Gesetz und Gnade
Mitschriften von Vorträgen über den Galaterbrief

Galater 2

Der Apostel bezieht sich noch immer auf seine persönliche Geschichte, da sie den stärksten Beleg dafür liefert, dass er selbst in keinster Weise das Gesetz als Mittel zur Rechtfertigung ansah.

„Darauf, nach vierzehn Jahren, zog ich wieder nach Jerusalem hinauf mit Barnabas und nahm auch Titus mit. Ich zog aber hinauf infolge einer Offenbarung und legte ihnen das Evangelium vor, das ich unter den Nationen predige, im Besonderen aber den Angesehenen, damit ich nicht etwa vergeblich laufe oder gelaufen wäre“ (Gal 2,1–2).

In der kurzen und übersichtsmäßigen Schilderung der Geschichte des Paulus nach seiner Bekehrung in der Apostelgeschichte wird Titus als Begleiter des Apostels nicht erwähnt, während Barnabas als der genannt wird, der ihn den anderen Aposteln vorstellte und ihnen „erzählte ... wie er auf dem Weg den Herrn gesehen habe“ (Apg 9,26‒28). Der Apostel zog „infolge einer Offenbarung“ hinauf. Für ihn war nun die Zeit Gottes gekommen, dort hinaufzugehen. Wenn er direkt nach seiner Bekehrung hinaufgegangen wäre, hätte man einwenden können, dass er dorthin ging, um Autorität von denen zu erhalten, die „vor [ihm] Apostel waren“ (1,17). Gott hat mit seinen Dienern nicht nur seine Wege, sondern in seiner Hand stehen unsere Zeiten (Ps 31,16). Das, was zum einen Zeitpunkt richtig und passend sein mag, wäre zu einem anderen ungelegen. Paulus ging mit Zuversicht nach Jerusalem hinauf, weil er unter der direkten göttlichen Führung hinaufging. Er ging als jemand, der denen gleich war, die vor ihm Apostel waren, nicht um irgendetwas von ihnen zu empfangen ‒ außer deren herzliche Verbundenheit, die er sehr schätzte ‒, sondern um ihnen das Evangelium zu vorzulegen, das er „durch Offenbarung“ empfangen hatte und unter den Nationen predigte, damit auch nicht der geringste Anschein erweckt wurde, dass es zwei Evangelien gab und seine Arbeit somit vergeblich wäre. Wenn Gott lehrt, und durch seine Lehre einen Sünder zu Jesus führt, braucht Er keine Bestätigung durch andere. „Wer sein Zeugnis angenommen hat, hat besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist“ (Joh 3,33). Nachdem er durch den Heiligen Geist selbst gelehrt worden war, dass er verdorben und verloren ist und seine einzige Zuflucht in Jesus liegt, hat er das Zeugnis in sich selbst. Er findet die Allgenügsamkeit des Werkes Christi in Bezug auf seinen Zustand als Sünder und braucht keine Bestätigung durch andere.

„(aber auch Titus, der bei mir war, wurde, obwohl er ein Grieche war, nicht gezwungen, sich beschneiden zu lassen); es war aber der nebeneingeführten falschen Brüder wegen, die nebeneingekommen waren, um unsere Freiheit auszukundschaften, die wir in Christus Jesus haben, damit sie uns in Knechtschaft brächten; denen wir auch nicht eine Stunde durch Unterwürfigkeit nachgegeben haben, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch verbliebe“ (Gal 2,3–5).

Titus begleitete Paulus nicht zufällig nach Jerusalem, sondern nach der Anweisung Gottes. Er wurde dazu geführt, um einen überzeugenden Beweis dafür zu liefern, dass dem Glauben an Christus Jesus zur Errettung nichts hinzugefügt werden muss. Der Apostel widerstand der Beschneidung des Titus, während er die Beschneidung des Timotheus zuließ (Apg 16,1‒3). Die Fälle dieser beiden Personen scheinen ähnlich, doch das Verhalten des Apostels in Bezug auf sie ist sehr unterschiedlich. In diesem Handlungsunterschied zeigt sich ein Prinzip, dessen Verletzung eine fruchtbare Quelle von Trennungen innerhalb der Versammlung Gottes gewesen ist: „Die Beschneidung ist nichts, und die Vorhaut ist nichts“ (1. Kor 7,19). Die Sache an sich ist nicht von Bedeutung – doch in dem Moment, in dem versucht wird, sie aufzuerlegen, muss dem entschieden widerstanden werden, damit die Freiheit des Evangeliums nicht angetastet oder das Gewissen gegenüber Gott verletzt wird. Im vorliegenden Fall waren es „falsche Brüder“, nicht ungläubige Juden, die versuchten, die Beschneidung aufzuerlegen und so das Evangelium zu judaisieren. Der heutige Zustand der Christenheit, seitdem das eifrige Auge des Apostels, welches das wahre hier zugrunde liegende Prinzip offenbarte, und die direkte Autorität Gottes weggetan sind, um diesen Versuch zu verhindern, offenbart den Erfolg der Bemühungen falscher Brüder in dieser Hinsicht gänzlich. Sogar in diesem Land1 war es vor 200 Jahren die Verletzung dieses Prinzips, die die Versammlung in verschiedenste Denominationen zerrissen hat.

Paulus widerstand den falschen Brüdern, weil „die Wahrheit des Evangeliums“ gefährdet war. Wenn er nachgegeben hätte, so hätte sich der Weg für eine Bedingung nach der anderen geöffnet, bis der arme Gläubige dahin kommt, das Evangelium der Freiheit als ein schweres Joch anzusehen. Um unnötigen Anstoß vor den Juden zu vermeiden, beschnitt Paulus Timotheus. Doch um die Freiheit des Evangeliums zu bewahren, widerstand er eindringlich den Bemühungen der „falschen Brüder“, Titus zu beschneiden. Wie Petrus schreibt, dass da „falsche Propheten unter dem Volk“ waren (2. Pet 2,1), so wird es auch unter euch falsche Lehrer geben. Es sind „falsche Lehrer“, die das Evangelium verdreht haben und „falsche Brüder“, die durch sie gefangen sind, welche Dinge im Namen des Christentums hervorgebracht haben, jedoch im Endeffekt das Evangelium der Gnade Gottes verdunkeln. Wenn es Versuche gibt, nichtige Dinge zur Erlösung oder als Bedingung für Gemeinschaft hinzuzufügen, so muss dem widerstanden werden, damit die Autorität des Menschen nicht die Autorität Christi aufhebt: gnädiges Nachgeben hingegen in Angelegenheiten unserer eigenen Freiheit ist ein Teil dieser Freiheit, mit der Christus uns freigemacht hat (1. Kor 8,13).

Es gab in den Tagen des Apostels falsche Brüder. Wie muss es erst heute sein? Damals war es die Ausnahme, unter den Gästen jemanden zu finden, der kein Hochzeitsgewand trug. Das Unkraut und der Weizen sind zusammen aufgewachsen, und sie sind sich so ähnlich, dass nur ein Auge den Unterschied genau erkennen kann. Die Welt ist ein großes Feld von Unkraut geworden. Falsche Brüder dominieren, Menschen, die dem Herrn Jesus gegenüber nicht wahrhaftig sind, obwohl sie seinen Namen tragen. In den Tagen des Apostels gaben solche falschen Brüder noch zu, dass Jesus der Messias war, aber sie erkennten Ihn auf eine fleischliche Weise an und heiligten ihr Judentum durch seinen Namen. Heute haben sie ihre Tempel, Priester, Opfer und Darbringungen, die alle die Tendenz haben, die Wahrheit des Evangeliums zu untergraben und die Gläubigen von der Sicherheit in Christus abzubringen, gegen die selbst die Mächte der Hölle nicht siegen können. Diese angepriesene Lehre ist widerwärtig, denn wenn die Erlösung sicher ist, muss sie unabhängig vom Menschen und nur von Gott abhängig sein. Sicherheit ist das Eigentum des Gläubigen im Herrn Jesus – es ist Gottes Sicherheit, nicht unsere.

„Von denen aber, die in Ansehen standen – was irgend sie auch waren, das macht keinen Unterschied für mich, Gott sieht keines Menschen Person an –, denn mir haben die Angesehenen nichts hinzugefügt; sondern im Gegenteil, als sie sahen, dass mir das Evangelium der Vorhaut anvertraut war, wie Petrus das der Beschneidung (denn der, der in Petrus für das Apostelamt der Beschneidung gewirkt hat, hat auch in mir in Bezug auf die Nationen gewirkt), und als sie die Gnade erkannten, die mir gegeben ist, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen wurden, mir und Barnabas die Rechte der Gemeinschaft, damit wir unter die Nationen, sie aber unter die Beschneidung gingen; nur dass wir der Armen gedenken sollten, was ich mich auch zu tun befleißigt habe“ (Gal 2,6–10).

„Gott sieht keines Menschen Person an“ – ein hartes Wort. Wer kann es hören? Petrus musste es durch direkte Offenbarung aus dem Himmel lernen (siehe Apg 10). Paulus, indem er sich gegen den Dorn im Fleisch auflehnte, bis er durch die Gnade Gottes überwältigt wurde. Und wir müssen unter Gottes Hand die gleiche Lektion lernen. Gott sieht nicht auf persönliche Fähigkeiten oder auf das, was wir tun, nicht auf den öffentlichen Charakter, sondern darauf, wozu seine eigene Gnade einen jeden in Christus macht, die Er in seinem souveränen Willen jedem verleiht. „Ein Mensch kann nichts empfangen, es sei ihm denn aus dem Himmel gegeben“ (Joh 3,27). Nichts könnte dem hinzugefügt werden.

Paulus hatte einen Auftrag direkt aus dem Himmel erhalten, und wie sehr es auch die Freude von Petrus, Jakobus und Johannes gewesen sein mochte, die Gnade und die Gabe des Herrn Jesus Christus gegen dieses auserwählte Gefäß der Barmherzigkeit anzuerkennen, so wagten sie es doch nicht, dem irgendetwas hinzuzufügen oder sich zwischen den Meister und seinen Diener zu stellen. Lass einen Menschen alle Berechtigungen haben, die menschliche Autorität zusprechen kann ‒ wenn er keine Gnade und Befähigung von Gott zur Verkündigung seines Evangeliums erhalten hat, so kann er als Diener Christi nicht anerkannt werden. Er kann nichts verkündigen, was er selbst nicht kennt. „Alles aber von dem Gott, der uns mit sich selbst versöhnt hat durch Christus und uns den Dienst der Versöhnung gegeben hat“ (2. Kor 5,18). Diejenigen, die vor Paulus Apostel waren, erkannten bereitwillig und froh, dass derselbe Gott, der so kraftvoll im Dienst des Petrus unter den Juden gewirkt hatte, nun genauso gewaltig in dem Dienst des Paulus unter den Nationen wirkte; und solche, die als Säulen angesehen wurden, reichten Paulus und Barnabas nun freudig die Rechte der Gemeinschaft. Dadurch bezeugten sie, dass sie einem gemeinsamen Meister dienten, wenn auch in unterschiedlichen Bereichen – sie waren gemeinschaftliche Arbeiter am Bauwerk Gottes, gemeinschaftliche Arbeiter auf dem Feld Gottes. Ihm, der bei seiner Bekehrung gelernt hatte, dass Christus und seine Versammlung eins waren, war nichts wertvoller als das Hervorbringen der praktischen Verwirklichung dieser Einheit in der glücklichen Gemeinschaft von Gläubigen aus den Juden und aus den Nationen. Und daher sah der Apostel der Nationen selbst es als Teil seines Amtes an, zusammen mit anderen der Überbringer einer Spende der wohlhabenderen heidnischen Gläubigen für die armen Heiligen in Jerusalem zu sein.

„Als aber Kephas nach Antiochien kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, weil er dem Urteil verfallen war. Denn bevor einige von Jakobus kamen, hatte er mit denen aus den Nationen gegessen; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, da er sich vor denen aus der Beschneidung fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die übrigen Juden, so dass selbst Barnabas durch ihre Heuchelei mit fortgerissen wurde“ (Gal 2,11–13).

Die Wahrheit des Evangeliums wurde nicht nur durch „falsche Brüder“ gefährdet, die seine Autorität untergraben wollten, sondern ebenso durch das Verhalten dieses Apostels, dem eindeutig offenbart worden war, dass er einen Juden nicht für reiner halten sollte als einen Heiden. Wenn Gott der ist, der reinigt, und das Blut Jesu die geöffnete Quelle für Sünde und Unreinheit ist, dann sind alle, die darin gewaschen sind, vor Gott gleich rein. Petrusʼ Wandel in der hier beschriebenen Situation war nach der Wahrheit des Evangeliums nicht aufrichtig. Paulus widerstand ihm ins Angesicht, denn in dieser Hinsicht war er schuldig. Das Schauen auf Personen sowie seine traditionsreiche Religion boten der Petrus kennzeichnenden Schwachheit Gelegenheit, sich zu zeigen. Er hatte in der freien Verbindung mit den heidnischen Gläubigen gezeigt, wie gänzlich er erkannt hatte, dass Gott die Person nicht ansieht, und dass er das, was Gott für rein erklärt hatte, nicht für unrein halten sollte. Doch als einige Brüder aus Jerusalem kamen, mit ihren Gedanken voll von jüdischen Privilegien, muss Petrus um ihrer Gemeinschaft willen entweder den Heiden den Rücken zukehren oder sich damit zufrieden geben, ihren Hohn zu ertragen, indem er sich weiter mit den Heiden verband. Abraham brauchte 25 Jahre, um dem Unglauben auf die Schliche zu kommen, der in seinem Herzen lauerte (1. Mo 20).

Auch bei Petrus brauchte es viel Erziehung, um ihm zu zeigen, wo seine Gefahr lag. So ist es auch bei uns allen. „Menschenfurcht legt einen Fallstrick“ (Spr 29,25), und solche, die in einer Gesellschaft Christus treu bekannt haben, haben Ihn in einer anderen durch Menschenfurcht verleugnet. Diese große Wahrheit, „Ihr könnt nicht zwei Herren dienen, Gott und dem Mammon“ (Mt 6,24), wird in unseren Tagen durch die moralische Unvereinbarkeit der Wahrheit des Evangeliums und der traditionellen Religion unübersehbar verdeutlicht. Wie viele im Herzen aufrichtig an die Wahrheit des Evangeliums Glaubende scheuen sich wie Barnabas dennoch, es zu bekennen, weil sie Menschen fürchten. Tatsächlich erdet Gnade den Menschen. Sie geht davon aus, dass es keinen Unterschied gibt, weil alle gesündigt haben und die Herrlichkeit Gottes nicht erreichen. Auch gibt es vor Gott keine Unterschiede unter solchen, die durch seine Gnade durch die Erlösung, die in Christus Jesus ist, völlig gerechtfertigt sind. Wie viele, die an sich vor Heuchelei zurückschrecken, verstricken sich auf andere Art doch darin, indem sie vorgeben, jemand zu sein, der sie nicht sind, und dabei nicht anerkennen, wozu die Gnade Gottes sie nach der Wahrheit des Evangeliums gemacht hat. Solcher Art war auch die Heuchelei des Barnabas, „ein guter Mann und voll Heiligen Geistes und Glaubens“ (Apg 11,24). Niemand von uns sollte nach dem Lesen diese Begebenheiten denken, dass er gegen solches Versagen immun ist; lasst uns lieber das Wort zu Herzen nehmen: „Wer zu stehen meint, der sehe zu, dass er nicht falle“ (1. Kor 10,12)

„Aber als ich sah, dass sie nicht den geraden Weg nach der Wahrheit des Evangeliums wandelten, sprach ich zu Kephas vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, wie die Nationen lebst und nicht wie die Juden, wie zwingst du denn die Nationen, jüdisch zu leben? Wir, von Natur Juden und nicht Sünder aus den Nationen, aber wissend, dass der Mensch nicht aus Gesetzeswerken gerechtfertigt wird, sondern nur durch den Glauben an Jesus Christus, auch wir haben an Christus Jesus geglaubt, damit wir aus Glauben an Christus gerechtfertigt würden und nicht aus Gesetzeswerken, weil aus Gesetzeswerken kein Fleisch gerechtfertigt werden wird. Wenn wir aber, indem wir in Christus gerechtfertigt zu werden suchen, auch selbst als Sünder befunden worden sind – ist also Christus ein Diener der Sünde? Das sei ferne! Denn wenn ich das, was ich abgebrochen habe, wieder aufbaue, so erweise ich mich selbst als Übertreter“ (Gal 2,14–18).

Es mag uns sehr merkwürdig vorkommen, dass die Einnahme einer Mahlzeit mit bestimmten Personen die Wahrheit des Evangeliums verletzen sollte. Doch die wichtigsten Grundsätze stehen oft mit in sich sehr unscheinbaren Handlungen in Verbindung. So war es auch hier. Hatte das Blut Jesu die Gläubigen aus den Nationen mit einer Reinigung gewaschen, die alle jüdischen Riten vorschatten, sie aber nicht bewirken konnten? Hatte Gott ihnen eine Gerechtigkeit verliehen, zu dessen Erhabenheit gesetzliche Gerechtigkeit nicht hingelangen konnte? Dann war die Vermeidung des Umgangs mit diesen Heiden auf der Grundlage zeremonieller Unreinheit, um den Juden zu gefallen, in der Tat ein Untergraben der Wahrheit des Evangeliums. Doch der Apostel führt an, wozu sowohl Petrus als auch er selbst durch Gottes Gnade zu tun verpflichtet waren, um die Falschheit des damaligen Verhaltens des Petrus aufzuzeigen: „Wir, von Natur Juden und nicht Sünder aus den Nationen.“ Auch das ist ein hartes Wort. Niemand ist von Natur aus Christ. Er mag in ein christliches Elternhaus hineingeboren worden, unter christlicher Erziehung aufgewachsen sein und an christlichen Ordnungen festhalten. Doch wenn er nicht aus Gott geboren ist, erscheinen ihm all diese äußerlichen Privilegien nichtig. Die ist der wahre Punkt: Wie wenige fragen sich dies: Bin ich in Christus?

Nun hatte der Jude natürliche, geerbte Privilegien. Er war als Jude geboren, und die Juden waren „Kinder des Königreichs“, „Kinder der Propheten“ und „Kinder des Bundes“; doch sie waren verstoßen. Ein Jude von Natur hatte daher eine bestimmte privilegierte Stellung gegenüber einem Heiden von Natur. Der Heide war dem Volk Israel ein Fremdling. Er wird nur als ein „Sünder aus den Nationen“ bezeichnet. Wie schwer ist es, unseren Platz als solche einzunehmen, die vor Gott keinen Anspruch erheben und anbetend darin frohlocken können, dass Christus in die Welt gekommen ist, um Sünder zu retten. Doch das Argument des Apostels ist sehr überzeugend: „Wir, die Kinder des Königreiches und der Propheten, waren gezwungen, uns auf Christus zu stützen, damit wir durch den Glauben Christi gerechtfertigt wurden, und nicht durch Gesetzeswerke; denn durch Gesetzeswerke kann kein Fleisch gerechtfertigt werden“ (vgl. 2,16). Kein Fleisch – das ist ein sehr verständlicher Ausdruck, und er kann entweder moralisch, intellektuell oder religiös gesehen werden. Das Paradebeispiel ist der religiöse Jude, der unter dem Gesetz Gottes gezwungen ist, Befreiung davon durch den Glauben an Christus zu suchen.

Petrus stellt in dem denkwürdigen Konzil genau dieselbe Argumentationskette wie Paulus hier vor: „Sondern wir glauben durch die Gnade des Herrn Jesus, in derselben Weise errettet zu werden wie auch jene [die Sünder aus den Nationen]“ (Apg 15,11). In Antiochien handelte Petrus, als ob die aus den Nationen durch Judaisierung gerettet werden müssten. In Jerusalem war sein Zeugnis, dass Jude und Heide auf einer gemeinsamen Stufe stehen. Sowohl Petrus als auch Paulus müssen als Übertreter verurteilt werden, wenn sie nach der Verkündigung des Glaubens an Christus, weil das Gesetz nicht rechtfertigen kann, dieses als Mittel der Rechtfertigung wieder aufrichten. Wenn das Gesetz rechtfertigen konnte, so mussten sie sich zu Beginn bei der Verkündigung, dass Christus allein rechtfertigt, geirrt haben. Wenn Christus nicht alles getan hätte, was nötig war, um die Sünde wegzutun und ewige Gerechtigkeit zu bringen, sodass der Gläubige in heiliger Zuversicht in Gottes Gegenwart treten kann, was hat Er dann überhaupt getan? Wagen wir es, das Gesetz als ergänzend zu Christus aufzuerlegen, und so etwas von der Herrlichkeit Christi wegzunehmen, der die einzige Erlösung Gottes ist? Die Sprache des Apostels ist sehr stark; doch genau dies ist die Neigung aller unserer Herzen. Wir schaudern bei den Gedanken, Christus zum Diener der Sünde zu machen – doch genau das tun wir, wenn wir das wieder aufbauen, wovon wir entkommen sind, nämlich das Gesetz, um durch dieses gerettet zu werden oder Hilfe daraus zu erfahren. Wenn wir dies tun, so werden wir zu Übertretern; denn wir hätten es dann nie verlassen dürfen. Die Gnade und das Gesetz, als die Grundlage unserer Erlösung, können nicht zusammenstehen – das Ruhen auf dem einen muss die Aufgabe des anderen bedeuten.

„Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich Gott lebe; ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir; was ich aber jetzt lebe im Fleisch, lebe ich durch Glauben, durch den an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat. Ich mache die Gnade Gottes nicht ungültig; denn wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben“ (Gal 2,19–21).

Der Apostel wechselt in diesem Abschnitt, genau wie auch im siebten Kapitel des Römerbriefes, vom „wir“ zum „ich“. Dieser Wechsel ist nicht bedeutungslos. Der größte Kenner des Gesetzes wurde durch die starke Hand Gottes selbst unterrichtet, dass das Gesetz für ihn nichts anderes tun konnte als ihn zu töten. Während dieses einmaligen und etwas merkwürdigen Abschnitts im Leben des Apostels, als er „drei Tage nicht sehend [war] und [nicht] aß und trank“ (Apg 9,9), als er überführt war durch die Herrlichkeit Jesu, aber die Vergebung der Sünden in seinem Namen noch nicht empfangen hatte, mag vielleicht sein gesamtes vorheriges Leben vor ihm abgelaufen sein. Und was war das Gesetz, in dem er sich rühmte, und die Gerechtigkeit, von der er fälschlicherweise dachte, sie im Gesetz zu haben, jetzt, da er das Gesetz in seiner Geistlichkeit kannte – jetzt wo „das Gebot“ (Röm 7,9) in seinem wahren Licht in sein Gewissen kam? Es war „der Dienst des Todes“ (2. Kor 3,7). Genau dieses Gesetz, in welchem er das Leben suchte, schlug ihn und alle Erwartungen des Gesetzes tot, und wenn dieses Gesetz nicht hinweggetan würde, könnte er nicht Gott leben. Sein ganzes vergangenes Leben hatte er sich selbst gelebt. Das ist der Geist der Gesetzlichkeit – wenn wir bewusst unter das Gesetz kommen, leben wir uns selbst, und nicht mehr Gott. In der wahren Lehre des Kreuzes lernen wir die zweifache Lektion, dass alle „dem Gesetz getötet worden [sind] durch den Leib des Christus“ (Röm 7,4); und dass wir alle „von dem Gesetz losgemacht [sind], da wir dem gestorben sind, in dem wir festgehalten wurden“ (Röm 7,6). Das Gesetz hielt die Menschen von Gott ab, anstatt sie nahe zu Gott zu bringen. Und was sind heutzutage die Fragen über Altäre und Priester anderes als eine Rückkehr zum Gesetz und ein Versuch, Sünder davon abzuhalten, nahe zu Gott zu kommen, aufbauend auf der Annahme, dass einige einen Stand der Nähe zu Gott haben, den andere nicht haben. Alle Gläubigen sind durch das Blut Christi gleich nah zu Gott gebracht. In dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen Paulus und den Unwissendsten seiner Anhänger.

Doch solche Fragen können nur durch die wahre Lehre des Kreuzes Christi wirklich zufriedenstellend beantwortet werden. Je mehr wir in diese Lehre eindringen, desto belangloser und kindischer erscheinen uns solche Fragen. Der Apostel führt seine eigene erlebte Vertrautheit mit der Lehre des Kreuzes als die beste Antwort auf den an, der am Gesetz festhält: „Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,19.20). Der Apostel Paulus zeigt hier, dass die Lehre, die er im sechsten Kapitel des Römerbriefes so klar darlegt, das Leben seiner eigenen Seele ist. Er sieht sich selbst als dem Gesetz gestorben, als er mit Christus gekreuzigt wurde. Diese Handlung war vollkommen und abgeschlossen, sodass er sagen konnte: „Ich bin mit Christus gekreuzigt“, wie er auch im Römerbrief lehrte: „Indem wir dies wissen, dass unser alter Menschen mitgekreuzigt worden ist“ (Röm 6,6). Die Lehre des Apostels Petrus vertritt denselben Grundsatz: „Da nun Christus für uns im Fleisch gelitten hat, so waffnet auch ihr euch in demselben Sinne; denn wer im Fleisch gelitten hat, ruht von der Sünde, um die im Fleisch noch übrige Zeit nicht mehr den Lüsten der Menschen, sondern dem Willen Gottes zu leben“ (1. Pet 4,1.2).

Der entscheidende Punkt ist, die richterliche Handlung Gottes im Tod Christi völlig anzuerkennen. Der Glaube erkennt das an, was Gott gewirkt hat; und der Sünder blickt auf Jesus am Kreuz als seine Sicherheit, sieht den Tod als den Lohn der Sünde, auferlegt durch die Hand Gottes zu seiner göttlichen Sicherheit ‒ sodass der Tod in seinem strafenden Charakter für ihn abgeschafft ist. Ja, er kann sich selbst als bereits gestorben betrachten, indem er mit dem Apostel sagt: „Ich bin mit Christus gekreuzigt, und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“ Ist Paulus somit ein von den Toten auferstandener Pharisäer? Keineswegs. „Unser alter Mensch [ist] mitgekreuzigt worden“ (vgl. Röm 6,6). Saulus der Pharisäer mit all seinen religiösen Errungenschaften sowie auch allen seinen Sünden ist im Kreuz Christi gestorben, und ein neuer Mensch ist an seiner Stelle auferstanden. „Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“ Nicht mehr ich – wie tief hatte Paulus gelernt, das eigene Ich zurückzustellen, weil er erkannt hatte, dass Gott es im Kreuz zurückgestellt hatte. Doch „Ich habe erkannt, dass alles, was Gott tut, für ewig sein wird: Es ist ihm nichts hinzuzufügen und nichts davon wegzunehmen“ (Pred 3,14). „Sein Tun ist vollkommen“ (5. Mo 32,4). Das ist unsere Zuversicht. Gott hat es vollendet. Doch für uns, während wir hier auf der Erde sind, muss es ein ständiges Bemühen sein, das eigene Ich zurückzustellen; und das ist unsere Übung. Das für uns vollbrachte Werk Christi zu kennen ist die eine Sache, und wenn dies gut verstanden worden ist, folgt fast als eine notwendige Konsequenz daraus, dass wir das Kreuz aufnehmen und uns selbst verleugnen müssen.

„Nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir.“ Paulus hatte einen gesegneten Tausch gemacht – Christus für das eigene Ich. Christus war sein Stellvertreter am Kreuz, und jetzt sagte er: „Christus lebt in mir.“ Daher ist es ein Leben, das unsterblich ist – ein Leben, das von dem auferstandenen Jesus vermittelt wird, dem der Tod nichts anhaben kann. So wie dieses Leben seine Quelle von oben hat, so gehen auch seine Neigungen zu den himmlischen Dingen. Es ist ein neues Leben im wahrsten Sinne des Wortes – nicht ein verbessertes altes. Es kämpft hier gegen das alte Leben, in welcher Form es auch erscheinen mag. Es ist geistliches Leben, im Gegensatz zum natürlichen Leben. Daher fügt der Apostel hinzu: „Was ich aber jetzt lebe im Fleisch.“ Es wird jetzt im Fleisch gelebt, in einem ärmlichen, ächzenden, irdischen Heiligtum; doch es wird nicht immer so gelebt werden. Es wird im Himmel gelebt werden, in einem geistlichen und verherrlichten Leib, vollkommen ausgestattet, um dies zu tun. Während wir im Fleisch sind, steht diesem Leben alles entgegen; aber wenn es in seiner eigentlichen, natürlichen Heimat ist, wird es wirklich und ohne Hinderung aufsprossen wie ein Wasserstrom ins ewige Leben. Schon heute gehen alle seine Neigungen nach oben. Es kann nur durch das genährt werden, das vom Himmel kommt. Seine Speise und sein Getränk sind himmlisch, seine Anbetung, sein Priester, sein Tempel sind im Himmel, während das alte Leben hienieden mit dem weltlichen Heiligtum und dem fortlaufenden Priestertum beschäftigt ist. Nichts behindert die Neigungen dieses Lebens so sehr wie jüdische Rituale und christliche Kopien davon. Ich „lebe durch den Glauben ... an den Sohn Gottes.“ „Wenn der Christus, unser Leben, offenbart werden wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbart werden in Herrlichkeit“ (Kol 3,4). Doch in der Zwischenzeit, bevor wir Ihn sehen, wie Er ist, leben wir durch den Glauben an den Sohn Gottes. Um es mit seinen eigenen, teilnahmsvollen Worten zu sagen: „So auch, wer mich isst, der wird auch leben meinetwegen“ (Joh 6,57).

Und wer isst, isst zu seiner eigenen Ernährung, und nicht der eines anderen; so eignet sich der Gläubige Christus für sich selbst an. „Der mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat.“ Auf welche gesegnete Weise bringt der Apostel uns diesen großartigen, entscheidenden Punkt nahe – und wenn Er mich geliebt und sich selbst für mich hingegeben hat, so darf ich sicherlich diesem vollkommenen Werk nichts hinzufügen und so meine Wahrnehmung seiner vollkommenen Liebe verdunkeln. Welche Kraft liegt in dem Ausdruck: „Ich mache die Gnade Gottes nicht ungültig; denn wenn Gerechtigkeit durch Gesetz kommt, dann ist Christus umsonst gestorben.“ Und doch, wenn wir uns umsehen und anschauen, was die christliche Religion im Prinzip ist, so fällt es unter das schwere Urteil, die Gnade Gottes ungültig und den Tod Christi überflüssig gemacht zu haben. Die Gedanken der meisten Christen drehen sich nur um die Vergebung der Sünden, doch nach dem Evangelium der Gnade Gottes, wie auch immer wir dieses theoretisch unterteilen, sind Sündenvergebung, Gerechtigkeit und ewiges Leben so unzertrennlich miteinander verbunden, dass der, der eines davon hat, alles hat. Christus hat am Kreuz nicht nur den Sünden ein Ende gemacht, sondern auch ewige Gerechtigkeit hervorgebracht. Der große, zentrale Anziehungspunkt, der durch Gott einem Sünder dargelegt wird, ist in Christus gekreuzigt. Dort begegnet Er ihm unmittelbar, um alle seine Bedürfnisse zu stillen – Vergebung der Sünden, Gerechtigkeit und ewiges Leben, sodass jeder Versuch, das Gesetz dem Christus hinzuzufügen, die Gnade Gottes und das Werk Christi genauso entehrt wie es die Seele unter dem Bewusstsein der Sünde entmutigt. Das Evangelium ist kein System der Negierung, sondern der Segnung. Es bringt uns alles als ein Geschenk, und der Glaube nimmt das Geschenk an, das Gott gibt. Jedes andere Geschenk ist in der unaussprechlichen Gabe Gottes inbegriffen – in seinem Sohn. Wie viele, selbst wahre Christen, die von Herzen den Gedanken irgendeines Vertrauens auf eigene Werke verwerfen würden, sehen nicht ihre Gefahr, die Gnade Gottes ungültig zu machen, indem sie zögern, das anzunehmen, was Gott gerne gibt.

„Gott sei Dank für seine unaussprechliche Gabe!“ (2. Kor 9,15)

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Red.: England, dem Heimatland des Verfassers.
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