Gesetz und Gnade
Mitschriften von Vorträgen über den Galaterbrief

Galater 5

„Siehe, ich, Paulus, sage euch, dass, wenn ihr beschnitten werdet, Christus euch nichts nützen wird. Ich bezeuge aber wiederum jedem Menschen, der beschnitten wird, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr seid abgetrennt von Christus, so viele ihr im Gesetz gerechtfertigt werden wollt; ihr seid aus der Gnade gefallen. Denn wir erwarten durch den Geist aus Glauben die Hoffnung der Gerechtigkeit. Denn in Christus Jesus vermag weder Beschneidung noch Vorhaut etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirkt“ (Gal 5,2–6).

Die hier verwendete Sprache ist sehr hart, doch die Ehre Christi sowie die Erlösung von Sündern standen auf dem Spiel. Christus wird nicht auf Kosten seines Platzes als Erretter den Platz eines Helfers einnehmen. Jede Abhängigkeit von gesetzlicher Gerechtigkeit, ob moralisch oder zeremoniell, macht Christus für uns nutzlos. Wir brauchen nichts anderes als Erlösung. Wie oft hören wir den Satz: „Ich weiß, dass ich nichts aus mir selbst tun kann.“ Doch dies bringt Christus nur in die Stellung eines Helfers, und ein Helfer ist Er tatsächlich für Tausende, die nie gerettet werden. Allen zehn Aussätzigen wurde gleichermaßen durch Christus geholfen, doch nur einer hatte den Glauben, sich zu seinen Füßen niederzuwerfen und so die Erlösung zu erlangen. Wenn du teils auf dich und teils auf Christus blickst, wird „Christus [dir] nichts nützen“. Welchen Nutzen bringt Christus den Tausenden, die seinen Namen tragen? Der Apostel, der jeden Vorteil für die Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi aufgab, konnte diese Frage durchaus stellen. Christus war wirklich alles für ihn. Auch konnte er durchaus jedem Menschen wiederum bezeugen, „der beschnitten wird, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist“.

Die heilige Erhabenheit des Gesetzes, die reiche Gnade des Evangeliums und die Herrlichkeit Christi verbieten gleichermaßen den nutz- und sinnlosen Versuch, unseren eigenen unvollkommenen Gehorsam zusammen mit Christus zur Grundlage unserer Erlösung zu machen. Ein solcher Versuch bedeutet, um es mit der Sprache des Apostels zu sagen, ein Zunichtemachen des Werkes Christi am Kreuz, als ob dies ein unnötiges Werk gewesen wäre, und so aus der Gnade zu fallen – den festen Felsen der Gnade Gottes in Christus Jesus zu verlassen und ihn gegen den sandigen Grund unserer eigenen Gerechtigkeit einzutauschen. Es ist in der Tat eine furchtbare Sache für einen Christen, in Sünde zu fallen; doch selbst für einen solchen ist Vorsorge getroffen in der reichen Gnade des Evangeliums. „Wenn jemand gesündigt hat – wir haben einen Sachwalter bei dem Vater, Jesus Christus, den Gerechten. Und er ist die Sühnung für unsere Sünden“ (1. Joh 2,1). Aus der Gnade zu fallen bedeutet jedoch, das Vertrauen wieder auf das Fleisch zu setzen und das Vertrauen auf Christus aufzugeben. Es bedeutet, das Evangelium zu einem bloßen Abhilfe schaffenden Gesetz zu machen – sodass man eine Religion gründet, die den Menschen in seinem natürlichen Abstand zu Gott lässt, ohne sein Gewissen zu reinigen oder ihm Frieden mit Gott zu schenken. Der Mensch als Sünder braucht Erlösung, und diese bringt ihm die Gnade Gottes. Aus der Gnade zu fallen bedeutet, die Gewissheit der Errettung durch den Glauben an Christus Jesus zu untergraben und somit die Errettung als eine große Ungewissheit hinzustellen, die erst am Tag des Gerichts genau bestimmt werden kann, anstatt sie jetzt als von Gott zu empfangen und auf deren Grundlage in Frieden mit und Nähe zu Gott zu frohlocken.

Solche, die so „aus der Gnade gefallen“ sind, verlassen nicht nur die Wahrheit des Evangeliums in Bezug auf die gegenwärtige Rechtfertigung vor Gott durch den Glauben an Christus. Sie geben auch die wahre christliche Hoffnung auf, indem sie das Erlangen von Gerechtigkeit zu ihrer Hoffnung machen, anstatt die gegenwärtige Gerechtigkeit durch den Glauben an Christus zum sicheren Anker der Erwartung der Herrlichkeit zu machen. „Denn wir“, schreibt der Apostel stellvertretend für alle Gläubigen, „erwarten durch den Geist aus Glauben die Hoffnung der Gerechtigkeit“. Wenn wir die Wahrheit der gegenwärtigen Annahme in dem Geliebten verfälschen, untergraben wir die gesegnete Hoffnung, auf die wir durch den Geist zu warten berechtigt sind – nämlich die Herrlichkeit. Wir finden viele Christen, die die Rechtfertigung als etwas Zukünftiges ansehen, anstatt zu sehen, dass sie sie schon besitzen und sich auf dieser Grundlage in der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes zu erfreuen. Der Herr selbst ist unsere „Gerechtigkeit“, und unsere Hoffnung gründet sich auf diese Gerechtigkeit. Was für eine herrliche Hoffnung ist es, dass gerade die auf diese Weise Gerechten „... leuchten [werden] wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters“ (Mt 13,43).

Alles rühmen des Fleisches verliert sich dort, wo Glaube an Christus ist. Die Beschneidung, das Kennzeichen im Fleisch des irdischen Volkes Gottes, „nützt“ nicht mehr als die Vorhaut. Ein neues Lebensprinzip ist notwendig. Dies ist der Glaube, der durch den Geist Gottes im Herzen gewirkt wird. In diesem Glauben liegt ein kraftvolles Prinzip: Er wirkt „durch die Liebe“. Das Gesetz konnte weder Leben noch Gerechtigkeit schaffen. Es mochte Liebe gegenüber Gott und den Menschen befehlen, doch es war machtlos, seine eigene Ausführung zu bewirken – doch der Glaube wirkt durch die Liebe zu Gott und Menschen.

„Ihr lieft gut; wer hat euch aufgehalten, dass ihr der Wahrheit nicht gehorcht? Die Überredung ist nicht von dem, der euch beruft. Ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig“ (Gal 5,7–9).

Der Glaube an die Wahrheit ist nun Gottes Prüfung des Gehorsams. Es geht nicht um die Fähigkeit des Menschen, sich selbst in moralischer Gerechtigkeit Gott darzustellen – dies hat sich bereits als unwirksam herausgestellt. Die Frage ist vielmehr: Wird der Mensch die Gerechtigkeit als eine Gabe Gottes annehmen? Wird er durch den Glauben an seinen Namen Christus als die Gerechtigkeit Gottes annehmen? Das ist die Prüfung. Darauf beruht das Gericht, wie geschrieben steht: „... bei der Offenbarung des Herrn Jesus vom Himmel her ... wenn er Vergeltung gibt denen, die Gott nicht kennen, und denen, die dem Evangelium unseres Herrn Jesus Christus nicht gehorchen“ (2. Thes 7,8). Wie viele machen wie die Galater gerade ihren mangelhaften und unvollkommenen Gehorsam gegenüber dem Gesetz zu einem Hinderungsgrund für den Gehorsam gegenüber dem Evangelium. Dies mag uns wenig bedeutsam erscheinen, doch der Apostel entdeckte in dieser gesetzlichen Neigung den Sauerteig, der das gesamte Evangelium durchsäuern und ihm so seine Herrlichkeit rauben würde. Wenn die Wahrheit des Evangeliums auf dem Spiel steht, spricht der Apostel mit harter Entschiedenheit. Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn es keine strenge Aufrechterhaltung der Wahrheit des Evangeliums gibt – wenn es mehr Sorge um die eigene Ehre gibt als um die Ehre Christi – die Ehre seines Kreuzes und seiner fleckenlosen Gerechtigkeit.

„Ich habe Vertrauen zu euch im Herrn, dass ihr nicht anders gesinnt sein werdet; wer euch aber verwirrt, wird das Urteil tragen, wer er auch sei. Ich aber, Brüder, wenn ich noch Beschneidung predige, was werde ich noch verfolgt? Dann ist ja das Ärgernis des Kreuzes weggetan. Ich wollte, dass sie sich auch abschnitten, die euch aufwiegeln“ (Gal 5,10–12).

Der Apostel wusste, dass „die Wahrheit“, die er dargelegt hatte, durch das Herz und Gewissen derer beantwortet werden sollte, die durch die Gnade Gottes erquickt worden waren, auch wenn diese Wahrheit momentan durch Gesetzlichkeit verdeckt worden war. Dies war sein Vertrauen zu ihnen im Herrn. Wie ernstlich und fortwährend müssen wahre Christen ermutigt werden, „in der Gnade Gottes zu verharren“ (Apg 13,43). Es ist bemerkenswert, das übereinstimmende Zeugnis der Apostel bezüglich des wahren Charakters der Gesetzlichkeit zu finden. Es stellt sich auf eine solch redliche Weise dar – moralisch, wohltätig oder religiös –, dass es schwierig erscheint, es als großen Zerstörer und Verwirrer zu betrachten. Doch dies war das einheitliche Zeugnis der Apostel in ihrem denkwürdigen Konzil, das in der Apostelgeschichte aufgezeichnet ist: „Weil wir gehört haben, dass einige, die von uns ausgegangen sind, euch mit Worten beunruhigt haben, indem sie eure Seelen verstören [und sagen, ihr müsstet beschnitten werden und das Gesetz halten] – denen wir keinen Auftrag gegeben haben“ (Apg 15,24). Und so kennzeichnet der Apostel die gesetzlichen Lehrer hier als „Verwirrer“. Wie viele Christen quälen sich selbst, weil sie auf sich schauen, anstatt auf Christus zu blicken, weil solche sie durch ihre Worte und Lehren verwirren. Der Apostel verschont den gesetzlichen Lehrer nicht – wer auch immer er sei, er soll sein Urteil tragen. Ja, es mag hart erscheinen – lieblos, wie die Menschen es heute nennen würden –, doch der Apostel zögert nicht, zu sagen: „Ich wollte, dass sie sich auch abschnitten, die euch aufwiegeln.“ Die Ehre Gottes und seines Christus stehen auf dem Spiel, und wenn dies der Fall ist, ist nicht die Zeit für sanfte Worte.

Der Apostel wusste, dass die Verkündigung eines veränderten Evangeliums, bei dem die Gnade Gottes mit menschlichen Werken vermischt und dem menschlichen Werk weit mehr Bedeutung zugemessen wird als dem Werk Christi am Kreuz, das Ärgernis des Kreuzes wegnehmen würde. Und so ist es auch geschehen. Die Menschen mögen predigen, und sagen, dass Christus für unsere Sünden gestorben ist. Doch sie zögern, die wahre Schlussfolgerung zu ziehen, dass wir dann auch erlöst sind. Der wahre Anstoß des Kreuzes ist der: Während es dem Menschen jeden erdenklichen Grund für Vertrauen auf sich selbst nimmt, gibt es ihm als einem erkannten und erwiesenen Sünder mit Gott einen solchen Grund des Vertrauens, dass er auf der Grundlage sowohl seiner Heiligkeit, als auch seiner Gnade Frieden mit Ihm haben kann. Das Ärgernis des Kreuzes gibt es immer noch, und zwar da wo das Kreuz als das Urteil Gottes gegen die menschliche Gerechtigkeit, Weisheit und Gutheit dargelegt und so eine neue Ordnung eingeführt wird, nämlich Christus, und Ihn als Gekreuzigten, „Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ für die, die von Gott berufen und durch seine Gnade gerettet sind (1. Kor 1,18–24).

„Denn ihr seid zur Freiheit berufen worden, Brüder; nur gebraucht nicht die Freiheit zu einem Anlass für das Fleisch, sondern durch die Liebe dient einander. Denn das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‘ Wenn ihr aber einander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht voneinander verzehrt werdet“ (Gal 5,13–15).

Es gibt bei uns immer die starke Tendenz, in den Angelegenheiten Gottes auf das zu sinnen, „was der Menschen ist“ (Mt 16,23). Wir bilden uns Konstruktionen und ziehen unsere eigenen Schlussfolgerungen aus den Gedanken Gottes, die nicht unsere Gedanken sind, sondern unendlich viel höher und gesegneter (siehe Jes 55,8.9), und mindern dadurch deren Wert. Man sehe sich beispielsweise die Freiheit an: Wie groß ist der Unterschied zwischen den menschlichen und den göttlichen Gedanken zu diesem Thema. Nach Meinung des Menschen ist Freiheit Willkür – wenn der menschliche Wille keiner Kontrolle mehr unterliegt, ist schlimmster Niedergang und Abfall vom Glauben die Folge. Die Juden hatten in ihrer schlimmsten Gefangenschaft, sowohl zeitlich als auch geistlich, die Kühnheit zu sagen: „Wir sind Abrahams Nachkommen und sind nie jemandes Knechte gewesen; wie sagst du: Ihr werdet frei werden?“ (Joh 8,33). Wie ernst ist die Antwort Jesu an diese Prahler ihrer eigenen Freiheit: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Jeder, der die Sünde tut, ist der Sünde Knecht“ (Joh 8,34). Der Apostel Petrus zeigt sehr deutlich, dass in den Tagen, in denen wir leben, die lautesten Proklamierer der Freiheit selbst elende Sklaven des Verderbens sind (2. Pet 2,18.19).

Wir sind zur Freiheit berufen, doch nicht zur Freiheit für die Regungen des Fleisches, sondern zum Dienst. Christen werden oft dahin geleitet, ihre Anbetung und ihren Dienst mit ihrer Erlösung zu verbinden. Die Wahrheit ist jedoch, dass sie freigemacht sind, um anzubeten, Gott und ihren Geschwistern zu dienen, ja, allen Menschen zu dienen, soweit sie dies vermögen. Das Evangelium ist das Gesetz der Freiheit, das Gesetz der Liebe. Und wie einfach und gesegnet ist das Gesetz der Liebe: Die Liebe hat eine bezwingende Kraft – das Gesetz dagegen eher eine beschränkende Kraft. Das Gesetz der Freiheit ist nicht „Du sollst nicht“, sondern seine Sprache ist „Den Weg deiner Gebote werde ich laufen, wenn du meinem Herzen Raum gemacht haben wirst“ (Ps 119,32). Bevor die Frage unserer individuellen Annahme zur Ruhe gebracht ist, ist dem Herzen kein „Raum gemacht“. Wir sind von der Sünde befreit durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist, um Diener Gottes zu werden. Echte Freiheit und wahre Heiligkeit sind untrennbar miteinander verbunden. „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und dem Tode“ (Röm 8,2). Wenn wir selbst wirklich frei sind, anstatt andere zu richten, dann sind wir frei, für sie einzutreten, indem wir die Gnade kennen, in der wir selbst stehen. Ein gesetzlicher Geist ist immer ein fehlerfindender Geist. Wenn wir uns mehr in der Atmosphäre der Gnade aufhalten würden, sollten wir weniger im Bereich des Richtens sein. Doch in dem Moment, in dem wir gesetzlich werden, beißen und fressen wir einander, anstatt einander Gnade darzureichen und einander fortschreitend zu ermutigen, sodass wir mit leichteren Tritten durch diese öde Wüste zu gehen vermögen.

„Ich sage aber: Wandelt im Geist, und ihr werdet die Lust des Fleisches nicht vollbringen“ (Gal 5,16).

Wie wichtig ist es für uns, die Gedanken Gottes in Bezug auf den Geist im Gegensatz zum Fleisch zu haben. Die wahre Lehre des Kreuzes und das Leben im Geist sind untrennbar miteinander verbunden, sodass wir nicht das eine vom anderen trennen können, ohne von der Wahrheit abzuweichen. Das Gericht Gottes ist am Kreuz Christi auf das Fleisch gebracht worden, an dem Gott Christus, „der keine Sünde kannte, ... für uns zur Sünde gemacht [hat], damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm“ (2. Kor 5,21). Als Folge davon fließt von dem auferstandenen und verherrlichten Jesus Leben im Geist hervor. Der geistliche Mensch ist eine neue Art von Mensch, der hervorgekommen ist, nachdem der Tod und das Gericht am alten Menschen vollzogen ist (siehe 2,21).

Nach dieser neuen Ordnung des Menschen sollen wir nun leben. Der Geist macht uns empfänglich für neue Gedanken, neue Empfindungen, neue Interessen. „Wenn ihr nun mit dem Christus auferweckt worden seid, so sucht, was droben ist“ (Kol 3,1). Der geistliche Mensch erkennt, dass alle Dinge der Welt ihm entgegenstehen. Er kann sich in der Welt nicht zu Hause fühlen. Seine Interessen bewegen sich in einer anderen Sphäre. Er betet an in einem unsichtbaren Tempel und hat einen unsichtbaren Altar und eine unsichtbare Priesterschaft – alles ist geistlich. Und nur, wenn wir in Übereinstimmung mit dieser Ordnung leben, werden wir vor dem Vollbringen der Lust des Fleisches bewahrt.

Wenn wir schlechte Gemeinschaft vermeiden wollen, dann ist der beste Weg, gute Gemeinschaft zu bewahren. Es erfordert nur wenig Erfahrung des Christenlebens, unsere bedauerlichsten Fehltritte im Fleisch nachzuverfolgen: Wir haben vergessen, wovon wir erlöst worden sind, und zu welchem Preis. Wenn wir nicht im Geist wandeln, indem unsere Wünsche, Interessen und Gedanken im Himmel sind, werden wir oft sogar unter den Gerechtigkeitsstandard der Welt fallen, weil wir die Hemmungen nicht haben, die die Welt gezwungen ist, dem Fleisch aufzuerlegen, um seinen Charakter zu verbergen. Als Israel aufhörte, es als sein besonderes Privileg anzusehen, den Herrn als seinen König zu haben, und wie die Nationen zu sein begehrte, unter die es „nicht gerechnet“ werden sollte (4. Mo 23,9), wurde es schnell schlimmer als die Nationen. Wenn Christen sich auf eine konventionelle Gerechtigkeit verlassen, machen die das Kreuz nur zu einer Absicherung vor der Strafe, und kennen es nicht als eine mächtige und trennende Kraft, die zwischen einem selbst und einem selbst unterscheidet und die vor der Welt errettet. Die Folge ist ein geistlich niedriger Wandel, denn die einzige wirkliche Absicherung gegen das Vollbringen der Begierden des Fleisches ist das Wandeln im Geist.

„Denn das Fleisch begehrt gegen den Geist, der Geist aber gegen das Fleisch; denn diese sind einander entgegengesetzt, damit ihr nicht das tut, was ihr wollt. Wenn ihr aber durch den Geist geleitet werdet, so seid ihr nicht unter Gesetz“ (Gal 5,17–18).

Hier wird in großer Erleichterung eine wunderbare Wahrheit hervorgebracht. Es gibt wohl kaum einen Christen, der nicht in der Praxis versucht hat, der Aussage zu widersprechen, dass Fleisch und Geist einander entgegengestellt sind. Die Lehre der fortschreitenden Heiligung leugnet diese Tatsache im Prinzip. Wir erhalten „Heiligung des Geistes, zum Gehorsam und zur Blutbesprengung Jesus Christi“ (1. Pet 1,2). Doch das Fleisch, selbst das des Gläubigen, ist unveränderlich dasselbe, und er muss durch Erfahrung lernen, dass das Fleisch gegen den Geist Gottes streitet, und er seine Kraft dagegen im Kreuz Christi findet.

Die Gegenwart des Geistes lässt uns die Bosheit des Fleisches erkennen. Wir werden von uns selbst und anderen enttäuscht, doch dies sollte uns den unveränderlichen Charakter des Fleisches lehren, ob nun moralisch, intellektuell oder religiös betrachtet. Wir werden von religiösem Fleisch umgeben – Fleisch in der gefährlichsten Form, weil es den Namen Christi benutzt, um sich selbst zu billigen. Doch das Wort bleibt unverändert: „Alles Fleisch ist Gras“ (Jes 40,6). Der Apostel trifft jedoch keine einseitige Aussage, die uns erlauben würde, das Wissen über den wahren Charakter des Fleisches zu nutzen, um seine Werke zu billigen. Das Fleisch wird durch das Entgegenstreben des Geistes gehindert, sodass es seine Neigungen nicht vollbringen kann. Es ist noch immer Fleisch, unverändert, sodass selbst der fortgeschrittenste Christ seine Rüstung nicht ablegen kann, als wäre es besiegt. Er kennt es besser und ist aufmerksamer in Bezug auf seine subtilen Listen, und versteht ihm zu begegnen, indem er auf das Kreuz Christi schaut. Und wenn das Fleisch sagen würde: „Verschone dich“, wird ihm mit den Worten den Meisters entgegnet: „Nimm dein Kreuz auf dich“.

Es ist eine wichtige Sache, durch den Geist geleitet zu werden. Der Geist leitete Jesus in die Wüste, um vom Teufel versucht zu werden. Und der Geist führt auch uns in Kämpfe mit der Welt, dem Fleisch, und dem Teufel; doch der Geist führt uns auch zu Jesus, und leitet uns in alle Wahrheit. Er zeigt uns, wo unsere Kraft liegt – nicht in gesetzlichen Bemühungen, sondern in dem Schöpfen aus der Fülle Jesu. „Wenn ihr aber durch den Geist geleitet werdet, so seid ihr nicht unter Gesetz.“

„Offenbar aber sind die Werke des Fleisches, welche sind: Hurerei, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Streit, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Sekten, Neid, Totschlag, Trunkenheit, Gelage und dergleichen, von denen ich euch vorhersage, wie ich auch vorhergesagt habe, dass die, die so etwas tun, das Reich Gottes nicht erben werden“ (Gal 5,19–21).

Was für eine düstere Zusammenstellung der Werke des Fleisches, die offenbar sind. Es gibt andere Wirkungen des Fleisches, die nicht offen und sichtbar sind und nur durch solche verurteilt werden können, die geistlich sind. Es gibt den „Sinn des Fleisches“ (Kol 2,18), und das Fleisch in seinem religiösen Aspekt, auf das Paulus kein Vertrauen haben konnte (Phil 3,3.4). Aber selbst von den Werken des Fleisches, die offenbar sind, sind einige für uns zwar moralisch anstößig, andere jedoch nicht – doch sie sind für Gott in gleicher Weise abstoßend. Wir machen Unterschiede zwischen diesen Werken, die der Apostel zusammen gruppiert. Während äußerliche Sinnlichkeit und Liederlichkeit als furchtbar böse und gesellschaftsschädlich verworfen wird, werden „Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Sekten“ in einem nicht so finsteren Licht betrachtet. Und doch beweisen sie in gleicher Weise, dass es keine Gottesfurcht als ein beeinflussendes Prinzip gibt, und sie schließen in gleicher Weise vom „Reich Gottes“ aus.

Zorn ist ein Werk des Fleisches. Dies ist der Grundsatz, nach dem die meisten von uns erzogen worden sind. Doch in seinem Geist ist dies das vollkommene Gegenteil des Geistes dessen, der „nicht schreien und nicht rufen, noch seine Stimme hören lassen [wird] auf der Straße“ (Jes 42,2). Zorn ist genau wie Rivalität und Wettgeist das Leben der Welt; es wird anerkannt und respektiert, doch es ist nichts als „ein Tongefäß unter irdenen Tongefäßen“ (Jes 45,9), bis zum völligen Vergessen des wahren Zustands des Menschen vor Gott (nämlich dem eines verlorenen und verdorbenen Sünders) und der wahren Größe im Himmelreich (Mt 18,1–7).

„Neid“ und „Totschlag“ werden gemeinsam genannt, genau wie sie auch durch Kain gemeinsam in die Welt kamen. Ebenso werden „Trunkenheit“ und „Gelage“ gemeinsam genannt. „Und dergleichen“ umfasst all die aufregenden Vergnügungen, für die die Menschen so gern und bereitwillig zahlen. Die Welt begnügt sich damit, einige der gröberen Werke des Fleisches zu ihrem eigenen Nutzen zu bändigen, während sie zu „Zorn“, „Gelagen und dergleichen“ als notwendig und wichtig ermutigt. Herodes hörte Johannes gern an – bis zu einem gewissen Punkt. Als Johannes klar sein Gewissen ansprach, indem er sagte: „Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben“, warf er ihn ins Gefängnis (Joh 6,18).

„Zwietracht“, „Sekten“ und Parteigeist in der Versammlung, denn das sind Sekten, werden oft gemeinsam gegen die Wahrheit Gottes gefunden. In diesem Brief tritt der Apostel, während er uns eine reiche Darstellung der Gnade Gottes vorstellt, mit einer schonungslosen Hand gegen das Fleisch mit seinen Begierden, Empfindungen und Werken auf. So entschieden der Apostel gegen die Verderber der Gnade des Evangeliums auftritt; er ist nicht weniger entschieden in seiner Anklage gegen praktische Gottlosigkeit. „Von denen ich euch vorhersage, wie ich auch vorhergesagt habe, dass, die solches tun, das Reich Gottes nicht ererben werden.“

„Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Gütigkeit, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit; gegen solche Dinge gibt es kein Gesetz. Die aber des Christus sind, haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und den Begierden“ (Gal 5,22–24).

Es gibt einen glückseligen Kontrast zwischen den „Werken des Fleisches“ und der „Frucht des Geistes“. Das Fleisch wirkt gewissermaßen unabhängig, der Geist hingegen bringt Frucht, indem wir in Christus bleiben. „Aus mir wird deine Frucht gefunden“ (Hos 14,9). Und so finden wir in diesem Abschnitt die Verbindung zwischen der Frucht des Geistes und der Lehre des Kreuzes. Gott hat durch das Kreuz Christi das Urteil über das Fleisch und seine Werke gefällt und das Gericht vollzogen. Und somit erkennen die, die im Geist sind, das Kreuz an und nutzen es praktisch als ihre Kraft gegen das Fleisch und seine Leidenschaften und Lüste. Wenn der Apostel das Kreuz als eine mächtige trennende Kraft zwischen sich selbst und sich selbst anführt - „Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ –, wendet er es hier in seiner moralischen Kraft gegen die Leidenschaften und Lüste des Fleisches an. „Die aber des Christus sind, haben das Fleisch gekreuzigt samt den Leidenschaften und Lüsten.“

Die Frucht des Geistes ist ein einziges Muster, jedoch mit einer schönen Vielfalt. Doch wenn wir die verschiedenen Facetten aufzählen, aus denen das Muster sich zusammensetzt, sind es numerisch weniger als die Werke des Fleisches. Was für eine traurige, aber deutliche Wahrheit, dass das, von dem wir zeugen und was die äußere Erscheinung des Menschen ausmacht, die Werke des Fleisches sind, gegen die der Zorn Gottes vom Himmel offenbart ist, und gegen die es ein Gesetz gibt. Viele Teile der Frucht des Geistes sind so unauffällig, dass wir, wenn wir im Geist wandeln, „Unbekannte und Wohlbekannte“ (2. Kor 6,9) sein sollten und als Pilger und Fremdlinge durch die Welt gehen, ohne uns auf ihre rastlosen Interessen einzulassen. Der „Schmuck des sanften und stillen Geistes“ ist „vor Gott sehr köstlich“ (1. Pet 3,4). „Gegen solche gibt es kein Gesetz.“ Mögen die, die die Freiheit kennen, mit der Christus sie freigemacht hat, in Ihm bleiben und viel Frucht bringen, damit der Vater verherrlicht wird (vgl. Joh 15,5–8).

„Wenn wir durch den Geist leben, so lasst uns auch durch den Geist wandeln. Lasst uns nicht voll eitler Ruhmsucht sein, indem wir einander herausfordern, einander beneiden. Brüder, wenn auch ein Mensch von einem Fehltritt übereilt würde, so bringt ihr, die Geistlichen, einen solchen wieder zurecht im Geist der Sanftmut, wobei du auf dich selbst siehst, dass nicht auch du versucht werdest“ (Gal 5,25–6,1).

Wie wenig kennen die meisten von uns von der wahren geistlichen Freude. Uns sind gewiss „die Messschnüre ... in lieblichen Örten“ gefallen (Ps 16,6), denn der Heilige Geist ist „das Unterpfand unseres Erbes“ (Eph 1,14). Dennoch leben wir nicht so im Geist, wie wir es könnten. Christus ist der Gegenstand und die Quelle unseres Lebens; und mit Ihm auferstanden, sind wir berufen, unsere Zuneigungen auf die himmlischen Dinge zu richten. Wenn wir nicht mit dem Himmel im Kontakt sind, werden wir nicht im Geist wandeln. Der Himmel, der unser Teil ist, ist gegenwärtig, weil Christus dort ist. „Wie das Himmlische ist, so sind auch die, die himmlisch sind.“ Wir sind Teilhaber einer himmlischen Berufung. Wenn wir uns nur auf den Genuss des Himmels in der Zukunft freuen, werden wir jetzt keine geistliche Freude haben. Unser Wandel wird dann unserem Zustand entsprechen – ein vergeblicher Versuch, Gott und dem Mammon zu dienen. Wenn wir im Geist wandeln, dann treten wir jetzt in das ewige Leben ein – „wir haben ewiges Leben“ – und unser Wandel wird dem entsprechen, was wir besitzen. Ein Christ sollte nicht nur vor und mit Gott wandeln, sondern so mit diesen geistlichen und ewigen Freuden beschäftigt sein, dass er in der Lage ist, anderen, die vergeblich mit den vielen Formen menschlichen Versagens kämpfen, zu helfen und sie zu erfreuen. Wir wandeln nicht im Geist, wenn wir eitle Ehre begehren. Wir begeben uns dann auf eine niedrigere Stufe und vergleichen uns mit anderen, anstatt in dem Genuss der himmlischen Realitäten zu leben, die uns in Christus gehören. Wer im Geist lebt, lebt nah bei Gott und hat es nötig, streng im Selbstgericht zu sein, sodass er wenig Mut hat, andere zu richten. Ein gesetzlicher Geist hingegen bindet uns immer an die Welt und setzt uns auf den Richterstuhl, anstatt uns vor den Gnadenstuhl zu bringen.

Es liegt eine erneuernde Kraft in der Gnade des Evangeliums, zu der das Gesetz unfähig ist. Das Gesetz kann verdammen, aber es hat keine Kraft zu erneuern. Es gibt nichts, worin Christen sich gesetzlicher zeigen als im Umgang mit einem Menschen, der „von einem Fehltritt übereilt“ wurde. Sie richten ihn, als wären sie in Treue zu Christus dazu verpflichtet; doch tun sie es mit einem Blick auf Erneuerung? Der geistliche Mensch weiß zu erneuern. Der natürliche Mensch mag überführen und sich selbst über den Fall des anderen erheben, aber er kann nicht wiederherstellen. Wie tief sind die Christen gefallen, wie wandeln sie als Menschen, die andere richten, anstatt auf sich selbst zu sehen, dass nicht auch sie versucht werden. Wie wunderbar übereinstimmend ist die Lehre der Schrift: „... indem du auf dich selbst siehst“. Kein Christ sollte sich selbst als unfähig zu fallen beurteilen, wie treu er auch sein mag. Es ist gefährlich, uns auf unsere Treue zu verlassen, doch wir sind in Sicherheit, wenn wir uns selbst beurteilen und (wegen unseres Empfindens für das unveränderlich Böse des Fleisches) demütig, aber vertrauensvoll in der Treue Gottes ruhen. Wir alle kennen unser persönliches Bedürfnis nach erneuernder Gnade, und so sollten wir dieselbe Gnade für die Erneuerung eines gefallenen Bruders suchen.

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