Einführung in das Matthäus-Evangelium

1. Einleitung

Das Evangelium ist die gute Botschaft Gottes über seinen Sohn (Röm 1,1–3). Diese Botschaft ist eine Einheit, d.h. es gibt nur ein Evangelium. Dennoch hat es Gott für gut befunden, diese gute Nachricht unter der Leitung des Heiligen Geistes von vier verschiedenen Personen (wir nennen sie Evangelisten) aufschreiben zu lassen.

Weder die Überschriften noch die Reihenfolge der Bibelbücher sind von Gott inspiriert. Dennoch können wir gut verstehen, dass man dem Evangelium von Matthäus den ersten Platz im Neuen Testament gegeben hat. Der Grund ist nicht nur, dass man lange angenommen hat, es sei das zuerst geschriebene Evangelium. Der Grund ist vielmehr, dass sich Matthäus – mehr als alle anderen Evangelisten -

direkt an das Alte Testament anschließt. Sein Evangelium übernimmt eine Art „Übergangsfunktion“ zwischen dem Alten und dem Neuen Testament. Man hat dieses Buch deshalb die „Brücke“ zwischen den beiden Bibelteilen genannt. Es zeigt einerseits den Herrn Jesus als den, der im Alten Testament angekündigt worden ist und auf den zumindest der gläubige Überrest der Juden sehnlich wartete. Es zeigt andererseits den, der Inhalt des christlichen Glaubens und Lebens ist.

J.N. Darby schreibt: „Der Zweck des Geistes Gottes in diesem Evangelium ist es, den Herrn als den zu zeigen, der die Zusagen an Israel und die Weissagungen, die sich auf den Messias beziehen, erfüllen sollte. Jeder aufmerksame Leser wird sich davon getroffen fühlen, wie oft ihre Erfüllung nachgewiesen wird. Matthäus beginnt mit dem Geschlechtsregister des Herrn, dessen Ausgangspunkt David und Abraham sind, denen die Zusagen Gottes gegeben worden waren“.1

Matthäus legt den Schwerpunkt auf den König, der kommen sollte, um sein Volk nicht nur von der Fremdherrschaft der Römer, sondern vor allem von ihren Sünden zu erlösen (Mt 1,21). Die Befreiung von den Römern wünschten sich (fast) alle Juden, wirklich auf Erlösung wartete allerdings nur ein kleiner Überrest (vgl. Lk 2,38). Eines der Schlüsselworte ist ohne Frage das Wort „Reich“, genauer gesagt „Königreich“, das – von wenigen Ausnahmen abgesehen – bei Matthäus „Königreich der Himmel“ genannt wird. Es ist ein Reich, in dem himmlische Grundsätze gelten und das vom Himmel aus regiert wird.[2]

Das Evangelium nach Matthäus ist von einem Juden für Juden geschrieben worden. Allerdings machen Anfang und Ende deutlich, dass die gute Nachricht nicht auf Israel beschränkt bleiben kann. Der Hinweis auf David und Abraham zu Beginn (Mt 1,1) zeigt, dass der König nicht nur über Israel regieren würde (David), sondern dass der Segen ebenfalls zu den Nationen kommen sollte (1. Mo 12,3). Das Evangelium endet mit dem Hinweis darauf, dass Jesus Christus Gewalt gegeben ist „im Himmel und auf der Erde“ und dass die Jünger „alle Nationen“ taufen und belehren sollten (Mt 28,18.19). Obwohl die jüdische Prägung eindeutig ist, war gerade dieses Buch hervorragend geeignet, die Botschaft über den Retter in der Welt zu verbreiten.

Man hat das Matthäusevangelium manchmal das 1. Buch Mose (Genesis = Ursprung, Entstehung) im Neuen Testament genannt. Dies ist insofern zutreffend, als es – wie das 1. Buch Mose für das Alte Testament – grundlegend für das Verständnis aller weiteren Bücher im Neuen Testament ist. Es beschreibt den Übergang zu einer neuen Zeitepoche (Haushaltung oder Dispensation) und deren Beginn. Gemeint ist die gegenwärtige Zeit der Gnade. Wenn man diese Zeit mit einem großen Baum vergleichen will, dann finden wir im Matthäusevangelium die Wurzeln dieses Baumes. Ausgangspunkt ist das im Alten Testament angekündigte Reich, das jedoch in der Gegenwart eine völlig andere Form angenommen hat, bevor es im tausendjährigen Reich erfüllt werden wird. Matthäus spricht eine Reihe von typisch neutestamentlichen Themen an (z.B. die Versammlung und die Taufe mit dem Heiligen Geist), ohne dabei die Zusagen aus dem Alten Testament zu negieren.

2. Verfasser und Authentizität

Keiner der vier Evangelisten gibt sich namentlich zu erkennen. Wir sind also zum einen auf externe Belege angewiesen. Zum anderen gibt es jedoch häufig indirekte interne Belege, die auf den Verfasser hinweisen.

2.1. Externe und interne Belege

Die sogenannten „Kirchenväter“ stimmen darin überein, dass der Jünger Matthäus (auch Levi genannt) das nach ihm benannte Evangelium tatsächlich geschrieben hat. Der früheste Hinweis stammt von Papias aus Hierapolis (ca. 130 n.Chr.). Weiter genannt werden können Justin, Irenäus und Hieronimus. Origenes schreibt: „Das erste Evangelium ist geschrieben durch den früheren Zöllner und späteren Apostel Jesu Christi, Matthäus“2. Alle uns bekannten Abschriften aus den ersten Jahrhunderten tragen die Überschrift „nach Matthäus“. Diese Kennzeichnung war erforderlich, weil unter den ersten Christen zunächst drei und dann vier Evangelien im Umlauf waren. Durch die Überschriften war klar, aus welchem Evangelium gerade vorgelesen wurde.

Damit ist die Authentizität und Zugehörigkeit zum biblischen Kanon sehr gut belegt, was übrigens für alle vier Evangelien gilt. Darüber hinaus zeigen die Schriften der Kirchenväter ebenfalls, dass man die übrigen Berichte, die über das Leben des Herrn Jesus im Umlauf waren, nicht als „Heilige Schrift“ anerkannte3. Im Blick auf die uns bekannten vier Evangelien kann es daran nicht den geringsten Zweifel geben.

Es gibt im Text des Matthäusevangeliums selbst wenig Hinweise darauf, wer es geschrieben hat. Matthäus selbst erwähnt sich nur zweimal mit Namen (Mt 9,9; 10,3). Es fällt jedoch auf, dass Matthäus als Zöllner der einzige ist, der erwähnt, dass Jesus die Tempelsteuer bezahlte (Mt 17,24–27). Nur er spricht von der „Doppeldrachme“ und dem „Stater“. Das passt gut zu jemand, der beruflich mit Geld zu tun hatte. In Kapitel 18,24 erwähnt er eine dritte „Währung“, nämlich die 10.000 Talente. Des Weiteren fällt auf, dass Matthäus nichts Positives über die Zöllner zu berichten hat, wie z.B. Lukas. Das Gebet des Zöllners (Lk 18,9–14) und die Geschichte von Zachäus (Lk 19,1–10) fehlen in dem Bericht von Matthäus. Er zeigt sich hier bescheiden.

2.2. Zweifel

Es muss uns nicht wundern, dass bibelkritische Theologen Zweifel geäußert haben, ob Matthäus wirklich der Verfasser ist. Man unterstellt, ein Augenzeuge würde anders schreiben als Matthäus es tut. Deshalb wird die These aufgestellt, der Schreiber habe nicht aufgrund einer eigenen Anschauung geschrieben, sondern sich zum einen des Markusevangelium bedient und zum anderen einer weiteren unbekannten Quelle, die man Quelle Q nennt. Damit – so wird behauptet – sei dieses Evangelium nicht von einem Augen- und Ohrenzeugen und nicht von einem Jünger Jesu geschrieben worden.

Diese Theorie setzt zwei Dinge voraus, die sich jedoch als nicht beweisbar bzw. irrelevant erweisen:

a) Markus muss vor Matthäus geschrieben haben: Das wird zwar häufig behauptet, ist jedoch keineswegs historisch gesichert. Wenn man die Schriften der Kirchenväter liest, kommt man zu einem anderen Ergebnis. Ihr Zeugnis stimmt darin überein, dass Matthäus als Erster geschrieben hat. Doch selbst wenn das nicht so wäre, ist damit noch lange nicht bewiesen, dass Matthäus bei Markus „abgeschrieben“ und seinen Text nur „erweitert“ hat. Wer das behauptet, leugnet die göttliche Inspiration der Bibel.

b) Es existiert eine Quelle Q: Auch das wird häufig behauptet. Allerdings gibt es keinen einzigen Schriftfund einer solchen vermeintlichen Quelle. Bei der Vielzahl der gefundenen Manuskripte der Bibelbücher ist es damit so gut wie ausgeschlossen, dass eine solche Quelle Q je existiert hat.

2.3. Der Verfasser

Über den Verfasser wissen wir nicht viel. Matthäus bedeutet „Gabe Gottes“. Markus und Lukas erwähnen ihn ebenfalls und zeigen, dass er auch den Namen „Levi“ trug und sein Vater Alphäus war (Mk 2,14; Lk 5,27).4 Der Name Levi bedeutet „zugetan“ oder „Anhänglichkeit“. Beides hat sich in seinem Leben bewahrheitet. Gott konnte ihn als eine Gabe benutzten, über seinen Sohn zu schreiben und er beweist, dass er dem Herrn zugetan war.5

Matthäus war von Beruf Oberzöllner in Kapernaum, wo Jesus viele Jahre gelebt und wo sein Dienst begonnen hatte. Kapernaum befand sich im Herrschaftsgebiet des Königs Herodes (Antipas). Es war seine Aufgabe, von seinen jüdischen Landsleuten Steuern für die römischen Besatzer einzuziehen. Zöllner galten zum einen als Kollaborateure der Römer und hatten bei den Juden keinen guten Ruf, weil sie mit den Feinden gemeinsame Sache machten. Zum anderen bereicherten sie sich häufig, indem sie für die eigene Tasche arbeiteten. Die meisten Zöllner waren deshalb reiche Menschen. Sie wurden als „Diebe“ und „Verräter“ tituliert. Im Allgemeinen waren sie deswegen aus der Gesellschaft und Religionsgemeinschaft ausgeschlossen. Es war mutig von Matthäus, sich als Zöllner zu bezeichnen (Mt 10,3) und kann als Zeichen seiner Demut angesehen werden. Es ist ein Wunder der Gnade, dass Gott gerade einen solchen Zöllner auswählte, das Evangelium über den Messias zu schreiben. Matthäus verstand mehr von dem Messias als die vermeintlich so gesetzestreuen Theologen seiner Zeit. Er wusste, warum Jesus in die Welt gekommen war (vgl. Mt 9,13).

Es ist gut möglich, dass Matthäus bereits von Jesus gehört hatte, bevor er in seine Nachfolge berufen wurden. Als er den Ruf Jesu hörte, verließt er alles und folgte Ihm nach (Mt 9,9–13). Matthäus hat seine dunkle Vergangenheit nicht vergessen und stand dazu. In Kapitel 10, 3 nennt er sich ausdrücklich „Matthäus, der Zöllner“. Markus und Lukas tun das nicht. Nachdem der Herr ihn berufen hatte, war es nicht mehr nötig, die fremden Herren in Galiläa länger zu unterstützen. Matthäus war jetzt jemand, der im Reich Gottes arbeitete und dem König folgte. Sein Interesse galt dem Dienst des Messias. Davon wollte er zeugen und deshalb lud er viele Kollegen ein, um Jesus kennenzulernen. Dabei fällt auf, dass Lukas von einem „großen Mahl“ spricht (Lk 5,29), während Matthäus selbst diese Einzelheit nicht erwähnt. Er sagt nur, dass viele Zöllner und Sünder kamen, und mit Jesus und seinen Jüngern zu Tisch lagen (Mt 9,10). Dieses kleine Detail unterstützt den Gedanken, dass er der Schreiber ist.

Matthäus war keiner, der in „der ersten Reihe“ der Jünger stand (wie Petrus, Johannes und Jakobus). Er wird relativ selten namentlich erwähnt. Doch immer dann, wenn alle 12 Jünger namentlich erwähnt werden, ist er dabei – entweder an der siebten oder achten Stelle (Mt 10,2–4; Mk 3,16–20; Lk 6,13–16; Apg 1,13).

Es wäre wohl seltsam gewesen, wenn die ersten Christen einem solchen Mann das erste Evangelium zugeschrieben hätten, wenn er nicht wirklich der Verfasser gewesen wäre.

Im weiteren Verlauf des Neuen Testamentes verliert sich die Spur von Matthäus. Die Kirchengeschichte berichtet darüber, dass er später als treuer Zeuge seines Herrn in der Diaspora (Zerstreuung) unter den Juden gearbeitet haben soll. Sicher ist das jedoch nicht.

3. Verfassungszeit und Ort der Niederschrift

Die Frage, wann und wo ein Bibelbuch geschrieben wurde, ist im Allgemeinen von untergeordneter Bedeutung. Im Fall von Matthäus ist sie allerdings nicht ganz so unwichtig, weil die moderne Wissenschaft gerne behauptet, er habe von Markus abgeschrieben.6 Beweise für diese These gibt es nicht. Den Schriften der frühen Kirchenväter kann man im Gegenteil entnehmen, dass Matthäus zuerst geschrieben hat, sodann Markus und Lukas und als letzter Johannes.

Wir wissen nicht genau, wann Matthäus geschrieben hat und von wo aus er geschrieben hat. Es gilt als sicher, dass sein Evangelium vor der Zerstörung Jerusalems im Jahr 70 n.Chr. geschrieben wurde. Die Art und Weise, wie Matthäus über die Stadt und den Tempel schreibt, lassen keinen anderen Rückschluss zu (vgl. Mt 24,2).7 Konservative Ausleger nennen häufig die Zeit zwischen 50 und 66 n.Chr., einige wenige gehen zurück bis auf das Jahr 40 n.Chr. Irenäus spricht von 60–66 n.Chr.

Es gibt interne Hinweise in dem Evangelium selbst, die zeigen, dass zumindest eine gewisse Zeit nach dem Leben Jesu vergangen sein muss, bevor Matthäus seinen Bericht geschrieben hat. Dies gilt vor allem für den zweifachen Hinweis „bis auf den heutigen Tag“ (Mt 27,8; 28,15). Solche Redewendungen gebraucht man nicht, wenn ein Bericht sehr zeitnah geschrieben wird. Deshalb scheint das Jahr 40 v.Chr. recht früh zu sein.

Der Ort der Niederschrift ist ebenfalls unbekannt. Über das Leben und Wirken von Matthäus und seine Reise weiß man zu wenig. Die traditionelle und altkirchliche Auffassung lautet, dass Matthäus in Palästina geschrieben hat und zwar, bevor er als Missionar in andere Gebiete gezogen ist. Andere nennen Antiochien oder einen anderen Ort in Syrien. Es ist müßig, über die Frage lange nachzudenken.

4. Sprache

Es gibt einen weiteren Punkt, der gerade im Fall des Matthäusevangeliums von einer gewissen – wenngleich untergeordneten – Relevanz ist. Es geht um die Frage, in welcher Sprache Matthäus geschrieben hat. Im Allgemeinen ist davon auszugehen, dass alle Bücher des Neuen Testamentes in Griechisch verfasst wurden. Allerdings wird im Fall von Matthäus immer wieder behauptet, er habe ursprünglich auf Hebräisch geschrieben und sein Text sei dann später ins Griechisch übersetzt worden.

Diese These geht zurück auf den Kirchenvater Papias von Hierapolis, der schreibt: „Matthäus stellte die Aussprüche in hebräischer Sprache zusammen, und jeder übersetzte sie, so gut er konnte“. Andere Kirchenväter bestätigen das. „Hebräisch“ ist dabei nach allgemeiner Auffassung der aramäische Dialekt, der von den Juden damals gesprochen wurde.

Zwei Überlegungen dazu:

  1. a) Es muss uns nachdenklich stimmen, dass es keinen einzigen Textfund eines hebräischen Manuskriptes (oder auch nur Fragmente davon) des Matthäusevangeliums gibt, der diese Theorie stützt.
  2. Die Frage ist, was Papias mit „Aussprüche“ gemeint hat. Das Wort „Logia“ (das er benutzt) bedeutet eigentlich „Spruch“ oder Ausspruch“. Manche beziehen es auf das gesamte Evangelium des Matthäus. Andere denken, es bezieht sich nur auf die tatsächlichen Worte (Aussprüche) Jesu. Eine dritte Gruppe versteht darunter die in dem Evangelium enthaltenen Zitate aus dem Alten Testament.

Wenn überhaupt, kann nur die Variante in Frage kommen, dass es sich auf die tatsächlichen Aussprüche (Worte) des Herrn bezogen hat. Es mag sein, dass Matthäus diese zunächst in Hebräisch (oder Aramäisch) aufgeschrieben hat. Den eigentlichen Text jedoch wird er ganz sicher auf Griechisch geschrieben haben. Dem Evangelium fehlen nämlich alle Merkmale eines übersetzten Werkes. Das Griechisch von Matthäus gilt als sehr gut, so dass es schwierig ist, sich vorzustellen, es sei eine Übersetzung. A. Remmers schreibt: „Eine hebräische Fassung der Aussprüche Jesu ist durchaus denkbar, bleibt aber doch Theorie, weil es keinerlei Textfunde dazu gibt. Man schätzt das Evangelium nicht als Übersetzung ein, sondern als griechischen Originaltext“.8

5. Adressaten

Es hilft häufig, den Inhalt eines Bibelbuches besser zu verstehen, wenn man weiß, an wen der Verfasser ursprünglich geschrieben hat. Das bedeutet nicht, dass die Botschaft nicht für jeden Bibelleser wichtig ist, doch es hilft, manche Aussagen besser einordnen zu können. Bei den meisten Büchern des Neuen Testamentes – vor allen Dingen den Briefen – werden die Adressaten ausdrücklich genannt.

Im Fall des Matthäusevangeliums werden die ursprünglichen Empfänger nicht genannt. Es liegt allerdings auf der Hand, dass Matthäus ganz offensichtlich an seine jüdischen Volksgenossen geschrieben hat. Auf Römer oder Griechen hätte dieses Evangelium allein mit den vielen Hinweisen auf das Alte Testament wahrscheinlich keinen besonderen Eindruck gemacht. Doch ein Jude, der das Alte Testament kannte, kann sich der Aussage- und Beweiskraft dieses Evangeliums kaum entziehen.

Folgende Tatsachen belegen diese Annahme:

  • Matthäus zitiert das Alte Testament häufiger als die übrigen Evangelisten. Für einen Juden war das wichtig. Für einen Römer oder Griechen eher weniger. Wir kommen darauf später noch zurück.
  • Das Alte Testament wird als bekannt und anerkannt vorausgesetzt. Jüdische Sitten, Gebräuche und Vorschriften werden ebenso wenig erklärt, wie geographische Orte und hebräische Ausdrücke.
  • Dreizehnmal – und damit deutlich häufiger als in den übrigen Evangelien – finden wir die Redewendung „damit erfüllt würde“ (oder ähnlich). Matthäus macht damit seinen jüdischen Lesern deutlich, dass Jesus Christus der verheißene Messias des Alten Testamentes ist.

6. Anlass und Zweck

Eng mit den Adressaten ist der Zweck und Anlass des Evangeliums verbunden. Matthäus schreibt an Juden, denen sich zwei Fragen stellten:

  1. Ist Jesus von Nazareth, der am Kreuz starb, wirklich der im Alten Testament angekündigte Messias?
  2. Wenn er es tatsächlich ist, warum ist er dann zu Gott zurückgekehrt und hat das im Alten Testament vorausgesagte Königreich nicht gegründet?

Diese Fragen waren für die Juden in der Tat relevant – selbst für solche, die Christen geworden waren. Sie hatten mit Sehnsucht darauf gewartet, dass Gott ihnen den Befreier senden würde. So gesehen, hat der Herr Jesus die politischen Erwartungen der Juden bei seinem Kommen nicht erfüllt. Er hatte die römischen Besatzer nicht vertrieben und den Thron Davids nicht aufgerichtet. Im Gegenteil: Sein eigenes Volk und dessen religiöse Führer hatten Ihn abgelehnt und getötet. Wie konnte da noch von Ihm als dem Messias die Rede sein? Auf diese Fragen antwortet Matthäus in seinem Evangelium. Er macht deutlich, dass Gott zu seinen Zusagen steht und das sie einmal erfüllt werden. Doch gerade, weil der Messias abgelehnt worden ist, würde das angekündigte Reich bis auf Weiteres eine ganz andere Form annehmen. Außerdem würde es etwas geben, das im Alten Testament gänzlich unbekannt war, nämlich die Versammlung Gottes.

Die ursprüngliche Zielgruppe teilt sich in zwei Gruppen auf:

  1. Bisher nicht zum christlichen Glauben gekommene Juden erhalten den Beweis, dass Jesus der Christus ist. Matthäus beweist ihnen, dass Er alle Voraussagen des Alten Testamentes erfüllt hat. Er beweist ihnen, dass die Ablehnung und der Tod des Messias geradezu notwendig waren, um das Alte Testament zu erfüllen. Er beweist, dass der Messias tatsächlich zuerst für die Juden gekommen ist, dass sie Ihn aber abgelehnt und getötet haben und dass nun das Evangelium allen übrigen Völkern gepredigt wird. Das Matthäusevangelium ist somit einerseits eine Einladung für die Juden und zugleich verteidigt es die Angriffe der Juden gegen die Christen.
  2. Bereits zum christlichen Glauben gekommene Juden werden darin bestärkt, dass es kein Irrtum war, Christus anzunehmen und die jüdische Religion zu verlassen.

W. Kelly schreibt dazu: „Das Matthäusevangelium enthält innere Beweise, dass Gott hier speziell für die Belehrung derer unter den Seinen sorgt, die früher Juden waren. Es ist ganz besonders zu dem Zweck geschrieben worden, um jüdische Christen in ein besseres Verständnis über die Herrlichkeit des Herrn Jesus einzuführen. Folglich wird hier ausführlich jedes Zeugnis gefunden, das einen Juden überzeugen und ihm genügen musste und das seine Gedanken berichtigen und erweitern konnte. Deshalb die Genauigkeit beim Zitieren aus dem Alten Testament. Deshalb das Zusammenströmen der Prophetie auf den Messias. Deshalb auch die Art und Weise, in der die Wunder Christi und die Ereignisse Seines Lebens hier zusammengestellt sind. Das Zeugnis begegnete genau den jüdischen Schwierigkeiten. Wunder finden wir zweifellos woanders ebenso geschildert und gelegentlich auch Prophezeiungen. Doch wo finden wir sie so zahlreich wie bei Matthäus? Wo sonst beabsichtigt der Geist Gottes so unablässig und auffallend, an allen Orten und in allen Umständen die Schrift auf den Herrn Jesus anzuwenden? Ich muss bekennen, dass es mir unmöglich erscheint, dass eine aufrichtige Seele dieser Schlussfolgerung widerstehen könnte“.9

Das Matthäusevangelium wird wegen seiner ursprünglichen Zielgruppe und seiner Absicht manchmal als „jüdisches Evangelium“ bezeichnet. Es gilt, diese Tatsache beim Lesen gut zu beachten. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass es durchaus für die christliche Zeit geschrieben wurde. Es geht gerade um den Übergang der Zeiten vom Judentum zum Christentum (von der Zeit des Gesetzes zur Zeit der Gnade). Ausleger sprechen deshalb gerne davon, dass dieses Evangelium einen „Dispensationalen Charakter“ hat10. Dieser Hintergrund ist z.B. wichtig, um die Bergpredigt oder die Gleichnisse vom Reich der Himmel richtig zu verstehen. A.C. Gaebelein schreibt: „Wir können sicher sagen, dass jemand (unabhängig davon wie gelehrt und hingebungsvoll er sein mag), der die Wahrheit über die Haushaltungen bezüglich Juden, Heiden und der Versammlung Gottes nicht festhält, das Matthäusevangelium nicht verstehen kann“.11

7. Charakter und Inhalt

Das Matthäusevangelium ist ein Buch des Endes und zugleich des Anfangs. Es zeigt denjenigen, der gekommen ist, um das Alte Testament zu erfüllen und sein Volk zu retten. Weil Er abgelehnt wird, ändert sich das Handeln Gottes. Ein neues Heilszeitalter beginnt. Es ist also – wie wir gesehen haben – einerseits ein jüdisches Evangelium. Es ist andererseits unbedingt ein christliches Evangelium. Matthäus spricht ausführlich von dem Königreich, zeigt aber, wie sich die Form dieses Reiches aufgrund der Ablehnung des Königs geändert hatte. Es hat jetzt eine „geheimnisvolle“, d.h. nicht sichtbare Form angenommen (deshalb spricht der Herr von den „Geheimnissen des Reiches der Himmel“). Darüber hinaus ist Matthäus der einzige Evangelist, der die Versammlung namentlich erwähnt. Matthäus spricht über das Kommen des Heiligens Geistes und die Taufe mit dem Heiligen Geist, die den Anfang der Versammlung dokumentiert (vgl. 1. Kor 12,13). Diese typisch christlichen Themen werden später in den Briefen erklärt. Doch die Grundsätze finden sich bereits bei Matthäus.

Matthäus beginnt ausführlich mit dem Geschlechtsregister und der Geburt des Königs. Das ist notwendig, um zu beweisen, dass Jesus von Nazareth der rechtmäßige König ist. Sodann spricht er ausführlich über den Dienst des Herrn Jesus in Galiläa. Der König bietet den Juden das Reich an, so wie es im Alten Testament angekündigt war. Doch dann entsteht ein Bruch. Der König wird abgelehnt. Das Reich nimmt deshalb eine andere Form an. Doch obwohl der König abgelehnt wird, setzt Er seinen Dienst solang fort, bis die Juden ihn töten. Der Tod kann Ihn allerdings nicht halten. Er steht aus den Toten auf und zeigt sich seinen Jüngern.

Es gibt einige Hauptgedanken, die das Evangelium durchziehen. Dazu zählen vor allem die fünf großen Reden des Herrn Jesus, die alle mit einer ähnlichen Formulierung enden: „Und es geschah, als Jesus diese Reden vollendet hatte...“ (Mt 7,28; 11,1; 13,53; 19,1; 26,1):

  • Die Bergpredigt (Kap 5–7)
  • Die Aussendungsrede (Kap 10)
  • Die Gleichnisse vom Reich der Himmel (Kap 13)
  • Die Rede über das persönliche und gemeinsame Verhalten (Kap 18)
  • Die Endzeitrede (Kap 24–25)

Das Thema des Reiches Gottes (bei Matthäus fast immer Königreich der Himmel genannt) spielt eine wesentliche Rolle. Weil die Juden den König ablehnten, kann dieses Reich nicht auf sie beschränkt werden. Obwohl Matthäus an Juden schreibt, wird immer wieder deutlich, dass das Heil Gottes ebenso die Heiden erreichen wird. Er schreibt von den Heiden, die den geborenen König anbeten (Mt 2,1–12). Er erwähnt die Heilung im Haus eines römischen Hauptmanns (Mt 8,5–13). Mehrfach wird der Glaube der Heiden gelobt (Mt 8,10; 15,28; 27,54). Ganz am Ende steht der Missionsbefehl, der ausdrücklich die Nationen einschließt (Mt 28,18–20).

8. Besonderheiten

Das Matthäusevangelium ist – nicht zuletzt als Bindeglied zwischen Altem und Neuem Testament – durch eine Reihe von Besonderheiten geprägt.

8.1. Häufige Zitate aus dem Alten Testament

Es wird häufiger als in jedem anderen Buch des Neuen Testamentes aus dem Alten Testament zitiert oder auf das Alte Testament angespielt. Ohne eine gewisse Kenntnis des Alten Testamentes werden wir dieses Buch nicht wirklich verstehen können. Man kann ca. 60 Zitate und Anführungen aus dem Alten Testament finden, wobei es manchmal nur wenige Worte und keine ganzen Verse sind. Ca. 30 echte Zitate sind zu erkennen und zum Teil als solche ersichtlich gemacht (z.B. 2,5.6; 3,3; 4,4.7.10).12 Vierzehnmal werden Ereignisse im Leben Jesus ausdrücklich als Erfüllung von Weissagungen aus dem Alten Testament bezeichnet (Mt 1,22.23; 2,5.6.15.17.18.23; 4,14–16; 8,17; 11,10; 12,17–21; 13,35; 21,4.5.42; 26,31; 27,9.10). Zehnmal wird Jesus als „Sohn Davids“ vorgestellt (Mt 1,1; 9,27; 12,23; 15,22; 20,30.31; 21,9.15; 22,42.45).13 Das alles macht völlig klar, dass der Herr Jesus in der Tat der von Gott gesandte Messias ist, der – so wie angekündigt – zu seinem Volk kam. Er ist durch die Tür in den Schafhof gekommen, d.h. den Voraussagen im Alten Testament entsprechend (vgl. Joh 10,2).

Allein im ersten Teil des Buches finden sich sieben direkten Hinweise aus dem Alten Testament, die jedem Leser unmittelbar klarmachen, dass der in Bethlehem geborene Jesus niemand anders als der Messias ist, der im Alten Testament angekündigt wurde.

Referenz Matthäus Tatbestand Referenz Altes Testament
Matthäus 1,23 Geboren von einer Jungfrau Jesaja 7,14
Matthäus 2,6 Der Geburtsort Bethlehem Micha 5,1
Matthäus 2,15 Aus Ägypten gekommen Hosea 11,1
Matthäus 2,18 Kindermord durch Herodes Jeremia 31,15
Matthäus 2,23 Nazarener genannt Jesaja 11,1 (Spross)
Matthäus 3,3 Der Wegbereiter Johannes Jesaja 40,3
Matthäus 4,15f Der Auftrag Jesaja 8,23; 9,1

Weitere direkte Hinweise auf die Person des Herrn Jesus finden sich in folgenden Stellen:

Referenz Matthäus Tatbestand Referenz Altes Testament
Matthäus 8,17 Er nahm unsere Schwachheiten auf sich Jesaja 53,4
Matthäus 11,1 Der Bote vor seinem Angesicht Maleachi 3,1
Matthäus 12,21 Auf seinen Namen hoffen die Nationen Jesaja 42,1–4
Matthäus 13,35 In Gleichnissen geredet Psalm 78,2
Matthäus 21,5 Einzug in Jerusalem auf einem Esel Sacharja 9,9
Matthäus 21,42 Der Stein zum Eckstein geworden Psalm 118,22.23
Matthäus 22,44 Setze dich zu meiner Rechten Psalm 110,1
Matthäus 23,39 Gepriesen sei, der da kommt... Psalm 118,26
Matthäus 26,31 Ich werde den Hirten schlagen Sacharja 13,7
Matthäus 27,9.10 Der Preis für den Herrn – 30 Silbersekel Sacharja 11,12.13

8.2. Sondergut

Unter „Sondergut“ verstehen wir nicht – wie die moderne Theologie es zum Teil tut – eine Überlieferungsquelle, die dem Schreiber zur Verfügung gestanden haben soll. Es geht vielmehr um Berichte, die nur in einem einzigen Evangelium stehen und in keinem anderen erwähnt werden. Man kann im Allgemeinen davon ausgehen, dass gerade dieses „Sondergut“ typisch für den jeweiligen Evangelisten ist, der es berichtet.

Beim Vergleich der vier Evangelien fällt sofort auf, dass sich vor allem Johannes deutlich von den drei anderen unterscheidet. Doch auch Matthäus gibt eine Reihe von Informationen, die wir in den anderen Evangelien nicht finden (insgesamt etwas über 40% seines Inhalts gilt an Sondergut). Dazu zählen Berichte über Wunder und Zeichen, über bestimmte Ereignisse und vor allem die fünf großen Reden des Herrn. Nur Matthäus berichtet z.B. über die Heilung der beiden Blinden (Mt 9,27–31), des stummen Besessenen (Mt 9,32–33), des blinden und stummen Besessenen (Mt 12,22) und dem Wunder des Fisches mit der Münze im Maul (Mt 17,24–27). Eine weitere Besonderheit sind die vielen Gleichnisse. Zwölf dieser Gleichnisse werden nur von Matthäus berichtet. Darüber hinaus enthält nur das Matthäusevangelium:

  • Das Geschlechtsregister (Mt 1)
  • Die Begebenheit der Weisen aus dem Morgenland (Mt 2)
  • Der Kindermord von Bethlehem (Mt 2)
  • Die Flucht nach Ägypten (Mt 2)
  • Das Gehen von Petrus auf dem Wasser (Mt 14)
  • Den zweifachen Hinweis auf die Versammlung (Mt 16 und 18)
  • Details zum Verrat von Judas (Mt 27)
  • Details zur Grablegung und zur Auferstehung (Mt 27 und 28)
  • Die Begegnung des Auferstandenen mit den Frauen (Mt 28)

8.3. Dispensationaler Charakter

Mehr als jedes andere Evangelium ist das Matthäusevangelium vom Ton und von der Thematik her verwandt mit den Schriften des Alten Testamentes. Wichtige Themen sind das Reich, der König, der Messias, das Gesetz und die Prophetie. Gedankengut des Alten Testamentes und den Juden gut bekannte Begriffe durchziehen den Bericht. Zugleich finden wir jedoch viele neutestamentliche Begriffe in diesem Buch, die im Alten Testament unbekannt waren. So lesen wir z.B. von der veränderten Form des Reiches (den Geheimnissen vom Reich). Wir lesen zum einzigen Mal in den Evangelien überhaupt von der neutestamentlichen Versammlung (Gemeinde). Die Taufe mit dem Heiligen Geist wird ebenso erwähnt wie die christliche Wassertaufe. Das alles zeigt deutlich, dass wir uns in diesem Evangelium am Übergang der Haushaltung (Dispensation) des Gesetzes und der Haushaltung der Gnade (der gegenwärtigen Zeit der Gnade) befinden.

Hier einige Beispiele für typische Belehrungen in Verbindung mit den Haushaltungen:

  • Das Reich wird angekündigt
  • Der König zeigt die Grundsätze des Reiches
  • Der König wird abgelehnt
  • Das Reich nimmt gegenwärtig eine veränderte Form an
  • Die Versammlung – als etwas völlig Neues und im Alten Testament unbekannt – wird angekündigt14
  • Der König spricht über die zukünftige Herrlichkeit des Reiches im Blick auf Israel und die Nationen

8.4. Das Reich der Himmel

Es wundert uns nicht, dass in dem Evangelium des Königs häufig über dessen Reich (eigentlich Königreich) gesprochen wird. Es ist das Reich Gottes, d.h. die Herrschaft Gottes über diese Erde, die Er seinem Sohn gibt. Dieses Reich war im Alten Testament angekündigt und nun war der König da. Es fällt jedoch auf, dass Matthäus von wenigen Ausnahmen abgesehen über das „Reich der Himmel“ spricht, während die übrigen Schreiber diesen Ausdruck überhaupt nicht gebrauchen.

Der Ausdruck „Reich Gottes“ beantwortet vor allem die Frage, wem das Reich gehört, nämlich Gott. Der Ausdruck „Reich der Himmel“ beantwortet vor allem die Frage, von woher die Macht kommt, nämlich vom Himmel. Es ist ein und dasselbe Reich jeweils unter einem bestimmen Gesichtspunkt betrachtet. Das „Reich der Himmel“ ist ein Reich auf dieser Erde, das nach himmlischen Grundsätzen und vom Himmel aus regiert wird. Dieser Gedanke war den Juden zur Zeit des Herrn Jesus nicht ganz fremd. Mose hatte davon gesprochen, dass die Tage des Volkes „wie Tage des Himmels über der Erde sein sollten“ (5. Mo 11,21). In Psalm 103 heißt es: „Der Herr hat in den Himmeln festgestellt seinen Thron, und sein Reich herrscht über alles“ (Ps 103,19). Noch deutlicher wird das im Propheten Daniel. Dort lesen wir die vielsagende Formulierung, dass „die Himmel herrschen“ (Dan 4,23). In Daniel 2,44 spricht Daniel ausdrücklich davon, dass der „Gott des Himmels“ ein Reich aufrichten wird. Es geht also um eine Regierung, die vom Himmel her ausgeübt wird. Ein Bild davon sind die Himmelskörper, die vom Himmel aus Tag und Nacht die Erde „beherrschen“ (1. Mo 1,16).

Früher wurde das Reich von Königen auf der Erde regiert. Das sollte sich jetzt ändern. Der König kommt vom Himmel auf die Erde, deshalb ist das Reich ein Reich des himmlischen Königs. Das zeigt den Wechsel der Haushaltung. Deshalb ist der Begriff „Reich der Himmel“ ganz besonders mit der Änderung der Haushaltungen verbunden, und genau darum geht es bei Matthäus. Wie bereits bemerkt, kommt der Ausdruck „Reich der Himmel“ nur bei Matthäus vor.15 Das hängt mit dem besonderen Charakter dieses Evangeliums als „Brücke“ zwischen den beiden Testamenten zusammen. Matthäus deutet den Wechsel der Haushaltungen (Heilszeitalter) zwischen Judentum und Christentum an. Die Juden warteten auf ihren Messias, der hier auf der Erde sein Reich gründen würde. Das war ihre Hoffnung. Wir sehen das deutlich bei den Jüngern, die noch kurz vor der Himmelfahrt des Herrn fragten: „Stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her?“ (Apg 1,6).

Die Zeit für das öffentliche Reich auf dieser Erde war jedoch nicht gekommen. Als der Messias zu seinem Volk kam, nahmen sie Ihn nicht an. Sie wollten seine Herrschaft nicht und lehnten Ihn als König ab. „Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche“ (Lk 19,14). Schließlich verlässt der Herr am Anfang von Matthäus 13 das Haus (ein Bild von Israel) und setzt sich an den See (ein Bild der Nationen). Nun beginnt Er, in den verschiedenen Gleichnissen vom Reich der Himmel zu zeigen, welchen Charakter dieses Reich jetzt haben würde, nachdem der König zurückgewiesen worden war. Dieses Kapitel ist ein wichtiger Wendepunkt in den Wegen Gottes. Das Reich würde (noch) nicht in Macht und Herrlichkeit gegründet werden. Es würde vielmehr einen geheimnisvollen und verborgenen Charakter bekommen. Der abgelehnte König ist jetzt im Himmel. Auf der Erde sind Menschen, die seine Ablehnung teilen und Ihm auf dieser Erde dienen und nachfolgen.

Das Reich nahm seinen Anfang, als der König auf diese Erde kam.16 Obwohl Er abgelehnt wurde, existiert dieses Reich dennoch. Jetzt – in der Zeit, in der wir leben – befindet sich das Reich der Himmel überall da, wohin sich der Einfluss des im Himmel verherrlichten Herrn erstreckt und Menschen sich zu Ihm bekennen. Es begann alles gut. Leider mischte sich sehr bald Ungutes, Unechtes und Böses ein. Es gab – und gibt – Menschen, die ein Bekenntnis zu Ihm haben, Ihn allerdings nie im Herzen angenommen haben. Deshalb wurde das Reich der Himmel schließlich eine sehr gemischte Sache. Das Reich der Himmel nimmt sein Ende mit dem tausendjährigen Reich.17

Das Reich der Himmel hat also sehr stark mit dem Gedanken an den Wechsel der Zeiten in den Wegen Gottes mit der Erde zu tun. Das ist an dieser Stelle nichts anderes als der Wechsel vom Judentum zum Christentum. Deshalb steht beim Reich der Himmel oft der Gedanke an eine Zeitepoche (mit einem Anfang und einem Ende) im Vordergrund, während Reich Gottes ein übergeordneter und zugleich moralischer Begriff ist. Im Reich Gottes stehen nicht so sehr der zeitliche Aspekt, sondern die inneren Charakterzüge im Vordergrund, die dieses Reich trägt. Dies sind nach Römer 14,17 vor allem Werte wie Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Diese Charakterzüge sollen Jünger Jesu heute schon prägen.

8.5. Fünf große Reden des Herrn Jesus

Ähnlich wie im Johannesevangelium finden wir bei Matthäus einige längeren Reden unseres Herrn. Allerdings ist der Charakter der Ansprachen in den beiden Evangelien völlig anders und jeweils übereinstimmend mit der besonderen Botschaft, die damit verbunden ist. Bei Matthäus dreht sich alles um das Reich und den Wechsel der Haushaltungen. Der Herr erfüllt damit eine weitere Prophezeiung aus dem Alten Testamente, nämlich dass Er durch seine Erkenntnis die Vielen zur Gerechtigkeit weisen wird (Jes 53,11). Die fünf Reden sind:

Ø Die Bergpredigt (Kap 5–7): Sie zeigt gleich zu Beginn des Dienstes des Herrn die Grundsätze, die im Reich der Himmel gültig sind. Man nennt sie auch „das Grundgesetz des Reiches“. Das Hauptthema ist „Gerechtigkeit“. Die Bergpredigt hat erstens eine direkte Bedeutung für die Jünger damals. Sie hat zweitens eine ausgeprägte prophetische Bedeutung für den gläubigen Überrest der Juden in der Zukunft (bevor das Reich in Macht und Herrlichkeit gegründet wird). Sie hat drittens eine praktische Bedeutung für jeden, der heute als Jünger seinem Herrn folgen will.

Ø Die Aussendungsrede (Kap 10): Diese Rede richtet sich an die Jünger und zeigt ihren Auftrag als Gesandte des Messias. Sie sollen von Ihm zeugen. Erneut gibt es erstens eine direkte Bedeutung für die Jünger damals, sowie zweitens eine prophetische Bedeutung vor Beginn des kommenden Reiches. Die meisten Anordnungen tragen einen typisch jüdischen Charakter. Dennoch gibt es drittens auch eine praktische Anwendung für jeden, der heute ein Jünger Jesu ist.

Ø Die Gleichnisse vom Reich der Himmel (Kap 13): Die acht Gleichnisse vom Reich der Himmel sind von grundlegender Bedeutung. Sie zeigen, welche – innere und äußere – Form und Entwicklung das Reich angenommen hat, nachdem die Juden den König abgelehnt haben. Diese geheimnisvolle Form des Reiches besteht während der christlichen Zeit. Der König ist im Himmel und doch besteht sein Reich auf dieser Erde in denen, die seine Rechte anerkennen.

Ø Die Rede über das persönliche und gemeinsame Verhalten (Kap 18): Erneut werden die Jünger angesprochen. Der Herr macht ihnen klar, welch ein Verhalten und welche Gesinnung Er von ihnen erwarten kann. Die gezeigten Grundsätze gelten im Reich Gottes ebenso wie in der Versammlung. Die herausragenden Merkmale sind Demut und Vergebungsbereitschaft.

Ø Die Endzeitrede (Kap 24–25): Ähnlich wie Kapitel 13 ist auch diese Rede von grundsätzlicher Bedeutung für ein gutes Verständnis biblischer Prophetie. Es geht erstens um die Zukunft Israels und besonders des gläubigen Überrestes (Kap 24,1–44). Es geht zweitens in drei Gleichnissen um die Zeit der Christenheit (Kap 24,45–25,30). Es geht drittens um die Zukunft der Nationen (Kap 25,31–46). Diese Rede reicht zeitlich bis zur Erscheinung des Herrn in Herrlichkeit.

Die Reden des Herrn Jesus machen einen wichtigen Teil des gesamten Evangeliums aus. Es sind wesentlich längere Redepassagen als in den übrigen Evangelien (von den Abschiedsworten des Herrn in Johannes 13–17 einmal abgesehen).

8.6. Das Geschlechtsregister

Nur Matthäus und Lukas enthalten ein Geschlechtsregister. Lukas geht dabei bis auf Adam zurück, denn er zeigt Jesus als den wahren Menschen. Matthäus hingegen geht bis auf Abraham – den Stammvater Israels – zurück, dem besondere Zusagen gegeben waren, die sich in dem Messias erfüllen sollten. Es werden drei Gruppen von je 14 Geschlechterfolgen erwähnt. Für einen König Israels ist es neben der Abstammung von Abraham wichtig, David als Vorvater zu haben. Der erste Vers des Evangeliums betont deshalb, dass der geborene König zugleich der Sohn Davids war und damit einen rechtmäßigen Anspruch auf den Thron hatte. Das Geschlechtsregister enthält darüber hinaus die Besonderheit, dass vier Frauen erwähnt werden, die allesamt keine besonders rühmliche Geschichte vorzuweisen hatten. Es handelt sich um Tamar, Rahab, Ruth und Bathseba.

Eine scheinbare Schwierigkeit ergibt sich aus der Tatsache, dass wir aus Jeremia 22,24–30 lernen, dass auf der Königslinie der Nachkommen Davids ein Fluch Gottes lag. Gott sagt zu Konja, dem Sohn Jojakims (in Mt 1,11 Jekonja genannt): „O Land, Land, Land, höre das Wort des Herrn! So spricht der Herr: Schreibt diesen Mann auf als kinderlos, als einen Mann, der kein Gelingen hat in seinen Tagen; denn von seinen Nachkommen wird nicht einer gedeihen, der auf dem Thron Davids sitze und fortan über Juda herrsche“ (Jer 22,29.30). Damit ist deutlich, dass der Messias kein biologischer Nachkomme Jekonjas sein konnte. Wie konnte Er dann dennoch ein Sohn Davids sein? Dieses Problem löst sich dadurch, dass der Herr Jesus von Maria geboren wurde (obwohl sie eine Jungfrau war). Aufgrund ihrer Ehe mit Joseph hatte ihr Sohn Jesus familienrechtlich einen Anspruch auf den Thron, weil Joseph – obwohl nicht sein biologischer Vater – rechtlich doch als sein Vater galt.18 Es entsprach den eherechtlichen Anschauungen der Juden, dass Jesus durch die Heirat seiner Mutter mit Joseph als rechtmäßiger Sohn Josephs anerkannt war. Deshalb heißt es ausdrücklich: „Jakob aber zeugte Joseph, den Mann der Maria, von der Jesus geboren wurde, der Christus genannt wird“ (Mt 1,16). Durch seine Mutter Maria war Er ein jedoch ebenfalls wirklicher „Sohn Davids“. Maria war zwar keine Tochter Salomos (Königslinie), sondern eine Tochter Nathans, eines Bruders von Salomo (Lk 3,31). Damit stammte sie von David ab. Das ist nicht ohne Bedeutung, denn das Alte Testament sagt eindeutig voraus, dass der Messias als „Sohn Davids“ ein Nachkomme Davids sein würde (z.B. Ps 132,11; Jer 23,5).19

8.7. Die Versammlung

Matthäus ist der einzige Evangelist, der die neutestamentliche Versammlung (Gemeinde) ausdrücklich erwähnt – und das zweimal. Sie besteht nach den Belehrungen des Neuen Testamentes aus allen Glaubenden der Gnadenzeit, die das Wort der Wahrheit gehört und das Evangelium des Heils angenommen haben und in Folge dessen mit dem Heiligen Geist versiegelt worden sind (Eph 1,13). Diese Versammlung ist nicht mit dem Reich Gottes zu verwechseln, von dem Matthäus sonst so häufig spricht. Beides – Reich Gottes und Versammlung Gottes – besteht zur gleichen Zeit und zum Teil aus denselben Personen. Der Blickwinkel ist jedoch jeweils verschieden.

Zum ersten Mal erwähnt der Herr Jesus die Versammlung in Matthäus 16,18. Dort spricht Er davon, dass Er selbst die Versammlung bauen wird (und zwar aus lebendigen Steinen, d.h. aus Menschen, die Leben aus Gott haben) und die Pforten des Hades sie nicht überwältigen wird, weil sie auf Ihn selbst gebaut wird. Der Blickwinkel ist hier auf die weltweite Versammlung gerichtet, die aus allen Erlösten der Gnadenzeit besteht.

Beim zweiten Mal liegt der Blickwinkel auf der örtlichen Versammlung, so wie sie als Ausdruck der weltweiten Versammlung an einem Ort zusammenkommt. In Matthäus 18,20 zeigt der Herr Jesus, dass Er da, wo zwei oder drei in seinem Namen zusammenkommen, in der Mitte ist.

9. Gliederung

Das Matthäusevangelium folgt einer relativ geordneten Struktur und inhaltlichen Systematik. Matthäus schreibt (wie Lukas) nicht chronologisch, sondern stellt die Dinge in einem bestimmten sachlichen Zusammenhang vor.

Wie bei fast allen Bibelbüchern gibt es unterschiedliche Gliederungsmöglichkeiten, die eine Hilfe sein können, den Inhalt besser zu erfassen. Das Matthäusevangelium hat – wenn man eine erste grobe Einteilung vornehmen will – drei große Teile:

  • Teil 1: Die Kapitel 1–12 zeigen Jesus als den Messias (König), der zu seinem irdischen Volk (den Juden) kommt und ihnen das Reich anbietet. Die Grundsätze des Reiches werden erklärt (in der Bergpredigt). Der König wird jedoch abgelehnt. Diese Ablehnung erreicht in Kapitel 12 ihren vorläufigen Höhepunkt. Die Pharisäer wagen es, die Wunderwerke des Messias dem Teufel zuzuschreiben.
  • Teil 2: Weil Er abgelehnt wird, weitet sich in den Kapiteln 13–25 das Gesichtsfeld und schließt die Heiden mit ein (ohne die Juden aus dem Blickfeld zu verlieren). Der abgelehnte König macht deutlich, welche Folgen seine Ablehnung hat. Das im Alten Testament angekündigte Reich sollte nun eine andere Form annehmen, die nicht vorausgesagt war. In diesem Teil des Evangeliums ist zum ersten Mal die Rede von der neutestamentlichen Versammlung (Mt 16,18; 18,20).
  • Teil 3: Die Kapitel 26–28 zeigen das Ende des Dienstes in Jerusalem, sein Leiden und Sterben und seine Auferstehung. Die Himmelfahrt wird bei Matthäus (wie bei Johannes) nicht erwähnt. Der Herr sagt vielmehr zu seinen Jüngern: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ (Kap 28,20). Das zeigt, dass die Zusagen an Israel nicht aufgehoben, sondern ihre Erfüllung lediglich aufgeschoben ist. Es wird ein tausendjähriges Reich (eine Vollendung des Zeitalters) geben.

Eine etwas detaillierte Einteilung ergibt insgesamt sieben Teile:

(1) Kapitel 1,1–4,11: Einführung

Es geht um das Geschlechtsregister, die Geburt, die Verehrung durch die Magier, den Hass des Herodes, die Taufe im Jordan und die Versuchung in der Wüste.

  • Stammbaum und Geburt des Königs (Kap 1)
  • Huldigung durch Heiden und Verfolgung durch Juden (Kap 2)
  • Bestätigung durch den Vorläufer und durch Gott selbst (Kap 3)
  • Erprobung und Bewährung in der Versuchung (Kap 4,1‒11)

(2) Kapitel 4,12–7,29: Beginn des Dienstes und der Predigt in Galiläa

Es geht um den Anfang des Dienstes, die Berufung einiger Jünger, die Heilung von Krankheiten und vor allem um die Bergpredigt, in der die Grundsätze des Reiches erklärt werden.

  • Beginn des öffentlichen Dienstes, Berufung einiger Jünger und erste Wunder (Kap 4,12‒25)
  • Erste große Rede – Grundsätze des Reiches der Himmel (die Bergpredigt)
  1. Das Kennzeichen der Jünger im Reich.
  2. Das Leben der Jünger im Reich (Kap 6)
  3. Die Beziehungen der Jünger im Reich (Kap 7)

(3) Kapitel 8–12: Die Fortsetzung des Dienstes in Galiläa und die vorläufige Ablehnung des Königs

Es geht vor allem um die Autorität und Vollmacht des Messias über Krankheiten, Leiden, Dämonen, Menschen, Naturgewalten, den Tod, die Macht zur Sündenvergebung, die Autorität zur Predigt der guten Botschaft. In Kapitel 10 werden die Jünger ausgesandt. Am Ende dieses dritten Teiles wird der König abgelehnt. Es wird deutlich, dass sein irdischen Volk Ihn nicht annehmen wird. Der Herr Jesus akzeptierte diese Ablehnung.

  • Seine Macht über Krankheiten (Kap 8,1‒17)
  • Seine Autorität über Menschen, Naturgewalten und Dämonen (Kap 8,18‒34)
  • Seine Vollmacht zur Sündenvergebung (Kap 9,1‒17)
  • Seine Macht über Leiden und Tod (Kap 9,18‒38)
  • Aussendung der Boten des Königs (Aufgaben, Versuchungen und Bewährung (Kap 10)
  1. Johannes der Täufer (Kap 11,1–19)
  2. Ankündigung des Gerichts und Angebot der Gnade (Kap 11,20–30)
  3. Widerspruch und Ablehnung durch die geistliche Führerschaft (Kap 12)

(4) Kapitel 13–20: Der Dienst des abgelehnten Königs auf dem Weg nach Jerusalem

Es geht zunächst um die Gleichnisse vom Reich der Himmel. Sie zeigen die veränderte Form des Königreiches, das nicht länger auf Israel beschränkt ist. Im weiteren Verlauf wird der Tod von Johannes beschrieben. Weitere Themen sind Warnung vor den Pharisäern und ihrer Überlieferung, die erste Ankündigung der Versammlung, erste Hinweise auf sein Leiden und Sterben, die Verherrlichung auf dem Berg, das Verhalten der Jünger im Reich.

  • Die Gleichnisse vom Reich der Himmel (Kap 13,1–52)
  • Unglaube der Menschen in der eigenen Vaterstadt (Kap 13,53–58)
  • Der Tod Johannes des Täufers (Kap 14,1‒13)
  • Wunder vor den Augen der Jünger – Speisung der fünftausend und Überfahrt (Kap 14,14‒36)
  • Vom richtigen und falschen Glauben (Kap 15)
  • Unterweisung und Vorbereitung der Jünger (Kap 16)
  • Kommende Herrlichkeit und gegenwärtige Realität (Kap 17)
  • Unterweisung für Jünger zur richtigen Gesinnung – wahre Größe, Rücksicht auf Schwache, Umgang miteinander, Vergebungsbereitschaft (Kap 18)
  • Weitere Belehrungen – Ehe und Ehescheidung, Kinder, der Weg zum ewigen Leben, falsches Anspruchsdenken der Jünger (Kap 19–20,28)
  • Letztes öffentliches Zeichen vor dem Einzug in Jerusalem (Kap 20,29–34)

(5) Kapitel 21–25: Der Dienst des Königs in Jerusalem

Es geht um seinen Einzug in Jerusalem, um weitere Gleichnisse, das siebenfache „Wehe“ über die geistliche Führerschaft und vor allem um die Endzeitrede. Der Herr Jesus spricht zunächst über die Zukunft des gläubigen Überrestes in der Zukunft. Dann geht es um die Zeit der Christenheit und schließlich um die Zukunft der Nationen und das Gericht, wenn er kommt, um sein Reich aufzurichten und in Gerechtigkeit zu regieren.

  • Einzug in Jerusalem und Reinigung des Tempels (Kap 21,1‒17)
  • Die Belehrung des verdorrten Feigenbaums (Kap 21,18‒22)
  • Dispute mit der religiösen Führerschaft (Kap 21,23‒22,46)
  • Siebenfaches Wehe über die Pharisäer (Kap 23)
  • Die Endzeitrede des Königs (Kap 24–25)
  • Israel (Kap 24,1–44)
  • Die Christenheit (Kap 24,45–25,30)
  • Die Nationen und das kommende Gericht (Kap 25,31–46)

(6) Kapitel 26–27: Die Vollendung des Dienstes – die Leiden und der Tod des Königs

Es geht um Hass und Zuneigung, um die Feier des Passahs, die Gefangennahme, die Überlieferung, die Verhöre, die Kreuzigung und schließlich um den Tod und das Begräbnis.

  • Mordplan der Juden (Kap 26,1–5)
  • Liebesbeweis in Bethanien (Kap 26,6‒16)
  • Passahmahl mit den Jüngern (Kap 26,17‒35)
  • Ringender Kampf in Gethsemane (Kap 26,36‒46)
  • Gefangennahme und Misshandlungen (Kap 26,47‒68)
  • Verleugnung durch Petrus und Ende des Judas (Kap 26,69‒27,10)
  • Verurteilung, Kreuzigung und Tod (Kap 27,11–56)
  • Begräbnis und Sicherheitsvorkehrungen (Kap 27,57–66)

(7) Kapitel 28: Der Triumph des Dienstes – Sieg und Auferstehung

Es geht um seine Auferstehung, Begegnungen mit dem Auferstandenen, den Sendungsbefehl und seine letzten Worte an die Jünger.

  • Erste Begegnungen mit dem Auferstandenen (Kap 28,1–10)
  • Vertuschungsversuche der Juden (Kap 28,11‒15)
  • Letzte Worte des Herrn an seine Jünger (Kap 28,16‒20)

10. Praktische Lektionen

„Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit“ (2. Tim 3,16). Das schließt selbstverständlich das Matthäusevangelium ein. Selbst wenn es ursprünglich für Juden (Gläubige und Ungläubige) geschrieben war, um sie davon zu überzeugen, dass Jesus von Nazareth der von Gott gesandte Messias war, liegt in diesem Evangelium eine Botschaft für jeden, der es liest. Die Aussagen von Matthäus sind für uns nützlich, damit wir mehr zu Ehre unseres Herrn leben. Wie in jedem anderen Evangelium finden wir die Fußspuren unseres Herrn, denen wir folgen und die Gesinnung des Herrn, die wir offenbaren möchten.

Ich möchte drei wichtige Lektionen exemplarisch nennen:

  1. Jeder Leser sollte sein ganzes Leben – mit allen Teilbereichen – der Herrschaft des Herrn Jesus unterstellen. Es ist wahr, dass die Briefe an keiner Stelle davon sprechen, dass Jesus unser „König“ ist. Dennoch ist Er der Herr, dem alle Gewalt gegeben ist. Wir sind seine Jünger und seine Diener. Er hat einen Anspruch darauf, dass wir Ihm folgen, Ihm dienen und seinen Willen tun.
  2. Jeder Leser sollte bereit sein, die Ablehnung des Herrn zu teilen. „Ein Knecht ist nicht größer als sein Herr, noch ein Gesandter größer als der, der ihn gesandt hat“ (Joh 13,16). Wenn unser Herr abgelehnt wurde, müssen wir nicht mit dem Beifall der Menschen rechnen. Je konsequenter wir uns auf seine Seite stellen, umso deutlicher werden wir erfahren, dass man immer noch nicht will, dass Er die Herrschaft ausübt. Es ist „normal“, dass Jünger Jesu „durch viele Trübsale in das Reich Gottes eingehen“ (Apg 14,22).
  3. Jeder Leser sollte sich in der gegenwärtigen Zeit des Reiches (wo der König im Himmel ist und das Reich nicht öffentlich besteht) herausfordern lassen, die Grundsätze des kommenden Reiches heute schon zu realisieren. Dies sind vor allem „Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Röm 14,17). Wir tun das in einer Zeit, die durch Ungerechtigkeit, durch Zank und Streit und Trauer gekennzeichnet ist.

Fußnoten

  • 1 J.N. Darby: The Gospel of Matthew, in: Synopsis of the Books of the Bible
  • 2 Zitiert nach E. Mauerhofer: Einleitung in die Schriften des Neuen Testamentes
  • 3 Es gibt insgesamt über 20 „apokryphe Evangelien“, die nicht zum Kanon der Heiligen Schrift zählen und deren Inhalt zum Teil sehr dubios anmutet. Der Begriff „apokryph“ wird seit dem 2. Jahrhundert gebraucht. Damit wollte man nicht nur andeuten, dass diese Bücher „außerkanonisch“ waren, sondern zugleich, dass sie gravierende Irrtümer enthielten. Man hielt sie – zu Recht – für Fälschungen.
  • 4 Der Vater von Matthäus ist allerdings sehr wahrscheinlich nicht identisch mit dem gleichnamigen Vater des Jakobus. Jakobus und Matthäus werden an keiner Stelle Brüder genannt (wie etwa Petrus und Andreas oder Johannes und Jakobus).
  • 5 Es ist denkbar, dass er von seinen Eltern den Namen Levi bekommen hatte und der Herr ihn Matthäus nannte. Sicher ist diese Vermutung jedoch nicht.
  • 6 Siehe dazu der Abschnitt „Das synoptische Problem“ in dem Artikel „Einführung in die vier Evangelien“, der ebenfalls auf bibelkommentare.de erschienen ist.
  • 7 Die These, das Evangelium könne gar nicht vor der Zerstörung Jerusalems geschrieben worden sein, beruht auf der falschen Annahme, dass Jesus nicht in der Lage war, dieses Ereignis im Detail vorauszusagen (Mt 24,2).
  • 8 A. Remmers: Bibel im Überblick
  • 9 W. Kelly: The Gospel of Matthew
  • 10 Unter Dispensationalismus versteht man die Einteilung und Unterscheidung der verschiedenen Phasen im Handeln Gottes mit den Menschen (oft Heilszeitalter genannt). Es ist zu einem guten Bibelverständnis wichtig, den Unterschied zwischen Gottes Handeln mit seinem irdischen Volk im Alten Testament und dem mit seinem himmlischen Volk im Neuen Testament zu berücksichtigen
  • 11 A.C. Gaebelein: The Gospel of Matthew
  • 12 Neben dem Matthäusevangelium sind vor allem die Apostelgeschichte, die Briefe an die Römer und Hebräer sowie die Offenbarung reich an Zitaten oder Anspielungen an das Alte Testament.
  • 13 Markus und Lukas erwähnen diesen Titel jeweils zweimal, Johannes gar nicht.
  • 14 „Reich Gottes“ und „Versammlung Gottes“ sind keine Synonyme, sondern zwei ganz verschiedene Dinge, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen. Im Reich Gottes herrschen im Allgemeinen andere Grundsätze als in der Versammlung Gottes.
  • 15 Nur fünfmal spricht Matthäus ausdrücklich von dem „Reich Gottes“ (Mt 6,33; 12,28; 19,24; 21,31.43).
  • 16 Einige Ausleger vertreten die Auffassung, dass das Reich der Himmel erst begonnen hat, als der verworfene König in den Himmel zurückgekehrt ist. Stellen wie Matthäus 11,11.12; 18,1; 23,13 zeigen jedoch, dass das Reich auch während der Anwesenheit des Herrn auf der Erde schon „Reich der Himmel“ genannt wird.
  • 17 Matthäus 8,11 macht deutlich, dass das Reich der Himmel das tausendjährige Reich einschließt. Dort lesen wir von den Nationen, die in dem kommenden Reich mit den Patriarchen Gemeinschaft haben werden.
  • 18 Die Bibel nennt Joseph zwar nie direkt den Vater Jesu, bezeichnet jedoch Joseph und Maria einige Male als seine „Eltern“ (Lk 2,27.41.43).
  • 19 Der Herr Jesus macht im Verlauf des Evangeliums selbst klar, dass Er nicht nur Sohn Davids, sondern zugleich sein Herr ist (Mt 22,41–46). Und in Offenbarung 22,16 lesen wir, dass Er sich „die Wurzel und das Geschlecht Davids“ nennt. Als ewiger Gott ist Er die Wurzel (der Ursprung) Davids. Als Messias ist er sein Geschlecht (sein Nachkomme).