Der Prophet Obadja

Einleitung

Glaube und Wissenschaft

Alle Christen, die sich wirklich unter das Wort Gottes stellen, werden sich über die Zukunft der religiösen Welt, die sie umgibt, nicht täuschen. Sie wissen, dass die Christenheit mit großen Schritten dem endzeitlichen Abfall und der Herrschaft des Antichrists entgegengeht. Im Bewusstsein des Ernstes ihres Auftrages, inmitten des wachsenden moralischen Verfalls Zeugen zu sein, haben sie deshalb mehr und mehr die Pflicht, an der „Einfalt gegenüber dem Christus“ (2. Kor 11,3) festzuhalten. Es ist ihre Aufgabe, die Lehre zu bewahren, die durch den Geist Gottes gelehrt wird, weil sie im Gegensatz zu den Lehren der Menschen von Gott kommt.

In Bezug auf diese Lehre ist ein Kind Gottes, das keine wissenschaftliche Ausbildung hat, beim Bibelstudium bald davon überzeugt, dass der Schlüssel zum Verständnis im Text selbst liegt, dem vollständigen biblischen Text, so wie er durch den Heiligen Geist gelehrt, empfangen und verstanden wird. Übrigens verdunkelt wissenschaftliche Ausbildung beim Kind Gottes oft mehr das Verständnis der Heiligen Schrift, als dass sie es erhellt. Die Paläontologie, die Ethnographie, die wissenschaftlichen Forschungen und die Entdeckungen, die sie erbringen, die historischen Nachforschungen – mit einem Wort, alle Zweige der Wissenschaft, so interessant sie sein mögen, erklären nicht das Wort Gottes. Wenn sie es auch manchmal bestätigen, so können sie doch keinen Augenblick dessen Wert in den Augen eines wahren Christen entkräften. Wenn wissenschaftliche Entdeckungen manchmal Dinge bestätigen, die uns mit völliger Gewissheit in der Heiligen Schrift vermittelt worden sind, freut sich der Gläubige, dass damit Einwände, die von Ungläubigen gegen die Heilige Schrift erhoben wurden, widerlegt sind. Trotz der Hilfe, die sie dem Gläubigen im Kampf bieten können, sind sie dennoch nie ein zum Verständnis der Heiligen Schrift unentbehrlicher Kommentar. Im Gegenteil, sie werden oft ein echtes Hindernis zum Verständnis der Schrift sein. Warum? Weil Wissenschaftler dazu neigen, das Verständnis für die Wahrheit der Bibel auf das Niveau herunterzuholen, wo menschlicher Verstand sie begreifen kann. Selbst wenn sie nicht bis zum Rationalismus gehen, so kann allerdings der Theologe aufgrund seines Studiums – auch wenn er einen sehr rechtgläubigen und ernsthaften Glauben hat – sich dem nicht ganz entziehen, rationale Elemente in seine biblischen Auslegungen einfließen zu lassen.

Wir bestreiten keineswegs die Bedeutung der Wissenschaft auf ihrem Gebiet. Wir verkennen nicht den Wert der Wissenschaften oder der wissenschaftlichen Fachrichtungen, die an ihrem speziellen Platz hervorragend sind. Wir schätzen wissenschaftliche Methoden, wenn sie sich nicht anmaßen, die Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift zu kontrollieren oder zu beurteilen. Der Christ ist manchen Wissenschaftlern zu großem Dank verpflichtet, besonders jenen, die sich um eine gute Herausgabe der Heiligen Schrift bemüht haben, um ihre exakte Übersetzung und um eine bessere Kenntnis der Sprachen, in denen ihr Original geschrieben worden ist. Dankbar ist der Christ für manche Belehrungen, mit denen normale biblische Auslegung dem Glauben Hilfe leisten kann. Aber er hat nur eine sichere Quelle: die Heilige Schrift, und nur ein Hilfsmittel, um sie zu verstehen: den Heiligen Geist. Für den Christen ist es einzig der Heilige Geist, der die göttlichen Dinge kennt, der sie lehrt und mitteilt, der hilft, sie anzunehmen und zu verstehen (1. Kor 2,10–13), unabhängig von aller menschlichen Weisheit. Er allein ist es, der uns befähigt, sie richtig auszulegen.

Prophetische Vision der Endzeit

Die Gefahr, alles nur mit dem Verstand verstehen zu wollen, wird offensichtlich, wenn es um die Prophetie geht. Diejenigen, die sich vom menschlichen Verstand leiten lassen, müssen wohl oder übel zugeben, dass die Propheten historische Ereignisse vor ihrer Erfüllung angekündigt haben. Diese Tatsache bedeutet für sie der erstaunlichste Ausdruck dessen, was sie Inspiration nennen.

Aber sie können sich kaum eine prophetische Vision der Endzeit vorstellen, und wenn sie sie anerkennen, so schreiben sie den Propheten eine gewisse, mehr oder weniger deutliche messianische Erwartung zu – je nach der Zeit, in der sie lebten – oder die Vorhersage eines vagen Reiches Gottes, womit sie eine allmähliche Auswirkung und einen Endtriumph des Christentums über das Heidentum in der Welt meinen. So interpretieren sie gewöhnlich das Reich Gottes. Sie sind nicht bereit zu akzeptieren, dass die Bibel genau das Gegenteil lehrt: Sie zeigt uns nämlich, dass das Wiederkommen des Herrn zur Aufnahme seiner Gemeinde in den Himmel dem Christentum auf der Erde ein Ende bereiten wird und dass die abgefallene Christenheit, die auf der Erde zurückgelassen wird, dann das große Babylon werden wird, die Mutter eines Götzendienstes, der umso abscheulicher sein wird, als er auf den Stumpf des Christentums aufgepfropft ist. Die heidnischen Nationen können also nicht durch die Christenheit bekehrt werden; im Gegenteil dazu wird jedoch eine Vielzahl von ihnen durch den Dienst des zukünftigen jüdischen Überrestes das Evangelium des Reiches annehmen (das nicht das Evangelium der Gnade ist).

Dieselben Menschen sehen in der Prophetie des Alten Testaments Ereignisse, die bereits erfüllt sind, so dass für sie die Geschichte die Prophetie erklärt. Das ist ein großer Irrtum. Wir leugnen nicht, dass es eine teilweise historische Erfüllung der alttestamentlichen Prophezeiungen gibt (und dies unterscheidet sie von den Prophezeiungen im Neuen Testament, das uns unmittelbar in die Endzeit einführt). Aber diese teilweise Erfüllung ist niemals das letzte Wort der Prophetie, denn dies würde bedeuten, ihr – wie der Apostel sagt – eine „eigene Auslegung“ beizulegen (2. Pet 1,20). Es ist ein wesentlicher Grundsatz beim Studium der Prophetie, dass sie sich „nicht selbst auslegt“, auch wenn sie sich in der Vergangenheit oft zum Teil schon erfüllt hat.

Man findet in einem einzelnen Abschnitt nicht seine eigene Auslegung, das heißt die Erklärung dessen, was er bedeutet. Die Prophetie kann nur durch den Heiligen Geist verstanden werden, der „heilige[n] Menschen Gottes“ eingegeben hat, was sie reden sollten. Wenn die Prophetie von dem redet, was heute Vergangenheit ist, bleibt sie nicht dort stehen, sondern sie zeigt uns in den zeitlich nahe stehenden Ereignissen Analogien zu den zukünftigen an. Welchen Ausblick die Prophetie uns auch immer öffnet, sie führt immer zu Christus und verkündet uns „die Macht und Ankunft unseres Herrn“ (2. Pet 1,16). Sie offenbart im Voraus die „Leiden, die auf Christus kommen sollten“, und verkündigt „die Herrlichkeiten danach“ (1. Pet 1,11). Und da die Gerichte zu den Herrlichkeiten Christi gehören, offenbart uns die Prophetie auch sie: Die Gerichte lehren die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit (Jes 26,9).

Wenn wir so argumentieren, behaupten wir nicht, das Gebiet der Prophetie völlig erklärt zu haben, aber wir haben doch aufgezeigt, worauf Prophetie immer hinausläuft. Tatsächlich beginnt der Prophet damit, eine Feststellung über den moralischen Zustand Israels (im Neuen Testament der Kirche Christi) zu treffen, und macht den vollständigen und unheilbaren Ruin Israels trotz der dringlichen Appelle, die das Volk zur Buße führen sollten, deutlich. Er kündigt die Gerichte an, die dieses Volk in der Gegenwart und in der Zukunft treffen werden, sowie die endzeitliche Wiederherstellung eines treuen Überrestes unter der herrlichen Herrschaft Christi. Was die Nationen betrifft, denen Gott wegen des Versagens seines Volkes die Herrschaft übergeben hat und die Er nun als Rute gegen es benutzt, so beschreibt der Prophet deren zukünftiges Gericht, um den Glauben der Treuen zu stärken. Doch da Israel erst dann wiederhergestellt werden wird, wenn der Messias seine herrliche Herrschaft angetreten hat, wird sich das Gericht über die Nationen erst bei der Aufrichtung dieses Reiches völlig erfüllen.

Die Königsherrschaft Christi

Wie bereits erwähnt, muss die Prophetie also auf die Macht und auf die Ankunft Christi in seinem Königreich hinauslaufen. Dieses Reich ist tatsächlich ihr eigentliches Ziel. Die Prophetie ist nicht, wie im Christentum, die Offenbarung der himmlischen Ratschlüsse Gottes bezüglich der Gemeinde, sondern die Offenbarung seines Reiches hier auf der Erde und der Wege, auf denen Er es einführen wird.

Der Prophet Amos spricht mehr als alle anderen Propheten nur von nahen Ereignissen, die bald in Erfüllung gehen sollten. Sein Thema sind die aktuellen Regierungswege Gottes mit den Menschen. Sogar seine Prophezeiungen weisen letztendlich alle auf den Tag des Herrn hin (Amos 9,11–15). Ohne Zweifel erwähnt er den Tag des Herrn nur kurz, in wenigen Versen, doch dies genügt uns als Beweis, dass der Prophet das herrliche Reich Christi als Endziel im Auge hat.

So ist es auch beim Propheten Obadja. Die letzten Worte seiner kurzen Prophezeiung sind: „Das Reich wird dem Herrn gehören.“ Er zeigt jedoch auch eine Eigentümlichkeit, die den meisten Propheten bis auf Amos eigen ist. Ein bereits geschehenes Ereignis ist nur das Bild und wie ein Auftakt kommender Ereignisse. Um sich davon zu überzeugen, genügen die Betrachtung und der Vergleich Edoms in den beiden ersten Kapiteln von Amos und Obadja. Amos verkündet Ereignisse bezüglich Edoms (Kap. 1,11.12), die weniger als zwei Jahrhunderte nach seiner Prophezeiung eintraten. Darüber geht er nicht hinaus. Obadja hingegen betrachtet ein Ereignis, das gerade stattgefunden hatte, nämlich die Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar, und sieht darin eine Ähnlichkeit mit der Rolle, die Edom bei den Ereignissen in den letzten Tagen spielen wird. Diese Ereignisse werden der endgültigen Herrschaft Christi vorausgehen.

Dies nun wird von den erwähnten Bibelauslegern vollständig geleugnet. Ihr Verstand weigert sich zu akzeptieren, dass Völker, die heute völlig ausgelöscht zu sein scheinen, wieder auf der Bildfläche erscheinen. Deshalb – wir wiederholen es – sind die Gedanken Gottes, die in seinem Wort, und in der Prophetie im Besonderen, enthalten sind, für den menschlichen Verstand unerklärlich. Daher sind die Einfältigen glückselig, denn von ihnen wird gesagt: „Die Eröffnung deiner Worte erleuchtet, gibt Einsicht den Einfältigen“ (Ps 119,130). Sie sind solche, die sich durch das Wort unterrichten lassen und ausschließlich darin das Licht suchen, um es zu verstehen: „In deinem Licht werden wir das Licht sehen“ (Ps 36,10). Sie werden auch nicht einmal mit der Wissenschaft die vermeintlichen (aber niemals wirklichen) Lücken im Wort Gottes zu füllen oder Dinge zu ergänzen suchen, über die die Schrift schweigt. Wenn Gott spricht, sagen sie wie Samuel: „Rede, Herr, denn dein Knecht hört“ (1. Sam 3,9), und wenn Gott schweigt, sagen sie wie der Psalmist: „Setze, Herr, meinem Mund eine Wache, behüte die Tür meiner Lippen!“ (Ps 141,3). Vielleicht wird Gott ihnen den Grund seines Schweigens offenbaren, wenn ihr Vertrauen auf Ihn unter Beweis gestellt worden ist, und sie werden dann, in eben diesem Schweigen, neue Belehrungen finden.

Wir sollten nicht versuchen, alles auf einmal verstehen und erklären zu wollen. Die Reichtümer Christi werden uns nach und nach durch den Heiligen Geist mitgeteilt, der uns Gott in seinem Wort offenbart. Der Goldsucher, der einer Goldader nachgeht, wird nach und nach zum ganzen Fund gelangen. Um viel davon zu gewinnen, darf er die kostbare Ader nicht durch einen Augenblick der Unaufmerksamkeit aus den Augen verlieren. Es kann sein, dass die Ernte an einem Tag gering ist, an einem anderen Tag erfüllt die Entdeckung eines ansehnlichen Barrens den Goldgräber mit Freude; ob er jedoch wenig oder viel findet, es ist immer dasselbe edle Metall, dessen hoher Wert am Ende der Ausbeutung offenbar wird.

Für uns ist es dasselbe, wenn wir uns bemühen, das Wort unter der Leitung des Heiligen Geistes zu studieren. Wenn wir Christus nie aus den Augen verlieren, werden wir uns nicht verirren. Immer werden wir eine neue Entdeckung seiner Herrlichkeiten machen; die einen werden einen weitreichenderen Charakter haben als andere, denn die Herrlichkeiten Christi können himmlischer oder irdischer Art sein. Aber die einen wie die anderen bilden zusammen die unvergleichliche Krone, die Gott eines Tages auf das Haupt seines Geliebten setzen will, wenn Er als Sohn des Menschen, König Israels, König der Nationen und König der Herrlichkeit seine Herrschaft antreten wird.

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