Das Matthäusevangelium - Eine Auslegung

Einleitung

Wenn man sich den Worten des Neuen Testaments und besonders den Evangelien zuwendet, kann man dies nur – um es mit den Worten von John Nelson Darby, dem empfehlenswerten Bibelausleger des 19. Jahrhunderts, zu tun – mit großer Furcht und Ehrerbietung tun. Denn hier geht es nicht nur um das Handeln Gottes, sondern um Gott selbst, offenbart im Fleisch.

Wenn man also in diesem Zusammenhang eine falsche Aussage macht, ist damit leicht die heilige und herrliche Person unseres Retters und Gottes, Jesus Christus, direkt betroffen. Was uns betrifft, macht uns dies vorsichtig, dieses Thema selbst aber ist gerade dadurch so schön und erhaben. Es geht nicht um irgendjemanden – es geht um unseren Retter selbst. Wir haben es mit einem Gott voller Güte zu tun, der uns helfen möchte, seine Gedanken richtig zu verstehen.

Die Instrumente Gottes

Auch wenn die Quelle unendlich und vollkommen ist, auch wenn die Offenbarungen aus der Fülle der in Gott verborgenen Wahrheit hervorkommen, werden sie uns doch durch verschiedene menschliche Instrumente mitgeteilt, die in sich selbst beschränkt und sogar mit Sünden behaftet waren. Aber Gott benutzte sie – und in dem, was Er von ihnen gebrauchte, kam ein vollkommenes Ergebnis hervor. Denn Gott inspirierte sie auf göttliche Weise (vgl. 2. Tim 3,16).

Das reine und lebendige Wasser des göttlichen Wortes ist in keiner Weise durch die Fehlerhaftigkeit der Instrumente verdorben worden. Der Kanal war zwar nicht unendlich – das Wasser, das dadurch floss, war es jedoch. Die Schreiber weissagten stückweise – wir erkennen stückweise. So dürfen wir Mut haben, diese ewigen Gedanken Gottes über seinen Sohn, Jesus Christus, zu lesen und versuchen, auszulegen – mit der notwendigen Ehrfurcht.

Ein Überblick

Es ist meine Absicht, in dieser Arbeit einen detaillierten Überblick über das Matthäusevangelium zu geben. Dabei soll jedoch der rote Faden des Bibelbuches erkennbar bleiben und auch verfolgt werden. Zugleich ist es immer wieder nützlich, einzelne Abschnitte in ihrer Tiefe zu betrachten, soweit das uns Menschen möglich ist.

Damit wir die Grundlinie des Matthäusevangeliums jedoch gut verstehen, ist das erste Kapitel ganz der Einleitung in dieses Bibelbuch gewidmet. Dazu wollen wir uns vier Themen vornehmen.

  1. Das Reden Gottes im Alten und im Neuen Testament
  2. Das Neue Testament – ein Überblick
  3. Die Evangelien – Gemeinsamkeiten und Unterschiede
  4. Das Matthäusevangelium – Christus, der Gesalbte Gottes

1. Das Reden Gottes im Alten und im Neuen Testament

Warum sprechen wir zunächst über das Reden Gottes, wie es in den beiden Bibelteilen erkennbar ist? Ich stelle das deshalb an den Anfang, weil der Charakter des Redens Gottes in diesen beiden Zeitabschnitten sehr unterschiedlich ist. Dadurch unterscheiden sich die beiden Teile der Bibel auch von ihrem Wesen sehr.

Der Wert des Alten Testaments

Dass das Alte und Neue Testament in ihrem Charakter sehr unterschiedlich sind, wird vermutlich jedem Bibelleser auffallen, der in beiden Teilen liest. Das möchte ich auch empfehlen. Nicht nur, weil das Alte Testament – wie oft gesagt – das Bilderbuch des Neuen Testaments ist. Sondern auch, weil Gott uns nicht umsonst sowohl das Alte als auch das Neue Testament geschenkt hat. Das macht uns dankbar, wenn wir erkennen, wie bevorrechtigt wir sind. Aber darüber hinaus lernen wir durch den Vergleich dieser beiden Bibelteile auch manches über die Wege Gottes. Das Alte Testament ist uns nicht einfach „nebenbei“ gegeben worden – es ist wie das Neue Testament ein direktes Geschenk Gottes an uns. Gott spricht – wenn auch in einer etwas anderen Art – im Alten Testament ebenfalls zu uns!

Gott war im Alten Testament hinter dem Vorhang verborgen. Außer Mose, der hier offensichtlich eine Ausnahmestellung einnahm und mit dem Gott von Angesicht zu Angesicht und von dem Sühnungsdeckel im Allerheiligsten herab (vgl. 4. Mo 7,89) redete, konnte nur der Hohepriester an einem festgelegten Tag im Jahr in die Nähe des Thrones Gottes kommen – ins Allerheiligste. Nur über die Mittlerschaft des Hohenpriesters konnte das Volk mit Gott in Kontakt treten.

Das Neue Testament: die vollkommene Offenbarung Gottes

Das ist im Neuen Testament ganz anders. Gott hat sich vollkommen offenbart, und zwar im Herrn Jesus, seinem ewigen Sohn (Joh 1,18). Wenn man eine der schwierigen Stellen im Alten Testament missversteht – und das geschieht leicht, wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen –, ist das natürlich ein echter Verlust, da es sich um Gottes Wort handelt. Aber im Neuen Testament kann ein Missverstehen noch größere Folgen haben! Die vollkommene und vollständige Offenbarung des ewigen Gottes selbst im Herrn Jesus wird dann, wenn es sich um einen der vielen Texte handelt, die Ihn selbst betreffen, verdunkelt. Gerade, wenn es um die Evangelien geht, ist daher Vorsicht und Zurückhaltung bei der Auslegung sehr wichtig.

5 große Blickwinkel auf das Neue Testament

Das, was uns im Neuen Testament berichtet wird, kann man von verschiedenen Seiten aus betrachten. Fünf davon möchte ich nennen:

  1. Im Neuen Testament haben wir die Offenbarung der ewigen Natur Gottes.
  2. Es zeigt uns die Herrlichkeit des ewigen Sohnes Gottes, der Mensch geworden ist.
  3. Wir können das Neue Testament in seinen Beziehungen und Unterschieden zum Alten Testament betrachten. Es zeigt uns die Erfüllung vieler Verheißungen; zugleich stellt das Alte Testament nur einen Schatten dar von Dingen, die wir im Neuen Testament finden (vgl. Kol 2,17; Heb 8,5; 10,1).
  4. Im Neuen Testament wird Gottes irdische Regierung beiseite gesetzt und das eingeführt, was ewig und himmlisch ist. Im Alten Testament gehörte Gott das Volk Israel, das von seinem Charakter her irdisch ist. Dieses Volk war zugleich sein Instrument in der Regierung dieser Welt. Durch Israel regierte Gott die Welt. Das ist im Neuen Testament ganz anders. Jetzt gibt es ein himmlisches Volk auf der Erde – die Versammlung (Gemeinde, Kirche) des lebendigen Gottes. Aber sie ist heute kein Regierungsinstrument für diese Erde, denn sie gehört nicht zu ihr. Sie ist vom Himmel und für ihn bestimmt. Es gibt jetzt eine himmlische Regierung.
  5. Schließlich lernen wir im Neuen Testament, welche Beziehung die Wahrheit Gottes zum Menschen selbst hat. Denn „das Leben war das Licht der Menschen“ (Joh 1,4). Gott wollte sich im Menschen verherrlichen, die Wahrheit Gottes kam zu den Menschen, um diese zu erleuchten.

Jede Einzelheit der Wahrheit des Neuen Testaments kann man in Beziehung zu jedem dieser Aspekte setzen. Es ist eine einzige Wahrheit, wie sie von dem einen Gott ist, aber sie wirft Licht auf alle „Dinge“ (z.B. den Menschen, die Sünde, die Wahrheit, Gott), zeigt deren wahren Charakter an und entfaltet jeden Aspekt der großen Wahrheit Gottes.

Vom Alten Testament zum Neuen Testament

Das Neue Testament behandelt also die Offenbarung Gottes selbst und zeigt uns den Menschen, der auf der Grundlage göttlicher und offenbarter Gerechtigkeit in die Gegenwart Gottes gebracht worden ist. Früher – im Alten Testament – gab Gott Verheißungen und führte seine Gedanken in Gericht oder in Barmherzigkeit aus. Er regierte sein Volk auf der Erde und handelte in Bezug auf die sozusagen „draußen“ stehenden Nationen. Sein Volk – das Volk Israel – war der Mittelpunkt seines Ratschlusses für die Erde. Er gab ihnen das Gesetz und schenkte ihnen durch die Propheten zunehmend Licht, das nach und nach das Kommen des Gesalbten Gottes ankündigte, der ihnen Gott selbst offenbaren würde.

Aber die Gegenwart Gottes als Mensch, eines Menschen unter Menschen, der aber mehr als ein Mensch war, veränderte alles. Es gab nur zwei Reaktionsmöglichkeiten auf seine Ankunft: Entweder nahm man Ihn an als Krone des Segens und der Herrlichkeit – den Einen, dessen Gegenwart alles Böse verbannen würde. Dann hätte man das Zentrum aller Zuneigungen Gottes in seiner Mitte gehabt, das vollkommen glücklich macht. Oder man offenbarte durch das Verwerfen dieser Person die armselige, sündige Natur des Menschen in ihrer Feindschaft gegen Gott – so hätte man die Notwendigkeit einer vollkommen neuen Ordnung der Dinge bewiesen, in der das Glück des Menschen und die Herrlichkeit Gottes auf einer neuen Schöpfung basieren.

Wir wissen, dass genau dieses Zweite eingetroffen ist. Der Herr musste sagen: „Gerechter Vater! Und die Welt hat dich nicht erkannt“ (Joh 17,25). „Sie haben gesehen und doch gehasst sowohl mich als auch meinen Vater“ (Joh 15,24).

Die Verwerfung Christi führte zur Rettung der Welt

Allerdings hat diese Verwerfung des Gesalbten Gottes die Erfüllung des göttlichen Ratschlusses nicht verhindern können. Im Gegenteil! Die Menschen, die Ihn verwarfen, wurden das Instrument seiner Erfüllung. Er verwarf den Menschen nicht, bis nicht dieser Ihn verworfen hatte (dasselbe gilt übrigens für Israel als Volk – und wird für die Christen ebenfalls gelten!). Aber nachdem der Mensch Gott und seinen Gesalbten vollkommen verworfen hat, ist Gott in seiner Barmherzigkeit in die Mitte dieses Elends gekommen. Gott ist frei, seine ewigen Ratschlüsse auszuführen. Aber es ist nicht einfach Gericht – wie in Eden –, das ausgeführt wird, auch wenn das Kreuz für viele in seiner Konsequenz letztlich Gericht bedeuten wird. Es ist souveräne Gnade, die in dieser Situation ihr Werk verrichtet – und das steht im Gegensatz zum Alten Testament, wo die Erprobung des Menschen aufgrund seines Versagens grundsätzlich mit Gericht verbunden war.

Im Neuen Testament wird die Herrlichkeit Gottes dargestellt. Im Alten Testament blieb Gott im Verborgenen als Licht und Liebe. Jetzt dagegen hat Er sich vollkommen offenbart. Er kam in Liebe – das ist die souveräne Gnade –, ohne sein Wesen als Licht je aufzugeben.

Auch wenn das Werk Gottes im Neuen Testament ein ganz neues ist, müssen wir die vollkommene Weisheit Gottes bewundern, sein Handeln im Alten Testament nicht einfach isoliert dastehen zu lassen, sozusagen als unvollendetes Werk oder als gescheitertes Wirken. Nein, das Werk souveräner Gnade, in der sich Gott offenbart hat, hat eine direkte Verbindung mit allen Handlungen, wie sie im Alten Testament zu finden sind. So kann man beispielsweise im Galaterbrief lesen, dass „das Gesetz unser Erzieher gewesen ist auf Christus hin, damit wir aus Glauben gerechtfertigt würden“ (Gal 3,24). Daneben nimmt die künftige Regierung dieser Welt, wie sie im Alten Testament vorausgesagt worden ist, einen großen Raum ein.

Fünf große Themen des Neuen Testaments

Im Neuen Testament finden wir fünf große Themen oder Themenbereiche, die sich dem Auge des Glaubens entfalten:

  1. Das erste große Thema ist die Offenbarung des Lichtes: Gott offenbart sich. Aber dieses Licht ist in Liebe offenbart worden, dem zweiten Wesenszug Gottes. Wenn sich Gott dem Menschen (im Allgemeinen) zuwendet, dann in Liebe. Wenn es anders wäre, müsste Er jeden Menschen sofort bestrafen.
  2. Christus ist die vollkommene Offenbarung dieses Lichts und dieser Liebe. Wenn Er angenommen worden wäre, wäre Er die Erfüllung aller dieser Verheißungen gewesen. Er wurde den Menschen und speziell Israel „angeboten“, aber verworfen. Deshalb haben sie keine Ausrede. Denn es kam kein Sünder, kein Unvollkommener, keiner, gegen den der Mensch auch nur ein Argument hätte vorbringen können. Der Vollkommene kam zu ihnen.
  3. Christus wurde verworfen. Das ist die Seite der menschlichen Verantwortung. Zugleich hat Gott die Verwerfung benutzt, in dem Herrn Jesus die ewige Errettung zu vollbringen. Aufgrund der Verwerfung gibt es eine vollständig neue Ordnung der Dinge: eine neue Schöpfung, einen verherrlichten Menschen, die Versammlung, verbunden mit Christus und seiner himmlischen Herrlichkeit.
  4. Die Beziehung zwischen der alten Ordnung auf der Erde und der himmlischen neuen finden wir ebenfalls im Neuen Testament unter Bezugnahme auf das Gesetz, die Verheißungen, die Propheten und die göttlichen Anordnungen für die Erde. Einerseits wird das Neue als Erfüllung der alttestamentlichen Bilder vorgestellt. Andererseits wird gelehrt, dass die alten Dinge beiseitegestellt werden, ja sogar der Gegensatz zwischen Alt und Neu wird gezeigt. Die vollkommene Weisheit Gottes wird in alldem sichtbar. In diesem Zusammenhang lernen wir auch die künftige Regierung dieser Welt vonseiten Gottes kennen, die prophetisch an verschiedenen Stellen gezeigt wird, übrigens auch im Matthäusevangelium (Kapitel 24.25). Auch die Erneuerung der Beziehungen Gottes mit Israel, sei es in Gericht oder in Segen, werden uns im Neuen Testament vorgestellt (z.B. in Röm 911).
  5. Alles, was für den Menschen als Fremdling und Wanderer hier auf der Erde an geistlicher Nahrung und Führung nötig ist, bis Gott seine Ratschlüsse an ihm in Macht erfüllt, wird ihm im Neuen Testament gegeben. Unser neues Leben ist nicht autark, sondern bedarf der Führung und Pflege, bedarf einer Autorität, die über ihm steht. Der Gläubige braucht ein Ziel vor Augen – das wird ihm im Neuen Testament gegeben.

Die Art des Neuen Testaments, Belehrung zu geben

Es fällt dem aufmerksamen Leser auf, dass diese Dinge nicht in einer methodischen Abhandlungsform erklärt werden, jeweils separat in einem Buch. Wenn es so wäre, könnten wir die Dinge nicht so gut verstehen. Sie werden in lebendiger und kraftvoller Weise gezeigt, sei es in Christus als Person oder durch den Heiligen Geist, der die Schreiber inspirierte. So wirken sie, in verflochtener Weise und im Hinblick auf das Thema jedes einzelnen Bibelbuches, auf unsere Herzen.

Gott hat uns also kein Lexikon gegeben, in dem wir jedes Thema in alphabetischer Reihenfolge abgehandelt finden. So nützlich solche Hilfswerke für uns sind – Gottes Wort hat eine andere, lebendige und göttliche Ordnung.

2. Das Neue Testament – ein kurzer Überblick

Das Alte Testament kann in drei Teile gegliedert werden nach den Worten des Herrn. Die 36 Bibelbücher1 würden dann folgendermaßen aufgeteilt:

Die 3 Teile des Alten Testaments

  1. In dem ersten Teil, den fünf Büchern Mose, dem sogenannten Pentateuch, auch als Gesetz (Moses) bezeichnet, finden wir die Anfänge von allem. Es ist der Anfang der Schöpfung Gottes, es ist der Anfang des Weges Gottes mit dem Menschen, es ist der Anfang der Sünde, es ist der Anfang der Rettung des Menschen, es ist der Anfang einer Person und eines Volkes, das Gott auserwählt hat, es ist der Anfang des Regierungshandelns Gottes mit den Menschen, Auserwählung, Wiederherstellung und Versagen – in Grundzügen finden wir hier wirklich die ganze Wahrheit des Wortes Gottes vorgestellt, teilweise natürlich auch in bildlicher Form. Auch die Zeitepochen des unterschiedlichen Handelns Gottes mit der Erde finden wir hier. In den fünf Büchern Mose findet man, wie der Mensch begann, Gott zu nahen, den Anfang des Gerichtes Gottes, den Anfang, der bereits auf ein Ende hinweist.
  2. Als Zweites haben wir die Propheten, die sich in die sogenannten frühen Propheten und die späten Propheten aufteilen lassen. Zu den frühen Propheten gehören die Bücher Josua, Richter, Samuel und Könige. Zu den späten Jesaja, Jeremia und Hesekiel sowie die sogenannten zwölf kleinen Propheten. In den Propheten wendet sich Gott durch seine Instrumente, Männer und Frauen Gottes, an sein Volk als diejenigen, die sich zu dem lebendigen Gott bekannten, um sie in ihrem Gewissen aufzufordern, sich treu an das Gesetz zu halten, zu dem Gesetz zurückzukehren und Gott im Herzen und im Lebenswandel die Ehre zu geben.
  3. Die Schriften, manchmal auch als Psalmen bezeichnet, weil sie das größte und in der hebräischen Bibel an erster Stelle stehende Bibelbuch dieser Gruppe darstellen, bilden die dritte Kategorie der Schriften des Alten Testamentes. Hierzu gehören neben den Psalmen die Bücher Hiob, Sprüche, Ruth, Lied der Lieder/Hohelied, Prediger, Klagelieder, Esther, Daniel, Esra, Nehemia und Chronika. Diese Bücher tragen teilweise geschichtlichen Charakter, teilweise haben sie – auch in ihren geschichtlichen Erzählungen – einen sehr prophetischen Inhalt (z.B. Lied der Lieder/Hohelied, Klagelieder, Esther, Daniel). Zum Teil sind sie auch in poetischer Form geschrieben worden (z.B. Psalmen, Lied der Lieder/Hohelied, Klagelieder). Manche von ihnen werden bis heute an jüdischen Festtagen vorgelesen (die sogenannten Rollen, von Ruth bis Esther).

Die hier aufgeführte Aufteilung finden wir im hebräischen Alten Testament. Mit der griechischen Übersetzung dieser Bibelbücher, der sogenannten Septuaginta, änderte sich die Reihenfolge. Sie ist der heute in unseren deutschen Bibeln verwendeten sehr ähnlich: Auf die fünf Bücher Mose folgen geschichtliche Bücher (Josua bis Esther), dann kommen fünf Lehrbücher bzw. poetische Schriften von Hiob bis zum Hohenlied. Schließlich folgen die 17 prophetischen Bücher.

Die Gliederung des Neuen Testaments

Im Unterschied zum Alten Testament besitzen wir für das Neue Testament keine „inspirierte“ Aufteilung, die der Herr Jesus – analog zu Lukas 24 – vorgenommen hätte. Dennoch kann man die 27 (3³ = 3x3x3) Bibelbücher des Neuen Testaments gut in drei bzw. vier Abschnitte untergliedern:

a) Die Evangelien und die Apostelgeschichte, wenn man letztere nicht als eigenständige „Gruppe“ sieht, bilden die erste Einheit: das Leben und Wirken des Herrn und die Fortführung seines Wirkens auf der Erde durch den Heiligen Geist (Apg). Es handelt sich nicht um klassische Biographien, sondern um Porträts, aus jeweils einem bestimmten Blickwinkel.

Gott sendet seinen Sohn, Jesus Christus, der nicht nur Gesandter ist, sondern zugleich in eigener Souveränität und freiwillig auf diese Erde kommt. Er ist Gott und Mensch in einer Person. Er bietet seinem Volk Israel und auch den Nationen das Heil und die Gunst Gottes an (2. Kor 5,19). Aber der Mensch lehnt die Gnade Gottes ab, die heilbringend für alle Menschen erschienen ist. Der Fürst des Lebens wird ans Kreuz genagelt. Dort stirbt Er – freiwillig, selbst sein Leben in den Tod gebend.

Dieses Werk am Kreuz ist zugleich der Zentralpunkt des Ratschlusses Gottes, um die Sünde aus der Welt zu schaffen (Joh 1,29), aber auch, um uns zu Gott zu führen (1. Pet 3,18). Gott ist in Ihm vollständig verherrlicht worden. Christus ist nicht nur gestorben, Er ist auch auferstanden und auferweckt worden und hat sich zur Rechten Gottes gesetzt, der Majestät in der Höhe. Von dort hat Er Gott, den Heiligen Geist, auf diese Erde gesandt.

Der Geist Gottes wirkt hier, hat die Versammlung (Gemeinde, Kirche) gebildet (Apg 2) und sammelt aus dieser Welt Menschen für den Herrn Jesus, indem Er an ihren Herzen wirkt, damit sie sich bekehren. Er schenkt ihnen neues Leben und führt sie auf einen Weg der Nachfolge des Herrn Jesus. Dieses Wirken des Geistes Gottes in den ersten Tagen und Jahren nach dem Tod Christi finden wir in der Apostelgeschichte geschildert. Der Geist Gottes benutzt besonders zwei Männer in dieser Zeit – Petrus und Paulus –, um von Christus und seiner Botschaft zu zeugen.

b) An zweiter Stelle stehen die neutestamentliche Lehre und Belehrung durch die Apostel und Propheten (die Briefe).

Hier haben wir zunächst die 14 Briefe des Apostels Paulus, wenn man ihm auch den Hebräerbrief zurechnet. Die besondere Gnade dieses Mannes war es, den Herrn von Anfang an in der Herrlichkeit und verherrlicht zu sehen. Das prägte auch seinen gesamten Dienst. Paulus predigte das Evangelium der Herrlichkeit (2. Kor 4,4). Dieses Wort – Herrlichkeit – wird von Paulus oft und gerne verwendet! Er benutzt es in jedem seiner Briefe (bis auf den Brief an Philemon). Paulus stellt uns den verherrlichten Sohn des Menschen, Christus Jesus, in der Herrlichkeit vor. Die Gläubigen werden als in Christus vor Gott, dem Vater, stehend gesehen. Nur Paulus spricht in den Briefen von der Versammlung2 – Matthäus ist der einzige Evangelist, der diese ankündigt. Paulus zeigt, dass die Gläubigen nicht nur persönlich mit Christus, sondern dass sie auch miteinander verbunden sind und so den Leib Christi bilden, von dem Christus selbst das Haupt (im Himmel) ist.

Johannes zeigt uns auch die Herrlichkeit des Herrn Jesus, besonders die des ewigen Sohnes Gottes des ewigen Vaters. Aber bei Johannes wird der Gläubige nicht als versetzt in die himmlischen Örter in Christus Jesus gesehen, sondern bei ihm sehen wir, dass Gott in der Person des Sohnes zu uns Menschen kommt. Er ist das Leben, und dieses Leben wurde auf der Erde offenbart und uns geschenkt. Johannes sieht uns nicht in Christus im Himmel vor Gott, sondern Gott in Christus auf der Erde – Gott wohnt in uns in dem uns geschenkten ewigen Leben.

Jakobus nimmt einen besonderen Platz unter den Schreibern des Neuen Testaments ein. Er wendet sich nicht an Christen aus den Nationen, nicht einmal speziell an Christen aus den Juden, sondern an die Israeliten aus den 12 Stämmen. Während Jona sich in seinem Dienst und in seinem Buch in für das Alte Testament außergewöhnlicher Weise an Heiden richtet, finden wir hier den für das Neue Testament umgekehrten Fall. Das Thema von Jakobus ist: Ein gottesfürchtiges Leben im Glauben – wie sieht das ganz praktisch aus? Gerade bei diesem Schreiber ist es von enormer Wichtigkeit, den Empfängerkreis im Auge zu behalten, wenn man das Buch auf unsere heutige Situation anwendet.

Petrus hat als großes Thema: das Königreich Gottes. Gottes Regierungshandeln wird in seinen beiden Briefen ausführlich behandelt – Gottes Handeln mit den Gläubigen, das in der heutigen Zeit vor allem Leiden bedeutet, aber dem leidenden Gläubigen zugleich die Person des Herrn Jesus so wertvoll macht. Im zweiten Brief geht es besonders um Gottes Handeln mit dieser Welt, auch mit den ungläubigen Personen und bloßen Bekennern, die Jesus Christus ablehnen.

Schließlich finden wir Judas, dessen Brief zu Recht am Ende der neutestamentlichen Briefe steht. Sein Dienst ist es, den Abfall der Christenheit als unabwendbar und in noch drastischerer Weise vorherzusagen, als Petrus dies in seinem zweiten Brief tut. Keiner hat von dem jeweils anderen abgeschrieben, auch wenn es eine Reihe von Ähnlichkeiten gibt. Denn beide hatten einen direkten Auftrag, von diesen Dingen zu schreiben. Der Brief des Judas ist ein prophetisches Dokument über die Endzeit und zeigt zugleich die Hilfsquellen für den Glauben in einer solch schrecklichen Zeit auf, um einen Weg mit dem Herrn Jesus gehen zu können.

c) Der dritte und letzte Teil des Neuen Testaments umfasst nur ein Buch: die Offenbarung. Es schließt letztlich an die Vorhersagen des Judasbriefes an. Johannes, der in eindrücklichster Weise die Herrlichkeit des Sohnes Gottes hier auf der Erde verkündet und über die Liebe Gottes in seinem Evangelium und seinen Briefen geschrieben hat, zeigt hier die Erfüllung des Ratschlusses Gottes zugunsten seines Sohnes, des Menschen Jesus Christus, was diese Erde betrifft. Diese Erfüllung schließt die großen Gerichte über diese Erde mit ein. Die Offenbarung ist die Zusammenfassung alt- und neutestamentlicher Prophetie, die in die vollständige Ausführung des Ratschlusses Gottes bezüglich der irdischen und himmlischen Herrlichkeit des Sohnes des Menschen mündet.

Die biblische Gliederung des Neuen Testaments

Der Herr Jesus deutet in seinen Abschlussreden im Johannesevangelium an, dass der Heilige Geist drei bzw. vier Aufgaben wahrnehmen sollte, die mit diesen Teilen des Neuen Testaments zusammenhängen. Insofern haben wir doch eine inspirierte Ordnung des Neuen Testaments und eine Charakterisierung durch den Sohn Gottes selbst. Der Heilige Geist, eine zweite Person der Gottheit, stellt sich in unseren Dienst, um die vom Herrn Jesus genannten Aufgaben dann auch auszuführen.

  • In Johannes 14,26 spricht der Herr Jesus davon, dass der Heilige Geist die Jünger an alles erinnern würde, was der Herr Jesus ihnen gesagt habe. Genau das tut der Heilige Geist durch die Evangelien, die uns die Worte (und Taten) des Herrn Jesus vorstellen.
  • In Johannes 15,26 spricht der Herr Jesus davon, dass der Heilige Geist von dem Herrn Jesus zeugen würde. Ist das nicht der Dienst, den Er durch die Apostel in der sogenannten Apostelgeschichte ausgeführt hat?
  • In Johannes 16,13a spricht der Herr Jesus davon, dass der Heilige Geist als der Geist der Wahrheit in die ganze Wahrheit leiten würde. Finden wir diesen Dienst nicht durch die Briefe des Neuen Testaments erfüllt, in denen wir die ganze offenbarte christliche Wahrheit finden?
  • In Johannes 16,13b sagt der Herr Jesus vom Heiligen Geist, dass Er den Jüngern das Kommende verkündigen wird. Wir können sicher sagen, dass uns in der Offenbarung genau dieses Kommende vorgestellt wird.

Welch einen vollkommenen Dienst hat der Heilige Geist getan und tut Er, um uns alles das mitzuteilen, was wir nötig haben. Wenn man die Schriften das Alten und Neuen Testaments so aufteilt, kommt man auch auf insgesamt sieben Teile des Wortes Gottes – es ist wirklich vollständig, vollkommen und abgeschlossen!

Das Neue Testament und die Stiftshütte: Säulen

Zum Schluss sei noch ein Vergleich mit der Stiftshütte gewagt. Nach 2. Mose 26,37 hing der Vorhang am Eingang der Stiftshütte auf fünf Säulen. Ist es von ungefähr, dass wir mit Paulus, Jakobus, Petrus, Johannes und Judas gerade fünf Schreiber der Briefe und der Offenbarung im Neuen Testament haben? Sie führen uns sozusagen durch den Vorhang hindurch, um uns die christliche Lehre und Praxis – Tisch, Leuchter, goldener Altar – darzustellen. Auch, was Anbetung ist und wie wir anbeten können, lernen wir durch sie. Manche Ausleger haben an dieser Stelle auch an die fünf in Epheser 4,11 genannten dauerhaften Gaben an die Versammlung (Gemeinde, Kirche) gedacht.

Der Vorhang zwischen dem Heiligtum und dem Allerheiligsten stand jedoch auf vier Säulen (2. Mo 26,32). Hier könnten wir den Vergleich mit den vier Evangelisten ziehen, die uns in besonderer Weise die Person des Herrn Jesus selbst – die Bundeslade – zeigen und zu ihr bringen. Dieser Vorhang ist nach Hebräer 10,20 „durchlässig“. Gott hat dazu gerade diese vier Männer benutzt, um uns die Herrlichkeit seines Sohnes wertvoll zu machen.

3. Die Evangelien – Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Warum vier Evangelien?

Gott hat es für gut befunden, uns nicht nur ein Evangelium zu geben, sondern vier. Die Person des Herrn Jesus ist durch ein einziges Bibelbuch nicht angemessen vorstellbar. Die Zahl vier ist die Zahl der Universalität – vier Himmelsrichtungen, vier Winde, vier Ecken der Erde, ein Haus hat vier Ecken... Vier verschiedene Blickwinkel geben uns ein rechtes und angemessenes Verständnis dieser für uns Menschen nicht ergründbaren Person, die Mensch und Gott in einer Person ist.

Wir haben also vier Evangelien vor uns, weil diese Vielfalt die Wichtigkeit des Themas unterstreicht – es geht um den Sohn Gottes, der hier als Mensch auf der Erde lebte. Eine solche, vierfache Beschreibung seines Lebens gibt es bei keinem anderen Menschen in der Bibel – das ist dem Herrn Jesus vorbehalten worden.

Diese Vielfältigkeit zeigt außerdem den Reichtum und die Fülle des Themas. Bei jeder anderen Person würde man sich spätestens beim dritten Portrait fragen: Was soll man jetzt noch anderes schreiben und kennenlernen? Bei dem Herrn Jesus ist das nicht so. Seine Person ist und bleibt unergründbar für uns Menschen. Dass jeder Schreiber aus einem anderen Blickwinkel und mit einem anderen Ziel geschrieben hat, zeigt schließlich einen weiteren Punkt dieser Vielfältigkeit. Die unterschiedlichen Ziele der Schreiber darf man beim Lesen nicht außer Acht lassen.

Die Verbindung der Evangelien untereinander

Die Evangelien ergänzen sich. Sie widersprechen einander nicht und schreiben dennoch nicht alle dasselbe. Es gibt viele Ähnlichkeiten, viele direkte Übereinstimmungen. Sie bilden zusammen ein großes Ganzes. Man kann nicht das eine Evangelium auf Kosten des anderen lesen und sehen. Wir brauchen sie alle zusammen. Dabei ist offensichtlich, dass die ersten drei viele Ähnlichkeiten besitzen – daher heißen sie die synoptischen 3 Evangelien. Johannes schrieb wesentlich später – er setzt die Kenntnis der anderen drei Evangelien voraus und schreibt angesichts der drohenden Gefahr der sogenannten Gnosis, die von einer sich weiterentwickelnden Wahrheit ausgeht, die man nur als Wissender und Eingeweihter verstehen kann.

Gott hält sich sozusagen an seine eigenen Vorschriften, wie Er sie zum Beispiel in 5. Mose 19,15 gegeben hat. Dort verlangt Er, dass eine Sache durch zwei oder drei Zeugen bestätigt werden muss. Gott gibt in den Evangelien die größere Zahl: Drei Evangelisten bezeugen die Worte und Werke des Herrn. Er schenkt sogar noch einen vierten Zeugen, der daneben aber eine deutlich andere Blickrichtung verfolgt: Johannes.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich besonders Matthäus als der Schreiber, der sich an Juden richtet, an diese Maßgabe hält. Denn immer wieder, wenn wir in anderen Evangelien davon lesen, dass eine Person geheilt wird, lesen wir im Matthäusevangelium von zwei geheilten Personen (Mt 8,28; 9,27; 20,30; vgl. 26,60). Es gab immer Zeugen von der Zuwendung und Heilmacht des Gesalbten Gottes auf dieser Erde.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Das Neue Testament ist aufgebaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten. So kann man die neutestamentlichen Schreiber tatsächlich unterscheiden. Aber dies trifft auch für die Schreiber der Evangelien zu. Zwei von ihnen waren Apostel, Jünger des Herrn Jesus: Matthäus und Johannes. Die beiden anderen waren keine Apostel, wohl aber Propheten, welche die Wahrheit Gottes verkündigten, ohne die amtliche Autorität des Apostels zu besitzen: Markus und Lukas.

Zwei der Schreiber waren direkte Augenzeugen des Lebens des Herrn Jesus: wieder Matthäus und Johannes. Gleichwohl ist es auffallend und beeindruckend, dass einer von ihnen – Johannes – über 60 Jahre warten musste, bis er den Auftrag bekam, das Evangelium aufzuschreiben.

Zwei der vier Evangelien zeichnen sich durch ein hohes Maß an chronologischer Treue aus: Markus und Johannes. Auch bei ihnen gibt es ausnahmsweise Abweichungen davon. Aber im Allgemeinen bewahren diese beiden Evangelien die Chronologie. Matthäus und Lukas dagegen stellen ihre Abschnitte unter thematischen Gesichtspunkten zusammen. Auch das ist eine vollkommene Ordnung! Bei Matthäus sind es zum Beispiel besonders Reden des Herrn Jesus, die zu größeren Abschnitten zusammengefasst werden. Man denke unter anderem an die sogenannte Bergpredigt in Matthäus 57, die der Herr Jesus sicher nicht „am Stück“ gehalten hat.

Zwei der vier Schreiber sprechen hauptsächlich von der „amtlichen“ Herrlichkeit des Herrn Jesus. Wir werden später sehen, dass Matthäus besonders den König Israels, den Gesalbten Gottes präsentiert. Markus spricht von dem Diener und Propheten. Die beiden anderen Evangelisten zeigen uns mehr die persönliche Herrlichkeit des Herrn Jesus – Lukas die des Sohnes des Menschen, des vollkommenen Menschen und Johannes die des ewigen Sohnes des ewigen Vaters. Aber man darf nicht dem Fehler verfallen zu meinen, die Evangelien seien „eindimensional“. Bei Markus wird immer wieder Wert darauf gelegt, dass der Diener zugleich der Sohn Gottes ist – ganz am Anfang und am Ende des Evangeliums fällt dies sehr auf. Bei Johannes finden wir in einmaliger Weise Hinweise darauf, dass der Sohn Gottes vollkommen Mensch war – Er war ermüdet von der Reise (Joh 4,6)...

Zielgruppen und Themen der einzelnen Evangelien

Man kann auch den direkten Zielkreis der Evangelien unterscheiden. Matthäus richtet sich – wie wir schon erwähnt haben und noch sehen werden – an die Juden. Er zitiert viele Schriftstellen aus dem Alten Testament, die ein Heide nicht ohne weiteres verstehen kann. Markus richtet sich mehr an Römer – man nimmt auch an, dass er sein Evangelium in Rom geschrieben hat. Vielen Römern waren die Gebräuche der Juden unbekannt. Daher werden diese von Markus immer wieder erklärt und besonders beschrieben (Mk 1,9; 3,17; 5,41; 7,3.4).

Lukas, der selbst griechischer Herkunft zu sein scheint, wenn man seinen Namen als Maßstab sieht, schreibt an Theophilus und damit an Griechen, man könnte sagen, an alle Nationen. Griechisch war zu dieser Zeit noch die Weltsprache, auch wenn das Griechische Weltreich bereits von dem Römischen Reich abgelöst worden war. Johannes richtet sich an die ganze Welt: „Diese [Zeichen] aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr glaubend Leben habt in seinem Namen“ (Joh 20,31).

Matthäus

Matthäus, der den Herrn Jesus besonders als den Gesalbten Gottes beschreibt, bringt mit Abstand die meisten Zitate aus dem Alten Testament. Das wundert uns nicht, weil er gerade dadurch aufzeigen kann, dass der Herr Jesus wirklich der im Alten Testament angekündigte Messias war. Matthäus wendet sich in seinem Evangelium an Juden und besonders an die religiöse Welt. Als Überschrift aus dem Alten Testament könnte man Sacharja 9,9 zitieren: „Frohlocke laut, Tochter Zion; jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König wird zu dir kommen: Gerecht und ein Retter ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin.“

Man könnte ebenso Jeremia 23,5 anführen: „Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da ich David einen gerechten Spross erwecken werde; und er wird als König regieren und verständig handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Land.“ Wir müssen allerdings bedenken, dass der Herr Jesus in diesem Evangelium nicht als Messias auf das Land Israel und die Juden beschränkt bleibt. Sein Königreich – zwar von Jerusalem aus regiert – ist ein ewiges Reich und sein Königreich umfasst letztlich die ganze Erde und auch alle Nationen, die Ihm dienen werden.

Markus

Die Römer waren keine Theologen und waren auch nicht die Kultur-Philosophen wie viele Griechen. Was sie interessierte, waren Fakten. Genau das finden wir im Markusevangelium. Dieses ist das kürzeste Evangelium und besticht durch seine Prägnanz in den Berichten. Nur das Wesentliche wird berichtet, wobei auch dieses Evangelium an bestimmten Stellen auf einmal sehr ausführlich wird und umfassender berichtet als die anderen Evangelien. Wie schon gesagt, erklärt Markus an manchen Stellen die jüdischen Sitten, die seinen Empfängern offensichtlich unbekannt waren. Die drei Sprachen hebräisch, lateinisch und griechisch, in denen die Überschrift am Kreuz geschrieben war, wenden sich an verschiedene soziale Gruppen; von diesen Sprachen könnte man das Lateinische, das sich an die politische Welt richtet, auf das Markusevangelium beziehen.

Das große Thema des Evangelisten Markus ist Jesus, der Knecht Gottes, der Prophet Gottes, der auf die Erde gesandt worden ist. Wir finden den Herrn Jesus in diesem Buch ständig im Dienst für andere. Kaum, dass Er einen Dienst vollendet hat, kommt bereits die nächste Aufgabe, die Er für die Menschen und für sein Volk ausführt. Wir finden im Vergleich zu den anderen Evangelien weniger Reden des Herrn – der Schwerpunkt liegt auf dem tätigen Dienen.

Eine alttestamentliche Überschrift ist Sacharja 3,8: „Denn siehe, ich will meinen Knecht, Spross genannt, kommen lassen.“ Gott wollte einen Knecht senden, der Ihm in vollkommener Weise dient und allen Menschen bezeugt, wie Gott geehrt werden kann und soll. Dieser Knecht sollte die Grundlage für jeden Segen und jede Freude legen (Sach 3,10).

Lukas

Lukas zeigt uns denjenigen, der vollkommen Mensch war. Nur Lukas schreibt von der Kindheit des Herrn Jesus. Er sagt – und das passt zu dem Werdegang eines Menschen, der älter und groß wird: „Und Jesus nahm zu an Weisheit und an Größe und an Gunst bei Gott und Menschen“ (Lk 2,52). In diesem Evangelium finden wir den Herrn Jesus immer wieder im Gebet – vierzehnmal. Gerade Lukas beschreibt, wie Jesus sich am Kreuz an seinen Vater wendet, diese Beziehung, die Er als Mensch genoss und die Ihn auszeichnete. In vielen Einzelheiten und auch durch seine anspruchsvolle Sprache entspricht Lukas auch den Erwartungen geistig anspruchsvoller Menschen – zugleich aber können auch wir seine Worte gut verstehen. Wenn sich Lukas an einen besonderen Teil der Welt richtet, dann an die kulturelle philosophische (griechisch).

Als alttestamentliche Überschrift passt hier Sacharja 6,12: „So spricht der Herr der Heerscharen und sagt: Siehe, ein Mann, sein Name ist Spross; und er wird von seiner Stelle aufsprossen und den Tempel des Herrn bauen.“ Das ist unser Herr – Er ist vollkommen und vollkommener Mensch. Er hat den Tempel Gottes, das Haus Gottes gebaut. Es ist sicher nicht von ungefähr, dass Lukas in der Apostelgeschichte den Anfang dieses Hauses Gottes in der Gnadenzeit, der Versammlung (Gemeinde, Kirche) beschrieben hat. Er war der Reisebegleiter von Paulus, der die besondere Aufgabe hatte, über die Versammlung zu schreiben, die der Herr Jesus gebaut hat (vgl. Eph 2,21; Mt 16,18).

Johannes

Johannes hat einen anderen Blickwinkel als die drei ersten Evangelisten. Er schreibt von dem ewigen Sohn des ewigen Vaters. Der, von dem Johannes schreiben durfte, ist in seinem Charakter ewig (Joh 1,1a), unterschieden von Gott als eine eigene Persönlichkeit (1,1b), und zugleich ist Er Gott (1,1c). Diese Beziehung des Sohnes zu dem ewigen Gott bestand schon „immer“ (1,2). Er ist der Schöpfer, durch den alles ins Dasein gerufen worden ist (1,3), der sowohl die Lebensquelle ist als auch Gott hier auf der Erde offenbart hat (1,4.5.18). Wir können Gott nicht erfassen; so können wir auch den Herrn Jesus nicht begreifen, insbesondere nicht angesichts der Tatsache, dass Er Gott und Mensch in einer Person ist. Beide Seiten finden wir in diesem Evangelium wieder. Als alttestamentliche Überschrift könnte man Jesaja 35,4 wählen: „Siehe, euer Gott kommt“, und Jesaja 4,2: „An jenem Tag wird der Spross des Herrn zur Zierde und zur Herrlichkeit sein.“ Er ist der Gott, der gekommen ist, der Spross des Herrn, der Gottes Herrlichkeit offenbart hat.

Die Sicht der 12 Jünger

Man kann die vier Evangelien auch im Hinblick auf die Darstellung der 12 Jünger vergleichen. Im Matthäusevangelium werden sie sozusagen als Jünger sowie Schüler des Königs und als Bewohner des Königreiches des Herrn gesehen. Im Markusevangelium handelt es sich um Diener, die ihrem Meister dienen und zugleich Ihn in seinem Dienst nachahmen. Im Lukasevangelium hat der Herr seine Zeugen, denen Er ein Zeugnis weiterzugeben gibt. Vielleicht kann man die Jünger in diesem Evangelium auch als Söhne sehen, die Einsicht in die Gedanken Gottes haben. Johannes sieht die Jünger sozusagen als Kinder Gottes, die zur Familie gehören. Wir wissen, dass dies aber auf den Verräter des Herrn nicht zutrifft.

Die fünf Opfer

Oft sind auch die Opfer aus 3. Mose 17 mit den Evangelien verglichen worden.

  • Das Brandopfer (3. Mo 1) war ganz für Gott da. In allen seinen Teilen diente es der Verherrlichung Gottes – es wurde ganz für Gott verbrannt. Finden wir das nicht im Johannesevangelium, wo das Wort „Herrlichkeit“ und damit verwandte Wörter mit Abstand am häufigsten verwendet werden? Hier finden wir auch nicht die drei Stunden der Finsternis, in denen Christus zur Sünde gemacht wurde und sich Gott von Ihm wegen unserer Sünden abwenden musste, sondern das Brandopfer in allen sechs Stunden, in denen Christus am Kreuz hing, ganz zum duftenden Wohlgeruch Gottes, des Vaters.
  • Das Speisopfer ist ein unblutiges Opfer, das mehr das Leben des Herrn Jesus in seiner Reinheit vorstellt, geprüft (Feuer) bis in den Tod. Dieses Opfer wurde immer zusammen mit einem anderen Opfer gebracht, besonders dem Brandopfer, aber auch mit den anderen Opfern. So finden wir in allen Evangelien den Herrn Jesus als die Erfüllung des Speisopfers. Besonders finden wir die Reinheit und Vollkommenheit der Person Jesu im Lukas- und Johannesevangelium präsentiert.
  • Das Friedensopfer (3. Mo 3) war zugleich ein Dank- und Lobopfer. Es war das „Gemeinschaftsopfer“, an dem Gott seinen Anteil hatte, aber auch der Priester und sogar der Opfernde. Wann immer das Volk im Land Israel (Kanaan) Fleisch essen wollte, sollte es als Friedensopfer geschlachtet werden (5. Mo 12,6.7), wobei Gott in seiner Gnade dem Volk zugestand, dass es wegen der großen Entfernungen nach Jerusalem, wo der Brandopferaltar stand und das Opfer somit gebracht werden musste, Fleisch auch ohne diese Opferweihe essen durfte (vgl. 5. Mo 12,15–28). Das Friedensopfer lässt sich besonders auf das Lukasevangelium anwenden. Freude und Frieden sind zentrale Wörter, die man immer wieder bei Lukas findet. Auch das Loblied, mit dem dieses Evangelium endet, zeugt von dem Charakter des Friedensopfers. Nicht zuletzt finden wir gerade in diesem Evangelium die Einsetzung des Gedächtnismahls (Abendmahls) in besonders ausführlicher Weise.
  • Das Sündopfer (3. Mo 4) war zur Sühnung für diejenigen, die gesündigt hatten (Verse 20.26.31). Die Sünden des Volkes wurden auf das Tier gelegt – es musste stellvertretend dafür sterben. Wir können dies mit dem Markusevangelium verbinden, das zusammen mit dem Matthäusevangelium von den drei Stunden der Finsternis und dem Ausspruch unseres Herrn berichtet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In diesen drei Stunden hat Jesus Christus Sühnung für unsere Sünden getan. Der Herr Jesus konnte sagen: „Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“ (Mk 10,45). Er ist zur Sünde gemacht worden an unserer Stelle.
  • Das Schuldopfer (3. Mo 5) ist dem Sündopfer sehr verwandt. Daher sprechen auch viele von dem Sünd- und Schuldopfer als einer gewissen Einheit. Nicht von ungefähr finden wir sowohl den Ausspruch des Herrn am Kreuz zu seinem Gott als auch seinen Hinweis über das Lösegeld in beiden Evangelien, Matthäus und Markus. Aber der besondere Charakter der Schuld, die Vergebung nötig macht, kommt bei Matthäus zum Vorschein, während man bei Markus besonders die Verdorbenheit des Menschen findet. Im Matthäusevangelium finden wir, dass der Herr Jesus sein Blut „zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28) vergießen würde. Gerade hier wäscht sich Pilatus die Hände und sagt: „Ich bin schuldlos an dem Blut dieses Gerechten, seht ihr zu“ (27,24), worauf die Juden antworten: „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder.“

Die vier Farben der Stiftshütte

Einen weiteren alttestamentlichen Vergleich könnte man mit den vier Farben des Vorhangs, der das Heilige von dem Allerheiligsten trennte, anstellen. In 2. Mose 25,4 und 26,31 werden die vier Farben genannt: blauer und roter Purpur, Karmesin und Byssus. Diese Vergleiche sind nicht mehr so scharf umrissen wie die der vier Opfer. So verwundert es kaum, dass die Ausleger an dieser Stelle unterschiedliche Bezüge zu den Evangelien sehen. Es hat den Anschein, dass diese vier Farben – ähnlich wie die Opfer – zunächst den größtmöglichen Blickwinkel einnehmen, der zunehmend eingeengt wird.

  1. Blauer Purpur: Es fällt nicht schwer, in der blauen Farbe einen Hinweis auf den Himmel zu sehen. Der Herr Jesus ist der Mensch vom Himmel, wie wir Ihn im Johannesevangelium finden (vgl. Joh 6,38).
  2. Roter Purpur: Diese Kleidung ist diejenige von Königen und Herrschern. Aber es fällt auf, dass sie besonders häufig in Verbindung mit Königen steht, die nicht aus Israel kamen (vgl. Dan 5,29; Est 1,6; Ri 8,26). Der Herr Jesus wird als Sohn des Menschen über die ganze Erde herrschen. Diese Herrschaft wird von Daniel mehrfach vorhergesagt (z.B. Dan 7,13.14) und im Neuen Testament bestätigt. Besonders im Lukasevangelium wird der Herr Jesus als Mensch bzw. Sohn des Menschen vorgestellt, dem diese Macht geschenkt wird. Als solcher wird Er nach Psalm 8 die Herrschaft über die Erde antreten (Lk 21,27).
  3. Karmesin (oder Scharlach) ist ebenfalls eine königliche Kleidung. Wir finden sie in Verbindung mit Israel und mit seinem König Saul (2. Sam 1,24). Es gibt einen bemerkenswerten Bezug zu Sünden, den Jesaja zieht: „Wenn eure Sünden wie Scharlach sind, wie Schnee sollen sie weiß werden; wenn sie rot sind wie Karmesin, wie Wolle sollen sie werden“ (Jes 1,18). Beides finden wir im Matthäusevangelium. Es geht hier um den König, den König über Israel. Er ist für die Sünden seines Volkes gestorben, um Vergebung anzubieten.
    So hat das Volk Israel seinen König auch verspottet, als Er zu ihnen kam: „Und sie zogen ihn aus und legten ihm einen scharlachroten Mantel um. Und sie flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie ihm auf das Haupt und gaben ihm einen Rohstab in die Rechte; und sie fielen vor ihm auf die Knie und verspotteten ihn und sagten: Sie gegrüßt, König der Juden!“ (Mt 27,28.29.42). Was für eine Königswürde!
  4. Byssus: Hier handelt es sich um reine Leinwand, die ein Bild der vollkommenen Reinheit des Herrn Jesus ist. Gerade Markus spricht davon.Bei der Verwandlung Jesu auf dem Berg spricht er von glänzenden Kleidern, „sehr weiß, wie kein Walker auf der Erde weiß machen kann“ (Mk 9,3). In der leeren Gruft nach der Auferstehung des Herrn Jesus sitzt ein Jüngling „mit einem weißen Gewand“ (Mk 16,5). Spricht das nicht alles von der Reinheit unseres Herrn, des vollkommenen Dieners? Das heißt nicht, dass nicht auch die anderen Evangelisten die Reinheit unseres Herrn, des zweiten Menschen vom Himmel (1. Kor 15,47), betonen würden (vgl. Mt 17,2; 28,3; Lk 9,29; Joh 20,12). Markus aber betont die unübertroffene Reinheit dessen, der hier als Diener tätig war. In gleicher Weise finden wir den Herrn auch als König nicht nur in Matthäus vorgestellt, in seiner himmlischen Würde nicht nur bei Johannes usw.

Die vier lebendigen Wesen in Hesekiel 1

Im Hinblick auf die vier Evangelien ist auch die Beschreibung der vier lebendigen Wesen in Hesekiel 1,10 interessant, die in Offenbarung 4,6.7 wieder aufgegriffen wird.

Cherubim begegnen uns das erste Mal in der Bibel in Verbindung mit dem Sündenfall. Gott ließ sie östlich vom Garten Eden lagern, damit sie den Zugang zum Baum des Lebens zum Wohl des Menschen bewachen (1. Mo 3,24). Ihr Charakter dort ist der von Gericht, wie die Flamme des kreisenden Schwertes deutlich macht. Damit war dem Menschen der Zugang in die Gegenwart Gottes versperrt. Im zweiten Buch Mose finden wir sie auf dem Gnadenstuhl der Bundeslade, auf dem Deckel der Lade (2. Mo 25,17.18). Auch dort stehen sie also in Verbindung mit der Gegenwart Gottes, mit seinem Thron.

In Psalm 99,1.4.6 werden sie wieder mit dem Thron Gottes verbunden – mit Gerechtigkeit und Gericht. Aber es ist schön zu sehen, dass es Priester dieses Thrones gibt – man kann Gott nahen, und die Cherubim sind Zeugen davon. Auch im Buch Hesekiel sind sie Zeugen davon, dass die Herrlichkeit Gottes den Tempel verlässt (Hes 9,3; 10,4.18.19; 11,22.23). Dasselbe gilt für die künftige Rückkehr dieser Herrlichkeit im 1000-jährigen Friedensreich (Hes 43,2.4.5; 44,4). Einerseits sind sie also Zeugen, andererseits sind sie solche, die das Gericht Gottes ausführen. Ihr gerichtlicher Charakter wird in Hesekiel 10,14 besonders unterstrichen, wenn statt des sonst verwendeten Stier-Angesichts das Angesicht eines Cherubs gesehen wird.

Wem aber ist im eigentlichen Sinn das Gericht übergeben worden? „Denn der Vater richtet auch niemand, sondern das ganze Gericht hat er dem Sohn gegeben, damit alle den Sohn ehren, wie sie den Vater ehren“ (Joh 5,22.23). Insofern sprechen die in Hesekiel 1 und Offenbarung 4 genannten Merkmale der Angesichter der vier lebendigen Wesen auch von der Person des Herrn Jesus. Natürlich in erster Linie von Eigenschaften, die Er als Richter besitzt.

  1. Das erste Angesicht der vier lebendigen Wesen, das genannt wird, ist das eines Menschen: Erinnert uns das nicht zunächst an die Weisheit seines Gerichts, das Er in vollkommener Einsicht ausführen wird? Es ist aber zugleich seine Weisheit und Einsicht, seine vollkommene Menschheit, die wir im Lukasevangelium wiederfinden.
  2. Das zweite Angesicht ist das eines Löwen. Dieses Symbol finden wir in Offenbarung 5 wieder. Dort wird von dem Herrn Jesus gesagt: „Siehe, es hat überwunden der Löwe, der aus dem Stamm Juda ist, die Wurzel Davids“ (Off 5,5). Unzweifelhaft ein Verweis auf die Kraft und königliche Macht des Herrn Jesus – einerseits im Gericht, andererseits als der König in Israel. Finden wir Ihn nicht so im Matthäusevangelium?
  3. Das dritte Angesicht ist das eines Stieres. Auch dieser spricht von Kraft, aber mehr unter dem Gesichtspunkt der Arbeitskraft: „Wo keine Rinder sind, ist die Krippe rein; aber viel Ertrag ist durch die Kraft des Stieres“ (Spr 14,4). Der Herr Jesus wird sein Gericht in dieser ausdauernden Kraft ausführen. Aber finden wir diese ausdauernde Kraft nicht auch im Markusevangelium in seinem Dienst wieder, wo Er ständig im Einsatz ist, um seinem Vater im Himmel zu dienen, jedoch auch, um den Menschen zu helfen und sie zu Gott zu führen?
  4. Schließlich ist noch von dem Angesicht des Adlers die Rede. Der Adler zeichnet sich durch seine Schnelligkeit und Zielstrebigkeit im Beutefang aus. Er taucht plötzlich auf und ergreift sein Opfer. David verbindet in seinem Trauerlied über Jonathan und Saul gerade die Geschwindigkeit mit dem Adler (2. Sam 1,23; vgl. auch Hiob 9,26). So wird das Gericht des Herrn sein: schnell und plötzlich für diejenigen, die Gott und seinen Sohn, Jesus Christus, ablehnen. Aber ist der Adler nicht auch ein Bild von dem Himmlischen, dem vom Himmel gekommenen Sohn Gottes, wie wir Ihn im Johannesevangelium finden? Gott selbst verweist auf die Höhe des Adlers (Hiob 39,27). Salomo spricht von dem zum Himmel fliegenden Adler (Spr 23,5) – der Herr Jesus ist es, der vom Himmel gekommen ist und in den Himmel gegangen ist, der ewige Sohn Gottes!

Es ist im Übrigen interessant, dass die Reihenfolge der Charakterisierungen der vier lebendigen Wesen in Offenbarung 4 genau der Reihenfolge der vier Evangelien entspricht. Vielleicht darf man das als eine Bestätigung dieser Überlegungen verstehen.

Die vier Teppiche in der Stiftshütte

Neben den Farben des Vorhangs ist ein Vergleich der verschiedenen Teppiche der Stiftshütte (2. Mo 26,1–14) mit den Evangelien von Interesse. Dabei muss man sich bewusst bleiben, dass ein solcher Vergleich immer der Gefahr einer Überinterpretation unterliegt. Aber es scheint gewisse schöne Parallelen zu geben, die an dieser Stelle einfach aufgezeigt werden sollen.

  1. Bei der bedeutendsten Decke, die als erstes erwähnt wird, finden wir die Farben des Vorhangs wieder. In diesem Sinn ist sie sicher die umfassendste Beschreibung der verschiedenen Herrlichkeiten der Person des Herrn Jesus. Aber an dieser Stelle werden die Cherubim in der Decke ausdrücklich erwähnt. Wir können das als einen Hinweis auf die Regierung und das Gericht (Richten) Gottes durch den Herrn Jesus verstehen. Seine Regierung als König finden wir besonders im Matthäusevangelium. So kann man diese Decke vielleicht als einen Hinweis auf das Matthäusevangelium verstehen.
  2. Dann wird die Decke aus Ziegenhaar erwähnt. Damit kann man zwei Gedanken verbinden. Einerseits ist es gerade die Ziege, die typischerweise bei dem Sündopfer verwendet wurde. Vorhin wurde darauf hingewiesen, dass wir dieses besonders im Markusevangelium finden. Zudem kann man daran denken, dass die Kleidung von Propheten – man denke an Elia und Johannes den Täufer – aus zu Stoffen gewebten Haaren bestand. Von Elia heißt es: „Er war ein Mann mit einem härenen Gewand“ (2. Kön 1,8). Johannes war mit Kamelhaaren bekleidet. So sprechen diese Tierhaare besonders von einem Prophetendienst. Genau diesen finden wir bei Markus wieder. Denn dort wird Jesus nicht nur als Diener, sondern als der wahre Prophet Gottes gezeigt, der das Wort Gottes zu seinem Volk redet.
  3. Als dritte Decke wird das rot gefärbte Widderfell erwähnt. Der Widder – also das männliche Schaf – wurde besonders bei Brandopfern verwendet. Man denke auch an die Einweihungsfestlichkeit der Priester (2. Mo 29). Bei dem Widder denken wir unter anderem an die Energie des Tieres und damit an die Energie der Hingabe des Opfers. Ist es nicht ein Hinweis auf den Herrn Jesus als das wahre Brandopfer, wie wir Ihn im Johannesevangelium vorgestellt bekommen?
  4. Die äußerlich sichtbare Decke bestand aus Seekuhfellen. Dazu sagt uns die Schrift nicht viel mehr. In Hesekiel 16,10 finden wir, dass der Herr Juda mit Schuhen aus Seekuhfellen bekleidet habe. Die ganze Beschreibung ist eine Beschreibung der Herrlichkeit, die Gott seinem Volk zugeschrieben hatte, aber auch von der Heiligkeit, die damit verbunden ist. Es ist gerade die Haut der Seekuh4, die sehr dick ist (war) und es vor Einflüssen von außen beschützte. Finden wir nicht die Herrlichkeit des Herrn und auch seine persönliche Heiligkeit besonders im Lukasevangelium beschrieben? Er war ein Mensch unter Menschen. Aber gerade im Kontrast zu den anderen Menschen war Er vollkommen heilig, Gott geweiht!
    Andere haben darauf hingewiesen, dass die Seekuh als ein Säugetier zwar im Wasser lebt, aber nicht wirklich zum Wasser gehört. So, wie der Herr Jesus als Mensch auf diese Erde gekommen ist, um hier zu leben, aber von seinem Wesen vollkommen abgesondert von dieser Welt gelebt hat, zu der Er nicht gehörte. Genau diese Decke wurde außen gesehen. Sicher diente diese äußere Decke auch dem Regenschutz, der bei der Seekuh natürlich in besonderem Maß vorhanden war.

Die Bundeslade und die Evangelien

Es gibt sicher noch eine Reihe von weiteren Beispielen im Alten Testament, wo bestimmte Gegenstände Hinweise auf die Person des Herrn Jesus sind, wie sie in der unterschiedlichen Sichtweise der Evangelien ausgedrückt werden. Dazu gehört die Bundeslade (2. Mo 25,10.11). Sie besteht aus Akazienholz – ein Hinweis auf die Menschheit des Herrn Jesus, wie sie im Lukasevangelium besonders beschrieben wird. Aber sie ist vollständig mit reinem Gold überzogen – ein Hinweis auf die ewige Gottheit und Herrlichkeit des Herrn Jesus.

Diese Lade hat verschiedene Bezeichnungen. Vier davon finden wir in Josua 3 und 4. Sie ist die „Lade des Bundes“ (3,6) – und Gott hat besonders mit seinem Volk Israel einen Bund geschlossen (Matthäus). Sie ist die „Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde“ (3,11) – als Mensch wird der Herr über die ganze Erde herrschen (Lukas). Sie ist die „Lade des Herrn“ (4,11) – des ewigen Gottes (Johannes). Sie ist die „Lade des Zeugnisses“ (4,16), so wie der Herr Jesus der treue Zeuge als Diener und Prophet hier auf dieser Erde für Gott gewesen ist (Markus).

Vier Flüsse, vier Bestandteile des Räucherwerks und der Gewürzsalbe

Ob auch die vier Flüsse im Garten Eden (1. Mo 2) schon einen Hinweis auf die vierfältige Herrlichkeit des Herrn darstellen? Manche haben auch die vier Teile der Gewürzsalbe des Salbenmischers (2. Mo 30,23.24) sowie die vier Bestandteile des Räucherwerks (2. Mo 30,34) mit den vier Evangelien verglichen. Aber da die direkte Nähe zu den einzelnen Evangelien nicht immer nachvollziehbar ist, ist es gut, bei Anwendungen vorsichtig zu sein. Bei diesem Thema ist der Grad zwischen Spekulation und direkter Ableitung wie oft nur sehr schmal...

Das einzige Wunder in allen vier Evangelien

Zum Schluss möchte ich noch kurz auf das einzige Wunder, das in allen vier Evangelien vorkommt, in seiner unterschiedlichen Stoßrichtung eingehen. Die Tatsache, dass es in jedem Evangelium, sogar im Evangelium nach Johannes, erwähnt wird, zeigt, dass es eine zentrale Bedeutung besitzt, auch wenn sie in jedem Evangelium ihren besonderen Charakter haben wird. Die vierfache Erwähnung dieses Wunders zeigt uns seine universelle Anwendung.

Wir finden die Berichte in Matthäus 14,13–21; Markus 6,30–44; Lukas 9,10–17; Johannes 6,1–13.

Das Johannesevangelium zeigt uns das Brot des Lebens, den Herrn Jesus, der als der Himmlische aus dem Himmel auf die Erde gekommen ist. Insofern sehen wir hier in wunderbarer Weise eine Beschreibung der Herrlichkeit der Person des Sohnes Gottes in seiner Menschwerdung. Er wusste, was Er tun wollte (Joh 6,6). Hier geht es nicht um die Zahl – der Sohn Gottes kann jede „große Volksmenge“ sättigen. Aber bei der Menge vergisst Er nicht den Einzelnen – auch nicht den Knaben, den Er als Diener benutzt. Das ist charakteristisch für das Johannesevangelium. Der Sohn Gottes begegnet jedem Bedürfnis, so groß es sein mag, so groß die Menge auch ist, die zu Ihm kommt. Aber zugleich begegnet Er immer wieder jedem Einzelnen, um diesem zu helfen, auch, um dessen Dienst anzunehmen.

Im Matthäusevangelium lernen wir etwas anderes. Der König ist verworfen. Aber Er hat eine Mission zu erfüllen. Noch war die Zeit des Werkes am Kreuz nicht da. Zudem ging „es nicht an, dass ein Prophet außerhalb Jerusalems umkommt“ (Lk 13,33). Der Herr Jesus entfernt sich und zieht sich zurück. Aber der Gesalbte Gottes kann nicht allein bleiben – denn die Volksmengen wissen, dass Er der von Gott bestimmte König ist. So kommen sie zu ihrem eigentlichen König, um geheilt, belehrt und genährt zu werden. Der Messias ist in der Lage, alle ihre Bedürfnisse zu stillen. Doch dies ist nicht alles, was dort geschieht. Der Herr Jesus deutet in diesem Zusammenhang eine Veränderung in dem Regierungshandeln mit dieser Erde an. Denn der Herr Jesus bleibt nicht bei dem Volk, sondern zieht sich von diesem zurück auf den Berg (Mt 14,23), um dort allein zu sein – ein Bild des Beiseitestellens des Volkes Israel.

Zugleich finden wir in diesem Wunder jedoch auch eine Vorausschau auf das 1000-jährige Friedensreich. Da wird es der Herr Jesus als der König Israels sein, von dem gesagt wird: „Seine Speise will ich reichlich segnen, seine Armen mit Brot sättigen“ (Ps 132,15).

Im Markusevangelium finden wir dieses Wunder in dasselbe Umfeld gestellt wie bei Matthäus. Doch wird deutlich, dass hier ein Mann wirkt, der ständig unterwegs ist. Sein Dienst wird genauso verworfen wie der von Johannes dem Täufer. Aber Jesus wirkt weiter. Er lässt die Jünger ausruhen (6,31) – aber zugleich ist Er so beschäftigt mit anderen, dass es heißt: „Sie fanden nicht einmal Zeit, um zu essen.“ Den ganzen Tag unterwegs und andere lehrend, ist auch abends sein Dienst noch nicht beendet. Denn ein Diener des Herrn belehrt die Menschen nicht, um sie mit ihren übrigen Bedürfnissen dann alleine zu lassen. Zugleich belehrt Er damit seine Jünger, wie man ein Gott wohlgefälliger Diener werden kann – alles entsprechend dem Charakter, den dieses Evangelium trägt.

Das Lukasevangelium ist im Bericht dieses Wunders am kürzesten. Lukas zeigt uns, wie der Herr Jesus als vollkommener Mensch in vollständig ausreichender, ja übermäßiger Weise die Bedürfnisse von uns Menschen kennt und ihnen zu begegnen weiß. Ihm ist nichts verborgen – und Er hat das Mitempfinden in Bezug auf das, was wir nötig haben. Er kennt die Bedürfnisse der Menschen aus eigener Erfahrung und begegnet ihnen im Aufblick zu und in der Abhängigkeit von Gott. Er lässt uns nicht im Stich, wo immer wir uns befinden und in was für einem Zustand wir auch sind.

4. Das Matthäusevangelium – Christus, der Gesalbte Gottes

Allgemeine Bemerkungen (auch zur Entstehungszeit)

Damit sind wir also beim Matthäusevangelium selbst angekommen. Die Reihenfolge der biblischen Bücher, wie wir sie in der Bibel vorfinden, ist nicht inspiriert, das heißt von Gott in übernatürlicher Weise eingegeben. Dennoch können wir den Platz bestimmter Bücher gut verstehen. Auch dass wir das Matthäusevangelium als erstes Buch des Neuen Testaments eingeordnet finden, ist einleuchtend. Denn Matthäus schließt mehr als die anderen Evangelisten an das Alte Testament an. Er stellt den Herrn Jesus als den lang ersehnten König vor – den Messias, auf den zumindest der gläubige Teil des Volkes Israel wartete. 5

Geschichtliche Einordnung des Matthäusevangeliums

Wenn wir uns mit dem Matthäusevangelium beschäftigen, fragen wir uns: In was für eine Zeit hat Gott dieses Evangelium schreiben lassen? Und: In was für eine Zeit hinein wurde Jesus Christus geboren? An dieser Stelle möchte ich daher kurz eine geschichtliche Einordnung nennen.

Der letzte Schreiber des Alten Testaments war Maleachi. Vielleicht handelt es sich sogar um einen „namenlosen“ Boten Gottes. Denn die Bedeutung von Maleachi ist ja „mein Bote“ – so wird es auch in Maleachi 3,1 übersetzt. Das wäre dann ein Hinweis darauf, dass Gott – stellvertretend für sich und letztlich alle Propheten – einen letzten Boten zu seinem Volk gesendet hat; auf den Namen kam es dabei nicht an. Aber auch der letzte Bote blieb ungehört. Darauf folgt das Schweigen Gottes. Es gibt von Henry A. Ironside ein schönes Buch im Englischen: „Die 400 stummen Jahre.“ Ganz ist das natürlich nicht wahr. Denn zu gewissen Zeiten stieg beispielsweise ein Engel in den Teich (Bethesda) hinab und bewegte das Wasser (zur Heilung von Kranken), was auch ein Wirken und Reden der Gnade Gottes war (Joh 5,4). Es wird auch andere Beispiele geben. Wir müssen daher sagen: Die Bibel schweigt. Aber auch in dieser Zeit, bis dann Johannes der Täufer als wirklich letzter Bote des Alten Bundes auftritt, um den König Israels und Gesalbten Gottes anzukündigen, hatte Gott seine Diener.

Von den Persern zu den Griechen

Im Land Kanaan, Israel bzw. Palästina ging es in diesen Jahren drunter und drüber. Das Land befand sich ja in der Zeit der drei Nachexil-Propheten Sacharja, Haggai und Maleachi unter persischer Herrschaft. Diese wurde 336 vor Christus durch die griechische Weltmacht Alexander des Großen abgelöst. Daniel hatte das angekündigt. Im Zuge der Nachfolge von Alexander dem Großen (356 bis 323 vor Christus) gab es grausame Kämpfe zwischen seinen Generälen, die das Reich unter sich aufteilten. Besonders Seleukos (und seine Nachfolger), der über das Zweistromland und Nordsyrien herrschte, sowie Ptolemäus (und seine Nachfolger), der über Ägypten herrschte, stritten sich immer wieder um das zwischen ihnen befindliche Palästina. Leidtragende waren die Israeliten.

Parallel entwickelten sich innerhalb Israels strengere und liberalere Strömungen, Kämpfe um das Hohenpriesteramt und sogar Bestrebungen um die Königskrone. Man wandte sich dabei immer wieder um Hilfe an die eine oder andere Seite. Als dann unter dem Seleukiden Antiochus IV. jemand das Amt des Hohenpriesters übertragen bekam, der nicht aus der Linie Aarons und Zadoks stammte (vgl. 2. Mo 29,9; 4. Mo 25,13; Hes 43,19) und Antiochus zudem in Erfüllung von Daniel 7,25 und 8,8–13 in den Tempeldienst und die heiligen Vorschriften eingriff, entstand eine Widerstandsbewegung, angeführt von dem Priester Mattatias (Mattathja). Sein Ansinnen war es, gegen abtrünnige Juden vorzugehen und die Vorschriften Gottes in Bezug auf den Tempeldienst und das priesterliche Leben wiederherzustellen und einzuhalten.

Nach seinem Tod im Jahr 166 vor Christus ging die Führung dieser Gruppe auf seinen Sohn Judas über, der den Beinamen Makkabaios, der Hammergleiche, trug. Gott konnte ihn und die Juden, die sich um ihn scharten, dazu benutzen, für eine Zeit Ruhe in das Land zu bringen und den Tempeldienst wiederherzustellen. Andererseits fing Judas an, auch politische Ziele wie die Unabhängigkeit des Staates Israel zu verfolgen. Das ging über viele Jahre gut, führte aber letztlich zu seiner Ermordung. In dieser Zeit, die in den nicht zum biblischen Kanon gehörenden apokryphen („verborgenen“) Büchern behandelt wird, entstanden auch die Gruppierungen der Pharisäer und Sadduzäer, die wir in den Evangelien wiederfinden. Bis ungefähr 63 vor Christus konnten die Makkabäer bzw. das Geschlecht der Hasmonäer, das durch sie begründet wurde, die Macht erhalten. Sie endete unter Pompeius, einem brillanten Heerführer Roms. Ab diesem Jahr zählt man auch das Ende des Persischen Reiches und den Beginn des Römischen Reiches.

Herodes, der Große

Durch die verschiedenen politischen Verquickungen, welche die rivalisierenden Hohenpriester und Königsanwärter in Israel eingingen, kam es schließlich dazu, dass sich mit Herodes dem Großen ein Idumäer – vermutlich ein Nachkomme Edoms – die Königskrone in Israel (37–4 vor Christus) unter dem Schutz und Wohlwollen Roms sichern konnte. Herodes verstand es, sich die Gunst des jeweils neuen Herrschers in Rom zu sichern, auch wenn er zuvor auf Seiten dessen Vorgängers und Rivalen gestanden hatte. Unter Herodes blühte Israel wirtschaftlich und politisch auf; auch die militärischen Kämpfe hielten sich in Grenzen.

Dieser Herodes ist es, von dem wir im Matthäusevangelium in Kapitel 2 lesen, der die Kinder in Bethlehem und dessen Umgebung umbrachte. Er besaß das Misstrauen der Juden, weil er keiner der ihren war, sondern vermutlich edomitischer Abstammung. Herodes war ein grausamer Mann, der jedem misstraute und daher viele seiner Kinder und Verwandten sowie seine zweite Ehefrau (von zehn) ermordete.

Herodes war es auch, der den zweiten Tempel Jerusalems (aus der Nach-Exil-Zeit) in prächtiger Weise aus- und umbaute, so dass sogar die Jünger bewundernd von diesem Tempel sprachen (Mk 13,1). In seiner Zeit hatte Palästina einen Umfang und einen Glanz, die dem von David und Salomo äußerlich glichen. Kurz nach der Ermordung der kleinen Kinder (Mt 2,16) starb Herodes an einer schmerzhaften Krankheit, die ihn schon lange gequält hatte.

Der Verfasser

Der Verfasser wird wie in den meisten Büchern des Neuen Testaments nicht genannt. Aber von Anfang an bezeugt die Tradition der Christen, dass der Apostel Matthäus der Verfasser dieses Buches ist. Matthäus bedeutet „Gabe des Herrn“. Er steht in allen Aufzählungen der Apostel an 7. oder 8. Stelle (Mt 10,2–4; Mk 3,16–19; Lk 6,13–16; Apg 1,13). Auch wenn er anscheinend innerhalb der Jüngergruppe keine hervorstechende Rolle gespielt hat, gebraucht der Herr Jesus ihn – vielleicht gerade wegen seiner vorherigen Beschäftigung – für diesen ganz besonderen Dienst. Es ist zweifellos eine Auszeichnung, über den Gesalbten Gottes schreiben zu dürfen.

Matthäus war ein Jude. Aber er gehörte nicht zu der religiösen, ausgebildeten Klasse der Schriftgelehrten, sondern vielmehr zu der Gruppe, welche die Juden am meisten hassten. Er war ein Steuereintreiber (Zöllner) für das römische Regime. Die römische Regierung hatte Beamte eingestellt, deren Aufgabe es war, die Steuern einzutreiben. Diese Beamten waren alle, zumindest fast alle, Nicht-Juden. Sie bestimmten die tatsächlichen Eintreiber, die in aller Regel Juden waren. Doch nur die skrupellosesten Juden machten sich um des Gewinns willen zu Handlangern dieser Feinde Israels. Wo immer es auch nur noch einen Funken von Hoffnung auf das Kommen des Messias gab, wäre jeder Jude vor der Zusammenarbeit mit einem Heiden zurückgeschreckt, der ja bei dem Kommen des Königs aus dem Land geschwemmt worden wäre. Aus diesem Grund wurden die jüdischen Zöllner noch mehr gehasst als die Heiden und Römer ohnehin schon. Ein solcher war der Schreiber des ersten Evangeliums. Das ist sicher bezeichnend, denn er muss das Evangelium schreiben, in dem eine neue Ordnung der Dinge eingeführt wird, nämlich die Berufung der verachteten Heiden.

Derjenige also, der früher die Fremdherrschaft und einen fremden Herrn unterstützte, sollte dann das Evangelium über den wahren Herrscher Israels, den Herrn Jesus, schreiben. Das ist die Vorsehung Gottes, weil ein solches Instrument in besonderer Weise empfindsam dafür ist, wenn ein Herrscher abgelehnt wird. Aber der Herrscher, über den Matthäus jetzt schreiben durfte, war im Gegensatz zu dem römischen vollkommen, und das in jeder Hinsicht!

Levi, Matthäus

Über seine Berufung wird in den drei synoptischen Evangelien (wg. ihrer Ähnlichkeit so genannt) berichtet: Mt 9,9; Mk 2,13; Lk 5,27. Während er bei dieser Gelegenheit jedoch von Lukas „Levi, der Zöllner“ (Levi bedeutet Anschließung, Anhänglichkeit) und von Markus „Levi, der Sohn des Alphäus“ genannt wird, heißt er in unserem Evangelium nur Matthäus. Matthäus nennt sich jedoch nur in der Aufzählung in Mt 10,3 Matthäus, der Zöllner. Wie Petrus, der immer wieder seinen alten Namen Simon nennt, hat er seine Herkunft nicht vergessen! Zugleich lernen wir von diesem Mann, was Nachfolge für einen Jünger bedeutet: hören und sofort Gehorsam leisten. Das hat Matthäus getan, weil er so von der Begegnung mit seinem Meister beeindruckt war.

Was die Abfassungszeit betrifft, gibt es keine genauen Angaben. Irenäus (140–202) nennt 61–66 nach Christus. Diese Zeitangabe ist bis heute nachvollziehbar. Damit wäre dieses Evangelium vor der Zerstörung Jerusalems abgefasst worden. Manche meinten, dass die Zerstörung bei Abfassung dieses Evangeliums bereits geschehen sei. Dann aber hätte man an Stellen wie Matthäus 24,2, nach denen die Jünger dem Herrn die großartigen Steine des Tempels gezeigt haben und der Herr Jesus die Zerstörung prophezeit, einen Hinweis darauf erwartet.

Es gab im Übrigen Überlegungen, dass das Matthäusevangelium zuerst in Aramäisch geschrieben worden sei, um dann ins Griechische übersetzt zu werden. Möglicherweise hat Matthäus tatsächlich zuerst in Aramäisch geschrieben. Doch das Original des Matthäusevangeliums liegt jedenfalls in Griechisch vor.

Von Maleachi zum Neuen Testament

Das Evangelium bildet den Übergang, das Bindeglied vom Alten Testament zum Neuen Testament – daher steht es zu Recht in unseren Ausgaben am Anfang des Neuen Testaments. Es gibt ungefähr 60 Anführungen aus dem Alten Testament. Dabei handelt es sich zum Teil jedoch nur um wenige Worte (Mt 5,21.27.38). Insgesamt 30 Zitate aus dem Alten Testament werden jedoch deutlich als solche kenntlich gemacht (z.B. Mt 2,5.6; 3,3; 4,4.7.10).

14 Mal werden Ereignisse im Leben des Herrn Jesus ausdrücklich als Erfüllungen von Weissagungen des Alten Testaments beschrieben: Mt 1,22.23; 2,5–6.15.17–18.23; 4,14–16; 8,17; 11,10; 12,17–21; 13,35; 21,4.5.42; 26,31; 27,9.10. Damit wird sehr deutlich, dass der Herr Jesus wirklich der von Gott gesandte Messias war, der zu seinem Volk kam, wie Er im Alten Testament vorhergesagt wurde. Davon spricht Jesus selbst in Johannes 10: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe eingeht, sondern woanders hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür eingeht, ist Hirte der Schafe“ (Joh 10,2). Die angeführten alttestamentlichen Vorhersagen stellen diese Tür symbolisch dar. Christus ist nicht nur die Erfüllung vieler Bilder, Opfer und Andeutungen im Alten Testament. Viele prophetische Aussagen sind ausschließlich gemacht worden, um auf Christus hinzuweisen. Das darf uns alle anspornen, in diesem Sinn das Alte Testament noch einmal gründlich zu lesen!

Das Thema des Matthäusevangeliums

Das Matthäusevangelium ist das Buch der Anfänge einer neuen Haushaltung (Dispensation). So, wie in dem ersten Buch der Bibel sozusagen die ganze Bibel in ihren Wurzeln enthalten ist, ist es auch mit dem Matthäusevangelium.

Geht es

  • um den Gedanken des Reiches – dieser wird erwähnt;
  • um die Versammlung – auch sie wird eingeführt;
  • um die Zukunft Israels – der Herr Jesus redet ausführlich davon;
  • um die prophetischen Ereignisse – auch sie werden genannt;
  • um das Kommen des Heiligen Geistes – auch davon wird letztlich, zumindest implizit, gesprochen.

Einige dieser Themen sind Lehrpunkte der christlichen Lehre, die in den Briefen dann ausführlich entwickelt und erklärt werden. Ihre wichtigsten Grundsätze werden hier bei Matthäus bereits benannt. Zu diesen Themen gehören besonders die oben schon genannten: die Versammlung, das Königreich Gottes/der Himmel und das Kommen des Heiligen Geistes.

Man könnte das Matthäusevangelium mit einem Baum vergleichen. Die Wurzeln sind tief in den Felsen gegraben, während seine unzählbaren Zweige sich höher und höher entwickeln. Das Fundament ist das Alte Testament mit seinen messianischen und auf das Königreich bezogenen Verheißungen. Aus diesem allen entwickelt sich in vollkommener Harmonie alles Weitere, indem es in die neue Haushaltung führt bis zum Beginn des 1000-jährigen Reiches.

Die Haushaltungen (Zeitepochen, Dispensationen)

Eine Reihe von Abschnitten in diesem Evangelium kann man nur dann verstehen, wenn man die jüdischen Gebräuche kennt und mit den Belehrungen des Alten Testaments vertraut ist. Man kann das Matthäusevangelium daher auch als das „jüdische Evangelium“ bezeichnen. Dies zu bedenken hilft zu einem besseren Verständnis und bewahrt vor Fehlschlüssen.

Dieses „jüdische Evangelium“ wurde allerdings für eine christliche Zeit geschrieben – es geht also um einen gravierenden Wechsel in den Wegen Gottes mit dieser Erde. Daher kann man auch sagen, dass dieses Buch „dispensational“ ist. Dispensationalismus bedeutet, dass die verschiedenen Zeitalter in der biblischen Heilsgeschichte unterschieden und bei der Auslegung berücksichtigt werden. Jemand, der diese Unterscheidung beispielsweise bezüglich der Juden, der Heiden und der Kirche Gottes nicht festhält, wird das Matthäusevangelium nicht gut verstehen können.

Dieser Hintergrund ist wichtig, um zum Beispiel die Bergpredigt richtig begreifen und einordnen zu können. Es geht nicht um einfache ethische Lektionen, die Menschen mitgeteilt werden, unabhängig davon, ob ihre Sünden gesühnt worden sind oder nicht. Jesus predigte kein „soziales Christentum“. Die Bergpredigt ohne das Sühnungswerk des Messias ist einfach undenkbar, nein, die Bergpredigt setzt Sühnung voraus; durch das Befolgen der Bergpredigt wird einem Menschen also nicht die Sühnung zugerechnet. Auch bei den Gleichnissen in Matthäus 13 kommt man zu falschen Schlüssen, wenn man die Lehre der Zeitperioden im Handeln Gottes nicht berücksichtigt.

Alle beschriebenen Wunder, alle gesprochenen Worte, die Ereignisse, die in ihrer speziellen Form wiedergegeben werden, jedes Gleichnis – alles folgt in diesem Evangelium als Vorschattung oder Lehre der haushaltsmäßigen Wahrheit des Wortes Gottes. Das scheint mir wirklich der richtige Schlüssel für das Matthäusevangelium zu sein.

Schlussgedanken

Es ist auch nicht von ungefähr, dass die Evangelien nicht einfach einen chronologischen Bericht des Lebens des Herrn Jesus darstellen. Jemand hat mal gesagt: „Der Heilige Geist ist kein Reporter, sondern ein Redakteur, ein Herausgeber.“ Die Aufgabe eines Reporters ist es, die Dinge so wiederzugeben, wie sie geschehen sind. Ein Redakteur dagegen stellt das Material in einer Weise zusammen, die seinen Überlegungen entspricht. Der Schreiber legt demzufolge den Schwerpunkt oft nicht auf die zeitliche Reihenfolge, sondern gruppiert inhaltlich zusammengehörige Themenblöcke zusammen.

Matthäus zeigt immer wieder den Zustand des Volkes Israel, der so schlimm ist, dass es mit seinen stolzen religiösen Führern den Herrn, ja seinen eigenen König, verwirft. Das drohende Gericht als Folge ist ein wahres Foto des Endes auch der gegenwärtigen Zeitepoche, und darin sehen wir das kommende Schicksal der Christenheit. Die Charakteristika der Zeiten, als der Herr zu seinem Volk kam, das so religiös, selbstgerecht, in Sekten unterteilt (Ritualisten – Pharisäer, Rationalisten – Sadduzäer, höhere Kritik), menschlichen Lehren folgte und sich mit menschengemachten Glaubensbekenntnissen und Lehren beschäftigte – was letztlich in den Abfall mündete –, wiederholt sich in der Christenheit mit seinen menschengemachten Verordnungen, Ritualen und rationalistischen Belehrungen.

Fußnoten

  • 1 4x9 = 2²x3²; früher waren Samuel, Könige und Chronika jeweils nur ein Bibelbuch.
  • 2 Wenn man davon absieht, dass der Gedanke der Versammlung natürlich auch in dem geistlichen Haus bei Petrus zu finden ist. Johannes sieht die Versammlung in den Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3 unter einem rein lokalen Gesichtspunkt und betont dabei die Verantwortung, Zeugen Jesu Christi am Ort zu sein. Aber den Gedanken der Versammlung als dem einen Leib findet man ausschließlich bei Paulus.
  • 3 Synopsis bedeutet: Zusammenschau, Entwurf, Überblick.
  • 4 Früher dachte man bei diesem Wort an den Dachs – aber diese Übersetzung wurde inzwischen verworfen. Vielleicht handelt es sich auch um den „Dugong“, das Seeschwein, ein der Seekuh verwandtes Tier, das es auch im Roten Meer gibt. Denn die Tiere müssten den Israeliten beim Auszug ja auch zur Verfügung gestanden haben, wenn sie für die Stiftshütte daraus Decken machen sollten.
  • 5 Dieser gläubige Teil des Volkes wird in der Bibel öfter „Überrest“ [Übriggebliebene] genannt. Es war und ist nicht mehr das ganze Volk, was sich den Geboten Gottes unterwarf bzw. unterwirft, sondern nur ein Teil – ein Überrest. Diesen gab es in Bezug auf das Volk Israel (vgl. z.B. Jesaja 1,9; Micha 2,12), aber auch heute werden letztlich diejenigen, die an den Herrn Jesus glauben, ein Überrest genannt. Denn es gibt viele, die sich Christen nennen, aber nur wenige, bei denen hinter diesem Bekenntnis auch wahrer Glaube steht. Und in Zukunft wird nicht das ganze Volk Israel zu dem Herrn Jesus umkehren, sondern nur ein Teil des Volkes – der Überrest (Römer 9,27). Aber vor Gott steht der Überrest im Hinblick auf Vorrechte und Verantwortung für das ganze Volk. Diesen Gedanken finden wir immer wieder in der Bibel, unter anderem auch in Römer 11,26.
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