Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Kapitel 4

Der König beginnt seinen öffentlichen Dienst (Mt 4)

Im vierten Kapitel lernen wir, dass es noch eine letzte „Bedingung“ gab, die der Herr Jesus vor Beginn seines öffentlichen Dienstes erfüllen musste: Christus musste dem Satan begegnen und ihn überwinden. Denn dieser hatte sich königliche Rechte auf der Erde angemaßt, die ihm nicht zustanden. Jetzt würde sich erweisen, wer wirklich die moralische Autorität und Fähigkeit und Würde besäße, Herrscher auf der Erde sein zu können. Auch Adam und Eva waren in Eden dem Versucher ausgesetzt, erlagen aber seinen Versuchungen. Wir werden sehen, dass der Herr Jesus diesen Versuchungen siegreich widerstand und danach seinen öffentlichen Dienst beginnen konnte.

Verse 1–11: Als Sieger bindet Jesus Satan, den Starken

Jesus war aus Israel nach Ägypten vertrieben worden (Mt 2,13). Dann war Er, aus Ägypten gerufen (2,15.21), wieder in das dem Volk Israel verheißene Land zurückgekehrt. Jetzt wird Er von dem Geist in die Wüste hinaufgeführt. Das erinnert uns an Stationen im Leben des Volkes Israel: Das Volk war auch (durch eine Hungersnot) nach Ägypten vertrieben worden, hatte dort eine Zeit lang zugebracht, war dann wieder aus Ägypten ausgezogen, auf Mose in der Wolke und in dem Meer getauft worden (1. Kor 10,2) und hatte sich dann 40 Jahre in der Wüste aufgehalten. Dort prüfte Gott das Volk – teilweise durch Hunger – ob es Ihm völlig vertrauen und gehorchen würde. Denn es hatte eine sehr bevorrechtigte Stellung vor Gott gegenüber allen anderen Völkern. Ausdrücklich heißt es: „Dort gab er [der Herr] ihm Satzung und Recht, und dort prüfte er es“ (2. Mo 15,25; vgl. auch 2. Mo 16,4; 5. Mo 8,2). Dies alles – auch die Versuchungen – erlebte Christus in ähnlicher Weise. Es zeigt uns: Christus erfährt die Geschichte des Volkes Israel, des Knechtes Gottes (Jes 49,3) wieder von Anfang an.

Aber nicht nur das – es ist letztlich auch die Geschichte des Menschen. Der Herr Jesus kam auf diese Erde und wurde wie Adam und Eva in dreierlei Hinsicht versucht. Auch kam Christus mit dem Tod in Verbindung wie der erste Mensch. Während aber der Mensch sich durch seine Sünde für den Tod entschied, begegnet Christus dem gefallenen Menschen im Tod; das sehen wir in der Taufe (3,15.16) und später im Tod Christi.

Christus schreibt die Geschichte des Menschen neu

In einem französischen Lied von Jean Koechlin 1 wird dieser Gedanke aufgegriffen, hier in einer deutschen Übersetzung von Gundolf Lüling:

  1. O Gott, wer könnte es verstehen:
    Dein Sohn in unsre Mitte trat,
    um neu des Menschen Weg zu gehen,
    gehorsam, treu, nach Deinem Rat!
  2. Wie ist der Liebling Deiner Seele
    für Dich, o Vater, wunderbar!
    Und staunend sieht auch unsre Seele:
    Dort ist Dein Wesen offenbar!
  3. Wir sehen Ihn so niedrig werden,
    voll Mitleid und Barmherzigkeit.
    Wie einsam war Sein Weg auf Erden,
    doch zeigte er nur Herrlichkeit!
  4. In Seinem Sterben wie im Leben
    verherrlichte Er Dich, o Gott.
    Er wollte Dir die Ehre geben
    im Dienst, im Leiden und im Tod.
  5. Man wies Ihn ab, statt Ihn zu loben,
    und hat Ihn gar ans Kreuz gebracht.
    Doch weil Er Dich so hoch erhoben,
    gabst Du Ihm auch die höchste Macht.
  6. Wenn wir durch Deine Gnade stehen
    im Vaterhaus nach dieser Zeit,
    dann werden wir Sein Antlitz sehen,
    Ihn preisen bis in Ewigkeit.

Warum musste Jesus versucht werden?

Man kann sich die Frage stellen, warum der Herr versucht werden musste. Gottes Wort selbst gibt uns darauf eine Antwort: „Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, damit er in den Sachen mit Gott ein barmherziger und treuer Hoherpriester werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen; denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen, die versucht werden“ (Heb 2,17.18).

Als vollkommen passend erwiesen für die Sühnung

Dabei ist diese göttliche Antwort zweigeteilt: Erstens war das siegreiche Bestehen der Versuchungen die Voraussetzung dafür, dass Christus die Sünden des Volkes sühnen konnte. Dieser Kardinalpunkt könnte leicht übersehen werden. Denn es war notwendig, dass sich Der, der für die Sünden Sühnung tun sollte, zunächst als der Vollkommene, Reine und der aus jeder Versuchung als Sieger Hervorgehende erwies. Der „Sieg“ konnte dabei nicht einfach von dem Sohn Gottes als dem über den Teufel und die Umstände Erhabenen errungen werden, sondern musste von dem Menschen Jesus erzielt werden. Als Mensch musste Er sich als vollkommen, sündlos und in allem Gott geweiht erweisen.

Wenn wir hier auch die Unterscheidung zwischen seiner Gott- und Menschheit treffen, wissen wir doch, dass wir als Menschen natürlich nicht in der Lage sind, wirklich „in die Bundeslade hineinzuschauen“, das heißt, die Menschheit und die Gottheit Jesu, der beide Naturen in sich vereinte, zu analysieren und zu erfassen. Wir bewundern Ihn und beten Ihn dafür an. Und doch dürfen wir bei den drei Versuchungen erkennen, dass Er sie gerade in seiner Natur als Mensch erduldete.

Ein vollkommener Hoherpriester

Daneben gibt uns Hebräer 2,17 noch eine zweite Antwort auf die Frage, warum unser Herr die Versuchungen erdulden musste: Der Herr Jesus musste versucht werden, um jetzt den Dienst des Hohenpriesters für uns in Vollkommenheit ausführen zu können, wenn wir versucht werden. Auch dazu musste Er nicht nur Mensch werden, sondern auch die Versuchungen erleben, die aus unserem menschlichen Dasein entspringen, natürlich „ausgenommen die Sünde (Heb 4,15). Er hat vollkommene Einsicht in unsere Lage und kann in Barmherzigkeit und Treue diesen wichtigen Dienst ausführen.

Satan endlich überwunden!

Neben den beiden Antworten aus Hebräer 2, 17.18 finden wir noch einen dritten Grund für die Versuchungen des Heilands: Bislang war Satan immer Sieger gegenüber den Menschen gewesen. Es begann mit dem ersten Menschenpaar, Adam und Eva. Satan näherte sich ihnen in Form einer Schlange – und sie kamen zu Fall. Wann immer Satan mit einem Menschen kämpfte und ihn zu verführen suchte, versagte dieser und unterlag dem gefallenen Engelsfürsten. Man denke auch an David in 1. Chronika 21,1, wo Gott den Teufel benutzte, um David zu versuchen – auch er fiel. Man könnte noch eine lange Reihe von Beispielen anführen. Doch wenn der erste Adam und seine Nachkommen versagt hatten, würde auch der letzte Adam unterliegen? Dann gäbe es keine Hoffnung gegen den Fürsten (Joh 12,31) und Gott (2. Kor 4,4) dieser Welt – dann wäre der Mensch diesem für immer ausgeliefert und für ewig verloren und zur Hölle verdammt.

Da aber – Ihm sei Dank! – Christus siegreich aus diesen Versuchungen hervorgegangen ist, gibt es auch für den Menschen in dem Herrn Jesus noch Hoffnung. Der Herr Jesus kleidet dies in eine Frage: „Oder wie kann jemand in das Haus des Starken eindringen und seinen Hausrat rauben, wenn er nicht zuvor den Starken bindet? Und dann wird er sein Haus berauben“ (Mt 12,29). Durch das Überwinden Satans konnte Christus die Beute (uns) des Starken (des Teufels) rauben – das werden wir in diesem Kapitel noch deutlich sehen.

Die Versuchungen in den vier Evangelien

Wir finden die Zeit der Versuchungen des Herrn in der Wüste in den drei synoptischen Evangelien.

Markus schreibt nur ganz kurz davon (Mk 1,12.13). Wenn ein Diener Versuchungen überwindet, so ist es nicht wichtig, die Herrlichkeit des Siegers über diese Versuchungen zu zeigen, es ist eben „nur“ ein Diener. Ein Diener muss aber das tun, was sein Herr ihm aufträgt. Der Herr lässt sich vom Geist hinaus in die Wüste treiben. Sein Platz war unter den wilden Tieren, die ihrem Schöpfer nichts anhaben konnten. So zeigt Markus, dass dieser Diener weit mehr war als ein schlichter Knecht. Die Engel dienten Ihm nach diesen Versuchungen, was deutlich macht, dass ER nicht nur wahrer Mensch war, sondern zugleich weit über ihnen stand. Wir haben es mit dem Sohn Gottes zu tun! Es beeindruckt, dass wir bei dieser Gelegenheit um den Herrn Jesus herum die gefallenen Wesen (Satan), die irdischen Wesen (die wilden Tiere), aber auch die treuen himmlischen Wesen (Engel) sehen – sie alle bekunden ihr Interesse am Sohn des Menschen. Er war eben kein gewöhnlicher Diener.

Lukas zeigt uns ausführlich, wie der Herr in den Versuchungen bestand. Er wählt dabei offenbar nicht die chronologische Folge der drei letzten Versuchungen, sondern stellt sie in moralischer Hinsicht in einer an Intensität zunehmenden Art zusammen. Gerade das Abweichen von der historischen Reihenfolge zeigt die ordnende Hand Gottes in den Evangelien 2. Es ist kein Fehler, sondern ein Zeichen der Vollkommenheit! Bei Lukas erweist sich der wahre und vollkommene Mensch dem Satan gewachsen, im Gegensatz zum ersten Menschenpaar.

Lukas verdanken wir auch die Kenntnis darüber, dass der Herr nicht nur diese drei letzten Versuchungen erduldet hat, sondern vermutlich während der 40 Tage von diesem Widersacher versucht wurde. Es handelte sich also nicht einfach um eine punktuelle Versuchung, sondern um fortwährende Angriffe Satans! Aber der Herr legt über die erste Versuchungszeit einen Schleier, vielleicht weil es Ihn allein in seiner Person betraf. Die letzten drei Versuchungen sind es, die wir verstehen können, denn Satan benutzt sie auch gegen uns.

Johannes berichtet nichts von den Versuchungen, denn er schreibt von dem Sohn Gottes. Hier finden wir den großen Widersacher und Versucher überhaupt nicht – wie könnte er auch gegen den Sohn Gottes zu Felde ziehen? Er begegnet dem Herrn nur in einer Person, so furchtbar das ist: in Judas! Dieser war der Teufel, in den Satan gefahren war (vgl. Joh 6,70; 8,44; 13,2.27).

Obwohl Matthäus in seinem Evangelium immer wieder von der historischen Folge abweicht, scheint er das in diesem Fall im Unterschied zu Lukas nicht zu tun. Wir lernen, dass der wahre König sich auch von seinem erbittertsten Feind nicht von dem Weg wahrer Gottesfurcht und Unterordnung unter den Willen Gottes abbringen lässt.

Da, wo der erste Mensch in geradezu herrlichen Umständen, den günstigsten Bedingungen, in die ein Mensch kommen kann, versagt hat, verherrlichte der zweite Mensch vom Himmel in den schwierigsten Umständen seinen Gott und Vater. Das tat Er 40 Tage lang. Uns werden nur die drei letzten Versuchungen mitgeteilt, weil wir das Ausmaß dieser gesamten Prüfungen vermutlich gar nicht fassen könnten. Man kann in Verbindung mit dem Speisopfer auch daran denken, dass es Leiden gibt, in die wir gar nicht hineinschauen können, weil es Leiden sind, die nur Gott selbst erfassen und entsprechend würdigen kann (vgl. in 3. Mo 2,4 das Ofengebäck; was die Hitze des Ofens in dem Gebäck bewirkte, konnte man nicht verfolgen).

Konnte Christus in den Versuchungen fallen?

Bei uns findet Satan einen willigen Bundesgenossen in unserem Fleisch, das jeder Gläubige sein Leben lang an sich trägt. Bei Christus war das nicht so! Er kannte keine Sünde, Er tat keine Sünde, Sünde war nicht in Ihm. Für Ihn gab es keine böse Lust und Begierde. Er wurde nicht wie wir von innen, sondern ausschließlich von außen versucht. Und diese Versuchungen fanden nichts in Ihm, was ihnen eine Antwort gegeben hätte. Darum hören wir Ihn sagen: „Der Fürst dieser Welt kommt und hat nichts in mir“ (Joh 14,30).

Das führt natürlich sofort zu der Frage: Waren es dann überhaupt Versuchungen für Ihn? Die Antwort ist klar: Ja, denn Gottes Wort sagt es uns. Aber es waren keine Versuchungen in dem Sinn, dass Er hätte sündigen können. Es waren aber Versuchungen insofern, als Er viel stärker als wir spürte, dass der Teufel Ihn auf einen Weg der Unabhängigkeit von Gott führen wollte. Es war eine Prüfung für den Herrn Jesus, weil Er die Macht der Finsternis, wie sie durch den Teufel sichtbar und fühlbar wurde, tief empfunden hat. Aber Gott sei Dank: Wenn das Licht in der Finsternis scheint, muss die Finsternis weichen!

Die Versuchungen waren nicht dazu da, um seine Gerechtigkeit erst zu bewirken, sondern um zu zeigen, dass Er auch als Mensch in den schwierigsten Umständen nie etwas anderes war und tun konnte, als seine Vollkommenheit zu offenbaren; die göttliche Gerechtigkeit, die Er in sich selbst ist. Er wurde nicht geprüft, um zu sehen, ob Er zu Fall kommen könnte, sondern um zu zeigen, dass Er nicht fallen konnte!

Vers 1: Die Versuchungen im Einzelnen – ein Überblick

„Dann wurde Jesus von dem Geist in die Wüste hinaufgeführt, um von dem Teufel versucht zu werden“ (Vers 1).

Der König Gottes musste an diesen öden Ort geführt werden, um dort den Angriffen des Teufels ausgesetzt zu sein. Es fällt zunächst auf, dass nicht der Herr Jesus selbst dorthin ging, sondern dass der Geist Gottes, der in Ihm wohnte, Ihn in die Wüste führte. Manche haben daraus geschlossen, dass der Herr Jesus nicht von sich aus in die Wüste gehen wollte, weil Er als Mensch die Konfrontation mit Satan scheute. Aber dieser Gedanke ist abwegig. Damit würde man die vollkommene Einheit der Gott- und Menschheit des Herrn Jesus schmälern und gewissermaßen einen Spalt in die Person des Herrn – als Gott und Mensch in einer Person – treiben. Nein, der Herr ging in der Kraft des Geistes in die Wüste hinein – wie Er natürlich alles in der Kraft des Geistes getan hat. Hier wird dies nur besonders betont, sozusagen um deutlich zu machen, dass der Heilige Geist, der gerade auf Ihn gekommen war, auch in Ihm blieb.

Wir lesen hier, dass Jesus in die Wüste „hinaufgeführt“ wurde. Das ist natürlich zunächst eine topologische Frage. Die Wüste liegt einfach höher als der Jordan, in dem Jesus getauft worden war. Aber da dieser Begriff gerade hier im Matthäusevangelium benutzt wird, so kann man hinzufügen, dass Gott deutlich macht, dass der König, der sich auf eine Weise zu seinem irdischen Volk erniedrigt hat, dass Er sogar den Platz mit ihnen im Jordan geteilt hatte, weit mehr ist als nur einer von ihnen. Gott führt Ihn höher und höher hinaus – bis zur Verherrlichung dieser Person im Himmel. Natürlich bleibt dennoch wahr, dass die Erniedrigung des Messias ihren absoluten Höhepunkt erst am Kreuz finden sollte.

Unser Vers macht außerdem klar, dass es das ausgesprochene Ziel seines Weges in die Wüste war, von dem Teufel versucht zu werden. Es war nötig, wie wir weiter oben gesehen haben. Christus musste sich von Anfang an als Satan überlegen erweisen. Zugleich musste Satan die Möglichkeit bekommen, mit aller Macht und List gegen den Gesalbten Gottes aufzutreten. Das war die erste Weissagung der Schrift!

Die verschiedenen Aspekte der drei Versuchungen

  1. In der ersten Versuchung spricht der Teufel Jesus Christus sozusagen als Sohn Gottes an, denn nur Er als Gott konnte aus Steinen Brot machen. Da der Sohn Gottes allerdings als Mensch vor dem Teufel stand, weil Er nur als Mensch Hunger fühlen konnte, handelte es sich wirklich um eine Prüfung. Bei der zweiten Versuchung zitiert Satan einen messianischen Psalm – so ist Christus besonders als Messias angesprochen. Bei der dritten Versuchung geht es um die Reiche der Welt, die dem Herrn Jesus nach Psalm 8 als dem Sohn des Menschen verheißen sind.
  2. In der ersten Versuchung wird besonders der Gehorsam des Herrn Jesus angegriffen, seine Unterordnung unter den Willen Gottes. Im zweiten Fall geht es darum, ob Er ein wirkliches Vertrauen auf Gott besitzt, oder ob Er Gott versuchen, das heißt herausfordern muss, um zu prüfen, dass Gott seine Verheißungen erfüllt. In der dritten Prüfung geht es darum, wem der Mensch Gottesdienst, wahre Anbetung zukommen lassen darf.
  3. Nach 1. Thessalonicher 5,23 besteht der Mensch aus Geist, Seele und Leib (Körper). Diese drei Teile des Menschen werden in den drei Versuchungen angesprochen. Bei der Frage von Steinen und Brot geht es um den Körper des Herrn. Bei der Frage des Hinabwerfens von der Zinne des Tempels geht es um den Geist des Herrn: Würde Er sich erheben, wie Satan es getan hat, oder würde Er der demütige Mensch auf der Erde bleiben? Der Herr Jesus hätte nicht seine Ihm als Mensch gegebene Stellung eingenommen, wenn Er sich von der Zinne gestürzt hätte. In der dritten Versuchung geht es um die Seele, die innere Gesinnung – Gott bzw. Satan gegenüber.
  4. Die Methoden Satans wechseln im Verlauf dieser Versuchungen. Im ersten Fall versucht er, den Herrn mit List zu fangen. Als Sohn Gottes hätte der Herr aus Steinen Brot machen können, aber Er war als Mensch hier auf diese Erde gekommen und litt daher Hunger. Satan tritt hier als der Teufel und Satan, als der Durcheinanderbringer und Verleumder der Führung des Vaters auf. In der zweiten Versuchung zitiert er als Engel des Lichts, der aber mitten in der Finsternis wohnt, die Bibel in falscher Weise und versucht, Christus durch eine Lüge zu Fall zu bringen. Im dritten Fall verstellt sich Satan nicht mehr und tritt als Gott dieser Welt (2. Kor 4,4), der sich die Herrschaft über diese Welt gewaltsam angeeignet hat, in direkter Feindschaft gegen den Herrn auf. Wie konnte er glauben, dass der Herr vor ihm und nicht vor seinem Gott niederfällt?
  5. In der „äußeren Dynamik“ nehmen die Versuchungen im Matthäusevangelium zu. Zuerst geht es „nur“ um den Menschen Jesus und sein irdisches Bedürfnis des Hungers. In der zweiten Versuchung geht es immerhin um Jerusalem und den Tempel, den Ort, wo man mit Gott zusammenkam, und um das bedingungslose Vertrauen auf Gott. In der dritten Versuchung dagegen geht es um einen noch umfassenderen Bereich: alle Weltreiche.
  6. Was die Intensität der Versuchungen allerdings betrifft, ist die zweite Versuchung die größte Herausforderung. Vor vieler Augen sich von der Spitze des Tempels herunterzuwerfen und Gottes Zusagen auszutesten – war das nicht sein Recht als König und Sohn Gottes? Auch diese schwerste Versuchung bestand Jesus in absoluter Vollkommenheit. Ein Vergleich der Reihenfolge der Versuchungen bei Matthäus und Lukas zeigt ebenfalls diese Intensitätszunahme. Die Reihenfolge der Versuchungen ist bei Lukas durch eine Zunahme an innerer Schwere und Bedeutung bestimmt.
  7. Eine andere Perspektive der drei Versuchungen berücksichtigt die unterschiedlichen Schwerpunkte, die der Geist Gottes im Lukas- und Matthäusevangelium gewählt hat. Matthäus zeigt den Herrn Jesus besonders als König. Ist es für Ihn als Messias nicht die größte Versuchung gewesen, ohne das Leiden und Sterben am Kreuz auf den Königsthron zu kommen? Für den Sohn des Menschen (Lukas) war es gewissermaßen die größte Herausforderung, sich als von Gott bewahrter Mensch feiern zu lassen. So sehen wir auch in der Reihenfolge der drei Versuchungen die Vollkommenheit göttlicher Inspiration.

Die erwähnten Gesichtspunkte werden nun zusammen mit weiteren, leicht erkennbaren Aspekten in einer Tabelle zusammengefasst. Dabei wird deutlich, wie grundlegend die Belehrung ist, die wir aus diesem Abschnitt ziehen können.

Aspekte der Versuchungen Die Versuchungen
- 1 - - 2 - - 3 -
Ort Wüste Tempel hoher Berg
Christus gesehen als Sohn Gottes Messias Sohn des Menschen
Anknüpfungspunkt Gehorsam Vertrauen Gottesdienst
Angegriffener Teil Leib Geist Seele
Bereich irdisch religiös weltlich
Bezugnahme auf irdische Bedürfnisse Verheißungen Herrlichkeit der Welt
Versuchungsumfeld persönlich Tempel/religiös interessierte Menschen die ganze Welt
Inhalt der Versuchung eigenes Bedürfnis stillen Gottes Treue herausfordern Herrschen, ohne zu sterben
Ausgangspunkt Satans Wenn Gottes Sohn Wenn doch geschrieben steht Wenn du mich anbetest
Satans Methode List Lüge Offene Feindschaft gegen Gott
Charakter Satans Teufel, Schlange Engel des Lichts Satan, der Gott dieser Welt
Grundlage der „Antwort“ 5. Mose 8,3 5. Mose 6,16 5. Mose 6,13
Zielpunkt im Blick auf sündige Menschen Lust des Fleisches Hochmut des Lebens Lust der Augen
Äußerliche Dynamik der Versuchungen * ** ***
Moralische Intensität der Versuchungen * ***

**

Verse 2–4: Die erste Versuchung – aus Steinen Brot machen

„Und als er vierzig Tage und vierzig Nächte gefastet hatte, hungerte ihn schließlich. Und der Versucher trat zu ihm hin und sprach: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine zu Broten werden. Er aber antwortete und sprach: Es steht geschrieben: ‚Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.‘“ (Verse 2–4).

Wenn wir diese übernatürliche Erprobung des Herrn anschauen, muss uns das zum Staunen und Bewundern seiner Person führen.

Es gab zwei Personen, die in den günstigsten Umständen erprobt wurden: Adam und Eva. Wir haben weiter oben schon öfter an diese Situation dort im Garten Eden gedacht. Alles, was sie brauchten, stand ihnen zur Verfügung. Dennoch haben sie nicht überwunden 3. Und was war aus diesem Paradies geworden? Die Sünde des Menschen hatte es sozusagen zu einer Wüste gemacht, zu einem Ort, an dem der Mensch keine Freude mehr finden konnte, bis der Eine kam. Der Garten war gewissermaßen zu einem Ort geworden, wo sogar wilde Tiere hausten (Mk 1,13).

Dann gab es zwei Männer, die – wie der Herr – vierzig Tage und vierzig Nächte ohne Essen waren: Mose (2. Mo 34,28) und Elia (1. Kön 19,8). Aber diese beiden Männer fasteten, um auf dem Berg vor Gott zu stehen. Beide wurden von Gott in wunderbarer Weise versorgt und erhalten! Und auch hier sehen wir Versagen: Selbst vor Gott stehend konnte Elia nicht überwinden, sondern er sündigte (1. Kön 19,14). Wie groß ist der Unterschied zwischen den besten Gläubigen und dem Herrn Jesus!

Hier sehen wir nun den Einen, der – körperlich geschwächt nach dieser schweren, übernatürlichen Erprobung, 40 Tage lang nichts zu essen – auch noch von dem großen Feind der Menschen versucht wird. Seien wir uns sicher: Satan hatte Ihn während der 40 Tage in der Wüste beobachtet. Bedenken wir dabei: Auch Satan sah Jesus, seinen Schöpfer 4 (!), zum ersten Mal, als Er als Mensch auf diese Erde kam. Und jetzt sah er seine große Stunde gekommen, Ihn, der ihn wegen des Hochmuts gerichtet hatte, zu Fall zu bringen. Dass Satan Ihn gerade in den schwierigsten Umständen erprobte, zeigt, dass der Versucher Ihm den größten Respekt zollte und er von vornherein wusste, dass er Ihn nie unter normalen Umständen würde überwinden können.

Der Teufel sucht die Gelegenheit

Nun aber sah er dazu die Gelegenheit, nachdem Jesus 40 Tage lang gefastet hatte und vor Hunger geschwächt war. Er war eben wirklicher Mensch. Auf diese Situation kann man zweifellos die Worte aus Jesaja 53,2 anwenden: „Er hatte keine Gestalt und keine Pracht.“ Wir kennen in Westeuropa heute wohl kaum richtigen Hunger. Aber genau das lesen wir jetzt vom Herrn Jesus. „Ihn hungerte.“

Das war die Chance für den Versucher, wie er meinte. Hier wird der Teufel „Versucher“ genannt und damit sein Ziel, nämlich die Versuchung, enttarnt. Wir wissen nicht, in welcher Gestalt der Widersacher zu Christus kam. Einst kam er als eine Schlange. Dabei dürfen wir nicht an das heutige Erscheinungsbild einer Schlange denken. Vermutlich gehörte sie am Anfang zu einem der beeindruckendsten Tiere, die es gab. Erst der Fluch Gottes nach dem Sündenfall führte dazu, dass die Schlange auf dem Boden kriechen musste (vgl. 1. Mo 3,14). Ob er jetzt als ein Engel des Lichts zu Christus kam – wieder in herrlichem „Anzug“? Wir wissen es nicht. Entscheidend ist: Er kam, um Christus zu versuchen. Das bemerkenswerte an dieser Situation ist, dass sie von dem Teufel gesucht und von Gott bezweckt ist. Einen ähnlichen Gedanken in Bezug auf die Jünger findet man in Lukas 22,31: „Der Herr aber sprach: Simon, Simon! Siehe, der Satan hat begehrt euch zu sichten wie den Weizen.“ Satan wollte die Jünger zu Fall bringen. Dazu suchte er jede Gelegenheit. Gott wollte die Jünger sichten, das heißt sieben, um das Gute in ihnen zu bewirken, denn Er versucht niemand (zum Bösen), wie Jakobus schreibt (vgl.Jak 1,13).

Bei Christus musste das Gute nicht bewirkt werden – es war immer und in vollkommener Weise vorhanden. Aber durch die Versuchungen sollte seine Vollkommenheit hervorstrahlen. Und Satan wollte Ihn zu Fall bringen. Man kann verstehen, dass sowohl Satan diese Versuchungen wollte als auch Gott sie zuließ oder sogar bewirkte.

Der Teufel sät immer Misstrauen

Zunächst sehen wir von dem Versucher das, was er immer getan hat und tun wird, bis er in der Hölle landen wird: Zweifel und Misstrauen säen. Manchmal tut er das, indem er Menschen benutzt. Ein anderes Mal versucht er, in einem Menschen Zweifel aufkommen zu lassen. Das tat er bei Eva – es ist die erste Tat, die wir von ihm kennen: „Hat Gott wirklich gesagt...?“ (1. Mo 3,1). Gott hatte zu dem Menschen gesprochen und ihm vieles geschenkt. Es bestand ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen dem Menschen und Gott. Dieses versuchte der Teufel zu zerstören: „Hat Gott wirklich gesagt...?“ Und er hatte Erfolg.

Dasselbe macht er jetzt mit dem Herrn Jesus. Soeben noch hatte Gott, der Vater, für viele Menschen hörbar gesagt: „Dieser ist mein geliebter Sohn.“ Da kommt der Teufel und sagt: „Wenn du Gottes Sohn bist...“ Bestand daran noch irgendein Zweifel, wenn Gott selbst das gesagt hatte? So ist es noch heute: Satan versucht besonders an den Aussagen und Verheißungen Gottes, die Er selbst in seinem Wort niedergelegt hat, Zweifel zu wecken.

Der Teufel versucht schon hier, einen Keil zwischen den Menschen Jesus und seinen himmlischen Vater zu treiben. Das gilt auch für seinen nächsten Angriff, bei dem er Christus von dem Weg der Abhängigkeit abbringen wollte: „Sprich, dass diese Steine zu Broten werden.“

Wäre das eine Sünde gewesen? Die Antwort lautet: Ja! Sonst wäre es keine Versuchung gewesen. Nicht der Hunger war die Versuchung – er war ein menschliches Bedürfnis. Aber diesen Hunger dadurch zu stillen, dass der Herr ohne einen Auftrag von seinem Vater – und damit unabhängig von Ihm – aus Steinen Brote gemacht hätte, wäre eine Sünde gewesen. Man mag weiter fragen: Aber was ist denn verkehrt daran, dass ein hungriger Mensch, der in der Lage ist, aus Steinen Brot zu machen, sich dieser Macht bedient? Die Antwort auf diese Frage trifft den Kern dieser Versuchung. Auch für den Herrn galt das Wort, was wir uns ins Gedächtnis rufen müssen: „Ob ihr nun esst oder trinkt oder irgendetwas tut, tut alles zur Ehre Gottes“ (1. Kor 10,31). Man könnte auch sagen: Tut alles im Auftrag Gottes. Unser Herr wusste, dass es jetzt nicht der Auftrag Gottes war, aus den Steinen Brote zu machen.

War Er Gottes Sohn?

Der Herr Jesus lebte als Mensch hier auf der Erde, ohne dass Er aufgehört hätte, Gott zu sein. Aber als Mensch ließ Er sich taufen, als Mensch wurde Er von Gott gesalbt, als Mensch – Jesus! – wurde Er in die Wüste hinaufgeführt. Als Mensch musste Er seinem himmlischen Vater gehorsam sein. Mit seiner Menschwerdung hatte Er gesagt: „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun“ (Heb 10,9). War es der Wille Gottes, aus den Steinen Brot zu machen? Nein, das haben wir schon gesehen. Der Wille seines Vaters war für Ihn nicht nur seine Lebensregel, sondern sogar stets der Beweggrund zum handeln.

Bei Kindern ist es so, dass sie den Willen ihrer Eltern (hoffentlich) freudig tun, wenn sie ihn erkennen, und dann das aufgeben, was sie sich vielleicht vorgenommen haben. Ist das nicht auch oft unser Kennzeichen, dass wir den Willen Gottes überhaupt erst einmal kennenlernen müssen? Dann sind wir (hoffentlich) bereit, einen eigenwilligen Weg aufzugeben. Bei Christus war das anders! Weder musste Er den Willen des Vaters „kennenlernen“, noch musste Er jemals einen eigenwilligen Weg aufgeben, um dann den Willen des Vaters zu tun. Selbst in den schwierigsten Umständen wie in Gethsemane war der Wille des Vaters stets auch sein Wille. Eines sollten wir bedenken: Wir sind zu seinem Gehorsam geheiligt (vgl. 1. Pet 1,2). Was für ein Maßstab! Bei Christus war es das geschriebene Wort Gottes, durch das Er lebte und Satan in die Schranken wies. Dazu kommen wir im nächsten Abschnitt.

Nun mag man noch fragen: Aber Er war doch selbst der „Sohn Gottes“, wie der Versucher auch indirekt bestätigt. Das ist wahr – und das machte auch einen Teil dieser Versuchung aus. Als Schöpfer und Sohn Gottes hatte Er immer befohlen und alles stand Ihm zur Verfügung. Warum sollte Er dann jetzt nicht aus den Steinen Brote machen? Aber nun war Er gekommen, um als Mensch den Willen Gottes, seines Vaters, auszuführen. „Wenn du Gottes Sohn bist,...“ – ja, das war und blieb Er. Aber „er machte sich selbst zu nichts“ [wörtlich: entäußerte sich selbst] (Phil 2,7) und verschleierte so auf dieser Erde seine Herrlichkeit als Gott, der Sohn. Er verzichtete freiwillig auf die Ihm zustehenden Rechte, um das Werk der Erlösung vollbringen zu können. So gewaltig ist seine frei gewählte Erniedrigung! Äußerlich sah der Herr nicht danach aus, der Sohn Gottes zu sein. Wie unterscheidet Er sich von uns, die wir gerade äußerlich oft so groß sein wollen!

Übrigens hat der Herr Jesus kein einziges Wunder zu seinen eigenen Gunsten getan! Auch Paulus hat das nie getan, bei sich selbst nicht und auch nicht, wenn enge Gefährten krank wurden (Trophimus, Epaphroditus).

Bevor wir uns zu der Antwort des Heilands wenden, sei noch erwähnt, dass wir eine sehr ähnliche Versuchung ganz am Ende des Lebens des Herrn finden. Als Er in größten Schmerzen am Kreuz hing, sagten die Juden in spöttischer Weise zu Ihm: „Wenn du Gottes Sohn bist, so steige herab vom Kreuz!“ (Mt 27,40). Die Bedingung „wenn“ erfüllte Er vollends, Er war Gottes Sohn! Aber dort am Kreuz hing Er, der Mensch Jesus Christus, der gerade deswegen nicht vom Kreuz stieg, weil Er der Retter der Welt werden sollte. Was für eine Tragik! Der Mensch forderte von seinem Schöpfer, das zu tun, was zum ewigen und völligen Schaden des Menschen gewesen wäre. Doch Gott sei Dank! Christus blieb bis zum Ende seines Lebens der gehorsame Mensch, der sich in allem seinem himmlischen Vater unterordnete, und, „obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte“ (Heb 5,8).

Drei Antworten Jesu

Allen drei Versuchungen begegnet Jesus mit dem Verweis auf Gottes Wort. Erstaunlicherweise nimmt er dabei nicht drei verschiedene Bücher des Alten Testaments, sondern beschränkt sich auf ein einziges Buch, das 5. Buch Mose, und zitiert aus diesem nur aus den Kapiteln 6 und 8.

Daraus lernen wir also zunächst, wie man den Versuchungen des Feindes widersteht: indem man das Wort Gottes anwendet. Der Herr diskutiert nicht mit Satan, während Er später gegenüber den Menschen in Gnade auf deren Einreden eingeht. Er weist ihn einfach mit dem Wort Gottes zurecht – das ist unser Vorbild. Dazu müssen wir aber das Wort kennen, und zwar gut kennen, wie sich aus der zweiten Versuchung ergibt. Denn auch Satan weiß, die Bibel zu zitieren. Er kennt das Wort Gottes wohl besser als wir alle. Aber er zitiert Gott immer unvollständig und damit falsch.. Umso wichtiger ist, dass das Wort Gottes in uns wohnt. „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten, um was ihr wollt, und es wird euch geschehen“ (Joh 15,7). Nur dann sind wir in der Lage, dem Teufel zu widerstehen, wie Christus es getan hat.

„Unterwerft euch nun Gott. Widersteht aber dem Teufel, und er wird von euch fliehen“ (Jak 4,7). Daraus lernen wir: Wenn wir Gott gegenüber die richtige Stellung einnehmen, können wir dem Teufel widerstehen, indem wir auf das Wort Gottes verweisen. Er wird nicht vor uns fliehen, sondern von uns. Nicht wir selbst sind es, die ihn dann in die Flucht schlagen, sondern Christus in uns. Er weiß, dass er ein besiegter Feind ist, der durch Christus ein für allemal bezwungen worden ist. Sieht er Christus in uns, indem dessen Wort in uns wohnt, wird der Teufel von uns fliehen!

Zitate aus dem 5. Buch Mose

Warum aber zitiert Christus nur aus dem 5. Buch Mose? Diese Frage wollen wir in diesem Abschnitt kurz untersuchen, denn im Wort Gottes ist nichts von ungefähr.

Bis auf zwei Männer war das ganze Volk Israel während der Wüstenreise gestorben. Es war das Gericht Gottes wegen des Unglaubens dieses Volkes (4. Mo 13.14). Die meisten des Volkes, die am Ende der Wüstenreise lebten, waren keine Zeugen der Gesetzgebung gewesen. Daher stellt ihnen Mose noch einmal das Gesetz vor die Herzen. Aus diesem Grund wird das 5. Buch Mose auch Deuteronomium genannt, zweites Gesetz. Es hatte seine Gültigkeit nicht verloren, übrigens auch nicht zur Zeit Jesu, denn sonst würde Er nicht hieraus zitieren. Außerdem wird Er dies auch in Matthäus 5 ganz deutlich machen.

Ein Kerngedanke des Gesetzes, der besonders im 5. Buch Mose herausgestellt wird, ist der Gehorsam. 26-mal finden wir diesen Ausdruck (als Verb, Adjektiv oder Substantiv) im 5. Buch Mose. Das ist ungefähr ein Fünftel des Vorkommens dieses Begriffs in der ganzen Schrift.

Diese beiden letzten Gedanken – Gültigkeit des Gesetzes und Gehorsam – verbinden sich direkt mit der Situation des Herrn.

  1. Er macht durch den Verweis auf das 5. Buch Mose und damit das Gesetz deutlich, dass dieses noch immer Bestand hatte. Keine neuen Verordnungen der Menschen, sondern das alte Gesetz hatte nach wie vor Gültigkeit – auch für Ihn selbst.
  2. Zugleich wollte Er seinem Gott gehorsam sein. Es war sein Wille, den Willen des Vaters zu tun und Ihm gehorsam zu sein. Das konnte Er durch Zitate aus dem 5. Buch Mose besonders deutlich ausdrücken. In diesem Buch steht nicht der Gehorsam gegenüber rituellen, den Gottesdienst betreffenden Vorschriften im Vordergrund, sondern der Gehorsam des Herzens Gott gegenüber.
  3. Im 5. Buch Mose lesen wir in sehr klarer Weise von den Sünden und Fehlern des Volkes Israel unter Gesetz, wie sie Mose zurückblickend in mehreren Reden zusammengefasst hat. Zugleich aber macht Gott deutlich, wie Er immer wieder in Gnade eingeschritten ist, als alles durch das Volk zerstört und verdorben worden war. Das sollte der Glaube an die Gerechtigkeit Gottes festhalten. War es nicht Christus, der trotz des vollständigen Ruins des Volkes Israel in göttlicher, souveräner Gnade seinem Volk zu Hilfe kam, indem Er an dessen Stelle die Versuchungen erduldete und das ganze Gesetz in vollkommenem Gehorsam ausführte?
  4. Im 5. Buch Mose gibt Gott einen Vorausblick auf das verheißene Land Kanaan, also Israel. Das Volk sollte auf den Besitz der Segnungen vorbereitet werden, die der Herr ihm im Land schenken wollte. Für den Herrn Jesus ging es zwar nicht darum, die Segnungen des Landes zu genießen. Sein Ziel war, aufgrund seines Werkes am Kreuz ein Königreich aufzurichten und einzunehmen, was Ihm als Sohn des Menschen zustehen würde. Dazu aber musste Er seinem himmlischen Vater gehorsam sein und den Weg der Leiden wählen. Und das erforderte, dem Feind zu widerstehen.. Auch deshalb – so scheint es – zitiert Er aus diesem bemerkenswerten Bibelbuch des Alten Testaments.
  5. Gerade durch das Zitieren des 5. Buches Mose verbindet sich Jesus mit seinem Volk, wie wir es schon am Ende von Kapitel 3 in seiner Taufe gesehen haben. Gott sagt seinem Volk im 5. Buch Mose immer wieder, wie es sich im Land Israel zu verhalten hat. Christus stellt sich ebenfalls unter diese Vorschriften, indem Er sie für sich und sein Verhalten hier anführt. Er war ja gekommen, sein Volk zu erretten von seinen Sünden, und so musste Er die Stellung dieses Volkes einnehmen, um es aus der Gefangenschaft der Sünde befreien zu können. Das tut Er – auch in den Versuchungen des Teufels, denen das Volk immer wieder erlegen war. Christus dagegen überwindet den Teufel und beginnt auch hiermit die Geschichte des Volkes Israel von vorne!

Nicht vom Brot allein!

Jesus antwortete dem Teufel: „Es steht geschrieben: „Nicht von Brot allein soll der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das durch den Mund Gottes ausgeht.“ Damit macht der Herr seinem Widersacher sofort deutlich, dass für Ihn allein das Wort Gottes Gültigkeit besitzt. Die Aussage und Aufforderung des Teufels mochten noch so plausibel sein. Denn wer konnte etwas dagegen sagen, dass der Herr das in seiner Macht Stehende tut und sich aus Steinen Brot macht. Aber Er hatte dazu keinen Auftrag von Gott. Aber das von Ihm selbst gegebene Wort im Alten Testament machte deutlich, dass das Brot zwar eine wichtige irdische Nahrung für den Menschen ist, aber im Vergleich zu den Worten Gottes nur zweitrangig ist.

Auch für Jesus als Mensch galt, sich von den Worten zu nähren, die durch den Mund Gottes gesprochen wurden. Er war es, der sich jeden Morgen das Ohr wecken lies, um wie jemand zu hören, der belehrt wird (vgl. Jes 50,4). In auffallender Weise verweist Christus hier nicht einfach auf das Wort Gottes im allgemeinen Sinn. Er zeigt, dass Er für jede Tat und jedes Wort einen ausdrücklichen Auftrag Gottes erwartete. Es war das konkrete Wort, das „durch den Mund Gottes“ ausgesprochen wurde. Gott hätte Ihm den Auftrag geben können, aus Steinen Brote zu machen. Aber Er tat es nicht. Deswegen wartete Christus und blieb gehorsam. Das ist im Übrigen auch der Geist, der immer wieder aus den Psalmen spricht, die über die Leiden Jesu weissagen. Er war der gehorsame Jude, der auf ein Wort Gottes wartete, ohne welches Er nichts tun wollte. Er nimmt keine Erleichterung und Befreiung an, es sei denn, dass Gott selbst ins Mittel tritt.

Wenn man nun den zitierten Vers in 5. Mose 8 aufsucht, so stellt man fest, dass er dort gerade mit materieller Speise in Verbindung steht. „Und er [der Herr, dein Gott] demütigte dich und ließ dich hungern; und er speiste dich mit dem Man, das du nicht kanntest und das deine Väter nicht kannten, um dir kundzutun, dass der Mensch nicht von Brot allein lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was aus dem Mund des Herrn hervorgeht“ (Vers 3). Gott schickte ihnen den Hunger- er kam nicht zufällig – damit sie auf Gott warteten und Gott um Hilfe riefen. Gott wollte damit das Volk lehren, allein auf Ihn zu vertrauen. Er würde ihnen Speise zur rechten Zeit geben, Er hatte alles Notwendige für sie. Sie brauchten nicht die Ressourcen dieser Welt – Gott hatte alles, was nötig war für sie.

Das ist der Punkt, den Jesus in der Versuchung jetzt aufgreift. Dem Volk in seinem Hunger sandte Gott dieses Manna, Brot vom Himmel. Aber Ihm in seinem Hunger hat Gott eben nicht Brot geschickt. Sollte Er dann in Unabhängigkeit handeln und sich selbst Brot machen? Dann wäre Er nicht besser gewesen als das sündige Volk Israel. Nein – Gott sei Dank! Christus wartete auf die Anweisung aus dem Mund Gottes. Da sie jetzt nicht kam, wollte Er auch nicht zu seiner Wundermacht greifen und in Unabhängigkeit von Gott handeln. Seine Kraft zog Jesus nicht aus Wundertaten oder anderer Vorsorge für sich selbst, sondern direkt aus dem Wort Gottes.

Ein Wort für Jünger

Das ist zugleich ein Wort an Jünger. Wir haben gesehen, dass wir in diesem Evangelium nicht nur den König sehen, sondern auch seine Untertanen, seine Jünger. Wir lernen vom Herrn Jesus. Wann immer der Feind des Herrn zu uns kommt, wollen wir ihm wie Christus begegnen. Wir werden ihm das „Es steht geschrieben“ entgegenhalten und nur dann einen Schritt tun, wenn Gott uns diesen gezeigt hat. Wir wollen auf die Zeit Gottes warten und nicht unabhängig handeln. In eigener Kraft vermögen wir nichts.

Wenn aber das Wort Gottes das wahre Geheimnis unserer Kraft und unseres Lebenswandels ist und wir uns täglich von diesem Wort nähren, werden wir in der Lage sein, den Listen und Angriffen des Feindes zu widerstehen. Wachstum in dem Verstehen und Anwenden dieses Wortes – das ist die Voraussetzung, um dem Herrn Jesus nachzufolgen.

Christus hing allein am Wort Gottes. Hier ist nicht der Ausdruck für das allgemeine Wort Gottes in seinem ganzen Umfang verwendet worden, sondern ein Wort, dass eine ganz konkrete Aussage aus dem Mund Gottes meint. So genau nahm es unser Herr. Solch einen detaillierten Gehorsam verwirklichte Er. Sein himmlischer Vater hatte Ihm hier nicht den konkreten Auftrag gegeben zu handeln. So wartete Er. Das ist unser Vorbild. Wenn wir auf eine Weisung von unserem Vater warten, dann folgen wir Christus. Der Glaube beweist sich dadurch, dass er auf Gott wartet, bis Er uns seinen Willen offenbart.

Verse 5–7: Die zweite Versuchung – von der Tempelzinne springen

„Dann nimmt der Teufel ihn mit in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und spricht zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben: ‚Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stößt.‘ Jesus sprach zu ihm: Wiederum steht geschrieben: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.‘“ (Verse 5–7).

In dieser zweiten Versuchung erkennen wir die Macht des Teufels. Er nimmt Jesus mit in die heilige Stadt. Wir wissen nicht, in welcher Gestalt der Teufel vor den Herrn trat. Wir wissen auch nicht, ob er von den Menschen gesehen werden konnte. Jedenfalls nimmt er Christus mit mitten in die heilige Stadt Jerusalem, um Ihn auf die Zinne des Tempels zu stellen. Wir staunen, dass der Herr Jesus als der ewige Gott das einfach mit sich machen lässt. Aber wir erkennen erneut, dass Er auch hier den Auftrag Gottes erfüllen möchte. Er ist bereit, sich von dem abgefallenen Geschöpf dorthin bringen zu lassen.

Die verschiedenen Stachel des Feindes

Wieder kommen die Worte: „Wenn du Gottes Sohn bist...“ Noch einmal versucht Satan die Taktik, an die Allmacht des Herrn Jesus Christus anzuknüpfen und Ihn gerade darin zu Fall zu bringen. Aber dieses Mal geht es nicht um die menschlichen Bedürfnisse des Herrn. Würde der Herr seine Geschöpfe herausfordern, ihrem Schöpfer einen Wunderdienst zu erweisen? „Wirf dich hinab!“ Was für eine Herausforderung! Viele Menschen werden dort auf dem Tempelplatz gestanden haben. Wir erhalten keine Mitteilung, ob sie Christus auf der Zinne ganz oben sehen konnten. Aber wir müssen das annehmen.

Was für einen Empfang bei seinem Volk hätte der Herr erhalten, wenn Er dort oben von der Zinne hinabgesprungen und ohne Verletzung unten angekommen wäre! Hätten Ihm nicht alle zu Füßen gelegen? So hätte Er von dem Volk auf glanzvolle Weise in Empfang genommen und groß vor aller Augen stehen können. – Wir wollen uns selbst fragen, ob wir nicht auch in der großen Gefahr stehen, einer solchen Versuchung zu erliegen, weil sie uns vor den Augen der Menschen und sogar Christen größer macht, als es uns zusteht?

Der Widersacher hat noch einen weiteren Stachel. Eben noch hatte Christus das Wort Gottes zitiert, um die erste Versuchung des Teufels abzuwehren. Die Bibel zitieren – das kann der Feind auch. Er versucht, das Wort Gottes als Waffe gegen den Gesalbten Gottes einzusetzen. Er sagt: „Denn es steht geschrieben: ‚Er wird seinen Engeln deinetwegen befehlen, und sie werden dich auf Händen tragen, damit du nicht etwa deinen Fuß an einen Stein stößt.‘“

Es ist ein Zitat aus Psalm 91. Das Bemerkenswerte an diesem Zitat ist, dass es direkten Bezug auf Christus hat, weil es sich bei Psalm 91 um einen messianischen Psalm handelt. Wir erkennen, dass Satan durchaus in der Lage ist, zielgerecht seine Pfeile abzuschießen. Kann er einen wunden Punkt bei Christus finden und treffen? Wir wissen, dass es einen solchen Punkt nicht gibt.

Bevor wir die Antwort des Herrn betrachten, wollen wir uns kurz den Psalm anschauen, den der Teufel zitiert. Psalm 90 zeigt uns den sterblichen, ersten Menschen, nämlich Adam und seine Rasse. Psalm 91 stellt uns dagegen Christus als den vollkommen abhängigen Menschen, den zweiten Menschen, im Gegensatz zu dem sterblichen Mann des 90. Psalms vor. In den Versen 9 bis 13 finden wir Christus, wie Er in allem auf Gott vertraut. Daher würde Ihm kein Unglück widerfahren.

Belehrungen aus Psalm 91

„Denn er wird seinen Engeln über dir befehlen, dich zu bewahren auf allen deinen Wegen. Auf den Händen werden sie dich tragen, damit du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. Auf Löwen und Ottern wirst du treten, junge Löwen und Schlangen wirst du niedertreten“ (Ps 91,11–13). Wir erkennen aus diesen Versen eine ganze Reihe von Punkten:

  1. Gott beantwortete die Treue und das Vertrauen Christi. Er würde Ihn retten und Ihn vor Unglück bewahren.
  2. Die Engel standen Christus zu Diensten.
  3. Der Teufel zitiert Gottes Wort. Aber dadurch, dass er es unvollständig tut, verfälscht er es.
  4. Christus sollte „auf allen seinen Wegen“ bewahrt werden. Warum lässt Satan gerade diese Worte aus? Er war sich bewusst, dass die Wege, von denen hier die Rede ist, für den Herrn Jesus keine anderen Wege als die des Gehorsams waren. Wäre es ein Weg des Gehorsams gewesen oder gab es eine Anweisung von oben, „ein Wort aus dem Mund Gottes“, sich von dem Tempel herabzustürzen? Nein, und deshalb lässt der Teufel diesen Satzteil aus. Nur auf einem solchen Weg des Gehorsams gab es die Bewahrung von Gott durch die ausgesandten Engel.
  5. Es fällt nicht schwer zu erkennen, warum Satan nicht den 13. Vers zitiert. Denn dieses Wort spricht davon, was ihm selbst widerfahren wird. Der Löwe und die Otter, junge Löwen und Schlangen sind Symbole, die in der Bibel immer wieder in Verbindung mit dem Teufel benutzt werden (vgl. 1. Mo 3,1.14; Ps 22,13; Jes 27,1; 1. Pet 5,8; Off 13,2). Ob Satan instinktiv gespürt hat, dass hier sein eigener Untergang beschrieben wird? Aber obwohl er weiß, dass er am Ende unterliegen wird, versucht er bis zum Schluss, sich gegen Christus und die Seinen zu erheben.

Die Antwort Jesu

Die Antwort des Herrn ist so schlicht und durchschlagend wie die erste. Unser Herr analysiert nicht, was Satan gesagt hat. Er macht auch keine Unterscheidungen, was gut und was verkehrt war von dem, was der Teufel vorbrachte. Damit ist Er erneut das Vorbild für uns. Es mag solche geben, die Einzelheiten des Wortes Gottes unterscheiden können. Aber viele können das vielleicht nicht; und es ist letztlich auch nicht ausschlaggebend. Der Herr zeigt, wie wir mit einem solchen Feind umgehen müssen: „Jesus sprach zu ihm: Wiederum steht geschrieben: ‚Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.‘“ Wenn der Teufel das Wort Gottes auch zu benutzen wusste, musste er doch lernen, dass er vor dem Wort Gottes selbst – wenn auch im Sinn von Johannes 1,1 – stand. Christus lebte in diesem Wort, das Wort wohnte in Ihm und so wehrt Er in vollkommener Ruhe diesen Giftpfeil des Widersachers ab.

Es war nicht der Weg des Gehorsams, die Engel und die Macht Gottes herauszufordern, Ihn vor einer Verletzung eines Herabwerfens von der Zinne des Tempels zu bewahren. Natürlich hatte Christus volles Vertrauen, dass Gott Ihn auf allen seinen Wegen bewahren würde. Dazu musste Er Gott nicht erst herausfordern, ja besonders versuchen. Es ist beeindruckend, dass der Herr hier gerade nicht seine Rechte als Messias und Gott geltend macht, sondern in einer einzigartigen Niedrigkeit von sich als Mensch spricht, dem es nicht zusteht, Gott zu versuchen.

Der Kontext in 5. Mose 6

Es ist interessant, in welchem textlichen Zusammenhang der zitierte Vers in 5. Mose 6,16 steht. „Ihr sollt den Herrn, euren Gott, nicht versuchen, wie ihr ihn bei Massa versucht habt.“ (Christus zitiert nur den ersten Teil, aber im Gegensatz zu seinem Widersacher verfälscht Er das Wort damit nicht.) Der zweite Teil des Verses hilft uns zu verstehen, was Versuchung in diesem Zusammenhang bedeutet. Das Volk hatte in Rephidim gelagert und kein Wasser zum trinken gehabt. Da hatte es gemurrt. „Und Mose sprach zu ihnen: Was hadert ihr mit mir? Was versucht ihr den Herrn?“ (2. Mo 17,3). Dieses Wasser wird dann später Massa genannt, „wegen des Haderns der Kinder Israel und weil sie den Herrn versucht hatten, indem sie sagten: Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht?“ (Vers 7).

Offenbar hatte das Volk Gott herausfordern wollen. Sie sprachen sozusagen zu Ihm: „Wir glauben nur, dass Du wirklich in unserer Mitte bist, wenn Du uns auf der Stelle Wasser beschaffst.“ Gott gibt es ihnen in seiner Barmherzigkeit, aber Er machte deutlich, dass das Volk Ihn hiermit in böser Weise versucht hatte. Noch viele Jahre später, am Ende der Wüstenreise, kommt Mose auf diese Sache zurück, in dem Segen Levis. Es hat den Anschein, dass es gerade Levi war, der dieses Murren und Versuchen angezettelt hat. Gott muss ihnen das vorwerfen (5. Mo 33,8).

Sollte der Herr seinen Gott nun durch das Herabstürzen von der Zinne des Tempels versuchen, ob Er zu seinen Gunsten wirklich eingreifen würde? Nein, Er wollte weiter auf dem Weg des Vertrauens zu seinem Gott vorangehen. Er sagte: „Bewahre mich Gott, denn ich suche Zuflucht bei dir!“ (Ps 16,1). Er musste Gott nicht versuchen, denn er wusste ohnehin, dass Gott seine Zuflucht in allem war.

Auch unser Vertrauen kann gar nicht weit genug gehen. Nicht ein – menschlich gesprochen – überhöhtes Vertrauen bedeutet, Gott zu versuchen. Nein, Gott versuchen heißt, Ihm zu misstrauen, Ihn in kritischer Weise auf den Prüfstand zu stellen oder den Wahrheitsgehalt seines Wortes zu testen. Christus aber wusste, dass Gott Ihm immer zur Hilfe kommen würde, wenn es nötig wäre.

Der Teufel versuchte niemand anderes als Gott selbst!

Was tat der Teufel eigentlich in diesem Moment? Wer stand da vor ihm? Christus, der niedrige Mensch auf der Erde, muss Satan zurechtweisen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen.“ Das tat der Teufel aber soeben! Er meinte, den erniedrigten Menschen Jesus auf einen falschen Weg abziehen zu können. Aber der Herr Jesus musste ihm deutlich machen, dass er hier den Sohn Gottes selbst vor sich hatte. Dieser erniedrigte Mensch Jesus war gleichzeitig Gott selbst!

In dieser seiner Autorität tritt der Herr Jesus dem Versucher hier entgegen. Die Antwort auf die erste Versuchung war mehr eine Erklärung für den Grund, warum der Herr nicht auf die Versuchung einging. Hier aber finden wir einen direkten Tadel Satans. Vielleicht ist dies auch die Erklärung dafür, dass der Teufel bei der dritten Versuchung jede Zurückhaltung fahren lässt und einen Generalangriff auf den Herrn der Herrlichkeit startet.

Verse 8–10: Die dritte Versuchung – den Teufel anbeten

„Wiederum nimmt der Teufel ihn mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest. Da spricht Jesus zu ihm: Geh hinweg, Satan! Denn es steht geschrieben:,Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.‘“ (Verse 8–10).

Zum dritten und vorerst letzten Mal darf sich der Teufel dem König Israels nähern. Nachdem er in der Wüste und auf dem Tempelberg nicht zu seinem Ziel gekommen ist, nimmt er den Herrn Jesus jetzt mit auf einen sehr hohen Berg und zeigt damit noch einmal seine große Macht. Er besitzt die Frechheit, Christus alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zu zeigen. Es scheint hier weniger um Weltreiche als böse Systeme ohne Gott zu gehen, als vielmehr um die äußere Schönheit dessen, was auf der Erde zu sehen war.

Wer war der Schöpfer dieser Herrlichkeit? Wer hatte sie bereitet und bis zu diesem Zeitpunkt durch seine Macht erhalten, trotz der Sünde des Menschen und des dadurch schon lange eingetretenen Verfalls? Gerade Derjenige, der jetzt vor Satan stand.

Wir können davon ausgehen, dass diese Vorstellung sehr eindrucksvoll war. Heute kennen wir Fernsehen und Internet, wo man sich durch Satellitenfotos in kürzester Zeit alle Städte, Länder, Kontinente, Gebirge etc. zeigen lassen kann. Dies alles stellt der Teufel dem Herrn Jesus vor.

Stellen wir uns einmal vor: Wie die Bilder von Ägypten und den eindrucksvollen Pyramiden in großer Schönheit vor Christus gestellt wurden. Dann verschwindet diese Vision, und alte Städte Griechenlands leuchten auf: Athen, Korinth, Ephesus... Wieder verändert sich die Szene, und Rom – die glitzernde Welt – erscheint vor dem Herrn. Ein Reich nach dem anderen wird in schönsten Strahlen erleuchtet gezeigt, alles Länder mit Namen. Und das, wie wir aus Lukas 4,5 lernen, „in einem Augenblick“, was vielleicht auf die Vergänglichkeit dieser menschlichen Reiche hinweist.

Und denken wir dann daran, in welcher Verfassung Christus hier vor uns tritt: 40 Tage und Nächte hatte Er in der Wüste gefastet. Man konnte Ihm das zweifellos ansehen; auch seine Kleidung wird durch seine Umgebung gezeichnet gewesen sein. Er war unter wilden Tieren, wie uns Markus berichtet. Die Schöpfung seufzte unter den Folgen der Sünden, auch die Tierwelt. Sie nahmen keine Rücksicht auf ihren Schöpfer, der jetzt als Mensch bei ihnen war. So steht Er da – der Leidende – vor dem mächtigen Satan, der Ihm alle Herrlichkeit vorstellt: „Dies alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest.“

Was für eine Versuchung, was für ein Angebot! Herrschen über die ganze Erde, über alle Reiche, über die Satan tatsächlich als Fürst und Gott dieser Welt verfügte! Verstehen wir, worin der Angriff des Teufels insbesondere bestand? Satan wollte Christus überwinden, indem er Ihm einen Weg aufzeigte, sich die Leiden zu ersparen. Aber auch was für ein Generalangriff! Denn jetzt gab es zum ersten Mal eine Bedingung: „Wenn du niederfällst und mich anbetest.“ Der Teufel war offenbar durch die Antwort des Herrn auf die zweite Versuchung zu einem wütenden, glühenden Zorn gekommen und versucht jetzt gar nicht mehr, mit List vorzugehen.. Wie aber konnte er glauben, dass der Christus Gottes vor dem Teufel, dem Widersacher Gottes, niederfallen würde? Es handelt sich hier um einen frontalen Angriff auf den Herrn und auf Gott selbst.

Satan hatte sich immer verrechnet, wenn er meinte, einen Sieg erringen zu können. Natürlich schätzte der Herr die Gabe Gottes, über alles Geschaffene einmal regieren zu können. Er wird es einmal tun (Off 11,15; vgl. Ps 2,7.8; Ps 8,4–9)! Aber mehr als das schätzte Er den Geber dieser Gabe – und dieser stand allein vor Ihm, nur Ihm wollte Er gehorsam sein und Ihn damit verherrlichen.

Die Antwort Jesu

Die Antwort des Herrn ist dann auch schärfer als bei den beiden ersten Versuchungen: „Geh hinweg, Satan!“ Das erste Mal nennt der Herr seinen Versucher bei seinem Namen. Dieser Name bedeutet: Widersacher. Er spricht von dessen Macht als der große Feind Gottes. In dieser Eigenschaft tritt der Teufel bei der dritten Versuchung auf. Es ist aber auffallend, dass der Herr diesen Namen erst benutzt, nachdem sich der Teufel als dieser Widersacher offenbart hat. Das sollte uns vorsichtig machen, jeden Widerstand in unserem Leben oder im Dienst für den Herrn einfach direkt dem Teufel zuzuschreiben.

Christus schickt Satan jetzt weg. Der Herr hat diese Autorität – es gibt keine Widerrede Satans. Dieser weiß und fühlt, dass er jetzt vor seinem Richter steht. Mit was für einer moralischen Macht und göttlicher Autorität spricht der Herr Jesus hier 5!

Der Herr schickt Satan erst an dieser Stelle weg. Hätte Christus ihn nicht bereits nach der ersten anmaßenden Bemerkung verdammen können? Natürlich! Aber Er wollte ausharren bis zum Ende der Versuchungen. Erst als Satan mit einem direkten Affront gegen die Herrlichkeit Gottes anging, musste der Herr Jesus ihn nicht nur in seine Schranken verweisen, sondern ihn auch fortschicken 6. Sein Verhalten ist beispielhaft für uns, wie wir mit Widersachern in unserem persönlichen Umfeld umgehen sollten. Natürlich haben wir keine Autorität wie der Herr. Je nach konkreter Situation können wir solche Menschen nicht einfach wegschicken. Aber wir können solche Leute aus unserem Haus weisen (2. Joh 10) bzw. uns selbst abwenden. Andererseits lernen wir von unserem Meister, wie viel Geduld wir aufbringen sollten.

Der Herr Jesus fährt dann fort: „Denn es steht geschrieben:,Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten und ihm allein dienen.’“ Wieder gibt es zwei Zielrichtungen des Wortes, wie auch bei der Antwort des Herrn auf die zweite Versuchung Satans.

  1. Der Herr Jesus macht klar, dass es nur eine Person gibt, die angebetet werden darf: Gott, der Herr, und niemals der Teufel. Damit ist ein Dienen und Anbeten im Sinne eines Gottesdienstes gemeint. Wir sollten aber aus seiner Antwort nicht ableiten, der Herr Jesus selber hätte Gott diesen Gottesdienst gebracht oder bringen müssen – denn Er ist selbst Gott!
  2. Zugleich zeigt Er dem Widersacher, dass dieser sich eigentlich vor Christus niederwerfen müsste, anstatt Ihn zu versuchen. Denn Er ist Gott, wie wir gerade noch einmal gesehen haben. Wir wissen, dass auch Satan einmal vor Christus niederfallen wird, weil er es tun muss: „Damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters“ (Phil 2,10.11). Satan ist einer dieser Unterirdischen, die sich einmal vor Christus beugen müssen. Aber bis zu diesem Zeitpunkt, bis er in den Feuersee geworfen werden wird, ist er als Widersacher tätig, der Christus schaden, die Seinen in die Irre führen und die Menschen insgesamt vernichten will, damit sie nicht zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und sich bekehren.

Vers 11: Der Teufel muss verschwinden

„Dann verlässt ihn der Teufel, und siehe, Engel kamen herzu und dienten ihm“ (Vers 11).

Satan muss sofort gehorchen und verlässt den Herrn. Aus dem Versucher wird ein Geschlagener, der von dem Herrn weichen muss. Bedenken wir noch einmal: Sein Überwinder war Jesus, der wahrhaftige Mensch, nicht in seiner Eigenschaft als Gott, der Sohn!

Wir wissen, dass der Teufel nicht für immer von dem Herrn wegging. Denn Lukas berichtet uns, dass er nur eine Zeitlang von Ihm wich. Einige Ausleger denken, dass der Teufel gerade in Gethsemane wieder erscheint. Doch spätestens am Kreuz war er ein weiteres Mal aktiv. Dort reizte er alle auf, sich gegen Christus zu wenden, um Ihn umzubringen. Das war schon in 1. Mose 3,15 so angekündigt worden.

Anstelle Satans kamen Engel zu dem Herrn Jesus, von Gott geschickt, und dienten Ihm. Mit was für einer Bewunderung werden sie vor Ihm gestanden haben, nachdem sie Beobachter dieser eigentümlichen Szene waren, als es dem Widersacher erlaubt war, sich gegen den Herrn der Herrlichkeit zu erheben. Wie beeindruckend muss es für diese himmlischen Wesen gewesen sein, jetzt ihren Schöpfer in diesen Umständen zu bedienen – „Dinge, in welche die Engel hineinzuschauen begehren“ (1. Pet 1,12).

Die christliche Seite der ersten 11 Verse

Diese ersten Verse des Kapitels zeigen uns auch unsere Situation heute, denn auch wir werden von Satan versucht. Es gibt allerdings einen gewaltigen Unterschied zwischen Christus und uns. Während wir das sündige Fleisch an uns tragen, war Er der Sündlose, der Vollkommene. Umso wichtiger ist es für uns, den Spuren unseres Herrn Jesus Christus nachzufolgen, um Ihm ähnlicher zu werden.

Der Herr hatte seinen Jüngern gesagt: „Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende auch ich euch“ (Joh 20,21). Er hat uns nicht an einen Ort der Freude sondern der Übung gesandt. Hier begegnen wir seinem und unserem großen Widersacher.

Wir können dem Teufel deshalb „begegnen“ oder „entgegentreten“, weil Christus ihn schon besiegt hat. Sonst hätten wir keine Chance gegen ihn. Aber da wir „in Christus“ sind, brauchen wir keine Angst vor Satan zu haben. Wenn wir Christus in die Versuchung hineinbringen, werden wir überwinden. Dann, und nur dann, gilt Jakobus 4,7: „Widersteht aber dem Teufel, und er wird von euch fliehen.“ Wir müssen uns aber bewusst sein, dass wir dem Teufel immer unterlegen sind, wenn wir auf unsere eigene Kraft vertrauen – da hilft uns auch nicht, dass der Teufel ein grundsätzlich besiegter Feind ist.

Auch für uns ist wahr, was wir über die Engel in Bezug auf Christus hier lesen. Denn der Schreiber des Hebräerbriefs sagt uns über die Engel: „Sind sie nicht alle dienstbare Geister, ausgesandt zum Dienst um derer willen, welche die Errettung erben sollen?“ (Heb 1,14). Sie sind für uns tätig in Bezug auf unsere äußeren Umstände. Was für ein Wunder! In diesem Sinn kommen auch Engel zu uns, um uns zu bedienen.

Die Taktik Satans

Abschließend zu diesem Teil wollen wir zusammenfassend noch einen Blick auf Satans Taktiken werfen, die in diesen Versen sichtbar werden:

  1. Er sät Zweifel daran, dass Gott für uns ist (Vers 6). Wir sollen unserem himmlischen Vater mit ganzem Herzen vertrauen.
  2. Er will uns zu einem unabhängigen Handeln verleiten, für das wir keine konkrete Willensäußerung Gottes erhalten haben (Vers 3). Wir sollen auf Gott warten. Wenn wir keine Weisung von oben haben, gilt es zu warten 7.
  3. Er benutzt alles, was ihm zur Verfügung steht, und auch die Umstände, um uns anzugreifen: menschliche Schwachheit und Begrenztheit, Worte Gottes und Herrlichkeiten der Welt. Wir sollten – unabhängig von den Umständen – auf den Herrn vertrauen und Ihm gehorchen.
  4. Er sät Zweifel an den Aussagen Gottes (Vers 3). Er ist der Lügner von Anfang und kann nicht anders als lügen! Wir sollten trotzdem nicht zweifeln, sondern den Aussagen Gottes vertrauen.
  5. Er versucht uns zu verführen. Unsere Antwort soll sein: Es steht geschrieben.
  6. Auch Satan weiß die Bibel anzuwenden (Vers 6). Aber wenn er sie zitiert, zitiert er nur einen Teil und/oder verfälscht das Wort Gottes. Wir können dem Teufel nur wirksam begegnen, wenn das Wort Gottes in uns wohnt und wir deshalb wissen, was seine wahren Aussagen sind.
  7. Der Teufel ist nicht an einen Ort gebunden (Verse 1.5.8). Er kann uns überall begegnen, so dass wir überall vor ihm auf der Hut sein müssen! Auch an heiligen Orten sind wir nicht vor Satan sicher (vgl. Vers 5). Vielleicht sind die Zusammenkommen als Versammlung (Gemeinde) die gefährlichsten Situationen für uns, weil dort Satan in besonderer Weise angreift.
  8. Satan möchte immer, dass wir uns vor den Augen der Menschen selbst groß machen (Vers 6). Christus hat uns die Demut vorgelebt!
  9. Satan ist mächtig. Wir sollten nicht denken, dass er nicht mehr mächtig auftreten könnte (Verse 5.8). Dennoch können und sollen wir ihm widerstehen (Jak 4,7). Der, der für uns ist, ist stärker als der Teufel!
  10. Satan ist in der Lage, uns die Welt groß und herrlich vorzustellen (Vers 8). Wir sollen immer die Sichtweise Gottes einnehmen.
  11. Manchmal fährt Satan einen Frontalangriff gegen uns (Vers 9). Auch dann gilt es, ruhig zu bleiben und einfach Gottes Wort sprechen zu lassen.
  12. Wenn der Teufel eine Zeitlang von uns geht (Vers 11), sollten wir nicht glauben, dass er nicht wiederkommen könnte. Das uns glauben zu machen, ist nämlich auch eine seiner Taktiken! Wir müssen immer auf der Hut bleiben!

Es gibt für uns Gläubige zwei zentrale „Hilfsmittel“, die der Herr uns als „Verteidigungswaffen“ gegen Satan geschenkt hat:

  1. Das Wort Gottes, das in uns wohnen soll und in dem wir „zu Hause sein“ sollen. Mit einem „es steht geschrieben“ können wir den Feind in die Flucht schlagen. In diesem Wort finden wir den Willen Gottes für unser Leben fest verankert, jedenfalls, was die Grundprinzipien betrifft, nirgendwo anders. Daran sollen wir uns halten. Nur das ist der Maßstab für unser Leben.
  2. Der Heilige Geist in uns macht dieses Wort Gottes für jeden Augenblick unseres Lebens lebendig. Nicht für jedes Detail finden wir eine Handlungsanweisung in der Bibel. Aber der Geist Gottes, die göttliche Person, die in uns wohnt, wendet die Grundprinzipien des Wortes auf die konkrete Situation unseres Lebens an.

Angesichts des Aufgebots mächtiger Taktiken des Teufels zeigt uns der Herr Jesus durch sein Verhalten drei Grundhaltungen, die wir bei Angriffen Satans beachten sollten:

  1. Gehorsam. Wenn wir die innere Bereitschaft zum Gehorsam dem Wort Gottes und damit dem Herrn Jesus gegenüber bewahren, werden wir vor dem Fall bewahrt. Dann wohnt sein Wort in uns. Wir müssen nicht alles verstehen, sondern einfach das tun, was die Bibel sagt. „Was das Tun des Menschen betrifft, so habe ich mich durch das Wort deiner Lippen bewahrt vor den Wegen des Gewalttätigen“ (Ps 17,4) – das sollte unsere Haltung sein. Es setzt aber ein reines Herz voraus. Wenn wir das Wort Gottes mit der Unterscheidungskraft eines reinen Herzens anwenden, werden wir den Versuchungen widerstehen können. „In meinem Herzen habe ich dein Wort verwahrt, damit ich nicht gegen dich sündige“ (Ps 119,11).
  2. Vertrauen: Wenn wir uns ständig bewusst bleiben, dass alles Handeln Gottes mit uns zu unserem Guten dient, weil Gott gut und gütig ist (1. Pet 2,3), hilft uns dies, nicht in die Fallstricke Satans zu fallen.
  3. Gottesdienst: Wenn wahrer Gottesdienst (wahre Anbetung Gottes im Herzen) durch unseren Mund (Heb 13,15; 1. Pet 2,5) und in unserem Leben (Röm 12) Realität ist (3. Versuchung), bewahrt uns dies davor, auf Satan zu hören, der gerne an unsere natürliche Herzensneigung anknüpft, groß vor Menschen sein zu wollen, und es hervorragend versteht, uns dieses Gefühl auch zu vermitteln (2. Versuchung).

Verse 12 -25: Der öffentliche Dienst des Messias beginnt

In dem zweiten Teil des Kapitels kommen wir nun zum Beginn des öffentlichen Dienstes des Messias. Nach den Versuchungen durch den Teufel begann Er seine Arbeit – in der verachteten Gegend Israels, in Galiläa, in Kapernaum. Erneut wurde eine alttestamentliche Prophetie erfüllt. Nicht, dass die Weissagungen seine Schritte bestimmt hätten. Aber seine Handlungen erfüllten die Prophetie Schritt für Schritt.

Zunächst berief er Jünger aus dieser Gegend. Er nahm Satan jetzt Beute für Beute weg, um sie in sein eigenes Königreich zu bringen. Schließlich finden wir in den letzten Versen eine Zusammenfassung des Dienstes des Königs. Dies dient der Einführung in die Kapitel 5–7, in denen der König die Grundsätze seines Königreichs skizziert.

Verse 12.13: Der Messias wendet sich Galiläa und Kapernaum zu

„Als er aber gehört hatte, dass Johannes überliefert worden war, zog er sich nach Galiläa zurück; und er verließ Nazareth und kam und wohnte in Kapernaum, das am See liegt, im Gebiet von Sebulon und Naphtali“ (Verse 12.13).

Christus beginnt nun seinen öffentlichen Dienst. Man mag unwillkürlich fragen: Wo wird Er die ersten Werke tun? Was wird Er den Menschen, was seinem Volk zuerst mitgeben? Sicher wird Er in Jerusalem, der Hauptstadt Israels, auftreten. Oder zumindest in seiner Umgebung, um die Aufmerksamkeit der Vornehmen des Landes auf sich zu ziehen.

Nein, nichts von alledem. Nicht in Jerusalem, nicht in Judäa trat Er auf, sondern zog sich zurück weit weg vom Zentrum der Nation, in das verachtete Galiläa. Das jüdische Volk, versammelt um Jerusalem als Mittelpunkt, war nicht bereit für die Gegenwart seines Messias, des Sohnes Davids. Der Herr Jesus begibt sich zu den Armen und Verachteten der Herde, um sich und die Hoffnung Israels für das Volk zu offenbaren.

Die ersten historischen Stationen im Dienst des Herrn

Nun muss man berücksichtigen, dass Matthäus einige der ersten Stationen im (vor)öffentlichen Dienst Jesu auslässt. Wir wollen uns kurz vergegenwärtigen, was dem Herrn Jesus in dieser Zeit begegnete.

Johannes berichtet uns, dass durch den Dienst Johannes’ des Täufers Menschen zu dem Herrn Jesus kamen (Joh 1,35–51), die wir später in allen Evangelien wiederfinden: Andreas, Petrus, Philippus und Nathanael (= Bartholomäus). Das muss in Galiläa gewesen sein, denn von dort kamen diese Jünger (vgl. Lk 22,59). Dann war der Herr in Kana (Joh 2,1–11). Hier machte Er „den Anfang der Zeichen“ (Joh 2,11).

Danach trat der Herr in Jerusalem auf, wo das erste Passah seiner Dienstzeit stattfand. Er reinigte den Tempel, der von den Juden verunreinigt worden war (Joh 2,13–25). In dieser Verbindung – Er ist noch in Jerusalem – kam auch Nikodemus zu Ihm (Joh 3,1–21). Dann ging Er nach Judäa und taufte die Menschen, wobei dies parallel zur Taufe des Johannes geschah (Joh 3,23). Da das Volk den Herrn als eine Art Konkurrenz zu Johannes dem Täufer ansah, zog Er sich nach Galiläa zurück (Joh 4,1–3). Auf dem Weg dorthin fand die Begegnung mit der Frau aus Sichar statt (Joh 4,3–42). Aus Lukas 4,16–30 wissen wir, dass Er zuerst in seine Heimatstadt Nazareth ging. Erst, nachdem Er auch dort verworfen worden war, ging Er nach Kapernaum weiter (Lk 4,31). Damit sind wir bei der Situation, in die uns Matthäus hier einführt.

Verworfen in Galiläa

Die Überlieferung des Johannes veranlasste unseren Retter, sich nach Galiläa zurückzuziehen. Wenn das Volk und seine Führer schon den Vorläufer, den Herold des Messias, verwarfen, dann würden sie auch Christus selbst verwerfen. Der Herr spürte diese Verwerfung in vollkommener Weise. Wenn man über die Leiden des Herrn nachdenkt, dann versteht man: Schon dieses Verworfensein machte einen Teil seiner Leiden aus!

Der wahre König musste die eigentliche Königsstadt – Jerusalem – verlassen. Er konnte nicht dort bleiben, wo Er gerne geblieben wäre. Stattdessen musste Er sich an einen Ort der Verachtung begeben, denn Galiläa war der verachtete Teil Israels. Dort lebten die unreinen Nationen, die Heiden, die zur Zeit der assyrischen Gefangenschaft dort angesiedelt wurden. Mit ihnen wollte niemand etwas zu tun haben. Hier sprach man einen Akzent, der anders war als im Land Juda (Mt 26,73). Aber damit nicht genug: Jesus musste dort sogar aus seiner Heimatstadt Nazareth weichen und in das noch mehr verachtete Kapernaum gehen. Kapernaum wurde zu „seiner Stadt“ (Mt 9,1).

Diese Stadt war in besonderer Weise das Symbol für den heidnischen Einfluss, denn es war eine Handelsstadt am See, im Norden des Sees Genezareth, wo die Heiden ankamen und ihre Handelswaren an den Mann brachten. Kapernaum wurde daher sogar von den verachteten Galiläern verschmäht. Dorthin also „schob“ man den Herrn der Herren „ab“. Andererseits wissen wir aber auch, dass nichts mit dem Herrn geschah, was Er nicht bewusst zuließ. In diesem Sinn wählte Er als seinen Wohnort diese Stadt der Verachtung.

Die Verwerfung Christi im Matthäusevangelium

Das ist auch im Hinblick auf das Thema des Matthäusevangeliums von Bedeutung. Wir haben von Anfang an gesehen, dass dieses Buch weit darüber hinaus geht, Jesus als den König für Israel zu sehen. Da Israel Ihn verwarf, bringt Er im Sinne Abrahams Segen für die ganze Erde, für alle Nationen. Auch für diese Heiden, die durch den Hafen von Kapernaum nach Galiläa in Israel kamen. Immer wieder werden wir im Matthäusevangelium auf die Folgen der Verwerfung des Herrn durch Israel stoßen. Es gibt besonders zwei Folgen für die Nationen:

  • Erstens würde durch diese Verwerfung das Königreich der Himmel in einer neuen, ganz anderen Form eingeführt werden. Das wird besonders in Kapitel 13 beschrieben.
  • Zweitens ist die Verwerfung durch die Juden der Anlass für Christus, seine Versammlung (Gemeinde, Kirche) zu bauen (Kapitel 16,18).

Schon vor seinem öffentlichen Auftreten war Christus der Verworfene – das haben wir in Kapitel 2 gesehen. Diese Tatsache nahm ihre Fortsetzung mit seinem öffentlichen Auftreten (Kapitel 4,12). Und auch während seines öffentlichen Dienstes bleibt Er derjenige, den man nicht haben wollte (Kapitel 8–12). Nachdem seine Verwerfung schließlich feststand, wurde diese weiter betrieben und verstärkt, bis man Ihn letztlich ans Kreuz nagelte (Kapitel 13–27).

Zum Trost gesetzt

Doch kommen wir zu Kapernaum zurück. Die Bedeutung des Wortes ist interessant. Kapernaum heißt Dorf des Nahum, Dorf des Trösters bzw. der Tröstung. Hier ließ sich der „wahre Trost Israels“ nieder, ja der Trost für die, die unter dem moralischen Zustand des Volkes und unter ihren eigenen Sünden seufzen. Es gibt nur einen Menschen, der mit Recht den Titel „Tröster“ trägt – der Heiland der Welt, der jetzt für eine Zeit seinen Wohnsitz in diesem Dorf einnahm.

Dieser Ort gehörte zu dem Gebiet von Sebulon und Naphtali. Dies waren keine Stämme, die durch besondere Treue oder Prominenz aufgefallen wären, was einen weiteren Grund für seine Geringschätzung durch das Volk Israel lieferte. Der Verweis auf diese beiden Stämme Israels macht schließlich deutlich, dass Jesus nicht allein in Kapernaum geblieben ist, sondern die ganze Gegend bereist hat und in ihr wirkte.

Verse 14–16: Licht in Galiläa

„Damit erfüllt würde, was durch den Propheten Jesaja geredet ist, der spricht: ‚Land Sebulon und Land Naphtali, gegen den See hin, jenseits des Jordan, Galiläa der Nationen: Das Volk, das in Finsternis sitzt, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die im Land und im Schatten des Todes sitzen – Licht ist ihnen aufgegangen.‘“ (Verse 14–16).

Wieder treffen wir auf eines der hervorstechenden Merkmale des Berichtes von Matthäus. Der Herr Jesus erfüllte auch mit der Wahl seines Wohnplatzes Kapernaum eine alttestamentliche Weissagung. Es ist erstaunlich, mit welcher Präzision selbst vermeintlich nebensächliche Einzelheiten im Leben des Messias im Alten Testament vorhergesagt worden waren. Kein anderes Bibelbuch wird dabei so häufig angeführt wie das des Propheten der Gnade, Jesaja. Wieder finden wir dieses Zitat nur bei Matthäus. Es handelt sich bereits um das zehnte Zitat aus dem Alten Testament.

Jesaja 8,23–9,1: Ein großes Licht für die finstere Gegend der Verachtung

Die in den Versen 14–16 zitierten Worte aus dem Propheten Jesaja heißen dort wörtlich: „Doch nicht bleibt Finsternis dem Land, das Bedrängnis hat. In der ersten Zeit hat er das Land Sebulon und das Land Naphtali verächtlich gemacht; und in der letzten bringt er zu Ehren den Weg am Meer [d.h. am See Genezareth], das Jenseitige des Jordan, den Kreis der Nationen. Das Volk, das im Finstern wandelt, hat ein großes Licht gesehen; die da wohnen im Land des Todesschattens, Licht hat über ihnen geleuchtet“ (Jes 8,23–9,1).

Diese Verse stehen natürlich nicht isoliert in diesem wunderbaren Bibelbuch über den Messias Israels. Sie bilden den Teil eines längeren prophetischen Abschnitts, in dem die Widerspenstigkeit Israels bloß gelegt wird. Als Folge davon kommen Gerichte Gottes über das Volk, da es der Aufforderung seiner Stimme nicht Folge leisten will. „Bei all dem wendet sich sein Zorn nicht ab, und noch ist seine Hand ausgestreckt“ (Jes 5,25). Inmitten dieses richterlichen Handelns Gottes wird die Herrlichkeit des HERRN in Jesaja 6 vorgestellt. Denn bei allem Gericht geht es Gott um seine eigene Ehre! Wir wissen, dass diese Herrlichkeit in der Person des Herrn Jesus, des Sohnes des Menschen, offenbart geworden ist; sie ist die Herrlichkeit Christi (Joh 12,41). Daher wird im Anschluss daran von Gott durch Jesaja in Kapitel 7,14 die Geburt dieses „Gott mit uns“ angekündigt. Es ist die Weissagung einer vollkommen übernatürlichen Geburt. Jetzt saß der Richter also nicht einfach als göttliche Person auf seinem herrlichen Thron, sondern jemand war hier, der als Mensch auf dieser Erde geboren werden sollte.

Jesaja 8 zeigt uns dann die ernüchternde Wirklichkeit: Das Volk würde sich auch nach der herrlichen Geburt des Kindes (Kapitel 7) nicht um die Warnungen Gottes kümmern. Im Gegenteil – sie würden Gott verachten und verwerfen. Wir finden im achten Kapitel die gottesfürchtigen Übriggebliebenen, die mehr und mehr inmitten des furchtbaren Zustands des Volkes isoliert sind. „Und ich will auf den Herrn harren, der sein Angesicht verbirgt vor dem Haus Jakob, und will auf ihn hoffen“ (Jes 8,17). Wenn Israel seinen Herrn und König verwirft, erscheint dieser treue Überrest; für sie wird es am Ende einen bleibenden Segen geben. Er wird gestützt durch Gott: „Siehe, ich und die Kinder, die der Herr mir gegeben hat, wir sind zu Zeichen und zu Wundern in Israel vor dem Herrn der Heerscharen, der auf dem Berg Zion wohnt“ (Vers 18).

In den Versen, die den in Matthäus 4 zitierten vorangehen, ist dann von der Drangsal und moralischer Finsternis in Israel die Rede. Doch es gibt Treue und Übriggebliebene, die an Gott festhalten und diese „dichte Finsternis“ tief empfinden. Diese Finsternis findet ihren höchsten Ausdruck in der Verwerfung Gottes, des Königs selbst (Vers 21). Aber Gott eröffnet den Demütigen durch den Propheten Jesaja Hoffnung für diese Umstände. Wenn sie bekennen würden, dass sie in einem Land voller Finsternis leben, würde diese Finsternis nicht auf ewig bleiben.

Aber zunächst würde Gott den Landstrich Sebulon und Naphtali verächtlich machen. Dieser Teil des Volkes war es, den der assyrische König Tiglat-Pileser in der Zeit von Jotham und Ahas als Erstes in die Gefangenschaft nach Assyrien wegführte (2. Kön 15,29). Damit begann die schreckliche Schlussphase des Nordreiches, das dann in totaler Finsternis und in Götzendienst endete. Das ganze Land wurde von Assyrien mit Heiden neu besiedelt, die ihren Götzendienst dort einführten. Auf diese Weise wurde – wie wir schon sahen – die Gegend in Juda-Israel „verächtlich gemacht“.

Aber das war nicht das Ende. Dieses Volk, das im Finstern wandelt – Matthäus spricht sogar davon, dass sie in der Finsternis „sitzen“ –, sollte ein großes Licht sehen. In Christus war diesem Land Sebulon und Naphtali wirklich ein großes Licht aufgegangen. Erinnert das nicht an Paulus der auf dem Weg nach Damaskus „ein großes Licht aus dem Himmel“ sah (Apg 22,6) – nämlich Christus, der sich ihm in den Weg stellte? Es ging um den Herrn-Messias, den göttlichen König, nicht einfach um ein menschliches Wesen. Aber Ihn würde sein Volk gering achten und Ihn würden die Führer direkt verwerfen. Er würde sich aber in Gnade denen offenbaren, die selbst der Auskehricht des Volkes waren. Unter ihnen würde der Messias einen Überrest formen, der sich zu Ihm bekennen würde.

Vom Todesschatten zum Licht

Dort, wo „Todesschatten“ waren durch die Fremdherrschaft der Assyrer und später der Römer und Edomiter, würde ein Licht der Hoffnung aufgehen, indem Gott den Menschen und sein Volk heimsuchen würde. Der, den die Juden als den „Sohn des Zimmermanns“ bezeichnen würden (Mt 13,55), war dieses große Licht. Es erschien nicht in Jerusalem, nicht bei den Führern des Volkes, sondern bei denen, die verachtet wurden. Sie durften etwas von der Herrlichkeit Gottes sehen, sie, „die in Finsternis und Todesschatten sitzen“, damit ihre Füße auf den Weg des Friedens gerichtet würden (Lk 1,79). Hier wurde eine Stadt „bis zum Himmel erhöht“ (Mt 11,23) – aber was für eine Verantwortung war damit für die Einwohner verbunden!

Damit endet die Anführung Jesajas. Denn tatsächlich hat das Volk seinen Christus, das große Licht, abgelehnt. Selbst diese Verachteten des Volkes Israel haben ihren König hinausgeworfen. Ihre eigentliche Erfüllung werden die Worte von Jesaja 9,2 daher erst finden, wenn Christus ein zweites Mal wiederkommt, um sein Volk aus der Verachtung, aus der Finsternis zu retten. Denn auch an dieser Stelle – wie schon in den Zitaten der Kapitel 2 und 3 – hat der Prophet beide Kommen Christi vor Augen.

Wie tragisch, dass das Volk Israel bis heute nicht erkannt hat, was für ein Licht ihnen damals aufgegangen war. Traurig ist aber auch, dass sogar solche, die sich nach dem Namen Christus nennen, dieses Licht grundsätzlich verwerfen!

Vers 17: Die Predigt des Christus

„Von da an begann Jesus zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“ (Vers 17).

Mit der Prophetie über Sebulon und Naphtali beginnt dann das öffentliche Wirken des Herrn Jesus. Der Rest dieses Kapitels ist wie eine vorweggenommene Zusammenfassung seines ganzen Dienstes, bevor Er dann die Grundsätze seines eigenen Königreiches verkündigt und wir die großen Einzelheiten seines Dienstes kennen lernen. Hier finden wir

  1. die Predigt der Buße zur Aufnahme in sein Königreich (Vers 17),
  2. die Berufung von Jüngern in seine Nachfolge (Verse 18–22),
  3. das Lehren und Predigen des Evangeliums und das Vollbringen von Wundern (Verse 23–25).

Die Bedeutung dieses Augenblicks ist uns leider viel zu wenig bewusst. Hier tut der König Gottes zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit seinen Mund auf. Zwar war Er zuvor schon in eher verborgener Weise tätig gewesen (Joh 2–4) und hatte auch schon in der Synagoge in Nazareth einen Dienst getan (Lk 4). Aber jetzt beginnt sein eigentlicher öffentlicher Dienst. Nachhaltig und über einen längeren Zeitraum hinweg predigt Er jetzt den Menschen und wirkt Wunder.

Der Unterschied zwischen Johannes dem Täufer und Christus

Jesus befindet sich hier auf gleichem Terrain wie Johannes der Täufer. In Kapitel 3 haben wir gesehen, dass von diesem dieselben Worte gesprochen werden. Wenn wir jedoch an den Augenblick der Taufe denken, was für ein gewaltiger Unterschied bestand zwischen diesen beiden Personen!

Jetzt sprach Derjenige, der das Königreich in sich verkörperte, der König selber! Johannes wies auf einen anderen, Größeren hin, wenn er von dem Königreich der Himmel sprach. Christus dagegen war selbst der König, dessen Königreich Er predigte. Er sprach mit einer göttlichen Autorität, die Ihm nicht gegeben war, sondern die Er in sich selbst verkörperte, da Er Gott war.

Weitere Unterschiede treten in den nächsten Versen zutage: Von Johannes lesen wir nicht, dass er Jünger anstellte. Wir wissen, dass er Jünger hatte – solche, die später die Jünger des Herrn wurden. Aber wir lesen nicht, dass er mit der Autorität des Herrn zu einem Menschen sprach: „Folge mir nach!“. Jesus aber konnte das tun, der „Gott mit uns“.

Von Johannes lesen wir nicht, dass er auch nur ein einziges Wunder getan hätte. „Johannes tat... kein Zeichen“, lesen wir in Johannes 10,41. Er war der größte Prophet, aber er wirkte am Ende einer Zeitepoche. Christus dagegen war Gott selbst. Er eröffnete eine vollkommen neue Zeit, wie wir es auch bei Mose finden. Wunder fanden immer dann statt, wenn Gott eine neue Heilsperiode einläutete (Mose, Jesus Christus, Petrus und Paulus) oder wenn Er in einer sehr dunklen Zeit einen Überrest neu bilden ließ (Elia und Elisa, die beiden Zeugen in Offenbarung 11). Johannes kündigte zwar eine neue Zeit an – aber er wirkte am Ende einer Zeitepoche. Daher finden wir bei ihm keine Zeichen und Wunder.

Verse 18–22: Christus beruft Jünger

„Als er aber am See von Galiläa entlang ging, sah er zwei Brüder: Simon, genannt Petrus, und Andreas, seinen Bruder, die ein Netz in den See warfen, denn sie waren Fischer. Und er spricht zu ihnen: Kommt, folgt mir nach, und ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sie aber verließen sogleich die Netze und folgten ihm nach. Und als er von dort weiterging, sah er zwei andere Brüder: Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, im Schiff mit ihrem Vater Zebedäus, wie sie ihre Netze ausbesserten; und er rief sie. Sie aber verließen sogleich das Schiff und ihren Vater und folgten ihm nach“ (Verse 18–22).

Das zweite Kennzeichen des öffentlichen Dienstes des Herrn war, dass Er Jünger in seine Nachfolge berief. Es handelte sich nicht um die erste Begegnung von Petrus und Andreas mit dem Herrn Jesus. Ihre Bekehrung lag schon länger zurück. Denn bei ihrer ersten Begegnung mit dem Herrn, von der wir in Johannes 1,37–42 lesen, waren sie bereits Jünger des Johannes und hatten offensichtlich bereits Buße getan. Dass diese vor der in Matthäus 4 geschilderten Gelegenheit stattgefunden hat, erkennt man auch daran, dass der Herr nach Matthäus 4,18 bereits in Galiläa wirkte, während die Begebenheiten in Johannes 1 noch in der Zeit des Wirkens von Johannes in Judäa (Jerusalem) stattfanden, als Johannes der Täufer noch nicht in Gefangenschaft geraten war.

Jesus ging am See entlang, um Jünger in seine Nachfolge zu rufen. Aber es ging Ihm nicht nur um die bloße Jüngerschaft dieser Männer. Er wollte sich in seinem Werk der Liebe Gefährten suchen, die seine Gedanken und Empfindungen teilen würden und die zugleich mit Ihm im Werk Gottes tätig sein würden.

Bekehrt, um zu dienen, nicht umgekehrt!

Wenn wir hier die Berufung der Jünger betrachten, müssen wir berücksichtigen, dass Petrus und Andreas sowie Jakobus und Johannes bereits Gläubige waren. Sie gehörten zu dem sogenannten treuen Überrest, der auf den Messias wartete. Als sie ihre erste Begegnung mit dem Herrn gehabt hatten, waren sie von Ihm so überwältigt gewesen, dass sie bei Ihm hatten bleiben wollen, da, wo Er sich aufgehalten hatte (Joh 1,35–39). Daher war es jetzt nicht verwunderlich, dass sie bei dem Ruf ihres Messias sofort gehorchten.

Der Herr Jesus beruft auch heute nur solche in seine Nachfolge, die gläubig sind. Das heißt, dass wir den Herrn Jesus als Retter angenommen und sein Sühnungswerk am Kreuz von Golgatha als für uns notwendig und ausreichend in Anspruch genommen haben müssen, bevor wir seine Jünger und Diener sein können. Der Herr beruft niemand in seinen Dienst, um ihn zu bekehren, sondern Er bekehrt jemand, damit dieser Ihm dient.

Zu Ihm kommen und nachfolgen

Petrus und Andreas waren damit beschäftigt, ein Netz in den See zu werfen, um Fische zur Nahrung und zum Verkauf zu fangen. In dieser Situation spricht der Messias sie an und ruft ihnen zu: „Kommt, folgt mir nach, und ich werde euch zu Menschenfischern machen.“

Wie wir oben gesehen haben, ist der erste Schritt in die Nachfolge des Herrn die Bekehrung. Der zweite Schritt besteht darin, dass man auch im praktischen Leben zu Ihm „kommt“. „Wo ich bin, da wird auch mein Diener sein“ (Joh 12,26). Auch wenn sich diese letzte Aussage aus Johannes 12 darauf bezieht, dass wir bei Christus im Haus seines Vaters sein werden – da ist Er –, so macht der Herr durch dieses Wort doch zugleich einen Grundsatz deutlich. Der Jünger ist da, wo sich sein Lehrer aufhält. Wie sollte ein treuer Jünger sonst auch nachfolgen können? Zu den Füßen des Meisters lernen wir, wie wir Ihm nachfolgen können und wo unser Platz ist. Wenn wir auf Ihn schauen, erkennen wir, was zu tun ist.

Der dritte Schritt ist schließlich, Ihm auch konkret nachzufolgen. Das beinhaltet, dass man mit seinem früheren Leben abschließt. Das finden wir bei Petrus und Andreas. „Sie aber verließen sogleich die Netze und folgten ihm nach.“ Nachfolge schließt also mit ein, dass man sich mit allem, was man hat, auf den konzentriert, dem man nachfolgen möchte. Bei konsequenter Nachfolge ist für das alte Leben kein Platz mehr. Den Jüngern hier war der Ruf Jesu genug. Sie wussten: Wir haben einen neuen Herrn gefunden. Genauer gesagt: Er hat uns gefunden.

Ein konkreter Ruf ist nötig

Für die meisten Gläubigen muss dies aber durchaus nicht bedeuten, wie Petrus und Andreas den alten Beruf aufzugeben. Aber auch solche Diener hat der Herr heute noch. Er beruft sie in seinen Dienst als Evangelisten, Missionare, Kolporteure, Hirten und Lehrer.

Für solche ist es nötig, einen ganz klaren „Ruf“ von Ihm gehört zu haben. Dann mag man auch seinen Beruf aufgeben, um seine ganze Zeit dem unmittelbaren Dienst für den Herrn zu widmen. Das heißt natürlich nicht, dass man seine Familie im Stich lassen sollte. So dürfen wir es auch nicht bei Jakobus und Johannes verstehen. Sie verließen ihren Vater, ja, aber sicher nicht ihre Ehefrauen. Und auch ihr Vater war durch ihr Weggehen nicht wirklich „verlassen“, denn aus Markus 1,20 wissen wir, dass er noch Tagelöhner hatte, die ihn weiter in seiner Arbeit unterstützt haben.

Schön ist es, bei allen vier genannten Jüngern zu sehen, wie eifrig sie dem Herrn sofort folgten. Der Herr war noch nicht in der allgemeinen Öffentlichkeit als Wunderwirker aufgefallen; inwiefern die Jünger Kenntnis des Wunders in Kana besaßen (Joh 2,1–11), das wohl noch vor der Zeit seines öffentlichen Wirkens und damit auch vor der Berufung von Petrus, Andreas, Johannes und Jakobus (Mk 1,16 ff.; Lk 5,4 ff.; Mt 4,18 ff.) ausgeführt wurde, wissen wir nicht. Es war seine persönliche Ausstrahlung, die dazu führte, dass sie „sogleich“ alles stehen und liegen ließen, um Ihm nachzufolgen. Ob der Herr wohl bei uns eine ebenso schnelle positive Reaktion hervorruft, wenn Er uns ruft?

Die Berufung von Jakobus und Johannes ist der von Andreas und Petrus sehr ähnlich. Auch die Reaktionen sind übereinstimmend. Das darf uns zum Ansporn sein, es ihnen nachzumachen. Dabei fällt auf, dass sie keine lange „Ausbildungszeit“ absolvieren mussten, um den Titel „Menschenfischer“ tragen zu dürfen! Natürlich lernten sie in der Nachfolge des Herrn die Arbeit eines Menschenfischers über drei Jahre lang. Aber mit dem Ruf des Herrn und ohne eine akademische Ausbildung, ohne eine Bibelschule oder Missionsseminare übertrug der Herr ihnen Aufgaben, zu deren Erfüllung Er selbst ihnen in seiner Allmacht die nötigen Fähigkeiten gegeben hatte und geben würde.

Man mag sich heute rhetorisch bilden und auch im Umgang mit Menschen schulen, was viele für ihren Beruf als Pflicht auferlegt bekommen haben. Aber darauf kommt es nicht an. Man mag vielleicht ein Seminar zum Thema Gemeindegründung durchführen und auch auf andere Weise versuchen, Prediger auszubilden. Aber das ist nie der Weg, den Gott uns weist. Es kommt darauf an, Mund Gottes für Menschen zu sein. Das wird man nicht durch eine menschliche Schule, sondern allein in der Schule Gottes.

Im Übrigen erkennen wir hier auch, dass der Herr in aller Regel nicht auf die Elite der Menschen zurückgreift, wenn Er Diener beruft. Natürlich kann Er dies tun und hat es getan, wenn wir an den Gelehrten Paulus und den Arzt Lukas denken, oder auch an Brüder vor allem im 19. Jahrhundert. Aber oft benutzt Er gerade die menschlich Ungebildeten (vgl. 1. Kor 1,18 ff.), deren hervorragende Eignung darin liegt, dass der Herr sie in der rechten Weise formt und bildet. Dieses Bewusstsein bewahrt uns davor, in falscher Weise zu diesen Dienern hochzusehen (wiewohl wir sie schätzen sollten).

Der Ruf des Herrn hat Vorrang vor jeder anderen Aufgabe, vor jedem anderen Bedürfnis und vor jedem anderen Anspruch, den Menschen, so nah sie uns stehen mögen, uns gegenüber geltend machen könnten. Dies alles wird beim Herrn in der richtigen Ausgewogenheit seinen Platz haben. Wenn es recht steht, werden wir nicht schwärmerisch oder unnüchtern werden. Er lässt uns nicht Pflichten vernachlässigen, die wir ebenfalls von dem Herrn bekommen haben, wie unsere Ehen und Familien. Aber Er hat Vorrang vor allem, vor jedem anderen Ruf und vor allen natürlichen Verpflichtungen.

Irdischer Beruf – geistlicher Beruf

Am Schluss der Beschäftigung mit diesen Versen soll aber auch ein Unterschied zwischen den beiden Zweiergruppen – Petrus und Andreas auf der einen Seite, und Johannes und Jakobus auf der anderen Seite – aufgezeigt werden. Wenn wir die biblischen Biographien einzelner Gläubiger anschauen, liegen nicht selten in ihren irdischen Berufen schon Hinweise auf ihre späteren geistlichen Aufgaben. So scheint es auch hier zu sein. Petrus und Andreas waren Fischer; sie waren dabei, die Netze in den See zu werfen. An diese Aufgabe knüpft Jesus an, wenn Er ihnen sagt: „Ich werde euch zu Menschenfischern machen.“

Der Herr übergab ihnen also die evangelistische Aufgabe, Menschen zu fangen. Mit dem „Fangen“ ist keine listige oder heimtückische Vorgehensweise gemeint, sondern die Arbeit, Menschen zum Herrn Jesus zu bringen. Genau das haben beide von nun an immer wieder getan. Gerade bei Andreas ist das sehr auffallend. Bevor er überhaupt in die dauerhafte Nachfolge des Herrn getreten ist, war er es, der Petrus zum Herrn führte. Andreas war es, der den Knaben mit den Broten in Johannes 6 zum Herrn Jesus führte. Er war es auch, der die Heiden in Johannes 12 zu Christus brachte. Bei Petrus ist die Wahrnehmung der evangelistischen Aufgabe offensichtlich, wenn man beispielsweise an Apostelgeschichte 2 und 10 denkt.

Als der Herr Jesus zu Jakobus und Johannes kam, waren diese nicht dabei, die Netze auszuwerfen, sondern sie besserten sie aus. Ist das nicht auch charakteristisch für ihre spätere Aufgabe? Zumindest für die des Johannes – denn von Jakobus wissen wir nicht viel, weil er sehr früh von Herodes ermordet wurde (Apg 12,2). Sowohl in seinem Evangelium als auch in seinen Briefen (besonders im ersten) begegnet Johannes dem „Riss“ in der Wahrheit über den Herrn Jesus, dass durch Irrlehre erste Zweifel daran aufkamen, dass Jesus Christus ewiger Sohn Gottes und zugleich wahrer Mensch in einer Person war. Er schreibt dasjenige Evangelium, in dem gerade diese beiden Seiten betont werden – er bessert aus.

Am Ende des ersten Jahrhunderts, als Johannes seine Schriften verfasste, kam zudem die sogenannte „Gnosis“ auf, die Erkenntnislehre. Die Gnostiker sagten, die alte Wahrheit sei ja schön und gut, aber man müsse sie weiterentwickeln, um zu einem höheren Grad der Erkenntnis zu kommen. Da besserte er die Netze aus, indem er zeigt, wie wir alle bei dem bleiben sollen, „was von Anfang ist“. Johannes wird ein Hirte in der Hand des Herrn für die Gläubigen.

Schöne und wichtige Aufgaben

Es ist bis heute wahr, dass der Herr uns Aufgaben gibt, die nicht (vollständig) unabhängig von unseren irdischen Aufgaben und Begabungen liegen. In einem der vielen Gleichnisse dieses Evangeliums heißt es: „Und einem gab er fünf Talente, einem anderen zwei, einem anderen eins, jedem nach seiner eigenen Fähigkeit“ (Mt 25,15). Nicht die Fähigkeit bestimmt die Aufgabe, und doch gibt uns der Herr nicht umsonst natürliche Fähigkeiten. Oft legt Er gerade in diese Fähigkeiten eine Gabe, um bestimmte Aufgaben von uns ausführen zu lassen.

Wenn man die beiden angesprochenen „geistlichen“ Berufe – Evangelist und Hirte – betrachtet, so handelt es sich um Aufgaben, die bis heute von großer Wichtigkeit sind. Wir brauchen solche, die als „Menschenfischer“ das Evangelium der Gnade verkündigen und die Menschen unserer Zeit für Jesus Christus gewinnen. Wir brauchen aber auch solche Brüder, die als „Netzflicker“ unterwegs sind, um das zu reparieren, was wir in unserem Miteinander und in unserem Abweichen von Gottes Wort zerstört haben.

Wie schön, wenn beide Gruppen dann in der Lage sind, so wie Petrus und Johannes zusammen zu wirken. Beide mit dem Ziel, den Herrn zu verherrlichen, und mit dem Wunsch, dass der Herr auch das Wirken des anderen segnen möge.

Erfolg im Beruf als Voraussetzung zum Dienst?

In diesem Zusammenhang wird manchmal die Frage gestellt, ob die erfolgreiche Ausübung eines irdischen Berufes die Voraussetzung dafür ist, einen geistlichen Dienst für den Herrn tun zu können. Die Antwort dazu ist: Einen solchen Zusammenhang finden wir nicht in der Schrift.

Natürlich ist es selbstverständlich, dass ein Gläubiger seine Aufgabe treu und sorgfältig ausführt. Der Herr wird wohl kaum Faulenzer und Ränkeschmiede in seiner Arbeit einsetzen, solche, welche die Arbeit anderer als die eigene verkaufen, solche, die viel reden aber wenig arbeiten, solche, die von anderen immer „mitgeschleppt“ werden müssen. Aber man muss keinen besonderen Aufstieg in einer Firma erlebt haben, um die Voraussetzung zu erfüllen, eine geistliche Arbeit tun zu können. Im Gegenteil! Da man heute für eine „steile“ Karriere eher weltliche als geistliche Eigenschaften an den Tag legen muss, ist dies eher ein Hindernis als förderlich für einen geistlichen Dienst.

Der Herr hat genauso Fischer (Petrus, Andreas) berufen wie Gelehrte (Paulus), einen Arzt (Lukas) und einen Zeltmacher (Aquila). Unser Herr ist souverän, wen Er wann und wie beruft. An uns ist es, seine Aufgaben treu zu erfüllen.

Verse 23–25: Die Zusammenfassung des öffentlichen Dienstes des Messias

„Und Jesus zog in ganz Galiläa umher, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen unter dem Volk. Und die Kunde von ihm ging aus nach ganz Syrien; und sie brachten zu ihm alle Leidenden, die von mancherlei Krankheiten und Qualen geplagt waren, und Besessene und Mondsüchtige und Gelähmte; und er heilte sie. Und es folgten ihm große Volksmengen von Galiläa und der Dekapolis und Jerusalem und Judäa und von jenseits des Jordan“ (Verse 23–25).

In den letzten Versen dieses Kapitels bekommen wir einen Überblick über den Dienst des Messias in der ersten Zeit seines öffentlichen Dienstes. In keinem anderen Evangelium finden wir eine solche Anzahl von Tätigkeiten des Herrn in so wenigen Versen aufgezählt. Warum hier? Weil deutlich gemacht werden soll, dass das ganze Volk – sogar von weit her kommend – die Vollkommenheit seines Dienstes in Wort und Werk hat feststellen müssen – und sie haben Ihn doch verworfen! Die Verwerfung des Vollkommenen macht die Ursache für den Wandel deutlich, den Matthäus uns im Laufe seines Evangeliums schildern wird. Matthäus ist der Evangelist der Haushaltungen!

Offensichtlich ist es zudem die Absicht des Geistes Gottes, uns zunächst eine Art Zusammenfassung des Dienstes des Herrn zu geben, ohne die Einzelheiten zu erwähnen, bevor der König die Grundsätze seines Königreichs in den Kapiteln 5 bis 7 zeigt. Erst im Anschluss daran wird uns vorgestellt, wie der König Israels sich dann ab Kapitel 8 als derjenige erweist, der die Juden im Besonderen und die Menschen im Allgemeinen in sein Königreich beruft. Dabei wendet Er sich an sein Volk in Wort und Werk, mit Appellen und mit Wundern.

Die drei auf unseren Abschnitt folgenden Kapitel zeigen uns zusammen mit diesen Versen, dass Matthäus durchaus nicht immer chronologisch schreibt. Ein Vergleich mit den anderen Evangelien führt zu der Schlussfolgerung, dass der Geist Gottes Matthäus beauftragt hat, bestimmte Reden und bestimmtes Wundertun jeweils zusammenzufassen, um uns die Größe des Königs im Hinblick auf das große Thema von Heilsperioden zu zeigen. Wir können also davon ausgehen, dass sich die hier beschriebenen Tätigkeiten des Herrn nicht allein auf die Zeit von Kapitel 4 beschränken, sondern seinen ganzen Dienst in Galiläa kennzeichneten.

In Verbindung mit Vers 17 hatten wir schon gesehen, dass sich der Dienst des Herrn in drei Teile gliedern lässt. Vers 23 zeigt uns in Verbindung mit den beiden Schlussversen noch einmal eine (etwas andere) Gliederung des Werkes des Herrn in der Öffentlichkeit:

  1. das Lehren in den Synagogen,
  2. die Predigt des Evangeliums des Reiches,
  3. das Wundertun in Galiläa und in angrenzenden Gegenden.

Dass es sich in Vers 23 um einen Überblick über den Dienst des Herrn handelt, deuten zwei andere Verse in diesem Evangelium an. In Kapitel 9,35 lesen wir: „Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.“ Auch in Kapitel 11,1 heißt es: „Und es geschah, als Jesus seine Befehle an seine zwölf Jünger vollendet hatte, ging er von dort weg, um in ihren Städten zu lehren und zu predigen“ – hier konnte Er keine Wunder tun.

Er ist der Herold der Gnade, der Diener göttlicher Güte für die Armen, die Elenden im Land. Wir haben gesehen, dass Jesaja sowohl von Gericht als auch von Barmherzigkeit spricht. Bei Matthäus sehen wir, dass es Gericht für die Juden und Barmherzigkeit für die verachteten Galiläer gibt. Hier geht das Gericht sogar weiter als im Propheten Jesaja, indem es auch das Volk Israel selbst trifft. In Lukas dagegen finden wir das Thema des Gerichts an dieser Stelle überhaupt nicht erwähnt.

Das Lehren in Synagogen

An dieser Stelle wird nicht weiter ausgeführt, was Jesus in den Synagogen lehrte. Aber der Vergleich mit anderen Stellen wie Lukas 4,16 ff. lässt vermuten, dass der Herr das Alte Testament las bzw. vorlesen lies, um es auszulegen. Wir dürfen davon ausgehen, dass Er es wie in Lukas 4 und bei anderer Gelegenheit in Lukas 24 in seiner Bedeutung auf sich selbst erklärte.

„Ihr erforscht die Schriften, denn ihr meint, in ihnen ewiges Leben zu haben, und sie sind es, die von mir zeugen“ (Joh 5,39), sagte der Herr den Juden einmal. Der Herr Jesus lehrte von Anfang an, welcher tiefere Sinn in den Schriften des Alten Testaments liegt. Ob wir diesen immer vor Augen haben?

Die Predigt des Evangeliums des Reiches

Die zweite Tätigkeit des Herrn ist die Predigt des Evangeliums des Königreiches. Er war der Verkündiger der guten Botschaft des Reiches. Er wies, wie wir schon in Vers 17 gesehen haben, die Menschen darauf hin, dass sie Buße tun mussten, dass sie umkehren, das heißt sich bekehren mussten, um in das Königreich eingehen zu können.

Zu welchen Menschen Er das predigte, lesen wir in den nächsten Versen: Leidende, Kranke, Besessene, Galiläer und so weiter. Ja, Christus ging es nicht um die Würde derer, die ins Königreich eingehen sollten. Ihm ging es darum, dass so viele Juden wie möglich – auch wenn sie „nur“ aus Galiläa stammten – den Weg in das Königreich der Himmel fanden. Die Predigt war nötig, weil den Menschen sonst nicht klar geworden wäre, dass sie dafür umkehren müssen.

Das Heilen von Krankheiten

Schließlich finden wir, dass der Messias sein Volk von jeder Krankheit und jedem Gebrechen heilte. Hatte es das jemals gegeben? Nein! Wenn es Männer Gottes gab, die Wunder taten wie Elia und Elisa, so waren es nur Einzelne, die in den Genuss dieser Wunderheilungen kamen. Hier jedoch trat jemand auf, der jeden, der zu Ihm kam oder gebracht wurde, von seiner Krankheit befreite und heilte (vgl. Apg 10,38). Nicht nur Einzelne, sondern jeden! Musste dieses Wunderwirken nicht dazu führen, dass das Volk seinen Messias mit offenen Armen aufnahm? War das nicht ein überdeutliches Zeichen dafür, dass der Messias unter seinem Volk war?

Nach 3. Mose 21,17–23 durfte jemand, an dem ein Gebrechen war, nicht als Priester Gott nahen. Hier lesen wir, dass diese Krankheiten offenbar das ganze Volk kennzeichneten. War das nicht ein Zeichen des Zustands des Volkes? Es rühmte sich großer Dinge; aber Gott zu nahen war in diesem Zustand unmöglich. Es war ein Volk unter der züchtigenden Hand Gottes, der viele Krankheiten und Gebrechen zuließ. Aber Gott sei Dank! Er war mitten unter ihnen und heilte sie, um sie wieder in die Lage zu setzen, Gott zu nahen und Gemeinschaft mit Gott zu pflegen.

Das kranke Volk – ein kranker Zustand des Volkes

Stellen wie 2. Mose 15,26 sind wie ein sichtbarer Fingerzeig darauf, wer hier im Volk lebte: „Ich werde keine der Krankheiten auf dich legen..., die ich auf Ägypten gelegt habe; denn ich bin der Herr, der dich heilt.“ Der Herr selbst war zu seinem Volk gekommen, um es zu heilen. Wie kam es, dass sie Ihn nicht erkannten?

Das wird auch durch Psalm 103,2.3 bestätigt: „Preise den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht alle seine Wohltaten! Der da vergibt alle deine Ungerechtigkeit, der da heilt alle deine Krankheiten.“ Diese Worte helfen zudem, den Zusammenhang zwischen dem Zustand des Volkes und seinen Krankheiten besser zu verstehen. Gott wollte sein irdisches Volk segnen. Krankheiten dagegen waren ein Zeichen der Zucht Gottes. Denn Gott hatte dem Volk durch Mose sagen lassen: „Wenn du nicht darauf achtest, alle Worte dieses Gesetzes zu tun, die in diesem Buch geschrieben sind...so wird der Herr deine Plagen und die Plagen deiner Nachkommenschaft außergewöhnlich machen: große und andauernde Plagen und böse und andauernde Krankheiten... der Herr wird sie über dich kommen lassen, bis du vertilgt bist“ (5. Mo 28,58–62).

Daher waren diese Krankheiten ein direkter Beweis des bösen Zustands des Volkes. Aber das Beeindruckende: Der Herr ist Mensch geworden, um die Plagen des Volkes zu heilen und um das Volk zu Gott zurückzuführen. Paulus drückt das an einer Stelle so aus: „Gott war in Christus, die Welt mit sich selbst versöhnend, ihnen ihre Übertretungen nicht zurechnend“ (2. Kor 5,19). Gott wollte die Welt und besonders sein Volk, das sich als abtrünnig erwiesen hatte, nicht verderben. Er wollte die Menschen mit sich selbst versöhnen. Er kommt mit einem Gnadenangebot und einem „Vertrauensvorschuss“, indem Er sie heilt, obwohl sie noch keine Reue und Buße gezeigt hatten.

Ein Prediger des Evangeliums – kein Wunderdoktor

Man sprach über diesen Jesus. Auf einmal war hier ein Wunderheiler aufgetreten. Den wollten alle sehen, sogar aus dem Ausland: „Und die Kunde von ihm ging aus nach ganz Syrien; und sie brachten zu ihm alle Leidenden...; und er heilte sie.“ An Christus lag es nicht, dass die Menschen sich nicht zu Gott bekehrten. Er wandte sich jedem Menschen zu, um ihm das zu schenken, was er nötig hatte. Er ist der Herr des Alten Testaments, der „Gott mit uns“.

Damals wie heute reicht es nicht, sich auf einen Wundergott einzulassen. Solange Er Wunder tat, kamen die Menschen zu Ihm. Aber es war nur ein äußerliches Interesse, wie sich bald zeigen sollte. Volksmengen aus der Nähe und Ferne folgten Ihm. Er und Er allein wusste, was in ihnen war. Seine Machtentfaltung und seine Autorität in der Predigt zog die Massen an, so dass ihm sogar große Volksmengen folgten. Noch handelte Er ausschließlich in Gnade und heilte und half. Er wies niemanden ab – der Messias war unter seinem Volk.

Diese Verse haben auch eine prophetische Seite. Wenn Christus als der König der Könige und Herr der Herren einmal über diese Erde herrschen wird, werden sich die Segnungen, ausgehend von Jerusalem, auch über die angrenzenden Länder erstrecken. Bestimmte Länder wie Assyrien und Ägypten werden dabei sogar besonders gesegnet werden (vgl. Jes 19,24.25).

Aber bevor Jesus jetzt weiter Wunder wirken konnte, musste Er seinem Volk zeigen, dass Er nicht einfach ein „Wunderdoktor“ war. Wer zu Ihm kam, der sollte wissen, dass Er ein Königreich hatte, dem göttliche Prinzipien zugrunde lagen. Auf die musste man sich einlassen, wenn man zu Jesus kam. Diese werden dann in den Kapiteln 5 bis 7 entfaltet.

Fußnoten

  • 1 Lied Nr. 215 aus der Liedersammlung „Hymnes et Cantiques“, Vevey, Schweiz, 1991.
  • 2 Bis heute werden die unterschiedlichen Reihenfolgen zum Anlass genommen, in Bezug auf die Genauigkeit der Schrift Zweifel zu streuen. Damit will man – und dahinter steckt Satan – die Inspiration der Schrift als unmöglich darstellen. Aber gerade die Verschiedenheit der Evangelien und diese unterschiedliche Reihenfolge im Bericht sind ein wunderbarer Hinweis auf die Inspiration. Denn sie zeigen, dass Gott mit jedem einzelnen Bericht eine eigene Absicht verfolgt. An uns liegt es, diese jeweils zu erkennen.
  • 3 Dabei müssen wir natürlich bedenken, dass es einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Adam und Eva auf der einen Seite und Christus auf der anderen Seite gibt. Adam und Eva waren „unschuldig“, als sie versucht wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt war keine Sünde in der Welt; Adam und Eva wussten also nicht, was Sünde ist. Christus dagegen war nicht nur unschuldig, Er war heilig! Er wusste sehr wohl, was Sünde ist: natürlich nicht aus eigener Erfahrung, denn Er ist der Sündlose. Aber kraft seiner göttlichen Person musste Er sich mit der Sünde beschäftigen und sie immer wieder richten. Als Mensch war Er jetzt der Heilige, der eine Abscheu und Abneigung gegen das Böse hatte. Er besaß die Erkenntnis des Bösen und Guten und wurde jetzt hinsichtlich des Gehorsams aufs Höchste versucht.
  • 4 Wobei natürlich zu bedenken ist, dass Gott diesen Engel nicht als Satan geschaffen hat, sondern als vermutlich obersten Engelfürsten, den Luzifer (vgl. Hes 28,12–19; Jes 14,12–15).
  • 5 Lukas berichtet nicht, dass der Herr Jesus den Satan weggeschickt hätte. Aus gutem Grund, denn dort ist die Reihenfolge verändert und diese Versuchung steht nicht an letzter Stelle. Stattdessen lesen wir bei Lukas, dass der Teufel für eine Zeit von Christus wich. Er würde eine neue Gelegenheit suchen und finden, den Menschen Christus herauszufordern. Jetzt musste er zunächst als Besiegter weichen.
  • 6 An dieser Stelle ist es vielleicht gut, auf den Unterschied der Ansprache des Herrn bei Satan und bei Petrus hinzuweisen. Satan hörte: „Geh hinweg!“ Petrus musste vom Herrn die Worte hören: „Geh hinter mich, Satan!“ (Mt 16,23), als er den Herrn hindern wollte, zu leiden und zu sterben. Hier war Petrus ein Instrument Satans. Aber er war nicht verloren wie Satan selbst. Es war ein Tadel, aber kein vollständiges Verwerfen und Fortschicken.
  • 7 Das soll natürlich nicht heißen, dass wir für alles, was wir hier auf dieser Erde tun, jeweils eine konkrete Aufforderung Gottes erwarten müssen. Dafür gibt Er uns seine Grundsätze in seinem Wort, anhand derer wir erkennen können, was sein Wille ist. Wenn wir uns von seinem Geist leiten lassen und in seiner Nähe leben, wird uns Gott aber gleichwohl auch für konkrete Situationen deutlich machen, was wir und ob wir etwas tun sollen. Das gilt besonders für Entscheidungen, die wir zu treffen haben.
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