Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 5

III. Die Grundsätze des Königreichs der Himmel (Mt 57)

Mit Kapitel 5 kommen wir nun zu der „Magna Charta“1 des Königreichs der Himmel. Die Kapitel 5–7 bilden eine Einschaltung in den eigentlichen Bericht des Matthäus. Kapitel 8 schließt direkt an die letzten Verse von Kapitel 4 an und setzt die Berichterstattung fort: Wieder folgen dem Herrn Jesus große Volksmengen und Er heilt ihre Krankheiten.

Während dieser Segensperiode stellt Christus in den Kapiteln 5–7 die großen Kennzeichen seines Königreichs vor. Wir lernen etwas über den wahren Charakter dieses Königreichs und erfahren, wer überhaupt in dieses Königreich eingehen darf.

Diese Predigt muss in dem schon beschriebenen Zusammenhang gesehen werden. In Kapitel 4,23 fasst Matthäus den Dienst des Messias zusammen: „Und Jesus zog in ganz Galiläa umher, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen unter dem Volk.“ In Verbindung damit entfaltet der König nun die Grundsätze seines Reiches. Seine gewaltige Macht – offenbart durch Wunderheilungen – begleitet also dessen Verkündigung.

Einleitende Bemerkungen zur Bergpredigt

Ehe wir uns den Einzelheiten dieser ersten der fünf großen Reden des Herrn Jesus im Matthäusevangelium widmen, sollen einige grundsätzliche Bemerkungen das Verständnis erleichtern. Der Ausdruck „Bergpredigt“ kommt in der Schrift zwar nicht vor, doch er ist passend, da die Ansprache auf einem Berg gehalten wurde (Mt 5,1; 8,1). Zudem macht dieser Ausdruck den Charakter dieser Magna Charta des Königreichs deutlich: Es ist das Königreich der Himmel, und dementsprechend spricht Christus von oben – vom Berg aus – zu den Jüngern.

  1. Die sogenannte Bergpredigt war historisch vermutlich keine zusammenhängende Rede des Herrn. Innerhalb der drei Kapitel finden sich auch keine zeitlichen Bezüge (daraufhin, danach, dann), wie das besonders im Markusevangelium immer wieder der Fall ist, wenn zeitlich aufeinanderfolgende Reden oder Ereignisse beschrieben werden. In Kapitel 7,28 spricht der Herr ausdrücklich von „Reden“ (in der Mehrzahl).
    Dass die „Bergpredigt“ wahrscheinlich mehrere Reden zusammenfasst, wird auch deutlich, wenn man die Teile der Kapitel 5–7 anschaut, die Lukas wiedergibt: Lukas 6,20–49; 11,1–13; 12,22–31; 16,132. Dort machen die genannten Umstände klar, dass es sich um verschiedene Gelegenheiten handeln muss. Matthäus fasst dagegen verschiedene Ansprachen des Herrn zusammen. Das wird den Leser dieses Evangeliums nicht verwundern, denn auch das Ende von Kapitel 4 zeigt schon, dass es dem Geist Gottes in diesem Evangelium nicht um Chronologie geht. Er fasst gewisse Themen unter einem bestimmten Blickwinkel zusammen. Später werden auch bestimmte Wunder in Gruppen zusammengefasst. Sind die drei Kapitel 5–7 nicht zugleich eine wunderbare erste Erfüllung von Jesaja 53,11: „Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen“? Natürlich werden diese Worte ihre volle Erfüllung erst vor dem 1.000-jährigen Königreich finden. Aber schon damals zeigte der Messias, wie praktische Gerechtigkeit vor Gott möglich ist – ein großes Thema der Bergpredigt.
  2. In der Bergpredigt spricht Jesus als der Messias, der König-Prophet der Juden. Es geht also nicht um einen selbsternannten Lehrer, sondern um den, der eine Beziehung zu seinem irdischen Volk besitzt. Er ist derjenige, der im Alten Testament als König, als Prophet und Lehrer für sein Volk angekündigt worden ist.
  3. Allerdings merken wir sogleich, dass die Verhältnisse anders waren, als die Juden sie erwartet hatten. Wie kann man sonst die Hinweise auf Verfolgung, auf Tränen und Leiden verstehen, wo Gott doch ein Königreich in Macht und Herrlichkeit angekündigt hatte? Der Herr lehrt hier nicht seine Ablehnung vonseiten des Volkes Israel, aber seine Verwerfung wird offensichtlich vorausgesetzt – anders könnte man den Hinweis auf Trauer usw. nicht verstehen. Nicht, dass die Verwerfung im Mittelpunkt steht; sie liegt den Belehrungen aber zugrunde.
  4. Wir haben schon gesehen, dass das Reich in Matthäus oft das „Königreich der Himmel“ genannt wird. Dies zeigt, dass es sich um ein Reich aus dem Himmel und mit himmlischen Grundsätzen handelt. Wir haben aber auch gesehen, dass dieser Titel mit einschließt, dass derjenige, der dieses Königreich regiert, im Himmel thront. Wenn der von Gott gegebene König jedoch in diesem Moment vom Himmel auf die Erde kam und die Grundsätze seines Königreichs erläuterte: Stand dann das Königreich nicht unmittelbar bevor? Ja, es war „nahe gekommen“. Aber der Herr sprach von Leiden und deutete damit sehr früh die Verwerfung des Königs und seiner Untertanen an. Daher war nicht nur klar, dass der Beginn dieses Reiches der Himmel noch zukünftig war. Es stellte sich sofort die Frage: Was passiert mit dem König, wenn Er verworfen wird und erst noch in den Himmel auffahren muss? Diese Frage wird in der Bergpredigt noch nicht beantwortet. Aber durch seine Verwerfung wird angedeutet, dass der Ausdruck „Himmel“ vor diesem Hintergrund einen tieferen Sinn enthält und die Abwesenheit des Königs einschließt.
  5. Man hört manchmal, in diesen drei Kapiteln fänden wir ein gottgegebenes Konzept zur Regierung eines Staates. Das aber ist ein Missverständnis. Der Herr Jesus sagt beispielsweise in Kapitel 5,39: „Wer dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin.“ Eine Regierung, die dies als Verhaltensmaßstab aufnähme, würde der Gesetzlosigkeit Tür und Tor öffnen. Nein, Regierungen nach Gottes Gedanken haben die Aufgabe der „Bestrafung der Übeltäter“ (1. Pet 2,14). Die Obrigkeit trägt das Schwert nicht umsonst, sagt Paulus (vgl. Röm 13,4). Das macht klar: Matthäus 57 richtet sich an den einzelnen Menschen, nicht an eine Regierung oder einen Staat. Es geht nicht um eine Sozialagenda, sondern um Verhaltensmaßstäbe, die im persönlichen Leben eines Jüngers Jesu zu verwirklichen sind.
  6. Als Nächstes stellt sich die Frage, ob sich die Botschaft des Herrn in der Bergpredigt an Sünder oder an Gläubige richtet. Der erste Vers macht deutlich, dass es eine Ansprache an Jünger ist. Es geht also in dieser Predigt nicht darum, wie man ein Jünger wird. Beispielsweise finden wir keinen Hinweis auf das Erlösungswerk Jesu. Der Herr Jesus gibt auch keine Belehrung darüber, wie ein Sünder umkehrt und zum Glauben an Jesus Christus, den Erretter, kommt. Das macht deutlich: Der Herr Jesus wendet sich an Menschen, die bereits eine Beziehung zu Ihm haben. Nur ein Gläubiger kann „Licht der Welt“ (Mt 5,14) sein. Es mögen letztlich auch falsche Jünger unter den Zuhörern sein (vgl. Mt 7,24 ff.) – aber es sind Menschen, die sich zumindest zu Christus bekennen. Sie sind seine Jünger, seine Nachfolger, folglich geht es nicht um eine Evangeliumsverkündigung. Wer das übersieht, kommt zu falschen Anwendungen dieses Abschnitts.
  7. In Verbindung damit stellt sich die Folgefrage, ob der Herr sich hier an Christen wendet, ob Er also das christliche Zeitalter im Blickfeld hat. Man könnte zu diesem Schluss kommen, weil sowohl von dem Vater die Rede ist (5,16) als auch von Söhnen Gottes (5,9). Das sind zwei Begriffe, die wir aus der neutestamentlichen Lehre kennen. Eine eingehende Beschäftigung mit diesen und anderen Versen zeigt jedoch, dass es nicht um die typisch christlichen Beziehungen geht. Es fehlt jeder Hinweis auf

    a) das Innewohnen des Heiligen Geistes in dem Gläubigen (1. Kor 6,19),
    b) die Beziehung zu einem verherrlichten Sohn des Menschen im Himmel (Eph 1,20–23),
    c) die Rechtfertigung aus Glauben (Röm 4,25),
    d) die Vergebung der Sünden (Eph 1,7),
    e) die Erlösung durch das Blut Jesu (Eph 1,7),
    f) die Gliedschaft an dem einen Leib Christi (1. Kor 12,12),
    g) den Besitz des göttlichen, ewigen Lebens, des Lebens im Überfluss (1. Joh 5,11–13; Joh 10,10),
    h) usw.

    Das alles zeigt uns: Es geht in diesen Kapiteln nicht um eine Botschaft, die sich an Christen in ihrem Charakter als Kinder Gottes richtet. Zwar sehen viele Christen heute die Bergpredigt als den Inbegriff der christlichen Lehre und des entsprechenden Verhaltens. Diese finden wir jedoch erst in den Briefen, besonders in denen des Apostels Paulus. Es ist ein trauriges Missverständnis, wenn man hört, dass das Neue Testament durch die Bergpredigt zusammengefasst würde.
  8. Wenn sich Christus nun in der Bergpredigt zwar nicht an Christen in ihrem christlichen Charakter wendet, so spricht Er doch an mehreren Stellen vom Vater (z. B. 5,16.45.48). Die Jünger, an die sich diese Predigt des Herrn richtet, stehen in einer besonderen Beziehung zu Gott. Er ist ihr Vater. Das ist mehr, als die alttestamentlich Gläubigen kannten, und zeigt durchaus schon etwas von der Beziehung, die wir als Christen mit unserem Gott haben. Diese aber wird erst in den Briefen des Neuen Testaments erläutert.
    Wenn der Herr diesen Titel Gottes verwendet, geht es um eine Art Zwischenzustand. Er deutet mit diesem Ausdruck auf Beziehungen hin, welche die Jünger aus dem Alten Testament als Volk kannten. Denn Gott bekannte sich zu seinem Volk als „Vater“ (vgl. z. B. Jer 31,9; Mal 2,10). Der Herr nun gab ihnen weiteres Licht darüber in Übereinstimmung mit ihrem praktischen Zustand, denn sie hatten sich von den gottlosen Pharisäern und Schriftgelehrten distanziert, um bei dem verworfenen Herrn und Meister zu sein. So möchte der Herr seine Jünger von früheren Erwartungen befreien, um sie für die höheren Vorrechte bereit zu machen. Sie erwarteten, die Erde zu erben. Er wollte ihnen aber die Himmel schenken. Sie erwarteten ein Reich in Herrlichkeit auf der Erde, wogegen Er ihnen seine himmlische Herrlichkeit geben wollte.
    Wir finden hier solch eine Art von Übergang, wie er in den Psalmen beschrieben wird: „Die Himmel sind die Himmel des Herrn, die Erde aber hat er den Menschenkindern gegeben“ (Ps 115,16). „Wie ein Vater sich über die Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten“ (Ps 103,13). Der Vers aus Psalm 115 zeigt zunächst den ersten Zustand: Die Menschen gehören zu der Erde. Der Vers aus Psalm 103 weist dann aber darauf hin, dass der Gläubige sich an den Himmel wenden kann wie an einen Vater. Der Herr Jesus wollte die Blicke der Jünger auf den Himmel richten, damit sie vom Himmel (und nicht von der Erde) alles erwarteten. Sie sollten sich bewusst werden, dass sie einen Vater im Himmel hatten, der sich über sie erbarmt. Wir finden allerdings weder in den Psalmen noch in Matthäus 57 die Nähe, die wir Christen zu unserem Vater kennen, denn der gläubige Christ steht nicht nur mit beiden Füßen auf der Erde. Nach Epheser 2 sitzt er zugleich in Christus in den himmlischen Örtern. Wir sind in Christus Kinder Gottes, ja Söhne, die mit dem Vater und dem Sohn Gemeinschaft haben (1. Joh 1,2), eine Wahrheit, die den Jüngern damals vollkommen unbekannt war.
  9. Wer daher die Bergpredigt als ein neues, höherstehendes, „christliches Gesetz“ versteht, stellt Christen unter Gesetz. Es mag ein neues, noch anspruchsvolleres, erhabeneres Gesetz sein. Aber auch ein Christ kann das Gesetz nicht halten. Gerade wegen der Unfähigkeit des Menschen, das Gesetz Gottes zu halten, war Christus gekommen: „Denn Christus ist das Ende des Gesetzes“ (Röm 10,4), so dass sich kein Christ neu unter eine Knechtschaft des Gesetzes bringen lassen sollte. Das ist die eindringliche Botschaft des Galaterbriefes, denn die Galater wollten sich als Erlöste unter das Gesetz stellen. Auch insofern muss man diese drei Kapitel „richtig“ verstehen.
  10. Wendet sich der Herr Jesus dann an die Juden im 1.000-jährigen Königreich? Nein, denn Er spricht von Trauer und Trost, von Hunger und Leiden. Das 1.000-jährige Friedensreich aber ist ein Reich der Freude, der Herrlichkeit, des Überflusses (vgl. Jes 60,20; 61,3; 66,11). Dennoch bleiben seine moralischen Grundsätze natürlich auch in dieser Zeit wahr. Es geht in der Bergpredigt aber um innere Grundsätze, nicht so sehr um die äußere Entfaltung der Herrlichkeit, wie wir sie im Alten Testament finden.
  11. An wen wendet sich der Herr Jesus aber dann konkret? Er wendet sich an solche, die
    a) Jünger in seinem Königreich sind – von ihnen spricht Er (5,1.3).
    b) in einer Zeit leben, wo es Verfolgung gibt und wo das Böse sich entfalten kann (5,11.12.39).
    c) Lohn für ihr Tun im Himmel bekommen werden (5,12), also einmal im Himmel sein werden.
    d) selbst in Gefahr stehen, sich von dem Bösen überwinden zu lassen (5,24.25).
    e) sich wohl Jünger nennen, in Wirklichkeit aber keine Beziehung zu dem König haben (7,26). Wir nennen solche Menschen im Allgemeinen falsche Bekenner.
  12. Der Herr wendet sich mit der Bergpredigt auch direkt an uns. Nun stellt Er uns hier nicht die Segnungen und Verantwortlichkeiten angesichts unserer hohen Stellung als Söhne und Kinder Gottes vor, wie wir gesehen haben. Was können wir dann aus diesen Abschnitten lernen? Der Herr will uns wichtige, moralische Belehrungen über unser Leben geben, denn Er möchte, dass wir als Jünger im Königreich der Himmel unser Leben zur Ehre Gottes führen. Zudem lehrt uns dieser Abschnitt, dass wir einem verworfenen Christus folgen. Wenn Er auch nicht von seinen eigenen Leiden spricht, so zeigt der Herr doch, dass wir leiden müssen. Das setzt seine Verwerfung voraus. Und genauso, wie die Jünger damals leiden mussten und dem verworfenen Christus nachfolgten und wie der Überrest der Juden in künftiger Zeit das tun wird, ist es auch unser Vorrecht, hinter dem herzugehen, der heute der Verworfene ist.
  13. Zuerst wendet sich der Herr natürlich an seine damaligen Jünger. Sie wollten sich auf die Seite des Herrn stellen. Daneben stehen auch solche vor seinem geistigen Auge, die hier auf der Erde leben werden, wenn die Versammlung nach 1. Thessalonicher 4,16.17 entrückt sein wird. Das sind Menschen, die, obwohl sie vorher nie etwas von Jesus Christus gehört haben, sich auf seine Seite stellen und leiden werden. Viele von ihnen werden als Märtyrer sterben – auch sie haben einen Platz im Himmel.

Die Bergpredigt richtet also einen Appell an Jünger Jesu. Sie ruft dazu auf, die Aufrichtung des Königreichs der Himmel durch eine tiefe Buße im Herzen zu ermöglichen. Damit findet sie Anwendung zu jeder Zeit, wo dieses Königreich in seiner öffentlichen Form noch zukünftig ist.

Das Wort von dem Anfang des Christus verlassend (Heb 6,1)

Die Bergpredigt hat einen zentralen Platz im Leben vieler Christen eingenommen. Daher möchte ich noch einen grundsätzlichen Hinweis dazu geben, wozu diese Belehrung nach der Lehre des Neuen Testaments gehört. Man kann den Charakter der Bergpredigt mit Belehrungen aus Hebräer 5 und 6 verbinden.

Wir haben schon in der Einleitung zur Bergpredigt gesehen, dass wir in ihr keinen Hinweis auf unsere christliche Stellung finden. Die Erlösung, das Werk des Herrn am Kreuz von Golgatha und die damit verbundenen Folgen werden an keiner Stelle erwähnt. Ebenso wenig wird auf den persönlichen Glauben an Christus zur Errettung hingewiesen. Es kann also nicht um unsere eigentliche Stellung als Christen und um die damit verbundene praktische Verwirklichung gehen, auch wenn es beispielsweise zu Römer 12 und Epheser 4 Parallelen gibt.

Dies nimmt der Schreiber des Hebräerbriefs zum Anlass, Themen wie die Bergpredigt als „das Wort von dem Anfang des Christus“ zu bezeichnen. Es sind Worte, die Christus hier auf der Erde gesprochen hat, bevor Er das Werk der Versöhnung vollbracht hatte. Diese Worte waren vollkommen. Aber sie konnten noch nicht – bis auf Ausnahmen – die gewaltige christliche Stellung beinhalten, in der wir uns befinden, wenn sie auch manche herrliche Wahrheit andeuten. Die Worte des Herrn entsprachen exakt dem Zustand und den Bedürfnissen der Jünger damals. Die christliche Wahrheit, die wir in den Briefen finden, geht weit darüber hinaus.

Die Christen aus den Juden standen am Anfang der christlichen Zeit immer wieder in Gefahr, die ganze christliche Wahrheit aufzugeben und zu den Anfängen zurückzukehren. Das war das, was der Herr Jesus zu seinen Jüngern damals gesprochen hatte. Deshalb wird ihnen gesagt: „Lasst uns fortfahren zum vollen Wuchs“ (Heb 6,1), denn Christen sollten nicht bei dem stehen bleiben, was Gott durch den Herrn Jesus vor Vollendung des Erlösungswerks predigen ließ. Sie sollen dieses „Wort von dem Anfang des Christus“ bewusst verlassen und „feste Speise“ (Heb 5,12.14; 6,1) zu sich nehmen. Das ist die neutestamentliche Wahrheit über den verherrlichten Christus und unsere Stellung in Ihm.

Die Hebräer waren gewissermaßen wieder zurückgefallen in einen geistlichen Zustand, wie er in der Bergpredigt ausgedrückt wird. Sie machten „das Wort von dem Anfang des Christus“, also die Belehrung vor Vollendung des Werkes Christi, zum Maßstab ihres Glaubenslebens. Der Schreiber des Hebräerbriefes tadelt sie daher und wirft ihnen vor, dass sie wieder der Milch bedürften. Das ist die Speise der Unmündigen (Babys). Die Gläubigen, an die sich der Hebräerbrief richtet, befanden sich nicht in einem geistlichen Zustand, Belehrungen über ihre himmlische Stellung zu erhalten. Sie mussten stattdessen mit den Grundlagen wahren Christentums, mit den „Elementen des Anfangs der Aussprüche Gottes“ (Heb 5,12) belehrt werden. Das ist ein Synonym für die einfachsten Belehrungen des christlichen Glaubens. Sie mussten neu lernen, was das Fundament des Glaubens ist.

Die Milch3 ist als solche eine vollkommene Nahrung, weil sie mit Christus zu tun hat. Sie enthält die Belehrung über den auferstandenen und verherrlichten Herrn, so wie wir Ihn im Hebräerbrief finden. Aber sie enthält nicht die großartige himmlische Stellung des Erlösten, wie wir sie im Epheser- bzw. Kolosserbrief finden. Dort gab es „feste Speise“ (Heb 5,14), das, was für erwachsene Gläubige zur Erbauung dient.

Um dahin zu kommen, mussten sich die Hebräer erst einmal mit Christus und dem, was an der christlichen Stellung im Vergleich zum Judentum besser war, beschäftigen. Das ist genau die Lehre des Hebräerbriefes. Dort lesen wir wiederholt, dass Christus sich zur Rechten Gottes gesetzt hat. Die Beschäftigung mit dem verherrlichten Christus und mit unserer Stellung in Ihm führt zu geistlichem Wachstum und zu vollem Wuchs. Sie führt zu Heilsgewissheit und zu einem wirklich christlichen Leben.

Die Bergpredigt in den vier Evangelien

Es fällt auf, dass weder Markus (bis auf Verse, die er in anderem Zusammenhang zitiert, vgl. beispielsweise Mk 11,25.26) noch Johannes Teile dieser Bergpredigt niedergeschrieben haben. Wir können das gut nachvollziehen, da ein Diener kein König ist. Daher besteht für Ihn kein Anlass, über die Grundsätze seines Königreichs zu sprechen, denn ein Diener verfügt über kein eigenes Reich (Markusevangelium). Er dient ja gerade in einem anderen.

Johannes wiederum schreibt von dem ewigen Sohn Gottes. Kann der ewige Gott ein Königreich auf der Erde, in dem der Mensch als Regent versagt hat, an dessen Stelle annehmen? Unmöglich! Er hat ein eigenes, ewiges Reich, von dem Er später spricht (18,36). Er ist der ewige Gott, der über allem steht und nicht auf ein einzelnes Königreich beschränkt werden kann. Als Sohn des Menschen wurde Christus das Reich der Himmel von seinem Vater gegeben (Matthäus). Als Sohn Gottes war und ist Er der ewige Herrscher, der über allem steht (Johannes).

Über die Bergpredigt bei Lukas haben wir oben bereits kurz gesprochen. Lukas bringt Teile der Bergpredigt über mehrere Kapitel verstreut. Bei ihm handelt es sich nicht um eine zusammenhängende Rede. Er zeigt uns den Menschen Jesus, den seine Jünger immer wieder bei verschiedenen Gelegenheiten zu geistlichen und sittlich-moralischen Themen befragten. Diese Fragen und Bitten (z. B. 11,1) nimmt der vollkommene Mensch zum Anlass, seine Jünger zu belehren. Immer dann, wenn eine Belehrung für ihren Lebensweg nötig ist, gibt Er sie.

Matthäus richtet sich hier nicht nach der chronologischen Reihenfolge. Er fasst Belehrungen des Herrn zusammen, um den König hervorstrahlen zu lassen. Das macht aus dieser Predigt ein wunderbares Lehrstück für diejenigen, die Jünger des Herrn sind und sein wollen.

Eine Gliederung der Bergpredigt

Folgende Gliederung der Bergpredigt habe ich gewählt:

Kapitel 5–7: Die Grundsätze des Königreichs der Himmel: Gerechtigkeit und Gnade

Kapitel 5: Die Kennzeichen der Jünger

1. 5,1–12: Der Charakter der Jünger im Königreich (Glückseligpreisungen)

2. 5,13–16: Stellung und Aufgaben der Jünger im Königreich (Salz und Licht)

3. 5,17–48: Der Jünger und die alttestamentlichen Schriften (Gesetz und Propheten)

Kapitel 6: Das Leben der Jünger im Königreich

4. 6,1–18: Die Aktivität der Jünger im Königreich (praktische Gerechtigkeit)

5. 6,19–24: Die Lebensausrichtung der Jünger (Herz/Himmel, Auge, Mammon)

6. 6,25–34: Die Haltung der Jünger im Königreich (Vertrauen zum Vater in allen Umständen)

Kapitel 7: Die Beziehungen der Jünger und wahre Jüngerschaft

7. 7,1–5: Die Beurteilung anderer Jünger (richten)

8. 7,6: Die Beziehung des Jüngers zu dieser Welt (Hunde)

9. 7,7–12: Die vertrauensvolle Beziehung des Jüngers zu Gott (Bitten)

10. 7,13–29: Wahre Jünger – falsche Jünger (Pforte, Früchte, Herr, Haus)

Die Kennzeichen der Jünger (Matthäus 5)

Die Kennzeichen der Jünger (Mt 5)

Im fünften Kapitel lernen wir etwas darüber, welche Kennzeichen die Jünger Jesu in seinem Königreich tragen sollen. Diese Kennzeichen offenbaren sie zunächst in ihrer grundsätzlichen Haltung (V. 2–12), aber auch darin, wie sie ihre Aufgaben auf dieser Erde bzw. in dieser Welt wahrnehmen (Verse 13–16).

Da der Herr Jesus seine Rede an die Juden und insbesondere an seine jüdischen Jünger richtet, geht Er auch auf die Frage ein, welche Bedeutung dem Alten Testament, dem Gesetz und den Propheten, beigemessen werden muss, nachdem Christus nun gekommen ist. Hat dieses durch das Kommen Christi sein Ende gefunden? Darum geht es in den Versen 17–48.

Die Adressaten der Bergpredigt (V. 1)

„Als er aber die Volksmengen sah, stieg er auf den Berg; und als er sich gesetzt hatte, traten seine Jünger zu ihm“ (Vers 1).

Matthäus berichtet, dass der Herr Jesus in den Synagogen gelehrt, das Königreich der Himmel gepredigt und viele Kranke aus Galiläa und anderen Gegenden geheilt hatte. Jeden, der zu Ihm gekommen war, hatte Er durch seine Wunderkraft gesund gemacht. Man kann verstehen, dass es dadurch zu einem Volksauflauf kam.

Was war die Reaktion des Herrn? Er wollte nicht, dass die Menschen einfach eine äußerliche Heilung erfuhren. Er wollte ihnen deutlich machen, dass Er mehr war als nur ein Wunderheiler, ja dass die Behandlung von äußeren Krankheiten nur ein Mittel dazu war, sich als Messias zu erweisen. Ja, Er wollte ihre Herzen erreichen.

Deshalb nimmt Er das Zusammenlaufen der Menschenmassen zum Anlass für die Predigt der moralischen Grundsätze des Königreichs der Himmel. Dazu stieg Er auf einen Berg – ein Ort, den Christus während seines Lebens immer wieder aufsuchte (4,8; 5,1; 14,23 u. a.). Oft betete Er dort, häufig lehrte Er auch auf einem Berg, so auch hier. Es hat den Anschein, dass der Geist Gottes gerade Matthäus immer wieder antreibt, Christus als den wahren Mose vorzustellen. Er ist der wahre Mose, der – wie dieser am Sinai – vom Berg ausgehend das Volk belehrte. Auf Ihn sollte das Volk hören (vgl. 5. Mo 18,18). Aber der Herr Jesus ist mehr als Mose, mehr als der gesetzgebende Prophet und König. Er ist Emmanuel, Gott selbst, wie es auch die Bergpredigt deutlich macht.

An dieser Stelle sehen wir, dass eine Predigt nicht zwangsweise im Stehen erfolgen muss. Der König setzte sich, und seine Jünger kamen zu Ihm – ein Vorbild, das auch wir uns zu Herzen nehmen sollten. Ein Jünger lernt bei seinem Lehrer, bei seinem Meister. Die Jünger sind begierig, die Lehren ihres Meisters zu hören und zu verstehen. Der Herr hat sie nie enttäuscht. Er greift dabei auf viele Belehrungen des Alten Testaments zurück. Er zeigt, was der wahre Charakter der Übriggebliebenen in Israel sein sollte: Es sind die Kennzeichen, die auch Christus selbst trug. Dieses Zusammentreffen erinnert uns an die Psalmen, wo sich der Messias mit den Empfindungen und Erfahrungen dieser Übriggebliebenen identifiziert.

1. Der Charakter der Jünger im Königreich: die Glückseligpreisungen (V. 2–12)

Damit kommen wir zum ersten großen Teil der Bergpredigt, den sogenannten „Seligpreisungen“. Hier beginnt der König, die Kennzeichen der Jünger vorzustellen, die entsprechend dem Charakter des Königreichs ihr Leben führen. Es geht nicht darum, dass die Jünger später einmal glückselig werden. Sie sind es bereits, wenn sie die genannten Charakterzüge tragen.

Die Glückseligpreisungen kann man folgendermaßen einteilen:

Die ersten sieben gehören zusammen. Die letzten beiden sind ebenfalls miteinander verbunden, denn sie sind eine Art Resümee der ersten sieben. Zudem geben sie einen konkreten Ausblick auf die Leiden von Jüngern in diesem Königreich.

Die ersten sieben Glückseligpreisungen kann man wiederum in vier und drei gliedern.

  • Die ersten vier zeigen uns verschiedene Aspekte der praktischen Gerechtigkeit, die angesichts schwieriger äußerer Umstände durch wahre Jünger verwirklicht wird: Demut, Trauer, Sanftmut und Gerechtigkeit.
  • Die dann folgenden drei Preisungen zeigen uns, dass der Jünger sogar göttliche Prinzipien verwirklichen kann, was beispielsweise Demut und Trauer nicht sind. Barmherzigkeit üben, in Reinheit (Heiligkeit) handeln und Frieden stiften sind zunächst einmal Eigenschaften des Handelns Gottes, die direkt sein Wesen offenbaren.
  • Man kann auch sagen: Während die vier ersten Punkte von praktischer Gerechtigkeit sprechen, weisen uns die drei folgenden auf göttliche Gnade hin.

Die ersten vier Glückseligpreisungen zeigen besonders die äußerlich sichtbare Stellung der Jünger des Königreichs auf der Erde. Die drei folgenden offenbaren deutlicher die inneren Charakterzüge der Jünger.

Dementsprechend passt die achte Glückseligpreisung – Leiden um der Gerechtigkeit willen – zur ersten (Vierer-)Gruppe. Die neunte Glückseligpreisung – Leiden um des Namens Christi willen – gehört inhaltlich zur zweiten (Dreier-)Gruppe.

Bevor wir uns mit den einzelnen Glückseligpreisungen beschäftigen, wollen wir uns noch kurz vor Augen führen, wovon dieser Teil der Bergpredigt nicht spricht:

  1. Die Glückseligpreisungen sprechen nicht davon, was ein Mensch erstreben und worum er kämpfen sollte, sondern davon, was er ist. Es heißt schlicht: „Glückselig die Armen im Geist …“ usw. Die beschriebene Person kann kein Mensch in seiner sündigen Natur sein. Nein, sie hat eine neue von Gott gegebene Natur, die Natur Gottes selbst; diese offenbart sich gerade so, wie hier beschrieben. Dem natürlichen Menschen sind diese Charakterzüge fremd.
  2. Wenn der Herr hier seine Jünger glückselig nennt, meint Er damit einen Zustand der besonderen Segnung. Dafür gibt es einzelne Kennzeichen, die der Herr nennt. Es geht also nicht um ein äußeres Glück und um rein äußerliche Empfindungen. Die beschriebenen Umstände versprechen kein äußerliches Glück. Nein, es geht darum, dass diese Gläubigen ein überfließendes Maß an innerer Freude und Segnungen geschenkt bekommen. Dieses ist unabhängig von äußerlich angenehmen Umständen.
  3. Aus dem letzten Gedanken folgt, dass der Herr Jesus hier nicht von Menschen spricht, die von der allgemeinen Gesellschaft als glückselig bezeichnet würden. Im Gegenteil (vgl. Lk 6,26)! Da sie nicht von dieser Welt sind (vgl. Joh 17,16) und von dieser verachtet und verworfen werden, haben gerade sie es nötig, ermutigt zu werden. Das ist es, was der Messias hier tut, denn Menschen, auch wenn sie gläubig sind, haben keine Freudenquelle in sich selbst. Es sind der Herr und sein Wort, die immer wieder neu Mut zusprechen und ermutigen, in Leiden weiter auszuharren.

Der Herr Jesus stellt seinen Jüngern in den Glückseligpreisungen letztlich seine eigene Gesinnung vor. Ein Jünger, der ebenfalls diese Gesinnung hat, ist geeignet für das Königreich der Himmel.

Verse 2–3: Die Armen im Geist

„Und er tat seinen Mund auf, lehrte sie und sprach: Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel“ (Verse 2.3).

Wenn der König das Wort ergreift, spricht Er mit größter Autorität. Auch wenn Er sich in erster Linie an die Jünger richtet, bleibt es den Volksmengen nicht verborgen (7,28.29). Es gilt auch für uns, genau zuzuhören.

Der Herr beginnt die Glückseligpreisungen mit den „Armen im Geist“. Dabei spricht der Herr hier nicht von Menschen, die eine geistige Behinderung haben oder in ihrer Intelligenz beschränkt sind. Es handelt sich auch nicht um materielle Armut. Nein, es geht um solche, die, was ihren menschlichen Geist, ihre Gesinnung und Gedanken betrifft, freiwillig die Stellung von Armen einnehmen wollen. Sie sind von sich aus bereit, in den Augen der Menschen „arm“ zu sein. Sie wollen nicht groß, nicht Männer von Geist sein. Sie stört es nicht, wenn andere sie als geistig arm bezeichnen und sie auf die Stufe von Kindern stellen, weil sie wie ein Kind einem Größeren vertrauen.

Diese Jünger glauben einfach und sind gerade deshalb fähig und würdig, in das Königreich einzugehen. Sie zählen zu den „Unmündigen“, angesichts derer der Herr seinen Vater preist (Mt 11,25). „Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Königreich der Himmel eingehen“ (Mt 18,3), sagt der Herr Jesus bei einer anderen Gelegenheit. Und: „Lasst die Kinder und wehrt ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Reich der Himmel“ (Mt 19,14).

Der Herr preist also diejenigen glückselig, die demütig sind und nicht hoch von sich denken. Wer sich im Licht Gottes sieht und vor Gott selbst steht, wird sich seiner Kleinheit bewusst sein. Gotteskenntnis geht einher mit Demut, mit dem Bewusstsein, dass Er alles ist, man selbst jedoch nichts. Das ist wahre „Größe“ vor Gott. Daher gilt auch, dass nur derjenige, der sich in dem Licht Gottes sieht und daher die Maßstäbe Gottes an sein Leben anlegt, praktische Gerechtigkeit üben kann. Diese setzt voraus, dass der Jünger Selbstgericht übt. Für diese Haltung gibt es eine Reihe von Beispielen. Denken wir an Hiob, der in Staub und Asche bereute (Hiob 42,5.6). Abraham sagte sogar, er sei Staub und Asche (1. Mo 18,27). Auch Jesaja war sich angesichts der Herrlichkeit Gottes bewusst, dass er sündig und nichts war (Jes 6,1–5).

Diese Haltung wird es einmal im Volk Israel wieder geben. Sie werden in der Zukunft die Armut ihres fruchtlosen Zustands erkennen und sich darunter beugen. Dann suchen sie keine großen Dinge mehr für sich selbst. Sie werden sich stattdessen unter diesen traurigen Zustand beugen. Gott wird diese Haltung nicht unbeantwortet lassen: „Aber auf diesen will ich blicken: auf den Elenden und den, der zerschlagenen Geistes ist und der da zittert vor meinem Wort“ (Jes 66,2).

Die erste Glückseligpreisung ist sehr allgemein, auch was den Segen betrifft, den der Herr dem schenkt, der die richtige Haltung hat. Denn dem, der sich vor Gott demütigt, verheißt Er das Königreich der Himmel. Durch diese Verbindung von geistiger Armut und seinem Königreich zeigt der Herr, dass sich die Hoffnung vieler im Volk nicht erfüllen konnte. Er war jetzt nicht gekommen, um die Römer zurückzudrängen und auf der Erde sein Reich sichtbar aufrichten. Aber für die Armen im Geist würde Er einen Platz in seinem eigenen Königreich sicherstellen. Die herausfordernde Frage an uns heute lautet: Betrachten wir uns auch als solche – „arm im Geist“?

Vers 4: Die Trauernden

„Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden“ (Vers 4).

Die sieben Glückseligpreisungen werden nicht zusammenhangslos in den Raum gestellt. Das ist bei keiner der verschiedenen Aufzählungen in der Schrift der Fall.

Zunächst sucht der Herr solche, die demütig sind, was ihre eigene Person und Stellung vor Gott betrifft. Aber es reicht nicht, sich vor Gott zu demütigen, sich also seiner eigenen Unzulänglichkeit bewusst zu sein. Gott sucht auch Trauer bei uns angesichts des traurigen geistlichen Zustandes der Christen auf der Erde – es geht also auch um andere. Diese Haltung hat Gott immer gesucht. Genau das war das Kennzeichen der Übriggebliebenen, die aus der Gefangenschaft Babylons zurückkamen. Sie erkannten den traurigen Zustand des Volkes und sogar des Überrestes und sein Versagen. Das sahen sie nicht mit Gleichgültigkeit an und erhoben sich darüber, sondern sie beugten sich darunter. Das sollen wir uns auch heute zu eigen machen.

Der Herr bezieht sich hier nicht auf eine Trauer, die wir zum Beispiel wegen des Todes bzw. Heimgangs eines Angehörigen empfinden, obwohl man bei dieser Art von Trauer natürlich auch den Trost Gottes erfährt (vgl. 2. Kor 1,3–7, diese Verse kann man darauf anwenden, auch wenn es dort nicht um diesen konkreten Fall geht). Wahre Jünger trauern über die Verwüstungen, welche die Sünde in der Welt verursacht (vgl. Ps 119,136); sie trauern über die Verwerfung des Königs durch sein Volk und angesichts der Feindschaft, die sie Ihm entgegenbringt.

Bei der ersten Glückseligpreisung ging es mehr darum, ein Empfinden für die Heiligkeit Gottes zu haben. Hier nun spricht der Herr von dem, was Gott eigentlich vonseiten seines Volkes zusteht. Das heißt, der Gläubige sieht den niedrigen Zustand des Volkes Gottes und erkennt, dass Gott ein Anrecht an Hingabe und Entschiedenheit, an Gottesfurcht und Gottesdienst hat. Weil Ihm dies alles aber nicht gebracht wird, trauert er.

In Zukunft wird es von den Übriggebliebenen aus dem Volk der Juden wieder solche geben, die so sprechen: „Wehe mir! Denn mir ergeht es wie bei der Obstlese … Der Gütige ist aus dem Land verschwunden, und da ist kein Rechtschaffener unter den Menschen; allesamt lauern sie auf Blut, sie jagen jeder seinen Bruder mit dem Netz … Ich aber will ausschauen nach dem Herrn, will harren auf den Gott meines Heils; mein Gott wird mich erhören“ (Mich 7,1–7). Diese Trauernden werden getröstet werden!

Es stellt sich uns heute in der Anwendung dieser Verse die Frage: Wer trauert heute noch über den Zustand der Christenheit, wer seufzt (vgl. Röm 8,23)? Wer schämt sich vor Gott angesichts des Verfalls der Moral und des Niedergangs in der Verwirklichung der biblischen Lehre? Wer trauert über den Mangel an Kenntnis der göttlichen Gedanken in seinem Wort? Auf die heutige Zeit angewandt spricht die Bergpredigt zu Jüngern, die heute im Königreich der Himmel sind. Sie müssen feststellen, dass es dort viele gibt, die sich zwar äußerlich nach Christus nennen, innerlich aber weit entfernt von Ihm sind. Der König kam in das Seine, aber die Seinen nahmen Ihn nicht an (Joh 1,11). Von seiner Geburt an, so haben wir in diesem Evangelium gesehen, lehnte man den eigenen Messias ab.

Im 1.000-jährigen Königreich gibt es dagegen keinen Platz mehr für Trauernde. Alle werden dann große Freude genießen (vgl. z. B. Jes 54,1). Aber wie schon in der Einleitung gesehen: Um diese Zeit geht es in der Bergpredigt nicht. Sie handelt von Tagen, wo die Juden und die Menschen im Allgemeinen keinen Platz für ihren Messias hatten und haben werden.

Auch in der Christenheit heute sieht es nicht anders aus. Man will Christus nicht haben. Lieber regiert man selbst im eigenen Leben, und das in dem Bereich, der sich nach Ihm nennt. Hier sucht der Herr solche, die nicht einfach gleichgültig gegenüber dem Bösen und gegenüber diesem furchtbaren Zustand sind. Das sind Jünger, die geistliche Empfindungen haben. Sie lieben ihren Herrn und das Gute und schämen sich für alles, was Ihn verunehrt. Sie beugen sich unter den niedrigen Stand der Christenheit. Es geht nicht darum, sich formal auf die Knie zu begeben, sondern um eine Herzenshaltung, die uns prägen muss.

Daniel (Dan 9) und Esra (Esra 9) sind Vorbilder für uns darin, wie sie in traurigen Zeiten die Sünden des Volkes zu ihren eigenen gemacht haben. Im Unterschied zu uns waren sie selbst schuldlos am Zustand des Volkes. Wir tragen heute dagegen Mitschuld an der Verfassung der Christenheit. Aber wenn wir diesen Zustand zu unserem eigenen machen und vor dem Herrn in Trauer bekennen, wird Er uns trösten. Er zeigt uns dann, wie Er die Seinen sieht und was für einen großartigen Plan Er für sie hat. In Vollkommenheit wird Er diesen Trost im 1.000-jährigen Reich schenken; aber schon jetzt wird der Meister die wirklich Trauernden trösten. Nicht, dass sich ihre Umstände unbedingt verbessern müssen. Aber inmitten der traurigen Umstände haben sie einen Halt in Christus, der mehr wert ist als gute Umstände, denn Christus selbst kommt in diese Umstände hinein und steht an der Seite seiner Jünger.

Vers 5: Die Sanftmütigen

„Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben“ (Vers 5).

Während es bei den ersten beiden Glückseligpreisungen besonders um die persönliche Haltung vor Gott ging, kommen wir nun zu dem Verhältnis eines Jüngers zu anderen. Allerdings schließt Sanftmut die entsprechende Haltung gegenüber Gott in Bezug auf das, was Er mir schickt, nicht aus.

Einerseits knüpft dieser Punkte bei der zweiten Seligpreisung an. Dort geht es – wie hier – um die Art und Weise, wie ein Jünger auf seine (christuslose) Umgebung reagiert. Es beginnt mit Trauer und setzt sich fort in einer Haltung und Praxis der Sanftmut. Diese geht allerdings noch tiefer als die beiden ersten genannten Gesinnungen. Wenn man selbst demütig ist und den traurigen Zustand des Volkes Gottes zu dem eigenen gemacht hat, besteht folgende Gefahr: Man kann dazu kommen, anderen Jüngern gegenüber eine harte Haltung einzunehmen. Warum sind sie nicht bereit mitzutrauern? Warum sind sie nicht bereit, als „arm im Geist“ vor der Welt zu gelten? Man steht auch in Gefahr, selbst „aufräumen“ zu wollen, statt den Herrn auch im Herzen der Mitjünger wirken zu lassen.

Dieser Gefahr begegnet der Herr. Er zeigt, dass zur Demut und Trauer die Sanftmut gehört. Wer vor Gott steht, wird anderen in einer milden und freundlichen Art begegnen. Er wird sie nicht hart anfahren oder verurteilen, sondern sanftmütig auf sie zugehen. Das heißt keineswegs, dass es keinen heiligen Zorn über das Unrecht gibt, das Gott vonseiten derer widerfährt, die sich nach seinem Namen nennen. Aber der sanftmütige Jünger wird nicht Zorn in selbstgerechter Weise gegenüber Menschen ausüben, die durch fehlende Gottesfurcht geprägt sind.

Im menschlichen Miteinander mag man Sanftmut als eine Schwäche ansehen, die zu nachgiebig mit anderen Menschen umgeht. Aber der Herr hat ein anderes Werturteil. Der größte Führer des Volkes Gottes, Mose, wurde gerade durch diese Eigenschaft geziert (vgl. 4. Mo 12,3).

Ein Leben in Sanftmut zeigt auch, dass man eine zunehmende Einsicht in die Wege Gottes mit den Menschen hat. Wir bleiben ruhig, wenn wir sehen, dass Gott sein Gerichtsurteil über die bösen Menschen nicht sofort vollzieht. Wir wissen, dass Er sie trotz zunehmender Bosheit erträgt, denn wir kennen „jener Ende“ (vgl. Ps 73,16.17). Sanftmut schließt auch ein, dass man die innere Ruhe besitzt, alle persönlichen (widerwärtigen) Dinge bei Gott zu lassen und sich dem Handeln Gottes unterzuordnen. Auch wenn die Umstände eine echte Prüfung sind, bleibt man dem Willen Gottes dankbar, der in seiner Weisheit die Dinge so lenkt, wie es gut ist.

Der 37. Psalm ist wie ein vollkommener Kommentar zu dieser Glückseligpreisung: „Erzürne dich nicht … Vertraue auf den Herrn und tu Gutes, wohne im Land und weide dich an Treue … Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertraue auf ihn … Vertraue still dem Herrn und harre auf ihn! Erzürne dich nicht über den, dessen Weg gelingt … Steh ab vom Zorn und lass den Grimm … Denn die von ihm Gesegneten werden das Land besitzen …“

Mit diesem Wort sind wir bei der Verheißung an den Sanftmütigen: „… denn sie werden das Land erben.“ In unserer Gesellschaft ist es normal, sich und seinen Willen durchzusetzen und auf seinem Recht zu bestehen, um etwas zu erreichen. Im Königreich der Himmel aber sind es die Sanftmütigen, die das Land erben. Hierbei erkennen wir eine Steigerung gegenüber den Verheißungen der vorigen Glückseligpreisungen. Zunächst hatte der Herr den Armen im Geist das Königreich zugesagt. Den Trauernden hatte Er dann verheißen, dass sie getröstet werden. Jetzt zeigt Er den Sanftmütigen, dass sie nicht nur im Reich sein, sondern sogar einen festen Platz im zukünftigen Erbe haben werden. Ihnen wird das Land der Verheißung geschenkt werden.

Dieser Gedanke zeigt noch einmal, dass sich diese Bergpredigt zunächst an jüdische Gläubige richtet. Sie haben ein Interesse an dem verheißenen Land. Ihr Leben und Streben ist genau darauf ausgerichtet, das Erbteil zu erlangen. Wer in der Zeit der Verwerfung des Königs mitleidet und sanftmütig ist, wird einmal das Land in Besitz nehmen können.

Uns, den himmlischen Erben, verheißt Offenbarung 21,7 noch mehr. Dieses Erbe wird nicht mit Sanftmut verbunden, aber doch mit Überwinden. Und das wird nur derjenige tun, der in Sanftmut die Wege Gottes annimmt: „Wer überwindet, wird dieses [die in den vorherigen Versen genannten Segnungen] erben, und ich werde ihm Gott sein, und er wird mir Sohn sein.“ Es gibt für Christen ein Erbe, das alles Geschaffene umfasst. Allerdings gibt es noch mehr! Denn unser Erbe schließt den Genuss des ewigen Lebens in seiner Fülle mit ein. Besonders aber denken wir an die Beziehung zu dem ewigen, unendlichen Gott, der unser Vater geworden ist.

Vers 6: Die nach der Gerechtigkeit Hungernden

„Glückselig die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden“ (Vers 6).

Der erste Teil der Glückseligpreisungen wird mit diesem Segenszuspruch abgeschlossen. Es geht in diesen ersten vier Segnungen darum, praktische Gerechtigkeit zu offenbaren. Der Herr hatte das in vollkommenem Erbarmen getan, indem Er sich taufen ließ. Die Jünger sollten das auch tun, ja, sie sollten nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten. Diese Gerechtigkeit finden sie nicht in der Welt – es geht um eine himmlische Gerechtigkeit, die sie aber auf der Erde zu zeigen berufen werden.

Durch den vierten Segen wird eine im Vergleich zu den ersten drei Punkten aktivere Tätigkeit „belohnt“. Der Jünger soll sich danach ausstrecken, praktische Gerechtigkeit zu zeigen – bei allen Taten und als Geisteshaltung überhaupt. Er hungert und dürstet geistlicherweise danach. Das setzt einen Mangel an Gerechtigkeit voraus. Dieser soll durch ein intensives Verlangen behoben werden.

Geistlicher Hunger und Durst strecken sich nach dem aus, was gottgemäß ist und den Willen Gottes auf dieser Erde bewahrt. Auch hier geht es, wenn man die jüdische Seite besonders bedenkt, darum, was Gott den Juden im Alten Testament über seinen Willen offenbart hat.

Praktisch auf das Leben eines Jüngers bezogen bedeutet diese Glückseligpreisung, dass der Jünger nach Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist dürstet (vgl. Röm 14,17). Es ist ihm ein Anliegen, selbst in Übereinstimmung mit Gott zu leben. Er möchte aber auch möglichst viele gewinnen, die in einer solchen praktischen Gerechtigkeit handeln.

Mit dieser Gerechtigkeit ist nicht, wie man heutzutage schon einmal liest, eine soziale Gerechtigkeit, Gerechtigkeit zwischen Generationen usw. gemeint. Nein, dieser Ausdruck zielt darauf ab, Gott als Ausgangspunkt und Ziel allen Handelns zu haben. Bis heute wird das Recht oft gebeugt. Aber im 1.000-jährigen Königreich wird Christus als König in Gerechtigkeit regieren und herrschen (Jes 32,1). „Und ich werde das Recht zur Richtschnur machen und die Gerechtigkeit zum Senkblei“ (Jes 28,17).

Wenn diese Verse im 1.000-jährigen Königreich erfüllt sein werden, wird auch der Hunger der Jünger nach wahrer Gerechtigkeit gestillt sein. Dann werden sich die ersten vier Glückseligpreisungen vollkommen erfüllen: Der Jünger lebt im Königreich und hat ewigen Trost erhalten. Er wird das Land geerbt haben und sein Hunger und sein Durst werden auf ewig gestillt sein. Dann darf er im geistlichen Überfluss dort leben, wo der König regiert. Die Seele ist dann in jeder Hinsicht befriedigt. Ein solcher wird einmal im ewigen Zustand im neuen Himmel und auf der neuen Erde regieren dürfen (vgl. 2. Pet 3,13).

Wir Christen haben eine viel höhere Hoffnung. Denn wir warten nach 1. Thessalonicher 4 auf die Wiederkunft Jesu zur Entrückung. Dennoch sollten auch wir diese vier Kennzeichen tragen, denn auch wir werden unter anderem diese Erde erben. Auch wir sind Teil des Königreichs und werden ewigen Trost empfangen. Auch wir werden dann keinen Hunger nach Gerechtigkeit mehr leiden.

Vers 7: Die Barmherzigen

„Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit zuteil werden“ (Vers 7).

Damit kommen wir zur zweiten Gruppe der ersten sieben Glückseligpreisungen. Bei ihnen steht Gerechtigkeit nicht mehr im Vordergrund. Es gibt nämlich etwas, das noch größer ist: Gottes Gnade und Barmherzigkeit zu offenbaren. Das bedeutet, der Natur Gottes teilhaftig zu sein und diese im praktischen Leben sichtbar werden zu lassen (2. Pet 1,4). Wer die Liebe Gottes kennt, wertschätzt und genießt, kann sie inmitten des ihn umgebenden Bösen offenbaren.

Gnade und Barmherzigkeit sind nicht dasselbe. Wenn es um das Handeln Gottes mit uns geht, kann man diese beiden Tugenden folgendermaßen voneinander abgrenzen: Durch die Gnade bringt Gott uns aus unserem verlorenen Seelenzustand in den Himmel, an sein Vaterherz. Er erhebt uns zu sich. In der Barmherzigkeit kommt Gott zu uns, in unseren elenden Zustand, und hilft uns darin. Er lässt sich zu uns herab. Sehr eindrucksvoll wird dies im sogenannten „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“ (Lk 10) illustriert.

Wer als Mensch Barmherzigkeit üben will, muss zunächst selbst Barmherzigkeit erfahren haben. Gott hat uns diese Barmherzigkeit in dem Herrn Jesus entgegengebracht. Es ist die „herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, in der uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe“ (Lk 1,78). Petrus sagt das an anderer Stelle so: „Gepriesen sei der Gott und Vater unsers Herrn Jesus Christus, der nach seiner großen Barmherzigkeit uns wiedergezeugt hat zu einer lebendigen Hoffnung“ (1. Pet 1,3). Barmherzigkeit in Vollkommenheit ist das Kreuz auf Golgatha (vgl. Tit 3,4.5). Barmherzigkeit ist die Grundlage für Gottes aktives Handeln in einer Welt der Sünde. Sie ist die einzige Möglichkeit, um dem Einzelnen Errettung zu geben. Niemand ist ausgeschlossen, denn Er ist „reich an Barmherzigkeit wegen seiner vielen Liebe“ (Eph 2,4).

Jetzt sind wir aufgefordert, anderen in Barmherzigkeit zu begegnen. Das, was wir an uns erfahren haben, sollen wir selbst tun. So werden wir praktisch zu Nachahmern Gottes (Eph 5,1), nicht nur in Liebe, sondern auch in Barmherzigkeit. Wir spiegeln die göttliche Natur auf dieser Erde wieder. Wir offenbaren, wer Gott ist und wie Er handelt.

Die Antwort Gottes auf ein solches Handeln ist großartig: „Ihnen wird Barmherzigkeit zuteil werden.“ Gott ist mit seiner Barmherzigkeit uns gegenüber mit dem Kreuz Christi nicht zum Ende gekommen. Er sieht auch heute die elenden Umstände, in denen sich seine Kinder befinden. Er kommt ihnen entgegen, um ihnen darin zu helfen. Sie bekommen nicht nur Vergebung ihrer Sünden geschenkt – das schenkt Gott bei einem Bekenntnis der Sündenschuld. In ihrem Glaubensleben erfahren die Jünger Jesu auch heute immer wieder die Barmherzigkeit Gottes. Aber im Blick auf das tägliche Leben nennt Gott diese Bedingung: Wer selbst Barmherzigkeit übt, wird selbst immer wieder neu in den Genuss dieser Zuwendung Gottes kommen.4 Er wird von anderen ebenfalls in barmherziger Weise behandelt werden. Es gibt niemand, der immer auf der Höhe seines Glaubenslebens ist. Daher haben wir alle auch untereinander Barmherzigkeit nötig.

Wohl dem, der anderen gegenüber bewusst in Liebe handeln möchte. Nicht von oben herab, sondern in einer dienenden Gesinnung. Es könnte nämlich die Gefahr bestehen, dass ein Jünger aus einer Gesinnung bloßer Herablassung anderen gegenüber „Barmherzigkeit“ übt. Eine solche Barmherzigkeit „von oben herab“ sucht Gott bei uns jedoch nicht. Auch dürfen wir beim Ausüben von Barmherzigkeit keine Kompromisse in Bezug auf die Wahrheit und die Heiligkeit Gottes eingehen. Nein, Gott möchte, dass wir in jeder Hinsicht ein reines Herz bewahren und auch aus einem reinen Herzen heraus handeln. Dies ist daher Inhalt der nächsten Glückseligpreisung: reine Herzen.

Vers 8: Reine Herzen

„Glückselig die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott sehen“ (Vers 8).

Das Herz ist in der Bibel der Sitz der Persönlichkeit, aber auch der Gedanken, Zuneigungen und des Willens – im positiven wie im negativen Sinn (Spr 4,23; Mt 9,4; 12,34; 24,48). Man könnte das Herz also mit einer inneren Schaltzentrale vergleichen, denn die Motive für unser Handeln werden hier gebildet. Daher sollen wir es mehr bewahren als alles andere. Unser Herz soll rein sein. Das setzt eine moralische Trennung von allem Bösen und eine Hinwendung zum Herrn voraus (vgl. Jer 15,19). Wenn wir das tun, offenbaren wir in Wahrheit Gott und seine Einstellung zum Bösen, denn Gott allein ist absolut rein.

Wie können wir uns nun ein praktisch reines Herz bewahren, denn das ist die Zielrichtung des Herrn an dieser Stelle? Wohlgemerkt, es geht hier nicht darum, ein reines Herz zu erlangen; es handelt sich ja um solche, die Jünger sind, und nicht um solche, die Jünger werden wollen. Es geht also nicht um die Frage der Stellung eines Jüngers, denn ein reines Herz kann dem Grundsatz nach nicht unrein werden. Die Antwort liegt letztendlich in dem verheißenen Segen dieser Glückseligpreisung verborgen: „Denn sie werden Gott sehen.“ Dies ist natürlich die Antwort Gottes auf ein Leben mit einem reinen Herzen. Das heißt, wer sein Leben in Reinheit führt, mit reinen Motiven, Gedanken, Zielen, der darf eine vertraute Beziehung zu Gott erleben.

Jeder Jünger, der sich vor Gott aufhält, lässt sich durch das Licht Gottes bescheinen und durch seinen Geist leiten. Ein solcher wird ein reines Herz im praktischen Leben offenbaren. Er wird das Gute für den anderen suchen. Er wird reine Wege gehen. Er wird andere in die richtige Richtung, das heißt zu ihrem himmlischen Vater, führen. Er wird sich innerlich (und äußerlich) von der Welt und ihrer Bosheit trennen, denn nur so ist er in der Lage, sich rein zu erhalten. Ein reines Herz hat reine Beweggründe, die aus dem Licht Gottes hervorkommen. Man lässt sich also nicht durch das Böse anstecken, das man in demjenigen sieht, der Barmherzigkeit nötig hat. Diese Gefahr entsteht für uns immer wieder. Stattdessen prüft man beständig in dem, was man tut, ob es aus einem reinen Herzen hervorkommt.

Wer das tut, bekommt einen wunderbaren Segenszuspruch: Er wird Gott sehen. Bis heute ist es noch ein geistliches Sehen. Aber auch das ist schon gewaltig. Denn jemand, der in der Gegenwart Gottes in Reinheit lebt, sieht Gott in seinem Handeln. Für einen Gläubigen, der nicht durch den Geist Gottes geleitet wird und sich nicht bewusst ist, dass er vor Gott steht und daher rein leben muss, ist Gott weit weg. Er macht keine Erfahrungen mit seinem himmlischen Vater. Aber jemand, der die Natur Gottes offenbart und damit ihr Teilhaber im praktischen Leben ist, kennt und liebt Gott – und sieht Ihn. So wichtig ist Gott das reine Herz im Leben seiner Jünger.

Interessanterweise ist hier nicht vom „Vater“ die Rede, wie der Herr „Gott“ sonst in der Bergpredigt nennt, sondern von Gott. Das ist ein Hinweis auf seine Heiligkeit, Allmacht und Größe. Wer sein Herz rein bewahrt, wird in den irdischen Umständen erleben, wie der große Gott diese verändert. Er schafft Auswege und offenbart sich in seiner Liebe und Heiligkeit.

In Vollkommenheit wird diese Glückseligpreisung aber dann wahr werden, wenn Gott sein Königreich auch sichtbar auf dieser Erde aufrichten wird. Die, die reinen Herzens sind, bekommen die Verheißung, dass sie Gott sehen werden – dann in der Person des Herrn Jesus sichtbar auf der Erde. Sie stehen Ihm dann gegenüber – Auge in Auge. Sie werden die göttliche Größe in seinen Augen voller Liebe erkennen dürfen, in einer Weise, wie nie zuvor.

Vers 9: Die Friedensstifter

„Glückselig die Friedensstifter, denn sie werden Söhne Gottes heißen“ (Vers 9).

An siebter und letzter Stelle des ersten Teils der Glückseligpreisungen erfahren die Friedensstifter einen besonderen Segen. Das ist zweifellos ein erster Höhepunkt. Barmherzigkeit üben ist ein bewusstes Einsmachen mit jemand, der im Elend steckt. Das reine Herz ist die Grundvoraussetzung, um das neue Leben überhaupt zum Vorschein kommen zu lassen. Friedensstifter zu sein nun erfordert ständige, positive Energie. Wie auch in der ersten Vierergruppe ist der jeweils letzte Segen mit besonderer Aktivität verbunden.

Hier geht es nicht darum, Frieden mit Gott zu bekommen – das ist das Geschenk Gottes an einen Sünder, der Jesus Christus im Glauben annimmt. Der Fokus des Herrn liegt hier ebenfalls nicht darauf, den Frieden Gottes zu genießen, wie Christus ihn auf seinem Lebensweg kannte. Natürlich ist beides letztlich die Voraussetzung dafür, Friedensstifter zu sein. Es geht auch nicht darum, den Unfrieden in dieser Welt beiseite zu räumen. Dann wäre die Bergpredigt ein politisches Programm – aber genau das ist sie nicht, wie wir gesehen haben.

Nein, wer Frieden stiften möchte, muss ein geistlich gereiftes Urteilsvermögen besitzen. Er darf selbst nicht jemand sein, der seine eigene Meinung durchzusetzen sucht. Er benötigt viel Weisheit, in der rechten Situation das rechte Wort zu gebrauchen. Er muss durch die Liebe Gottes angetrieben werden. Er muss Barmherzigkeit gegenüber den Streitenden üben. So jemand sollte zudem zwischen zerstrittenen Geschwistern vermitteln. Aber es darf nicht sein Ziel sein, sich dadurch selbst zu profilieren – er braucht ein reines Herz. Wie segensreich sind die Schritte eines Friedensstifters! Er ist bekannt als jemand, der heilt, der zusammenführt, der verbindet, der zu Christus führt. Er tut dies, ohne gegen die praktische Gerechtigkeit zu verstoßen.

Frieden stiften in einer Welt voller Unfrieden und unter Geschwistern, die immer wieder Konflikte miteinander austragen, verlangt Selbstverleugnung. Darüber hinaus sind große Geduld, entschiedenes Zuhören und viel Gebet nötig. Wer gegensätzliche Charaktere und widerstreitende Parteien versöhnen möchte, muss ein Mittel finden, mit dem er die Betroffenen in das Licht Gottes stellt. Dieses Licht stellt auf der einen Seite alle Motive und Intentionen bloß. Auf der anderen Seite ist es so warm, dass es Menschenherzen erreicht.

Wenn es auch nur die geringste Möglichkeit gibt, den Frieden Gottes in eine Situation hineinzubringen, dann durch solche Friedensstifter, die tätig werden. Durch ihre geistliche Gesinnung sind sie dazu fähig. Wenn sie keinen Weg dafür finden, warten sie auf Gott und seine Antwort. Es ist ein wunderbares Kennzeichen von Jüngern, wenn sie bekannt dafür sind, eine Spur des Friedens zu hinterlassen. Leider gibt es auch genau das Gegenteil. Daher wollen wir uns gegenseitig ermutigen, Frieden zu säen.

Wie tragisch, wenn wir keine Friedensstifter sind, sondern durch einen Parteigeist geprägt sind, der immer wieder unter Gläubigen anzutreffen ist. Leider gibt es das auch im Dienst für den Herrn (Phil 4,2). Stattdessen sollten wir uns bemühen, wo immer wir in unserem Umfeld die Möglichkeit haben, Frieden zu säen. Das gilt auch dann, wenn es um ungläubige Mitmenschen geht. Paulus fordert uns an anderer Stelle auf, „mit allen Menschen in Frieden zu leben“ (vgl. Röm 12,18), bis heute eine wichtige Ermahnung.

Der erste Segen war sehr allgemein; es ging darum, zum Königreich der Himmel zu gehören. Der letzte Segen des ersten Teils der Glückseligpreisungen ist ebenfalls sehr allgemein: Der Friedensstifter wird Sohn Gottes heißen. Was ist damit gemeint? Die christliche Stellung, nämlich „in Christus“ und „Söhne Gottes“ zu sein (Eph 1,5), war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Darum kann es also nicht gehen.

Der Herr Jesus zeigt, dass der Friedensstifter „Sohn Gottes“ heißen wird, weil er die Wesenszüge Gottes offenbart. Wie überhaupt in dieser Bergpredigt geht es also um ganz praktische Dinge. Ein Sohn gleicht seinem Vater. Wir sind also dann (in der Praxis) Söhne Gottes, wenn wir seine Natur offenbaren. Gott bringt Frieden – wir sollten es auch tun! Gott ist barmherzig – wir sollen es auch sein. Gott ist vollkommen rein – auch wir sollen ein reines Herz besitzen.

Der Ausdruck „Söhne Gottes“ meint also durchaus nicht an allen Stellen dasselbe. Hier sind die Friedensstifter Nachahmer Gottes. Warum? Weil Er selbst ein Friedensstifter ist. Wie oft wird Er im Neuen Testament der Gott des Friedens genannt (Röm 15,33; 16,20; 2. Kor 13,11; Phil 4,9; 1. Thes 5,23; Heb 13,20).

Vers 10: Leiden um der Gerechtigkeit willen

„Glückselig die um der Gerechtigkeit willen Verfolgten, denn ihrer ist das Reich der Himmel“ (Vers 10).

In gewisser Hinsicht stellen diese beiden letzten Glückseligpreisungen eine Weiterentwicklung der ersten sieben dar, denn es geht jetzt weniger um die Haltung und den Charakter der Jünger. Der Herr spricht vielmehr von den Folgen dieser Haltung und dieses Charakters. Wir sollten wissen, dass ein treues Verhalten Konsequenzen hat. Nicht selten handelt es sich um Folgen, die mit Leiden einhergehen, denn die uns umgebende Welt der Sünde und Sünder ist einer solchen Geisteshaltung völlig entgegengesetzt.

Das Leben in praktischer Gerechtigkeit besitzt mehrere Kennzeichen: Man ist demütig und trauert über den moralischen Zustand der Christen sowie der Gesellschaft im Allgemeinen. Zugleich geht man sanftmütig mit anderen um und hungert nach der Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit beinhaltet nicht nur, dass man jedem das zukommen lässt, was ihm zusteht. Praktische Gerechtigkeit bedeutet, nach dem Wort Gottes und nach den Gedanken Gottes zu leben. Dazu gehören auch Wahrheitsliebe, Aufrichtigkeit, Treue und Achtung vor den Mitmenschen5.

Was geschieht, wenn man eine von anderen vorgeschlagene Aktion nicht mitmacht, weil Gottes Wort es verbietet? Wenn man das tut, wird man von einer ungerecht lebenden Welt verfolgt. Das war auch zu der Zeit Jesu so, als Er und seine Jünger von den ungläubigen Juden verworfen wurden. Teilweise sehen wir diesen Grundsatz schon in Israel zur Königszeit, als Propheten verfolgt wurden, die um der Gerechtigkeit willen Könige wie Joas warnten. Das wird auch heute jeder erleben, der die Wahrheit liebt und die Lüge verwirft. Wer wirklich praktisch gerecht lebt, wird von Ungläubigen oft angegriffen. Heute heißt das Stichwort zwar „Toleranz“, aber wehe, wenn jemand konsequent lebt und das gut nennt, was gut ist, und das böse, was böse ist. Dann bleibt von dieser Toleranz nicht mehr viel übrig.

Vonseiten derer, die sich Jünger (oder heute Christen) nennen, in Wirklichkeit jedoch kein Leben aus Gott besitzen, kann die Feindschaft manchmal noch größer sein. Gerade sie werden durch einen gerechten Lebenswandel ja innerlich angegriffen. Deshalb verurteilen und verfolgen sie wahre Jünger. Das soll uns nicht erstaunen, denn der Herr Jesus hat es uns vorausgesagt: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen“ (Joh 15,20).

Es ist für Jünger wichtig, nicht so sehr auf die Menschen zu schauen, die einen verfolgen, sondern auf die Ursache der Verfolgung. Wenn sie daher rührt, dass man dem Willen Gottes gegenüber gehorsam ist und die Sünde fürchtet, ist es ein lohnenswertes Ziel. Dann sind solche Verfolgungen wirklich Leiden um der Gerechtigkeit willen. Wenn es aber wegen eigener Sünden geschieht, müssen wir uns das Wort aus 1. Petrus 4,15 sagen lassen: „Dass doch niemand von euch leide als Mörder oder Dieb oder Übeltäter oder als einer, der sich in fremde Sachen mischt; wenn aber als Christ, so schäme er sich nicht, sondern verherrliche Gott in diesem Namen.“

Wie bei der ersten Glückseligpreisung bekommt der Überwinder von Verfolgungen um der Gerechtigkeit willen die Segnung, dass er in das Königreich der Himmel eingehen wird. Dieses Reich hat nur für solche Menschen Platz, die gerecht leben.

Verse 11.12: Leiden um Jesu Namen willen

„Glückselig seid ihr, wenn sie euch schmähen und verfolgen und alles Böse lügnerisch gegen euch reden um meinetwillen. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist groß in den Himmeln; denn ebenso haben sie die Propheten verfolgt, die vor euch waren“ (Verse 11.12).

Die letzte Glückseligpreisung stellt den Höhepunkt dieser ersten zwölf Verse dar. Zwar ist es schon beeindruckend, wenn jemand aufgrund seines gerechten Lebenswandels leiden muss. In diesen beiden Abschlussversen geht es jedoch nicht nur um gerechte Taten. Hier geht es um eine Person, um Jesus Christus selbst. Deswegen spricht der Herr jetzt nicht mehr in der dritten Person „Glückselig die Geschmähten und Verfolgten …“, sondern wendet sich direkt seinen treuen Jüngern zu: „Glückselig seid ihr …“! Welch eine innige Beziehung kommt hier zum Ausdruck!

Wenn man zum Herrn Jesus steht und sich zu Ihm bekennt, wenn man Ihn liebt inmitten einer Welt, die Ihn hasst, wird man geschmäht und verfolgt werden. Hier steht nicht mehr nur ein gerechtes Handeln und Verhalten im Mittelpunkt, sondern eine Person. Es geht darum, sich öffentlich auf die Seite dieser Person zu stellen, die von dieser Welt verworfen wurde und wird. Wenn man in dieser Welt der Bosheit Gnade übt, wird man geschmäht werden.

Die Verwerfung des Herrn Jesus und damit unsere Verfolgung oder Schmähung wird am deutlichsten, wenn wir einfach nur sagen, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Dann wird man von der muslimischen und jüdischen, von der buddhistischen und hinduistischen Welt verworfen. Ganz zu schweigen von den Atheisten und denjenigen, die eine religiöse Festlegung ablehnen. Aber selbst in der ungläubigen Christenheit stößt man damit auf Widerstand. Denn selbst dort wird seine Gottheit mit Füßen getreten! Wenn man solche Worte ausspricht, wird aus der angeblichen Toleranz Intoleranz.

Auch bei Petrus finden wir die beiden Gedanken des Leidens, um der Gerechtigkeit und um seines Namens willen zu leiden:

  • „Aber wenn ihr auch leiden solltet um der Gerechtigkeit willen, glückselig seid ihr!“ (1. Pet 3,14). Petrus hatte von seinem Meister gelernt. Er konnte diese Botschaft weitergeben. „Denn es ist besser, wenn der Wille Gottes es will, für Gutes tun zu leiden als für Böses tun“ (1. Pet 3,17). Bei den Leiden um der Gerechtigkeit willen geht es besonders um mein Gewissen als Gläubiger. Hier bin ich als Einzelperson gefordert.
  • „Wenn ihr im Namen Christi geschmäht werdet, glückselig seid ihr! Denn der Geist der Herrlichkeit und der Geist Gottes ruht auf euch“ (1. Pet 4,14). Wer um des Namens Jesu willen leidet, ist glückselig, vollkommen glücklich. Er wird geadelt, indem er weiß, dass der Geist der Herrlichkeit – das ist niemand anderes als der Heilige Geist – auf ihm ruht. Was für ein Vorrecht!

Weil es so wichtig ist, Gerechtigkeit zu tun, wollte sich der Herr nicht darauf beschränken, diese vorzustellen. Das Alte Testament ist voll von diesem wichtigen Charakterzug. Aber der Mensch gewordene Emmanuel zeigt, dass es einen höheren Weg gibt, etwas, was das Verwirklichen von Gerechtigkeit übertrifft und noch stärker ist: die Gnade.

Leiden um des Herrn Jesus willen sind noch erhabener als solche, die wir um der Gerechtigkeit willen erfahren. Man wird sie nur in dem Bewusstsein göttlicher Gnade auf sich nehmen können. Diese Gnade – personifiziert als Geschenk Gottes – ist nicht damit zufrieden, gewissermaßen „nebenbei“ eine auferlegte Pflicht zu erfüllen, denn eine Pflicht ist letztlich eine Mindestanforderung. Die Gnade jedoch verherrlicht Gott in allem, auch in Leiden. Tatsächlich aber ist nichts besser geeignet, uns eine Pflicht von Herzen erfüllen zu lassen, als das Bewusstsein und der Grundsatz der Gnade (vgl. Röm 8,4).

Wodurch ist jemand in der Lage, nicht einfach das Richtige zu tun, sondern alles zu tun, was diese eine herrliche Person, den Herrn Jesus, verherrlicht? Wie schafft man es, um seinetwillen sogar Leiden auf sich zu nehmen? Das kann nur das Bewusstsein der Gnade bewirken. Diese Gnade hat mir, der ich verloren war, neues Leben geschenkt. Und diese Gnade verbindet mich mit meinem Retter, mit meinem Herrn. Daher ist ein wahrer Jünger auch bereit, um seinetwillen zu leiden.

In diesem Sinn ist dieser Vers ein erster Höhepunkt in diesem Abschnitt, denn es wird nicht derjenige glückselig gepriesen, der etwas tut oder ist. Der Herr spricht hier einfach diejenigen glückselig, die leiden, und zwar um Christi willen. Nicht ihr Tun, sondern sie selbst als Personen sind Ihm viel wert.

Nach der Auferstehung des Herrn empfanden die Jünger solche Leiden um seinetwillen als ein glückseliges Teil. Ihr Retter hatte diese Leiden zuvor erduldet. Als sie nach ihrer zweiten Verhaftung und wunderbaren Befreiung wieder bedrängt und schließlich sogar geschlagen worden waren, gingen sie voller Freude aus dem Synedrium weg. Was war dafür die Ursache? Sie waren sich bewusst, dass sie gewürdigt worden waren, für den Namen Christi Schmach zu leiden (Apg 5,41). Auch der Blindgeborene war – im Unterschied zu seinen Eltern – bereit, für Christus und sein Werk an ihm Schmähung und Verfolgung und Lüge auf sich zu nehmen. Die religiösen Führer des Volkes verachteten ihn, so dass er leiden musste, weil er sich auf die Seite Jesu stellte (vgl. Joh 9,22–29). Sein Lohn war groß: Der Herr Jesus selbst offenbarte sich ihm in wunderbarer Weise (Joh 9,35 ff.).

Denken wir daran, wie vieles Er für uns gelitten hat. Wollen wir dann nicht bereit sein, uns auf seine Seite zu stellen? Wenn wir das tun, werden wir erfahren, dass „alles Böse lügnerisch gegen uns geredet wird“, ja dass Lügen aufgetischt werden, um uns zu schaden. Aber das darf für uns in Freude umschlagen, sogar in ein Frohlocken, denn wir wissen, dass es einmal eine Entschädigung geben wird. Es gibt zudem eine Krönung: Zum ersten Mal werden die Jünger mit dem Himmel in Verbindung gebracht. Und außerdem gibt es dort großen Lohn. Denn der Meister weiß, wie schwer es ist, sich auf seine Seite zu stellen. Deshalb belohnt Er im Übermaß!

Das sollte uns anspornen, in Leiden auszuharren, denn auch Christus hat um der vor Ihm liegenden Freude willen das Kreuz erduldet (Heb 12,22) – und diese Freude ist himmlischer Natur!

Der leidende Jünger wird mit dem Regierungssitz des Königreichs verbunden – mit dem Himmel. Er erhält nicht nur die Regierung Gottes auf dieser Erde als Belohnung, die Gnade bringt ihn aus der irdischen Szene heraus, damit er mit dem Herrn im Himmel verbunden ist.

Wir sehen in diesen Versen also noch einmal deutlich, dass die in der Bergpredigt entwickelten Grundsätze des Königreichs die Verwerfung des Königs voraussetzen. Wurde der Meister verworfen, dann wird auch sein Jünger verworfen. Dennoch hat der Jünger eine Hoffnung. Aber diese ist nicht mehr irdischer Natur, sondern himmlischer. Es gibt Lohn nicht nur auf der Erde, sondern sogar im Himmel.

Schließlich macht der Herr Jesus klar: Treue wurde in jeder Zeit mit Leiden und Verfolgungen „belohnt“. Den Propheten erging es nicht besser. Unserem Retter auch nicht. Seinen Aposteln ebenfalls nicht. Daher dürfen wir uns heute in die Reihe derer stellen, die dem Herrn auch in Leiden vertrauten. Hier sind wir in guter Gesellschaft. Adelt das nicht unsere Leiden?

Christus, das vollkommene Vorbild

Am Schluss dieses ersten Teils der Bergpredigt möchte ich gerne aufzeigen, dass der Herr Jesus die neun Eigenschaften der Glückseligpreisungen in Vollkommenheit verwirklicht hat.

  1. Arm im Geist: „Christus Jesus, der … sich selbst zu nichts machte“ (Phil 2,6). „Denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,29).
  2. Trauernde: „Und als er sich näherte und die Stadt sah [Jerusalem], weinte er über sie und sprach: Wenn du doch erkannt hättest – und wenigstens an diesem deinem Tag –, was zu deinem Frieden dient. Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen“ (Lk 19,41.42). Und weinte Christus nicht auch am Grab des Lazarus, einmal wegen der Folgen der Sünde, dann aber auch aus Mitempfinden mit Maria und Martha (Joh 11)?
  3. Sanftmütige: „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Mt 11,28). „Er wird nicht schreien und nicht rufen und seine Stimme nicht hören lassen auf der Straße. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ (Jes 42,2.3).
  4. Nach Gerechtigkeit Hungernde: „Dein Wohlgefallen zu tun, mein Gott, ist meine Lust; und dein Gesetz ist im Innern meines Herzens. Ich habe die Gerechtigkeit in der großen Versammlung verkündet; siehe, meine Lippen hemmte ich nicht – Herr, du weißt es! Deine Gerechtigkeit habe ich nicht im Innern meines Herzens verborgen; deine Treue und deine Rettung habe ich ausgesprochen, deine Güte und deine Wahrheit nicht vor der großen Versammlung verhehlt“ (Ps 40,9–11). Wir denken auch an die Worte des Herrn: „Meine Speise ist es, dass ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe“ (Joh 4,34).
  5. Barmherzigkeit: In gleichnishafter Weise finden wir die Barmherzigkeit des Herrn: „Aber ein gewisser Samariter, der auf der Reise war, … wurde innerlich bewegt“ (Lk 10,33.35). Und dann sehen wir immer wieder, wie Er sich zu Armen herabneigte: Der Herr Jesus aß mit den Sündern und Zöllnern (Mt 9,10). Zöllner und Sünder waren vielleicht nicht arm im materiellen Sinn. Aber sie waren aus der Gesellschaft Ausgestoßene und in diesem Sinn „arm“.
  6. Reines Herz: Das reine Herz Jesu wurde durch dieses öffentlich bewirkte Wunder Gottes sichtbar: „Und seine Kleider wurden glänzend, sehr weiß, wie kein Walker auf der Erde weiß machen kann“ (Mk 9,3). „Du hast mein Herz geprüft, hast mich bei Nacht durchforscht; du hast mich geläutert – nichts fandest du; mein Gedanken geht nicht weiter als mein Mund“ (Ps 17,3).
  7. Friedensstifter: „Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung, nachdem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, weggetan hatte, damit er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe“ (Eph 2,14.15). „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße dessen, der frohe Botschaft bringt, der Frieden verkündigt, der Botschaft des Guten bringt, der Rettung verkündigt“ (Jes 52,7).
  8. Leiden um der Gerechtigkeit willen: „Die Welt kann euch nicht hassen; mich aber hasst sie, weil ich von ihr zeuge, dass ihre Werke böse sind“ (Joh 7,7). „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich der Wahrheit Zeugnis gebe … Da schrien wiederum alle und sagten: ‚Nicht diesen, sondern Barabbas!’“ (Joh 18,37.40). „Und Böses für Gutes vergeltend, feinden sie mich an, weil ich dem Guten nachjage“ (Ps 38,21).
  9. Leiden um seines Namens willen: Christus hat um seines Vaters willen gelitten: „Jesus antwortete ihnen: Viele gute Werke habe ich euch von meinem Vater gezeigt; für welches Werk unter diesen steinigt ihr mich?“ (Joh 10,32). „Wer mich hasst, hasst auch meinen Vater. Wenn ich nicht die Werke unter ihnen getan hätte, die kein anderer getan hat, so hätten sie keine Sünde; jetzt aber haben sie gesehen und doch gehasst sowohl mich als auch meinen Vater“ (Joh 15,23.24).

Wir sehen, dass wir bei der Verwirklichung dieser Glückseligpreisungen nichts anderes tun müssen, als Christus im Wort Gottes zu studieren. Er ist der Inbegriff von dem, was Er hier seinen Jüngern vorstellt. Ihm gebührt jede Anbetung!

Ohne im Folgenden ausführlich auf diesen Punkt einzugehen, lohnt es sich, die alttestamentlichen Vorhersagen des künftigen Überrestes Judas mit diesen Glückseligpreisungen zu vergleichen. Vereinzelt wurden Hinweise zitiert. Man wird wohl zu jedem Punkt Bibelverse im Alten Testament finden, die zeigen, dass diese gläubigen Menschen die „glückseligen“ Haltungen verwirklichen werden. Daher werden sie das Königreich erben und von Gott im 1.000-jährigen Reich gesegnet werden.

2. Stellung und Aufgaben der Jünger im Königreich: Salz, Licht (V. 13–16)

In den nächsten vier Versen werden die beiden zentralen Themen der ersten 12 Verse unter einem neuen Stichwort wieder aufgegriffen. Praktische Gerechtigkeit (1) und die Offenbarung der Natur Gottes (2) werden jetzt zu einer Aufgabe für Jünger, und zwar als „Salz der Erde“ (1) und „Licht der Welt“ (2).

Der Herr Jesus unterscheidet zwischen Erde und Welt. An dieser Stelle kommen besonders die beiden folgenden Gegenüberstellungen in Frage:

  1. Die Erde als Bezeichnung für den Bereich, in dem Gott wirkt, in dem Er sich besonders bezeugt hat und zu dem Er eine besondere Beziehung hat. Das war damals Israel (vgl. Mt 2,6; 5,5; Off 13,11) und ist heute die Christenheit. Gerade dies wird einmal die Szene des größten Abfalls von Gott werden!
    „Welt“ ist dagegen eine Bezeichnung für den Bereich, der ohne Gott und im Widerspruch zu Ihm lebt. Das ist die heidnische Welt (vgl. Mk 16,15; Lk 12,30).
  2. Darüber hinaus finden wir in der Schrift auch eine zweite Unterscheidung zwischen der Erde und der Welt. „Die Erde“ bezieht sich auf irdische Verhältnisse, in die Ungläubige und Gläubige gestellt sind (Ehe, Familie, Fähigkeiten, Besitz, Arbeitsverhältnisse, Nachbarschaftsbeziehungen, etc.). Diese Beziehungen und Eigenschaften gehören zur Erde. Im Himmel haben sie keinen Bestand, und zum System der Welt gehören sie auch nicht. Mit diesen Beziehungen sind Vorrechte und Pflichten verbunden (vgl. Kol 3,2). Vor allen Dingen sollen wir uns auf diese irdischen Geschenke nicht stützen, sondern sie dazu benutzen, Gott zu ehren.

Im Unterschied dazu gibt es die Welt als ein System, das von dem Fürsten dieser Welt, Satan, regiert wird (vgl. Joh 12,31). Es handelt sich also um ein böses System, von dem wir lesen, dass die Gläubigen zwar in dieser Welt leben, aber nicht von dieser Welt sind (Joh 17,14–16).

Darüber hinaus gibt es hier noch das Begriffspaar Salz und Licht. Salz wirkt innerlich und bewahrt, Licht wirkt von außen und verändert, wie wir im Einzelnen noch sehen werden. Salz kann aus unreinen Dingen nicht reine machen – es kann das Reine bewahren. Das Licht dagegen bewahrt nicht einfach das, was gut ist, sondern ist eine aktive Kraft, die Dunkelheit vertreibt. Während auch der Christ als Mensch irdische Beziehungen besitzt und in diesem Sinn von der Erde ist, gilt das nicht für seine Beziehung zur Welt. Man kann nicht als ein Licht von erhöhter Stelle in der Welt scheinen, wenn man von der Welt ist. Licht muss von der Welt getrennt sein. Der Herr Jesus sagt, dass die Seinen nicht von dieser Welt sind (Joh 17,16). Beide Tätigkeiten – Salz und Licht – können nur von Jüngern wahrgenommen werden: Das „ihr“ ist in beiden Fällen betont. Denn nur derjenige, der dem Meister nachfolgt und von Ihm gelernt hat, kann bewahren und verändern.

Vers 13: Salz der Erde

„Ihr seid das Salz der Erde; wenn aber das Salz kraftlos geworden ist, womit soll es gesalzen werden? Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden“ (Vers 13).

Die Art und Weise, wie der Herr Jesus von dem Salz und in den nächsten Versen von dem Licht spricht, ist nicht in erster Linie eine Ermahnung, sondern eine Feststellung. Wahre Jünger sind durch ihre göttliche Natur Salz und Licht und können bereits dadurch sogar ohne Worte ihre Wirkung als Salz und Licht gegenüber dieser Welt entfalten. Dennoch wird durch die weiteren Erklärungen deutlich, dass mit dieser Stellung ein Auftrag verbunden ist.

Salz wurde in der damaligen Zeit besonders für die Erhaltung von Fleisch (Pökeln) und Lebensmitteln eingesetzt. Salz ist das einzige Lebensmittel, das nicht gesalzen werden kann, denn es enthält ja das bewahrende Element selbst. Wenn diese bewahrende Kraft verlorengegangen ist, kann sie nicht ersetzt werden. Das Salz kann nur weggeworfen werden. Im Orient wurde Salz wohl teilweise auch auf die Wege geworfen, wenn es keine Kraft mehr besaß, weil die Mineralien ausgespült worden waren. Darauf – so vermutet man – bezieht sich der Herr, wenn Er von dem Zertreten des Salzes (nämlich auf den Wegen) spricht.6

Gott hatte das Salz auch bei dem Speisopfer angeordnet (3. Mo 2,13). Dies ist nicht von ungefähr, da dieses Opfer von dem Leben des Herrn spricht. Denn während wir sein Werk am Kreuz – die blutigen Opfer waren Vorbilder auf dieses eine Opfer Jesu – nicht nachahmen können, ist Er in seinem Leben doch ein Vorbild für uns. Genau das wird hier, was das Salz betrifft, auf die Jünger angewendet. Reinheit und das Verhüten von Verderbnis sollen die Jünger kennzeichnen.

Das Salz ist außerdem ein Zeichen des Bundes Gottes mit seinem Volk (3. Mo 2,13; 4. Mo 18,19). In Israel, dem Bereich, in dem sich Gott in besonderer Weise offenbart hatte, war die Aufgabe der Jünger, den von Gott gegebenen Bund zu bewahren. Durch ihr Verhalten sollten sie dafür sorgen, dass dieser Bund nicht in Vergessenheit geriet. Sie sollten den Geboten Gottes in ihrem Lebenswandel Folge leisten. Wenn sie das nicht täten und als Salz kraftlos würden, wie sollte es dann überhaupt noch ein Aufrechterhalten des Bundes des Herrn geben können? Wenn selbst diejenigen versagen würden, die sich als Jünger zu dem Gott Israels bekennen, dann wäre alles verloren. Ja, sie wären besonders schuldig, da sie die ihnen von Gott gegebene Einsicht missbraucht hätten. Als Jünger besaßen sie größere Einsicht und damit auch eine höhere Verantwortung. Wenn sie dieser Verantwortung nicht nachgekommen wären, hätten sie hinausgeworfen und von den Menschen zertreten werden müssen.

Hinausgeworfen!

Wer in Israel beanspruchte für sich, in besonderer Weise Einsicht in die Gedanken Gottes zu besitzen? Die Pharisäer, die Sadduzäer und die Schriftgelehrten. Durch ihr Verhalten bewiesen sie jedoch, dass sie den Gott des Bundes verachteten. Den größten Beweis davon finden wir in der Verwerfung des von Gott gegebenen Königs, des Herrn Jesus. Für sie blieb nur übrig, hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden. Ist das nicht genau das, was mit ihnen durch die Zerstörung Jerusalems geschehen ist? Matthäus 8,12 unterstreicht diesen Gedanken: „Aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen werden in die äußerste Finsternis: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein.“ Diese Führer sind somit ein prominentes Beispiel für das Salz, das hinausgeworfen und von den Menschen zertreten wird. Und mit ihnen wurde das ganze Volk hinausgeworfen, verworfen, wie uns der Apostel Paulus mitteilt (Röm 11,15).

Dennoch wäre es vollkommen verkehrt, das kraftlose Salz mit den damaligen Führern des Volkes Israel gleichzusetzen. Dann würden wir diesem Vers seine Kraft rauben. Der Herr Jesus sagt zu seinen Jüngern: „Ihr …“ So spricht Er jeden Jünger an, jeden, der sich zu Ihm bekennt, selbst wenn es nur dem Namen nach ist. Und da ist jeder, der sich innerlich von dem Herrn lossagt, wie kraftloses Salz. Das ist, wie wir aus Matthäus 13 lernen, eine zunehmende Zahl an Christen, die zwar „eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen“ (2. Tim 3,1–5).

Besonders ernst ist, dass der Herr hier nicht von Umkehr und Wiederherstellung spricht. Aus anderen Stellen wissen wir, dass eine persönliche Umkehr möglich ist, wenn der Jünger das Wirken der Gnade Gottes an seinem Herzen zulässt. Aber die allgemeine Entwicklung würde auch in der allgemeinen Jüngerschaft, heute der Christenheit, genau diesem Vers entsprechend. „Es taugt zu nichts mehr, als hinausgeworfen und von den Menschen zertreten zu werden.“

Der Grundsatz, Salz der Erde zu sein, galt somit nicht nur den Jüngern zur Zeit Jesu. Er hat auch Gültigkeit für Jünger, die heute leben. Wir sollen in dem Bereich, dem Gott besondere Vorrechte verliehen hat, seinem Wort Folge leisten. Wer, wenn nicht wir, ist dafür verantwortlich, dass noch etwas von dem bewahrt wird, was Gott gegeben hat? Wir sollen als Salz der Erde praktische Gerechtigkeit ausüben, an der reinen Lehre festhalten und die göttlichen Gedanken für den Menschen verwirklichen. Ja, wir sollen all das bewahren, was Gott für diese Erde gegeben und gewollt hat. Genau genommen steht hier, dass wir genau das tun, weil wir dieses Salz sind.

Was die Führer des Volkes Israel betrifft, so merkten sie zunehmend, dass der Herr Jesus von ihnen sprach, wenn Er Gleichnisse über den bösen moralischen Zustand in Israel verkündete (vgl. Mt 16,1–4; 21,45). Ihnen war nicht unbekannt, dass Er der von Gott Gesandte war und im Begriff stand, hier auf der Erde sein Erbteil, sein Reich aufzurichten. Die Worte und Lehren des Herrn verdeutlichten ihnen, dass Er mit ihnen keine Gemeinschaft pflegen wollte, so dass sie außen vor gestanden hätten. Um diesem Schicksal zu entgehen, dachten sich die Führer des Volkes Israel etwas aus: Sie meinten, ihre Verwerfung und seine Ansprüche vereiteln zu können, indem sie den Sohn Gottes, den Träger der Verheißungen und des Siegels Gottes, aus dem Weinberg Israels hinauswarfen (Mt 21,39). Damit glaubten sie, Gott zum Schweigen bringen zu können.

Wir wissen, dass sie das Gegenteil erreichten. Dennoch geht es zu Herzen, dass gerade Er, der als Einziger in vollkommener Weise das Salz Gottes auf dieser Erde war, sich von ihnen bereitwillig hinauswerfen ließ, und das um unsertwillen. Und um des künftigen Volkes Israel willen, damit sie auf der Grundlage seines Erlösungswerkes Rettung bekommen könnten (Mt 1,21; 26,28). Wie schlimm war die Bosheit dieser Menschen, Ihn zu verwerfen und aus dem Weinberg hinauszuwerfen.

Salz in irdischen Umständen

Es gibt noch einen weiteren Blickwinkel, den wir bei diesem Vers beachten sollten. Bis heute gibt es noch Ehe, Familie, Beruf, soziale Kontakte und nicht zuletzt die uns umgebende Schöpfung. Das sind unsere irdischen Umstände und Beziehungen. Hier sollen wir als Salz tätig sein. Paulus fordert uns auf: „Euer Wort sei allezeit in Gnade, mit Salz gewürzt, so dass ihr wisst, wie ihr jedem Einzelnen antworten sollt“ (Kol 4,6).

Salz zu sein bezieht sich nicht allein auf unsere Worte, sondern auf unser ganzes Leben. Wie wir schon sahen, ist das Salz hier ein Bild der bewahrenden Kraft Gottes, die in uns wirksam sein soll. In einer Gesellschaft, in der christliche und biblische Werte zunehmend abgebaut und zerstört werden, können Jünger bewahrend wirken. Wenn sie zeigen, dass eine auf biblischen Grundsätzen geführte Ehe wahres Glück bedeutet, wirkt ihr Vorbild auf andere ein. Sie werden zu einem nachahmenswerten Beispiel. Eine Familie, deren Mittelpunkt Gott selbst ist, strahlt Zufriedenheit und Frieden aus, und hilft denen, die das sehen, sich ebenfalls so zu verhalten.

Wenn ein Arbeitnehmer auch in schwierigen Zeiten nicht nachtragend wird, trägt er zum Frieden in der Firma bei. Kollegen werden motiviert, sich ähnlich zu verhalten. Wenn ein Schüler auch bei schweren Klassenarbeiten nicht schummelt, kann er dadurch andere anspornen, in dieser Beziehung auch ehrlich zu werden. Wenn man auch in einer Gesellschaft voller Egoismus dem Nachbarn hilft – dann motiviert man andere dazu, diese irdische Beziehung nicht zu belasten. So werden irdische Verhältnisse im Sinne Gottes gestaltet und bewahrt. Wir üben einen positiven Einfluss aus durch Wort und Tat. Zugleich werden wir zu nachahmenswerten Vorbildern.

Was aber, wenn die Jünger vor den Augen und Ohren der Welt Ehestreitigkeiten austragen, ja sich sogar trennen und die Ehe geschieden wird? Was, wenn die Eltern keine Beziehungen mehr zu ihren Kindern pflegen und die Kinder kein Vertrauen zu ihren Eltern haben? Was, wenn einem Christen, der Christus im Herzen haben sollte, nichts wichtiger ist als seine Karriere? Wenn Christen durch Betrügen auffallen? Wenn wir in der Nachbarschaft als Kritiker und Nörgler bekannt sind? Dann sind wir kraftlos und nutzlose Jünger geworden und richten möglicherweise durch unser Verhalten sogar Schaden an! Dann werden wir von den Menschen, die uns deswegen verachten, gewissermaßen zertreten. Das allerdings wäre – oder muss man nicht sagen ist? – ein trauriges Zeugnis für solche, die sich nach außen hin zu dem Namen Jesu Christi bekennen.

Wenn praktische Gerechtigkeit kein wirklicher Teil unseres Lebens, sondern nur noch Bekenntnis ist, kann der Herr uns nicht mehr als Jünger hier auf der Erde gebrauchen. Doch wer anderes als diejenigen, denen die göttlichen Grundsätze anvertraut sind, könnte wahrhaft Salz der Erde sein?

Verse 14–16: Licht der Welt

„Ihr seid das Licht der Welt; eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht eine Lampe an und setzt sie unter den Scheffel, sondern auf den Lampenständer, und sie leuchtet allen, die im Haus sind. Ebenso lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater, der in den Himmeln ist, verherrlichen“ (Verse 14–16).

Der Herr bleibt nicht bei den Beziehungen stehen, die mit der Erde und dem bewahrenden Salz zu tun haben. Er spricht nun über den Gläubigen als das Licht der Welt. Diese Belehrungen zeigen uns, dass wir in dieser Welt die Natur Gottes offenbaren sollen. Denn Er ist Licht (vgl. 1. Joh 1,5) – so sollen auch wir leuchten (vgl. Phil 2,15).

Licht in Israel

Für die Jünger damals ging es zunächst einmal darum, dass sie als Licht Gottes in eine heidnische Welt hineinstrahlen sollten. In Israel herrschten der römische Kaiser und ein von diesem eingesetzter König Herodes. Israel war umringt von Nationen, die Israel beobachteten wie eine Stadt, die auf einem Berg liegt. Jerusalem steht nicht erst seit den letzten 60 Jahren im Blickfeld! Nein, Israel war schon immer „nicht verborgen“. Sein Handeln und auch seine Wertmaßstäbe wurden direkt gesehen. Dadurch sollte Licht verbreitet werden, keine Finsternis.

Die Städte, die damals in Israel auf einem Berg gebaut wurden, standen auf Fundamenten weißen Kalksteins. So waren sie allein schon durch die Farbe und Erhöhung im hellen Sonnenlicht weithin sichtbar. Nachts brannten Lichter, so dass man sie auch in der Dunkelheit nicht übersehen konnte.

Vielleicht denkt der Herr hier auch an die Zufluchtsstädte, von denen mindestens fünf, vermutlich alle sechs auf einem Berg standen. Davon zeugen schon ihre Namen (vgl. Jos 20). Es ist bekannt, dass diese Städte nachts beleuchtet waren, sogar die Hauptstraßen, die zu ihnen führten. Denn das Volk wollte sicherstellen, dass jemand, der einen anderen Israeliten aus Versehen totgeschlagen hatte, diese Städte rechtzeitig finden konnte (zu der Bedeutung, vgl. 4. Mo 35). Licht war ausschlaggebend, um sich nicht zu verirren.

Die Jünger waren Licht. Licht steht in Matthäus 5 dafür, dass jemand eine lebendige, tägliche, intensive Beziehung zu Gott hat. Denn da Gott Licht ist, können wir nur dann als Lichter scheinen, wenn wir in praktischer Gemeinschaft mit Ihm leben. Entscheidend aber war, dass dieses Licht auch gesehen wurde. Das ist ein Hinweis auf das sichtbare Zeugnis, dass Jünger durch ihr Gott hingegebenes Leben in praktischer Gerechtigkeit und motiviert durch göttliche Liebe geben.

Licht ist in der Bibel aber auch immer wieder ein Begriff für das, was Gott offenbart hat. Gott hatte Israel viel offenbart. Er hatte sich dem Volk als Jahwe, Herr der Heerscharen, als der Höchste bekannt gemacht. Er hatte dem Volk die göttliche Ethik durch die umfangreiche Gesetzessammlung – nicht nur durch die sogenannten Zehn Gebote – mitgeteilt. Er hatte immer wieder Propheten geschickt, die das Volk auf die Wege Gottes hinwiesen. Dieses Licht, das sie kannten und besaßen, sollte von den Jüngern nach außen dringen.

Hier geht dieser Gedanke natürlich noch weiter. Denn der Herr hat alle wahren Jünger im Blick. Die Jünger Christi waren Licht(er) – sie werden dazu nicht ermahnt. So sollten sie nun sicherstellen, dass dieses Licht nicht durch moralisches Versagen und andere Hindernisse verdunkelt würde.

Die Lampe und der Scheffel

Der Herr Jesus unterstreicht diesen Gedanken, indem Er das Beispiel von Lampe und Scheffel anführt. Die Lampe hat die Aufgabe zu leuchten. Die Jünger kannten ja die damaligen Öllampen, bei denen das ohnehin schon spärliche Licht erlöscht wäre, wenn man es unter einen Scheffel gestellt hätte. Dann hätte man nichts mehr sehen können. Der Scheffel war ein Messbecher, mit dem man Getreide maß. Bedeckte man damit eine Lampe, so missbrauchte man den Scheffel und verhinderte zugleich das Scheinen des Lichts.7 So sollte unbedingt vermieden werden, dass das Licht Gottes, das durch die Jünger ausstrahlen sollte, verdunkelt und sogar zum Erlöschen gebracht würde. Das geschieht durch ein unbiblisches Verhalten im Leben der Jünger.

Matthäus spricht übrigens nur von diesem Gefäß, dem Scheffel. Markus (4,21) und Lukas (8,16) bringen auch noch die Unterscheidung zwischen Scheffel und Bett. Sie unterscheiden im Unterschied zu Matthäus verschiedene Bereiche, in denen man das Licht verdunkeln kann: Der Scheffel war ein Gefäß, in dem man beispielsweise Getreide abmaß. Er scheint ein Hinweis auf Geschäftigkeit, Aktionismus, menschliche Arbeit und Beruf zu sein. Durch eine falsche Lebensausrichtung in diesen Bereichen verdunkeln wir das Licht des Wortes Gottes, das in diese Welt hineinscheinen soll. Das Bett wiederum benutzen wir zum Schlafen. Es ist ein Symbol für Bequemlichkeit und eheliche Verhältnisse. Wenn wir uns in diesen Lebensbereichen unbiblisch verhalten, zum Beispiel durch ständigen Streit oder sogar Ehescheidung, sind wir nicht mehr in der Lage, göttliches Licht in diese Welt scheinen zu lassen.

Matthäus aber macht diese Unterscheidung nicht. Will er allein die Geschäftigkeit betonen als einen Bereich, in dem Gefahr für einen Jünger droht? Tatsächlich waren die Pharisäer nicht so sehr in Gefahr, passiv und faul zu sein. Im Allgemeinen waren sie sehr fleißig und aktiv. Mir scheint aber auch, dass der Herr den Scheffel in unserem Evangelium einfach als einen Hinweis auf ein Gefäß verstanden wissen will. In der Bibel werden Menschen mit Gefäßen verglichen (vgl. 2. Kor 4,7). Daher geht es im Matthäusevangelium vielleicht besonders darum, dass ein Jünger durch sein persönliches Verhalten und Leben das Licht Gottes verhindern kann. Eigentlich sollte er das Licht in die Welt hinaus scheinen lassen. Es mag banal klingen, aber wir müssen uns immer wieder daran erinnern: Wenn wir unser irdisches Leben in einer nicht Gott gemäßen Weise führen, kann das Licht nicht mehr (ausreichend) scheinen – es ist verdunkelt. So kommen wir unserem Auftrag als Jünger nicht mehr nach.

Der Ausdruck „Welt“ in Vers 14 meint neben dem Bereich der heidnischen Welt auch ganz prinzipiell das böse System Satans auf dieser Erde. In der Welt ist nichts als Finsternis, die der Inbegriff der Unkenntnis Gottes ist. Wer in der Finsternis lebt, kennt Gott nicht und hat keine Beziehung zu Ihm.

„Welt“ ist für uns oft verbunden mit gewissen Orten auf dieser Erde. Wir denken vielleicht an Diskos, Theater, Kino, Rotlichtviertel und dergleichen. Aber auch durch die Ausübung bestimmter Berufe kommt man mit der „Welt“ in Gemeinschaft, wenn man beispielsweise in Verbindung mit Alkohol, Glücksspielen, der Politik oder dem Spekulieren tätig ist. Es gehören inzwischen auch „Tätigkeiten“ wie das Durchstöbern vieler Bereiche des Internets, des Buchmarktes, der Illustrierten, des Fernsehens usw. zur „Welt“. Nicht übersehen sollten wir jedoch auch innere Haltungen und Zustände wie Eigenwille, Hochmut, Stolz, Machtbesessenheit, Karrieresucht, Geldsucht, Schönheitswahn, Neid, usw. Alle Bereiche unseres Lebens können davon betroffen sein: privat und öffentlich, Ehe- und Familienleben sowie Beruf und Versammlungsleben.

Ganz allgemein gesagt ist die Welt also dort, wo die Finsternis prägend ist. Wir neigen dazu, das allein auf die Moral zu beschränken. Es gibt aber auch die kulturelle Welt (Musik, Kunst, Literatur, Theater, Film, usw.), die religiöse Welt (moderne Theologie, Gesetzlichkeit, falsche Lehre usw.) und natürlich die politische Welt. Es geht um den Bereich, sei er moralisch oder örtlich zu definieren, wo Satan das Sagen hat.

Christus – das wahre Licht

Vom Herrn Jesus wird gesagt, dass Er das Licht der Menschen ist (Joh 1,4). „Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht erfasst“ (Joh 1,5). Er ist das wahrhaftige Licht, bei dem es keinen Schatten gibt. Er hat in die Finsternis dieser Welt hineingeleuchtet. Aber die Welt hat Christus abgelehnt und aus der Welt hinausgeworfen, denn das moralische Licht Gottes stellt die Sünder und ihre Sünden bloß. Es bringt alles ans Licht, was die Finsternis verbirgt. Deshalb hat der Mensch den Sohn Gottes ans Kreuz genagelt.

Im Johannesevangelium finden wir auch, warum Er sein Licht hier leuchten ließ: „Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe“ (Joh 12,46). In diesem Sinn sollen auch wir in dieser Welt das Licht Gottes leuchten lassen. Auf der einen Seite spiegeln wir damit zu Gott selbst zurück, wer Er ist – Er ist Licht. So erstrahlen auch wir als Lichter, die sein Licht sichtbar machen. Auf der anderen Seite sollen die Menschen, die in der Finsternis leben, durch das Licht angezogen werden, um Jesus Christus im Glauben anzunehmen. Damit verlassen sie die Finsternis und kommen ins Licht, wo sie dann für immer bleiben (vgl. 1. Joh 1,7).

Beim Salz der Erde ging es um Umstände und Beziehungen, in die wir gestellt sind und in denen sich auch Ungläubige befinden. Beim Licht der Welt dagegen handelt es sich um einen von außen auf diese Welt einwirkenden Einfluss. Der Gläubige lebt nicht als ein Mensch ohne Beziehung zu Gott und geht nicht an Orte, an denen sich die Welt wohlfühlt. Er lebt auch nicht in ungöttlichen Beziehungen (wilde Ehe, homosexuelle Verbindungen). Nein, durch sein Leben und seine Worte lässt er gerade auf solche Lebensbereiche Licht scheinen.

Wir müssen uns dabei immer bewusst sein, dass wir als bekennende Christen unter Beobachtung stehen. Unsere Umgebung weiß ja hoffentlich, dass wir an Jesus Christus glauben. Da sie das weiß, schaut sie mit besonderem Interesse auf uns. Aber auch mit sehr kritischem Auge. Wir sind wie eine Stadt auf dem Berg, deren Lichter in der Nacht weithin sichtbar sind. Es sei denn, dass es Dinge in unserem Leben gibt, durch die das Licht verdunkelt wird.

Wenn wir in unserem Leben die Lüge zulassen, Unmoral, falsche Lehren, überhaupt Sünden, dann verbergen wir das Licht. Jede Sünde, die wir in unserem Leben zulassen und nicht sofort bekennen, verdunkelt unsere Lampe.

Das Licht im Haus

Wir können mit unseren Lampen in der Regel nicht jeden Menschen auf der Welt erreichen. Aber unser Umfeld können wir anstrahlen. Dieses ist mit dem Bild des Hauses gemeint. Dazu müssen wir unsere Lampe auf den Lampenständer stellen. Damit ist nichts weiter gemeint, als dass wir dem Licht jede Möglichkeit geben, seine Aufgabe zu erfüllen. Die Lampe wird, wenn sie an ihrem richtigen Platz steht, jeden ins Licht stellen, der in ihre Umgebung kommt.

Wie können wir das tun? Gottes Natur ist Licht und Liebe. Beides, Wahrheit und Gnade, soll durch unser Leben hervorscheinen. Wenn wir die Bedürfnisse der Menschen sehen und ihnen in biblischer Weise begegnen, ohne Sünden einfach zu übergehen, werden wir ein helles Licht verbreiten. Das ist unser Auftrag und entspricht unserer Stellung. Unser Licht leuchten zu lassen bedeutet allerdings hier nicht, jedenfalls nicht in erster Linie, dass wir Menschen das Evangelium verkündigen. Das ist nicht die Belehrung der Bergpredigt, denn hier geht es vor allem darum, dass wir als Jünger des Meisters die Charakterzüge des Meisters offenbaren. Wir leben in seinem Königreich; dieses Reich soll uns daher auch prägen. Daran hat Gott seine Freude.

Die Struktur der Verse

Ich kann mich nicht des Eindrucks erwehren, dass der Herr Jesus an dieser Stelle das Symbol des Hauses nicht nur als Beispiel erwähnt. Die eigentliche Belehrung ist und bleibt natürlich die Folgende:

  1. In Vers 14a nennt der Herr die Aufgabe und Stellung der Gläubigen in dieser Welt
  2. In Vers 14b bringt Er das Beispiel, dass eine Stadt auf dem Berg nicht verborgen sein kann – so sollen wir leuchten, gesehen von den Menschen.
  3. In Vers 15 fügt Er ein zweites Beispiel aus dem natürlichen Leben hinzu. Man soll nicht nur in die Ferne leuchten soll, sondern hat auch in seinem Umfeld (Haus) die Verantwortung, Licht auszustrahlen.
  4. In Vers 16 kommt dann die Schlussfolgerung, dass wir leuchten sollen durch unsere guten Werke, wo auch immer wir wohnen, leben oder arbeiten.

Das Haus – ein Hinweis auf Israel

Dabei ist es auffällig, dass der Herr hier das Beispiel des Hauses verwendet. Hat Er hier vielleicht bereits eine Entwicklung des Volkes Israel vor Augen, die zum Schlechten tendiert? Das Haus steht in diesem Evangelium markant für das Haus Israel (vgl. Mt 13,1: Haus im Unterschied zum See; Mt 13,1.57; 15,24; u. a.). Auch in Kapitel 7,24 benutzt der Herr das Bild eines natürlichen Hauses, um unter anderem auf dieses Haus der Juden hinzuweisen. So liegt es nahe, diesen Gedanken auch an dieser Stelle nicht auszuschließen.

Das Haus ist der innere Bereich, der zunächst einmal die Juden und Israel bezeichnete. Der Herr deutet mit diesem Beispiel an, dass eine Zeit bevorstand, in der nicht mehr nur für die heidnische Welt Licht nötig war, sondern auch in dieses Haus Israel Licht hineingebracht werden musste. Gerade die Führer in Israel meinten, ein Anrecht auf den Segen Gottes zu besitzen. Inzwischen aber hatten sie sich so weit von Gott entfernt, dass nicht sie das Licht für die Nationen waren, sondern ihnen selbst geleuchtet werden musste.

Es gibt im Übrigen mehrere Beispiele dafür, dass in diesem Evangelium die Führer der Juden so behandelt werden, als seien sie Heiden – Welt. Ein erstes Beispiel ist die Bußpredigt von Johannes dem Täufer und sein Aufruf zur Umkehr in Verbindung mit der Taufe. Brauchte das Volk Gottes, Israel, einen Aufruf zur Buße? Waren nicht die Nationen solche, die „Otternbrut“ (Nachkommen der Schlange) darstellten? Johannes musste ihnen deutlich machen, dass sie, die Führer Israels, ungläubige Menschen waren, die sich zwar äußerlich Kinder Abrahams nennen konnten, innerlich aber weit entfernt von diesem Mann des Glaubens waren. Ihrer wartete das Gericht, was sie eigentlich als Botschaft für die Heiden erwarteten. Aber der schlechte Zustand in Israel machte es nötig, dass dieselbe Predigt nun nach innen gerichtet werden musste.

Gott hat durch den Herrn Jesus in seinem eigenen Haus das Licht scheinen lassen. Die Verwerfung des Herrn und seiner Jünger haben wir bereits in den Glückseligpreisungen gesehen. Dadurch wurde dieses Haus, zu dem Gott eine Beziehung eingegangen war, zur Welt. Heute gehört das „Haus Israel“ zu dem Bereich, zu dem Gott keine Beziehung pflegt. Es ist in der Gnadenzeit nicht mehr die heilige Nation in dem Heiligen Land. Israel ist eine Nation wie alle anderen Nationen, die ohne Glauben an Gott leben. Das wird sich einmal ändern, wenn die Versammlung (Kirche, Gemeinde) in den Himmel entrückt wird. Danach beschäftigt sich Gott wieder besonders mit seinem Volk. Heute jedoch gehören das Land und das Volk Israel zu der Welt, in der Nacht ist und Finsternis herrscht.

Licht vor den Menschen

Wenn man die Hinweise des Herrn über die Stadt und die Lampe miteinander vergleicht, stellt man fest, dass Er zunächst von einer Tatsache spricht, dann aber eine Ermahnung ausspricht. Die Stadt kann nicht verborgen sein, die Lampe im Haus aber soll leuchten. So stellt Er zunächst die Gnade und Souveränität Gottes vor, die dafür sorgt, dass das Zeugnis der Gnade Gottes, in die Welt leuchtet. Seine Gnade ist in Christus erschienen, heilbringend für alle Menschen (Tit 2,11). Wir aber werden aufgefordert, in unserer Umgebung, sei es unsere Familie, unser Arbeitsplatz, unsere Nachbarschaft oder die örtliche Versammlung (Gemeinde), Licht zu verbreiten. Das ist eine Ermahnung an alle Jünger des Herrn.

Wir sollten also in unserem direkten Umfeld Licht verbreiten. Das können und sollen wir aber auch darüber hinaus tun. Wenn wir für die uns am nächsten Stehenden nur wenig Licht verbreiten, sollten wir nicht meinen, Kraft für ein Zeugnis in größerem Umfang zu haben. Zum Beispiel führt ein Widerspruch meines Lebens in der Familie oder in der Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes dazu, dass mein Zeugnis unglaubwürdig wird. Wenn ich im kleinen Rahmen nicht treu bin, werde ich keine weitergehenden Dienste in segensreicher Form ausführen können.

Davon aber geht der Herr nicht aus. Er sieht uns als Lampen im Haus. Da wir im Haus leuchten, können und sollen wir es vor den Menschen tun, ob sie uns nahestehen oder nicht. Vers 16 zeigt, dass es um unser Leben, unsere Lebenseinstellung geht. Dieses soll etwas von der Größe und Herrlichkeit Gottes widerspiegeln. Wenn wir das in unserem Leben verwirklichen, achten die Menschen auch auf unsere Werke. Diese sind entsprechend dem Licht moralisch gut. Übrigens: Es heißt hier nicht, dass die Menschen auf uns sehen, sondern auf die guten Werke. Wenn wir wirklich Licht verbreiten, wird das nicht unsere Person in den Vordergrund stellen.

Aber auch diese guten Werke selbst stehen nicht im Vordergrund. Die Werke bestätigen nur das Licht, dessen Ursprung Gott ist. Worauf es ankommt, ist, dass der Name unseres himmlischen Vaters verherrlicht wird. Wieder geht es hier nicht um die Bekehrung der Menschen, so wichtig diese Gott auch ist (vgl. 1. Tim 2,3.4) und so sehr sie grundsätzlich zu unserem Leuchten als Lichter gehört. Hier steht mehr im Vordergrund, dass das ganze Königreich in moralischer Hinsicht von der Herrlichkeit Gottes sprechen soll. Diese soll durch uns Jünger hervorstrahlen und von den Menschen als solche wahrgenommen werden.

Im 1.000-jährigen Friedensreich wird die Herrlichkeit Gottes innerlich und äußerlich erstrahlen. Aber schon heute wird durch das Leben wahrer Jünger in moralischer Hinsicht etwas von der großartigen Herrlichkeit Gottes sichtbar, wie es im Leben Christi in Vollkommenheit der Fall war. Gott und sein König, Christus, stehen im Mittelpunkt. Das soll auch für unser aller Leben gelten! Man soll nicht sagen: Was ist das für ein großartiger Christ!, sondern: Was für ein himmlischer Vater kann solch ein Licht bewirken! Das ist letztlich der Zweck des Lichts.

Die guten Werke sind die Frucht der Wirkung des göttlichen Lichts in unseren Herzen. Dadurch, dass unsere Herzen vom göttlichen Licht erwärmt sind, bringen sie diese guten Werke hervor. Das Licht ist das moralische und geistliche Zeugnis der Christen. Die guten Werke zeigen, dass dieses Zeugnis wirklich echt ist. Letztlich stellen sie dieses Zeugnis glaubhaft dar.

Manche haben diesen Vers als einen Hinweis verstanden, dass Christen soziale Werke tun sollten. Sie meinten, es sei in diesem Sinn christlich, Organisationen wie das Rote Kreuz, soziale Einrichtungen, Katastrophenhilfen usw. zu unterstützen. Aber darum geht es hier nicht. Der Herr spricht davon, dass das göttliche Licht seinen Weg nach außen findet durch Taten, die dem Licht entspringen.

3. Der Jünger und die alttestamentlichen Schriften: Gesetz und Propheten (V. 17–48)

In dem dritten Teil der Bergpredigt – dem insgesamt längsten Teil der Bergpredigt überhaupt – spricht der Herr Jesus über die Beziehung der Jünger in seinem Königreich zu dem von Gott gegebenen mosaischen Gesetz. Der Herr zeigt, dass dieses keineswegs beiseitegesetzt würde. Der König würde keine neue Ordnung und kein neues Gesetz als Grundlage seines Reiches einführen. Aber – hatte es sich nicht gezeigt, dass niemand in der Lage ist, das Gesetz vom Sinai zu erfüllen? Wäre es dann nicht angebracht, das Gesetz und seine Anwendung auf das Volk zu ändern und ein neues Gesetz einzuführen? Die Antwort lautet: Nein, im Gegenteil. Das wird im weiteren Verlauf der Betrachtung sehr deutlich. Der Herr Jesus bestätigt zunächst alle Gesetze, die wirklich von Gott gegeben waren, um sie dann sogar noch zu erweitern. Er besteht darauf, dass das Gesetz und das ganze Alte Testament weiter seine Anwendung auf den Menschen behalten. Der Herr hält die Autorität des Gesetzes aufrecht.

Wir haben zwar gesehen, dass Johannes der Täufer eine vollkommen neue Ordnung angekündigt hatte. Es ging um eine ganz neue Zeitrechnung, eine neue Haushaltung. Aber das bedeutete nicht, dass man damit das Alte Testament, „das bis auf Johannes war“ (Lk 16,16), zur Seite legen konnte. Wie in der Einleitung betont, lernen wir durch die nun folgenden Belehrungen etwas über die Beziehung des Neuen Testaments zum Alten Testament. Das ist die Verbindung zwischen dem, was der Messias als Neues einführte, und dem, was für das Volk Israel schon im Alten Bund gegolten hatte.

Der Christ und das Gesetz

Mit diesem Punkt ist zweifellos eine Schwierigkeit verbunden. Denn durch den Tod Christi ist jeder, der mit Ihm gestorben ist, frei vom Gesetz (vgl. Röm 7,3.6; Gal 2,19). Können wir Christen somit diesen Teil der Bergpredigt getrost überschlagen?

Sicherlich nicht! Denn Jakobus nimmt einige Male Bezug auf die Bergpredigt. Das kann man der folgenden Tabelle entnehmen:

Die Bergpredigt im Jakobusbrief

- Tabelle fehlt –

Man darf die Bergpredigt allerdings nicht als ein neues, erhabeneres christliches Gesetz auffassen, denn nach Römer 10,4 ist Christus das Ende des Gesetzes. Es kann nicht der Sinn der Bergpredigt sein, dass sie anstelle des Gesetzes vom Sinai die Lebensregel der Gläubigen ist. Sie gibt aber dem Jünger Jesu zu jeder Zeit Klarheit darüber, was Gottes Gedanken über sein moralisches Leben als Nachfolger seines Meisters sind. Und nach denen soll er sein Leben führen.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu verstehen, was für eine Beziehung der erlöste Christ zu dem Gesetz hat. Da diese Überlegungen den Rahmen sprengen, der für das Verständnis der kommenden Verse nötig ist, stehen die entsprechenden Ausführungen in Anhang 1.

Im Folgenden erklärt der Herr nun in sieben Abschnitten die Beziehung des Jüngers zum Alten Testament. Der erste Abschnitt ist eine Einführung in das Thema, in der die Unwandelbarkeit des Gesetzes in den Augen Gottes noch einmal verankert wird. Dann folgen sechs Beispiele aus dem Gesetz und den Propheten, welche die Wirksamkeit des Alten Testaments belegen. Dass mit diesem Ausdruck das ganze Alte Testament gemeint ist, machen Stellen wie Johannes 10,34, Matthäus 7,12 und 11,13 deutlich.

Verse 17–20: Die Gültigkeit des Gesetzes und der Propheten

„Denkt nicht, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch: Bis der Himmel und die Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder ein Strichlein von dem Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist. Wer irgend nun eins dieser geringsten Gebote auflöst und die Menschen so lehrt, wird der Geringste heißen im Reich der Himmel; wer irgend aber sie tut und lehrt, dieser wird groß heißen im Reich der Himmel. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht bei weitem übersteigt, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel eingehen“ (Verse 17–20).

Der Herr macht von Anfang an unmissverständlich klar, dass Er weder das Gesetz noch die Belehrungen der Propheten auflösen würde. Er hatte sich ja zuvor schon auf die Propheten „berufen“ und auch Johannes den Täufer, den größten unter ihnen, auf seine eigene Stufe gestellt. Nein, Er würde nicht das auflösen, was Gott und damit Er selbst gegeben hatte.

Das Alte Testament wird als göttliche Autorität anerkannt

Der Herr Jesus macht deutlich, dass Er das Gesetz und die Propheten – es ist also die weiteste Sicht des Alten Testaments überhaupt – völlig zur Geltung bringen wollte (vgl. die Fußnote zu Vers 17 in der „Elberfelder Übersetzung“, Edition CSV). Durch Ihn und in Ihm sollte alles erfüllt werden. Seine Worte und Werke würden ans Licht bringen, was für ein Ziel und was für einen Zweck Gott mit dem Gesetz verband. Nicht ein Jota des Gesetzes würde vergehen, bis alles „geschehen“ wäre. Das wiederum zeigt, dass das Gesetz auch heute nicht seine Bedeutung verloren hat und in dieser Hinsicht noch nicht „geschehen“ ist. Viele Stellen des Alten Testaments sind durch das erste Kommen Jesu Christi noch nicht erfüllt worden bzw. nicht vollkommen zur Geltung gekommen. Dazu muss der Herr Jesus als der große König seines Volkes noch einmal auf diese Erde kommen, dann in Macht und Herrlichkeit.

Manche Bibelausleger haben bei dieser Aussage, dass der Herr Jesus gekommen war, um das Gesetz „zu erfüllen“, daran gedacht, dass der Herr Jesus als vollkommener Mensch und Jude alle Gebote des Alten Testaments ausgeführt hat. Und das ist wahr. Er hat das Gesetz vom Sinai vollständig getan. Er hat sich Gott und seinem Gesetz in Gerechtigkeit und Gehorsam vollkommen untergeordnet. Er hat als einziger Mensch kein einziges Mal gegen das Gesetz verstoßen. Aber wir haben schon gesehen, dass hier von dem gesamten Alten Testament gesprochen wird. Die einzelnen Ge- und Verbote des Gesetzes zu „erfüllen“ im Sinne von „gehorchen“ kann hier also nicht gemeint sein.

Daher geht dieser Vers viel weiter: Das Gesetz war die Mindestanforderung Gottes an den Menschen. Der Herr Jesus aber hat Gott vollkommen verherrlicht und damit gezeigt, wer Gott ist und was schon immer in seinem Herzen war. Sein ganzes Leben hat die Schönheit des Gesetzes zum ersten Mal ohne Abstriche gezeigt. Alles, was Gott in Verbindung mit dem Gesetz Ehre bringen konnte, hat Er in voller Kraft und in ganzem Ausmaß hervorgebracht. Das Licht des Himmels schien in Christus auf das Gesetz. So wurde das Gesetz nicht durch schwache, versagende Menschen erklärt. Es war der Eine, der in seinem Leben alle Einzelheiten, bis zum Jota und Strichlein, ausgeführt hat, der dies tat. Sein Herz war voll von Liebe und dachte nur an die Ehre und den Willen Gottes.

Die Bedeutung der Gebote

Bis zum Ende des 1.000-jährigen Reiches werden Himmel und Erde – gemeint sind die geschaffenen Himmel und Erde – Bestand haben. Danach erst werden Himmel und Erde vergehen (vgl. 2. Pet 3,10; Off 21,1). Solange wird also weder ein Jota8 noch ein Strichlein9 aus dem von Gott gegebenen Gesetz vergehen. Gott wacht über sein Wort. Dies hat Er immer wieder betont. Deshalb darf man weder etwas zu dem Gesetz hinzufügen noch davon wegnehmen (vgl. 5. Mo 13,1; Spr 30,6; Off 22,18.19). Der Messias bestätigt damit auch eine Reihe von alttestamentlichen Bibeltexten: „In Ewigkeit, Herr, steht dein Wort fest in den Himmeln“ (Ps 119,89). „Du hast dein Wort groß gemacht über all deinen Namen“ (Ps 138,2; vgl. auch Ps 19).

Vers 19 lehnt sich daran an, wie die Pharisäer mit Gottes Wort umgegangen waren (vgl. Vers 20). Einerseits hatten sie die Gebote sorgfältig nummeriert und insgesamt 613 Gebote gezählt. Andererseits aber machten sie Unterschiede zwischen einzelnen Geboten. Vor allem hatten sie sich die Freiheit genommen, dem Gesetz bestimmte Gebote unter dem Deckmantel von Traditionen und Gesetzeskommentierungen hinzuzufügen. Zudem – und das ist hier das Thema – hatten sie andere Gebote in ihrer Kraft eingeschränkt und einige als weniger wichtig bezeichnet. Aus ihrer Sicht mochte es im Alten Testament Gebote geben, die geringer waren als andere. Aber wer so mit dem Gesetz und den Propheten umgeht, wird bestraft werden.

In Matthäus 22,36 lesen wir, dass ein Gesetzgelehrter eine solche Unterscheidung vornahm. Er versuchte den Herrn, um Ihn dahin zu bringen, ein großes Gebot des Gesetzes zu benennen, auf Kosten der Wichtigkeit anderer Gebote. Aber der Herr Jesus zeigt ihm in seiner Antwort, dass es nicht das eine große Gebot gibt. Es gibt ein zweites, ihm gleiches Gebot. Diese beiden Gebote stehen aber nicht im Gegensatz zu anderen, kleineren Geboten, sondern sie fassen alle anderen wie eine Art Überschrift zusammen.

Der Herr spricht hier eine ernste Warnung aus: Wer eines dieser vermeintlich geringen Gebote auflöst, wird selbst gering, ja der Geringste heißen im Königreich der Himmel. Anscheinend bezieht sich Jesus auf die Gesamtheit der alttestamentlichen Gebote, wenn Er von den „geringsten Geboten“ spricht. Jedes einzelne Gebot war erfüllbar für das Volk (vgl. 5. Mo 30,11–14) und in diesem Sinn gering. Dennoch maßten sich die jüdischen Lehrer in ihrem Hochmut an, zwischen einzelnen Geboten zu unterscheiden und das eine wichtiger als ein anderes zu machen. Damit lösten sie letztlich einzelne Gebote auf. Gerade das tadelt der Herr Jesus hier.

Manche haben sich gefragt, was es konkret bedeutet, der Geringste zu heißen im Königreich der Himmel. Der Herr Jesus führt den Umfang des Gerichts hier nicht weiter aus. Er beschränkt sich auf das Wortspiel „geringstes Gebot“ und „Geringster im Königreich“. Zweifellos handelt es sich letzten Endes bei den hier angesprochenen Juden (Schriftgelehrte und Pharisäer) um bloße Bekenner, die zwar äußerlich im Reich sind, durch das Gericht Christi aber daraus entfernt werden. Diese werden nicht in das Reich der Himmel eingehen.

Matthäus 15,1–13 zeigt zudem ihre Rebellion gegen das Wort Gottes und damit gegen Gott selbst. Dennoch konkretisiert das der Herr an dieser Stelle nicht, weil Er alle seine Zuhörer in das Licht Gottes stellen will. Wenn jemand ein bloßer Bekenner ist, wird er in das ewige Gericht kommen. Wenn er aber ein Gläubiger ist, wird er im Königreich der Himmel nur geringe Verantwortung oder Aufgaben wahrnehmen können. Das zeigt den Ernst dieser Worte.

Groß sein im Königreich der Himmel

Der Herr wünscht, dass seine Jünger diese Gedanken Gottes zunächst in ihrem eigenen Leben anwenden. Dann sollen sie diese auch weitergeben und andere lehren, sie zu halten. Wer das tut, wird einen sichtbaren Platz in dem Bereich haben, wo der Himmel in der Person des Herrn Jesus das Reich regiert.

In dem Schlussvers dieses ersten Abschnitts verurteilt der Herr indirekt die Schriftgelehrten und Pharisäer. Sie waren es, die hinzufügten und wegnahmen. Damit bewiesen sie, dass sie weit davon entfernt waren, ein Leben in praktischer Gerechtigkeit zu führen. Das aber ist Voraussetzung, um in dem Königreich der Himmel eine echte Beziehung zum König haben zu können.

Eure Gerechtigkeit

Der Herr zeigt an dieser Stelle, dass es einer Gerechtigkeit bedarf, um in das Königreich der Himmel eingehen zu können. Jetzt stellt sich die Frage, was der Herr hier meint mit Gerechtigkeit. Es kann nicht um eine Stellung der Gerechtigkeit gehen, denn für diese können wir selbst nichts tun. Thema ist also nicht die Gerechtigkeit Gottes als Folge der Rechtfertigung aus Glauben, denn bei dieser gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man ist gerechtfertigt und hat die Gerechtigkeit Gottes zugesprochen bekommen, oder man lebt in Sünde – und hat die Rechtfertigung nicht.

Gott hat in Christus Jesus und auf der Grundlage seines Erlösungswerkes alles für unsere Rechtfertigung getan und uns neues, ewiges Leben geschenkt. Dieses Leben möchte gar nicht anders, als gerecht zu handeln. Und genau darum geht es hier, um praktische Gerechtigkeit. Wenn sie in Wort und Tat sichtbar wird, was bei den Pharisäern nicht der Fall war, wie dieser Vers zeigt (vgl. auch Mt 3,7 ff.), dann ist auch neues, ewiges Leben vorhanden. Solchen Jüngern schenkt Gott den Eingang ins Reich der Himmel.

Es geht dem Herrn an dieser Stelle nicht um die Frage, um wie viel Prozent man praktisch gerechter leben muss als die Schriftgelehrten und Pharisäer, um in das Reich der Himmel eingehen zu können. Sein Hinweis auf „bei weitem“ zeigt, dass Er bei diesen Führern des Volkes Israel im Allgemeinen gar kein Leben nach den Gedanken Gottes erkennen konnte. Daher gehörten sie nicht zu denjenigen, die im Sinne der ersten Verse dieses Kapitels glückselig zu preisen waren. Sie würden, wenn sie nicht Buße taten, keinen Anteil am Reich der Himmel erhalten.

Daher appelliert der Herr an seine Jünger. Er will „Gerechtigkeit“ sehen. Diese wird sichtbar, wenn man die Autorität des Wortes Gottes über sein Leben anerkennt, danach handelt und sie sogar weitergibt. Dann und nur dann kann man in das Königreich der Himmel eingehen. Eine Gerechtigkeit, die sich zugutehält, jeden Tag zum Tempel zu gehen, wird vor den Augen Gottes nicht bestehen können. So jemand ist stolz auf lange Gebete, große Almosen und lange Gewänder. Das kennzeichnete nicht alle Pharisäer und Schriftgelehrten, aber doch viele. Sie suchten ihren Lohn in ihrer Zeit. Daher wird es für in der Zukunft am Richterstuhl des Christus keinen geben. Diese Heuchler haben ihren „Lohn“ bereits von den sie bewundernden Menschen bekommen. Auf der Basis einer solchen Selbstgerechtigkeit kann niemand in das Königreich der Himmel eingehen.

Bei der Erläuterung der ersten 16 Verse unseres Kapitels haben wir gesehen, was der Herr Jesus hier ganz konkret unter „Gerechtigkeit“ verstand. Dort finden wir eine ganze Anzahl an Beispielen dafür. Wir lernen an dieser Stelle allerdings nicht, wie die Gerechtigkeit, welche die der Schriftgelehrten und Pharisäer übersteigt, zu erlangen ist. Hier betont der Herr, dass diese Gerechtigkeit unverzichtbar ist, wenn man ins Königreich eingehen will. Dabei ist es unerheblich, ob es um das Königreich in der heutigen, verborgenen Form oder in der machtvollen zukünftigen geht. Die gesamte Bergpredigt stellt sehr ernst die praktische Gerechtigkeit vor, die nötig ist, um in das Königreich der Himmel eingehen zu können.

Abschließend sei angemerkt, dass es auch praktische Gerechtigkeit nur auf dem Grundsatz von Glauben gibt. Praktische Gerechtigkeit ist kein eigenes Verdienst, auf das man sich etwas einbilden könnte. Es sind Glaubenswerke, die das Ergebnis davon sind, dass man neues, göttliches Leben geschenkt bekommen hat. Diese Werke praktischer Gerechtigkeit offenbaren das Vorhandensein einer neuen Natur. Man muss also zunächst von Gott Gerechtigkeit zugerechnet bekommen haben (Röm 4,3), bevor man praktisch gerecht handeln kann. Das galt auch schon zu der Zeit, als das Werk des Herrn noch nicht vollbracht worden war. Die Pharisäer dagegen vertrauten auf ihre eigene Gerechtigkeit, ohne Glauben und Umkehr zu Gott. Entsprechend waren ihre Werke genau wie ihre Schein-Gerechtigkeit vor Gott wertlos.

Die sechs Beispiele aus dem Alten Testament

Damit kommen wir jetzt zum ersten der sechs Beispiele, die der Herr anführt, um die Wirksamkeit des Alten Testaments, des Gesetzes und der Propheten zu zeigen. Bei diesen sechs Anführungen aus dem Gesetz fällt auf, dass auch hier wieder die Zweiteilung fortgesetzt wird, die man schon bei den Glückseligpreisungen erkennen kann. In den ersten vier Beispielen (du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht die Ehefrau entlassen; du sollst nicht falsch schwören) geht es darum, praktisch gerecht zu leben. In den letzten beiden Fällen geht es noch weiter: Hier werden die Jünger aufgefordert, das Wesen Gottes zu offenbaren, und zwar besonders seines Liebe und Gnade. So hat Christus Gott auf der Erde sichtbar gemacht (in Gnade handeln; die Feinde lieben).

Die ersten vier Beispiele beziehen sich auf die beiden Hauptformen der Sünde, von denen schon ganz am Anfang der Menschheitsgeschichte die Rede ist: „Und die Erde war verdorben vor Gott, und die Erde war voll Gewalttat“ (1. Mo 6,11). Verdorbenheit und Gewalttat – darüber wollen wir im Folgenden nachdenken.

Die beiden großen Sünden der Welt sowie die göttliche Natur

Der Herr Jesus beginnt mit einem Beispiel über die Gewalttat – Mord und Totschlag. Für diese Art von Sünde gibt Er nur ein Beispiel an. Denn die Gewalttat, wie sie von Kain verübt wurde, erkennt man sehr schnell als Sünde. Schwieriger ist es, wenn es um die Verdorbenheit unserer menschlichen Natur geht. Dafür finden wir daher drei Beispiele. Das Ausmaß der Verdorbenheit nimmt zu und wird zunehmend schwieriger erkennbar.

Ehebruch kann man noch vergleichsweise leicht als innere moralische Verderbtheit identifizieren. Was aber steckt dahinter, wenn man die Ehefrau entlässt? Und noch schwieriger ist die Sünde bei einem (nicht für alle erkennbaren) falschen Schwören zu entdecken. Diese Falschheit offenbart die Verdorbenheit des Menschen. Dabei bringt der Herr in seinen Worten jedes Mal auch ans Licht, was hinter diesen bösen Taten steht, also: die Motivation, um sie zu begehen.

Bei alledem ist es wichtig zu verstehen, dass der Herr Jesus in der Bergpredigt keine Vergeistlichung des Gesetzes vornimmt. Beispielsweise steht das Töten nicht für ein „geistliches“ Töten, oder der Ehebruch für einen geistlichen Ehebruch. Das Gesetz hat sich also zur Zeit des Herrn und für uns heute nicht in folgendem Sinn geändert: Früher stellte es materielle Anforderungen dar, die in der neutestamentlichen Zeit nur noch eine übertragene, geistliche Bedeutung erhalten. Nein, der Herr Jesus nimmt das Gesetz so, wie es von Gott gegeben wurde, und spitzt es auf seine Jünger zu, ohne es zu vergeistlichen.

Das heißt aber nicht, dass der Herr Jesus mit diesen Anführungen des Gesetzes keine geistliche Botschaft verbindet. Für jede Tat, die im Gesetz in erster Linie äußerlich verboten war (töten, stehlen, ehebrechen), zeigt Er ein inneres Motiv, einen Beweggrund, der dahinter steht. Auf diesen weist der Herr hin, um uns nicht nur vor der äußeren Handlung, sondern auch vor einer entsprechenden inneren Haltung zu warnen.

Gottes Wesen offenbaren

Die beiden letzten Beispiele zeigen dann etwas von Gott selbst. Zuerst ist es nicht nur die „passive“ Seite der göttlichen Natur in uns, nämlich zu ertragen und zu leiden. Es ist ausdrücklich von Hinhalten, Lassen, Mitgehen, Gehen die Rede. Das heißt, wir ertragen und erdulden nicht nur, sondern erweisen anderen aktiv Zuwendung und Gnade. Dann aber lernen wir noch etwas darüber, Liebe sogar an Feinden zu erweisen. Das geht noch weiter.

Diese beiden letzten Beispiele stellen sicherlich den Höhepunkt dieses Teils der Bergpredigt dar: nicht nur gerecht zu leben, sondern Gott selbst in seinem Handeln mit uns Menschen zu offenbaren.

Wenn es um das Gesetz geht, bezieht sich der Herr Jesus in direkter Weise nur auf zwei Gebote: nämlich auf das sechste und siebte Gebot (vgl. 2. Mo 20,13.14): „Du sollst nicht töten“, und „Du sollst nicht ehebrechen“. Vielleicht kann man auch das neunte Gebot als Verbot der Lüge mit einbeziehen (vgl. 2. Mo 20,16): „Du sollst nicht falsch schwören“. Wir haben schon gesehen, dass es nicht nur um das Gesetz, sondern um das Alte Testament insgesamt geht (vgl. V. 17). Das wird dadurch unterstrichen, dass nur wenige der Zehn Gebote aufgegriffen werden.

Es ist nicht zu übersehen, dass sich Christus dabei nur auf die Verantwortung des Menschen dem Menschen gegenüber bezieht. Das sittlich höher stehende und schwierigere Gebot, nämlich Gott zu lieben und zu verehren, behandelt Er an dieser Stelle nicht. Man fragt sich: Warum? Eine Antwort mag in einer Schlussfolgerung aus 1. Johannes 4,20 liegen: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, so ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, wie kann der Gott lieben, den er nicht gesehen hat?“ Die Liebe zu Gott wird sichtbar durch unsere Liebe als Kinder Gottes untereinander. Wie könnte jemand seinen Nächsten lieben, wenn er nicht zunächst Gott liebt? Der Herr Jesus benutzt somit Gebote auf der Ebene, die für uns Menschen konkreter fassbar werden.

Das Muster der Beispiele

In den sechs Beispielen verwendet der Herr Jesus jeweils ein bestimmtes Muster:

  1. Zunächst stellt Er das Gebot Gottes im Gesetz und den Propheten vor und setzt es als bekannt voraus: „Ihr habt gehört …“.
  2. Dann nennt Er die oft von den Pharisäern und anderen Gruppen hinzugefügten menschlichen Gebote.
  3. Im nächsten Schritt bestätigt der Herr das alttestamentliche Gebot, oft erweitert und verschärft Er es sogar. Er spricht dabei mit derselben Autorität, die das Gesetz und das Wort Gottes als solches im Alten Testament für sich in Anspruch nahm: „Ich aber sage euch …! Damit erweist sich der König als der Bundesgott Israels, als der Jahwe des Alten Testaments, als der Emmanuel. Hier spricht Er jedoch nicht auf dem Berg Sinai, um das Gesetz zu geben. Er redet von einem anderen Berg herab, um das Gesetz zu bestätigen und sogar zu verschärfen. Er verfügt über alle Rechte, sein eigenes Gesetz zu erweitern und zuzuspitzen.
  4. Zugleich verwirft Er die Hinzufügungen und Wegnahmen der Menschen.
  5. Schließlich gibt Er noch den tieferen Sinn der Gebote an und vertieft sie im positiven Sinn. Es ist dabei interessant zu sehen, dass der Herr die ursprünglich für das Verhältnis von Mensch zu Mensch angeordneten Vorschriften auf eine höhere Ebene stellt. Denn obwohl die Gebote oft mit äußeren Handlungen zu tun haben, liegt der eigentliche Sinn im Inneren verborgen. Es geht nicht nur um die äußere Tat, sondern ebenso um den Herzenszustand. Man könnte auch sagen: Während Christus die Autorität des Gesetzes in jeder Hinsicht bestätigt, zeigt Er doch zugleich die tieferen Gedanken Gottes auf. Diese gingen viel tiefer als das, was jemals bis zu dieser Zeit bekannt war. Gott hatte jeweils die „äußerste“ Tat, sozusagen das Schlimmste, was der Mensch tun konnte, verboten. Eigentlich aber wünschte Er, dass auch das, was in dem Herzen des Menschen und in seinen Handlungen dieser bösesten Tat vorausging, verurteilt und vermieden würde. Daher spricht der Herr hier von dem Kern, den Gott schon immer ins Auge gefasst hat.

Verse 21–26: Beispiel 1 – Du sollst nicht töten!

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten; wer aber irgend töten wird, wird dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder ohne Grund zürnt, wird dem Gericht verfallen sein; wer aber irgend zu seinem Bruder sagt: Raka!, wird dem Synedrium verfallen sein; wer aber irgend sagt: Du Narr!, wird der Hölle des Feuers verfallen sein. Wenn du nun deine Gabe zum Altar bringst und dich dort erinnerst, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar und geh zuvor hin, versöhne dich mit deinem Bruder; und dann komm und bring deine Gabe dar. Einige dich schnell mit deinem Widersacher, während du mit ihm auf dem Weg bist; damit nicht etwa der Widersacher dich dem Richter überliefert und der Richter dich dem Diener überliefert und du ins Gefängnis geworfen wirst. Wahrlich, ich sage dir: Du wirst nicht von dort herauskommen, bis du auch den letzten Cent bezahlt hast (Verse 21–26).

Die fünf Gesichtspunkte beim sechsten Gebot

Im Folgenden wollen wir jedes Beispiel anhand dieser fünf Punkte durchgehen. Wir werden sie fast alle bei jedem Beispiel finden.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich auf das sechste Gebot. In 2. Mose 20,13 heißt es: „Du sollst nicht töten.“
  2. Die Juden haben jedoch in ihren Traditionen Hinzufügungen gemacht. Auch diese zitiert Christus hier: „Wer aber irgend töten wird, wird dem Gericht verfallen sein.“ Diese Aussage findet man an keiner Stelle des Gesetzes. Durch diese Tradition wird das Gebot des Herrn sogar aufgeweicht. Denn das Alte Testament machte klar, dass jemand, der willentlich getötet hatte, selbst ebenfalls getötet werden musste. In 3. Mose 24,17 heißt es: „Wenn jemand irgendeinen Menschen totschlägt, so soll er gewiss getötet werden.“ Nach 2. Mose 21 musste sogar jemand getötet werden, der einen anderen Menschen oder seine Eltern geschlagen hatte (Verse 12.15). Wenn nun ein Mensch nur vor das örtliche Gericht kam, wenn er jemanden erschlagen hatte, so wurde das Gesetz Gottes dadurch abgeschwächt.
  3. Deshalb lehnt der Herr Jesus diese Gesetzesänderung entschieden ab. Durch seine Worte bestätigt Er Gottes Gebot, aber Er erweitert und verschärft es sogar noch.

    a) Nicht nur wer tötet, muss getötet werden, sondern sogar jemand, der ohne Grund zürnt, sollte am örtlichen Gericht verurteilt werden. Denn die äußere Gewalttat hat immer eine innere Ursache. Diese deckt der Herr Jesus in göttlicher Weisheit auf. Wir finden diesen Punkt in gleicher Weise übrigens auch für uns Christen wieder. Johannes schreibt: „Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Menschenmörder, und ihr wisst, dass kein Menschenmörder ewiges Leben in sich bleibend hat“ (1. Joh 3,15; vgl. auch 1. Joh 3,11.12).

    b) Wer die Dreistigkeit besaß, seinen Bruder – also einen anderen Jünger – Dummkopf zu nennen, sollte sogar vor das höchste Gericht Israels, das Synedrium, gestellt werden. Vor diesem sollte er dann verurteilt werden. Damit macht der Herr Jesus deutlich, dass Gewalttat nicht erst anfängt, wenn das Messer gegen jemanden erhoben wird. Mit anderen Worten: Auch Worte können töten.

    c) Derjenige, der einen anderen Narr oder Verrückter nennt, sollte nicht nur vor ein irdisches Gericht gestellt werden, sondern der Hölle des Feuers verfallen sein. Das heißt, er würde ewig gerichtet werden und in Gottesferne leben müssen. Ein solch persönlicher Angriff offenbarte den Herzenszustand des Menschen – er war vollkommen verdorben, voller Gewalttat im Herzen. Das stellt der Herr Jesus als unbestechlicher Richter ans Licht.

    Zusammenfassend kann man sagen, dass der Herr Jesus in diesem Vers 22 zeigt, dass jede dieser Unmutsäußerungen, jeder böse Gedanke in dem Herzen des Jüngers zu verurteilen ist. Wird er nicht verurteilt und bekannt, führt er auf einen Weg, der am Ende in das ewige Gericht einmündet. Der eine mag vor dem örtlichen Gericht verurteilt werden, der andere vor dem höchsten irdischen Gericht. Es kommt darauf an, was Gott zu einer solchen Sünde sagt. Er muss sie aufgrund seiner Heiligkeit mit ewigem Gericht bestrafen! Das heißt nicht, dass ein wahrer Gläubiger verloren gehen kann. Aber diese Sünden als solche gehören zu einem Weg, der im Verderben endet.
  4. Mit diesen Worten verwirft Jesus zugleich die beigefügten Überlieferungen der Pharisäer. Vielleicht wollten sie sich damit auf 5. Mose 16,18 beziehen: „Richter und Vorsteher sollst du dir einsetzen …“ Aber bei einem klaren Mord brauchte kein örtliches Gericht einbezogen zu werden – die Anweisung Gottes ließ keine Alternative zu dem Todesurteil zu. Der Verweis darauf, dass hier ein örtliches Gericht nötig war, stellte also nichts anderes als eine Abschwächung des Gesetzes dar.
  5. Dabei bleibt der Herr Jesus aber nicht stehen. Er hat schon verdeutlicht, dass es in den Augen Gottes nicht einfach auf die äußere Tat ankam. Hinter einer gewalttätigen Handlung steht ein gewalttätiges Herz. Der Herr Jesus fügt auch noch zwei Beispiele an. Beide haben mit der tatsächlichen Tat des Totschlags nichts zu tun zu. Diese beiden Beispiele zeigen aber nochmals deutlich die Wertung des Herrn: Streit und Differenzen zwischen Brüdern offenbaren denselben Geist wie der, welcher den Totschlag oder Mord zum Ergebnis hat.

    a) Wenn ein Jude zum Altar gehen wollte, um Gott ein Opfer darzubringen, war es möglich, dass er erkannte, dass sein Bruder noch eine (berechtigte) Anklage gegen ihn hatte. Er hatte sich also an seinem Bruder versündigt. Dann sollte er vor der Opferung sein Verhältnis mit seinem Bruder in Ordnung bringen und sich mit ihm versöhnen. Wenn er das nicht tat, offenbarte er eine böse Gesinnung, denn offenbar war es ihm egal, dass er gegen seinen Bruder gesündigt hatte. Der Herr verbindet diese Sünde mit dem Gebot, „Du sollst nicht töten“. Das zeigt, dass diese Sünde, die als solche natürlich kein „Totschlag“ ist, ohne ein Bekenntnis der Schuld letztlich in Gottes Augen der Anfang eines Weges ist, der bis zur schlimmsten Gewalttat führen kann. Gott verurteilt Taten nicht erst dann, wenn sie bis zum Äußersten führen. Schon die Gesinnung offenbart das Herz. Noch schlimmer aber: Gott konnte das Opfer eines Jüngers, der einen Konflikt mit seinem Bruder hatte und nicht ausräumte, nicht akzeptieren. Vor Gott ist kein Opfer akzeptabel, das aufseiten des Opfernden mit praktischer Ungerechtigkeit seinem Nächsten gegenüber verbunden ist.

    b) Wenn ein Jude einen Widersacher hatte, der eine offensichtlich berechtigte Anschuldigung gegen ihn vortrug, so sollte er alles unternehmen, um eine Einigung zu erzielen. Die Schuld durfte nicht einfach stehenbleiben, bis es zu größeren Auseinandersetzungen kommt. In diesem Fall war es Eigeninteresse des Jüngers, nicht ins Gefängnis geworfen zu werden. War einmal ein Urteil gesprochen und er im Gefängnis, musste er seine Schuld bis auf den letzten Cent bezahlen. Vorher kam er nicht wieder aus dem Gefängnis heraus (vgl. Mt 18,30.34). Es gibt oft Zeit für eine Einigung und Versöhnung. Aber diese Zeit ist begrenzt. Und dann? Wenn einmal eine Sache vor Gericht gebracht wurde, gab es keine Barmherzigkeit mehr, nur noch Gerechtigkeit. Dann musste das Gesetz in seiner ganzen Schärfe angewendet werden.

    Mit diesen beiden Beispielen bringt der Herr die innere und positive Seite des Gebotes, „Du sollst nicht töten“, ans Licht. Der Herr will nicht nur, dass man sich nicht gegenseitig umbringt, sondern Er wünscht, dass wir versöhnungsbereit sind und ein brüderliches Verhältnis miteinander pflegen. Er möchte Versöhnung, wo Streit und Zwist sind. Ob wir alles daran setzen, die Versöhnung zu suchen?

Verse 25.26: Eine prophetische Schau über die Gefangenschaft Israels

Bevor wir abschließend zu diesem Abschnitt noch zur persönlichen Anwendung auf uns Christen kommen, wollen wir uns noch die prophetische Seite dieses zweiten Beispiels ansehen. Dabei gilt es zu beachten, dass sich diese Verse zunächst auf Jünger jüdischen Glaubens beziehen.

Gott hatte das Gebot gegeben, nicht zu töten. Der Herr hat deutlich gemacht, dass es letztlich nicht nur um das Töten geht, sondern um jede Form der Verschuldung an einem anderen. Aber das hat nicht nur eine persönliche Komponente. Wie sah denn der Zustand des Volkes aus? Es hatte bewiesen, dass es Gottes Gebote nicht gehalten hatte. Alle Klassen des Volkes hatten sich gegen Gott aufgelehnt. Den letzten Beweis dafür hatten sie dadurch geliefert, dass sie ihren eigenen Messias und König aus dem Land nach Ägypten jagten. Später verachteten sie Ihn als Galiläer und Nazarener (vgl. Mt 2,13 ff.).

Sie hatten einen starken „Widersacher“ (V. 25): Mose, den Gesetzgeber, oder ganz grundsätzlich, Gott, der dem Volk das Gesetz durch diesen Mann gegeben hatte. Was war zu tun? Das Volk bekam noch einmal die Chance, umzukehren und eine Einigung mit Gott zu suchen. Sonst würden sie dem Diener überliefert werden, der sie ins Gefängnis werfen würde. Ist das nicht die aktuelle Situation des Volkes? Wo finden wir das Volk Israel? Nur ein kleiner Teil ist nach Israel zurückgekehrt, und das im Unglauben. Das Volk kann jetzt keine Vorrechte genießen, keinen Tempel, keinen Opferdienst. Sie bleiben in diesem „Gefängnis“, bis sie jeden Cent zurückbezahlt haben.

Weil das Volk Israel beim ersten Kommen des Messias nicht auf diese Stimme gehört hat, muss es weiter warten. Die Schuld der Juden war eine zweifache: Zunächst hatten sie sich dem Götzendienst hingegeben. Dann haben sie auch noch den von Gott gesandten Messias ans Kreuz gebracht. So müssen sie auch in zweifacher Weise abbezahlen. Sie müssen bezahlen, bis zum letzten Cent! Erst dann wird das Volk wieder freikommen.

Wenn sie innerlich zu Gott umkehren und den Herrn Jesus als den von Gott gesandten Messias anerkennen werden, wird Gott sich ihnen wieder zuwenden. Sie müssen durch die furchtbare „große Drangsal, wie sie seit Anfang der Welt bis jetzt nicht gewesen ist und auch nicht wieder sein wird“ (Mt 24,21). Aber dann wird der Herr Jesus erneut zu ihnen kommen und sie aus der Macht ihrer Feinde erlösen.

Das Volk hat viel zu bezahlen, denn es gibt keine größere Schuld, als den Gesalbten Gottes ans Kreuz zu bringen. Aber es gibt Hoffnung. Jesaja drückt das so aus: „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. Redet zum Herzen Jerusalems, und ruft ihr zu, dass ihre Mühsal vollendet, dass ihre Schuld abgetragen ist, dass sie von der Hand des Herrn Zweifaches empfangen hat für alle ihre Sünden“ (Jes 40,1.2). Dann folgt das bekannte Zitat über die Stimme eines Rufenden, das in den Evangelien im Blick auf den Dienst von Johannes dem Täufer angeführt wird.

Eine praktische Anwendung für uns

Zum Schluss wollen wir diese Verse näher an uns heranlassen. Vermutlich ist es für Jünger heute nicht schwer, keinen Menschen umzubringen. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass der Herr das Beschimpfen eines Bruders, das Zürnen über ihn auf dieselbe Stufe stellt – zumindest was die strafrechtlichen Folgen betrifft. Das ist nicht weniger schlimm – in den Augen Gottes ist diese innere Regung die Ursache für Gewalttat. Der Lohn: die ewige Verdammnis. Wir müssen uns fragen: Wie reden wir, die wir Jünger des Herrn sind, über unsere Brüder und Schwestern? Ist es möglich, dass wir „vor ihnen“ gut über sie sprechen, wenn sie aber abwesend sind, ganz anders?

Wahre Jünger sind erlöste Menschen, Gläubige. Und wir wissen, dass ein Gläubiger nicht verloren gehen kann. Aber das sollte uns nicht dazu verleiten zu meinen, dann wäre es nicht weiter tragisch, wie wir uns im täglichen Leben verhalten. Unser Herr sieht es als sehr schlimm an, wenn wir gegen einen Bruder Böses reden. Wie leicht lassen wir unsere Zunge Negatives über einen Mitjünger aussprechen. Jakobus zeigt uns, wie sehr wir gerade unsere Zunge bewahren müssen (Jak 3).

Das erste Beispiel in Vers 23 kann uns zeigen, mit welcher Haltung wir das Gedächtnismahl einnehmen sollten. Können wir uns an keine Gelegenheit erinnern, in der ein Bruder etwas gegen uns hatte? Wie leicht übersieht man das notwendige Selbstgericht (1. Kor 11,28). Eine solche Haltung verunehrt den Herrn und man „isst und trinkt sich selbst Gericht“. Zudem verliert man den Genuss des Friedens. Darüber hinaus sind Bruderstreit und fehlende christliche Gemeinschaft die Folge. Wie viel würde sich ändern, wenn wir wieder neu anfingen, unsere Verhältnisse in Ordnung zu bringen!

Wir müssen auch bedenken: Wenn wir schlechte Gedanken und Empfindungen über einen Bruder oder eine Schwester zulassen, können wir nicht erwarten, dass Gott Dank oder Anbetung von uns annimmt. Er konnte das auch nicht von den Israeliten annehmen. So etwas ist in den Augen Gottes ein Gräuel! Wir haben unsere Beziehungen in Ordnung zu bringen und neue Gedanken der Liebe zu unseren Geschwistern entstehen zu lassen, bevor wir uns dem Herrn nahen können.

Nun noch zum zweiten Beispiel aus Vers 25. Wie leicht geben wir einem Bruder oder einer Schwester Anlass für eine Anklage. Wenn uns nicht an einer Versöhnung liegt, brauchen wir uns über unseren persönlichen und gemeinsamen geistlichen Zustand nicht mehr zu wundern. Es ist natürlich ebenso wahr, dass wir, wenn ein Bruder oder eine Schwester gegen uns gesündigt hat, immer versöhnungsbereit sein müssen. Der Herr fordert uns sogar dazu auf, in einem solchen Fall selbst die Initiative für eine Versöhnung zu ergreifen (Mt 18,15).

Wenn wir nun in der Schuld unseres Bruders stehen und keine Einigung suchen, werden wir vielleicht lange abzahlen – manchmal bis ans Lebensende. Es ist zum eigenen Schaden und zum Schaden des Umfelds, in dem wir leben. Denken wir noch einmal daran, dass wir eigentlich Salz und Licht sein sollten!

Verse 27–30: Beispiel 2 – Du sollst nicht ehebrechen

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, sie zu begehren, schon Ehebruch mit ihr begangen hat in seinem Herzen. Wenn aber dein rechtes Auge dir Anstoß gibt, so reiß es aus und wirf es von dir; denn es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder umkomme, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. Und wenn deine rechte Hand dir Anstoß gibt, so hau sie ab und wirf sie von dir; denn es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder umkomme, als dass dein ganzer Leib in die Hölle komme“ (Verse 27–30).

In dem zweiten Beispiel, das der Herr Jesus anführt, geht es um das siebte Gebot vom Sinai, das Verbot des Ehebruchs.

Die fünf Gesichtspunkte beim siebten Gebot

Auch jetzt folgen wir wieder den fünf genannten Punkten.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich auf das siebte Gebot. In 2. Mose 20,14 heißt es: „Du sollst nicht ehebrechen.“ Ehebruch sollte nach dem Alten Testament wie der Mord mit der Todesstrafe geahndet werden (3. Mo 20,10; 5. Mo 22,22–24).10
  2. Es fällt auf, dass der Herr in diesem Fall keine Hinzufügung der Juden nennt. Vielleicht liegt der Grund hierfür in der Praxis in Israel. Es waren nicht nur die Pharisäer, die dieses Ehebruch-Gebot aufgeweicht hatten. David ist leider ein trauriges Beispiel für einen solchen Ehebruch, als er sich mit Bathseba, der Ehefrau seines Helden Urija intim verband. Aber nicht nur das. Es waren große Männer des Volkes wie David und Salomo sowie vieler ihrer Nachfolger auf dem Königsthron, die sich mehr als eine Frau nahmen. Wir verbinden das vielleicht nicht direkt mit Ehebruch. Aber war es in den Augen Gottes letztlich nicht schon immer verkehrt, wenn man verheiratet war und sich dennoch mit einer zweiten Frau verband, selbst wenn man sie heiratete? Gott hatte einen Mann einer Frau zugeführt (1. Mo 2,24). Die Worte des Herrn über diese Institution bestätigen das (Mk 10,6–8), ebenso Paulus’ Worte (1. Tim 3,2.12). Die Verschärfung der Vorschrift durch den Herrn in Vers 28 bestätigt diese Gedanken. Denn Er zeigt immer wieder den tieferen Sinn hinter den Geboten des Alten Testaments.
    Nun fragt man sich, warum der Herr an dieser Stelle nicht auf dieses Problem eingeht. Wir müssen bedenken, dass Gott diese Praxis im Alten Testament in seiner Barmherzigkeit mit dem Menschen geduldet hat. Weder bei David noch bei Salomo griff Er im Gericht ein, als sie mehrere oder viele Frauen ehelichten. Erst, als Salomo dadurch zum Götzendienst verführt worden war, handelte Gott im Gericht.
  3. Jesus bestätigt dieses Gebot nun in Vers 28 nicht nur, sondern wieder einmal verschärft Er es noch. Dem Herrn ist nicht nur die äußere Tat des Ehebruchs wichtig, sondern Er sieht auf das Herz, das zu einer solchen Tat führt. Bereits das Ansehen einer Frau durch einen verheirateten Mann, um sie für sich zu begehren, nennt der Herr Ehebruch im Herzen. Er wahrt den Unterschied zwischen der äußeren Tat und dem „Ehebruch im Herzen“. Er zeigt aber zugleich, dass bereits das Zulassen dieser Begierde eine große Sünde in den Augen Gottes ist. So groß, dass Er sie auch Ehebruch (im Herzen) nennt. Dieser konkrete Punkt war im Übrigen sogar im Alten Testament bekannt (2. Mo 20,17), auch wenn er äußerst schwer zu beurteilen ist.
    Diese Worte sind so eingängig und eindringlich formuliert, dass sie nicht weiter erläutert werden müssen. Die Frage ist nicht, ob ein Mann eine Frau sieht oder ansieht. Der Punkt ist hier, ob in seinem Herzen eine Begierde aufkommt, die ihn dahin führt, diese Frau für sich selbst haben zu wollen. Der Herr spricht davon, dass sich der Mann möglicherweise schon in Gedanken ein intimes Zusammensein ausmalt. Welcher (verheiratete) Mann würde von sich behaupten, in diesem Punkt noch nie gesündigt zu haben? Ohne dass diese Stelle unverheiratete Männer direkt anspricht, sollten sie sich der hier genannten Gefahr bewusst sein. Unsere Begierden lenken unsere Augen und führen sehr schnell zu weiteren Begierden und Sünden.
  4. Der Herr verurteilt an dieser Stelle keine Hinzufügung und kein Wegnehmen bzw. Auflösen der Pharisäer, da es keine solchen gibt. Doch zeigen seine verschärfenden Worte, dass sich keiner der Illusion hingeben sollte, nur vollendeter Ehebruch sei Sünde. Es ist wieder eine Frage unserer Herzen, von denen alle unsere Entscheidungen ausgehen (Mt 15,19).
  5. Auch jetzt bleibt Christus bei diesem Punkt nicht stehen. Er zeigt seinen Jüngern, wie sie mit dem Problem solcher inneren Begierden umgehen müssen. Jedem Leser wird wohl klar sein, dass der Herr nicht dazu auffordert, wirklich das rechte Auge herauszureißen oder die rechte Hand abzuhauen. Aber er nennt diese beiden Körperteile, weil sie Mittel zur Ausführung von Sünde sind. Eine Begierde fängt im Herzen an. Sie findet oft ihren Weg über die Augen bis hin zur Hand, die dann die böse Tat ausführt. Das Herz wurde schon in Vers 28 angesprochen. Es geht dem Herrn nicht um ein Verstümmeln unseres von Gott, dem Schöpfer, gegebenen Körpers. Das linke Auge oder die linke Hand wären nach einem Ausreißen oder Abhauen des rechten Teils immer noch in der Lage, diese Sünden auszuführen. Dann müsste man schon beide Augen und beide Hände entfernen. Das kann also nicht gemeint sein. Der Herr will zeigen, dass sich jedes Opfer lohnt, wenn es zur Befreiung von der Hölle verhilft, die am Ende eines sündigen Lebensweges steht.11

Der Herr zeigt an dieser Stelle zudem wichtige Elemente und Schritte des Selbstgerichts auf. Wir lernen, dass ein Jünger sich selbst gegenüber nicht barmherzig sein soll, sondern das Wort Gottes in aller Schärfe zum Selbstgericht benutzen muss.

a) Selbstgericht bedeutet, dass man sich die Sünde, die man begangen hat, bewusst macht, und zwar sehr konkret.

b) Das heißt, dass wir auch die Teile unseres Körpers, der Seele und des Geistes identifizieren, die sich versündigt haben. Wir müssen die Sünde bis zu ihrem Ausgangspunkt zurückverfolgen.

c) Dann müssen wir den Anlass für die Sünde identifizieren, um ihn dem Herrn zu bekennen und wegzutun. Das kann bedeuten, dass ich künftig bei bestimmten Anlässen fliehen muss – einen möglichst großen Bogen um den Verursacher der Sünde machen muss.

d) In besonderer Weise sind die Elemente in unserem Leben zu prüfen, die in erster Linie „aktiv“ sind, ob sie Anlass zur Sünde geben. Davon sprechen das rechte Auge und die rechte Hand. Das kann sich konkret auf viele Bereiche beziehen: auf meine Begierden im sexuellen Bereich; auf meinen Hang zur Musik; auf meine Neigung zum Zorn oder Neid; auf meinen Wunsch, groß in den Augen anderer sein zu wollen; usw.

e) Man darf das Ausmaß, das „Ziel“ und die Folgen der Sünde nicht beschönigen oder verniedlichen. Der Herr zeigt, dass selbst eine Begierde, die „nur“ im Herzen erfolgt, zu Gericht führt: Der ganze Leib muss, wenn es kein aufrichtiges Bekenntnis gibt, in die Hölle geworden werden, den Ort ewiger Verdammnis.

f) Selbstgericht muss dazu führen, dass ich von der Sünde künftig lasse. Ein gründliches Bekenntnis, eine tiefgreifende Sinnesänderung und das Bewusstsein, dass Christus für diese Sünde am Kreuz sterben musste, bewahren mich davor, erneut in dieselbe Sünde zu fallen.

g) Dass von der rechten Hand und von dem rechten Auge die Rede ist, zeigt uns, dass es um vorsätzliche Sünde geht, die in vollem Bewusstsein, in „Kraft“ begangen wird (vgl. Off 13,16). Der Herr spricht nicht von Problemen, für die wir nicht verantwortlich sind. Die rechte Hand ist im Allgemeinen die starke Hand. Nach 2. Mose 15,6 spricht die Rechte von Kraft. Gerade diese benutzen wir, um etwas zu bewegen. Für ihr Handeln sind wir verantwortlich!

Zum Abschluss wollen wir uns bewusst werden, wie aktuell diese Verse sind. Wir leben in einer Gesellschaft, die gerade sexuelle Begierden direkt herausfordert. Ein Christ kann sich dieser Reizüberflutung kaum entziehen. Umso wichtiger ist es, dass wir uns bewusst machen, dass jede Begierde, die wir in unseren Herzen aufkommen lassen und der wir in unseren Gedanken Raum geben, Sünde ist. Das sind in Gottes Augen keine Kleinigkeiten. Daher verbindet Er diese Schlussfolgerungen mit dem Ehebruch. Deshalb ist es so wichtig, dass wir uns täglich durch das Wort Gottes reinigen lassen und ein aktives Selbstgericht pflegen.

Immer wieder stützt Gott im Neuen Testament die Heilsgewissheit der Erlösten. Dennoch zeigt Er an anderer Stelle, dass ein Christ einen Weg gehen kann, der in den Tod führt. Paulus schreibt an die Römer: „Denn wenn ihr nach dem Fleisch lebt, so werdet ihr sterben“ (Röm 8,13) – und damit ist nicht der leibliche Tod gemeint! Die Empfänger dieses Briefes waren wirklich gläubig. Aber wenn sie sich durch das Fleisch regieren ließen und das zu einem Zustand in ihrem Leben würde, würden sie einen Weg beschreiten, der das Urteil des Todes besaß. Das gilt auch für uns.

Es handelt sich nicht um zwei gegensätzliche Grundsätze. Gott ist treu, und Er wird jeden Erlösten auch ans Ziel bringen. Unsere Verantwortung als Menschen aber besteht darin, Ihn in unserem Leben zu ehren. Deshalb kann der Herr Jesus hier von der Hölle sprechen. Wir wissen aus vielen Stellen, dass diejenigen in die Hölle kommen, die sich nicht zu Gott und dem Herrn Jesus bekehren wollen. Aber wenn wir uns durch unsere Begierden regieren lassen, laufen wir auf einem Weg, der ins Verderben führt. Nur dann, wenn wir dem Geist die Regierung unseres Lebens übergeben, werden wir den Weg des Lebens gehen.

Verse 31–32: Beispiel 3 – der Scheidebrief

„Es ist aber gesagt: Wer irgend seine Frau entlässt, gebe ihr einen Scheidebrief. Ich aber sage euch: Jeder, der seine Frau entlässt, außer aufgrund von Hurerei, bewirkt, dass sie Ehebruch begeht; und wer irgend eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch“ (Verse 31.32).

Das dritte Beispiel bezieht sich nicht auf eines der Zehn Gebote.12 Aber wir finden einen Hinweis zu diesem Gebot in 5. Mose 24. Darauf scheint Christus in diesem Teil der Bergpredigt anzuspielen.

Die fünf Gesichtspunkte beim Gebot zum Scheidebrief

Auch jetzt folgen wir wieder den fünf genannten Punkten.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich wohl auf 5. Mose 24,1–4: „Wenn ein Mann eine Frau nimmt und sie heiratet, und es geschieht, wenn sie keine Gnade in seinen Augen findet, weil er etwas Anstößiges an ihr gefunden hat, dass er ihr einen Scheidebrief schreibt und ihn in ihre Hand gibt und sie aus seinem Haus entlässt …“. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um eine grundsätzliche „Erlaubnis“, seine Frau zu entlassen, sondern um einen Ausdruck der Barmherzigkeit Gottes. Das können wir aus Matthäus 19,8 lernen: „Er spricht zu ihnen: Mose hat euch wegen eurer Herzenshärte gestattet, eure Frauen zu entlassen; von Anfang an aber ist es nicht so gewesen.“ Gott hatte nie den Gedanken, dass ein Mann seine Frau entlassen könnte. „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Mt 19,6). Mose hatte es den Israeliten daher gestattet. Gott hatte es, indem Er nicht eingriff, für eine gewisse Zeit geduldet. Es ist interessant, dass der Herr nicht sagt, dass Gott es gestattet hat – aber Er ließ Mose gewähren.13
  2. Worin liegt in diesem Fall die Hinzufügung durch die Pharisäer? Offensichtlich waren sie (teilweise) der Meinung, dass ein Mann seine Frau auf jeden Fall entlassen konnte, wann er wollte. Daher änderten sie die Einleitung des göttlichen Gebots ab und sagten: „Wer irgend …“ Es gab manche Lehrmeinungen, die zum Beispiel eine Entlassung aufgrund einer angebrannten Mahlzeit möglich machten. Andere waren strenger und forderten schwerwiegendere Gründe.
    Aber – wie wir gesehen haben – war es nie der Gedanke Gottes, dass eine Ehefrau entlassen würde, sondern Er duldete es lediglich aufgrund ihrer Herzenshärte. Der Herr Jesus wendet sich jetzt gegen die Anmaßung, aus einer Duldung ein positives Recht abzuleiten und auf jeden Fall auszuweiten („wer irgend“). Dem stellt Er das „Jeder“ entgegen und verdeutlicht, dass jeder Fall (bis auf eine genannte Ausnahme) Sünde und das Bewirken von Ehebruch ist. Insofern könnte man dieses dritte Beispiel als eine Art Gegenstück zum zweiten Beispiel auffassen. Denn dort gab es keine menschliche Zufügung – hier gibt es keine wirkliche Grundlage im Gesetz Moses für das gedankenlose Entlassen einer Frau. Wohl deshalb ist auch der einleitende Satz nur in diesem einen Beispiel anders formuliert als bei den anderen Abschnitten. Denn es heißt nicht: „Ihr habt gehört …“, was das Gebot Gottes zumindest mit einschloss und nicht nur die Hinzufügung der Rabbiner enthielt. In diesem einen Fall lesen wir: „Es ist gesagt“, nämlich (in dieser Form) von den Juden, nicht von Gott.
  3. Daher verschärft der Herr Jesus hier zum ersten Mal ein Gebot nicht. Es gab hier ohnehin keine wirkliche Grundlage im Wort Gottes für das, was in Israel Praxis geworden war. Stattdessen ordnet der Herr Jesus das Gegenteil von dem an, was die Pharisäer gelehrt haben.
  4. Mit einem Satz fegt der Herr Jesus somit das Lehrgebäude der Pharisäer und Schriftgelehrten vom Tisch. Jede Entlassung, welche die Pharisäer zulassen wollten, ist in den Augen Gottes die Anstiftung zu Ehebruch, denn was sollte eine entlassene Frau in Israel machen? Der Sozialstatus war nicht vergleichbar mit der heutigen Situation, in welcher der Staat viel durch Sozialhilfe usw. auffängt. Die Frauen waren damals normalerweise darauf angewiesen, durch den Ehebund mit einem Mann sozial abgesichert zu sein. Das heißt, dass sie nach einer Entlassung alles daran setzen mussten, wieder zu heiraten, weil sie sonst in größter Armut leben mussten. Oder sie öffneten sich ungesetzlichen Bereichen wie der Prostitution. Beides bedeutete in den Augen Gottes Ehebruch. Gott hasst Entlassung (Mal 2,16) und besteht seit dem Kommen Jesu darauf, dass eine Ehe bestehen bleibt, bis der Tod die Ehe beendet.
    Nur eine Ausnahme wird genannt: Wenn die Frau bereits selbst die Ehe durch intimen Verkehr mit einem anderen Mann gebrochen hatte, durfte der Mann sie entlassen. Damit unterlag sie eigentlich dem Todesurteil (vgl. 3. Mo 20,10) – wodurch der Ehebruch ihre Schuld und nicht die ihres Mannes war. In einem solchen Fall war Entlassung nach den Geboten des Alten Testaments nicht mehr relevant, weil das Urteil Gottes ohnehin zu vollziehen war. Allerdings ist hier zu bedenken, dass das Todesurteil zur Zeit des Herrn anscheinend nicht mehr vollstreckt wurde (vgl. Mt 21,32; Lk 7,39). Vor diesem Hintergrund wird die hier genannte Ausnahme in Verbindung mit den Worten des Herrn in Matthäus 19,9 zu einem anderen Hinweis. Gott sieht die Ehe im Fall von Hurerei derart in ihrem Kern angegriffen, dass Er hier dem betrogenen Ehepartner zubilligt, sich zu trennen. Wir haben hier keine Empfehlung vor uns, sondern ein Zulassen dieser Möglichkeit. Und wohlgemerkt: Es geht um einen einzigen Fall, um einen Ausnahme.
  5. Die Belehrung des Herrn Jesus in diesen Versen liegt also darin, dass Er eine Entlassung und eine Ehescheidung grundsätzlich verwirft. Wer sich von seiner Frau trennte, bewirkte, dass sie Ehebruch treiben musste. In Gottes Augen bestand nämlich die erste Ehe noch – so war jede neue Eheschließung ein Vergehen an dem ersten Ehebund. Wer eine Entlassene heiratete, beging ebenfalls Ehebruch. Um das zu vermeiden, besteht der Herr Jesus auf der ehelichen Treue des Ehemanns und der Ehefrau. Das war von Anfang an Gottes Wille (1. Mo 2,24) – und so bleibt es auch.

Dieses Gebot des Herrn ist ebenfalls von großer Aktualität. Heute wird es zunehmend auch unter Christen üblich, dass sich Mann und Frau trennen. Es reicht, wenn man meint, dass man nicht mehr miteinander auskommt. Dass der Gedanke Gottes, wie hier festgeschrieben, dazu völlig im Gegensatz steht, nimmt man in Kauf. Man begründet es einfach damit, dass ein Zusammenleben unerträglich sei. Diese Behauptung ist schon die erste Sünde.

Noch schlimmer ist es dann aber, nach einer gewissen „Anstandszeit“ erneut zu heiraten. Man meint, dann einen neuen Partner gefunden zu haben, mit dem es besser laufen wird. Das ist nach den Worten des Herrn nichts anderes als Ehebruch. Wir sollten die Schärfe des Wortes Gottes, wie es uns hier vorgestellt wird, nicht abschwächen. Die Gedanken Gottes haben sich nicht geändert – und wir sollten sie auch für die heutige Zeit annehmen!

Verse 33–37: Beispiel 4 – falsch schwören

„Wiederum habt ihr gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht falsch schwören, du sollst aber dem Herrn deine Eide erfüllen. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht; weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs; noch sollst du bei deinem Haupt schwören, denn du vermagst nicht, ein Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede sei aber: Ja, ja; nein, nein; was aber mehr ist als dieses, ist aus dem Bösen“ (Verse 33–37).

Im vierten Beispiel geht es um das Schwören. Es war zu den Lebzeiten Jesu offensichtlich eine Gewohnheit, die eigenen Worte mit einem Schwur zu verstärken und damit zu bekräftigen. Aber wenn ein Mensch fast jede Behauptung mit einem Schwur bekräftigt, lässt das darauf schließen, dass seine Worte ansonsten nicht vertrauenswürdig sind.

Jemand hat einmal gesagt: Bei jeder Gelegenheit Gott zum Zeugen anzurufen heißt, einen Abwesenden um Hilfe zu rufen, in dessen Gegenwart man offenbar nicht zu reden gewohnt ist. Sonst würde man Ihn nicht ständig als Zeugen benötigen. Man wüsste dann nämlich, dass Er den eigenen Worten nicht durch das Berufen auf seinen Namen Autorität verleiht, sondern dadurch, dass Er innerlich wirkt.

Falsch schwören – das ist lügen. Es geht also auch hier um eine Sünde der menschlichen Verdorbenheit. Leider wissen wir aus eigener Erfahrung, wie oft wir diese Sünde begehen, obwohl uns als Kinder Gottes klar ist, dass wir damit im Widerspruch zu unserem neuen Leben handeln.

Die fünf Gesichtspunkte beim Gebot über falsches Schwören

Wenn wir zu den fünf Punkten kommen, geht es zunächst wieder um das Gebot Gottes.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich offenbar auf zwei Stellen des Gesetzes:
    a) 3. Mose 19,12: „Und ihr sollt nicht falsch schwören bei meinem Namen, dass du den Namen deines Gottes entweihest. Ich bin der Herr.“
    b) 4. Mose 30,3: „Wenn ein Mann dem Herrn ein Gelübde tut oder einen Eid schwört, eine Verpflichtung auf seine Seele zu nehmen, so soll er sein Wort nicht brechen: Nach allem, was aus seinem Mund hervorgegangen ist, soll er tun“ (vgl. auch 5. Mo 23,22 ff.; Sach 8,17).
    Hintergrund der zuerst genannten Anordnung ist das dritte Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht zu Eitlem aussprechen; denn der Herr wird den nicht für schuldlos halten, der seinen Namen zu Eitlem ausspricht“ (2. Mo 20,7). Die zweite Anordnung verpflichtete den Schwörenden dazu, den Schwur einzuhalten. Sonst hätte er den Namen Gottes in nichtiger Weise ausgesprochen.
  2. Worin liegt in diesem Fall die Hinzufügung durch die Pharisäer? Offensichtlich hatten die Schriftgelehrten Anweisungen erlassen, nicht bei dem Namen des Herrn zu schwören, um nicht gegen das dritte Gebot zu verstoßen. Dennoch wollten sie die Menschen zum Schwur verpflichten und die Autorität einer höheren Instanz nicht aufgeben. Daher hatten sie als „höhere Instanz“ den Himmel, die Erde oder Jerusalem festgelegt. Durch die Berufung auf diese drei örtlichen Instanzen sollte eine Aussage bekräftigt werden. Da man auf diese Weise den Namen Gottes vermied, wurde alles mit einem Schwur verbunden. So legten die Rabbiner die Grundlage für ein leichtfertiges Schwören. Die Juden liebten es, alles Mögliche in formell wohl formulierten Worten zu beschwören.
  3. Zu Anfang der Beispiele aus dem Gesetz haben wir gesehen, dass der Herr Jesus das Gesetz nicht beiseite setzt, sondern es bestätigt und sogar verschärft. Wie sieht das nun in diesem Fall aus?
    Die Verschärfung des Gesetzes besteht darin, dass Er sagt: „Schwört überhaupt nicht.“ Der Mensch meint, durch Ersatzvokabeln dem Gebot in 3. Mose 19,12 aus dem Weg gehen zu können. Christus zeigt jedoch, dass man auch mit Schwüren bei Himmel, Erde, Jerusalem oder dem eigenen Haupt niemand anderen als Gott selbst meinte. Er erklärt: Das Gesetz sagt: Benutzt den Namen Gottes nicht für nichtige Zwecke beim Schwören. Ich sage Euch: Schwört gar nicht, so steht ihr nicht in Gefahr, den Namen Gottes falsch zu verwenden.
    Nun könnte jemand fragen: Heißt es nicht in Stellen wie 5. Mose 6,13; 2. Mose 22,10; 3. Mose 5,1; u. a., dass man schwören sollte? War das nicht ein Gebot Gottes selbst? Die Antwort ist: Gegen diese Gebote wendet sich der Herr Jesus nicht, denn sie beziehen sich auf einen Eid, der in bestimmten Fällen vor Gott geleistet werden sollte. Wogegen Er sich richtet, ist, dass die Menschen ihre alltäglichen Reden, durch einen Eid bekräftigen. Denn Gott hatte im Alten Testament nicht davon gesprochen, dass die Aussage eines Menschen einen größeren Wert durch einen Schwur erlangen würde. Aber genau das war die pharisäische Hinzufügung zu Gottes Wort!
  4. Damit geht der Herr Jesus dann auch im Einzelnen auf die Hinzufügungen der Juden ein:
    a) Sie hatten als eine Möglichkeit des Eides das „Schwören beim Himmel“ angegeben. Aber sie hatten nicht bedacht, dass dieser der Thron Gottes ist, also gewissermaßen der Regierungssitz des Herrn. Das hätte den Schriftgelehrten bekannt sein müssen, denn Gott spricht davon in Jesaja 66,1: „So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron, und die Erde der Schemel meiner Füße.“ Wer also beim Himmel schwor, der benutzte auf indirekte Weise den Namen des Herrn.
    b) Der Herr Jesus hatte im ersten Beispiel des Tötens die Hinzufügungen der Juden in eigener Autorität verworfen. Hier nun zitiert Er in seiner Verschärfung des Gesetzes und Abweisung der menschlichen Hinzufügungen das Alte Testament. So auch in Bezug auf die Erde, die der Schemel seiner Füße ist. Damit trägt sie ebenfalls den Namen dessen, der auf ihr steht.
    c) Was die Stadt Jerusalem betrifft, so ist die Begründung Jesu zu Herzen gehend. Hier redet der große König selbst und spricht von seiner Stadt! Zugleich handelt es sich wieder um ein Zitat des Alten Testaments, hier eines der Söhne Korahs: „Groß ist der Herr und sehr zu loben in der Stadt unseres Gottes auf seinem heiligen Berg. Schön ragt empor, eine Freude der ganzen Erde, der Berg Zion, an der Nordseite, die Stadt des großen Königs“ (Ps 48,2.3). Wer ist der König? Es ist der Herr, Emmanuel, der zu den Menschen gekommen ist. Auch ein Schwur mit dem Namen Jerusalems war also ein falsches Verwenden des Namens des Herrn.
    d) Vielleicht war die vierte Variante, beim eigenen Haupt zu schwören, die extremste. Man schwor bei sich selbst, das heißt „mit“ Einsatz seines eigenen Lebens. Ob dieses dann wirklich jemand preisgab, wenn er einer Lüge überführt wurde? Wer aber ist der Schöpfer jedes Menschen? Wieder der Herr, denn selbst vermag der Mensch kein Haar weiß oder schwarz zu machen. Jedes gefärbte Haar bleibt doch so, wie es vorher war, und kehrt zu dieser Farbe zurück. Aber Gott vermag Haare zu verändern.
  5. Worin liegt nun die tiefere Belehrung des Herrn? Es wird klar, dass das Reden der Jünger immer die Wahrheit sein sollte. Ein Jünger, der sagen muss: „Ehrlich gesagt …“, stellt eigentlich sein sonstiges Reden selbst in Frage. Der Meister aber weist uns an, immer Ja zu sagen, wenn wir Ja meinen, und immer Nein zu sagen, wenn wir Nein meinen. Alles andere ist aus dem Bösen! Das heißt, man spricht nicht die Wahrheit. „Aus dem Bösen“ – vielleicht ist dieser Ausdruck sogar ein Hinweis auf Satan. In der zweiten Versuchung des Herrn (Mt 4,5–7) hatte er den Psalmvers bewusst verkürzt wiedergegeben. Dort hatte er sich bereits in seinem Charakter als Lügner vollständig offenbart.
    Es ist im Übrigen interessant, dass genau diese Aussagen von Jakobus in seinem Brief (5,12) wiederholt werden. Jakobus zeigt uns die Situation von Jüngern im Königreich Gottes und führt manche Anordnungen des Herrn für uns weiter aus.
    Damit jedoch niemand auf die Idee kommt, dieses Wort des Herrn, die Wahrheit zu sprechen, sei „nur“ mit dem Königreich der Himmel verbunden, habe aber für uns als Glieder des einen Leibes der Versammlung (Gemeinde) keine tiefere Bedeutung, sei auf Epheser 4,25 hingewiesen: „Deshalb, da ihr die Lüge abgelegt habt, redet Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder voneinander“ (Eph 4,25). Das gilt für uns Christen. Im Christentum ist ein Schwören also ebenfalls fehl am Platz.

Als Ausnahme gilt sicher, wenn wir vor Gericht, im Staatsdienst oder an anderer Stelle einen Eid zu leisten haben. Davon spricht der Herr hier nicht. Römer 13,1 ff. zeigt uns, wie wir uns der Regierung gegenüber zu verhalten haben. Wenn sie einen Eid von uns verlangt, sollen wir ihr gehorsam sein. Nur dann, wenn dieser Eid gegen Gott (zu einem Fluch zum Beispiel) gerichtet ist, müssen wir das ablehnen (vgl. Apg 5,29).

Der Herr ist auch hier unser Vorbild. Als Er vom Hohenpriester beschworen wurde, antwortete Er und durchbrach sein Schweigen, das Ihn zuvor in vollkommener Demut und Hingabe gekennzeichnet hatte. Das lag daran, dass Ihn dieser ausgesprochene Schwur per Gesetz dazu verpflichtete, sein Schweigen zu brechen (vgl. Mt 26,62).

Verse 38–42: Beispiel 5 – Auge um Auge

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge und Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: Widersteht nicht dem Bösen, sondern wer irgend dich auf deine rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin; und dem, der mit dir vor Gericht geht und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch das Oberkleid. Und wer dich zwingen will, eine Meile mitzugehen, mit dem geh zwei. Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will“ (Verse 38–42).

Die ersten vier Beispiele gehörten zusammen. Sie haben uns mehr die Seite praktischer Gerechtigkeit im Handeln eines Jüngers vorgestellt. Es ging darum, nicht der Gewalttat oder der Verdorbenheit nachzugehen.

Jetzt kommen wir bei den letzten beiden Beispielen zu der Seite der göttlichen Natur. Es geht um seine Wesenszüge Licht und Liebe (Gnade). Das haben wir schon im zweiten Teil der Glückseligpreisungen und beim Licht der Welt gesehen. Hier behandelt der Herr Jesus zunächst die Frage, wie ein Jünger mit jemand umgeht, der ihm wehgetan hat oder wehtun will.

Die fünf Gesichtspunkte beim Gebot über die Vergeltung

Wieder gehen wir anhand der fünf Punkte vor, beginnend bei dem Gebot Gottes.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich auf folgendes Gebot im Gesetz:
    „Wenn aber Schaden geschieht, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Wunde um Wunde, Strieme um Strieme“ (2. Mo 21,23–25). Ähnliche Anordnungen findet man in 3. Mose 24,20 ff. und in 5. Mose 19,21.
    Gott hat sich also im Gesetz ausdrücklich zu den Folgen körperlicher Schädigung geäußert. Wenn jemand einer Person einen körperlichen Schaden zugefügt hatte, sollte er selbst eine gleichartige körperliche Strafe erleiden müssen.
  2. Worin liegt in diesem Fall die Hinzufügung durch die Pharisäer? Das ist auf den ersten Blick nicht erkennbar. Aber der Zusammenhang der Verse 38 bis 42 scheint anzudeuten, dass die Juden dieses Gesetz Gottes anders auslegten, als Gott es vorgesehen hatte. Denn Gott hatte an keiner Stelle angeordnet, dass sich der Geschädigte oder seine direkte Verwandtschaft einfach selbst rächen durfte. Es bedurfte einer sachlichen Beurteilung der Schuldfrage zumindest durch ein örtliches Gericht (vgl. 3. Mo 19,15.35; 4. Mo 35,12; 5. Mo 1,17; 16,18; u. a.). Darüber hinaus hatte Gott nach 5. Mose 17,8 ff. angeordnet, dass an dem Ort, den Jahwe (der Herr), der Gott Israels, erwählten würde, Priester, Leviten und ein Richter sein würde, um die Dinge zu verhandeln, die Streitsachen inmitten des Volkes waren. Wenn also beispielsweise einem Sohn der Familie ein Zahn ausgeschlagen worden war, so durfte sich dieser oder einer seiner Anverwandten nicht unmittelbar rächen und zurückschlagen. Die Sache musste vor eine Art „ordentliches Gericht“ gebracht werden.
    Gott hatte dieses Gebot nicht für den Alltagsgebrauch der Bevölkerung gegeben. Es war eine Anweisung allgemeiner Rechtsprechung. Wenn jemand geschädigt worden war, sollte das Gericht dafür sorgen, dass der Schädiger dieselbe schädigende Handlung als Strafe bekam. Aber es war ein neutrales Gericht für diese Urteilssprechung notwendig. Anscheinend hatten die Schriftgelehrten und Traditionalisten jedoch dem Volk zugestanden, die Dinge in die eigene Hand zu nehmen, wie wir unseren Versen entnehmen können. Gott dagegen hatte gesagt: „Mein ist die Rache und die Vergeltung“ (vgl. 5. Mo 32,35), so dass das in 5. Mose 17,8 ff. angesprochene „Gericht“ unbedingt einbezogen werden musste.
    Zudem haben die Juden dieses Gebot auf jeden Lebensbereich ausgedehnt, bei dem jemand einen Nachteil erlangt hatte, mochte er auch noch so gering sein. Das aber war nicht der Gedanke Gottes beim Erlass des Gesetzes gewesen. Der einschlägige Sachverhalt dieser Regelung war ein wirklich gravierender körperlicher Schaden. Weil aber die Juden die Anwendung dieses Gesetzes offenbar deutlich ausgeweitet hatten, führte der Herr Jesus in seinen Erklärungen Beispiele aus einem Bereich an, bei dem der Benachteiligte keinen körperlichen Schaden erlitten hatte.
  3. Wie beim vierten Beispiel hat es auch hier den Anschein, als ob der Herr das Gesetz auflöste und ein anderes Gebot einführte. Dem ist jedoch nicht so. Denn wie schon in der Einleitung der Bergpredigt angeführt, geht es in diesen drei Kapiteln nicht um Anweisungen an die Politik und die Regierung. Es handelt sich um Anordnungen für das persönliche Glaubensleben eines Jüngers. Das Gebot, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, hatte im persönlichen Glaubensleben eines Jüngers eigentlich nichts zu suchen. Dieses Verhalten sollte einen Jünger im Königreich nicht kennzeichnen. Daher gab es für Christus an dieser Stelle kein Gebot zu bekräftigen, das ein Jünger in seinem Glaubensleben richtig hätte anwenden sollen.
    Die Juden hatten das eigentliche Gebot in völlig falscher Weise, nämlich eigennützig, angewendet. Der Herr dagegen zeigt, dass man dieses Recht nicht zu seinen Gunsten durchsetzen muss, wenn man in der Gesinnung Gottes handeln möchte. Das Gesetz bleibt bestehen und ist nach wie vor eine Anweisung an die Gerichtsbarkeit der Juden, Böses tun zu tadeln und Gutes tun zu loben – diese Verantwortung hebt der Herr überhaupt nicht auf. Aber der Einzelne ist nicht verpflichtet, eine Person, die ihm etwas getan hat, anzuzeigen. Man muss persönlich also nicht dafür sorgen, dass es zu einer solchen Gerichtssitzung kommt, wenn man dem Gegenüber Gnade erweisen möchte.
  4. In gewisser Hinsicht nimmt unser Herr jedoch die falsche Verwendung des göttlichen Gebotes zum Anlass, das Gesetz zu vertiefen: Der wahre Jünger Jesu sollte in seinem Handeln nicht nur gerecht sein, sondern auch gnädig. Der Grundsatz, „Auge um Auge, Zahn um Zahn“, war ein von Gott gegebenes Vergeltungsgebot, das durch die Richter verwirklicht werden sollte. Jetzt zeigt der Herr jedoch, dass es für einen Menschen, der seinen Zahn oder sein Auge aufgrund der Sünde eines anderen verloren hatte, keinen Anlass gab, das Gericht zu bemühen. Wenn er in einer Gesinnung des Glaubens, der Gnade und Liebe handelte, wäre er bereit, sogar eine doppelte Verachtung und doppelte Schläge zu erdulden.
    Mit anderen Worten: Der Herr verschiebt die Blickrichtung vom Täter zum Opfer. Unabhängig von einem Gerichtsurteil über den Täter wollte der Herr den Geschlagenen dazu bringen, Gottes Barmherzigkeit nachzuahmen. Gott hat sich den Menschen gegenüber immer wieder als ein barmherziger Gott erwiesen, der langsam zum Zorn ist und groß an Güte. Ein Geschädigter hatte das Recht, die Gerichte anzurufen. Die Pharisäer, von denen einige im obersten Tribunal saßen (vgl. Joh 3,1; 7,50.51), hatten es leicht, jemand gerichtlich zu verfolgen, der ihnen etwas angetan hatte. Und hier zeigt der Herr: Das war nicht der Gedanke Gottes mit dem Gebot „Auge um Auge“. Er wollte Gerechtigkeit, aber nicht auf Kosten von Barmherzigkeit. Diese sollte bei dem Geschädigten vorherrschen und der Gerechtigkeit wahre Kraft verleihen. „Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden“ (Joh 1,17). Daher gibt Christus hier vier Anordnungen:

    a) „Widersteht nicht dem Bösen!“ Dieser Vers bedeutet nicht, dass man das Böse oder den Bösen in der Versammlung Gottes dulden soll. Es wurde ja mehrfach erwähnt, dass es in der Bergpredigt nicht um die Versammlung (Gemeinde, Kirche) Gottes geht. Der Herr stellt hier die Grundsätze seines Königreichs vor. Solange Christus der Verworfene ist, wird das Böse aus diesem Reich nicht verbannt und es ist auch nicht möglich, das Böse aus diesem Reich zu beseitigen (vgl. Mt 13,28 ff.). Hier ist also das Ausharren der Gläubigen gefragt.
    Dieser Vers steht übrigens nicht im Widerspruch zu Jakobus 5,7: „Widersteht aber dem Teufel“. Er ist zwar der Böse schlechthin. Aber Jakobus bezieht sich auf ein moralisches Widerstehen. In Matthäus 5 dagegen geht es um den Verzicht auf ein (innerliches) Aufbegehren gegen solche Menschen, die uns Böses tun (wollen) und letztlich durch Satan, ihren Herrn, dazu inspiriert werden. Mit anderen Worten: Wir sollen nicht gegen den Bösen und das uns durch diesen entgegengebrachte Böse vorgehen. Vielmehr haben wir den Auftrag, Unrecht in Demut ertragen – so, wie es der Herr Jesus selbst vorgelebt hat. Dem Herrn traten oft böse Menschen, angestachelt durch Satan, entgegen oder legten Ihm zu Unrecht Dinge zur Last. Nie aber rief Er zu einer Revolte auf. Er duldete still. Das war das Gegenteil von dem, was die Pharisäer und Schriftgelehrten verbreiteten.

    b) „Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin.“ Wie in den Versen 29 und 30 meint der Herr Jesus auch hier nicht, dass wir tatsächlich unsere linke Wange hinhalten sollen. Dasselbe gilt für die beiden anderen Beispiele. Wir müssen bedenken, dass es sich bei dem Schlag auf die rechte Wange um eine grobe Beleidigung handelte. Denn ein Rechtshänder schlägt normalerweise auf die linke Wange. Offenbar ist hier also um ein Schlagen mit dem Handrücken gemeint, der Ausdruck einer bewussten Beleidigung. Die soll ein Jünger klaglos erdulden, ohne zurückzuschlagen oder aufzubegehren (vgl. 1. Pet 2,20; in Bezug auf den Herrn: Jes 50,6). Das Hinhalten der anderen Wange zeigt: Der andere wollte zwar beleidigen. Aber durch mein Leben in Gemeinschaft mit dem himmlischen Vater lasse ich mich nicht beleidigen, sondern erdulde im Namen Jesu, um seiner Gerechtigkeit willen. – Ob wir so die Beleidigungen von Menschen, ja sogar von Christen erdulden?

    c) „Dem, der mit dir vor Gericht gehen und dein Untergewand nehmen will, dem lass auch das Oberkleid.“ Hier wird dem Jünger klar gemacht, dass die Vorschrift nicht nur im privaten, sondern auch im öffentlichen Bereich, nämlich vor Gericht, ihre Gültigkeit behält. Sie gilt für jede soziale Schicht. Eigentlich war es den Juden untersagt, das Oberkleid eines armen Schuldners über Nacht als Pfand zu behalten (vgl. 2. Mo 22,25.26; 5. Mo 24,12.13). Jesus Christus nun sagt seinem Jünger, dass dieser trotz Mangels auch bereit sein soll, das Oberkleid herzugeben, selbst wenn er nichts weiter besäße.14 Wohlgemerkt: Der Herr löst nicht das Gesetz auf und sagt dem Pfänder: Du kannst ruhig alles nehmen. Christus wendet sich an den, dessen Eigentum gepfändet wird – und dieser soll bereit sein, auch mehr zu erdulden.
    Vielleicht spielt in diesen Vers mit hinein, dass der, dessen Eigentum gepfändet wird, ein Unrecht begangen hat. Warum sollte der andere sonst vor Gericht gehen? Dann sagt der Herr Jesus, dass sein Jünger bereit sein soll, sogar mehr als das Gesetz vom Sinai zu erfüllen, indem er auch das Oberkleid abgibt.

    d) Das dritte Beispiel heißt dann: „Und wer dich zwingen will, eine Meile mitzugehen, mit dem geh zwei.“ Auch damit wischt der Herr Überlegungen und Anordnungen der Juden vom Tisch. Manchmal verpflichteten hochgestellte Menschen andere, einen bestimmten Dienst zu verrichten. Simon von Kyrene beispielsweise musste das Kreuz Jesu eine Strecke tragen. War das sein Wunsch? Sicher nicht. Aber wenn einem Jünger ein solcher Dienst, eine solche Verpflichtung aufgelastet wird, soll er dazu ohne Murren bereit sein. Er soll willig sein, eher zwei Meilen zu gehen, als die erste zu verweigern. Das stand ganz im Gegensatz zur Lehre der Pharisäer und ist nichts anderes als ein Handeln in Gnade!
    Wir dürfen dabei nicht übersehen, dass der Herr zwar drei Beispiele nennt, seine Belehrung aber nicht auf diese drei Punkte beschränkt. Es geht Ihm um eine Gesinnung, um den Geist des Handelns in einem Jünger. Da mag es 100 andere Fälle geben. Der Jünger pocht nicht auf sein Recht, sondern handelt in Gnade.
  5. Worin liegt nun die tiefere Belehrung des Herrn? Sie lässt sich aus dem letzten Vers entnehmen: „Gib dem, der dich bittet, und weise den nicht ab, der von dir borgen will.“ Der Herr legt also gar nicht den Finger auf eine Situation, in der dem Jünger Unrecht getan wurde (Auge um Auge, Zahn um Zahn). Vielmehr ist die Belehrung, dem Bittenden zu geben und sich jemandem, der ein Bedürfnis hat, nicht zu verschließen. Also nicht nur, wenn man im Unrecht ist (vor Gericht verklagt), nicht nur, wenn jemand erheblichen Druck auf uns ausübt (zwingen), sondern auch bei einer schlichten Bitte sollen wir mit einem Herzen voller Gnade und Selbstverleugnung antworten.15

Ich hatte schon darauf hingewiesen, dass bei den beiden letzten Beispielen wieder mehr im Vordergrund steht, die Natur Gottes zu offenbaren. Das zeigt sich, wenn man diesen Vers mit Kapitel 7,7.8 vergleicht: „Bittet, und es wird euch gegeben werden; sucht, und ihre werdet finden … Denn jeder Bittende empfängt, und der Suchende findet.“ Hier ist Gott der Handelnde, der in seiner Güte gibt. Das soll auch die Haltung des Jüngers sein. Gott hat das Höchste, das Er hatte, für uns Sünder gegeben: seinen Sohn. Sollten wir da nicht bereit sein, das Wenige, das uns ohnehin nicht gehört, sondern uns von Gott anvertraut ist, dem Bittenden und Borgenden zu geben?

Verse 43–48: Beispiel 6 – den Nächsten lieben

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters werdet, der in den Himmeln ist; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr? Tun nicht auch die Zöllner dasselbe? Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr Besonderes? Tun nicht auch die von den Nationen dasselbe? Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Verse 43–48).

Damit kommen wir zum siebten Teil der großen Belehrung über die Gültigkeit des Alten Testaments für die Jünger des Herrn. Darin geht es um die konkrete Ausübung von Liebe.

Die fünf Gesichtspunkte beim Gebot über die Liebe zum Nächsten

Auch bei diesem sechsten Beispiel, das Christus anführt, halten wir uns an die bekannten fünf Punkte.

  1. Der Herr Jesus bezieht sich auf folgendes Gebot im Gesetz:
    „Du sollst dich nicht rächen und den Kindern deines Volkes nichts nachtragen, sondern sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Herr“ (3. Mo 19,18). Dieses Gebot passt sehr gut zu dem vorangehenden, keine Vergeltung zu suchen. Denn diese friedfertige Haltung ist der Ausgangspunkt der Belehrung Gottes in 3. Mose 19. Wer sich nicht rächen will, wenn er von seinem Nächsten geschlagen wird, braucht für diese Haltung ein Motiv, denn das Rächen entspricht eher der Natur des Menschen. Es gibt aber ein Motiv, das uns diese Kraft schenkt, und das ist die Liebe. Bei diesem Gebot handelt es sich im Übrigen um das im Neuen Testament am meisten zitierte alttestamentliche Wort (vgl. u. a. Mt 19,19; 22,39; Mk 12,31; Lk 10,27; Röm 13,9; Gal 5,14; Jak 2,8).
  2. Worin liegt in diesem Fall die Hinzufügung durch die Pharisäer? Die Juden hatten eine logische Schlussfolgerung gezogen: „Wenn ich meinen Nächsten lieben soll – das wird mir ja ausdrücklich aufgetragen –, heißt das keineswegs, dass ich auch meinen Feind lieben soll. Davon hatte Gott ja nicht gesprochen. Also meint Gott sicher, dass ich meinen Feind hassen soll. Denn schließlich hatte Er das Volk ja aufgefordert, die Feinde aus dem Land Kanaan auszurotten“ (4. Mo 33,51.52; 5. Mo 7,2). So oder ähnlich dachten tatsächlich viele – und die Schriftgelehrten hatten es zu einem Gebot ausformuliert. Aber einen solchen Gedanken suchen wir im Alten Testament vergeblich.
  3. In welcher Weise bestätigt Christus das Gesetz bzw. weitet es sogar aus? Zunächst einmal zeigt Er, wer der Nächste eines Jüngers ist. Die Juden hatten das auf ihre Brüder, ihr Volk, beschränkt. Der Herr zeigt seinen Jüngern, dass jeder Mensch zum Nächsten werden kann, sogar ein persönlicher Feind. Wenn er mir begegnet, dann soll ich ihn behandeln wie meinen Nächsten. Dabei gilt es zu bedenken, dass unter „Feind“ nicht gemeint ist, dass ich selbst dieser Person feindlich gegenüberstehe. Sie verhält sich mir gegenüber feindselig.
    Der Herr Jesus zeigt im sogenannten „Gleichnis vom barmherzigen Samariter“, dass die Gesetzgelehrten über die Frage, wer der Nächste ist, sehr eigene Gedanken hatten. Diese stimmten nicht mit denen Gottes überein. In Lukas 10,29 fragt der Gesetzgelehrte: „Wer ist mein Nächster?“ Das offenbart, dass die Juden den Kreis ihrer „Nächsten“ möglichst klein halten wollten.
    Aber natürlich ist das Gebot: „Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“, auch eine Erweiterung des Gesetzes. Doch man fragt sich, wie der Herr fordern kann, dass man nicht nur seinen Nächsten, sondern sogar seinen Feind liebt. Auch hier wird noch einmal deutlich, dass es Ihm nicht um eine politische Verfassung geht. Staatsfeinde und Gesetzesübertreter müssen verurteilt und gerichtet werden. Das geht aus Stellen wie Römer 13,4 (die Obrigkeit „trägt das Schwert nicht umsonst“) eindeutig hervor. Aber wenn jemand mich persönlich anfeindet, soll ich ihm Liebe erweisen. Das zu tun ist dem natürlichen Menschen unmöglich. Er ist nicht in der Lage, seinen Feind zu lieben. Auch hier wird deutlich, dass sich der Herr Jesus an wahre Jünger wendet. Sie haben ein neues Leben, das sogar imstande ist, die Feinde zu lieben.
  4. Der Herr nimmt also die Hinzufügung der Juden, man solle den Feind hassen, als ungöttlich weg, denn was hatte Gott getan? Sein Volk hatte sich Ihm gegenüber vielfach als feindlich erwiesen, beginnend in der Wüstenreise und dann immer mehr im Verlauf seiner Geschichte. Dennoch hat Gott sich der Israeliten immer wieder erbarmt und sie sogar aus der Gefangenschaft Babels zurückgeführt. Die Jünger Jesu sollen sich das zum Vorbild nehmen.
    Für uns gibt es noch viel mehr. Wir lesen in den Briefen: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist … Denn wenn wir, da wir Feinde waren, mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes …“ (Röm 5,8.10). Gott hat uns, die wir seine Feinde waren, nicht gehasst, sonst würde es für keinen Menschen Rettung vor dem Zorn Gottes geben.
    Die Unsinnigkeit dieser jüdischen Überlieferungen macht Christus dann in den Versen 46 und 47 klar. Jemand zu lieben, der mir nahe steht und mir Gutes erweist, ist unter Menschen nichts Besonderes. Selbst die von den Juden am meisten gehassten Menschen – die Zöllner – handelten nach dieser Devise. Selbst die verachteten Heiden grüßten ihre „Brüder“. Damit legt der Herr Jesus bloß, dass die Pharisäer ihre Überlieferungen allein auf menschlichen Verhaltensregeln aufbauten, die im Licht Gottes keiner Prüfung standhielten. Ein Jünger des Herrn dagegen soll sein Leben vor Gott führen. Er soll nicht nach Sympathie oder Antipathie entscheiden, sondern die Natur Gottes offenbaren.
  5. Damit sind wir beim letzten Punkt, dem eigentlichen Ziel des Gebotes, wie es der Herr Jesus formuliert. Er sagt: „Damit ihr Söhne eures Vaters werdet, der in den Himmeln ist.“ Das bedeutet hier, Gottes Nachahmer zu sein. Schon in Verbindung mit Vers 9 haben wir gesehen, dass der Herr hier nicht von der Stellung des Christen spricht. Er ermahnt, die Natur Gottes bzw. des himmlischen Vaters auf der Erde in praktischer Weise zu offenbaren. In diesem letzten Beispiel wird das sehr deutlich: Gott hat uns, seine Feinde, geliebt. Wer sich als Sohn des Vaters erweisen möchte, liebt daher ebenfalls seine Feinde und erweist ihnen Gutes. Der Herr Jesus hat die Liebe Gottes jedem Menschen, auch seinen Feinden gegenüber, offenbart. Denken wir nur an sein Gebet für die, die Ihn an das Kreuz gebracht haben (vgl. Lk 23,34). Jetzt sollen wir diese Liebe offenbaren. Das ist mehr als Mitleid. Es geht darum, den Feinden Gutes zu tun, ihnen zu helfen, sie zu segnen, ihren wahren Bedürfnisse zu entsprechen. Dass sich dies auch für uns Christen geziemt, macht Paulus in Römer 12,14.17.20.21 klar.
    Wir können sicher sein, dass wir vom Herrn geprüft werden, ob wir wirklich bereit sind, unsere Feinde zu segnen! Es wird Gelegenheiten geben. Wir sollten bedenken, dass Gott bis heute über Böse und Gute seine Sonne aufgehen lässt. Selbst den Ungerechten gibt Er den Regen für eine gute Ernte. Was haben wir für einen Gott! Sogar über seine Feinde schüttet Er irdischen Segen aus, wie z. B. Gesundheit, die Fähigkeit, arbeiten zu können, oder das Glück, eine Familie zu besitzen. Wenn Gott sich so jedem Menschen gegenüber verhält, um ihn zu gewinnen, dann sollten auch wir, die wir selbst Empfänger dieser Güte Gottes waren und sind, entsprechend handeln! Denn Gottes Vollkommenheit in seinem Handeln ist vorbildhaft für uns.
    Die Belehrung ist nicht, dass wir fragen, was recht, gerecht und richtig ist. Der Herr sagt uns hier, dass wir mehr tun dürfen. Das freigebige Schenken ist gefragt von solchen, die selbst alles nur geschenkt bekommen haben.
    Wenn wir das tun, sind wir vollkommen (Mt 5,48), wie unser himmlischer Vater vollkommen ist. Dieses Wort des Herrn adelt unser Handeln. Gemeint ist damit jedoch nicht
    - Eine stellungsmäßige Vollkommenheit (die jeder erlöste Christ tatsächlich in Christus geschenkt bekommen hat, die Vollkommenheit des Gewissens; Heb 9,9; vollkommene Ergebnisse seines Werkes, die dem Erlösten schon heute zugerechnet werden und ihn in eine vollkommene Stellung versetzen; Heb 10,14).
    - Vollkommenheit in der Reife (erwachsen sein; Phil 3,15; Kol 1,28).
    - Der Herr spricht auch nicht von einer absoluten Vollkommenheit bei jeder Handlung, denn diese Vollkommenheit werden wir erst im Himmel erreichen (Phil 3,12).
    - Nein, gemeint ist Gottes Vollkommenheit, die sich in Christus auf eine neue Weise, nämlich in seinem Handeln in Gnade und Liebe offenbart hat. Er hat sich zu seinen Feinden geneigt, indem Er seinen eigenen Sohn gesandt hat. Als „Söhne des Vaters“ sollen wir nun nach demselben Grundsatz der Gnade und Liebe handeln. Das bezieht sich auf unsere tägliche Lebenspraxis. Wenn wir jemand, der uns beleidigt, freundlich begegnen, wenn wir solche, die uns benachteiligt haben, nicht vor Gericht anklagen oder wenn wir für unseren Arbeitskollegen, der bei jedem Gespräch nur Streit sucht, beten, dann handeln wir „vollkommen“ – wie unser himmlischer Vater. Wir handeln nach einem „vollkommenen“ Grundsatz, nämlich dem der Gnade. Gott, der Vater, ist vollkommen in all seinem Wirken. Wir sollen so sein. Er ist und bleibt das Vorbild. Eine gute Illustration für „nicht vollkommenes“ Verhalten finden wir in dem Gleichnis in Matthäus 18,23–35.

Es ist auffallend, dass in diesen Abschnitten zwar vom Gesetz die Rede ist, Gott aber nicht als der Gesetzgeber vorgestellt wird. Er ist hier der Vater, der in den Himmeln ist. Gott wird in einem ganz neuen Licht gesehen. Die Offenbarung Gottes nimmt zu. Aus Johannes 1,18 wissen wir, dass der Sohn die volle Offenbarung Gottes ist. Hier lernen wir, dass im Dienst des Herrn Jesus eine neue Offenbarung Gottes anbrach. Sie setzte damit einen neuen Maßstab für praktische Vollkommenheit. Wer entsprechend dieser Offenbarung sein Leben führt, gehört wahrhaft zu den „Söhnen Gottes“.

Mit diesem Gedanken endet dieser wichtige Abschnitt über die Bedeutung des Alten Testaments für Jünger Jesu. Letztlich sind nur diejenigen wirklich glückselig und glücklich, welche die richtige Stellung in dieser Welt einnehmen (Salz, Licht). Sie werden das Wort Gottes in seinem ganzen Umfang auf ihr Leben anwenden. Wer das tut, dessen Leben wird erfüllt und aktiv sein. Er hat die richtige Lebensausrichtung und bewahrt zudem die gottgemäße innere Haltung, wie wir in Kapitel 6 sehen werden.

Fußnoten

  • 1 Der Begriff „Magna Charta“ stammt aus der englischen Geschichte, in der ein König im 13. Jahrhundert mit dem englischen Adel, der gegen ihn aufbegehrte, einen „großen Freibrief“ vereinbarte. Später wurde die „Magna Charta“ vor diesem Hintergrund nicht allein als Begriff für das Einräumen von Rechten durch das Staatsoberhaupt benutzt. Sie wurde zu einer Bezeichnung für die nationale Verfassung, zum Beispiel in den USA. In unserem Zusammenhang stellt sie die „Verfassung“ des Königreichs der Himmel dar.
  • 2 Lukas hat die moralische Herrlichkeit Jesu in seiner Menschheit als großes Thema. Umstände im Leben Jesu, die wie ein praktischer Kommentar zu seinen Lehren sind, werden hier mit den entsprechenden Belehrungen verbunden.
  • 3 Milch wird hier ähnlich wie in 1. Korinther 3 als Bild für die Nahrung unmündiger Christen angesehen. Während die Korinther nie über ihren fleischlichen Zustand hinausgekommen waren (vgl. 1. Kor 3,2), waren die Gläubigen, an die sich der Hebräerbrief richtet, bereits weiter gewesen, dann aber zurückgefallen (vgl. Heb 5,12). In Hebräer 5 ist Milch die Nahrung derjenigen, die zu dem Wort vom Anfang des Christus, den Belehrungen des Christus auf der Erde, zurückgefallen waren. Ein Christ soll dieses Wort vom Anfang des Christus verlassen, also hinter sich lassen, und zum vollen Wuchs fortfahren (Heb 6,1). In 1. Petrus 1 ist die Milch im Unterschied zu den beiden anderen Stellen das positive Kennzeichen des Wortes Gottes. Diese Milch sollten wir alle mit Freude zu uns nehmen.
  • 4 Am Thron der Gnade Gottes findet der Jünger Jesu „Barmherzigkeit und Gnade zur rechtzeitigen Hilfe“ (Heb 4,16). Gott selbst sitzt auf dem Thron und schenkt uns in der Person seines Sohnes diese Barmherzigkeit, damit wir unser Leben in geistlicher Sicherheit führen können. Judas schließlich zeigt uns, dass auch das Wiederkommen unseres Herrn Jesus Christus, um uns in den Himmel zu holen, ein Akt göttlicher Barmherzigkeit ist (Jud 21). Solche, die Barmherzigkeit üben, werden Barmherzigkeit im Übermaß erfahren!
  • 5 Im beruflichen Bereich hat sich hier das „Sekretärinnen-Beispiel“ etabliert. Eine gläubige Sekretärin wird nicht lügen und behaupten, ihr Chef sei abwesend, wenn er sie dazu aufgefordert hat. Aber es gibt viel mehr Beispiele: • einen Vertriebsmann, der auf Nachfrage nicht die Schwächen seines Produktes unterschlägt, sondern ehrlich bleibt; • Handwerker oder Putzhilfen bar (“schwarz“) ohne Rechnung bezahlen • Privatrechnungen auf das Geschäft ausstellen lassen • einen Controller, der die Bilanz nicht verfälscht, obwohl es so üblich ist; • einen Kommunikationsverantwortlichen, der zur Wahrheit steht, auch wenn sie problematisch ist. • einen Maschinenführer, der zugibt, dass er die Maschine falsch eingestellt hat. Ein Leben in praktischer Gerechtigkeit zu führen bedeutet dann, bereit zu sein, für dieses Verhalten Nachteile sowie Leiden in Kauf nehmen.
  • 6 In Palästina war vermutlich Salz aus dem Toten Meer am günstigsten zugänglich. Es hat (in seiner Trockenmasse) folgende Zusammensetzung: 50,8 % Magnesiumchlorid, 30,4 % Natriumchlorid, 14,4 % Calciumchlorid und 4,4 % Kaliumchlorid (Quelle: Wikipedia). Weniger als ein Drittel dieses Salzes ist wirkliches Kochsalz (chemisch: Natriumchlorid). Magnesiumchlorid und Calciumchlorid sind beide hygroskopisch, das heißt sie ziehen Wasser aus der Luft (Wasserdampf, Luftfeuchtigkeit) an. Dieses Salz kann also durch bloße Lagerung feucht werden und zerfließen. Außerdem sind Magnesiumchlorid und Calciumchlorid besser in Wasser löslich als Natriumchlorid. Angenommen, Totes-Meer-Salz befindet sich in einem Gefäß. Dann werden die hygroskopischen und leichter löslichen Bestandteile (also Magnesium- und Calciumchlorid) allmählich nach unten fließen. Nach längerer Entnahme des Natriumchlorids aus dem oberen Teil des Gefäßes bleibt im unteren Teil dann irgendwann eine Salzmasse zurück, die nur noch wenig Natriumchlorid (Kochsalz) aber um so mehr Magnesiumchlorid enthält. Magnesiumchlorid hat einen bitteren Geschmack und taugt nicht mehr zum Würzen. Es wird weggeworfen.
  • 7 Der Scheffel wurde früher offenbar bei Bedarf umgestülpt, um ihn als Lampenfuß zu benutzen, nicht jedoch, um das Licht zu verbergen.
  • 8 Das ist der kleinste Buchstabe im griechischen Alphabet, unser kleines i.
  • 9 Das ist der kleinste Teil des hebräischen Alphabets, ein kleines Strichlein, um verschiedene, sonst gleiche Buchstaben zu unterscheiden. – Offenbar bezieht sich der Herr hier sowohl auf das hebräische Alte Testament als auch auf die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta. Es ist nämlich erstaunlich, dass Er die griechische Sprache an dieser Stelle mit einbezieht, obwohl das Alte Testament ursprünglich in Hebräisch verfasst worden ist. Da in der damaligen Zeit die Septuaginta oft genutzt wurde, bezieht Er sie in seine Belehrung mit ein.
  • 10 An dieser Stelle noch ein Hinweis zu dem vom Herrn Jesus verwendeten Wort: Ehebruch (griechisch moichao: Ehebruch treiben; moicheia: Ehebruch; moicheuo: Ehebrecher sein, jemand zum Ehebruch verleiten, mit jemand Ehebruch treiben; hebräisch na'ap: Ehebruch treiben). Im deutschen Wort ist sprachlich der Gedanke des „Bruchs“ der Ehe enthalten. Das ist weder im hebräischen (Altes Testament) noch im griechischen Wort (Neues Testament) sprachlich der Fall. Es handelt sich um eine Tat auf sexuellem Gebiet, die im Widerspruch zum Ehebund steht, den ein Mensch eingegangen ist. Dass Ehebruch in Gottes Augen Sünde ist, wird aus vielen Bibelstellen deutlich (vgl. z. B. 3. Mo 20,10; Mt 15,19; 2. Pet 2,14). Allerdings gilt auch für diese Sünde: Wenn jemand Ehebruch begeht, diese Sünde dann aber vor Gott und Menschen aufrichtig bekennt, erhält Vergebung. Er muss „seinen Ehepartner“ somit auch nicht neu heiraten, weil die Ehe im juristischen oder faktischen Sinn gebrochen wäre und in diesem Sinn nicht mehr bestünde. Es bleibt jedoch wahr, dass ein solcher durch den „Ehebruch“ den Rahmen der Ehe übertreten hat – das ist der „Bruch“, den er begangen hat.
  • 11 Es fällt auf, dass Markus von der Hand, dem Fuß und dem Auge spricht (vgl. Mk 9,43 ff). Bei ihm steht der Dienst des Jüngers im Vordergrund. Als Diener des Herrn müssen wir immer wieder prüfen, was wir tun (Hand). Wir müssen auch überprüfen, ob unser Lebenswandel (Fuß) mit Gottes Wort übereinstimmt oder ob wir uns durch Begierden und das bewusste Anschauen böser Dinge zum Sündigen verleiten lassen (Auge).
  • 12 Manche haben dieses dritte Beispiel mit dem vorherigen verbunden. Tatsächlich sind die Themen eng verwandt. Gerade die zwei der fünf Merkmale, die beim zweiten Beispiel fehlen (Hinzufügung pharisäischer Vorschriften und deren Verurteilung), findet man hier. Da jedoch der Aufbau auch hier dem der anderen folgt (Es ist gesagt …, ich aber sage euch …), scheint es sich doch um ein eigenständiges Beispiel zu handeln.
  • 13 Kurz zu der Frage, was Mose zu diesem Gestatten bewogen haben könnte. Offensichtlich waren manche Israeliten geneigt, ohne jeden Grund ihre Frau zu entlassen. Sie nahmen sich mehr oder weniger gedankenlos eine Frau, die sie dann, wenn sie ihnen nicht mehr gefiel, genauso gedankenlos wieder entließen. Mose aber wollte die Frauen, die auch in Israel in sozialer Hinsicht von einer Ehe und damit von ihrem Ehemann abhängig waren, vor dieser Gedankenlosigkeit schützen. Daher gebot er, dass die Männer einen Scheidebrief zu schreiben hatten. Darin mussten sie nicht nur die Ehescheidung vermerken, sondern anscheinend auch begründen, warum sie ihre Ehefrau entließen. Durch diesen Brief konnte eine solche Entlassene nicht wie eine Prostituierte (Hure) behandelt werden. Ein neuer Ehemann konnte nämlich eine Frau nach 5. Mose 22,17 vor das Gericht bringen, wenn er entdeckte, dass sie keine Jungfrau mehr war. Mit einem Scheidebrief aber war diese Entlassene ein Stück weit rechtlich und sozial geschützt.
  • 14 Vielleicht macht die in Lukas 6,29 verwendete Reihenfolge, die von Matthäus abweicht, deutlich, dass im dritten Evangelium ein eher gewalttätiges Wegnehmen des Oberkleides gemeint ist. Dort ist zuerst vom Oberkleid und dann vom Unterkleid die Rede.
  • 15 Das soll an dieser Stelle kein unüberlegtes und unsinniges Geben bedeuten. Als die Juden vom Herrn Jesus anscheinend ein zweites Mal Brot und Fische wollten (vgl. Joh 6,27), hörte Er nicht auf sie. Auch den Forderungen der Pharisäer nach einem zusätzlichen Zeichen kam der Herr nicht nach. Ein solches Wunder wäre für die ungläubigen Pharisäer nicht nützlich gewesen (vgl. Mt 16,1 ff.). Es gibt Bitten, die auch wir nicht durch unüberlegtes Geben beantworten sollten. Beispielsweise wenn wir wissen, dass ein bedürftiger Armer mit Geld oder Dingen, die man ihm gibt, böse Dinge treibt. Dann sollen wir weise handeln. Aber wenn z. B. ein Bruder wirklich in Not ist, sind wir als Christen durch die Liebe sogar verpflichtet zu geben (vgl. 1. Joh 3,17).
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