Einführung in das Studium des Buches der Richter

Teil 2: Zehn praktische Lektionen aus dem Buch der Richter

Wir wollen nun im zweiten Teil – ganz knapp gehalten – einige praktische Lektionen aus dem Buch der Richter lernen. Wir tun das im Geist der Worte von Paulus: „Denn alles, was zuvor geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch das Ausharren und durch die Ermunterung der Schriften die Hoffnung haben“ (Röm 15,4).

1. Gott hat keine Enkelkinder

Das Buch der Richter setzt die Geschichte des Buches Josua fort. Kaum lebten Josua und seine Zeitgenossen nicht mehr, heißt es: „Und auch jenes ganze Geschlecht wurde zu seinen Vätern versammelt. Und ein anderes Geschlecht kam nach ihnen auf, das den Herrn nicht kannte und auch nicht das Werk, das er für Israel getan hatte“ (Ri 2,10). Es ist kein Automatismus, dass treue Eltern treue Kinder haben und es hat fatale Folge, wenn die nachfolgende Generation den Herrn und sein Werk nicht kennt1.

Es stellt sich die Frage nach den Ursachen und nachfolgende Punkte könnten uns dabei weiterhelfen:

  1. Hat die Vorgängergeneration der Nachfolgegeneration den „Staffelstab“ übergeben? (2. Tim 2,2) Haben wir unseren Kindern und jungen Leuten vermittelt, was uns der Herr und sein Werk bedeuten?
  2. Hat die Nachfolgegeneration den Staffelstab übernommen? Ist sie daran interessiert, wer der Herr ist und was Er getan hat?

Diese Fragen stellen sich beim Lesen des Buches der Richter! Sie betreffen jeden, der Kinder und Enkelkinder hat. Sie betreffen uns ebenfalls in den örtlichen Versammlungen (Gemeinden). Jede Generation muss ihre eigene Entscheidung für den Herrn treffen, und jede Generation trägt zugleich Verantwortung für die folgende Generation. Jede Generation hat ihre eigenen Feinde und Herausforderungen, gegen die sie sich stellen muss. Wenn wir die Feinde nicht besiegen, gewinnen sie die Oberhand. Eine friedliche Koexistenz gibt es nicht.

2. Ein guter Anfang garantiert keine gute Fortsetzung

Das Buch beginnt mit einer positiven Feststellung. Die Kinder Israel fragen Gott. Er gibt Antwort, und sie erringen einen ersten Sieg. Doch wenig später geht es bergab. Und trotz der häufigen Hilfe Gottes dreht sich die Spirale weiter abwärts. Gleiches gilt, wenn wir uns das Leben der Richter selbst anschauen. In einigen Fällen gab es einen guten Anfang und leider kein gutes Ende. Gideon ist dafür nur ein Beispiel. Als Glaubensheld hatte er einen großartigen Sieg errungen und alle Ehre Gott gegeben. Doch dann – scheinbar auf der Höhe des Glaubens – knickte er ein. Gut angefangen bedeutet noch lange nicht, dass alles automatisch gut weiter verläuft. Gerade nach einem Glaubenssieg müssen wir besonders aufpassen, dass der Feind uns nicht angreift und wir eine Niederlage erleben. Wir haben uns bereits an die Galater erinnert, die im Geist angefangen hatten und nun riskierten, im Fleisch zu enden.

3. Gefahr der Vermischung mit der Welt

Das Kardinalproblem der Kinder Israel lag darin, dass sie sich mit den umliegenden Völkern vermischten – und dies gegen den ausdrücklichen Befehl Gottes, der sie mehr als einmal vor dieser Vermischung gewarnt hatte. In Kapitel 3 lesen wir, dass die Kinder Israel inmitten der feindlichen Nationen lebten (Vers 5). Sie hatten es versäumt, sie zu vertreiben und die Folgen dieser geistlichen Nachlässigkeit ließen nicht auf sich warten2: sie „ ... nahmen sich deren Töchter zu Frauen und gaben ihre Töchter deren Söhnen und dienten ihren Göttern“ (Vers 6). In dieser Entscheidung sieht man die weitreichenden Folgen, denn der ehelichen Vermischung folgte die religiöse. Die ungläubigen Ehepartner zogen die Israeliten von ihrem Gott ab. Für uns gilt die Warnung: „ Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen. Denn welche Genossenschaft haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis?“ (2. Kor 6,14). Es ist fast wie ein „geistliches Gravitationsgesetz“, dass der Ungläubige den Gläubigen nach unten zieht und nicht umgekehrt3.

Trennung von der Welt und ihren Prinzipien ist die Voraussetzung für Gottes Segen, für geistliche Kraft und ein authentisches Zeugnis. Vermischung mit der Welt hingegen leitet immer Niedergang und geistliche Degeneration ein.

4. Eigenwille versus Gottes Willen

Zu Beginn des Buches befragten die Kinder Israel Gott, was sie tun sollten. Sie achteten auf seinen Willen (Kap 1,1). Am Ende lautet das Fazit Gottes zweimal:

„In jenen Tagen war kein König in Israel; jeder tat, was recht war in seinen Augen“ (Ri 17,6; 21,25). König Saul hörte die deutlichen Worte: „Denn wie Sünde der Wahrsagerei ist Widerspenstigkeit, und der Eigenwille wie Abgötterei und Götzendienst. Weil du das Wort des Herrn verworfen hast, so hat er dich verworfen“ (1. Sam 15,23).

Es ist eine wichtige Frage, wessen Willen wir tun wollen – den eigenen oder den Willen Gottes. Was ist der Maßstab, an dem wir unser Verhalten messen? Ist es das, was in unseren eigenen Augen – oder vielleicht denen von anderen Menschen – richtig ist? Folgen wir dem Mainstream? Oder wollen wir den Willen Gottes von Herzen tun? Das Grundübel der Kinder Israel war, dass sie immer wieder von Gottes Willen abwichen.

5. Persönliche und kollektive Verantwortung

Das Buch der Richter zeigt uns deutlich, dass wir eine Verantwortung haben, und zwar in doppelter Hinsicht: erstens eine kollektive (gemeinsame) und zweitens eine individuelle (persönliche). Die Kinder Israel handelten wiederholt kollektiv gegen Gottes Willen. Wir haben uns daran erinnert, dass es siebenmal heißt, dass sie das taten, was in Gottes Augen böse war. Ein solches kollektives Fehlverhalten gibt es heute ebenso (z. B. in einer Familie oder einer Gemeinde). Darüber hinaus zeigt uns das Buch der Richter mehrmals persönliches Fehlverhalten, und zwar bei den Richtern selbst (z. B. Gideon und Simson) und bei anderen Personen (z. B. Michas Götzendienst in Kapitel 17 oder die traurige Geschichte des levitischen Mannes in Kapitel 19).

Das Buch der Richter warnt vor persönlichem und gemeinschaftlichem Fehlverhalten, sowohl religiös motiviert (z. B. Götzendienst, Bruderkrieg) als auch moralisch (z. B. falscher Gebrauch der Sexualität).

6. Das Prinzip von Saat und Ernte

Das Prinzip von Saat und Ernte stellt Paulus den Galatern vor: „Irrt euch nicht, Gott lässt sich nicht spotten! Denn was irgend ein Mensch sät, das wird er auch ernten. Denn wer für sein eigenes Fleisch sät, wird von dem Fleisch Verderben ernten; wer aber für den Geist sät, wird von dem Geist ewiges Leben ernten“ (Gal 6,7.8). Das in der Natur gültige Gesetz ist im geistlichen Leben nicht aufgehoben. Und in der Regel fällt die Ernte größer aus als die Saat. „Denn Wind säen sie, und Sturm ernten sie“ (Hos 8,7). Das Buch der Richter illustriert das eindrucksvoll an vielen Beispielen. Es gilt wiederum kollektiv für das ganze Volk, und es gilt persönlich. Im Leben Simsons wird dies besonders deutlich. Eigenwille und Ungehorsam haben Folgen, denen wir nicht ausweichen können.

7. Das Prinzip von Gnade und Verantwortung

Neben dem Prinzip der Verantwortung gibt es – Gott sei Dank – ein anderes Prinzip, nämlich das Prinzip der Gnade. Gott ist treu und kann sich selbst nicht verleugnen (2. Tim 2,13). Egal, wie schief unser Leben gelaufen ist, es gibt immer ein Zurück. Es gibt immer die Chance einer Belebung. Unsere Lebenslinien können nie so krumm sein, dass Gott nicht noch gerade darauf schreiben könnte. Das Beispiel der Kinder Israel illustriert das eindrucksvoll, und besonders das Ende Simsons ist ein Beweis dafür: „Wo aber die Sünde überströmend geworden ist, ist die Gnade noch überreichlicher geworden“ (Röm 5,20). Samuel sagte einmal zu dem Volk: „Denn der Herr wird um seines großen Namens willen sein Volk nicht verlassen; denn es hat dem Herr gefallen, euch sich zum Volk zu machen“ (1. Sam 12,22). Der Psalmdichter schreibt: „Denn der Herr wird sein Volk nicht verstoßen und sein Erbteil nicht verlassen“ (Ps 94,14).

Allerdings dürfen wir die Gnade niemals zum Anlass – oder zum Vorwand – nehmen, um zu sündigen. Das wäre ein frevelhaftes Verhalten. Man kann die Gnade nicht durch Sünde provozieren (Röm 6,1) und mit dem Gedanken sündigen, dass Gott ja nachher vergibt.

8. Das biblische Prinzip geistlicher Leiterschaft

Wir haben gesehen, dass ein Richter etwas mit Führung im Volk Gottes zu tun hat. Dabei lernen wir vier Dinge:

  1. Die Notwendigkeit der Leiterschaft: „Wo keine Führung ist, verfällt ein Volk; aber Rettung ist bei der Menge der Ratgeber“ (Spr 11,14). Das Prinzip geistlicher Leiterschaft ist biblisch begründet. Das Neue Testament spricht einige Male ausdrücklich von „Führern“ (Apg 15,22; Heb 13,7.17.24).
  2. Die Art der Leiterschaft: „Wenn ... ein Gottloser herrscht, seufzt ein Volk“ (Spr 29,2). Ein guter Führer (sei es in der Gemeinde oder in der Familie) ist immer ein gutes Vorbild (1. Pet 5,3). Die Art der Führung ist entscheidend für das Ergebnis. Das Wort „Führer“ schließt ein, dass er den Weg zeigt, indem er vorangeht.
  3. Ernennung und Akzeptanz der Führer: Geistliche Führer im Volk Gottes ernennen sich nicht selbst. Gott „erweckt“ sie (Kap 2,16.18; 3,9.15) und andere sollen sie anerkennen (Kap 2,16.17). Im Neuen Testament wird von keiner Gemeinde berichtet, in der Älteste sich selbst anstellten oder von anderen (mit Ausnahme der Apostel und ihren unmittelbaren Beauftragten) eingesetzt oder gar gewählt wurden.
  4. Verantwortung der Führer: Führer können andere positiv oder negativ beeinflussen. Jeder Leiter steht unter Verantwortung. In den Pastoralbriefen lesen wir fünfmal das Wort „du aber“ (1. Tim 6,11; 2. Tim 3,10.14; 2. Tim 4,5; Tit 2,1). Wenn Einzelne sich aufwecken lassen, ist die Chance groß, dass andere mitziehen (Hld 1,4).

9. Gott ist nie ohne Ausweg

Es macht Mut daran zu denken, dass keine Situation unseren Gott in Verlegenheit bringt oder Ihm aus dem Ruder läuft. Wie dunkel die Zeit auch sein mag und wie ausweglos eine Situation uns erscheint, bei Gott ist immer Licht, und Er hat immer einen Weg. Wir dürfen Ihn darum bitten, sein Licht und seine Wahrheit zu senden, damit sie uns leiten (Ps 43,3). Gott beobachtet sein Volk und im richtigen Moment greift Er ein. Manchmal sind es schwache Menschen, die Er dazu benutzt oder solche, die eigentlich gehandicapt sind und von denen wir es kaum erwarten würden, solche Aufgaben übertragen zu bekommen. Wir haben gesehen, dass Gott nicht unbedingt die Großen, die Starken und Erfolgreichen auswählt, sondern häufig sind es die schwachen Werkzeuge, mit denen Er Großes bewirkt.

10. Wir sind nie ohne Hilfsquelle

Die Hilfe Gottes ist da – und es gibt einen Weg, diese Hilfe zu bekommen. Das lehrt uns das Buch der Richter. Die Voraussetzungen sind:

  1. den eigenen Zustand richtig einschätzen und darüber traurig sein. Das Buch der Richter zeigt uns den Wert der Tränen vor Gott (Kap 2,4; 20,23). Der in Kapitel 2 erwähnte Ort Bochim bedeutet „Weinende“. Es fällt auf, dass gerade der 2. Timotheusbrief ebenfalls mehrfach von Tränen oder Trübsal spricht (2. Tim 1,4.8; 4,5).
  2. unsere Verfehlungen vor Gott bekennen und dabei nicht auf andere sehen, sondern auf uns selbst (Kap 10,10.15). Leider finden wir das im Buch der Richter nicht sehr häufig (Worte wie „verkehrt“ und „falsch“ finden wir gar nicht). Der Ort Gilgal – der im Buch Josua häufig erwähnt wird und von Selbstgericht spricht – kommt im Buch der Richter nur zweimal vor4. Für uns gilt: „Wer seine Übertretungen verbirgt, wird kein Gelingen haben; wer sie aber bekennt und lässt, wird Barmherzigkeit erlangen“ (Spr 28,13).
  3. zu Gott um Hilfe rufen: Im Buch der Richter lesen wir siebenmal, dass die Kinder Israel zu Gott „schrien“ (Kap 3,9.15; 4,3; 6,6.7; 10,10.12). Schreien ist mehr als beten. Es ist intensives Gebet und Rufen um seine Hilfe. Wer so zu Gott ruft, den wird Er hören. „Dieser Elende rief, und der Herr hörte, und aus allen seinen Bedrängnissen rettete er ihn“ (Ps 34,7). Das letzte Gebet, das wir von Simson lesen, war ein solches Rufen um die Hilfe seines Gottes: „Herr, Herr, gedenke doch meiner und stärke mich doch nur diesmal, o Gott, damit ich an den Philistern eine einmalige Rache nehme für meine beiden Augen“ (Kap 16,28). Selbst wenn ein wenig Egoismus in dieser Bitte mitschwingt, schenkt Gott Ihm die Gnade, im Tod den größten Sieg seines Lebens zu erlangen.

Resümee

Das Buch der Richter ist über 3.000 Jahre alt und dennoch hochaktuell. Es hat eine unmittelbare Ansprache an jeden der es liest. Es warnt. Es rüttelt auf. Es veranlasst dazu, persönlich und gemeinschaftlich eine Standortbestimmung vorzunehmen. Und es weist uns den Weg in die richtige Richtung, wenn etwas schief gelaufen ist. Es lohnt sich, dieses alte Buch näher zu studieren und geistlich davon zu profitieren.

Fußnoten

  • 1 Ebenso wenig ist natürlich der umgekehrte Rückschluss zulässig, dass gottlose Eltern „automatisch“ gottlose Kinder haben. Ein Blick auf die Geschichte der Dynastie der Könige aus Juda macht das sofort deutlich. Treue Väter hatten zum Teil sehr gottlose Söhne, während gottlose Könige Nachfolger hatten, die treu zu ihrem Gott standen.
  • 2 Es fällt auf, dass im zweiten Teil von Kapitel 1 (Verse 19–31) siebenmal davon die Rede ist, dass die Kinder Israel die Feinde „nicht vertrieben“
  • 3 Wenn Gott in Einzelfällen diese „Regel“ unterbricht und ungläubige Ehepartner zum Glauben kommen, so ist das eine besondere Gnade, die Er gibt. Darauf „verlassen“ können wir uns keineswegs. Das Argument, einen ungläubigen Partner deshalb zu heiraten, damit er/sie sich bekehrt, ist vor Gott ungültig. Die Ehe ist keine Evangelisationsmethode. Gott verbietet die Heirat zwischen Gläubigen und Ungläubigen.
  • 4 In Kapitel 2,1 ist es der Engel des Herrn, der von dort heraufkommt, und in Kapitel 3,19 lesen wir leider, dass es dort geschnitzte Bilder (also Götzen) gab.
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