeit erscheinen zu wollen. Das heißt, wir sollten nie einen Eindruck von Frömmigkeit erwecken wollen, um Anerkennung zu erhalten. In dieser Hinsicht bringt uns ein falsches Motiv sicher zu einer falschen Ortswahl.
  8. Es ist erstaunlich: Sogar für das Gebet gibt es Lohn. Dabei ist das Gebet das Eingeständnis, dass wir Gott, unseren Vater, für alles hier auf der Erde brauchen. Ohne Ihn können wir keinen Schritt tun. Aber allein schon dieses Bewusstsein schätzt unser Vater und belohnt es. Wem aber daran liegt, dass Menschen sein Gebetsleben bewundern, dem ist mit dieser Bewunderung genug geschenkt worden.
    Worin liegt nun der Lohn? Es könnte sein, dass ein Teil dieses Lohns gerade die Erhörung des Gebets ist. Dann wiederum wäre die Belohnung nicht mehr erstaunlich, denn wer im Glauben zu Gott betet, erwartet, dass Er zu seiner Zeit und in seiner Weise dieses Gebet erhört.
  9. Der Herr Jesus empfiehlt seinen Jüngern, zum Vater zu beten. Das setzt eine Beziehung zu Ihm voraus. Jeder Gläubige hat diese Beziehung, weil uns das Werk des Herrn Jesus zum Vater gebracht hat. Ob wir wohl dieses Gebet zum Vater kennen? Wir sind in eine viel nähere Beziehung zum Vater gebracht worden, als es die Jünger damals kannten. Doch gibt es viele Christen, die das Gebet zum Vater nicht kennen.
  10. Das Geheimnis des Glaubenslebens liegt nie in der Öffentlichkeit, sondern immer im Verborgenen. Geht es um das Üben von Wohltätigkeit, um das Gebet oder um das Fasten: Immer muss der verborgene Umgang mit dem, der im Verborgenen ist und im Verborgenen sieht, stimmen. Dann entspricht auch unser Leben und Verhalten in der Öffentlichkeit diesem vertrauten Umgang mit Ihm.

Verse 7.8: Warnung vor Plappern beim Beten

„Wenn ihr aber betet, sollt ihr nicht plappern wie die von den Nationen; denn sie meinen, um ihres vielen Redens willen erhört zu werden. Seid ihnen nun nicht gleich; denn euer Vater weiß, was ihr nötig habt, ehe ihr ihn bittet“ (Verse 7.8).

Ab Vers 7 finden wir nun positive Belehrungen über das Gebet. Die Tatsache, dass der Herr Jesus nun von „ihr“ spricht, weitet den Blick auf das Gebet. Es scheint jetzt nicht mehr nur um das persönliche Gebet zu gehen, sondern auch um das öffentliche und gemeinsame Gebet mehrerer Personen. Zudem spricht der Herr eine weitere Gefahr für das Beten an.

Zunächst reagiert der Herr auf eine falsche Vorstellung im Blick auf das Gebet. Viele meinten und meinen, dass allein die Tatsache, dass wir im Gebet zu Gott kommen, Ihn zu einer Antwort auf unser Gebet veranlassen müsste. Das klingt aus dem siebten Vers heraus. Wer sich und seine Gebete ein bisschen kennt, weiß, dass eine Erhörung des Gebets bestimmt nicht an uns selbst oder unserer Ausdrucksweise liegen kann. Wir sind so schwach und unsere Gebete oft so erbärmlich. Wir werden auch nicht deshalb erhört, weil wir so viel und lange reden können. Das gilt auch für ein Gebet, bei dem wir „gebetsmühlenartig“ ständig einzelne Ausdrücke oder Phrasen wiederholen, ohne dass das Herz dahinter steht (plappern).
Es ist manches Mal gesagt worden, dass wir uns in der Öffentlichkeit kurz fassen sollen, im persönlichen Gebet aber so lange beten können, wie wir wollen. Das ist richtig. Nur sollten wir nicht meinen, dass ein Gebet mit vielen Worten geistlicher ist als eines mit wenigen. Ein kurzes, ernstliches Gebet ist Gott immer wertvoll. Letztlich geht es um die innere Haltung, die Beweggründe. Diese sieht Gott und beantwortet sie.

Allerdings meinen diese Verse auch nicht, dass wir eine Bitte nicht wiederholen dürften. Der Herr selbst zeigt in Gethsemane das Gegenteil (vgl. Mt 26,44). Auch von Paulus lesen wir, dass er in einer Angelegenheit dreimal zum Herrn flehte (vgl. 2. Kor 12,8). Die Antwort des Herrn war nicht: Du sollst nicht dreimal beten. Sondern: „Meine Gnade genügt dir.“ In Römer 12,12 lesen wir: „Im Gebet haltet an.“
Wir können viel von Kindern lernen! In was für einer Direktheit und Kürze kommen Kinder zu ihren Eltern, um etwas von ihnen zu erbitten. Warum ahmen wir das nicht nach? Der Vater hat unsere Vorträge nicht nötig!

Auf der anderen Seite möchte der Herr Jesus auch nicht, dass wir angesichts der Tatsache, dass der Vater alles weiß, nicht beten. Natürlich – wir sollen in Ehrfurcht vor Ihm sein: „Sei nicht vorschnell mit deinem Mund, und dein Herz eile nicht, ein Wort vor Gott hervorzubringen; denn Gott ist im Himmel, und du bist auf der Erde: Darum seien deiner Worte wenige“ (Pred 5,1).
Aber Gott sucht unser Gebet. Er ist unser Vater, der möchte, dass wir Ihm unser Herz ausschütten. Dass Er unser Gebet wünscht, machen auch die Folgeverse sehr deutlich.

Zwei praktische Bemerkungen zu Gebeten

Aus diesen Anweisungen des Herrn über das persönliche Gebet möchte ich abschließend zwei Bemerkungen ableiten. Sie sind für die heutige Zeit von Bedeutung.

Es ist wichtig, dass Eltern ihren kleinen Kindern beibringen, wie gebetet wird. Kinder sollen auch zum regelmäßigen Gebet angeleitet werden. Wenn man ein Familiengebet praktiziert, bei dem jedes Familienmitglied laut betet, besteht allerdings die Gefahr, dass Kinder nur „für die Öffentlichkeit“ beten. Sie beten das, was von ihnen gehört werden soll. Dadurch werden sie leicht dahin geführt, für die Ohren der Menschen und nicht für und zu Gott zu beten. Es ist sicher weise, die Kinder bald dazu zu bringen, ein persönliches Gebetsleben mit dem Herrn zu führen.

Dann noch ein Wort zu den ständigen Wiederholungen. Der Herr spricht von den Nationen, die in ihren Gebeten plappern und viel reden. Die Nationen stehen als Synonym für solche Menschen, die keine Beziehung zu Gott haben. Sie meinen aber, in gesetzlicher Weise durch das Einhalten bestimmter Rituale die Gunst des Göttlichen erzielen zu können.

Das Plappern und unsinnige Wiederholungen erinnern uns an die „Gebetsmaschinen“ im Tibet. Dort gibt es oftmals Flaggen, auf denen Gebete aufgeschrieben sind und die vor die einzelnen Götter gestellt werden. In Europa gibt es viele Menschen, die den sogenannten Rosenkranz dauernd beten – das ist nichts anderes als das hier genannte Plappern. Aber auch im sogenannten evangelikalen Bereich, besonders in der charismatischen Richtung, gibt es Gebete und Lobpreislieder, die aus ständigen Wiederholungen bestehen. Man kann hier schon von Plappern sprechen. Leider haben diese Modeerscheinungen die Eigenart, sich weiter zu verbreiten. Denn das, was ständig wiederholt wird, braucht man nicht besonders zu lernen. So gibt es mehr und mehr Lieder, die vor allem durch ständige Wiederholungen auffallen. Der Herr Jesus warnt uns davor. Wir müssen uns ernsthaft fragen, wann wir uns von solchen Praktiken abwenden müssen.

Wiederholungen an und für sich sind nicht verkehrt. Die finden wir auch in der Bibel – man erinnere sich nur an Psalm 136. Aber dem Herrn Jesus geht es darum, dass die Gebete der Jünger echt sind. Deshalb sollen sie im Verborgenen und in inbrünstiger Weise gesprochen werden. Wer „echt“ ist, muss nicht lange Reden in Form von Plappern vor Gott halten – und das gilt auch für öffentliche Gebete.

Verse 9 –15: Das sogenannte „Vaterunser“

„Betet ihr nun so: Unser Vater, der du bist in den Himmeln, geheiligt werde dein Name; dein Reich komme; dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde. Unser nötiges Brot gib uns heute; und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben; und führe uns nicht in Versuchung, sondern errette uns von dem Bösen. – Denn wenn ihr den Menschen ihre Vergehungen vergebt, wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben; wenn ihr aber den Menschen ihre Vergehungen nicht vergebt, wird euer Vater auch eure Vergehungen nicht vergeben“ (Verse 9–15).

Dieses Gebet und diese Verse gehören zu dem, was aus der Bibel am bekanntesten überhaupt ist. In den großen orthodoxen, reformierten, usw. Kirchen wird dieses Gebet ständig rezitiert. Es gibt vermutlich keinen „Kirchenchristen“, der nicht in der Lage wäre, dieses Gebet aufzusagen.

Dennoch beten viele ernsthafte, praktizierende Christen dieses „Vaterunser“ nicht. Und das aus gutem Grund.

Die Bitte eines Gefangenen

Der empfehlenswerte Bibelausleger William Kelly (1820–1906) vergleicht die Stellung der Jünger zur Zeit des Alten Testaments mit der eines Gefangenen. Dieser wendet sich an seinen Herrscher und fleht um Gnade. Er wird einerseits die vollkommene Majestät anerkennen, gegen die er gesündigt hat. Andererseits bekennt er seine Sünden, aufgrund derer er ins Gefängnis gekommen ist. Das war der Zustand des Juden unter Gesetz. Er hatte gegen Gott und seine Anordnungen gesündigt und war hoffnungslos verloren. Er konnte sich nicht auf eine vollbrachte Erlösung beziehen – sie war noch nicht geschehen.

Der Zustand der Jünger war prinzipiell kein anderer. Natürlich hatten sie den Herrn selbst – Gott mit uns – in ihrer Mitte. Aber die Erlösung war noch nicht geschehen. In der Bergpredigt wird sie nicht einmal erwähnt. So war der Zustand der Jünger wie der, dem wir besonders in den Psalmen immer wieder begegnen:

  1. Hoffnung auf die Güte Gottes, den sie als barmherzig und gnädig kennengelernt hatten. Gott hatte auch verschiedene Verheißungen gegeben für diejenigen, die Ihn fürchten (siehe oben). „Nicht ein Mensch ist Gott, dass er lüge“ (4. Mo 23,19).
  2. Furcht, ob einem persönlich diese Gnade zugerechnet wird, denn die Erlösung war noch nicht vollbracht worden. Es war etwas, das gewünscht war, auf das man wartete. Aber es war noch keine Realität.

Diese Erfahrungen finden wir bei Hiob und vielen Psalmisten. Leider ist das die praktische Erfahrung auch mancher Christen heute, obwohl das Werk vollbracht worden ist, auf das sich jeder Christ stützen kann. „Also ist jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm 8,1). Das zeigt den gewaltigen Unterschied der heutigen Zeit zu der des Alten Testaments, die bis zum Kommen des Heiligen Geistes auf die Erde fortdauerte.

Um bei dem Vergleich zu bleiben: Es wäre absurd, wenn jemand, der aus dem Gefängnis entlassen worden ist, in derselben Weise zu dem Herrscher reden würde wie einer, der noch im Gefängnis sitzt. So ist unser Gebet heute ein gänzlich anderes als das „Vaterunser“. Denn wir kennen die Errettung in Christus.

Zusammenfassend kann man sagen: Wir befinden uns in einer ganz anderen Stellung als die Jünger. Als Christen der Gnadenzeit, die im Unterschied zu den Jüngern damals hinter dem Erlösungswerk und der Verherrlichung Christi stehen, können wir dennoch aus diesem Modell-Gebet lernen. Er gab es nicht nur seinen Jüngern. Er hat es für uns in das ewige Wort niederlegen lassen, auch wenn es sich in erster Linie auf die gläubigen Juden von damals und auf die gläubigen Übriggebliebenen der Juden zukünftiger Zeit bezieht.

Grundsätzliche Bemerkungen zum „Vaterunser“

Bevor wir uns das „Vaterunser“ im Einzelnen ansehen, stelle ich noch einige grundsätzliche Bemerkungen voran.

  1. Offensichtlich handelt es sich beim „Vaterunser“ um eine Art Modellgebet. Denn der Herr Jesus sagt: „Betet ihr nun so.“ Somit gibt der Herr Jesus seinen Jüngern ein Gebet an die Hand, das für sie eine gewisse Vorlage sein sollte.
  2. Wenn wir von einem Modell sprechen, heißt das aber nicht automatisch, dass die Jünger das Modell zu 100 % in jedem ihrer Gebete imitieren sollten. Wir finden nämlich im weiteren Verlauf des neuen Testaments kein einziges Beispiel, bei dem dieses Gebet gesprochen worden wäre. Es gibt viele Gebete in der Apostelgeschichte und in den Briefen, aber kein einziges nimmt auch nur annähernd die Bitten dieses Gebetes auf. Selbst im Matthäusevangelium oder in den anderen Evangelien, als das Sühnungswerk Christi noch nicht vollbracht war, wird dieses Gebet kein einziges Mal wieder aufgegriffen. Wir können natürlich nicht mit Bestimmtheit sagen, ob das Ereignis, das Lukas in seinem Evangelium in Kapitel 11,2–4 berichtet, dasselbe ist wie das in unserem Abschnitt beschriebene. Allerdings lassen die Belehrungen in Lukas 11,5 ff. darauf schließen, dass es sich um dieselbe Begebenheit handelt (vgl. Mt 7,7 ff.).
  3. Der Herr sagt den Jüngern auch nicht: „Betet nun mit diesen Worten“, sondern: „Betet nun so“, das heißt, auf diese Weise. C. H. Mackintosh hat einmal auf den Unterschied zwischen Beten und ein Gebet sagen hingewiesen; ein Punkt, der nachdenkenswert ist.
  4. Es ist manches Mal gefragt worden: Warum finden wir dann dieses Gebet in den Evangelien erwähnt, wenn wir es als Christen gar nicht beten (sollen)? Die Antwort ist: Es gibt viele Worte in den Evangelien, die der Herr Jesus gesprochen hat, die sich nicht auf die christliche Zeit beziehen. Sie sind daher auch für uns nicht anwendbar. Es kommt wohl zum Beispiel niemand auf die Idee, Matthäus 10,5: „Geht nicht auf einen Weg der Nationen, und geht nicht in eine Stadt der Samariter …“ auf uns anzuwenden. Und es gibt ähnliche Stellen. Der Herr bezieht sich in diesen Abschnitten auf die konkreten Bedürfnisse und Gegebenheiten der Jünger und der damaligen Zeit.
  5. Besonders stutzig wird man, wenn man die Parallelstelle im Lukasevangelium aufschlägt. Aus Lukas 11,1 kennen wir den konkreten Anlass dafür, dass der Herr seinen Jüngern dieses Gebet gab. „Und es geschah, als er an einem gewissen Ort war und betete, da sprach, als er aufhörte, einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte“. Die Jünger sahen also das Beispiel des Herrn, der betete. Sie sahen auch das Beispiel von Johannes dem Täufer, der seinen Jüngern Belehrungen über das Gebet gab.
    Auf die Bitte der Jünger gab der Meister ihnen ein Gebet. Aber in Lukas 11,2–4 sehen wir, dass der Herr deutlich weniger Bitten nennt als in Matthäus 6. Das legt nahe, dass Christus seinen Jüngern nicht gesagt hat: „Nehmt dieses Gebet und betet es genau in diesem Wortlaut jedes Mal, wenn Ihr betet!“ Denn welche Version dieses Gebets hätten sie sprechen sollen: das aus Matthäus 6 oder das aus Lukas 11? Wenn der Herr ein ganz bestimmtes Gebet immer wieder von den Jüngern gesprochen haben wollte, hätte Er sicherlich in beiden Fällen dasselbe Gebet aufzeichnen lassen.
  6. Hinzu kommt, dass das Gebet in Matthäus 6 ohne „richtigen Abschluss“ in eine Erklärung übergeht. Die Verse 14 und 15 erläutern eine der genannten Bitten. Sie zeigen, dass es dem Herrn um bestimmte Gebetsgrundsätze geht, nach denen sich die Jünger richten sollten, nicht jedoch um ein vorformuliertes Gebet.
  7. In Johannes 16,24 sagt der Herr Jesus ein sehr wichtiges Wort zu seinen Jüngern: „Bis jetzt habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, und ihr werdet empfangen, damit eure Freude völlig sei.“ Hier macht Er deutlich, dass es einen Wandel geben würde für die Jünger, nicht zuletzt auch in ihren Gebeten. Diese würden sich verändern. Bislang hatten die Jünger nichts im Namen des Herrn Jesus gebetet. Wenn Er aber gestorben und auferstanden wäre, sollten sie genau das tun. Ihre Gebete würden also von einer anderen Art sein.
    Ist nicht exakt das wahr geworden? Die Gebete, die wir von den Aposteln und von anderen in der Apostelgeschichte und in den Briefen lesen, haben einen anderen, einen geistlich höheren Charakter als das Gebet von Matthäus 6.
  8. In diesem Zusammenhang darf ich noch einmal an die Eingangsworte zur Bergpredigt erinnern. Auch wenn sich die Bergpredigt an uns Christen richtet, beinhaltet das Christentum noch geistlich höher stehende Teile der Wahrheit. Wer nur an dem Gedanken des Königreichs hängen bleibt, hat zwar einen wichtigen Teil der Wahrheit vor Herzen. Aber es gibt viele weitere Aspekte der Wahrheit, die weit erhabener sind. Sollten wir diese in unserem Gebetsleben einfach übergehen? In Johannes 16,13 lesen wir davon, dass das Kommen des Heiligen Geistes zu einem ganz anderen Verständnis der Wahrheit Gottes führen würde. Das war zu der Zeit, als Christus das „Vaterunser“ aussprach, noch nicht vorhanden: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten.“ Dazu gehört, dass man sich der praktischen Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn erfreut. Dann betet man in dem Bewusstsein, dass Gott, der Vater uns liebt. Da gibt es keinen Zweifel, keine Angst und auch keine Distanz vor Gott. Alles ist von der Atmosphäre der Liebe geprägt.
  9. Das „Vaterunser“ wird von vielen Menschen so oft aufgesagt, dass man sich fragt, ob sie es wirklich mit Sinn und bewusst beten. Es wird fast wie ein Segensspruch verwendet, der immer und für alles gültig sein und weiterhelfen soll. Das kennt man sonst nur von Amuletten (Maskottchen). In Matthäus 6,7 hatte der Herr Jesus aber gerade davor gewarnt, zu plappern und zu meinen, man würde um des vielen Redens willen erhört.
  10. Das „Vaterunser“ wird heute von vielen Menschen als gemeinsames Gebet verwendet. Gerade das kann es nicht sein, denn es ist hier Teil einer Belehrung, die im Wesentlichen die persönlichen Gebete des Jüngers behandelt. Erst recht ist es kein gemeinsames Gebet für Gläubige und Ungläubige, wie man es heute oft erlebt. „Unser Vater“ kann jemand nur in dem Bewusstsein sagen, dass er eine wirkliche Beziehung zu Gott, dem Vater, besitzt.
  11. Wenn es um die eigentliche Zielgruppe geht, dann wendet sich der Herr an Jünger, die zu den jüdischen Übriggebliebenen zählen. Sie sind (noch) keine Christen, sondern kennen Jesus als ihren Messias und Gott als ihren himmlischen Vater, während sie auf der Erde leben. Mit dem Kommen des Heiligen Geistes auf die Erde nach dem vollbrachten Werk des Herrn Jesus am Kreuz änderte sich die Stellung dieser Jünger. Jetzt waren sie Christen, himmlische Christen. Nach der Entrückung der Versammlung (Gemeinde, Kirche; 1. Thes 4,16.17) wird es auf dieser Erde wieder Jünger geben, die auf ihren Messias warten, damit dieser das Königreich auf der Erde aufrichtet. Auch für sie hat der Herr Jesus dieses Gebet aufzeichnen lassen.
  12. Aber auch wir Christen können von dem Gebet viel lernen. Wir werden das gleich im Detail sehen. Vorab schon der Hinweis, dass das Gebet Bitten enthält, die mit drei Aspekten der Offenbarung Gottes zu tun haben. Zunächst geht es um die Herrlichkeit Gottes, dann um seine Autorität, schließlich um seine Barmherzigkeit. Auch in unseren Gebeten dürfen wir diese Aspekte und diese Reihenfolge – zuerst Er, dann wir – bedenken.

Der Adressat des „Vaterunser“

Die Anrede dieses Gebetes lautet: „Unser Vater, der du bist in den Himmeln“. Wir finden sie im Übrigen fast ausschließlich im Matthäusevangelium.4 Diese Evangelium zeigt uns die Beziehung des Herrn und seiner Jünger zu den Verheißungen für Israel und die Juden, wie sie im Alten Testament zu finden sind.

Wir sehen hier nicht den Herrn der ganzen Erde (vgl. Ps 8,10; Sach 4,14) – das ist der Sohn des Menschen. Es handelt sich auch nicht um den Herrn der ganzen Erde, der das Volk trockenen Fußes durch den Jordan ins Land führte (vgl. Jos 3,11.13) – denn die Einführung in den Himmel oder die himmlischen Örter ist hier nicht das Thema. Der Herr spricht auch nicht vom Gott des Himmels, der in seiner souveränen Macht demjenigen Regierungsmacht gibt, wem Er will, wenn sein Volk vollkommen versagt hat (vgl. Dan 2,37.44). Die Jünger dürfen zu ihrem Vater beten, zu dem sie eine Beziehung haben.

Die sechs Bitten des „Vaterunser“

Die sechs oder sieben5 Bitten des „Vaterunser“ lassen sich in zwei Gruppen gliedern. Die erste Gruppe besteht aus den ersten drei Bitten, die sich auf die Herrlichkeit und Ehre Gottes, des Vaters, beziehen. Die nachfolgenden drei bzw. vier Bitten bilden die zweite Gruppe und behandeln die irdischen Bedürfnisse der Jünger sowie ihre persönlichen Umstände in dieser Welt. Man könnte – um das Thema des fünften Kapitels aufzugreifen – auch sagen: In der ersten Gruppe geht es um die Offenbarung der Natur Gottes; in der zweiten um die praktische Gerechtigkeit im Leben des Jüngers. In der ersten geht es um die Gerechtigkeit Gottes und in der zweiten Gruppe um das Üben von Gnade.

Kommen wir nun zu den einzelnen Bitten des „Vaterunser“:

  1. Geheiligt werde dein Name: An erster Stelle steht für den Jünger die Herrlichkeit des Vaters selbst. Ihm ist wichtig, dass der Name – also die Person – des Vaters nicht mit Unreinheit und Ungerechtigkeit in Verbindung gebracht wird. Es geht darum, dass der Name Gottes auf der Erde geheiligt wird. So ist es die Bitte des Jüngers, dass unheilige Grundsätze in der Welt aufgehalten werden. Der Jünger ist sich seiner Beziehung zum Vater im Himmel bewusst. Daher spricht er Ihn als Vater an. Es geht ihm deshalb auch darum, dass in seinem eigenen persönlichen, praktischen Leben nichts vorkommt, das zur Heiligkeit Gottes im Widerspruch steht. Er bittet in diesem Sinn um Kraft und Hilfe, nichts Unheiliges mit dem Namen des Vaters in Verbindung zu bringen. Der Name des Vaters soll durch das Leben des Jüngers auf dieser Erde geheiligt werden.
  2. Dein (König-)Reich komme: Der Jünger steht in der Erwartung, dass der Vater sein Königreich auf dieser Erde aufrichtet. Der Herr Jesus belehrte seine Jünger mit der Empfehlung zu dieser Bitte, dass sie nicht einfach auf ein Reich auf dieser Erde warten sollten, das bereits bestand. Sie sollten sich bewusst werden, dass es um das Reich des Vaters geht, der im Himmel ist. Und dieses Königreich sollte noch zukünftig sein – es sollte „kommen“. An sich war der Herr Jesus auf diese Erde gekommen, um dieses Königreich aufzurichten. Wenn sein Volk Ihn angenommen hätte, so hätte das Königreich in Herrlichkeit beginnen können. Aber allein die Tatsache, dass in der Bergpredigt verschiedentlich von Leiden, Trauer und Verfolgung für die Jünger gesprochen wird, zeigt, dass die Jünger zusammen mit ihrem Meister verworfen werden würden. Damit machte der Herr seinen Nachfolgern zugleich klar, dass jetzt, während Er selbst auf der Erde lebte, dieses Reich noch nicht beginnen würde – jedenfalls nicht in der öffentlichen Form. Die Jünger sollten nun darum beten, dass dieses Reich, das im Alten Testament oft angekündigt worden war (vgl. Jes 9,6; Mich 5,1; u. a.), möglichst bald beginnen kann.Dieses Königreich wird von Bibelauslegern unter drei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet.
    a) Es wird als Reich des Sohnes des Menschen bezeichnet (Mt 16,28). Mit diesem Ausdruck verbindet man diejenigen Menschen, die im künftigen Königreich nach der Wiederkunft des Herrn Jesus auf der Erde leben und von Ihm, dem „Sohn des Menschen“ regiert werden. Diesen Bereich nennen manche den „irdischen“ Teil des Reiches.
    b) Es wird als Reich des Vaters bezeichnet (Mt 13,43; 26,29). Darunter verstehen manche Bibelausleger auch an dieser Stelle die „himmlische“ Seite des künftigen Königreichs. Diese wird von den Gläubigen des Alten Testaments zusammen mit den Erlösten der heutigen Zeit gebildet, die in den Himmel zu Christus entrückt werden. Sie kommen dann mit Christus aus dem Himmel und werden mit Ihm über diese Erde regieren, ohne selbst auf der Erde zu wohnen.
    c) Es wird einfach als (1.000-jähriges) Reich betrachtet, ohne diese Unterscheidung von himmlischem Teil und irdischem Teil vorzunehmen.
    Was ist nun an dieser Stelle gemeint? Tatsächlich gibt es im 1.000-jährigen Königreich zwei Seiten: die irdische und die himmlische.6 Ist eine dieser beiden Seiten gemeint?
    a) Es geht nicht um die besondere Seite des Reiches des Sohnes des Menschen. Der Herr Jesus als Sohn des Menschen steht nicht im Mittelpunkt dieser Bitten des „Vaterunser“. Daher kann an dieser Stelle nicht die irdische Seite des Reiches gemeint sein, denn das „Vaterunser“ richtet sich an den Vater, der im Himmel ist. Deshalb wird die Beziehung der Jünger zu Gott betont, der im Himmel wohnt.
    b) Es handelt sich aber auch nicht um eine Betonung der himmlischen Seite des Reiches, des Reiches des Vaters. Zwar heißt es in 1. Korinther 15,24, dass der Herr Jesus das Königreich seinem Gott und Vater übergeben wird (vgl. auch Off 22,5). Aber dies bezieht sich auf das Ende, wenn auch der Tod besiegt ist. Zudem gehört die Offenbarung der himmlischen Seite des Reiches zu der Wahrheit, die erst von den Aposteln offenbart worden ist, nachdem der Herr verherrlicht worden und der Heilige Geist auf diese Erde gekommen ist. Daher erscheint es mir wenig wahrscheinlich, dass unser Herr in Matthäus 6,10 diesen himmlischen Teil meint, wenn Er vom „Reich des Vaters“ spricht.7
    c) Es hat den Anschein, dass der Herr mit diesem „Reich meines Vaters“ prinzipiell nichts anderes meint als das 1.000-jährige Friedensreich als solches. In diesem wird Er als Sohn des Menschen über Israel und durch Israel über die ganze Erde regieren. Aber Er nennt hier einen speziellen Aspekt dieses Reiches: Die Erde wird dann in Übereinstimmung mit dem Himmel sein. Dadurch wird der Himmel geöffnet sein „und die Engel Gottes werden auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen“ (Joh 1,51). Endlich wird die erste Bitte: „Geheiligt werde dein Name“, auf dieser Erde in Erfüllung gehen. Denn der Sohn des Menschen, der wahre König Gottes für Israel, wird dafür sorgen, dass dem Vater im Himmel die Ehre zuteil wird, die Ihm gebührt. Dann wird Gerechtigkeit auf der Erde herrschen und alles offenbare Unheilige sofort gerichtet werden (vgl. Jes 32,1).
  3. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde: Die Jünger Jesu sind sich bewusst (vgl. Kapitel 5), dass auf dieser Erde oft das Gegenteil des Willens des Vaters getan wird. Ihnen ist bewusst, dass sie in einer Zeit der Leiden, der Trauer und der Verfolgung leben müssen (Mt 5,3 ff.; 5,39.44). Die Verwerfung des Messias ist auch ihr Teil. Angesichts dieser Unordnung ist es ihnen ein Herzensanliegen, dass der Wille des Vaters, der im Himmel immer geschieht, auch auf der Erde vollbracht wird.
    Daher lautet ihr Gebet, dass die auf der Erde lebenden Menschen bereit sind, Gott als König anzunehmen, damit sein Wille auch hier ausgeführt werden kann. Das wird im kommenden Königreich vollkommen der Fall sein. Dann wird der Wille das Vaters auch auf der Erde ausgeführt werden, weil Christus als Regent dafür Sorge tragen wird. Durch diese Bitte drücken die Jünger aber auch aus, dass sie selbst in ihrem eigenen Leben dazu beitragen wollen, dass der Wille Gottes geschehen kann. Es ist ihnen ein Anliegen, in ihrem Leben, auch wenn dies mit Leiden verbunden ist, den Willen des zu Vaters tun. Das bedeutet nichts anderes, als dass sie an dieser Stelle letztlich die Hilfe vom Vater erbitten, damit sie seinem Wort gehorsam sind. Wir wissen, dass es in dem Königreich des Vaters endlich wahr wird, dass sein Wille geschieht. So gibt es eine wunderbare Verbindung zur zweiten Bitte, wo die herrliche Beziehung zwischen Himmel und Erde durch den Ausdruck „Königreich des Vaters“ angedeutet wird. Dort wird der Wille des Vaters nicht mehr nur im Himmel, sondern unter der Regierung des Sohnes des Menschen auch auf der Erde im 1.000-jährigen Friedensreich ausgeführt werden.
  4. Unser nötiges Brot gib uns heute: Mit dieser vierten Bitte kommen wir zum zweiten Teil der sechs Bitten. Sie betreffen besonders die konkreten Bedürfnisse der Jünger. Ihnen ist es wichtig, praktisch gerecht zu leben und in diesem Fall nicht der Gefahr zu erliegen, beispielsweise durch Stehlen im Widerspruch zu dieser Gerechtigkeit zu leben. Daher beten sie für ausreichend Nahrung, die sie gerade in schwierigen Zeiten nötig haben. Wenn wir die späteren Kapitel des Matthäusevangeliums lesen, wo der Herr die Jünger zum Missionsdienst aussendet, versteht man dieses Wort. Die Jünger würden darauf angewiesen sein, dass ihr himmlischer Vater für sie sorgt. Er tut es, wenn sie Ihn darum bitten.
    So macht der Meister seinen Jüngern klar, dass sie auch wegen der Grundbedürfnisse zu ihrem himmlischen Vater kommen können, ja sollen.
    Wie alle sechs Bitten wird auch diese in der Zukunft eine besondere Relevanz haben. Dann wird der gläubige Überrest sich danach sehnen, dass Gottes Wille und Rechte hier auf der Erde zur Geltung kommen. Sie werden dann in großer Drangsal sein und es wird ihnen am Nötigsten mangeln. „Unser nötiges Brot gib uns heute“ – so sollen und werden sie bitten. Ohne Zweifel wird ihre Bitte erhört werden, denn der Herr selbst hat sie in ihren Mund gelegt.
  5. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben: An dieser Stelle ist es sicher gut, noch einmal daran zu erinnern, dass sich der Herr an seine Jünger richtet, nicht an Sünder. Es geht hier also nicht darum, wie ein Sünder in Buße und Bekenntnis zu Gott kommt und die Vergebung der eigenen Schuld erhält – ein Akt reiner göttlicher Gnade. Sie wird nicht durch gute Taten bedingt, die wir anderen zukommen lassen, beispielsweise anderen ihre Schuld zu vergeben (vgl. z. B. Eph 2,8.9). Die grundlegende Sündenschuld hat ein Mensch übrigens immer gegenüber Gott, nicht gegenüber dem Vater, denn dieser Titel spricht von bestehenden Beziehungen, die aber nicht möglich sind, wo Sünde noch nicht vergeben ist. Die Sündenvergebung vonseiten Gottes dagegen ist sicher und unverlierbar (vgl. z. B. Joh 10,28.29).
    Hier steht die Beziehung des Jüngers zum Vater im Vordergrund. Der göttliche Meister zeigt seinen Jüngern, dass sie nur dann auf die Vergebung ihrer Schuld durch ihren himmlischen Vater rechnen dürfen, wenn sie selbst vergebungsbereit sind. Später, in Kapitel 18,21–35 finden wir dazu eine praktische Erklärung. Wenn es um Sündenvergebung für diese Erde geht, dann gibt es sie vonseiten des Vaters für seine Jünger nur dann, wenn diese auch anderen gegenüber vergebungsbereit sind. Nur auf dieses Weise leben sie wirklich in praktischer Gemeinschaft mit Ihm – und nur so handeln sie auch so, wie Er handelt (vgl. Mt 5,48). Wie könnte der vergebende Vater jemand segnen, der sein eigenes Herz gegenüber seinem Mitjünger verschließt, der ihn um die Vergebung seiner Schuld bittet? Und vergessen wir in Verbindung mit Matthäus 18 nicht: Die Schuld des Jüngers, die er gegenüber Gott hatte und die er in seinem persönlichen Leben im Blick auf seinen Vater hat, ist immer größer als die Schuld, die ein Jünger gegenüber einem anderen Jünger haben könnte.
  6. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern errette uns von dem Bösen: Die Jünger lebten in Zeiten äußerer Prüfungen. Von diesen spricht auch Jakobus in seinem Brief (1,12). Gott sendet Prüfungen, um den Glauben seiner Jünger zu stärken, hervorzubringen oder auch, um ihr Herz neu auf Gott auszurichten. Aber es gibt auch Versuchungen, die durch unsere Begierden hervorgerufen werden. Solche haben niemals Gott zum Ursprung (vgl. Jak 1,13–15): erstens, weil Gott nicht zum Bösen versucht – das stünde im Widerspruch zu seinem Wesen als Licht und Liebe –, und zweitens, weil Er sich mit uns als Vater verbunden hat und ein Vater sein Kind nicht in diesem Sinne versucht.8 Der Herr Jesus spricht an dieser Stelle in Matthäus 6 nicht von diesen inneren Versuchungen zum Bösen, da sie nicht von Gott kommen. Wir müssen Ihn daher auch nicht bitten, uns nicht in solche Versuchungen zu senden. Es geht offensichtlich um äußere Erprobungen.
    Ein Jünger sucht nicht Versuchungen durch erprobende Umstände. Niemand betet sich Prüfungen herbei. Denn sie gehen, wie Petrus schreibt, immer mit Betrübnis einher (1. Pet 1,6). Daher bittet der Jünger seinen Vater im Himmel, ihn vor solchen Versuchungen zu bewahren.
    Aus den prophetischen Schriften des Alten und Neuen Testaments wissen wir, was für einen Druck Satan in der kommenden großen Drangsal bewirken wird. Dadurch steht jeder Jünger in Gefahr aufzugeben. Er weiß, dass der Feind Gottes und damit der Feind der Jünger solche Prüfungen benutzen möchte, um den Gläubigen zu schaden. Er will sie vom Weg des Gehorsams Gott gegenüber abbringen.
    Der wahre Jünger weiß auch, dass solche Versuchungen dahin führen können, dass der Teufel einen Ansatzpunkt im eigenen Leben findet, um böse Begierden zu wecken. Gerade äußerer Druck kann dazu führen, dass ein Jünger nach und nach schwach wird und dazu kommt, Böses zu tun. Daher sehnt sich der Jünger danach, vor Versuchungen bewahrt und von dem Bösen, der jede Prüfung benutzen möchte, um den Gläubigen zu Fall zu bringen (man lese die ersten beiden Kapitel des Buches Hiob) errettet zu werden. Der Jünger will nicht sündigen.
    Dieses Böse, von dem der Herr hier spricht, bezieht sich aber nicht allein auf den Bösen, auf Satan, den Urheber des Bösen und den Vater der Lüge, vielleicht nicht einmal in erster Linie. Es kann sich auf alle Art des Bösen und Verderblichen beziehen, das in unserem Leben zutage treten kann. Das Böse umgibt uns wie die Luft! Von diesem Bösen wünscht ein wahrer Jünger, errettet und bewahrt zu werden.

Eine Zusatzerklärung und Betonung

Es ist interessant, dass sich die Verse 14 und 15 noch einmal auf die in Vers 12 genannte fünfte Bitte der Jünger an ihren Vater zurückbeziehen. Diese beiden Verse verdeutlichen, dass es eine Voraussetzung für die Vergebung gibt, welche die Jünger erbitten. Denn nur, wenn die Jünger die Vergehungen anderer vergeben, werden sie die Vergebung ihres Vaters erfahren können. Wenn sie jedoch nicht bereit sind zu vergeben, sollten sie nicht erwarten, selbst Vergebung zu erhalten. Das passt einfach nicht zusammen.

Viele Theologen und Abschreiber waren offenbar mit diesen Zusatzerklärungen als Abschluss des Gebets nicht zufrieden. Deshalb haben sie einen – aus ihrer Sicht passenden – Schlussteil erfunden, den sie an das Ende des „Vaterunser“ gesetzt haben: „Denn Dein ist das Reich, die Macht (Kraft) und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“ Tatsächlich ist dieses Gebet dadurch zu einem Sprechgebet gemacht worden. Das war offensichtlich nicht die Absicht Gottes – daher hat Er diesen Bitten keinen Schlusslobgesang, keine sogenannte Doxologie, hinzugefügt.

Ein Vergleich des „Vaterunser“ in Matthäus 6 und in Lukas 11

Wir haben schon verschiedentlich gesehen, dass es Matthäus besonders darum geht, die verschiedenen Haushaltungen bzw. Zeiten bestimmter Handlungsweisen Gottes mit den Menschen voneinander zu unterscheiden. In diesem Sinn haben wir das „Vaterunser“ betrachtet. Matthäus zeigt auch den König-Jahwe, der das Gesetz auslegt und dessen tieferen Sinn anzeigt. Darüber hinaus beschreibt er, wie Christus den Vater mehr und mehr offenbart und seine Jünger mit Ihm in Beziehung bringt. Wie ganz anders sprach und lehrte der Herr Jesus als die religiösen Führer und gesetzlichen Lehrer.

Lukas dagegen zeigt mehr, wie der Herr Jesus den Bedürfnissen der Menschen – Heiden und Juden gleichermaßen – begegnet und Hilfe schenkt. Nur hier finden wir die Szene mit der großen Sünderin, dem barmherzigen Samariter, dem verlorenen Sohn, dem reichen Mann und Lazarus usw. Alle diese Begebenheiten verdeutlichen, wie sich Gott dem Einzelnen zuwendet, wenn dieser mit einem aufrichtigen Bekenntnis zu Gott kommt. Nationale Grenzen spielen hier keine Rolle. In Kapitel 11, wo wir Teile des „Vaterunser“ finden, wird die Wichtigkeit des Gebets vorgestellt.

Wir lesen im Lukasevangelium vierzehn Mal, dass der Herr Jesus betete. Insofern ist es sehr passend, dass es eins seiner Gebete war, das die Jünger dazu veranlasste, um Belehrung über das Gebet zu bitten. In Lukas 10 hebt der Herr die Wichtigkeit des Wortes Gottes hervor. In Kapitel 11 finden wir das „Vaterunser“. Dort zeigt Er uns, dass das Wort Gottes nur durch Gebet in der richtigen Weise aufgenommen werden kann. Das ist die „moralische Belehrung“, die wir in Lukas finden.

Bei Lukas fehlt der Zusatz in der Anrede des Vaters, „der du bist in den Himmeln“. In „seinem“ Evangelium geht es dem Geist Gottes nicht um die mit den Regierungsepochen zusammenhängende Fragestellung von Matthäus. Es fehlt auch die dritte Bitte, „dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auch auf der Erde“. Matthäus richtet sein Evangelium an Juden. Für sie war die Frage des Erbes der Erde aufgrund ihrer jüdischen Abstammung von größter Bedeutung. Auch der himmlische Segen war durch Abraham wichtig, dem Nachkommen wie die Sterne des Himmels verheißen worden waren (1. Mo 15,5; 22,17; vgl. auch Gal 3,16.29). Die Verbindung von Himmel und Erde war im Blick auf das angekündigte Königreich Christi von großer Bedeutung. Damit konnten jedoch die Griechen und die Heiden, an die sich Lukas wendet, nicht viel anfangen. Daher lässt der Geist Gottes diese Bitte bei Lukas aus. Die Gläubigen aus den Nationen hatten eine himmlische Hoffnung, keine irdische.

Im Lukasevangelium heißt die Bitte um das Brot: „Unser nötiges Brot gib uns täglich“, während Matthäus die Bitte wiedergibt mit: „Unser nötiges Brot gib uns heute.“ Die Jünger, an die sich der Herr im Matthäusevangelium richtete, sind hier ein Vorbild des kommenden Überrestes. Dieser wird in solch furchtbaren Drangsalen leben (Mt 24,5–22), dass sie nicht weiter sehen können als bis zu dem jeweiligen „heute“. Es wird darum gehen, an dem jeweiligen Tag die „nötige“ Nahrung zu erhalten. Das macht der letzte Abschnitt des Kapitels deutlich, wenn irdische Sorgen behandelt werden. Die Nationen aber sollen vor allen Dingen von dem Herrn lernen, der in einem ständigen, sozusagen täglichen Abhängigkeitsverhältnis zu seinem himmlischen Vater gelebt hat.

Auffallend ist bei der fünften Bitte, dass Matthäus von Schulden spricht, Lukas dagegen von Sünden. Ohne dieses Thema der Opfer, wie sie in den Evangelien zu sehen sind, im Einzelnen zu behandeln, erklärt sich dieser Unterschied dadurch, dass Matthäus besonders das Werk des Herrn als Schuldopfer vorstellt. Immer wieder geht es darum, dass Menschen Schuld auf sich geladen haben. Lukas dagegen, der immer moralische Zusammenhänge aufzeigt und besonders auch das Herz des Menschen offenbart, nennt die Sache nach ihrem tatsächlichen Ursprung: Sünde.

Bei der letzten Bitte beschränkt sich Lukas wieder auf sein durchgehendes Thema, den moralischen Kern einer Sache: Das ist in diesem Fall die Versuchung. Matthäus dagegen spricht auch von demjenigen, der sich in besonderer Weise gegen die Juden und das Volk Israel wendet, dem Bösen, Satan (vgl. Sach 3,1.2).

Der Christ und das „Vaterunser“

Kommen wir abschließend noch zu der Frage: Was können wir Christen nun mit dem „Vaterunser“ anfangen? Wir haben gesehen, dass der Herr Jesus dieses Gebet nicht für Christen vorgesehen hat. Es entspricht nicht unserer christlichen Stellung und auch nicht unserer innigen Beziehung zum Vater und seinem Sohn. Als Erlöste der Gnadenzeit wohnen wir in Christus in den himmlischen Örtern und haben freien Zugang zu dem Vater. Wir kennen eine vollbrachte Erlösung und besitzen den Heiligen Geist als in uns wohnende göttliche Person. Daher können wir Gott in Geist und Wahrheit anbeten.

Das aber heißt nicht, dass wir als Christen nicht Nutzen aus diesem Gebet ziehen können, das der Herr seinen Jüngern damals vorstellte. Denn der Hintergrund der einzelnen Bitten zeigt, dass sie auch für uns bedeutsam sind, die wir eine ganz andere Stellung besitzen. So wollen wir sie uns kurz mit dieser Blickrichtung ansehen. Aus dieser Beschäftigung lernen wir, dankbarer zu sein für das, was Gott uns in Christus geschenkt hat. Und wir sehen zugleich, dass diese Bitten, wenn wir sie auch nicht so aussprechen, doch lehrreich für unsere eigenen, christlichen Gebete sind.

Wenn wir die Anrede sehen, so wissen wir, dass Gott auch für uns „Vater“ ist (vgl. Gal 4,6). Wir stehen sogar in einer innigeren Beziehung zu Ihm als die Jünger damals. Da der Christ selbst in und mit Christus in den himmlischen Örtern sein Zuhause hat (Eph 2,6), wird er den Vater nicht etwa distanziert ansprechen. Dieser Abstand tritt nämlich durch den Zusatz, „der in den Himmeln ist“, hervor. Nein. Gott ist für jeden Erlösten heute ganz persönlich der Vater, zu dem wir jederzeit und vertrauensvoll kommen können. Wir kommen zu einem Vater, der ganz nah ist und nicht fern „in den Himmeln“. Aber es bleibt dennoch wahr: Wir sind als Gläubige noch auf dieser Erde, so dass wir es gleichzeitig mit einem Vater zu tun haben, der in den Himmeln ist.

Wie wichtig ist es für uns, dass wir, was an uns liegt, alles daran setzen, dass sein Name geheiligt wird! Alles, was im Widerspruch zu seiner Heiligkeit steht, sollten wir aus unserem Leben wegtun. Deshalb ist es auch unsere Bitte, dass sein Name heute schon im Leben der Gläubigen praktisch geheiligt wird. Ebenso freuen wir uns darauf, dass das Reich des Vaters kommen wird. Natürlich – wir warten darauf, dass Christus wiederkommt, um uns in den Himmel zu holen. Das ist unsere christliche Hoffnung. Aber lieben wir nicht ebenso seine Erscheinung (2. Tim 4,8)? Damit beginnt dieses Königreich, das wir herbeisehnen, denn dann wird Christus, der auf dieser Erde so geschmäht und verachtet und sogar ans Fluchholz gebracht wurde, endlich vor den Augen aller Menschen erhöht werden.

Ist es nicht auch unser Wunsch, dass nicht nur im Himmel, sondern auch auf dieser Erde der Wille des Vaters getan wird? Wir freuen uns auf den Augenblick, wenn das Wirklichkeit wird. In unserem Leben sollte es unser ständiges Anliegen sein, dass durch uns kein anderer als der Wille unseres himmlischen Vaters getan wird.

Ebenso dürfen wir Ihn um unsere tägliche Nahrung bitten. Es ist wahr, dass wir dafür selbst arbeiten sollen, wie uns Paulus in seinen Briefen an die Thessalonicher belehrt. Dennoch bleibt bestehen, dass es letztlich Nahrung ist, die uns von unserem Vater, von dem jede gute Gabe kommt (Jak 1,17), geschenkt wird. Deshalb sprechen wir vor jedem Essen eine Danksagung. Das ist keine Formel, aber doch das Bewusstsein, dass auch das tägliche Brot von Gott kommt – gerade heute.

Leider kommt es in unserem Leben so häufig vor, dass wir sündigen. Dann bekennen wir in Übereinstimmung mit 1. Johannes 1,9 unsere Sünden und erhalten die Vergebung unseres himmlischen Vaters. Hier geht es nicht um die ewige Vergebung unserer Sündenschuld, sondern um eine Vergebung, die mit Gottes Regierungshandeln zu tun hat. Es geht darum, dass Er Gläubigen im Blick auf ihr Glaubensleben auf dieser Erde Sünden vergibt. Das ist nötig, damit wir mit Ihm wieder neu freudige Gemeinschaft genießen können. Wie schon gesagt, hat diese Vergebung nichts mit unserem ewigen Heil zu tun.

Die Sündenvergebung, durch die ein Mensch in den Himmel kommt, wird ein für alle Mal bei der Bekehrung geschenkt und gilt für „alle Ungerechtigkeit“, alle Sünden. Die väterliche Sündenvergebung dagegen hat mit dem täglichen Leben eines Christen zu tun. Wenn wir nicht bereit sind, unserem Bruder oder unserer Schwester das zu vergeben, was sie gegen uns getan haben (vgl. Eph 4,32), meinen wir dann wirklich, dass unser Vater uns in einer solch bösen Haltung segnen und unsere Schuld vergeben kann?

Aus diesem Vers lernen wir auch, wie wichtig es ist, Selbstgericht zu üben. Wir sollen uns immer wieder vor dem Vater prüfen, ob unsere Lebensführung, unsere Taten, Worte, Gedanken und Beweggründe vor seinem heiligen Auge standhalten können. Nur die ständige Gemeinschaft mit unserem Vater, das Bewusstsein eines Lebens in seiner Gegenwart, wird uns zeigen, was wir Ihm bekennen müssen. Und das sollten wir dann auch tun!

In diesem Punkt liegt auch noch ein bedeutsamer Unterschied zwischen dem „Vaterunser“ und unserer Beziehung zu Gott, unserem Vater. Die Jünger damals sollten um Vergebung ihrer Schuld und Sünden bitten. Im Blick auf den Christen dagegen lesen wir nirgends von einer Bitte um Vergebung. Für uns gilt, unsere Schuld zu bekennen (vgl. 1. Joh 1,9).

Schließlich dürfen wir unseren Vater darum bitten, uns in Prüfungen zu bewahren. Wir wissen, wie leicht wir darin straucheln und unser Glaube schwach wird. Gerade, wenn es Satan ist, der gegen uns anrennt und Prüfung um Prüfung bringen möchte, bitten wir darum, aus seinen Schlingen errettet zu werden. Kein Christ wird darum bitten, in Prüfungen zu kommen – das wäre eine sehr gefährliche Bitte. Nein, wir sollen mit der Hilfe des Herrn in Prüfungen ausharren und sind dankbar, wenn der Herr uns von dem Bösen errettet.

Verse 16–18: Praktische Gerechtigkeit gegenüber uns selbst: fasten

„Wenn ihr aber fastet, so seht nicht düster aus wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, damit sie den Menschen als Fastende erscheinen. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn schon empfangen. Du aber, wenn du fastest, so salbe dein Haupt und wasche dir das Gesicht, damit du nicht den Menschen als ein Fastender erscheinst, sondern deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten“ (Verse 16–18).

In den Versen 16–18 spricht der Herr Jesus von der praktischen Gerechtigkeit, die wir in Bezug auf uns selbst üben sollen. Das zentrale Beispiel, das gerade für Juden besondere Bedeutung hat, ist das Fasten.

Man mag zunächst die Frage stellen, inwiefern das Fasten ein Ausdruck praktischer Gerechtigkeit ist. Fasten wird mehrfach mit Gebet verbunden (vgl. 2. Sam 12,23; Ps 35,13; Dan 9,3.4; Mt 17,21; Lk 2,37; Apg 14,23; u. a.). Das Fasten, also der Verzicht auf Speise und teilweise auf das Trinken (vgl. 5. Mo 9,9; Apg 9,9) dient der völligen Konzentration auf das Gebet, auf das Reden mit Gott. Dass das richtige Beten eine Art der praktischen Gerechtigkeit ist, braucht nicht weiter erläutert zu werden.

Dann finden wir Fasten oft in Verbindung mit Reue, Buße und Umkehr (Jes 58,6; Joel 1,14; 2,12; Jona 3,5) – auch ein Zeichen praktischer Gerechtigkeit. Dabei ist Fasten immer eine Art Beigabe zu dem eigentlichen Ziel, das jemand verfolgt, sei es das Flehen für etwas, die Buße, die Trauer (z. B. bei Esther). Fasten geht Hand in Hand mit einer persönlichen oder gemeinsamen Demütigung vor Gott. Es ist der äußerlich sichtbare Ausdruck einer tiefen inneren Beugung.

Wie schon im Fall der Ausübung von Wohltätigkeit und des Gebets stellt der Herr Jesus den Jüngern das verkehrte Beispiel der Heuchler vor. Es gibt also auch ein falsches Fasten. Daniel, Esther, Mordokai, David und Anna fasteten in einer demütigen Haltung vor ihrem Gott. Die Heuchler dagegen wollen den Menschen und nicht Gott als Fastende erscheinen. Christus muss ihnen sagen, dass sie damit ihren Lohn schon empfangen. Sie erhalten ihn nämlich dadurch, dass Menschen ihnen für ihr Fasten Achtung und Anerkennung entgegenbringen.

Ein solches öffentliches Fasten steht jedoch im Gegensatz zu seinem eigentlichen Ziel. Der Herr möchte, dass wir, wenn wir auf äußere Genüsse verzichten, es nur mit dem Ziel tun, uns ganz Gott zu widmen – und nicht, um den Menschen eine „schein-heilige“ Gesinnung vorzuspielen. Beim wahren Fasten will der Fastende sich nicht ablenken lassen, sondern allein vor und mit seinem Gott sein. Das aber soll nicht zu einem frommen Getue werden, sondern im Verborgenen geschehen vor dem Vater, der im Verborgenen ist. Manchmal mag man es nicht verhindern können, dass es auch andere mitbekommen – vielleicht in der Familie, vielleicht darüber hinaus. Aber der Jünger soll alles versuchen, nicht vor Menschen als Fastender zu erscheinen. Sie sollen bei ihm einfach eine „normale“ Lebensführung wahrnehmen.

In Jesaja 58 weist Gott durch seinen Propheten noch auf eine weitere Art falschen Fastens hin. „Rufe aus voller Kehle, halte nicht zurück! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune, und tu meinem Volk seine Übertretung kund und dem Haus Jakob seine Sünden! Und doch fragen sie nach mir Tag für Tag und begehren, meine Wege zu kennen; wie eine Nation, die Gerechtigkeit übt und das Recht ihres Gottes nicht verlassen hat, fordern sie von mir Gerichte der Gerechtigkeit, begehren die Nähe Gottes. ‚Warum haben wir gefastet, und du hast es nicht gesehen, unsere Seelen kasteit, und du hast es nicht gemerkt?‘ Siehe, am Tag eures Fastens geht ihr euren Geschäften nach und drängt alle eure Arbeiter. Siehe, zu Streit und Zank fastet ihr, und um zu schlagen mit boshafter Faust. Heutzutage fastet ihr nicht, um eure Stimme hören zu lassen in der Höhe. Ist dergleichen ein Fasten, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem der Mensch seine Seele kasteit? Seinen Kopf zu beugen wie ein Binse, und Sacktuch und Asche unter sich zu betten, nennst du das ein Fasten und einen dem Herrn wohlgefälligen Tag? Ist nicht dies ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: die Schlingen der Bosheit zu lösen, die Knoten des Joches loszumachen und gewalttätig Behandelte als Freie zu entlassen und dass ihr jedes Joch zersprengt? Besteht es nicht darin, dein Brot dem Hungrigen zu brechen, und dass du verfolgte Elende ins Haus führst? Wenn du einen Nackten siehst, dass du ihn bedeckst und deinem Nächsten nicht entziehst? Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell sprossen; und deine Gerechtigkeit wird vor dir herziehen, die Herrlichkeit des Herrn wird deine Nachhut sein“ (Jes 58,1–8).

Diese Verse zeigen, dass es ein Fasten geben kann, das zwar nicht vor Menschen, sondern vor Gott geschieht, zu dem Gott aber dennoch seinen Segen nicht geben kann. Das Fasten, von dem der Prophet spricht, war nur ein rein äußerliches Fasten. Wenn jemand zugleich die Arbeiter bedrängt und sich mit anderen streitet, so ist dessen Fasten nichts als Heuchelei. In seinem Herzen fehlt eine Haltung der Demütigung und Umkehr.

Es ist auch interessant zu sehen, dass Gott dieses Fasten direkt in Verbindung mit dem Üben von praktischer Gerechtigkeit bringt. Er sagt in diesen Versen gewissermaßen, dass das Fasten sogar dem Üben von Gerechtigkeit gleichkommt. Gott erkennt das Fasten nur dann an, wenn es auch im Leben Früchte praktischer Gerechtigkeit hervorbringt: Hungrigen Brot geben, Elenden helfen, usw. Das war damals so und hat sich auch heute nicht geändert.

Der Christ und das Fasten

Es wird manchmal die Frage gestellt, inwiefern wir Christen mit dem Fasten zu tun haben. Zunächst ist wichtig, noch einmal festzuhalten, dass die Bergpredigt jüdischen Charakter trägt. Christus wendet sich zunächst an Jünger mit jüdischer Abstammung. Soweit ich das erkennen kann, wird Fasten in der Bibel in erster Linie mit Juden verbunden. Allerdings lesen wir im Propheten Jona, dass dort auch Heiden fasteten. Zudem wissen wir, dass sich Fasten in allen antiken Religionen findet.

Wenn man nun ins Neue Testament schaut, so fällt auf, dass wir in den Briefen an keiner Stelle zum Fasten aufgefordert werden. Das ist im Alten Testament anders (vgl. 1. Kön 21,9; Joel 1,14; 2,15). In 2. Korinther 6,5 und in 2. Korinther 11,27 spricht Paulus davon, dass er selbst oft gefastet hat. Er war jüdischer Abstammung. Auch Apostelgeschichte 14,23, wo es um die Erwählung von Ältesten geht, müssen wir in diese Kategorie einordnen. Zudem ist es bezeichnend, dass wir in dem Evangelium für die Nationen – im Lukasevangelium – zwar vier Erwähnungen von Fasten finden, der Herr Jesus jedoch an keiner Stelle dazu auffordert. Allerdings finden wir in Apostelgeschichte 13,1.2 Gläubige aus den Nationen, die gefastet haben. Möglicherweise handelt es sich bei ihnen um Proselyten, als um Heiden, die ursprünglich zum jüdischen Glauben übergetreten waren. Aber Gottes Wort sagt dazu nichts.

Wir müssen also sehr vorsichtig sein, das Fasten allgemein als eine christliche Übung zu bezeichnen. Heißt das nun, dass Christen nicht fasten dürfen? Fasten ist das Ergebnis einer persönlichen oder gemeinsamen Demütigung vor Gott, kommt also aus einem persönlichen Empfinden des Einzelnen oder einer Gruppe von Personen. Ein Verbot auszusprechen ginge somit in eine völlig falsche Richtung. Der dem Fasten zugrunde liegende Gedanke, auf menschliche, irdische Annehmlichkeiten zu verzichten, um im Gebet, in Trauer oder in Umkehr vor dem Vater zu sein, ist biblisch. Wir finden im übertragenen Sinn einen schönen Hinweis in 1. Korinther 7,5 für Eheleute: sich für eine Zeit zu enthalten. Wir wissen auch aus den Schriften von Gläubigen, die der Herr Jesus im 19. Jahrhundert in der Erweckungszeit benutzen konnte, dass dort Fasten durchaus eine Rolle spielte. Manche Klarheit über Gottes Wort und die biblische Lehre, die zum Teil über viele Jahrhunderte unbekannt war, schenkte Gott im Anschluss an Fastenzeiten. Jemand hat einmal gesagt: Fasten ist der freiwillige Verzicht auf Dinge, die an sich gut und nützlich sind. Für die heutige Zeit sei noch ein Beispiel genannt: Der Verzicht auf 30 Minuten Geschäftigkeit, Freizeitbeschäftigung oder Schlaf, um das Wort Gottes zu lesen und zu beten, führt zu einem großen geistlichen Gewinn.

Warum aber werden wir nicht zum Fasten aufgefordert? Vielleicht liegt ein Grund darin, dass Gott in unseren Herzen Wahrhaftigkeit sucht. Es besteht die Gefahr, dass man meint, Gott durch eine solche äußerliche Handlung etwas abringen zu können. Das aber wäre eine gesetzliche Haltung und dem Gedanken Gottes völlig zuwider.

Das aber entwertet echtes Fasten nicht. Wenn wir als Christen mehr durch Gottesfurcht geprägt wären, empfänden wir unseren traurigen geistlichen Zustand viel stärker. Das würde uns zu einer Haltung des Gebets und Fastens führen. Vielleicht würden wir auf diese Weise manches Mal davor bewahrt, uns in den irdischen Dingen zu verlieren. Nicht von ungefähr ist genau dies das Thema der nächsten Verse.

5.Die Lebensausrichtung des Jüngers: Herz, Auge, Mammon (V. 19–24)

In den nächsten sechs Versen lesen wir von der Lebensausrichtung, die von einem Jünger erwartet wird. Die Schilderung ist sehr abstrakt und gleicht einer „Schwarz-Weiß-Gegenüberstellung“. So bleibt es immer bei einem Entweder-oder. Einen kompromissfähigen Mittelweg gibt es nicht. Das Herz kann entweder am Himmel oder an der Erde hängen. Das Auge kann entweder licht oder finster sein. Man kann entweder dem Mammon oder dem Vater im Himmel dienen.

Aus unserer Lebenspraxis wissen wir zwar, dass es viele Schattierungen zwischen diesen beiden jeweiligen Polen geben kann. Wenn wir jedoch die Grundsätze des Königreichs der Himmel wirklich lernen und verwirklichen wollen, müssen wir uns das Ideal ansehen. Unser Meister ist erst zufrieden, wenn der Jünger sich für den Himmel entschieden hat.

Verse 19–21: Das Herz des Jüngers: Himmel oder Erde

„Sammelt euch nicht Schätze auf der Erde, wo Motte und Rost zerstören und wo Diebe einbrechen und stehlen; sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost zerstören und wo Diebe nicht einbrechen und nicht stehlen; denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein“ (Verse 19–21).

Die wichtige Belehrung dieser drei Verse ist diese: Der Jünger des Herrn Jesus kann zwei Ziele in seinem Leben verfolgen: Entweder hängt er an den irdischen oder an den himmlischen Dingen. In dem natürlichen Menschen gibt es nur den Hang, irdischen Schätzen nachzujagen. Aber auch ein Jünger, ein Gläubiger, kann diese Neigung haben, so dass die irdischen Dinge sein Ein und Alles sind.

Eigentlich sollte die Tatsache, dass er eine Beziehung zu dem Vater hat, der im Himmel ist, diese Frage eindeutig klären. Aber wir sehen in unserem eigenen Leben, dass man auf zwei Seiten hinken kann. Wir wissen zwar, dass nur die himmlischen Dinge es wert sind, sich nach ihnen auszustrecken. Die irdischen Reichtümer üben allerdings eine solche Anziehungskraft aus, dass wir uns ihnen oft nicht entziehen können oder wollen.

Der Herr Jesus zeigt die Vergänglichkeit der Schätze der Erde. Er leugnet nicht, dass sie in den Augen des Menschen „Schätze“ sein können. Die Erde hat manches zu bieten. Tatsächlich – das haben wir schon in Verbindung mit dem Salz der Erde in Kapitel 5 gesehen – sind irdische Dinge nicht per se böse. Aber zumindest haben sie einen „Schatten“: Christus ist nicht in ihnen! Dann, wenn irdische „Schätze“ unsere Herzen gefangen nehmen, können Dinge wie der Beruf, Ehe und Familie, unser Haus, unser Auto, die Musik, äußere Schönheit, Hobbys usw. zu „Welt“ werden. Natürlich sollen wir arbeiten und dürfen wir Gott danken für einen Ehepartner und eine Familie, die Er uns schenkt. Wenn wir diese aber von Ihm loslösen und unser Lebensziel allein auf sie beschränken und in diesen Bereichen nicht für den Herrn „leben“, sind sie zu irdischen Schätzen geworden. Dann gehören auch sie zu den Bereichen, die letztlich durch Satan, den Fürsten dieser Welt, geprägt sind.

Irdische Dinge haben alle eine gemeinsame Eigenschaft: Sie sind vergänglich. Schätze auf der Erde werden die Zeit nicht überdauern. Es gibt Lebewesen, die beschädigen: Der Herr Jesus nennt das Beispiel der Motte, die Kleidung und andere Dinge zerstört. Aber auch Rost, Feuchtigkeit usw. sind in der Lage, kostbare Dinge zu zerstören. Außerdem gibt es noch Menschen, die stehlen – und der ganze Reichtum ist dahin.

Es ist seltsam, dass der Mensch zwar die Vergänglichkeit irdischer Dinge kennt, aber trotzdem seine Hoffnung gerade auf diese vergänglichen Werte setzt. Ob wir Gläubigen hier eine Ausnahme bilden? Uns ist bekannt, dass das Unsichtbare bleibend ist. Dennoch hängen wir so sehr an dem Materiellen! Diese Verse sprechen daher direkt in unser tägliches Leben hinein.

An anderer Stelle wird ermahnt, nicht reich werden zu wollen. Es wird niemand kritisiert, der reich ist, auch wenn man nüchtern erkennen muss, dass wenige ohne eigenes Zutun reich geworden sind. Aber die Haltung, reich werden zu wollen, passt nicht zu einem Jünger. Sie führt, wie Paulus deutlich macht, zu jeder Form des Bösen (vgl. 1. Tim 6,9.10). Das Reichwerden ist kein Aufgabenfeld für Jünger des Herrn.

Die richtige Lebensausrichtung

Der Jünger sollte eine andere Lebensausrichtung haben. Sein Blick sollte immer auf den Himmel gerichtet sein. Dort ist sein Vater, der ihm alles gibt, was er nötig hat. Wir dürfen als Christen hinzufügen, dort ist unser Retter und Herr, der unsere Herzen ganz ausfüllen möchte. Wenn unser Schatz im Himmel ist, dann verfügen wir über Reichtum, der nicht zerstört und beschädigt und gestohlen werden kann.

Aber die richtige Lebensausrichtung bedarf der Energie. Man muss die Schätze schon sammeln. Ohne die richtige Motivation, das Wollen, ist es nicht möglich. Ohne echte Aktivität ist es aber ebenfalls nicht möglich. Schätze sammeln kostet Zeit und Energie. Die Mitmenschen und vielleicht sogar Mitgläubige mögen eine himmlische Gesinnung spottend kommentieren. Aber davon wollen wir uns nicht abhalten lassen. Wir wollen fleißig sein, das Bessere zu sammeln. Hier finden wir im Übrigen – im Unterschied zum Fasten – die Aufforderung, etwas zu tun: Sammelt! Wer so sammelt, muss auch verzichten können – verzichten auf irdische Schätze. Dazu muss man bereit sein. Nach und nach aber weiß der Jünger aus Erfahrung, dass es sich lohnt.

Alles das, was wir auf der Erde besitzen dürfen, ist uns nur anvertraut worden. Es kann uns morgen wieder weggenommen werden. Ein Wasserschaden, ein Feuer, ein Einbruch, eine Motte – und es war einmal. Das, was wir im Himmel besitzen, wird nie verloren gehen.

Unser Schatz – Christus im Himmel

„Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein.“ Das ist die Schlussfolgerung. Der Herr sagt nicht: Dort muss auch dein Herz sein. Nein, es ist eine unausweichliche Konsequenz: Dort, wo der Schatz eines Jüngers ist, da ist automatisch sein Herz. Das, was unser Herz erfüllt, daran hängen wir, das lieben wir. Das, was wir lieben, ist unser Schatz. Ist Christus unser echter Schatz? Wenn dies so ist, wird unser Herz, unsere Zuneigung, unser Ziel, unser Leben auf den Himmel ausgerichtet sein – denn dort ist Er. Dazu möchte Christus seine Jünger führen. Nur so verfolgen sie das richtige Ziel. Ob wir dem Herrn Jesus ermöglichen, unser Herz zu erfüllen?

In diesem Zusammenhang kann man an zwei Stellen in den Briefen denken, die sich an uns Christen richten:

  • „Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Sinnt auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist; denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott“ (Kol 3,1–3).
  • „Indem wir nicht das anschauen, was man sieht, sondern das, was man nicht sieht; denn das, was man sieht, ist zeitlich, das aber, was man nicht sieht, ewig“ (2. Kor 4,18).

Himmlische Schätze – Verzicht auf der Erde

Im Sinne der Bergpredigt und der damaligen Belehrungen Jesu, die noch nicht die neutestamentliche, christliche Wahrheit beinhalten, können wir auch an das Wort in Matthäus 19,21 denken: „Jesus sprach zu ihm: Wenn du vollkommen sein willst, so geh hin, verkaufe deine Habe und gib sie den Armen, und du wirst einen Schatz in den Himmeln haben; und komm, folge mir nach!“ Die Bereitschaft, die finanziellen Mittel, die man besitzt, um des Herrn willen für andere zu geben, offenbart, dass man einen anderen, einen wertvolleren Schatz besitzt. Und dadurch sammelt man „Kapital“ im Himmel. Der Vater wird uns dafür reichlich belohnen.

In die gleiche Richtung geht die Belehrung an die Reichen in 1. Timotheus 6,17–19. Der Apostel ermahnt sie, nicht auf die Ungewissheit des Reichtums Hoffnung zu setzen, sondern freigebig und mitteilsam zu sein und auf Gott zu vertrauen. Dadurch „sammeln sie sich selbst eine gute Grundlage für die Zukunft, damit sie das wirkliche Leben ergreifen.“

Himmlische Schätze für jüdische Gläubige

Wir dürfen an dieser Stelle jedoch nicht übersehen, dass auch dieser Abschnitt eine besondere Bewandtnis für Juden hat. Ihr Ziel und ihre Ausrichtung war seit jeher in starkem Maß die Erde (vgl. beispielsweise Ps 73,25). Die Verheißungen betrafen die Erde, die Hoffnung, die sie besaßen, bezog sich auf die Erde, das Leben, das sie erben würden, sollte auf dieser Erde sein. Jetzt aber macht der Herr Jesus ihnen klar: Nicht die Erde, sondern der Himmel ist der wahre Zielpunkt eures Lebens.

Die Jünger mussten lernen, dass es himmlische Dinge gab, auf die sich das Herz von nun an richten sollte. Die Erde war der Vergänglichkeit unterworfen, der Himmel nicht. Dort liegen die eigentlichen Segnungen, die der Vater Menschen geben möchte, die seine Jünger sind. Das unterstreicht Petrus in seinem ersten Brief: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der nach seiner großen Barmherzigkeit uns wiedergezeugt hat … zu einem unverweslichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbteil, das in den Himmeln aufbewahrt ist für euch“ (1. Pet 1,3.4).

Verse 22.23: Das Auge des Jüngers: licht oder finster

„Die Lampe des Leibes ist das Auge; wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Leib licht sein; wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie groß die Finsternis!“ (Verse 22.23).

In den vorausgehenden drei Versen ging es um unsere innere Gesinnung und Haltung. Jetzt geht es um unser Auge – das ist ein äußeres Organ. Aber es steht in diesen Versen für das Einfallstor des Herzens. Wie in den Versen 19–21 eine Richtung von innen nach außen zu erkennen ist, verhält es sich jetzt genau umgekehrt: von außen (dem Auge des Körpers) nach innen (der ganze Leib – der ganze Mensch, auch in seinem Innern). Mit welchen Gedanken, Bewertungen und Schlussfolgerungen schauen wir die Dinge an, die uns umgeben?

Man könnte auch sagen, dass der Meister in diesem, dem vorherigen und dem nächsten Abschnitt tiefer und tiefer in die Motive des Jüngers eindringt. Zunächst fragt Er den Jünger, worauf sein Auge gerichtet ist: auf die Erde oder auf den Himmel? Im zweiten Abschnitt führt Er uns vor Augen, warum wir uns auf das eine oder das andere konzentrieren: Es ist eine Frage, mit was für einem Blick – Auge – wir die uns umgebenden Dinge bewerten. Man könnte auch sagen, dass diese Verse zeigen, was die Voraussetzung dafür ist, dass man den Blick für die Erde verliert und den für den Himmel gewinnt. Schließlich fragt der Herr im dritten Abschnitt, wem der Jünger eigentlich wirklich dienen will: Gott, oder dem Mammon, dem Geld. Wer soll der Meister sein, auf den das Auge sieht, um die richtige Lebensausrichtung zu bekommen. Es geht jetzt um persönliche Zuneigungen, um die Liebe zu Gott, dem Herrn.

Der Herr Jesus bedient sich in diesen Versen eines Vergleichs. Er sagt, dass die Lampe des Leibes das Auge ist. Durch das Auge kann der Leib, der Mensch, sehen. Der Leib steht hier für das Sein und Handeln des Menschen. Entweder sehen wir auf das Helle, auf das Licht, dann geht es dem Körper gut und wir führen ein Leben zur Ehre Gottes. Oder wir sehen auf das Finstere, dann wird auch der Leib finster sein und nichts sehen können. Er wird einen Irrweg gehen.

Dadurch, dass das Auge geöffnet ist und eine Sache anschaut, fällt Licht ein und man kann sehen. Nur das Auge ist hierfür geeignet, deswegen sagt der Herr: „Die Lampe des Leibes ist das Auge.“ Es reicht aber nicht, Augen zu haben. Man muss sie auch richtig und zielgerichtet benutzen. Wie oft sind wir mit geöffneten Augen gegen einen Laternenpfahl oder eine Tür gelaufen. Warum? Zwar waren unsere Augen geöffnet, aber wir haben nicht auf unseren Weg bzw. unser Ziel geschaut, sondern auf andere Dinge um uns herum.

Dieses einfache Bild überträgt der Meister auf das „geistliche Auge“ der Jünger. Es geht gewissermaßen um die Augen des Herzens, von denen der Apostel Paulus spricht (Eph 1,18). Die Frage, um die es dem Herrn hier geht, ist: Was ist das Verlangen, was sind die Absichten, Wünsche und Ziele unseres Herzens?

Der Herr zeigt zwei Möglichkeiten auf, wie sie sehen können: einfältig oder böse. Er spricht also von einem moralischen Urteil des Herzensauges. Entweder sieht ein Jünger mit bösen Augen. Das heißt, er freut sich über das, was nicht den Charakter von Licht, was nicht Christus, was nicht den Vater zum Gegenstand hat. Oder aber ein Jünger sieht mit einfältigem Auge. Das tut er, wenn er nichts anderes als Christus vor seinen moralischen Augen hat; so nimmt er das Licht in sich auf. Dann ist nichts Falsches, in ihm, sein Auge ist „einfältig“.

Dieser Ausdruck hat an dieser Stelle nichts mit Dummheit oder dergleichen zu tun. Einfalt des Herzens bedeutet, ohne falsche Motive, aufrichtig und gottesfürchtig zu sein, nur ein Auge für Christus und das Seine zu haben. Der ganze Leib eines solchen Jüngers ist licht, erleuchtet durch die Person Jesu Christi. Jeder Jünger jedoch, dessen Auge nicht einfältig auf Christus gerichtet ist, verfolgt noch andere Ziele für sein Leben. Er lässt sich davon ablenken, Christus zum entscheidenden Kriterium seines Lebens zu machen. Der Einfältige entscheidet sich für das, was von Christus zeugt. Derjenige, dessen Auge nicht einfältig ist, nimmt dagegen das in sich auf, was der Herr Jesus „Finsternis“, nämlich moralisch Böses nennt. Sein ganzer Leib, sein Verhalten, sein Trachten, seine Motive und sein Handeln werden entsprechend von Finsternis geprägt sein.

An dieser Stelle wird nicht weiter über das Licht und die Lichtquelle gesprochen. Aus dem ersten Johannesbrief wissen wir, dass Gott Licht ist (1. Joh 1,5). Der Herr Jesus sagt von sich selbst, dass Er das Licht der Welt ist (Joh 8,12; 9,5).

Auf Christus, das wahre Licht, sehen

Mit anderen Worten: Wenn jemand auf das wahre Licht sieht, auf Christus, wird er nichts anderes als diese Person begehren. Er möchte Christus verherrlichen. Das bedeutet in Bezug auf den Charakter des Matthäusevangeliums, dass ein solcher Jünger den Vater, der in den Himmeln ist, anschaut und Ihn verherrlicht. Daher wird er nach den himmlischen Dingen streben, denn dort sieht er den Schatz für sein Leben. Das wird sein ganzes Wesen erleuchten, so dass er dieses Licht weitergeben kann.

Dieser Gedanke wird besonders von Lukas entwickelt, der die moralische Beurteilung der Dinge beschreibt. Deshalb verbindet er das Leuchten der Lampe auf dem Lampengestell mit dem Auge des Leibes. Ein Mensch kann nur dann leuchten, wenn er das Licht in sich selbst aufgenommen hat (vgl. Lk 11,33–36).

Matthäus geht es mehr um Jüngerschaft. Ein Jünger kann seinem Meister nur dann nachfolgen und praktische Gerechtigkeit üben, wenn seine Lebensausrichtung stimmt und sein Auge für das Licht geschärft ist. Wenn er sich von seiner weltlichen Umgebung anstecken lässt und der alten Natur nachgibt, offenbart er ein böses Auge. Dadurch wird sein Handeln finster, weil sein Blick getrübt ist. Von dem himmlischen Vater ist dann nichts mehr zu erkennen.

Im absoluten Sinn ist es nur bei einem Ungläubigen finster. Das ist niemals wahr für einen wahren Jünger. Aber müssen wir Gläubigen nicht bekennen, dass wir zeitweise, manchmal über lange Strecken unseres Lebens, die Dinge nicht mit einem einfältigen Auge betrachtet haben? Wenn nun das Licht, das wir doch in uns als Kinder des Lichts haben (vgl. Eph 5,8), Finsternis ist, was für eine moralische Kraft muss dann diese Finsternis besitzen und wie greift diese dann sogar in einem Jünger um sich!

Das ewige Licht ist jedem Menschen zugänglich ist und stellt sich jedem Menschen in den Weg. Wenn es aber die Finsternis in einer Person nicht zu vertreiben vermag, was im Natürlichen gar nicht möglich ist, dann zeigt das die gewaltige Kraft der Finsternis (vgl. Joh 1,5). Wir sollten sie auch als Christen nicht unterschätzen.

Man hört manchmal den aus dem Englischen stammenden Ausdruck: „Licht über eine Sache haben“. Dieses Licht, dieses Verständnis verschwindet sehr schnell, wenn wir nicht mit einem einfältigen, einfachen Auge auf den Meister und den Vater blicken. Dann werden uns die „Schätze“ dieser Erde auf einmal wertvoll. Wir werden einem Herrn dienen, welcher der Gegner Gottes und der Gegner unseres Meisters ist.

Die jüdische Belehrung

Auch diese beiden Verse haben einen direkten Bezug zu dem jüdischen Bereich. Gerade gegenüber dem Volk Israel hatte sich Gott in wunderbarer Weise offenbart. Ihm hatte Er nach Römer 9 viele Segnungen geschenkt. Zuletzt war Er im Sohn (Heb 1,2) zu den Juden gekommen und hatte sein Licht und seine Liebe unter ihnen in vollkommener Weise gezeigt. So war das Licht der Welt wie eine Stadt für sie erkennbar, die oben auf einem Berg liegt und nicht verborgen sein kann (vgl. Mt 5,14).

Was aber haben sie mit dieser Offenbarung Gottes gemacht? Ihr Auge war nicht einfältig, sondern böse. Sie erkannten Christus nicht als Sohn Gottes an, sondern schrieben die Wunder, die Er in der Kraft des Geistes Gottes vollbrachte, dem Teufel zu (vgl. Mt 12,24). Gerade die Führer des Volkes sahen in Ihm nicht die Offenbarung Gottes, sondern einen Konkurrenten. So sahen sie nicht mit einem einfältigen Auge auf Ihn, sondern voller Hass und Eifersucht. Dadurch wurde ihr ganzer Leib finster. Heute befindet sich das Volk daher in Finsternis und sie erkennen nicht, dass ihr Messias längst gekommen und vor 2.000 Jahren am Kreuz gestorben ist, um sie zu erretten (Mt 1,21).

Paulus spricht in einem anderen Bild von diesem Zustand, wenn er schreibt, dass jetzt eine Decke auf ihrem Herzen liegt (2. Kor 3,15). Das aber wird sich ändern. Wenn der gläubige Überrest in künftiger Zeit entstehen wird, indem sie umkehren und ihre Schuld vor Gott bekennen werden (vgl. Jes 53), werden sie im Glauben den anschauen, den sie einst durchstochen haben (Sach 12,10). Sie werden nur noch Augen für diesen Retter haben, der für sie starb. Und so werden auch sie wieder zu einer Stadt auf dem Berg werden, durch welche die Nationen das Licht sehen können und Gott verherrlichen (vgl. Sach 14,16 ff.).

Vers 24: Der Herr des Jüngers: Gott oder Mammon

„Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den anderen lieben, oder er wird einem anhangen und den anderen verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon“ (Vers 24).

Der letzte Punkt in dieser Dreiergruppe ist die Frage nach der Herrschaft im Leben eines Jüngers und nach seiner Zuneigung. Vielleicht will der Herr an dieser Stelle die Quelle der Lebensausrichtung eines Jüngers aufdecken: himmlisch oder irdisch, einfältig oder böse? Jedenfalls bedingt das eine das andere: Ein Jünger wird Gott gerne dienen, wenn er einfältig auf den Vater sieht und Licht in sich aufnimmt. Andererseits wird er nur dann Licht aufnehmen und sein Leben für bleibende Schätze führen, wenn er von Herzen Gott dienen möchte.

Einem Jünger mag gar nicht bewusst sein, dass seine Entscheidungen offenbaren, ob er dem Mammon oder Gott dienen will. Mammon ist eine aramäische Bezeichnung für Reichtum und Besitz. Es ist bezeichnend, dass der Herr Jesus den Mammon wie eine Person beschreibt. Das Streben nach Reichtum kann einen Menschen regelrecht beherrschen, wie wir in Verbindung mit 1. Timotheus 6 bereits gesehen haben. Die Wurzel dazu besteht in der Begierde, dem Neid und der Habgier.

Auch bei diesem dritten Aspekt der Lebensausrichtung eines Jüngers stellt der Herr Jesus nur ein Entweder-oder vor. Von einem „goldenen Mittelweg“ spricht Er nicht. Dennoch wissen wir aus unserem eigenen Leben, dass es auch hier wieder viele Schattierungen geben kann. Aber der Herr möchte uns die abstrakten Grundsätze zeigen, die das Leben eines Jüngers kennzeichnen sollen. Entweder ist unser Herz im Himmel und bei Gott, oder auf der Erde, was früher oder später mitten in die Welt des Reichtums führt.

Wenn ein Jünger die Stellung verwirklichen möchte, die Christus in Kapitel 5 klar bezeichnet hat, kann er nur eine Lebensausrichtung haben: Gott. Es ist interessant, dass erst an dieser Stelle das zweite Mal in der Bergpredigt von „Gott“ die Rede ist. Sonst hat der Herr Jesus meist von dem „Vater“ gesprochen. Hier geht es aber nicht um die Beziehung des Jüngers; hier steht der Gehorsam im Vordergrund. Den leisten wir dem Herrn, das ist Gott. Aber dieser Gehorsam wird mit „lieben“ und „anhangen“ in Verbindung gebracht. Ein Jünger liebt seinen Herrn, denn Gott ist ein gütiger Gott, der das Wohl seiner Knechte sucht. Gleiches sehen wir bei Christus, der nach dem Vorbild in 2. Mose 21 seinen Gott liebte und Ihm deshalb diente.

Die Konsequenz davon, dass man sich dem Reichtum verschrieben hat, ist sehr ernst: Wer in seinem praktischen Verhalten den Mammon, das Geld, den Reichtum und die Ehre in der Welt liebt, der verachtet letztlich Gott. Denken wir an den Vers von Jakobus: „Wisst ihr nicht, dass die Freundschaft der Welt Feindschaft gegen Gott ist? Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, erweist sich als Feind Gottes“ (Jak 4,4). Der Mammon ist die Welt. In der abstrakten Sprache Gottes bedeutet das Lieben des Mammons zugleich, Gott zu hassen. Vielleicht können wir aufrichtig sagen, dass unser Leben nicht vom Streben nach Reichtum gekennzeichnet ist. Aber dabei müssen wir bedenken: Wenn diese Haltung uns auch nur in einigen Fällen charakterisiert, gleicht dies zumindest einer teilweisen Verachtung Gottes!

Das Entscheidende für den Jünger ist: Er kann nur einem dieser beiden Herren dienen, entweder Gott oder dem Mammon. Sie schließen einander aus, sind einander entgegengesetzt. Zwei Herren gleichzeitig – im wahrsten Sinne des Wortes – „dienen“ ist unmöglich, sowohl im irdischen als auch im geistlichen Bereich. So sind auch die beiden Herren Gott und Mammon nicht vereinbar. Wer sein Leben auf Geld und Vermögen ausrichtet, schließt Gott als Herrn aus seinem Leben aus. Damit hört er praktischerweise auf, Jünger Christi zu sein.

Diese weit reichende Konsequenz stellt der Herr Jesus seinen Jüngern und damit uns vor. Geld dient unserem Lebensunterhalt. Wenn wir aber anfangen, dem Geld zu dienen, machen wir das Mittel selbst zum Zweck. Das führt zum Schaden für uns und unsere Umgebung. Vergessen wir nicht, dass unsere Kinder und Mitgeschwister zumindest spüren, wie wir mit diesen Dingen umgehen. Und damit üben wir über das Böse, das wir selbst begehen, noch einen schlechten Einfluss auf andere aus.

Die jüdische Belehrung

Auch für die Jünger damals, die ja Juden waren, hatte dieser Vers eine besondere Bedeutung. Im Alten Testament war den Treuen ein reiches irdisches Erbe verheißen worden. Beispielsweise heißt es in dem Segen in 5. Mose 28: „Der Herr wird dir den Segen entbieten in deine Speicher und zu allem Erwerb deiner Hand, und er wird dich segnen in dem Land, das der Herr, dein Gott, dir gibt … Und der Herr wird dir Überfluss geben an der Frucht deines Leibes und an der Frucht deines Viehs und an der Frucht deines Landes, zum Wohlergehen in dem Land, das der Herr deinen Vätern geschworen hat, dir zu geben“ (Verse 8.11).

Jetzt mussten die Jünger jedoch lernen, dass Reichtum zwar ein Segen Gottes war, dass es Gott aber im tiefsten Sinn überhaupt nicht um äußeren Reichtum geht. Salomo hatte das schon früh verstanden und wurde daher von Gott in besonderem Maß gesegnet (1. Kön 3,11–13). Jetzt aber lernten die Jünger, dass sich das Regierungshandeln Gottes änderte. Äußerer Reichtum versklavte den Menschen nur. Von nun an zeigte der Herr Jesus, dass es auf inneren Reichtum ankam. Den kann nur jemand besitzen, der sich Gott unterwirft, um Ihm mit ganzem Herzen und einfältigem Auge zu dienen.

6. Die Haltung des Jüngers im Reich: Vertrauen zum Vater (V. 25–34)

Der Herr Jesus hat seine Jünger auf die richtige Lebensausrichtung hingewiesen. Jetzt zeigt Er, dass dieser Blickwinkel zum Vertrauen gegenüber dem Vater in den Himmeln führt. Wer den richtigen Blick bewahrt, wird auch die richtige Gesinnung haben und in jeder Situation seines Lebens auf den Vater vertrauen.

Das ist übrigens in Übereinstimmung mit den Erfahrungen, die viele Christen gemacht haben. Paulus dient uns hier als ein gutes Vorbild: „Ich habe gelernt, worin ich bin, mich zu begnügen. Ich weiß sowohl erniedrigt zu sein, als ich weiß, Überfluss zu haben; in jedem und in allem bin ich unterwiesen, sowohl satt zu sein als zu hungern, sowohl Überfluss zu haben als Mangel zu leiden“ (Phil 4,11.12). Paulus hatte dies gelernt. Es war keine Sache, die er so nebenbei mitgenommen hätte. Man muss sie wirklich durch Erfahrung lernen. Wer ihm nacheifert, wird auch als Jünger im Königreich der Himmel die richtige Haltung des Vertrauens zum Vater zeigen.

Auch dieser Abschnitt der Bergpredigt malt ein Schwarz-Weiß-Bild. Das heißt, er ist sehr absolut und stellt das Ideal dar, damit die Belehrung ganz deutlich wird. Diese Darstellung wird uns auch im siebten Kapitel wieder begegnen. Die Aufforderung, nicht für das Leben besorgt zu sein, mag auf den ersten Blick wie eine Aufforderung wirken, nicht mehr zu arbeiten. Sollen wir also keine Vorsorge treffen und nicht mehr für das äußere Wohl der eigenen Familie sorgen? Nein, das kann nicht gemeint sein! Das wissen wir aus anderen Stellen wie den beiden Thessalonicherbriefen.

Der Herr Jesus ruft seine Jünger in dieser Ansprache auf, ihrem himmlischen Vater zu vertrauen – auch in der täglichen Versorgung. Sie sollen nicht dem Mammon dienen. Sie brauchen das auch nicht, weil sie wissen, dass ihr himmlischer Vater alle Bedürfnisse decken kann. Wenn sie Ihm dienen, wird Er auch für sie sorgen. Wenn Sie dem Meister nachfolgen, koste es, was es wolle, dann werden sie dadurch keinen Nachteil haben. Alles, was sie benötigen, wird ihnen geschenkt werden.

Die jüdische Belehrung

Die Aufforderungen des Herrn Jesus in den vor uns liegenden Versen berücksichtigen einmal mehr den jüdischen Charakter der Jünger. Ihr Meister bereitet sie auf die Missionsaufgaben vor, von denen Er später in diesem Evangelium ausführlicher spricht. Sie würden in der Arbeit für ihren Messias zu jeder Zeit versorgt werden.

Zweifellos haben diese Verse darüber hinaus einen besonderen Bezug zu den gläubigen Juden, die nach der Entrückung der Erlösten (vgl. 1. Thes 4,15 ff.) einen neuen Überrest auf der Erde bilden werden. Nach Matthäus 24,4–28 werden sie durch furchtbare Drangsale hindurchgehen müssen. Sie werden oft nicht wissen, wie sie den Tag überleben und ausreichend Nahrung und Kleidung bekommen können (vgl. die Bitte in Vers 11). Ein Teil von ihnen wird einmal aufgefordert werden, in größter Eile Jerusalem und seine Umgebung zu verlassen, ohne zurück ins Haus gehen zu können, um Kleidung und Nahrung mitnehmen zu können (vgl. Mt 24,16–18). Daher sind sie vollständig darauf angewiesen, dass Gott ihnen Nahrung und Kleidung schenkt. So werden diese Verse für sie einen großen Trost darstellen, eine Ermunterung, auszuharren in schwersten Umständen.

Dasselbe gilt für diejenigen unter ihnen, die als Missionare (Boten) in die ganze Welt eilen werden, um das Evangelium des Königreiches zu predigen (Mt 24,14). Sie haben weder ausreichend Mittel noch Wechselkleidung und genügend Nahrungsmittel dabei, um die ganze Zeit überleben zu können. So wird ihr Vertrauen auf ihren himmlischen Vater erprobt. Und Gott wird für sie sorgen – Er sagt es ihnen hier zu.

Genauso ist es für einen Diener des Herrn Jesus heute. Wenn er bereit ist, auf finanzielle Vorteile im Beruf zu verzichten, um dem Herrn mehr zur Verfügung zu stehen, wird ihn dieser niemals im Stich lassen. Das gilt auch für die menschlichen Bedürfnisse. Zwar sollte niemand erwarten, im Königreich Gottes reich zu werden, aber wir haben einen Vater im Himmel, der uns stets das Nötige geben wird.

Verse 25–32: Nicht besorgt sein

„Deshalb sage ich euch: Seid nicht besorgt für euer Leben, was ihr essen oder was ihr trinken sollt, noch für euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung? Seht hin auf die Vögel des Himmels, dass sie nicht säen noch ernten, noch in Scheunen sammeln, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr nicht viel vorzüglicher als sie? Wer aber unter euch vermag mit Sorgen seiner Größe eine Elle zuzusetzen? Und warum seid ihr um Kleidung besorgt? Betrachtet die Lilien des Feldes, wie sie wachsen: Sie mühen sich nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass selbst nicht Salomo in all seiner Herrlichkeit bekleidet war wie eine von diesen. Wenn aber Gott das Gras des Feldes, das heute da ist und morgen in den Ofen geworfen wird, so kleidet: dann nicht vielmehr euch, ihr Kleingläubigen? So seid nun nicht besorgt, indem ihr sagt: Was sollen wir essen?, oder: Was sollen wir trinken?, oder: Was sollen wir anziehen? Denn nach all diesem trachten die Nationen; denn euer himmlischer Vater weiß, dass ihr dies alles nötig habt“ (Verse 25–32).

Wir gehen diese Verse, die selbsterklärend sind, kurz durch, um Belehrungen für uns als Jünger des Herrn zu erkennen. Wir lernen hier unseren himmlischen Vater kennen. Es ist ein Vater, der sorgt, ein Vater, der alles weiß, ein Vater, der uns liebt. Er möchte uns vor den Gefahren, den Schlingen, den Schmerzen bewahren, die durch Hast und Eigensinn in Bezug auf äußere Dinge entstehen können. Der Herr zeigt, wie töricht eine solche Beunruhigung ist. Dankbare Herzen werden vor solchen Überlegungen bewahrt.

Der Herr Jesus warnt davor, sich Sorgen zu machen. An dieser Stelle ist es nützlich, darauf hinzuweisen, dass dieses Wort „sich Sorgen machen (merimnao: sorgen, besorgt oder bekümmert sein, Sorge tragen für, sich sorgen um, grübeln), im Neuen Testament in unterschiedlicher Weise vorkommt. Manchmal wird es positiv auf Christen angewendet. An anderen Stellen – wie auch hier – wird davor ausdrücklich gewarnt. Paulus hatte Sorge um die Versammlungen (2. Kor 11,28). Der Unverheiratete ist um die Dinge des Herrn besorgt (1. Kor 7,32) usw. In diesem Sinn dürfen wir die Dinge des Herrn, auch unsere Kinder, auf sorgendem Herzen tragen, die wir unserem Herrn bringen.

Demgegenüber aber gibt es eine innere Unruhe, eine Angst, dass uns Dinge aus dem Ruder laufen und nicht unter unserer Kontrolle sind. Diese Unruhe meint der Herr in diesen Versen. Auch Martha war unnötig besorgt (Lk 10,41). Was sollen wir uns über Dinge Gedanken machen, die außerhalb unserer Macht stehen? Was darüber grübeln, ob dies oder jenes eintreten könnte? Wenn der Herr uns vor dieser falschen Sorge warnt, ruft Er uns nicht zu einer Sorglosigkeit, Gleichgültigkeit oder Interesselosigkeit auf.

  1. Vers 25: Aufforderung, sich keine Sorgen zu machen. Der Herr Jesus zieht aus den drei Aspekten der richtigen Lebensausrichtung eine notwendige Schlussfolgerung für Jünger, was Essen, Trinken und Kleidung, also materielle Dinge betrifft. Wer die richtige Perspektive für seinen Jünger-Dienst hat, braucht nicht für sein irdisches Leben besorgt zu sein. Er schaut auf zum Himmel – von dort kommt seine Hilfe. Er dient Gott, und der Vater wird aus seinem Reichtum das Nötige geben. Weil Er Vater ist, wird Er einem himmlisch gesonnenen Jünger alles geben, was er nötig hat. Wer sich dagegen ständig mit dem Irdischen beschäftigt (vgl. Phil 3,19), wird sich auch Sorgen um das Irdische machen. Die Ursache für diese verkehrte Blickrichtung ist seine falsche Lebensausrichtung (vgl. V. 19–24). Steht das Herz gut, braucht es sich keine Sorgen zu machen.
    Der Jünger muss bei diesen Fragen jedoch bedenken, dass der Sinn des Lebens weit über das Biologische hinausragt und der des Leibes weit über das Materielle. „Ist nicht das Leben mehr als die Nahrung und der Leib mehr als die Kleidung?“ Es geht für den Jünger nicht in erster Linie darum, das Leben durch Nahrung zu erhalten und den Körper zu bekleiden. Es sollte ihm viel wichtiger sein, dass sein Leben und sein Leib Aufgaben im Königreich der Himmel übernehmen. Dieser zweite Blickwinkel ist viel wichtiger. Der Jünger soll sein Leben für seinen Meister einsetzen. Wenn das unser Ziel ist und wir die richtigen Prioritäten setzen, werden wir auch dem Vater vertrauen, dass Er uns ausreichend Nahrung und Bekleidung schenken wird. Wenn wir bereit sind, unseren Körper ganz in den Dienst unseres Herrn zu stellen, werden wir keinen Wert auf bekannte Marken und exklusive Kleidungsstücke legen. Wir dürfen aber darauf vertrauen, dass uns die nötige Kleidung hinzugefügt werden wird, wie auch die nötige Nahrung. Denn der Vater lässt nicht zu, dass die Seinen, die sich für Ihn einsetzen, umkommen.
  2. Vers 26: Beispiel 1 – Vögel sorgen nicht vor und werden doch versorgt (Nahrung). Der Herr zieht nun einen ersten Vergleich. Die meisten Vögel „kennen“ nur die Gegenwart – Gott hat das so in ihr Leben hineingelegt. Dennoch brauchen sich Vögel nicht zu sorgen, denn der himmlische Vater versorgt sie. Jesus schließt diesen Vers ab: „Seid ihr nicht viel vorzüglicher als sie?“ Nicht die Art des Handelns der Vögel wird uns als Vorbild mitgeteilt, sondern die Versorgung dieser Tiere durch unseren himmlischen Vater. Und um wie viel wertvoller sind wir als die Vögel! Uns wird gesagt, dass wir nicht unser ganzes Sinnen auf die „Nahrungssuche“ ausrichten sollen. Der Vater liebt uns doch und sorgt für uns!
    Natürlich gibt es gläubige Arbeitslose, die eine berechtigte Sorge um das tägliche Brot für ihre Familie haben. Aber Gott zeigt uns in seinem Wort, dass Er auch in aussichtslos erscheinenden Situationen hilft. Denken wir nur an Elia, der durch Raben versorgt wurde, oder an die arme Witwe, zu der er danach gesandt wurde (1. Kön 17,6–16). Jeder Jünger und Diener des Herrn, darf sich durch solche Beispiele ermuntern lassen.9
  3. Vers 27: Sorgen bringen nicht weiter! Der Herr Jesus weist seine Jünger darauf hin, dass sie weder ihre Körpergröße (vgl. Lk 19,3) noch ihr Lebensalter (vgl. Joh 9,23; Heb 11,11) verändern können, so sehr sich das mancher Mensch wünschen mag. Genauso nutzlos, wie die Körpergröße und das Lebensalter verändern zu wollen, ist die Sorge um das tägliche Auskommen. Oft ist die Sorge eine ständige Unruhe. Diese verurteilt der Herr hier. Wichtig ist, dass der Jünger versteht: Er hat nicht die Macht, seine Größe oder sein Alter zu verändern. Er kann es nicht. Genauso wenig kann er die Probleme und Bedürfnisse des Lebens verändern. Er kann aber eines tun: seinem Vater vertrauen. Das reicht vollkommen, denn der Vater sorgt für ihn.
  4. Verse 28.29: Beispiel 2 – Lilien sorgen sich nicht um Kleidung und sind doch schön (Bekleidung). Der Herr Jesus führt nun ein zweites Beispiel an. Blumen wachsen, ohne sich zu mühen. Dennoch sind sie in einer herrlichen Weise „bekleidet“, ohne dass sie ständig an ihre Kleidung „denken“ oder dafür arbeiten – sie können es gar nicht. Aber der himmlische Vater hat ihnen eine Herrlichkeit gegeben, die sogar diejenige Salomos übersteigt. Was für eine Fürsorge, die der Vater für eine solche, unscheinbare Blume, übt.
  5. Verse 30.31: Schlussfolgerung – Wiederholung der Aufforderung, sich keine Sorgen zu machen. Wenn sich Blumen keine Sorgen um ihre Kleidung machen müssen, warum sollte sich dann ein Jünger darum sorgen? Ist er in den Augen des Vaters nicht viel mehr wert? Die Blume vergeht und wird in den Ofen geworfen. Der Jünger jedoch bleibt. Warum sollte er sich dann in einer Weise Sorgen machen, die für jemanden, der vor dem Vater lebt, einfach unnötig sind?
    Natürlich heißt das nicht, dass wir nicht an die Versorgung der Familie und ihre Bedürfnisse denken dürfen. Wir sollen es sogar, denn wir sind verantwortliche Menschen. Aber wir sollten diesen Fragen nicht gestatten, unser ganzes Denken auszufüllen. Dann hätten wir nämlich keine Zeit und Freude mehr, uns mit Wichtigerem zu beschäftigen.
    Als Christen dürfen wir auch Stellen wie Römer 8,32 auf unsere Situation anwenden: Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, um uns zu erretten. Daher wird Er uns mit Ihm auch alles Weitere schenken, das wir nötig haben. Wir können unsere Sorgen getrost auf unseren himmlischen Vater werfen (vgl. 1. Pet 5,7). Wenn Gott sogar den Raben ihre Speise bereitet (Hiob 38,41); wenn Gott sogar Raben benutzen kann, um seine Diener zu versorgen (1. Kön 17,6): Hat Er dann nicht alle Mittel in der Hand, um alle Gläubigen zu versorgen?
    Wir finden in dieser Zusage erneut eine Parallele zu alttestamentlichen Verheißungen. In Jesaja 33,15.16 hatte Gott durch den Propheten Jesaja sagen lassen: „Wer in Gerechtigkeit wandelt und Aufrichtigkeit redet; wer den Gewinn der Bedrückungen verschmäht; wer seine Hände schüttelt, um keine Bestechung anzunehmen; wer sein Ohr verstopft, um nicht von Bluttaten zu hören, und seine Augen verschließt, um Böses nicht zu sehen: Der wird auf Höhen wohnen, Felsenfestungen sind seine Burg; sein Brot wird ihm dargereicht, sein Wasser versiegt nie.“ Sollte das nicht erst recht für diejenigen gelten, die den Herrn Jesus als persönlichen Retter kennen und Ihm nachzufolgen begehren?
    Zum ersten Mal benutzt unser Herr jetzt in diesem Evangelium den Ausdruck „Kleingläubige“. Auch Jünger können wenig Glauben offenbaren. Das gefällt dem Herrn Jesus zweifellos nicht. Aber Er macht offenbar, dass gerade dieser Punkt im Leben von Jüngern oft ein Schwachpunkt ist. Daher legt Er den Finger in die Wunde, um eine Veränderung zu bewirken.
  6. Vers 32: Der Vater weiß. Es ist ein wunderbares Wissen für den Jünger, dass der Vater alle Umstände seiner Jünger vollständig kennt. Er weiß, was wir nötig haben und schenkt uns alles, was wir wirklich brauchen. Wenn wir Essen, Trinken und Kleidung zu unserem Lebensinhalt machen, gleichen wir den Nationen. Dieser Ausdruck spricht von denjenigen, die keine Beziehung zu Gott haben. Dass solche Menschen sich Sorgen machen und nicht auf Gott vertrauen, kann man nachvollziehen. Dass sie hinter diesen äußerlichen Gegenständen herjagen, kann man ebenfalls begreifen. Dass aber auch Jünger, die eine lebendige Beziehung zum Vater haben, so kleingläubig sein können, passt nicht zu ihrer Stellung. Der Herr nimmt bei Jüngern grundsätzlich nicht an, dass sie gar keinen Glauben haben, denn dann wären sie ungläubig. Deshalb facht Christus den vorhandenen Glauben seiner Jünger an, damit sie mehr Glauben zeigen können.

Verse 33–34: Schlussfolgerung – echtes Vertrauen

„Trachtet aber zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, und dies alles wird euch hinzugefügt werden. So seid nun nicht besorgt für den morgigen Tag, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat an seinem Übel genug“ (Verse 33.34).

In den letzten beiden Versen dieses Kapitels zieht der Lehrer noch einmal zwei wichtige Schlussfolgerungen für das Leben seiner Jünger:

  1. Der Jünger muss die richtigen Prioritäten in seinem Leben setzen. Das Königreich Gottes ist wichtiger als die irdischen Bedürfnisse. Es fällt auf, dass der Herr Jesus zum ersten Mal vom Königreich Gottes (und nicht vom Königreich der Himmel) spricht. Das hat seine Gründe. Offenbar steht der moralische Aspekt des Reiches im Vordergrund, nicht so sehr die künftige Aufrichtung des Königreichs oder die Herrschaft vom Himmel her. Diese wird bei dem Ausdruck „Reich der Himmel“ betont. Es geht also darum, nach der Verwirklichung dieses Königreichs Gottes zu streben.
    Wer diese Gerechtigkeit Gottes, die auf die praktische Gerechtigkeit im Glaubensleben abzielt, zu verwirklichen sucht, hat die richtigen Prioritäten gesetzt. Wer das tut, braucht sich um die Versorgung seines Körpers und um die Kleidung keine Sorgen zu machen – das wird ihm darüber hinaus hinzugefügt werden. Das heißt aber nicht, dass man nach den äußeren Dingen dann aber in zweiter Linie trachten sollte. Sie sollen für uns überhaupt nicht im Fokus stehen – Gott wird uns auch damit segnen, wenn wir Ihm den zentralen Platz in unserem Leben geben.
    Es ist ein Vorrecht für den Jünger, sich in einer Welt der Ungerechtigkeit und Sünde durch das Üben praktischer Gerechtigkeit auszuzeichnen. Da, wo durch Ungerechtigkeit alles verdorben und verunreinigt ist, dürfen wahre Jünger praktische Gerechtigkeit verbreiten. Das setzt ein reines Herz und die richtigen Beweggründe für das Handeln voraus. Darüber hat uns der Herr in den ersten Abschnitten dieses Kapitels belehrt.
    Es gibt dafür ein prominentes Beispiel im Alten Testament. Der in Vers 29 zitierte Salomo hat am Anfang seines Lebens genau das getan. Als Gott ihm in der Nacht im Traum erscheint, bittet er: „So gib denn deinem Knecht ein verständiges Herz, um dein Volk zu richten, zu unterscheiden zwischen Gutem und Bösem“ (1. Kön 3,9). Weil Salomo nicht um Reichtum und Ehre, sondern um moralische Dinge gebetet hatte, fügte ihm Gott auch den Reichtum noch hinzu.
  2. Der Jünger soll sich also nicht wegen des morgigen Tages beunruhigen. Jeder Tag hat seine eigenen Aufgaben, seine eigenen Mühen und seine eigenen Herausforderungen, die zu bewältigen sind. Es reicht aus, sich mit diesen auseinanderzusetzen. Warum sollte man sich mit den Sorgen des morgigen Tages beschäftigen? Entweder sind die aus heutiger Sicht morgen aufkommenden Sorgen durch die Umstände gar nicht mehr vorhanden: Dann muss man sich fragen, warum man sich überhaupt betrübt hat. Oder sie sind wirklich vorhanden: Dann ist aber auch der Gott der Barmherzigkeit da, um das Vertrauen in Ihn zu stärken und die Schwierigkeiten zu überwinden. In diesem Fall reicht es, wenn ich morgen, also dann, wenn der Herr auch wirklich helfen wird, die Sorgen ins Auge fasse. Wenn ich das im Vertrauen darauf tue, dass Er hilft, entspreche ich seiner Belehrung an dieser Stelle. Heute würden mich die Sorgen für das Morgen nur in falscher Weise beunruhigen und sogar belasten.

Der Jünger soll „heute“ mit den Dingen des Reiches Gottes erfüllt sein. Damit hat er genug zu tun. Dann wird er sich in seinem täglichen Glaubensleben auf Wegen der Gerechtigkeit bewahren. Wenn er das tut, hat der Jünger keine Zeit und Muße mehr, sich mit unnötigen Überlegungen über die Zukunft zu beunruhigen, und sei es der folgende Tag. Sie mögen wirklich da und sogar groß sein. Aber wenn der Herr heute noch keine Lösung schenkt, werden wir kleinen Menschen diese erst recht nicht entwickeln können, jedenfalls nicht auf eine Weise, die Gott wohlgefällig ist. Der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.

Das sind wirklich Lektionen, die jeder Jünger zu bedenken hat, wenn er sein Leben in gottgemäßer Weise führen möchte. Gläubige Christen finden hier ein Lebensprogramm für ihre Jüngerschaft.

Fußnoten

  • 1 Dieses Abhängigkeitsverhältnis wird natürlich heute bei Spendenkonten etc. vermieden.
  • 2 Der Begriff „öffentlich“ meint natürlich nicht, dass es unbedingt in aller Öffentlichkeit geschieht. Er beinhaltet nur, dass es mitbetende, nicht zur Familie gehörende Zuhörer gibt.
  • 3 Auch wenn das hier nicht im Blickpunkt des Herrn ist: Das persönliche Gebet, dieses Gespräch zwischen einem Menschen und Gott, soll von niemandem gestört werden. Es soll auch niemand anderes erfahren, was man betet.
  • 4 Interessanterweise findet sich in Markus 11,25.26, wo der Evangelist Gedanken des Herrn über das Gebet weitergibt, das wohl einzige Vorkommen dieses Ausdrucks außerhalb des Matthäusevangeliums. Dort finden wir die Parallele zu Matthäus 6,14.15.
  • 5 Viele Ausleger sprechen von sieben Bitten des „Vaterunser“. Ich folge hier dem Vorschlag von F. B. Hole in seinen Betrachtungen über das Neue Testament, der sich dort auf sechs Bitten bezieht. Da die beiden letzten Punkte vom Herrn unmittelbar miteinander verbunden werden, kann man sie auch nach meinem Verständnis kaum trennen. Daher ergibt es Sinn, sie hier zusammenzufassen.
  • 6 Die gläubigen Juden, die durch die große Drangsalszeit in das 1.000-jährige Friedensreich eingehen werden (vgl. Sach 13,8.9; Off 7,14), stellen die irdische Seite dieses Königreichs dar. Aber Christus wird aus dem Himmel kommen, um dieses Reich aufzurichten. Er kommt nicht allein, sondern andere kommen mit Ihm: „bei der Ankunft unsers Herrn Jesus mit allen seinen Heiligen“ (1. Thes 3,13). Das sind die Gläubigen des Alten Testaments und die wahren Christen, die nach 1. Thessalonicher 4,15–17 entrückt worden sind. Sie werden den himmlischen Teil der Herrschaft des 1.000-jährigen Friedensreichs bilden, das in Offenbarung 20,2.3 angekündigt wird.
  • 7 Zwei weitere Punkte sprechen dagegen, dass der Herr diese himmlische Seite in Matthäus 6 betont: Erstens spricht Er in Matthäus 25,33.34 vom Segen für die Gläubigen aus den Nationen. Das sind Heiden, die sich während der siebenjährigen Drangsalszeit auf die Seite des Messias stellen werden, also in der sogenannten 70. Jahrwoche Daniels (Dan 9,27), auf die der Herr Jesus in Matthäus 24,7–31 zu sprechen kommt. Ihnen wird gesagt: „Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an.“ Auch hier geht es – Matthäus-typisch – um den Vater. Diese Gläubigen aus den Nationen, welche durch die Drangsalszeit gehen werden, sind im Reich von Ihm gesegnet, nämlich vom Vater. Sie wohnen dann aber auf der Erde, auch wenn sie mit dem Vater in Verbindung gebracht werden. Mit anderen Worten: Die Nennung des Königreiches in Verbindung mit dem Vater bedeutet nicht automatisch, dass die himmlische Seite des Reiches gemeint ist. Zweitens lesen wir in Verbindung mit der Einführung des Gedächtnismahls in Matthäus 26,29: „Ich sage euch aber: Ich werde von jetzt an nicht von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis zu jenem Tag, wenn ich es neu mit euch trinke in dem Reich meines Vaters.“ Hier bezieht sich der Herr Jesus klar auf das 1.000-jährige Reich. Dann wird Er mit den Seinen, wozu auch wir, die himmlischen Gläubigen gehören werden, auf diese Erde zurückkommen, um über diese Erde zu regieren. Er nennt dieses Reich auch dort das „Reich meines Vaters“. Und doch liegt die Betonung erneut nicht auf der himmlischen Seite des Reiches. Denn der Wein symbolisiert zwar die Freude, die Er dann genießen wird. Aber so, wie die Jünger buchstäblichen Wein vor sich hatten, so wird der Herr dann auf der Erde wirklich wieder diesen Wein des Passahfestes trinken.
  • 8 Der Vater ist natürlich niemand anderes als Gott. Aber die Heilige Schrift verwendet den Namen „Gott“ oft gerade dann, wenn es um sein souveränes Tun und seine Allmacht geht. Wenn von dem Vater die Rede ist, dann geht es um seine Beziehung zu anderen, oft zu den Gläubigen.
  • 9 Man kann auch an Beispiele von Gläubigen in der Kirchengeschichte denken. Georg Müller, der in Großbritannien ohne Eigenmittel, ganz im Vertrauen auf Gott Waisenhäuser errichtet hat, ist ein solches. Mehrfach hatte er keine Speisen auf dem Tisch stehen. Dennoch dankte er dem Vater im Himmel für das Essen im Beisein seiner Waisenkinder, so dass die versammelte Menge im Vertrauen auf Gott auf dessen Antwort wartete. Durch Gottes Wundertaten wurden exakt im Augenblick des Gebets Speisen durch die Eingangstür befördert.
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