Botschafter des Heils in Christo 1863

Was ist die Wiedergeburt? - Teil 1/2

Es gibt wohl wenig Gegenstände, die zu mehr Schwierigkeiten und Verwirrung Anlass gegeben haben, als die Wiedergeburt oder die neue Geburt. Sehr viele, die selbst Gegenstände dieser neuen Geburt sind, wissen nicht, was sie ist, und sind oft mit Zweifel erfüllt, ob sie dieselbe je erfahren haben. Es gibt viele, die, wenn sie ihre Wünsche in Worten ausdrücken könnten, sagen würden: „Ach, wenn ich doch einmal gewiss wüsste, dass ich aus dem Tod zum Leben hinübergegangen wäre! Wenn ich einmal die völlige Überzeugung hätte, dass ich wiedergeboren wäre; o wie glücklich würde ich dann sein!“ – So sind sie mit Furcht und Zweifel gequält von Tag zu Tag und von Jahr zu Jahr. Oft haben sie Hoffnung, dass diese große Veränderung mit ihnen vorgegangen sei; aber bald steigt wieder etwas in ihnen auf, das sie veranlasst, alle ihre früheren Hoffnungen für Täuschung zu halten. Sie urteilen nach ihren Gefühlen und Erfahrungen und nicht nach den einfachen Unterweisungen des Wortes Gottes, und deshalb müssen sie notwendiger Weise immer wieder in Zweifel und Ungewissheit versinken.

Es würde mir nun lieb sein, mit meinem Leser, im Licht der heiligen Schrift, eine Untersuchung dieses so wichtigen und interessanten Gegenstandes vorzunehmen. Es ist zu befürchten, dass sehr viele Missverständnisse, die darüber verbreitet sind, dass er kommen, dass man so oft die Wiedergeburt und deren Früchte, anstatt Christus predigt. Die Wirkung wird der Ursache vorangestellt, und dies muss notwendig immer Gedankenverwirrung hervorbringen.
Lasst uns jetzt nacheinander folgende Fragen betrachten:

  1. Was ist die Wiedergeburt?
  2. Wie wird sie hervorgebracht?
  3. Was sind ihre Folgen?

1. Was ist die Wiedergeburt? Viele betrachten sie als eine Änderung der alten Natur, hervorgebracht, ohne Zweifel, durch den Einfluss des Geistes Gottes. Diese Änderung geht, nach ihrer Meinung, allmählich von Stufe zu Stufe vor sich, bis endlich die alte Natur vollständig unterjocht ist. Diese Ansicht über diesen Gegenstand birgt aber zwei Irrtümer in sich: Zuerst einen Irrtum in Betreff unserer alten Natur, und dann in Betreff der wirklichen Persönlichkeit des Heiligen Geistes. Sie leugnet die hoffnungslose Verderbtheit der menschlichen Natur, und sie betrachtet den Heiligen Geist mehr als einen Einfluss, und nicht als eine Person.

Was unseren wahren Zustand von Natur betrifft, so stellt ihn das Wort Gottes als einen ganz und gar unverbesserlichen Ruin dar. Wir wollen die Beweise liefern. „Und der Herr sah, dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden, und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar“ (1. Mo 6,5). Die Worte: „alles“ – „nur“ – und „immerdar“ schließen jede Idee eines wiederherzustellenden Zuges in dem Zustand des Menschen vor Gott völlig aus. Wiederum: „Der Herr schaut vom Himmel hernieder auf die Menschensöhne, zu sehen, ob ein Verständiger da sei, der Gott suche. Aber alle sind abgewichen, und allesamt verdorben; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer“ (Ps 14,2–3). Hier schließen ebenfalls die Ausdrücke: „Alle“ – „allesamt“ – „Keiner“ – „auch nicht einer“ eine wiederherzustellende Eigenschaft im Zustand des Menschen, als gerichtet in der Gegenwart Gottes, vollständig aus. Nachdem wir nun einen Beweis von Mose und einen anderen von den Psalmen erhalten haben, lasst uns auch einen oder zwei von den Propheten nehmen. „Warum soll man weiter euch schlagen, so ihr des Abweichens nur desto mehr macht. Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle an bis aufs Haupt, ist nichts Gesundes an ihm“ (Jes 1,5–6). „Es ist das Herz ein überaus tückisch und heillos Ding, wer kann es ergründen?“ (Jer 17,9). „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte wie die Blume des Feldes. Das Gras ist verdorrt, die Blume verwelkt“ (Jes 40,6–7). Das Obige wird für das Alte Testament genügen. Wir wollen uns jetzt zu dem Neuen wenden. Wir lesen im Evangelium Johannes 2,24–25: „Jesus selbst aber vertraute sich ihnen nicht, weil Er alle kannte, und nicht bedurfte, dass jemand Zeugnis von dem Menschen gäbe; denn Er wusste, was in dem Menschen war.“ – „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch“ (Joh 3,6). – Vergleiche auch Römer 3,9–19 – Weiter lesen wir in Römer 8,7–8: „Weil die Gesinnung des Fleisches eine Feindschaft wider Gott ist; denn sie ist dem Gesetz Gottes nicht untertan; denn sie vermag es auch nicht. Die aber, welche in dem Fleisch sind, können Gott nicht gefallen.“ – „Ihr hattet keine Hoffnung, und wärt ohne Gott in der Welt“ (Eph 2,13). – Diese Anführungen könnten vervielfacht werden; aber es ist unnötig. Es sind Beweise genug angeführt worden, um uns mit dem wahren Zustand der menschlichen Natur bekannt zu machen. Er ist „verloren“ – „schuldig“ – „entfremdet“ – „ohne Kraft“ – „nur böse“ – und „immerdar böse“.

Wie nun, so dürfen wir mit Recht fragen, kann das, wovon in einer solchen Weise gesprochen wird, verändert oder verbessert werden? „Kann auch ein Kuschit seine Haut wandeln, oder ein Leopard seine Flecken?“ (Jer 13,23). „Was krumm ist, kann nicht gerade werden“ (Pred 1,15). Und je genauer wir das Wort Gottes untersuchen, desto mehr werden wir erkennen, dass es nicht die göttliche Methode ist, das Zerfallene und Verdorbene wieder zu verbessern, sondern etwas ganz Neues einzuführen. Ebenso ist es in Betreff des natürlichen Zustandes des Menschen. Gott sucht ihn nicht zu verbessern. Das Evangelium beabsichtigt nicht, die alte Natur des Menschen wiederherzustellen, sondern ihm eine neue zu geben. Es sucht nicht einen neuen Lappen auf ein altes Kleid zu setzen, sondern ein gänzlich neues Kleid darzureichen. Das Gesetz suchte etwas in dem Menschen, aber fand es nimmer. Gebote und Satzungen wurden gegeben, aber der Mensch gebrauchte sie, um Gott bei Seite zu setzen. Das Evangelium, im Gegenteil, zeigt uns Christus als den, der das Gesetz verherrlichte und zu Ehren brachte; es zeigt uns Ihn als den, der am Kreuz starb und alle Satzungen und Forderungen an dasselbe nagelte; und es zeigt uns Ihn als den, der aus dem Grab wieder auferstand, und als Sieger seinen Platz zur Rechten der Majestät in den Himmeln nahm; und endlich erklärt es, dass alle, die an seinen Namen glauben, Teilhaber seines Auferstehungslebens und eins mit Ihm sind. (Lies mit Aufmerksamkeit die folgenden Stellen: Joh 20,31; Apg 13,39; Röm 6,4–11; Eph 2,1–6; 3,13–18; Kol 2,10–15).

Es ist von der größten Wichtigkeit, in dieser Grundwahrheit recht klar und fest zu sein. Wenn ich denke, dass die Wiedergeburt eine gewisse Änderung meiner alten Natur ist, und dass diese Änderung sich allmählich entwickelt, so werde ich, als notwendige Folge, mit steter Angst und Besorgnis, mit Zweifel und Furcht, mit Niedergeschlagenheit und Trauer erfüllt sein, wenn ich gewähre, wie es sicher geschehen wird, dass Natur Natur ist, und bis ans Ende nichts als Natur bleibt. Kein Einfluss, noch Wirken des Heiligen Geistes kann je das Fleisch geistlich machen. „Was aus dem Fleisch geboren ist, ist Fleisch“, und kann nie etwas anders sein; und „alles Fleisch ist wie Gras“ – wie verwelktes Gras. das Fleisch wird nie in der Schrift als eine Sache dargestellt, die zu besseren ist, sondern als eine Sache, die Gott als „tot“ betrachtet, und die wir berufen sind zu „töten“ – zu unterwerfen und zu verleugnen in all ihren Gedanken und Wegen. In dem Kreuz des Herrn Jesus Christus sehen wir das Ende alles dessen, was unserer alten Natur angehört. „Die aber, die des Christus sind, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Lüsten gekreuzigt“ (Gal 5,24). Er sagt nicht: „Die, die des Christus sind, verbessern das Fleisch, oder versuchen es zu verbessern.“ Nein, sondern „sie haben es gekreuzigt.“ Es ist ganz und gar unverbesserlich, und darum ist es in Christus auf dem Kreuz völlig von Gott beseitigt worden. Gott fordert nichts vom Fleisch, und darum sollten auch wir es nicht tun. Er betrachtet es als tot; und ebenso sollten wir es betrachten. Er hat es vor seinem Angesicht hinweggetan, und dafür sollten wir es stets halten. Es sollte ihm nicht erlaubt werden, sich irgendwie zu zeigen. Gott erkennt es nicht an. Es hat keine Existenz vor Ihm. Freilich ist es in uns; aber Gott gibt uns das köstliche Vorrecht, es als tot anzusehen und zu behandeln, wozu wir durch die Energie und die Kraft des in uns vorhandenen Heiligen Geistes befähigt sind. Sein Wort an uns heißt: „Also auch ihr haltet euch der Sünde für tot, Gott aber lebend in Christus Jesus unserem Herrn“ (Röm 6,11). Dies ist ein unermesslicher Trost für ein Herz, das sich jahrelang mit der hoffnungslosen Arbeit der Natur– oder Selbstverbesserung beschäftigt hat. Es ist ein unermesslicher Trost für ein Gewissen, das in der allmählichen Verbesserung dessen, was ganz und gar unverbesserlich ist, eine Grundlage für seinen Frieden gesucht hat. Es ist endlich ein unermesslicher Trost für jede Seele, die vielleicht seit Jahren mit Ernst nach der Heiligung getrachtet, die aber gemeint hat, dass die Heiligung in der Verbesserung dessen bestehe, was die Heiligkeit hasst und die Sünde liebt. Für alle solche ist es unendlich köstlich und Wichtig, das wahre Wesen der Wiedergeburt zu verstehen. Niemand, der es nicht selbst erfahren hat, kann sich die tiefe Qual und die bittere Täuschung vorstellen, die eine Seele empfindet, welche in dem eitlen Wahn, dass die Natur der Verbesserung fähig sei, nach jahrelangem Kampf findet, dass Natur Natur bleibt. Und gerade im Verhältnis zu der Qual und der Täuschung wird die Freude bei der Entdeckung sein, dass Gott keine Verbesserung der Natur, d. i. des Fleisches, sucht, dass Er dasselbe als tot und uns als in Christus lebend, eins mit Ihm und angenommen in Ihm, für immer und ewig ansieht. Ja, zu einem klaren und völligen Verständnis dieser Wahrheit gekommen zu sein, ist eine göttliche Befreiung des Gewissens und eine wahre Erhebung des ganzen moralischen Wesens.

Was ist denn nun die Wiedergeburt? Es ist eine neue Geburt – die Mitteilung eines neuen Lebens – das Einpflanzen einer neuen Natur – die Bildung eines neuen Menschen. Die alte Natur bleibt, was sie ist, und die neue Natur, völlig von jener unterschieden, wird eingeführt. Sie hat ihre eigenen Gewohnheiten, ihre eigenen Wünsche, ihre eigenen Zwecke, ihre eigenen Gefühle und Bedürfnisse. Und diese alle sind geistlich, himmlisch, göttlich. Ihr ganzes Streben ist nach Oben gerichtet. Sie trachtet immer nach der himmlischen Quelle, aus der sie hervorgegangen ist. Wie in der Natur das Wasser stets bis zu derselben Höhe emporsteigt, von der es kam, ebenso steigt auch in der Gnade die neue – die göttliche Natur immer wieder zu ihrer eigenen Quelle empor. Die Wiedergeburt ist für die Seele, was die Geburt Isaaks für das Haus Abrahams war (1. Mo 21). Ismael blieb unverändert derselbe Ismael; aber Isaak wurde eingeführt. Ebenso bleibt die alte Natur dieselbe; aber die neue wird eingeführt. „Was vom Geist geboren wird, das ist Geist“ (Joh 3,6). Es teilt das Wesen oder die Natur seiner Quelle. Ein Kind hat die Natur seiner Eltern, und der Gläubige ist ein Teilhaber der göttlichen Natur (2. Pet 1,4). „Er hat uns gezeugt nach seinem eigenen Willen“ (Jak 1,18). – Mit einem Wort, die Wiedergeburt ist vom Anfang bis zum Ende das Werk Gottes. Gott ist der Wirkende, der Mensch ist der glückliche, begünstigte Gegenstand seines Wirkens. Seine Mitwirkung wird nicht gesucht in einem Werk, das immer den Stempel einer allmächtigen Hand tragen muss. Gott war es allein in der Schöpfung – und Er muss es auch allein sein in dem geheimnisvollen und herrlichen Werk der Wiedergeburt. (Schluss folgt)

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