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Botschafter des Heils in Christo 1861

Ihr aber seid nicht im Fleisch, sondern im Geist, wenn nämlich Gottes Geist in euch wohnt

Diese Worte werden häufig von Gläubigen ausgesprochen, ohne dass ihre wahre Kraft von ihnen erkannt und verwirklicht wird. Doch ist das Verständnis derselben von der größten Wichtigkeit, weil sie das eigentliche Wesen unserer Befreiung ausdrücken. Jede Wahrheit Gottes aber erfordert nicht nur ein geistliches Verständnis, sondern auch Glauben. Beides ist, solange wir hienieden sind, unzertrennlich mit einander verbunden.

Der Glaube ruht auf dem Wort Gottes und dem Werk Christi. Er verwirklicht das, was man nicht sieht, und ist gewiss von dem, was man hofft (Heb 11,1). Er beurteilt alles nach den Gedanken Gottes und nicht nach den Gedanken der Menschen oder nach dem Sichtbaren. Ist der Glaube nicht wirksam, so machen wir stets uns selbst oder die Dinge um uns her zum Gegenstand unserer Betrachtung und urteilen und handeln danach. Bewegen wir uns aber in dem Eitlen und Nichtigen, so ist es kein Wunder, dass unsere Herzen mit Furcht und Unruhe erfüllt werden, denn da ist nichts, was uns befriedigen oder beruhigen könnte. Ebenso wenig können wir Ruhe finden in dem Betrachten unserer selbst. Das Fleisch ist auch nach unserer Bekehrung unverändert geblieben – es wohnt nichts Gutes darin und das Werk des Heiligen Geistes in uns ist dem Wachstum unterworfen und darum noch unvollkommen. Deshalb können wir auch in diesem Werk vor Gott nicht ruhen, sondern allein in einem Werk außer uns – in dem für uns vollbrachten und vollkommenen Werke Christi. In diesem Werk ruht Gott bezüglich unserer Sünden und darum können auch wir da allein wahre Ruhe finden. Werfen wir nun zunächst einen kurzen Blick auf den wahren Zustand des Menschen.

Ein fauler Baum kann keine guten Früchte bringen (vgl. Mt 7,18). Der Mensch ist Sünder und nichts anders. Er ist durch und durch verdorben und zu allem Guten untüchtig. Nicht nur bezeugt seine Vergangenheit, was er ist, sondern auch sein Wesen selbst. Nicht nur ist sein Tun verwerflich, sondern sein ganzes Dasein. Sein Herz ist eine Quelle, die fortwährend Böses aussprudelt. Jegliches Gute mangelt ihm. Er befindet sich in einem Zustand, wovon nichts zu hoffen, nichts zu erwarten ist; und es ist auch keine Kraft in ihm, um je aus demselben heraus zu kommen. Er ist verloren, für immer verloren, er ist tot in Sünden und Übertretungen, tot für Gott.

Nun aber hat Gott in seiner großen Barmherzigkeit und Liebe dem verlorenen Sünder in der Hingabe seines eingeborenen Sohnes einen Ausweg bereitet. Das Kreuz Christi offenbart uns eine vollkommene Errettung – eine Errettung, die uns nach allen Seiten hin sicherstellt, die aber nur durch den Glauben erfasst werden kann. Mag es sich um unsere Rechtfertigung oder um unsere Befreiung handeln, wir finden beides vollkommen in dem Werk Christi und darum kann auch dieses Werk allein der Gegenstand unserer Betrachtung sein. Sobald wir in der einen oder anderen Sache auf uns selbst zurückblicken, sobald wir uns von dem Gegenstand des Glaubens, das ist dem Werk Christi abwenden, fangen wir an zu fürchten und zu seufzen. Nirgends ist mehr ein Ruhepunkt für uns.

Betrachten wir jetzt das Werk Christi selbst etwas naher, und wir werden sehen, dass wir durch dasselbe nicht nur völlig gerechtfertigt, sondern auch völlig befreit sind. Durch den Glauben verstehen wir, dass beides unser gesegnetes Teil ist. Viele Gläubige aber betrachten nur die eine Seite des Werkes Christi und auch diese oft nur sehr mangelhaft. Ihr Glaube stützt sich nicht völlig auf dieses Werk. Das Bewusstsein ihrer Schuld führt sie zu Jesu, dem Heiland der Sünder, aber es wird ihnen so schwer, das, was der Heiland für Sünder getan hat, als ein für sie vollbrachtes und vollkommenes Werk zu betrachten. Sie finden nicht eine stete und völlige Beruhigung darin. Auch vertrauen sie bei ihrem Hinzunahen oft mehr auf ihr Bitten und Flehen, als auf das Blut Jesu. Ja, viele Gebete der Art bezeugen aufs deutlichste, dass das Vertrauen auf das wahrhaftige Wort Gottes und das vollendete Werk Christi fehlt. Sie setzen ihre Bitten an die Stelle des Glaubens. Sie sind bemüht, Gott durch ihr Flehen zu ihrer Errettung bereitwillig zu machen und erkennen nicht, dass die bliebe und Bereitwilligkeit zur Errettung verlorener Sünder nicht auf ihre Gebete gewartet hat. Gott hat in seiner großen Gnade und Liebe schon lange vorher an den Sünder gedacht, ehe dieser Ihn bat. „Hierin ist die Liebe: nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass Er uns geliebt, und seinen Sohn als eine Versöhnung für unsere Sünden gesandt hat“ (1. Joh 4,10).

Die erste Verherrlichung, die ein verlorener Sünder Gott darbringt, ist, seinen Zustand in Wahrheit anzuerkennen und zu glauben an das, was Gott in Christus für verlorene Sünder getan hat – sein Vertrauen allein auf das am Kreuz vergossene Blut zu setzen. Das Werk Christi ist die alleinige Errettung für verlorene Sünder, und jeder Glaubende hat Teil daran, ja völlig Teil an der ganzen Fülle und Tragweite dieses Werkes. Wir haben in demselben eine vollkommene Gnade, eine vollkommene Errettung, und es gefällt Gott nicht, wenn wir uns mit weniger Gnade, mit einer unvollkommen Errettung begnügen. Dies aber tun wir, sobald wir aus Mangel an wahrem Verständnis, oder aus Mangel an Glauben nicht einzig und allein auf dem vollbrachten Werke Christi ruhen.

Mancher, der seinen verlorenen Zustand erkennt, will nicht eher glauben, bis er sich seiner Errettung gewiss ist. Er will in sich selbst fühlen, dass er errettet ist. Was man aber fühlt, braucht man nicht mehr zu glauben. Die durch Christus vollbrachte Errettung wird dem Glaubenden zu Teil. Der Herr sagte zu Thomas: „Glückselig, die nicht gesehen, und geglaubt haben.“ Gott antwortet dem einfachen Glauben, und Er antwortet ihm sehr bereitwillig und schnell. Dies sehen wir z. B. bei der großen Sünderin, die im Haus des Pharisäers Simon zu Jesu Füßen lag. Sie benetzte seine Füße mit ihren Tränen und trocknete sie mit dem Haar ihres Hauptes; aber sie sprach kein Wort. Doch Jesus entließ sie mit den Worten: „Deine Sünden sind dir vergeben. Gehe hin in Frieden.“ Ebenso bei dem verlorenen Sohn. – „Als dieser noch ferne war, sah ihn sein Vater, und war innerlich bewegt, und lief hin und fiel ihm um seinen Hals und küsste ihn viel.“ Er wertete nicht einmal bis dieser sein Sündenbekenntnis hervorgebracht hatte. – Weiter beim Kerkermeister zu Philippi, der in ein und derselben Stunde der Nacht ein verworfener Sünder war, und im Glauben an Jesus mit seinem ganzen Haus frohlockte. Gewiss, unzählige Beispiele der Vergangenheit und Gegenwart bezeugen, dass Gott dem Glauben bereitwillig und schnell antwortet. Wer aber auf seine Bitten vertraut und auf ein bestimmtes Zeichen oder ein freudiges Gefühl wartet, der muss oft lange hingehen, wenn auch das Erbarmen Gottes ihn nicht lassen kann. Dies sehen wir gerade bei Thomas. Der Herr überzeugte ihn von seiner Auferstehung erst acht Tage später, als die übrigen Jünger, und er musste die für uns so gesegneten Worte vernehmen: „Glückselig, die nicht gesehen und geglaubt haben.“

„Gerechtfertigt aus Glauben haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus;“ – also nicht durch unsere Bitten, sondern durch unseren Herrn Jesus Christus. Erkennt der verlorene Sünder in Wahrheit seinen Zustand, so nimmt er seine Zuflucht zu Gott. Er bekennt und ruft an, und was erfährt er? Gott hat schon lange vorher an ihn, den feindseligen und gottlosen Sünder gedacht und für ihn gesorgt Er hat seinen eingeborenen Sohn für ihn dahingegeben, hat alle seine Sünden auf Ihn gelegt, und das Blut Jesu hat sie alle getilgt. Glaubt er an den Gott, der Jesus, unseren Herrn, von den Toten auferweckt hat, – welcher unserer Übertretungen wegen dahingegeben, und unserer Rechtfertigung wegen auferweckt ist, – so ist er von der Vergebung seiner Sünden völlig überzeugt. Er ist gerechtfertigt und hat Frieden mit Gott. Alle seine Sünden sind für immer getilgt; Gott hat sie alle gekannt, die großen, wie die kleinen, und hat sie alle auf Jesus gelegt, und keine kann mehr das Urteil des Todes über ihn bringen.

Was wird nun ein Sünder in diesem gläubigen Bewusstsein anders tun, als frohlocken und Gott preisen! Und dennoch dauert es oft nicht lange. Bald kommen neue Seufzer und entsteht neue Furcht. Die Sünde im Fleisch – das Böse, was er täglich in sich wahrnimmt, und was ihn so oft verleitet, beunruhigt ihn aufs Neue. Er hat einen Heiland für seine Sünden, aber nicht für seine Sünde. das Werk Christi beruhigt ihn völlig in Betreff dessen, was er getan hat, aber nicht in Betreff dessen, was er ist – es beruhigt ihn beim Blick auf die Vergangenheit, aber nicht beim Blick auf die Gegenwart. Woher kommt dies? Reicht das Werk Christi wirklich nicht weiter? O gewiss; aber es fehlt ihm an Erkenntnis der reichen Fülle dieses Werkes. Sein Glaube ruht wohl darauf in Betreff seiner Sünden, aber nicht in Betreff der Sünde. Deshalb muss diese ihn auch aufs Neue mit Furcht und Unruhe erfüllen. Er sieht, dass das Fleisch seine Natur nicht geändert hat, dass das Wort des Apostels: „Ich weiß, dass in mir, das ist in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt,“ stets seine Anwendung findet.

Welchen Weg schlägt nun gewöhnlich der Bekehrte ein, wenn er bemerkt, dass die Sünde in seinem Fleisch noch vorhanden ist? Er wendet sich mit Bitten und Flehen zu Gott. Die Sünde im Fleisch macht ihn elend und unglücklich, und er bittet Gott, dass Er ihn davon befreien möge. Mag er aber auch täglich darum bitten, und immer wieder dasselbe vor Gott bringen, so findet doch eine Befreiung, wie er sie wünscht, nicht statt. Er will eine Befreiung für das Auge und nicht für den Glauben. Und in diesem Zustand geht mancher jahrelang dahin und muss doch immer wieder bekennen, dass nichts Gutes in ihm, das ist in seinem Fleisch, wohnt. Eine solche Erfahrung ist aber sehr geeignet, das Herz mit Misstrauen gegen die Liebe, Gnade und Macht Gottes zu erfüllen. Und wie kann dies anders sein, wenn alle seine Gebete in dieser Beziehung ohne Erhörung bleiben? Ist aber das Vertrauen zu Gott in einer Sache geschwächt, so ist dies auch gewöhnlich in einer anderen der Fall, und daher ist auch das Verhältnis zu Gott in vielen Herzen der Gläubigen stets ein geschwächtes und lockeres.

Doch warum erhört Gott diese Bitten um Befreiung von der Sünde nicht? Weil Er in dem Werk Christi schon eine Befreiung von derselben bewirkt hat – eine Befreiung, die wir nur durch den Glauben besitzen können. Durch den Glauben allein verstehen wir, dass es eine wirkliche und vollkommene Befreiung ist.

Viele aufrichtige Seelen machen auch mancherlei Anstrengungen, um dem Bösen, was in ihnen wohnt, zu widerstehen. Sie schlagen allerlei Wege ein, um diesen Zweck zu erreichen, aber ach! es ist alles vergeblich. Sie machen bittere Erfahrungen von der Herrschaft und Kraft der Sünde und von ihrer eigenen Ohnmacht. Sie erkennen an, dass es gut ist, die Sünde zu beherrschen, und dass Gott dies auch billiger Weise fordern kann; aber stattdessen sind sie Sklaven der Sünde. Sie befinden sich in ihrer Gefangenschaft – in einer elenden und schrecklichen Gefangenschaft, worin ihnen nichts weiter bleibt, als der traurige und doch vergebliche Ausruf: „Ich elender Mensch? wer wird mich erlösen von diesem Leib des Todes?“

Die letzte Hälfte von Römer 7 gibt uns eine ernste Beschreibung dieses Zustandes, der sich selbst bei so vielen Gläubigen oft wiederholt. In ihren Herzen ist wenig Friede und Freude, aber desto mehr Unruhe und Niedergeschlagenheit, wenig Lob und Dank, aber viele Seufzer; und es kann nicht anders sein. Manche ernsten Seelen fragen in solchem Zustand wohl: „Bin ich auch wirklich bekehrt? Habe ich mich nicht selbst getäuscht?“ Andere werden mutlos und matt; sie sehen ein, wie vergeblich alle ihre Anstrengungen sind, und lassen ihre Hände sinken. So stießt denn ihr Leben trost– und fruchtlos dahin, weil sie sichtbarlich suchen, was sie nur durch den Glauben finden, und im Glauben besitzen können. Und der Glaube sucht nichts in uns, sondern alles außer uns in dein Werke Christi. In diesem Werk aber findet er alles, um nicht nur gerechtfertigt, sondern auch befreit von der Sünde hienieden zu wandeln.

Bei vielen Seelen mangelt es an Einsicht von dem verdorbenen Zustand des Fleisches und der Sünde. Sie sind nicht geistlich genug, um Fleisch und Gast zu unterscheiden; und wenn eine solche mangelhafte Einsicht mit Leichtfertigkeit oder einer reichen, buchstäblichen Erkenntnis gepaart ist, so ist leicht Hochmut und Verblendung die Folge. Man gebraucht die Wahrheit zu seiner eigenen und nicht zu Gottes Verherrlichung. Oft verwechselt man auch die Sünde mit den Sünden – die Quelle mit dem Ausfluss derselben. Mancher wird z. B. leicht erregt und zornig; er bekennt und richtet dies vor Gott; aber er erkennt nicht, dass sein Zorn nur der Ausbruch oder die Folge seiner Habsucht oder anderer fleischlichen Dinge ist, unter denen er gefangen liegt Wenn wir aber wirklich die Sünde als Sünde erkennen, und dann als Gefangene derselben seufzen, so liegt es einfach daran, dass wir die Befreiung, die in Christus Jesus ist, nicht erkennen; dass Er uns durch das Opfer seiner selbst nicht nur von unseren Sünden, sondern auch von der Sünde erlöst hat. Der Glaube aber bricht stets in die Worte aus: „Ich danke Gott durch Jesus Christus.“ Ruht unser Glaube auf seinem Werk, so ist jede Furcht und Unruhe, sowohl in Betreff unserer Sünden, als auch in Betreff der im Fleisch wohnenden Sünde völlig beseitigt.

„So ist nun keine Verdammnis für die, welche in Christus Jesus sind.“ Das Werk Christi hat jegliche Verdammnis für uns ausgehoben. Es ist sicher, dass nicht nur unsere Sünden, sondern auch die im Fleisch wohnende Sünde uns zur Verdammnis gereichen würde, wenn wir nicht für beides im Tod Christi ein vollgültiges Opfer hätten. Doch Gott sei Dank, dass wir es haben! Er ist um unserer Suiten willen dahingegeben, (Röm 4,25) und auch hat Gott in dem Opfer Christi die Sünde im Fleisch gerichtet. Dies bezeugt das Wort Gottes ganz bestimmt: „Das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem Er, seinen eigenen Sohn in der Gleichheit des Fleisches der Sünde, und (als Opfer) für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte“ (Röm 8,3).

Für die, welche in Christus sind, ist also die Sünde im Fleisch gerichtet. Wie kann nun das Dasein der Sünde uns noch beunruhigen, wenn sie schon gerichtet ist, und wir also kein Gericht mehr dafür zu erwarten haben. Wir richten die Sünde vor Gott, weil Gott sie in Christus gerichtet hat, und bezeugen dadurch, dass wir mit Ihm und nicht mehr mit der Sünde eins sind. Doch ihr Vorhandensein kann uns nicht beunruhigen, noch uns verhindern, mit Gott zu verkehren und in seiner Gegenwart zu wandeln. Wenn wir aber nach dem Fleisch wandeln, oder dem Fleisch zu wirken erlauben, so sind wir verunreinigt, und die praktische Gemeinschaft mit Gott ist unterbrochen. Diese Unterbrechung dauert solange, bis wir aufrichtig unsere Sünden bekennen, und der Irene und gerechte Gott uns wieder vergeben und uns gereinigt hat (1. Joh 1,9). Vernachlässigen wir aber dies Bekenntnis oder Selbstgericht, so gehen wir mit unreinem Herzen voran, und haben nie eine wahre, praktische Gemeinschaft mit Gott. Also nicht das Vorhandensein des Fleisches oder der Sünde verunreinigt uns, oder verhindert unsere praktische Gemeinschaft mit Gott, sondern das Wandeln nach dem Fleisch.

Unsere Stellung vor Gott aber wird nicht dadurch berührt oder verändert. Wir sind in Christus, dem Auferstandenen, und darum kann uns keine Verdammnis mehr treffen. Für Ihn ist kein Gericht mehr, und darum auch für alle nicht, die in Ihm sind. „Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes“ (Röm 8,2). Wir haben jetzt eine ganz neue Stellung vor Gott. Früher waren wir im Fleisch, und die Sünde im Fleisch charakterisierte unsere Stellung vor Gott. Wir waren also verwerflich und verdammlich. Doch jetzt ist unsere Stellung vor Gott ganz verändert; die Sünde im Fleisch ist gerichtet und wir sind in Christus, und darum ist keine Verdammnis mehr für uns. „Ihr seid nicht in dem Fleisch, sondern in dem Geist, wenn anders der Geist Gottes in euch wohnt.“ Es ist also jetzt der Geist und nicht mehr das Misch, wodurch unsere Stellung vor Gott dargestellt wird; wenn aber unsere Stellung vor Gott im Geist ist, so ist sie untadelig und vollkommen. Das Vorhandensein dar Sünde im Fleisch hat also mit unserer Stellung vor Gott nichts zu schaffen, und kann uns darum auch nicht beunruhigen. Wer aber dadurch beunruhigt wird, glaubt nicht, dass die Sünde gerichtet und dass seine Stellung vor Gott im Geist ist.

Es bleibt immer wahr, dass das Fleisch vorhanden ist, und dass nichts Gutes darin wohnt – das sehen und erfahren wir täglich – aber wir sind nicht im Fleisch, sondern im Geist. Wir sind in dem auferstandenen Christus und völlig von der Sünde geschieden. Das Kreuz Christi trennt den Glaubenden nicht nur von den Sünden, sondern auch von der Sünde. „Die, welche dem Christus angehören, haben das Fleisch samt den Leidenschaften und Lüsten gekreuzigt“ (Gal 5,24). Nach dein alten Adam, nach dem Menschen, der unter die Sünde verkauft war, sind wir vor Gott nicht mehr da. „Dieses wissend, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt ist, auf dass der Leib der Sünde abgetan sei, so dass wir der Sünde nicht mehr dienen.“ Wir sind aber auch mit Christus auferstanden, und als auferstanden mit Ihm völlig von der Sünde getrennt und stehen nicht mehr unter ihrer Herrschaft.

Obgleich das Fleisch in uns vorhanden ist, so sind wir doch soweit davon getrennt wie Christus selbst, der zur Rechten Gottes sitzt. Weil wir in Ihm sind – ja so weit, wie der Himmel von der Erde ist. Dies bezeugt das Wort Gottes ganz bestimmt. In Kolosser 3 werden diejenigen, die mit Christus auferstanden sind, ermahnt, ihre Glieder, die auf der Erde sind, zu töten. Und was sind diese Mieder? „Hurerei, Unreinheit, Leidenschaft, böse Lust und der Geiz.“ Diese Glieder machen zusammen den Leib der Sünde, das ist die Sünde im Fleisch aus.

Hier haben wir nun einige Worte über die gesegnete Wahrheit unserer Befreiung. Es ist aber nicht durch eine buchstäbliche Erkenntnis derselben, dass wir sie bei uns verwirklichen, sondern durch den Glauben. Der Glaube, der von uns selbst ganz absieht auf das Wert Christi hin, der Glaube, der sich allein durch das Wort Gottes leiten lässt, erkennt, ergreift und verwirklicht diese gesegnete Wahrheit. Mancher Gläubige besitzt diese Wahrheit als eine Lehre, aber nicht als einen Gegenstand des Glaubens. Er redet davon und vielleicht mit vieler Klarheit, aber seine geheimen Seufzer und Klagen beweisen nur zu deutlich, dass er selbst nicht glaubt, was er sagt. Und wenn auch das Wissen dieser Wahrheit, eine oberflächliche Beruhigung vor Gott geben mag, so gibt es doch keine Kraft, um als ein von der Sünde Befreiter zu wandeln. Wir aber sind nicht nur befreit, um vor Gott in Ruhe zu sein, sondern auch um wohlgefällig vor Ihm zu wandeln, und Ihn durch unseren Wandel zu verherrlichen. Das bloße Wissen aber führt immer zur Erhebung unserer selbst, wenn uns Gott nicht auf eine besondere Weise bewahrt.

In dem Werk Christi finden wir also alles, was zu unserer Rechtfertigung und zu unserer Befreiung nötig ist. Wir sind in völliger Ruhe und Sicherheit vor Gott, weil wir in dem auferstandenen Christus sind, und sind auch fähig, durch den in uns wohnenden Geist, wohlgefällig vor Gott zu wandeln. Was kann uns in dieser gesegneten Stellung nun noch schaden, was uns beunruhigen? Was mangelt uns vor Gott, wenn Christus selbst der wahre Ausdruck unserer Stellung ist? Die Sünde im Fleisch ist gerichtet, und das Kreuz hat uns völlig von ihr geschieden; denn wir sind jetzt in Christus. So urteilt der Glaube, und er urteilt recht, weil er– auf das untrügliche Wort Gottes und auf das vollendete Werk Christi gestützt ist. Ist es nun aber dem Glauben gemäß, wenn wir Gott bitten, dass Er uns von der Sünde im Fleisch befreien möge? Beweisen wir nicht dadurch aufs klarste, dass wir die Tragweite des Opfers Christi nicht verstehen, und dass wir im Glauben nicht darin ruhen? Und ach! wie viele Bitten dieser Art werden täglich von den Gläubigen vor Gott gebracht, welche nichts anders als die Befreiung von dieser oder jener Sünde, die sie im Fleisch entdecken, zum Gegenstand haben. Der Herr möge doch unsere Herzen erleuchten und durch seinen Geist in uns wirken, dass wir mittels des Glaubens allezeit, sowohl in Betreff unserer Sünden als auch in Betreff der im Fleisch wohnenden Sünde, in dem Werk Christi ruhen.

Schließlich möchte ich noch an die ernste und gesegnete Ermahnung des Apostels erinnern, die wir in Kolosser 3 finden: „Wenn ihr denn mit dem Christus auferweckt seid, so sucht, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Trachtet nach dem, was droben ist, nicht nach dem, was auf der Erde ist.“ Lasst uns als Befreite in den Dingen durch Glauben wandeln, die nicht gesehen werden. Wir haben unser Teil droben, wo Christus ist, und durch den Glauben verwirklichen wir unsere Gemeinschaft mit Ihm und den himmlischen Dingen. Dies ist unser Vorrecht, solange wir hienieden sind. Sobald wir uns aber durch die sichtbaren Dinge, durch die Umstände um uns herleiten lassen, so wandeln wir nicht im Glauben und sind beunruhigt. – Unser Leben ist von oben – Christus selbst ist unser Leben – und darum können auch nur die himmlischen Dinge uns befriedigen und erfreuen. Weil wir uns aber dem Leib nach noch in der Wüste befinden, wo es Versuchungen aller Art gibt, so können wir nur durch Glauben die himmlischen Dinge verwirklichen und genießen. Es geht durch Kampf, in welchem wir nur durch den Glauben überwinden. – Es steht also unsere ganze Stellung hienieden mit dem Glauben in Verbindung, mag es sich um unsere Sünden, oder um die Sünde im Fleisch oder um die Umstände Handeln. „Der Gerechte wird aus Glauben leben.“

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