Das Kommen des Herrn, Israel und die Gemeinde

Das örtliche Zeugnis - Ämter - Gaben - Anbetung

Die Versammlung auf der Erde, so wie sie Gott eingesetzt hatte, zeigte die Einheit der Versammlung als Leib Christi. Aber wie konnte diese Einheit angesichts der stetig wachsenden Verbreitung dieser Wahrheit bewahrt werden? Sollte sie zu einer rein imaginären Einheit werden, zumindest was die Darstellung nach außen betraf, oder sollte sie durch eine organisierte Verwaltung erhalten bleiben? Lasst uns einmal betrachten, welches Licht das Wort Gottes auf dieses Thema wirft.

I. In jeder Stadt bildeten die Gläubigen eine Versammlung. So gab es „die Versammlung Gottes, die in Korinth ist“, und die „Versammlung der Thessalonicher“, jede von diesen war eine einzelne Versammlung aller Gläubigen in ihrer eigenen Stadt, sozusagen ein Musterbeispiel für die Einheit Christi an diesem Ort und verantwortlich dafür, diese für die Welt sichtbare Einheit zu bewahren. Die Verheißung der Gegenwart Christi galt für jedes dieser örtlichen Zeugnisse. Auch da, wo nur zwei oder drei Gläubige in seinem Namen versammelt waren, befand Er sich in ihrer Mitte. In einer großen Stadt mit vielen Gläubigen würde es vielleicht mehrere Versammlungsstätten geben, die verschiedenen lokalen Zusammenkünfte bildeten jedoch eine Versammlung. Eine Vielzahl von Versammlungsstätten an einem Ort würde das biblische Prinzip der Einheit der örtlichen Versammlung genauso wenig verletzen wie die Versammlungen in verschiedenen Städten das Prinzip der Einheit des Leibes verletzen.

Die örtliche Versammlung war also an jedem Ort die eine Versammlung. Wir lesen von den „Versammlungen von Galatien“, weil Galatien eine Provinz mit mehreren Städten war, wir lesen aber an keiner Stelle etwas von Versammlungen in Ephesus oder Philadelphia, da die Gläubigen in diesen Städten nur eine Versammlung bildeten. Wenn sie sich in jeder Stadt in einzelne Gruppierungen aufgeteilt hätten, die sich nach verschiedenen Prinzipien versammelten, wie hätte dann das örtliche Zeugnis von der Einheit Christi zeugen können? Gar nicht, es wäre ein falsches Zeugnis – ein Zeugnis für einen gespaltenen Christus. In dieser Stadt wäre die Kirche als Leib Christi nicht dargestellt worden. Es hätte kein Zusammenkommen in seinem Namen gegeben. Wenn Er das Zentrum gewesen wäre, hätten sie sich alle gemeinsam versammelt. Da Er nicht der Mittelpunkt ihrer Zusammenkünfte war, hatte zwangsläufig jede Gruppe eine eigene Versammlungsgrundlage, die sie davon abhielt, sich mit den anderen zu versammeln. Keine dieser Versammlungen konnte daher die Verheißung seiner Anwesenheit in ihrer Mitte für sich beanspruchen. Zweifellos mag Gott in seiner Gnade trotz dieser Unordnung einzelne Personen gesegnet haben. Das sollte für uns aber keinesfalls Anlass sein, zu denken, dass Gottes Gnade es rechtfertigt, wenn man seine Anordnungen verlässt.

Nehmen wir einmal an, eine Gruppe von Gläubigen an einem Ort hätte sich in unterschiedliche Gruppierungen aufgeteilt, ein paar wenige Gläubige jedoch, vielleicht zwei oder drei, wollten sich – im Gehorsam dem Wort Gottes gegenüber – nicht trennen und blieben dem Grundsatz der Apostel treu. Natürlich gäbe es nun diesem Ort weiterhin eine Versammlung nach göttlichem Grundsatz, eine Versammlung, die von der Einheit Christi Zeugnis gäbe (wenn auch nur dem Prinzip nach und nicht tatsächlich), während die verschiedenen Gruppierungen alle von einem zerteilten Christus zeugten. Obwohl es vielleicht in den Augen der Menschen die ärmste und schwächste aller Versammlungen wäre, so wäre es doch das einzige Zusammenkommen, von dem der Herr anerkennen würde, dass es zu seinem Namen hin stattfände und das allein seinen Leib darstellte. Alle anderen Benennungen, Gruppierungen, Einrichtungen oder wie sie sich auch nennen mögen, wären in seinen Augen und im Licht seines Wortes nur selbst errichtete Versammlungen, die einen sektiererischen Charakter hätten und die nur entstanden wären, weil Menschen im Widerspruch zum Wort Gottes gehandelt hätten. In diesen Zusammenkünften gäbe es möglicherweise treue Christen, von denen manche nur dort wären, weil sie es nicht besser wüssten, andere wären vielleicht dort, weil sie meinten, an diesem Platz nützlicher zu sein als in der kleinen, schwachen Gruppe derer, die sich auf die althergebrachte Weise versammelten. Manche wären vielleicht auch dort, weil sie dadurch eine höhere Stellung und mehr Ansehen genießen würden und wieder andere, weil sie einem bestimmten Lehrer oder Prediger in einer Gruppe anhingen. Alle, die wirklich an den Herrn Jesus glaubten, wären Glieder seines Leibes, gehörten zur Versammlung Gottes; solange sie sich jedoch nach eigenen und nicht nach seinen Vorstellungen versammelten, solange sie im Rahmen einer menschlichen Organisation zusammenkämen und nicht einfach als Glieder des Leibes Christi, solange wären sie in Gottes Augen nicht an ihrem Platz, und Er würde sie so ansehen, als hätten sie ihr Zusammenkommen versäumt (aufgegeben), Hebräer 10,25.

Das Gleiche würde auch für den Fall gelten, dass die wenigen, die sich zum Namen des Herrn hin versammelten, zuerst selbst in eine der abgespaltenen Gruppierungen gezogen worden wären. Nachdem sie aber festgestellt hätten, dass ihre sektiererische Haltung nicht in Übereinstimmung mit dem Wort Gottes war, wären sie auf den wahren Boden zurückgekehrt, indem sie sich ausschließlich nach der Lehre der Schrift und allein zur Person des Herrn Jesus Christus hin versammelten und keine andere Autorität duldeten. Hier wäre es, genau wie zuvor, so, dass diejenigen, die sich allein im Namen des Herrn versammelten und sich seinem Wort unterordneten, den wahren Grundsatz und die wahre Einheit der Versammlung Gottes darstellten. Ihre Versammlung wäre die wahre Versammlung und die Gläubigen, die ihren Platz dort nicht einnehmen wollten – obwohl Christus sie weiterhin als Teil der Versammlung anerkennen würde – wären, was ihren Lebenswandel angeht, Glieder, die ihren Platz verlassen hätten, Glieder, die unwissentlich oder absichtlich, entgegen dem Wort Gottes handelten und lebten.

In jeder Stadt gab es also eine einzige Kirche oder Versammlung, die dort die Einheit des Leibes darstellte. War demnach jede örtliche Versammlung unabhängig von dem Rest oder gab es irgendeine Organisation, um die Einheit im Handeln und in der Lehre zu gewährleisten? Was das Binden und Lösen angeht, d. h. die Aufnahme in die Gemeinschaft und das Ausüben von Zucht, so handelte jede Zusammenkunft für sich selbst an ihrem Ort. War jemand sittlich schuldig geworden wie in Korinth, gibt der Apostel die Anweisung „im Namen unseres Herrn Jesus [Christus] (wenn ihr und mein Geist mit der Kraft unseres Herrn Jesus versammelt seid) einen solchen dem Satan zu überliefern“ (1. Kor 5,4.5). Die Versammlung sollte handeln, und sie handelte „mit der Kraft unseres Herrn Jesus Christus“, in dessen Namen sie versammelt war und dessen Gegenwart ihr diese Autorität gab. Ginge es hier um einen unverbindlichen Zusammenschluss von Gläubigen, die bezüglich bestimmter Grundsätze die Versammlung oder die Lehre betreffend einer Meinung wären, und die sich deshalb von anderen getrennt versammelten, wäre es ihr nicht möglich, in der hier erwähnten Kraft zu handeln, da Christus nicht gegenwärtig sein könnte. Eine solche Versammlung hätte der Schrift nach genauso wenig Kraft zum Binden und Lösen wie ein unverbindliches Treffen einiger Parlamentsmitglieder in der Öffentlichkeit die Macht zum Erlassen von Gesetzen hätte.

Obwohl jede Versammlung, die zum Namen Christi zusammenkam, die Autorität zum Binden und Lösen hatte, ging der Geltungsbereich dieses Hinaustuns oder Aufnehmens über das örtliche Zeugnis hinaus. Da jede Versammlung nur die lokale Darstellung des ganzen Leibes war, war ihr Handeln auch nur der lokale Ausdruck des Handelns des ganzen Leibes. Die Schrift bezeichnet eine Person nie als Mitglied einer Kirche. Obwohl sie von einem örtlichen Zeugnis aufgenommen wurde, wurde sie nicht als Mitglied dieser Versammlung, sondern als Glied des Leibes Christi aufgenommen. Wenn also einer hinausgetan wurde, d. h. an den Vorrechten nicht mehr teilnehmen durfte, dann galt dies nicht nur für ein örtliches Zusammenkommen, sondern für die ganze Versammlung Gottes. Es war eine verwaltungsmäßige Handlung, die durch Christus als in der Versammlung gegenwärtig vorgenommen wurde. Keine Versammlung könnte jemanden mit der Zustimmung Christi aufnehmen, wenn Christus diese Person hinausgetan hätte. So sehr es nach außen auch den Anschein hatte, als handle das örtliche Zeugnis, in Wirklichkeit war es Christus, der handelte, weshalb es zu einem Handeln der ganzen Versammlung wurde. Alle waren verantwortlich und diese Verantwortung hörte nicht auf, wenn ein örtliches Zeugnis falsch handelte. Wenn eine örtliche Versammlung jemanden nicht hinaustat, der nach Christi Gedanken hinausgetan werden musste, dann mangelte es dieser Versammlung nicht nur an Unterordnung, sondern sie nähme teil an den bösen Werken des Betreffenden (2. Joh 10.11). Ein wenig Sauerteig wird, wenn er nicht entfernt wird, die ganze örtliche Versammlung durchsäuern; breitet er sich aus, wird das zu einem Verfall der gesamten Kirche führen. Andere Versammlungen sollen daher nicht nur den Umgang mit der Person, die hinausgetan werden soll, meiden, sondern auch mit denen keinen Umgang haben, die diese Person nicht hinaustun wollten, denn damit widerstehen diese der Autorität Christi und haben Teil an den bösen Werken des Betroffenen. Die Liebe als Grund für ein solches Verhalten heranzuziehen, wäre verkehrt. Der erste Gegenstand christlicher Liebe ist Christus. Sie kann nichts gutheißen, was Ihn verunehrt oder seine Autorität untergräbt.

In der apostolischen Kirche gab es keine „Unabhängigkeit“. Das sehen wir an den „Empfehlungsbriefen“, die Gläubige mit sich führten, wenn sie von einer Stadt in einer andere zogen. Diese Briefe waren allgemein üblich und dienten als Beleg dafür, dass diejenigen, die diese Briefe bei sich hatten, tatsächlich Geschwister in Gemeinschaft waren. Als Apollos „nach Achaja reisen wollte, schrieben die Brüder den Jüngern und ermahnten sie, ihn aufzunehmen“ (Apg 18,27). Paulus nimmt auch Bezug auf diese Briefe, wenn er schreibt, dass er diese nicht für nötig erachte, da die Bekehrung der Korinther ihn bereits überall bekannt gemacht habe. „Fangen wir wieder an, uns selbst zu empfehlen? Oder benötigen wir etwa, wie einige, Empfehlungsbriefe an euch oder von euch? Ihr seid unser Brief, eingeschrieben in unsere Herzen, gekannt und gelesen von allen Menschen“ (2. Kor 3,1.2). Diese Briefe waren nicht etwa Versetzungs- oder Entlassungsbriefe, sondern Briefe, die bestätigten, dass der Träger ein Bruder oder eine Schwester im Herrn war. Als Phöbe von Kenchreä nach Rom ging, nennt Paulus sie in seinem Brief „unsere Schwester“ und empfiehlt sie den Heiligen in dieser Stadt. Es ging nicht darum, dass sie in Rom zur Gemeinschaft zugelassen werden oder ein Mitglied der Versammlung in Rom werden sollte, sondern da sie bereits in Gemeinschaft war und ein Glied der Versammlung Gottes war, sollten die römischen Geschwister sie als solche aufnehmen (Röm 16,1). Während es jedoch einerseits keine Unabhängigkeit gab, gab es andererseits auch keine Organisation zur Erhaltung der Einheit. In jeder einzelnen Versammlung war die Gegenwart Christi die Autorität. Er war das Haupt, nicht der lokalen Versammlung, sondern des gesamten Leibes, wodurch die Einheit in Fragen der Zucht in allen Versammlungen gewahrt wurde. Solange seine Autorität anerkannt wurde, herrschte göttliche Ordnung und Einheit. Wenn das nicht mehr der Fall war, dann nur aus einem Grund: seine Gegenwart und Autorität wurden nicht länger anerkannt.

Würde eine menschliche Organisation das beheben können? Nein, sie würden alles nur um ein Vielfaches schlimmer machen! Sie würden von mangelnder Unterordnung zur Exklusion übergehen, vom Scheitern zum Verderben. Man würde sagen: „Die Gegenwart Christi kann die Einheit nicht bewahren, lasst uns sehen, ob wir nicht irgendetwas Besseres finden.“ Wird Gott eine solche Einheit anerkennen? Nachdem Er die Vorrangstellung Christi zum verbindlichen Prinzip gemacht hat, wird Er dann eine Einheit anerkennen, wo Christus als Haupt beiseitegesetzt wurde und wo das verbindliche Prinzip menschlicher Organisation entspringt? Nein, menschliche Organisation mag in den Augen der Welt eine wunderbare Einheit bilden. Aber das ist nicht die Einheit des Geistes, sie ist nicht der Leib Christi, nicht die Versammlung Gottes. Sie ist weltlich, fleischlich und auch wenn alle Gläubigen und keine Heiden dort zugehörig wären, so trüge diese doch keines der Merkmale der Versammlung Gottes. Es wäre nichts als ein weiterer sinnloser Versuch des Menschen unter dem Leitgedanken: „Wohlan, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm, dessen Spitze an den Himmel reicht, und machen wir uns einen Namen, dass wir nicht zerstreut werden über die ganze Erde!“ (1. Mo 11,4). Der Mensch selbst und nicht Gott ist das Objekt, und egal wie großartig das Gebilde auch nach außen scheinen mag – wie in dem Versuch aus der Vergangenheit –, gibt man ihr „den Namen Babel“. Babylon, dieser Name steht in Gottes Wort für das Streben nach Einheit durch menschliche Organisation, anstatt an der göttlichen Einheit der Versammlung Gottes festzuhalten. Denn die Versammlung ist nicht das Werk der Menschen. Menschlicher Wille, menschliche Weisheit und menschliche Führung – der Mensch hat sich widerrechtlich Funktionen angeeignet, die in der Versammlung Gottes nur dem Heiligen Geist und Christus zustehen. Der Leib ist nichts anderes als die durch den Geist gebildete Einheit mit Christus als alleinigem und anerkanntem Haupt.

Die Versammlung war also – nach Gottes Gedanken – ein Leib. Die Gläubigen in jeder Stadt bildeten die örtliche Versammlung und wenn sie sich zum Namen Christi versammelten, konnten sie in seiner Kraft Binden und Lösen, in die Gemeinschaft aufnehmen oder Zucht ausüben. Das taten sie im Namen der ganzen Versammlung, deren Einheit des Geistes durch die Gegenwart Christi in jeder Zusammenkunft sichergestellt wurde. Das war die sichtbare Versammlung, so wie Gott sie gegründet hatte und bei Ihm ist die Kirche oder eine Kirche keine Kirche, wenn sie nicht diese Voraussetzungen erfüllt.

II. In örtlichen Zeugnissen gab es grundsätzlich zwei Arten von Ämtern: Diakone (Diener) und Aufseher oder Älteste. Paulus erwähnt sie, als er an die „Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, mit den Aufsehern und Dienern“ schreibt (Phil 1,1). In Verbindung mit der örtlichen Versammlung werden sonst keine weiteren Ämter genannt. Die „Gaben“ des aufgestiegenen Christus' – Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer – werden an keiner Stelle als Ämter bezeichnet oder mit lokalen Zusammenkünften in Verbindung gebracht.

Ein Diakon ist ein Diener, jedoch sagt uns die Bezeichnung nichts über die Art des Dienstes. In Apostelgeschichte 6,2 lesen wir: „Die Zwölf aber riefen die Menge der Jünger zu sich und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen, um die Tische zu bedienen.“ Hier wird das Bedienen der Tische dem „Dienst am Wort“ gegenübergestellt. In beiden Fällen wird das gleiche Wort, jeweils in einer anderen Form, benutzt. Die sieben auserwählten Männer werden an dieser Stelle nicht Diener genannt, sie wurden jedoch sehr wahrscheinlich als solche bezeichnet, denn sie waren ernannt worden, „die Tische zu bedienen“, somit ist der Titel eines Dieners oder Diakons naheliegend. Darüber hinaus waren sie mit einem örtlichen Zeugnis verbunden, und es ist von keinem anderen örtlichen Diener in ähnlicher Weise die Rede, außer von dem Diakon. Die Diakone wurden also offenbar in gleicher Weise berufen wie diese sieben.

Der Apostel sagte den Gläubigen: „Seht euch nun um, Brüder, nach sieben Männern von euch, von gutem Zeugnis, voll [Heiligen] Geistes und Weisheit, die wir über diese Aufgabe bestellen wollen.“ Die Brüder wählten Männer mit diesen Eigenschaften „die sie vor die Apostel stellten; und als sie gebetet hatten, legten sie ihnen die Hände auf“ (Apg 6,3–6). Obwohl die Brüder hier gebeten wurden, die Auswahl zu treffen, war die Ernennung in das Amt apostolisch durch das Auflegen der Hände. Es gibt keinen weiteren Bericht über die Ernennung von Dienern, im Brief an Timotheus sagt Paulus jedoch: „Die Diener ebenso, würdig, nicht doppelzüngig, nicht vielem Wein ergeben, nicht schändlichem Gewinn nachgehend, die das Geheimnis des Glaubens in reinem Gewissen bewahren. Lass diese aber auch zuerst erprobt werden, dann lass sie dienen, wenn sie untadelig sind. Die Frauen ebenso, würdig, nicht verleumderisch, nüchtern, treu in allem. Die Diener seien Mann einer Frau, die ihren Kindern und den eigenen Häusern wohl vorstehen; denn die, die wohl gedient haben, erwerben sich eine schöne Stufe“ (1. Tim 3,8–13). Diese Qualifikationen, obwohl hier etwas detaillierter aufgeführt, stimmen mit den in Apostelgeschichte 6 genannten überein. In beiden Fällen sind es Eigenschaften, wie man sie bei Personen sucht, die die finanziellen und irdischen Angelegenheiten der Versammlung regeln. Timotheus hätte wohl kaum derart umfangreiche Anweisungen empfangen, wenn er nicht selbst die Ernennung vornehmen sollte. In den Briefen an die Versammlungen finden wir keine Anweisungen dieser Art, und warum sollte Timotheus gesagt werden, wen er ernennen sollte und den Versammlungen nicht, wenn er nicht selbst die Ernennung vornehmen sollte und nicht die Versammlung? Es scheint daher klar zu sein, dass die Diener entweder durch Apostel oder durch entsprechend befugte apostolische Stellvertreter eingesetzt werden sollten.

Das war ganz sicher der Fall bei den Aufsehern oder Ältesten. Dass Aufseher und Älteste das Gleiche sind, geht eindeutig aus Paulus' Worten an Titus hervor: „ Deswegen ließ ich dich in Kreta zurück, damit du das, was noch mangelte, in Ordnung bringen und in jeder Stadt Älteste anstellen möchtest, wie ich dir geboten hatte: Wenn jemand untadelig ist, der Mann einer Frau, der gläubige Kinder hat, die nicht eines ausschweifenden Lebens beschuldigt werden oder zügellos sind. Denn der Aufseher muss untadelig sein als Gottes Verwalter“ (Tit 1,5–7). Auch Petrus fordert die Ältesten auf: „Hütet die Herde Gottes, die bei euch ist, indem ihr die Aufsicht nicht aus Zwang führt, sondern freiwillig“ (1. Pet 5,2). Ähnliches lesen wir von Paulus, als er von Milet nach Ephesus sandte und „die Ältesten der Versammlung herüberrufen [ließ]“. Er sagt zu ihnen: „Habt Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist als Aufseher gesetzt hat“ oder „Älteste“, was im Urtext das gleiche Wort ist (Apg 20,17.28).

Älteste und Aufseher waren also die gleichen Personen. Von ihnen gab es, wie die zitierten Verse im letzten Absatz zeigen, mehrere in einer Versammlung, und ihre Ernennung erfolgte immer entweder durch Apostel oder apostolische Stellvertreter. Als Paulus und Barnabas bei ihrer ersten Reise nach Derbe kamen, zogen sie auf dem Rückweg durch die gleichen Orte, die sie zuvor besucht hatten und ermunterten und ermahnten die Brüder. „Als sie ihnen aber in jeder Versammlung Älteste erwählt hatten, beteten sie mit Fasten und befahlen sie dem Herrn an, an den sie geglaubt hatten“ (Apg 14,23). Das zeigt nicht nur, dass die Ältesten von den Aposteln ernannt wurden und dass es mehrere von ihnen in einer Versammlung gab, sondern auch, dass die Versammlung nicht von ihnen abhängig war. Die beschriebene Reise nahm einige Zeit in Anspruch und in der Zeit bis der Apostel in die einzelnen Städte zurückkehrte, hatte die Versammlung an diesem Ort keine Ältesten, ungeachtet der Verfolgung, die sie erduldete, und der geringen Kenntnisse, die sie besaß.

Titus wurde mit der Aufgabe zurückgelassen, Älteste oder Aufseher in den kretischen Städten zu ernennen. Timotheus erhielt ähnliche Anweisungen wie Titus, was die Qualifikation für dieses Amt anging. „Der Aufseher nun muss untadelig sein, der Mann einer Frau, nüchtern, besonnen, bescheiden, gastfrei, lehrfähig; nicht dem Wein ergeben, kein Schläger, sondern milde, nicht streitsüchtig, nicht geldliebend, der dem eigenen Haus wohl vorsteht, der seine Kinder in Unterwürfigkeit hält mit allem würdigen Ernst (wenn aber jemand dem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie wird er für die Versammlung Gottes Sorge tragen?), nicht ein Neuling, damit er nicht, aufgebläht, ins Gericht des Teufels falle. Er muss aber auch ein gutes Zeugnis haben von denen, die draußen sind, damit er nicht in Schmach und in den Fallstrick des Teufels falle“ (1. Tim 3,2–7). Die Ernennung erfolgte daher in einem Fall durch Paulus und Barnabas, in einem weiteren Fall durch Titus, wobei die Anweisungen an Timotheus nahelegen, dass er eine dritte Ernennung vorgenommen hatte. Es gibt nirgendwo einen Hinweis darauf, dass die Versammlung Älteste wählte. Versammlungen ohne Älteste warteten bis diese durch apostolische Autorität ernannt wurden.

Das Wesen und die Aufgaben dieser Ämter ergeben sich aus ihren Bezeichnungen. Das Wort „Älteste“ beinhaltet Alter und würdigen Ernst, die Bezeichnung „Aufseher“ weist darauf hin, dass sie für die „Versammlung Gottes Sorge tragen“ sollten, indem sie göttliche Autorität und Aufsicht über die Jüngeren und weniger gefestigten ausübten. Es ist unschwer zu erkennen, dass alle aufgezählten Merkmale eine Person für diese Aufgaben qualifizieren. Es sind Führungsqualitäten. Die Aufseher oder Ältesten mussten einen tadellosen Charakter haben, wachsam gegenüber denjenigen, die ihnen unterstellt waren. Sie sollten eine gewisse Ernsthaftigkeit besitzen, die ihnen Respekt einbrachte, friedfertig und geduldig sein, über den Verdacht unlauterer Motive erhaben, sie sollten eine nachweisliche Autorität haben und über ein entsprechendes Alter und Erfahrungen verfügen, damit sie nicht aufgrund ihrer Stellung hochmütig würden. Außerdem sollten sie ein gutes Zeugnis von außen haben. Darüber hinaus sollten sie „lehrfähig“ sein, nicht unbedingt als öffentliche Ausleger der Wahrheit, sondern „anhängend dem zuverlässigen Wort“, damit sie „fähig sei[en], sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen“ (Tit 1,9).

Ein Ältester oder Diener kann auch Evangelist oder Lehrer sein, so wie Stephanus und Philippus, zwei der ersten Diener. Ihr Amt und ihre Gabe waren jedoch zwei völlig verschiedene Dinge. Sie waren dazu ernannt, die Tische zu bedienen, allerdings waren sie weder von den Aposteln noch von der Versammlung ernannt, als Evangelisten zu dienen. Der Älteste oder Diener übte kraft seines Amtes niemals eine Gabe aus, noch hatte der Evangelist oder Lehrer aufgrund seiner Gabe ein Amt inne. Ein Ältester musste in der Tat „lehrfähig“ sein, denn sein Aufseherdienst würde hauptsächlich dadurch ausgeübt, dass er das „zuverlässige Wort“ auf das Gewissen anwendete. Das heißt jedoch nicht, dass er in der Versammlung lehren konnte. Jeder kennt wahrhaft göttliche Männer mit profundem Schriftverständnis, das sie in privatem Umfeld sehr gut anwenden und mitteilen können, jedoch absolut keine Gabe haben, die Versammlung öffentlich zu erbauen. Es ist klar, dass in den Tagen des Apostels einige Ältesten Gaben hatten, andere aber nicht, denn er schreibt: „Die Ältesten, die wohl vorstehen, lass doppelter Ehre für würdig erachtet werden, besonders die, die in Wort und Lehre arbeiten“ (1. Tim 5,17). Ihre Aufgabe war es zu leiten, die Arbeit in Wort und Lehre war eine Gabe, die nicht mit ihrem Amt in Verbindung stand – eine Gabe, die einige hatten und andere nicht. Gaben und Ämter sind also zwei völlig verschiedene Dinge. Es gibt kein Lehrer- oder Predigtamt, keinen Ältesten oder Aufseher, der offiziell in der Versammlung lehrt; Lehrer oder Prediger werden nicht von der Versammlung gewählt noch durch Apostel ordiniert, weder in einer bestimmten Zusammenkunft noch in der Versammlung insgesamt. All das ist menschliches Machwerk und steht in direktem Gegensatz zu Gottes Anweisungen.

Jetzt könnte man fragen, wer dann die sogenannten Sakramente durchführt? In der Schrift gibt es an keiner Stelle einen Hinweis darauf, dass die Taufe oder das Mahl des Herrn durch irgendeinen „Amtsträger“ „verwaltet“ wurde oder dass ihre Durchführung mit einer Gabe in Verbindung stand. Paulus sagt, dass er nicht ausgesandt worden sei, „zu taufen, sondern das Evangelium zu verkündigen“, und so taufte er während seines langen Aufenthalts in Korinth nur zwei Männer und einen Haushalt (1. Kor 1,14–17). Als der Heilige Geist im Haus von Kornelius auf die Nationen kam, befahl Petrus „dass sie getauft würden in dem Namen des Herrn“ (Apg 10,48). Nirgends wird die Taufe in Verbindung mit einer Gabe oder einem Amt durchgeführt. Das Gleiche gilt für das Mahl des Herrn. Natürlich muss jemand dafür danken und das Brot brechen, aber wo in der Schrift finden wir das als offizielle Handlung beschrieben? Menschliche Organisationen haben die „Verwaltung der Sakramente“ lokalen Ämtern zugewiesen und Personen ernannt, die Gaben ausüben. Gottes Wort heißt keine dieser Praktiken für gut. Es unterscheidet sorgfältig zwischen Gaben und Ämtern, und keine der Personen, die eine Gabe oder ein Amt haben, wird mit irgendeiner Aufgabe betraut, die dem entspricht, was wir heute die „Verwaltung der Sakramente“ nennen. Wenn gesagt wird, dass solche Vorschriften notwendig sind, um zu ordnen, antworte ich, dass die so erhaltene Ordnung die Ordnung des Menschen ist, und nicht die Ordnung Gottes, und dass das Wort Gottes die Ordnung des Menschen fleischlich und eigenwillig nennt. Die erste Lektion des Glaubens ist es, unseren eigenen Herzen zu misstrauen, sowohl für diese als auch für alle anderen Angelegenheiten gilt: „Gott aber sei wahrhaftig, jeder Mensch aber Lügner“ (Röm 3,4).

III. Aber: wenn Personen, die ein Amt haben, nicht ernannt sind zu predigen und lehren, wie sollte dann die Versammlung erbaut werden? Die Ernährung des Leibes war das Werk des Hauptes, „aus dem der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst“ (Kol 2,19). Worum handelt es sich nun bei diesen Gelenken und Bändern, die zur Ernährung und zum Wachstum beitragen? Zweifellos haben alle in gewisser Weise eine Gabe, die dazu beiträgt und für deren Gebrauch sie verantwortlich sind. Denn „jedem Einzelnen aber von uns ist die Gnade gegeben worden nach dem Maß der Gabe des Christus“ (Eph 4,7) und der Leib ist „wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles“ wodurch „das Wachstum des Leibes bewirkt“ wird (Eph 4,16). Aber neben diesen Gaben, die jedem gegeben wurden, gibt es auch einige besondere Gaben, die einen mehr öffentlichen Charakter haben. In Epheser 4,8–13 lesen wir, dass, als Christus „hinaufgestiegen [war] in die Höhe, hat er die Gefangenschaft gefangen geführt [und] den Menschen Gaben gegeben. ... Und er hat die einen gegeben als Apostel und andere als Propheten und andere als Evangelisten und andere als Hirten und Lehrer, zur Vollendung der Heiligen, für das Werk des Dienstes, für die Auferbauung des Leibes des Christus, bis wir alle hingelangen zu der Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zu dem erwachsenen Mann, zu dem Maß des vollen Wuchses der Fülle des Christus“. Das sind also die Gaben – Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer – die der aufgestiegene Herr der Versammlung zuteilwerden ließ. Wir haben gesehen, dass die Ältesten die Aufgaben hatten zu leiten und dass ihr Wirkungsbereich das örtliche Zeugnis war. Diese Gaben wurden nicht zur Leitung gegeben, sondern zur Erbauung und der Bereich, in dem sie ausgeübt wurden, war nicht die örtliche Zusammenkunft, sondern die ganze Versammlung Gottes. Sie sind die Gelenke und Bänder, durch die unser aufgestiegenes Haupt seinen Leib mit Nahrung versorgt.

Neben diesen Gaben zur Erbauung gab es auch Zeichengaben wie z. B. das Zungenreden, was „zu einem Zeichen, nicht den Glaubenden, sondern den Ungläubigen“ sein sollte (1. Kor 14,22). Diese Gaben waren allesamt übernatürlicher Art, „die Wundergaben des zukünftigen Zeitalters“ (Heb 6,5) und galten nicht der bekennenden Kirche, sondern Juden und Heiden, denen der Herr „das Wort bestätigte durch die darauf folgenden Zeichen“ (Mk 16,20). So wurde die „große Errettung ... die den Anfang ihrer Verkündigung durch den Herrn empfangen hat“, „von denen bestätigt ..., die es gehört haben, wobei Gott außerdem mitzeugte, sowohl durch Zeichen als durch Wunder und mancherlei Wunderwerke und Austeilungen des Heiligen Geistes nach seinem Willen“ (Heb 2,3.4). Wir sehen, wie wirkungsvoll diese Zeichen für ihre Zielgruppe waren. Als Äneas von seiner Gelähmtheit geheilt wurde, „sahen ihn alle, die in Lydda und Saron wohnten, die sich zu dem Herrn bekehrten“ (Apg 9,35), und als Dorkas aus den Toten auferweckt wurde, heißt es: „Es wurde aber durch ganz Joppe hin bekannt, und viele glaubten an den Herrn“ (Apg 5,42). Das Ziel dieser Zeichengaben zeigt daher ihren vorübergehenden Charakter. Sie wurden jedoch schon früh missbräuchlich eingesetzt. Würden sie in einer von Verfall gekennzeichneten Kirche weiter ausgeübt, hätte ihr Missbrauch möglicherweise schreckliche Folgen. Nachdem sie ihren direkten Zweck erfüllt hatten, wurden die Zeichengaben eingestellt, und es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie einmal erneut eingesetzt werden. Die einzigen Zeichen und Wunder der Zukunft, von denen wir lesen, haben einen ganz anderen Ursprung als die der frühen Kirche.

Die Gaben zur Erbauung waren Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrer. An anderer Stelle wird gesagt: „Gott hat einige in der Versammlung gesetzt: erstens Apostel, zweitens Propheten, drittens Lehrer“, danach werden die Zeichengaben genannt (1. Kor 12,28). Die Hauptgabe war demnach die der Apostel. Sie sollten die Auferstehung Christi bezeugen und das Fundament für die Versammlung legen. Es scheint deshalb eine unabdingbare Qualifikation gewesen zu sein, dass sie den Herrn nach seiner Auferstehung gesehen hatten. So sagt Petrus, als es darum geht, einen Apostel zu ernennen, der den Platz von Judas einnimmt: „von diesen muss einer mit uns ein Zeuge seiner Auferstehung werden“ (Apg 1,22). Auch am Tag der Pfingsten stand Petrus mit den Elfen auf und erklärte den Juden: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, wovon wir alle Zeugen sind“ (Apg 2,32). Danach lesen wir: „Und mit großer Kraft legten die Apostel das Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesus ab“ (Apg 4,33). Noch etwas später, sagt Petrus im Gespräch mit Kornelius, dass Gott Jesus „am dritten Tag auferweckt und ihn sichtbar werden lassen, nicht dem ganzen Volk, sondern den von Gott zuvor erwählten Zeugen, uns, die wir mit ihm gegessen und getrunken haben, nachdem er aus den Toten auferstanden war“ (Apg 10,40.41). Die einzigen, die mit dem Herrn Jesus nach seinem Tod aßen und tranken, waren die Apostel. Obwohl andere Ihn gesehen haben, waren diese die auserwählten Zeugen seiner Auferstehung. Paulus, obwohl er nicht zu dieser Gruppe gehörte, behauptet das Gleiche und sagt: „Gott aber hat ihn aus den Toten auferweckt, und er ist mehrere Tage hindurch denen erschienen, die mit ihm von Galiläa nach Jerusalem hinaufgezogen waren, die jetzt seine Zeugen an das Volk sind“ (Apg 13,30.31). Paulus' eigene Apostelschaft war mit dem gleichen Beweis verbunden und erforderte die gleiche Qualifikation, wobei er den auferstandenen Christus nicht auf der Erde, sondern in Herrlichkeit sah. So sagt Ananias zu ihm: „Der Gott unserer Väter hat dich dazu bestimmt, seinen Willen zu erkennen und den Gerechten zu sehen und eine Stimme aus seinem Mund zu hören. Denn du wirst ihm an alle Menschen ein Zeuge sein von dem, was du gesehen und gehört hast“ (Apg 22,14.15). Als Paulus seine Apostelschaft bestätigt, fragt er: „Bin ich nicht frei? Bin ich nicht ein Apostel? Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen?“ (1. Kor 9,1). Und später sagt er, wenn er von den Zeugen seiner Auferstehung spricht: „Am Letzten aber von allen, gleichsam der unzeitigen Geburt, erschien er auch mir. Denn ich bin der geringste der Apostel“ (1. Kor 15,8.9). Die Apostel waren demnach Augenzeugen der Auferstehung Christi, was insofern eine wichtige Tatsache ist, da dadurch klar wird, dass es das Amt nur eine gewisse Zeit lang gab und es unmöglich irgendwann wieder aufgenommen werden konnte.

Außer dem Zeugnis der Auferstehung Christi gab es allerdings noch grundlegende Gaben, da die Versammlung „aufgebaut [ist] auf der Grundlage der Apostel und Propheten, indem Christus Jesus selbst Eckstein ist“ (Eph 2,20). Das Geheimnis der Versammlung war den „heiligen Aposteln und Propheten im Geist“ (Eph 3,5) offenbart worden, und sie waren somit verantwortlich, die Grundlagen dieser wunderbaren Wahrheit zu legen. Das waren die zwei wunderbaren und großen Aufgaben der Apostel. Als das Zeugnis derer, die den auferstandenen Christus gesehen hatten, zu Ende gekommen und als der Grundriss der göttlichen Wahrheit bezüglich der Versammlung vollständig aufgezeichnet worden war, endete diese Gabe, und in Gottes Wort finden wir keine Wiederholung angedeutet. Wir lesen in der Tat von falschen Aposteln, und die Versammlung in Ephesus wird gelobt, da sie „die geprüft [hat], die sich Apostel nennen und es nicht sind, und sie als Lügner befunden [hat]“ (Off 2,2). Nichts weist jedoch darauf hin, dass es wieder echte Apostel geben wird. Das Wesen ihres Dienstes lässt diesen Gedanken nicht zu.

Propheten wie den Aposteln, war das Geheimnis anvertraut worden und diese legten das Fundament der Versammlung. Einige, wie Agabus, sagten zukünftige Ereignisse voraus, aber das war nicht ihr Hauptmerkmal, sondern sie sprachen vor allem das Gewissen an. „Wenn aber alle weissagen“, schreibt der Apostel, „und irgendein Ungläubiger oder Unkundiger kommt herein, so wird er von allen überführt, von allen beurteilt; das Verborgene seines Herzens wird offenbar“ (1. Kor 14,24.25). In einer Zeit, wo die Schrift noch nicht vollständig geschrieben war, erhielten die Propheten außerdem besondere Offenbarungen, wahrscheinlich über andere Dinge, die aber sicher mit dem „Geheimnis“ in Verbindung standen, denn es heißt: „Propheten aber lasst zwei oder drei reden, und die anderen lasst urteilen. Wenn aber einem anderen, der dasitzt, eine Offenbarung zuteil wird, so schweige der erste“ (V. 29.30). Es gibt heute noch den prophetischen Dienst, der sich an das Gewissen richtet, aber nachdem Gottes Wort vollendet war, waren alle prophetischen Offenbarungen bereits geschehen. Den „Gründungsteil“ der prophetischen Gabe gab es nicht länger.

Die grundlegenden Gaben gab es nur solange die Grundlagen der Versammlung gelegt wurden. Die Gabe der Evangelisten, Hirten und Lehrer hingegen war dauerhaft. Der Evangelist oder Verkündiger der guten Botschaft hat seinen Arbeitsbereich in der Welt. Es ist dennoch wichtig, zu bedenken, dass er eine Gabe für die Versammlung ist und dass er deshalb bezüglich der Verkündigung des Evangeliums eine kirchliche Verantwortung hat. Er soll nicht nur evangelisieren, damit Seelen gerettet werden, sondern er hat auch die Verantwortung, diese Seelen behutsam und weise an ihren Platz in der Versammlung Gottes zu führen. Was Hirten und Lehrer angeht, so handelt es sich zwar um unterschiedliche Gaben, die aber in ein und derselben Person zu finden sein können. Die Aufgabe des Hirten ist es, nach jedem einzelnen Schaf zu schauen, der Lehrer gibt öffentliche Unterweisungen. Der Hirte beschäftigt sich mehr mit den einzelnen Personen, der Lehrer mit der Wahrheit.

Es sollte klar ersichtlich sein, dass dies Gaben sind und keine Ämter und dass diese der ganzen Versammlung gegeben werden und nicht auf lokale Zusammenkünfte beschränkt sind. Der aufgestiegene Christus hat sie der Versammlung gegeben, die Empfänger der Gaben hatten die Verantwortung, diese gemäß seiner Leitung auszuüben. Sowohl eine apostolische Amtseinsetzung als auch eine Wahl durch die Versammlung, wäre für sie keine rechtmäßige Billigung, sondern eine direkte Verletzung der Autorität Christi. Es entspricht nicht der Ordnung Gottes, wenn Gaben mit Ämtern verbunden werden, noch schlimmer ist es, wenn ihr Wirkungskreis durch menschliches Regelwerk eingeschränkt wird. Schließlich gibt es noch etwas, das über den Status „Unordnung“ hinausgeht: es ist eine Missachtung Christi, wenn man die Gültigkeit seiner Anordnungen erst dann anerkennt, wenn sie menschliche Zustimmung bekommen haben.

Noch einmal: Evangelist, Hirte und Lehrer sind drei unterschiedliche Gaben. Häufig sind zwei, gelegentlich sogar drei Gaben in einer Person vereint, trotzdem sind es unterschiedliche Gaben. Nichts könnte der göttlichen Anordnung mehr entgegenstehen, als eine Person zu ernennen, die alle drei Gaben (die nur selten alle drei einer Person anvertraut werden) an einem bestimmten Ort auszuüben. Es ist in der Tat schwierig, eine einzige Anweisung der Schrift zu finden, die nicht von der sogenannten christlichen Geistlichkeit komplett beiseitegesetzt worden wäre, so wie es jetzt in allen Gruppierungen der bekennenden Kirche, von der Römisch-Katholischen Kirche bis hin zu den Freikirchen zu sehen ist. Zweifellos ist das mehr das Ergebnis überlieferter Lehren als bewusster Ungehorsam und zweifellos gibt es auch in den unterschiedlichen Systemen zahlreiche treue Diener Christi. Aber das verringert nicht die Abweichung zwischen diesen Systemen und dem Wort Gottes, noch entbindet es diejenigen von der Pflicht, diese Systeme zu verlassen sobald ihnen die Wahrheit vorgestellt wird. Wie leicht und offenkundig unwissend man dieses überlieferte Gedankengut oder Handeln übernimmt, so ist es doch eine sehr ernste Angelegenheit, wenn diese im Gegensatz zum Wort Gottes stehen. Es gibt kaum einen treffenderen Ausspruch als das, was der Herr den Pharisäern sagte: „Und so habt ihr das Gebot Gottes ungültig gemacht um eurer Überlieferung willen“ (Mt 15,6).

Es mag natürlich Fälle geben, wo die einzige Person mit einer Gabe durch die Umstände an den Wohnort gebunden ist. In solchen Fällen kann dann das Lehren oder Predigen in den Händen dieser einen Person liegen. Aber das würde ihn genauso wenig offiziell zum Prediger machen, wie der einzige Händler an einem Ort automatisch offizieller Lieferant seiner Waren für die Ortsbewohner würde. Das Lehren und Predigen war nicht an die Versammlung gebunden, noch lesen wir etwas davon, dass die Versammlung zu diesem Zweck zusammenkam. Wenn ein Lehrer in eine Stadt käme, würden ihn die Geschwister natürlich hören wollen, aber er würde diese Gabe nicht in einer Verantwortung der Versammlung gegenüber ausüben, noch wäre das Zusammenkommen der Gläubigen, um ihn zu hören, ein Zusammenkommen als Versammlung.

IV. Der Gegenstand des Zusammenkommens als Versammlung war nämlich Anbetung. Es mag Treffen von Brüdern zur Beratung geben, Gebetstreffen von Gläubigen, Treffen zur Betrachtung der Heiligen Schrift, zum Hören von begabten Lehrern und Evangelisten, aber das Zusammenkommen als Versammlung fand am ersten Tag der Woche statt, zum Gedenken an den Herrn und seinen Tod. Bei diesem Zusammenkommen handelte die Versammlung „im Namen unseres Herrn Jesus Christus“, sei es zum Binden oder zum Lösen, der Hauptgegenstand war jedoch das „Brechen des Brotes“. Als das Abendmahl eingeführt wurde, brach der Herr Jesus das Brot und diese Handlung, die in allen Berichten aufgeführt ist, gab dem Gedächtnismahl seinen Namen. Unmittelbar nach Pfingsten wird von den Gläubigen gesagt: „Sie verharrten aber in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft, im Brechen des Brotes und in den Gebeten“ (Apg 2,42). Von der Stadt Troas lesen wir: „Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, um Brot zu brechen, unterredete sich Paulus mit ihnen“ (Apg 20,7). Paulus war bereits seit sechs Tagen in Troas und hatte zweifellos gelehrt und gepredigt, aber dies ist die einzige Zusammenkunft, von der als Zusammenkommen als Versammlung berichtet wird. Den Worten entnehmen wir, dass es kein Zufall war (dass Paulus zufällig am „Abendmahlsonntag“ dort war), sondern dass sie die Gewohnheit hatten, an jedem ersten Tag der Woche zum Brechen des Brotes zusammenzukommen. Und so schreibt Paulus bezüglich der Sammlungen für ärmere Gläubige: „An jedem ersten Wochentag lege ein jeder von euch bei sich zurück und sammle auf, je nachdem er Gedeihen hat“ (1. Kor 16,2). In Korinth, wo das Mahl des Herrn zu Gelagen ausartete, bei dem Ausschweifung und sogar Trunkenheit vorherrschten, korrigiert der Apostel den Missbrauch und gibt Anweisungen, wie das Mahl begangen werden sollte. Er spricht durchweg von dem Zusammenkommen zum Brechen des Brotes als Zusammenkommen „als Versammlung“, und setzte voraus, dass „wenn ihr nun an einem Ort zusammenkommt“, dies zum Mahl des Herrn geschehen würde.1

Lob, Anbetung, Danksagung – das waren die Merkmale dieses wunderbaren Zusammenkommens. Dazu brauchte man keine Gaben. Eine Gabe zum Beten oder Loben – das sind menschliche Überlegungen und wie alles andere, was der Mensch sich erdenkt, unterscheiden sie sich sehr von den Gedanken Gottes. Den Geist dadurch auszulöschen, indem man es einer begabten oder offiziell eingesetzten Person überträgt, Lob und Danksagung zu äußern bzw. jemanden ernennt, der derartiges organisiert, bedeutet, den Heiligen Geist auf ganz dreiste Art seiner Vorrechte zu berauben. Es gibt wohl kaum eine unverschämtere Anmaßung des Menschen. Aber obwohl keine Gabe nötig war bzw. es keinen Platz für sie gab, durfte sie dennoch in Verbindung mit dem Hauptgegenstand des Zusammenkommens und unter der Leitung des Geistes freimütig ausgeübt werden. Beim Brechen des Brotes in Troas „unterredete sich Paulus mit ihnen, da er am folgenden Tag abreisen wollte; und er dehnte das Wort bis Mitternacht aus“ (Apg 20,7). Im Korintherbrief tadelt er die Art und Weise, in der die Freiheit des Geistes missbraucht wurde: „Wenn ihr zusammenkommt, so hat jeder [von euch] einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Offenbarung, hat eine Sprache, hat eine Auslegung; alles geschehe zur Erbauung“ (1. Kor 14,26). Dann gibt er Anweisung, wie diese Gaben auszuüben seien: es sollte nur in Sprachen geredet werden, wenn es einen Ausleger gab, Propheten sollten zwei oder drei reden, Frauen sollten in den Zusammenkünften schweigen, „alles aber geschehe anständig und in Ordnung“.

Aber während die Schrift hier die Bedeutung der Leitung des Geistes als Gegensatz zu den fleischlichen Einflüssen hervorhebt, gibt es dennoch keinen Kodex, keine „Dienstordnung“, die vorgeschrieben wird, keinen, der offiziell ernannt wird, das Mahl des Herrn zu verwalten. Wenn es jemals eine passende Gelegenheit für die Einführung einer derartigen Regulierung gegeben hätte, dann sicherlich die Zustände, wie sie in Korinth herrschten. Warum aber wurde nichts dergleichen eingeführt? Weil nach Gottes Gedanken der Geist die leitende Rolle in der Versammlung einnehmen sollte, und davon lässt Gott sich auch durch menschliche Abweichungen nicht abbringen. Um das zu erreichen, zeigt Er, wie das Wirken des Fleisches und des Geistes unterschieden werden können, aber Er greift nicht auf menschliche Organisation zurück, auf ein Amt, das die Souveränität des Heiligen Geistes ersetzen würde oder einen Verwaltungsapparat, der den Menschen erhöhen und Christus beiseitesetzen würde. Solange die Souveränität des Heiligen Geistes anerkannt wird, haben wir die Zusage des Wortes, dass alles in Ordnung geschehen wird „denn Gott ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern des Friedens, wie in allen Versammlungen der Heiligen“ (1. Kor 14,33). Wenn nun das Bedürfnis nach menschlicher Regulierung und Organisation besteht, dann nur, weil die Souveränität des Heiligen Geistes nicht länger anerkannt wird. Es wird eine Ordnung des Todes und nicht des Lebens sein – Frieden, ja, aber was den Geist betrifft ein Grabfrieden!

Lasst uns nun kurz das Gesamtbild dessen betrachten, was wir bisher im Detail betrachtet haben. Die Versammlung auf der Erde, so wie Gott sie eingerichtet hat, war die Darstellung seiner göttlichen Vorstellung über sie. Sie war der Leib Christi, vollkommen in seiner Einheit sowie vollkommen in Bezug auf die Unterordnung unter das Haupt. Sie verfügte über eine unfehlbare Leitung in die Gedanken und Ordnung Gottes in der Heiligen Schrift. Sie war mit Christus vereinigt und durch den Heiligen Geist, der in ihrer Mitte weilte und die Zusammenkünfte leitete, zu einem Leib geformt. Konnte es etwas Vollkommeneres, Göttlicheres geben? Und wie konnte dieses Gebilde, von dem Gott wollte, dass es „ein heiliger Tempel“, „eine Behausung Gottes im Geist“ sein sollte, in seiner äußeren Form hier auf der Erde erhalten bleiben? Gottes erster Aufenthaltsort auf der Erde, ein Vorbild der Versammlung, wurde für seine Gegenwart passend gemacht, indem seine Anweisungen befolgt wurden: „Und sieh zu“, sagt Er, „dass du sie nach ihrem Muster machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist.“ (2. Mo 25,40). Nur das Festhalten an dem himmlischen Muster hätte die Versammlung so erhalten, wie Gott sie eingerichtet hatte. Sich Christus unterzuordnen und Ihn als Autorität in der Versammlung anzuerkennen, hätte die Einheit in disziplinarischen Dingen bewahrt. Die Unterordnung unter Gottes Wort, der himmlischen Vorlage, hätte die Einheit in der Lehre erhalten. Die Unterordnung unter den Heiligen Geist, den göttlichen Leiter, hätte die Einheit der Ordnung in den Versammlungen bewahrt. Was hätte Mose wohl gesagt, hätte er feststellen müssen, dass die Arbeit von Bezaleel und Oholiab von der Vorgabe abwich, die am Berg gezeigt worden war? Wenn sie stattdessen ihre eigenen Vorstellungen, das, was sie für richtig und passend hielten, umgesetzt hätten? Ist es weniger ernst, eine himmlische Vorgabe, die wir in dem Wort finden, beiseite zu setzen und durch ein Gebilde nach unseren Vorstellungen zu ersetzen? Die Ergebnisse von Israels Handeln nach eigenem Gutdünken waren: das goldene Kalb, das fremde Feuer, der Widerspruch Korahs. Das Beachten der Anordnungen Gottes hatte hingegen immer seine Gegenwart, seinen Dienst und seine Leitung zur Folge. Welchem Beispiel ist die Christenheit gefolgt?

Fußnoten

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