Durch Leiden zur Herrlichkeit
Aus dem Leben Josephs

Teil 3: Herrlichkeit und Segen – Joseph und seine Brüder (1. Mose 45)

Durch Leiden zur Herrlichkeit

Die Geschichte Josephs hätte – nach menschlichem Ermessen – mit Kapitel 41 enden können. Er war in Ägypten zu Ehre und Herrlichkeit gekommen. Er war der zweite Mann nach dem Pharao. Er hatte Asnath zur Frau bekommen und seine beiden Söhne hatten ihn seine Mühsal vergessen lassen. Aber was wäre aus seinen Träumen geworden? Sollten sich nicht seine Brüder einmal vor ihm niederbeugen? Sollten nicht auch sie seinen Herrschaftsanspruch anerkennen? Deshalb beschäftigen sich die weiteren Kapitel der Geschichte ganz besonders mit seinen Brüdern und dann auch mit seinem Vater. Das alles hat eine tiefe prophetische Bedeutung. Wir sehen hier die Wiederherstellung Israels. Gott wird auch mit seinem irdischen Volk zu seinem Ziel kommen. Der Tag kommt, wo auch Israel ihn als Herrscher anerkennen wird.

Ein prophetisches Bild

Wir finden das neutestamentlich in der Geschichte von Thomas vorgebildet. Als der Herr Jesus am Auferstehungstag mit dem Gruß „Friede euch“ in die Mitte seiner Jünger trat, war Thomas nicht dabei. Als die übrigen ihm von ihrem Erleben berichteten, wollte er nicht glauben. Er sagte: „Wenn ich nicht in seinen Händen das Mal der Nägel sehe und meine Finger in das Mal der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, so werde ich nicht glauben“ (Joh 20,25). Das war Unglaube. Und so muss der Herr ihm dann wenige Tage später sagen: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ Erst daraufhin hören wir das Bekenntnis des Thomas: „Mein Herr und mein Gott.“ Und der Herr antwortet ihm: „Weil du mich gesehen hast, hast du geglaubt. Glückselig sind, die nicht gesehen und doch geglaubt haben!“ (Joh 20,27–29). Das unterscheidet die Gläubigen der Gnadenzeit von Israel: Wir glauben, obwohl wir nicht gesehen haben. Deshalb nennt der Herr uns glückselig.

Es ist ein langer und schwerer Weg, bis der Überrest Israels zu diesem Bekenntnis kommen wird. Er führt durch tiefe Prüfungen. Diese Erprobungen werden uns in den Kapiteln 42–44 beschrieben. Wir erkennen, dass es die äußere Not war, durch die Josephs Brüder nach Ägypten kamen. Wir erkennen aber auch die Bemühungen Josephs, sie zur Buße und zum Bekenntnis ihrer Schuld zu bewegen. So wird der Überrest Israels einerseits durch die große Drangsal geläutert werden. Andererseits wird der Herr an ihren Herzen wirken, damit er auch von seinem irdischen Volk anerkannt wird.

Die Kapitel 42–44 tragen also zuerst einen prophetischen Charakter. Sie beschreiben uns die Gewissensübungen des Überrestes aus Israel. Gleichzeitig aber erkennen wir wichtige Grundsätze, die immer gültig sind, wenn es um Bekenntnis von Schuld und Sünde geht. Wir lernen, dass das Gewissen erreicht werden muss, bevor Wiederherstellung möglich ist. Das gilt für Israel kommender Tage. Das gilt für den Sünder, der zu dem Herrn Jesus kommt. Es gilt aber auch für uns als Gläubige, wenn Sünde auf unserem Weg liegt. Gott möchte ein Bekenntnis erreichen. Erst dann, wenn wir unsere Sünden bekennen, kann Gott – in seiner Treue und Gerechtigkeit – auch vergeben. Mit dieser praktischen Anwendung wollen wir uns jetzt beschäftigen.

Zur Buße geleitet

Welche Mittel Gott dazu anwendet, den Menschen zur Einsicht seiner Schuld und zur Buße zu führen, zeigt uns die Geschichte der Brüder Josephs eindrucksvoll. Ohne auf die Einzelheiten einzugehen, hier nur einige Anregungen:

  1. Die Hungersnot: Die Hungersnot, die auch das Land Kanaan erreichte, war der äußere Anlass für die Brüder, nach Ägypten zu Joseph zu kommen. Für den Überrest Israels wird das die große Drangsal sein, durch die sie zu gehen haben. Aber auch sonst spricht Gott oft durch äußere Ereignisse zu den Menschen, um sie zum Nachdenken zu bringen. Bei dem jüngeren Sohn in Lukas 15 war es auch eine Hungersnot, die der äußere Anlass zu seiner Umkehr wurde.
  2. Die offensichtliche Härte von Joseph: Joseph ging nicht gleich in Güte und Freundlichkeit auf seine Brüder zu. Er erkannte sie sofort – und wir können uns vorstellen, dass er sie am liebsten sofort in den Arm genommen hätte. Doch er wusste, dass an den Herzen noch ein Werk Gottes zu tun war. Deshalb begegnete er ihnen in Härte. Dennoch war dieses Handeln Josephs letztlich ein Beweis seiner Liebe zu ihnen.
    So ist Gott kein Gott, der Sünde übersehen kann. Er kann nicht – wie manche Menschen meinen – einfach „ein Auge zudrücken“. Sünde bleibt Sünde und ohne Einsicht der Schuld ist keine Vergebung möglich. Zuerst muss ein Werk Gottes im Herzen geschehen sein. Deshalb prüfte Joseph seine Brüder mehrmals, um zu erkennen, ob wirklich Einsicht vorhanden war. Sobald das der Fall war, gab er sich ihnen zu erkennen.
  3. Der Mann, der über das Haus Josephs war: Dieser Mann spielt in der ganzen Geschichte eine nicht unerhebliche Rolle. Er führt die Brüder in das Haus Josephs (Kap. 43,17). Er spricht den Friedensgruß aus (Kap. 43,23). Er gibt das Wasser (Kap. 43,24), aber er jagt den Brüdern auch nach (Kap. 44,4). Das alles weist uns auf die Tätigkeit des Heiligen Geistes hin. Der Herr Jesus hat selbst von dem Heiligen Geist gesagt: „Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht“ (Joh 16,8). Der Geist Gottes stellt den Sünder in das Licht Gottes, er überführt ihn, er wendet das Wort Gottes an, um ihm neues Leben zu schenken.
  4. Der jüngste Bruder Benjamin: Benjamin war nicht dabei, als die Brüder Joseph in die Grube geworfen und ihn anschließend nach Ägypten verkauft hatten. Er war also der einzige der Brüder, der unschuldig war. Dennoch soll er für schuldig erklärt werden, weil bei ihm der Becher Josephs gefunden worden war (Kap. 44,10.17).
    Die Brüder werden hier praktisch vor die gleiche Wahl gestellt, vor der sie 20 Jahre vorher schon einmal standen. Werden sie Benjamin opfern, so wie sie Joseph einmal geopfert haben? Werden sie sich wieder so schändlich verhalten wie damals, als sie die Seelenangst ihres jungen Bruders sahen, der zu ihnen flehte? Wird ihnen das Schicksal Benjamins so egal sein, wie ihnen damals das Schicksal Josephs egal war? Würden sie wirklich ohne Benjamin „in Frieden“ zu ihrem Vater zurückkehren und ihn erneut belügen? Genau das ist die Probe, auf die sie gestellt werden. Und siehe da: sie handeln anders. Sie haben ihre Lektion gelernt.
    Benjamin, der unschuldig war und letztlich nur deshalb leiden musste, weil seine Brüder gesündigt hatten, ist hier ein Bild des Herrn Jesus – genauso wie Joseph, an dessen Leiden Benjamin ja erinnert. Jeder Mensch muss sich heute fragen, was ihm die Leiden des Herrn Jesus bedeuten. Gehen wir achtlos und gleichgültig daran vorbei? Oder machen sie einen tiefen Eindruck auf uns? Gott stellt dem Menschen Christus in seinen Leiden vor, um das Gewissen zu erreichen. Der Blick nach Golgatha, wo der Herr Jesus litt und starb, malt uns unsere ganze Schuldhaftigkeit und Sünde deutlich vor Augen. Letztlich ist es die Person des Herrn Jesus, die das Gewissen eines Menschen überführt.

So von ihrer Schuld und Sünde überführt, sprechen die Brüder Josephs nun ein Bekenntnis aus. Schon in Kapitel 42 lesen wir, dass sie einer zum anderen gesagt hatten: „Wahrhaftig, wir sind schuldig wegen unseres Bruders“ (V. 21). Doch erst am Ende von Kapitel 44 ist Gott wirklich an sein Ziel gekommen. Juda – einer der Hauptverantwortlichen – öffnete sich vor Joseph und sprach das aus, was so lange in ihren Herzen geschlummert hatte. Das Bekenntnis, das sie sich untereinander ausgesprochen hatten, wurde überprüft und es hielt der Prüfung stand.

Als die Brüder ihre Schuld bekannten, konnte sich Joseph nicht mehr länger bezwingen (1. Mo 45,1). Alle Ägypter mussten den Raum verlassen, als Joseph sich seinen Brüdern offenbarte. Wir sehen: Ohne Bekenntnis gibt es keine Vergebung. Ohne Bekenntnis wird uns das Herz des Herrn Jesus verschlossen bleiben. Auch der verlorene Sohn kam mit einem Bekenntnis zu seinem Vater, bevor er das beste Kleid, den Ring und die Sandalen bekam. Der Herr muss dem Sünder zuerst das Böse des eigenen Herzens klarmachen, aber dann offenbart er sein Herz voller Liebe. Das wird uns nun in Kapitel 45 vorgestellt.

Das Kapitel kann in vier Teile gegliedert werden:

  1. Joseph offenbart sich seinen Brüdern (V. 1–8)
  2. Die Wünsche des Herzens Josephs (V. 9–12)
  3. Der Auftrag an die Brüder (V. 13–24)
  4. Die Brüder beim Vater (V. 25–28)

1. Joseph offenbart sich seinen Brüdern (V. 1–8)

Versuchen wir, uns die Szene einmal kurz vor Augen zu führen. Da stehen elf Männer aus Kanaan mit Furcht und Zagen vor dem Herrscher von Ägypten und legen ein Bekenntnis ab. Was wird werden? Werden sie Benjamin verlieren? Werden sie alle zu Knechten der Ägypter werden? Plötzlich gibt dieser – für die Brüder immer noch fremde Mann – den Befehl, dass jeder von ihm hinausgehen sollte. Die Knechte verlassen den Raum. Was nun? Plötzlich fängt der Mann so an zu weinen, dass die Ägypter und das Haus des Pharao es hören können. Was mögen die Brüder gedacht haben? Und dann bricht es aus Joseph heraus: „Ich bin Joseph. Lebt mein Vater noch?“ (V. 3).

Ahnen wir, was im Herzen Josephs vor sich ging? Wie hatte er diesen Augenblick herbeigesehnt. Ahnen wir, was es für den Herrn Jesus bedeutet, wenn er sich einmal seinem irdischen Volk als Messias offenbaren wird? Ahnen wir, was es für ihn bedeutet, wenn er sich einem Menschen als „Heiland der Welt“ offenbaren kann?

Und die Brüder? Wir lesen: „Und seine Brüder konnten ihm nicht antworten, denn sie waren bestürzt vor ihm.“ Sie schrecken vor ihm zurück – und wir können das gut verstehen. Der tot oder zumindest verschollen geglaubte Joseph sollte der Mann sein, der jetzt zu ihnen redet? Der, den sie als Sklave nach Ägypten verkauft hatten, ist jetzt der Herrscher, vor dem sich jeder niederbeugen muss? Was mag in den Herzen der Brüder vor sich gegangen sein? Wir mögen sich ihre Gedanken überschlagen haben. Sind ihnen die Träume Josephs blitzartig in Erinnerung gekommen? Stand die Szene von Dothan plötzlich wieder lebendig vor ihren Augen? Fürchteten sie um ihr Leben? Würde Joseph jetzt Rache nehmen?

Joseph mag das Entsetzen in ihren Gesichtern gesehen haben. Deshalb sprach er sofort weiter: „Tretet doch zu mir her! Und sie traten herzu. Und er sprach: Ich bin Joseph, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt. Und nun betrübt euch nicht, und zürnt nicht über euch selbst, dass ihr mich hierher verkauft habt; denn zur Erhaltung des Lebens hat Gott mich vor euch hergesandt. Denn schon zwei Jahre ist die Hungersnot im Land, und noch sind fünf Jahre, in denen es weder Pflügen noch Ernten geben wird. Und Gott hat mich vor euch hergesandt, um euch einen Überrest zu setzen auf der Erde und euch am Leben zu erhalten für eine große Errettung. Und nun, nicht ihr habt mich hierher gesandt, sondern Gott; und er hat mich zum Vater des Pharao gemacht und zum Herrn seines ganzen Hauses und zum Herrscher über das ganze Land Ägypten.“ Das waren Worte der Gnade, die wie Balsam für die Herzen der Brüder gewesen sein mögen.

Vergebung und Wiederherstellung

Vergebung und Wiederherstellung – das lernen wir hier sehr deutlich – gehen in erster Linie von dem Herrn Jesus aus und sind eine Sache zwischen ihm und dem, der gesündigt hat. Dabei spielt es dem Grundsatz nach keine Rolle, ob wir an den Sünder denken, der Heil und Frieden findet, oder ob es um einen Gläubigen geht, der die Gemeinschaft mit seinem Herrn verloren hat und mit einem Bekenntnis zurückkommt. Joseph war mit seinen Brüdern allein, als er sich ihnen offenbarte. Die Ägypter sahen zwar die Auswirkungen und Ergebnisse dieser Offenbarung, aber an dem Gespräch zwischen den zwölf Brüdern waren sie nicht beteiligt. Wenn der Herr ein Werk im Herzen eines Menschen wirkt und er zu ihm kommt, dann ist das eine Sache zwischen dem Herrn Jesus und dem Sünder. Gewiss, es mag solche geben, die einen Menschen zu dem Herrn Jesus bringen, aber Vergebung und Wiederherstellung ist etwas, was der Herr bewirkt. Keine Kirche, kein Priester, kein Engel oder sonst wer darf sich anmaßen, eine Mittlerrolle zu spielen. Wie oft hat sich der Herr Jesus, als er auf der Erde war, ganz allein um Menschen gekümmert und sie geheilt. So handelte er auch mit seinem Jünger Petrus. Auch wenn es in Johannes 21 eine öffentliche Wiederherstellung vor den Jüngern gab, war doch ein persönliches Gespräch zwischen Petrus und dem Herrn vorangegangen.

Ohne dass Joseph sich seinen Brüdern offenbart hätte, würden sie ihn nicht erkannt haben. So erkennt der Sünder von sich aus den Herrn Jesus nicht, es sei denn, der Herr offenbart sich ihm. Von Natur gibt es keinen Menschen, der Gott sucht (Röm 3,11). Der Heilige Geist muss ihn ziehen.

Erinnern wir uns an drei Beispiele aus dem Neuen Testament, die uns diese Wahrheit illustrieren und die uns gleichzeitig die gesegneten Folgen einer Begegnung mit dem Herrn zeigen.

  • Die Frau am Jakobsbrunnen: Auf seinem Weg durch Samaria offenbarte der Herr sich dieser sündigen Frau und spracht mit ihr über Anbetung. Sie lernte ihn als den Messias kennen. Diese Erkenntnis hatte zur Folge, dass sie vor den Bewohnern von Sichar ein wunderbares Zeugnis über ihn ablegte (Joh 4).
  • Der Blindgeborene: Dieser arme Mann hatte von sich aus überhaupt keine Möglichkeit, den Herrn Jesus zu sehen. Doch der Herr erbarmte sich über ihn und offenbarte sich ihm als Sohn Gottes. Diese Erkenntnis hatte zur Folge, dass der Blindgeborene sich vor ihm niederwarf. Das ist Anbetung (Joh 9).
  • Saulus von Tarsus: Vor den Toren von Damaskus offenbarte sich der verherrlichte Herr vom Himmel diesem Mann, der die Versammlung Gottes verfolgte. Auf die Frage hin: „Wer bist du?“, stellte er sich ihm vor als „Jesus, der Nazaräer“, den er verfolgte. Saulus hat diesen Augenblick nie vergessen und seine Erkenntnis hatte zur Folge, dass er ihm vom diesem Augenblick an diente. Er stellte sofort die Frage: „Was soll ich tun, Herr“? (Apg 9)

Auch uns hat der Herr sich offenbart. Deshalb schließt sich die praktische Frage für uns alle an: Sind wir seine Zeugen in einer Welt, die ihn verwirft? Sind wir Anbeter Gottes in einer Welt, die sich vor anderen Göttern beugt? Sind wir Diener des Herrn in einer Welt, die ihren eigenen Interessen nachgeht? Wir wollen diese Fragen im Gebet vor dem Herrn prüfen und erwägen.

Frieden

Die Brüder Josephs waren noch nicht beruhigt. Sie hatten keine Ruhe und keinen inneren Frieden. Im Gegenteil. Sie hatten Angst. Solange ein Mensch den Herrn Jesus nicht wirklich kennengelernt hat, fürchtet er sich. „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe“ (1. Joh 4,18). Christus möchte uns Frieden geben. Er möchte, dass wir in dem vollbrachten Werk vom Kreuz ruhen. Er hat doch gesagt: „Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz werde nicht bestürzt, sei auch nicht furchtsam“ (Joh 14,27). Wer weiß, dass er von Gott angenommen ist, der braucht keine Angst mehr zu haben. „Da wir nun gerechtfertigt sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm 5,1).

Joseph nannte wohl die Sünde der Brüder mit Namen, aber es fällt auf, dass er seine Brüder nicht verurteilt hat. So finden wir es auch in Johannes 8. Eine stadtbekannte Sünderin wird zu dem Herrn gebracht. Und was sagt der Herr am Ende, als alle Verkläger gegangen waren? „Auch ich verurteile dich nicht; geh hin und sündige nicht mehr“ (Joh 8,11). Er konnte die Sünde dieser Frau niemals gutheißen, aber er spricht kein Urteil aus. Menschen, die den Herrn Jesus als ihren Heiland kennen, brauchen kein Gericht mehr zur fürchten. Ihr Gericht trug Jesus am Kreuz.

Joseph nahm seinen Weg aus der Hand Gottes. Er tröstet die Brüder mit den Worten, dass es Gott war, der ihn vor den Brüdern hergesandt hatte, um sie am Leben zu erhalten für eine große Errettung (V. 7). Unwillkürlich gehen unsere Gedanken zu Hebräer 2,3, wo der Schreiber des Briefes auch unsere Errettung eine „große Errettung“ nennt. Unsere Errettung ist wirklich groß. Sie ist nicht zeitlich begrenzt, teilweise oder klein. Nein, sie ist ewig, umfassend und gewaltig. Niemand, der diese Errettung besitzt, wird jemals verloren gehen. Das gibt der Seele wirklichen Frieden und echte Ruhe.

Frieden und Ruhe drückten sich in dem Kuss aus, den Joseph seinen Brüdern gab (V. 15). Der Kuss zeigt uns etwas von den Emotionen Josephs, von seinem Mitempfinden den Brüdern gegenüber. Er spricht aber auch von Vergebung und von Versöhnung. Das, was trennend zwischen ihnen stand, war nun in Ordnung gebracht. Erst danach lesen wir, dass seine Brüder mit ihm redeten. Jetzt waren sie wirklich in innerem Frieden und in Ruhe und konnten Gemeinschaft mit ihrem Bruder haben.

2. Die Wünsche des Herzens Josephs (V. 9–12)

Joseph öffnete sein Herz vor seinen Brüdern. Er wollte seinen Vater sehen. Er wollte ihn und seine Familie bei sich haben. Wir können das sehr gut verstehen. Seit jenem Augenblick, wo Jakob seinen Sohn von Hebron ausgesandt hatte, waren 22 Jahre vergangen. Vater und Sohn hatte ein herzliches Band der Liebe verbunden und deshalb hatte Joseph dieses eine Verlangen, seinen Vater bei sich zu haben.

Bei genauem Lesen der Verse 9–13 erkennen wir mindestens zwei Wünsche, die Joseph äußert:

  1. Jakob sollte zu Joseph kommen, um bei ihm zu wohnen. Das spricht von Gemeinschaft und von Bewahrung. So lädt der Heiland der Welt bis heute die Menschen nicht nur ein, um vor dem kommenden Gericht gerettet zu werden, sondern es ist sein Wunsch, dass Menschen zu ihm kommen, um seine Gemeinschaft zu genießen. Einige Male lesen wir in den Evangelien, dass der Herr Menschen zu sich ruft. Gerne erinnern wir uns an Matthäus 11,28, wo er sagt: „Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben.“ Als die beiden Jünger in Johannes 1 fragten, wo er sich aufhält, sagte er nur: „Kommt und seht“ (Joh 1,39). Und was war die Folge? Die Jünger gingen zu ihm und sind nie wieder weggegangen. „Wer zu ihm bekommt, dem gibt er ewiges Leben, und dieses Leben beinhaltet die glückliche Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn (Joh 17,3). Dies glückliche Teil der Gemeinschaft mit ihm genießen wir hier schon auf der Erde. Es wird aber auch unser ewiges Teil im Vaterhaus sein: „Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,3). Unsere ewige Wohnstätte wird das Vaterhaus sein.
    Zu dem Herrn zu kommen bedeutet aber nicht nur Gemeinschaft, sondern auch Bewahrung. Jakob würde bei seinem Sohn Josephs nichts passieren können. So sind auch wir von unserem Herrn bewahrt. Wir finden das sehr schön im Leben Davids illustriert, der auch ein Vorbild auf den Herrn Jesus ist. Als Abjathar sich zu ihm flüchtete, sagte er ihm: „Bleibe bei mir, fürchte dich nicht; denn wer nach meiner Seele trachtet, trachtet nach deiner Seele; denn bei mir bist du wohl bewahrt“ (1. Sam 22,23).
  2. Jakob sollte nicht nur die Gemeinschaft mit seinem Sohn genießen. Nein, Joseph wollte ihn auch mit allem versorgen, was er zum Leben brauchte. Die Hungersnot konnte Jakob und seiner Familie nichts mehr anhaben, wenn sie bei Joseph waren. Wer zu dem Herrn Jesus kommt, der kann mit David sagen: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er lagert mich auf grünen Auen, er führt mich zu stillen Wassern ... Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde; du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, mein Becher fließt über“ (Ps 23,1–5). Der Herr Jesus hat selbst gesagt: „Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nicht hungern, und wer an mich glaubt, wird niemals dürsten“ (Joh 6,35).

3. Der Auftrag an die Brüder (V. 13–24):

Joseph gab seinen Brüdern einen konkreten Auftrag. Denn was sollte den Vater veranlassen, seine Heimat Kanaan aufzugeben? Es ist die Aussage Josephs: „Berichtet meinem Vater alle meine Herrlichkeit“ (V.13). Die Herrlichkeit Josephs, die in Ägypten sein Teil geworden war, sollte den greisen Vater Jakob überzeugen, das Land zu verlassen, das Gott Abraham als Erbteil versprochen hatte. Das zeigt uns, welchen Auftrag wir jetzt haben: Wir gehen in die Welt hinaus und zeugen von der Herrlichkeit des Auferstandenen.

Joseph gab seinen Brüdern einen Auftrag. Sie sollen den holen, der sich noch in dem Land befindet, wo Hungersnot ist. Sie sollen dahin gehen, wo sie herkamen und Menschen von dort zu Joseph bringen. Heilsgeschichtlich und prophetisch ist das der Auftrag der jüdischen Sendboten kommender Tage, das Evangelium des Reiches zu predigen. In der Anwendung auf uns dürfen wir aber an den Auftrag denken, den jeder von uns hat. Wir sind Gesandte für Christus. Wir gehen hinaus zu den Menschen dieser Welt. Wir gehen zuerst dorthin, wo man uns kennt. Wir reden von unserem Herrn und machen ihn bekannt. Wir überreden die Menschen, zu dem Herrn Jesus zu kommen. Wir verkündigen die gute Botschaft des Evangeliums. Wir reden von dem, was wir gesehen haben. Wir verkündigen einen Herrn, der am Kreuz von Golgatha sein Leben gab. Wir verkündigen aber auch einen Herrn, der nicht im Grab geblieben ist, sondern der lebt und zur Rechten Gottes mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt ist.

Wenn wir das Zeugnis der Jünger in der Apostelgeschichte ein wenig näher betrachten, dann erkennen wir deutlich, dass sie nicht nur einen gestorbenen Jesus verkündigt haben. Immer wieder hören wir, dass sie von seiner Auferstehung gezeugt haben. Sie waren – dem Auftrag des Herrn folgend – seine Zeugen. Und dieses Zeugnis umfasste nicht nur sein Werk am Kreuz, sondern auch seine Auferweckung. Mindestens zehn Mal zeugen die Jünger gerade davon (Apg 2,24; 2,32; 3,15; 4,10; 5,30; 10,40; 13,30; 13,34; 13,37; 17,31). Davon dürfen wir lernen. Das Evangelium – die gute Botschaft Gottes – beinhaltet nicht nur, dass Christus gestorben und begraben worden ist, sondern auch, dass er auferweckt wurde und lebt (1. Kor 15,1–4; Röm 1,1–4).

Der Auftrag wird beschrieben

Der Auftrag Josephs an seine Brüder wird nun ausführlich beschrieben (V.13–24). Wir wollen diesen Auftrag in 10 Punkten etwas näher besehen:

  1. Die Vorbedingung für den Dienst: Die Brüder Josephs mussten erst mit ihrem Bruder versöhnt sein, bevor sie nach Kanaan und zu ihrem Vater zurückgehen konnten. Nur wer im Genuss des Friedens mit Gott lebt, wer die Versöhnung mit Gott kennt und in Gemeinschaft mit dem Herrn lebt, kann ein brauchbarer Zeuge für ihn sein. So gibt der Herr den Sendeauftrag an seine Jünger erst nach dem Gruß „Friede euch!“ (Joh 20,21). In Epheser 6,15 verbindet Paulus die Predigt des Evangeliums ebenfalls mit Frieden. Er drückt es dort so aus: „... beschuht an den Füßen mit der Bereitschaft des Evangeliums des Friedens“. Das bedeutet nicht in erster Linie, dass das Evangelium eine Botschaft des Friedens ist (was in sich natürlich wahr ist). Es will vielmehr sagen, dass wir nur dann wirklich von dem Evangelium zeugen können, wenn wir selbst den Frieden kennen und genießen. Wer die Liebe des Christus genießt, kann auch von der Liebe zeugen.
  2. Der Auftraggeber des Dienstes: Der Auftraggeber ist niemand anders als Joseph selbst. Er beauftragte seine Brüder zu gehen. Joseph bestimmt, was sie tun und was sie sagen sollten. Auch wir haben einen Auftraggeber. Wir bestimmen nicht selbst, wohin wir gehen, was wir sagen und wie wir es sagen. Unser Auftraggeber ist der im Himmel verherrlichte Herr. Er war es, der Saulus von Tarsus auf dem Weg nach Damaskus erschienen war. Er stellt sich ihm vor als „Jesus, der Nazaräer“, d.h. der auf der Erde verachtete Jesus. Aber gleichzeitig war und ist er der im Himmel verherrlichte Herr. Wir sind seine Knechte, die „im Werk des Herrn“ (1. Kor 15, 58) arbeiten. Wenn das so ist, dann stellt sich an dieser Stelle die Frage unserer Abhängigkeit von ihm – eine Frage, über die wir sehr wohl nachdenken sollten.
  3. Die Autorität des Dienstes: Joseph lässt keinen Zweifel daran, in welch einer Autorität die Brüder zu ihrem Vater reden sollten. Wie sollte der Vater auch Vertrauen in die Worte seiner Söhne haben, die ihn doch so schmählich betrogen hatten. Deshalb lässt Joseph sagen: „So spricht dein Sohn Joseph“ (V. 9). Das verlieh dem Zeugnis der Brüder die nötige Vollmacht. Auch unser Wort an die Menschen ist nicht ohne Autorität. Es ist keine menschliche, sondern eine göttliche Autorität. Was wir sagen, sind Worte des Herrn. Wir sind Gesandte für Christus. Wir bitten an Christi statt (2. Kor 5,20). Auch das sehen wir sehr deutlich in der Apostelgeschichte vorgestellt. Als Petrus und Johannes den lahmen Mann sahen, der an der Pforte des Tempels bettelte, heilten sie ihn nicht in eigener Kraft. Petrus sagt klar und eindeutig: „Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: In dem Namen Jesu Christi, des Nazaräers, steh auf und geh umher!“ (Apg 3,6). Die Ehre gehörte nicht ihm, sondern einzig und allein dem Herrn Jesus. In seinem Namen redete und handelte er.
  4. Die Kraft für den Dienst: Die Brüder Josephs bekamen nicht nur einen klaren Auftrag. Sie bekamen auch die notwendige Unterstützung, um die Reise nach Kanaan zu unternehmen. Sie brauchten die beschwerliche Reise nicht zu Fuß zu machen. Joseph gab ihnen dazu Wagen (V. 21). Auch wir haben nicht nur eine Botschaft, sondern wir haben auch die Kraft, die Botschaft weiter zu sagen. Wir besitzen den Heiligen Geist, der nicht nur als göttliche Person in uns wohnt, sondern der auch unsere Kraftquelle ist. Das mag in den Wagen vorgeschattet werden, die Joseph seinen Brüdern gab. Es ist eine ganz neue Kraft, den Weg zu gehen. Als der Herr Jesus seinen Jüngern den Auftrag gab, in die Welt zu gehen, um seine Zeugen zu sein, sprach er auch von dieser Kraft: „Und siehe, ich sende die Verheißung meines Vaters auf euch. Ihr aber, bleibt in der Stadt, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe“ (Lk 24,49). „Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde“ (Apg 1,8). Bezeichnenderweise waren es gerade die Wagen, mit denen die Brüder reisten, die den greisen Vater schließlich überzeugten, dass seine Söhne die Wahrheit sagten. Als er die Wagen sah, lebte sein Geist wieder auf (V. 27).
  5. Die Ausrüstung für den Dienst: Neben den Wagen bekamen die Brüder auch Nahrung und Kleidung (V.22–23). Um den Auftrag unseres Herrn erfüllen zu können, brauchen auch wir die notwendige Ausrüstung von ihm. Wir sind nicht auf menschliche Hilfsmittel, wie z.B. Weisheit und Rhetorik angewiesen. Wir sind nicht auf eine theologische Ausbildung angewiesen. Paulus schreibt den Korinthern: „Meine Rede und meine Predigt war nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft“ (1. Kor 2,4). Was wir brauchen, gibt der Herr uns, wenn wir ihm vertrauen. Als Mose Jahre später zu dem Pharao gehen sollte, gab Gott ihm diese Ermunterung: „Und nun geh hin, und ich will mit deinem Mund sein und dich lehren, was du reden sollst“ (2. Mo 4,12).
  6. Die Zeit des Dienstes: Der Auftrag Josephs konnte keinen Aufschub vertragen. Zweimal sagt er seinen Brüdern, dass sie sich beeilen sollten (V. 9.13). Er wollte seinen Vater schnell bei sich haben. Auch unser Auftrag ist ein Eilauftrag. Es gibt ein finnisches Sprichwort, das lautet: „Gott hat uns die Zeit gegeben, von Eile hat er nichts gesagt.“ Das mag gut gemeint sein, trifft aber hier ganz sicher nicht zu. Gott spricht sehr wohl von Eile. Wenn es um die Rettung verlorener Menschen geht, ist unbedingt Eile angesagt. Als Lot sich aus Sodom retten und nach Zoar fliehen sollte, sagt Gott ausdrücklich: „Eile, rette dich dorthin“ (1. Mo 19,22). Paulus schreibt an Timotheus: „Predige das Wort, halte darauf zu gelegener und ungelegener Zeit“ (2. Tim 4,2). Die Gnadenzeit geht dem Ende zu. Der Tag des Gerichts kommt. Deshalb sollten auch wir diese Eile kennen. Uns gehört nur das Jetzt. Das Morgen liegt ganz in Gottes Hand. Deshalb lesen wir auch: „Zur angenehmen Zeit habe ich dich erhört, und am Tag des Heils habe ich dir geholfen. Siehe, jetzt ist die wohlangenehme Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils“ (2. Kor 6,2).
  7. Die Sphäre des Dienstes: Die Brüder sollten nicht in Ägypten davon zeugen, dass Joseph ihr Bruder war. Nein, Joseph schickt sie nach Kanaan. Sie sollten in ihre Heimat zurückgehen und dort verkündigen, was sie in Ägypten erfahren hatten. Sie mussten in das Land gehen, wo sie ihren Bruder Joseph verworfen und verkauft hatten. So fingen auch die Jünger auf ausdrücklichen Befehl des Herrn da an, wo man ihn verworfen und gekreuzigt hatte – in Jerusalem. Der Herr sagte ihnen: „Ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde“ (Apg 1,8).
  8. Die Adressaten des Dienstes: Eng mit der Sphäre des Dienstes sind die Adressaten des Dienstes verbunden. Die Brüder sollten gerade dahin gehen, wo man sie kannte. Sie sollten ihrem Vater sagen, dass Joseph lebt. Damit verbunden war, dass sie ihre Lüge und ihren Betrug aufdecken mussten. Niemand kannte die Brüder so gut wie ihr Vater Jakob. Davon dürfen wir lernen. Wie oft hat der Herr Menschen geheilt und ihnen anschließend den Auftrag gegeben, nach Hause zu gehen und gerade dort zu sagen, was der Herr an ihnen getan hatte. So beginnt auch unser Dienst da, wo wir herkommen, wo man uns kennt. In der Familie, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft usw.
    Aber Joseph wollte nicht nur Jakob bei sich haben, sondern auch sein ganzes Haus und alles, was er hatte. Es ist von Anfang an der Gedanke Gottes, Häuser und Familien zu retten. Noah sollte in die Arche gehen, er und seine Söhne und seine Frau und die Frauen seiner Söhne (1. Mo 6,18). Als der Kerkermeister in Philippi Paulus und Silas fragte, was er tun sollte, um gerettet zu werden, sagten sie: „Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst errettet werden, du und dein Haus“ (Apg 16,31).
  9. Der Inhalt des Dienstes: Der Inhalt der Botschaft, die sie weitertragen sollten, war klar definiert. „Eilt und zieht hinauf zu meinem Vater und sprecht zu ihm: So spricht dein Sohn Joseph: Gott hat mich zum Herrn von ganz Ägypten gemacht; komm zu mir herab, zögere nicht!“ (V.9). Es ging nicht so sehr um die Erfahrungen der Brüder, sondern es ging um Joseph. Er war das Zentrum der Botschaft. Auch unsere Botschaft hat ein Zentrum. Es ist Jesus Christus. Wir predigen „das Evangelium Gottes über seinen Sohn“ (Röm 1,3). Wir predigen das „Evangelium von Jesus“ (Apg 8,35). Es geht nicht darum, dass wir selbst im Mittelpunkt stehen. Es geht nicht darum, dass wir Menschen auf unsere Seite bringen. Nein, es geht um Christus: „Denn wir predigen nicht uns selbst, sondern Jesus Christus als Herrn“ (2. Kor 4,5). Wir verkündigen den Menschen einen Heiland, der für sie am Kreuz gestorben ist. Wir verkündigen ihnen aber auch den, den Gott zum Herrn und zum Christus gemacht hat. Die Jünger in der Apostelgeschichte haben das immer wieder getan. Die Predigt soll ja gerade bewirken, dass ein Mensch mit seinem Mund Jesus als Herrn bekennt und in seinem Herzen glaubt, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat (Röm 10,9).
  10. Das Ziel des Dienstes: Wir sahen, dass Joseph den großen Wunsch hatte, seinen Vater und dessen Familie bei sich zu haben. Sie sollten zu ihm nach Gosen kommen. So möchte der Herr Jesus Menschen zu sich ziehen. Bei Ihm allein ist Ruhe und Befriedigung für jedes Herz zu finden. Es geht darum, dass Menschen zu ihm – in seine unmittelbare Nähe – gebracht werden. Der Herr Jesus möchte nicht nur vor der Gefahr retten, ewig verloren zu gehen. Nein, er möchte Menschen bei sich haben. Als der gekreuzigte Verbrecher an der Seite des sterbenden Heilands bat „Gedenke meiner, Herr“, lautete die Antwort: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23,43). Das war weit mehr, als dieser Mann je erhoffen konnte. Auch uns ist viel mehr geschenkt als Errettung vor dem Gericht. Wir sind zu dem Herrn Jesus gebracht. Ein geschätzter Ausleger schreibt: „Jeder, der zu Ihm kommt, macht die Erfahrung, dass die Tage des rastlosen Umherziehens vorüber sind. Das trostlose Herz kennt keine Einsamkeit mehr, und der Hunger des fernen Landes ist gestillt. In der Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus gibt es Ruhe für das Gewissen, Befriedigung für das Herz und Speise für die Seele.“

Hindernisse

Konnte es Hindernisse geben, diesem Auftrag Josephs so schnell wie möglich nachzukommen? Für den Vater Jakob vielleicht nicht. Wohl aber für die Brüder. Deshalb wird ihnen gesagt: „Euer Auge sehe nicht mit Bedauern auf euren Hausrat, denn das Beste des ganzen Landes Ägypten soll euer sein“ (V.20). Die Familie Jakobs musste tatsächlich etwas aufgeben. Sie waren offensichtlich reich und hatten viele Güter in Kanaan erwirtschaftet. Nun war es schlecht möglich, ihren kompletten Hausrat mit nach Ägypten zu nehmen. Sie mussten einiges in Kanaan zurücklassen. Doch was wog das alles gegen das Beste des ganzen Landes Ägypten?

Wir fragen uns: Warum finden viele Menschen – selbst solche, die aufrichtig zu suchen scheinen – den Weg zu dem Herrn Jesus nicht? Ein Grund mag sein, dass sie an ihrem „Hausrat“ hängen – an den Dingen der Erde und des Lebens. Das müssen nicht notwendigerweise böse Dinge sein. Zu dem Herrn Jesus zu kommen, bedeutet, dass wir den Dingen dieser Erde ihren richtigen Stellenwert geben. Nicht, dass sie an sich keinen Wert hätten. In den Augen der Menschen mögen sie edel und gut sein. Aber sie können keinen Vergleich zu dem standhalten, was der Herr Jesus uns bietet. In Philipper 3 sehen wir, wie der Apostel Paulus das, was diese Erde ihm zu bieten hatte, mit dem vergleicht, was Christus ihm bedeutete. Dieser Vergleich fällt eindeutig aus: „Aber was irgend mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust geachtet; ja, wahrlich, ich achte auch alles für Verlust wegen der Vortrefflichkeit der Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, um dessentwillen ich alles eingebüßt habe und es für Dreck achte, damit ich Christus gewinne“ (Phil 3,7–8). Nur wer die Dinge des Lebens in diesem Licht sieht, wird eine richtige Entscheidung treffen.

Zu dem „Hausrat“ eines Menschen, der ihn hindert, zu dem Herrn Jesus zu kommen, können Gewohnheiten, Beziehungen und Vergnügungen gehören. Es können unser Beruf, unsere Karriere und unser Ansehen sein. Es können aber auch Verwandte und Freunde sein, die uns abhalten. Dazu sagt der Herr Jesus selbst ein ernstes Wort: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig; und wer Sohn oder Tochter mehr lieb hat als mich, ist meiner nicht würdig“ (Mt 10,37). Vergessen wir es nicht: Den natürlichen Hindernissen steht das Beste des ganzen Landes Ägypten gegenüber. Für uns ist das Christus, seine Herrlichkeit, sein Reichtum, sein Segen.

Ein reicher junger Mann kam einmal zu Jesus. Jesus sah seine Aufrichtigkeit und „blickte ihn an, liebte ihn und sprach zu ihm: Eins fehlt dir; geh hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach“ (Mk 10,21). Dieser junge Mann hing an seinem „Hausrat“. Er war nicht bereit, ihn aufzugeben. Traurig ging er von dem Herrn Jesus weg, und wir haben kein Zeugnis, dass er noch einmal zurückgekommen wäre. Der „Hausrat“ ist immer etwas für diese Erde. Er ist zeitlich. Wir nehmen davon nichts mit in die Ewigkeit. Was der Herr Jesus gibt, ist nicht nur himmlisch, es ist auch ewig. Deshalb sagt er: „Verkauft eure Habe und gebt Almosen; macht euch Geldbeutel, die nicht veralten, einen Schatz, unvergänglich, in den Himmeln, wo kein Dieb sich nähert und keine Motte verdirbt“ (Lk 12,33). Was der Herr damit sagen will, ist dies, dass wir uns nicht an die Dinge dieser Erde hängen sollten. Den gläubigen Hebräern konnte das Zeugnis ausgestellt werden: „Denn ihr habt sowohl den Gefangenen Teilnahme bewiesen als auch den Raub eurer Güter mit Freuden aufgenommen, da ihr wisst, dass ihr für euch selbst einen besseren und bleibenden Besitz habt“ (Heb 10,34). Entscheidend ist die Perspektive. Was der Herr Jesus gibt, ist in jedem Fall besser und es ist bleibend.

Gefahren auf dem Weg

Joseph gibt seinen Brüdern ein letztes Wort mit auf die Reise: „Erzürnt euch nicht auf dem Weg!“ (V.24). Joseph kannte seine Brüder. Wie leicht hätten sie doch anfangen können, sich auf dem Weg untereinander Vorwürfe zu machen. Wie leicht hätten sie unterschiedlicher Meinung sein können, wie sie ihrem Vater Jakob die Tatsache nahe bringen sollten, dass Joseph lebt. Es war ja unausweichlich, dass ihre eigene Lüge und ihr Betrug dabei aufgedeckt wurden.

Aber gilt das Wort der Warnung nicht auch uns? Wie leicht kann es auch unter Brüdern, die vom Herrn einen Auftrag haben, zu Meinungsverschiedenheiten, zu Auseinandersetzungen, zu Streit, zum Zorn und zur Verbitterung kommen. Unsere Herzen sind zu allem fähig. Deshalb werden wir im Neuen Testament aufgefordert: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streiten, sondern gegen alle milde sein, lehrfähig, duldsam“ (2. Tim 2,24). Paulus und Barnabas waren Brüder, die miteinander ihrem Herrn dienten. Und doch kam der Tag, an dem sie sich trennten. Lukas schreibt: „Es entstand nun eine Erbitterung, so dass sie sich voneinander trennten, und dass Barnabas den Markus mitnahm und nach Zypern segelte“ (Apg 15,39). Evodia und Syntyche waren zwei Schwestern in Philippi, die gemeinsam mit Paulus am Evangelium gedient und gekämpft hatten. Und doch stand irgendetwas zwischen ihnen, so dass Paulus sie ermahnen musste, gleich gesinnt zu sein (Phil 4,2).

Wie wir es richtig machen können, schreibt Paulus den Philippern: „Erfüllt meine Freude, dass ihr gleich gesinnt seid, dieselbe Liebe habend, einmütig, eines Sinnes, nichts aus Streitsucht oder eitlem Ruhm tuend, sondern in der Demut einer den anderen höher achtend als sich selbst; ein jeder nicht auf das Seine sehend, sondern ein jeder auch auf das der anderen. Denn diese Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war“ (Phil 2,2–5). Auch der Kolosserbrief gibt uns wichtige Hinweise: „Zieht nun an, als Auserwählte Gottes, als Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Langmut, einander ertragend und euch gegenseitig vergebend, wenn einer Klage hat gegen den anderen; wie auch der Christus euch vergeben hat, so auch ihr. Zu diesem allen aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist. Und der Friede des Christus regiere in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar“ (Kol 3,12–15). Wenn wir in dieser Gesinnung gemeinsam unseren Weg gehen, wird es keinen Streit „auf dem Weg“ geben.

4. Die Brüder beim Vater (V. 25–28)

Über die Reise der Brüder selbst wird nur wenig gesagt. Wir lesen nur, dass sie von Ägypten hinaufzogen und in das Land Kanaan zu ihrem Vater Jakob kamen. Was sie unterwegs gesprochen haben, wissen wir nicht. Ganz sicher werden sie mit gemischten Gefühlen vor ihren Vater getreten sein. Auf der einen Seite mussten sie ihm ihr eigenes Fehlverhalten bekennen. Auf der anderen Seite konnten sie ihm davon berichten, dass Joseph lebte. Doch wie würde ihr Vater reagieren? Seit über 20 Jahren lebte er doch mit dem Gedanken, dass sein Sohn Joseph tot war.

Jakob reagiert zunächst ablehnend. Er konnte es nicht glauben, was seine Söhne ihm da erzählten. Joseph sollte doch nicht tot sein? Sein Sohn sollte in Ägypten leben und sogar Herrscher über das ganz Land sein? Das war zu viel für den alten Mann. „Da erstarrte sein Herz, denn er glaubte ihnen nicht“ (V. 26). Ein Ausleger schreibt: „Menschliches Begreifen ist einfach überfordert, wenn Gott ein Wunder wirkt.“

Und doch wird Jakob überzeugt. Wovon? Wir lesen: „... und er sah die Wagen, die Joseph gesandt hatte, um ihn zu holen. Und der Geist ihres Vater Jakob lebte auf“ (V. 27). Wir sahen weiter oben, dass uns die Wagen an den Heiligen Geist erinnern. Er ist es, der einen Menschen schlussendlich überzeugt. Unsere Aufgabe ist es, einen lebenden und verherrlichten Christus zu verkündigen, der am Kreuz das Werk der Erlösung vollbracht hat. Aber einen Menschen von der Wahrheit der Worte überzeugen, das kann nur der Heilige Geist. Der Herr Jesus sagt von diesem Geist: „Und wenn er gekommen ist, wird er die Welt überführen von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht. Von Sünde, weil sie nicht an mich glauben; von Gerechtigkeit aber, weil ich zum Vater hingehe, und ihr mich nicht mehr seht; von Gericht aber, weil der Fürst dieser Welt gerichtet ist“ (Joh 16,8–11). Und der Geist Gottes ist es auch, der das neue Leben in einem Menschen hervorbringt. Im Gespräch mit Nikodemus sagt der Herr: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen, aber du weißt nicht, woher er kommt, und wohin er geht; so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist“ (Joh 3,8).

Was muss es für Jakob gewesen sein, plötzlich die Tatsache innerlich zu verarbeiten, dass Joseph nicht tot war. 22 Jahre lang hatte er um ihn getrauert. Und jetzt war auf einmal alles anders. Einmal überzeugt, gab es für Jakob nur noch dieses eine, das alles andere in den Hintergrund rücken ließ: Joseph lebt! Deshalb sagt er: „Genug! Joseph, mein Sohn, lebt noch! Ich will hinziehen und ihn sehen, ehe ich sterbe.“ Nichts war mehr so wie früher. Jakob war völlig verwandelt.

Die Erkenntnis des verherrlichten Menschen zur Rechten Gottes verändert einen Menschen vollständig. Als Saulus von Tarsus auf dem Weg nach Damaskus eine Begegnung mit dem verherrlichten Herrn im Himmel hatte, war nichts in seinem Leben mehr so wie vorher. Nachdem er gelernt hatte, wer der war, der vom Himmel aus zu ihm sprach, hatte er nur noch die eine Frage: „Was soll ich tun, Herr?“ (Apg 22,10). Alle menschlich logischen Einwände waren dahin. Es stellte keine weitere Frage. Wer Christus einmal wirklich erlebt und seine Herrlichkeit gesehen hat, der wird alle Hindernisse überwinden. Da gibt es nur noch eines: Christus! Da zählt die Welt mit ihren Freuden nicht mehr. „Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist“ (2. Kor 3,18).

Jakob wollte nur noch eines: zu Joseph gehen. Danach wollte er in Frieden sterben. Jeder Mensch muss einmal sterben (Heb 9,27). Wohl dem, der vorher eine Begegnung mit dem Herrn Jesus Christus gehabt hat. Der ihn als seinen persönlichen Heiland und Retter kennt, der am Kreuz für ihn starb und jetzt der verherrlichte Herr im Himmel ist. Wenn das so ist, hat der Tod seinen Schrecken verloren und man kann wirklich in Frieden sterben. Wenn das nicht so ist, folgt das ewige Gericht. Möge sich keiner täuschen: Wer ohne Jesus Christus in die Ewigkeit geht, dem bleibt nur das schreckliche und ewige Gericht. Wer mit ihm in die Ewigkeit geht, auf den wartet ewige Glückseligkeit im Haus des Vaters bei dem Herrn.

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