Das Kommen des Herrn, Israel und die Gemeinde

Absonderung vom Bösen. Der Weg des Gehorsams

Beim Betrachten der kargen und unfruchtbaren Landschaft, die uns das vorherige Kapitel illustriert hat, müssen wir uns fragen, woher die bitteren Wasser kommen, die den Garten, den unser Herr so wunderbar bepflanzt hat, in eine öde Wildnis verwandelt haben? Die unreine Quelle ist nicht schwer zu entdecken. Der Quell, aus dem all diese Ströme des Elends ausgehen ist Auflehnung. Auflehnung gegenüber Christus, Auflehnung gegenüber dem Geist, Auflehnung gegenüber dem Wort. Die Gegenwart und Autorität Christi in der Versammlung werden nicht anerkannt, der Leitung des Geistes wird mit fleischer Organisation widerstanden, und auf die zwangsläufig eintretende Unordnung reagierte man, indem man auf menschliche Weisheit zurückgriff anstatt das Wort Gottes zu Rate zu ziehen.

Was ist aber nun die Lösung dafür? Vielleicht stellen wir uns vorher einmal die Frage, ob es überhaupt eine Lösung gibt? Israel sagte früher: „Es ist umsonst; denn unseren Gedanken wollen wir nachgehen und jeder nach dem Starrsinn seines bösen Herzens tun“ (Jer 18,12), und das haben auch viele Gläubige von dem desaströsen, zerteilten Zustand der Kirche gesagt. Manche behaupten, dass man sich von Parteiungen, die nun einmal Einzug gehalten haben – egal ob diese nun gut oder schlecht seien –, nur dadurch befreien könne, dass man sich von ihnen trenne und sich auf eine andere Art und Weise versammle, d. h., man gründet eine weitere Gruppe. Mit anderen Worten: jeder Versuch, sich vom Bösen zu trennen würde nur in einer Verschlimmerung des Zustands enden. Lasst uns ganz klar festhalten, dass Parteiungen nicht schriftgemäß sind und diese Argumenentation ein Widerspruch in sich ist. Wenn ein Zusammenkommen auf sektiererischer Basis und in menschlichen Systemen eine Abweichung vom Wort Gottes bedeutet, muss es offenbar eine andere Art des Zusammenkommens geben. Egal wie groß der Verfall und die Verwirrung auch sein mögen, dieser kirchliche Weg steht immer noch offen, andernfalls würde Gott Gehorsam fordern und zum Ungehorsam zwingen!

Wenn es nun eine nicht-sektiererische Art des Zusammenkommens gibt, ein Versammeln im Gehorsam gegenüber Gottes Wort, wo ist diese zu finden? Um das herauszufinden, wollen wir uns einer zuvor verwendeten Illustration bedienen. Stellen wir uns noch einmal die meuternde Armee vor, die, anstatt ihrem rechtmäßigen Befehlshaber zu gehorchen, weggegangen ist. Zuerst teilte man sich in zwei oder drei größere Truppen, später dann in einzelne Regimenter oder gar Kompanien. Diese waren schließlich über das ganze Land zerstreut, und jeder hatte sich der Gruppe angeschlossen, dessen Führer ihm am meisten zusagte. Nehmen wir an, dass einzelnen Soldaten in unterschiedlichen Gruppen bewusst wurde, wie falsch diese Aufteilung ist, und sie den Wunsch verspürten, auf den Pfad des Gehorsams zurückzukehren. Welchen Weg könnten sie einschlagen? Selbst ein Kind könnte die Antwort darauf geben: sie müssten sich von den meuternden Gruppen, denen auch sie angehörten, trennen und die Stellung einnehmen, die ihnen ursprünglich zugedacht war. Sie müssen sich wieder dem Befehl des rechtmäßigen Generals unterstellen. Wenn sie dann diesen Schritt gehen und ihre Kameraden ihnen vorwerfen, eine Spaltung zu verursachen, indem sie sagen: „Ihr redet von Auflehnung und Ungehorsam und lehnt euch selbst auf und missachtet eure Befehle. Ihr bezeichnet die Spaltungen als ein Übel und wollt dieses durch eine weitere Spaltung beheben?“ Selbst der am wenigsten Eifrige unter ihnen würde sich wohl kaum von einem derart offenkundigem Irrtum täuschen lassen. Würden sie nicht sofort erwidern: „Ihr missachtet die rechtmäßigen Befehle unseres Generals, wir missachten dagegen nur eure unrechtmäßigen Befehle, diesen Ungehorsam forzusetzen. Durch eure Trennung habt ihr das wahre Zentrum der Einheit verlassen, unsere Trennung von euch ist ein notwendiger Schritt, um zum wahren Zentrum der Einheit zurückzukehren“?

Was zeigt uns dieses Bild also? Ein paar Männer, vielleicht nur eine Handvoll, haben sich von der meuternden Masse getrennt und sind zu ihrer eigentlichen Pflicht als Untertanen zurückgekehrt. Bilden sie nun die Armee? Nein, aber sie sind die Einzigen, die den Platz einnehmen, den die Armee einnehmen sollte und die dem Befehl gehorchen, dem die Armee gehorchen sollte. Sie sind die Einzigen, die die Armee so repräsentieren, wie sie sein sollte und nur bei ihnen sollten treue Gläubige gefunden werden. Dieser Grundsatz ändert sich auch nicht, wenn unter den meuternden Gruppen zahlreiche gute Soldaten zu finden ist, die durch Unwissenheit oder Irrtum fehlgeleitet wurden und die wirklich aufrichtig ihrem Herrn dienen wollen. Deshalb sollten diejenigen, die von diesem Pfad umgekehrt sind, mit aller Nachsicht von solchen sprechen und das Bewusstsein der eigenen Umwege sollte wirkungsvoll jegliche Überheblichkeit und Prahlerei verhindern. Vielmehr würde bei ihnen der Wunsch geweckt werden, ihre meuternden Kameraden kehrten zu der einzig wahren Grundlage zurück, als dass sie erneut fahnenflüchtig würden. Wenn man sie dazu drängen würde, mit den aufrührerischen Gruppen gemeinsame Sache zu machen, was wäre dann wohl ihre Antwort? Sie würden sagen: „Wie könnten wir so etwas tun? Unsere erste Pflicht ist der Gehorsam, und was für ein Bewusstsein gegenüber dieser Pflicht wäre es, wenn wir mit denen, die weiterhin ihren Weg in Ungehorsam gehen, Kompromisse eingingen? Unsere zweite Pflicht ist es, den Aufrichtigen unter ihnen auf den Pfad des Gehorsams zurückzuhelfen, und wie können wir das erreichen, wenn wir durch unser Verhalten zeigen, dass wir Gehorsam oder Ungehorsam gegenüber gleichgültig sind?“

Hier haben wir also Prinzipien, die leicht zu verstehen und anzuwenden sind. Lasst uns einmal betrachten, wie sie zu dem Fall passen, den wir vor uns haben. In der Kirche, wie in der fiktiven Armee, ist die Einheit der Spaltung gewichen, die Disziplin dem Ungehorsam, die souveräne Autorität des Wortes dem widersprüchlichen Urteil der Menschen. Was ist nun der Ausweg aus diesem Dilemma? In dem einen wie auch in dem anderen Fall ist ganz klar zu ersehen, dass der Missstand durch fehlende Unterordnung hervorgerufen wurde. Der erste Schritt zur Umkehr ist daher, sich wieder unterzuordnen. Die Aufforderung des Herrn lautet: „Hört auf, Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun“ (Jes 1,16.17). Ein Vater wird seinem Kind nicht sagen, was er wünscht, das es tun soll, wenn das Kind ihm bezüglich der bereits genannten Dinge ganz bewusst nicht gehorcht. Er würde sagen: „Tu, worum ich dich gebeten habe und dann werde ich dir sagen, was ich noch von dir möchte, dass du es tust“. Gott behandelt uns als Kinder und Gehorsam ist seine Bedingung für Wachstum. „Wenn jemand seinen Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist oder ob ich von mir selbst aus rede“ (Joh 7,17). Wenn wir fehlgegangen sind, weil wir auf den Rat der Menschen gehört haben, dann möchte Er als erstes, dass wir zu seinem Wort zurückkehren und einen Neuanfang auf seinem Weg machen. Als David die Sünde beging, bezüglich der Rückführung der Bundeslade auf den Rat seiner Anführer zu hören, was schließlich zu dem schlimmen Vergehen führte, das den Tod Ussas zur Folge hatte, reichte es ihm nicht, die anderen vor Ussas Fehlverhalten zu warnen. Er stoppte das ganze Vorhaben und änderte die Vorgehensweise komplett. Was den richtigen Transport der Lade anging, befragte er nun das Wort Gottes und nicht irgendwelcher Anführer. Erst als all das geschehen war, wurde die Lade unter Jubel und Freude herbeigebracht.

Es ist also klar, dass weder Kompromisse, noch Versuche, den gegenwärtigen Zustand zu verbessern, noch das Bemühen, die schlimmsten Übel zu beseitigen, wirklich eine Lösung bieten. Damit wird nur die Sünde Ussas vermieden, es bedeutet aber nicht, dass man den Geboten des Herrn Folge leistet. Gelegentliche Verbrüderungen unter den zerstreuten Abteilungen einer aufrührerischen Armee – freundliche Reden, in denen man sich gegenseitig des gemeinsamen Ziels versichert, auch wenn man dies auf unterschiedliche Art zu erreichen suche – würden nichts an der Tatsache ändern, dass sich die Armee in einem Zustand der Meuterei befand. Es würde auch nicht die Verantwortung derer mindern, die nach wie vor unter den meuternden Truppen bleiben. Bündnisse unter Christen, evangelikale Allianzen und andere Versuche, über konfessionelle Grenzen hinaus miteinander zu kommunizieren, mögen zwar ein wertvoller Hinweis darauf sein, dass manche Gläubige ein Empfinden dafür haben, dass derartige Grenzen nicht von Gott sind. Darüberhinaus sind sie jedoch völlig wertlos. Entweder entsprechen diese Grenzen Gottes Gedanken, oder sie stehen im Widerspruch dazu. Wenn sie mit seinem Denken übereinstimmen, sollten sie niemals überschritten werden, wenn sie im Widerspruch zu seinen Gedanken sind, sollten sie niemals errichtet werden. Allgemeine Verbrüderung, Nächstenliebe, im heute üblichen Wortsinn, sowie alle anderen Linderungsversuche sind vergleichber mit einem an Windpocken erkrankten Mensch, bei dem man nur den Ausschlag bedecken anstatt die Krankheit heilen würde. Nein, es ist sogar noch schlimmer, denn man folgt allein dem Rat der Menschen, um ein Dilemma zu beseitigen, das durch den Rat der Menschen entstanden ist. Nachdem man durch menschliche Führung ins Stolpern geraten ist, gibt es nur einen Weg, der zurückführt: Man muss sich voll und ganz auf die Lehre des Worte Gottes stützen. Es nützt überhaupt nichts, eine christliche Gruppierung anziehender und freundlicher zu machen, wenn die Bildung von Gruppierungen bereits ein Widerspruch zu Gottes Wort bedeutet. Aus dem gleichen Grund ist es sinnlos zu versuchen, eine kirchliche Gruppe besser zu machen, sie von gravierenden Mängeln zu befreien, da dadurch das Übel nicht an der Wurzel gepackt wird. Wenn die bloße Tatsache, dass diese Gruppe eine Sekte ist, bereits eine Abweichung vom Wort Gottes bedeutet, dann gibt es nur eine Lösung: den Weg des Gehorsams zu wählen und hinauszugehen. Wir haben gesehen, dass das Wort Gottes Parteiungen verurteilt, dass ihre Existenz seinen Gedanken entgegengesetzt ist, und wenn wir auf den göttlichen Weg umkehren wollen, müssen wir uns zuerst von allen sektiererischen Verbindungen trennen.

Hier könnte man jetzt die Frage stellen, was eine Parteiung überhaupt ist. Um das zu beantworten, müssen wir bis zum Anfang zurückgehen und erforschen, aus welchem Grund die Spaltungen entstanden sind, aus denen die Parteiungen hervorgingen. Ursache dafür ist, wie wir bereits gesehen haben, fehlende Unterordnung unter das Wort Gottes. Nur wenn wir diesem vollkommen gehorsam gewesen wären, nur wenn wir alles abgelehnt hätten, was nicht darin enthalten ist, hätten Parteiungen vermieden und die Einheit bewahrt werden können. Daher ist alles eine Parteiung, was diesen Test nicht besteht. Sie hat in ihrer Natur diese tödliche Wurzel aus der das sektiererische Gift austritt. Nach diesem Maßstab sind sowohl die Römisch-Katholische Kirche als auch alle anderen nationalen Kirchen Sekten. Denn wo im Wort Gottes finden wir jemand, der eine vergleichbare Autorität wie der Papst hat, wo gibt es eine geistliche Rangordnung wie unter den Kardinälen, wo gibt es eine bischöfliche Form der Regierung wie in Rom oder England? Wo sehen wir in der Schrift, dass der Staat, die Welt, Pfarrer ernennt, die Form des Gottesdienstes bestimmt oder über Lehrfragen entscheidet? Wenn wir dann zu den verschiedenen, voneinander abweichenden Konfessionen kommen, wird uns meist eifrig versichert, dass man das Recht habe, nach eigenem Gutdünken zu denken und zu handeln, eigene Satzungen zu erlassen und sich in verschiedene Gruppen aufzuteilen, so wie es den eigenen Neigungen und der eigenen Bequemlichkeit am dienlichsten sei. So ist man schon ganz zu Beginn im Widerspruch zum Wort Gottes, das Spaltungen verurteilt. Es ist eine ausdrückliche Bestätigung dafür, dass der Mensch sich das Recht herausnimmt, seine eigenen Gedanken und seine Weisheit als Ergänzung zu der Lehre der Schrift einzubringen. Auch in Detailfragen finden wir nicht mehr Unterordnung. An welcher Stelle in Gottes Wort wird die Autorität verliehen, auf Konferenzen oder Synoden darüber zu entscheiden, wo ein Prediger seine Gabe ausüben soll? Wo erhält man die Berechtigung, Pfarrer in öffentlichen Versammlungen zu wählen? Wo wird in der Heiligen Schrift zwischen Klerus und Laienstand unterschieden? Wo wird gesagt, dass die örtlichen Zeugnisse einzelne Älteste haben, auf die sich die Ausübung von Gaben beschränkt? Wo spricht die Schrift davon, dass offiziell ernannte Personen die Sakramente verwalten? Wo erlaubt sie es, dass das Mahl des Herrn als Gegenstand des Zusammenkommens beiseitegeschoben wird und eine monatliche oder quartalsweise Veranstaltung daraus gemacht wird? Wo lesen wir etwas davon, das Mahl des Herrn und die Taufe als Symbole ganz aufzugeben und Gläubige nicht mehr zu deren Gebrauch aufzufordern?

Allgemeine Verbrüderung, Nationalismus und alle anderen Arten der Abweichung haben eines gemeinsam: sie sind alle von der Schrift als wahrem Maßstab und einzigem Wegweiser abgeirrt. Einige haben abgewandelt, andere hinzugefügt oder weggenommen – aber alle haben sie diese als die alleinige und allgemeingültige Prüfungsgrundlage verlassen. Wir müssen uns nicht mit den großen lehrmäßigen Irrtümern oder der gewaltigen Anmaßung weltlicher Hierarchien beschäftigen. Es genügt uns die Tatsache, dass sie sich nicht völlig nach dem Wort Gottes ausgerichtet haben, denn darin liegt der Keim des Sektierertums. Es ist nicht die Frage, ob sie mehr oder weniger lehrmäßige Wahrheit besitzen, ob sie eine größere oder kleinere Zahl von echten Gläubigen unter sich haben. Wer wirklich in Unterordnung unter den Willen Gottes handeln will, muss sich nur eine einzige Frage stellen: Richtet man sich ganz nach dem Wort Gottes? Werden jedoch Dinge praktiziert, die das Wort nicht vorgibt, oder wird etwas ausgelassen, was das Wort fordert, dann ist es eine Sekte und er muss sich von ihr trennen.

„Wie bitte?“, könnte man fragen, „wäre es nicht besser, dort zu bleiben und zu versuchen, das zu verbessern?“ Nein, eine Sekte ist im Widerspruch zu Gottes Gedanken; an einem Ort zu bleiben, der nicht dem Willen Gottes entspricht, ist ungehorsam. Kann man, indem man weiterhin im Ungehorsam verweilt, darauf hoffen, andere zum Gehorsam zu führen? Der einzige Weg etwas zu verbessern, besteht darin gehorsam zu sein. Jemand, der auf einem Weg des Ungehorsams bleibt, weil er andere zum Gehorsam führen will, gleicht einem Mensch, der sich selbst in den Schmutz wirft, um andere sauber zu machen. Der erste Schritt Richtung Gehorsam, besteht darin, den Weg des Ungehorsams zu verlassen, und um eine Korrektur bei anderen zu erreichen, muss man zuerst sich selbst korrigieren. Solche, die aus Unwissenheit einen falschen Weg gehen, begehen im Vergleich zu denen, die diesen Weg absichtlich gewählt haben, das kleinere Übel. Jemand, der bewusst auf diesem Weg bleibt, um die Unwissenden auf den rechten Weg zu helfen, ist mit dem Mann vergleichbar, der mit einem Balken in seinem Auge den Splitter aus dem Auge seines Bruders entfernen möchte. Er ist ganz einfach ein Heuchler. Zu diesen sagt der Herr: „Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge heraus, und dann wirst du klar sehen, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen“ (Mt 7,5).

Absonderung vom Bösen ist immer Gottes Handlungsprinzip. Wenn wir uns auf der Grundlage des Wortes Gottes befinden, wird die Absonderung dadurch erreicht, indem man das böse System verlässt. Die Sünde Achans besudelte ganz Israel und der Herr sagte: „Ich werde nicht mehr mit euch sein, wenn ihr nicht den Bann aus eurer Mitte vertilgt“ (Jos 7,12). Das ist die erste Art der Absonderung. Israel befand sich auf dem Boden Gottes, und der Grundsatz war, Israel nicht zu verlassen, sondern das Böse unter ihnen hinauszutun. Aber als Israel am Berg Sinai sündigte indem es das Goldene Kalb schuf, zog der Herr seine Gegenwart zurück und lehnte es ab, sie weiter zu begleiten. Nun ist der Fall ein anderer und Mose, anstatt im befleckten Lager zu bleiben und zu versuchen, die Dinge zu verbessern „nahm das Zelt und schlug es sich außerhalb des Lagers auf, fern vom Lager“ (2. Mo 33,7). Dort blieb er bis der Herr sich durch seine Fürsprache erbitten ließ und wieder in ihre Mitte kam. Das ist die zweite Form der Absonderung. Israel hatte den göttlichen Boden verlassen. Daher war es für ihn nicht die Devise, dort zu bleiben, in der Hoffnung, mit dem Bösen fertig zu werden, sondern einen Platz außerhalb einzunehmen. War das selbstgerecht? Nie zeigte Mose größere Demut und Hingabe dem Herrn gegenüber als in dem Moment, wo er diesen Platz einnahm. War es Mangel an Liebe? Nie zeigte sich seine Zuneigung zu Israel mehr als in seinem innigen Flehen für dieses Volk. Hatte er das Volk selbstsüchtig im Stich gelassen? Nie hatte er ihnen aufrichtiger gedient als da, wo er sich aus ihrer Mitte zurückzog. Wie hätte er für sie vor Gott eintreten können, wenn er sich durch sein Bleiben unter ihnen mit ihnen identifizierte? Indem er sich von ihnen absonderte „fern von“ der Verunreinigung, die sie begangen hatten, konnte er, und das tat er auch, sich wirkungsvoll vor Gott für sie einsetzen. Erst wenn wir auf der Seite Gottes gegen das Böse stehen, können wir mit Ihm für solche eintreten, die sich noch darin befinden.

Es ist die letzte Form der Absonderung, zu der treue Christen aufgefordert werden. All die unterschiedlichen Gruppierungen und Systeme der Christenheit befinden sich nicht auf der göttlichen Grundlage. Es mögen viele wahre und gottesfürchtige Christen unter ihnen zu finden sein, es mag viel reine Lehre vorhanden sein, viel Eifer und Hingabe im Dienst für den Herrn, aber als menschliches System sind sie dem Willen Gottes entgegengesetzt. Dort zu bleiben, heißt, sich mit ihnen zu identifizieren, d. h., man ist mitverantwortlich für das Abweichen von den Anordnungen Gottes und seinem Wort. Der Platz des Gehorsams und des Segens, der Ort der Kraft und der Fürbitte ist außerhalb, „fern vom Lager“. Selbst in Babylon, dem verderbten christlichen Bekenntnis der letzten Tage, gibt es noch ein Volk des Herrn, aber ihnen wird gesagt: „Geht aus ihr hinaus, mein Volk, damit ihr nicht ihrer Sünden teilhaftig werdet“ (Off 18,4).

Die Gegenwart des Herrn sollte nicht mit irgendetwas Unreinem in Israel in Verbindung gebracht werden. „Gebiete den Kindern Israel,“, sagte der Herr zu Mose, „dass sie alle Aussätzigen und alle Flüssigen und alle wegen einer Leiche Verunreinigten aus dem Lager hinausschicken; sowohl Mann als Frau sollt ihr hinausschicken, vor das Lager sollt ihr sie hinausschicken, damit sie nicht ihre Lager verunreinigen, in deren Mitte ich wohne“ (4. Mo 5,2.3). Die Versammlung ist aus dem gleichen Grund „heilig“, da sie „mitaufgebaut [wurde] zu einer Behausung Gottes im Geist“ (Eph 2,22). Auf diesem Grund sollen Gläubige sich vom Bösen absondern: „Seid nicht in einem ungleichen Joch mit Ungläubigen. Denn welche Genossenschaft haben Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Oder welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil ein Gläubiger mit einem Ungläubigen? Und welchen Zusammenhang der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Denn ihr seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: ‚Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein.‘ Darum geht aus ihrer Mitte hinaus und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt Unreines nicht an, und ich werde euch aufnehmen“ (2. Kor 6,14–17). Hier ist der unmittelbare Gegenstand die Absonderung der Christen von allen götzendienerischen Verbindungen. Der Grundsatz dahinter ist jedoch allgemeingültig. Der Gläubige soll sich von jeglicher Verbindung mit dem Bösen trennen, da die Kirche die Behausung Gottes ist. Sind sektiererische Gruppierungen nicht böse? Sind das die Parteiungen und Spaltungen über die der Geist ruft: „Ist der Christus zerteilt?“ – die Parteiungen und Spaltungen, die der zusammengefügte Leib ausdrücklich vermeiden sollte –, sind diese Dinge angemessen für den Aufenthaltsort Gottes durch den Geist? Das Wort Gottes ist Licht und was der Mensch im Widerspruch zum Wort Gottes eingeführt hat, ist Finsternis. Wenn die Gläubigen im Licht wandeln wollen, wenn sie zu denen gehören wollen, wo der Herr gegenwärtig ist, müssen sie sich von den Dingen trennen, die Er verurteilt und verdammt.

In der Schilderung der letzten Tage der Christenheit, nach dem Beginn der „ungöttlichen, leeren Geschwätze“, die „zu weiterer Gottlosigkeit fortschreiten“, findet der Gläubige hierin seinen Trost: „Doch der feste Grund Gottes steht und hat dieses Siegel: Der Herr kennt die sein sind; und: Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von der Ungerechtigkeit! In einem großen Haus aber sind nicht allein goldene und silberne Gefäße, sondern auch hölzerne und irdene, und die einen zur Ehre, die anderen aber zur Unehre. Wenn nun jemand sich von diesen reinigt, so wird er ein Gefäß zur Ehre sein, geheiligt, nützlich dem Hausherrn, zu jedem guten Werk bereitet“ (2. Tim 2,16–21). Nun, welcher Stand der Dinge wird hier dargestellt? Ein christliches Bekenntnis, in dem alle Arten von Bösem Einzug gehalten haben, so dass niemand außer dem Herrn selbst sagen kann, wer inmitten der Vielen in weltlichen Religionen oder leerem Formalismus zu Ihm gehört. Was zeichnet treue Gläubige aus? Sie rufen den Namen des Herrn an und sondern sich ab von der Ungerechtigkeit. Diese beiden Dinge stehen in enger Verbindung zueinander. Wenn jeder beliebige Name, außer dem Namen Christi, in den Vordergrund gestellt wird – seien es Namen von Ländern oder Personen, Benennungen von Lehren oder Systemen, wie z. B. Kirche von England und Kirche von Schottland, Lutheraner und Wesleyaner, Baptisten, Presbyterianer, Methodisten und Unabhängige, fragen sie: „Ist der Christus zerteilt?“ Wurde Wesley für uns gekreuzigt? Oder sind wir im Namen Luthers getauft? Haben wir göttliche Autorität uns zu einem anderen Namen zu versammeln als zum Namen des Herrn Jesus Christus? Haben wir nicht die Pflicht, diese unschriftgemäße und unerlaubte Art des Zusammenkommens zu verlassen und einfach zum Namen Christi, zur Lehre des Wortes und zur Führung des Geistes zurückzukehren? Sie werden erkennen, dass sie nicht die Gläubigen in den verschiedenen Gruppierungen verurteilen sollen, sondern, dass sie die Gruppierung selbst als böse verurteilen müssen, als Werk des Menschen, das im Gegensatz zum Wort Gottes steht und wovon sie sich trennen müssen, um sich selbst zu reinigen, damit sie zu Gefäßen der Ehre werden.

Natürlich meint die hier erwähnte „Ungerechtigkeit“ nicht nur oder ausschließlich Spaltungen und Parteiungen. Aber gerade in diesem Brief wird das Wort Gottes als die einzige Richtschnur für einen Christen vorgestellt, an das sie sich in dem Durcheinander von Lehrmeinungen und Systemen, einem Kennzeichen der letzten Tage, halten sollen. Der Apostel wusste, wie sehr der Mensch die Schrift durcheinanderbringen würde, um sie seinen Vorstellungen anzupassen, daher legt er besonderen Wert darauf, dass das „Wort der Wahrheit recht geteilt“ würde. Er wusste, dass „böse Menschen ... und Betrüger“ „zu Schlimmerem fortschreiten [würden], indem sie verführen und verführt werden“, und er führt den Gläubigen ganz einfach auf das Wort Gottes zurück. Was ist dann der Maßstab für Ungerechtigkeit, wenn nicht die Abweichung von dieser Glaubensregel? Wenn ich mich auf irgendetwas einlasse, was das Wort Gottes nicht gutheißt, woher kommt es dann? Nicht vom Geist, denn der Geist verweist mich ausdrücklich auf das Wort. Dann muss es aus dem Fleisch kommen, und der Geist sagt mir, dass im „Fleisch, nichts Gutes wohnt“ (Röm 7,18).

Es ist eine sehr ernste Sache, wenn man auf den Ratschlag des Fleisches hört und den Rat des Wortes Gottes ablehnt. Wie lautet die Einschätzung Gottes in Bezug auf diese beiden Dinge: „Der Geist ist es, der lebendig macht“, sagt unser Herr, „das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben“ (Joh 6,63). Die ganze Heilige Schrift hindurch wird nichts so sehr hervorgehoben wie die Autorität der Schrift. Den Juden wurde gesagt: „Zum Gesetz und zum Zeugnis! Wenn sie nicht nach diesem Wort sprechen, so gibt es für sie keine Morgenröte“ (Jes 8,20). Wenn wir nicht entsprechend dem Wort reden, das wir empfangen haben, ist dann noch Licht in uns? Angesichts all des Bösen, was bereits Einzug gehalten hatte und was als Merkmal der „letzten Tage“ noch hinzukommen würde, empfing Timotheus Weisungen, die wir gut beachten sollten: „Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und wovon du völlig überzeugt bist, da du weißt, von wem du gelernt hast, und weil du von Kind auf die heiligen Schriften kennst, die imstande sind, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist. Alle Schrift ist von Gott eingegeben“ (2. Tim 3,14–16). Er wird also in dem ständig zunehmenden und überbordenden Bösen nicht auf die Kirche oder auf sein eigenes Urteil zurückgeführt, sondern er wird auf das Wort Gottes verwiesen – sei es durch einen Dienst von Paulus, wovon wir im Neuen Testament lesen oder durch die damals bereits vorhandenen Schriften des Alten Testaments. Wie ernst sind die letzten Worte in der Schrift: „Ich bezeuge jedem, der die Worte der Weissagung dieses Buches hört: Wenn jemand zu diesen Dingen hinzufügt, so wird Gott ihm die Plagen hinzufügen, die in diesem Buch geschrieben sind; und wenn jemand von den Worten des Buches dieser Weissagung wegnimmt, so wird Gott sein Teil wegnehmen von dem Baum des Lebens und aus der hei-ligen Stadt, wovon in diesem Buch geschrieben ist“ (Off 22,18.19). Es ist wahr, dass sich das nur auf ein bestimmtes Buch bezieht, aber wenn Gott ein Buch so nachdrücklich vom Einfluss des Menschen bewahren will, lässt Er dann die anderen außen vor, damit sie der Mensch nach seinem Gutdünken annehmen oder ablehnen kann? Nein, der einzige Maßstab dafür, was in Gottes Augen Gut oder Böse ist, ist in seinem Wort zu finden. Was immer mit seinen Anordnungen übereinstimmt, ruht auf einem unerschütterlichen Fundament. Was immer davon abweicht, sei es durch Hinzufügen, Verändern oder Weglassen, ist „Ungerechtigkeit“ – das Werk des Fleisches –, ist das Holz, Heu und Stroh menschlicher Bauwerke, die an dem Tag verbrennen werden, wenn sie „in Feuer offenbart“ werden.

An dieser Stelle könnte man drei Fragen stellen. Die erste ist: Angenommen, jemand ist nützlich, vielbeschäftigt mit guten Werken, die er offensichtlich für den Herrn tut, kann es für ihn richtig sein, seine einflussreiche Stellung zu verlassen, aus seinen Wirkungskreis wegzugehen, wo er zum Segen gedient hat und an einen Ort zu gehen, den er nicht kennt? Vielleicht an einen Ort, wo sein Betätigungsfeld weitaus kleiner ist, wo er weniger Zuhörer hat, wenn er predigt oder lehrt? Und vor allem: was ist mit den Früchten seiner Arbeit? Sind sie verloren oder anderen überlassen? Ich kann derartige Bedenken gut nachvollziehen. Aber wiegt Zweckmäßigkeit schwerer als Gehorsam? Kein Zweifel, wenn ich auf den Menschen schaue, so hat ein Christ innerhalb eines menschlichen Systems eine viel größere Reichweite als außerhalb davon. Aber das heißt, auf den Menschen zu sehen, wenn ich auf Gott blicken soll. Wie hätte Mose wohl entschieden, wenn er auf Basis der Zweckmäßigkeit argumentiert hätte? Er hätte gesagt: „Ich muss im Lager bleiben. Ich werde hier mehr gebraucht denn je zuvor. Wenn ich mich außerhalb niederlasse, werde ich meinen ganzen Einfluss und alle Macht verlieren, die ich jetzt zugunsten des Volkes einsetzen könnte.“ Anstatt so mit dem Fleisch zu diskutieren, handelte er in der Kraft des Geistes, „nahm das Zelt und schlug es außerhalb des Lagers auf, fern vom Lager“ und nahm so allein seine Position für den Herrn ein. Was hatte das zur Folge? „Und es geschah, jeder, der den HERRN suchte, ging hinaus zum Zelt der Zusammenkunft, das außerhalb des Lagers war“ (2. Mo 33,7). Anstatt sich von denen zu entfremden, die den Herrn suchten, zog er sie zu sich. Er hatte eine Stellung der Stärke eingenommen – Stärke mit Gott und Stärke, Menschen zum Segen zu sein.

Nehmen wir einen anderen Fall. Saul sollte die Amalekiter mit ihren Rindern und ihrem Kleinvieh schlagen. Anstatt gehorsam zu sein, tat er, was er für richtig erachtete. Er missachtete den Herrn nicht. Weit gefehlt: er und „das Volk [hatten] das Beste vom Klein- und Rindvieh verschont ..., um dem HERRN ... zu opfern“. Es war Weisheit und Religion des Fleisches, dass er in Angelegenheiten des Herrn eigene Überlegungen einbrachte anstatt sie ganz dem Herrn zu überlassen. Er zog es vor, Gott auf seine Weise zu dienen, anstatt Ihm gehorsam zu sein. Und was antwortet Gott darauf? „Und Samuel sprach: Hat der HERR Gefallen an Brandopfern und Schlachtopfern, wie daran, dass man der Stimme des HERRN gehorcht? Siehe, Gehorchen ist besser als Schlachtopfer, Aufmerken besser als das Fett der Widder. Denn wie Sünde der Wahrsagerei ist Widerspenstigkeit, und der Eigenwille wie Abgötterei und Götzendienst“ (1. Sam 15,22.23). Können wir etwa besser als Saul beurteilen, was richtig ist, wenn wir, wie er, unsere eigene Einschätzung der Beurteilung Gottes gegenüberstellen? Lasst uns bedenken, wem wir gegenüberstehen und uns mit dem Apostel fragen: „Reizen wir den Herrn zur Eifersucht? Sind wir etwa stärker als er?“

Man könnte jedoch einwenden, dass die Umstände nicht vergleichbar seien. Saul habe eine Aufforderung erhalten, die keinen Ermessungsspielraum gelassen habe. Wir hingegen hätten nur ein Buch, das vor 1.900 Jahren geschrieben wurde, in dem sowohl in Bezug auf die Versammlung als auch auf die Welt ganz andere Umstände herrschten als es bei uns heute der Fall sei. Daher sei es sicherlich rechtmäßig, unsere eigenen Überlegungen einzubringen, um die darin enthaltene Lehre den heutigen Umständen und Bedürfnissen anzupassen. Lasst uns daher einen anderen Fall betrachten, auf den wir bereits zuvor Bezug genommen haben. Sehen wir einmal, welches Licht das auf unser Thema wirft. Als David die Bundeslade nach Jerusalem holen wollte, welchen Wegweiser hatte er da? Er tat den Willen des Herrn, also war die Sache an sich nicht verkehrt und doch tat er es auf die falsche Weise. Welchen Grund hatte sein Fehler? Er hatte in den Büchern Mose eine klare Anweisung, wie die Bundeslade transportiert werden sollte. Aber hätte er nicht berechtigterweise sagen können: „Dieses Gesetz ist nun mehrere Jahrhunderte alt, die Umstände haben sich vollkommen geändert, die Lade selbst war über mehrere Generationen hinweg nicht an ihrem rechtmäßigen Platz. Die ursprüngliche Anweisung wird längst nicht mehr angewendet; das ist zweifellos das Ergebnis natürlichen Wachstums und Fortschritts und wir müssen uns mit dem neuen Stand der Dinge arrangieren. Es wäre wohl am besten, einen Rat einflussreicher Männer und Anführer darüber bestimmen zu lassen, wie die Lade auf die Art und Weise zurückgeholt werden kann, die den Herrn am meisten ehrt.“

Das würde exakt der heutigen Argumentation entsprechen, die menschliche Unterstützung fordert, um die Kirche den vermeintlich aktuellen Erfordernissen gemäß zu formen. Es ist allgemein anerkannt, dass der erste Korintherbrief uns über das Übel von Spaltungen und Parteiungen belehrt und dass darin einige Prinzipien über das Zusammenkommen von Christen zu dieser Zeit dargelegt werden. Behauptet man jedoch, dass diese Grundsätze heute noch angewendet werden sollen, wird einem entgegnet, dass wir in einer anderen Zeit leben und dass das, was für die Korinther gut war, nicht auf uns zutrifft. Was hingegen hat uns der Geist gelehrt? Da der Heilige Geist bereits im Voraus wusste, dass dieser Brief und die Offenbarung von allen Büchern des Neuen Testaments am meisten missachtet und beiseitegesetzt würden, weist Er in dem einen Fall besonders auf die Allgemeingültigkeit der Anwendung und im anderen Fall speziell auf den mit der Betrachtung verbundenen Segen hin. Nur in der Offenbarung lesen wir, dass „der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und bewahren“ gesegnet werden. Nur im ersten Korintherbrief bezieht sich die Anrede nicht nur auf die Korinther, sondern gilt „allen, die an jedem Ort den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen, ihres und unseres Herrn“ (1. Kor 1,2). Und doch wird gerade dieses Buch von den Gläubigen heutzutage systematisch beiseitegesetzt was die Themen Gemeindeordnung oder Zucht angeht oder was darin über fleischliche Weisheit und sektiererische Spaltungen gesagt wird.

Einige sind sogar so weit gegangen zu sagen, dass die Versammlung in Korinth nicht in ihrem gewöhnlichen Zustand gewesen sei, sondern dass sie zu der Zeit, als der Apostel den Brief schrieb, keinen Leiter hatte! Wenn jemand etwas über die britische Verfassung schreiben wollte und ihre Prinzipien anhand von Handlungen unter dem Commonwealth oder dem britischen Protektorat erklären wollte, würde eine solche Dummheit selbst den unwissendsten aller Leser in Erstaunen versetzen. Oder jemand wollte etwas über das kirchliche Verwaltungssystem des englischen Establishments schreiben und würde als Beispiel für die üblichen Abläufe in diesem System die Ereignisse beschreiben, die nach dem Tod eines Amtsinhabers und vor der Ernennung eines Nachfolgers stattfinden würden. Er würde wohl als Musterbeispiel für Dummheit angesehen werden. Aber viele Christen scheuen sich nicht, diese Unsinnigkeit und Dummheit, die ein nicht-inspirierter Schreiber durch derartiges auf sich ziehen würde, Gott zuzuschreiben. Ich gebe zu, dass man sich einer derartigen Unehrerbietigkeit und Anmaßung weder bewusst ist noch sie beabsichtigt. Das zeigt aber nur umso deutlicher, wie selbst aufrichtige und treue Gläubige, wenn sie einmal den Maßstab des geschriebenen Wortes verlassen haben und sich an den unsicheren Lehren menschlicher Erfahrung und Zweckmäßigkeit orientieren, Theorien über die Schrift entwickeln, die man in ihrer Reinform strikt ablehnen würde. Nein, die geschriebene Wahrheit Gottes sind keine flüchtigen Worte, die man annehmen oder ablehnen kann, je nachdem welche Erfahrungen man macht. Was Gott in Bezug auf seine Versammlung vorgesehen hat, sind keine provisorischen Anordnungen, die der Mensch nach seinem Verständnis und den Umständen entsprechend, in denen er lebt, modifizieren kann. Beide Bibelbücher sind so beständig und allgemeingültig wie die göttliche Quelle, der sie entsprungen sind. Bei der Wahl zwischen Unterordnung unter Gottes Wort und dem Ratschlag der Menschen weiß ein Gläubiger ohne eine Sekunde zu zögern, wem er folgen muss. Mit der Heiligen Schrift als Richtschnur ist sein Weg trotz aller Verwirrungen klar erkennbar: „Dein Wort ist Leuchte meinem Fuß und Licht für meinen Pfad“ (Ps 119,105). Was ist die Weisheit des Menschen, dass sie sich gegenüber Gott erhöht? Steht nicht geschrieben: „Ich will die Weisheit der Weisen vernichten, und den Verstand der Verständigen will ich wegtun“? Der Herr benötigt unseren Dienst nicht, aber unser Gehorsam ist nötig. Wenn wir in einer Gruppe des menschlichen Systems bleiben, mag es dort vielleicht einen größeren Bereich der sichtbaren Betätigung für uns geben, wir können der Welt gegenüber mehr darstellen, wenn wir aber durch unser Bleiben in dieser Gruppe in bewusstem Ungehorsam und gegen den Willen des Herrn handeln, so wird ganz sicher das zutreffen: „was unter Menschen hoch ist, ist ein Gräuel vor Gott“ (Lk 16,15).

Nun aber zur zweiten Frage: ist es nicht lieblos und sogar anmaßend, sich von den ausgezeichneten Männern abzusondern, die in den meisten dieser Gruppen gefunden werden? Auf diese Frage gibt es einige hinreichende Antworten. Diese ausgezeichneten Männer sind bereits durch ihre Zugehörigkeit zu unterschiedlichen kirchlichen Gruppen voneinander getrennt, und egal welcher Gruppe man angehört, ist man zwangsläufig getrennt von den Angehörigen anderer Gruppen. Noch einmal: durch das Verlassen der Gruppe trennst du dich nicht von den Gläubigen innerhalb dieser Gruppe, sondern nimmst den einzigen Platz ein, der solche Trennungen ablehnt und verurteilt. Du reißt alle menschlichen Barrieren nieder, deine Basis ist die Versammlung Gottes. Wenn andere diese Barrieren aufrechterhalten, so halten sie an der Trennung fest und nicht du. Die große Frage ist jedoch, wem wir folgen: Gott oder guten Menschen? Es gibt keine größere Falle für das Volk Gottes als die, dass man guten Menschen folgt. Wäre es nicht lieblos oder anmaßend gewesen, wenn der junge Mann, den Gott nach Bethel gesandt hatte, die Worte des alten Propheten in Frage gestellt hätte, als dieser ihn dazu verleitete, zurückzukehren und bei ihm Brot zu essen? In 1. Könige 13 lesen wir, wie das Urteil des Herrn über diesen Ungehorsam lautete. Wäre es nicht lieblos oder anmaßend gewesen, wenn Barnabas sich von Petrus abgewandt hätte, als sie in Antiochien „nicht den geraden Weg nach der Wahrheit des Evangeliums wandelten“? Aber wie beschreibt der Heilige Geist (durch Paulus) sein Verhalten? „Dass selbst Barnabas durch ihre Heuchelei mit fortgerissen wurde“ (Gal 2,11–14). Der Wahrheit Gottes muss Folge geleistet werden, auch wenn Apostel oder sogar Engel dagegen reden. „Aber wenn auch wir oder ein Engel aus dem Himmel euch etwas als Evangelium verkündigte außer dem, was wir euch als Evangelium verkündigt haben: Er sei verflucht!“ (Gal 1,8). So energisch weist der Heilige Geist den Gedanken an irgendeine andere Autorität neben dem Wort Gottes zurück.

Die dritte Frage, die sich zum Thema der Absonderung automatisch stellt ist: „Werde ich, wenn ich hinausgehe, ganz allein dastehen, ohne irgendeinen Menschen, mit dem ich Gemeinschaft haben kann, völlig isoliert von Mitgeschwistern?“ Das entspricht sicherlich nicht den Anordnungen Gottes. Aber wir leben in einer Zeit, in der die Anordnungen Gottes durch menschliche Ideen verdrängt wurden. Wenn der Herr uns zur Gemeinschaft mit Ihm und unseren Mitgeschwistern auffordert, verlangt Er jedoch auch: „Habt nicht Gemeinschaft mit den unfruchtbaren Werken der Finsternis, vielmehr aber straft sie auch“ (Eph 5,11). Wenn der Mensch und Satan die Wahrheit Gottes verkehrt und die Anordnungen Gottes beiseitegesetzt haben, wenn sie sich nicht mehr durch das Wort Gottes leiten lassen, dann muss ich mich davon trennen. Das ist keine Trennung von Gläubigen, sondern eine Trennung von dem, was Gläubige außerhalb des Wortes Gottes begonnen haben. Eine Trennung von dem, was den Geist betrübt und auslöscht, es ist eine gottgemäße Trennung von dem, was ungöttliche Trennungen verursacht hat. Anstatt mich von meinen Mitgeschwistern zu trennen, nehme ich vielmehr die Seite Gottes gegen solche Trennungen ein. Ich begebe mich damit auf die einzige Grundlage, wo solche Trennungen keinen Platz haben, und verlasse den Bereich, in dem solche Trennungen geduldet werden.

Wenn wir uns zum Namen des Herrn bekennen, nehmen wir zweifellos die einzige Stellung ein, die der christlichen Einheit entspricht, dennoch müssen wir zugeben, dass es nach außen oft ein Ort extremer Versuchung und schmerzlicher Isolation ist. Aber hat der Herr jemals versprochen, dass der Weg eines Christen ein einfacher ist? Hat Er nicht gesagt: „In der Welt habt ihr Bedrängnis“? Und was soll unser Trost sein? Dass Er die Welt überwunden hat. Wenn wir also einen solchen Platz im Gehorsam Ihm gegenüber und in Gemeinschaft mit Ihm einnehmen, sollen wir dann wegen der damit verbundenen Versuchungen in dieser Welt davor zurückschrecken? Wir haben den an unserer Seite, der die Welt überwunden hat, werden wir da in ihrem Spott und ihrer Verachtung, ihrer Veurteilung und Feindschaft untergehen? Können wir uns nicht vielmehr darüber freuen dass wir „gewürdigt worden waren, für den Namen Schmach zu leiden“?, dass es uns „im Blick auf Christus geschenkt worden [ist], nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden“, dass ich – in welch geringem Ausmaß auch immer – zu folgendem berufen bin: „Ergänze in meinem Fleisch das, was noch fehlt an den Drangsalen des Christus für seinen Leib, das ist die Versammlung“ (Kol 1,24)? Wir werden sicherlich nicht vergessen, dass „wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,12) oder dass „die Bewährung eures Glaubens, viel kostbarer [ist] als die des Goldes, das vergeht, aber durch Feuer erprobt wird, befunden werde zu Lob und Herrlichkeit und Ehre in der Offenbarung Jesu Christi“ (1. Pet 1,7). Mose nahm einen einsamen und mühevollen Weg auf sich, als er seine ganzen irdischen Zukunftsaussichten in Ägypten aufgab, um sich mit den verachteten und erniedrigten Kindern Israel eins zu machen. Er sah die Dinge allerdings mit den Augen Gottes, nicht mit den Augen der Menschen, und er „weigerte sich ... ein Sohn der Tochter des Pharaos zu heißen“, „indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens; denn er schaute auf die Belohnung“ (Heb 11,24.26). Vor dem Weg des Gehorsams zurückzuschrecken, weil man allein dastehen könnte, bedeutet, dass man die Gemeinschaft der Menschen der Gemeinschaft Gottes den Vorzug gibt. Vor diesem Weg zurückzuschrecken, weil er irdisches Leiden und Verlust mit sich bringen mag, bedeutet, die Schätze Ägyptens der Schmach Christi vorzuziehen. Nein, wenn wir gesehen haben, dass alle menschlichen Systeme eine Stellung eingenommen haben, die mehr oder weniger unvereinbar sind mit Gottes Wort – allein ihr sektiererischer Status ist bereits nicht in Übereinstimmung mit den Gedanken, die Gott uns über seine Versammlung offenbart hat –, dann muss ich nicht über mögliche Konsequenzen nachdenken, nicht überlegen, was es mich kostet, sondern mich in einfachem Gehorsam und Vertrauen Ihm gegenüber von allem trennen, was im Widerspruch zu seinen Gedanken ist, und mit Christus „außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ meinen Weg fortsetzen.

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