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Einführung in den Brief des Judas

Ernst-August Bremicker

Der Brief des Judas ist einer der kürzesten und doch gleichzeitig einer der ernstesten Briefe des Neuen Testamentes. Mit deutlichen und unmissverständlichen Worten gibt Judas den Briefempfängern eine Botschaft mit tiefem und wichtigem Inhalt und wir tun gut, diesen Brief in seinem ganzen Ernst und in seiner ganzen Tragweite auf uns heute anzuwenden. Niemand, der diesen Brief unter Gebet in seinem Zusammenhang liest, kann sich dem Eindruck entziehen, ein bedeutungsvolles Dokument vor sich zu haben. Gleichzeitig enthält dieser Brief Mut machende Ermunterungen, unserem Herrn und Gott gerade in einer schweren Zeit zu vertrauen.

Der Verfasser

Obwohl der Absender seinen Namen nennt, hat es über die Identität des Schreibers im Lauf der Jahrhunderte mancherlei Spekulationen gegeben. Verschiedenste Ansichten sind geäußert worden. Was wir wissen ist, dass der Schreiber Judas hieß und einen Bruder mit Namen Jakobus hatte. Die Schwierigkeit liegt nun darin, dass es verschiedene Personen gibt, auf die genau das zutrifft.

Ohne die verschiedenen Möglichkeiten im Einzelnen zu untersuchen sei darauf hingewiesen, dass ganz besonders zwei Personen in Frage kommen. Der eine ist Judas, der Jünger des Herrn (nicht Judas Iskariot) und der andere ist Judas, der leibliche Bruder des Herrn Jesus. Auf beide trifft zu, dass sie Judas hießen und einen Bruder mit Namen Jakobus hatten. Dabei ist zu bedenken, dass in Lukas 6,16 und in Apostelgeschichte 1,13 im Grundtext das Wort „Bruder“ nicht steht. Es heißt dort wörtlich „Judas des Jakobus“, d.h. es könnte sich ebenso auf den Sohn beziehen (siehe die jeweilige Anmerkung dort). Es ist also zumindest in Frage zu stellen, ob der Briefschreiber Judas tatsächlich der Jünger des Herrn gewesen ist. Die Art und Weise, wie er in Vers 17 seines Briefes von den Aposteln spricht, lässt jedenfalls den Rückschluss naheliegender erscheinen, dass er selbst kein Apostel war.

Die Tatsache, dass der Schreiber sich gleich am Anfang seines Briefes auf seinen Bruder Jakobus bezieht, lässt vermuten, dass die Briefempfänger seinen Bruder möglicherweise besser kannten als ihn selbst. Das führt uns zu dem Gedanken, dass der genannte Schreiber sehr wahrscheinlich einer der leiblichen Brüder des Herrn Jesus gewesen sein wird. Dieser wird in Galater 2,9 neben anderen als eine „Säule“ bezeichnet. Stellen wie Apostelgeschichte 12,17; 15,13 und 21,18 nennen ihn ebenfalls und zeigen, dass er in der Versammlung in Jerusalem einen besonderen Platz einnahm. Er war also offensichtlich bekannt und das könnte der Grund dafür zu sein, dass Judas sich auf ihn bezieht. Wir gehen deshalb davon aus, dass der Briefschreiber selbst ebenfalls ein Sohn von Joseph und Maria war und somit zu den Brüdern des Herrn Jesus gehörte. Umso bemerkenswerter ist dann die Tatsache, dass der Schreiber sich nicht auf seine natürliche Blutsverwandtschaft zu dem Herrn Jesus bezieht, sondern sich „Knecht Jesus Christus“ nennt. Seine irdische Beziehung, die er gehabt hatte, zählte nicht mehr (vgl. 2. Kor 5,16).

Das Neue Testament gibt uns nur wenige Einzelheiten über Judas. Wir wissen lediglich, dass er während des öffentlichen Dienstes des Herrn nicht an ihn glaubte (Joh 7,5) und dass er verheiratet war (1. Kor 9,5). Wann er zum Glauben gekommen ist, ist ebenfalls unbekannt; Tatsache ist, dass er in Apostelgeschichte 1,14 gemeinsam mit den Jüngern auf dem Obersaal war. Der von ihm geschriebene Brief lässt gewisse Rückschlüsse auf seinen Charakter zu. Er muss offensichtlich ein ernsthafter, entschiedener und fleißiger Mann gewesen sein, der seinem Herrn treu diente und dem das Wohl der Geschwister wichtig war. Darüber hinaus erwies er sich als mitfühlender Mensch, dem es am Herzen lag, seine Glaubensgeschwister zu ermuntern.

Die Briefempfänger

Die ursprünglichen Empfänger des Judasbriefes sind nicht bekannt. Es liegt zwar nahe, dass Judas – ähnlich wie Petrus – an zum Glauben gekommene Juden geschrieben hat, die Anrede erwähnt das allerdings nicht ausdrücklich. Die Briefempfänger werden in der Anrede nicht genannt und das sicher nicht ohne Grund. Kein Gläubiger kann behaupten, dass ihn der Inhalt des Briefs nichts angehen würde.

Der Brief richtet sich an „Berufene“ (Vers 1). Das ist ohne Frage bemerkenswert. Es ist somit ein Brief, der sich an alle Gläubigen richtet, denn wir alle dürfen uns durch die Gnade Gottes zu den Berufenen zählen. Gleichzeitig gibt die Anrede „Berufene“ dem Brief eine ganz persönliche Note, denn Berufung wird uns im Neuen Testament immer als eine persönliche – und nicht als eine gemeinschaftliche – Segnung vorgestellt. Mit Ausnahme des 1. Johannesbriefes ist kein Brief des Neuen Testamentes deshalb einerseits so allgemein gehalten wie der Judasbrief, weil er sich direkt an alle Gläubigen wendet. Andererseits ist jeder von uns ganz persönlich gemeint. Wir brauchen gerade diesen Brief, um wachsam zu sein. In schweren Zeiten werden alle Gläubigen angesprochen, gleichzeitig geht es jedoch um jeden einzelnen von uns persönlich. Niemand kann sich vor angesichts der traurigen Entwicklung innerhalb des christlichen Bekenntnisses – über die Judas scheibt – aus der Verantwortung stehlen.

Diese Anrede erinnert uns an das, was Paulus zu Timotheus sagt, wenn er ihn mit den Worten „du aber“ mehrfach persönlich anspricht (1. Tim 6,11; 3,10; 3,14; 4,5). Besonders im 2. Brief an Timotheus hat Paulus ähnlich wie Judas eine ernste Botschaft und deshalb redet er seinen jüngeren Freund und Mitarbeiter im Werk des Herrn ganz persönlich an. Wir erinnern uns ebenfalls an die ernsten Botschaften in den sieben Briefen an die Versammlungen in Offenbarung 2 und 3. Dort werden ebenfalls ganze Versammlungen, bzw. die Verantwortlichen dieser Versammlungen in ihrer Gesamtheit angesprochen, gleichzeitig heißt es am Ende der Briefe ganz persönlich: „Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Versammlungen sagt“. Das Wort richtet sich an die Versammlungen, dennoch ist jeder persönlich gefordert, zu hören.

Entstehungszeit und Authentizität

Die Entstehungszeit des Judas Briefes kann nicht genau genannt werden. Man vermutet, dass der Brief relativ spät geschrieben wurden, etwa zwischen den Jahren 65 und 80. Der besonders ernste Inhalt passt nicht unbedingt in die ersten Jahrzehnte des christlichen Zeugnisses. Von wo aus der Brief geschrieben wurde, ist ebenfalls unbekannt. Möglicherweise ist er zuerst in Palästina verbreitet worden und dann darüber hinaus. Beide Fragen – Entstehungszeit und Entstehungsort – sind allerdings von untergeordneter Bedeutung.

Obwohl der Brief sehr kurz ist und nicht von einem Apostel geschrieben wurde, ist er von Anfang an besser bezeugt gewesen als andere Briefe im Neuen Testament. Die Kirchenväter Hermas, Polykarp und Tertullian erwähnen ihn und im Muratorischen Kanon ist er ebenfalls enthalten. Für uns gibt es keinen Zweifel, dass dieser Brief Teil des inspirierten Wortes Gottes ist, das zu unserer Belehrung gegeben und für unser Glaubensleben wichtig ist.

Der Inhalt des Briefes

Der Judasbrief ist zu Recht als eine Art Einleitung zur Offenbarung des Johannes bezeichnet worden, weil er moralische, sittliche und religiöse Charakterzüge und Missstände aufdeckt, die auf dieser Erde anzutreffen sein werden, bevor das endgültige Gericht kommt, von dem wir in der Offenbarung lesen.

Judas beschreibt in seinem Brief nicht so sehr die Missstände in dieser Welt im Allgemeinen, sondern er spricht von Menschen, die ein christliches Bekenntnis haben. Judas behandelt auch nicht das Thema von Fehlverhalten und offenbaren Bösen in einer örtlichen Versammlung und wie sich einzelne Versammlungen dem Bösen in ihrer Mitte gegenüber zu verhalten haben. Die Ordnung in der Versammlung Gottes ist nicht sein Thema. Das finden wir in anderen Briefen, wie z.B. im 1. Korintherbrief oder im 1. Brief an Timotheus.

Die besondere Aufgabe von Judas ist eine andere. Geleitet durch den Heiligen Geist beschreibt er das Abweichen und den Verfall innerhalb des christlichen Bekenntnisses. Er beginnt bei den ersten Anfängen dieser negativen Trends im christlichen Bekenntnis und zeigt dann deutlich auf, wie es am Ende sein wird, wo für Menschen, die sich nur dem Namen nach Christen nennen, jedoch kein Leben aus Gott haben, nichts als das Gericht Gottes übrigbleibt. Schon in den Tagen der Apostel – also zu Beginn der Geschichte der Christenheit auf der Erde – zeigte sich deutlich, dass die Christen das, was Gott ihnen anvertraut hatte, nicht bewahren würden. Sowohl Paulus, als auch Petrus und Johannes schreiben bereits davon, dass die Christen nicht treu sein würden und warnen vor dem Verfall im Christentum. Judas spricht mit klaren Worten vom Abweichen und vom Verfall und zeigt auf, in welch einer Richtung sind diese Abwärtsentwicklung bewegen wird, die schließlich im Abfall endet.

Judas spricht von nicht von dem Abfall, dennoch macht er klar, auf welchem Weg die Christenheit sich befindet, auf einem Weg, der schließlich in dem vollständigen Ablehnen alles wirklich Göttlichen enden wird. Paulus ist es, der im 2. Thessalonicherbrief den endgültigen Abfall des Christentums beschreibt und dabei klarmacht, dass dieser erst dann kommen kann, wenn die wahren Christen in den Himmel entrückt sind. Er schreibt: „Lasst euch von niemand auf irgend eine Weise verführen, denn dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall komme und geoffenbart worden sei der Mensch der Sünde, der Sohn des Verderbens, der widersteht und sich selbst erhöht über alles, was Gott heißt oder ein Gegenstand der Verehrung ist, so dass er sich in den Tempel Gottes setzt und sich selbst darstellt, dass er Gott sei: „Und jetzt wisst ihr, was zurückhält, damit er zu seiner Zeit offenbart wird. Denn schon ist das Geheimnis der Gesetzlosigkeit wirksam; nur ist jetzt der da, der zurückhält, bis er aus dem Weg ist, (2. Thess. 2,7). Das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ ist allerdings jetzt schon wirksam und zwar innerhalb des christlichen Bekenntnisses, und davon schreibt Judas. Es handelt sich um die Vorboten das endgültigen Abfalls, der nach der Entrückung kommen wird.

Obwohl Judas, als er seinen Brief schrieb, bereits erste Abweichungen von der Wahrheit deutlich vor Augen hatte, ist seine Botschaft in erster Linie eine prophetische Botschaft. Von den ersten Abweichungen, die damals schon sichtbar wurden, zieht er die Linie der Entwicklung bis zum Ende durch, d.h. bis zu dem Zeitpunkt, wo der Herr Jesus zum Gericht kommt und damit dem christlichen Bekenntnis auf dieser Erde ein Ende macht. Es ist das dunkle Bild einer konstanten Abwärtsentwicklung innerhalb des Christentums, die damit begonnen hat, dass „verderbliche Wölfe“ eindrangen (Apg. 20,29) und die damit endet, dass der Herr zum Gericht erscheint. Man hat den Judasbrief deshalb nicht zu Unrecht „Abtrünnigkeitsgeschichte“ genannt.

Judas betreibt bei seiner Beschreibung keine Schönfärberei. Mit klaren und deutlichen Worten demaskiert er die bösen Menschen, die sich unter die Gläubigen eingeschlichen haben. Er benutzt dabei sowohl Beispiele aus der Natur, als auch aus dem Alten Testament. Judas deckt allerdings nicht nur die Charakterzüge dieser bösen und gottlosen Menschen auf, die ihr böses Werk unter den wahren Christen tun, sondern er spricht zugleich immer wieder von dem Gericht, das diese Menschen treffen wird. Das macht diesen kurzen Brief so besonders ernst.

Judas richtet seinen Brief an solche, die von Gott berufen sind, d.h. er wendet sich an wahre Christen, die Leben aus Gott haben. Er spricht in seinem Brief über Menschen, die durch das, was sie sagen, vorgeben, Christen zu sein, es aber nicht sind. Sie haben nur ein Bekenntnis, jedoch kein Leben aus Gott. Es geht hier also nicht zuerst um irrende Gläubige, sondern um Verräter und Verführer, die nicht wiedergeboren sind.

Die Gliederung des Briefes

Der Brief ist relativ klar und deutlich strukturiert und kann in die folgenden vier Teile gegliedert werden.

  1. Nach einer kurzen Anrede und dem Segenswunsch werden die Briefempfänger aufgefordert, für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen (Verse 1–3). Die kurze Einleitung appelliert einerseits an unsere Verantwortung, gleichzeitig erkennen wir, welche Hilfsquellen uns zur Verfügung stehen.
  2. Danach folgt der lange Hauptteil von Vers 4 bis Vers 19, in dem Judas einerseits die Charakterzüge der bösen Menschen beschreibt, die sich eingeschlichen haben und andererseits immer wieder auf das Gericht hinweist, das diese Menschen treffen wird. Es ist ein dunkles Gemälde, das Judas malt, allerdings gibt Gott uns nicht ohne Grund manche Einzelheiten dieser traurigen Entwicklung.
  3. Von Vers 20 bis Vers 23 wendet Judas sich wieder direkt den Briefempfängern zu und zeigt ihnen, wie sie sich zu verhalten haben. Er spricht ihr Herz und ihr Gewissen an, damit sie einerseits Zuflucht zu den vorhandenen Hilfsquellen nehmen und sich anderseits denen gegenüber richtig verhalten, die verführt worden sind.
  4. Der Brief endet in den Versen 24 und 25 mit einem einzigartigen Lobpreis, der unsere Blicke auf den lenkt, der allein in der Lage ist, uns in schwerer Zeit zu bewahren und vor seiner Herrlichkeit tadellos darzustellen vermag.

Der 2. Petrusbrief und der Judasbrief

Dem aufmerksamen Leser des Neuen Testamentes muss eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Judasbrief und dem 2. Petrusbrief (Kapitel 2) auffallen. Diese Ähnlichkeit hat von Anfang an Kritiker auf den Plan gerufen, die den Vorwurf erheben, einer habe vom anderen abgeschrieben. Einige gehen sogar so weit zu behaupten, es habe ein drittes Dokument gegeben, dass sich beide Schreiber parallel zu Nutze gemacht hätten.

Ohne Zweifel gibt es auf den ersten Blick gewissen Ähnlichkeiten, viele Ausdrücke gleichen sich, manche angeführte Begebenheiten aus dem Alten Testament sind identisch. Gleichzeitig fallen jedoch gravierende Unterschiede auf und gerade darin liegen wichtige Belehrungen für uns. Wir zweifeln keinen Augenblick daran, dass weder Judas von Petrus, noch Petrus von Judas abgeschrieben hat. Das widerspricht der unumstößlichen Wahrheit der göttlichen Inspiration der Bibel. Den falschen Behauptungen das Ohr zu öffnen, wäre nicht nur irrig, sondern sehr gefährlich. Es ist durchaus möglich, dass der eine Schreiber das Dokument des anderen gekannt hat, doch deshalb hat noch lange keiner vom anderen abgeschrieben. Gott hat jedem der beiden Schreiber einen bestimmten – und zwar voneinander abweichenden – Auftrag gegeben, den sie erfüllt haben. Die dabei entstandenen Ähnlichkeiten sind – ebenso wie die Unterschiede – vom Heiligen Geist gewollt. Experten haben ausgerechnet, dass die beiden in Frage kommenden Abschnitte bei Judas 297 und bei Petrus 256 Worte enthalten, von denen nur 76 gleich sind.

Trotz der Übereinstimmungen sind es also gerade die Unterschiede, die uns auffallen und zum Nachdenken anregen. Wir staunen, wie der Heilige Geist, der beide Diener mit einem ähnlichen Thema beschäftigt, sie jeweils unterschiedlich leitet, um unter einem ganz bestimmten Gesichtspunkt zu schreiben. Mit ähnlichen Formulierungen werden verschiedene Dinge ausgedrückt. Das Grundthema ist natürlich gleich, es geht um den Verfall, dem der größte Teil der Christenheit unterliegt. Die Akzente liegen jedoch unterschiedlich.

Der große Unterschied ist dieser: Petrus schreibt an Gläubige aus den Juden, unter denen falsche Lehrer auftraten. Er spricht zwar durchaus von dem Endgericht, beschäftigt sich jedoch vornehmlich mit den Anfängen der Fehlentwicklung, mit Sünde und Ungerechtigkeit Judas hingegen schreibt mehr allgemein an die Gläubigen und nicht speziell an Juden. Dabei beschreibt er mehr den Endzustand kurz vor dem Kommen des Herrn. Er spricht nicht „nur“ von Sünde und Ungerechtigkeit, sondern von Abfall und von Rebellion gegen Gott. Der Judasbrief ist noch ernster als der 2. Petrusbrief und folgt diesem in einer moralischen Reihenfolge. Noch ernster wird es in den Briefen von Johannes. Hier geht es nicht um Verfall von innen heraus, sondern um zerstörerische Angriff von außen, indem sich Menschen offen von Gott lossagen und den Vater und den Sohn leugnen.

Das Ziel des Briefes

Was ist nun die Absicht Gottes, uns einen Brief mit einem so ernsten Inhalt zu geben? Diese Frage stellt sich, und wir wollen versuchen darauf eine Antwort zu finden. Das Ziel des Briefes ist es nicht einfach, den Verfall innerhalb des christlichen Bekenntnisses zur Kenntnis zu nehmen und vielleicht sogar eine vorhandene Neugierde zu stillen. Für den Judasbrief gilt wir für die übrigen Briefe, dass alle Schrift von eingegeben und „nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit“ ist (2. Tim. 3,16). Gott hat also eine ganz bestimmte Absicht, um uns durch diesen Brief zu belehren, zu überführen und zu unterweisen. Sieben Punkte seien nachfolgend genannt:

  1. Damit wir von der Entwicklung nicht überrascht werden: Wir haben gesehen, dass der Judasbrief einen überwiegend prophetischen Inhalt hat. Er beschreibt eine Entwicklung, die aus der Sicht von Judas noch weitgehend zukünftig war, für uns heute jedoch bereits Realität geworden ist. Müssen wir von der Entwicklung und Degeneration innerhalb des christlichen Zeugnisses heute überrascht sein? Nein, Gott hat uns im Voraus mitgeteilt, was geschehen würde und was noch geschehen wird. Schon im Alten Testament ließ Gott seinem Volk sagen: „...der ich von Anfang an das Ende verkünde, und von alters her, was noch nicht geschehen ist“ (Jes. 46,10). Gott möchte nicht, dass wir überrascht und dadurch verunsichert werden.
  2. Damit wir wachsam sind: Die im Judasbrief beschriebene Entwicklung sollte für uns ein besonderer Grund zu erhöhter Wachsamkeit sein. Wir leben in der Nacht der Verwerfung (Ablehnung) unseren Herrn, in einer Zeit, in der man seine Rechte nicht anerkennt. Da ist es mehr als notwendig, geistlich wach zu sein. Paulus schreibt an die Thessalonicher: „... denn ihr alle seid Söhne des Tages; wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. Also lasst uns nun nicht schlafen wie die Übrigen, sondern wachen und nüchtern sein“ (1. Thess. 5,5–6). Angesichts der im Judasbrief beschriebenen Entwicklung ist es angebracht, diese Warnung zu Herzen zu nehmen.
  3. Damit wir für das Glaubensgut einstehen: Der Judasbrief fordert uns auf, für das Glaubensgut zu kämpfen (Vers 3). Die christliche Wahrheit wird immer offener angegriffen. Biblische Wertmaßstäbe geraten mehr und mehr unter Druck und in die Kritik. In einer solchen Zeit ist es notwendig, für die Wahrheit einzustehen und sie zu verteidigen. Gott möchte keine passiven Christen auf dieser Erde haben, die sich dem Zeitgeist anpassen, sondern er möchte Menschen haben, die ganz auf seiner Seite stehen und für die Wahrheit kämpfen.
  4. Damit wir unseren Weg in heiligen Wandel und Gottseligkeit leben: Diese Aufforderung ist dem 2. Petrusbrief entnommen (Kap. 3,11). Es besteht durchaus die Gefahr, dass wir angesichts des bösen Treibens der Gottlosen Menschen um uns herum resignieren und es dann mit unserem eigenen Verhalten (Wandel) nicht mehr so genau nehmen. Das Gegenteil sollte der Fall sein. Es ist der Wille Gottes, dass wir in Heiligkeit und Gottseligkeit leben, d.h. unseren Weg zur Ehre Gottes gehen und in Ihm unsere ganz Freude finden.
  5. Damit wir nicht durch den Irrwahn der Frevler fortgerissen werden: Dieser Hinweis stammt ebenfalls aus dem 2. Petrusbrief (Kap. 3,17). Die Gefahr besteht nicht nur, dass wir es mit unserem Wandel nicht mehr so genau nehmen, sondern dass wir von dem Tun der uns umgebenden gottlosen Menschen angesteckt werden. Die Folge wird sein, dass wir aus unserer eigenen Festigkeit fallen, d.h. das Fundament unter unseren Füssen verlieren. Das möchte Gott in keinem Fall und das ist ein weiterer Grund, warum uns der Brief von Judas gegeben worden.
  6. Damit wir unsere Hilfsquellen sehen, die Gott uns in schweren Tagen gibt: Der Judasbrief ist – gerade in seiner Einleitung und seinem Schluss – voll von solchen Hilfsquellen. Gott lässt uns nicht allein. Er gibt uns seine Hilfe. Es sind Hilfsquellen, die wir selbst ergreifen können, es sind zugleich Hilfsquellen, die völlig außerhalb von uns liegen. So besorgniserregend die Entwicklung um uns herum sein mag, wir haben dennoch die Möglichkeit, unseren Weg unbeschädigt zu gehen.
  7. Damit wir uns auf den verlassen, der allein in der Lage ist, uns zu bewahren: Die im Judasbrief beschriebenen Umstände sollen dazu beitragen, uns näher zu unserem Herrn und Gott zu bringen. Wir bleiben nicht bei der Beschäftigung mit dem Bösen stehen, wir bleiben nicht bei unserer eigenen Verantwortung stehen, sondern wir richten unsere Glaubensaugen immer wieder auf den, der uns „ohne Straucheln zu bewahren und vor seiner Herrlichkeit untadelig darzustellen vermag“ (Vers 24).

Diese Ziele sollten wir beim Lesen des Briefes immer wieder vor uns haben. Dann werden wir den richtigen Nutzen aus dem Studium dieses Briefes ziehen.

Besondere Merkmale des Judasbriefes

Abschließend sei noch auf einige besondere Merkmale hingewiesen, die charakteristisch für den Judasbrief sind und die ihn von den meisten anderen Schriften des Neuen Testamentes unterscheiden:

  1. Judas verwendet neben einigen Zweiergruppen vor allem eine ganze Reihe von Dreiergruppen. Dazu zählen z.B.:
    • In Vers 1: drei Kennzeichen der Gläubigen (geliebt, gewahrt, berufen)
    • In Vers 2: drei Segenswünsche (Barmherzigkeit, Friede, Liebe)
    • In Vers 3: drei Kennzeichen des Glaubensgutes (einmalig, überliefert, für die Heiligen)
    • In Vers 4: drei Merkmale der Menschen, die sich eingeschlichen haben (zum Gericht aufgezeichnet, sie verkehren die Gnade Gottes in Ausschweifung, sie leugnen den alleinigen Herrn und Gebieter)
    • In den Versen 5–7: drei Vorbilder des Gerichts aus dem Alten Testament (das Volk Israel, Engel, Sodom und Gomorra)
    • In Vers 8: drei Dinge, die die Träumer tun (beflecken, verachten, lästern)
    • In Vers 11: drei weitere Beispiele aus dem Alten Testament (der Weg Kains, der Irrtum Bileams, der Widerspruch Korahs)
    • In Vers 16: drei weitere Merkmale der Gottlosen (Murrende, Unzufriedene, ihren Begierden ergeben)
    • In Vers 25: drei Zeitperioden (vor aller Zeit, jetzt, in alle Ewigkeit)
  2. Judas gebraucht mehrfach Metaphern aus der Natur (z.B. der Vergleich mit Tieren, Wolken, Wasser, Bäumen, Meereswogen, Irrsternen usw.) Ähnlich wie im Jakobusbrief erkennen wir, dass der Verfasser die Natur aufmerksam beobachtet haben muss und daraus Lehren für das Leben zieht.
  3. Judas bezieht sich mehrmals auf Ereignisse aus dem Alten Testament, ohne es jedoch direkt zu zitieren. Manchmal ist dabei ganz klar, was er meint, manchmal kann man jedoch nicht ganz klar erkennen, auf welches Ereignis genau er sich bezieht.
  4. Der Judasbrief wirft wie kaum ein anderer Brief zusätzliches Licht auf das eine oder andere Ereignis aus dem Alten Testament, das wir dort finden und das erst hier näher erklärt wird Es sind sogar Hinweise dabei, die wir im Alten Testament überhaupt nicht finden (z.B. der Kampf um Moses Leib, die Weissagung Henochs).
  5. Der Judasbrief gleicht einem dunklen Gemälde mit einem hell leuchtenden Rahmen. Kaum ein Brief ist so ernst wie dieser Brief. Doch kaum ein anderer Brief hat einen so einzigartigen Anfang und ein so herrliches Ende wie gerade dieser Brief. Gott zeigt uns am Anfang und am Ende Hilfsquellen, die uns in schwerer Zeit zur Verfügung stehen. Und er weist uns in einem gewaltigen Lobpreis auf den einen hin, der uns bewahren kann und bewahren wird. Der Kontrast zwischen dem Inhalt des Briefes und seinem Ausklang ist in der Tat gewaltig.