Das Kommen des Herrn, Israel und die Gemeinde

Der Leib und die Braut

Im letzten Kapitel haben wir aus den Aussagen unseres Herrn einige wichtige Wahrheiten über die Kirche erfahren. Die Kirche füllt den Zeitraum zwischen seiner Verwerfung durch den Menschen und seiner öffentlichen Erscheinung in Herrlichkeit und nimmt daher eine ganz außergewöhnliche Stellung im Handeln Gottes ein. Sie ist mit Christus als dem von der Erde Verworfenen verbunden. Somit ist den Gläubigen kein anderes irdisches Teil verheißen als das Kreuz, das Er getragen hat. Die Kirche ist jedoch auch mit Ihm als dem Auferstandenen verbunden. Sie ist nicht auf seinen irdischen Titel (Messias) gegründet, sondern auf seine himmlische Würde als „Sohn des lebendigen Gottes“. Sie befindet sich in der ewigen Sicherheit des Lebens, das Er hat als der, der tot war und wieder lebendig geworden ist und dem die Pforten des Hades nichts anhaben können. Auch die Verwaltung untersteht der Autorität Christi, und was auf der Erde gebunden und gelöst wird, wird im Himmel anerkannt.

Der Charakter der Kirche wurde jedoch erst nach der Himmelfahrt Christi vollständig offenbart. Man kann sich fragen, zu welchem Zeitpunkt nun die Kirche entstanden ist. Sie wurde nicht gegründet als Jesus sie das erste Mal erwähnte, denn Er sprach von ihr als von einer zukünftigen Sache. Da sie mit Ihm in seinem Tod und seiner Auferstehung verbunden sein würde, würde sie nicht vorher existieren können. Zu Lebzeiten Christi gibt es keinen Hinweis darauf, dass die Kirche bereits bestand – bis zum Tag der Pfingsten. Dann jedoch geschah etwas von größter Bedeutung.

Der Heilige Geist hatte zu jeder Zeit gewirkt. Durch Ihn wurden Seelen lebendig gemacht: „Heilige Menschen Gottes redeten, getrieben vom Heiligen Geist“ (2. Pet 1,21). Neben dieser Art des Wirkens hatte Joel vorhergesagt, dass der Geist über alles Fleisch ausgegossen würde, und Johannes der Täufer hatte den Herrn als den angekündigt, der mit Heiligem Geist taufen würde. Diese Vorhersagen werden vollständig erfüllt werden, wenn Christus in Herrlichkeit erscheint. Jesus selbst spricht vom Kommen des Heiligen Geistes, nicht im Zusammenhang mit seiner Rückkehr, sondern in Verbindung mit seiner Himmelfahrt; nicht im Hinblick auf seine irdische, sondern seine himmlische Herrlichkeit. Außerdem würde Er nicht über alles Fleisch, sondern ausschließlich über seine Jünger ausgegossen werden. „Wenn jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift gesagt hat, aus dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Dies aber sagte er von dem Geist, den die an ihn Glaubenden empfangen sollten; denn noch war der Geist nicht da, weil Jesus noch nicht verherrlicht worden war“ (Joh 7,37–39). Demnach würde der Geist nach seiner Verherrlichung nur denen gegeben, die an den Herrn Jesus glaubten. Und so sagt Er vor seinem Weggang: „Es ist euch nützlich, dass ich weggehe, denn wenn ich nicht weggehe, wird der Sachwalter nicht zu euch kommen; wenn ich aber hingehe, werde ich ihn zu euch senden“ (Joh 16,7). Hier wird also ein neues Werk des Geistes eingeführt, das mit der Abwesenheit Christi und seiner himmlischen Herrlichkeit in Verbindung steht. In seinem neuen Charakter würde Er immer bei den Jüngern bleiben (Joh 14,16) und in ihnen wohnen (V. 17), um sie alles zu lehren und sie an alles zu erinnern, was Jesus ihnen gesagt hatte (V. 26), um sie in die ganze Wahrheit zu leiten und ihnen das Kommende zu verkünden. Er würde Christus verherrlichen, „denn von dem Meinen wird er empfangen und euch (seinen Jüngern) verkündigen“ (Joh 16,13.14). Sein Dasein würde auch „die Welt ... von Sünde und von Gerechtigkeit und von Gericht“ überführen.

Dieses Kommen des Geistes hat jedoch noch einen anderen Aspekt. Vor seiner Himmelfahrt befiehlt Jesus seinen Jüngern: „Sich nicht von Jerusalem zu entfernen, sondern auf die Verheißung des Vaters zu warten – die ihr, sprach er, von mir gehört habt; denn Johannes taufte zwar mit Wasser, ihr aber werdet mit Heiligem Geist getauft werden nach nunmehr nicht vielen Tagen. Sie nun, als sie zusammengekommen waren, fragten ihn und sagten: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel das Reich wieder her? Er sprach aber zu ihnen: Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seine eigene Gewalt gesetzt hat. Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde“ (Apg 1,4–8). Hier verspricht der Herr den Jüngern eine „Taufe“ mit Heiligem Geist. Das erinnert an die Prophezeiungen Joels und Johannes‘ des Täufers. Da deren Prophezeiungen jedoch mit nationaler Errettung verbunden waren, fragen sie Ihn, ob Er denn das Reich für Israel wiederherstellen würde. Jesus antwortet ihnen, dass der Zeitpunkt, wann dieses geschehen würde, bei dem Vater verborgen sei. Sie würden jedoch, unmittelbar nachdem der Geist auf sie gekommen sein würde, Kraft empfangen und auf der ganzen Erde seine Zeugen sein. Es werden demnach drei Dinge genannt: die Taufe mit dem Heiligem Geist, den Jüngern wird Kraft gegeben, und sie werden befähigt, Zeugen Christi zu sein.

Im nächsten Kapitel lesen wir, dass „als der Tag der Pfingsten erfüllt wurde, waren sie alle an einem Ort beisammen. Und plötzlich kam aus dem Himmel ein Brausen, wie von einem daherfahrenden, gewaltigen Wind, und erfüllte das ganze Haus, wo sie saßen. Und es erschienen ihnen zerteilte Zungen wie von Feuer, und sie setzten sich auf jeden Einzelnen von ihnen. Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an, in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen“ (Apg 2,1–4). Das ist ganz klar die Erfüllung der kurz zuvor geäußerten Worte des Herrn: „Ihr aber werdet mit Heiligem Geist getauft werden nach nunmehr nicht vielen Tagen“. Es war auch zweifellos das Kommen des Geistes, wovon im Johannesevangelium die Rede ist. Tatsächlich finden die drei Dinge, die Jesus im vorherigen Kapitel erwähnt – die „Taufe“ mit dem Geist, die „Kraft“, die den Jüngern verliehen würde (die erste Erscheinungsform davon war die wunderbare Gabe des Zungenredens) und die „Befähigung“ der Jünger „bis an das Ende der Erde“ Zeugen Jesu zu sein – alle gleichzeitig statt und sind alle Resultate des gleichen Ereignisses: der dauerhaften Entsendung des Heiligen Geistes in die Welt. Doch obwohl sie gleichzeitig stattfinden, müssen sie sorgfältig voneinander unterschieden werden.

Die empfangene „Kraft“ wurde in der Gabe des Zungenredens sichtbar. Joel hatte vorhergesagt, dass im kommenden Zeitalter mit dem Ausgießen des Heiligen Geistes bestimmte Gaben ausgeteilt werden würden. Diese Zeit ist noch nicht gekommen, aber „die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters“ wurden in gewissem Maß der Kirche gegeben. Die nach außen hin damit in Verbindung standen, werden als solche beschrieben, die „des Heiligen Geistes teilhaftig geworden sind und das gute Wort Gottes und die Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters geschmeckt haben“ (Heb 6,4–5). Joels Prophezeiung wurde daher teilweise an Pfingsten erfüllt und deshalb zitiert, um die Wundertaten der Menge gegenüber zu erklären. Das ist auch die wirkliche Bedeutung der Worte unseres Herrn. Als Er von der Taufe mit dem Geist gesprochen hatte, verbanden die Jünger das mit dem von Joel genannten Zeitalter und fragten, ob diese Zeit bereits gekommen sei. Der Herr antwortet, dass Er ihnen nichts über den Beginn dieser Zeit sagen könne, da es ein Geheimnis sei und dass sie die „Kraft“ empfangen würden, von der der Prophet gesprochen habe. Das ist etwas, das im nächsten Kapitel eintritt.

Eine weitere Sache, die vorhergesagt wurde, war die Befähigung durch den Geist Zeugen Christi zu sein und auch hier erfüllten sich die Worte unseres Herrn auf bemerkenswerte Weise. Das Zeugnis, das die Jünger an dem Tag gaben als der Heilige Geist auf sie herabkam, fand eine unvergleichliche Resonanz, die es so nie wieder gegeben hat. „In Erweisung des Geistes und der Kraft“ wurden 3.000 Menschen im Herzen getroffen, beugten sich unter die Autorität des gekreuzigten Jesus und wurden in seinem Namen getauft. Die Befähigung, seine Zeugen zu sein, gründete sich zwar in gewisser Weise auf ihre Unterredungen mit Ihm, stand jedoch immer im Zusammenhang mit der Sendung des Geistes, wie Jesus gesagt hatte: „Wenn aber der Sachwalter gekommen ist, den ich euch von dem Vater senden werde, der Geist der Wahrheit, der von dem Vater ausgeht, so wird er von mir zeugen. Aber auch ihr zeugt, weil ihr von Anfang an bei mir seid“ (Joh 15,26–27). Die gleiche Verbindung zwischen dem Zeugnis des Heiligen Geistes und dem der Apostel zeigt sich auch an anderen Stellen, wo Petrus den Herrn vor dem jüdischen Rat mit den Worten bezeugt: „Diesen hat Gott durch seine Rechte zum Führer und Heiland erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben. Und wir sind Zeugen von diesen Dingen, und der Heilige Geist, den Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen“ (Apg 5,31–32).

Hier finden wir also zwei Resultate der Aussendung des Geistes: das eine ist die teilweise Erfüllung der Prophezeiung Joels, das Austeilen von Wundergaben, der „Wunderwerke des zukünftigen Zeitalters“, an die Jünger, das andere die Erfüllung der Worte unseres Herrn, indem die Jünger befähigt werden, Zeugen für Ihn in der Welt zu sein. Dabei handelt es sich jedoch um Begleiterscheinungen der Taufe mit dem Geist und nicht um die Taufe selbst. Es gibt nur zwei Ereignisse, die diese beschreiben:

1. Die vollständige Erfüllung der Prophezeiung Joels, ein Geschehen, das mit „Blut und Feuer und Rauchsäulen“ einhergeht „ehe der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare“. Hierbei wird nicht nur Gnade ausgegossen, sondern auch Gericht. Eine Taufe, bei der nicht nur mit Heiligem Geist, sondern mit Feuer getauft wird.

2. Die teilweise Erfüllung der Prophezeiung Joels, die sich in ihrem Charakter und in ihren Auswirkungen stark von zuvor genanntem unterscheidet. Damit ist das Ereignis an Pfingsten gemeint, wovon in dem oben zitierten Abschnitt berichtet wird. Es ist die einzige Taufe mit Heiligen Geist, die in der Zeit der Kirche auf der Erde stattfindet, und wir sollten sie zu schätzen wissen.

Es wurde bereits gesagt, dass die Gründung der Kirche nicht in dem Moment stattfand, als der Herr erstmals zu seinen Jüngern davon sprach und auch vor seinem Tod oder nach seiner Auferstehung finden sich keine Hinweise darauf – bis zu diesem Moment. In Apostelgeschichte 1 hatten sich die Jünger nur als eine Anzahl einzelner Gläubiger versammelt, ohne irgendeinen körperschaftlichen Charakter zu besitzen. Am Ende von Kapitel 2 jedoch, wo die Taufe mit Heiligem Geist beschrieben wird, lesen wir, dass die Kirche, von der bis dahin nur als von einer zukünftigen Sache gesprochen wurde, bereits bestand, denn „der Herr aber fügte täglich hinzu, die gerettet werden sollten“ (Apg 2,47). Die Taufe mit dem Heiligen Geist, die Joel und Johannes der Täufer vorhergesagt hatten, ist mit der Errichtung des Reiches in Macht und Gerechtigkeit verbunden. Die Taufe mit dem Heiligem Geist an Pfingsten ist mit der Entstehung der Kirche verbunden. Da das Reich in seiner geheimnisvollen Form eine teilweise Erfüllung des prophetischen Reiches ist, ist die Taufe mit dem Geist an Pfingsten eine teilweise Erfüllung der Taufe mit dem Geist, die die Propheten angekündigt haben.

Die Taufe mit dem Heiligen Geist bewirkte, dass die, die vor diesem Ereignis als einzelne Gläubige zusammengekommen waren, zu einem Leib oder einer Versammlung zusammengeführt wurden. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie, wie die Gläubigen des Alten Testaments, „nur Menschen“; jeder von ihnen hatte Leben, war mit dem Geist erfüllt und Gegenstand der Gunst und Gnade Gottes. Durch die Taufe mit dem Heiligen Geist wurde aus ihnen die Versammlung oder Kirche Gottes gebildet. Das ergibt sich nicht nur aus der Tatsache, dass die Kirche unmittelbar nach dieser Taufe erstmalig erwähnt wird. Wenn der Apostel Paulus von der Kirche als Leib Christi spricht, sagt er: „In einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden“ (1. Kor 12,13). Ungeachtet des Wirkens des Heiligen Geistes, war die Folge der „Taufe“ mit Heiligem Geist, die unser Herr kurz vor seiner Himmelfahrt verheißen hatte und die am Tag der Pfingsten erfüllt wurde, dass einzelne und sogar widerstreitende Komponenten zu einem Ganzen, der Kirche, zusammengefügt wurden. Somit sind sie nicht länger nur eine Anzahl einzelner Gläubiger, sondern, wie die Schrift es ausdrückt, Glieder desselben Leibes, die untereinander und mit Christus genauso eng verbunden sind wie ein Körperteil mit einem anderen oder alle Glieder mit dem Kopf.

Das ist demnach der wahre Charakter und die tatsächliche Folge der „Taufe“ mit Heiligem Geist. Würde man diesen Begriff nur in Bezug auf das große Werk der Umkehr verwenden, wäre das schlichtweg falsch. Zweifellos passierte an Pfingsten beides und zweifellos waren die Bekehrungen, die dort stattfanden, das Ergebnis des Zeugnisses, wozu der empfangene Geist die Jünger befähigt hatte. Das Herabkommen des Heiligen Geistes, das wir im Johannesevangelium finden, und die Taufe mit Heiligem Geist, die in Apostelgeschichte 1 verheißen wird, unterscheiden sich jedoch sowohl hinsichtlich ihres Charakters als auch ihres Inhalts, obwohl beide Teil des gleichen wunderbaren Ereignisses sind. Der Geist wird als Sachwalter Christi für die Zeit seiner Abwesenheit auf die Erde gesandt. Das Kommen des Geistes gab Kraft zum Zeugnis, die Taufe des Geistes brachte die Jünger zu einem Leib bzw. einer Versammlung zusammen. Das sind zwei unterschiedliche Dinge, die zwar gleichzeitig stattfinden, aber nicht gleichbedeutend sind.

Es ist nicht nur falsch, eine „Taufe mit dem Geist“ zu erbitten, was bedeutet, dass die Taufe mit dem Kommen des Geistes verwechselt wird, sondern es ist genauso falsch, dafür zu beten, dass der Heilige Geist herabsteige, ausgegossen werden oder kommen möge. Bitten wie „komm, Heiliger Geist“ und ähnliche Ausdrücke, die häufig von frommen und gottesfürchtigen Männern im Gebet gebraucht werden, sind nicht nur inhaltlich falsch, sondern sind ein trauriger Beweis dafür wie sehr das Empfinden der Gegenwart des Heiligen Geistes auf der Erde unter Christen verloren gegangen ist. Der Geist ist gekommen und befindet sich bereits auf der Erde. Die drei Auswirkungen des Herabkommens des Geistes an Pfingsten sind Auswirkungen, die ein für alle Mal erreicht wurden. Die Gaben wurde ein für alle Mal vergeben, die Befähigung, Zeugnis zu geben, wurde ein für alle Mal ausgeteilt, die Versammlung wurde ein für alle Mal gegründet. Natürlich muss jeder Einzelne für sich den Geist empfangen und wird als Einzelperson Glied der Versammlung durch seinen Glauben an Jesus Christus. Als Petrus zu Kornelius kam „fiel der Heilige Geist auf alle, die das Wort hörten“ (Apg 10,44). Das ist jedoch nicht das Ergebnis einer erneuten Sendung des Geistes oder einer weiteren Taufe mit Heiligem Geist, sondern der Einzelne wurde in die Sphäre des Wirkens des Geistes gebracht. Ein Unternehmen kann heute auf der Basis einer jahrhundertealten Satzung geführt werden. Für die Gültigkeit der geschäftlichen Transaktionen ist es nicht erforderlich, diese Satzung bei jedem Wechsel der Führungsspitze zu erneuern. Und so ist auch die Taufe mit dem Geist, wodurch die Kirche gebildet wurde und wodurch der Geist in ihr wohnt, eine Handlung, die ein für alle Mal stattgefunden hat. Jeder, der durch Gnade den Herrn Jesus im Glauben als Retter annimmt, ist durch dieses einmalige Ereignis getauft und ein vollständiges Glied des Leibes Christi. Es ist, als wäre er einer der 120 Personen an Pfingsten gewesen, auf die sich der Geist wie zerteilte Zungen von Feuer setzte.

Durch die Taufe mit dem Geist wurde die Kirche also zu einem Leib geformt, der aus vielen einzelnen Gliedern besteht, aber dennoch eine Einheit bildet: „Denn so wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich viele, ein Leib sind: so auch der Christus“ (1. Kor 12,12). Das ist vielleicht das markanteste und sicher am häufigsten verwendete Bild in der Schrift um die Kirche zu beschreiben. In dem gerade zitierten Vers ist die Ausdehnung der Metapher sehr bemerkenswert. So heißt es nicht nur, dass der Leib eine Einheit mit Christus bildet, sondern, dass er Christus ist – „so auch der Christus“. Die Glieder werden nur in Verbindung mit dem Kopf gesehen, der den Körper steuert, ihm Leben und Charakter verleiht und somit alles im Namen des Hauptes geschieht. Es ist vielleicht nicht ganz einfach, die volle Bedeutung dieser bemerkenswerten Worte zu erfassen, wonach es scheint, als ginge die Kirche ganz in Christus auf, so dass Er allein sichtbar und sie nur ein Teil von Ihm sei. Auch wenn unser Geist den vollen Umfang des Segens, der sich in diesem Bild zeigt, nicht begreifen kann, sehen wir hier jedoch eine Verbundenheit und Vollständigkeit der Einheit, die das Herz des Gläubigen nur mit Staunen und Bewunderung erfüllen kann. Diese innig verbundene Einheit wird auch an anderer Stelle des gleichen Briefes erwähnt. Dabei geht es dann jedoch nicht nur um die Aufzählung weiterer Vorrechte, sondern vielmehr darum, die moralische Verantwortung des Gläubigen – selbst in ganz alltäglichen Fragen – zu definieren. Unter denen, die erst vor kurzem aus den Ausschweifungen des Heidentums kamen, gab es vielleicht noch einige Unsicherheiten, inwieweit es ihnen gestattet war, ihren Begierden nachzugehen. Diese Frage wird vollständig dadurch beantwortet, dass ihnen die Beziehung, in die der Christ durch Christus gebracht ist, vorgestellt wird. „Wisst ihr nicht“, schreibt der Apostel, „dass eure Leiber Glieder Christi sind?“ Damit ist die ganze Sache entschieden. Wie unangemessen ihre körperliche Zügellosigkeit war, wird in dem Moment offenbar, als sich zeigt, was der Gläubige durch die Taufe mit Heiligem Geist geworden ist, denn „wer aber dem Herrn anhängt, ist ein Geist mit ihm“ (1. Kor 6,15–17). Es geht hier nicht nur darum, dass sie „den alten Menschen mit seinen Handlungen ausgezogen und den neuen angezogen“ hatten. Das ist zutreffend und hat einen tiefgehenden praktischen Bezug. Es beinhaltet eine neue Schöpfung. Leben, das nicht aus dem ersten Menschen hervorgeht, sondern aus dem zweiten. Es ist das gleiche Leben wie das des auferstandenen Christus. Aber die zitierte Stelle aus dem Korintherbrief geht weit darüber hinaus. Diese Gläubigen haben nicht nur neues Leben, eine neue Natur, so dass Christus „sich nicht schämt, sie Brüder zu nennen“, sondern sie hängen dem Herrn an und so sind ihre Körper, obwohl sie noch nicht erlöst sind, „Glieder Christi“. Das ist die göttlich vollkommene Einheit, in die der Christ durch die Taufe mit Heiligem Geist gebracht wurde.

Im Brief an die Römer, der den Gläubigen eher in seinem individuellen als seinem körperschaftlichen Charakter sieht, wird das gleiche Bild gebraucht. Hier handelt es sich jedoch nicht um die lehrmäßige Erläuterung des Wesens der Kirche, sondern um die Verpflichtung jedes Christen, gemäß der ihm gegebenen Gaben zu handeln. Das macht die Verwendung des Bildes noch bemerkenswerter, denn es zeigt, wie vertraut der Gedanke bereits den ersten Christen war. Seine volle Entfaltung finden wir dann in den später verfassten Briefen an die Epheser und Kolosser. Der Apostel sagt den Römern: „Denn ebenso, wie wir in einem Leib viele Glieder haben, aber die Glieder nicht alle dieselbe Tätigkeit haben, so sind wir, die Vielen, ein Leib in Christus, einzeln aber Glieder voneinander“ (Röm 12,4–5). Es ist zu berücksichtigen, dass es in diesem Abschnitt um den Gläubigen als Einzelperson und nicht um verschiedene örtliche Zeugnisse oder gar verschiedene zwanglose Zusammenkünfte (selbsternannte „Kirchen“) geht, die sich hinsichtlich ihrer Lehre, Ordnung und Zuchtmaßnahmen alle voneinander unterscheiden. Der Gedanke, dass die vielen Glieder verschiedene Sekten seien, die einen Leib formen, findet sich in diesem Abschnitt nicht und kann nur einer sträflichen Missachtung ihrer wahren Bedeutung entspringen. Ob diese Unterteilung in Sekten und Benennungen in Übereinstimmung oder im Gegensatz zur Schrift ist, zur Ehre oder zur Verunehrung des Geistes Gottes, werden wir im Anschluss untersuchen. Der aufmerksame Leser wird jedoch feststellen, dass in dem zitierten Abschnitt auf gar keinen Fall auf diesen Zustand Bezug genommen wird. Im Gegenteil, der Abschnitt lehrt, dass es nur einen Leib gibt – den Leib Christi – oder, wie in den Worten an die Korinther, Christus selbst; jeder einzelne Gläubige ist ein Glied dieses einen Leibes und alle so vereinten Gläubigen sind Glieder voneinander.

Im Brief an die Kolosser wird dieses Bild ebenfalls häufig benutzt. In Bezug auf Christus schreibt der Apostel: „Und er ist das Haupt des Leibes, der Versammlung, der der Anfang ist, der Erstgeborene aus den Toten, damit er in allem den Vorrang habe“ (Kol 1,18). In den allerersten Andeutungen der Kirche, bringt der Herr sie mit sich selbst in Verbindung und zwar in seiner Eigenschaft als der „Sohn des lebendigen Gottes“ und als der, der sterben und auferstehen würde. Das harmoniert wunderbar mit dem gerade zitierten Vers. Der Abschnitt, aus dem er entnommen wurde, zeigt die verschiedenen Herrlichkeiten Christi. Er, der gleichzeitig das „Bild des unsichtbaren Gottes“ und der „Erstgeborene aller Schöpfung“ ist. Er ist der einzige, der zwar seinen Platz in der Schöpfung einnimmt, aber dennoch seit jeher das „Bild des unsichtbaren Gottes“ ist und sein wird. Außerdem ist Er auch das „Haupt des Leibes der Versammlung“. In Verbindung mit dieser Herrlichkeit, wird Er im Folgenden „der Anfang ..., der Erstgeborene aus den Toten“ genannt. Wir finden hier also wieder die Verbindung zwischen Ihm als Haupt der Kirche und seiner göttlichen Natur auf der einen Seite und seinem Tod und Auferstehung auf der anderen Seite.

Ein anderer Abschnitt im gleichen Kapitel stellt uns auf sehr bewegende Art und Weise die Einheit des Gläubigen mit Christus vor. Der Apostel sagt von sich, dass er in seinem Fleisch ergänze „was noch fehlt an den Drangsalen des Christus für seinen Leib, das ist die Versammlung“ (Kol 1,24). Die erste Lektion, die Saulus von Tarsus, der erbitterte Verfolger, durch Christus empfing, waren folgende Worte: „Ich bin Jesus, den du verfolgst“ (Apg 9,5). Danach zeigte der Herr ihm, „wie viel er für meinen Namen leiden muss“ (V. 16). Beide Lektionen hatte Paulus gelernt. Wenn „die Überfülle der Kraft“ Gottes in ihm offenbar werden sollte, musste er den Schatz in einem irdenen Gefäß haben, er musste allezeit das Sterben Jesu am Leib umhertragen, damit auch das Leben Jesu an seinem Leib offenbar werde (2. Kor 4,7.10). Das Wirken des Fleisches muss durch solche Leiden am Boden gehalten werden. Aber wie spricht Paulus von diesen? Er nennt sie, so wie Jesus sie ihm gegenüber genannt hatte „Drangsale des Christus“. Er hatte auf dem Weg nach Damaskus gelernt, wie Christus, das Haupt, Mitleid hat mit den schwächsten seiner Glieder. Jetzt, wo er selbst um Christi willen leiden sollte, kommt er gern auf diese Szene zurück und erinnert daran, dass der, in dessen Namen diese Drangsale ertragen werden, jeden Schmerz so empfindet, als würde er Ihm selbst angetan. Man könnte die lebendige Einheit zwischen dem Glaubenden und Christus nicht schöner zeigen.

Es ist nicht nur so, dass Christus mit den Gliedern empfindet, sondern dass die Glieder durch Christus genährt werden. So werden die Kolosser gewarnt, sich nicht von solchen verführen zu lassen, von denen es heißt: „nicht festhaltend das Haupt, aus dem der ganze Leib, durch die Gelenke und Bänder unterstützt und zusammengefügt, das Wachstum Gottes wächst“ (Kol 2,19). Auf die Lehre dieses Abschnitts werde ich später eingehen. Ich wollte nur kurz bemerken, auf welch unterschiedliche Art und Weise das gleiche Bild verwendet wird und die verschiedenen Anwendungszwecke aufzeigen. Das Bild von dem Leib findet sich auch in der Ermahnung: „Und der Friede des Christus regiere in euren Herzen, zu dem ihr auch berufen worden seid in einem Leib; und seid dankbar“ (Kol 3,15). Warum werden die Heiligen in Kolossä an diese Wahrheit erinnert? Um auf die vorherigen Ermahnungen hinzuweisen, in denen sie aufgefordert werden, „herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Sanftmut, Langmut“ anzuziehen, zu vergeben wie Christus vergibt, Liebe zu zeigen, „die das Band der Vollkommenheit ist“. In ähnlicher Weise werden die Epheser ermahnt, die Lüge abzulegen und „Wahrheit (zu reden), jeder mit seinem Nächsten, denn wir sind Glieder voneinander“ (Eph 4,25). Diese Einheit des Leibes war kein theoretisches Bekenntnis, das sie als Glaubenslehre empfangen hatten und das als Tatsache abgelehnt wurde. Es war kein abstrakter Gedanke, der im Himmel realisiert werden würde, für die Erde jedoch ungeeignet war, sondern eine ganz praktische Sache, für deren Erhalt und Darstellung nach außen die Gläubigen auf der Erde verantwortlich gemacht wurden. Eine lebendige Wahrheit, die anerkannt und im täglichen Leben umgesetzt werden sollte. Das Verhalten eines Christen soll mit seinen Beziehungen übereinstimmen. Warum soll man Mitgeschwistern gegenüber Freundlichkeit, Langmut und Liebe zeigen? Warum soll man nicht lügen, sondern die Wahrheit reden? Weil alle zu einem Leib gehören. So real war die Einheit in und mit Christus in den Herzen der ersten Jünger!

Im Brief an die Epheser haben wir wieder das gleiche Bild. Wenn der Apostel Paulus über den Zustand der Nationen spricht, die zuvor „entfremdet dem Bürgerrecht Israels, und Fremdlinge betreffs der Bündnisse der Verheißung“ waren, sagt er: „Jetzt aber, in Christus Jesus, seid ihr, die ihr einst fern wart, durch das Blut des Christus nahe geworden. Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung, nachdem er in seinem Fleisch die Feindschaft, das Gesetz der Gebote in Satzungen, weggetan hatte, damit er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe“ (Eph 2,12–15). Wer ist dieser „neue Mensch“? Er ist natürlich nicht im wörtlichen Sinn ein Mensch, denn wie könnte ein realer Mensch aus zwei Menschen bestehen, Jude und Heide? Außerdem ist dieser eine neue Mensch, der aus zweien gemacht wurde, „in sich selbst“, d. h. in Christus. Er kann daher nur der „neue Mensch“ oder der „eine Leib“ sein, der im Korintherbrief Christus oder Leib Christi genannt wird, das ist die Kirche, in der alle irdischen Unterschiede, selbst die, die Gott gesetzt hat, verschwinden. Hier finden wir wieder die Kirche wie sie mit Christus einen „neuen Menschen“ bildet. Eine geheimnisvolle Einheit, in der Gegensätzliches (Juden und Heiden) miteinander verschmolzen wird, indem sie mit Ihm, mit dem sie beide verbunden sind und in dem beide angenommen werden, eins gemacht werden.

Die vollständige Beseitigung aller natürlichen und künstlichen Unterschiede unter Gläubigen, die als Glieder dieses einen Leibes gesehen werden, beschreibt Paulus noch deutlicher im Brief an die Galater, wo er sagt: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“ (Gal 3,28). In ähnlicher Form schreibt er an die Kolosser: „Wo nicht ist Grieche und Jude, Beschneidung und Vorhaut, Barbar, Skythe, Sklave, Freier, sondern Christus alles und in allen“ (Kol 3,11). Wenn es um das Verhalten Einzelner geht, werden manche dieser Unterschiede nicht nur festgestellt, sondern ihnen wird ausdrücklich Rechnung getragen. Bei der Betrachtung als Glieder des Leibes Christi fallen alle Unterschiede weg, alle Gläubigen sind „einer in Christus Jesus“ und Christus wird „alles und in allen“. Das ist die praktische Anwendung, die Paulus in anderen Briefen in Bezug auf den einen Leib gibt und die lehrmäßig in seinem Brief an die Epheser darlegt wird.

Daher folgt im Anschluss die Ermahnung an sie, sich zu befleißigen „die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“, denn, so fügt der Apostel hinzu, „da ist ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung. Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über allen und durch alle und in [uns] allen ist“ (Eph 4,3–6). Auch hier sehen wir in der praktischen Anwendung dieser Wahrheit wieder, dass diese Einheit des Geistes keine unsichtbare, ungreifbare Sache auf der Erde war, die nur das Auge Gottes sehen konnte und sollte, sondern dass es der normale Zustand der Kirche war, für deren Erhalt die Gläubigen verantwortlich waren. Der Heilige Geist lehrt uns, dass es nur einen Leib gibt und dass wir uns daher befleißigen sollen „die Einheit des Geistes zu bewahren in dem Band des Friedens“. Wie soll das geschehen? Indem der eine Leib sich nach außen zerteilt darstellt durch hunderte verschiedene und rivalisierende Leiber? Hier hat die Christenheit leider kläglich versagt; die Spaltungen der Kirche stehen in direktem Widerspruch zu der ausdrücklichen Lehre des Wortes Gottes.

Die Würde und Herrlichkeit dieses einen Leibes werden in diesem Brief jedoch auf bemerkenswerte Weise weiter offenbart. Von Christus wird gesagt, dass Gott „alles seinen Füßen unterworfen (hat) und ihn als Haupt über alles der Versammlung gegeben, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Eph 1,22–23). Hier stellt man fest, dass es zwei sehr unterschiedliche Führerschaften gibt. Dass Er das Haupt der Kirche ist, ist offensichtlich, denn von der Kirche wird als Leib gesprochen. Darüber hinaus jedoch wird Er der Kirche als „Haupt über alles“ vorgestellt. Das heißt als der, den Gott bereits erhöht und auf den höchsten Platz zu seiner Rechten gesetzt hat, den Er zum Erben aller Dinge machen wird, das anerkannte und unumstrittene Haupt des ganzen Universums, der herrschen wird „bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat“. Christus ist das Haupt über alles. Und als solches hat Gott Ihm die Versammlung gegeben, „die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“.

Das führt unsere Gedanken zu einem anderen Bild, das verwendet wird, um die gleiche Beziehung darzustellen. Es steht in engem Bezug zu dem gerade betrachteten Bild bzw. ist untrennbar mit ihm verbunden. In den praktischen Ermahnungen am Ende des Briefes schreibt der Apostel unter anderem: „Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch der Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, damit er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, damit er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei. So sind auch die Männer schuldig, ihre Frauen zu lieben wie ihre eigenen Leiber. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst. Denn niemand hat jemals sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er nährt und pflegt es, wie auch der Christus die Versammlung“ (Eph 5,25–30). Was für eine wunderbare Darstellung der zärtlichen Liebe Christi zu der Kirche! Wie schön zeigt sich hier die Nähe und Heiligkeit der Einheit zwischen ihnen! Hier sehen wir in dem letzten Adam das, was so unübertrefflich im ersten Adam versinnbildlicht wird. Der erste Adam war das Haupt der Schöpfung, aber er war allein, hatte keine Hilfe. „Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht. ... Und Gott der HERR ließ einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, und er entschlief. Und er nahm eine von seinen Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch; und Gott der HERR baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau, und er brachte sie zu dem Menschen. Und der Mensch sprach: Diese ist nun Gebein von meinen Gebeinen und Fleisch von meinem Fleisch; diese soll Männin heißen, denn vom Mann ist diese genommen. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und sie werden ein Fleisch sein“ (1. Mo 2,18–24).

Der letzte Adam ist durch all das hindurchgegangen, was hier so göttlich vorgezeichnet wird. Auch Er war allein, das von Gott gesalbte Haupt aller Dinge, solange Er jedoch lebte, blieb Er allein. Der tiefe Schlaf des Todes fiel durch Gottes Anordnung auf Ihn und nun, wo Er in die Erde gefallen und gestorben ist, kann Er viel Frucht bringen. Aber was ist die erste Frucht dieses tiefen Schlafes? Gott hat aus Ihm selbst, Gebein von seinem Gebein, Fleisch von seinem Fleisch, seine Braut gebildet, der sich sein Herz zuneigt und die Er einmal zu sich nehmen wird, um eins mit ihr zu sein. Kann Er sie hassen? Ganz gewiss nicht, denn sie ist „sein eigenes Fleisch“ und Er „nährt und pflegt“ sie. Er ist das Haupt, aber stellt Er seine Braut auf eine Stufe mit dem, worüber Er als der Gesalbte Gottes herrscht? Stand Eva in der gleichen Beziehung zu Adam wie die Schöpfung, über die er herrschte? Genauso wenig ist die Kirche in der gleichen Beziehung zu Christus wie die anderen Dinge seines Herrschaftsbereichs. Er ist das Haupt der Kirche und Haupt über alle Dinge. Über die Kirche aber ist Er das Haupt wie der Ehemann das Haupt seiner Ehefrau ist. Über alle anderen Dinge ist Er das Haupt wie ein König über seine Untertanen. Adam war das Haupt Evas, aber Eva war die Partnerin Adams in seiner Vorherrschaft über die Schöpfung. So ist auch Christus das Haupt der Kirche und die Kirche ist Teilhaber seiner Vorherrschaft über alle Dinge.

Das zeigt uns den Unterschied zwischen dem Segen des tausendjährigen Reiches und dem Segen der Kirche. Die Gläubigen des tausendjährigen Reiches werden alle Vorzüge der erlösten Erde unter der Herrschaft Christi genießen. Jetzt ist der Gläubige in eine seufzende Schöpfung gestellt, eine Welt, die „in dem Bösen“ liegt. Er ist berufen, Teilhaber der Leiden Christi zu sein. Die Gläubigen im tausendjährigen Reich werden Christus nur als gütigen und gnädigen Herrscher kennen, als den Gesalbten Gottes, der seine Segensabsichten mit der Erde ausführt. Die Gläubigen der jetzigen Zeit kennen Christus als ihren Begleiter – sie sind Teilhaber seiner Leiden und wenn Er in seiner Herrlichkeit kommt, werden sie Teilhaber seines Thrones sein. So sagt das Wort: „wenn wir ausharren, so werden wir auch mitherrschen“ (2. Tim 2,12). „Wer überwindet, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden und mich mit meinem Vater gesetzt habe auf seinen Thron“ (Off 3,21). An welcher Stelle in der Schrift finden wir etwas Derartiges über die Gläubigen des tausendjährigen Reiches? Nimm das am meisten bevorzugte Volk und lies, was von ihm gesagt wird: „Und er wird über das Haus Jakobs herrschen in Ewigkeit“ (Lk 1,33). Christus wird als König über Israel herrschen und die Kirche wird mit Christus regieren. Er wird nie König über die Kirche genannt, sondern über Israel. Und umgekehrt wird die Mitherrschaft nie Israel zugeschrieben, sondern der Kirche.

Die Versammlung Gottes, der Leib und die Braut Christi, nimmt also einen höheren Platz ein als die Gläubigen des Alten Testaments oder die des tausendjährigen Reiches. Die „vollendeten Gerechten“, wie wunderbar ihr Teil auch sein mag, sind nicht in eine derart enge Beziehung gebracht wie die „Versammlung der Erstgeborenen“, die erste Frucht seines Erlösungswerkes. Den Gläubigen des tausendjährigen Reiches wird zwar auch alles zum Genuss hier auf der Erde gegeben, ihnen wird das Gesetz in ihre Herzen geschrieben, sie werden alle Segnungen des neuen Bundes genießen, sie werden jedoch nie diese heilige Vertrautheit, die gleiche wunderbare Einheit mit Christus haben, in die selbst das schwächste Glied seines Leibes nun gebracht ist. Wir sehen die Braut in himmlischer Herrlichkeit, die Frau des Lammes, in ihrer ganzen vollkommenen Schönheit, die sie haben wird, wenn Christus sie „sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und untadelig sei“ (Eph 5,27). „Und es wurde ihr gegeben, dass sie sich kleide in feine Leinwand, glänzend und rein; denn die feine Leinwand sind die Gerechtigkeiten der Heiligen“ (Off 19,8).

Diese himmlische Braut wird später unter einem anderen Bild noch ausführlicher dargestellt. Ein Engel kommt zu dem Apostel „und redete mit mir und sprach: Komm her, ich will dir die Braut, die Frau des Lammes, zeigen. Und er führte mich im Geist weg auf einen großen und hohen Berg und zeigte mir die heilige Stadt, Jerusalem, herabkommend aus dem Himmel von Gott; und sie hatte die Herrlichkeit Gottes. Ihr Lichtglanz war gleich einem sehr wertvollen Stein, wie ein kristallheller Jaspisstein“ (Off 21,9–11). Diese Beschreibung ist offensichtlich symbolhaft. Wir haben bereits gesehen, wie sie sich von der ähnlichen Vision in Hesekiels Prophezeiung unterscheidet, wo es sich um die Beschreibung einer realen Stadt handelt. Die Stadt in der Offenbarung ist kein Platz, an dem die Kirche wohnt, sondern eine symbolische Darstellung der Herrlichkeit der Kirche. Und was sind ihre Hauptmerkmale hier? Sie hat „die Herrlichkeit Gottes“. Sie ist wie ein sehr wertvoller Stein, „ein kristallheller Jaspisstein“. In Offenbarung 4 sieht Johannes einen Thron im Himmel „und auf dem Thron saß einer. Und der da saß, war von Aussehen gleich einem Jaspisstein und einem Sardis“ (Off 4,2–3). Das ist die Herrlichkeit und das Aussehen – nämlich die Herrlichkeit und das Aussehen Gottes – in dem die Braut in ihrem himmlischen Glanz erstrahlt. Die Gläubigen heute „rühmen ... (sich) in der Hoffnung der Herrlichkeit Gottes“ (Röm 5,2). Wenn die Zeit gekommen ist, die in dieser Vision beschrieben wird, ist diese Hoffnung Wirklichkeit geworden, und sie werden diese Herrlichkeit ausstrahlen.

Die Stadt hatte „eine große und hohe Mauer“, ein Symbol der Sicherheit, und „zwölf Tore, und an den Toren zwölf Engel, und Namen darauf geschrieben, welche die der zwölf Stämme [der] Söhne Israels sind. Nach Osten drei Tore und nach Norden drei Tore und nach Süden drei Tore und nach Westen drei Tore“ (V. 12–13). Die Kirche wird die Welt richten, die Heiligen werden mit Christus über die Erde herrschen. In dieser Vision sehen wir also in symbolischer Form die Verbindung zwischen der Kirche und Israel, dem auserwählten Zentrum Gottes irdischer Regierung. „Und die Mauer der Stadt hatte zwölf Grundlagen, und auf ihnen die zwölf Namen der zwölf Apostel des Lammes“ (V. 14). Die Gläubigen sind „aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, indem Christus Jesus selbst Eckstein ist, in welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn“ (Eph 2,20–21). Hier ist das Bild etwas anders, denn es stellt nicht den Bau eines Tempels auf der Erde dar, sondern eine vollständige Stadt in himmlischer Herrlichkeit. Dennoch haben wir hier ein gemeinsames Merkmal, nämlich das Fundament. Diese Stadt, die Gottes Herrlichkeit ausstrahlt, ist auf Grundlagen gebaut, die die Namen der zwölf Apostel tragen. Lasst uns an dieser Stelle einmal den Unterschied zwischen den Toren und den Grundlagen bemerken. Beide haben einen administrativen Bezug, was durch die vollkommene Zahl zwölf charakterisiert wird. Dennoch gibt es einen Unterschied. Wenn es um die Struktur der Stadt geht, werden die Apostel genannt. Hier hat Israel keinen Anteil. Geht es jedoch um das Handeln und die Macht, die von dieser Stadt ausgeht, oder um den Austausch zwischen der Stadt und dem, was draußen ist, tragen die zwölf Tore die Namen der Stämme Israels. Straßen, die von einer Stadt wegführen werden nicht nach der Stadt benannt, sondern nach einem Ort, wo sie hinführen. Und auf diese Weise erhalten häufig auch die Tore ihre Namen. So ist es auch hier. Die Stadt steht in Verbindung mit Israel, wie es bei solchen sein muss, die mit Christus regieren. Im Unterschied zu Israel ist die Stadt jedoch auf ein Fundament gegründet, das in seinen Wesenszügen der Kirche entspricht.

„Und die Stadt liegt viereckig, und ihre Länge ist so groß wie auch die Breite. Und er maß die Stadt mit dem Rohr – 12 000 Stadien; ihre Länge und ihre Breite und ihre Höhe sind gleich. Und er maß ihre Mauer, 144 Ellen, eines Menschen Maß, das ist des Engels“ (Off 21,16–17). Hier haben wir göttliche Symmetrie, die auf eindrückliche Weise die Einheit der Kirche darstellt, in der es keine Spaltungen gibt, in der alles in Harmonie und Ordnung gebildet ist. Gott hat alles an den richtigen Platz gesetzt, um die Einheit und Vollkommenheit des Ganzen zu erfüllen. „Und der Bau ihrer Mauer war Jaspis, und die Stadt war reines Gold, gleich reinem Glas. Die Grundlagen der Mauer der Stadt waren geschmückt mit jedem wertvollen Stein. ... Und die zwölf Tore waren zwölf Perlen, jedes einzelne der Tore war aus einer Perle, und die Straße der Stadt war reines Gold, wie durchsichtiges Glas“ (V. 18–21). Wie wir gesehen haben, ist Jaspis ein Bild der Herrlichkeit Gottes und Gold ist uns als Symbol göttlicher Gerechtigkeit bekannt. Die Perle wird in der Schrift immer als Bild für Reinheit und Kostbarkeit verwendet. Die Kirche ist die „eine sehr kostbare Perle“, die Christus gefunden hatte und für die Er alles verkaufte, um sie erwerben. All diese Symbole sind demnach ein Bild der Herrlichkeit, Heiligkeit und Kostbarkeit der Kirche.

Sie ist so mit Christus verbunden, dass sie ständig aus seiner Fülle empfängt und weder einen Tempel noch Licht benötigt. „Und ich sah keinen Tempel in ihr, denn der Herr, Gott, der Allmächtige, ist ihr Tempel, und das Lamm. Und die Stadt bedarf nicht der Sonne noch des Mondes, damit sie ihr scheinen; denn die Herrlichkeit Gottes hat sie erleuchtet, und ihre Lampe ist das Lamm“ (V. 22–23). Die Kirche wird nicht nur mit Christus die Welt richten, sondern sie wird ebenso mit Ihm die Segnungen seiner Herrschaft über die Bewohner des tausendjährigen Reiches ausgießen und Teil haben an der Ehre, die ihrem anerkannten König gegeben wird. „Und die Nationen werden durch ihr Licht wandeln, und die Könige der Erde bringen ihre Herrlichkeit zu ihr. Und ihre Tore sollen bei Tag nicht geschlossen werden, denn Nacht wird dort nicht sein. Und man wird die Herrlichkeit und die Ehre der Nationen zu ihr bringen. Und nicht wird in sie eingehen irgendetwas Gemeines und was Gräuel und Lüge tut, sondern nur die, die geschrieben sind in dem Buch des Lebens des Lammes“ (V. 24–27). Wie gut passt das zu der Braut dessen, dem „die Könige von Tarsis und von den Inseln ... Geschenke entrichten, die Könige von Scheba und Seba werden Abgaben darbringen“ (Ps 72,10).

Doch obwohl die Erde dann „voll der Erkenntnis der Herrlichkeit des HERRN sein“ wird und der Herr den Erdkreis und die Völkerschaften in Gerechtigkeit richten wird, obwohl Er sein Gesetz in das Herz Israels schreiben wird und alle Nationen Ihm gehorchen werden, wird der Mensch immer noch ein gefallenes Geschöpf sein. Sünde und Leid werden nach wie vor ihren Platz in der Welt haben. So muss also der Strom des Lebens und Heilung weiter Richtung Erde fließen. Wie schön zu sehen, dass die Braut auch in diesem wunderbaren Werk mit Christus verbunden ist. „Und er zeigte mir einen Strom von Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall, der hervorging aus dem Thron Gottes und des Lammes. In der Mitte ihrer Straße und des Stromes, diesseits und jenseits, war der Baum des Lebens, der zwölf Früchte trägt und jeden Monat seine Frucht gibt; und die Blätter des Baumes sind zur Heilung der Nationen“ (Off 22,1–2).

Die Kirche ist als Braut eins mit dem Bräutigam hinsichtlich der Herrschaft, die Er ausübt, den Segen, den Er austeilt und die Heilung, die Er bringt. Aber sie bedarf selbst keiner lebensspendenden oder heilenden Kraft, denn „keinerlei Fluch wird mehr sein; und der Thron Gottes und des Lammes wird in ihr sein; und seine Knechte werden ihm dienen, und sie werden sein Angesicht sehen; und sein Name wird an ihren Stirnen sein. Und Nacht wird nicht mehr sein und kein Bedürfnis nach einer Lampe und dem Licht der Sonne; denn der Herr, Gott, wird über ihnen leuchten, und sie werden herrschen von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (V. 3–5). Von den Überwindern sagt Christus: „Ich werde auf ihn schreiben ... meinen neuen Namen“ (Off 3,12) und „Gewalt über die Nationen geben“ (Off 2,26). In diesem wunderbaren Bild sehen wir die Kirche, die in der Zeit der Herrschaft Christi voll Herrlichkeit strahlen wird.

Die Herrlichkeit und der Segen der Kirche sind jedoch nicht auf diese Periode von tausend Jahren beschränkt. Wenn die Herrschaft Christi auf der Erde endet, alle seine Feinde besiegt sind und das Reich Gott, auch als dem Vater, übergeben wurde, wird die Kirche immer noch als die himmlische Gehilfin für Christus betrachtet, wie eine für ihren Mann geschmückte Braut (Off 21,2). Das sind Gottes Gedanken über dieses wunderbare „Geheimnis“, „das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott, der alle Dinge geschaffen hat; damit jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz, den er gefasst hat in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Eph 3,9–11). Wir wissen jetzt, dass das die Absichten Gottes sind. In der Vision in der Offenbarung sehen wir deren Erfüllung auf wunderbare Weise symbolisch dargestellt – die Braut in ihrer ganzen Schönheit, vollkommen passend für ihren himmlischen Bräutigam.

Eine Reinigung wird nicht notwendig sein, denn während sie jetzt noch in der Welt ist und die Verantwortung hat, das Böse zu meiden und sich nicht durch die Hinterlist Satans vom Weg abbringen zu lassen, benötigt sie die ständige, liebevolle Aufmerksamkeit ihres auferstandenen Hauptes, damit sie gereinigt und bewahrt wird. Wie begegnet der Herr dieser täglichen Notwendigkeit? Wenn sie sich auf dem Weg verunreinigt, reinigt und heiligt Er sie „durch die Waschung mit Wasser durch das Wort“. Steht sie in Gefahr, Irrwege einzuschlagen, weil sie Satan Gehör schenkt, sendet Er seinen treuen Apostel, um sie ernstlich und liebevoll zu ermahnen, sie an ihre wunderbare Vorrechte zu erinnern und sie vor dem Fallstrick des Verführers zu warnen. „Denn ich eifere um euch“ so sagt er, „mit Gottes Eifer; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau dem Christus darzustellen. Ich fürchte aber, dass etwa, wie die Schlange Eva durch ihre List verführte, so euer Sinn verdorben und abgewandt werde von der Einfalt gegenüber dem Christus“ (2. Kor 11,2–3). Wie überaus zart zeigt sich die Liebe Christi zu seiner Braut in diesen Versen! Genauso wunderbar ist die Beschreibung wie Er sie nährt und pflegt, indem Er die Gläubigen ermahnt: „Lasst uns in allem heranwachsen zu ihm hin, der das Haupt ist, [der] Christus, aus dem der ganze Leib, wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Maß jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe“ (Eph 4,15–16). Liebe baut sie auf, Liebe geht von dem Haupt aus und bewirkt Wachstum „zu ihm hin“.

Man mag argumentieren, dass die der Kirche geltenden Worte in den oben zitierten Abschnitten nicht wörtlich, sondern symbolisch gemeint seien und dass es gefährlich sei, auf dieser Basis irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen. Es stimmt, dass bei der Auslegung von Bildern in der Schrift Sorge zu tragen ist, dass sie auf den unmittelbar vorliegenden Gegenstand beschränkt wird und nicht über die Schrift und ihren Anwendungsbereich hinausgeht. Bilder werden in den Briefen jedoch nur verwendet, um Eindrücke zu vermitteln, die durch eine wörtliche Ausdrucksweise nicht vermittelt werden könnten. Sie sollen den Sinn nicht verschleiern, sondern deutlicher und lebendiger machen. In diesem Fall steht außer Frage, was die Aussage der Bilder ist. Wenn es ein Bild gibt, das mehr als alle anderen den Gedanken der Einheit in sich birgt, dann ist es die Verbindung des Hauptes mit dem Leib. Dieses Bild wird also benutzt, weil der Heilige Geist diese Wahrheit auf die eindrücklichste Weise vermitteln möchte. Und wenn es ein Bild gibt, das mehr als alle anderen den Gedanken zärtlicher Fürsorge und Liebe vermittelt, dann ist es das Bild der Beziehung zwischen Mann und Frau. Mit dieser Illustration möchte der Heilige Geist die Fürsorge und Liebe in den schönsten und lebendigsten Farben vor die Herzen der Gläubigen stellen. Was die verschiedenen Anwendungsbereiche angeht, so zeigt das erste Bild den Gläubigen ihre Einheit mit Christus, die Einheit und Abhängigkeit untereinander, sowie ihre Verantwortung für ihren Lebenswandel. Das zweite stellt die Liebe und Fürsorge Christi zu der Kirche und die bereitwillige Unterordnung der Kirche unter Christus dar. Die vor uns stehenden Bilder bringen diese Wahrheiten ganz klar und einfühlsam zum Ausdruck.

Das ist also die Kirche in den Augen Gottes. Der Mensch bekam die Verantwortung, sie nach Gottes Gedanken zu bewahren und darin ist er, wie in allem anderen auch, tragisch gescheitert. Das Versagen des Menschen mag hier zwar die wahre Herrlichkeit der Kirche verhüllen, kann sie aber niemals vor „den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern“ verbergen oder sie auf eine niedrigere Stufe in den Absichten Gottes und der Zuneigung Christi sinken lassen. Sie ist nach wie vor – und wird es auch in alle Ewigkeit sein – das strahlende Abbild der Weisheit und Gnade Gottes, die erste und herrlichste Siegestrophäe heilbringender Liebe. In einer Welt, die Christus und den Vater gesehen und gehasst hat, gibt sie Zeugnis von Ihm auf dem Schauplatz satanischer Macht und erwartet, dass Er wiederkommt, um sie ins Vaterhaus zu holen. Sie ist nicht mit irdischem, sondern mit himmlischem Ruf gerufen; sie ist auf Christus gegründet, nicht in seinem irdischen, sondern seinem himmlischen Charakter; sie ist mit Ihm verbunden, nicht in seiner irdischen, sondern himmlischen Stellung; sie ist in Ihm mit jeder geistlichen Segnung gesegnet, nicht in irdischen, sondern himmlischen Örtern. Da sie als in Ihm gesehen wird, ist sie ist passend gemacht, nicht für ein irdisches, sondern himmlisches Erbteil und sie erwartet nicht die irdischen, sondern die himmlischen Freuden, die sein Kommen für sie mit sich bringt. Sie ist ganz und gar himmlisch in Bezug auf ihren Charakter, ihre Verbindungen und ihre Bestimmung, die Erde ist nur der Ort ihrer Wüstenreise. Sie wird durch eine himmlische Person gebildet, ist mit einem himmlischen Haupt verbunden, von einer himmlischen Hoffnung beseelt und zu einem himmlischen Lebenswandel berufen. Liebe Mitgeschwister, „welche solltet ihr dann sein in heiligem Wandel und Gottseligkeit!“

Wir empfinden zutiefst – und das müssen wir auch – unser persönliches Versagen und das der Kirche. Aber ist es nicht wunderbar, sich daran zu erinnern, dass Gottes Liebe inmitten von Verfall und Schiffbruch niemals ermüdet und Gottes Absichten unverändert bleiben? Wo wir nichts als Chaos sehen, sieht Er immer noch göttliche Ordnung. Ist es nicht auch höchst gewinnbringend, wenn wir unseren Blick von dem Wirrwarr menschlicher Zielsetzungen abwenden und uns den klaren und wunderbaren Plänen Gottes zuwenden? Wenn wir mitten in der Wildnis des Dschungels, der den göttlichen Weg überwuchert hat, nach seiner Leitung suchen, damit Er uns den Weg führt, den Er für uns vorgesehen hat? Wir können sicher sein, dass weder das Versagen der bekennenden Kirche, noch der Einfluss der gottlosen Welt, noch die Angriffe eines durchtriebenen Feindes den von Gott vorbestimmten Weg für seine Kinder auslöschen können, wenn er auch dadurch verdunkelt werden kann. Je schwieriger es ist, dem Weg zu folgen, desto sorgfältiger müssen wir suchen, um ihn zu finden und desto reicher werden wir für einen treuen Wandel auf diesem Weg gesegnet und belohnt – dessen können wir gewiss sein. Mit dem lebendigen Wort Gottes als Maßstab, mit dem Geist Gottes, der seine Weisheit in unseren Herzen entfaltet und mit einem Auge, das wachsam auf seine göttliche Leitung achtet, lässt sich der Weg in diesem verwirrenden Labyrinth immer noch finden. Während wir schon längst vollkommen kraftlos sind, ist Gott treu, seine Ressourcen sind noch lange nicht aufgebraucht und werden es auch nie sein.

Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht