Wo findet die Anbetung statt? Im Heiligtum oder am Tisch des Herrn?

Das geht tief. Um das verständlich zu machen, müssen wir zu den Bildern des Alten Testaments greifen. Da ist die Stiftshütte. Die meisten von uns wissen, wie sie eingerichtet war. Zunächst betrat man einen großen Platz, den Vorhof., wo der eherne Altar stand. Da wurden alle blutigen Opfer gebracht, und der eherne Altar wurde „der Tisch des Herrn“ genannt. Hesekiel und besonders auch Maleachi im Alten Testament sowie 1. Korinther 10 im Neuen Testament sind die einzigen Stellen, wo der Ausdruck „des Herrn Tisch“ vorkommt. In 1. Korinther 10 wird auch auf diesen ehernen Altar hingewiesen, wo die Israeliten ihre Opfer darbrachten. Auch zu einem Friedensopfer kamen sie dort zusammen und aßen davon. 1

Aber innerhalb des Vorhofs befand sich das Heiligtum, das in zwei Abteilungen, das Heilige und das Allerheiligste, unterteilt war. Und im Heiligtum, gerade vor dem Vorhang, der es vom Allerheiligsten trennte, stand der goldene Altar. Nach seiner Beschreibung und auch nach dem, was der Hebräerbrief uns sagt, gehörte dieser goldene Altar eigentlich ins Allerheiligste; denn da wohnte Gott. Da war die Bundeslade mit den Cherubim, d.i. der Thron Gottes. Und da musste Ihm Anbetung gebracht werden. Aber im Alten Testament war der Weg ins Heiligtum noch nicht geoffenbart; denn das Werk des Herrn Jesus war noch nicht vollbracht, so dass die Gewissen noch nicht vollkommen waren. Aber nach seiner Bedeutung hätte der goldene Altar eigentlich im Allerheiligsten stehen müssen. Für uns ist die Sache natürlich anders. Der Vorhang ist zerissen, und so sind das Heilige und das Allerheiligste für uns eins geworden. So haben wir Freimütigkeit, ins Heiligtum einzutreten (Heb 10,19). Im Alten Testament durften das nur die Priester tun. Nun, und wer ist ein Priester? Priester sind solche, die regelmäßig in der Gegenwart Gottes sind, die da täglich dienen. Im Alten Testament waren das ja nur die Söhne Aarons. Heute sind zwar alle Gläubigen, die Frieden mit Gott haben und so gesalbt und mit dem Heiligen Geist versiegelt sind. Priester, die den Dienst ausübten, waren gewöhnt, in der Gegenwart Gottes zu sein. Nicht jeder aus der priesterlichen Familie, z.B. ein ganz junges Kind von Aaron, übte den Priesterdienst aus. Er kam nicht ins Heiligtum, er kannte den Dienst nicht. Und wenn er ihn auch gekannt hätte, hätte er doch nicht gewusst, wie er sich betragen sollte. Aber ein Priester ist gewöhnt, im Heiligtum zu sein, und er weiß, wie man sich in der Gegenwart Gottes verhalten muss.

Die Priester gingen mit dem Räucherwerk und dem Weihrauch ins Heiligtum und verbrannten es auf dem goldenen Altar vor Gott. Da sehen wir also den Unterschied zwischen dem ehernen Altar, wo die blutigen Opfer gebracht wurden – das war in der Wüste, wenn auch ein abgetrennter Teil davon – und dem Heiligtum, wo Gott wohnte. Da brachte man den Weihrauch und besonders das Räucherwerk dar.

Nun, im Hebräerbrief werden wir als in der Wüste gesehen. Da wird z.B. über die Stiftshütte gesprochen. Und wir alle wissen: wir sind in der Wüste. Wenn ich hier durch eine Stadt gehe, bin ich nicht im Himmel, sondern auf Erden, in der Wüste, in der Welt.
Und wenn wir sonntagsmorgens am Tisch des Herrn zusammenkommen – der Tisch des Herrn steht hier in der Welt, hier auf Erden. Aber der Hebräerbrief sagt auch: „Wir haben Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum.“ Wo ist das Heiligtum? Es ist da, wo Gott wohnt, wo Sein Thron ist. Natürlich können wir da jetzt nicht mit unseren Leibern eingehen, wohl aber im Glauben, ebenso wie wir nach dem Epheserbrief jetzt schon in den Himmel eingehen können, ja eigentlich schon da sind. In Christus Jesus hat Gott uns mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern – wenn auch nicht mit unseren Leibern. Das wartet unser, wenn der Herr kommt; dann gehen wir auch mit unseren Leibern in den Himmel ein. Aber im Glauben können wir es schon jetzt tun. Ebenso können wir auch im Glauben zu Gott im Heiligtum nahen und Ihm dort Anbetung bringen.

Unsere Frage lautet: Wo findet die Anbetung statt, im Heiligtum oder am Tisch des Herrn? Ich weiß nicht, ob man diesen Unterschied machen kann. Ich würde es so sagen: Wirkliche Anbetung findet nur im Heiligtum statt. Aber gewöhnlich sind wir dann mit unseren Leibern am Tisch des Herrn versammelt; dann gehen wir mit unseren Herzen im Glauben ins Heiligtum ein, da, wo Gott wohnt, und da bringen wir dann unsere Opfer. Das ist Anbetung. Wenn wir zur Versammlung gehen, zum Tisch des Herrn, und singen: „Alle, alle meine Sünden hat sein Blut hinweg getan“ – das ist Bewunderung, Dank, aber nicht Anbetung; das ist nicht Räucherwerk. Räucherwerk sind die persönlichen Herrlichkeiten des Herrn Jesus, und Blut wurde nicht ins Heiligtum hineingebracht. Da haben wir also den Dank und das Lob, die wirklich gebracht werden und die mit dem Tisch des Herrn in Verbindung stehen; sie steigen von dieser Erde auf. Das ist kostbar für Gott. In 4. Mose 28 legt Gott den Nachdruck darauf, dass Er Früchte aus der Wüste haben möchte. Gott verlangt danach, dass von dieser verfluchten Erde ein Wohlgeruch zu Ihm aufsteige: die Frucht der Lippen, die Seinen Namen bekennen. Unser Lob und Dank – Dank für das, was der Herr für uns ist und dass wir unser Heil in Ihm gefunden haben und dass all unsere Hoffnung auf Ihn ist, das sind für Ihn auch sehr wohlannehmliche Opfer. Aber es ist nicht Anbetung, es ist kein Räucherwerk. Räucherwerk und Anbetung werden im Heiligtum dargebracht. Wir haben Freimütigkeit einzugehen, aber wir müssen es auch wirklich tun. Leider sind unsere Herzen oft so egoistisch und nur mit dem beschäftigt, was das Werk des Herrn Jesus für uns bedeutet. Wir können uns selber nicht ausschalten, um uns nur dem zuzuwenden, was das Werk und die Person des Herrn Jesus für den Vater bedeuten. Bei wahrer Anbetung vergessen wir uns selbst und sind nur mit der Person des Herrn Jesus und mit der Person des Vaters beschäftigt; und das, was dir dann sehen, bieten wir Ihm an.

Wir dürfen hierbei eines nicht außer acht lassen, nämlich, dass das Wissen um diese Dinge mich noch nicht zum Anbeter macht. Wohl kann ich ohne Kenntnis nicht mit Einsicht anbeten. Aber Kenntnis allein befähigt mich nicht anzubeten; denn anbeten ist eine Sache des Herzens und der Gefühle. Angenommen, ein Bruder hat über die Herrlichkeiten des Herrn Jesus ein Buch geschrieben, in dem er alle Seine Herrlichkeiten darlegt, und beim Lesen habe ich mir alles gut eingeprägt. Dann kann ich wunderbare Anbetungsworte aussprechen. Aber nicht das, was meine Lippen sagen, ist Anbetung, sondern das, was aus meinem Herzen zu Gott aufsteigt. Das ist eine allgemeine Tatsache. Wer betet denn in der Versammlung an? Ist es der Bruder, der dankt? Ja, Gott gebe es. Und wenn wirklich der Heilige Geist die Leitung hat, wird der Bruder, den er gebrauchen will, von dem Ausdruck geben, was in den Herzen aller Anwesenden, jedenfalls im Herzen der Versammlung lebt, so dass er der Mund der Versammlung ist. Wenn wir z.B. dieses wunderbare Lied singen: „O Vater, einer ist's vor allen ...“, sind auch nicht die Worte, die wir aussprechen, unsere Anbetung, sondern die Gefühle, die während des Singens aus unseren Herzen aufsteigen. Es ist möglich, dass ein Bruder anbetet, dass er Worte ausspricht, während in Wirklichkeit keines seiner Worte zu Gott aufsteigt, weil sein Herz kalt ist und die Worte ohne Leben sind, dass aber in derselben zeit aus den Herzen der anderen Anwesenden die Anbetung zu Gott aufsteigt.

Das ist Anbetung in Geist und in Wahrheit. Und das ist sehr wichtig. Man kann nicht nach Gottes Gedanken handeln, wenn man Seine Gedanken nicht kennt. Aber es besteht ein sehr großer Unterschied zwischen dem bloßen Wissen und der Praxis, besonders bei der Anbetung. Anbeten können wir nur, wenn wir wirklich zu Hause mit dem Herrn beschäftigt gewesen sind, so dass wir unsere Herzen mit Ihm gefüllt haben. Gott achtet nicht auf die Worte, sondern auf die Empfindungen unseres Herzens. Das dürfen wir nicht vergessen. 2


Online seit dem 28.10.2006. Zuletzt bearbeitet am 29.10.2018.

Fußnoten

  • 1 S.a. „Die Opfer“ von H.L. Heijkoop, Seiten 200-217, bes. 203-204.
  • 2 S.a. „Die Opfer“ von H.L. Heijkoop, Seiten 192-193.

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