Er lehrte sie vieles in Gleichnissen (Band 1)

Einleitung

Er lehrte sie vieles in Gleichnissen (Band 1)

In seiner unermesslichen Gnade gibt uns Gott in der Heiligen Schrift Seine erhabenen Gedanken der Liebe und Weisheit zu erkennen. Daß Er das auf ganz verschiedene Art und Weise tut, ist uns vielleicht noch gar nicht so recht bewußt geworden. Neben der klaren direkten Rede benutzt Er auch bildliche, symbolische Formen, um uns Seine Gedanken und Absichten verstehen zu lassen. Die Vorbilder des Alten Testaments sind dafür ein hervorragendes Beispiel.

In dieser Arbeit nun möchten wir uns mit einer recht ähnlichen Kategorie von Belehrungen der Heiligen Schrift beschäftigen – den Gleichnissen des Herrn in den Evangelien. Es will dem Verfasser nämlich scheinen, als zögen die Kinder Gottes einen zu geringen Nutzen aus diesem Teil des Wortes Gottes. Dabei hat der Herr Jesus, als Er auf der Erde war, einen großen Teil Seiner Belehrungen in die Form von Gleichnissen gekleidet. Der bemerkenswerte Satz in Markus 4, Vers 2, „Und er lehrte sie vieles in Gleichnissen“ macht das ebenso deutlich wie das aufmerksame Lesen und Erforschen der Worte des Erlösers überhaupt.

Die Gleichnisse gehören geradeso zur Lehre des Neuen Testaments wie die Briefe des Apostels Paulus oder die der anderen Apostel. Manche Stellen in den neutestamentlichen Briefen können wir sogar erst dann richtig verstehen, wenn wir das Licht eines Gleichnisses darauf fallen lassen. Viele Kinder Gottes haben zum Beispiel damit Schwierigkeiten, daß der Apostel Petrus in seinem zweiten Brief von falschen Propheten und falschen Lehrern sagt, daß der Gebieter sie „erkauft“ habe (Kap. 2, 1). Nun, er sagt nicht „erlöst“, aber erst das Gleichnis vom »Unkraut des Ackers« liefert die eigentliche Erklärung: Der »Acker«, ein Bild der Welt (Mt 13,38), gehört dem Herrn Jesus, es ist „Sein Acker“ (vgl. Vers 27), Er hat ihn für Sich durch Sein Werk am Kreuz erworben. So sind selbst falsche christliche Lehrer erkauft, das heißt, der Herr hat alle Anrechte an sie. Teil an der Erlösung haben jedoch nur die Menschen, die durch den Glauben an das Blut Christi gerechtfertigt worden sind (Röm 3,24.25).

Umgekehrt finden viele Gleichnisse in den Briefen eine gewisse Ergänzung oder ihre vollständige Erklärung. Der Herr Jesus konnte damals Seinen Jüngern noch nicht alles sagen, was in Seinem Herzen, was im Herzen Gottes für sie war (Joh 16,12). Aber nachdem der Geist der Wahrheit gekommen war, konnte Er die Apostel und Propheten des Neuen Testaments in die ganze Wahrheit leiten und ihnen das Kommende verkündigen. So füllt der Apostel Paulus manche „Lücke“ aus, die die Gleichnisse zwangsläufig aufweisen. Wenn wir an die Gleichnisse vom Wiederkommen des Herrn denken, so sagen sie noch nichts direkt über die Entrückung der Gläubigen aus. Der Herr Jesus konnte diese große Wahrheit damals noch nicht enthüllen. Natürlich kannte Er sie, und so ist sie zum Beispiel in dem bereits erwähnten Gleichnis vom »Unkraut des Ackers« durchaus mit enthalten, aber sie wurde in dem Gleichnis noch nicht offenbart. Erst dem Apostel Paulus wurde dann durch Offenbarung diese Wahrheit mitgeteilt (1. Thes 4,15–17).

Wenn der Herr in Matthäus 13 im Gleichnis vom »Sauerteig« davon spricht, daß eine Frau Sauerteig nahm und unter drei Maß Mehl verbarg, bis er ganz durchsäuert war, so lernen wir erst durch die Briefe des Apostels Paulus die wahre Bedeutung dieses Vorgangs kennen. Zweimal spricht er nämlich davon, daß ein wenig Sauerteig die ganze Masse oder den ganzen Teig durchsäuert. In i. Korinther 5 bezeichnet »Sauerteig« Böses im Wandel, in Galater 5 Böses in der Lehre, die beide in die Christenheit Eingang gefunden haben. Auf diese Entwicklung in der Christenheit also hatte der Herr Jesus in dem Gleichnis prophetisch hingewiesen.

So bedarf manches in den Gleichnissen der Erklärung und Erläuterung durch die Briefe, und wir tun gut daran, diese Verbindung im Auge zu behalten.

Der besondere Segen, der mit dem Studium der Gleichnisse verbunden ist, liegt zum einen darin, daß wir in ihnen direkt die Worte unseres Heilands vor uns haben – Worte voller Gnade und Wahrheit, Worte von großer Tiefe und Tragweite, Worte sittlichen Ernstes und göttlichen Wissens. Zum anderen werden die Belehrungen durch die bildhafte Sprache so anschaulich vorgestellt, daß wir sie weit besser verstehen und behalten können, als wenn sie uns nur in lehrhafter Form gegeben würden. Diese Wirkung teilen die Gleichnisse übrigens mit den Vorbildern des Alten Testaments.

Es ist stets ein tiefer Segen damit verbunden, wenn wir über die Worte nachsinnen, die über die Lippen des Herrn Jesus selbst gekommen sind. Natürlich ist es genauso wichtig, auf das zu achten, was Er durch Seme Apostel und Propheten geredet hat. Denn auch das, was der Heilige Geist ihnen zu reden und zu schreiben „eingab“, ist das Wort Gottes. Es ist mit derselben Autorität bekleidet, wie sie aller „Schrift“ innewohnt (2. Tim 3,16). Aber diese heiligen Männer standen nicht immer unter der Inspiration des Heiligen Geistes. Christus dagegen sprach zu jeder Zeit und unter allen Umständen direkt die Worte Gottes aus, ohne jede Einschränkung.

So ist das, was Paulus vor nahezu 2000 Jahren zu den Gläubigen in Milet sagte: daß man „der Worte des Herrn Jesus gedenken müsse, der selbst gesagt hat ..auch heute noch so wahr und beherzigenswert wie damals. Ja, Holdseligkeit ist ausgegossen über Seine Lippen, und Seine Zunge ist der Griffel eines fertigen (oder: geübten) Schreibers (Ps 45,1.2). Es überrascht uns deswegen nicht, wenn sich schon damals die Menschen über die Worte der Gnade verwunderten, die aus Seinem Mund hervorgingen (Lk 4,22), wenn selbst hartgesottene Mitglieder der Tempelwache bekennen mußten: „Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch“ (Joh 7,46). Und der Gläubige ist noch heute „hoch erfreut über die Stimme des Bräutigams“ (Joh 3,29), denn die Lippen unseres Herrn sind wie „Lilien, träufelnd von fließender Myrrhe“ (Hld 5,13).

Was ist nun ein Gleichnis? Was haben wir darunter zu verstehen? Ein Gleichnis stellt eine Begebenheit oder einen Vorgang aus dem irdischen Leben dar, denen eine geistliche Bedeutung unterlegt wird. Oder anders ausgedrückt: Ein natürlicher, irdischer Vorgang, der sich gerade so im täglichen Leben vollziehen könnte oder tatsächlich auch so vollzieht, dient als Illustration eines geistlichen Vorgangs, einer göttlichen Wahrheit. Insofern unterscheidet sich ein Gleichnis grundsätzlich von einer Fabel. In diesen erdichteten Geschichten werden zur Erteilung einer Lehre oder Moral unnatürliche Vorgänge herangezogen, Tiere oder Gegenstände reden und handeln wie Menschen. Ein Gleichnis dagegen ist eine irdische Geschichte mit einer himmlischen, geistlichen Bedeutung.

Wie wir noch sehen werden, benutzt der Herr den Ausdruck »Gleichnis« selbst recht häufig. Das griechische Wort »pambole« = »Gleichnis, Gleichnisrede, Parabel, Sinnbild, Typus« leitet sich von einem Tätigkeitswort her, das »neben etwas hinstellen, -werfen« bedeutet, wie man etwas zum Messen oder Vergleichen neben einen Maßstab legt. Ein Gleichnis ist also eine »Nebeneinanderstellung«, eine »Vergleichung« von Vorgängen, die eine gewisse Parallelität aufweisen, aber verschiedenen Bereichen angehören: dem natürlichen und dem geistlichen. Insofern besteht eine nicht zu übersehende Beziehung zwischen »Vorbildern« (wie den Opfern und der Stiftshütte) und »Gleichnissen«. Nur werden Vorbilder mit Stoffen und Handlungen „gezeichnet“, Gleichnisse mit Worten. Aber beide enthalten Parallelen und Gegensätze. Dem »Reden in Gleichnissen« steht das »Reden in Offenheit« gegenüber, wie wir es in Johannes 16, Vers 29, finden: „Seine Jünger sprechen zu ihm: Siehe, jetzt redest du offen (wörtlich: in Offenheit) und sprichst kein Gleichnis.“

Bei der Deutung der Gleichnisse und seiner Symbole müssen wir sorgsam vor menschlicher Phantasie zur Stützung eigenwilliger Meinungen auf der Hut sein. Man kann auf ein Gleichnis (oder auch Vorbild) allein keine besondere Lehre aufbauen. Die Erklärung muß und wird stets in Übereinstimmung mit anderen klaren Stellen des Wortes Gottes sein, wo eine gleiche oder ähnliche Wahrheit vorgestellt wird. Ist sie es nicht, müssen wir davon ausgehen, daß unsere Deutung des Gleichnisses falsch ist. Das bewahrt uns vor eigenwilligen Auslegungen.

Mit anderen Worten, ein Gleichnis oder Vorbild erklärt, illustriert, bestätigt, vertieft eine neutestamentliche Wahrheit, aber es kann sie nicht begründen. Der eigentliche Schlüssel zur Erklärung der Symbole liegt denn auch in Gottes Wort selbst. Die Heilige Schrift erklärt sich stets selbst. So sollten wir zum Beispiel den Sauerteig im Gleichnis vom »Sauerteig« in Matthäus 13 nicht willkürlich als Bild des Evangeliums deuten, während doch dieses Symbol im Wort Gottes durchgehend für die im Bösen wirkende Sünde benutzt wird. Durch die Nichtbeachtung dieser Grundsätze ist schon mancher Irrlehre Vorschub geleistet worden und viel Not unter das Volk Gottes gekommen. Wie rasch können wir der Versuchung erliegen, unsere eigenen Vorstellungen in ein Gleichnis des Herrn hineinzuinterpretieren, um damit unsere Meinung in einer Sache zu untermauern. Gleichnisse gehören ebenso zur Lehre des Neuen Testaments wie die Briefe des Apostels Paulus und die der übrigen Apostel. Die in einem Gleichnis enthaltene Lehre wird deshalb stets in Übereinstimmung mit der Lehre des ganzen Wortes Gottes sein. Deswegen sind wir gerade auch bei der Betrachtung der Gleichnisse ganz auf die Leitung durch den Heiligen Geist angewiesen. Wir sollten uns stets bewußt sein, daß wir selbst nichts wissen und nichts vermögen.

Einem Gleichnis liegt in der Regel nur eine gedankliche Hauptlinie zugrunde, die es jeweils zu erfassen gilt. Wenn wir auch vor einer phantasievollen „Vergeistlichung“ jeder Einzelheit eines Gleichnisses auf der Hut sein müssen, so gehen wir doch sicherlich in der Annahme nicht fehl, daß der Herr Jesus Seine Worte genau gewählt und die einzelnen Begleitumstände eines Gleichnisses nicht umsonst gerade so und nicht anders vorgestellt hat. Wenn der große Meister ein Gemälde skizziert, sei es größeren oder kleineren Umfangs, so können wir sicher sein, daß jeder Strich „sitzt“ und seine Bedeutung hat.

Da wir gewürdigt sind, von zwei Gleichnissen in Matthäus 13 die Auslegung durch den Herrn selbst zu hören, bestätigt sich, daß das nicht eine reine Vermutung ist. Nie benutzt Er ein Wort oder einen Ausdruck grund- oder ziellos; da ist kein Wort zu viel und keines zu wenig. Mit jedem Wort, das Er gebraucht, will Er etwas ausdrücken. Wenn Er zum Beispiel in Vers 44 unseres Kapitels von der Freude dessen redet, der den Acker erwarb, so hat das seinen Grund. Wir finden ihn in Hebräer 12, Vers 2. Wenn Er im Gleichnis vom »barmherzigen Samariter« in Lukas 10 den Ausdruck wechselt und in Vers 31 von „ging ... hinab“, in Vers 33 jedoch von „auf der Reise war“ spricht, dann hat das seinen Grund: Der wahre barmherzige Samariter ging Seinen Weg nicht „von ungefähr“, und Er ging nicht „hinab“. Wenn Er in Lukas 15 von „das verloren war“ (Vers 6) zu „die ich verloren hatte“ (Vers 9) wechselt, dann hat das seinen Grund: Kein Tadel kann dem wahren Guten Hirten angelastet werden.

Wir werden bei unseren Betrachtungen der Gleichnisse des Herrn noch oft über die Weisheit erstaunt sein, mit der Er spricht und in der Er gewisse Wörter gebraucht oder auch vermeidet. In jedem Fall werden wir auch finden, daß Seine Gleichnisse – außer einer meist vorhandenen prophetischen Bedeutung – stets auch eine sittliche und erfrischende Botschaft für uns enthalten. Er selbst helfe uns, sie zu erfassen und Nutzen zu ziehen aus dem, was Er uns sagen will!

Einiges Grundsätzliches können wir aus den Erklärungen des Herrn darüber hinaus lernen: zuerst dies, daß ein Gleichnis, wie eben angedeutet, oft mehr als nur eine Deutung oder Anwendung zuläßt. Einem Gleichnis kann sowohl eine historische als auch eine prophetische und eine praktische Bedeutung innewohnen. Dasselbe begegnet uns übrigens auch in den Vorbildern des Alten Testaments oder in den Psalmen oder auch in den sieben Sendschreiben der Offenbarung. Auch sie können wir jeweils nach diesen drei Gesichtspunkten betrachten. Prophetisch beziehen sich manche Gleichnisse klar auf Israel in der Endzeit, und doch dürfen wir die sittliche Belehrung nicht übersehen, die für uns heute darin liegt. Es ist nicht die Absicht des Herrn, Seine Worte bis zur Zeit ihrer prophetischen Erfüllung in der Zwischenzeit ungenützt „brachliegen“ zu lassen. Sie sind vielmehr für alle die Seinen zu jeder Zeit von Wichtigkeit und Bedeutung.

Sodann lernen wir aus der Notwendigkeit, daß der Herr Seinen Jüngern die Gleichnisse zuweilen erklären mußte, daß ihre eigentliche Belehrung nicht cm der Oberfläche liegt. Natürlich konnten gewisse einfache Zusammenhänge auch von den Ungläubigen verstanden werden. So lesen wir nicht nur einmal, daß die Pharisäer und Schriftgelehrten erkannten, daß Jesus dieses oder jenes Gleichnis auf sie geredet hatte. Aber das, was sie in den Gleichnissen erkannten, war eben nicht alles. Die tiefer liegende Bedeutung konnte allein der Herr erschließen. Dies aber tat Er nur denen gegenüber, die mit Ihm drinnen „in dem Haus“ (Mt 13,36; Mk 4,10; 7,17) waren.

Das alles ist für unsere Betrachtung sehr wichtig. Es gibt auch heute viele christliche Menschen, die die an der Oberfläche liegenden sittlichen Belehrungen in den Reden des Herrn durchaus erkennen und sie vielleicht sogar bewundern. Aber mehr vermögen sie in den Gleichnissen nicht zu erkennen. Daß einem Gleichnis zum Beispiel eine dispensationale, haushaltungsgemäße Wahrheit zugrundeliegt, sehen sie nicht oder wollen sie nicht wahrhaben.

Wenn es also um die rechte Deutung der Gleichnisse des Herrn geht, müssen wir es tun, wie es die Jünger damals taten: Sie kamen mit ihren Fragen über die Gleichnisse zu ihrem Herrn. Und so wie sie damals mit dem Herrn Jesus allein waren und dann die begehrten Erklärungen erhielten, so müssen auch wir heute zu Ihm gehen in dem Bewußtsein, daß wir nichts wissen und verstehen. Er wird auch uns durch Seinen Geist helfen, die tiefe Bedeutung Seiner Worte in ihrer Vielfalt zu erfassen.

Damit wird auch ein weiterer Grund dafür erkennbar, weshalb der Herr so viele Seiner Belehrungen in Gleichnisse kleidete. In der Anfangszeit Seines Dienstes auf der Erde redete Er weniger in Gleichnissen, sondern sprach offen zu den Menschen. Als aber die Feindschaft der Führer des Volkes zunahm und sie Ihn gar bezichtigten, Er treibe durch Beelzebub, den Obersten der Dämonen, die unreinen Geister aus, da verhüllte Er zunehmend Seine Rede und verbarg Seine Belehrungen hinter der bildhaften Sprache von Gleichnissen: Sie sollten von den feindseligen Juden nicht mehr verstanden werden. Insofern markiert der uns als Überschrift dienende Satz aus Markus 4 einen Wendepunkt im Dienst des Herrn und in den Wegen Gottes mit Israel.

Besonders deutlich wird das im Matthäus-Evangelium. Nachdem das zwölfte Kapitel die Verwerfung des Herrn durch die Schriftgelehrten und Pharisäer offenbar gemacht hatte, anerkennt der Herr nicht länger Seine irdischen Beziehungen zum Haus Israel. Seine Hand über Seine Jünger ausstreckend, erklärt Er, wer künftig »Seine Mutter« und »Seine Brüder« sein würden: solche, die den Willen Seines himmlischen Vaters tun würden, gleichgültig, aus welchem Volk sie kamen. So stellt der Übergang vom 12. zum 13. Kapitel einen Bruch in den Beziehungen des Herrn zum jüdischen Volk dar. Er verläßt zu Beginn des dreizehnten Kapitels symbolisch das »Haus« (Israel) und setzt Sich an den »See« (ein Bild von den Nationen). Von einem Boot aus – von niemand körperlich erreichbar – lehrt Er das Volk, und dann folgt auch hier der bedeutsame Satz: „Und er redete vieles in Gleichnissen zu ihnen“ (Vers 3).

Erst von diesem Punkt an finden wir in diesem Evangelium die großen Gleichnisse, besonders die vom Reich der Himmel. Das erste dieser großen Gleichnisse, das Gleichnis vom »Sämann«, erweckte in den Jüngern die Frage: „Warum redest du in Gleichnissen zu ihnen?“ Die Antwort des Herrn zeigt, daß es ein Gericht über das ungläubige Volk war: „Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Weil es euch gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu erkennen, ihnen aber ist es nicht gegeben; denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird Überfluß haben; wer aber nicht hat, von dem wird selbst das, was er hat, weggenommen werden. Darum rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie sehend nicht sehen und hörend nicht hören noch verstehen; und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die sagt:,Mit Gehör werdet ihr hören und doch nicht verstehen, und sehend werdet ihr sehen und doch nicht wahrnehmen; denn das Herz dieses Volkes ist dick geworden, und mit den Ohren haben sie schwer gehört, und ihre Augen haben sie geschlossen, damit sie nicht etwa mit den Augen wahrnehmen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren und ich sie heile/ Glückselig aber eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören; denn wahrlich, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was ihr anschaut, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört“ (Verse 11–17).

Wenn das jüdische Volk und besonders dessen Führer den Herrn nicht mehr hören wollten und das göttliche Licht verwarfen, das Er brachte, so war es nicht länger Seine Absicht, ihnen noch weitere Belehrungen zu geben. Er grenzt Seine Jünger von der Masse des ungläubigen Volkes ab. Ihnen war es gegeben, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu wissen, jenen aber war es nicht gegeben. Die Juden hatten ihr Gewissen verhärtet, und so mußte sich die Verheißung Jesajas an ihnen erfüllen: Sehend sollten sie nicht mehr sehen und hörend sollten sie nicht mehr hören, noch verstehen können. Sie liebten die Finsternis mehr als das Licht, das bei ihnen war. Deswegen würde es ihnen genommen werden.

Diese ernste Seite des Redens in Gleichnissen hebt jedoch die zuvor genannte nicht auf: Sie dienen dem tieferen Verständnis der Seinen. So antwortet der Herr auf die Frage des Petrus, wie oft er seinem Bruder vergeben solle, nicht einfach mit einem entsprechenden direkten Wort, sondern mit dem ziemlich umfangreichen Gleichnis von dem König, der mit seinen Knechten abrechnen wollte (Mt 18,23–35).

Tatsächlich war das Reden des Herrn in Gleichnissen auch der Ausdruck Seiner Gnade zu Seinen Jüngern. Er hörte nicht einfach auf zu reden. Es gab solche unter dem Volk, die Ihn wahrhaft liebten. Sie werden von der Volksmenge deutlich unterschieden, und ihnen allein war es gegeben, die Geheimnisse des Reiches der Himmel zu wissen. Sie hatten Seine Person angenommen. Deswegen führt sie der Herr tiefer in die Geheimnisse Seiner Gedanken ein und erklärt ihnen drinnen „alles besonders“, „denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil“, und: „Ohne Gleichnis aber redete Er nicht zu ihnen“ (Mk 4,11.34). Der Herr sieht in Seinen Jüngern die „Verständigen“ von Daniel 12, die das, was Er sagte, verstehen würden (Vers 10). „Wer weise ist, der wird dieses verstehen; wer verständig ist, der wird es erkennen“ (Hos 14,9).

Ihnen würde es geschenkt sein, den geheimnisvollen Schleier, mit dem der Herr Seine Worte nun umgab, zu durchdringen und das zu erfassen, was Er ihnen neu offenbarte. Denn dies ist ja die Bedeutung des Ausdrucks »Geheimnis« im Neuen Testament: eine Wahrheit, die im Alten Testament nicht offenbart ist – eine Wahrheit, die der Offenbarung bedarf, damit man sie erkennen kann. So sehen wir hier unseren teuren Herrn als den wahren Joseph. Wie Joseph einst als der von seinen Brüdern Verworfene den Namen »Zaphnath-Pahneach« erhielt, was nach der Interpretation der Rabbiner »Offenbarer der Geheimnisse« bedeutet, so offenbart nun der Herr den Seinen die Geheimnisse des Reiches der Himmel.

Gleich den Jüngern damals sind auch wir heute mit dem Herrn Jesus drinnen, im „Haus“ (vgl. Mt 13,36). Ist es nicht ein unschätzbares Vorrecht, dort, abgeschirmt von der Welt, Seinen Worten der Gnade zu lauschen und sie durch Seine Gnade auch verstehen zu können? Daß Seine Worte und Gleichnisse durchaus nicht etwa simpel, sondern von großer Tiefe sind, werden wir bald bemerken, wenn wir zur Betrachtung der einzelnen Gleichnisse kommen. Unter den oft sehr schlicht klingenden Worten Seiner natürlichen Bilder liegt jeweils eine tiefgründige geistliche Bedeutung verborgen, die zu erfassen uns nur der Heilige Geist schenken kann. Sie liegt keineswegs an der Oberfläche, als wäre sie jedermann zugänglich. Der Herr sprach schließlich das aus, „was von Grundlegung der Welt an verborgen war“ (Vers 35).

Auch ist uns vielleicht bisher die Tatsache entgangen, daß der Herr nicht erst seit dem geschilderten Bruch mit Israel als Nation in Gleichnissen zu ihnen sprach. Der Evangelist Markus, der ja im Gegensatz zu Matthäus grundsätzlich die Vorkommnisse chronologisch, also der Zeit nach, berichtet, zeigt uns bereits im dritten Kapitel seines Evangeliums, wie der Herr ein Gleichnis benutzte, um die Torheit der Schriftgelehrten bloßzustellen (Verse 23 ff). Und noch weiter vorn, in Kapitel 2, findet sich das Gleichnis von dem neuen Flicken auf einem alten Kleid (Vers 21 ff). Daß es sich bei diesem Bild tatsächlich um ein Gleichnis handelt, läßt uns Lukas wissen (Lk 5,36). Auf diesen interessanten Hinweis kommen wir sogleich noch einmal zurück.

Die Frage, in welcher Ordnung und in welcher Weise am besten das Studium der Gleichnisse angegangen werden sollte, hat den Verfasser viel beschäftigt. Man könnte die Gleichnisse in mannigfacher Weise gruppieren oder zusammenfassen. Es gibt Gleichnisse, die einen Haushaltungs-Charakter tragen, in anderen dagegen stehen mehr sittliche Belehrungen im Vordergrund. Eine große Anzahl von Gleichnissen beschäftigt sich mit dem Gedanken des Reiches Gottes.

Manche Gleichnisse zeigen uns die Person des Herrn von verschiedenen Seiten. So stellt Er Sich in den Gleichnissen unter anderem vor als Sämann, als König, als Sohn des Königs, als Samariter, als Herr von Knechten, als Suchender, als Hirte, als Richter, als Kaufmann, als Weizenkorn, als Bauender, als Fels, als Bräutigam, als Hochgeborener, als Arzt, als Weinberg-Eigentümer. Andere Gleichnisse dagegen zeigen, was die Menschen sind. Sie werden mit gutem und schlechtem Samen verglichen, mit klugen und törichten Jungfrauen, mit guten und bösen Knechten, mit guten und faulen Fischen, mit einem Schatz, mit einer Perle, mit Lichtern, mit Salz. Oder wir sehen sie als Hochzeitsgäste, als Reisende, als Söhne, als Schuldner, als Schafe, als Reben, als Feigenbaum, als Münzen (Drachmen).

Es gibt Gleichnisse, in denen die Menschwerdung Christi, Sein Tod, Seine Himmelfahrt, Sein Wiederkommen angedeutet werden. Viele Gleichnisse gab der Herr Jesus als Antwort auf Fragen, die Ihm vorgelegt wurden. Einen besonderen Platz nehmen Doppel-Gleichnisse ein. In ihnen herrscht entweder die gleiche Gedankenrichtung vor, oder es werden dieselben oder verwandte Symbole verwendet. Solche Gleichnisse können direkt nebeneinander stehen, sie können aber auch an ganz unterschiedlicher Stelle Vorkommen. Es gibt Doppel-Gleichnisse, von denen das eine in dem einen Evangelium, das ergänzende in einem anderen zu finden ist. Zum Beispiel begegnet uns der »Feigenbaum« in Matthäus 24 und in Lukas 13, der »gute Hirte« in Lukas 15 und in Johannes 10.

So könnten wir fortfahren, die Gleichnisse unter verschiedenen Gesichtspunkten zu ordnen. Mehr oder weniger stark überlappen sich aber die Gleichnisse der verschiedenen Gruppen, greifen ineinander über, so daß die Grenzen schwer zu ziehen sind.

Nach aller Erwägung scheint es daher das Beste zu sein, die einzelnen Gleichnisse in ihrer „natürlichen Umgebung“ zu belassen, in die der Heilige Geist sie durch die verschiedenen Schreiber gestellt hat, und sie nacheinander in der Reihenfolge zu betrachten, in der sie uns in den Evangelien begegnen. Wo es möglich ist, wird es gut sein, die Verbindung zu parallelen Gleichnissen oder Belehrungen aufzuzeigen.

Wir sprachen vorhin von großen Gleichnissen. In der Regel denken wir an sie, wenn wir von »Gleichnissen« hören. Außer ihnen aber hat der Herr Jesus in Seine Rede auch viele kleine Bilder oder Vergleiche eingewoben. Tatsächlich handelt es sich auch bei diesen kleinen bildhaften Sprachfiguren um Gleichnisse. Daß Lukas das Bild von dem neuen Flicken auf dem alten Kleid ein »Gleichnis« nennt (Lk 5,36), sahen wir schon. Matthäus und Markus dagegen erwähnen diesen Ausdruck nicht (Mt 9,16; Mk 2,21). Wir hätten bei dem Bild eines Blinden, der einen anderen Blinden leitet, wohl kaum von einem Gleichnis gesprochen. Und doch heißt es in Lukas 6: „Er redete aber auch ein Gleichnis zu ihnen: Kann etwa ein Blinder einen Blinden leiten? Werden nicht beide in eine Grube fallen?“ (Vers 39). „Deute uns dieses Gleichnis, war die Bitte des Apostels Petrus in Matthäus 15, nachdem der Herr in anderer Verbindung auch an dieser Stelle die Pharisäer mit blinden Leitern der Blinden verglichen hatte (Verse 14.15). Und als Er von dem »Hausherrn« sprach, der, hätte er gewußt, um welche Zeit der Dieb kommen würde, sein Haus bewacht haben würde, fragte derselbe Jünger anschließend den Meister: „Herr, sagst du dieses Gleichnis im Blick auf uns oder auch auf alle?“ (Lk 12,41).

Aus alledem erkennen wir, daß der Heiland weit mehr Gleichnisse gesprochen hat, als wir auf den ersten Blick annehmen. Da auch die kleinen Gleichnisse voller Belehrung für uns sind, wollen wir im folgenden auch sie ins Auge fassen, ohne allerdings dabei den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben.

Mit einigen solcher kleinen Bilder wollen wir denn auch unsere Betrachtungen über die Gleichnisse des Herrn in den Evangelien beginnen. Der gütige Herr wolle uns die Worte Seines Mundes aufschließen und sie uns kostbar machen! Er wolle uns auch helfen, das, was wir aus ihnen gelernt haben, in die Tat umzusetzen, damit alles zu Seiner Verherrlichung diene!

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